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Chaos der Gef?hle Teil 1 bis 8

Kapitel 1: Ein neuer Anfang

Schritte hallten durch die einsamen Gassen. Langsam und mühselig. Aus dem
Schatten der Häuser tauchte eine Person auf. Nur im Licht der Straßenlaternen
fiel der ungefähr 16-jährige Junge auf. Sobald er den hellen Lichtkegel der
Laternen verließ, verschmolz er mit den dunklen Wänden der Häuser.
Seine schwarzen Sachen trugen genauso wie seine schwarzen Haare dazu bei. Mit
sich schleppte er eine große Reisetasche. Geräuschvoll ließ er sie von seiner
Schulter zu Boden gleiten und blickte zum Himmel.
Er seufzte ein Mal tief.
/War ja klar, dass er mal wieder keine Zeit hat/, ging es ihm durch den Kopf. Er
kramte kurz in seiner Hosentasche und zog sein Handy hervor.
"Damit du mich erreichen kannst, falls was ist", äffte er die Worte seines
Vaters nach. Seine Stimme durchschnitt die Stille...
Noch ein Mal las er sich die SMS seines Vaters durch, die ihn vor 3 Stunden, als
er gerade im Zug von Tokio nach Kushiro gesessen hatte, erreichte hatte:
"Hallo Akira! Tut mir schrecklich Leid, aber ich muss wieder mal ins
Krankenhaus. Den Weg vom Bahnhof nach Hause schaffst du auch alleine. Essen ist
im Kühlschrank"
/Klar, warum sollte ich den Weg nach Hause auch nicht alleine schaffen, ich bin
ja schon ganze zwei Mal hier gewesen/, dachte er ironisch. Sein Blick fiel
wieder auf sein Handy, dann auf seine - wie ihm schien tonnenschwere -
Reisetasche.
"Fuck!", wütend trat er gegen sie. "Was denkt der sich eigentlich?!", schrie er
mitten in die Nacht hinaus.
Mit zittrigem Atem schulterte er seine Tasche wieder und setzte seinen Weg
fort.

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Mit einem Quietschen schwang das rostige Gartentor auf. Ja, den Weg nach Hause
hatte Akira gefunden - das er für den normalerweise 45 Minuten langen Weg über
zwei Stunden gebraucht hatte, musste man ja keinem sagen.
Mit schnellen Schritten stieg er die Treppe vor der Haustür hoch und setzte
seine Tasche ab. Nach kurzem Wühlen fand er den Haustürschlüssel in seiner
Tasche.
Zittrig steckte er ihn ins Schloss.
/Scheiße, ist das kalt hier/ Seine Hände waren blau gefroren und Gefühl hatte
er schon seit einer ganzen Weile nicht mehr in ihnen. Schnell trat er in den
Flur. Seine Finger tastet im Dunkeln über die Wand neben der Tür. /Irgendwo
hier muss doch.../ Mit einem Klicken wurde es hell im Raum. Akira blinzelte ein
Mal, um sich an das blendende Licht zu gewöhnen. Mit dem Fuß gab er der Tür
einen Stoß, damit sie wieder ins Schloss fiel.
/Hier hat sich aber auch wirklich nichts verändert/
Der weiße Flur war immer noch so steril wie vor einem halben Jahr. Dekoration
gab es nicht. Nicht einmal Bilder hingen an den Wänden, kahl wie eh und je. /So
richtig zum Wohlfühlen/ Akira wurde schon schlecht, wenn er nur dran dachte,
das er von jetzt an HIER wohnen sollte. Am liebsten hätte er sofort wieder
kehrt gemacht und hätte den nächstbesten Zug zurück nach Tokio genommen. Er
wusste sowieso nicht, warum er zu seinem Vater nach Kushiro ziehen sollte. Er
wäre in Tokio auch alleine zurecht gekommen. Aber nein, sein Vater wollte ihn
ja unbedingt hier haben.
Mit seiner Tasche machte er sich auf den Weg in sein Zimmer - an Essen war jetzt
nicht zu denken.

Seine Tasche stellte er vor seinem Bett ab. /Die pack ich morgen aus, dazu hab
ich heute keinen Nerv mehr/ Sein Blick schweifte ein Mal durch den Raum. Ja, das
hier war schon besser. Zum Glück hatte er sich sein Zimmer selbst gestalten
können. Wenn er nur an die weißen Tapeten dachte, die sich durch das ganze
Haus erstreckten, wurde ihm schon kalt. Da war sein total gelbes Zimmer schon
angenehmer.
Schwer atmend ließ er sich auf sein Bett sinken. Erschöpft schloss er die
Augen, und fiel auch augenblicklich in einen unruhigen Schlaf.

Ein lautes Geräusch ließ Akira hoch schrecken. Mit brummendem Schädel sank er
wieder aufs Bett zurück. /Nur die Haustür/, beruhigte er sich selber. Das
hieß aber auch, das sein Vater wieder da war.
Ein Blick zum Wecker sagte ihm, das es mal gerade 3 Uhr war. /Der kommt eh nicht
mehr nach mir gucken/ Murrend zog er sich bis auf die Boxershorts aus und
krabbelte unter die warme Decke.

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"Akira, Akira..." Es klopfte an der Tür.
Grummelnd zog sich Akira die Decke über den Kopf.
"Steh auf, Junge. Du kommst zu spät zur Schule"
/Aufstehen?.... Schule?.... Hm... Schule? ....Warum Schule?....Scheiße....
SCHULE/ Wie von einer Tarantel gestochen, schreckte Akira hoch.
"Ja, ich steh schon auf", rief er mit heiserer Stimme seinem Vater entgegen.
/Warum ist der schon wach?/
Schwankend stand er auf und öffnete seine Zimmertür. Der Geruch von Kaffee und
der Klang des Küchenradios drangen bis nach oben. Langsam schlurfte er ins
Badezimmer.
Dort klatschte er sich eine Hand voll kaltes Wasser ins Gesicht. Langsam bekam
seine, sonst meist bleiche Haut, Farbe. Und munter wurde er auch...
Nachdem er sich fertig gemacht hatte - also auch angezogen - stampfte er lustlos
die Treppe herunter.

"Morgen", begrüßte er seinen Vater, der am Frühstückstisch saß und die
Zeitung las.
"Morgen", gab dieser zurück ohne von seiner Morgenlektüre auf zublicken. Das
reichte schon, um den eh leicht reizbaren Akira auf 180 zu bringen!
"Ja, ich freu mich auch das ich hier bin. Und nein, der Weg nach Hause war
gestern Abend nicht schwer. Spaziergänge mitten in der Nacht, durch Städte die
ich nicht kenne und dazu noch mit 'ner fetten Tasche, mach ich ja immer wenn ich
Langeweile hab!", motzte er seinen Vater an. Dieser ließ langsam die Zeitung
sinken und sah seinen Sohn direkt an. /Los, mach mich jetzt ruhig fertig/, ging
es diesem durch den Kopf.
"Das ist ja eine freundliche Begrüßung. Um den Weg nach Hause zu finden, bist
du doch wohl alt genug und dafür das ich gestern noch arbeiten musste, kann ich
ja nun auch nichts. Denkst du mir macht das Spaß?!"
/Toll, jetzt kommt wieder die Tour!/
"Das vielleicht nicht, aber ein klein wenig mehr Interesse an mir hätte ich
schon erwartet. Aber nein, kein 'Wie geht es dir?', 'Hast du dich zurecht
gefunden?' oder 'Bist du gut hier angekommen?'...", gab Akira zurück.
"Das du gut hier angekommen bist, merke ich ja... und nun setz dich hin und iss
etwas. Du musst in einer halben Stunde in der Schule sein."
"Darf man denn wenigstens fragen, wo sich diese Schule befinden soll?! Falls du
es vergessen haben solltest, ich kenne mich hier NICHT AUS!" Die letzten Worte
hatte Akira schon fast geschrieen. Diese stetige Ignoranz seines Vaters ging ihm
mächtig gegen den Strich.
"Sprich gefälligst in einem ordentlichen Ton mit mir!!!", schrie dieser
zurück.
/Ach, fick dich!/, dachte Akira leise für sich. Doch laut erwiderte er nur
tonlos: "Ja, ja... reg dich nicht so auf....", und griff sich eine Tasse mit
Kaffee, die auf dem Tisch stand.
"Deine Schule ist in der Breitenstraßen. Wo DIE ist, wirst du doch wohl wissen.
Dort meldest du dich im Sekretariat. Die werden dir dann weiteres sagen...",
fuhr sein Vater jetzt in einem ruhigeren Ton fort.
Akira blickte ihm noch mal ins Gesicht, leerte die Kaffeetasse in einem Schluck
und erhob ich sich dann.
Nachdem er seinen Rucksack aus seinem Zimmer geholt hatte, verließ er das Haus.
Lautstark ließ er die Tür ins Schloss fallen.

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Die Schulklingel ertönte. Missmutig sah sich Akira in dem Klassenzimmer um, in
dem er gerade saß.
Die Leute im Sekretariat hatten ihm auch nur gesagt, dass er in den Raum 210
müsse und ab heute in die Klasse 10d ginge. Das hatte ihm dann ja auch viel
geholfen. Freundlich hatte er sich bedankt und auf die Suche nach dem Raum 210
gemacht.
Nachdem er sich ein Mal quer durch die ganze Schule gefragt hatte, war er dann
endlich vor einer Tür gelandet, auf der in schwarzer Schrift "210" stand.
Er hatte ein Mal tief durchgeatmet und war dann in das Klassenzimmer
eingetreten. Sofort waren alle Blicke auf ihn gerichtet gewesen. Doch er hatte
mal wieder seine kalte Art nach außen gekehrt und war langsam nach hinten in
die letzte Bankreihe getreten. Dort hatte er sich niedergelassen und die letzten
10 Minuten vor dem Unterricht mit Löcher in die Luft starren verbracht. Zwar
warfen ihm alle noch seltsame Blicke zu, aber keiner hatte es gewagt ihn
anzusprechen.
/Sehe ich denn so gefährlich aus?!/
Die Tür öffnete sich und ein etwa 50 Jahre alter, grauhaariger Mann betrat den
Raum. Sofort verstummte alles Gemurmel und Geflüster. Alle Schüler erhoben
sich. Akira tat es ihnen nach.
Nach der kurzen Begrüßung ließen sich alle wieder nieder. Der Lehrer - ihr
Klassenlehrer - räusperte sich kurz und begann dann zu sprechen:
"So, schön das wir heute vollzählig sind. Nicht nur das, wir sind ab heute
sogar einer mehr. Von nun an wird Akira...", er deutete in Akiras Richtung,
"...unserem Unterricht beiwohnen!"
Ein unruhiges Getuschel ging durch die Reihen und alle drehten sich nach Akira
um. Dieser blickte einmal über die Menge und ließ ein tonloses "Ohayou" von
sich hören.
"Ich hoffe, dass ihr ihn freundlich behandelt und er sich gut in die Klasse
einleben kann! Noch Fragen?"
Stille...
"Gut, dann machen wir heute dort weiter, wo wir gestern aufgehört haben....
Ähm... Takeru?! Würdest du dich bitte zu Akira setzen und ihn in dein Buch
gucken lassen?"
Akira folgte dem Blick des Lehrers und sah, wie ein dunkelhaariger,
mittelgroßer Junge sich erhob, sein Buch und Heft nahm und in seine Richtung
geschlendert kam.
"Ich bitte um ein bisschen mehr Eile! Wir haben schließlich unseren Stoff zu
schaffen!!!", drängelte der Lehrer.
"Ja ja..." Takeru lies sich gar nicht stören und schlurfte weiter langsam durch
die Klasse.
Mit einem Schnaufen ließ er sich auf den Stuhl neben Akira fallen. Er öffnete
das Buch und schob es in die Mitte des Tisches.
Stumm verfolgte Akira die Bewegungen seines Mitschülers.
Takeru blickte kurz auf das Buch und ließ dann seinen Blick ein Mal über Akira
wandern. Seine Aufmerksamkeit blieb an Akiras Kette hängen. Ohne zu zögern
streckte er die Hand danach aus und umschloss sie mit seinen Fingern. Kühl lag
der Silberanhänger - ein Pentagramm - in seiner Hand. Akira ließ ihn
gewähren. Takeru zog seine Hand zurück und fragte:
"Echt Silber?"
"Jepp...."
"Die war doch sicher sauteuer?!", stellte Takeru sachlich, aber fragend fest.
Fragend blickte auch Akira zu Takeru.
/Ja, die war sauteuer, deshalb solltest du auch eigentlich die Finger davon
lassen!/, ermahnte er seinen Gegenüber innerlich. Laut sagte er jedoch nur:
"Ja, war sie auch. Aber wozu gibt es Väter?!"
Ein kurzes Lächeln schlich sich auf Takerus Lippen...

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Das Klingeln beendete Akiras erste Stunde an der neuen Schule.
Gelegentlich hatte er dem Lehrer - Herrn Aoki - zu gehört. Die restliche Zeit
hatte er mit aus dem Fenster gucken verbracht. Takeru hatte nur ab und zu mal
einen leisen Kommentar abgegeben, ansonsten war er die ganze Stunde über still
gewesen.
Das passte Akira gut, denn auch er hatte keine große Lust, sich zu unterhalten.
Immer noch ärgerte er sich innerlich über seinen Vater...
Nachdem Herr Aoki das Klassenzimmer verlassen hatte, erhob sich Akira und
stellte sich ans Fenster. Draußen hatte es angefangen zu schneien. Weiße
Flocken fielen vom Himmel und wurden durch den böigen Wind immer wieder nach
oben befördert. Ein stetiges Treiben!
"Was ist mit dir?" Eine Stimme neben ihm, ließ Akira zusammenzucken. Ein Blick
zur Seite zeigte ihm, dass es Takeru war, der ihn aus seinen Gedanken gerissen
hatte.
"Nichts..." Akira drehte sich vom Fenster weg und sah seinem Klassenkameraden
genervt ins Gesicht.
"Na ja dann..." Takeru wollte sich schon umdrehen, hielt dann aber mitten in
seiner Bewegung inne und sagte noch "Ach ja, alleine vom Löcher in die Luft
starren, lernt man keine Leute kenne, nur so zur Info!" Damit drehte er sich
um...
Akira blickte ihm verwundert, aber traurig nach.

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Langsam, aber echt nur langsam, verging der Schultag. Akira schwieg die ganze
Zeit, genauso wie Takeru. Nicht selten warf dieser Blicke zu ihm rüber, aber
Akira war nicht in der Stimmung großartige Gespräche zu führen.
/Hm.... Irgendwie hat er ja Recht/, ging es ihm durch den Kopf. /Wenn ich es
hier jetzt schon mit meinem Vater aushalten muss, dann will ich wenigstens ein
paar Leute kennen/

Nach dem Unterricht packte Akira schnell seine Sachen zusammen und eilte Takeru,
der schon vor ihm den Raum verlassen hatte, nach.
"Takeru!!!", rief er, um den anderen auf sich aufmerksam zu machen!
Eben Gerufener stoppte und drehte sich zu Akira um. Dieser kam keuchend vor ihm
zum Stehen. /Mensch, ein bisschen mehr Kondition könnte eigentlich nicht
schaden!/
"Ja?", fragte Takeru mit einem leicht amüsierten Gesichtsausdruck als er den
schnaufenden Akira sah - nichts war von der abwertenden Kälte mehr übrig.
"Sorry, dass ich vorhin so genervt war! Ich bin heute nicht ganz so gut
drauf...", er brach ab und dachte wieder an seinen Vater.
"Schon in Ordnung! Ist noch was?"
"Ähm... ich wollte eigentlich nur fragen, ob wir den gleichen Heimweg haben?!
Oder in welche Richtung musst du?", erwiderte Akira zögernd.
"Ich muss Richtung Rathaus und du?"
"Oh, in die andere... Na ja... dann sehen wir uns morgen, oder?" /Typisch ich!
Da versuche ich EIN MAL jemanden anzuquatschen, und was ist?! Ich bekomme keine
Gelegenheit, das Gespräch auszuweiten. Am besten ich lass es!/ Missmutig sah er
zu Boden.
Doch als wenn Takeru seine Gedanken gelesen hätte, meinte er:
"Wenn du willst, bringe ich dich noch ein Stück! Ich... ähm... wir könnten ja
zusammen Deutsch machen, denn immerhin hast du das Arbeitsblatt, das wir machen
sollen, ja nicht?!"
"Keine schlechte Idee...", lächelte Akira, sein Klassenkamerad lächelte
zurück!
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu Akira...

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Schweigend trat Takeru in den Flur von Akiras Haus ein. Nachdem er Jacke und
Schuhe ausgezogen hatte, blickte er sich um.
"Ich hab mich schon immer gefragt, was für Leute hier in dem Haus wohnen. Ist
ja echt ein riesiger Schuppen!"
"Tja, jetzt weißt du es...."
Still betrachtete Takeru die weißen Wände, und wie schon Akira am vorigen
Abend, wurde ihm kalt.
"Ähm... was arbeitet dein Vater?", fragte er vorsichtig und ließ seinen Blick
schon zum wiederholten Male über die kahlen Wände gleiten.
"Also, wie du siehst, ist er schon mal kein Innenarchitekt. So unkreativ wie es
hier aussieht, ist daran wohl auch nicht zu denken" Takeru warf ihm einen
verwunderten Blick zu.
"Nein, er ist Arzt...", kläre Akira nach kurzem Schweigen auf.
"Ah ja... weiß..."
"Ja... Ich finde es auch schrecklich. Aber nun lass uns erst mal in mein Zimmer
hoch gehen, da ist es ein wenig farbenfroher."
Und das war es in der Tat. Takeru staunte nicht schlecht, als er durch die
eichenfarbene Tür in ein knatsch gelbes Zimmer trat.
"Wow", das war der einzige Kommentar, der ihm dazu einfiel.
"Danke", lächelte Akira. "Ich hatte vor 3 Jahren einen absoluten Gelbtick,
deshalb die Tapete."
"Vor drei Jahren?", hakte Takeru nach.
"Ja, vor drei Jahren. Da haben sich meine Eltern getrennt und mein Vater ist von
Tokio hierher gezogen und hat sich das Haus hier gekauft! Ich bin bei meiner
Mutter geblieben!"
"Aha, aus Tokio kommst du also", stellte Takeru überrascht fest.
"Ja... aber setz dich doch erst mal!", forderte Akira ihn auf.
Der Aufgeforderte tat wie ihm geheißen. Schnell schritt er zum Sofa herüber -
es war schön grün - und ließ sich darauf nieder. Akira tat es ihm gleich und
setzte sich neben seinen Klassenkameraden.
"Und warum bist du jetzt zu deinem Vater gezogen?"
"Weil... ähm... meine Mutter ist vor einer Woche gestorben", antwortet Akira
auf Takerus Frage. Dieser riss erstaunt die Augen auf und biss sich innerlich
auf die Zunge, warum hatte er auch gefragt?!
"Das... das tut... mir leid", stammelte er und wusste nicht, was er hätte
anderes dazu sagen sollen.
"Das verstehe ich immer nicht..." Mit leicht gereizter Stimme erhob ich Akira
vom Sofa. "Warum sagt alle Welt immer 'Das tut mir leid!', wenn dem gar nicht so
ist???"
Akira fing an unruhig im Zimmer auf und ab zu schreiten, was dazu führte, dass
Takeru begann sich mächtig unwohl zu fühlen.
"Ich... also... ", er brach ab.
Schweigen.
"Es tut mir wirklich leid!", gab er nach kurzem Zögern zurück.
"Ach ja? Und warum das? Du kennst mich doch gar nicht. Und sie auch nicht!",
meinte Akira gefühlskalt.
"Ich weiß nicht... Aber ich stelle mir das schrecklich vor, jemanden zu
verlieren, den man liebt..." Takerus Stimme wurde immer leiser.
"Und wer sagt dir, dass ich sie geliebt hab???", fauchte Akira nun bissig.
Takeru fühlte sich, als hätte er ein Brett vor den Kopf geschlagen bekommen.
Er senkte stumm den Blick und schluckte ein Mal schwer.
Ein langes und eisiges Schweigen entstand zwischen beiden. Akira fragte sich
insgeheim, warum er plötzlich so ausgetickt war. Okay, er war sehr leicht
reizbar, aber Takeru hatte ihm nun echt nichts getan!
Dieser wiederum überlegt fieberhaft, warum er nicht einfach seinen Mund
gehalten hatte. Schließlich brach er das Schweigen:
"Ich glaube, ich geh lieber wieder... Es tut mir echt leid, ich wollte dich
nicht so aufregen. Gomen nasai."
Leise erhob er sich. Mit gesenktem Blick trat er auf die Tür zu, doch bevor er
die Klinke herunter drücken und das Zimmer verlassen konnte, spürte er, wie er
sanft am Handgelenkt herumgerissen wurde. Verwundert ließ er es mit sich
machen.
"Warte! Du brauchst doch nicht gleich davon zu laufen! Sorry, dass ich eben so
unfreundlich war, aber dieses ständige 'Das tu mir leid!' geht mir langsam auf
den Senkel... und...." Akira bracht ab.
"Was und?", hakte Takeru nach.
"Und...", wieder abgebrochen.
Fragend schaute Takeru Akira ins Gesicht. Nach kurzem Überlegen zog er diesen
auf das Sofa zurück und setzte sich neben ihn. Er wartet.
Verwirrt über Takerus Reaktion, senkte Akira den Blick. /Sollte er mir wirklich
zuhören wollen???/
Dann begann er wieder zu sprechen:
"Und der einzige von dem ich dieses 'Das tut mir leid' nicht gehört hab, war
mein Vater."
Überrascht sah Takeru auf.
"Dein Vater?", fragte er vorsichtig nach.
"Ja, mein Vater. Das einzige was er gemacht hat, war bei mir anzurufen und zu
sagen, dass ich in fünf Tagen bei ihm einziehen würde. Mehr nicht. Dann hat er
wieder aufgelegt. Ich war so sauer, dass ich das Telefon genommen und es gegen
die Wand geschmissen habe!", schnaubte Akira. Wieder Stille.
Akira war es schließlich, der das Thema wechselte, was Takeru mit einem
dankbaren Blick quittierte:
"Fangen wir nun mit Deutsch an?"
"Okay...", erwiderte Takeru und lächelte Akira zaghaft an. Dieser lächelte
überraschender Weise zurück.

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Gegen 20 Uhr verließ TK - Takeru hatte Akira angeboten, ihn so zu nennen - das
Haus.
Beigleitet wurde er von einem fragenden Blick, der von Akiras Vater stammte.
Akira selbst begleitete TK noch bis zur Haustür und schloss sie dann hinter
ihm. Tief ein- und ausatmend lehnte er sich gegen sie.
Sein Vater steckte den Kopf aus der Küchentür.
"Wie ich sehe hast du einen Freund gefunden?!"
/Was soll das jetzt schon wieder???/
"Ja, scheint so... Was dagegen?", giftete Akira seinen Vater an.
"Ach, wo denkst du hin. Warum sollte ich! Ich bin doch froh, wenn du nicht immer
alleine zu Hause rumhocken musst!"
/Und das soll ich dir glauben? Wer lässt mich denn immer alleine! Aber na ja...
lieber alleine, als ständig von dir vollgenölt zu werden/
Das sagte Akira natürlich nicht laut. Mensch, das hätte was gegeben - so
richtig weltuntergangmäßig. Er beließ es bei einem Kopfschütteln und stieg
wieder die Treppe zu seinem Zimmer hoch.
Dort angekommen, sank er erschöpft auf sein Bett. Die Augen schließend, ließ
er den gesamten Tag noch mal Revue passieren.
Im Großen und Ganzen hatte er ja schnell Anschluss an die Leute aus seiner
Klasse gefunden. Auch wenn er bisher nur mit TK gesprochen hatte.
Zufrieden seufzend driftete er in einen unruhigen Schlaf.

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Die nächsten Wochen vergingen.
Langsam kam eine gewisse Routine in den Tagesablauf von Akira:
Morgens aufstehen, zur Schule gehen, danach mit TK Hausaufgaben machen, abends
dann alleine in seinem Zimmer rumhocken - sein Vater musste entweder arbeiten
oder aber war bei irgendwelchen Freunden eingeladen... Selten kam es auch vor,
dass er im Wohnzimmer saß und ein Buch las.
An den Wochenenden war Akira seinerseits nicht zu Hause. Meist verabredete er
sich mit Takeru und ließ sich die Stadt zeigen. Viel hatte er von Kushiro ja
noch nicht gesehen.
TK stellte ihn auch bei seiner Clique vor, so hatte Akira bald einen nicht zu
verachtenden Freundeskreis.
Trotzdem blieb er meist zurückhaltend. Er mimte eher den stillen Beobachter,
als das er sich in den Mittelpunkt drängte. Alleine wenn er mit Takeru zusammen
war, dann öffnete er sich. Das fiel ihm in der Gegenwart seines Freundes nicht
schwer - so sehr er sich darüber auch wunderte.

Drei Monate nach Akiras erstem Schultag an der neuen Schule...
Große Pause.
"Mensch... Stimmt es, das wir jetzt 'nen Biotest schreiben?", genervt sah Akira
von seinem Biologiehefter auf und blickte TK fragend an.
"Ja, schreiben wir - und das Schlimmes ist, dass ich überhaupt keine Peilung
hab! Ich hab in den letzten Wochen echt nix geblickt!!!"
Verzweifeltes Schweigen machte sich unter den beiden Jungen breit.
"Was ist eine Assimilation?", testweise suchte Akira sich einen Begriff aus
seinem aufgeschlagenen Hefter heraus und fragte seinen Freund. Dieser überlegte
lange.
"Ähm... das war doch irgend so 'ne Krankheit, oder? Konnte man daran nicht
sterben???", versuchte Takeru es.
"Stimmt...", begann Akira. TKs Gesicht erhellte sich sichtlich. Doch Akira zog
die Stirn kraus und fuhr fort:
"... du hast keine Peilung!!!"
"Du bist blöd!" Kam es nur von TK. Niedergeschlagen ließ sich dieser neben
Akira auf die Bank sinken, auf der es sich sein Freund bequem - wenn man das
bequem nennen konnte - gemacht hatte. Langes Schweigen entstand.
"Oh Mann ey... ich glaub, ich mach blau!", kam es von Akira.
"Wow! Ist ja eine glorreiche Idee. Und wie hast du dir das gedacht???", ein
fragender Ausdruck hatte sich in Takerus Gesicht geschlichen.
"Na, wir spazieren hier einfach vom Schulhof!"
"Toll und was machen wir, wenn sich der Alte wundert???", gab TK zu bedenken.
"Mann, dann sagen wir Kaori einfach, dass sie sagen soll, das wir... ähm...
also... ja, genau... dass wir beim Arzt sind!"
"Alle beide, oder wie?" TK schien der Gedanke nicht zu gefallen.
"Ja, alle beide... Ich halt bei meinem Hausarzt und du zum Augenarzt oder so....
Sei doch mal ein bisschen kreativ!!" /Es wird schon gut gehen!/
"Hm... ich bin mir sicher, wenn die uns erwischen, dann werden sie auch ziemlich
kreativ sein und wenn dann meine Alten das mitbekommen... AUA! Ich will gar
nicht dran denken!"
Takeru zog den Kopf zwischen den Schultern ein.
"Ach, du kennst doch Aiken, aus der Parallelklasse, oder?" Ein bejahendes Nicken
von TK. "Also... Der macht mindestens zwei Mal pro Woche blau und bisher hat das
noch keiner gemerkt! Warum sollten sie dann ausgerechnet uns erwischen?"
Das klang einleuchtend, sogar in den Ohren von Takeru. Trotzdem waren noch nicht
alle Zweifel beseitigt...
"Hm... ja, schon... aber was ist, wenn sie es doch mitbekommen? Dann sind wir
mächtig am Arsch!"
"Ach, was sollen die schon groß machen?! Die werden uns wahrscheinlich 'ne
Zusatzaufgabe geben und ein bisschen blöd rumtexten, aber mehr doch nicht! Es
ist doch bloß eine Stunde!!!" Akira wurde langsam ungeduldig. "Och bitte!!!
TK!!! Wenn ich den Test verhaue, dann steh ich in Bio 5. Und mit der Zensur,
bringt mein Alter mich um! Das kannste mir nicht antun!"
Akira begann zu schluchzen und ließ sich vor TK auf die Knie fallen, die
Hände, wie zum Gebet, erhoben:
"Ach großer TK, erbarme dich und stimme meinem ach so gut überlegtem Plan zu!"

Wieder ein Mal schluchzte er herzzerreißend. Das war dann sogar für den
vorsichtigen TK zu viel!
"Alter, ist ja gut! Komm hoch, ey... die gucken alle schon" Hektisch ließ er
seinen Blick über den Schulhof schweifen. "Ich komm ja mit! Aber erheb dich
bitte wieder!", bettelte er.
"Echt???" Akira brach sofort seine geschauspielerte Einlage ab und fiel TK um
den Hals. "Du bist der Beste. Ich hätte den Test mehr als in den Sand gesetzt!"

Zufrieden mit seinen Überredungskünsten, zog er Takeru zu Kaori, die ja im
Notfall dem Biolehrer etwas von gewissen Arzttermin erzählen sollte.
Kaori war schnell gefunden - sie war immer da, wo eine große Menge Jungs
herumstand. Oder besser anders herum - die Jungs schwärmten alle um Kaori
herum.
Sie war das beliebteste Mädchen der 10. Klasse. Aber irgendwie schien sie ein
Auge auf Akira geworfen zu haben, was dieser ja nun überhaupt nicht verstand!
Er wollte nichts von Kaori... Eigentlich interessierte er sich überhaupt nicht
für Mädchen - ganz im Gegenteil zu TK, der voll auf Kaori abfuhr - wie
ungefähr jeder fünfte Junge hier an der Schule.
Manchmal wunderte Akira sich selbst schon. Er hatte noch nie eine Freundin
gehabt und so richtig verliebt, war er auch noch nicht gewesen. Ob das normal
war? SICHER NICHT!!!
Wenn Takeru das Thema mal ansprach, dann war es an Akira es wieder zu wechseln
oder aber TK abzulenken, sodass er die Frage bald wieder vergessen hatte.
Das seltsamste an der Sache war, das Akira manchmal eine böse Vorahnung hatte!
Wenn er sich nach dem Sportunterricht mit TK in der Umkleidekabine unterhielt
und seinen Blick zum wiederholten Male über TKs verschwitzten Oberkörper
wandern ließ, durchfuhr in ein wohliger Schauer.
Wie gerne würde er dann mal mit dem Finger über TKs Rippenbögen fahren oder
das Schlüsselbein nachzeichnen. Ob er etwa....?! Oh Gott! Das konnte nicht wahr
sein.... Er und..... Jungs?!?!
Dieser Gedanke überkam ihn jedes Mal, wenn ihm bewusst wurde, wie lange er TK
nun schon anstarrte und jedes Mal endete es in einem viel zu hektischem Abgang
aus der Umkleidekabine, wo er seinen Freund dann mit irgendeiner Ausrede alleine
zurück ließ.
/Das ist sicher nur ne Phase!!!/ Abrupt stoppt Akira, sodass TK ihm voll in den
Rücken lief.
"Hey, pass doch auf!", motzte dieser auch gleich los!
"Sorry", nuschelte Akira leise - immer noch in seine ebigen Gedanken vertieft.
"Was ist denn los? Wolltest du nicht Kaori was fragen?!", erinnerte TK ihn an
sein eigentliches Anliegen.
"Oh, ja... stimmt!"
Eilig ging er zu Kaori herüber und trug ihr seine Bitte vor. Und natürlich
konnte Kaori ihm nichts abschlagen - sie würde die beiden im Notfall decken!
Zufrieden mit ihrem Plan, verließen die beiden Jungen am Ende der Pause den
Schulhof - sie machten sich auf den Weg in die Stadt!


"Und, was machen wir jetzt?" Gelangweilt schlenderte TK neben Akira her.
"Was weiß ich?! Aber hier rumzulungern ist auf jeden Fall besser, als in einem
stickigen Klassenzimmer zu sitzen und einen Test über Assimila-dings-da oder so
was zu schreiben.", gab Akira mit den Händen fuchtelnd zurück. Still nickend
stimmte Takeru ihm zu.
Vor einem Schaufestern stoppte Akira abrupt. Es war ein Sportgeschäft!
"Wow! Schau dir den mal an!!!" Sein Blick fiel auf einen bunten Volleyball. "Der
ist ja der Hammer!" Akira konnte sich gar nicht mehr einkriegen!
"Ähm...", mischte sich Takeru in das Selbstgespräch seines Freundes ein. "Das
ist ein stinknormaler Volleyball! Was ist an dem so toll???"
"Guck ihn dir doch mal an!", gab dieser als Argument!
"Ui toll, der ist schön bunt... und kostet n Haufen Kohle!!", hielt TK, dessen
Blick auf das Preisschild gewandert war, dagegen! "Seit wann interessierst du
dich für Volleyball???"
Akira überlegt kurz.
"Eigentlich schon immer... ich hab an meiner früheren Schule in der
Schulmannschaft gespielt!"
"Hey, das wusste ich ja gar nicht. Davon hast du mir ja nie was erzählt!!!"
"Du hast du auch nicht gefragt!", verteidigte sich Akira!
"Sorry, war ja nicht böse gemeint!"
Akira maß seinen Kumpel mit einem kurzen Seitenblick, dann wendete er sich
wieder dem Ball zu! In Gedanken versunken starrt er ihn an.
"Warum gehst du dann nicht in die Schulmannschaft bei uns, wenn dir der Sport so
viel Spaß macht???"
Abrupt riss Akira den Kopf herum! "Wir haben ne Mannschaft?"
"Ja, wusstest du das nicht? Sie trainiert jeden Mittwoch Nachmittag."
"Das hast DU mir aber nicht erzählt!", meinte Akira ein bisschen verstimmt!
"Tja, DU hast ja auch nicht gefragt!" TK grinste blöd!
Mit einem grimmigen Blick - 1 : 0 für TK - wendete Akira sich von seinem immer
noch grinsendem Freund ab.
"Ich glaube, den Ball hol ich mir!" gab Akira nach einer geraumen Zeit - TK
wusste nicht, wie lange sie jetzt schon vor dem Laden standen - zu bedenken.
"Tja mein Lieber, ich glaube, da musst du noch ein Weilchen sparen. Das Ding ist
mehr als teuer!!!"
"Ich hab meinen Vater...", murmelte Akira.
"Stimmt...", TK verzog das Gesicht. Was würde er manchmal dafür geben, SO
einen Vater zu haben!
Gemeinsam setzten sie ihren Weg durch die Stadt fort.
Nach einem fünfminütigen Fußmarsch standen die beiden Freunde vor dem
Stadtpark.
"Woll'n wir...?", fragte TK.
"Ja, warum nicht?!", stimmt Akira nickend zu.
Durch das große, gemauerte Steintor betraten sie den Park. Wie durch eine
schalldichte Mauer, die allen Lärm abschirmt, wurde es merklich ruhiger. Der
Lärm des Verkehrs und der Menschenmassen, die sich lachend und erzählend,
durch die Stadt schoben verstummte fast vollkommen. /Müssen die denn nicht
arbeiten???/
Von einer innerlichen Ruhe ergriffen, schlenderten sie durch die grünen
Anlagen. TK zeigte stumm auf eine Bank und Akira folge ihm langsam dorthin.
Schnaufend ließ er sich neben TK nieder.
Die Sonne schien ihm ins Gesicht, und trotz der eigentlich kühleren
Temperaturen, wurde ihm ziemlich warm. Umständlich entledigte er sich seiner
Jacke.
Takeru, der dem Treiben fragend zu sah, räusperte sich:
"Meinst du nicht, das es DAFÜR ein bisschen kalt ist?"
"Nö, ist doch Sommer!"
"Hm... nicht wirklich... Aber wenn du meinst!", beendete TK das Thema und
schloss genüsslich seufzend die Augen.
Akira, der gerade was sagen wollte, blieb stumm, als er zu seinem Freund
hinüber sah. Sie Sonne strahlte TKs Gesicht auf eine sonderbare Art und Weise
an. Das Spiel von Licht und Schatten - teils durch die sich im Wind bewegenden
Bäume hervorgerufen - faszinierte Akira zunehmend. Still beobachtet er, wie das
Licht TKs eh schon braunen Haut einen besonderen Glanz gab. Sie sah weich und
seidig aus.
/Wie gerne würde ich sie mal anfassen!/
Keine Unebenheit in der Haut war zu sehen. Und als Takeru angesichts der Wärme
auf der Haut, lächelte, fiel Akira zum ersten Mal auf, das sein Freund
Grübchen hatte. Innerlich seufzend hob er die Hand, nur um sie dann wieder
sinken zu lassen. /Soll ich...?/
Ohne genau zu wissen warum er es tat, hob er wieder seine Hand und fuhr TK
leicht über die Wange.
Der, die hauchzarte Berührung bemerkend, schlug die Augen wieder auf.
Erschrocken über seine Tat zog Akira die Hand schnell wieder zurück. TK drehte
ihm das Gesicht zu und blickte ihn fragend an.
Errötend senkte Akira hastig den Kopf und stammelte was von "'tschuldigung!"
und "Nur ein Käfer, den ich wegmachen wollte..."
TK schien sich mit der Antwort auf seine stumme Frage zu begnügen, denn er
blickte wieder gerade aus und schloss die Augen.
/Wie wunderschön braun sie sind.../ Es durchzuckte Akira heiß, als er
registrierte, was er da gerade gedacht hatte! Er dachte über TK nach, wie
andere über irgendein Mädchen. Langsam festigte sich sein Verdacht, dass er
schwul war.
Ungewollt drängten sich ihm Tränen in die Augen und er hatte Mühe, sie
zurück zu halten. Hilflos schloss er schnell die brennenden Augen.
Als er das Rascheln von Stoff hörte, öffnete er sie wieder vorsichtig... und
blickte in die schokoladenbraunen Augen von TK.
Dieser hatte sich so dicht zu ihm rübergebeugt, das seine Nasenspitze nur noch
wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Sein Blick wirkte besorgt!
Schluckend kämpfte Akira gegen das Verlangen an, zurück zu weichen oder aber
sein Gesicht an das seines Gegenübers zu schmiegen. Wie gerne würde er sich
von seinem besten Freund trösten lassen. Aber was sollte er auch sagen?! ,Hey
Mann, ich glaub ich bin schwul. Nimmst du mich in den Arm und tröstest mich?!'
DAS wohl kaum. Also rührte er sich nicht und blieb stumm.
Die Zeit schien nur langsam zu vergehen, bis Takeru mit seinem Gesicht wieder
ein Stück abrückte, den Kopf fragend zur Seite neigte und meinte:
"Was ist los mit dir? Du siehst so deprimiert aus!"
"Ach nichts...!", versuchte Akira sich in ein unglaubwürdiges Lächeln zu
retten. Aus seinem Augenwinkel drängte sich eine Träne an die Oberfläche und
lief langsam seine Wange herunter. Takeru suchte seinen Blick, ehe er meinte:
"Für nichts scheint es dich aber sehr zu belasten!" Schnell hob er die Hand zu
Akiras Wange und wischte mit dem Daumen, die im Sonnenlicht glänzende, Träne
weg.
"Ach, ich hab eben nur in Erinnerungen geschwelgt... es ist echt nichts!",
versuchte dieser sich hastig rauszureden und setzte sein überzeugendstes
Lächeln auf.
Doch das schien Takeru ihm nicht ab zu nehmen, was sein Blick auch deutlich
verriet. Doch trotzdem ging er nicht weiter darauf ein.
Seufzend erhob er sich und blickte auf seine Uhr.
"Wir müssen wieder zurück!", stellte er mit einem leichten Unterton in der
Stimme, den Akira nicht zu deuten wusste, fest. Mit einem riesigen Kloß im
Hals, erhob sich der eben Angesprochene auch von der Bank und eilte seinem
Freund, der sich einfach umgedreht hatte und schon den Weg zum Ausgang entlang
ging, nach.
Ein Seitenblick verriet ihm, das TK sich in Gedanken zurück gezogen hatte.
"Gomen nasai...", flüsterte Akira leise. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil
er seinem Freund die gute Laune verdorben hatte. Dieser schielte nur kurz zu ihm
herüber, und meinte eben so leise:
"Es gibt nichts, für das du dich entschuldigen bräuchtest. Ich hoffe bloß,
das du weißt, das ich dir gerne zuhöre..."
"Hai..." Akira senkte den Blick wieder zu Boden.
/Davon werde ich wohl bald Gebrauch machen müssen/, ging es ihm durch den
Kopf.
Schweigend wanderten sie wieder durch die Stadt zurück zur Schule.


Auf dem Rückweg hatte sich Akira wieder einigermaßen beruhigt. Zumindestens
fühlte er sich nicht mehr so, als wenn er gleich losheulen müsste. /Wovor habe
ich eigentlich solche Angst? Ist der Gedanke, dass ich... schwul bin denn so
abartig?/
Immer noch vor sich hergrübelnd trabte er neben Takeru her, der ihm in gewissen
Zeitabständen immer wieder besorgte Blicke zuwarf. So kannte er seinen besten
Freund nicht. Klar, jeder hatte mal einen schlecht Tag, aber nicht sooo
schlecht, das man einfach anfängt zu heulen - zumindestens schätze er Akira
nicht so ein. Doch er würde das Thema gewiss nicht ansprechen, er würde
warten, bis Akira es ihm von selbst erzählte.
Vor ihnen tauchte wieder die Schule auf. Kurz vorm Tor meinte Akira plötzlich:

"Ob sie was gemerkt haben?"
"Ich hoffe doch mal nicht...", gab TK unsicher zurück.
"Ich hab so ein blödes Gefühl!" Akira wurde mulmig.
Gemeinsam traten sie durch das Tor, das denn Schulhof von den Bushaltestellen
davor abgrenzte. TK warf fast panisch wirkende Blicke auf die wenigen Schüler,
die sich auf dem Hof tummelten. Keiner schien sie zu beachten. Wieder aufatmend
richtet er seine Aufmerksamkeit auf das Hauptgebäude - es gab noch eine
Bibliothek und eine Turnhalle, die jeweils in Extra-Gebäuden untergebracht
waren - und steuerte es an. Sein Freund folgte ihm still.
Gerade als sie sich in Sicherheit fühlten und um die Ecke zu ihrem
Klassenzimmer - sie hatten jetzt Englisch - bogen, kam ihnen Kato, ein
Mitschüler, entgegen gerannt. Sein Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes
erahnen.
"Leute, ihr habt ein Problem...", begann er aufgeregt. Die beiden Angesprochenen
tauschten panische Blicke.
"Der Alte...", damit meinte er den Biolehrer, so nannten ihn alle, da er schon
über 60 Jahre alt war, "... hat heraus bekommen, das ihr in der letzten Stunde
blau gemacht hab!"
"Wie das?????" Akira war die Angst anzumerken.
"Na ja... ähm... also... er hat geahnt, das du...", mit einen Kopfnicken
deutete er auf Akira. "... wegen dem Test blau machst und hat das laut
ausgesprochen. Da ist Kaori aufgestanden und meinte stotternd, das du beim Arzt
seiest und Takeru auch. Darauf meinte er nur, das ihr beide ja sehr schnell
krank geworden sein müsst, denn er habe euch heute noch auf dem Schulhof
gesehen." Beide Jungen zogen zischend die Luft ein. Daran, dass sie wer gesehen
haben könnte, hatten sie gar nicht gedacht. Doch Kato übersah ihre Reaktion
und berichtete weiter:
"Darauf wusste Kaori nichts zu sagen und hat sich wieder hingesetzt. Dann hat er
angefangen einen Vortrag über das Schwänzen und die Folgen zu halten. Da hat
Kaori glaube ich Schiss bekommen und ist nach dem Unterricht zu ihm hin um ihm
alles zu sagen."
"WAS???" TKs Stimme bebte vor Zorn.
"Nach der Stunde meinte er dann, das er die nötigen Maßnahmen treffen werde...
ich hab keine Ahnung, was er damit meinte, aber es hat sich nicht gut
angehört."
"Das kann ich mir vorstellen! So ein Mist, was machen wir denn jetzt???", wandte
sich Akira an Takeru.
"Auf jeden Fall nicht die letzte Stunde auch noch fehlen. Das gibt dann nur noch
mehr Ärger!"
"Ja..."
"Am besten wir warten ab was passiert, rückgängig machen könne wir es eh
nicht. Dann entschuldigen wir uns und werden sehen was kommt...." TK strahlte
eine Ruhe aus, die Akira ihm gar nicht zugetraut hatte.
"Wenn du meinst..."
"Ja, mehr können wir nicht tun!"
Zusammen mit Kato machten sie sich auf den Weg in den Klassenraum. Still setzten
sie sich auf ihre Plätze und packten ihre Sachen aus.
Der Unterricht begann wie jede Stunde, kein Wort über ihren << Ausflug >>
fiel.
"Vielleicht hat Kato sich geirrt...", gab Akira leise zu bedenken, als er TKs
verwirrten Blick bemerkte und richtig deutet. Dieser zuckte nur mit den
Schultern und widmete sich dann wieder seinem Englischbuch.

Als es klingelte, wartete Akira auf TK, der noch dabei war seine Sachen zusammen
zu packen. Herr Aoshi war schon aus dem Raum hinaus und hatte nichts mehr
gesagt.
"Was meinst du, warum haben sie uns nicht drauf angesprochen?"
"Keine Ahnung... vielleicht hat sich Kato tatsächlich geirrt oder er wollte uns
nur einen Schreck einjagen."
Aber so recht glauben, konnten beide an ihre Theorien nicht. Sich immer noch
angeregt darüber unterhaltend, verließen sie als letztes den Klassenraum und
machen sich auf den Weg zu Akiras Haus.
Wie jeden Nachmittag würden sie gemeinsam Hausaufgaben machen und dann noch ein
wenig Musik hören, oder raus gehen.


Mit einem Klicken drehte sich der Schlüssel im Schloss und Akira öffnete die
Tür. Sich die Schuhe ausziehend, betraten beide das Haus, das stiller nicht
hätte sein können. Nichts war zu hören.
Da Akira das Auto seines Vaters nirgendwo erblicken konnte - weder in der
Auffahrt, noch in der Garage - schloss er daraus, dass ein alter Herr noch nicht
zu Hause war.
Takeru ging stumm die Treppen hoch, während Akira noch schnell alle Fenster im
Erdgeschoss öffnete, eine Sache, die die beiden sich schon angewöhnt hatten.
Danach sprintete Akira zwei Stufen auf ein Mal nehmend, die Treppe hinauf. Als
er das Zimmer betrat, stand Takeru gerade an seinem Schreibtisch und hielt etwas
in den Händen, das er eingehend betrachtete.
Da er mit dem Rücken zu Akira stand, konnte dieser nicht erkennen um was es
sich handelte. Als TK ihn bemerkte, drehte er sich zum ihm um und wollte gerade
zu etwas ansetzen, als Akira erkannt, was er sich da so eingehend angesehen
hatte.
Es war ein Bild, das einen jungen Mann zeigte. Seine dunklen Haare waren zu
einem kurzen Kopf nach hinten gebunden und auf seinem Gesicht zeigte sich das
strahlendste Lachen, das TK je gesehen hatte. Seine Augen leuchteten und wirkten
sogar auf dem Bild so lebendig, das man dachte, der Unbekannte würde einem
jeden Augenblick zuzwinkern. Unter dem Arm hielt er einen Volleyball, der
genauso bunt war wie die Klamotten, die er an hatte. Kurze Hosen und ein weites,
offengelassenes Hawaii-Hemd. TK erinnerte der Ball an den, den sie im Geschäft
gesehen hatten! Alles in allem hätte man das Bild stundenlang betrachten
können und man musste einfach auch lächeln, wenn man das Lachen des Fremden
sah.
Mit einem schnellen Satz war Akira neben TK und entriss ihm grob das Bild. Es
fest an sine Brust gepresst, funkelte er seinen Freund an:
"Wer hat dir erlaubt, das anzufassen! Normalerweise fragt man, bevor man in den
Sachen anderer rumwühlt!", fauchte Akira wütend.
Takeru, der nicht wusste was auf ein mal in seinen Kumpel gefahren war, wich
erschrocken einen Schritt zurück.
"Aber ich hab doch gar nicht in deinen Sachen rum gewühlt! Es lag einfach so
auf dem Schreibtisch und da hab ich es mir nur angeguckt. Du hast dich doch
normalerweise nicht so!" Immer leiser werdend, versuchte er Akira wieder gut zu
stimmen, doch der sah ihn mit einem verächtlichen Blick an.
"Normalerweise, normalerweise... heute ist aber nicht normalerweise! Du hast
keinen Grund einfach etwas in die Hand zu nehmen, was auf MEINEM Schreibtisch
liegt, dass mach ich ja auch nicht!!!", herrschte er seinen Gegenüber an.
Der wich noch einen Schritt zurück. "Es mit mir doch leid!!! Ich hab es doch
nicht fallen gelassen! Warum rastest du so aus?"
"Das geht dich gar nichts an! Genauso wenig wie dieses Bild!" Schnell öffnete
Akira die Schreibtischschublade und legte es behutsam hinein, danach schloss er
sie geräuschvoll, was den eh schon total verwirrten und verängstigten TK
zusammen zucken ließ!
Akiras katzengrüne Augen strahlten eine solche Wut aus, das er dachte, sein
Freund würde sich gleich mit einem Fauchen auf ihn stürzen wie eine Raubkatze.

Aber nichts der gleichen geschah. Akira drehte sich um und holte seine
Schultasche von der Tür, wo er sie hatte fallen lassen, als er Takeru gesehen
hatte. Als er wieder bei diesem ankam, war nichts mehr von der Wut von eben zu
spüren. Verblüfft blickte TK Akira ins Gesicht, doch der wich seinem Blick aus
und meine nur etwas barsch:
"Was ist? Brauchst du 'ne schriftliche Einladung? Ich will nicht ewig an diesen
dummen Hausaufgaben sitzen!"
Hastig packe TK seine Sachen aus und setzte sich an Akiras Couchtisch, er wollte
seinen Freund nicht noch mehr aufregen. Dieser ließ sich ihm gegenüber nieder
und begann sofort mit den Aufgaben. Akira noch einen verwunderten und auch etwas
traurigen Blick zuwerfend, machte auch er sich still an seine Aufgaben.

Das laute - Akiras Meinung nach ZU laute - Geräusch einer zuschlagenden Tür,
riss die beiden aus ihren Aufgaben und ließ sie hochschrecken. Takeru warf
einen prüfenden Blick in Akiras Gesicht, aber aus diesem war alle Wut
verschwunden. Im Gegenteil, seine Augen strahlten wieder die gewohnte Ruhe und
Wärme aus, mit der er ihn immer anblickte. Und das wollte Takeru nicht wieder
ändern, in dem er neugierige Fragen stellte!
Immer noch blickten sie sich stumm in die Augen, als sie das Geräusch von
Schritten auf der Treppe war nahmen. Akira zog die Stirn kraus und warf einen
hektischen Blick zur Tür. /Was wird er wollen?/
Auch in TKs Gesicht konnte er die unausgesprochene Frage lesen. Gespannt
warteten beide ab, was passieren würde.
Die Tür zu Akiras Zimmer schwang ein klein wenig zu heftig auf, als das man auf
einen rein <<freundschaftlichen>> Besuch von Herrn Kashino hätte hoffen
können.
Als dieser dann Takeru erblickte, zeigte sich ein freundliches Lächeln - das
einfach nur gespielt war - auf seinem Gesicht.
"Konnichi wa, Takeru!" Dann wandte er sich an Akira: "... Akira, du kommst bitte
mal sofort runter! Ich habe was mit dir zu besprechen."
"Muss es denn jetzt gleich sein?", fragte der Angesprochene mit einen Blick auf
TK.
"Ja, SOFORT!" In der Stimme von Akiras Vater schwang ein Unterton mit, der Akira
alarmierte. Er ahnte schon worum es ging!
/Ich weiß von nichts! Und woher sollte er es denn überhaupt wissen!?
Unmöglich!/


Kapitel 2: Verwirrung 

Als Akira die Küche betrat, hatte sich sein Vater schon an den Küchentisch
gesetzt und blickte seinen Sohn gelangweilt an.
"Na, wie war die Schule heute?!", eröffnete er die Diskussion.
"Ähm... eigentlich wie immer! Warum fragst du? Du interessierst dich doch sonst
auch nicht dafür!", stellte Akira sich dumm.
"Ach, nur so... ich dachte bloß, das ich dich einfach mal frage, wie es so
aussieht! Denn immerhin gibt es ja bald Zeugnisse und da ist ja nur natürlich,
das man mal nach dem Rechten sieht!"
"Ach so... Nee, also eigentlich ist alles in Ordnung!"
"Ja? Gut... Und, wie geht es dir sonst?" Akira blickte seinen Vater fragend an.
"Na, ich meine gesundheitlich?"
"Ja ja... alles bestens...", langsam wurde ihm sein Vater unheimlich - doch
Akira ahnte, worauf er hinaus wollte. Trotzdem sagte er nichts.
"Hm... da du es mir wohl nicht freiwillig erzählst, muss ich halt direkt
werden! Mir ist zu Ohren gekommen, das du heute zur Biologie-Stunde nicht
erschienen bist! Euer Lehrer meinte, dass du einen Arzttermin hattest, stimmt
das?"
"Ach so... ähm... also... ja... ich war beim Arzt... Ich bin auf dem Schulhof
umgeknickt."
/Shit! Ich fange an mir zu widersprechen... Egal, jetzt zieh ich's durch!/
"Und stimmt es, dass du bei unserem Hausarzt warst?"
"Ja, das war... ich..."
"Tja, dann ist es nur komisch, dass er davon nichts weiß! SELTSAM, ODER???",
wurde Herr Kashino lauter!
"OKAY!...", änderte Akira jetzt seine Taktik! /Frontale Konfrontation mit der
Wahrheit... ob das was wird?!/ "... ich war nicht beim Arzt! Und auch nicht in
der Schule! Bist du jetzt zufrieden???"
"WO WARST DU DANN?", schrie Herr Kashino nun endgültig!
"Ich bin in der Stadt herum gelaufen! Ich hatte keinen Bock auf den scheiß
Unterricht!!! Ist das denn SO SCHLIMM?" gab Akira genervt zurück!
"Nein, deine scheiß Schule geht mir am Arsch vorbei! Aber das du mich einfach
so, ohne mit der Wimper zu zucken anlügst, hätte ich nicht gedacht! Und
außerdem musst du schon ziemlich blöd sein, wenn du nicht gemerkt hast, worauf
ich mit meinen Fragen hingearbeitet habe! Das du es dann noch wagst, mir etwas
falsches zu erzählen, kann ich nicht einfach so hin nehmen!!!"
"Was soll ich denn jetzt bitte schön machen??? Vor dir auf den Knien rum
rutschen, genau wie MUTTER?!" Dieses Thema war in dem Hause Kashino eigentlich
Tabu und das Akira es gerade jetzt anfing, glich Selbstmord!
"Sag das noch mal und es setzt was! Was deine Mutter gemacht hat, und was du
machen wirst, hat nichts miteinander zu tun! Außerdem ist ja wohl nicht meine
Schuld, wenn dieses WEIB SICH MIT MIR ANLEGT!"
"Erstens hast DU nicht das Recht, sie ein Weib zu nennen, so redet man nämlich
nicht über Tote und außerdem ist das noch lange kein Grund sie zu schlagen!",
konterte Akira.
"Ich hab sie nie geschlagen! Da kannst du mal sehen, was für Lügen sie DIR
erzählt hat!"
"Ach ja... und woher kamen dann bitte die ganzen blauen Flecken, die sie hatte?
Und jetzt sag nicht, das sie die Treppe runter gefallen ist! Ich bin nämlich
nicht so blöd, wie du denkst!" Schweigen.
"Und was ist dann bitte schön der Grund, warum sie sich von dir getrennt hat?"
So offen hatte Akira noch nie seine Gedanken zu diesem Thema ausgesprochen und
langsam bereute er es, dass er so lange den Mund gehalten hatte!
"Ich hab mich von ihr getrennt, nicht sie sich von mir! Sie hat mir nämlich die
ganze Zeit nur Lügen erzählt! Und du fängst schon genauso an wie sie!!!"
/Womit wir wieder beim Thema wären!/ Ein bitteres Lächeln stahl sich auf
Akiras Gesicht!
"Und willst du mich jetzt dafür genauso schlagen, wie sie?" Provokativ hier er
seinem Vater die rechte Wange hin!
Eigentlich hatte er mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass ER WIRKLICH
ZUSCHLAGEN WÜRDE! Akira taumelte nach hinten und fiel fast über den Stuhl, der
hinter ihm stand. Er konnte sich noch im letzten Augenblick halten.
"Wie feige muss man sein, um Frauen und Kinder zu schlagen?!", stieß er
angeekelt hervor, während er sich mit dem Handrücken über die malträtierte
Wange strich.
"Das hat nichts mit feige oder nicht zu tun! Bloß ich hab doch wohl das Recht,
meinen Sohn zu erziehen! Denn so wie du mit mir sprichst, hätte ich es nicht
gewagt mit meinem Vater zu sprechen! Deine Mutter hat wirklich ganze Arbeit
geleistet und dich in den 3 Jahren, wo ich weg war, so richtig verdorben!"
"Nein, das würde ich nicht verdorben nennen! Sie hat mir nur beigebracht, offen
meine Meinung zu sagen! Und das ist auch gut so! Ich werde mich von dir nie so
rumkommandieren lassen wie sie!"
"Hör mir mal zu, mein Freundchen, solange du bei mir hier im Haus wohnst, hab
ich das Sagen! Dass du dir das merkst!!!"
"Fragt sich bloß wie lange ich noch bei dir hier wohne!", nuschelte Akira leise
vor sich hin /Wenn ich 18 bin, dann bin ich hier weg!/
Akiras Vater schien das nicht gehört zu haben, denn er sprach einfach weiter:
"Und nun geh auf dein Zimmer! Vor morgen Früh will ich dich nicht wieder hier
unten sehen! Du hast Hausarrest!"
Akira versuchte noch ein letztes Mal seinen Vater mit seinen Blicken zu
erdolchen, ehe er sich umwandte und wütend die Küche verließ...

Als Akira sein Zimmer betrat, fand er Takeru bleich und an die Wand starrend
vor! /O Gott, den hab ich total vergessen!/
Als der merkte, das Akira den Raum betreten hatte, schreckte er zusammen,
rappelte sich schnell hoch und kam auf seinen Freund zu. Dieser schloss gerade
leise die Tür.
Akira sah TK unsicher auf sich zu kommen und der Blick seines Freundes war so
traurig, wie noch nie.
Zögernd hob TK die eine Hand und ließ sie über Akiras schon leicht blau
schimmernde Wange gleiten.
"Tut es doll weh?"
Akira schüttelte den Kopf, dann fragte er leise: "Du hast alles gehört?!"
TK stieß ein verächtliches Lachen aus:
"Ihr ward ja auch nicht zu überhören!"
"Gomen nasai! Ich wollte nicht, dass du das mitbekommst!"
"Das ist schon okay... solange es dir gut geht! Vielleicht würde es dir ja
helfen, wenn du mir die ganze Sache mal erzählst... das mit deinen Eltern meine
ich. Ich weiß zwar nicht, ob ich dir einen Rat geben kann, aber ich höre dir
gerne zu!"
Dankbar blickte Akira seinem Freund in die Augen und flüsterte:
"Ja, irgendwann erzähle ich dir alles, aber noch nicht heute! Das würde nichts
bringen!"
"Okay, wenn du meinst!" Takeru lächelte sanft und schloss seinen Freund dann
nach einem kurzen Zögern in die Arme.
Dieser wusste erst gar nicht wie ihm geschah, doch dann erwiderte er die
Umarmung genauso kraftvoll.
Es tat gut, mal von jemandem in den Arm genommen zu werden! Zögerlich ließ
Akira Takeru noch einem Augenblick los, und blickte ihn besorgt an:
"Wirst du das zu Hause bei dir schaffen? Ich hoffe doch mal, das deine Alten
nicht so austicken!"
"Klar schaff ich das! Die werden vielleicht ein bisschen doof rumnölen, aber
auf keinen Fall werden sie mich schlagen!" Wieder legte er vorsichtig seine
kühle Hand auf die glühende Wange von Akira.
"Gut! Dann bring ich dich jetzt runter!"
Gemeinsam stiegen sie so leise wie möglich die Treppe herunter. Von Akiras
Vater war aber nirgends eine Spur zu sehen. Als Akira aus dem Fenster blickte,
war auch sein Wagen verschwunden. Akira war alleine zu Hause.
Takeru noch ein mal Mut machend anlächelnd, öffnete er die Tür und
verabschiedete sich von seinem besten Freund.
Als dieser gegangen war, lehnte er sich erschöpft an die geschlossene Haustür
und sank an ihr zu Boden. Ein paar stumme Tränen liefen ihm über die Wangen,
angesichts der vielen auf ihn einströmenden Erinnerungen. Wie lange hatte er
sie erfolgreich verdrängt?!
Er konnte und wollte jetzt nicht über die vergangenen Ereignisse nachdenken und
starrte mit wie leer gefegtem Kopf einfach nur gerade aus.
Als ihm jedoch bewusst wurde, wie lange er nun schon an der Tür hockte, wischte
er sich einfach nur mit dem Handrücken die langsam trocknenden Tränen weg und
erhob sich wieder.
Müde schlich er die Treppe rauf, zog sich bis auf die Shorts aus und legte sich
in sein Bett. Das kühle Bettzeug wirkte beruhigend auf ihn und ließ ihn schon
bald in einen traumlosen Schlaf fallen...

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<<PIEP PIEP ~ PIEP PIEP>>
Grummelnd tastet Akira nach seinem Wecker und stieß ihn bei seinem Vorhaben aus
Versehen vom Nachtisch. Mit einem erstickenden Geräusch, verstummte das
lästige Piepen und Akira drehte sich stöhnend auf den Rücken.
Sein Kopf fühlte sich an, als wenn eine ganze Elefantenherde darüber gelaufen
wäre. Mit einem leichten Schwindelgefühl setzte er sich in seinem Bett auf.
Sich mit den Händen übers Gesicht reibend stellte er fest, dass seine linke
Wange sich nicht mehr nach "Wange" anfühlte, sondern eher nach einem
unförmigen, heiß pochendem Stück Fleisch. Immer noch gegen das
Schwindelgefühl ankämpfend stemmte er sich hoch und schlurfte ins Bad.
Als er sein Spiegelbild erblickte, stockte ihm der Atem! /K'so... so kann ich
doch nicht rumlaufen!/
Seine rechte Gesichtshälfte wurde von einem dicken blau-grünem Bluterguss
geziert.
Wütend ließ Akira seine Faust auf den Waschbeckenrand nieder sausen, was aber
nicht mehr brachte, als einen pochenden Schmerz in seiner Hand. /Das hat er ja
mal wieder toll hinbekommen! Die denken doch alle, dass ich mich geschlagen
hab.... und so wie das aussieht, werden sie mich für den Verlierer halten!/
Verstimmt stieg Akira unter die Dusche und drehte den Temperaturregler auf kalt.

Das tat gut.
Das kalte Wasser lief seinen eigentlich kräftigen Körper herunter. Die Kälte
betäubte nicht nur seine schmerzende Wange und die Hand, sondern ließ ihn auch
innerlich ganz ruhig werden.
/Was Takeru jetzt wohl macht?/
Bei dem Gedanken an TK, begann es in seinem Bauch zu kribbeln. Dieses Kribbeln
zog sich, durch das kalte fließende Wasser noch verstärkt, auch in seine
Lendengegend herunter. Mit einem Keuchen registrierte er, wie dort etwas << zu
leben >> begann und er errötete.
Seine glühende Wange an die kühle Wand der Dusche lehnend, versuchte er seine
Gedanken in eine andere Richtung zu lenken
/Toll, nun bekomm ich schon 'nen Steifen, wenn ich an meinen besten Freund
denke/
Doch die Erregung wollte einfach nicht verschwinden!
/Wieso muss ich auch immer an ihn denken?!/
Also war mal wieder (?!) Handarbeit gefragt. Seine rechte Hand glitt hinunter zu
seiner Erregung, während die andere über seinen muskulösen Oberkörper
strich. Mit schon geübten Handgriffen... /Tja, Scheiße is', wenn man keine
Freundin - oder Freund?! - hat.../ trieb er sich stetig auf den Höhepunkt zu.
Mit einem erlösenden Stöhnen kam er in seine immer noch pumpende Hand.
Nachdenklich betrachtete er die weiße Flüssigkeit, die sich auf seiner
Handfläche ausgebreitet hatte und nun langsam vom Wasser weggespült wurde.
Nachdem er mit dem Duschen fertig war /Scheiße, ist das Wasser kalt gewesen/
putzte er sich die Zähne und gelte sich die Haare so, das sie in alle
Richtungen abstanden.
Das verlieh seinem Gesicht ein... /ähm... wie sagte TK immer?... genau/
teddybärhaftes Aussehen. Er musste grinsen. /Wie ein Teddybär seh ich ja wohl
nicht aus!/
Einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel werfend, verließ er das Bad um
sich anzuziehen...

------------------

"Hallo Akira!" Der Angesprochene erblickte seinen auf ihn wartenden Freund
sofort. Der hatte sich an das Schultor gelehnt und stieß sich nun von diesem
ab.
Akira warf einen prüfenden Blick in TKs Gesicht, konnte aber bis auf ein paar
Augenränder nichts Ungewöhnliches an ihm erkennen.
/Also scheint mit seinen Eltern alles glatt gelaufen zu sein!/ Hörbar atmete er
auf.
TK, der auf ihn zugekommen war, blieb kurz vor ihm stehen und blickte ihm ernst
ins Gesicht. "Alles klar mit dir?"
Fragend sah Akira ihn an. "Klar! Was sollte denn nicht stimmen?"
Ein Schnauben war zu hören. "Hahaha! Sehr witzig! Wer von uns beiden sieht denn
aus, als wenn er unter ein Auto gekommen wäre?!", neckte TK ihn, wobei er es
nicht verhindern konnte, dass man seiner belustigt klingend sollenden Stimme die
Besorgnis anhörte.
"Ach, nun hör doch auf! So schlimm ist es nicht!" /Oder eher doch.../ Dies
sprach der 16-jährige jedoch nicht laut aus. Warum sollte Takeru sich auch
unnötig Sorgen machen?
"Ist bei dir alles glatt gegangen?", fragte er, um von seiner malträtierten
Wange abzulenken.
"Ja...", begann Takeru. "... wie gesagt, sie haben bloß dumm rumgetextet, mehr
nicht. Ich musste ihnen versprechen, das nicht noch mal zu machen und dann war
alles wieder in Ordnung!"
"Dann bin ich ja beruhigt!" Akira atmete erleichtert auf. Er wollte nicht, dass
TK Probleme mit seinen Eltern bekam. Er kannte es nur zu gut, wenn zu Hause eine
Spannung herrschte.
Als wenn TK seine Gedanken gelesen hätte, sah er ihm forschend ins Gesicht und
meinte lauernd:
"Keine Sorge, es hat ja nicht jeder so einen Vater wie du..."
Innerlich konnte Akira nur nicken, aber ihm war nicht danach über dieses Thema
zu philosophieren.
"Komm, lass uns in Gebäude gehen, es klingelt gleich", blockte er deshalb ab.
Das Thema unter den Tisch fallen lassend, betraten sie das Schulgebäude und
suchte ihren Raum auf.

Der Schultag verlief soweit eigentlich ereignislos, nur das die ganze
Klassenstufe von ihrem << Ausflug >> wusste.
In der Pause nach der zweiten Stunde wurden die beiden von ihrem Klassenlehrer
Herrn Aoshi angesprochen und in sein Büro gebeten. Ruhig erklärte er ihnen,
dass ihr Verhalten stark gegen die Hausordnung verstoßen hätte und er leider
beiden einen Verweis ausschreiben müsse. Zwar erklärte er danach auch gleich,
dass ihnen mit einem Verweis nicht viel passieren konnte, aber einen zweiten
sollten sie besser vermeiden.
Beide hatten bloß genickt und sich mit einer Verbeugung von ihrem Lehrer
verabschiedet. Wieder in der Klasse angelangt, mussten sie sich erst mal den
neugierigen Fragen ihrer Mitschüler stellen.
Nur Kaori wagte es nicht, die beiden anzusprechen, was Akira auch als angemessen
empfand. Denn immerhin hatte sie sie verpfiffen und er hätte nicht dafür
garantieren können, dass er sachlich geblieben wäre!

Nach der Schule machten sich Akira und TK auf den Weg zu Akira nach Hause, denn
immerhin hatte er ja Hausarrest und musste die Besuche bei Takeru fürs Erste
einstellen.
Eigentlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn TK nicht mit zu ihm gekommen
wäre... /Wer weiß, was mein Vater mir heute noch alles zu sagen hat?!/, aber
dieser ließ sich nicht abschütteln.
Akira nahm TKs Verhalten mit einem Schmunzeln hin und war innerlich doch etwas
erleichtert, nicht alleine in die Höhle des Löwen zu müssen!

------------------

"Puuh, ich kann nicht mehr!" Stöhnend schlug Akira seinen Geschichtshefter zu
und schob ihn beiseite.
Takeru blickte nur kurz zu ihm auf, widmete sich dann aber noch den letzten
Matheaufgaben, die er zu erfüllen hatte. Schnaufend erhob sich Akira von seinem
Couchtisch und schlenderte zum Schreibtisch hinüber.
"Willst du nicht auch bald Schluss machen?", fragte er Takeru und ließ sich auf
seinem Schreibtischstuhl nieder.
"Bin gleich fertig!", setzte TK seinen Freund in Kenntnis, dann kritzelte er
weiter zögerlich in seinem Heft herum.
"Weißt du was?", begann Akira nach kurzem Schweigen.
"Nee, woher auch!?", gab TK mürrisch zurück!
Doch Akira ließ sich von diesem Tonfall nicht aus der Ruhe bringen.
"Gut, dann weißt du's jetzt: Ich hab beschlossen, hier Volleyball zu spielen!"

... Schweigen...
Akira runzelte die Stirn, bevor er leicht empört maulte. "Hm... Du hast ja viel
dazu zu sagen!!!"
Takeru blinzelte verlegen. "Oh, sorry... ähm... ist doch cool! Hast du dich
schon erkundigt, wann das Training ist oder ob du überhaupt mitspielen darfst?"

"Nee, wann denn auch?! Ich hab das doch eben gerade beschlossen!" Akira zuckte
mit den Schultern.
"Wenn du willst, können wir mal bei uns in der Schule vorbeischauen und uns
informieren!" Kaum hatte er es ausgesprochen, war Takeru auch schon fast
unterwegs zur Tür.
"Warte!", hielt Akira seinen Freund zurück! "Würde ich ja liebend gerne tun,
aber ich hab Hausarrest! Schon vergessen?!"
"Oh, stimmt ja!", stellte Takeru bedeppert fest. Stumm blickte er zu Boden.
"Mensch..." Akira erhob sich von seinem Stuhl und ging auf den nun Schweigenden
zu. "Was ist denn los mit dir??? Du bist heute so abwesend! Ist irgendwas
vorgefallen? War das mit deinen Eltern gestern Abend doch schlimmer? Hab ich was
falsches gesagt oder getan?..."
"Hey! Ganz ruhig!", unterbracht Takeru Akiras Redefluss. "Es ist wirklich
nichts! Ich hab bloß ein bisschen nachgedacht! Es ist alles in Ordnung!"
"Sicher?" Akira trat einen Schritt auf Takeru zu, sodass er nur wenige
Zentimeter von ihm entfernt stand.
"Mensch, seit wann machst du dir denn solche Sorgen um mich?" fragte Takeru
verblüfft, wobei auch deutlich leichter Spott in seiner Stimme mitklang.
Akira, dem wieder seine << Duschaktion >> vom Morgen einfiel, errötete und
blickte verlegen zu Boden!
Takeru stutzte. "Hab << ich >> jetzt etwas falsches gesagt???" Spöttisch hob er
eine Augenbraue. Als er jedoch keine Reaktion von seinem Freund erhielt, legte
er ihm eine Hand auf die Schulter. Immer noch keine Antwort oder Regung.
Mit einem grummelnden Laut hob Takeru Akiras Kinn an und zwang diesen damit, ihm
direkt ins Gesicht zu blicken. "Hallo?!"
Akira wurde noch eine Spur röter, starrte für einen kurzen Moment in Takerus
schokoladenbraune Augen und fasste sich dann mit Mühe und Not wieder.
/Mist, ich bekomm schon wieder so ein Kribbeln in der Magengegend .... und
tiefer..../
Mit einer ruckartigen Bewegung schlug Akira Takerus Hand, die immer noch an
seinem Kinn verweilte, beiseite und wich beschämt einen großen Schritt
zurück. Und dann noch einen.
Doch zu spät fiel ihm ein, dass dort, wo er gerade hingetreten war, der
Couchtisch stand und somit konnte er einen Sturz nicht vermeiden.
Durch dieses unerwartende Hindernis im Weg verlor er das Gleichgewicht und
kippte, wild mit den Armen rudernd, nach hinten. Mit einem hellen Schrei und
einem dumpfen Laut schlug er auf dem Boden auf, wobei er mit dem Kopf hart gegen
den Fußboden knallte.
/Aua.../ Stöhnend öffnete er die Augen, schloss sie jedoch wieder schnell, als
mehrere Stellen seines Körpers Schmerzsignale an sein Gehirn sendeten. Benommen
blieb der 16-jährige liegen und sortierte erst mal seine Glieder.
"So ein Mist..." fluchte er leise, aber ungehalten. /Wo kommt auf ein Mal dieser
Tisch her???/
"Akira!!!"
Vom Geschehen total überrascht, konnte Takeru sich ein Lachen im ersten Moment
nicht verkneifen. Als er jedoch registrierte, dass sein Freund nicht gleich
wieder aufstand, machte sich Sorge in ihm breit. Schnell trat er zu ihm heran.
"Ist dir was passiert???", fragte er nun doch leicht erschrocken. Ungeschickt
ließ er sich neben seinem Freund auf die Knie fallen und hob die Hände, um
Akira, der die Augen immer noch geschlossen hatte, an den Schultern sachte zu
rütteln.
Doch noch bevor er ihn überhaupt berühren konnte, schlug dieser die Augen auf.
/Wow! Toller Abgang! Aber immerhin habe ich meinen Körper wieder unter
Kontrolle!/ Sein Blick irrte kurz herum, bevor er sich auf Takeru heftet.
Dieser atmete erleichtert auf.
"Gut, dir scheint nichts passiert zu sein. Ich dachte schon, du hättest dich
verletzt!" Grinsend erhob er sich wieder und reichte seinem leicht verdutzt
guckenden Freund eine Hand, um ihm auf zu helfen. Dieser nahm sie dankbar an und
erhob sich ächzend.
Schweigend standen sich beide gegenüber, den Blick auf die Augen des anderen
gerichtet. Nach einigen Sekunden wich Akira als erstes aus und fuhr sich fahrig
mit der Hand durch die Haare.
"Was sollte das eben?", brach Takeru das plötzlich herrschende Schweigen.
"Was... meinst du?", hakte Akira vorsichtig nach.
Takeru hob spöttisch eine Augenbraue. "Du weißt was ich meine!"
Betreten richtete Akira seinen Blick zu Boden, als wenn es dort unten was
Interessantes zu sehen gebe.
"Na ja... ist auch egal..." Takerus Ton war es anzumerken, dass es ihm << nicht
>> egal war, aber für ihn war das Thema anscheinend beendet.
Eine Tatsache, über die Akira mehr als froh war, denn er wusste bei bestem
Willen nicht, was er darauf sagen sollte?
,Sorry, ich musste deine Hand wegschlagen, weil ich sonst die Latte des Jahres
bekommen hätte?!' /Toll, das wär's doch gewesen!/, dachte Akira sarkastisch
und beobachtete wie Takeru sich wieder am Couchtisch nieder ließ.
Nach kurzem Zögern nahm er wieder seinen Platz ihm gegenüber ein und wartet
auf eine Reaktion Takerus. Doch dieser blieb stumm. Seine Augen wirkten leicht
umwölkt und ließen darauf schließen, dass ihn Akiras Verhalten immer noch
beschäftigte.
"Kommst du denn nun morgen mit mal wegen Volleyball fragen?", lenkte Akira das
Thema in eine andere Richtung.
"Klar, wenn ich dich nicht störe!", gab Takeru leicht bissig zurück.
Akira zog die Stirn kraus. "Nein, warum solltest du mich denn stören. Ich
würde doch sonst gar nicht erst fragen!", versicherte Akira seinem immer noch
etwas verstimmten Freund.
"Okay, dann komme ich gerne mit!", schloss dieser das Thema ab.
Wieder herrschte betretenes Schweigen.
"Ich muss los...", verkündete Takeru nach einigen Momenten und erhob sich, um
sich von Akira zur Tür bringen zu lassen.
Nach der obligatorischen Verabschiedung, schlich Akira wieder hoch in sein
Zimmer.
Seufzend ließ er sich auf sein Bett fallen!
"Was mache ich bloß..." Seine Worte standen noch eine ganze Weile in dem
ansonsten vollkommen stillen Raum.
/Meine Gefühle sind ein absolutes Chaos! So wie es aussieht hab ich mich echt
in TK verknallt! So ein Mist! Und dabei hätte ich niemals gedacht, dass ich
SCHWUL bin! Was mache ich denn jetzt??? Sagen kann ich es ihm doch wohl kaum!
Bloß irgendwann wird er merken, was mit mir los ist. Das heute war ja schon mal
der beste Anfang. Bloß was sollte ich tun? Wie hätte das denn ausgesehen:
Sobald er mich auch nur berührt, beginnt sich bei mir was zu regen! Ahhh!/
Das war zum Haareraufen! Seufzend rollte sich Akira auf seinem Futon-Bett
zusammen und schlang wie zum Selbstschutz die Arme um seinen Oberkörper.
/Vielleicht ist ja echt nur 'ne Phase! Hoffentlich geht das wieder vorbei. Denn
lange geht das sicher nicht mehr gut!!!/ Still vor sich hin grübelnd, merkte
Akira gar nicht, wie er in einen leichten Schlaf fiel...

Mitten in der Nacht schreckte Akira hoch!
Ein Blick auf seinen Wecker sagte ihm, dass es 2:30 Uhr war. Grummelnd ließ er
den Kopf wieder auf das Kissen sinken.
Irgendwie fühlte er sich total ausgeschlafen. Am liebsten wäre er jetzt
einfach aufgestanden und hätte einen schönen langen Spaziergang durch den Park
gemacht, aber das war wohl nicht die beste Idee! Wenn er jetzt aufstehen würde,
würde er sich am Morgen wie erschossen fühlen und darauf hatte er nun wirklich
keinen Bock.
Also erhob er sich schwerfällig, um sich von seinen Klamotten, die er ja immer
noch an hatte, zu befreien. Kurz schlurfte er noch ins Bad, um mal für kleine
Akiras zu gehen. Beim Händewaschen fiel sein Blick auf sein Spiegelbild.
/Man, seh ich scheiße aus!/ Und das war noch untertrieben. Akiras Wange hatte
wieder angefangen zu pochen und zeichnete sich deutlich grün und blau von
seiner ansonsten ziemlich blass wirkenden Haut ab. Genauso stachen auch die
dunklen Augenränder, die er hatte, hervor.
Wenn er nicht sofort mehr Schlaf bekommen würde, dann würde er sich morgen gar
nicht mehr aus dem Haus trauen.
Total deprimiert schlich er wieder in sein Bett und schaltet die Nachttischlampe
aus.
Es dauerte jedoch, bis er wieder in einen traumlosen Schlaf fiel.

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... oder zumindestens dachte er, er sei traumlos!
Als Akira am nächsten Morgen die Augen aufschlug /Scheiß Wecker!!!/, fiel ihm
gleich auf, das etwas anders war als sonst immer. Bloß er wusste nicht gleich
was! Als er sich dann aufsetze, um seinem komischen Gefühl auf den Grund zu
gehen, bemerkte er die Beule, die sich deutlich auf seiner Bettdecke
abzeichnete. Leise fluchend ließ er sich wieder zurück in die Kissen sinken!
Nicht, das er vorher noch nie eine Morgenlatte gehabt hätte, aber diese war ja
ein richtiges Prachtexemplar. Er konnte sich schon seeehr gut vorstellen, wovon
sein Unterbewusstsein schon wieder geträumt hatte! /Das wird ja richtig
lästig! Nun hab ich wohl nicht mal mehr im Schlaf Ruhe vor meinen Gedanken an
TK/
Ein wenig verstimmt erhob er sich, um im Bad seinem Problem Abhilfe zu
schaffen.
Als das geschafft war, und er sich gewaschen und angezogen hatte, ließ er das
Frühstück ausfallen /Ich hab keinen Bock, meinem Vater zu begegnen!/ und
verließ gleich das Haus.

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Wie jeden Morgen wartet TK am Schultor auf ihn. Als Akira ihn erblickte,
verlangsamte er automatisch seine Schritt. Die Vorkommnisse des letzten Tages
nagten immer noch an seinem Gewissen! Aber nun konnte er es nicht mehr
rückgängig machen und erklären würde er es wohl erst können, wenn er mit
sich selbst im Reinen war.
Er hob die Hand zum Grüß: "Ohayou, Takeru!"
"Guten Morgen, Akira!", kam es von dem Angesprochenen zurück. In stillem
Einverständnis lenkten sie ihre Schritte zum Hauptgebäude.

Nach der zweiten Stunde, also in der großen Pause, sprach Akira Takeru wieder
an:
"Kommst du denn jetzt mit, wegen Volleyball fragen?" Seine Stimme nahm einen
hoffnungsvollen Ton an.
"Klar, ich hab's dir doch versprochen.", erinnerte TK ihn.
Stumm überquerten sie den mit quatschenden Schülern überfüllten Schulhof und
steuerten die Turnhalle an.
Vor der Eingangstür, die in den Pausen immer verschlossen war, hielten sie an.
Akira heftet seinen Blick an die Klingel.
"Was meinst du, ob ich klingeln soll?"
"Natürlich, hier zu stehen und zu warten, bis sie uns bemerken bringt wohl
nichts!", erklärte TK Akiras Frage für unnötig.
Zaghaft drückte Akira die Klingel. Nichts geschah. Er klingelte ein zweites
Mal. Wieder nichts!
"Hm... Es scheint keiner da zu sein!", stellte Akira überflüssigerweise fest,
denn Takeru hatte ja selbst Augen im Kopf.
"Dann lass uns verschwinden und es in der nächsten großen Pause noch mal
versuchen". Takeru wandte sich schon zum Gehen.
Gerade als Akira es ihm gleich tun wollte, öffnete sich die große Tür mit
einem lauten Quietschen und ein älterer Schüler steckte seinen Kopf hinaus um
die << Störenfriede >> zu begutachten. Akira reagierte sofort und hielt seinen
schon weggehenden Freund schnell am Handgelenk fest. Dieser drehte sich wieder
zu der Turnhalle um.
Keiner rührte sich. Akira glotzte nur doof den älteren Schüler an, der
genauso überrascht zurück blickte. Takeru sah verwirrt immer nur von einem zum
anderen. So verweilten sie einige Sekunden, bevor es Takeru zu bunt wurde und er
sein Handgelenk, das Akira immer noch umschlungen hielt, los riss und einen
Schritt auf den Älteren zumachte.
Mit einer knappen Verbeugung begrüßte er ihn:
"Ohayou Hideo-sempai!"
Überrascht blickte Akira zu seinem Freund! /Er kennt ihn?!/
"Ohayou!", erwiderte Hideo die Begrüßung. "Was kann ich für euch tun?"
Bevor Takeru etwas sagen konnte, hatte sich auch schon Akira eingemischt:
"Ähm... eigentlich wollte ich fragen, ob bei euch noch ein Platz in der
Volleyballmannschaft frei ist!"
"Ein Platz oder zwei?", hakte Hideo nach während sein Blick zwischen Akira und
Takeru herum irrte.
"Nur einer! Ich will nicht, nur er!", meinte Takeru schnell und deutet auf
Akira.
Hideo musste grinsen. "Und deshalb rückt ihr hier zu zweit an und stört meine
Pause???" Während Akira betreten zu Boden sah, ergriff Takeru die Initiative
und meinte:
"Gomen nasai. Wir wären gerne nach der Schule gekommen, aber leider ist das ...
aus diversen Gründen" ... wich Takeru mit einem Blick auf Akira, der immer noch
zu Boden starrte, aus. "... nicht möglich."
"Ach so... diverse Gründe..." Wieder schlich sich ein etwas spöttisch
wirkendes Grinsen auf Hideos Gesicht. "Na gut...", er kratze sch verlegen am
Kopf "... ist doch kein Problem. Einen Platz haben wir immer frei und außerdem
brauchen wir immer gute Spieler!"
Bei dem Wort << gute >> blickte Akira auf.
Hideo, der dessen Reaktion bemerkt hatte, hob eine Augenbraue.
"Du hast doch schon mal gespielt, oder???" Akira riss überrascht die Augen auf.
"Nein nein, nicht das du denkst, wir hätten was gegen Anfänger, aber..."
"Nee, schon in Ordnung. Ich hab an meiner alten Schule in Tokio schon gespielt.
Bin also kein Anfänger!", unterbrach Akira Hideos Erklärung.
"Gut, dann ist ja alles geklärt! Du hast die große Ehre dich heute um 15.30
Uhr hier in der Turnhalle einzufinden. Und sei pünktlich!" Damit verbeugte er
sich schnell und schloss wieder die Tür.
Der überraschte Akira /Was war denn das jetzt für ein fluchtartiger Abgang?!/
drehte sich zu seinem Freund um, der sich im Hintergrund gehalten hatte.
"Hä?", meinte er nur mit einem Daumenzeig auf die nun wieder verschlossene
Tür.
"Keine Ahnung, was los ist. Vielleicht hat er mal wieder Besuch!", grinste
Takeru und wandte sich zum Gehen.
Akira beeilte sich um mit seinem vorrauseilenden Freund auf gleiche Höhe zu
kommen.
"Also, ich glaube, das mit dem Besuch musst du mir jetzt erst mal erklären!",
bat er.
Auf Takerus Gesicht zeigte sich nur ein leichtes Grinsen!

Das Klingeln beendete die Pause.
Nun hatten sie Geschichte, ein Fach das sich gut zum << Zettelschreiben >>
verwenden ließ!
Und so begann eine stumme Unterhaltung zwischen den beiden Jungs:
<< Und? >>, begann Akira.
*Was und?*
Akira warf einen genervten Blick zu seinem Freund rüber und schrieb zurück:
<< Oller Ignorant! Du schuldest mir 'ne Erklärung, schon vergessen? >>
*Ach so, DAS meinst du! Das erkläre ich dir später!*
<< Ich will das aber jetzt wissen! >>
*Nerv nicht! Wenn Herr Takasaki das mitbekommt, sind wir am Arsch!*
<< Ich will das aber trotzdem wissen! >>
*Was willst du eigentlich!? Es ist nichts dolles!*
<< Siehste, dann kannste mir es ja erzählen! >>
*Pass auf, wir machen nen Deal!*
<< Was für einen? >>, schrieb Akira.
Vorsichtig schob er den Zettel mit seiner Antwort zurück und blickte Takeru
fragend an. Der faltete leise das Stück Papier aus einander, las und
antwortet:
*Na, du hörst jetzt auf zu nerven und ich erzähl dir es in der nächsten Pause
detailreicher als es auf 'nem Zettel möglich ist! Ist doch ein faires
Angebot!*
Nachdenklich überdachte Akira das Angebot. /Warum will ich das eigentlich
wissen? Ich kenne diesen Hideo doch gar nicht! Und was gehen mich seine Besuche
an??? Aber... als er mir da so in die Augen geblickt hat, da war mir so ganz
anders... Ich musste ihn einfach anstarren! Er sah so... gut aus! Hoffentlich
hat er das nicht gemerkt! Der denkt noch ich bin schwul und will was von ihm.../

Bei diesem Gedanken stockte ihm der Atem. Denn eigentlich war er ja schwul, oder
glaubte das zumindestens, und schlecht sah Hideo ja immerhin nicht aus!
Errötend schloss er die Augen. Die komischen Seitenblicke, die Takeru ihm
zuwarf bemerkte er nicht!
/... Jetzt trifft's mich wohl bei jedem Jungen, den ich sehe! Ich bin so krank!
Sonst hab ich doch auch nicht jedem männlichen Wesen hinterhergesabbert!/
Seufzend öffnete er die Augen. /Jetzt dreh ich völlig durch.... Aber egal...
Wenn schon schwul, dann auch richtig!/ Ein blödes Grinsen stahl sich auf sein
Gesicht!
TK machte sich langsam schon Sorgen, wenn man Akiras Mimik so beobachtete,
konnte man denken, er hätte irgendwelche Krämpfe. Die Stirn runzelnd fragte er
leise:
"Ähm... Alles klar mit dir???" Akira warf nur einen kurzen Blick auf seinen
Banknachbarn und schrieb auf den Zettel:
<< Okay, faires Angebot >>
TK, erleichtert, dass er jetzt keinen Roman zu schreiben brauchte, faltet den
Zettel wieder zusammen und schob ihn unauffällig in seine Federtasche. Dann
lehnte er sich aufatmend in seinem Stuhl zurück und lauschte, die Hände
hinterm Kopf verschränkt, Herrn Takasaki.

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"Was ist nun???"
Die beiden Freunde standen in einer ruhigen Ecke im Schulgebäude, nur wenige
Schritte von ihrem Klassenraum entfernt.
"Mann, warum willst du das denn wissen? Du kennst Hideo doch gar nicht!"
Akira überlegte kurz und meinte dann:
"Ja, aber du hast mich neugierig gemacht! Dein Grinsen hat ja alles gesagt! Und
nun will ich es halt wissen!"
"Na, wenn mein Grinsen alles gesagt hat, dann brauche ich dir ja nichts mehr zu
erklären!"
Akira erwürgte TK fast mit seinen Blicken.
"Ja ja,... ist ja in Ordnung, ich erzähle es dir! Also: Es wird gemunkelt, das
Akira öfters mal Besuch hat in den Pausen. Und da er immer in die Sporthalle
darf, er ist ja Captain der Volleyballmannschaft und außerdem noch der
Klassensprecher für die gesamte 12. Stufe, ist ja wohl am naheliegendsten, dass
er ihn dort mit hin nimmt. Lehrer halten sich ja in der Pause auch nicht dort
auf. Ja, das war's eigentlich..."
"Eigentlich?!"
"Na ja, okay.... ein anderes Thema ist wohl, das sein Besuch ausschließlich aus
Schülern besteht! Also KERLE! Als letztes soll er wohl was mit einem aus der
11. gehabt haben! Aber ob DAS stimmt, weiß ich nicht. Man erzählt es sich
bloß!", tratschte Takeru fröhlich weiter. Anscheinend war er nun voll in
seinem Element.
"WAS???? Er ist schwul???"
"Ja, aber bitte nicht so laut. Das ist zwar ein offenes Geheimnis, aber du
brauchst es trotzdem nicht rum zu schreien!"
"Und dann ist er Schulsprecher?" Akira riss überrascht die Augen auf.
"Ja, irgendwie scheint es hier keinen zu stören, dass er auf Jungs steht.
Wundert mich auch, dass die anderen auf solche Abnormalitäten so locker
reagieren!"
/Abnormalitäten???/ Hatte Akira da leichte Verachtung in der Stimme von seinem
Freund gehört? /Das bilde ich mir sicher nur ein!/ Aber so ganz sicher war er
sich da nicht. /Was, wenn Homosexualität für Takeru ein Problem ist? Er wird
doch wohl nichts gegen Schwule haben, oder? Was mache ich denn, wenn doch?/
Leichte Panik machte sich in ihm breit.
"Akira?"
/Dabei muss ich es ihm doch irgendwann erzählen! Bloß ich will ihn nicht als
Freund verlieren. Was mach ich bloß??? So ein Mist!/ Akira war zum heulen zu
mute! /Und diese dummen Stimmungsschwankungen nerven auch gewaltig!!!/
Plötzlich fühlte er, wie er kräftig an den Schultern gerüttelt wurde!
"Akira!" Takerus Stimme klang leicht panisch. Akiras Blick klärte sich wieder,
was Takeru mit einem Aufatmen quittierte. "Was ist mit dir?"
Akira wusste gar nicht, was Takeru meinte:
"Wieso?"
"Ich hab dich sicher fünf Mal angesprochen, aber du hast nicht reagiert sondern
einfach nur ins Leere gestarrt! Und dann hab ich nur noch gesehen, wie sich
deine Augen vor Schreck geweitet haben! Alles klar mit dir??? Du bist so komisch
zur Zeit!"
Takeru klang ernsthaft besorgt, doch Akira blockt nur ab:
"Ja ja, alles klar! Ich hab bloß nachgedacht!"
"Doch wohl nicht etwa über Hideo?"
"Nicht nur...!"
Takeru sah ihn fragend an. "Hä?"
"Ach, das musst du jetzt nicht verstehen!", versuchte Akira das Thema zu
beenden.
"Ich will's aber verstehen, immerhin sind wir Freunde!", ließ TK nicht locker!

"Nee, nee... es ist nichts! Vergiss es!"
"Ich seh doch, dass dich etwas beschäftigt!"
"NEIN! LASS MICH DOCH EINFACH IN RUHE!" Wie von der Tarantel gestochen machte
Akira kehrt und rannte in den Klassenraum zurück.
Wie lange TK noch da stand und ins Leere starrte, wusste er selbst nicht.
Genauso wenig wusste er, was jetzt in seinen Freund gefahren war. Was war bloß
los mit ihm???


Kapitel 3: Eher schlecht als recht

Schweigen! Das war es, was zwischen den beiden Jungen nun, nach Akiras seltsamen
Abgang, herrschte. Akira wusste nicht, wie er Takeru ansprechen sollte. Es war
ihm - noch - unangenehm über seine Problem zu sprechen. Und Takeru, sah es
nicht ein, dass er Akira immer hinterher rennen sollte.
Klar, sie waren Freunde, und die fragten auch mal nach, aber das hieß ja nicht,
dass er Akira alles aus der Nase ziehen musste. Akira konnte auch alleine mal zu
ihm kommen, denn soviel Vertrauen herrschte doch wohl zwischen den beiden?!
Auf jeden Fall herrschte im Moment gar nichts, beide waren so ruhig wie noch
nie. Ab und an warf einer mal einen Blick zum anderen, aber das war auch schon
alles.

In der großen Pause schlich sich Akira dann an Takeru heran.
Langsam und gaaaanz unauffällig schlenderte er zu ihm rüber und tat so, als
wenn er dringend einen Fleck an der Wand, genau neben ihm, beobachten müsste.
Im Stillen überlegte er fieberhaft, was er denn nun sagen sollte.
Takeru konnte sich ein Grinsen nur mit Mühe und Not verkneifen. Für ihn war es
offensichtlich, dass Akira kurz davor war, ihn anzusprechen, aber helfen wollte
er ihm auch nicht. Sollte Akira mal alleine den Anfang machen.
"Takeru?"
"Ja, Akira?", fragte er mit beiläufiger Stimme.
"Ich.... also eigentlich... na ja... also, gomen nasai! Bist du mir böse, weil
ich einfach so abgehauen bin???" Mit ängstlichen Augen blickte er Takeru an.
Dieser lächelte milde und antwortet:
"Eigentlich müsste ich, aber ich glaube, das kann ich nicht. Bloß es ist
offensichtlich, dass du ein Problem hast. Und wenn du drüber reden willst,
höre ich dir gerne zu. Aber erzählen musst DU es mir schon."
Am liebsten wäre Akira seinen Freund an den Hals gesprungen und hätte ihn ein
Mal durch geknuddelt, aber das wäre dann doch ein bisschen zu direkt. Also
beließ er es bei einem strahlendem Lächeln.
"Ja, ich weiß das du mir immer zuhören würdest. Aber es fehlt mir nichts,
echt! Ich bin vielleicht ein bisschen abgedreht zur Zeit. Ich weiß aber auch
nicht woran das liegt!" /Von wegen..../
Prüfend sah Takeru Akira ins Gesicht. Nicht die kleinste Regung war zu sehen.
"Gut, wenn du meinst. Dann muss ich dir wohl glauben. Ich vertraue dir!"
/Gomen nasai, ich will dich doch nicht belügen, aber was soll ich auch
machen???/ Wieder mal mit einem schlechten Gewissen meinte er nur:
"Klar..."
Danach herrschte wieder Schweigen. Das Klingelzeichen unterbracht ihre
Gedanken...

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Tief durchatmend stand Akira um genau 15.30 Uhr vor der großen Tür der
Turnhalle.
Viel hatte er mit Takeru nicht mehr gesprochen, und nun war sein Freund wohl
gerade auf dem Weg nach Hause. Akira hatte ihn zwar gefragt, ob er nicht
mitkommen wolle, aber Takeru hatte dankend verneint.
Also war Akira alleine nach Hause gerannt, hatte seine Sportsachen zusammen
gepackt und seinem << heißgeliebten >> Vater eine kurze Nachricht auf dem
Küchentisch hinterlegt.
Und nun stand er halt hier vor der Turnhalle - und traute sich nicht rein.
/Was ist denn mit mir los??? Ich bin doch sonst nicht so schüchtern!/ Er gab
sich einen Ruck und betätigte die Klingel neben der Tür.
Es dauerte einen kurzen Moment bis die Tür sich öffnete und wieder war es
Hideo, der seinen Kopf hinaus steckte.
"Ach du bist es! Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt und
kommst nicht."
"Nee, musste bloß noch meine Sachen von zu Hause holen", erklärte Akira sein
<< Fastzuspätkommen >>.
Hideo öffnete die Tür ganz und deutete Akira mit einem Handzeichen
einzutreten.
"Dort ist die Umkleide, aber das weißt du sicher! Zieh dich um und komm dann in
die Halle, der Rest ist schon da", begann er auch gleich Akira
rumzukommandieren.
"Klar, bin schon unterwegs..."

"Akira, hier rüber!" Hideo rief den Neuling zu sich herüber, aber nicht ohne
ihn vorher eingehend zu mustern. Akira, welchem der Blick auffiel, gab dies
wieder zu denken.
/Ob er wirklich schwul ist? Sieht man ihm gar nicht an! Na ja okay, nicht das
Schwule anders aussehen, aber... ach... egal.../
"Ja, ich komme..." Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung und eilte zu
seinem neuen Captain rüber.
"So, erst läufst du dich 10 Runden warm und kommst dann zu mir. Wir spielen zur
Eingewöhnung immer paarweise und heute werde ich dein Partner sein.", gab
dieser weitere Anweisungen.
Stumm setzte Akira sich in Bewegung und tat wie ihm geheißen...

Der Nachmittag verging eigentlich relativ schnell. Nach der Erwärmung folgten
verschiedene Übungen, die das Ballgefühl verbessern sollten.
Hideo erklärte Spielzüge und Taktiken. Akira wurde flüchtig den anderen
Teammitgliedern vorgestellt und eigentlich gut aufgenommen. Zwar kamen noch
keine richtigen Gespräche zu Stande, aber immerhin erntete er auch keine dummen
Bemerkungen.
Das mochte aber auch daran liegen, dass Hideo sich immer in seiner Nähe
aufhielt - und wer wollte sich schon mit dem Captain anlegen indem er einen
Neuling vergraulte?! Sicher keiner!

Akira wollte gerade zusammen mit den anderen Spieler, die Turnhalle verlassen,
als Hideo ihn zurück rief.
"Was gibt's?", wollte Akira wissen.
"Du bist gut. Wie lange spielst du schon?"
Akira überlegte kurz, antwortet dann aber: "So an die 8 Jahre, wieso?"
"Nee, schon gut, es hat mich bloß mal interessiert. Bist du neu an der Schule,
du bist mir vorher nie aufgefallen?!" Mit diesen Worten machte er einen Schritt
auf Akira zu. Der wich unweigerlich einen zurück.
Hideo runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Stumm standen sich beide
gegenüber.
"Ist noch was?" Akira konnte dieses Schweigen einfach nicht mehr aushalten!
/Wenn er doch bloß nicht so gut aussehen würde/ Ein leichtes Kribbeln machte
sich in seiner Magengegend bemerkbar, vielleicht nicht so stark, wie Takeru es
bei ihm mit einer einfachen Berührung auslöste, aber sein Körper schien auf
Hideo zu regieren. War ja auch eigentlich kein Wunder, so wie dieser gerade vor
ihm stand:
Sein durchtrainierter Körper steckte in weißen kurzen Hosen und einem
ärmellosen, muskelbetonendem Shirt, das durch den Schweiß, der Hideos Körper
einhüllte, wie eine zweite Haut saß. Durch das Weiß fiel Hideos unnatürlich
braune Haut auf. Seine blonden langen Haare wurden durch einen locker sitzenden
Zopf im Nacken zusammen gehalten. Seine strahlend blauen Augen /Augen so blau
wie der Himmel.../ fixierten Akira und blickten ihm ungeniert ins Gesicht.
"Nein, sonst ist nichts! Du kannst gehen!", meinte Hideo auf Akiras Frage mit
einem strahlenden Lächeln. Dieser musste sich mächtig zusammen reißen, damit
er bei diesem Anblick nicht anfing zu sabbern.
"Gut, dann werd ich mal!" Hideo kurz anlächelnd, verschwand er rasch in der
Umkleide, bevor noch ein anderer Teil seines Körpers anfing, auf diesen Anblick
zu reagieren. /Das wäre zu peinlich/
Ohne zu duschen, das würde er zu Hause machen, zog er sich über seine kurze
Hose eine schwarze Trainingshose, stopfte dann seine restlichen Sachen in die
Sporttasche und schulterte diese. Einen letzten Blick zum Halleninneren werfend,
machte er sich auf den Weg nach Hause.

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/Jaaaa, das tut gut/
Mit einem wohligen Stöhnen genoss Akira das warme Wasser, das seinen Körper
hinab rann und die durch das Volleyballspielen strapazierten Muskeln ein wenig
löste. Mit beiden Armen seinen Oberkörper umschlingend, stand er in der Dusche
und ließ das warme Nass einfach auf sich prasseln. Seine Gedanken, die eben
noch beim Volleyballtraining gewesen waren, schweiften nun wieder zu Hideo.
/Hm... Ich glaube, ich bin wirklich krank! Das kann nicht normal sein! Bis vor
ein paar Wochen wusste ich nicht mal, das ich auf Jungs stehe, und nun verliebe
ich mich Hals über Kopf in einen Älteren. Ich kenne ihn doch gar nicht. Okay,
auch wenn er gut aussieht... warum hab ich vorher nie bemerkt, dass Jungs mich
so anziehen? Warum kommt das alles so plötzlich? Und warum kann ich einfach mit
keinem drüber reden? Wenn ich doch bloß wüsste, dass Takeru nichts gegen
Schwule hat, dann würde ich mich ihm ja anvertrauen. Aber ich hab solche Angst,
dass er mich abweist und sich vor mir ekelt. Ich glaube, das würde ich nicht
verkraften! Dann könnte ich mir gleich 'nen Strick nehmen! Er bedeutet mir so
mächtig viel!/
Mit einem traurigen Lächeln musste Akira die Tränen zurückhalten.
/Und warum heule ich zur Zeit bei jedem Scheiß einfach los? Das war doch
früher nicht so! Takeru würde mich sicher auslachen! Aber es überkommt mich
einfach immer. Alleine, wenn ich daran denke, dass er mich mit einem
verächtlichen Blick ansieht, könnte ich vor Kummer zusammenbrechen. Ich hab
vorher nicht gewusst, dass mir ein Mensch so viel bedeuten kann. Ich war doch
sonst nicht so gefühlsduselig. Was ist denn los mit mir???/
Mit einem leisen Schluchzen und immer noch seinen Oberkörper umarmend, sank er
in der Dusche auf die Knie und wiegte sich hin und her. Trotz des heißen
Wassers, fror er gewaltig. Von der wohligen Wärme war nichts mehr zu spüren.
Doch die Kälte kam nicht von außen, sie kam von innen und zerfraß ihn langsam
Stück für Stück. Mit der Zeit hörte er auf gegen die Tränen anzukämpfen
und ließ ihnen freien Lauf!
/Warum muss das auch alles so kompliziert sein? Warum kann ich mir selbst nicht
eingestehen, dass ich schwul bin? Das ist doch eigentlich was ganz normales!
Okay, es kommt nicht so oft vor, aber bin ich deshalb ein anderer Mensch? Bloß
warum habe ich dann solche Angst davor? Warum, warum... Warum gibt es in meinem
Kopf nur noch diese eine Frage? Kann ich es nicht einfach so hinnehmen, wie es
ist? Muss ich denn immer alles zig mal durchdenken? Kann ich nicht einfach alles
so nehmen, wie es kommt?/
Müde sackte Akira gegen die Duschwand, die brennenden Augen schließend, döste
er ein. Das heiße Wasser, das immer noch über ihn lief, vergaß er. Er spürte
nur noch die Kälte....

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"Mhhh..." Stöhnend kam Akira wieder zu sich. Noch immer zusammengekauert in der
Dusche hockend, blinzelte er verwirrt einige Wassertropfen - oder waren es
Tränen? - aus den Augen.
/Was mach ich hier?/
Zusammen mit einem kalten Schauer, der ihm den Rücken runter lief, kamen auch
die Erinnerungen zurück. Wieder schluchzte er trocken auf. Die Kälte, die er
vor seinem Zusammenbruch gespürt hatte, war noch nicht vollkommen von ihm
gewichen. Doch dafür wechselte sie sich mit heißen Schauern ab, die von Außen
kamen.
/Ich muss hier raus!/ Leicht panisch versuchte Akira sich hochzustemmen, aber
sein Körper, schwach, von der verkrümmten Haltung der letzten... /Wie lange
hocke ich hier schon?/ Zeit, verweigerte ihm den Dienst. Mit einem Keuchen
sackte er wieder nieder.
Tiefdurchatmend startete er einen zweiten Versuch. Mit großem Kraftaufwand
schaffte er es nach einiger Zeit zitternd auf die Bein zu kommen! Mit vom Wasser
aufgeweichten Händen drehte er den Strahl, der noch von oben auf seinen
betäubten Körper fiel, ab. Fahrig öffnete er die Duschkabine und trat wacklig
hinaus...
... nur um von der überraschenden Kälte im Bad, irritiert wieder auf die
kühlen Fliesen zu sinken. Angesichts seiner körperlichen Schwäche bekam Akira
Angst.
/Was ist bloß los mit mir?/ Verwirrt nach Luft schnappend kam er wieder auf die
Beine. Sich unsicher ein Handtuch vom Ständer greifend, verließ er das Bad und
schlich in sein Zimmer.

Dort angekommen trat er entschlossen vor den Kleiderschrankspiegel. Sein
Spiegelbild raubte ihm den Atem. Das konnte doch unmöglich er sein:
Sein sonst blasshäutiger Körper, war vom heißen Wasser schlimm gerötet und
aufgeweicht, während er widersprüchlich dazu, von einer deutlich sichtbaren
Gänsehaut überzogen wurde. Ebenso sichtbar war auch das stetige Zittern, das
Akiras Gestalt nicht nur wegen dieses Anblicks, sondern auch auf Grund der
körperlichen Unfähigkeit immer wieder durchfuhr.
Den Blick abwendend, wog Akira den Gedanken ab, heute Nacht mal auf seine Shorts
zu verzichten. Alleine wenn er schon an den warmen Stoff dachte, der über seine
stark gereizte Haut scheuern würde, wurde ihm schlecht. Sein Körper schmerzte
auch schon so genug.
/Und nicht nur mein Körper.../, ging es ihm durch den Kopf.
Mit der letzten Kraft, die er aufbringen konnte, schritt er zum Bett herüber
und ließ sich geräuschlos unter die Bettdecke gleiten. Wie schon in der Nacht
zuvor, wirkte das kühle Bettzeug beruhigend auf Akira und erleichterte ihm das
Abdriften in den Schlaf.
/Ist mein Problem denn echt so gewaltig, dass es die Kraft hat, mich von innen
so zu zerfressen???/
Mit diesem letzten Gedanken, wurde es um Akira nun endgültig schwarz. Mit einem
erleichterten Seufzen fiel er in einen bleiernen Schlaf.

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Nicht, das dieser Schlaf erholsam gewesen wäre, aber immerhin konnte Akira sich
am nächsten Morgen nicht über Albträume beklagen.
Es kam ihm vor, als wenn er vor wenigen Minuten die Augen erst geschlossen
hätte, aber in Wirklichkeit waren seit diesem Moment Stunden vergangen. Stunden
in denen er sich, ohne es zu merken, unruhig von einer Seite auf die andere
geworfen hatte. Als er am nächsten Morgen die Augen aufschlug, musste er erst
kurz gegen den Schwindel ankämpfen, der ihn beim Sicherheben, überfiel.
Auf seinem Bett sitzend, schloss er die Augen, und hörte tief in sich hinein.
Irgendwas war anders als sonst... Nach einer Weile, fiel es ihm auf. Auch wenn
er den Schwindel hatte vertreiben können, ein Gefühl von Übelkeit war immer
noch geblieben. Okay, er hatte am Abend geheult wie noch nie /Wenn das wer
rausbekommt...?! Peinlich!/, aber davon wird einem doch nicht schlecht.
Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen:
Sein Magen beschwerte sich über die ungerechte Behandlung! Das letzte Mal hatte
er was zum Mittag zu sich genommen und das war jetzt schon ... er überschlug im
Kopf... über 18 Stunden her.
Da ihm aber nicht zum Essen zu mute war, erhob er sich schwankend, torkelte ins
Bad um sich fertig zu machen, steckte sich dann ein trockenes Brötchen in die
Brotdose und verließ das Haus. Das helle Tageslicht tat seinen Augen weh...

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Mehr schleppend als gehend, erreichte Akira wie jeden Morgen das Schultor nach
Takeru. Dieser kam ihm schon strahlend entgegen, die Hand zum Gruß erhoben, als
er in das Gesicht seines Freundes blickte.
Erschrocken ließ er sie wieder sinken. Seine Schritte beschleunigten sich, den
letzten Abstand zwischen Akira und sich überwand er laufend.
"Akira! Gütiger Himmel! Was ist denn mit dir passiert????"
Akira schenkte seinem Gegenüber ein verwirrtes Lächeln.
"Nichts! Was meinst du?"
"Dann hast du heute Morgen noch nicht in den Spiegel gesehen!!! Du siehst
scheiße aus!"
Gespielt empört erwiderte er: "Danke! Tolle Begrüßung!", fügte aber, als er
Takerus erschrockenen Blick sah, milde lächelnd hinzu: "Keine Angst! Ich bin
bloß ein bisschen müde! Das Volleyballtraining war doch anstrengender, als ich
gedacht hab. Meine Kondition ist scheinbar auch nicht mehr die Beste!"
Ein halbherziges Lächelnd blieb auf seinem Gesicht, um seinen Freund zu
beruhigen. Doch diesen ließ dieses Lächeln erst recht nervös werden!
"Hm... wenn du meinst!" Missmutig beobachtete er Akira.
Dieser schien heute morgen wirklich nicht in den Spiegel geblickt zu haben:
Sein Gesicht war kreidebleich, nur die immer noch leicht blaue Wange und die um
so schwärzeren Augenringe stachen daraus hervor. Wenn man Akira so sah, hätte
man denken können, dass er seit 3 Tagen keine Schlaf mehr gehabt hatte.
Langsam begann Takeru sich ernsthaft Sorgen um seinen Freund zu machen. Wenn
dieser nicht bald alleine mit seinem Problem zu ihm kam, würde er es aus ihm
rausquetschen müssen. Das war zwar sonst nicht seine Art, aber Akira schien
dieses Problem, das es laut ihm ja gar nicht gab, doch sehr zu belasten. Und
Takeru konnte unmöglich dabei zusehen, wie sein bester Freund daran zu Grunde
ging. Okay, das war jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber genauso sah
Akira zur Zeit aus....
Akira, der stumm vor sich hinstarrte, am Handgelenk Richtung Hauptgebäude
ziehend, betrat er den Schulhof.

In der ersten Stunde hatten sie Englisch.
Doch diese Stunde sollte für Akira eine große Hürde am heutigen Tag
werden...

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Nicht, dass Akira nur gegen die immer größer werdende Müdigkeit ankämpfen
musste, nein, jetzt kamen auch noch pochende Kopfschmerzen dazu.
/Ich lass mich nie wieder so gehen!/, schwor er sich, wenn er an seinen <<
Anfall >> vom letzten Abend dachte. DAS durfte er echt keinem erzählen!
Aber nun war es nun mal passiert, doch richtig besser fühlte er sich dadurch
auch nicht. Alle Welt behauptete doch immer, dass es einem bei Problemen hilft
zu weinen.
/Tsss... Das ich nicht lache! Das einzige was mir mein Geheule gebracht hat,
sind brennende Augen! Dann kann ich beim nächsten Mal auch drauf verzichteten./
Er schnaubte verächtlich.
Ob er die Tränen in so einem Moment wirklich zurückhalten konnte oder nicht,
schob Akira absichtlich bei Seite.
Er versuchte sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren. Irgendwie musste
er sich von dem ständigen Gegrübel abbringen. Das führte doch zu gar nichts.

/Außer zu Kopfschmerzen und schlaflosen Nächten ... und zu Heulkrämpfen/
Mit einem leisen Wimmern legte Akira den schmerzenden Kopf auf seine
verschränkten Arme, die auf der Schulbank lagen.
/Ja, so kann man's aushalten/
So war das starke Pochen in seinem Kopf nicht mehr ganz so akut zu spüren. Wenn
er jetzt noch die Augen schließen würde, würde er sicher einschlafen. Deshalb
zwang er sich, jedem von Herr Aoshi's Worten zu lauschen.
Die sonst so vertraute Sprache, kam ihm heute wie ein Wirrwarr an Lauten vor,
die er noch nie im Leben gehört hatte. Alles schien keinen Sinn zu ergeben. Die
immer wieder wiederholende Stimme hatte eine einlullende Wirkung. Alles um Akira
herum stumpfte ab. Die Geräusche wurden leiser. Alles hörte sich an wie in
Watte gepackt.
Leise seufzend genoss Akira die Stille für einige Augenblicke. Auch der
Wirbelwind, der in seinem Kopf zu wüten schien, legte sich langsam. Akira zwang
sich, nicht zu denken, sondern einfach nur seinem Herzschlag zu lauschen. Das
stetige poch-poch, poch-poch hatte ihn noch nie so fasziniert. Immer
wiederkehrend, regelmäßig ertönte es. Im gleichen Takt konnte er das Blut in
seinen Ohren rauschen hören.
Das war also das bekannte << Meeresrauschen >> wenn man sich eine Muschel ans
Ohr hielt. Wie sehr man kleine Kinder doch damit verzücken konnte! Auch er
hatte damals an das wellige Treiben des Meeres geglaubt, das sich in der meist
bunt und exotisch aussehenden Muschel verfangen hatte. Wie leicht man früher
doch an was geglaubt hatte! Und wie leicht einen immer das Leben vorgekommen
war. Wie ein großes Spiel. Keine Pflichten und Verantwortungen, einfach nur den
Tag genießen.
Wie sehr wünschte er sich diese Jahre zurück. Aber leider war das unmöglich.
Er hatte seine unbeschwerten Tage hinter sich gelassen und musste sich nun den
größer werdenden Problemen stellen.
Und sein Aktuellstes war wohl das Chaos, das bei seinen Gefühlen herrschte und
bei dem er nicht wusste, wie er es bewältigen sollte. Das beste war wohl echt,
wenn er alles so nahm, wie es kam. Viel ändern konnte er daran ja auch nicht.
Er würde schon irgendwann jemanden finden, dem er sein Herz schenken konnte.
Das war ja nicht mal seine Angst. Größere Angst hatte er vor der Reaktion TKs.

/Ob er mir dann vielleicht die Freundschaft kündigt? Oder ob dann für ihn -
und mich - das Wort << Freund >> eine andere Bedeutung bekommt? Dass er meine
Gefühle wohl kaum erwidern wird, ist mir klar, aber ich will ihn nicht als
guten Freund verlieren. Vielleicht können wir dann wenigstens so was wie
Brüder sein. Die sich alles erzählen können. Ja, das wäre schön/ Mit einem
verträumten Seufzen durchströmte ihn ein Glücksgefühl angesichts dieser
Vorstellung.
Aber seine Gedanken verdüsterten sich wieder!
/Aber was ist, wenn er dann den Kontakt zu mir abbricht? Wenn er nichts mehr mit
mir zu tun haben will? Nicht mal als Freund! Das wäre mein Untergang. Ich
glaube, ich habe einen großen Teil meines Herzens schon an ihn verschenkt!/
Schwer atmend erfreute sich Akira an der erlösenden Schwärze, die ihn
zärtlich umarmte...

... Das Nächste, an das sich Akira erinnern konnte, war ein immer lauter
werdendes Geräusch. Es schwoll zu einem wahren Chor an Stimmen heran.
Akira zwang sich einfach nicht hinzuhören. Sein Kopf fühlte sich wieder so
leicht an und dazu noch schmerzfrei. Das wollte er nicht aufs Spiel setzten,
indem er ihn dazu brachte, in das Stimmengewirr Ordnung zu bringen.
Plötzlich erlosch das Stimmengewirr. Wieder kehrte Stille ein. Akira wollte
sich schon wieder in die Schwärze, die ihn immer noch umfing, fallen lassen,
als er einen jähen Ruck merkte, der durch seinen Körper schoss.
Grummelnd hob er den Kopf ein wenig um sich zu orientieren, von wo dieser Ruck
gekommen war. Sobald sich sein Kopf von seinen Armen gelöst hatte, und er die
Dunkelheit beiseite schob, kehrten auch seine Erinnerungen zurück. /Shit!!!/ Er
hatte eine böse Vorahnung...
... und diese bewahrheitete sich, als er die Augen aufschlug. Keuchend riss er
den Kopf hoch. Sogleich begann sein Kopf wieder zu schmerzen und auch die wieder
lauter werdenden Stimmen seiner Mitschüler trugen zu nicht geringem Anteil dazu
bei. Akira ließ seinen Blick leicht verlegen durch den Raum schweifen.
Langsam begann alles Sinn zu machen:
Er war doch tatsächlich mitten im Englischunterricht eingeschlafen. Das
Stimmengewirr waren seine Klassenkameraden gewesen, die sich durch seinen
Anblick, ein Lachen nicht verkneifen konnten. Etwas hatte sie jedoch dazu
gebracht, wieder zu verstummen.
Und dieses << ETWAS >> baute sich gerade gefährlich vor ihm auf und sah aus wie
ein wütender Lehrer, der gleich alle Geduld verlieren und sich auf ihn stürzen
würde.
/Das wagt er doch nicht, oder?/
So sicher war er sich da jedoch nicht. Er hatte Herrn Aoshi nie richtig wütend
gesehen, aber er hatte es geschafft, sein Klassenlehrer kochte vor Wut.
"AKIRA! Was erlaubst du dir???" Sein Gesicht wurde noch eine Spur röter, obwohl
Akira das für unmöglich gehalten hatte.
Verlegen grinste der 16-jährige. Dann blickte er unsicher zu Takeru hinüber.
Dessen Augen hatten sich vor Schrecken geweitet, auch wenn er sich ein
amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte.
Und nun konnte Akira auch erahnen, was das für ein Ruck gewesen war, der ihn
durchzuckt hatte. Es war, so glaubte er zumindestens, Takeru gewesen, der ihn
mit einem leichten Tritt gegen das Stuhlbein wecken wollte.
Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Herrn Aoshi.
"Gomen nasai!" Sachte neigte er den Kopf. "Mir geht es heute nicht so gut...",
versuchte er seinem Lehrer diesen Ausrutscher zu erklären.
Der schüttelte nur den Kopf und schloss dann die Sache fürs erste ab.
"Ich muss dich leider bitte, nach der Stunde noch mal kurz hier zu bleiben. Tut
mir auch leid!" Dann fuhr er mit dem Unterricht fort.
Akira erntete noch einen enttäuschten Blick von Takeru. Doch dann blickte
dieser wieder gerade aus.
/Was hat er denn auch erwartet! Das ich ihm meine Leidensgeschichte erzählen
würde? Ich wollte ihn doch bloß nicht beunruhigen!/
Doch wahrscheinlich hatte TK gerade das erwartet. Wieder mal hatte Akira
Gewissensbisse...

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Das Gespräch bei Herr Aoshi verlief eigentlich nicht so schlecht, wie Akira
geglaubt hatte. Er kam mit einer mündlichen Verwarnung davon - das aber nur,
weil auch Herr Aoshi der Meinung war, das Akira schlimm aussah.
Und so fühlte sich dieser auch. Müde war er immer noch /Jetzt erst recht.../
und die Kopfschmerzen wollten immer noch nicht weichen. Er entschuldigte sich
noch ein Mal bei seinem Lehrer und verabschiedete sich mit einer tiefen
Verbeugung.

Vor dem Raum wartet Takeru. Er hatte sich gegen die kühle Wand gelehnt und
starrte aus dem Fenster. Akira versank in seinem Anblick. Die sonst eh schon
dunklen Augen, wirkten heute noch dunkler und auf seinem Gesicht lagen gerade zu
eisige Züge.
Akira wagte es gar nicht ihn anzusprechen. Das brauchte er auch nicht, denn
Takeru hatte in der Zwischenzeit die Anwesenheit seines Freundes bemerkt und
meinte immer noch gerade aus blickend:
"Mann, für deine Kondition solltest du echt mal was tun. Du scheinst ja gar
nichts mehr abzukönnen. Wenn du nach dem Training schon so müde bist, dass du
im Unterricht einschläfst!" Er hob leicht abwertend die Augenbrauen.
Akira, der den beißenden Ton in Takerus Stimme natürlich nicht überhören
konnte, selbst wenn er es wollte hätte, hatte jedoch keine Lust weiter auf die
indirekten Vorwürfe ein zu gehen. Sie konnten sich streiten, wenn es Akiras
Kopf besser ging.
Also meinte er nur ruhig: "Scheint so..."
Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, machte Takeru kehrt und wechselte zu
den Biologieräumen. Traurig schaute Akira ihm nach...

Die folgenden Stunden überstand Akira eher schlecht als recht.
Während der Stunden musste er mit der Müdigkeit kämpfen, die ihn jedes mal
wieder zu überfallen droht. In den Pausen grübelte er die ganze Zeit, wie er
sich bei TK, der scheinbar immer noch sauer auf ihn war, entschuldigen konnte,
ohne seine Lage erklären zu müssen. Das erwies sich aber als schwerer, als
gedacht.
Das einzig positive war, dass seine Kopfschmerzen langsam abflauten. Auch wenn
dafür die Übelkeit übermächtig wurde. Er war immer noch nicht dazu gekommen,
etwas zu essen. Und das lag nicht daran, das er keine Zeit hatte. Ihm war
spätestens nach der kurzen Auseinandersetzung mit Takeru, der Appetit
vollkommen vergangen.
Also unterdrückte er lieber die Übelkeit.

In der großen Pause nach der 4. Stunden kam er aber erst gar nicht zum
Grübeln...

"Akira! Akira!" Ein Junge, den Akira zuvor noch nie gesehen hatte, kam auf ihn
zugerannt. Leicht außer Atem brachte er keuchend hervor: "Akira! Hideo-sempai
wünscht dich jetzt gleich in der Sporthalle zu sprechen!"
"Worum geht's denn?", wollte Akira neugierig wissen. Alleine der Gedanke an
Hideo rief bei ihm eine gewisse Vorfreude hervor. Sein Problem mit Takeru war
für den Augenblick vergessen.
"Tut mir leid, aber er hat mir nichts genaues gesagt, nur das ich dich holen
soll."
"Seltsam...." Akira wusste nicht was er von der Einladung halten sollte.
/Vielleicht darf ich diese Pause sein << Besuch >> sein/, dachte er
schmunzelnd.
Mit schnellem Schritt überquerte er den Schulhof und hielt erst an, als er vor
der gewaltigen Halle stand.
Noch ein mal tief durchatmend, drückte er sachte die Klingel. Sein Herz begann
schneller zu schlagen...

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Wie auch schon die letzten beiden Male, als er vor der Turnhalle um Einlass
gebeten hatte, öffnete Hideo die Tür.
Akiras Herz setzte unfreiwillig einen Schlag aus, bevor es in doppelt so
schnellem Tempo weiter schlug.
/Als wenn es den fehlenden Schlag wieder aufholen will/, ging es Akira
unsinniger Weise durch den Kopf.
Stumm rückte Hideo zur Seite und ermöglichte dadurch Akira den Eintritt.
"Was gibt's, Cap?", fragte dieser so gelassen wie er konnte und hoffte, dass
sein Gegenüber das leichte Beben in seiner Stimme nicht bemerkte.
"Ich wollte dich sprechen", erklärte Hideo ruhig.
/Ach, so weit war ich auch schon/ Fast hätte Akira den Gedanken laut
ausgesprochen, aber zum Glück verweigerte ihm seine Zunge den Dienst! /Schon
ein komisches Gefühl, wenn der Geist noch klar denken kann, aber der Körper
ganz anders reagiert, als man will/ Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Und um was geht's?", hakte er nach einer kurzen Schweigeminute nach. Er begann
sich unwohl zu fühlen.
Ohne ein Wort zu sagen setzte sich Hideo in Bewegung und wechselte von dem
kleinen Vorraum des Gebäudes in die große Halle. Akira eilte ihm schnell
hinter her.
"Also,..." begann Hideo nun endlich zu sprechen. "...erstens wollte ich dir nur
mitteilen, dass wir unser Training jetzt nicht mehr um 15.30 Uhr beginnen,
sondern erst um 16 Uhr." Kurze Pause. "Und zweitens wollte ich mich mit dir mal
über deine alte Mannschaft unterhalten!"
Erstaunt blickte Akira auf.
"Meine alte Mannschaft?", fragte er unsicher zurück. /Warum will er das
wissen?/
"Ja..." Neugierig beobachtete Hideo Akiras Reaktion.
"Warum?"
"Ach, bin halt neugierig. Und wenn bei uns ein Neuer in die Mannschaft kommt,
quetsch ich ihn halt gerne aus.", gab der Captain verlegen zu.
/<< Ausquetschen >>, kann mir schon denken, was er meint.../ Ein schmutziges
Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.
"Spielen dort alle so gut wie du?"
Akira brauchte einen kurzen Moment um Hideos Gedankensprung zu verfolgen,
antwortete dann aber:
"Nicht, dass ich gut spielen würde! Ich hab dort leider nur zur zweiten Klasse
gehört! Aber wir hatten schon so einige Spieler, die nicht schlecht waren..."
Hideo schien beeindruckt zu sein. "Wow! Wenn du schon nicht gut spielst, was
macht denn der Rest von unserer Mannschaft?"
"Wieso? Du spielt doch auch klasse!" Eine leichte Röte überzog Akiras Gesicht.
/Hoffentlich bewertet er das jetzt nicht über!/
Als Akira den Kopf wieder hob, verschwamm für einen kurzen Augenblick die
Halle. Verwirrt blinzelte er, sein Blick klärte sich wieder.
Hideo ließ ein ein wenig abwertend klingendes Schnauben hören. "Ich glaube,
unsere Mannschaft hat echt noch viel zu lernen! ... Aber das wird ab jetzt kein
Problem mehr sein.", fuhr er in einem belustigteren Ton fort.
"Hä?" Akira konnte nicht folgen.
"Tja..." Ein Grinsen machte sich auf Hideos Gesicht breit. "... WIR haben
Unterstützung von der Schule bekommen. Ganz neue Marken-Bälle!" Stolz wies er
auf den Geräteraum. "Komm, ich zeig sie dir mal!"
Akira folgte seinem Captain durch die Halle, wobei er sich ziemlich stark auf
den Weg konzentrieren musste.
/Wow! Seit wann schwankt die Halle denn so bedenklich?!/ Um Akira herum begann
sich alles zu drehen, doch er schenkte dem Schwindel keine Aufmerksamkeit und
stapfte wacker seinem << Traumboy >> hinterher.
Dieser war bereits an dem Raum angekommen und verschwand für einen kurzen
Moment darin um mit einem blau-gelben Ball in der Hand wieder hervorzutreten.
"Geil, wah?" Akira, der sich mit einer Hand an der Wand abstützen musste, um
nicht ganz dem Schwindel zu verfallen, nickte schwach.
Hideo bemerkte Akiras komische Körperhaltung und zog die Stirn kraus.
"Kleiner", fragte er vorsichtig, "alles klar mit dir? Du bist so blass!"
"Ja ja, alles klar. Mir geht's gut!", log Angesprochener. Vor IHM wollte Akira
keine Schwäche zeigen!
Als wenn nichts wäre, fragte er mit einem schiefen Grinsen:
"Darf ich mal einen haben? Wirf her!" Hideo, zwar nicht ganz überzeugt, aber
was sollte er auch machen, warf Akira den Ball zu.
Dieser nahm die Hand von der Wand, um ihn zu fangen. Doch das war ein großer
Fehler, wie sich eine Sekunde später herausstellen sollte. Als wenn Akiras
Sehvermögen mit der Wand verbunden gewesen wäre, trübte sich sein Blick,
sobald er den Kontakt mit dem kühlen Mauerwerk verlor.
Instinktiv wollte er noch die Hände vors Gesicht schlagen, bevor der Ball ihn
genau dort traf, aber zu spät. Der Volleyballball traf Akira genau auf die
Nase.
Auch wenn er nicht viel Wucht gehabt hatte, genügte es um den mühsam Stehenden
völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Mit einem erschrockenem Keuchen
knickten Akira die Knie ein und er fiel rücklings zu Boden.
Der völlig überraschte Hideo stürzte auf den Fallenden zu, konnte den Sturz
aber nicht mehr verhindern. Als er bei Akira ankam, lag dieser schon auf dem
Boden. Vorsichtig kniete er sich neben ihn.
"Kleiner?!" Keine Reaktion. Erschrocken fasste er an Akiras Hals und taste nach
dem Puls.
Dieser ging etwas schneller als gewöhnlich, aber immerhin er ging. Als wenn man
davon sterben könnte, wenn man einen Ball an den Kopf bekommt, ging es Hideo
dann durch den Kopf und er schalt sich selbst einen Idioten.
Behutsam schob er eine Hand unter Akiras Kopf und strich ihm mit der anderen
kurz über die Wange. Diese war von kaltem Schweiß benetzt.
Besorgt sprach er ihn erneut an: "Kleiner?! Wach auf! Eh, Kleiner!"
Sachte rüttelte er ihn an der Schulter, worauf Akira kurz auf stöhnte.
Erschrocken hörte er mit dem Rütteln auf, nicht, dass er ihm noch weh tat.
Hoffnungsvoll blickte er in Akiras Gesicht... Dieser schlug langsam die Augen
auf.
Schleppend verzog sich die Schwärze, die Akira eben noch umfang hatte und vor
ihm tauchte ein Wirrwarr aus Farben auf. Zögernd materialisierten sich Umrisse
und er erkannte Hideo.
Dieser hatte sich angesichts von Akiras Regen ganz über ihn gekniet, sodass er
links und rechts von Akiras Oberschenkeln ein Knie aufgesetzt hatte. Den
Oberkörper nach unten beugend stüzte er sich nun auch mit den Händen links
und rechts von Akiras Kopf ab.
Dieser saß in der Falle. Er konnte sich nur minimal bewegen.
/Was soll das???/ Leichte Panik stieg in ihm hoch.
"Kleiner?!" Hörte er Erleichterung in Hideos Stimme? "Wieder ganz da???"
"Ja... ich glaub schon... Bloß..." Akira verzog das Gesicht und verstummte.
Hideos Miene verfinsterte sich wieder. "Bloß...?", hakte er nach.
"Bloß... meine Nase tut saumäßig weh!!!" Akira wimmerte ein Mal leise.
Auf Hideos Gesicht schlich sich ein Lächeln. "Och! Armer Kleiner! Aber wenn's
nur das ist...", flötete er gelassen und neigte den Kopf so tief runter, dass
er mühelos Akiras Nasenspitzen berühren konnte.
Er hauchte zart einen kleinen Kuss hinauf. Akira schoss die Röte ins Gesicht.
"Besser?" fragte er, angesichts dieser Reaktion, leise lachend. "Süß, rot
steht dir!"
"Aber... aber...", stotterte Akira hilflos.
"Na?", schnurrte Hideo. Er hörte sich an wie eine zufriedene Katze. "Soll ich
noch mal?"
Akiras Gesichtsfarbe steigerte sich noch mehr ins rote und er musste nach Luft
schnappen. Grinsend gab Hideo ihm noch ein kleines Küsschen auf die
Nasenspitze... um danach sachte mit seinen Lippen die von Akira zu berühren.
Dieser versteifte sich sofort. "Lass das!", zischte er unfreundlich.
Der Älter hob fragend eine Augenbraue. "Gefällt es dir denn nicht?"
"Wie sollte es mir gefallen, du bist ein Junge!" stellte Akira sich dumm. /Warum
kann ich nicht wenigstens ihm gegenüber ehrlich sein?/
Hideo lachte kehlig.
"Dein Körper sagt mir aber etwas ganz anderes!" Er zwinkerte dem hilflosen
Akira zu und streifte mit einer Hand kurz über die Beule in dessen Hose.
Akira konnte ein Keuchen nicht unterdrücken.
"Nun stell dich nicht so an! Denkst du ich weiß nicht, dass wir die selbe
Vorliebe haben!"
Akira riss verblüfft die Augen auf! "Woher...?"
Wieder dieses kehlige Lachen von Hideo. "Weiß du, eine Schlange erkennt die
andere!"
Mit einem nachsichtigen Lächeln machte er Anstalten sich zu erheben. Doch Akira
wollte die Situation noch nutzen.
/Wenn er schon weiß, das ich schwul bin, dann ist es auch egal!/ Schnell
schlang er die Arme um den Nacken des anderen und zog ihn zu sich runter. Der
überraschte Hideo ließ nur ein Keuchen von sich hören, als Akira stumm seine
brennendheißen Lippen auf die seinen presste. Damit hatte er nun überhaupt
nicht gerechnet.
Zögernd erwiderte er den stürmischen Kuss und ließ sich auf Akira sinken.
Wieder merkte er die Erregung des anderen, die verräterisch an seinen Schritt
drückte. Geübte rutschte er in dessen Schoß ein Mal auf und ab, was dem
Jüngeren ein heiseres Stöhnen entlockte.
Hideo grinste an Akiras Mund. Fordernd schob er seine Zunge vor und ließ sie
bettelnd über Akiras Lippen gleiten. Dieser öffnete sie bereitwillig. Nun auch
schon sichtlich erregt, erkundete Hideo den warmen Mund des anderen. Tastete
Zähne und Gaumen ab, bis Akira seine Zunge gegen die von Hideo stoßen ließ.
Beide verfingen sich in einem wilden Spiel, ein stummes Duell austragend.
Langsam ging Akira die Luft aus.
Nach Atem ringend löste er sich von Hideo, der ihm stumm ins Gesicht blickte.
Dann hellte sich seine Miene aber auf und er strahlte über das ganze Gesicht.
"Wow! Das du gleich so rangehst, hätte ich nicht gedacht!"
Auch Akira musste grinsen. "Ich auch nicht!", gab er verlegen zu. Fragend
blickte der Älter ihn an. "Du... ähm... bist der erste Junge, den ich geküsst
hab!", gab er stark errötend zu.
"Hey, kein Grund rot zu werden, jeder fängt irgendwann mal an. Dafür war es
doch echt klasse! Respekt!" Liebevoll leckte er Akira, der immer noch
schweratmend unter ihm lag, über die Nasespitze.
Dieser drückte Hideo noch flüchtig einen Kuss auf den Mund, bevor er sich
unter ihm zu winden begann. Hideo verstand und erhob sich wortlos. Stöhnend
richtet Akira sich auf.
"Ach ja...", schoss es Hideo ein, "geht's wieder? Was war los mit dir?"
"Ach, hab nur ein paar kleine Kreislaufprobleme...", tat Akira mit einem kurzen
Handwinken ab.
"Vielleicht solltest du mal zum Arzt...?", schlug Hideo vorsichtig vor, doch
Akira blockte gleich ab.
"Quatsch, das ist nicht nötig! Dein Training hat mich gestern einfach nur
umgehauen!" /Und wie.../ Schmerzhaft kamen Akira wieder die Ereignisse des
letzten Abends in den Sinn.
"Wenn du meinst...", erwiderte Hideo und reichte Akira eine Hand um ihm vollends
hoch zu helfen. Dieser nahm sie dankbar an.
Sich still zulächelnd traten sie zur Turnhallentür. Aber bevor Akira diese
öffnen konnte, hielt Hideo ihn am Handgelenk zurück.
"Du, Kleiner?!" Forschend sah Akira ihm ins Gesicht. "Also, das von eben..."
Verlegen brach Hideo ab.
"... keine Sorge. Ich weiß, dass es nichts Ernstes war." Half Akira seinem
Captain weiter. Dieser sah überrascht auf, nickte dann aber nur leicht.
"Dann tust du mir bitte aber auch noch einen Gefallen!"
"Welchen?", wollte der Ältere verwundert wissen.
"Du behältst das von eben für dich. Kein Wort zu niemandem!"
"Ach so... keiner weiß das du...."
Akira unterbrach ihn: "Nein, keiner weiß das ich..." er brach ab und blickte
betrübt zu Boden. "...schwul bist!" schloss Hideo gnadenlos.
/Warum hab ich so ein Problem damit, dieses Wort auszusprechen?/
"Genau..."
"Ach Kleiner! Du bist süß! Das kommt schon noch alles! Lass dir damit ruhig
Zeit!" Hideos Stimme nahm einen heiteren Ton an.
"Zeit lassen? Ich bin 16!" Er betonte die Zahl, als wenn das ein Alter wäre in
dem das halbe Leben schon an einem vorbei gerauscht war.
"Eben...", schmunzelte Hideo.
Schweigen. Aber kein unangenehmes, sondern eher ein vertrautes.
/Was so ein Kuss doch alles bewirken kann?!/, staunte Akira.
"Gut, dann ist ja alles klar...", unterbrach Hideo seinen Gedankenfluss.
Akira schlang noch ein letztes Mal die Arme um seinen Gegenüber, zog ihn zu
sich runter und gab ihm einen sanften Kuss. /Wer weiß, ob ich dazu noch mal
komme!/
Gemeinsam traten sie dann hinaus auf den von lauten Schülern belebten,
Schulhof. Akira fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr...


Kapitel 4: Regen

Mit einem vertrauten Lächeln trennten sich die beiden, sobald sie die Halle
verlassen hatten.
Akira schlenderte, immer noch ein schwereloses Gefühl habend, in Richtung
Takeru.
/Genau.... Takeru! Ob er wohl immer noch böse ist?/
Mit einem ergebenden Seufzen hielt er genau auf seinen Freund zu. Dieser blickte
überrascht auf, als er seinen Kumpel herankommen hörte.
"Na?!", vorsichtig begrüßte Akira seinen immer noch verstimmt dreinblickenden
Freund.
"Na?!", erwiderte dieser tonlos.
"Immer noch sauer?", entschloss sich Akira für einen Frontalangriff.
"Nicht sauer, aber vielleicht ein bisschen.... enttäuscht."
Akira stutzte. "Enttäuscht?"
"Ja, enttäuscht. Du redest nicht mehr mit mir!", erklärte Takeru und schien
sich bei seinen Worten selbst ein wenig seltsam vorzukommen. Trotzdem blickte er
Akira offen ins Gesicht. Die schönen braunen Augen schienen bis auf den Grund
seiner Seele sehen zu können.
"Warum?!" Akira wusste worauf Takeru hinaus wollte, doch er beschloss instinktiv
sich dumm zu stellen. "Ich rede doch mit dir! Oder etwa nicht?"
"Och Mensch, Akira! Nun stell dich doch nicht so blöd an!", fuhr Takeru ihn an.
Akira zuckte unweigerlich zusammen.
"Ich meine nicht << so >> reden. Ich meinte, dass du mir einfach nicht sagen
willst, was mit dir los ist und dass du alle Probleme in dich hinein frisst!"
Betrübte blickte er zu Boden, auch Akira senkte den Blick.
"Also...", begann dieser. Takeru blickte überrascht wieder auf. "Also... Okay,
sagen wir's so: Ja, ich habe ein Problem. Vielleicht sogar ein schwerwiegendes!
Und ich werde dir sicher davon erzählen! Aber.... nicht jetzt!" Verzweifelt
bohrte sich der Blick seiner grünen Augen in den von Takeru.
"Wenn das so ist..." So richtig überzeugt war dieser immer noch nicht. Aber er
schien sich mit Akiras Antwort fürs erste zufrieden zu geben. Übergangslos
wechselte er das Thema:
"Was hältst du eigentlich davon, wenn du Morgenabend mal wieder bei mir
übernachtest?! Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht!"
Akira überdachte den Vorschlag kurz. /Hm... Warum eigentlich nicht?!/ Ein wenig
verspätet antwortet er:
"Klar, ich muss zwar meinen Vater überreden - du weißt ja, Hausarrest - aber
ich denke, dass das kein Problem ist!"
"Schön!" Takeru schenkte seinem Freund ein Lächeln.
Bloß ob es für Akira wirklich schön werden sollte, war noch fraglich...

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Auch wenn Akira immer noch Kopfschmerzen hatte und Müdigkeit verspürte, war
eine zentnerschwere Last von seinen Schultern genommen worden. Endlich schien
Takeru nicht mehr sauer auf ihn zu sein. Sie unterhielten sich wie immer - was
Akira auch vor dem erneuten Einschlafen bewahrte! - und blödelten rum.
Als Akira den Unterricht überstanden hatte und es zum Ende der letzten Stunde
klingelte, wandte er sich an TK.
"Kommst du heute wieder mit zu mir?"
Doch dieser verneinte leider. "Sorry, aber muss noch was für meine Mum
besorgen. Und außerdem wäre es wohl für dich besser, wenn du dich zu Hause
erst mal hinlegst und 'ne Runde schläfst! Du siehst immer noch schrecklich
aus." Besorgt sah er seinem Freund ins Gesicht.
"Klar, werde ich machen!"
Mit diesen Worten verabschiedeten sie sich von einander.

Zu Hause angekommen, machte Akira seine Hausaufgaben und legte sich, nachdem er
endlich etwas gegessen hatte, auf sein Bett um zu schlafen.
Schon zum hundersten Mal an diesem Tag ging er das Treffen mit Hideo in der
Turnhalle im Kopf durch. Und wie jedes Mal, musste er grinsen.
/Wow! Nun hab ich also meinen ersten Kuss von einem Jungen bekommen! Nicht
schlecht! Es hat sich so unbeschreiblich gut angefühlt!/ Als er daran dachte,
wie erregt er gewesen war, stieg ihm die Röte ins Gesicht. /Was Hideo da wohl
gedacht hat? Mann, der war ja echt überrascht, als ich ihn plötzlich zu mir
runter gezogen hab! Aber das erschien mir in diesem Moment total richtig.
Immerhin hat er mich nicht von sich gestoßen!/
Akira gab ein glückliches Seufzen von sich und mit seinen Gedanken immer noch
bei Hideo, driftete er in einen traumlosen Schlaf...

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Der nächste Tag kam schnell.
Akira überzeugte noch am Abend seinen Vater davon, dass er bei TK übernachten
dürfe. Komischerweise hatte dieser kaum Einwände! /Welch Wunder!/ Was aber
auch gut daran liegen konnte, dass er die Kommunikation mit seinem Sohn fast
gänzlich eingestellt hatte.
Der Schultag verging auch relativ rasch. Akira fühlte sich dadurch, das er am
Nachmittag zuvor knapp fünf Stunden Schlaf nachgeholt hatte, auch wieder
munter.
Takeru war wie immer. Man konnte mit ihm quatschen, lachen und Späße machen.
Scheinbar hatte er es aufgegeben, Akira unter Druck zu setzen, was diesem
natürlich recht gelegen kam. Immer noch wusste er nicht, ob er seinem Freund
von seinem Problem erzählen sollte. Vielleicht würde sich ja mal irgendwann
ein günstiger Moment ergeben, den er ergreifen konnte....

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"Mensch, war ich schon lange nicht mehr hier!" Mit einem wohligen Gefühl sah
Akira sich in Takerus Zimmer um.
Früher war er öfters mal hier gewesen. Sie hatten hier ihre Aufgaben erledigt
und danach Musik gehört. Takeru hatte eine riesige Anlage. Insgeheim beneidete
Akira seinen Freund darum, aber wenn er wollte, könnte er sicher auch so eine
haben. /Geld genug hat mein Alter ja..../ Doch so hatte er immer wieder einen
Vorwandt zu TK nach Hause zu kommen.
Er fühlte sich hier einfach wohl. /Es ist alles so gemütlich!/
Takerus Zimmer war ein wenig kleiner als das von Akira.
Wenn man zur Tür reinkam, hatte man sofort einen Blick auf ein riesiges Fenster
unter dem Takerus Schreibtisch stand, der immer aufgeräumt war. Links an der
Wand hatte Takeru sein Futon. Und daneben würden sie sicher auch wieder das von
Akira ausbreiten. Platz genug war ja. An der rechten Wand stand ein
eichenfarbener Kleiderschrank mit großem Spiegel. Daneben befand sich eine
Tür. Sie führte zu einem kleinen Badezimmer mit Dusche, Toilette und
Waschbecken, das Takeru ganz alleine gehörte. So mussten die beiden nicht immer
durch das ganze Haus laufen, wenn sie mal für kleine Jungs mussten.
Takerus Eltern waren wirklich nette Leute. Frau Kida versorgte sie immer mit
genug Nahrhaftem. /So eine Mutter hätte ich auch gerne! Ob TK sie gegen meinen
Vater tauschen würde?!/, dachte Akira öfters sarkastisch. Takerus Vater war
Geschäftsleiter eines kleinen Supermarktes an der Ecke.
"Ja... schön das du mal wieder da bist!" Takeru lächelte ihn sanft an.
In Akiras Magen zog sich etwas zusammen. /Warum erzähl ich es dir nicht
einfach!/, dachte Akira traurig, nur um sich nach einem kurzen Moment selbst zu
antworten. /Weil du dann sicher nichts mehr mit mir zu tun haben willst!/
Ein Blick auf die Uhr sagte Akira, dass es schon 20 Uhr war. Sie waren nach der
Schule noch << schnell >> bei Akira zu Hause gewesen, um dessen Sachen zu holen.
Und wie immer konnten sie sich nicht losreißen.
Sie hatten ewig gebraucht, um zu entscheiden, welche CDs von Akira sie mitnehmen
würden. Als sie dann endlich so weit waren, dass sie los konnten fing es
natürlich an wie aus Kübeln zu gießen!
/War ja klar!/ War es Akira in diesem Moment durch den Kopf gegangen. Also
mussten sie wieder 20 Minuten warten bis sich der Regen gelegt hatte. DANN
endlich konnten sie sich auf den Weg machen. Unterwegs hatte ein leichter
Sprühregen eingesetzt, sodass sie trotzdem komplett durchnässt waren, als sie
hier ankamen.
"Wollen wir duschen?", fragte Takeru, der grummelnd an seinem nassen T-Shirt
zupfte. Es klebte hauteng an seinem Oberkörper.
"Klar! Geh du aber ruhig zu erst!" Mit diesen Worten ließ sich Akira auf
Takerus Futon nieder.
Mit spitzen Fingern zog er sein eigenes Shirt über den Kopf. "Ist das
widerlich!"
"Ganz deiner Meinung!", rief Takeru, der schon auf dem Weg ins Badezimmer war.
Kurze Zeit später registrierte Akira wie dort das Wasser aufgedreht wurde...

"So, bin fertig. Du kannst!"
Akira schreckte hoch. Er hatte Takeru gar nicht in den Raum reinkommen gehört.
Der frisch Geduschte stand nur mit einem Handtuch um die Hüften vor ihm und
blickte ihn besorgt an. "Alles klar?"
Akira nickte schnell. "Klar, was sollte denn nicht stimmen?!"
Schnaufend erhob sich Akira und tapste, sein nasses T-Shirt über die Schulter
gehängt, zu seiner Tasche. Er zog ein neues trockenes T-Shirt hervor, genauso
wie eine kurze Hose und Unterwäsche. Mit einem letzten Blick zurück auf TK
verließ er dessen Zimmer und schloss sich im Bad ein.
Seltsam berührt blickte er sich in dem vertrauten Bad um. Er atmete tief die
feucht-warme Luft ein, die ganz deutlich nach Takerus Duschgel roch. Sein ganzer
Körper begann zu kribbeln. /Warum muss er auch so gut riechen?!/
Seufzend entkleidete er sich vollkommen und stieg unter die Dusche. Das warme
Wasser war mehr als angenehm auf seinem durch den Regen ausgekühlten Körper.
Akira stand eine Weile einfach nur regungslos unter dem weichen Wasserstrahl und
registrierte, wie er wieder Gefühl in den Gliedern bekam.
/Herrlich!/ Schnurrend wie eine Katze begann er sich einzuseifen. Seine Gedanken
wanderten wieder zu seinem Freund im anderen Zimmer.
Leise lauschend vernahm Akira, dass dieser wohl eine von seinen CDs angemacht
hatte, konnte aber durch das Geräusch des fließenden Wassers nicht ausmachen,
welche es war.
Mit geschlossenen Augen spülte er sich die Seife von seinem durch die Wärme
kribbelnden Körper ab.
Alleine wenn er schon daran dachte, dass vor wenigen Minuten Takeru hier nackt
gestanden hatte und sich, genauso wie er, eingeseift hatte! /Schnurr!/ Das
Kribbeln verstärkte sich deutlich spürbar in einer speziellen Gegend seines
Körpers. /Mensch, seit wann bin ich denn so schnell erregbar! Ich hab Takeru
früher doch auch schon nackt gesehen/ Mit einem wohligen Schauder dachte er
daran zurück! /Ganz schön beeindruckend, wie schnell man sich doch an einen
Menschen gewöhnen kann! Ich kenne Takeru gerade mal 3 Monate, aber es kommt mir
wie mein halbes Leben vor. Vielleicht liegt es daran, das er mein erster
richtiger Freund ist?!/, philosophierte er stumm.
Seufzend stellte er nach einer Weile des Grübelns das Wasser ab und stieg aus
der Dusche. Mit einem Handtuch trocknete er sich ab, um dann in seine Sachen zu
schlüpfen.
Das Handtuch über die Heizung hängend, schloss er die Tür wieder auf um
barfuß in Takerus Zimmer zu huschen.
Dieser hatte sich auf seinem Futon ausgebreitet und die Augen geschlossen. Akira
legte seine nassen Sachen auf seine Tasche und kniete sich dann vor Takerus
Futon.
Auf dem entspannten Gesicht seines Freundes lagen weiche Zügen. Jedoch zeigte
er keine Regung, ob Akira auftauchen. Es war, als wenn er seine Anwesenheit gar
nicht bemerkt hätte.
/Wie schön er doch aussieht!/
Das klare Profil seines Freundes beobachtend, konnte Akira gerade noch so ein
Seufzen unterdrücken. Wie gerne hätte er die feinen Züge von Takerus Gesicht
mit seinem Finger nachgezeichnet, aber das war unmöglich!
/Was er wohl von mir denken würde, wenn ich ihn jetzt anfangen würde zu
begrabbeln?/ Darauf wollte er lieber keine Antwort finden.
/Ob er wohl schläft?/ Sanft blies er seinem ruhig daliegenden Freund sachte in
den Nacken.
Dessen Körper zeigte sofort eine Reaktion und überzog sich mit einer feinen
Gänsehaut.
Von den wohligen Schauern, die die Gänsehaut durch seinen Körper schickte,
geweckt, begann Takeru sich leicht zu regen. Als er leicht benommen die Augen
aufschlug, blickte er in wohlbekannte grüne Katzenaugen, die ihn belustigt
anfunkelten.
"Na, wach?" Akiras Stimme hatte einen rauen Ton angenommen. Verlegen räusperte
er sich.
Takeru streckte sich seufzend und erwiderte dann neckend:
"Tja, wenn du so lange im Bad brauchst!"
Übermütig strecke Akira seinem Freund die Zunge raus. Dieser nahm dies, von
neuen Lebensgeistern belebt, als eine Herausforderung. Ohne Vorwarnung stürzte
er sich auf seinen verdutzt dreinblickenden Freund und begrub denn überrascht
Keuchenden unter sich.
Dieser brauchte aber nicht lange um sich wieder zu fassen und kämpfte sich nun
mit großem Kraftaufwand nach oben.
Mit einem triumphierenden Grinsen throne er auf Takerus Schoss, dessen Arme
über seinem Kopf festhaltend. Takeru wand sich unruhig unter ihm.
Als Akira bemerkte, wie der Stoff von Takerus Hose gegen seine rieb, begann sich
in seiner Lendengegend etwas zu regen. Mit einem erschrockenen Keuchen stieß er
sich von Takeru ab und rollte sich neben ihn.
/Mist! Hoffentlich hat er nichts gemerkt!/ Unsicher hockte er nun, seine
Erregung unauffällig verdeckend, neben seinem Freund. Dieser blickte ihn
verdattert an.
"Akira?" In Takerus Stimme schwang ein verwirrter Ton mit. Fragend blickte er in
Akiras Gesicht und streckte eine Hand aus, die er sachte auf dessen Knie legte.

Als wenn TKs Hand einen gewaltigen Stormschlag durch Akiras Körper geschickt
hätte, wich dieser keuchend zurück.
Takeru zog erschrocken seine Hand weg. Was war mit seinem Freund los?
Umständlich rappelte Akira sich hoch und lief auf wackeligen Beinen Richtung
Bad. Auch Takeru war auf die Beine gekommen und hastete seinem Freund nach. Doch
dieser erreichte die rettende Tür zuerst und schlug sie genau vor Takerus Nase
zu.
Den Schlüssel im Schloss umdrehend, lehnte er sich japsend gegen die
verschlossene Tür. Von Außen waren nur Takerus verwirrte Rufe zu hören.
"Akira! Mach auf! Verdammt! Was ist denn los mit dir?" Der Eingeschlossene
zeigte jedoch keine Reaktion. Akira verfiel in eine benommene Starre.
In Takerus Stimme mischte sich jetzt zur Unsicherheit auch noch Wut.
"Eh! Du wirst jetzt sofort diese scheiß Tür aufmachen!"
Als von drinnen immer noch kein Laut ertönte, wurde Takeru zunehmend nervöser.
Was tat sein Freund dort drinnen? Warum wollte er ihn nicht reinlassen? Was, zum
Teufel, war hier eigentlich los?
Als auf ein erneutes um Einlassbitten wieder keine Antwort erfolgte, entschied
Takeru sich zu drohenderen Mitteln.
"Schließ auf, oder ich mach die verfluchte Tür alleine auf - und frag nicht
wie!"
Akira hatte sich unterdessen leise wimmernd neben das Waschbecken auf den
Fußboden gekauert. Mit seinem Rücken lehnte er an der kühlen, vom
kondensierenden Wasser nassen Wand. Doch er spürte nicht, wie sein T-Shirt
langsam wieder durchnässt wurde.
Akira war in dunklen Gedanken versunken. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und
jeder Versuch sich irgendwie zu beruhigen misslang ihm. Seine deprimierenden
Gedanken drehten sich im Kreis.
Zittrig fragte er sich, warum er eben die Flucht ergriffen hatte. Nun würde er
Takeru alles erklären müssen und da er seinen Freund nicht weiter anlügen
wollte - nein, konnte - musste er ihm wohl oder übel die Wahrheit sagen. Doch
das konnte er auch nicht. Viel zu groß war die Angst, dass Takeru ihn
zurückweisen und sich vor ihm ekeln würde.
Akira wusste nicht weiter. Was sollte er tun? Er konnte nicht ewig in diesem Bad
bleiben. Irgendwann musste er seinem Freund gegenüber treten.
Der 16-jährige merkte nicht, wie er in seinen ausweglosen Gedanken begann immer
hysterischer zu werden. Deutlich jedoch spürte er, wie Tränen in seinen
Augenwinkeln zu brennen begannen und das Letzte, was er jetzt wollte, war
ungehalten loszuheulen.
Ein dumpfes Geräusch ließ Akira zusammenzucken.
Draußen schlug Takeru wütend gegen die robuste Tür.
Eintreten würde er die wohl nicht können, davon abgesehen, wie sollte er dies
seinen Eltern erklären?!
Plötzlich kam Takeru eine Idee. Hach, wie gut das in diesem Haushalt alle
Türschlösser, abgesehen von Haustür und Garage, mit dem gleichen Schlüssel
zu öffnen waren. Schnell lief er zu seiner Zimmertür und zog den Schlüssel,
der dort steckte, ab.
Wieder an der Badtür angelangt, versuchte er noch ein letztes Mal seinen Freund
zu überreden.
"Mensch, Akira! Nun hör auf mit dem Scheiß! Mach die Tür einfach auf und
erzähl mir was los ist! Ich werde dich schon nicht umbringen!"
Bei diesen Worten hörte er von drinnen ein erstickendes Auflachen, doch es
klang ganz und gar nicht nach dem Lachen, das er von seinem Freund kannte.
Takeru wurde leicht schlecht bei der deutlichen Hysterie, die diesem Laut
anzuhören war und seine Sorge steigerte sich fast ins Unermessliche.
Er musste da rein und sehen, was mit seinem Freund los war!
Entschlossen schob er den Schlüssel in das Schloss. Ein kurzer Widerstand sagt
ihm, dass er auf den Schlüssel, der von innen steckte, gestoßen war. Mit einem
Ruck schob er seinen Schüssel tiefer ins Schloss und stieß somit den von innen
steckenden raus.
Mit einem leisen Klirren landete er auf dem gefliesten Boden. Ein erleichtertes
Schnauben ausstoßend, drehte er den Schlüssel im Schloss und öffnete somit
die Tür.
Was für ein Anblick sich ihm da bot, ließ ihm fast das Herz zerspringen vor
Schmerz. Sein sonst so stark wirkender Freund hatte sich neben dem Waschbecken
zusammen gerollt und die Arme um seinen Oberkörper geschlungen. Starr saß er
da und regte sich nicht. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet. Auf seinen
Wangen glänzten verräterisch nasse Spuren in dem Licht, das aus Takerus Zimmer
herein fiel.
"Akira!" Takeru stürzte zu seinem Freund hin und rüttelte ihn nach kurzem
Zögern sanft an den Schultern. "Akira! Was ist los?"
Akira blinzelte verwirrt und nach einem schier endlosen Moment weiteten sich
seine Augen panisch. Als wenn Takeru ihn mit seiner Berührung verbrenne
würde, stieß er seinen Freund von sich. Ein leises "Fass mich nicht an!" war
zu hören.
Während Takeru hart auf seinem Hinterteil landete, hatte Akira sich
hochgerappelt und stürmte in wilder Panik aus dem kleinen Bad.
/Ich kann es ihm einfach nicht sagen!!! Er wird mich hassen!!!/
Doch auch Takeru war schnell wieder auf den Beinen. Mit fast schon einem
Hechtsprung warf er sich auf seinen flüchtenden Freund!
"Akira! Nun stell dich nicht an wie ein Kleinkind! Red endlich mit mir! Wir sind
doch Freunde!"
"Nein! DAS kann ich dir nicht sagen!"
Den wild Zappelnden zu Boden ringend, hielt Takeru Akira wütend fest! "Klar
kannst du das!"
Plötzlich erschlafft Akira unter ihm. Er hörte auf zu zappeln und blieb
bewegungslos liegen. TK, der dachte, dass er seinem Freund wehgetan hatte, ließ
ihn überrascht los. "Erzählst du mir bitte was los ist?" Takerus Stimme wirkte
unendlich sanft.
Doch zu seiner Überraschung nahm Akiras Stimme einen fast schon gehässig
wirkenden Ton an, als er hervor stieß:
"Du willst wissen, was mit mir los ist? Okay!"
Damit packte er den überraschten Takeru an den Schultern und kämpfte sich
wieder nach oben; nun saß er auf seinem Freund und drückte ihn zu Boden.
"Was...." Zu mehr kam dieser nicht, denn dann spürte er, wie Akira hart die
Lippen auf die seinen presste.
Mit einem Keuchen begann er sich zu winden und kämpfte gegen den harten Kuss
an. Als Akira auch noch seine Zunge in Takerus Mund schieben wollte, biss dieser
instinktiv zu.
Dies brachte den 16-jährigen anscheinend wieder zur Besinnung, denn er brach
keuchend den Kuss ab.
Überrascht löste er sich ein wenig von seinem Freund. /Was tue ich hier??? Bin
ich denn völlig verrückt geworden?!/
Diesen Moment nutzte Takeru um den immer noch verwirrten Akira mit einem
kräftigen Stoß vor die Brust vollends von sich zu stoßen.
"Spinnst du???", schleuderte Takeru seinem nun am Boden liegenden Freund
entgegen. "Was sollte das?"
In Akiras Augen glomm noch ein letztes Mal dieser gehässige Funken auf, welcher
aber von absoluter Hilflosigkeit verdrängt wurde. "Du wolltest doch wissen was
mit mir los ist! Nun weißt du's!" Es klang fast schon kleinlaut.
Takeru wischte sich angeekelt mit dem Handrücken den Speichel von seinem Mund
ab.
"Du... du bist... du stehst auf Kerle.... ??? Das ist doch... !" Erschrocken
weiteten sich Takerus Augen. Doch zu einer weiteren Erwiderung war er nicht
fähig, als er sah, wie sich Akiras Gesichtsausdruck, ja, sogar seine ganze
Haltung schlagartig veränderte.
Die zuvor noch erschreckend weit aufgerissenen Augen wurden wieder normal und
begannen sich mit Tränen zu füllen. Sein zuvor in Abwehrhaltung verharrender
Körper sackte in sich zusammen.
Gerade als TK sich durchringen konnte, etwas zu sagen, fiel ihm auf, dass Akira
bereits weg war.
Er hörte nur noch eilige Schritte, die die Treppe hinunter polterten und dann
eine Haustür, die überlaut zugeschlagen wurde.
"Akira!" Auch wenn Takeru wusste, dass sein Freund ihn nicht mehr hören konnte,
stieß er einen wütenden Schrei aus...
So schnell war Akira noch nie in seinem Leben gelaufen.
/Was hab ich bloß getan??? Anstatt es ihm schonend beizubringen, überrumple
ich ihn so. Er hasst mich jetzt sicher! Was soll ich denn nun tun?/
Hemmungslos begann Akira zu weinen. Durch den dichten Tränenschleier
registrierte er gar nicht, wohin er lief. Er folgte einfach seinem Instinkt.
Nicht schlecht staunte er, als plötzlich vor dem Stadtpark stand. Völlig
außer Atem ging er langsam den sandigen Weg entlang und setzte sich dann auf
eine der vielen Bänke.
In diesem Moment war es ihm egal, ob er von den wenigen Leuten, die sich zur
Zeit hier aufhielten, gesehen wurde. Die Beine zu sich ranziehend, kauerte er
sich auf die vom Regen noch nasse Bank.
/Ich bin so krank! Warum konnte ich es ihm nicht auch gleich erzählen? Warum
musste er es so erfahren? Er wird mich nie wieder sehen wollen. Ich hab alles
versaut!/
Leise begann er zu schluchzen. Sein Kopf war wie leer gefegt. Das Einzige, an
das er denken konnte, war der angeekelte Ausdruck auf dem Gesicht seines
Freundes. Und dieser Anblick tat ihm so weh, vor allem da er wusste, dass er
daran Schuld war, dass er einen gequälten Laut von sich gab.
Dann wurde er jedoch schlagartig ganz ruhig. Er zwang sich, an nichts zu denken
und einfach nur hier zu sitzen. Sein vom Laufen erschöpfter Körper überzog
sich mit einer Gänsehaut. Erst jetzt bemerkte Akira, dass es angefangen hatte
zu regnen. Seine kurze Hose und das T-Shirt waren bald vollkommen
durchnässt....
Von einer plötzlichen Müdigkeit förmlich erschlagen, schloss Akira die Augen.
Er merkte gar nicht, wie er nach einer Weile in einen gnädigen Dämmerzustand
verfiel...

Mühsam schlug Akira die Augen wieder auf. Irgendetwas hatte sich um seine
Schultern gelegt und ihn somit bewogen, sich wieder zu regen.
Als er den Kopf hob, blickte er in ein besorgtes Gesicht. Es dauerte einen
Moment, bis er es zuordnen konnte, doch dann sprang ihn die Erkenntnis gerade zu
an.
"Hideo!" Verzweifelt schmiss er sich in die Arme des Älteren, bevor die Welt um
ihn herum wieder in Dunkelheit versank....

"Kleiner!"
Die Stimme schien von weit her zu kommen. Dennoch brachte Akira die Kraft auf,
die Dunkelheit, die ihn wie dicker Nebel umfing, beiseite zu drängen. Müde
schlug er die Augen auf.
Erneut sah er das Gesicht von Hideo über sich.
/Also war es doch keine Einbildung gewesen!/ Abermals begannen sich seine Augen
mit Tränen zu füllen, diesmal zeugten sie jedoch von einer regelrechten
Erleichterung.
"Hey! Nicht doch!", versuchte Hideo seinen kleinen Freund zu beruhigen, als er
dessen Tränen sah. Doch dieser konnte sie einfach nicht zurück halten.
"Schhhh.... Das wird schon wieder. Kleiner! Hey! Ganz ruhig!"
Hideo hatte sich mit dem zu diesem Zeitpunkt noch bewusstlosen Akira auf der
Bank nieder gelassen und hatte dessen Kopf auf seinem Schoß gebettet. Nun
strich er ihm aufmunternd über die Wange.
"Komm hoch!"
Akira tat wie ihm geheißen. Stumm erhob er sich. Hideo legte ihm wieder seine
Jacke um die Schultern, bevor er ihn vertraut an die Hand nahm und den immer
noch zitternden Akira hinter sich her zog.
Dieser ließ es mit sich machen und blickte sich erst um, als der Regen
plötzlich weg war und er in einen freundlich wirkenden Flur geschoben wurde.
Ohne viel Heckmeck streifte Hideo ihm die Schuhe ab, wickelte ihn wieder aus der
Jacke und schob ihn in ein warmes Wohnzimmer.
Dort wurde Akira auf eine Couch gedrückt, nachdem Hideo ihm das nasse T-Shirt
und die nasse Hose ausgezogen hatte.
Mit einer kurzen Handbewegung griff er nach einer kuscheligen Decke und schlang
sie um den zitternden Akira. Dann ließ er sich neben ihm nieder und sah ihm
sanft in die Augen, welche wieder mit Tränen gefüllt waren, da Akira wieder
angefangen hatte stumm vor sich hin zu weinen.
Hideo, der diesen Anblick nicht ertragen konnte, zog den Jüngeren wortlos zu
sich heran und nahm ihn warm in den Arm.
So saßen sie eine Weile da, bis Akiras Tränenfluss versiegt war und Hideo die
behagliche Stille durchbrach.
"Geht's wieder?"
Akira nickte knapp. "Hai...."
Ein wenig beruhigter nahm Hideo Abstand von seinem Freund, damit er ihm ernst
ins Gesicht blicken konnte.
"Magst du mir erzählen, was passiert ist?"
Mit müdem Blick lehnte sich der Angesprochene wieder gegen den Älteren und
seufzte tief. Als Hideo schon dachte, Akira würde verbissen schweigen, begann
der schleppend zu erzählen:
"Ich glaub, ich hab den größten Fehler meines Lebens begannen!" Akira schien
kurz zu überlegen. "Ich... hab meinem besten Freund ... erzählt... dass ich
schwul bin. Doch... eigentlich hab ich es ihm ja nicht << erzählt >>!"
Hideo gab einen fragenden Laut von sich, worauf Akira seinen immer noch leicht
verklärten Blick auf den Älteren richtete und tonlos meinte: "Ich hab ihn
geküsst!"
"Du hast was?" Hideo schnappt erschrocken nach Luft.
"Ich weiß auch nicht... Ich hatte mich einfach nicht unter Kontrolle! Was
sollte ich denn machen? Er hat mich irgendwie... in die Ecke gedrängt!" Akira
überlegte kurz, ob man das so nennen konnte. Entsprachen seine Worte der
Tatsache oder suchte er nur nach einer Ausrede, um sein Verhalten zu
entschuldigen? Hilflos blickte er Hideo an, doch der schwieg. "Und nun hasst er
mich!" Akiras Stimme klang gequält.
Doch zu seiner Überraschung schüttelte Hideo entschieden den Kopf.
"Quatsch, das wird er schon nicht! Wenn er echt dein bester Freund ist, dann
kommt er damit klar! Ansonsten war er kein wirklicher Freund!"
"Aber ich hab ihn geküsst! Ist dir das klar? GEKÜSST! Er steht nicht auf Jungs
und wie er mich danach angesehen hat, so angeekelt!"
"Ach Kleiner! Das ist doch ganz natürlich, so wie du ihn überrumpelt hast. Gib
ihm erst mal Zeit, um über alles nachzudenken." Hideo zog den schon wieder
Schluchzenden in eine warme Umarmung! "Das biegen wir schon wieder hin, okay?"
Akira war überrascht. "Wir???"
"Klar! Denkst du, ich lass dich in diesem Zustand frei rumlaufen? Dann kann ich
dich ja gleich aus 'nem Fenster schupsen! Natürlich helfe ich dir! Ich hab dich
nämlich echt gerne, Kleiner!"
Überrascht löste sich Akira von dem Älteren und blickte ihm ins Gesicht.
"Nein, nicht << so >> gerne! Aber ich würde mich freuen, wenn wir Freunde
werden könnten!", gab Hideo leicht verschmitzt lächelnd zu.
Ein Lächeln war es auch, was Akira erwiderte, glücklich, nicht alleine zu
sein.
Nach einer Weile jedoch lehnte er sich müde auf der Couch zurück. Hideo schien
gleich zu verstehen..
"Ist okay! Ich will gar nicht wissen, wie lange du da in dem kalten Regen
gesessen hast! Du kannst hier auf der Couch ein bisschen schlafen, in Ordnung?
Ich koche uns Tee. Also falls etwas ist, ich bin da...", er wies auf eine Tür.
"... in der Küche!"
Mit diesen Worten erhob er sich und verschwand.
Akira streckte sich auf der weichen Couch aus. Immer noch fror er erbärmlich.
/Was Takeru wohl gerade macht?/ Bei dem Gedanken an seinen Freund liefen letzte
stumme Tränen über seine Wangen, dann war er auch schon eingeschlafen...


Kapitel 5: Wärme

Völlig orientierungslos blickte Akira an eine fremde Decke, als er aus seinem
Schlaf erwachte. Erschrocken setzte er sich auf und überflog den Raum mit einem
flüchtigen Blick.
Ein mit hellen Möbeln besetztes Zimmer indem in einer Ecke eine Leselampe
brannte. Draußen war es stockfinster.
/Hideo!/ Genau, er war bei Hideo zu Hause. Doch leider war von seinem <<
Gastgeber >> keine Spur zu sehen.
Ächzend erhob Akira sich und staunte nicht schlecht. Bis auf seine Boxershorts
hatte er nichts mehr an. Fröstelnd schlang er die Arme um seinen Oberkörper
und kramte in seinen Erinnerungen, die ihm nur verschleiert zur Verfügung
standen und ihm wie ein Traum vorkamen, nach der Stelle wo er, oder eben Hideo,
ihn entkleidet hatte. Errötend stellte er fest, dass es Hideo gewesen war, der
ihm umsichtigerweise die nassen Sachen entzogen und ihn in die warme Decke
gewickelt hatte.
Wieder einigermaßen von seinem << Schock >> erholt, tapste er barfuß zu der
Tür rechts von ihm und wagte einen scheuen Blick herein.
Bei der Szene, die sich ihm bot, musste er einfach schmunzeln:
Hideo saß, mit einem schwarzen Trainingsanzug bekleidet an der Küchentheke und
schlief. Den Kopf hatte er auf den verschränkten Armen gebettet, das blonde
Haar, dieses Mal nicht zu einem Zopf zusammengebunden, fiel ihm locker über die
Schultern.
Akira wollte den friedlich Schlafenden nicht wecken, also machte er kehrt und
schlurfte leise ins Wohnzimmer zurück. Dort sank er wiederum auf die Couch und
zog die Beine an seinen Körper heran. Mit seinen Armen warf er sich erst die
Decke über die Schultern und umfing dann seine Beine damit. Das Kinn stützte
er auf seine Knie.
Stur blickte er gerade aus, geschlafen hatte er genug. Wenn er an seine Aktion
von vor ein paar Stunden dachte, kam er sich richtig schäbig vor.
/Wie konnte ich das nur tun? Warum habe ich Takeru mein Problem nicht in aller
Ruhe vorgetragen? Wenn er DANN damit nicht zurecht gekommen wäre, Pech, aber
so?! Hoffentlich habe ich ihm nicht weh getan! Wenn doch, könnte ich mir das
nie verzeihen!/
Erneut musste er gegen die Tränen, die sich aus seinem Augenwinkel zu drängen
versuchten, ankämpfen. Doch abermals verlor er den Kampf.
Stumm rollten zwei Tränen über seine Wangen und blieben auf der flauschigen
Decke liegen. Akira machte sich nicht die Mühe sie wegzuwischen, denn das
Mindeste, was er tun konnte, war sich seiner zu schämen.
Allmählich begann er sich zu fragen, wie viele Tränen er in dieser Woche schon
vergossen hatte. Doch er wusste darauf keine Antwort.
/Auf jeden Fall waren es genug. Das reicht für die nächsten 20 Jahre!/,
beschloss er trotzig. Aber immer noch liefen stumme Tränen über sein Gesicht.
Plötzlich legte sich ein Schatten über Akira. Als er hochblickte, stand Hideo
vor ihm.
"Na, schon wach?", fragte dieser sanft lächelnd, doch als er Akiras
tränengefüllte Augen sah, ließ er sich neben ihn auf das Sofa fallen. "Hey!
Weinst du schon wieder? Das hilft bloß leider auch nichts!"
"Denkst du, das weiß ich nicht?", fuhr Akira seinen Gegenüber unfreundlich an.
Dieser zuckte ratlos mit den Schultern.
Als Akira merkte, wie feindselig seine Wort geklungen hatten, bekam er ein
schlechtes Gewissen. "Gomen nasai, ich wollte dich nicht anmaulen."
Doch Hideo zuckte wieder mal nur mit den Schultern. "Maul mich ruhig so viel an
wie du willst, aber hör endlich auf zu heulen. Das kann man ja gar nicht mit
ansehen!" Mit diesen Worten fuhr er Akira rasch über das Gesicht und trocknete
somit dessen Tränen. Dann legte er zutraulich den Arm um die zusammengekauerte
Person. "Lass uns lieber überlegen, wie wir das mit deinem Freund wieder
hinbiegen."
Akira schwieg.
"Hast du dich wenigstens bei ihm entschuldigt?", fragte Hideo hoffungsvoll.
Doch Akira schüttelte den Kopf. "Wann denn? Ich bin doch gleich von dort
abgehauen, als mir klar wurde, das ich über ihn hergefallen bin wie ein Tier."

"Von dort?", fragte Hideo ruhig.
Nach kurzem Zögern begann Akira dann ihm die ganze Geschichte zu erzählen. Von
seiner geplanten Übernachtung, über die peinliche Rumgerangel-Aktion bis hin
zu seiner - wie er nun fand - übertriebenen Flucht ins Badezimmer und
schließlich in den Park.
"Nach Hause konnte ich nicht. Mein Vater ist nicht da und ich hab meinen
Schlüssel noch bei Takeru. Und außerdem hatte ich nicht die Kraft für den
Weg. Ich wollte mich nur noch irgendwo verkriechen.", schloss Akira seine
Erzählung hilflos.
Hideo hatte die ganze Zeit geschwiegen und den aufgeregten Akira sprechen
lassen.
"Und dann kamst du!" Akira stutzte. "Warum warst du eigentlich da? Was hast du
im Park gemacht?"
Ruhig begann nun Hideo zu erzählen:
"Ich war eigentlich rein zufällig da. Ich bin mit ein paar Freunden unterwegs
gewesen und hab den Weg durch den Park als Rückweg genommen. Da bin ich halt
auf dich gestoßen. Zum Glück! Du sahst schon so halb erfroren aus! Und da
konnte ich dich ja wohl schlecht einfach da sitzen lassen!"
"Danke!" hauchte Akira leise.
"Kein Grund um sich zu bedanken! Das tut man nun mal für Freunde!"
Beide saßen stumm da, bis Akira zaghaft fragte: "Wie spät ist es?"
"So gegen 1 Uhr! Wieso?"
Verlegen sah Akira Hideo in die Augen. "Soll ich gehen?"
Doch für diese Frage erntete Akira nur eine Kopfnuss!
"Baka! Du bleibst natürlich hier! Du hast mir doch gerade erzählt, dass du zu
Hause nicht reinkommst und dein Schlüssel bei deinem Freund ist. Ich kann mir
nur ganz schwer vorstellen, dass du da << jetzt >> klingeln möchtest!" Akira
schüttelte entschlossen den Kopf! "Siehste! Das einzige Problem ist das mit dem
Schlafen! Ich hab leider nur ein Futon! Aber das kannst du gerne haben! Ich penn
auf der Couch!"
"Vergiss es! Entweder ich penn auf der Couch..." Akira wurde kleinlaut, "...
oder..... wir schlafen beide im Futon!" Wieder ein Mal nahm die Gesichtsfarbe
des 16-jährigen eine unnormale Färbung an, was Hideo zu einem Grinsen
veranlasste.
Doch dann nickte er. "Okay, wenn's dich nicht stört. Ich hab damit ganz
bestimmt kein Problem!"
Mit diesen Worten zog Hideo den Kleineren an der Hand hoch und führte ihn ins
Schlafzimmer. "Pack dich schon mal hin, ich mach noch eben das Licht überall
aus!" Somit verschwand er und ließ einen verdutzt guckenden Akira zurück.
/Das war doch gar nicht ernst gemeint! So ein Mist! Was mach ich jetzt?/
Zögernd legte Akira sich auf die eine Seite des Futons, als es plötzlich
dunkel im Raum wurde. "Kleiner?" Hideos Stimme kam langsam näher.
"Ja?"Es klang wie ein heiseres Peispen.
"Liegst du schon?"
"Ja."
"Gut, dann nicht erschrecken, ich pack mich jetzt neben dich!" Mit diesen Worten
hörte Akira es neben sich rascheln und spürte eine Bewegung nah an seinem
Körper.
Zögernd taste er nach der Gestalt, die nun neben ihm lag. Er konnte deutlich
dessen Körperwärme spüren. Plötzlich stieß er beim Tasten auf etwas hartes.

Scheu fragte er: "Was ist das?"
Das warme Lachen von Hideo ertönte. "Mein Arm! Aber wenn du nicht sofort
aufhörst, da weiter rumzugrabbeln, kann es schnell passieren, dass was anderes
hart wird!"
Erschrocken zog Akira die Hand zurück! Er konnte spüren, wie seine Wangen zu
glühen begannen.
"Mensch, so war das nun auch nicht gemeint!" Akira konnte fühlte, wie eine Hand
über seinen Arm gekrochen kam und nach seiner tastet. Dann wurde er mit einem
sanften Ruck dichter an den Körper neben sich gezogen. "Damit du nicht
rausfällst!", kam prompt eine Erklärung. "Und nun schlaf gut, Kleiner!"
"Ja, du auch!" Erschöpft von den Ereignissen der letzten Stunden, atmete Akira
den beruhigenden Geruch seines Bettnachbars ein und ließ sich dann, die Wange
an Hideos Schulter geschmiegt, in einen erleichternden Schlaf fallen.

------------------

Als Hideo am nächsten Morgen erwachte, lag Akira immer noch so halb in seinem
Arm. Er hatte sich die ganze Nacht über wenig bewegt und sich höchstens noch
enger an die Gestalt neben sich geschmiegt.
Irgendwie hatte Hideo Mitleid mit dem Jüngeren. Er selbst hatte keine großen
Probleme mit seinem Coming-Out gehabt. Klar, es gab immer welche, die so etwas
nicht akzeptierten, aber die Mehrheit von Hideos damaligen Freunden zeigte
Verständnis. Nun konnte er nur hoffen, dass dieser Takeru auch so viel
Verständnis aufbringen würde, denn Akira schien ja sehr an seinem Freund zu
hängen.
Den Kopf verrenkend, stellte Hideo fest, dass es gerade mal 10 Uhr war.
Eigentlich für ihn noch Zeit zum Schlafen, aber sein kleiner Freund ließ ihm
keine Ruhe.
Was sollte Akira denn jetzt machen? Klar, mit Takeru reden, aber zu ihm hin zu
gehen, würde ihn wohl viel Überwindung kosten.
Nachdenklich betrachtete Hideo den Schlafenden.
Eigentlich war Akira ja ein << Prachtexemplar >> von einem Jungen. Er sah echt
klasse aus - so richtig süß! - und war dazu noch voll in Ordnung. Eigentlich
besaß er auch Selbstbewusstsein und wusste, was er wollte - okay, wenn man mal
von der jetzigen Situation absah. Unter solchen Umständen war es aber schon mal
in Ordnung, wenn man austickte.... vorausgesetzt, dass man sich wieder fing.
Aber das hatte Akira wohl geschafft. Alles in allem war er eigentlich echt ein
Typ zum Verlieben.
Doch komischerweise verliebte sich Hideo nicht in ihn, und er konnte bloß
hoffen, dass Akira sich nicht in ihn verknallte. Das würde nämlich Probleme
geben.
Hideo sah es mit Beziehungen nicht so eng. Eine feste hatte er schon seit 2
Jahren nicht mehr gehabt. Hideo war da er der Typ für One-Night-Stands. Aber
das waren viele von seinen Freunden.
Klar, wenn es ihn mal so richtig erwischen sollte, und er einen festen Freund
haben würde, wäre damit auch Schluss. Aber er liebte nun mal die Abwechslung
und er hoffte inständig, dass dieses Verhalten Akira nicht abschrecken würde.
Wer weiß, vielleicht hatte dieser sogar die gleichen Ansichten und er und Hideo
würden....
Aber bevor Hideo seinen Gedanken zu Ende führen konnte, begann sich Akira neben
ihm zu regen. Wartend beobachtet er, wie der Jüngere die Augen ausschlug. Den
Kopf kurz anhebend, blinzelte er den schon Wachen an... bevor er mit einem
niedlichen Grummeln sein Gesicht wieder an dessen Schulter kuschelte.
Hideo lächelte warm. Ja, in Akira könnte man sich echt verlieben.
"Kleiner?" Sachte sprach Hideo den Aufwachenden an.
Dieser grummelte nur zur Antwort.
"Ich glaub, wir müssen langsam aufstehen?!", schlug er vor.
Doch Akira dachte gar nicht ans Aufstehen. Verschlafen rieb er seine Nase an
Hideos Schulter.
"Hey! Das kitzelt!", lachte dieser schnurrend.
Akira nahm das als Zusage und küsste sich nun einen Weg hoch zu Hideos Mund.
Als er dort angelangt war, hielt er inne. Fragend sah er seinem ältern Freund
in die Augen, doch dieser lächelte nur warm und suchte dann seinerseits die
Lippen von Akira.
Dieser lag in einer ungünstigen Position, also kroch er vorsichtig und immer
noch Hideo küssend, auf diesen rauf. Als er auf dessen Schoß saß, unterbrach
er den Kuss.
Verwirrt sah er auf seinen Freund nieder.
"Warum machst du das?"
"Wie meinst du das?" Hideo konnte nicht folgen.
"Warum knutscht du mit Leuten rum, in die du gar nicht verliebt bist?"
"Ach, Kleiner! Für mich hat rumknutschen und Sex nicht immer etwas mit Liebe zu
tun. Es macht einfach Spaß, und wenn ich gerade keinen festen Partner habe,
werden es halt One-Night-Stands. Weißt du, ich leg nicht gerne Hand an!" Mit
einem verschmitzten Lächeln blickte er in die grünen Augen über ihm. Doch in
diesen lag ein nichtzudeutender Schimmer.
"Kann es nicht sein, dass du mit deinem Verhalten andere verletzt?"
Hideo brummte kurz auf. "Es kann schon mal vorkommen. Aber ich würde nie
behaupten, dass ich für jemanden mehr empfinde, nur um ihn ins Bett zu kriegen
und danach wieder fallen zu lassen! So fies bin ich nun auch nicht!", versuchte
Hideo seinen Standpunkt deutlich zu machen.
"Das heißt, du knutscht hier mit mir rum, nur um deinen Spaß zu haben und
danach...." Doch Hideo unterbrach ihn.
"Warte! Nicht so schnell! Du bist ein Freund von mir, andere mit denen ich Sex
hatte, kannte ich eigentlich gar nicht! Das ist ein gewaltiger Unterschied. Dich
mag ich nämlich wirklich gerne, auch wenn du nicht mein fester Freund bist! Ich
versuche dir das mal zu erklären:
Ich hab in meiner Clique zwei Freunde, die echt meine besten Freunde sind. Mit
denen schlafe ich auch regelmäßig. Keiner von uns ist in den anderen verliebt.
Wir sind einfach nur gute Freunde, die gerne ihren Spaß haben und Sachen
ausprobieren. So macht uns der Sex nun mal mehr Spaß, weil wir Abwechslung
bekommen ohne irgendeine feste Bindung zu zerstören. Aber das ist natürlich
nicht jedermanns Sache. Einige finden so was einfach nur widerlich! Aber jeder
hat ja bekanntlich seine eigene Meinung."
Forschend suchte er nun in Akiras Gesicht nach einer Reaktion, doch diese blieb
aus. Akira saß ganz ruhig auf Hideos Schoß und starrte durch ihn hindurch.
Nicht, dass er sich jetzt bei mir Hoffnungen gemacht hat, schloss es diesem ein!

"Kleiner?!" Er konnte die Unsicherheit in seiner Stimme nicht verbergen.
Ein "Hm?" antwortet ihm. Doch Akira blickte immer noch mit leerem Blick
geradeaus.
"Bist du jetzt enttäuscht von mir?"
Kurzes Schweigen. "Nein, warum sollte ich?! Das du nichts von mir willst, war
mir schon klar. Das hattest du ja in der Turnhalle schon gesagt!"
"Aber was ist dann mit dir los? Du bist jetzt so nachdenklich!"
Akira wiegte grüblerisch den Kopf hin und her. "Ach, ich hab gerade versucht
herauszufinden, wie ich dazu stehe..."
"Und?" Hideo war neugierig geworden.
"Ich glaube, du hast gerade mein gesamtes Weltbild auf den Kopf gestellt!"
Schmunzelnd kehrte wieder Leben ins Akiras Augen und er fixierte Hideos.
"Oh!" Das hatte dieser nicht erwartet.
"Ich glaub, ich hab noch ne ganze Menge zu lernen! Würdest du mich vielleicht
mal ein paar Freunden von dir vorstellen?" Flehend sah er dem Älteren in die
Augen.
Dieser zog die Stirn kraus. "Ist unsere Einstellung denn für dich in Ordnung?"

"Warum auch nicht? Wie du schon sagtest, jeder hat seine eigene Meinung zu Sex
und ich akzeptiere deine. Wer weiß, vielleicht teilen wir die sogar bald."
Akiras Augen bekamen ein geheimnisvolles Leuchten.
Hideo legte seine Arme um die Hüften des anderen und zog ihn ein wenig zu sich
heran.
"Das wäre schön!" Mit diesen Worten beugte er sich hoch, um den, ihm auf
halbem Weg entgegenkommenden, Akira zu küssen.
Akira stützte sich nun, wie zwei Tage zuvor Hideo, links und rechts vom Kopf
des anderen ab. Beide tauschten einen liebevollen Kuss aus.
Dieses Mal war es Akira, der an den Lippen von Hideo um Einlass bat. Dieser
wurde ihm gewehrt und er tauchte, wohlig seufzend, in die warme Höhle des
anderen ein. Dort suchte er gleich nach Hideos Zunge und rieb seine an ihr.
Hideo ließ sich wieder in die Kissen sinken und zog Akira mit sich hinunter.
Dieser zog sich aus Hideos Mund zurück, um sich nach Luft ringend wieder runter
zu Hideos Hals zu küssen. Dort liebkoste er gefühlvoll die bloße Haut, bevor
er sachte zubiss.
Hideo stöhnte ungehalten auf. Akira, der nun wieder zärtlich über die
malträtierte Stelle an Hideos Hals leckte, merkte deutlich wie sein Freund hart
wurde. Seine Position ausnutzend, bewegte er sich gegen seinen erregten Freund,
sodass dieser deutlich an seiner empfindlichsten Stelle gereizt wurde.
Hideo warf stöhnend den Kopf nach hinten und brachte ein gepresstes: "Akira!"
hervor. Ungläubig blickte er seinen jüngeren Freund an, was dieser mit ihm
machte, hätte er ehrlich gesagt nicht erwartet.
"Tja, Rache ist bekanntlich süß! Das war für DEINE Attacke in der
Turnhalle!", erklärte Akira fies grinsend, bevor er sich wieder Zutritt zu
Hideos Mund verschaffte.
Hideo schlang nun endgültig die Arme um Akiras Oberkörper und dirigierte ihn
so weit runter, dass er auf ihm lag.
Hideo konnte nun auch Akiras Erregung spüren. Die Zeit verstrich, irgendwann
löste sich Akira lächelnd von seinem großen Freund und legte seinen Kopf auf
dessen Brust. Entspannt lauschte er den Herzschlägen. Sie klangen wie Musik in
seinen Ohren!
/Ich glaube, ich hab meinen Lehrmeister gefunden!/, dachte Akira grinsend und
seufzte tief.
"Was ist, Kleiner?" Hideo hörte sich besorgt an.
"Nichts! Hab eben bloß an Takeru gedacht!", log er. Doch sobald seine Gedanken
wieder zu Takeru wanderten, sank seine Laune schlagartig.
"Ach, das kriegen wir wieder hin. Und wenn er mit deiner Vorliebe nicht zurecht
kommt, dann war er kein echter Freund!" Kaum das Hideo ausgesprochen hatte,
erhob sich Akira träge von ihm.
"Kann ich mich vielleicht bei dir duschen?"
"Kein Problem!" Mit entschlossener Miene erhob sich nun auch Hideo.

Nach dem Akira geduscht hatte, lieh Hideo ihm eine Hose von sich. Diese war
Akira zwar um einige Nummern zu groß, aber besser als wenn er bei dem kühlen
Wetter in kurzen Hosen durch die Stadt laufen müsste.
Auch Hideo zog sich an; er würde Akira begleiten. Zwar nicht unbedingt mit rein
kommen, wenn er mit seinem Freund sprach, aber er würde ihn bis zu dessen
Haustür bringen. Hideo war sich nämlich nicht sicher, ob Akira nicht doch kurz
davor, kneifen würde.
Also verließen sie gemeinsam die Wohnung...

------------------

"Was soll ich denn zu ihm sagen?" Hideo und Akira standen nun schon seit
geschlagenen 10 Minuten vor Takerus Haus.
"Erklär ihm einfach deinen Standpunkt, lass ihn fragen stellen und sag das, was
dir am richtigsten erscheint! Irgendwelche dummen Vorträge brauchst du ihm gar
nicht erst halten. Das nimmt er dir eh nicht ab. Lass ihn an deinen Gefühlen
teilhaben und sei einfach ehrlich!"
Akira blickte fragend zu seinem großen Freund auf. /Wie jetzt?/
"Aber nicht, dass du gleich wieder über ihn herfällst! DAS meinte ich nicht!"

"Okay.... wartest du hier?"
"Klar! Keine Angst, ich renn schon nicht weg!"
Akira suchte noch ein Mal seine Umgebung ab, aber keine Menschenseele war
draußen. Also stellte er sich auf die Zehenspitzen und hauchte Hideo einen Kuss
auf den Mund. Dann wandte er sich zum Haus um.
Sein Herz schlug so schnell wie noch nie, als er die Straße überquerte.
Unweigerlich fing er an zu zittern. Unsicher drehte er sich zu Hideo um, doch
dieser deutet ihm mit einem stummen Nicken, dass er weiter gehen sollte.
Zögerlich erklomm Akira die drei Treppenstufen, bevor er vor der weißen
Hautür stand. Langsam streckte er die Hand nach der Klingel aus, zog sie dann
aber doch wieder zurück, bevor seine Finger auch nur den Knopf berühren
konnten.
/Was sag ich ihm bloß? Was, wenn er mir einfach die Tür vor der Nase
zuschlägt?/
Aber er ließ es auf einen Versuch ankommen. Entschlossener streckte er erneut
die Hand nach der Klingel aus und drückte sie.
Das Ding-Dong hallte noch lange in seinem Kopf nach. In seinem Magen war der
Teufel los. Er fühlte sich, als wenn er sich gleich übergeben müsste, was
aber zum Glück nicht der Fall war.
Die Zeitspanne, bis sich die Tür öffnete, kam Akira vor wie eine Ewigkeit,
obwohl sie mal gerade ein paar Sekunden betrug.
Innerlich hatte Akira gehofft, dass es nur Frau Kida wäre, die ihm sagen
würde, dass Takeru nicht da sei, aber zu seinem großen Schock, stand ihm sein
Freund persönlich gegenüber.
Automatisch wich er einen Schritt zurück, was Takeru mit einem Stirnrunzeln
quittierte. Dann fasste sich Akira aber wieder.
"Ohayou Takeru!", begrüßte er seinen Freund Dieser blickte erst stumm zu
Boden, erwiderte dann aber tonlos: "Ohayou!"
"Können wir reden?"
Still trat Takeru einen Schritt zur Seite und deutete Akira einzutreten.
/Immerhin hat er mir nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen!/ Während er
eintrat und sich seiner Schuhe entledigte, bemerkte Takeru Hideo, der auf der
anderen Straßenseite an eine Laterne gelehnt stand und das Treiben ruhig
beobachtete. Takeru blickte ihm eisig in die Augen, doch Hideo erwiderte den
Blick gelassen.
Wortlos schloss Takeru die Tür und stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf,
Akira folgte ihm leise.
In TKs Zimmer angekommen, schloss er die Tür und lehnte sich mit dem Rücken
gegen sie, seinen Freund stumm beobachtend. Dieser ließ sich auf sein Futon
fallen und richtete den Blick auf den Boden.
"Ich wollte mich für mein Verhalten von gestern bei dir entschuldigen! Gomen
nasai!" Akira verbeugte sich tief.
Langsam hob Takeru den Blick und musterte den an der Tür Stehenden.
"Aber was du mir damit sagen wolltest, stimmt?!" Kaum hörbar kamen die Wort
über TKs Lippen, doch Akira verstand sie trotzdem.
"Ja, ich bin schwul..."
Takerus Augen weiteten sich erschrocken. "Ich hatte so gehofft, dass du mir
erzählst, dass das alles bloß ein dummer Scherz war!"
Akira durchfuhr ein heißer Schauer! /Er hat also doch was gegen Schwule!/
"Aus deinen Wort kann ich schließen, das du mit meiner << Vorliebe >> nicht
zurecht kommst?", bemühte Akira sich sachlich zu antworten
"Was soll das heißen, nicht zurecht komme?! Ich wollte damit lediglich sagen,
dass ich Leute nicht verstehe, die auf ihr eigenes Geschlecht stehen! Ich finde
so was nicht ganz normal!"
Akira konnte spüren, wie sein Hals enger wurde - der erste Vorbote von erneuten
Tränen. /NEIN!/
"Ich hätte es dir nicht sagen sollen!" In seiner Stimme war ein deutliches
Beben zu hören.
"Irgendwann hätte ich es eh gemerkt! Aber du hättest vielleicht einfach mit
mir drüber reden sollen, anstatt über mich herzufallen...."
"Ich weiß es doch selber! Ich bin nun mal einfach ausgetickt! Und ich hab mich
entschuldigt, mehr kann ich nicht machen!"
Es herrschte Schweigen, das nach einiger Zeit von Akira durchbrochen wurde.
"Warum sagst du mir nicht einfach mitten ins Gesicht, dass ich dich anekle und
du mich nicht mehr sehen willst?" /Gut, nun ist es raus!/
"Weil...." Takeru brach ab und hob seinen Blick, den er zuvor wieder auf den
Boden gesenkt hatte, und stand auf. Er ging auf Akira zu und blieb einige Meter
vor ihm stehen. Akiras Nerven waren bis zum zerreißen gespannt.
/Weil...???/
"Weil... das nicht so ist! Mensch, Akira! Ich dachte eigentlich, dass wir
Freunde sind! Aber nach deinem Abgang gestern, zweifle ich sogar schon daran!
Mit echten Freunden kann man darüber reden. Und auch wenn ich nicht deiner
Meinung gewesen wäre, hätte sich eine Lösung gefunden! Denn du bist ja nicht
mein Freund, weil ich dachte, dass du auf Mädchen stehst! Ich wollte dein
Freund sein, weil ich DICH als Person mag und dazu gehört dann wohl auch, das
du schwul bist!"
Nervös kaute Akira auf seiner Unterlippe herum, dann meinte er leise:
"Ich hatte solche Angst, dass du mich dann von dir stößt und nie wieder mit
mir redest! Ich konnte es dir einfach nicht sagen! Und gestern, wo du mich so
unter Druck gesetzt hast, da kam es einfach über mich! Das war für mich in
diesem Moment der einzige Weg um dir zu zeigen, was ich fühle - auch wenn es
der falsche Weg war. Und wie du dann da so gesessen hast und mich so angeekelt
angesehen hast, da wollte ich nur noch weg...." In Zeitlupe quollen bei diesen
Erinnerung an den vergangenen Abend Tränen aus Akiras Augen hervor und liefen
leise über seine Wangen.
Im Tageslicht glänzend rollten sie über seinen Hals bis sie in seinem T-Shirt
verschwanden. Verblüfft beobachtete Takeru dieses Schauspiel.
Ja, er hatte seinen starken Freund zuvor noch nie weinen gesehen, und wenn er
gestern schon dieses Gefühl, ihn trösten zu müssen, verspürt hatte, so war
es heute noch um ein zehnfaches stärker.
Mit schnellen Schritten überwand er auch den letzten Abstand zwischen ihnen, um
eine Hand zu heben und sie unendlich sanft auf Akiras Wange zu legen.
"Akira! Hör auf zu weinen! Ich rede doch mit dir! Es ist doch nichts passiert!
Und das ich Schwule nicht verstehe, heißt doch nicht, dass ich dich jetzt
verachte!" Hoffnung glomm in den Augen des Angesprochenen auf. "Vielleicht
kannst du MIR ja helfen, deine Gefühle besser zu verstehen!"
Fragend blickte Akira seinem Freund ins Gesicht.
"Das heißt jetzt nicht, dass du mich verschwulen sollst! Bloß nicht! Aber
vielleicht kannst du mir mal irgendwann ein bisschen mehr über deine Gefühle
erzählen, okay?"
Als Akiras Tränenfluss versiegt war, nahm Takeru seine Hand, die nun schon
völlig nass war, von dessen Wange. "In Ordnung! Und nun solltest du deinen
Typen da draußen nicht warten lassen!"
"Hideo ist nicht mein Typ! Er ist einfach nur ein Freund!", gab Akira trotzig
zurück.
Auf Takerus Gesicht schlich sich ein Lächeln.
"Entspricht er nicht deinen Vorstellungen?"
"Doch, eigentlich schon! Aber ich habe mich nicht so richtig in ihn verliebt!"
"Gibt es denn wen?", begann Takeru, nun doch neugierig, Akira auszufragen.
Auch auf dessen Gesicht erschien ein scheues Lächeln.
"Ja, den gibt es!"
"Wer?" TK war sprachlos, aber noch viel sprachloser war er, als er Akiras
Lächeln richtig deutete. Erschrocken wich er einen Schritt zurück. "Aber..."
"Keine Sorge! Ich weiß das du 'ne Hete bist! Und es ändert auch nichts an
unserer Freundschaft, okay? Tu einfach so, als wenn du es nicht wüsstest!
BITTE!"
"Okay! Ich vertraue dir!", nickte Takeru erleichtert.

Während Akira seine Tasche zusammen packte, warf Takeru einen Blick aus dem
Fenster, um überrascht festzustellen: "Wow! Dein Freund ist immer noch da!"
"Ich weiß, er wollte warten... Bei ihm habe ich heute Nacht auch geschlafen!"
TK hob spöttisch eine Augenbraue.
"Ich sagte BEI nicht MIT!" schaffte Akira gleich alle Missverständnisse aus dem
Weg.
"Ist ja okay!" Grinsend hob der Belehrte die Hände.
Gemeinsam stiegen sie die Treppe runter und verabschiedeten sich von einander!
Sie würden sich ja am Montag in der Schule wieder sehen.

Mit seiner Tasche über der Schulter, lief Akira im einiges erleichtert zu Hideo
zurück über die Straße.
/Hideo hatte Recht, echte Freunde halten zusammen!/
Dieser löste sich von der Laterne und kam auf Akira zu...


Kapitel 6: Erinnerungen

Hideo erwartete Akira bereits sehnsüchtig.
"Und?"
"Nichts und! Es ist alles geklärt!"
Hideos Augen wurden zu Schlitzen. "Du kannst ja richtig fies sein! Nun erzähl
schon, was er meinte!"
"So neugierig hätte ich dich gar nicht eingeschätzt!", gab Akira verblüfft
zu.
"Tja... Jeder hat seine Schwächen, nicht wahr?!", grinste Hideo offen.
"Okay, okay, ich erzähl's dir ja! Kommst du noch mit zu mir?", bat Akira
plötzlich.
Hideo überlegte kurz, dann meinte er:
"Klar. Ich hab heute eh nichts mehr vor!"
Damit machten sich beide auf den Weg zum Hause Kashino. Unterwegs berichtete
Akira haargenau von ihrer Unterhaltung. Sogar die Stelle, wo TK ihn für seinen
Freund gehalten hatte, ließ er nicht aus.


"Und hier wohnst du also?" Hideos Blick schweifte durch den großen weißen
Flur, überflog die eichenfarbenen Türen und blieb an der großen,
geschwungenen Treppe hängen.
"Ja, leider...." Akira verzog das Gesicht.
"Leider! Das ist doch gigantisch... wenn auch ein bisschen farblos!"
"Eben!" Mit diesem Wort schob Akira seinen Gast die Treppe hoch.
Hideo staunte nicht schlecht, als er in das farbenprächtige Zimmer von Akira
eintrat.
"Hier lässt es sich doch aushalten." Neugierig musterte er den Raum.
"Wenn du meinst...." Akira ließ sich an dem Couchtisch nieder. "Oh man, ich bin
mehr als froh, dass Takeru es nun endlich weiß!"
"Kann ich mir vorstellen! Nun brauchst du wenigstens keine Angst mehr haben,
dass er was merkt und es erahnen könnte!" Schnaufend ließ sich der Ältere
neben Akira nieder. "Was machen eigentlich deine Eltern?", fragte er weiter, als
Akira nichts auf seinen Worte erwiderte.
"Mein Vater ist Arzt. Und meine Mutter ist vor 3 Monaten gestorben..." Forschend
blickte er in Hideos Gesicht.
Dieser hatte an Akiras Tonfall deutlich gespürt, dass er über dieses Thema
nicht reden wollte und beide beschlossen in stummem Einverständnis, das
Gespräch nicht auszuweiten.
Ein seltsames Schweigen breitete sich zwischen den beiden Freunden aus, denn
keiner wusste so recht, was er sagen sollte.
/Mir ist irgendwie komisch!/ Die Stille um Akira herum, brachte seinen ganzen
Körper zum Kribbeln.
Eigentlich war es ja ein angenehmes Gefühl, aber er fühlte sich trotzdem nicht
wohl in seiner Haut. Eine unerwartete bleierne Müdigkeit hatte sich über ihn
gelegt und schien ihn mit einem Mal erdrücken zu wollen.
Müde lehnte er sich gegen Hideo, der dies wortlos hinnahm und zu Akiras
Überraschung ihn regelrecht in den Arm nahm. Akira wusste nicht, was auf einmal
mit ihm los war, jedoch gefiel ihm das Gefühl, das sich in seinem Körper
ausbreitete ganz und gar nicht.
Leichte Kopfschmerzen begannen in seinem Schädel zu pochen und ein plötzlich
Welle von Übelkeit überschwamm ihn.
Akira versuchte, diese Empfindungen zu missachten und begann leise, sich mit
Hideo zu unterhalten.
Sie sprachen eine Weile über Takeru, kamen dann aber zu Hideos Freunden. Der
Ältere erzählt ihm, mit wem er so seine Zeit verbrachte und berichtete auch
von einem geplanten Videoabend. Einem spontanen Impuls folgend, lud Hideo Akira
dazu ein.
"Sicher, dass es deine Leute nicht stört, wenn ich dabei bin?", fragte er
unsicher.
Irgendwie war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, sich so einfach in eine
festbestehende Clique "zu drängen".
"Quatsch!", wehrte Hideo hingegen ab. "Warum sollte das wen stören? Wenn
irgendwer gerne wen mitbringen will, den die anderen nicht kennen, dann tut er
das einfach."
"Hm..." Akira schien immer noch nicht überzeugt zu sein. Eigentlich wollte er
liebend gerne man ein paar andere Leute kennen lernen, doch andererseits... Ja,
was andererseits? Akira schüttelte benommen den Kopf. Er wusste auch nicht,
warum er so plötzlich Hemmungen hatte, einfach zu zu sagen. Und darüber
nachdenken wollte er jetzt irgendwie auch nicht, da ihm das Denken im Moment
sehr schwer fiel. Beunruhigt stellte er fest, dass das Hämmern in seinem Kopf
schlimmer geworden war...
"Ach, gib dir 'nen Ruck!", ermunterte Hideo seinen Freund. Er schien nicht zu
ahnen, womit Akira im Moment gerade kämpfte. "Komm einfach hin und dann sehen
wir weiter!"
"In Ordnung!" Akira nickte bereitwillig. Doch diese ruckartig Bewegung schien
ihm - oder besser gesagt seinem Kopf - überhaupt nicht zu bekommen.
Hideo, der dem Jüngeren immer noch forschend ins Gesicht blickte, sah, wie
dieser mit einem Mal um einige Nuancen bleicher wurde.
"Akira?" Besorgnis spiegelte sich in seiner Stimme wieder.
Doch Akira schenke Hideo mit einem Mal keine Beachtung mehr. Wortlos stand er
auf und verließ das Zimmer.
Hideo war im ersten Moment so überrascht, dass er einfach sitzen blieb, aber
nach wenigen Sekunden, sprang auch er auf und lief Akira hinter her. Er wusste
nicht was sein Freund vorhatte. Als er hinaus auf den Flur trat, konnte er nur
noch sehen, wie eine Zimmertür geschlossen wurde.
Zögernd nährte er sich der Tür und klopfte an.
"Akira? Alles klar mit dir?"
"Ja! Ich ---" Dann konnte Hideo nur noch hören, wie sein Freund würgte.
"AKIRA!" Eine Gänsehaut überzog seinen Körper.
Er musste dort rein, denn irgendwas schien mit seinem Freund wirklich nicht in
Ordnung zu sein, denn von nichts musste man sich nicht übergeben.
Probehalber drückte er die Türklinke hinunter und hätte erwartet, dass die
Tür verschlossen sei, aber sie ließ sich öffnen. Vorsichtig wagte er einen
Blick in den weißgefliesten Raum hinein und wie erwartet fand er seinen Freund
über der Toilette.
Mit hastigen Schritten war er bei ihm angelangt. Rasch ließ er sich neben ihm
auf die Knie fallen.
Akira bot einen schrecklichen Anblick:
Seine Haut war bleich und sein Gesicht von kaltem Schweiß überzogen. Seine
Augen hatten einen glasigen Glanz.
"Akira!" Entschlossen löste er Akira von der Toilette und drehte ihn zu sich
herum. Dieser hatte aufgehört sich zu übergeben, wirkte aber immer noch so
blass.
Als er Hideo erkannte, schenkte er ihm ein flüchtiges Lächeln und meinte dann
mit zittriger Stimme:
"'tschuldigung! Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist!"
Hideo war unterdessen aufgestanden und hatte ein Handtuch nass gemacht. Mit
diesem kehrte er zu Akira zurück, und wischte ihm den Schweiß vom Gesicht.
"Ich bin zwar kein Arzt, aber ich wurde mal tippen, du hast dir was weggeholt,
als du gestern im Regen gehockt hast!"
Er zog den immer noch schwächelnden Akira an einer Hand hoch und schlang seinen
Arm um dessen Hüfte, wie um ihn zu stützen. Dann verließen sie gemeinsam das
Badezimmer.
Wieder in Akiras Zimmer angekommen, ließ sich dieser auf sein Bett fallen.
Regungslos hockte er auf der Bettkante, bis Hideo sich neben ihn setzte und ihn
ansprach.
"Geht's wieder?"
Ein schwaches Nicken von Akira war die Antwort.
"Mensch, du machst was mit mir!" Hideo schüttelte den Kopf. "Macht's dir Spaß,
mich so zu erschrecken?!" Es war weniger ein Vorwurf, als ein Versuch Hideos,
sich selbst zu beruhigen. "Ich bin mir sogar fast sicher, dass du auch Fieber
hast! Am besten, du legst dich ein bisschen hin! Das geht schon wieder weg!"
"Und was ist mit dir?"
"Ich geh dann wieder! Ist doch kein Problem."
/Nein! Ich will nicht das er geht!/ Akira wurde noch schlechter bei dem
Gedanken, hier alleine in dem großen Haus zu hocken. Nur er und die
vorherrschende Stille. An Musik war mit seinem Brummschädel nämlich nicht zu
denken.
Zaghaft schüttelte den Kopf.
"Bleibst du noch ein bisschen?"
"Und wie sollst du dann schlafen? Du kannst mir nicht erzählen, dass du zur
Ruhe kommst, wenn ich an deinem Bett sitze!"
"Stimmt! Das könnte schwer werden!" Akira musste gegen seinen Willen grinsen.
Trotzdem versuchte er es weiter. "Wenigstens bis ich eingeschlafen bin?"
"Ach Kleiner! Du hast mich wirklich unter Kontrolle! Dir einen Wunsch
abzuschlagen, ist mehr als schwer!" Mit diesen Worten griff er nach Akiras
T-Shirt und zog es ihm über den Kopf.
Akira selbst befreite sich aus seiner Hose, die ja eigentlich Hideo gehörte,
und schlüpfte dann unter seine Bettdecke.
Hideo mit Hundeaugen anblickend robbte er ein wenig zur Seite und machte seinem
großen Freund somit Platz, sich daneben zu legen. Dieser maß ihn mit
abschätzenden Blicken.
"Wenn ich hier einschlafe, ist das deine Schuld!" Mit einem knurrigen Lächeln
legte er sich neben den Kranken.
"So, und nun schlaf!"
Akira schloss wie befohlen die Augen.
Es herrschte für einen Moment Stille, dann öffnete Akira sie wieder und wollte
gerade zum Sprechen ansetzen, als Hideo den Versuch schon im Keim erstickte.
"Ich sagte schlaf!" Mit einem überlegenen Lächeln beobachtete er, wie Akira
gehorsam, wenn auch mit einem leichten Schmollmund, die Augen wieder schloss und
nach wenigen Minuten begann flach zu atmen.
Der scheint ja schon sehr müde gewesen zu sein, ging es Hideo durch den Kopf.
Kurz überlegte er, ob er nicht doch bei Akira liegen bleiben sollte, doch dann
entschied er sich dagegen, raffte sich auf und erhob sich.
Mit suchendem Blick sah er sich im Zimmer um, bis er fand was er suchte. Er nahm
vom Schreibtisch einen Zettel und einen Stift und schrieb dem Schlafenden eine
Nachricht, die er ihm auf den Couchtisch legte. Dort würde er sie sicher sehen.

Dann wandte er sich um und verließ das Haus.
Mit einem warmen Gefühl ums Herz schlenderte er den Weg nach Hause und dachte
an den schlafenden Akira....


Grummelnd schlug Akira die Augen auf!
/Scheiß Sonne/, war sein erster Gedanke, als er registrierte was ihn geweckt
hatte. Es musste an die 16 Uhr sein, denn immer um diese Uhrzeit schien die
Sonne durch sein großes Fenster.
Im ersten Augenblick war Akira geblendet, dann drehte er sich jedoch um und
verschwand murrend unter der Bettdecke.
/Man, bin ich müde!/
Trotz dessen raffte er sich auf und verließ das warme kuschelige Bett. Sein
Blick irrte unstet durchs Zimmer. /Hideo ist scheinbar echt gegangen.../,
überlegte er weiter, als er nicht fand, was er suchte. Zwar musste er zugeben,
dass er ein klein wenig enttäuscht war, aber immerhin konnte er von seinem
älteren Freund schlecht verlangen, dass er hier die ganze Zeit bei ihm am Bett
hockte und ihm beim Schlafen zusah.
/Der hat sicher noch andere Dinge zu tun/
Ziellos wanderte Akira durch sein Zimmer, bis er auf etwas stieß, das seinen
Aufmerksamkeit erregte. Neugierig begutachtete er den Zettel, den er auf seinem
Couchtisch gefunden hatte, er war von Hideo:

> Hallo Kleiner!
> Na, ausgeschlafen?!
> Tut mir ja echt Leid, dass ich gehen muss, aber ich hab einem Kumpel
versprochen,
> mich zu melden. Der wird mich eh schon köpfen, weil ich nicht schon am Morgen

> angerufen hab.
> Aber nichtsdestotrotz, hoffe ich, dass es dir wieder besser geht!
> Falls was ist oder du meine Hilfe brauchst, gebe ich dir lieber meine Nummer:

> 030-25-52887
> Hideo

/Toll! Was mach ich jetzt?/ Seufzend ließ Akira den Zettel wieder auf den Tisch
fallen. /ÖDE!/
Missmutig verschränkte er die nackten Arme vor der ebenso nackten Brust.
/...nackt?... hä?/ Als er an sich runter blickte, musste er feststellen, das er
wieder mal nur mit seinen Boxershorts bekleidet war.
Gemächlich schlenderte er Richtung Kleiderschrank und wühlte dann eine
schwarze Hose und ein ebenso schwarzes T-Shirt hervor und zog sich an.
Immer noch ratlos, ließ er sich auf seiner Couch nieder und zog die Beine an
den Körper heran.
/Was war bloß vorhin mit mir los? Kam dieser << Anfall >> echt vom Fieber? -
FALLS ich denn welches hatte! Dann hab ich gestern Abend wohl echt lange im
Regen gesessen. Mensch, ich bin da einfach weggepennt. Gut das Hideo vorbei
gekommen ist! Ich hätte da noch übernachtet! Aber wo hätte ich schließlich
auch hingesollt? Und dann noch in kurzer Hose und T-Shirt. Toll! Das konnte mal
wieder nur mir passieren.../ Sich über sich selbst ärgernd, stützte er sein
Kinn auf seine Knie.
/Aber ich bin echt froh, dass das mit Takeru geklärt ist. Er ist halt doch ein
echter Freund! Und dazu noch ein tierisch gutaussehender. Ich hätte nie
gedachte, dass ich das jetzt denken würde, aber ich bin mächtig froh, dass ich
aus Tokio hier her gekommen bin. Wirkliche Freunde hatte ich da ja auch nicht
und Verwandte... /, den Gedanken brach er lieber ab.
Grübelnd erhob er sich und schlenderte zum Schreibtisch. Nach kurzem Zögern
öffnete er die oberste Schublade und holte das Bild, das Takeru vor ein paar
Tagen bei ihm entdeckt hatte, heraus.
Stumm betrachtet er es. Immer noch lächelte der Fremde darauf so strahlend,
dass Akira ein Schaudern durchfuhr.
/Warum muss ich in letzter Zeit so oft an dich denken???/ Diese Frage
beschäftigte ihn schon seit einer geraumen Weile. Und innerlich wusste er auch
die Antwort darauf. Er war schlichtweg enttäuscht. Denn er hatte zumindest
erwartet....
/Hör auf zu grübeln, Akira, das bringt dich auch nicht weiter. Und ihn schon
gar nicht her!/, rief er sich selber zur Ordnung und legte das Bild behutsam
wieder in das Schubfach.
Es noch ein letztes Mal betrachtend, schloss er diese. Dennoch starrte er die
geschlossene Lade eine Weile unschlüssig an.
Dann durch brach ein Knurren die Stille. Akira wurde rot, auch wenn sich keiner
außer ihm im Raum befand. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er mächtigen Hunger
hatte und er schlich runter in die Küche, um etwas Nahrhaftes zu ergattern.


/Hach, heute ist endlich wieder Volleyball!/
Akira machte vor Freude einen Luftsprung. Die komischen Blicke, die ihm seine
Mitschüler zuwarfen, beachtete er einfach nicht.
Das Wochenende hatte er zu Hause verbracht und, oh Wunder, freiwillig ein wenig
für die Schule gelernt.
Irgendwann in den nächsten Wochen sollte auch noch mal eine Mathearbeit
anstehen, aber wann genau, wusste irgendwie keiner so recht. Doch Mathe war ja
nicht Akiras Problemfach - im Gegensatz zu Biologie.
Als er am Montag dann morgens den Schulhof betreten hatte, war alles wie immer
gewesen. Takeru hatte am Tor auf ihn gewartet und sie waren gemeinsam zum
Klassenraum geschlendert. Der Tag verging schnell und am Nachmittag war er
wieder bei TK zu Hause gewesen, Hausaufgaben machen.
Eigentlich hatte er ja Hausarrest - aber echt nur eigentlich.
Sein Vater war eh den ganzen Tag nicht zu Hause und hatte somit keine Kontrolle
über sein Tun. Und immerhin war er bei Takeru schon so gut wie zu Hause. Na ja,
auf jeden Fall hielt Akira diese Kleinigkeit nicht davon ab, seinen Kumpel zu
besuchen. Abends hockte er dann wieder alleine in seinem Zimmer.... Was für ein
Leben, erfüllt von Routine! Nach dem selben Muster lief auch der Dienstag ab.
Und nun war Mittwoch. Ein Tag auf den Akira sich schon lange freute.
Eigentlich war ihm in den drei Monaten nie aufgefallen, dass ihm das
Volleyballspielen so sehr gefehlt hatte. Aber nun, wo er wieder in einer
Mannschaft war, konnte er es kaum erwarten auf dem Platz zu stehen.
Und das Hideo auch noch sein Captain war, ließ das Ganze natürlich noch
attraktiver erscheinen. Denn wann sonst hatte er die Gelegenheit, seinen Kumpel
so richtig abgekämpft und durch geschwitzt zu sehen? /Schnurr!/ Da sich in
seiner Lendengegend alleine bei der Vorstellung schon was zu regen begann, baute
er seinen Gedanken lieber nicht weiter aus. /Zumindestens nicht hier auf dem
Schulhof/
Mit einem schmutzigen Grinsen im Gesicht, steuerte er, den wie immer am Schultor
wartenden, Takeru an.
Dieser musste Akiras Grinsen gesehen haben, denn sein Blick wurde misstrauisch.

"Na, alles klar?"
"Jepp! Alles bestens!" Nur mit Mühe konnte Akira die letzten Überreste seiner
schmutzigen Gedanken aus seinem Kopf vertreiben.
/Mensch, wie kommt es das ich so versaut geworden bin?/
Er runzelte die Stirn, doch eine Stimme in seinem Kopf übernahm für ihn das
Antworten.
/Du bist auch nicht versauter als andere - bloß DU denkst halt an Jungs. Das
ist der einzige Unterschied./
Klang einleuchtend.
/Aber eigentlich hatte ich erwarte, dass mich der Gedanke, dass mich Jungs ...
erregen ... , irgendwie verunsichert oder einschüchtert?!/, grübelte Akira
weiter.
Erneut antwortete eine innere Stimme.
/Warum das? Du weißt das du schwul bist, und worauf dein Körper reagiert,
kannst du nur minimal beeinflussen. Es heißt ja nicht um sonst, dass alle Kerle
schwanzgesteuert sind.../ Ein hämisches Lachen füllte seinen Kopf aus.
/WAS? Du hörst dich an wie ein Mädchen, das über einen Jungen lästert!/
Akira war geschockt!
"Halt!" Abrupt blieb er stehen und Takeru, der, um ein paar entgegenkommenden
Schülern auszuweichen, hinter ihm gegangen war, rannt voll in ihn hinein.
"Was'n los?", wollte er wissen. Doch Akira beachtete ihn gar nicht.
/So ein Mist! Irgendwie müssen bei mir am Freitag in der Kälte Gehirnzellen
abgestorben sein. Seit wann unterhalte ich mich mit einer << inneren Stimme >>
die sich dazu noch verdächtig nach 'nem << Mädchen >> anhört??? Ich glaub ich
bin ernsthaft geschädigt!/
"Und ich glaub langsam, dass ich dir da nur zustimmen kann!" Verwirrt
betrachtete Takeru seinen Freund. Der starrte eben so verwirrt zurück.
"Hä? Kannst du neuerdings Gedanken lesen?"
"Eigentlich ja nicht, aber wenn du sie durch die gesamte Schule brüllst, bekomm
ich sie wohl oder übel auch mit. Immerhin bin ich nicht taub!"
Nun bemerkte auch Akira, dass einige andere Schüler ihn anstarrten.
"Hab ich das etwa laut gesagt?"
"Ja, hast du!" Takeru nickte.
"Was genau hab ich gesagt?"
"Du meintest das dir am Freitag Gehirnzellen abgestorben sein müssen und....",
begann Takeru zu zitieren, doch Akira unterbrach ihn.
"Schon gut! Ich weiß was ich gedachte... äh... gesagt hab..."
Hochrot packte Akira seinen immer noch verdutzt guckenden Freund am Handgelenk
und zog ihn die letzten Meter in den Klassenraum.
/PEINLICH!/

Die Stunden verliefen ohne Vorkommnisse, sodass Akira nach der letzten Stunde
zufrieden seine Sachen zusammen packte, um nach Hause zu gehen.
Dort würde er seine Schultasche dann gegen seinen Volleyballrucksack
eintauschen und wieder hierher zurück kommen.
Auch Takeru hatte noch etwas in der Schule zu tun und würde somit erst um 16.30
Uhr das Schulgelände verlassen. Er war Klassensprecher und sollte bei einer
Konferenz dabei sein, worum genau es ging, wusste Akira nicht.


"Hallo Cap!" Akira lächelte Hideo ein mal kurz zu, dann verschwand er in der
Umkleide um sich umzuziehen.
Das Training begann wie immer mit dem Warmlaufen. Danach folgten Ballübungen zu
zweit.
Dies war ein Teil des Trainings, den Akira nicht so besonders mochte, denn
seiner Meinung nach, war das ständige hin und her Pritschen und Baggern auf
Dauer langweilig.
Als er das Hideo gegenüber äußerte, meinte dieser nur kalt, das << er >> der
Captain sei und das diese Übungen gut für das Ballgefühl wären. Darauf
erwiderte Akira lieber nichts.
Umso begeisterte war er, als Hideo die Gruppe, die aus 15 Leuten bestand, in
zwei Mannschaften aufteilte. Eine mit 7, die andere mit 8 Spielern.
Je 6 von ihnen betraten das Spielfeld und brachten sich in Position. Akira
ergatterte sich sogleich seine Lieblingsposition, die 6.
Die gegnerische Mannschaft hatte Aufschlag.
Der Typ - Taro hieß er, soweit sich Akira erinnern konnte - preschte den Ball
in niedriger Flugbahn übers Netz, aber der Mitspieler rechts von Akira konnte
den Ball annehmen und spielte ihn dem Steller - also Yuki auf der Position 3 -
zu. Dieser stellte den Ball in hohem Bogen auf die Position 4 - Akira wusste den
Namen von dem Typen nicht - , welche ihn mit einem kraftvollen Angriffsschlag
wieder auf die gegnerische Seite brachte.
/Ja, das nennt man Volleyball! Ich weiß gar nicht, was Hideo hat! Die spielen
doch gut!/
Ein reger Ballwechsel war zu Stande gekommen und auch Akira punktete nicht
schlecht.
Hideo war in der gegnerischen Mannschaft, sodass Akira seinen << persönlichen
Gegner >> gefunden hatte. Oft versuchte er Bälle, die Hideo übers Netz
schmetterte, anzunehmen, was gar nicht so einfach war. Der Captain der bunt
zusammen gewürfelten Truppe, die sich << Mannschaft >> nannte, war mit Abstand
der beste Spieler auf dem Feld. Akira blickte zur Punktetafel, die ein
Auswechselspieler führte.
/Wow! Wir halten uns gut! Es steht nur 15 : 18 /
Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass jemand die Halle betrat. Aber er
schenkte dem unangemeldeten Besucher keine Beachtung, er war viel zu sehr damit
beschäftigt, seinen Teamkollegen den Ball zu zu spielen - er befand sich nun
auf der Position 3 am Netz und musste die angenommenen Bälle, die ihn
erreichten, seinem linken oder rechten Mitspieler so zu spielen, dass dieser ihn
mühelos und mit viel Kraft übers Netz schlagen konnte.
Akiras Team holte sich den Aufschlag zurück. Dadurch rutsche Akira auf die
Position 2. Auf der anderen Seite des Netzes hatte Hideo die Stelle des
Angriffsspielers übernommen.
/Das könnte gefährlich für uns werden./ Aber egal, ob Akira dieses Spiel
gewinnen oder verlieren würde, es hatte mächtig viel Spaß gemacht!
/Noch dazu ist es bloß ein Übungsspiel!/
Die Aufgabe erfolgte und der Ball wanderte von der einen Seite des Netzes auf
die andere. Ein stetiger Ballwechsel. Aus den Augenwinkeln konnte Akira sehen,
dass nicht nur ein Besucher hinzugekommen war, sondern gleich zwei.
Nun wurde er doch neugierig.
Sich kurz versichernd, dass der Ball im gegnerischen Feld war, wagte er einen
Blick auf die Zuschauer.
/Hey, das ist ja Takeru! Aber wer ist der andere?/
Akira drehte nun vollständig den Kopf zu seinem Freund und dessen Begleiter.
Als er sah, wer dort stand, vergaß er das Spielfeld im sich herum.
/Das kann doch nicht sein....! Was will er hier....?/
Akiras kurze Unaufmerksamkeit sollte gleich bestraft werden.
Hideo hatte einen Angriffsschlag gewagt, doch Akira war nicht bei der Sache und
sah den Ball nicht kommen.
"Akira! Pass auf!" Doch Hideos Warnschrei kam zu spät, der Ball traf Akira mit
voller Wucht an der Schläfe. Dieser wusste gar nicht was mit ihm geschah, dann
wurde es Schwarz um ihn herum, die Stimmen schienen alle aus weiter Ferne zu
kommen.

~~ Flash Back ~~

Im gesamten Haus herrschte Stille. Aber es war eine gespannte Stille. Irgendwas
lag in der Luft, doch Akira konnte nicht genau sagen was es war.
Leise schlich er die Treppe runter. Sein Vater, seine Mutter und Tatsuya waren
in der Küche. Doch nichts war zu hören.
Dann vernahm er die Stimme seines Vaters. "Lüg mich nicht an! Du weißt genau,
wovon ich rede!"
"Nein! Ich weiß es wirklich nicht!" Seine Mutter war den Tränen nahe, das
konnte man deutlich hören.
"Vater! Wenn sie meint, sie weiß nichts, dann weiß sie auch nichts!" Tatsuya
wollte seine Mutter verteidigen.
"Halt du dich da raus! Mit dir redet im Moment keiner! Du bist doch genauso
schlimm wie sie!"
"Yoshi, lass ihn! Er hat mit der Sache nichts zu tun!", versuchte Akiras Mutter
die harten Worte gegen Tatsuya zu verhindern.
"Aber er ist doch genauso schlimm wie du! Ich will gar nicht wissen, wo er sich
nachts immer rumtreibt! Sicher hat er schon jedes Mädchen hier in der
Nachbarschaft durch!"
"Vater!", fuhr Tatsuya empört auf.
"Halt den Mund! Du bist immerhin schon 18! Und was ist?! Du hängst immer noch
zu Hause rum oder aber bei irgendwelchen Weibern!"
"Das stimmt doch gar nicht!", setzte sich Tatsuya zur Wehr. "Wenn ich unterwegs
bin, dann mit Freunden!"
"Ja, unterwegs durch irgendwelche Discos um Weiber abzuschleppen! Denkst du, ich
kenne deine sogenannten << Freunde >> nicht? Dazu gehört doch auch der
Nichtsnutz von neben an! Wie hieß er noch... genau... Yûji."
"Vater! Yûji ist ein guter Freund!"
"Ja, und sein Vater ist ein Säufer!"
Tatsuya lachte freudlos auf. "Aber immerhin lässt er dann nicht seine ganze Wut
an seiner Familie aus, wie du es gerade tust!"
"Sag das noch mal und du FLIEGST HIER RAUS!"
Akira, der immer noch regungslos vor der nur angelehnten Küchentür stand,
erstarrte!
/Das wagt er nicht! Er kann Tatsuya nicht rausschmeißen!/
"Wegen dir wohne ich hier auch gar nicht! Das einzige, was mich hier noch hält,
sind Mutter und Akira! Du bist doch gar nicht mein Vater!"
"Gut so, wer will schon so einen Herumtreiber als Sohn haben! Hätte deine
Mutter dich doch erst gar nicht hier angeschleppt!"
"Yoshi! Wie kannst du das zu meinem Sohn sagen? Er ist ein guter Junge!",
mischte sich Akiras Mutter wieder ein.
Akira, der vor lauter Angst zu zittern begonnen hatte, konnte sich das Bild, das
sich dort drinnen bot, nur zu gut vorstellen:
Sein Vater in Rage, wie er Tatsuya anbrüllte.
Tatsuya, wie er sich nicht länger von ihm runter machen ließ und sich endlich
zur Wehr setzte.
Und natürlich seine Mutter, die ihren Mann und ihren Sohn auseinander zu
bringen versucht, bevor sie sich in ihrer Wut noch auf einander stürzten.
Akiras Sicht verschwamm. Stumme Tränen bahnten sich ihren Weg an die
Oberfläche und liefen seine Wangen hinab. Das Zittern war noch schlimmer
geworden.
/So doll haben sie noch nie gestritten!/
"Ein guter Junge? Von wegen! Der frisst sich doch bloß bei uns hier durch! Wir
dürfen für ihn den Kopf hinhalten! Aber nicht mit mir! Er fliegt raus!"
Das laute Aufschluchzen von Akiras Mutter klang noch lange in seinem Kopf. Dann
die klare Stimmte seines Bruders, todernst:
"Nein, du wirst mich nicht rauswerfen! ICH GEH FREIWILLIG!"
Akira hatte genug gehört! In blinder Panik stürmte er die Treppen hoch, gar
nicht auf den Lärm achtend, den er verursachte. Aber die da unter waren eh mit
sich selbst beschäftigt.
Laut schluchzend warf er sich auf sein Bett, vergrub sich in seiner Decke,
drückte das tränennasse Gesicht in sein Kissen.
Lautlos weinte er vor sich hin. In seinem Kopf herrschte absolute Leere.
Dann vernahm er Schritte, die eilig die Treppen hochkamen. Das Geräusch einer
zuschlagenden Zimmertür nebenan.
/Tatsuya!/
Durch Akiras Körper ging ein Zucken, dann lag er ganz still. Er lauschte. Das
hektische Treiben von nebenan war nur gedampft zu hören. Dann ging die Tür
wieder auf. Die Schritten polterten die Treppe wieder runter. Akira setzte sich
erschrocken im Bett auf!
/Tatsuya! Lass mich hier nicht alleine!/
Dann fiel die Haustür lautstark ins Schloss! Es herrschte wieder diese
angespannte Ruhe im Haus.
Von unten konnte man nur undeutlich die leisen Schluchzer von Akiras Mutter
vernehmen.
Akira war alleine! Tatsuya hatte ihn zurück gelassen. Er war gegangen, ohne ein
Wort des Abschieds!
Akira stieß einen knurrenden Schrei aus. Und warf sich wieder in seine Decke.
Müde vom Weinen trommelte er mit den Fäusten auf sein Kissen ein.
Draußen zog sich ein Unwetter zusammen.
Die ersten Donner grollten schon über Tokio. Ein Blitz erhellte das gespannte
Szenario. Ein laut weinender 13-jähriger Junge lag in seinem Bett und wimmerte
vor sich hin. Keiner beachtete ihn.
Er war alleine! Er war von der Person zurück gelassen worden, an der ihm am
meisten lag...

~~ Flash Back Ende ~~

Leise schluchzend schlug Akira die Augen auf.
Stumme Tränen rollten über sein Gesicht. So deutlich wie eben hatte er sich
nie an jene Nacht zurück erinnert. Er hatte nie drüber gesprochen, sich keiner
Menschenseele anvertraut. Immer hatte er gehofft, das Tatsuya zurück käme.
Aber er hatte seinen Bruder nie wieder gesehen.
Das einzige, was ihm von ihm geblieben war, war ein Bild, das gut verwart in
seiner Schreibtischschublade lag.
Stumm setzte Akira sich auf. Durch den Tränenschleier hindurch versuchte er
sich zu orientieren.
Sein Kopf schmerzte höllisch. Doch, der Schmerz zählte für ihn im Moment
nicht. Er kannte den Raum. Da war er sich sicher.
/Das Krankenzimmer in der Turnhalle/
Was war noch mal geschehen? Akira konnte sich nicht erinnern. Undeutlich vernahm
er gedämpfte Stimmen von draußen, durch das Fenster in der Tür fiel ein
milcher Lichtschein. Sonst lag der Raum vollkommen dunkel.
Plötzlich kehrten die Erinnerungen zurück!
/Tatsuya/
In Panik erhob er sich.
/War das alles nur ein Traum gewesen?/
In seinem Kopf drehte sich alles, aber er hielt zielstrebig auf die Tür zu. Die
Stimmen wurden deutlicher, und dann vernahm er sie - << die >> Stimme, die er in
alle den Jahren am meisten vermisst hatte.
Hastig taumelte er auf die Tür zu und riss sie auf. Das plötzliche Licht der
Neonlampen stach in seinen Augen. Er konnte nur schemenhaft drei Leute
wahrnehmen.
Erschrocken blickten sie in seine Richtung. Dann kam die größte der Gestalten
auf ihn zu, sein Atem stockte.
"Akira!"
Die Stimme klang wie Musik in Akiras Ohren, so vertraut war sie ihm. Er hätte
sie unter Tausenden wieder erkannt. Wie schön war es doch sie wieder zu
vernehmen. Freudentränen stiegen in Akira auf, leise flüsterte er:
"Tatsuya...! Onii-chan!"
Dann wurde es dunkel, und er fiel in einen tiefen Abgrund. Ein Abgrund ohne
Boden...


Kapitel 7: Brüder

Die Schwärze umgab Akira wie dichter Nebel. Nur von fern vernahm er ein leises
Geräusch.
Taumelnd und sich in der Dunkelheit voran tastend, bewegte er sich auf die
Quelle dieses Geräusches zu. Er konnte hören, wie er seinem Ziel immer näher
kam. Das Geräusch wurde zu einem Meer aus Stimmen, die alle in wilder Panik
schrill durch einander schrieen.
Dann war Ruhe.
Akira hatte seinen Anhaltspunkt verloren und drehte sich suchend im Kreis.
/In welche Richtung soll ich gehen?/ Verunsichert streckte er die Hand aus.
Tastet sich Schritt für Schritt durch die Finsternis. Langsam begann es heller
zu werden.
Akiras ganzer Körper kribbelte. Suchend streckte er seine Hand in die Richtung,
aus der das Licht zu kommen schien. Das Licht, das die Schwärze in ein dunkles
Grau verwandelte, ihm aber mehr Hoffnung gab, als die Dunkelheit.
Plötzlich vernahm er eine Stimme. Eine Stimme, die ihm sehr wohl bekannt
vorkam. Es war Tatsuyas Stimme. Sie wieder holte immer wieder das gleiche Wort.
Doch Akira konnte ihn nicht verstehen.
Er hielt an und lauschte. Er musste erfahren aus welche Richtung die Stimme kam.
Als er sich ganz sicher war, wandte er sich ein wenig nach Rechts und wandelte
durch das dreckige Grau, das aber zu seiner Erleichterung immer heller wurde.
Wieder streckte er den Arm aus.... und dieses Mal spürte er etwas.
Ja, ganz deutlich konnte er spüren, wie jemand seine Hand nahm und sie
drückte. Das gab ihm wieder neuen Mut. Er gab sich einen Ruck und fasste auch
nach dieser Hand.... und dann.... dann.... war alles vorbei.
Es ging so rasend schnell, dass Akira kaum etwas merkte. Plötzlich war das
trübe Licht verschwunden, und hatte dafür einer unvorstellbaren Helligkeit
Platz gemacht. Mit offenen Augen starrt er zur Decke.
Sein Blick brauchte eine Weile, bis er sich klärte, aber dann sah er deutlich
die alten Neonlampen des Krankenzimmers in der Turnhalle. War er nicht eben aus
diesem Raum gelaufen, bevor er in den schwarzen Abgrund gefallen war?
Akira verstand gar nichts mehr! Wie viel von dem ganzen Geschehen war nun
Wirklichkeit, wie viel Fiktion oder gar Traum? Stumme Tränen stiegen in ihm auf
und er hatte nicht die Kraft sie zurück zu halten. Die << Reise >> zu jenem
Abend, hatte sämtliche seiner Kraftreserven aufgebraucht, über die er verfügt
hatte. Lautlos rannen die Tränen über seine Wangen.
/Tränen ... der Verzweiflung?... der Ohnmacht?..../
Der Händedruck verstärkte sich. Erst jetzt merkte er, dass jemand seine Hand
hielt. Überrascht blickte er diesen << jemand >> an.... und ihm stockte der
Atem.
/War das alles real?/
Seine stummen Tränen wurden durch Freudentränen ersetzt!
"Onii-chan!" Ein leises Flüstern, in den Ohren seines Gegenübers aber wie ein
lauter Schrei. Erstaunt blickte er Akira ins Gesicht!
"Hey! Tiger! Wer wird denn gleich weinen!"
/Tiger! Er ist es wirklich! So hat nur er mich genannt!/
Mit einem Freudenschrei - der sich wie ein raues Krächzen anhörte - setzte er
sich auf und schlang die Arme um Tatsuya.
Wie lange hatte er ihn nicht mehr gesehen? Wie lange hatte er ihn nicht mehr
umarmt?
/Viel zu lange!/, war Akiras Antwort auf diese stumme Fragen.
Er weinte nun hemmungslos.
"Hey! Och Akira! Nicht doch! Sonst fang ich auch noch an zu heulen!"
Angesprochener hörte zwar auf zu schluchzen, aber dafür verstärkte er den
Griff um seinen Bruder noch.
"Man! Du zerquetscht mich ja! So hatte ich mir unser Wiedersehen eigentlich
nicht vorgestellt! Hab Erbarmen und lass mich leben!" Ein leises Lachen von
seinem Bruder.
Erschrocken ließ Akira ihn los!
"Gomen nasai!" Errötend senkte er den Blick.
/Ich muss ja ausgesehen haben wie ein kleines Kind!/
Tatsuya struppelte ihm durch die Haare.
"Na, immer noch so oft am Entschuldigen? Darin warst du schon immer gut!"
Doch plötzlich stockte Akira. Ihm fiel ein, dass er ja eigentlich sauer auf
seinen Bruder war und eine Frage, die ihn seit jener Nacht quälte, drängte
sich in den Vordergrund seines Bewusstseins.
"Warum bist du gegangen?"
"Was?" Tatsuya verstand nicht. Er konnte den Gedankensprung seines Bruders nicht
nachvollziehen.
"Warum hast du mich.... Ich meine uns ... verlassen?"
Tatsuya schluckt unbehaglich. "Ich dachte, dass du das wüsstest. Er hat mich
raus geschmissen und außerdem konnte ich mir seinen ganzen Vorwürfe doch
schlecht gefallen lassen!"
"Aber du bist freiwillig gegangen!", erwiderte Akira in trotzigem Ton.
Tatsuyas Augen weiteten sich überrascht. "Wie kommst du darauf?" Völlig
perplex starrte er seinen kleinen Bruder an.
"Du meintest: Nein, du wirst mich nicht rauswerfen! Ich geh freiwillig!",
zitierte Akira seinen Bruder wortwörtlich.
/Wie gut ich mich doch an jedes Wort von diesem Gespräch erinnern kann!/
"Du hast.... zugehört?" Verunsichert blickte nun der Ältere zu Boden.
Akira nickte knapp.
Dann herrschte eisiges Schweigen....
...welches von Takeru durchbrochen wurde, indem er sich leise räusperte.
"Ich will ja nichts sagen, und 'tschuldigung, dass ich störe, aber draußen
wird es langsam dunkel und ich wollte heute noch nach Hause!"
Mit übertrieben gequälten Ausdruck im Gesicht, zwinkerte er Akira zu. Dieser
tat, was er immer tat.
"Gomen nasai!" Er entschuldigte sich.
Endlich nahm er auch Hideo wahr, der an die Wand gelehnt da stand und ihn mit
verschleiertem Blick an sah.
Als Akira ihn zaghaft anlächelte, klärte sich sein Blick wieder und er
lächelte scheu zurück.
/Die sind so komisch! Hab ich irgendwas gemacht? Was war eigentlich los? Warum
war plötzlich alles schwarz um mich herum?/ Müde suchte er die Antwort in den
Augen seiner Freunde, aber er konnte nichts finden, außer.... einem mitleidigen
Blick? /Was hat Tatsuya ihnen erzählt? Wie viel hat er ihnen gesagt?/
Das alles waren Fragen, die es zu ergründen galt, aber nicht, indem er hier
faul rum lag. Zittrig erhob er sich und ging langsam auf die Tür zu.
Tatsuya hatte seinen Arm ausgestreckt, um ihn vor einem eventuellen Sturz zu
bewahren.
/Er ist wirklich wieder zurück!/, dachte Akira glücklich!
Dann erreichte er Hideo - Takeru hatte inzwischen Akiras Rucksack zusammen
gepackt und schulterte ihn jetzt - und sank müde in seine Arme.
"Es tut mir leid!" Ein Beben schwang in Hideos Stimme mit.
"Was tut dir leid?" Akira wirkte verwirrt.
"Na, dass dich mein Ball so hart getroffen hat!", erklärte er verunsichert.
"Dein Ball? Sorry, hab irgendwie 'nen Filmriss!"
"Kein Wunder! Hideos Ding hatte ja auch Wucht hinter!", mischte sich nun auch
Takeru ein.
Hideo schlang entschuldigend die Arme um seinen kleinen Freund und wurde rot.
"Es tut mir wirklich leid, Kleiner!"
"Quatsch! Das brauch dir nicht Leid zu tun! Ich war... " Er blickte kurz seinen
großen Bruder an. "... unaufmerksam!"
"Ich hätte trotzdem nicht so doll raufhauen dürfen! Tut es doll weh?"
"Nö! Eigentlich nicht!", gab Akira ernsthaft zu.
"Noch nicht! Das kommt noch!", lachte Takeru schadenfroh!
"Ja ja ja! Lach du nur! Irgendwann trifft's auch dich, und dann lach ich!" Akira
grummelte TK an.
"War ja nicht böse gemeint! Bin ja nur froh, dass dir nichts ernstes passiert
ist!"
"Was sollte ihm denn bitte passieren? Da oben ..." Hideo tätschelte liebevoll
Akira Wuschelkopf "... ist doch eh schon alles kaputt!"
"Na vielen Dank auch!" Akira schmollte, was Tatsuya und Takeru Anlass zum Lachen
gab. "Och! War doch nicht böse gemeint!"
"Weiß ich doch!" Damit zog Akira Hideo zu sich runter und tauschte einen
leidenschaftlichen Kuss mit ihm aus.
Schlagartig verstummte das Lachen von Takeru und Tatsuya.
Akira durchführ ein heißer Schauer, dann sah er erschrocken in die Gesichter
der beiden - nun nicht mehr - Lachenden.
Beide waren etwas blasser geworden und wichen seinem Blick aus.
/Shit! Die hab ich ja total vergessen! Takeru hat mich ja noch nie einen Jungen
küssen gesehen, und Tatsuya wusste es überhaupt nicht!/
Als wenn Hideo die Gedanken die in Akiras Kopf durcheinander wirbelten, gelesen
hätte, verstärkte er den Griff um ihn.
"So, dann lasst uns mal den << Ort des Schreckens >> verlassen!", unterbrach er
das eisige Schweigen.
Tatsuya wandte sich gleich zur Tür um, aber Takeru suchte noch ein Mal Akiras
Blick.... und dann, lächelte er ihm zu. Akiras Herz machte einen Freudensprung!

/Er akzeptiert es! Er ekelt sich nicht davor!/
Sich von Hideo losmachend - der musste ja noch die Lichter ausmachen - schloss
er zu seinem Bruder auf und fragte leise: "Enttäuscht?"
Tatsuya warf ihm einen fragenden Blick zu.
"Was? Wegen dir und dem Typen? Nö! Ist doch dein Ding! Wenn es dir so gut geht,
bin ich damit einverstanden. Aber wenn dieser Typ nur irgendetwas sagt oder
macht, was dich zum weinen bringt, dann...."
"Ey! Schon gut! Hideo ist nicht mein Freund!", unterbrach Akira seinen Bruder.
Dieser warf ihm einen fragenden Blick zu.
"Nein? Sah aber so aus!"
"Tja, ich glaube das verlangt nach einem aufklärendem Gespräch! Du hast mir
eine Menge zu erklären, denke ich, und ich hab dir ne Menge zu erklären!"
Sich von Hideo und Takeru verabschiedend, machten sich die beiden Brüder auf
den Weg zum Hause Kashino. Es sollte ein langer Abend werden....

Draußen war es nun schon merklich dunkler geworden.
Tatsuya und Akira schlenderten schweigend den Weg von der Schule zu Akiras
Zuhause. Auch wenn Akiras großer Bruder nichts sagte, war ihm deutlich
anzumerken, dass er immer nervöser wurde.
"Was'n los?" Akira beobachtete seinen Bruder aus den Augenwinkeln.
"Ist er zu Hause?", fragte dieser leise.
"Wer?"
Tatsuya schnaufte ungeduldig. "Mensch, dein Vater!"
"Nö! Sicher nicht! Keine Ahnung, wann der kommt, aber es dürfte spät werden,
der hat heute Nachtschicht. Und das heißt, dass er vor 'ner Stunde oder so erst
los ist"
"Gut!" Tatsuya wirkte erleichtert.
"Warum willst du ihm denn nicht begegnen?" Akiras Bruder schwieg.
"Auch gut... Keine Antwort ist auch ne Antwort!" Akira war enttäuscht.
"Ich weiß nicht, wie er darauf reagiert, wenn ich plötzlich vor seiner Tür
stehe!", antwortet der Ältere verspätet.
"Warum seiner Tür? ICH wohne da schließlich auch! Und wen ich zu mir einlade,
kann ihm doch egal sein!"
"Sicher, so siehst du das. Aber es immerhin sein Haus."
"Und ich bin sein Sohn" Akira war wild entschlossen seinen Bruder mit nach Hause
zu nehmen.
"Ja, das schon! Aber ich eben nicht!" Erst war Akira verwirrt. /Nicht sein
Sohn?/ Dann fiel ihm aber wieder das Gespräch von jenem Abend ein.
"Warum hast du mir das eigentlich nie gesagt?"
"Was?" Es war schwer zu sagen, ob Tatsuya echt nicht wusste, was gemeint war,
oder ob er sich nur vor einer Antwort drücken wollte.
"Na, dass wir keine richtigen Brüder sind sondern nur Halbbrüder?"
"Du.... warst noch zu jung. Und außerdem hatte das für mich nie eine
Bedeutung!" Tatsuya hielt an und blickte dem Jüngeren ins Gesicht.
"Tatsuya! Ich war 13. Das ist nicht zu jung. Und für mich hätte das doch auch
keinen Unterschied gemacht."
"Siehste! Dann wäre es doch bloß Zeitverschwendung gewesen. Warum Verwirrung
stiften?!"
Akira konnte nur mit dem Kopf schütteln und ging weiter. /Macht er es sich
nicht ein bisschen leicht?/
"Hey! Nun warte! Macht es für dich nun doch einen Unterschied???" Die Angst war
dem Älteren deutlich anzumerken. Schnell schloss er zu seinem gehenden Bruder
auf und brachte ihn zum Anhalten.
"Nein, eigentlich nicht! Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du dich nie
gemeldet hast!"
"Aber ich hab doch...."
"Geburtstagskarten zählen nicht! Warum bist du nie vorbei gekommen? Warum hast
du mich nie nach der Schule mal abgefangen? Warum hast du mir nie einen Brief
geschrieben, in dem du mir deine Beweggründe erklärt hast?"
"Weil... ich weiß auch nicht...." Tatsuya's Stimme wurde immer leiser. "Vorbei
gekommen bin ich wohl nie, weil ich Angst hatte, dass ich dann nicht mehr gehen
würde. Denkst du nicht, dass ich an dir oder Mutter gehangen hab?"
"Früher hab ich das eigentlich schon gedacht, aber nachdem du mich alleine
gelassen hast, war ich mir nicht mehr sicher. Ich hab mich verraten gefühlt!"
"Verraten?" Tatsuya verstand nicht.
"Ich dachte immer, wir halten zusammen und gehen gemeinsam durch dick und dünn.
Und du wusstest, das ich kaum Freunde hatte, sondern nur dich! Und trotzdem bist
du ohne ein Wort verschwunden."
Stille.
In Akiras Augen glomm ein Funken. Sein Bruder wusste nicht, wie er diesen Blick
deuten sollte und sah deshalb zu Boden. "Gomen nasai!"
"Was willst du eigentlich von mir?" In Akiras Stimme war eine Kälte, die
Tatsuya von seinem Bruder nicht kannte. Sie machte ihm Angst. Er hat sich sehr
verändert, ging es ihm durch den Kopf.
"Ich.... wie meinst du das?"
"Das weißt du ganz genau! Warum tauchst du so ganz plötzlich wieder auf und
bringst alles durcheinander?"
Tatsuya schüttelte verwirrt den Kopf. "Durcheinander?"
Akira konnte nicht verhindern, dass er lauter wurde. "Was meinst du, wie lange
ich gebraucht hab, um über dein Verschwinden hinweg zu kommen? Natürlich hast
du mir gefehlt! Aber noch viel mehr war ich enttäuscht von dir! Ich will ganz
ehrlich sein: Manchmal hab ich dir regelrecht gehasst und verflucht... Aber du
bist nun mal mein Bruder. Also, was willst du von mir?"
Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Tatsuya wusste nicht wirklich, was er auf
diese Worte erwidern sollte. "Ich... ich hab mir Sorgen um dich gemacht!"
Akira lachte kalt. "Sorgen? Es ist ein bisschen spät dafür, den liebenden
Bruder zu spielen!"
"HEY! Jetzt wirst du gemein!" Tatsuya blickte nun ebenfalls mit eisigem Blick in
die grünen Augen des Jüngeren. "Ich hab nie den liebenden Bruder << gespielt
>>. Du denkst wohl echt, für mich war das alles ein Zuckerschlecken. Falls du
es vergessen oder nicht bemerkt haben solltest: Ich hatte kein Dach mehr über
dem Kopf! Ich bin zu Hause rausgeflogen."
"Du bist freiwillig gegangen!", verbesserte Akira ihn gnadenlos.
"Mensch, wäre ich nicht freiwillig gegangen, dann HÄTTE er mich raus
geschmissen. Es läuft also aufs Selbe hinaus. Aber okay, wenn du unbedingt
drauf bestehst: Ich bin freiwillig gegangen. Trotzdem ändert das nichts an der
Tatsache, dass ich kein zu Hause mehr hatte. Und auch du hast mir gefehlt!
Bloß, was sollte ich machen? Okay, vielleicht hab ich ein wenig egoistisch
gehandelt und mir erst mal 'ne Wohnung und Arbeit gesucht, bevor ich
gründlicher darüber nachgedacht hab, wie du dich fühlst. Aber sorry, dass ich
auch noch über ein wenig Selbsterhaltungstrieb verfüge. Und du kannst doch gar
nicht beurteilen, was in mir vorgegangen ist! Ich war so oft kurz davor, dich
einfach mal zu treffen, aber wie hättest du denn reagiert wenn ich plötzlich
vor dir gestanden hätte?"
Der plötzliche Redeschwall erschlug Akira förmlich, doch er schaffte es, sich
schnell wieder zu fassen und zu kontern.
"Sicher anders als jetzt! Du hättest es mir einfach erklären sollen! Ich
hätte dich doch verstanden und vielleicht hätte ich dir auch helfen können
Aber nein, du hast es ja nicht für nötig gehalten mich aufzuklären!"
Noch immer standen beide auf dem Gehweg. Die Dunkelheit hatte sie jetzt
vollkommen eingeschlossen. Mit einem Flackern gingen die Straßenlaternen um sie
herum an und beleuchteten die seltsame nächtliche Szene, die sich da bot.
"Hm... scheinbar war es ein Fehler herzukommen! Ich hab eigentlich nur ein
ungutes Gefühl gehabt, weil du nach Mutters Tod ja zu deinem Vater ziehen
musstest. Da wollte ich gucken, ob alles in Ordnung ist. Aber besser ich wäre
in Osaka geblieben. Du scheinst dich ja gar nicht zu freuen mich wieder zu
sehen..."
Akira schüttelte aufgebracht den Kopf. "Das hab ich doch gar nicht gesagt! Aber
ich verstehe dich nicht!!! Ich seh bei deiner verdammten Logik nicht durch. Du
widersprichst dir so oft! Einerseits sagst du, dass du mich vermisst hast. Aber
andererseits hast du es nicht für nötig gehalten mich mal zu besuchen. Was
soll ich denn da bitte schön von dir denken?!"
"Akira! Es ist zu schwer dir jetzt meine Sicht zu erklären. Du müsstest schon
selbst in der Situation sein um es zu verstehen. Aber bitte, lass uns nicht im
Streit auseinander gehen."
Akira wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
/Klar, ich freue mich doch ihn wieder zu sehen. Aber warum mache ich ihm dann
diese ganzen Vorwürfe?! Das sind all die Fragen, die ich mir in den drei Jahre
gestellt hab. Ich hab doch immer gehofft, dass er wieder zurück kommen würde.
Nun nun, wo es soweit ist, wünschte ich, dass er gar nicht aufgetaucht wäre.
Ich fange an, mir selbst zu widersprechen. Warum ist das Ganze auch so
kompliziert. Am liebsten will ich ihn einfach nur umarmen. Aber irgendwas hält
mich zurück! Ich dachte wirklich, dass er mich nie wieder sehen will. Müsste
ich mich für diesen Gedanken nicht eigentlich schämen? Ach, ich weiß nicht
mehr, was ich denken soll!!!/
Akira bemerkte die Tränen gar nicht, die ihm stumm die Wangen hinunter rannen,
er war viel zu sehr mit seinen Gefühlen beschäftigt. Er musste eine Ordnung in
dieses Chaos bringen, aber wie?!
Das war die Frage. Er wusste einfach nicht was er tun sollte.
/Verdammt!/
Tatsuya hatte die Tränen seines Bruders bemerkt. Auch er konnte sich nicht mehr
zurück halten. Ohne etwas zu sagen, trat er auf den Jüngeren zu und umarmte
ihn ganz fest.
Leise stammelte er:
"Akira! Hey Tiger! Es tut mir doch leid! Ich hab wirklich gedacht, dass du dich
freuen würdest, wenn ich wieder herkommen würde. Und es hat mich tierisch viel
Überwindung gekostet. Aber scheinbar war das echt ein Fehler. Dann sag mir
einfach das es dir gut geht, und ich geh wieder. Ich will nicht, dass du
meinetwegen noch mehr weinst. Es sieht so aus, als hätte ich dir schon zu viel
Schmerz zugefügt. Das wollte ich doch alles nicht. Aber bitte, rede mit mir!
Tiger..."
Tatsuyas verzweifelte Worten hallten in Akiras Kopf wider. Unschlüssig was nun
zu tun ist, stand er einfach nur da und ließ sich von seinem Bruder umarmen.
/Was soll ich denn jetzt machen? Wenn ich ihm sage, dass er wieder gehen soll,
kann alles wieder so werden wie vor unserem Treffen. Ich hab ja Hideo und
Takeru. Aber ich will doch, dass er hier bleibt! Ich hab ihn doch so furchtbar
vermisst! Warum fällt mir dann diese Entscheidung so schwer?/
Nun schlang auch Akira seine Arme um den warmem Körper seines großen Bruders.

Kräftig erwiderte er nun dessen Umarmung. Er hatte sich entschieden.
"Onii-chan! Ich will nicht, dass du gehst! Bleib bei mir, ja? Lass mich nicht
noch mal alleine! Es tut mir leid, dass ich dir solche Vorwürfe gemacht hab,
aber ich bin so.... verwirrt. Ich weiß nicht mehr was ich denken oder glauben
soll."
"Schhh.... ganz ruhig! Es ist doch alles in Ordnung, ich versteh dich. Ich bin
dir auch nicht böse. Ich bin nur unendlich froh, das du mit mir redest."
Stillschweigend standen sie noch einen Augenblick da und suchte Kraft in der
Umarmung des anderen. Beiden fiel das loslassen schwer.
Die drei Jahren hatten nicht wirklich was an ihren Gefühlen für einander
geändert, sie waren immer noch Brüder. Akira war es dann schließlich, der
sich aus der Umklammerung löste und den Älteren fragte:
"Warum warst du nicht da? Warum hast du Mutter nicht die letzte Ehre erwiesen?"

"Ich... hatte Angst dir und deinem Vater zu begegnen. Ich war am nächsten Tag
da und hab ihr Grab besucht."
"Vater war nicht dort!"
Überraschung spiegelte sich im Gesicht des Älteren wieder. "Was?"
"Ich sagte, dass er nicht da war. Er war nicht auf ihrer Beerdigung. Er wollte
nichts mehr mit ihr zu tun haben."
Darauf wusste Tatsuya nichts zu sagen.
Nach kurzem Schweigen wandten sich beide in stummem Einverständnis wieder ihrem
Weg zu Akiras Haus zu.
Leise, aber stetig hallten ihre Schritte in der ruhigen Straße wieder...


"So, und nun erzähl du! Woher kennst du Hideo und erklär mir noch mal das mit
eurer << Beziehung >>!"
Tatsuya hatte sich auf Akiras Bett nieder gelassen. Gespannt wechselte sein
Blick zwischen seinem kleinen Bruder, der sich gerade umzog, und dessen Zimmer.

Akira beendete sein Wühlen im Kleiderschrank gemächlich und wandte sich erst
dann dem Älteren zu. Leise lies er sich vor ihm auf dem Boden nieder und
blickte ihn an.
Dann begann er die ganze Geschichte von Takeru, wie er gemerkt hatte, dass er in
ihn verknallt war, und Hideo, wie dieser ihm Mut gemacht und geholfen hat, zu
erzählen.
Sein Bruder lauschte stumm seinen Worten. Akira hoffte, dass Tatsuyas Worte in
der Turnhalle wirklich ernst gemeint waren, und er nichts gegen Schwule hatte.
Aber seine Bedenken stellten sich als unbegründet heraus. Im Gegenteil, der
Ältere freute sich für seinen kleiner Bruder und zeigte das auch ganz offen.
Als Akira seine Erzählung beendet hatte, wechselten sie ganz automatisch zu <<
Kindheitserinnerungen >>.
Und wieder merkte er, dass er seinen großen Bruder wirklich vermisst hatte. Die
drei Jahre ohne ihn, kamen ihm vor wie eine Ewigkeit.
Er hatte schon immer ein sehr gutes Verhätnis zu seinem Bruder gehabt. Sie
hatten zusammen gespielt und oft über Gott und die Welt geredet. Ihnen war nie
der Gesprächsstoff ausgegangen. Auch wenn Akira erst 13 gewesen war, hatte
Tatsuya ihn öfters mal mitgenommen, wenn er zum Beispiel ins Kino oder
Schwimmen gegangen war. Manchmal hatten sich zwar Tatsuyas Freunde darüber
aufgeregt, aber die beruhigten sich schon wieder. Denn keiner hatte ernsthaft
was gegen den Jüngeren.
"Was machst du jetzt eigentlich?" Akira durchbrach die Stille, die sich seit
einer geraumen Weile im Zimmer ausgebreitet hatte.
"Wie meinst du das?" Tatsuya verstand nicht.
"Na, was machst du jetzt beruflich? Wo wohnst du? Hast du ne Freundin? Kinder?
..."
"Hey, ganz langsam. Lass mich doch erst mal antworten! Also nein, Kinder hab ich
natürlich keine! Und ne Freundin.... na ja... zur Zeit nicht." Der Ältere
klang bei der Erwähnung dieses Themas nicht gerade erfreut. Doch Akira fragte
gnadenlos weiter.
"Warum das?"
"Ach, hab mit meiner letzten vor ein paar Wochen Schluss gemacht.... Ist aber ne
längere Geschichte...."
Akira grinste. "Also, ich hab Zeit!!!"
"Nein, hast du nicht! Guck mal bitte auf die Uhr! Es ist schon 1:05 Uhr. Und ich
weiß ja nicht, wann morgen bei dir die Schule beginnt, aber mehr als 5 Stunden
Schlaf dürften das doch wohl kaum werden.", kam Tatsuya seinen Pflichten als
fürsorglicher Bruder nach.
"Bleibst du heute Nacht hier?"
"Ich... weiß nicht so recht. Also..."
"Wegen meinem Vater brauchst du keine Angst zu haben. Wenn der um 5 Uhr nach
Hause kommt, pennt er gleich. Und er würde eh nie zu mir hoch kommen...",
beruhigte Akira seinen Bruder.
"Okay, wenn du willst bleibe ich hier."
"Super!" Akira sprang auf und eilte zum Schrank, wo er ein gut verstautes Futon
heraus kramte. Gemeinsam mit Tatsuya bereitet er es vor.
Später langen sie beide stumm in ihren Betten und starrten die Decke an.
"Wie lange bleibst du eigentlich?", unterbrach Akira plötzlich das Schweigen.
"Ich hab 'n Zimmer in einem Hotel, aber ich denke mal, dass ich vielleicht noch
zwei Wochen hier bleiben werde, dann muss ich zurück nach Osaka."
"Nur zwei Wochen? Warum musst du schon so früh zurück?"
Tatsuya probierte dem Jüngeren dies zu erklären. "Mein Urlaub geht zu Ende.
Ich arbeite in einem Musikgeschäft als Verkäufer, und es ist echt erstaunlich,
das ich überhaupt 3 Wochen Urlaub bekommen habe! Da kann ich nicht einfach
länger weg bleiben..."
Akira nickte in der Dunkelheit des Zimmers. "Ich versteh schon.... kann ich dich
dann mal besuchen?"
"Klar! Ich würde mich freuen wenn du mal vorbei schaust! Aber nun schlaf, du
kommst sonst morgen früh.... ähm... ich meine heute früh, überhaupt nicht
aus den Federn!", ermahnte Tatsuya seinen Bruder erneut. Dieser gab sich
geschlagen.
"Okay! Gute Nacht, Onii-chan!"
"Gute Nacht, Tiger!"


Der Rest der Schulwoche verging zügig und das Wochenende, an dem sich Akira mit
Hideos Freunden treffen wollte, kam schneller als gedacht.
Hideo hatte Akira vorgeschlagen, dass er am besten bei ihm schliefe, denn die
anderen wohnten nur ein oder zwei Straßen weiter und würden mal gerade fünft
Minuten bis nach Hause brauchen.
Im Gegensatz zu Akira, der müsste dann um 3: 30 Uhr oder wie spät es werden
würde, noch eine halbe Stunde zu Fuß durch die Stadt rennen.
Das konnte Hideo ja schlecht verantworten.
Also stand Akira am Samstagmittag vor Hideos Haustür. Er sollte noch bei den
Vorbereitungen helfen. Das war ihm aber ganz recht, denn so hatte er mehr Zeit,
sich mental auf die Begegnung vorzubereiten.
/Warum hab ich solche Angst davor, Hideos Leute zu treffen? Ich bin doch sonst
nicht so verklemmt!/
Vielleicht lag es daran, dass die anderen alle schwul waren... oder aber daran,
dass er Angst hatte, dass Hideo dann kein Auge mehr für ihn hatte. /Sobald
seine Kumpels da sind, hat er mich sicher vergessen.../
Niedergeschlagen wartete er darauf, dass sein Freund nun endlich die Tür
aufmachte.
Nach etwas Warten wurde die Tür mit Schwung aufgerissen und vor Akira stand ein
Hideo, der bis auf ein Handtuch um die Hüften, vollkommen nackt war.
Seine schönen blonden Haare hingen ihm nass und strähnig ins Gesicht, während
hier und da auf seinem Körper noch Wassertropfen entlang liefen.
Als er Akira erblickte, erhellte sich sein finsteres Gesicht.
"Ach, du bist es! Man, du bist verdammt früh!"
Schnell zog er den gaffenden Akira am Ärmel in die Wohnung und ließ hinter ihm
die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen.
Akira begann stotternd sich zu entschuldigen. "Sorry, aber ich.... /konnte es zu
Hause nicht mehr aushalten.... Nee!/ ... sollte dir doch noch bei den
Vorbereitungen helfen. Schlimm?"
"Quatsch! Ich freu mich doch, dass du hier bist!" Somit zog er Akira zu sich und
gab ihm einen langen Kuss.
Die Hand, die bis eben noch das Handtuch um die Hüften gehalten hatte, vergrub
er in Akiras zerzausten Haaren. Das damit auch das Handtuch seinen Platz
verließ, und geräuschlos zu Boden glitt, schien er nicht zu bemerken.
Akiras Hand strich unruhig über Hideos Rücken und wanderte langsam tiefer, bis
sie an Hideos nacktem Hintern an kam. Zaghaft strich er über die nackte Stelle
Haut. /...nackt???.../
Völlig perplex löste er sich von Hideo und wagte einen Blick auf dessen
Hüftgegend. Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Handtuch, das seine Augen
verzweifelt suchten, zu seinen Füßen auf dem Boden lag.
Mit einem raschen Blick streifte er Hideos Genitalbereich, bevor er, rot wie
eine Tomate, einen Schritt zurück wich und seinen Blick abwendete.
"Hideo! Dein ... ähm... Handtuch...", stammelte er und sein Gesicht wurde noch
röter, als er an den flüchtigen Blick dachte, mit dem er eben Hideos bestes
Stück gemustert hatte.
"Ups! Das ist mir wohl abhanden gekommen!" Hideo konnte sich ein Grinsen nicht
verkneifen. "Och, Kleiner! Nun sei doch nicht so verklemmt! Du wirst noch
öfters nackte Jungs sehen, und der erste bin ich ja wohl auch nicht! Und
außerdem sind wir Freunde!"
"Ja, aber..."
"Nix aber! Wenn du nicht so süß wärst, wenn du rot bist, würde ich jetzt
sauer sein! Aber na ja.... geh schon mal in die Küche, ich zieh mich besser an.
Bevor du mir hier noch explodierst!"
Genauso fühlte sich Akira auch.
Sein Kopf glühte, und er verstand selbst nicht, warum er so einen Aufstand
wegen eines anderen Jungen machte.
/Aber es ist Hideo.... und er sieht so... gut aus!/
Schnell verschwand er in der Küche. Sein Freund blickte ihm noch einen Moment
nach, und suchte dann kopfschüttelnd das Schlafzimmer auf.
Akira ließ sich niedergeschlagen an der Küchentheke nieder.
/Der hält mich jetzt sicher für total verklemmt! Klasse! Das hab ich ja wieder
toll hinbekommen. Aber was kann ich auch dafür, wenn er mich so.... erregt.
Dann ist es doch wohl klar, dass ich ihn nicht anstarre, wenn er total nackt vor
mir steht.... Aber ob ich die Gelegenheit noch mal hab? Vielleicht hätte ich
ihn mir lieber noch mal genauer angucken sollen, wer weiß wann ich die Chance
mal wieder bekomme...Wie man's macht, macht man's verkehrt!/
Akira seufzte ein Mal tief.
Plötzlich schlangen sich zwei starke Arme von hinten um ihn und verschränkten
sich vor seiner Brust.
"Was ist denn nun? Ist es dir jetzt peinlich, dass du mich nackt gesehen hast?"
Trotz der sachlichen Wortwahl konnte Akira deutlich den leichten Spott in Hideos
Stimme hören.
"Nee! Es ist mir nicht peinlich! Wie schon gesagt, du bist schließlich auch ein
Junge genauso wie ich.... aber...."
"Was aber?"
"Hältst du mich jetzt für verklemmt?"
Das liebevolle Lachen von Hideo und dessen warmer Atem, den Akira sachte in
seinem Nacken spürte, ließen wohlige Schauer durch seinen Körper fahren.
"Kleiner! Du denkst zu viel! Hör doch mal auf, alles zehn Mal zu überdenken
und lass es einfach so kommen, wie es kommt. Wenn ich dich für verklemmt halten
würde, dann würde ich dir das schon sagen. Alleine weil ich dir helfen wollte.
Denn wenn du dich so meine Kumpels gegenüber verhältst, dann kann das nicht
gut gehen!"
Akira ließ sich gegen Hideos breite Brust sinken und nuschelte leise:
"Warum?"
"Weil die das alles nicht so eng sehen und auch mal Sachen sagen und machen, die
sie nicht ernst meinen. Und wenn man da alles auf die Goldwaage legt und es zehn
Mal hin und her dreht und überdenkt, hat man im Nachhinein keinen Spaß! Also
denk nicht so viel und bleib einfach mal locker!"
Hideos Lehrstunde war beendet und er löste sich plötzlich von Akira. Dieser
war darauf nicht eingestellt und fiel fast rücklings vom Küchenhocker.
"HEY! Geht das auch ein bisschen liebevoller???"
Hideo, der schon zum Kühlschrank getreten war, kam grinsend zurück.
"Oh sorry, Schatz! Das nächste Mal bin ich einfühlsamer!" Mit diesen Worten
umschlang er wieder Akiras Hüften.
Schnurrend küsste er Akiras Hals und vergrub sein Gesicht dann in der Beuge.
"Warum knuddelst und knutschst du mich eigentlich die ganze Zeit?" Akira klang
plötzlich ein wenig nachdenklich.
"Oh, stört es dich?"
"Nein, das nicht... Aber deine Kumpels halten mich noch für deinen festen
Freund!"
"Ach, wenn die da sind, dann gehen die mit einander auch so um! Die haben sich
da nicht so, bei uns kommt es drauf an, dass es Spaß macht. Und wenn dem einen
halt nach knutschen ist, dann leckt er sich halt mit dem nächstbesten ab."
Hideos Erklärung klang so natürlich, wie sie für Akira inhaltlich gar nicht
war.
"Ähm... Aber..."
"Okay, das war jetzt vielleicht ein wenig lieblos ausgedrückt, aber im Grunde
ist es nichts anderes!"
"Also trefft ihr euch nur, um euch gegenseitig zu befriedigen???" Akira konnte
seinen Ohren nicht trauen.
"Hmpf! Das hört sich gemeingefährlich an! Und wir schlafen ja nicht gleich mit
einander! Bloß wenn << du >> meinst, dass du gerne einen Kuss haben möchtest,
kommst du doch auch zu mir! Und so ist das bei den anderen auch. Bloß, dass Kim
sich zum Beispiel entscheiden kann, ob er zu Shito oder zu Darius geht! Das ist
der kleine, aber feine Unterschied. Mehr ist da nicht dran. Und es heißt ja
auch nicht, dass du dich gleich von jedem x-beliebigen befummeln lassen musst.
Bloß tu mir einen Gefallen und toleriere die Gewohnheiten der anderen auch,
genauso wie sie auch deine tolerieren, wenn du zum Beispiel einem direkt sagst,
dass du etwas nicht willst!"
Die zweite Lektion von Hideos Lehrstunden war damit beendet, und er leckte Akira
sanft über den Hals. "Aber um noch mal aufs Ausgangsthema zurück zu kommen:
Sag mir wenn ich dich nicht mehr << befummeln >> soll, dann hör ich natürlich
auf!"
Hideo wollte sich von Akira lösen, aber dieser hielt ihn nun seinerseits fest
und meinte:
"Quatsch! Ich mag es doch, wenn du mich küsst und umarmst! Bloß es kann halt
mal vorkommen, dass du mir eure << Denkweise >> erklären musst. Ich will ja
auch nicht, dass Missverständnisse aufkommen."
Damit presste er seine Lippen auf die von Hideo und ließ seine Zunge bettelnd
darüber gleiten. Hideo kam seiner Bitte nach und gewehrte ihm Einlass.
/Das fühlt sich so gut an! Immer wenn Hideo mich küsst, fühlt sich alles so
leicht an und mir wird so schön warm!/
Fordernd rieb Hideo seine Zunge an der von seinem Freund. Dieser erwiderte die
Geste.
Widerwillig löste sich Akira von dem Älteren.
"Ich dachte, ich soll dir beim Vorbereiten helfen?"
Hideo lachte fast schon schelmisch. "Fast vergessen!" Irgendwie erleichtert
über Akiras Antwort platzierte Hideo noch einen letzten Kuss auf Akiras Hals,
bevor er dann wieder an den Kühlschrank trat.


Kapitel 8: Kim

Viel vorzubereiten gab es eigentlich nicht, und Akira wusste nicht, warum er
Hideo bei dem Bisschen helfen sollte, aber es war ihm recht.
Er musste nur ein paar Getränke aus dem Keller holen, während Hideo den Inhalt
des Kühlschranks prüfte. Sein kleiner Freund warf ihm einen fragenden Blick
zu.
"Nicht, dass ich noch einkaufen muss!", war seine Antwort auf Akiras stumme
Frage.
"Bei uns herrscht nämlich Selbstbedienung. Wenn wer Hunger hat, hier steht der
Kühlschrank!"
"Gut zu wissen."

<< Ding-Dong >>
Erschrocken blickte Akira zur Tür.
/Shit! Der erste kommt schon!/
"Kleiner, mach mal bitte auf!", rief Hideo ihm von der Küche aus zu.
Zögernd nährte sich Akira der Tür. Tief durchatmend drückte er die Klinke
runter.... und staunte nicht schlecht:
Sein Gegenüber hatte ein kindliches Gesicht, durch das man sein Alter auf
höchstens 16 schätzen konnte. Seine kurzen blonden Haare hingen ihm fröhlich
ins Gesicht.
"Konnichi wa!" Damit schob er Akira beiseite und trat ohne zu fragen ein.
"Hallo" Akira war verunsichert.
/Was soll ich denn jetzt sagen?/
Aber diese Entscheidung nahm Hideo ihm ab, indem er den Kopf aus der Küchentür
steckte und meinte:
"Oh, hallo Shito! Wie immer der erste."
"Hallo Großer!" Der Ankömmling grinste Hideo ungeniert an. "Der erste schein
ich aber nicht zu sein, oder wer ist der andere, der es sich gerade bei dir
gemütlich macht?"
Akira hatte sich lautlos auf die Couch verzogen und beobachtete das Geschehen.
/Ob er wohl einer von den Freunden ist, mit denen Hideo... schläft?/
"Stimmt, du bist nicht der erste. Das ist Akira, du kannst ihm ja mal ein
bisschen Gesellschaft leisten, ich komm auch gleich."
Mit diesen Worten verschwand Hideos Kopf wieder aus der Tür und Shito drehte
sich zu dem auf der Couch Sitzenden um. Langsam schritt er zu ihm und ließ sich
neben ihn fallen.
"Du heißt also Akira!", stellte er fest. Irgendwie musste ja irgendeiner ein
Gespräch anfangen, und da Akira das wohl nicht sein würde, übernahm Shito den
Part.
"Hai!"
"Hm... Und du bist...?"
"Ich gehe auf Hideos Schule und in seine Volleyballmannschaft. Daher kennen wir
uns!" Akira zog die Beine auf die Couch und somit an seinen Körper ran. /Und
nun!?/
"Also, wenn du nicht mit mir reden willst, geh ich zu Hideo in die Küche. Ich
will dich schließlich nicht belästigen..." In Zeitlupe erhob sich Shito von
der Couch und drehte sich geschmeidig um.
"Warte!" Akira war ebenfalls halb aufgesprungen und schaffte es gerade noch, den
anderen am Handgelenk festzuhalten.
"Ja?" Shito hob eine Augenbraue und blickte auf Akiras Hand, die immer noch sein
Handgelenk umklammert hielt. Erschrocken ließ Akira es los.
"'tschuldigung! Bleib doch hier. Du störst nicht..."
"Hm... wenn du meinst. Kann es sein, dass du nicht sehr gesprächig bist!" Shito
nahm wieder neben Akira auf der Couch Platz.
"Und kann es sein, das du mich für leicht blöd hältst?", fragte Akira frei
hinaus. Die komische, patzige, leicht arrogante Art, mit der Shito ihm
begegnete, gefiel ihm überhaupt nicht.
"Wenn ich ehrlich sein darf..."
"Sollst du!"
"... dann muss ich zugeben, dass mein erster Eindruck von dir ein wenig seltsam
ist. Du tust so, als wenn ich beißen würde!"
"Wer weiß! Keine Ahnung wozu Hideos Freund so alles fähig sind! Wenn ich mir
ihn da so angucke!"
"Ach, Hideo beißt dich also..." Shito musste grinsen, und auch Akira bemerkte
die Zweideutigkeit von seinen Worten.
"Ja, das wohl auch..." Er wurde leicht rot.
Aber das Eis war gebrochen!
"Wie alt bist du?" Akira stellte die Frage, die ihm schon seit dem ersten
Augenblick, als er Shito gesehen hatte, im Kopf herum schwirrte, laut.
"Ich? Ich bin 15! Und du?"
"16!"
Shito nickte wissend, ehe er einfach fragte:
"Und schwul?"
Akira riss überrascht die Augen auf, was Shito schmunzeln ließ. Doch diese
Blöße, sich von dem Jüngeren überrumpelt haben zu lassen, wollte er sich
nicht geben. Schnell fing er sich wieder und meinte mit einer ebenso großen
Gelassenheit:
"Ja, schwul. Du doch auch, oder nicht?"
Shito guckte Akira entgeistert an! "Was denkst du denn?!"
Es herrschte für einen Moment leicht verlegenes Schweigen.
"Mensch, ist dir auch so warm?", suchend blickte Shito sich um und stand dann
auf um ein Fenster zu öffnen.
Mit weit ausgebreiteten Armen stand er davor und genoss die kühle Luft, die
seinen Körper umschmeichelte. Eine Gänsehaut überzog deutlich seine Arme.
Plötzlich ertönte eine tiefe, aber warme Stimme.
"Hey! Dumpfbacke! Mach das Ding zu! Hier friert man sich ja den Arsch ab!"
Nicht nur Shito, sondern auch Akira wirbelte herum.
Neben der Couch stand nun eine hochgewachsene Gestalt, welche in einen langen
schwarzen Ledermantel gehüllt war. Seine pechschwarzen hüftlangen Haare waren
zu einem Zopf nach hinten gebunden. Sich schüttelnd steckte er die Hände in
die Manteltaschen.
"Mensch, hast du mich erschreckt! Mach das nie wieder!!!" Shito plusterte sich
auf, was dem Fremden ein warmes Lachen entlockte.
/Wer ist denn das???/
"Dich kann man doch immer so schön erschrecken! Was denkst du, warum wir heute
Abend 'nen Horrorfilm gucken! Extra für dich ausgesucht!"
Ein spöttisches Lächeln umspielte seinen Mund. "Och menno! Was kann ich denn
dafür, dass ich so schreckhaft bin! Aber lass dich mal erst mal knuddeln!"
Damit überwandt Shito den Abstand zwischen sich und dem Großen mit einigen
schnellen Schritten und sprang ihm an den Hals! Sofort fanden sich ihre Lippen
und ein langer Kuss wurde ausgetauscht.
Fasziniert beobachtete Akira das << Schauspiel >> von der Couch aus.
/Man, die scheinen ja echt 'ne lockere Beziehung hier mit einander zu haben.
Sicher jeder mit jedem... Ob ich da rein passe? Oder besser, ob die mich dabei
haben wollen? Die scheinen sich ja schon lange zu kennen. Hoffentlich stört ich
da nicht.... Aber mit Shito kann man echt reden. Dabei hab ich ihn erst für ein
wenig arrogant gehalten. Doch scheinbar hab ich mich getäuscht. Wer der Große
wohl ist? Sieht aber ganz attraktiv aus. Langsam beginnt es interessant zu
werden.... /
Seine Gedanken wurden durch zwei leuchtend grüne Augen durchbrochen. Das
freundlich lächelnde Gesicht des Fremden schob sich in sein Blickfeld.
Überrascht blickte Akira auf, und realisierte, dass der andere sich vor ihm
hingekniet hatte.
"Was denn? So in Gedanken? Bist du immer so in dich gekehrt? Ich hab dich eben
gefragt, wie du heißt!"
Errötend senkte Akira den Blick.
/Mist, ich hab ihn gar nicht gehört/
"Ups, 'tschuldigung. Hab dich eben nicht registriert!"
Der Große lächelte wieder warm. "Das hab ich gemerkt! Ist aber nicht schlimm
und daher kein Grund sich zu entschuldigen. Und, wie ist nun dein Name?"
/Wow! Wie der redet! So ruhig, gelassen und einfühlsam./ Ein Prickeln zog sich
durch Akiras Körper.
"Ähm... ich heiße Akira. Und du?"
"Ich bin Darius!" Mit diesen Worten erhob sich der Ältere wieder und blickte
Shito wütend an! "Ich sagte doch, Fenster zu. Das ist saukalt hier drin!"
"Aber mir ist warm!", wehrte sich der Jüngste trotzig.
"Dann plünn dich aus, aber das Ding kommt zu! Ich hol mir Frostbeulen!"
"Darius! Du bist 'ne Frostbeule!"
Hinter den dreien war Hideo aus der Küche getreten. Auf seinem Gesicht zeigte
sich ein strahlendes Lächeln, welches aber sofort verblasste, als er Akira
nirgends entdecken konnte. Als Darius zu ihm heran kam, konnte Hideo Akira auf
der Couch sitzen sehen. Sofort beruhigte er sich wieder.
"Wenn du da bist, dann bin ich gerne 'ne Frostbeule, du kannst mich ja wärmen!"

Schnurrend kuschelte sich Darius an Hideo. Warm lächelnd schlang Hideo seine
Arme um seinen kuschelnden Freund und gab ihm einen Kuss.
"Schön, dass du da bist!"
"Zu dir komm ich doch immer gerne!" Wieder wurde ein Kuss ausgetauscht.
Shito, der nur widerwillig das Fenster geschlossen hatte, schlenderte zu Akira
hinüber und setzte sich neben ihn. Gemeinsam beobachteten sie die beiden
Älteren, wie sie sich gegenseitig zuschleimten.
"Sind die immer so?", fragte Akira flüsternd.
"Ja, die beiden sind ein Herz und eine Seele. Manchmal könnte man denken, dass
sie fest zusammen sind..." Nachdenklich betrachtete Shito die zwei.
/Dann ist er sicher einer der beiden Freunde, mit denen Hideo Sex hat... Aber
warum interessiert mich das so brennend? Das ist doch eigentlich seine Sache!/
Den Kopf schüttelnd, lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme hinterm
Kopf. Als er leise seufzte... /die haben's gut!/ ... blickte Hideo ihn
entschuldigend an.
"Wir haben uns seit 3 Wochen nicht mehr gesehen!" , erklärte er gespielt
schluchzend.
"Ah ja..." Akira hob einen Augenbraue. "Wie bist du eigentlich hier
reingekommen?", fragte er nun an Darius gewandt.
"ICH...", erklärte dieser stolz, "...besitze einen Schlüssel für diese
schnuckelige Wohnung."
"Aber du wohnst hier nicht?"
"Nee, bloß da ich eigentlich oft hier bin, hat Hideo mir 'nen Schlüssel
gegeben, damit ich nicht draußen warten muss, falls er mal nicht zu Hause sein
sollte."
"Ach so..."
/<< Die >> beiden stehen sich echt nah!/ Ein leichtes Gefühl von Eifersucht
machte sich in Akira breit, aber er schob es grob beiseite. /Was soll das denn?
Seid wann bin ich auf Hideos Freunde eifersüchtig. Als wenn Hideo mir gehören
würde.../
Hideo, der Akiras plötzliche Stimmungsschwankung bemerkt hatte, kam auf ihn zu
und sank vor ihm in die Hocke.
"Was'n los?", fragte er leise, sodass nur Akira ihn hören konnte.
"Nichts! Echt!" Akira setzte ein unechtes Lächelnd auf.
"Das nehm ich dir nicht ab! Du hast doch was!"
"Quatsch, was sollte sein... Mir geht's bestens..." Doch seine Augen sagten was
ganz anderes. Groß blickten sie in das besorgte Gesicht von Hideo.
"Akira, komm mal bitte mit ins Schlafzimmer und bring deine Tasche mit, die
steht immer noch in der Küche!"
<< Das >> hatte Hideo nun laut gesagt. Nicht nur Darius, sondern auch Shito
blickten ihn fragend an.
"Ich penn heute hier.... brauche ein bisschen länger nach Hause als ihr...",
murmelte Akira errötend und hastete in die Küche. Dort holte er seine Tasche,
bevor er mit gesenktem Blick durch das Wohnzimmer eilte, immer in Richtung
rettendes Schlafzimmertür....

"Was ist denn?", fragte er ungeduldig.
Hideo hatte sich inzwischen auf sein Futon gesetzt. "Das wollte ich gerade dich
fragen! Du siehst so deprimiert aus!"
"Hey, so seh ich immer aus! In meinem Gesicht ist nix von deprimiert zu sehen!"
Wieder so ein falsches Lächeln.
"Und dieses Lächeln kannst du dir auch sonst wo hin stecken! Das nehm ich dir
nicht ab!" Sofort brach Akira seinen Schauspieleinlage ab. "Haben Shito oder
Darius irgendwas falsches zu dir gesagt???"
"Es ist echt nichts! Ich hab bloß kurz über die Tatsache nachgedacht, dass
Darius einen Schlüssel für die Wohnung hat. Und wie gut ihr euch alle unter
einander versteht. Mehr war nicht! Ich bin echt in Ordnung! Glaub mir!"
"Hm.... Okay, wenn du meinst! Aber wenn was ist, dann sag mir bescheid!" Hideo
machte sich Sorgen um Akira. Auch wenn es dafür keinen Grund gab. Komisch,
sonst war er eigentlich nicht so schnell besorgt.
"Klar, mach ich!"
Hideo erhob sich und trat auf Akira zu. Locker legte er seinen Arme auf dessen
Schultern und verschränkte die Finger hinter Akiras Kopf.
"Und, was ist dein erster Eindruck bisher?", wollte er neugierig wissen.
"Ganz nett die beiden! Wenn der Rest auch so ist, dann gibt's schon keine
Probleme! Und wenn es die geben sollte, dann geh ich halt wieder nach Hause.
Kein Problem! Ich will euch ja nicht den Abend versauen!"
Doch Hideo schüttelte entschlossen den Kopf. "Quatsch! Du bleibst schön hier!
Wir lösen Probleme immer direkt und zusammen! Wenn einer ein Problem hat, dann
geht es alle was an!"
"Okay, das werd ich mir merken! Aber die beiden da draußen, sind echt in
Ordnung! Wie ist der Rest so?"
"Eigentlich sind sie alle cool drauf, sonst würde ich sie ja wohl kaum als
Freunde haben. Aber natürlich hat auch jeder seine Macken!"
"Macken?" Akira hob überrascht die Augenbrauen.
"Jepp, der eine ist vielleicht ein bisschen abgedreht, ich sag nur Shito, der
andere ist leicht reizbar, wie zum Beispiel Hayao, oder der nächste ein
bisschen unüberlegt. Aber im Grunde sind alle voll okay!..."
Das Klingeln unterbrach Hideos Erzählung, und er drückte Akira noch schnell
einen Kuss auf den Mund, bevor er aus dem Schlafzimmer lief, um die nächsten <<
Gäste >> zu begrüßen.
Nun war Akira alleine.
/Woher merkt er immer so schnell, das mich was bedrückt? Es ist, als wenn er
auf den Grund meiner Seele blickt, und das schon, wenn er mich nur ein Mal
ansieht. Erstaunlich! Aber Hideo ist echt ein toller Typ! Und beliebt scheint er
auch noch zu sein, aber kein Wunder. Er sieht klasse aus, mit ihm kann man
reden, er ist offen, rücksichtsvoll und.... ach, er ist einfach klasse!/
Mit einem zufriedenen Seufzen schmiss er sich auf Hideos Futon und rollte sich
dann auf den Rücken. Die Hände hinterm Kopf verschränkend, betrachtete er die
Decke.
/Ich kenn Hideo noch nicht sehr lange, aber ich vertraue ihm. Seltsam! Sonst
schenke ich nicht jedem einfach so mein Vertrauen. Aber Hideo ist anders. Aber
ich weiß nicht wieso! Er zieht mich einfach magisch an! Okay, was bei seinem
Aussehen auch kein Wunder ist! Ich glaub, ich hab oder besser bin noch ein klein
wenig in ihn verliebt! Aber egal... er ist einfach nur ein guter Freund. Das
muss ich akzeptieren. Ich bin schon sehr froh, das er mich als Kumpel haben
möchte! Viele würde ihn sicher gerne als Freund haben.../
Grübelnd schloss Akira die Augen und versank in seiner Gedankenwelt...

Nur tief im Unterbewusstsein registrierte er, das die Tür sich öffnete und
jemand den Raum betrat. Dann spürte er, wie sich der Futon auf dem er lag, ein
wenig senkte und jemand ihm sachte über die Wange strich.
/Hideo?/
"Hey! Was grübelst du hier so? Komm wieder ins Wohnzimmer. Es sind schon alle
da!"
/Ja, das ist Hideos Stimme!/
Mit Mühe zwang er sich in die Realität zurück.
Hideo hatte sich tief zu ihm runter gebeugt und blies ihm nun frech ins Gesicht.
Akira gab ein Jauchzen von sich und zog Hideo auf sich rauf. Übermütig wälzte
er sich so, dass Hideo auf dem Rücken lag und er auf seinem Schoß thronte.
"Mensch, Kleiner! Du bist verspielt wie so'n Kätzchen!" lachte Hideo.
Akira strahlte ihn an, bevor er sich leise ächzend erhob. Auch Hideo verließ
sein Futon und betrat zusammen mit seinem Freund das Wohnzimmer.


Vorsichtig blickte Akira sich um, aber im Wohnzimmer saßen nur Darius und
Shito, die sich angeregt unterhielten.
Aus der Küche konnte er noch zwei andere, fremde Stimmen vernehmen. Schnaufend
ließ er sich neben Shito auf das Sofa sinken und rieb sich gähnend die Augen.

"Na, eingepennt?", neckte Shito ihn.
"Fast... Hideos Futon ist einfach zu gemütlich!" Akiras Stimme nahm einen
schnurrenden Ton an.
"Ach, wir sprechen wohl aus Erfahrung?!", grinste Shito.
"Hm.... das würdest du wohl gerne wissen, was?"
"Ja, sag schon! Ist da was mit euch?"
"Neugierig, neugierig... Aber okay, ich sags dir: Da ist nichts! Wir sind
einfach Freunde, genauso wie du und er!"
"Schaaaade! Ihr passt zusammen!" Mit einem überzeugten Nicken bestärkte Shito
seine Worte. Doch Akira blieb skeptisch.
"Meinst du?"
Auch Darius, der bis eben nichts gesagt hatte, machte ein fragendes Gesicht.
Doch Shito zuckte übermütig mit den Schultern. "Weiß nicht, kam mir aber im
ersten Moment so vor. Der große, starke Hideo, der auf den kleinen, armen,
hilflosen Akira aufpasst! Das wäre doch wie aus dem Bilderbuch!"
"Tsss.... Na vielen Dank auch! Freundlich! Willst du damit etwa sagen, dass ich
aussehe, wie jemand, den man um jeden Preis beschützen muss???", schnappte der
Angesprochene empört.
Shitos Grinsen wurde noch breiter. "Ähm.... ja, das wollte ich sagen!"
"Hey, ich kann mich wohl wehren! Und allzu blöd bin ich ja wohl auch nicht!
Aber das sagt gerade der Richtige! Guck dich mal an! Du wirkst noch hilfloser
als ich!..."
Akira hatte sich so richtig in Rage geredet und ein Gesicht nahm schon einen
etwas ungesund wirkenden Farbton an.
"Sachte! Das sollte ja keine Beleidigung gewesen sein! Das waren halt bloß
meine Gedanken! Kein Grund gleich so abzudrehen!" Shito hob abwehrend die
Hände.
"Ich dreh nicht ab!"
"Tust du wohl!"
"Nein!"
"Doch!"
"Nein!"
"Doch!"
"Nee!"
"Doch!"
"Ich sagte nein!"
"Und ich sagte doch!"
"Och Leute! Könnt ihr das Gespräch nicht draußen weiter führen? Ihr nervt!"

Darius ließ einen von seinen bitterböse Blicken auf sie ab!
"Oh, gomen nasai!" Akira wurde noch röter. "Ich bin gleich wieder da!" Damit
sprang er nervös auf und hastete in Richtung Badezimmer, um der ihm peinlichen
Situation zu entkommen.
Immer noch aufgeregt riss er die Tür auf und stürmte in den Raum.
/Ich muss mich abkühlen! Ich und beschützt werden! Das ich nicht lache! Ich
kann gut auf mich selber aufpassen!/
Als er jedoch seinen Blick wieder hob, entfuhr ihm ein kurzer Schrei.
Keine zwei Meter von ihm entfernt, stand ein anderer Junge. Und dieser war
vollkommen nackt. Mit einem Handtuch rubbelte er seine blauen Haare trocken. Als
er Akira hörte, guckte er erst genauso überrascht.
Aber diese Überraschung verflog schnell und er grinste seinen Gegenüber an.
"Hoppla! Wen haben wir denn da? Bist du immer so stürmisch?!"
"Oh, 'tschuldigung! Ich wusste nicht... das wer im Bad ist!" Akira konnte
spüren, wie sein eh schon glühendes Gesicht noch heißer wurde.
"Hab ich mir schon gedacht, ein völlig Ahnungsloser. Aber wo du schon mal hier
bist, kannst du mir auch ein wenig Gesellschaft leisten!"
"Nani?"
"Na, so alleine ist es öde! Bin außerdem eh gleich fertig. Wie heißt du?"
Akira ließ seinen Blick ruhig über den Körper des anderen gleiten:
Die blauen, nun nassen Haare hingen ihm strähnig über die mit langen Wimpern
versehenen Augen, welche in ebensolchem Blau darunter hervor blinzelten. Das
Gesicht hatte eine schöne Form, und obwohl es nicht dick war, wirkte es auch
nicht knochig.
Die kindlichen Züge waren zum Großteil erhalten geblieben. Eine hauchdünne
aber trotzdem deutlich sichtbare Narbe zog sich gebogen über seine linkte
Wange.
/Was da wohl passiert ist?/ Akiras Blick wanderte nun den Hals hinab bis zum
muskulösen Oberkörper. /Wow! So'nen Waschbrettbauch will ich auch!/ Wieder
glitt sein Blick tiefer. Kurz stockte er, aber dann war die Neugierde zu groß,
und er widmete sich dem Genitalbereich seines Gegenübers. /Hm... Nicht
schlecht..../
Ein schmutziges Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Nun kam er bei den Beinen
an. /Sehr muskulös! Sicher betreibt er Sport!/
Alles in allem waren Akira zufrieden.
/Nicht schlecht, der Typ! Hideo hat echt geile Freunde!/
"Na, gefällt dir wenigstens was du siehst?", riss der andere ihn aus den
Gedanken. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er seinen Gegenüber eine sehr lange
Zeit angestarrt haben musste, aber das schien diesen nicht zu stören.
Im Gegenteil! Ein Blick in sein Gesicht verriet Akira, das er die eben gezeigte
Aufmerksamkeit wohl genoss! Warum nicht ehrlich sein!
"Ähm... ja! Könnte man so sagen!"
"Hach, das freut mich! Aber eigentlich ist das fies! Du hast deine Klamotten
noch an. Ich will Gleichberechtigung!" Völlig perplex musste Akira zusehen, wie
der andere auf ihn zukam und schon begann ihm sein T-Shirt über seinen Kopf zu
ziehen.
Instinktiv versteifte er sich. "Hey! Griffel weg! Begrabbel' wen anders!"
"Nun komm schon!" Auf dem Gesicht des Fremden erschien ein anzügliches Grinsen.

"Du hast mich nackt gesehen, nun will ich dich auch mal begutachten!", forderte
er.
"Ähm... ich glaub lieber nicht!" Akira wich einen Schritt zurück!
"Och, komm schon Kleiner! Das ist nur fair!"
"Aber... ich hab dich ja nicht freiwillig nackt gesehen!", probierte Akira sich
rauszureden.
"Nee? Das Angestarre, sah für mich aber ganz anders aus, und glaub mir, ich
hatte genug Zeit um das zu beurteilen!"
Akira wurde noch röter. /Hab ich ihn wirklich so lange angeglotzt? Peinlich!/
"Aber..." Wieder wich Akira einen Schritt zurück!
"Mensch, nun hab doch keine Angst! Ich tu dir nichts! Echt! Ich werde ich hier
wohl kaum vergewaltigen!"
"Das ist mir schon klar!"
"So benimmst du dich aber!"
"Es ist dir vielleicht entgangen, aber wir kennen uns nicht! Ich weiß nicht
mal, wie du heißt!"
"Wenn das dein kleinstes Problem ist, gerne. Ich bin der Kim und du?"
"A-Akira...", stotterte der Angesprochene.
"So, das mit dem Namen wäre geklärt, und zum besser Kennenlernen, würde ich
dich gerne mal näher betrachten!"
Grinsend kam er auf den immer noch verdutzt dreinblickenden zu. Dieser schluckte
ein Mal.
/Was denn nun? Wenn ich gehe, steh ich wie ein Feigling oder eine Spaßbremse
da. Bloß wenn ich hier bleibe.... Warum will der mir gleich an die Wäsche? Ich
kann ja auch nichts dafür, das er plötzlich nackt vor mir stand! Was tu ich
denn jetzt? Reden kann man ja mit dem auch nicht!/
"Och, nun guck nicht so! Schüchtere ich dich wirklich so ein! Mach doch mal ein
anderes Gesicht. Ich fass dich schon nicht an, wenn du es nicht willst! Obwohl
mir das Zurückhalten sicher schwer fallen wird! Bei so einem süßen Kerlchen
wie dir!"
Mit diesen Worten machte er auch den letzten Schritt und stand nun direkt vor
Akira. Er war ein paar Zentimeter größer, sodass er minimal runterblicken
musste. Grinsend legte er die Hände auf Akiras Schultern und drückte sie ein
Mal kurz.
"Keine Panik! War doch nur'n Joke! Reichst du mir mal die Sachen da hinten, ich
will mich anziehen. Oder brauchst du noch ein paar Minuten um dir auch jedes
Detail einzuprägen? Ich warte gerne für dich!"
Errötend machte Akira sich von Kim los und holte dessen Sachen. Mit einem
verlegenen Blick drückte er sie ihm in die Hand und floh dann schnell aus dem
Bad.
Lauter als nötig zog er die Tür zu und lehnte sich gegen sie. Sein Herz
klopfte wie wild und sein Atem ging schneller. Zu seiner Beunruhigung merkte er,
dass das Kribbeln, das der Anblick von Kims nacktem Körper in seiner
Lendengegend ausgelöst hatte, merklich stärker geworden ist. Immer wieder sah
er den schönen Körper vor sich.
/Man, jetzt hör auf darüber nachzudenken, bevor hier noch was schief geht!/
Noch ein Mal tief durchatmend stieß er sich von der Tür ab und schlenderte, so
locker wie möglich ins Wohnzimmer zurück.

"Na, wen haben wir denn da! Ich dachte schon Kim hat dich aufgefressen!" Shito
grinste spöttisch.
"Sicher war er kurz davor!?", warf nun auch Darius grinsend ein.
"Klar, ihr kennt doch Kim, der lässt kein männliches Wesen einfach so laufen.
Ich sag nur sexgeil!", war der Kommentar eines anderen, den Akira nicht kannte.

Allgemeines Gelächter breitete sich aus. Und Akira konnte nichts dagegen
machen, er wurde einfach noch röter.
"Hey! Nun schockiert den armen Akira doch nicht so! Es ist schon schlimm genug,
dass ihr ihn so einfach, ohne Vorwarnung, in Kims Arme habt laufen lassen. Das
war unfair!" Hideo versuchte den verlegen dreinblickenden Akira zu verteidigen.

"Also, ich fand's besser, wenn die sich alleine kennenlernen!" Shitos Grinsen
wurde breiter.
"Schon okay! Wir haben uns echt nett unterhalten. Und die Aussicht war auch
nicht übel!" Als Akira klar wurde, was er da eben gesagt hatte, wurde er noch
eine Spur röter.
"Jaaa, von Kim ist jeder begeistert! Der Typ ist einfach zu toll! Aber lern ihn
erst mal richtig kennen! Der kann auch ganz schön nervig sein!" Einer von den
beiden Fremden hatte das gesagt!
"Hey! Das hab ich gehört! Was lästert ihr hier einfach über mich? Akira,
glaub ihnen kein Wort! Egal was sie noch gesagt haben!" Somit betrat Kim das
Wohnzimmer.
Er hatte sich kurze Hosen angezogen und ein Hemd, das er angesichts der Wärme
in der Wohnung offen gelassen hatte. Akira erwischte sich schon wieder dabei,
wie er den tollen Waschbrettbauch von Kim bewunderte.
"Ähm.... ja, ich glaub, ihr habt es geschafft mich zu verwirren! Ich hör hier
besser auf gar keinen und mach mir mein eigenes Bild!"
Akira schritt auf die Couch zu, wo es sich Shito, einer den er nicht kannte und
Hideo breit gemacht hatten. Hideo streckte ihm auffordernd die Arme entgegen und
Akira nahm die Einladung an. Seufzend ließ er sich auf Hideos Schoß nieder und
kuschelte sich an dessen Brust. Hideo schloss ihn in seine Arme und drückte ihn
ganz fest an sich.
Von den anderen kamen darauf nur Rufe wie "Ohhhh, ist das süüüüß!" und
"Niedlich!" Aber Akira ließ sich davon nicht stören. Schnurrend genoss er
Hideos Körperwärme!
/Bei ihm fühle ich mich noch am wohlsten!/
Kim hatte sich nun in einem der großen Sessel, die um den Couchtisch standen,
niedergelassen und beobachtete Akira und Hideo grinsend. Ja, der Kleine schien
bei Hideo echt ein Stein im Brett zu haben.
Langsam begann eine rege Unterhaltung in die Akira so gut wir gar nichts
einbrachte. Stumm lauschend hockte er auf Hideos Schoß und ließ sich von ihm
umarmen. Erst als jemand aufsprang, um nun endlich den Film, den sie gucken
wollten, aus der Küche zu holen, löste er sich von seinem großen Freund...