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Feuer und Wasser Teil 10 bis 15

Kapitel 10: Regen

Seit einer kleinen Ewigkeit saß Riccardo nun schon in seinem Zimmer und starrte
benommen vor sich hin. Immer wieder spielte sich vor seinem inneren Auge die
Szene in Simons Zimmer ab.
Warum wollte der 15-jährige nicht mit ihm darüber reden? Sicher konnte man ihm
helfen. Oder hatte er, Riccardo, sich einfach nur zu dumm angestellt? Hätte er
sanfter sein müssen? Oder hätte er Simon nicht sagen dürfen, dass man ihn
geschickt hatte? Nur, er wollte seinen Freund auch nicht heimlich ausspionieren.

Langsam sah er ein, dass dieses Gegrübel nichts brachte. Er hatte es sich mit
Simon verscherzt, sicher würde der Jüngere ihn von jetzt an ignorieren.
Trotzdem beschloss er, am nächsten Tag noch einen Versuch zu starten.
Mühsam erhob Riccardo sich von seinem Bett um sich ins Bad zu begeben. Er hatte
in wenigen Minuten wieder eine Untersuchung.
Doch noch bevor er die Badezimmertür erreichen konnte, wurde seine Zimmertür
geöffnet und Dr. Paukstädt steckte seinen Kopf herein.
"Hallo Riccardo!"
Der ältere Mann betrat den Raum nun ganz und sah den Jungen vor sich neugierig
an.
"Und? Wie war's bei Simon?"
Riccardos Blick wurde feindselig und er fauchte aggressiv:
"Verschwinden Sie!!!"
"Was ist los? Hat er nicht mit dir gesprochen?"
"Ich sagte, Sie sollen verschwinden!"
"Noch bin ich hier der Arzt, also?" Der Doktor wollte sich nicht so schnell
geschlagen geben.
Doch Riccardo missachtete die Tatsache, dass er mit einem Erwachsenen, noch dazu
seinem Arzt, sprach.
"Nichts also! Gehen Sie! Ich habe jetzt keine Zeit, meine Untersuchung fängt
gleich an und ich glaube, Ihr Kollege wird nicht begeistert sein, wenn ich
Ihretwegen zu spät komme!"
"Also ist das Gespräch nicht gut gelaufen..." Der Arzt schien mit seinem Latein
am Ende zu sein.
"Sie haben es erfasst und nun halten Sie mich nicht unnötig auf!" Riccardo war
schon wieder auf hundertachtzig und missachtete den älteren Mann einfach.
Mit raschem Schritt begab er sich ins Bad und zog demonstrativ die Tür hinter
sich zu. Der verdutzte Arzt blieb alleine zurück.
Schweratmend stützte Riccardo sich auf das Waschbecken und blickte grimmig in
den Spiegel. Seine Stirn hatte er in Falten gelegt.
Riccardo musterte das ernste Gesicht vor sich. Seine Hände zitterten leicht und
erneut musste er einen Wutanfall zurück drängen.
Wenn er jetzt zu seiner Untersuchung gehen würde, würde er dort sicher wieder
ausrasten. Oder aber das ständige Gelaber seines Seelenklempners würde ihn
beruhigen...
Zittrig drehte er den Wasserhahn auf und schöpfte mit seinen Händen kaltes
Wasser in sein Gesicht. Das kühle Nass prickelte auf seiner erhitzten Haut und
lief, sich zu kleinen Rinnsalen sammelnd, seine Wangen hinunter um dann über
den Hals in seinem T-Shirt-Ausschnitt zu verschwinden.
Einen letzten Blick in den Spiegel werfend, schnappte er sich das Handtuch, das
neben dem Waschbecken hing und ging wieder ins vordere Zimmer. Vorsichtig
trocknete er sein Gesicht ab und ließ das Handtuch dann unbeachtet auf den
Boden fallen.
Zum zigsten Mal fragte er sich, warum er sich überhaupt auf das Ganze
eingelassen hatte. Warum hatte er nicht einfach ,nein' gesagt?
/Weil ich Simon helfen wollte... und immer noch will! Merkt der denn nicht, dass
ich mir Sorgen um ihn mache?/
Nachdenklich trat er ans Fenster und musste leider feststellen, dass es draußen
in Strömen regnete. Der Himmel war dunkel und es sah nach Weltuntergang aus.
/Wow, meine Laune scheint sich aufs Wetter zu übertragen!/, dachte Riccardo
bitter.
Grummelnd schlüpfte der 16-jährige in ein anderes T-Shirt, da dieses im Bad
nass geworden war, und machte sich dann auf den Weg zu seinem Seelenklempner.

Der knapp über 30 Jahre alte Mann lächelte ihn freundlich an, als er den Raum
betrat und leise die Tür hinter sich schloss.
"Hallo Riccardo!"
"Tag!" Riccardo ließ sich auf den schwarzen Ledersessel gegenüber dem seines
Therapeuten fallen und sah seinen Gegenüber direkt an.
Der schien sofort zu merken, dass etwas nicht stimmte.
"Was ist los? Du siehst so nachdenklich aus?!"
"Es ist nichts... ich bin bloß ein bisschen... aufgewühlt..."
"Okay, dann raus mit der Sprache. Worum geht's?"
Riccardo fühlte sich in die Ecke gedrängt und meinte deshalb heftig:
"Es ist nichts!!!"
"Riccardo! Du musst lernen..."
"... über deine Probleme zu sprechen. Das erzählen Sie mir jeden Tag! Ich
möchte aber nicht darüber sprechen."
"Okay... dann vielleicht später..."
"Nein, gar nicht!"
"... fangen wir erst mal anders an.", überhörte der Psychologe Riccardos
Einwurf bewusst. "Was hast du heute so gemacht?"
Riccardo verzog schmerzlich das Gesicht. /Ich hab ihm doch gesagt, dass ich
nicht über mein ,Problem' - oder wohl besser Simons Problem - reden möchte!/
Aber der Psychologe konnte wohl schlecht wissen, dass er den ganzen bisherigen
Tag damit verbracht hatte, sich Probleme aufzuladen.
"Falsche Frage... die nächste bitte!", meinte er mürrisch, worauf der
Psychologe nur die Stirn kraus zog.
"Was ist denn heute bloß los mit dir? Sonst haben wir uns doch auch immer
unterhalten können?!"
"Sonst... heute ist aber nicht sonst! Lassen Sie uns über etwas reden, was
nicht mit heute zu tun hat, wenn Sie unbedingt mit mir sprechen wollen. Heute
ist ein Scheißtag."
Der Psychologe machte ein nachdenkliches Gesicht, ob der schlechten Laune und
Unzugänglichkeit, die sein Schützling heute an den Tag legte. Doch er verkniff
sich einen Kommentar. Er sollte zwar nicht zulassen, dass sich zu viele Probleme
in dem Jungen aufstauten, da diese sich dann in einem Wutanfall äußern
würden, doch er begriff auch, dass er mit dem ewigen Gebohre bei Riccardo nicht
weiter kam. Der Junge musste anders aus der Reserve gelockt werden, doch er
wusste noch nicht wie er dies anstellen sollte.
"Okay...", begann er dann leise. "... wo waren wir beim letzten Mal stehen
geblieben?"
"Ich glaube, Sie haben mich schon alles gefragt, was Sie mich auch nur fragen
können."
"Hm... aber irgendwas muss es doch noch geben, das du mir erzählen könntest?!
Hast du Haustiere?"
Verdattert sah Riccardo seinen Therapeuten an.
"Was ist das denn für 'ne saudumme Frage?"
Doch der Psychologe ließ sich nicht verwirren: "Hast du nun welche oder
nicht?"
"Nee, hab ich nicht. Was soll ich damit?" Riccardos Stimme war der Unglaube
anzuhören.
"Wer weiß, vielleicht könnten die dich manchmal ablenken?"
"Ich steh nicht so auf Tiere!" Der 16-jährige verzog das Gesicht.
"Hm... Es gibt in den USA so eine Art Therapie, die auf das Zusammenleben von
Tieren und Mensch aufbaut."
"Und? Schön für die USA, dass die sowas haben... Warum erzählen Sie mir
das?"
"Riccardo, heute bist du wirklich..."
Doch weiter kam der Psychologe nicht, den die Tür wurde aufgerissen und ein
schweratmender Sandro betrat ungefragt den Raum.
Riccardos Psychologe sah überrascht auf und sein Gesicht verzog sich
ärgerlich.
"Ja?"
Als Sandro dies bemerkte, meinte er entschuldigend:
"Verzeihen Sie, dass ich Ihr Gespräch störe. Dürfte ich Ihnen Riccardo mal
entführen?"
"Wer sagt, dass ich mit dir kommen möchte?", mischte sich nun auch der
16-jährige ein. "Das Gespräch war gerade so interessant!" Seine Stimme troff
vor Ironie, doch er machte trotzdem keine Anstalten, sich zu erheben.
"Riccardo, bitte...! Es geht um Simon!"
Sofort war der ganze Widerwille des 16-jährigen vergessen und er sah Sandro
überrascht an.
"Simon? Was ist mit ihm?"
"Er ist weg!"
Ungläubig schüttelte Riccardo den Kopf. "Wie weg? Wie kann der einfach so weg
sein?"
"Er ist während einer... sagen wir mal missglückten Therapie abgehauen. Wir
suchen ihn schon seit über einer halben Stunde, aber er ist weg. Auf der
Station ist er nicht mehr und auf den anderen hat ihn auch keiner gesehen.
Wahrscheinlich ist er rausgelaufen."
"Und was soll ich tun?"
"Wir dachten, dass du vielleicht wüsstest, wo er ist?!"
"Woher...?!" Doch dann fielen ihm wieder die kleinen, schwarzen Knopfaugen des
Eichhörnchens und die große Eiche ein, die Simon bei ihrem Ausflug nach
draußen so interessiert betracht hatte.
Scheinbar hatte ihn ihre enorme Größe und das damit verbundene Alter
beeindruckt. Vielleicht war der Jüngere dorthin geflüchtet? Es war nur eine
Möglichkeit von vielen, doch Riccardo wollte sie nicht außer Acht lassen.
Rasch erhob er sich und stürmte an Sandro vorbei, den weißen Gang entlang und
auf die Glastür zu, die ins Treppenhaus führte. Fast hätte er eine der
Schwestern umgerannt, doch diese konnte sich noch mit einem erschrockenen Sprung
zur Seite retten. Schimpfend sah sie dem verschwindenden Jungen nach.
Der lief so wie er war - also nur mit einem kurzärmligen T-Shirt bekleidet -
hinaus.
Kaum das er hinaus getreten war, umfing ihn auch schon der stürmische Wind und
kalter Regen wurde hart in sein Gesicht gepeitscht.
Schützend hob er seinen Arm vor die Augen, kämpfte sich dann weiter voran. Als
er auf dem Kiesweg angelangt war, sah er sich suchend in dem kleinen Park um,
doch der starke Regen nahm ihm die Sicht.
Leichte Verzweifelung machte sich in ihm breit. Wie sollte er Simon hier finden?
Vor allem weil er ja nicht mal wusste, ob der Jüngere überhaupt hier war.
Doch er wollte nicht aufgeben, ohne auch nur gesucht zu haben, und überquerte
in leichtem Laufschritt die nasse Rasenfläche.
Nach einigem Suchen hatte er die alte Eiche gefunden und sich zu ihr
durchgekämpft.
Schweratmend sah er sich um... und sein Herz machte einen Sprung.
Nur wenige Meter von ihm entfernt lehnte eine zierliche Gestalt an dem dicken
Baumstamm. Sie hatte sich an seinem Fuß niedergelassen und hockte vollkommen
bewegungslos da.
Ihre Kleindung war dreckig und anscheinend völlig durchnässt, doch Riccardo
erkannte eindeutig seinen Freund Simon.
Entweder dieser hatte ihn noch nicht bemerkt, doch aber es war ihm schlichtweg
egal.
Zögerlich trat der 16-jährige näher zu ihm heran und ließ sich vor der
sitzenden Gestalt auf die Knie gleiten.
Leise hauchte er ihren Namen, doch der Wind riss das zärtliche Wort mit sich.
Trotzdem sah der 15-jährige auf. Sein Kopf hob sich ganz langsam, fast wie in
Zeitlupe und die ausdruckslosen Augen schienen sich tief in das Innerste von
Riccardo zu brennen.
Der 16-jährige musste schlucken. Sein Freund machte einen wirklich
erbärmlichen Eindruck. Seine Haut schien noch blasser zu sein als sonst und das
honigblonde Haar war so nass, dass es ihm wirr im Gesicht klebte. Simon hatte
die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammengepresst und sein Atem ging so
flach, dass man gar nicht das Heben und Senken des Brustkorbes sehen konnte.
Hätte Simon sich nicht bewegt, hätte Riccardo schon Angst bekommen, dass sein
Freund nicht mehr am Leben war.
Doch auch so begann Panik in ihm hoch zu steigen. Wenn der Jüngere hier schon
über eine halbe Stunde saß, war er sicher bis auf die Knochen durchgefroren,
er hatte ja auch keine Jacke an, sondern nur ein dünnes T-Shirt. Immer noch das
weiße, das er sich am Vormittag angezogen hatte.
Mit zittrigen Händen griff Riccardo nach Simons Schultern, um ihn leicht zu
schütteln, doch kaum das er den Jüngeren berührt hatte, kehrte das Leben in
die blauen Augen zurück.
Simon blinzelte verwirrt und schien dann die Person vor sich zu erkennen. Mit
einem Ruck machte er sich von Riccardo los und schoss in die Höhe - nur um dann
taumelnd wieder auf die Knie zu sinken. Seine durchgefrorenen Beine trugen ihn
anscheinend nicht.
Riccardo versuchte besänftigend auf den anderen einzureden:
"Simon! Ganz ruhig, ich bin's doch nur, Riccardo!"
Doch der Jüngere schien genau erkannt zu haben, wer da war, denn er wehrte
Riccardos Hände ein weiteres Mal ab. Unwillig schüttelte er den Kopf und seine
klaren blauen Augen warfen dem 16-jährigen einen verletzten Blick zu.
Der schluckte. Simons Blick hatte ihn tief getroffen und er sah den Jüngeren
entschuldigend an.
"Ich kann es ja verstehen, dass du sauer auf mich bist! Aber lass uns das
drinnen klären! Du holst dir hier draußen den Tod!"
Obwohl Riccardo bloß ein Sprichwort wiedergegeben hatte, flackerte in Simons
Augen etwas auf.
/Er wird doch wohl nicht wirklich...?/ Riccardos Gedanken überschlugen sich.
Hatte der Kleinere etwa wirklich daran gedacht, sich etwas anzutun?
Ungläubig schüttelte er den Kopf und zog den Jüngeren dann verzweifelt an
sich, um ihn mit seinen Armen zu umfangen.
Der 15-jährige wehrte sich einen Moment hartnäckig gegen den Wärme
ausstrahlenden Körper, doch dann gab er jeden Widerstand auf. Schwer sackte er
gegen den Älteren und klammerte sich verzweifelt an ihm fest. Simons ganzer
Körper begann zu zucken und er fing lautlos zu weinen an.
Die salzigen Tränen vermischten sich mit dem klaren Regen, der vom Himmel fiel.

Riccardo hielt den kleineren Körper ganz fest an seinen gepresst und wiegte den
Jüngeren sanft hin und her. Immer wieder murmelte er leise Beruhigungen und
Kosewörter.
Simon schien in seinen Armen immer schwerer zu werden und schließlich schmiegte
er sich schutzsuchend an den Älteren.
Der konnte spüren, wie seine Glieder immer kälter wurden und auch der Junge in
seinen Armen strahlte ein unnatürliche Kälte aus. Schwerfällig erhob er sich,
jedoch ohne den Jüngeren loszulassen. Simon ließ sich willenlos von Riccardo
hochziehen und auf den Arm nehmen.
Zum wiederholten Male fiel dem 16-jährigen auf, wie klein und leicht Simon doch
war.
Durch den immer noch starken Regen machte er sich auf den Weg zurück zur Klink
- wobei er eher schwankte, als dass er ordentlich ging.
Mühsam stieß er die Tür ins Innere des Gebäudes mit seiner Schulter auf und
hievte dann den Jüngeren die Treppen hinauf.
Simon hatte müde die Augen geschlossen und sein Gesicht an Riccardos Brust
gebettet. Er ließ sich völlig bewegungslos tragen.
Als die beiden die letzten Stufen zu ihrer Station überwunden hatten und auf
die Glastür zusteuerten, kam ihnen ein aufgeregter Sandro entgegen. Völlig
außer Atem machte er ihnen die Tür auf und begann sofort loszureden:
"O Gott, Simon! Was ist mit ihm? Ist er okay? Und Riccardo, wo bist du
hingerannt? Warum hast du nicht gewartet? Plötzlich warst auch noch du weg. Die
ganze Station ist in Aufruhr..."
Riccardo ließ den Älteren reden und ignorierte ihn einfach. Wortlos schritt er
auf seine Zimmertür zu und schenkte auch den neugierigen Blicken, die andere
Patienten und Schwestern auf sie gerichtet hatten, keine Aufmerksamkeit.
Sanft setzte er den Jüngeren auf sein Bett und schloss dann die Tür leise.
Gerade, als er sich wieder zu Simon umdrehen wollte, wurde die Klinke herunter
gedrückt und ein wütender Sandro wollte den Raum betreten. Doch Riccardo schob
einen Fuß vor die Tür, sodass der Pfleger sie nur einen handbreiten Spalt weit
aufbekam.
"Riccardo! Spinnst du? Was tust du da? Simon braucht einen Arzt!"
"Nein...", meinte Riccardo mit tonloser Stimme. "Er braucht nur Ruhe und
jemanden, mit dem er reden kann!"
"Riccardo, du stehst unter Schock. Lass mich rein!"
"Sandro! Ich war noch nie so klar im Kopf wie jetzt gerade. Gib mir höchstens
zwei Stunden, dann könnt ihr Simon zurück haben."
"Zwei Stunden?", Sandro schien nicht zu verstehen.
Riccardo grummelte leise und meinte dann bittend:
"Tu mir den Gefallen und halte mir für zwei Stunden sämtliche Pfleger und
Ärzte vom Hals, okay?"
"Das geht nicht!"
"Dann mach, dass es geht!" Riccardos Worte waren ein Zischen.
"Aber... okay, ich versuch's. Aber sag, geht es ihm gut?"
"Ja, dem geht's bestens....", log Riccardo.
Sandro schien ihm zu glauben, denn er trat seufzend zurück und machte sich auf
den Weg um einen Arzt zu suchen.
Riccardo schloss abermals die Tür und begab sich dann zu Simon.
Der saß da, wie Riccardo ihn abgesetzt hatte, nur dass er wieder begonnen
hatte, zu weinen.
Der 16-jährige ließ sich neben ihm aufs Bett fallen und zog den zitternden
Jungen in eine warme Umarmung.
Schutzsuchend lehnte der Kleinere sich gegen ihn.
Eine geraume Weile wiegte der Ältere Simon sanft hin und her, doch dann schob
er ihn fast zärtlich von sich weg um ihm ins Gesicht zu sehen.
"Simon... Ich bitte dich, erzähl mir was passiert ist!"
Ein schwaches Kopfschütteln.
"Warum nicht? Wovor hast du Angst?"
Simons unverkennbare, himmelblaue Augen richteten sich auf ihn und schien ihn zu
durchbohren, so furchteinflößend klar waren sie. Doch der Junge blieb
wortlos.
"Simon. Ich möchte dir doch nur helfen. Warum bist du weggelaufen? Was ist bei
der Therapie passiert?"
Nichts.
"Was haben sie gesagt, das dir solche Angst gemacht hat?"
Doch statt zu antworten warf sich Simon in die Arme des Älteren und presste
sich gegen dessen Brust.
Lautlos seufzend schlang Riccardo seine Arme um den anderen und hielt ihn fest.
Er konnte das Zittern spüren, das den schmächtigen Körper durchlief und die
Kälte, die von ihm ausging. Riccardos Herz begann schwer zu werden. Was hatte
seinem Freund nur solche Angst gemacht? Egal was es war, es würde dafür
bezahlen. Niemand quälte seinen Freund so schrecklich, dass...
"Ich will nicht nach Hause..."
Überrascht hielt Riccardo den Atem an. Die helle, glasklare Stimme klang in
seinem Kopf mehrere Male wieder, ehe er die Bedeutung der Worte verstand.
Ohne seinen Freund loszulassen, fragte Riccardo leise:
"Wieso? Was ist zu Hause?"
Simon schien einen Moment zu stocken, anscheinend traute er sich nicht, weiter
zu sprechen, doch dann kam es ganz leise:
"Dort ist er..."
"Wer, Simon?"
Doch der Jüngere schüttelte den Kopf.
"Simon, bitte rede mit mir. Ich möchte dir doch helfen! Also, wer?" Riccardos
Stimme war ganz sanft, denn er hatte Angst, seinem Freund weh zu tun.
"Der neue Freund meiner Mutter..."
"Und vor ihm hast du Angst?"
Ein Nicken.
"Warum?"
"Er hat mich angefasst..." Simons Stimme, die erst noch ein bisschen gezittert
hatte, wurde nun tonlos.
Riccardo durchfuhr ein kalter Schauder und eine eiskalte Hand schien nach seinem
Herz zu greifen. Ein raues Krächzen entfuhr ihm:
"Angefasst?"
Simon blieb stumm. Sanft kuschelte er sich näher an Riccardo heran, so als
wollte er sich in dessen Armen verkriechen.
"Hey..." Riccardo drückte ihn zärtlich. Sein Herz klopfte wild.
Simon begann nach einer weiteren Minute des Schweigens wieder zu reden.
"Ja, angefasst. Erst nur zufällig, dann bewusst. Er kam nachts in mein Zimmer.
Hat mich überall berührt. Immer und immer wieder." Die komplette
Emotionslosigkeit dieser Worte erschreckte Riccardo und er festigte seinen Griff
um den Jüngeren.
"Hat er dich...?" Riccardo traute sich nicht, das Wort auszusprechen, doch Simon
schien ihn auch so zu verstehen. Er nickte zögerlich an der warmen Brust seines
Freundes und der konnte spüren, wie wieder ein leichtes Zucken durch den
kleineren Körper lief.
Simon hatte wieder angefangen zu weinen.
Erschrocken wiegte Riccardo den Jüngeren wieder.
"Pscht! Nicht weinen! Ich bin ja hier, dir kann nichts passieren. Ich lass es
nicht zu, dass dir dieses Schwein auch nur noch mal zu nahe kommt!"
Riccardo begann innerlich zu brodeln. Wenn er diesem Mann jemals über den Weg
laufen würde, würde es Tote geben. Er würde es ihm tausend mal zurück
zahlen, dass er auch nur in Simons Leben getreten war. Und noch viel öfter, was
er ihm angetan hatte. Wie hatte er es wagen können, Simon - seinen Simon - zu
betatschen?!
Riccardo zwang sich zur Ruhe. Jetzt, wo sein Freund in seinen Armen lag, durfte
er auf keinen Fall austicken. Denn er konnte sich nur zu gut vorstellen, was
für eine Willenskraft der Jüngere benötigte, um ihm davon zu erzählen. Und
er wollte ihn nicht noch mehr verängstigen, als er es eh schon war.
Irgendwann versiegte Simons Tränenfluss und der Kleinere trennte sich von
Riccardo. Mit müdem Blick sah er seinen großen Freund an und hauchte dann
leise:
"Bleibst du bei mir?"
Riccardo nickte ernst. "Ich bleib solange bei dir, wie du willst!" Sanft küsste
er die Stirn des Jüngeren. Der kuschelte sich wieder an ihn.
Eine lange Zeit hielten sie sich schweigend fest, dann fragte Riccardo leise:
"Warum bist du vorhin weggelaufen?"
Simon schien einen Moment zu überlegen, dann meinte er bitter:
"Sie wollen mich nach Hause schicken! Sie meinten, wenn ich nicht mit ihnen
zusammen arbeite, schicken sie mich wieder nach Hause! Aber ich geh nicht mehr
nach Hause. Nicht solange er da ist..."
"Brauchst du auch nicht!" Wieder hauchte der 16-jährige einen Kuss auf die
kühle Stirn des Jüngeren. "Aber... Simon, tu mir den Gefallen und erzähle den
Ärzten von deinem Problem."
Der 15-jährige versteifte sich in Riccardos Armen. Unwillig schüttelte er den
Kopf.
"Simon! Wenn du ihnen davon erzählst, können sie dir helfen. Sie werden dafür
sorgen, dass dieses Schwein hinter Gittern landet!"
"Nein..."
"Warum, Kleiner?"
"Er meinte, so leicht könnte man ihn nicht einsperren und wenn ich ihn verrate,
wird er immer und immer wieder zu mir kommen. Und dann wird er noch brutaler
sein und er wird...." Simon schüttelte wild den Kopf. Plötzlich hob er ihn
ruckartig und funkelte Riccardo an. "Und du erzählst auch nichts, ja? Du
verrätst niemandem, dass ich dir davon erzählt hab, ja?"
"Simon..." Riccardo seufzte. ".. du musst es wem erzählen. Das hat er dir nur
gesagt, damit du ihn nicht verrätst. Wenn du jemanden hier davon erzählst,
werden sie ihn nicht einfach frei rumlaufen lassen. Er wird seine Strafe
bekommen, aber nur, wenn du endlich den Mund auf machst!"
"Aber... ich habe Angst!" Simon kniff die Augen zu und schüttelte immer wieder
den Kopf, den er gegen Riccardos Brust gelegt hatte.
"Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin bei dir! Immer! Ich lasse dich nicht
alleine. Dann kann dir auch nichts passieren!"
"Wirklich?" Simons Stimme war nur ein Piepsen.
"Ja, Kleiner. Ich pass auf dich auf. Ich lass es nicht zu, dass dir wer weh tut.
Nicht der Freund deiner Mutter und auch nicht die Ärzte!"
"Okay, dann mach ich's. Aber du versprichst mir, dass er eingesperrt wird?"
"Ja, ich verspreche es dir."
"Riccardo?"
"Ja?" Riccardo ließ den Jüngeren los und erhob sich unsicher.
"Ich hab dich furchtbar lieb!" Simon sah ihn mit seinen wunderschönen blauen
Augen an und Riccardo ließ sich wieder neben den Jüngeren fallen, um ihn
erneut in seine Arme zu ziehen.
"Ich dich doch auch. Ich hab dich noch mehr als gern!" Sanft ließ er seine
Lippen über Simons Wange streifen und hauchte dann einen Kuss auf die blasse
Haut.
Simon ließ die Berührung bewegungslos geschehen. Dann schmiegte er seine Wange
sanft an die von Riccardo, ganz vorsichtig und zaghaft.
Riccardo musste lächeln. Simon erinnerte ihn immer mehr an ein scheues Tier,
dessen Vertrauen man erst gewinnen musste, um es dann berühren zu dürfen. Aber
die Geduld, die er aufbringen musste, hatte sich gelohnt.
Er mochte es, wenn Simon ihm gestattete, ihn zu berühren, seine Hand zu halten
oder ihn in den Arm zu nehmen. Aber noch lieber mochte er es, wenn Simon sich
von sich aus an ihn kuschelte, ihn ganz zaghaft berührte, über seine Hand
strich oder wie eben seine Wange an seine legte.
Riccardo wurde bewusst, wie sehr er den Kleineren doch mochte und dass er
wohlmöglich alles für ihn tun würde.
Eine höhnische Stimme in seinem Kopf wisperte ihm etwas von ,Verliebtsein' zu,
doch Riccardo ignorierte sie. Es war ihm egal, was es war. Er wusste nur, dass
es sich gut anfühlte, ein Kribbeln in seinem Bauch verursachte, und er wusste,
dass Simon ihn auch mochte. Ob auf die gleiche Art, wie er ihn mochte, wusste er
nicht, aber er wollte dies nun nicht gerade jetzt heraus finden.
Riccardo wusste, dass sein kleiner Freund müde war und noch immer war die
Kälte nicht ganz aus seinem Körper gewichen.
Sanft löste er die Arme des Jüngeren von sich und stand dann auf. Geschmeidig
ging er zu seinem Schrank hinüber und kramte einen großen, schwarzen
Wollpullover heraus.
Er legte ihn neben Simon auf das Bett und zog dem Jüngeren dann das immer noch
nasse T-Shirt über den Kopf. Er ließ sich dabei Zeit, damit der Jüngere,
falls es ihm zu weit ging, von seinem Freund ausgezogen zu werden, ihn
unterbrechen konnte.
Doch Simon ließ es stumm mit sich machen und auch als Riccardo ihm dann den
großen Pullover überzog, wehrte er sich nicht.
"Gibst du mir auch deine Hose?", fragte der 16-jährige und er konnte es nicht
verhindern, dass eine leichte Röte in seine Wangen schoss.
Doch Simon brachte ihm sein ganzes Vertrauen entgegen und öffnete seine weiße
Stoffhose, um sie sich von den Beinen zu streifen.
Die weiße Haut des 15-jährigen hob sich stark von dem schwarzen Pullover ab,
der ihm fast bis an die Knie ging.
Achtlos ließ Riccardo die nassen Sachen zu Boden fallen und schob den
15-jährigen sanft in sein Bett, um ihn dort führsorglich zu zudecken.
"Wärm dich erst mal ordentlich auf! Wenn du willst, kannst du auch ein bisschen
schlafen?!"
Simon sah ihn mit großen Augen an, doch dann nickte er ergeben. Er musste
zugeben, dass er wirklich ziemlich erschöpft war und er fror immer noch
erbärmlich.
Also kuschelte er sich schnurrend in Riccardos Bettdecke ein und atmete den
einzigartigen Geruch seines Freundes ein.
Der wollte sich erheben, doch Simons Hand schnellte unter der weißen Decke
hervor und hielt ihn fest.
"Bleibst du hier?"
"Ja, Kleiner. Ich lass dich nicht alleine. Ich würde mir bloß auch gerne etwas
Trockenes anziehen."
Simon wurde rot und brachte nur ein verlegenes "Oh..." hervor. An Riccardo hatte
er gar nicht gedacht.
Doch sein Freund lächelte ihn sanft an und stand auf, um sich selbst
umzuziehen. Dann ließ er sich wieder an der Bettkante des Jüngeren nieder.
Mit der Hand strich er ihm eine honigblonde Strähne aus der Stirn. Zufrieden
beobachtete der 16-jährige, wie die Augenlider seines Freundes immer schwerer
zu werden schienen und letztendlich vollkommen hinabsackten.
Im Raum war nichts zu hören als Simons leise Atemzüge...


Kapitel 11: Gestalt im Dunkeln

Riccardo saß eine ganze Weile bei seinem schlafendem Freund, doch irgendwann
öffnete sich leise die Zimmertür und ein ziemlich nervöser Sandro blickte in
den Raum.
Riccardo bemerkte ihn, stand lautlos seufzend auf und scheuchte den Pfleger aus
dem Zimmer. Kaum, dass sie beide im Flur standen und der Junge die Tür
geschlossen hatte, begann Sandro loszuplappern.
"Und? Wie geht's ihm? Alles klar da drinnen?"
Riccardo nickte schwach.
"Er schläft, aber sonst ist alles in Ordnung."
"Und?" Sandro trat unruhig von einem Bein aufs andere.
"Was und?"
"Na, hat er gesprochen?"
Riccardo nickte wieder nur leicht.
Doch diese kleine Bewegung brachte Sandro dazu, regungslos zu verharren. Seine
Augen weiteten sich ungläubig und er öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen,
doch er blieb stumm.
Normalerweise hätte Riccardo sich über solch eine Reaktion schlapp gelacht,
doch es ging um Simon und noch dazu hatten ihm die letzten Stunden alles an
Kraft gekostet, was er besessen hatte. Er war fertig...
Sandro hatte sich nach wenigen Augenblicken wieder gefangen und meinte
aufgeregt:
"Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Er hat echt mit dir geredet?"
"Ja, hat er..."
"Und? Was hat er gesagt?" Er griff nach Riccardos Handgelenk. "Wir müssen
unbedingt Dr. Paukstädt suchen..."
Doch Riccardo machte sich ruckartig von Sandro los und schüttelte den Kopf.
"Ich sage nichts..."
"WAS? Hey Riccardo, das kannst du nicht machen! Wir brauchen jetzt deine Hilfe
um Simon zu helfen!" Sandros Stimme hörte sich fast schon giftig an.
"Ich sage euch nichts, tut mir leid. Ich möchte nicht, dass Simon denkt, ich
habe ihn verraten. Er wird euch selbst sagen, was passiert ist."
"Meinst du echt?"
"Natürlich! Er hat es mir versprochen!", meinte Riccardo zuversichtlich. Dann
gähnte er herzhaft. "Danke, dass du mir die ollen Quacksalber vom Hals gehalten
hast!"
"Das hat mich aber auch eine ganze Menge Überredungskunst gekostet!", meinte
Sandro lächelnd, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. "Aber es hat ja
anscheinend was gebracht. Wie hast du das hinbekommen?"
Riccardo zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, hat sich so ergeben!"
"Du bist echt unglaublich. Und du meinst wirklich, dass Simon mit den Ärzten
reden wird?" Sandro konnte es immer noch nicht fassen.
"Ja, wird er." Wieder ein Gähnen. "Gibt's noch was? Oder kann ich mich ein
bisschen hinlegen? Ich bin irgendwie müde..."
"Glaub ich dir!" Sandro lächelte warm. "Du kannst gehen, ich spreche mit Dr.
Paukstädt und sorge dafür, dass ihr eine Weile schlafen könnt!"
Riccardo lächelte dankbar und wandte sich der Tür zu, um den Raum zu betreten
und sie wieder hinter sich zu schließen.
Simon lag noch immer in Riccardos Bett und schlummerte ruhig vor sich hin. Der
16-jährige betrachtete ihn noch eine Weile versonnen, dann schlüpfte er aus
Hose und Pullover, um sich in das andere, freie Bett zu legen. Er hatte kaum die
Bettdecke über sich gezogen, da war er auch schon eingeschlafen.

Ein seltsames Gefühl weckte den 16-jährigen. Stumm lag er einige Sekunden mit
geschlossenen Augen da, doch das Gefühl blieb.
Sein Herz begann schneller zu pochen und er riskierte vorsichtig einen Blick.
Der Raum um ihn herum war in dämmriges Licht getaucht, das von der kleinen
Wandlampe, die immer brannte, ausging. Draußen war es nun vollends dunkel
geworden und die Fenster wirkten wie Löcher in eine andere Welt. Eine Welt, die
nur aus Dunkelheit und Schwärze bestand.
Doch Riccardo kam gar nicht dazu, die Fenster weiter zu beachten, denn eine
kleine Gestalt stand vor seinem Bett und sah wortlos auf ihn hinab. Ihr Blick
war ruhig und doch schien sie Riccardos Körper zu betrachten.
Das Herz des 16-jährigen setzte einen Schlag aus und schlug dann in doppelter
Geschwindigkeit weiter. Riccardo konnte es nicht verhindern, dass sich eine
Gänsehaut über seinen Körper ausbreitete und er schauderte. Die Gestalt
wirkte in diesem unwirklichen Licht gespenstisch, vor allem da sie sich nicht
bewegte.
Doch die Angst, die unerlaubt in Riccardo gekrochen war, löste sich schnell
wieder auf. Nach einigen Sekunden des wirren Dämmerzustandes zwischen wachsein
und schlafen, erkannte er, wer vor ihm stand.
Simon bewegte sich immer noch nicht und blickte ihn nur wortlos an. Seine Augen
funkelten in der spärlichen Beleuchtung.
Riccardo wusste für einen Augenblick nicht, was er tun sollte, doch dann schlug
er einladend seine Bettdecke beiseite und sah den Jüngeren auffordernd an. Der
verharrte noch einen Moment in absoluter Regungslosigkeit, bevor er schnell zu
seinem Freund ins Bett krabbelte.
Wortlos schmiegte er sich an ihn und bettete seinen Kopf auf der Brust des
Älteren. Der schlang lautlos seufzend seine Arme um den schmächtigen Körper
und schloss wieder die Augen. Mit Hilfe der unglaublichen Wärme, die Simon
ausstrahlte, fand Riccardo auch schon bald wieder den Schlaf.

"Riccardo! Riccardo!"
Sanft, aber unnachgiebig wurde der 16-jährige gerüttelt.
Riccardo ließ sich nur widerwillig aus der traumlosen Welt des Schlafes in die
Realität reißen. Doch da er Simons Stimme erkannt hatte, ließ er es zu, dass
er aufwachte. Schläfrig öffnete er die Augen.
Simon hockte aufrecht neben ihm und hatte sich die Decke bis zu den Schultern
hochgezogen. Sein honigblondes Haar war zerzaust und er sah ein wenig müde aus,
doch dafür waren seine Augen wach wie nie zuvor. Ein nervöses Glitzern lag in
ihnen.
"Was'n los?", verlangte Riccardo nuschelnd zu wissen. Simon, der immer noch
seine Hände auf Riccardos Schultern hatte, verkrampft diese und sah einmal
rasch zur Tür.
Als Riccardo dem Blick des 15-jährigen folgte, wusste er sofort was den
Jüngere so verunsichert hatte.
In der Tür stand Sandro und im Schlepptau hatte er Dr. Paukstädt. Beide sahen
ungläubig zu dem Bett, indem die beiden Jungen lagen. Doch es war eher die
Tatsache, dass Simon gesprochen hatte, als die, dass sie beide Jungen zusammen
liegend vorgefunden hatten, die sie so aus der Fassung gebracht hatte. Keiner
der beiden sagte etwas, sie starrten nur ungläubig auf das Bett.
Sandro war es dann, der sich als Erster aus seiner Starre löste und aufgeregt
auf die beiden Jungen zukam. Seine Stimme zitterte, als er leise fragte:
"Morgen, ihr zwei. Alles okay bei euch?"
Simon sah unsicher zu Riccardo, doch auch als dieser ihn aufmunternd ansah,
blieb der 15-jährige stumm.
Also meinte der Rothaarige ein wenig verspätet:
"Ja, bei uns ist alles klar!"
"Dann bin ich ja beruhigt!" Sandro atmete erleichtert aus.
"Ich möchte euch aber trotzdem noch mal untersuchen!" Anscheinend hatte sich
nun auch der Arzt wieder geregt. Mit raschem Schritt kam er auf die beiden im
Bett liegenden zu. Sein Blick richtete sich erwartungsvoll auf Simon.
"Wollen wir mit dir anfangen?"
Doch Simon regte sich nicht. Kein Ton kam aus seinem Mund, nicht mal sein
Körper bewegte sich.
Riccardo, der die Angst seines Freundes spürte, setzte sich nun auch endlich
auf und nahm den jüngeren Jungen sanft in den Arm.
Simon ließ sich erleichtert gegen ihn sinken, wendete seinen Blick aber nicht
von dem Arzt ab, der ihn abwartend musterte.
"Simon?", fragte er noch mal nach, doch wieder blieb der Angesprochene stumm.
Riccardo runzelte die Stirn und ließ seine Hand dann durch Simons wuscheliges
Haar gleiten.
"Hey, was'n los mit dir? Willst du ihm nicht antworten?" Riccardos Worte
schwebten sanft durch den Raum, indem eine nahezu gespannte Stille herrschte.
Doch Simons einzige Reaktion war es, den Kopf zu schütteln.
/Geht das denn schon wieder los?/ Riccardo wurde grummelig, doch das heftig
pochende Herz des Jüngeren, welches er deutlich spüren konnte, besänftigte
ihn wieder.
"Komm schon, Kleiner. Die tun dir doch nix. Ich mag Ärzte auch nicht, aber sie
meinen es doch nur gut, zumindest einige... und die hier gehören dazu, okay?"
Ein langsames Kopfnicken des 15-jährigen.
"In Ordnung, fangen Sie mit mir an...", meinte der 15-jährige dann leise, wobei
sein Blick nicht von dem älteren Mann wich. Das Misstrauen war eindeutig zu
spüren. Trotzdem löste er sich von seinem Freund und rutschte an den Bettrand,
um sich dort hinzusetzen.
Der Arzt warf Riccardo einen glücklichen Blick zu und begann dann mit einem gut
gelaunten "Dann wollen wir mal!" Simon zu untersuchen.
Der 15-jährige ließ es wortlos mit sich geschehen.
Auch Riccardo, der nach seinem Freund an der Reihe war, rührte sich kaum, als
der Arzt sein Herz abhörte, nach seinem Puls tastete und ihm ein paar Fragen
stellte.
Doch auch als die Untersuchung abgeschlossen war, blieben Sandro und der Doktor
im Raum stehen. Der Blick des Arztes hatte sich auf Simon geheftet und nachdem
dieser darauf nicht reagierte, meinte er bittend:
"Na Simon?! Was hältst du davon, wenn du mir einfach mal erzählst, was dich so
bedrückt?"
Der 15-jährige schien einen Moment zu überlegen, doch dann stammelte er nur
leise:
"Ich... ich..." Kopfschüttelnd brach er ab.
Der Arzt sah ihn verwirrt an. Doch auch Sandro, der von Dr. Paukstädt ebenfalls
einen fragenden Blick zugeworfen bekam, konnte nur ratlos mit den Schultern
zucken. Riccardo hatte ihm doch gesagt, dass der Kleine reden würde...?!
Doch noch ehe irgendjemand auch nur etwas sagen konnte, mischte sich Riccardo
ein.
"Können wir nicht vielleicht erst mal aufstehen und was essen?"
"Aber Riccardo...?!", begann Sandro mit einem unsicheren Blick auf den Arzt,
aber der nickte ergeben.
"Esst erst mal was... vielleicht möchtest du dann reden, Simon?!"
Der Jüngere zuckte verlegen mit den Schultern und rückte wieder ein Stück
näher zu Riccardo heran.
Der warf dem 15-jährigen, nachdem der Arzt und Sandro das Zimmer verlassen
hatten, einen leicht säuerlichen Blick zu.
"Hey, was ist denn los?"
"Ich... ich weiß nicht..." Simon sah verlegen auf die Bettdecke, die immer noch
über ihren Beinen lag. Irgendwie hatte er Angst, mit einem Fremden über die
Vorfälle mit dem neuen Lover seiner Mutter zu reden. Es Riccardo gegenüber zu
erzählen, war erstens schon schwer genug und zweitens eine andere Sache
gewesen, aber einem der Ärzte...?!
Dieser Doktor Paukstädt machte auf ihn keinen sympathischen Eindruck und er
wurde immer nervös, wenn der Arzt in seine Nähe kam.
Und zu seinem Therapeuten würde er nach der Aktion von gestern auch nicht mehr
gehen. Alleine der Gedanke diesem Mann auch nur noch gegenüber zu stehen,
verursachte in ihm ein Zittern.
Riccardos warme Hand, die sich auf seine Wange legte, riss ihn wieder in die
Wirklichkeit zurück.
"Du brauchst doch keine Angst zu haben. Die Ärzte werden dir helfen und dieses
Schwein, das dich so gequält hat, wird für seine Taten bezahlen! Ich würde es
ihm ja auch selber heimzahlen, dass er dich angefasst hat, aber leider renne ich
ihm nicht über den Weg... sein Glück!" Riccardos Stimme hatte einen dunklen
Klang angenommen und die Worte hörten sich eher wie ein Knurren an.
Simon schien die Anspannung, die seinen Freund befallen hatte, zu spüren, denn
er griff nach Riccardos Hand, die noch immer auf seiner Wange ruhte, und führte
sie an seine Lippen, um einen sanften Kuss auf sie zu hauchen. Besänftigend
meinte er:
"Pscht! Reg dich bitte nicht auf... Ich erzähle ja den Ärzten davon. Immerhin
hast du mir versichert, dass er bestraft wird und ich hab dir versprochen, dass
ich es tue..."

Simon hatte lediglich gebeten, nicht mit Dr. Paukstädt oder seinem Therapeuten
reden zu müssen und nach einigem hin und her hatten die beiden Jungen sich dann
dazu entschlossen, zu Riccardos Psychologen zu gehen.
Dieser war "voll in Ordnung und eigentlich ganz locker drauf", wie Riccardo
seinem Freund erzählt hatte. Simon hatte eingewilligt. Wichtig war erst mal
wohl eher, DASS er es jemandem erzählte. Dieser jemand würde es dann schon
weiterleiten und dafür sorgen, dass etwas passieren würde.
Und so hatten die sich schließlich auf den Weg zu Riccardos Psychologen
gemacht...

/Er ist schon so lange dort drin!/ Unruhig ging Riccardo vor der Tür des
Behandlungszimmers auf und ab. Sein Freund war nun schon seit einer geraumen
Weile in dem Raum und auch die Stimmen, die er anfangs leise und undeutlich
vernommen hatte, waren zu einem kaum hörbaren Gemurmel abgeklungen.
Vor seinem inneren Auge stellte er sich Simon vor, wie er zierlich und blass in
dem großen, schweren Ledersessel saß und zögerlich von seinem Problem
berichtete.
Es hatte Riccardo noch eine ganze Menge Zureden gekostet, um Simon dazu
zubekommen, alleine in den Raum zu gehen.
Riccardo hatte gemeint, dass er ihm dort drinnen eh nicht viel würde helfen
können und es besser wäre, diese Hürde alleine zu bewältigen. Immerhin
konnte es ja passieren, dass er das Ganze später noch mal wiedergeben musste
und dann war Riccardo ja auch nicht in der Nähe, um ihm beruhigend und Mut
machend zugleich seine Hand auf den Oberschenkel zu legen. Simon hatte es
schließlich eingesehen.
Wieder blickte Riccardo den leeren Gang entlang. Nirgends schien sich etwas zu
rühren, was eigentlich seltsam war. Langsam wurde er nervös.
Schon vor einigen Augenblicken war nun auch das Gemurmel im Raum verstummt und
es herrschte eine fast gespenstische Stille.
Riccardo konnte sich gerade noch davon abhalten, an die Tür zu klopfen, um zu
fragen, wie weit die beiden seien.
/Hoffentlich geht es Simon gut. Nicht, dass er wieder angefangen hat zu weinen.
In so ein schönes Gesicht gehören keine Tränen!/
Leicht zittrig versuchte er die Tür mit seiner bloßen Gedankenkraft zum
Aufgehen zu bringen... und siehe da, es klappte.
Überrascht holte Riccardo Luft, doch da trat auch schon Simon aus dem Raum,
hinter ihm Riccardos Psychologe.
Der junge Mann machte einen einigermaßen zufriedenen Eindruck, doch Simon war
blass und seine Augen verräterisch gerötet. Als er seinen Freund erblickte,
kam der 15-jährige sofort zielstrebig auf ihn zu und warf sich in seine Arme.
Riccardo konnte deutlich das Zittern spüren, das von dem Jüngeren ausging.
Wortlos nahm er ihn tröstend in den Arm. Sein Blick irrte zu seinem
Psychologen.
Der sah ihn bloß an und meinte dann ernst:
"Nimmst du Simon mit? Ich habe jetzt einiges zu tun!"
Riccardo nickte, worauf der Therapeut verschwand.
Der 16-jährige stupste seinen Freund zärtlich an, worauf dieser verlegen zu
ihm aufsah.
Riccardo schenkte Simon ein warmes Lächeln und meinte dann mit lasziver
Stimme:
"Zu mir oder zu dir?"
Simons Augen weiteten sich ungläubig und er wurde puderrot, doch auch ein
zaghaftes Lächeln umspielte seine Mundwinkel als er antwortete:
"Zu dir!"
Also setzte Riccardo sich in Bewegung, jedoch ohne Simon loszulassen.
Engumschlungen begaben sie sich in Simons Zimmer.
Dort ließen sie sich auf dem Bett des Älteren nieder und Simon begann leise
von seinem Gespräch zu erzählen.
Anscheinend hatte der Jüngere ziemliche Probleme gehabt, darüber zu reden,
doch Riccardos Psychologe hatte ihm Mut gemacht und ihn nicht bedrängt. Als
Simon dann alles vorgetragen hatte, hatte der Therapeut ihm versichert, dass der
Freund seiner Mutter ihn nie wieder anfassen würde, da man ihn bestrafen
würde.
Es konnte bloß passieren, dass Simon das Geschehene noch mal vor dem Jugendamt
oder dem Gericht erzählen musste.
Simon hatte wortlos genickt, auch wenn ihm bei dem Gedanken, das Ganze innerlich
noch mal erleben zu müssen, schlecht geworden war. Doch wenn es dabei half,
dass sein Peiniger seine gerechte Strafe bekam, würde er es in Kauf nehmen.
Nun herrschte schon seit einigen Minuten Schweigen zwischen den beiden Jungen.
Simon hatte sich wieder in Riccardos Arme gekuschelt und lauschte dem
beruhigenden Herzschlag seines Freundes.
Er wunderte sich, warum er es so genoss, von Riccardo gehalten zu werden. Doch
das Gefühl der Geborgenheit, vermischt mit einem sanften Kribbeln in seinem
Bauch, war einfach zu schön. Wenn andere Leute ihn anfassten, zuckte er meist
unweigerlich zusammen und eine Unruhe machte sich in ihm breit. Doch bei
Riccardo war es anders.
Wenn Riccardo ihn berührte und seine Nähe suchte, sehnte Simon sich gerade zu
danach. Er konnte spüren, wie er sich immer mehr zu dem aufgeweckten,
rothaarigen Jungen hingezogen fühlte.
Ab und an hatte Simon schon den Verdacht gehabt, dass er dabei war, sich in
seinen Freund zu verlieben. Doch wider seiner Erwartungen fand er an diesem
Gedanken nichts Abstoßendes.
Je mehr er darüber nachdachte, um so natürlicher kam es ihm vor. Dieses
unglaubliche Gefühl, das mit der Nähe zu Riccardo kam und auch nach dem
Verschwinden des 16-jährigen eine ganze Weile in Simons Körper blieb, war das
Schönste was er je gefühlt hatte. Und er wollte es auf keinen Fall aufgeben.
Riccardo war für ihn eine rettende Insel, wenn er wieder allein auf dem großen
Meer der Vergangenheit schwamm.
//Nein, er ist viel mehr für mich!// Simon schmiegte sich noch enger an seinen
großen Freund an - wie schon so oft in der letzten Zeit. Und Riccardo sagte ja
auch nichts gegen seine Anhänglichkeit?!
So genossen beide wortlos die Nähe zueinander...


Kapitel 12: Glasklare Tränen

Zwei Tage später...
"Hoppla, wo willst du denn hin?" Mit einem erschrockenen Sprung konnte Sandro
sich davor bewahren, von Riccardo über den Haufen gerannt zu werden.
Überrascht sah er den Jungen an.
Dieser warf ihm einen entschuldigenden Blick zu und meinte dann grinsend:
"Ich will natürlich zu Simon!"
"Stimmt..." Sandro kratzte sich verlegen am Kopf. "... wo solltest du auch sonst
hinwollen?!"
"Siehste!" Mit diesen Worten rannte der 16-jährige auch schon weiter und ließ
einen kopfschüttelnden Sandro zurück.
Vor Simons Zimmer kam er schlitternd zum Stehen. Sein Herz klopfte vor Aufregung
und er konnte über diese Tatsache nur schmunzeln. Obwohl er jede freie Minute
bei seinem Freund verbrachte, freute er sich riesig auf jedes Treffen.
Riccardo wusste, dass seine Gefühle für Simon schon über normale Freundschaft
hinaus gingen, aber er wagte es nicht, dem 15-jährigen dies zu sagen. Immerhin
wollte er nicht, dass der Jüngere sich von ihm zurück zog. /Doch er hopst mir
ja auch bei jeder Möglichkeit auf den Arm. Vielleicht sage ich es ihm
doch...?!/
Simon schob den Gedanken weiter zurück und betrat dann ohne Anzuklopfen das
Zimmer.
Sofort wurde ihm ganz anders. In dem kleinen Raum herrschte eine gedrückte
Stimmung, das war deutlich zu spüren.
Da es schon später Nachmittag war, lag der Raum in einem dämmrigen Licht, denn
Simon hatte es anscheinend nicht für nötig empfunden, die Beleuchtung
einzuschalten. Der 15-jährige stand regungslos mit dem Rücken zu Riccardo am
Fenster und sah hinaus. Er schien in Gedanken versunken, denn er reagierte nicht
auf das Öffnen und Schließen der Zimmertür.
Auch als Riccardo sich neben ihn stellte und ihn fragend von der Seite ansah,
kam keine Reaktion.
"Simon?" Die Stimme des 16-jährigen klang unsicher.
Doch der Angesprochene regte sich immer noch nicht.
"Was ist los?"
Simons zuvor starrer und ernster Gesichtsausdruck, wurde nun von einem Blinzeln
durchbrochen. Wie um in die Realität zurück zu finden, wiederholte sich das
Zwinkern einige Male, dann drehte der 15-jährige sein Gesicht zu seinem Freund.

Riccardo bemerkte sofort die geröteten Augen.
"Simon?" Seine Stimme nahm einen schrillen Klang an. "Was ist passiert?" Sein
Herzschlag dröhnte in seinen Ohren.
Doch Simon schüttelte nur den Kopf.
"Hey...?!" Riccardo legte seinen Arm tröstlich um Simons Schultern. "Nun mach
nicht so ein Gesicht! Erzähl mir lieber, was los ist!"
Simon schien einen Moment nachzugrübeln, wie er es am besten sagte, doch dann
meinte er nur leise:
"Ich komm morgen wieder nach Hause..."
Riccardos Gedanken überschlugen sich. /Was??? Simon verlässt die Klinik?
Dann... dann sehe ich ihn ja nicht mehr! Wie soll ich das aushalten? Das packe
ich nicht!/ Doch ein anderer Teil seines Gehirns, drängte ihn dazu, auch die
andere Seite zu überdenken. /Ich sollte nicht so egoistisch sein! Ich sollte an
Simon denken. Er ist endlich wieder aus dieser Klapse raus. Auch wenn er
anscheinend Angst davor hat, wieder nach Hause zu kommen. Sicher hat er deshalb
geweint! Ich sollte ihm Mut machen!/
"Das ist doch klasse!", meinte Riccardo mit der fröhlichsten Stimme, die er
hervor bringen konnte, denn er merkte deutlich, wie auch in seinen Augen die
Tränen zu brennen begannen. Er hatte schreckliche Angst davor, seinen Freund
nie wieder zu sehen. Trotzdem sprach er aufbauend weiter:
"Und wegen dem Freund deiner Mutter mach dir mal keine Sorgen! Sie würden dich
wohl nicht nach Hause schicken, wenn er nicht schon weg wäre!"
"Er IST weg...", meinte Simon kopfschüttelnd. "Das ist es nicht!"
"Was dann? Warum hast du dann Angst nach Hause zu kommen?"
"Ich..." Simon bracht ab.
"Hast du Angst davor, ihn vor Gericht wieder zu sehen?"
"Nein..." Simon schüttelte wieder den Kopf.
"Aber was ist es dann? Mensch Simon, freu dich, dass du aus diesem Laden raus
bist!"
"Ich freu mich ja auch... irgendwie... aber..." Hilfesuchend sah der 15-jährige
seinen Freund an, doch der schien diesen Blick entweder nicht zu bemerken oder
aber falsch zu deuten.
"Also, ich freu mich für dich!" Riccardos Stimme klang fest, obwohl ihm immer
noch zum Heulen zu Mute war. "Ich würde auch gerne hier raus, weißt d..."
Simon hatte ihn einen Moment mit schrägem Blick angesehen, dann war sein
Gesichtsausdruck ärgerlich geworden. Aufgebracht unterbrach er seinen Freund:
"Sag mal, was redest du hier eigentlich für Scheiße?!" Simons Stimme wurde
laut. "Bist du blind, oder was?"
Riccardo, der seinen Freund noch nie laut erlebt hatte, zuckte erschrocken
zusammen. Leise hauchte er nur:
"Warum?"
Simon atmete tief durch, schüttelte dann aber nur wieder den Kopf und trat vom
Fenster weg.
Als Riccardo ihm folgte, fiel ihm der bittere Gesichtsausdruck seines Freundes
auf. Hatte er etwas Falsches gesagt?
"Simon, sag mir, was ich falsch gemacht hab! Warum soll ich blind sein?"
"Weil du es bist!", fauchte der 15-jährige aufgebracht.
"Wieso?" Ungläubig verzog Riccardo das Gesicht.
"Mensch, du musst blind sein! Oder aber nur ziemlich dumm..."
"Hey, ich lass mich hier nicht beleidigen!"
"Lass mich ausreden!", verwies Simon Riccardo in seine Schranken. Dieser musste
staunen, was für eine Autorität Simon jetzt plötzlich ausstrahlte. Er hatte
kaum noch etwas mit dem ängstlichen Jungen gemeinsam, der sich schüchtern an
ihn gekuschelt hatte...
"Okay, vielleicht ist das jetzt der falsche Weg, aber egal. Ich wollte nicht
laut werden, aber du redest die ganze Zeit nur davon, dass du dich für mich
freust und ich keine Angst vor zu Hause haben brauche, dass ich mich wirklich
frage, was in deinem Kopf vorgeht! Riccardo, denkst du echt, ich habe bloß
Angst davor, wieder nach Hause zu kommen?"
Riccardo zuckte hilflos mit den Schultern.
Simons Gesicht verzog sich schmerzlich.
"Dummkopf!"
"Was?"
"Ich sagte Dummkopf!"
Riccardo war verwirrt. "Aber..."
Simon lachte freudlos auf. "Wenn die Angst nach Hause zu kommen, mein einziges
Problem wäre, wäre ich glücklich. Ich bin es aber nicht. Und soll ich dir
sagen, woran das liegt?"
Riccardo nickte perplex.
"Das liegt daran, dass ich die ganze Zeit nur an schöne, braune Augen denken
kann, die mir fehlen werden. An kupferrotes Haar, das mich schon so oft
gekitzelt hat..." Simon machte eine Pause. "Mensch Riccardo, ich werde dich
vermissen!!! Denkst du, ich kann einfach so gehen und dich hier alleine lassen?
Ich weiß ja nicht mal, ob wir uns je wieder sehen! Und auch wenn es dir nicht
so geht, mir liegt was an dir. Ich möchte dich nicht verlieren. Mein dummes
Zuhause ist mir doch scheiß egal, aber du bist es mir nicht!" Simons Stimme
hatte einen schrillen Ton angenommen und man merkte, dass er gegen die Tränen
ankämpfen musste.
Riccardo, der ihn nur stumm betrachtete, hatte diesen Kampf schon lange
verloren.
Glasklare Tränen bahnten sich ihren Weg über seine Wangen hinab zum Hals. Es
war ein gespenstischer Anblick, denn sonst war er vollkommen ruhig. Kein Zucken
der Schultern verriet, dass er weinte.
Als Simon sah, was seine Worte bei seinem Freund bewirkt hatten, zog er zischend
die Luft ein.
"Riccardo...?!" Schnell trat er auf den 16-jährigen zu und legte ihm die Arme
um den Nacken. Nach einem ernsten Blick, in Riccardos warme, braune Augen,
stellte Simon sich auf die Zehspitzen und begann, ganz zaghaft die warme,
salzige Flüssigkeit von Riccardos Wangen zu küssen. Es war das erste Mal, dass
er seinen starken Freund weinen sah...
Als der die weichen Lippen auf seiner erhitzten Haut spürte, überzog sich sein
Körper mit einer Gänsehaut. Überall wo Simon ihn so berührte, begann seine
Haut zu kribbeln. Er konnte nicht widerstehen und drehte seinen Kopf so, dass
die lieblichen Lippen, die eigentlich seine Wange treffen wollten, auf seinen
landeten.
Zuerst zog Simon sich überrascht zurück, doch nachdem er einen forschenden
Blick in Riccardos Augen geworfen hatte und dort nichts als Zuneigung vorfand,
platzierte er noch einen scheuen Kuss auf den warmen Lippen seines Freundes.
Der erwiderte das vorsichtige Herantasten sanft und bald wurden ihre Küsse
mutiger.
Riccardo staunte nicht schlecht, als er Simons vorwitzige Zunge spürte, die
versuchte, sich zaghaft in seinen Mund zu schieben. Nur zu gerne gewährte der
16-jährige ihr Einlass und verwickelte sie sofort in ein hungriges Spiel...
Es dauerte eine geraume Weile bis beide es wagten, sich von einander zu trennen
und sich in die Augen zu sehen.
Kaum dass sie Blickkontakt hergestellt hatten, zog Riccardo den Kleineren auch
schon fest an sich und vergrub sein Gesicht in der Halsbeuge seines Freundes.
Der erwiderte die Umarmung genauso kraftvoll.
Irgendwann hörte man dann Simons leise Stimme:
"Du hast mir doch versprochen, mich nicht alleine zu lassen. Du meintest, du
bleibst bei mir solange ich will. Oder hast du das vergessen?"
"Nein..." Riccardo lachte warm. "Das habe ich nicht vergessen! Wie könnte
ich?!"
"Ich hatte schon Angst... Ich will nicht von dir weg! Ich möchte bei dir
bleiben!"
"Das geht nicht! Sei froh, dass du hier raus kommst!"
"Aber..?!"
"Pscht! Pass auf, ich bemühe mich, dass ich auch bald hier raus bin und dann
sehen wir uns wieder, okay?"
Riccardo konnte spüren, wie Simon nickte.
"Versprichst du mir, dass du mich bis dahin dort draußen nicht vergisst?"
Simon löste sich überrascht von ihm.
"Was...?! Natürlich vergesse ich dich nicht, Dummerchen. Bis ich dich vergesse,
müsste schon eine Ewigkeit vergehen!"
"Na dann ist ja gut, so lange plane ich nämlich nicht, hier zu bleiben!"
Riccardo lächelte sanft und suchte dann wieder die Lippen seines Freundes. Viel
zu schön war das Gefühl von ihnen auf den seinen...


Kapitel 13: Tropfen

Wie betäubt stand Riccardo an dem Fenster seines Zimmers und starrte in die
Dunkelheit hinaus. Er fühlte sich so unglaublich müde...
Simon war nun schon seit drei Tagen weg. Drei Tage, die Riccardo wie Ewigkeiten
vorkamen. Es waren keine guten Tage gewesen. Der 16-jährige war bei einem
seiner Gespräche wieder wütend geworden und hatte sich aufgebracht auf seinen
Psychologen gestürzt. Wenn er jetzt daran zurück dachte, wusste er gar nicht
mehr, warum er überhaupt die Beherrschung verloren hatte. Er wusste nur, dass
er sich danach besser gefühlt hatte - wenn man von den Nachwirkungen des
Betäubungsmittels, welches man ihm gegeben hatte, absah.
Er war in Gedanken ständig bei Simon. Selbst wenn er es nicht wollte, schlugen
seine Gedanken immer wieder die selbe Richtung ein.
Er stellte sich schon zum wiederholten Male die Frage, ob er Simon wirklich
wiedersehen würde. Was, wenn der Jüngere ihn einfach vergessen würde? Sicher
hatte er dort draußen auch seine Freunde... und es konnte noch dauern, bis
Riccardo hier raus kam.
/Ich habe zwar seine Adresse, aber ich weiß nicht... soll ich einfach vor
seiner Tür stehen, wenn ich raus bin? Irgendwie habe ich ein bisschen Angst
davor... Was, wenn er mich nicht wiedersehen möchte? Doch das hätte er dann
sicher gesagt.../
Riccardos Gedanken schweiften zu ihrem Abschied ab. Beide hatten sich eine ganze
Weile heulend im Arm gehalten und waren sich nachher schon selber blöd
vorgekommen. Doch die Tränen waren einfach so gekommen. Beide hatten nicht die
Kraft gehabt, sie zurück zu halten.
Als Simon dann gegangen war, war Riccardo müde auf seinem Bett zusammen
gebrochen.
Kopfschüttelnd versuchte der 16-jährige sich von dieser Erinnerung zu lösen.
Er wusste nicht, wie oft er ihren Abschied innerhalb der letzten drei Tage Revue
passieren gelassen hatte.
Seufzend lehnte er seine erhitzte Stirn gegen das kühle Glas der
Fensterscheibe. Sein Atem kondensierte auf ihr. Ein Tropfen löste sich nach
einer Weile und lief langsam und gemächlich die Scheibe hinab. Riccardo sah ihm
versonnen nach.
Wie sehr er seinen Freund doch vermisste...
"Riccardo?"
Erschrocken wirbelte der 16-jährige herum und funkelte den Eindringling wütend
an.
Sandro sah sich verwundert im Raum um.
"Warum machst du dir denn kein Licht an?"
Ein Fauchen war die Antwort: "Das kann dir doch egal sein! Und mach das nie
wieder!"
"Was?"
"Erschreck mich nie wieder so! Klopf gefälligst an, bevor du den Raum
betrittst!"
"Bitte? Wo sind wir denn hier?", erwiderte Sandro kopfschüttelnd.
"Bei mir im Zimmer. Ich betone, bei MIR!" Riccardos Stimme wurde lauter und er
konnte spüren, wie er wieder begann innerlich zu lodern.
Auch Sandro merkte dies anscheinend, denn er hob beschwichtigend die Hände und
begann leise auf den Junge vor sich einzureden.
"Hey, ganz ruhig, Riccardo. Das ist kein Grund, sich aufzuregen! Ich wird's mir
merken, ja?"
"Worüber ich mich aufrege und worüber nicht, ist ja wohl meine Sache!!!"
Riccardo machte einen Schritt auf den Pfleger zu und der konnte sich gerade noch
daran hindern, zurück zu weichen.
Riccardo wollte noch einen Schritt machen, doch dann fiel ihm auf, dass Sandro
etwas in seiner zitternden Hand hatte.
"Was ist das?", verlangte er unfreundlich zu wissen.
Sandros Gesicht entspannte sich wieder und er meinte ein wenig erleichtert:
"Der Grund, warum ich hier bin - ein Brief von Simon!"
"Von Simon?" Sofort war Riccardo Wut vergessen und er streckte bittend die Hand
nach dem Brief aus. Sie zitterte merklich vor Aufregung.
Sandro übergab ihm den Brief und als er sah, wie Riccardo neugierig den
Umschlag aufriss und sich in die ihm gewidmeten Zeilen vertiefte, verließ er
leise den Raum.

***

Lieber Riccardo,
ich dachte einfach mal, ich schreibe dir.
Halte mich bitte nicht für anhänglich oder ähnliches, aber ich vermisse dich
schrecklich.
Ich kann es kaum glauben, dass ich nach über vier Wochen wieder aus der Klinik
raus bin. Doch meine eigentliche Freude darüber wird immer wieder ein bisschen
gedämpft, wenn ich an dich denke. Das ist jetzt kein Vorwurf, sorry, falls es
so rüber kommt. Ich will damit nur ausdrücken, wie sehr du mir fehlst - und
das schon nach nur einem Tag!
Ich hoffe, dass es dir gut geht und dich die Pfleger und Ärzte nicht allzu sehr
ärgern. Versuche einfach, sie noch ein bisschen zu ertragen. Und wenn du dann
wieder raus bist, bin ich ja bei dir?!
Dass wir uns nach deiner Entlassung wieder sehen, war doch ernst gemeint, oder?
Wenn nicht, sag es mir bitte...
Bei mir zu Hause verläuft alles ruhig.
Meine Mum hat sich von diesem Schwein getrennt. War ja klar, jetzt wo er vor
Gericht steht?!
Du hattest übrigens Recht, er wird bestraft. Er bekommt ordentlich ein paar
Jahre aufgebrummt. Bin ich froh!
Die Gerichtsverhandlung ist erst in ein paar Wochen, aber ich habe schon jetzt
Panik davor ihm gegenüber zu treten. Wenn ich auch nur an ihn denke, wird mir
schlecht. Am liebsten will ich ihn nie wieder sehen, aber was soll ich machen?
Ich muss noch mal aussagen...
Aber das schaffe ich. Ich denke einfach die ganze Zeit an dich. Dann wird es
schon gehen. (O Gott, hört sich dieser Satz jetzt ein bisschen zu kitschig an?
Falls ja, tut's mir leid, Riccardo. Aber ich kann es halt nicht verhindern, dass
ich alles rosa sehe, wenn ich an dich denke... Wah! Ich labere schon wieder...
sorry...)
Hm... was kann ich dir noch so erzählen? Ich will dich ja auch schließlich
nicht langweilen...
Zu Hause ist alles so, wie ich es verlassen habe. Nur dass ich nicht mehr dieses
starke Herzpochen habe, wie wenn ich wusste, dass Mike (Der EX-Freund meiner
Mum) zu Hause war.
Doch nun wird mir immer ein bisschen anders, wenn ich meiner Mutter gegenüber
stehe. Sie hat natürlich nichts von Mikes Aktivitäten in Bezug auf mich
gewusst. Ich habe auch noch nicht so wirklich mit ihr darüber gesprochen. Und
so wie es bis jetzt aussieht, werde ich es wohl auch nicht tun... Sie kann mir
kaum in die Augen gucken und ich ihr - wenn ich ehrlich sein soll - auch nicht
so wirklich. Es ist ein komisches Gefühl. Na ja, vielleicht legt sich das ja
wieder mit der Zeit. Ich hoffe es...
So, ich mache dann mal besser Schluss. Es ist schon spät (23:45 Uhr). Ich habe
ewig gebraucht um mich durchzuringen, dir zu schreiben. Irgendwie habe ich
Angst, dass du mich für zu anhänglich hältst...

Simon

PS: Falls du Zeit - und natürlich Lust - hast, kannst du mir ja mal zurück
schreiben!

***
Und dies tat Riccardo auch sofort.
Er war normalerweise nicht der Typ Junge, der gerne Briefe schrieb, aber da
Simon der Empfänger war, war es natürlich etwas anderes.
Er saß noch bis spät in die Nacht über das Blatt Papier vor sich gebeugt und
kritzelte vor sich hin.
Am nächsten Morgen wurde Sandro damit beauftragt, den Brief einzustecken.
Der Pfleger tat dies auch mit einem warmen Lächeln...


Kapitel 14: ... und doch so nah

Lieber Simon,
natürlich schreib ich dir zurück! Ich hab es auch sofort gemacht, wie du siehst!
Also, erst mal muss ich dir sagen, dass du ein Trottelchen bist! Wenn aber auch
ein süßes Trottelchen!
Warum musstest du überlegen, ob du mir schreibst? War es denn nicht klar, dass
ich mich über einen Brief riesig freuen würde? Und du brauchst auch keine
Angst zu haben, dass du mich langweilst! Solange es etwas von dir ist, lese ich
es gerne, auch wenn es nur Nebensächlichkeiten sind. Ich vermisse dich nämlich
auch schrecklich.
Es ist echt schwer hier drinnen ohne dich. Wenn ich nicht gerade eine
Untersuchung habe, sitze ich in meinem Zimmer und grübele vor mich hin. Ich
muss ständig an dich denken und mach mir Gedanken, ob es dir auch gut geht!
Was sagen deine Freunde zu deinem Aufenthalt hier in der Klinik? Ich hoffe, sie
benehmen sich deshalb nicht komisch dir gegenüber. (Sonst komm ich und mach sie
platt!!!)
Bei mir ist ansonsten alles beim Alten. Na ja, fast... gestern hatte ich wieder
einen "kleinen" Ausraster. Ich hab mich auf meinen Psychologen gestürzt und ihm
ein nettes Veilchen verpasst... Ich hoffe mal, er ist nicht nachtragend. Aber
sein dummes Gelaber hat mich echt aufgeregt.
Generell bin ich (seit du weg bist) ziemlich oft nervös. Ich weiß nicht, woran
es liegt. Vielleicht daran, dass ich so schnell wie möglich hier raus - zu dir
- will und mir alles einfach nicht schnell genug geht?!
Ich glaub, ich muss mich echt ein bisschen zusammen reißen, denn ich möchte ja
so bald wie möglich zu dir! Damit wäre deine Frage, ob ich das mit dem Treffen
nach meiner Entlassung ernst gemeint habe, wohl geklärt, oder?! Was für eine
dumme Frage!!! Natürlich will ich dich wieder sehen!
Die Zeit bis dahin kann gar nicht schnell genug vergehen...
Ich glaub, ich werde Sandro morgen mal fragen, was genau ich tun muss, um hier
so schnell wie möglich raus zu kommen. Vielleicht gibt er mir ja einen kleinen
Tipp!
Okay, das war's erst mal von mir! Hier drinnen gibt es ja eh nichts Neues und
wie du vielleicht gemerkt hast, bin ich nicht gerade gut im Briefe schreiben...


Hab dich lieb!

Riccardo

***

Lieber Riccardo,
als ich deinen Brief in der Post gefunden hab, bin ich wie von eine Tarantel
gestochen in mein Zimmer gerast und hab mich dort eingeschlossen. Meine Mutter,
mit der ich mich bis dahin unterhalten hatte, hat mir nur verdutzt nachgeguckt.
Sicher hält sie mich jetzt für endgültig übergeschnappt!
Ich bin ja sooo froh, dass du mir geantwortet hast!
Tja, um auf deine Frage mit meinen Freunden zu antworten...
Einige gucken mich in der Tat komisch an, da sich ja irgendwie herumgesprochen
hat, was mir passiert ist.
Ich war schon etwas enttäuscht, als ein oder zwei meiner Freunde nicht mehr so
wirklich mit mir geredet haben. Aber na ja, ich kann sie ja wohl schlecht
zwingen. Vielleicht merken sie ja auch noch irgendwann, dass ich mich nicht
(viel) verändert hab.
Ich hab mich nämlich ein wenig verändert. Dir kann ich es ja erzählen...
Ich halte mich manchmal selbst schon für verrückt, aber ich bekomme schon
Panik, wenn mich ein Mann auch nur aus versehen am Arm berührt. Bei bestimmten
Leuten ist es kein Problem, aber bei anderen könnte ich schreiend davon laufen.
Ob das normal ist?
Genauso leide ich scheinbar manchmal auch schon an Verfolgungswahn! Ich brauche
bloß in der U-Bahn zu stehen und schon fühle ich mich von jedem angegafft.
Meist schlucke ich das unangenehme Gefühl herunter und starre auf den Boden vor
mich, aber ist das eine Lösung?
Meiner Mutter traue ich mich nicht davon zu erzählen. Ich habe Angst, dass sie
mich zu 'nem Seelenklempner schleppt. Denn glaub mir, von solchen Leuten hab ich
erst mal genug.
Na ja, wie heißt es immer so schön? Die Zeit heilt Wunden? Vielleicht trifft
das ja auch bei mir zu?!
Egal, du hast anscheinend eigene Probleme.
Wie geht es deinem Psychologen? Der hat sicherlich einen Schreck für's Leben
weg. Auch wenn es eigentlich nicht zum Lachen ist, muss ich zugeben, dass ich
geschmunzelt hab, als ich es von dir gelesen hab. Ich kann mir nur zu gut seinen
Gesichtsausdruck vorstellen, als du auf ihn losgegangen bist.
Bloß Riccardo, versuch dich zusammen zu reißen, ja? Mir zu Liebe! Das ist
sicher leichter gesagt als getan, aber ich möchte dich endlich bei mir haben.
Genauso hätte ich auch Lust, dich mal zu besuchen! Ich müsste nur meine Mutter
fragen, ob sie mich fährt!
Wenn es von mir zu Hause nicht so ein langer Weg bis zur Klinik wäre, würde
ich auch anders zu dir kommen, aber so wird das leider nichts... am besten ich
frag sie einfach!
Oder was meinst du?
Ach ja, ich wollte dir nur sagen, dass ich ganz oft an dich denke und in
Gedanken immer bei dir bin! Vergiss das nicht, okay?

Simon

***

Lieber Simon,
ich hab's schon wieder getan!
Ich glaube manchmal, ich kann nicht anders, als in bestimmten Situationen um
mich zu schlagen! Dabei will ich das doch gar nicht! Es tut mir ja im Nachhinein
immer leid, wenn ich wieder mal ausgetickt bin, aber in dem Moment, in dem es
passiert, kann ich mich einfach nicht zurück halten! Es ist unnormal!
Wie sehr wünschte ich mir, dass du jetzt bei mir wärst. Ich weiß zwar, dass
ich ums Rauskommen kämpfe, aber ohne dich direkt hier zu haben, ist es viel
schwerer. Aber deine Briefe helfen mir schon sehr!
Ich schaff' das! Ich will dich ja immerhin wieder sehen!
Zu deinem Problem...
Ich weiß nicht... Vielleicht wäre es doch besser, wenn du es deiner Mutter
erzählst. Es ist viel schwerer, wenn du damit alleine dastehst und auf die Zeit
vertraust. Und selbst wenn sie dich zu 'nem Psychologen schleppt, Hauptsache es
hilft dir?!
Ich kann mir aber auch nur zu gut vorstellen, dass du die Nase gestrichen voll
von solchen Seelenklempnern hast. Hab ich ja jetzt auch schon... Aber glaub mir,
es gibt sicher auch ein paar nette Leute unter ihnen.
Meiner hier (du kennst ihn ja) ist echt in Ordnung.
Das Veilchen (das man immer noch sieht) hat er mir anscheinend verziehen. Auch
wenn er jetzt doppelt so vorsichtig ist! Manchmal ist es regelrecht witzig, wie
er versucht mich zu beruhigen, wenn ich auch nur ein bisschen lauter werde. Aber
er ist nett... und er hilft mir (wenn auch nur mit mäßigem Erfolg...).
Ich wäre zu gerne bei dir um dir zu helfen, aber leider geht das ja nicht!
Die Idee mit dem Besuch ist nicht schlecht! Was hat deine Mutter gesagt? Fährt
sie dich?
Ich hoffe es doch! Du fehlst mir nämlich sehr! Wir haben uns ja jetzt schon
eine ganze Woche nicht mehr gesehen... Schon so lange!
Was hast du so gemacht? Erzähl mal, womit du so den Tag verbringst! Ich brauch
was Neues zum Lesen! Die letzten beiden Briefe von dir kann ich schon so gut wie
auswendig, so oft hab ich sie jetzt schon gelesen!
Antworte bitte wieder so schnell!

Ich vermiss' dich!

Riccardo

***

Lieber Riccardo,
ich glaube, ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen!
Ich habe meiner Mutter von allem erzählt... und sie hat mich wirklich zu 'nem
Psychologen geschleppt. Aber nicht wegen dem "Verfolgungswahn" oder so, sondern
weil ich ihr echt ALLES erzählt hab.
Als ich sie gefragt hab, ob sie mich zu dir fährt, wollte sie wissen, wer du
bist! Und ich hab es ihr natürlich erzählt. Es war das erste Mal, seit der
Sache mit Mike, dass ich so offen mit ihr geredet hab. Aber sie ist ausgetickt.

Ich hab ihr natürlich auch erzählt, dass ich mich in dich verliebt hab, aber
das hätte ich lieber nicht tun sollen!
Nun denkt sie, dass die Sache mit ihrem Ex-Freund bei mir ein Trauma
hervorgerufen hat oder so in der Art. Sie hält mich jetzt für gestört, weil
du ein Junge bist!
Ich hätte nie gedacht, dass sie so reagiert! Weil eigentlich ist meine Mum ein
toleranter Mensch.
Den Besuch hat sie mir natürlich gestrichen. Sie weigert sich permanent mich zu
dir zu fahren!
Ich hab ihr schon so oft gesagt, dass ich nicht gestört bin und sie sich keine
Sorgen zu machen braucht. Ich meinte, dass ich mich wirklich in dich verliebt
habe und das du mich auch magst. Doch das sieht sie nicht ein.
Was soll ich denn nun machen? Wenn sie sich weiter so blöd benimmt, dreh ich
noch durch. Und der Psychologe (er ist ja eigentlich ganz nett) redet auch nur
Müll. Der labert irgendwas von seltener Art das Geschehene zu verdrängen und
so weiter. Ich bekomm langsam echt Angst. Warum will mich denn hier keiner
verstehen?
Riccardo, mach bloß, dass du bald dort raus kommst. Ich brauch dich hier, sonst
dreh ich ab. Vielleicht merkt meine Mutter ja, dass ich ernstlich in dich
verknallt bin, wenn sie dich kennen lernt! Bloß da sie wohl kaum zu dir kommt,
musst du wohl oder übel zu ihr (wenn du es denn willst!). Und das geht ja nur,
wenn du raus bist.
Das mit deinen Ausrastern bekommst du in den Griff, glaub mir. Du bist doch
stark! Denk einfach an mich, wenn du wieder wütend wirst. Stell dir vor, wie
ich dich in den Arm nehme und dich beruhige, okay?
Ich würde es ja gerne wirklich machen, aber du weißt ja, damit müssen wir
noch warten...
Was ich so den ganzen Tag mache? An dich denken natürlich!!!

Ich hab dich ganz doll lieb, vergiss das nicht, ja?

Simon

***

Lieber Simon,
lass den Kopf bitte nicht hängen, okay? Ich mag es gar nicht gerne hören, dass
du traurig bist! Mir gefällst du besser, wenn du lächelst!
Das Problem mit deiner Mum wird sich schon lösen! Gib ihr einfach ein bisschen
Zeit. Sie wird es schon irgendwann verstehen. Sicher ist sie nur besorgt, weil
die Sache mit diesem Mike gerade gewesen ist.
Okay, ich glaub, ich hätte meine Mutter erschossen, wenn sie so reagiert
hätte. Aber ich würde sie auch schon erschießen, wenn sie sich überhaupt
irgendwie in meine Angelegenheiten einmischen würde.
Ich mag meine Mutter nicht sonderlich, dafür aber meinen Vater! Der ist echt
klasse drauf und wenn er von dir erfährt, wird er mich sicher unterstützen!
Deine Mum kriegen wir auch noch weichgekocht, das kannst du mir glauben! Oder
denkst du, jemand könnte meinem Charme widerstehen? - Nee, war nur 'n Joke. Ich
hoffe, sie bekommt keinen Schreck für's Leben, wenn sie mich sieht!
Aber darauf müssen wir es wohl ankommen lassen! Ich gebe mir auf jeden Fall
Mühe um hier bald wieder raus zu kommen.
Die letzten Tage ist alles glatt gelaufen. Keine Probleme. Und wenn ich doch mal
merke, dass ich nervös werde, dann denk ich eben an dich! Danke für den Tipp!

Ansonsten ist hier drinnen alles wie immer. Na ja, fast alles. Sandro hat Urlaub
für ein paar Tage. Er war ja der einzige mit dem ich ab und an mal geredet hab.
Die restlichen Pfleger und Schwestern mag ich nicht! Die sind irgendwie so...
seltsam.
Aber Sandro kommt in drei Tagen wieder, das hab ich schon rausbekommen (wofür
Psychologen nicht alles gut sind?!).
Sooo, dann mach ich mal wieder Schluss! Ich will schlafen gehen, es ist schon
spät! Mein Psychologe hat mich heute wieder mal in Grund und Boden geredet. Ich
hab über 'ne Stunde länger als üblich bei ihm gehockt! Da kannst du dir
vielleicht denken, dass ich ein bisschen müde bin, oder?
Mal sehen, vielleicht träum ich ja von dir!

Riccardo

***

Lieber Riccardo,
ich vermiss' dich so! Was hast du nur mit mir gemacht?!
Meine Freunde nerven mich zur Zeit irgendwie.
Sie versuchen krampfhaft sich wie immer zu benehmen und benehmen sich gerade
dadurch eben nicht wie immer. Es ist zum Heulen. Und wenn ich ihnen sage, dass
sie mit dem Scheiß aufhören sollen, gucken sie mich an, als wenn ich sie
gebissen hätte!
Ich fange schon an, an ihrem normalen Menschenverstand zu zweifeln. Ist es denn
so schwer mich wie jeden anderen auch zu behandeln?
Ach ja, der "Verfolgungswahn" (ich hasse dieses Wort langsam) hat sich gelegt.
Zwar werde ich dieses olle Gezucke nicht los, aber das geht auch schon noch weg.

Im Moment hab ich aber eher das Problem, dass ich ständig an dich denken muss.

Ich hab mich in den 14 Tagen echt an deine Nähe gewöhnt, dass ich manchmal
regelrecht glaube, ich stehe unter Entzug.
Bin ich froh, dass du mich so nicht sehen kannst! Du würdest dich totlachen!
Meine Mutter zickt immer noch rum. Ich verstehe sie nicht... und sie mich
anscheinend auch nicht. Gut, dann haben wir ja was gemeinsam.
Ich glaube, ich schalte jetzt auf stur. Soll sie sich doch den Mund fusselig
reden. Ich weiß, dass ich dich mag und dann ist gut! Ihr olles Gerede ändert
auch nichts an meinen Gefühlen! Basta!
Wie sieht es bei dir aus? Wieder irgendwelche Vorkommnisse? Ich hoffe doch mal
nicht!
Okay, ich werde mich jetzt mal in die Höhle des Löwen wagen - es gibt
Abendessen. Mal gucken, wie lange ich ihr Gelabere dieses Mal aushalte! Gestern
waren es nur 10 Minuten. Danach war mir der Appetit vergangen und ich bin
einfach aufgestanden und in mein Zimmer gegangen.
Als sie danach über 15 Minuten an meiner Zimmertür geklopft und mich
vollgenölt hatte, ist sie wieder abgezogen. Ich hab natürlich nicht
aufgemacht!
Manchmal glaub ich, ich mache alles mir meinem Verhalten noch schlimmer. Aber
was anderes scheint bei ihr ja nichts zu bringen!
Okay, dann mach ich Schluss und lauf nachher noch schnell zum Briefkasten um
diesen Brief für dich wegzubringen!


Simon

***

Lieber Simon,
ich hab's geschafft!!!
Ich kann es noch gar nicht wirklich glauben! Die Ärzte haben mir heute
verkündet, dass ich übermorgen (also Samstag) raus komme!
Ich hab die ganze letzte Woche nicht einen Anfall gehabt und die Ärzte meinen,
ich wäre auch so ruhiger geworden. Bin ich froh!
Es kann mir zwar noch passieren, dass ich ein oder zwei Mal die Woche dann zu
'nem Psychologen bei uns in der Nähe muss, aber immerhin bin ich raus. Ob ich
mich nun den einen Nachmittag mit wem unterhalte oder nicht, kann mir dann ja
auch egal sein! Wichtig ist halt bloß, dass ich hier raus komme.
Irgendwie bin ich ja immer noch ein bisschen sauer auf meine Eltern, weil sie
mich hier eingeliefert haben. Aber andererseits hätte ich dich ja sonst nicht
getroffen! Es hat halt alles seine Vor- und Nachteile!
Da deine Mutter ja scheinbar immer noch nicht nachgegeben hat, werde ich wohl
nach meiner Entlassung einfach vor deiner Tür stehen.
Ich bekomme schon wen dazu, mich zu dir zu fahren. Mein Vater macht das sicher
gerne und wenn nicht, finde ich schon wen anders. Auf jeden Fall will ich dich
so schnell wie möglich wieder sehen!
Du kannst gar nicht glauben, wie sehr du mir fehlst!
Ich weiß gar nicht, wann ich so anhänglich geworden bin - den Augenblick muss
ich verpasst haben. Aber nun komm ich gar nicht mehr von dir los!
Was machen deine Freunde so? Ich hoffe, die beruhigen sich wieder! Wenn nicht,
muss ich wohl mal ein Wörtchen mit ihnen reden... Okay, das lassen wir lieber.
Es würde sicher Tote geben! Ich mag es einfach nicht, wenn man dich traurig
macht!
Oh, Sandro kam gerade rein. Es gibt Abendessen. Und dann werde ich schon mal
anfangen meine Sachen zu packen. Ich kann es kaum erwarten hier raus zu sein
(Meine Eltern holen mich zwischen 15 Uhr und 16 Uhr ab)!!!

Hab dich ganz doll lieb!!!!!

Riccardo


Kapitel 15: Unruhe

Unruhig saß Riccardo nun schon seit einer guten halben Stunde auf seinem Bett
und starrte verbissen die Zimmertür an.
Man hatte ihm gesagt, dass er heute zwischen 15 Uhr und 16 Uhr von seinen Eltern
abgeholt werden würde und nun zeigte die Uhr schon 16 Uhr 10 an.
Seine Eltern waren nicht gerade für ihre Pünktlichkeit bekannt, aber dass sie
gerade heute zu spät kommen würden, regte Riccardo schon ein bisschen auf.
Aber er hielt die Wut - erfolgreich - zurück und atmete tief ein und aus.
Bald würde er Simon wieder sehen. Wenn er jetzt an die Briefe, die der
15-jährige und er sich in den letzten 14 Tagen geschrieben hatten, zurück
dachte, wurde er leicht rot.
Wie hatte er Simon bloß in jedem Brief sagen können, dass er ihn schrecklich
vermisste und total gerne hatte?! Sicher hielt Simon ihn nun für eine Klette.
Aber sobald Riccardo von Sandro Nachmittags immer den Brief bekommen hatte, war
es einfach mit ihm durchgegangen. Er hatte einfach wild drauf los geschrieben.
Und jedes Wort war so gemeint gewesen, wie es da stand.
In den 14 Tagen, wo er alleine hier in der Klinik gewesen war, war ihm erst
bewusst geworden, wie schön es war einen Freund zu haben. Und noch dazu einen
FESTEN Freund. Als Simon noch jeden Tag um ihn gewesen war, hatte er zwar auch
gewusst, dass er ihn schrecklich gerne hatte, aber durch die Trennung war es ihm
nur noch schmerzlicher bewusst geworden.
Zum Glück wohnte Simon nicht allzu weit von ihm entfernt, so war es kein
Problem jemanden zu finden, der ihn hinfahren würde. Und das Problem mit Simons
Mutter würden sie dann auch versuchen zu lösen.
Riccardo hatte im Moment einfach nur positive Gedanken!
Das Öffnen einer Tür riss ihn aus seinem Gegrübel und er musste das
versonnene Lächeln, das sich bei den Gedanken an Simon auf sein Gesicht
geschlichen hatte, unterdrücken.
Neugierig sah er auf und seufzte erleichtert, als er seine Mutter in der Tür
erkannte.
Die kleine Frau stand einen kurzem Moment regungslos da, doch dann kam sie auf
ihn zu um ihn in die Arme zu schließen.
Riccardo ließ es wortlos über sich ergehen und wandte sich dann dem kräftigen
Mann hinter seiner Mutter zu.
Sein Vater besaß ebenso kupferrotes Haar wie er, nur dass er es nicht lang trug
sondern normal kurz. Seine ebenfalls braunen Augen leuchteten warm als er seinen
Sohn in die Arme schloss.
"Riccardo!" Die immer schrille Stimme seiner Mutter war ihm nur allzu gut
bekannt. "Wie geht es dir, Liebling?"
"Bestens! Und bei euch alles klar?"
"Was soll schon sein?" Schnaufend ließ sich sein Vater zu Riccardo aufs Bett
fallen. Ihm war die Freunde seinen Sohn wieder zu sehen wirklich anzumerken.
Seine Mutter fing sofort an auf ihn einzureden und von irgendwelchen
Vorkommnissen in der Verwandtschaft zu berichten, doch Riccardo hörte ihr nicht
zu.
Er war viel mehr mit dem Gedanken beschäftigt, wann und vor allem wie er seinen
Eltern von Simon erzählte. Immerhin brauchte er einen Fahrer.
Sein Vater schien seine Versunkenheit zu bemerken, denn er knuffte ihm
unauffällig in die Seite und warf ihm einen fragenden Blick zu.
Riccardo schüttelte nur leicht den Kopf und nuschelte ein leises "Später..."
um dann wieder in seine Gedankenwelt zu verschwinden.
Doch irgendwann wurde er wieder herausgerissen. Sein Vater hatte sich erhoben,
um seine Tasche zu nehmen und seine Mutter hakte sich bei ihm ein.
Gemeinsam schlenderten sie Richtung Ausgang und Riccardo war froh die Klinik
hinter sich zu lassen.
Seine Eltern hatten anscheinend schon alle Formalitäten erledigt, denn sie
verließen das Gebäude ohne noch mit einem Arzt zu sprechen.
Riccardo sah Sandro im Schwesternzimmer lehnen und winkte ihm kurz zu, was der
Pfleger mit einem Lächeln quittierte.
Riccardo war sich sicher, dass er den Älteren auf jeden Fall vermissen würde.

Nun doch ein bisschen traurig, öffnete er die Tür nach draußen und wurde
sofort von einem frischen Herbstwind empfangen. Verspielt zog er an seiner
Kleidung und an seinen Haaren.
"Wir haben unser Auto auf dem Parkplatz, Liebling!", unterrichtete ihn seine
Mutter.
Riccardo genoss es endlich wieder nach Hause zu kommen und ließ sich von ihr in
die genannte Richtung führen.
Doch gerade als sie um Ecke des Gebäudes treten wollten und Riccardo schon den
schwarzen Wagen seines Vaters stehen sah, erregte etwas anderes seine
Aufmerksamkeit.
Abrupt blieb der 16-jährige stehen und starrte wie benommen in die andere
Richtung.
Seine Eltern hatten ebenfalls angehalten und blickten ihn verwirrt an.
"Was ist los?", wollte sein Vater wissen. Doch Riccardo beachtete ihn gar nicht
mehr.
Eine Gestalt, die einige Meter von ihm entfernt stand und zu ihm hinüber sah,
bannte seine ganze Aufmerksamkeit.
Sie war klein, zierlich und sah aus, als wenn der Wind sie jeden Moment wegwehen
würde. Doch das tat er nicht. Die Gestalt stand dort ohne sich auch nur zu
regen und Riccardo konnte spüren, wie ihre himmelblauen Augen, die ihn
unverwandt musterten, ein zartes Kribbeln in seinem Bauch hervorriefen. Das
honigblonde Haare wurde von dem stürmischen Wind hin und her gerissen und
völlig zerwuschelt.
Doch Riccardo achtete gar nicht darauf. Viel wichtiger war für ihn das kleine,
aber deutlich sichtbare Lächeln, das die Mundwinkel des anderen umspielte.
Riccardo konnte nicht verhindern, dass sich ebenfalls ein Lächeln in sein
Gesicht schlich.
Als sein Herz einen frohen Hüpfer machte, konnte er sich nicht mehr zurück
halten.
Ruckartig löste er sich von seiner Mutter, die immer noch ihren Arm bei ihm
untergehakt hatte und nun verwirrt in die Richtung sah, in die ihr Sohn starrte,
und rannte los.
Er beachtete auch nicht den perplexen Ruf, den sie ihm hinter warf, er bemühte
sich nur so schnell wie möglich zu dem Jungen mit den himmelblauen Augen und
dem honigblonden Haar zu kommen.
Bei ihm angekommen, hielt er dicht vor ihm an und sah in sein strahlendes
Gesicht. Keiner der beiden rührte sich, beide sahen sich nur unverwandt an, als
würden sie sich zum ersten Mal richtig sehen.
Erst als Simon leicht blinzelte, erwachten sie aus ihrer Starre. Es war, als
wenn dies ein Stichwort gewesen wäre und beide fielen einander in die Arme.
Simon kuschelte sich sofort an die starke Brust vor ihm und presste den Älteren
an sich. Der umschlang ihn sanft mit seinen Armen und vergrub sein Gesicht in
dem schönen, weichen honigblonden Haar des 15-jährigen. Ihn wieder in seinen
Armen zu spüren, war das Beste was er je gefühlt hatte.
"Ich hab dich ja so vermisst, Simon!", hauchte er nach einer wortlosen Weile und
brachte den Jüngeren damit zum Aufsehen.
Deutlich schimmerten in seinen Augenwinkeln Tränen und als sich von dort eine
löste, war Riccardo auch schon sofort da um sie sanft fort zu küssen.
Simon, der die weichen Lippen auf seiner Wange spürte, seufzte leise auf und
schlang dann seine Arme um Riccardos Nacken, um den Älteren zu sich heran zu
ziehen und endlich seine Lippen auf Riccardos zu legen.
Beide tauschten einen zärtlichen Kuss aus, der so behutsam war, als wäre es
ihr erster...