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Auf immer und ewig Teil 1 bis 5

Kapitel 1  
 
Ewan starrte verdrießlich in das leise vor sich hin prasselnde Feuer. Er versuchte sich völlig auf die Flammen zu konzentrieren und das aufgeregte Geplapper seiner Freunde zu überhören. Er konnte es einfach nicht mehr ertragen wie sehr sich scheinbar alle auf morgen freuten. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätten sie niemals Caerdoria verlassen – nur leider fragte ihn niemand. Was sollte er hier in diesem dreimal verfluchten Xiranth? Er war doch kein Diplomat. Keiner von ihnen war ein Diplomat. Sie waren doch nur eine Gruppe von vier jungen Adeligen, mehr oder weniger grün hinter den Ohren, die in Begleitung von einem Gelehrten und einem Leibwächter seid ein paar Jahren durch Caerdoria zogen um im Namen des Königs Recht zu sprechen. Das sie Land und Leute kennen lernen war Teil ihrer Ausbildung. Und auch wenn sie alle diese Aufgabe zur Zufriedenheit aller erledigten, befähigte das dennoch keinen von ihnen für die Verhandlungen die mit Xiranth anstanden.
Seit einem Eroberungsschlag vor wenigen Jahrzehnten hatte das große Reich auch eine Grenze zu Caerdoria, und das Xiranth seine gierigen Finger auch zu ihrem Land ausstrecken würde, war eine immer präsente Bedrohung. Das Xiranth zu Verhandlungen rief und nicht zum Krieg war eine große Überraschung; um so wichtiger war das diese Verhandlungen gut verliefen. Darum hätte der König eigentlich eine Armee von Diplomaten nach Xiranth schicken sollen, nicht ihn und seine Freunde.
Aber der König wollte sie hier, wollte eine neue Beschäftigung für Ewan, damit er keine Zeit zum brüten fand. Wie subtil.
Und deswegen war er hier, hier in Xiranth wo alles so groß, so mächtig, so überwältigend war... Ständig hatte er das Gefühl das alle Xiranther die sie trafen auf ihn und seine Kameraden herabsahen. Wer waren sie denn schon? Die Abgesandten des Königreichs Caerdoria. Aber was zählte Caerdoria im Gegensatz zum mächtigen Xiranth. Weniger als nichts.
 
Am Anfang der Reise durch das große Reich hatten sie noch die Gastfreundschaft der Xiranther Oberen genossen. Ein jeder dieser Besuche lief nach dem gleichen Schema ab. Immer wieder wurde ihnen von ihren arroganten Gastgebern mehr oder weniger subtil beigebracht wie reich und bewundernswert doch die Xiranther Kultur wäre, und wie glücklich sie sich doch schätzen konnten diese als Gäste zu genießen. Aber worauf die Xiranther so stolz waren, das ging über Ewans Verstand. Schließlich war Xiranth nur ein Reich das wie ein Vampir über die Jahrhunderte hinweg all seine Nachbarn überfallen und sich einverleibt hatte.Kaum etwas von der ach so bewundernswerten Xiranther Kultur stammte wirklich von ihnen, es war alles nur Kriegsbeute. Aber Xiranth war unbestritten das mächtigste Reich der Welt und alle anderen hatten zu kuschen.
 
Auf jeden Fall hatten die Xiranther Gastfreundschaft jeden Abend einen schalen Geschmack in Ewans Mund hinterlassen. Bis er dann seinen Kameraden mitgeteilt hatte, das sienun an wieder auf der Strasse ihr Quartier aufschlagen würden. Es gab gemurmelten Protest, aber wie immer beugten sie sich seiner Launen ohne weiter nachzufragen. Aus irgendeinem Grunde störte das Ewan fast noch mehr.
 
Verärgert über sich und seine Gedanken griff sich Ewan einen kleinen Stein und schleuderte ihn in die Dunkelheit. Er seufzte leise und Briogue, die neben ihm saß, sah ihn kurz besorgt an. Es sah fast so aus als wollte sie ihn ansprechen, aber dann entschied sie sich dagegen und beteiligte sich weiter am lebhaften Gespräch der anderen. Ein Gespräch das Ewan inzwischen fast vollkommen ausgeblendet hatte.
Ewan seufzte noch einmal. Ihm war es wichtig diesen letzen Abend hier draußen zu verbringen. Wenigstens einen Abend noch mußte er keine höfliche Konversation mit unwilligen Gastgebern betreiben, mußte sich nicht unter die Nase reiben lassen um wie viel reicher und mächtiger Xiranth doch war.
 
Die förmliche, starre Höflichkeit der Xiranther hasste er inzwischen abgrundtief. Und dabei hatten sie die goldene Stadt noch nicht einmal erreicht. Die Verhandlungen hatten noch gar nicht angefangen, alle schätzten das es mindestens 2 Monde oder noch länger dauern würde. Und er hasste seinen Auftrag jetzt schon.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann hatte Ewan diese Aufgabe schon gehasst als er sie von seinem Vater bekommen hatte. Er verabscheute seinen Auftrag und er hasste den Grund warum ausgerechnet er dafür vorgesehen wurde.
 
Diesmal schnaubte Ewan. So laut und deutlich das für kurze Zeit das Gespräch verstummte. Aber Ewan war so sehr in seinen Gedanken versunken, das er es nicht bemerkte.
Wie sooft drehten sich Ewans Gedanken im Kreise und auch diesmal kam er zu keinem Ergebnis.
Vielleicht war es ja doch besser dem Gespräch zu lauschen. Briogue lachte grad auf. Kurz darauf meinte Caradoc: „Ich bin wirklich auf die goldene Stadt gespannt. Ob sie wirklich so reich und so wunderschön ist wie von allen behauptet wird? Und dann der Kaiserpalast, er allein soll noch größer sein als unsere Hauptstadt Doire! Nur der Palast allein! Unglaublich! Stellt euch mal vor, was für Schätze wir alle während unseres Aufenthalts werden sehen können!
 
Ewan war kurz davor wieder zu schnauben. Er konnte nicht verstehen wie gerade Caradoc, sein Ausbilder, den er immer für einen der klügsten Männer Caerdorias gehalten hatte, sich derart in eine Begeisterung über Xiranth hereinsteigerte. War er eigentlich der einzige der sah was hinter diesem Auftrag steckte?  Aber genau diese Diskussion wollte er um nichts in der Welt führen, darum hielt er lieber weiter den Mund.
„Die Masken der Kaiserfamilie sind aus reinem Gold. Und mit den feinsten Edelsteinen verziert“, wusste Briogue zu berichten.
„Ach, mir sind die ganzen Schätze egal.“, warf Duac ein. Er strich sich kurz über seinen im Feuer rötlich scheinenden Bart: „Ich bin es zufrieden, wenn wir endlich angekommen sind. Ich möchte mal länger als eine Nacht in dem gleichen Bett schlafen.“. Wie immer war ihr Leibwächter praktisch veranlagt.
 
Mit einem Grinsen im Gesicht erwiderte Ciaron: „Genau und wenn wir im Palast von Shire angekommen sind, werden wir wohl endlich alle Annehmlichkeiten der Xiranther Gastfreundschaft genießen. Darauf freue ich mich am meisten.“
„Was genau meinst du damit?“, fragte Struan leicht verwirrt.
„Nun in Xiranth ist es Tradition einem Gast mit allem möglichen zu verwöhnen. Unter anderem auch mit Bettsklaven. Stell dir nur einmal vor, welche Schönheiten uns ab morgen Nacht das Bett wärmen werden. Und da wir immerhin die Repräsentanten eines anderen Reiches und hochgestellte Gäste sind, werden wir nur die schönsten und geschicktesten Sklaven bekommen. Ich kann es kaum noch erwarten.“, das grinsen in Ciarons Gesicht wurde immer breiter.
 
Struan errötete leichte und kam ins stottern. „D..d..das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“
„Doch mein voller. Wer einen Gast länger als eine Nacht beherbergt muss ihn auch auf diese Weise bewirten. Und je höher gestellt der Gast ist, umso erstklassiger müssen die Gespielen sein. Das ist hier eine Frage der Ehre. Der Gastgeber verliert sein Gesicht wenn er seinen Gast nicht zufrieden stellen kann.“
Briogue hatte sich als eine der Ersten gefasst. „Müssen wir das annehmen? Immerhin sind es Sklaven, ich würde mich dabei nicht wohl fühlen.“
Auch Caradoc mischte sich nun wieder ins Gespräch: „Ciaron hat es vielleicht recht simpel dargestellt, aber soweit ich weiß existiert dieser Brauch hier wirklich. Und es könnte ein schlechtes Licht auf uns werfen, wenn wir uns der Tradition verweigern.“
„Sag ich doch. Oh man wird das ein Spaß! Jede Nacht eine andere! Oder zwei oder drei!
„Ciaron beruhig dich.“, lachte Caradoc: „Das wir uns als dankbare Gäste diesem Brauch beugen bedeutet zwar das wir deren Angebot nicht ausschlagen, aber noch lange nicht das wir es ausnützen. Ewan was meinst du?“
 
Ewan schreckte kurz hoch. Für einen Moment hatte er geglaubt neben sich zu stehen. „Sonst habt ihr keine Probleme? Wir sind hier mitten im Feindesland, auf einer Mission für die wir alle nicht wirklich geeignet sind, und ihr habt nichts besseres zu tun als darüber zu diskutieren mit wie vielen Schlampen ihr euch in den Betten wälzen wolltoh Entschuldigung müsst, um unsere Gastgeber nicht zu beleidigen. Ich glaub es nicht. Habt ihr alle euern Verstand in Caerdoria gelassen?“
Wüste Beschimpfungen vor sich hin murmelnd stand Ewan auf und verschwand in die Nacht. Er mußte gehen, ansonsten würde er seinen Freunden noch mehr Dinge an den Kopf werfen die er  später bereuen würde.   
 
*
 
Nach einer kurzen Schrecksekunde erhob sich auch Briogue. Sie alle waren die Launen von Ewan gewöhnt, aber das hieß nicht das sie sich alles gefallen lassen würden. Und wie üblich würde es ihre Aufgabe sein mit Ewan zu reden. Nach wenigen Minuten Suche hatte sie ihn gefunden, er saß in der Dunkelheit auf einem Stein, mit dem Rücken zum Lager, seine ganze Körperhaltung strahlte Ärger aus. „Ah, bist du jetzt gekommen um mir den Kopf zu waschen und mir zu sagen das ich mich benehmen soll?“ spie er ihr entgegen.
 
Das würde nicht einfach werden, dachte sich Briogue, aber was war schon einfach bei Ewan. Ohne Einladung setzte sie sich neben ihn und kam gleich zum Punkt: „Verdammt noch mal Ewan. Wir sind es gewohnt um deine Launen herum zutanzen. Aber was zuviel ist, ist zuviel. So kannst du uns nicht behandeln, wir sind deine Freunde.“
„Ich werde ja wohl noch sagen dürfen, das wir wichtigere Probleme haben, als eine ewig lange Diskussion wer sich wie viele Huren mit ins Bett holen muss um unsere Gastgeber nicht zu beleidigen.“
 
Briogue schüttelte den Kopf. Es war wirklich erstaunlich in was für Launen sich Ewan hereinrennen konnte und langsam hatte sie es wirklich satt. „Wir wissen alle was für eine wichtige Aufgabe wir hier zu erfüllen haben und wir alle haben uns darauf vorbereitet. Das grad eben, das war ein Gespräch unter Freunden am Lagerfeuer. Willst du uns auch da jedenSpaß verderben? Was war so verwerflich an dem Gespräch? Wir beschäftigen uns wenigstens mit den Xiranther Sitten. Du bist doch der einzige der mit seiner negativen Einstellung den Erfolg der Verhandlungen gefährdet. Und so schlecht gelaunt wie du in letzter Zeit bist, könnte es dir wirklich nicht schaden ein bisschen Dampf abzulassen. Wie lange ist es her seit du einen Gefährten in  deinem Bett hattest?“.
 
Schon als sie den letzten Satz aussprach, wusste Briogue, das sie zu weit gegangen war. Ewans Haltung verkrampfte sich noch mehr und im fahlen Mondlicht konnte sie eine Träne erkennen die sich ihren Weg über Ewans Gesicht bahnte.
 
Innerlich fluchte Briogue vor sich hin. Sie hatte DAS Thema angeschnitten. Seit vier Jahren hatten sie alle gelernt einen großen Bogen darum zu machen. Ich und mein großes Mundwerk, dachte sie sich. Aber jetzt war es passiert, jetzt musste sie weiter machennur wie? Sie rückte näher an Ewan heranund legte ihre Hand auf seine rechte Schulter in dem Versuch Trost zu spenden. Ewan war völlig erstarrt und blickte weiter gerade aus, sah nicht einmal kurz zur Seite. „Ewan es tut mir leid. Aber.“, sie seufzte tief: „Aber du musst Rohan endlich ruhen lassen. Wir alle haben Rohan geliebt und vermissen ihn, aber inzwischen sind vier Jahre vergangen.“
 
Für Minuten, die beiden wie Stunden erschienen saßen sie da. Briogue konnte ein leichtes Zittern in Ewans Körper spüren.
Dann endlich hatte Ewan seine Stimme wieder gefunden. „Und wie soll das gehen, Briogue?Ich weiß das auch du ihn vermisst, er war schließlich dein Bruder. Aber mir hat er die Welt bedeutet und er wurde mir genommen. Da spielt es keine Rolle ob das vor vier Wochen oder vier Jahren geschah. Und komm mir jetzt nicht mit ‚die Zeit heilt alle Wunden’. Wer diesen Spruch erfunden hat, der hat noch nie wirklich jemanden geliebt und dann verloren.“, Ewans sonst so schöne Stimme klang rau und brüchig.
 
„Aber...“
„Nichts aber. Ich bin es leid von euch allen behandelt zu werden, als bräuchte ich mich nur entscheiden wieder glücklich zu sein, um dann all den Schmerz zu vergessen. Als bräuchte es nur die richtige Ablenkung und schon habt ihr alle den alten Ewan wieder. Und wenn ihr euch alle noch so sehr  bemüht, oder Vater mir tausend wichtige Aufträge erteilt, das nimmt mir nicht den Schmerz. Denn ohne Rohan kann ich nicht der alte Ewan sein.“
 
Briogue ließ seine Schulter los, ergriff statt dessen seine Hand und drückte zu: „Ewan so tust du dir nur selber weh. Bade nicht in deinem Schmerz, versuch wieder zu leben!
Ein Lachen, eher ein heiseres Krächzen entkam Ewans Mund: „Ihr alle tut so, als wäre ich mit Absicht traurig, als wollte ich nie wieder glücklich werden.“
„Diesen Anschein erweckst du aber, Ewan.“
 
Endlich drehte er sich zu ihr. Schmerz, noch genauso klar ersichtlich wie an dem verhängnisvollem Tag vor vier Jahren, als ihnen allen Rohan genommen wurde, beherrschte sein Gesicht. „Nein, das ist falsch. Ihr habt das nie verstanden, keiner von euch. Ich würde gerne wieder glücklich sein. Und bevor du fragst, ich klammere mich auch nicht an meinen Schmerz um mich dem Leben zu verschließen. Oh nein. Ich, ich bin doch nicht dumm. Ich weiß das Rohan tot ist und das ich nie wieder so eine Liebe finden werde. Ich such auch nicht nach jemandem um ihn zu ersetzen, das ist nämlich nicht möglich. Ich suche nicht nach der perfekten Liebe, die hatte ich schon. Ich wäre schon zufrieden mit jemanden der meine Einsamkeit durchbricht. Aber den gibt es nicht und darum bin ich zum Schmerz verdammt.“
 
Briogue schüttelte den Kopf „Das ist doch einfach nicht wahr, Ewan. Schau dich doch an, du bist der bestaussehendste Prinz in Caerdoria, du kannst mir nicht weiß machen, das es niemanden gibt, der dich zum Partner will.“
 
„Oh du hast Recht, es gibt viele. Aber alle aus den falschen Gründen. Ich habe es doch versucht Briogue, wirklich versucht. Glaub mir. Dank dieser dreimal verfluchten Barden, weiß jeder in Caerdoria von unserer Liebe und von Rohans heldenhaften und ach so romantischen Tod. In den Liedern hört sich das alles so wunderbar an. Ha!“ Ewan verabscheute die Barden mit einer Heftigkeit, die seinen Hass auf die Attentäter fast noch in den Schatten stellte.
 
„Weißt du, alle glauben zu wissen wer ich bin oder wer Rohan war. Es ist kaum möglich ein normales Gespräch zu führen. Entweder gerate ich an diejenigen die mir über meinen schrecklichen Verlust hinweghelfen wollen und mich mit Mitleid überschütten und ich will verdammt sein ehe ich Mitleid annehme; oder sie glauben leichtes Spiel mit dem angeschlagenen Prinzen zu haben um eine reiche Partie zu machen; oder sie verkrampfen bei jeder noch so kleinen Erwähnung von Rohan, weil sie fürchten diesem Ideal nicht gerecht zu werden. Aber wie soll ich Rohan nicht erwähnen? Wie, wie soll ich auch nur irgendetwas von meinem Leben erzählen ohne Rohan zu erwähnen? Wir waren eins.“
 
Jetzt endlich, nach langen Jahren flossen Ewans Tränen wieder frei. Briogue nahm ihn wieder in den Arm und wiegte ihn wie ein kleines Kind, das war in dem Moment alles was sie an Trost bieten konnte. Von dieser Seite hatte sie es noch nie betrachtet.
 
„Ich wäre so gern nicht mehr allein und doch werde ich es immer sein. Und von allen anderen bekomme ich nur vorgeworfen das ich doch mein Leben wieder in den Griff kriegen soll. Ich versuche es doch so sehr, aber es klappt nicht, kann gar nicht klappen. Und Aufgaben wie die hier in Xiranth helfen nicht wirklich, auch wenn es noch so gut gemeint ist von Vater.“
 
„Es tut mir so schrecklich leid. Ich hab immer gedacht du würdest dich nur sträuben und in deinen Launen verharren. Ist es wirklich so, behandeln dich alle so?“
„Wie gesagt, ich erwarte gar nicht die große Liebe zu treffen, die hatte ich schon. Mir würde schon jemand reichen, mit dem ich wieder lachen kann. Aber sobald jeder junge Mann mit dem ich rede erfährt wer ich bin, fängt auch der netteste entweder damit an mich mit Mitleid zu erschlagen oder bekommt nervöse Zuckungen sobald Rohan nur erwähnt wird. Kein Wunder, wer in unserem schönen Land kennt schließlich nicht die 102 Balladen über Rohan und mich. Es gibt kein Entkommen.“
 
Briogue glaubte endlich Ewan zu verstehen. Aber ihr fiel nichts ein, was sie sagen konnte um Ewan zu trösten. Verzweifelt suchte sie Zuflucht im Humor: „Hey, wir sind hier im großen Xiranth, ich glaube kaum das die Ergüsse unserer Barden über die gut bewachten Grenzen dringen. Vielleicht findest du hier jemanden.“
„Sicher doch. Wir werden morgen in den goldenen Palast reiten und einer der drei Söhne des Kaisers wird sich sofort bei meinem Anblick unsterblich in mich verlieben.“,  spann Ewan die Geschichte weiter.
„Natürlich, es wird Liebe auf den ersten Blick sein und der Kaiser wird euch dann in einer Zeremonie vereinen um den Friedensvertrag abzusichern und ihr beide werdet glücklich bis ans Ende eurer Tage leben.“
 
„Ein schönes Märchen, Briogue, aber nur ein Märchen.“
„Warum sollte es nicht so passieren?“
„Nehmen wir zunächst das Offensichtliche das es Verbindungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren hier nicht gibt und deine Geschichte schon daran krankt, dann bleibt immer noch, daß jegliche Fraternisation zwischen uns und den Xiranthern zu einem sofortigen Abbruch der Verhandlungen und damit im Endeffekt zu einem Krieg führen kann. Insofern ist deine Idee wirklich zu unwahrscheinlich.“
 
Briogue seufzte. „Schade, hörte sich nach einer schönen Geschichte an. Aber du könntest zumindest mal wieder ein bisschen Spaß im Bett haben.“, mit einem Finger an seinem Mund hinderte sie Ewan, darauf etwas zu erwidern. „Glaub mir, es kann dir wirklich nicht schaden etwas Dampf abzulassen. Und sei es nur mit einem Bettsklaven. Natürlich nimmst du das nur auf dich um nicht unseren Gastgeber zu verärgern,“ fügte sie verschmitzt grinsend hinzu.
 
Seufzend erhob sich Ewan und reichte Briogue die Hand um sie hoch zu ziehen: „Ich werde es versuchen, aber ich kann nichts versprechen.“
„Hey du kannst immer noch den Prinzen erobern.“
Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende?“ Ein ehrliches Lachen von Ewan, das erste seit ewiglanger Zeit begleitete die beiden auf dem Rückweg zum Lager. „Ich glaube nicht mehr an Märchen.“  

Kapitel 2 

Wie nach jeder Sitzung mit dem Rat folgte Prinz Rhu Andra seinem Vater in dessen Arbeitszimmer. Und wie jedes Mal beeindruckte ihn der Unterschied zwischen dem Prunk des Kaisersaals und der kärglichen Schlichtheit in diesem Zimmer! Mit festem Schritt ging der Kaiser auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch zu. Rhu Andra schloss die schwere Eichentür und noch während er sich wieder seinem Vater zuwandte nahm er die goldene Maske ab und lies sie fast achtlos auf den Boden gleiten. Als er aufsah, bemerkte er das sein Vater ebenfalls seine Maske nicht mehr trug. Doch das war nicht weiter erstaunlich, sein Vater wahrte die Tradition nur wenn er mit seinen Untertanen zusammentraf. Hier in der Abgeschiedenheit seiner eigenen Räume legte er kaum Wert auf die Statussymbole seines Ranges.
 
Der Kaiser setzte sich und goss Wein aus einer Karaffe in zwei Trinkpokale. Er nahm sich selbst einen der Pokale und wies seinen Sohn an sich ebenfalls zu setzen. „Hast du Fragen zu der heutigen Ratsversammlung, Andra?“
Der Prinz setzte sich, nahm den anderen Pokal und trank einen kleinen Schluck des kräftigen Rotweines. Dies tat er um ein paar Sekunden Zeit zu schinden, denn in seinem Kopf mußte er die Fragen noch sortieren.
 
Es war eine Ratsversammlung wie so viele gewesen. Der Kaiser hatte auf seinem Thron gesessen und seinen Räten zugehört. Es hatte viele Themen gegeben und viele Entscheidungen waren gefällt worden. Bei einigen verließ sich der Kaiser auf die Ratschläge seiner Minister und Weisen, bei anderen war er nicht einmal gewillt abweichende Meinungen anzuhören. Aber bei jeder Entscheidung hatte er die Autorität seines Amtes ausgespielt. Gab es ein größeres Bild der Macht, als den Kaiser in seiner goldenen Maske auf dem Kaiserthron?
 
Und wie in so vielen vorangegangenen Versammlungen, kam der Rat auch diesmal auf die bevorstehenden Vertragsverhandlungen mit dem Königreich Caerdoria zu sprechen. Es erstaunte Rhu Andra das die Mitglieder des Rates dieses Thema immer wieder aufbrachten. So langsam sollte auch der Dümmste begriffen haben, das dies eines der Themen war, wo den Kaiser nur eine einzige Meinung interessierte: nämlich seine eigene. Auch diesmal lies er seine Räte sich die Köpfe heiß reden und argumentieren, nur um danach die kaiserliche Entscheidung zu verkünden, das alles so bliebe wie bereits beschlossen. Die Abgesandten von Caerdoria würden empfangen und als geschätzte Gäste behandelt werden und es würde Verhandlungen geben, mit ihm als Verhandlungsführer.
Rhu Andra war sich sicher, das sein Vater dem Gezeter seiner Räte nicht einmal zuhörte. Der Kaiser hatte ihn schon vor Jahren gestanden, das es eine der wichtigsten positiven Eigenschaft der Kaisermaske war. Niemand konnte am Gesichtsausdruck des Trägers irgendeine Emotion ablesen, konnte beurteilen ob dieser gerade wirklich zuhörte oder schlief. Und dann hatte der Kaiser gewitzelt das daß wahrscheinlich der eigentliche Grund war, warum ihre Vorfahren überhaupt auf die Idee mit den Masken gekommen waren.
 
Der Kaiser schnippte mit den Fingern um seinen Sohn aus seinen Gedanken zu holen: „Andra, ich hab dich etwas gefragt“
„Entschuldige Vater“, Andra nahm noch einen kurzen Schluck. Er wusste das er Fragen stellen mußte um das große Spiel, der Politik, besser zu verstehen. Doch er wusste nicht, ob seinem Vater die spezielle Frage, die unter seinen Nägeln brannte, behagte. „Vater, ich muss zugeben, das mich ein Thema der Ratsversammlung schon seit geraumer Zeit verwirrt.“
Der Kaiser lehnte sich in seinem Stuhl zurück, spielte kurz mit seinem Trinkpokal: „Und was hast du nicht verstanden, mein Sohn?“
„Vater, ich verstehe Eure Haltung zu Caerdoria nicht. Ich verstehe nicht, warum Ihr als Kaiser von Xiranth es tatsächlich in Betracht zieht mit Caerdoria einen Vertrag abzuschließen. Warum Caerdoria, das Land ist doch ein Nichts im Vergleich mit unserem? Ich habe lange darüber nachgedacht in den letzten Wochen, denn ich würde Eure Motivation gern verstehen. Leider hatte ich keinen Erfolg.“
 
„Und warum fragst du mich erst jetzt?“ Die Stimme des Kaisers klang fast etwas belustigt, als er mit warmen Augen auf seinen zweiten Sohn sah.
„Verzeiht, aber ich dachte ich käme selbst auf die Lösung. Ich dachte mir, das es einen sehr offensichtlichen Grund geben müsse, wenn Ihr so vehement für diese Verhandlungen seid. Vielleicht verstehe ich doch nicht soviel von der Politik wie ich dachte.“ Es schmerzte Andra zugeben zu müssen, daß er in diesem Punkt versagt hatte.
 
„Ach Andra, mach dir darüber keine Sorgen. Auch kein einziger meiner Räte hat meine Gründe erkannt. Vielleicht ist es doch nicht so offensichtlich, oder ihr alle stellt euch die falschen Fragen. Fang mit dieser Frage an: was hat Caerdoria, was wir nicht haben?“
„Nichts! Caerdoria ist nur ein kleines Land, kaum groß genug um auf der Karte eingezeichnet zu werden. Xiranth ist das größte und mächtigste Reich der Welt, wir haben alles!“
Der Kaiser ließ ein leises Lachen erklingen und hob seine Hand um seinen Sohn zu stoppen. „Du kannst aufhören unser Land über den grünen Klee zu loben. Vielleicht sollte ich meine Frage umformulieren. Was hat Caerdoria, was wir in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr haben?“
 
Diese Frage veranlasste Andra doch genauer nachzudenken: „Nun Caerdoria ist wirklich kein reiches Land. Und auch nicht unbedingt als wichtige Handelsnation bekannt. Das einzige was sie mit ihren Nachbarn handeln ist, zugegebenermaßen gutes Bier und andere Lebensmittel. Sie scheinen keine großen Ressourcen an Metallen oder Edelsteinen zu besitzen. Ach ja und sie verkaufen geringe Mengen an Amory... Amory, warte dir geht es hier etwa um Amory? Aber warum?“
„Ganz einfach, in unserem ganzen großen Reich gibt es nur ein Abbaufeld von Amory und das neigt sich dem Ende entgegen. In vielleicht 5-10 Jahren wird auch der letzte Klumpen abgebaut sein. Unsere Priester brauchen Amory um es in den Tempeln als Opfergabe an die Götter zu verbrennen. Der dabei entstehende Rauch besänftigt die Götter und manchmal schenkt er unseren Priestern Visionen. Und du kannst sicher sein, es würde unserem Volk gar nicht gefallen, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, den Göttern zu opfern. Dies würde sicher als böses Omen ausgelegt werden und könnte unser Volk in Unruhe bringen. Wir brauchen aber ein ruhiges Volk um unser Reich erfolgreich zu regieren. Und außerdem wollen wir ja nicht den Zorn der Götter auf uns ziehen.“
 
„Ihr seid euch also sicher, das sich unser Amory unweigerlich dem Ende entgegen neigt? Wieso war das dann bisher noch nicht Thema in den Versammlungen?“
Wieder lächelte der Kaiser: „Diese Fakten konnten in den entsprechenden Berichten herausgelesen werden. Nur hat das keiner der Räte getan. Zum Glück für unser Reich habe ich einen schärferen Blick als unsere Räte.“
 
Wie immer war Rhu Andra gefesselt von der Leichtigkeit mit der sein Vater das große Spiel der Politik betrieb. Aber trotz seiner Bewunderung blieben Fragen offen: „Aber warum Verhandlungen? Caerdoria ist doch ein Nichts, wenn sie etwas haben, was wir brauchen, warum nehmen wir es uns nicht einfach? Was hätten sie schon unseren Armeen entgegen zu setzen?“
„Nichts, wir würden Caerdoria überrennen und unserem Reich einverleiben, wie schon so viele Länder vorher. Aber was dann?“
„Wie meint Ihr das?“
„Caerdoria ist wie gesagt kein reiches Land, aber seine Bewohner sind reich an Eigensinn und Starrköpfigkeit. Im Laufe der Jahrhunderte ist es schon von einigen Nachbarländern erobert worden und ein jedes mal wurden die Eroberer nach einigen Jahren zähen Kampfes wieder vertrieben. Keiner ist geblieben.“
 
„Aber unsere Armeen...“
„Du hast Recht Andra. Unsere Armeen würden sich nicht geschlagen geben und durch die Größe unseres Reiches hätten wir auch einen fast unerschöpflichen Nachschub an Soldaten. Wir würden Caerdoria halten können. Doch zu welchen Preis? Ich vermute das es mindestens drei Generationen dauern würde bis die Caerdorianer in unser Reich integriert sind. Das heißt wir müssten Caerdoria mindestens 3 Generationen lang unter Waffengewalt besetzen. Ist das nicht ein zu hoher Preis? Besatzungen sind nicht gerade billig. Soldaten und Waffen kosten.“
 
„Wir könnten doch Caerdoria dafür zahlen lassen.“, Andra konnte nicht so recht verstehen warum die übliche Handlungsweise nicht auf dieses Land anzuwenden war.
„Aber womit denn? Wie du schon so schön sagtest, Caerdoria hat nichts außer Amory. Nichts, was wir nicht schon im Überfluss hätten. Wenn du als Kaufmann dieses Problem betrachten würdest, dann würdest du sofort erkennen das sich eine Eroberung von Caerdoria nicht rechnet.
Angreifen und Erobern ist nicht immer das bessere Mittel. Nein Caerdoria braucht Amory nicht, deshalb werden sie mit uns ein Handelsabkommen schließen und es uns zu einem Bruchteil dessen verkaufen, was uns eine Eroberung kosten würde.“
 
Andra zog seine Augenbraue in die Höhe: „So einfach ist es?“
„Ja.“ Wieder ertönte das Lachen. „Manchmal ist Politik so einfach. Caerdoria findet einen Käufer für etwas das sie nicht brauchen, und wir bekommen etwas, das für unser Reich lebensnotwendig ist. Dafür geben wir ihnen im Gegenzug Waren, die wir im Überfluss haben und stärken ihnen als Handelspartner den Rücken, denn jedes andere Reich wird es sich zweimal überlegen einem Partner von Xiranth auf die Füße zu treten. Wenn wir die Verhandlungen geschickt führen und beide Seiten schlau sind, dann kann dies ein großer Gewinn für beide Länder sein. Das sind die Momente, in denen ich die Politik liebe.“
 
„Darum sind die Verhandlungen so wichtig für Euch, das Ihr sie anführen wollt.“
„Ja, ich kann doch nicht riskieren, das einer meiner ignoranten Räte diese einmalige Chance ungenutzt lässt. Diese Verbindung mit Caerdoria im Guten ist sehr wichtig. Ich war sogar am Überlegen unsere beiden Länder durch Heirat zu vereinen. Doch leider ist die einzige Prinzessin von Caerdoria schon gebunden. Vielleicht hätte ich schon vor 10 Jahren auf diese Idee kommen sollen, nun ja auch ich kann nicht alles vorhersehen. In der nächsten Generation sollte aber unbedingt eine solche Verbindung getroffen werden. Dies ist ein wichtiger Punkt den du nicht in deiner langfristigen Planung vergessen darfst.“
„Ich werde dran denken Vater. Und ich bin schon sehr gespannt auf diese Verhandlungen.“
 
„Nicht nur Du mein Sohn. Am meisten interessiert mich im Moment, wen König Wyndon als seinen Abgesandten schickt. Allein an der Wahl seiner Stellvertreter können wir schon erkennen für wie wichtig Wyndon dies erachtet. Ich hoffe doch, daß der König einen ähnlich scharfen Weitblick hat wie ich. Das macht die Verhandlungen interessanter und befriedigender. Nun ja wir werden es in wenigen Tagen sehen.“
„Wir?“
„Ja, ich möchte das du bei diesen Verhandlungen meine Rechte Hand bist. Ich denke hierbei wirst du viel lernen können. Außerdem wirkt es gut wenn sowohl der Kaiser, als auch einer der Prinzen bei den Verhandlungen dabei ist.“
 
„Was ist es mit Hal Jarl, Vater? Wird der Kronprinz während der Verhandlungen auch zugegen sein?“
„Um der Götter Willen nein. Ich hab dir doch gerade erklärt wie wichtig die Verhandlungen sind, da kann ich deinen Bruder nicht einmal in der Nähe gebrauchen. Ich habe ihn, zumindest für den Anfang, mit seiner Truppe zu einem unserer Protektorate geschickt. Er soll sich dort ein paar Wochen austoben. Du weißt, dein Bruder hat sich nie für die Feinheiten der Politik interessiert. Gebt ihm ein Schwert und ein Ziel und er kann alles besiegen und niederringen, aber für den Kampf mit Worten und Ideen ist er ungeeignet. Ich glaube Verhandlungen und Diplomatie sind noch nicht einmal Bestandteile seines Wortschatzes. Dies werden deine Aufgaben sein, wenn einmal Jarl nach mir Kaiser ist. Jarl wird das Schwert und du wirst der leitende Verstand.“
 
Andra mochte sich ein Reich mit Jarl als Kaiser nicht vorstellen, doch dem Willen der Götter mussten sie sich beugen. Trotzdem konnte er hoffen das noch viele, viele Jahre ins Reich gehen würden bevor sein Vater zu den Göttern berufen wurde.
 
Der Kaiser hatte inzwischen seinen Weinpokal geleert und schenkte noch einmal nach, sein Blick wurde von Sorge betrübt. „Da wir gerade beim Thema deiner Brüder sind, ich mache mir immer größere Sorgen um Endar. Dein kleiner Bruder ist so schrecklich in sich gekehrt, lässt kaum einen an sich heran und wirkt so verschlossen. Es tut mir weh ihn so zu sehen, doch er lässt sich nicht von mir helfen. Manchmal wirkt er, als fürchtete er sich vor mir. Vor einigen Wochen habe ich ihn gefragt was für eine Ausbildung er sich denn für seine zwei Jahre wünschen würde. Er hat mich nur voller Angst angesehen und hat keinen seiner Wünsche geäußert. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Du bist doch einer der wenigen die er an sich heran lässt. Weißt du in dieser Sache Rat?“
 
Andra war sehr erstaunt, so offen hatte sein Vater noch nie zu ihm über seinen Bruder geredet. Es war für alle am Hofe offensichtlich, das der Kaiser besonders wohlwollend über seinen jüngsten Sohn wachte. Wahrscheinlich war Endar der einzige der nichts davon bemerkte. Das Nesthäkchen hatte schon immer einen besonderen Platz im Herzen des Kaisers angenommen, trotzdem hatte sich Endar am meisten vor seinem Vater zurück gezogen.
Andra wusste nicht woran das lag, aber er wusste das sein älterer Bruder keine Gelegenheit ungenutzt ließ Endar zu tyrannisieren. Rhu Andra hatte immer versucht den Kleinen zu beschützen, war aber sicher nicht immer erfolgreich gewesen. Vielleicht lagen viele von Endars Problemen darin verwurzelt. Vielleicht würde es schon helfen wenn sein kleiner Bruder etwas mehr Selbstbewusstsein hätte und sich auch mal selbst gegen Jarls Übermacht wehren könnte. Vielleicht hatten er und sein Vater Endar die ganze Zeit zu sehr beschützt?
 
„Ich weiß es nicht mit Sicherheit Vater, aber ich glaube es könnte helfen wenn wir Endar eine wichtige Aufgabe geben, die hilft sein Selbstvertrauen zu stärken.“
„Daran hatte ich auch schon gedacht. Aber ich muss zugeben, ich kann noch nicht einmal beurteilen wo die wirklichen Interessen von Endar liegen. Er hat in den letzten Monden als dein Assistent gearbeitet, aber liegt ihm wirklich daran, oder hat er dies nur erfüllt weil es ein Befehl von mir war?“
 
Diesmal mußte Andra nicht lange überlegen. „Nein, ich bin mir sicher das er an dieser Aufgabe gefallen hat. Er ist ein wirklich guter Assistent und ich glaube das er Talent für die Politik hat. Er hat manchmal sehr interessante Fragen gestellt.“
Der Kaiser schmunzelte sekundenkurz als er sich daran erinnerte wie er vor einigen Jahren Andra erzählt hatte, das manchmal die Fragen wichtiger als die Antworten waren. Sein Sohn schien diese wichtige Erkenntnis nicht vergessen zu haben.
 
„Endar scheinen auch andere Länder zu faszinieren. Alle Aufgaben die damit zusammen hingen hat er mit Feuereifer erledigt. Besonders interessiert haben ihn die Vorbereitungen für die Verhandlungen mit Caerdoria. Ihr werdet es kaum glauben Vater, aber er hat sogar damit angefangen Caerdorianisch zu lernen. Seine Aussprache ist grauenhaft, aber er versteht fast jedes Wort.“
 
Das Gesicht des Kaisers hellte sich noch weiter auf. „Wenn Caerdoria ihn fasziniert, dann sollten wir ihm eine Aufgabe in diesem Zusammenhang geben. Sicher wird er gerne bei den Verhandlungen dabei sein, besonders wenn er diese mit vorbereitet hat. Aber das kann nicht diese spezielle Aufgabe sein, schließlich ist er bei den Verhandlungen nur einer von vielen. Das muss eher ein Zusatz bleiben. Du sagst er versteht die Sprache leidlich?“ Andra nickte bestätigend.
„Nun, wie wäre es dann damit. Ich wollte eigentlich einen meiner Spione in die Dienerschaft schleusen damit er die Abgesandten von Caerdoria ein wenig beobachtet. Ich weiß recht gerne ob meine Verhandlungspartner außerhalb der Konferenzräume das gleiche sagen wie innerhalb. Das ist insofern eine wichtige Aufgabe, dennoch dürfte sie kaum gefährlich sein. Ich weiß das Endar sich manchmal in Verkleidung im Palast bewegt. Andra du brauchst erst gar nicht protestieren, jeder von euch tut das manchmal. Ich habe es als Junge doch auch getan. Also weiß Endar wie er sich als Diener geben muss. Was glaubst du, wäre dies eine Aufgabe die ihm gefallen könnte? Tagsüber bei den Verhandlungen dabei zu sein und dann den Rest der Zeit ein paar Zusatzinformationen für uns sammeln?“
 
Andra mußte daran denken, das sein Bruder wirklich gerne verkleidet durch den Palast streifte. Er hatte ihm mal gestanden das er das immer als eine Art Abenteuer ansehen würde. Dies kombiniert mit der Tätigkeit eines Spions könnte ja vielleicht wirklich dazu führen Endar ein wenig aus seinem Schneckenhaus hervorzulocken. Außerdem war Jarl nicht im Palast, allein das müsste schon ausreichen Endar etwas Selbstsicherer sein zu lassen.
 
„Es ist eine gute Idee Vater. Lasst es uns versuchen.“
„Nun gut, dann ist das entschieden. Ich werde nachher mit deinem Bruder reden. Ich werde ihm bei dieser Zusatzaufgabe völlig freie Hand geben, jede Entscheidung wird er selbst fällen. Nach den Verhandlungen werden wir dann sehen, ob dies wirklich der richtige Anstoß für Endar war. Ich hoffe es sehr.“
 
Irgendwie hatte Rhu Andra ein gutes Gefühl bei der Sache. Endar diese Aufgabe zu geben war sicher der erste Schritt in die richtige Richtung. Und er war jetzt schon gespannt drauf, wie es seinem kleinen Bruder dabei ergehen würde.  

Kapitel 3 

Zum wiederholten mal sah Endar auf das Tor zum Innenhof. Von seinem Standort aus hatte er alles genau im Blickwinkel. Als die Meldung kam, dass sich die Abgesandten aus Caerdoria dem Palast näherten, hatte Endar seinen Posten bezogen. Er hatte alles genau geplant, denn er wollte schon vom ersten Moment an einen guten Blick auf die Delegation haben. Er wollte so früh wie möglich mehr über ihre Gäste erfahren, damit er dem Kaiser Bericht erstatten konnte. Aus diesem Grund hatte er sich für diesen Beobachtungsposten entschieden als er von seinem Vater mit dieser Aufgabe betraut worden war.
 
Hier im Innenhof würden die Caerdorianer vom Quästor empfangen werden. Hier würden sie erfahren, dass mit den Verhandlungen nicht vor dem übernächsten Tag begonnen würde und dass sie auch erst dann ihre erste Audienz beim Kaiser hätten. Endar wollte genau beobachten wie die Gruppe darauf reagierte, überhaupt wollte er mehr über
die Diplomaten erfahren, über die man kaum etwas wusste. Am Anfang der Reise hatten sie sich ihren jeweiligen Gastgebern gegenüber sehr bedeckt gehalten, hatten nur zu verstehen gegeben, dass sie im Namen König Wyndons unterwegs waren. Dann plötzlich hatten sie aus unerklärlichen Gründen nicht mehr die Gastfreundschaft der Xiranther Oberen in Anspruch genommen, und dieses ungewöhnliche Verhalten hatte natürlich die Gerüchteküche sehr angeheizt. Und Endar war sich sicher das der Kaiser diesen Mangel an Information nicht wirklich mochte.
 
Endar nestelte nervös an seiner schlichten Tunika. Er trug dasfarblose Gewand das alle Sklaven auszeichnete. Ihn unterschied eigentlich nichts von all den anderen Dienern die im Innenhof ihrer Arbeit nachgingen, wie erhofft verschwand er in der Menge. Nur sein Halsreif war filigraner und aus Gold, und wies ihn als Sklaven eines höheren Ranges aus. Dies sollte seine ungefährdete Bewegungsfreiheit im ganzen Palast gewährleisten. Keiner der anderen Sklaven würde es wagen ihn und sein Tun in Frage zu stellen, gleichzeitig würde er aber auch keiner der Adeligen oder sonstigen Hochgestellten auf die Idee kommen ihn mit Befehlen zu belästigen, da Sklaven dieses Ranges nur von ihrem jeweiligem Besitzer Weisungen auszuführen hatten. Endar war in dieser Verkleidung schon oft durch den Palast gestreift und es hatte noch nie irgendwelche Probleme gegeben, denn im Palast wusste jeder die Zeichen zu deuten. Trotzdem schien es mehr als unwahrscheinlich, daß die Caerdorianer die Unterschiede erkennen und etwas daraus lesen konnten.
 
Als der Kaiser ihn vor zwei Tagen zu sich gerufen hatte, war Endar zunächst ziemlich erschocken gewesen, da er nicht wusste warum sein Vater ihn sprechen wollte. Seit diesem unglückseligen Tag, vor einigen Jahren, an dem Jarl die Wahrheit über ihn herausgefunden hatte, lebte Endar in der ständigen Angst das sein älterer Bruder seine Drohung wahrmachen und dem Kaiser das schreckliche Geheimnis verraten würde. Nur zu deutlich hatte er Endar damals gemacht, wie der Kaiser darauf reagieren würde. Und nicht nur die Angst vor dieser Enthüllung war seit diesem Moment sein Begleiter, sondern sein Bruder ließ auch keine Gelegenheit ungenutzt um seinen Ärger über Endar deutlich werden zu lassen. Endar konnte den ständigen Misshandlungen nichts entgegen setzen und wen hätte er um Hilfe bitten können? Seinen Vater sicher nicht.
Endar verfluchte sich dafür dass er so anders war, dass er nicht so war, so sein konnte, wie alle es von einem Prinzen des Kaiserreiches erwarteten.
Aber der befürchtete Alptraum stellte sich als was ganz anderes heraus. Sein Vater hatte ihn für diese Aufgabe vorgesehen! Der Kaiser vertraute ihm so sehr! Stolz hatte Endar erfüllt und tat es immer noch. Er hatte in den letzten Wochen dieseVerhandlungen vorbereitet, und das er jetzt neben seinem Bruder und dem Kaiser auch tatsächlich daran teilnehmen durfte, war wie ein Traum der in Erfüllung ging. Er würde aus nächster Nähe bewundern können wie der Kaiser Politik betrieb, seine Neugierde darauf kannte kaum eine Grenze.
Und das Beste daran war, Kronprinz Hal Jarl hatte rechtzeitig zum Beginn der Verhandlungen den Palast verlassen. Allein das erleichterte Endars Leben und war deshalb viele Dankesgebete an die Götter wert.
 
Endar hoffte nur das er all die in ihn gesetzten Erwartungen würde erfüllen können. Es wäre schön, wenn er den Kaiser stolz auf sich machen könnte. Vielleicht, wenn ich all meine Aufgaben zu Vaters Zufriedenheit erfülle, vielleicht kann ich es dann wagen meinen Ausbildungswunsch zu äußern, dachte Endar im Geheimen. Nicht das er detaillierte Pläne gehabt hätte, aber er wusste das ihn eine Ausbildung wie sie Andra gehabt hatte reizen könnte. Es war fast egal, solange er nur weit weg vom Palast und Jarl war und solange er nicht in die Armee sollte.
Obwohl Endar nicht schlecht im Umgang mit Waffen war, konnte er es sich nicht vorstellen in die Armee zu gehen. Vielleicht war ihmdies aber auch nur durch das Beispiel vom Kronprinzen vergällt. Nichtsdestotrotz, er sah seine Zukunft nicht in der Armee und hoffte inständig, dass der Kaiser keine Pläne dahingehend hegte.
 
Langsam wurde Endar ungeduldig. Inzwischen war es später Nachmittag und die Delegation sollte eigentlich den Palast endlich erreicht haben. Seufzend hob Endar einen Lappen und begann ein weiteres Mal die Geländerstreben seines Beobachtungspostens zu reinigen. Endar wusste das keiner seine eigentlich unsinnige Tätigkeit hier in Frage stellen würde, trotzdem war es wichtig den Anschein von Beschäftigung aufrecht zu erhalten während er wartete.
Dann, scheinbar Ewigkeiten später, wurde das Tor geöffnet und sechs Reiter kamen in den Innenhof. Sechs! Die ganze Delegation inklusive Leibwächtern bestand aus sechs Leuten? Irgendwie schien dies nicht richtig zu sein. Wenn der Kaiser die Verhandlungen für so wichtig erachtete das er selbst und zwei seiner Söhne, nicht zu vergessen fast sein gesamter Rat, daran teilnahmen, dann sollte doch Caerdoria auch eine entsprechende Anzahl an Diplomaten entsenden. Nahm König Wyndon die Verhandlungen nicht wirklich ernst? Endar war gespannt was sein Vater von diesen Neuigkeiten halten würde.
 
Endar betrachtete das Häuflein Diplomaten genauer. Erstaunlicherweise waren sie alle recht jung. Nur einer schien das richtige Alter für einen Abgesandten zu haben. Und was war das? Einer von ihnen war eine Frau? Was hatte denn eine Frau bei einer Politischen Abordnung zu suchen? War sie die Gefährtin von einem der Diplomaten? Oder waren sie alle einem Scherz aufgesessen?
Verwirrt beobachtete Endar wie die sechs absaßen und den entgegen eilenden Dienern ihr doch recht karges Gepäck anvertrauten. Wie kaum anders zu erwarten blickten sich die Gäste voller Staunenim Innenhof um. Der goldene Palast wurde nicht umsonst so genannt und schon hier im Innenhof war der Prunk Erfurcht gebietend. Nur in den seltensten Fällen waren Besucher nicht beeindruckt oder eingeschüchtert. Mit vor Staunen offenen Mündern und glänzenden Augen machten sie sich gegenseitig auf bestimmte Schätze aufmerksam. Der ältere Mann gab danach immer, erstaunlicherweise wahrheitsgemäße Erklärungen, wen die Statuen darstellten. Nun, zumindest schien dieses Mitglied der Delegation geeignet für die Verhandlungen zu sein. Nur einer aus der Gruppe hielt sich abseits,überwachte die Diener die sich ihres Gepäcks annahmen und wandte Endar dabei den Rücken zu.
 
Diesen Moment hatte der Quästor gewählt um auf die Delegation zuzugehen. Er stellte sich mit seinem Rang vor und verlangte den Anführer der Gruppe zu sprechen. Endar hatte erwartet das der ältere Mann jetzt wieder das Wort ergriff. Umso erstaunter war er, als sich derjenige der bei den Pferden ausgeharrt hatte endlich umdrehte. Er war so jung wie die anderenund schien damit höchstens ein paar Jahre älter als Endar selbst. Und dennoch, obwohl ihn seine schlichte Reisekleidung um nichts von seinen Begleitern unterschied, sprach seine ganze Körperhaltung von Macht. Die Art und Weise wie er auf den Quästor zuging zeigte eindeutig, dass er wirklich der Anführer dieser Gruppe war und er schien keineswegs durch den Prunk des Palastes beeindruckt. Er wirkte eher gelangweilt, als er sich mit einer fahrigen Bewegung die rabenschwarzen Haare aus dem Gesicht strich, das darüber hinaus keine weitere Gefühlsregung Preisgab.
 
Beim Anblick des Anführers beschleunigte sich Endars Herzschlag, seine Hände wurden feucht und eine krampfte sich um das Geländer das er eigentlich putzte.Bei den Göttern, das hatte er nicht erwartet! Ertappt sah sich Endar ängstlich nach Hal Jarl um. Doch der Kronprinz stand nicht wie erwartet wie ein Rachegott hinter ihm. Um sich zu beruhigen wiederholte Endar die Gedanken „Er ist nicht im Palast, er ist nicht hier, er kann dir nichts antun“, wie ein Gebet.
Vorsichtig sah Endar wieder in Richtung der Delegation und sofort nahm ihn der Anblick des Anführers wieder gefangen. Dieser reagierte gerade auf etwas, das einer aus seiner Gruppe gesagt hatte mit der Andeutung eines Lächelns. Endar vergaß fast das Atmen und sein Herz schlug schneller als je zuvor. Auch seine zweite Hand krampfte sich um einen der Gitterstäbe und seine Stirn presste sich dagegen. Er wollte so nah wie möglich heran und alles sehen! In diesem Moment wusste er, daß er bereit wäre alles zu tun, damit ein Lächeln dieses Mannes ihm galt.
 
Endar schämte sich, das er so auf diesen Anblick reagierte. Auf diese Art und Weise hatte er seit Jahren auf niemanden mehr reagiert. Schnell schloss Endar die Augen, doch das Bild von diesem Mann verließ ihn nicht. Endar wünschte sich ohne Angst leben zu können. Weit fort, fort vom Palast und außerhalb von Jarls Einflussbereich. Er wäre am liebsten der Rolle als Prinz entflohen, welcher er ja eh nie gerecht werden konnte. 
Doch er hatte dem Kaiser versprochen diese Aufgabe zu erledigen, und genau das würde er tun. In Gedanken wiederholte er weiter die Sätze wie ein Gebet, während er sich wieder an die Beobachtung der Caerdorianer machte. Erstaunlicherweise war kaum Zeit vergangen, auch wenn es Endar eher wie Stunden erschien.
 
Der Grund für Endars Unbehagen ergriff indes das Wort und sagte in erstaunlich gutem Xiranth: „Ich bin Ewan, der Sohn von König Wyndon.“, darauf folgte eine kurze Vorstellung seiner Begleiter. Merkwürdigerweise verwendete er dabei keinen Titel. Dies verwunderte Endar sehr, denn er wusste, das es auch in Caerdoria eine Hirachie gab, sicher keine so starre wie in Xiranth, dennoch sollten Mitglieder einer diplomatischen Delegation mit ihren Titeln vorgestellt werden. Endar fragte sich warum Ewan, oder richtiger Prinz Ewan, die Benennung von Titeln unterließ. Und er fragte sich was diese Unterlassung dem Kaiser über die Delegation aussagen würde.
Der Quästor ergriff wieder das Wort und erklärte den Gästen aus Caerdoria, das sie erst am übernächsten Morgen dem Kaiser vorstellig werden dürften und das mit einem offiziellen Beginn der Verhandlungen nicht davor zu rechnen sei. Dies sollte den Caerdorianern zeigen, dass sie hier nur auf Wunsch des Kaisers waren und was ihr Land im Vergleich mit dem großen Reich zählte. Genau wie der beeindruckende Prunk war das ein Teil des Spieles und der Kaiser wartete gespannt auf die Reaktionen der Delegation.
 
Das Gesicht ihres Anführers zeigte recht deutlich was er von dieser Zurechtweisung hielt. Es behagte ihm scheinbar gar nicht solange vertröstet zu werden. Dennoch protestierte er nicht, sondern wandte sich fast einschüchternd an den Quästor: „Nun das passt uns hervorragend. Die Reise hierher war doch recht anstrengend. Es wäre schön die Gastfreundschaft Xiranths zu genießen. Bitte weißt uns unsere Unterkünfte zu, damit wir Gelegenheit bekommen den Straßenstaub loswerden zu können und wir uns bei einem schlichten Mahl für die kommende Audienz bei ihrer Kaiserleichen Hoheit stärken könnten.“
Der Quästor sah etwas verwirrt drein und Endar mußte darüber fast schmunzeln.  „Wie Ihr es wünscht Prinz Ewan.“, beeilte der Quästor sich zu sagen. Danach begann er fast hektisch die weiteren Fragen zu der Unterkunft mit den Gästen zu klären.
Endar hörte nur mit halbem Ohr zu, er war immer noch von dem Anblick dieses Mannes gefangen. Er wollte es nicht und dennoch war er nicht in der Lage seine Augen von ihm zu wenden. Das er in seiner verkrampften Haltung dabei selbst einen sehr ungewöhnlichen Anblick bot, entging ihm zum Glück.
 
Während der Quästor und Prinz Ewan immer noch die Fragen der Gastfreundschaft besprachen, lehnte sich die Frau ganz nah an ihren Anführer. Mit einem kleinen Stoß von ihrem Ellenbogen brachte sie ihn dazu sich zu ihr zuwenden. Dann stellte sie sich auf ihre Zehenspitzen und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Prinz sah sie liebevoll an, sein Gesicht erhellte sich durch die Andeutung eines Lächelns, bevor er sich wieder an den Quästor wandte.
Endar spürte einen schmerzhaften Stich in seinem Herzen als er die zwei so vertraut miteinander sah. Natürlich, die Frau musste die Gefährtin des Prinzen sein. Endar wusste das er eigentlich über diese Verringerung der Gefahr erleichtert sein sollte, dennoch verspürte er eine große Enttäuschung darüber.
 
Endlich schienen alle Fragen geklärt zu sein und die Caerdorianer folgten dem Quästor in den Palast. Auch Endar verließ seinen Postenund beeilte sich, um auf einem anderen Weg den Raum, der der Delegation als Aufenthalts- und Arbeitszimmer dienen sollte, schnell zu erreichen. Er hatte trotz allem seinen Auftrag nicht vergessen und wollte die Gruppe noch bei ihrem Mahl beobachten, bevor er dem Kaiser den ersten Bericht erstattete. Den Raum selbst würde er nicht betreten, aber von einem angrenzenden Zimmer aus gab es Gucklöcher und auch die Akustik war so gestaltet das er dort jedes gesprochene Wort würde hören können.
 
*
 
Ewan folgte währenddessen diesem aufgeblasenen Wicht, der sich selbst Quästor nannte, was auch immer das für ein Titel war, und sie in rascher Geschwindigkeit durch die verwirrend große Anzahl von Fluren und Gängenführte.Und wie schon im Innenhof war die Pracht der Einrichtung erstaunlich. Ewan fragte sich wie viele der eroberten Reiche wohl dafür hatten bluten müssen, während er sich eingestand dass sein ansonsten sehr guter Orientierungssinn ihn völlig verlassen hatte. Er hatte das ungute Gefühl, das er sich in diesem Palast nie allein zurecht finden würde.
Immer noch entnervt darüber, daß sie wie armselige Bittsteller auf den übernächsten Tag vertröstet worden waren, wobei doch immerhin Xiranth um die Verhandlungen gebeten hatte, nicht umgekehrt, wandte er sich leise flüsternd an Caradoc: „Meinst du der ganze Palast ist derart voller Schätze oder suchen die sich für ihre Gäste nur die einschüchternsten Flure aus?“
Sein Lehrer strafte ihn mit einem kurzen Blick: „Sei nicht so sarkastisch. Und versuch wenigstens beeindruckt zu wirken. Wir werden sicher beobachtet.“
 
Bevor Ewan noch etwas erwidern konnte, erreichten sie ihr Ziel. Der Quästor erläuterte dass dies ein Raum zu ihrer freien Verfügung wäre und dass ein leichtes Mahl dort auf sie wartete. Auch die Morgenmahlzeiten würden dort serviert werden, alle anderen Speisen würden sie dann bis auf Ausnahmefälle mit den Verhandlungspartnern zusammen einnehmen. Ihre Schlafquartiere wären auch auf diesem Flur untergebracht und sie bräuchten später nur die Diener rufen die sie dorthin führen würden. Alles würde ihren Wünschen entsprechend vorbereitet werden. Damit entschuldigte sich der Quästor von ihnen und sie waren endlich allein.
 
Die Gruppe nahm amTisch Platz und bestaunte die dargereichten Speisen. Eigentlich hätte es klar sein müssen, das Xiranther unter einem leichten Mal nichts Schlichtes verstanden und auch hier deutlich machen mussten, wie wohlhabend das Reich war. Der Tisch bog sich fast unter der Vielzahl der Delikatessen, und bei vielen der Speisen war sich Ewan noch nicht einmal sicher, was sie genau waren, oder ob er das wirklich wissen wollte. Dennoch langte er fröhlich zu. Nach einigen Wochen der kargen Reiseverpflegung tat ein wenig Luxus gut. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann störte es ihn auch nicht wirklich, daß er einen weiteren Tag um die steife Gesellschaft der Xiranther Oberen herumgekommen war. Ein weiterer Tag wo noch keines seiner Worte oder sein Benehmen auf die Goldwaage gelegt wurde und im schlimmsten Fall zu einem Krieg führen konnte.
Sie alle langten genüsslich zu, verbannten dabei, fast wie abgesprochen, jede Diskussion um die Verhandlungen. Erst als sie sich den süßen Köstlichkeiten am Schluss zuwandten, ergriff Caradoc wieder das Wort: „Ewan, ich bin mir nicht sicher, daß du gut daran getan hast uns nicht alle mit vollem Titel vorzustellen. Die Xiranther sind in dieser Hinsicht sehr engstirnig. Titel, Namen und Abstammung zählen hier alles. Es gibt sehr strickte Regeln was zum Beispiel die Namen angeht. Sklaven und Diener haben nur einen, alle Freien und Adeligen besitzen zwei. Wobei der erste der Name ist der von allen benutzt werden darf, den zweiten verwenden nur engste Freunde und Familienmitglieder. Und einem Xiranther nicht mit seinem Titel anzusprechen stellt eine tödliche Beleidigung dar. Vielleicht hättest du uns alle ausführlicher vorstellen sollen.“
 
Ewan mochte es nicht zurecht gewiesen zu werden, vor allem nicht, wenn sein Lehrer dabei im Recht war. „Ja, mir ist das selbst auch schon durch den Kopf gegangen, irgendwie ist die erste Begegnung nicht so von Statten gegangen wie ich es erhofft hatte. Aber ich glaube nicht das es ein zu großes Problem ist, dieser Quästor schien nach der Nennung meines Namens genau zu wissen wer ich bin, wahrscheinlich hat deren Geheimdienst schon längst alles über uns herausgefunden.“
„Vielleicht, dennoch solltest du das so schnell wie möglich gerade rücken.“
„Werde ich tun und diese Audienz beim Kaiser ist dazu sicher ein geeigneter Moment. Ich schlage vor, das wir uns morgen recht früh hier treffen und alles weitere besprechen, damit wir für den Beginn der Verhandlungen aufs beste vorbereitet sind. Aber jetzt.“, er gähnte kurz „Jetzt sehne ich mich nach einem ausführlichen Bad und dann einem richtigen Bett.“
Zustimmendes Gemurmel ertönte und als Ciaron noch hinzufügte, „Ein richtiges Bett mit allem was dazu gehört“, gab es ein kurzes Gelächter von allen Seiten. So langsam machte sich bei allen die Neugierde auf die Xiranther Gastfreundschaft breit.
 
*
 
Endar machte sich auf den Weg zum Kaiser um Bericht zu erstatten. Er fürchtete seinem Vater unter die Augen zu treten, solange dieser Prinz noch so stark seine Gedanken beherrschte, und er hoffte inständig, dass sein Vater nichts bemerken würde.
Als er an die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters klopfte, kam schon nach wenigen Sekunden ein herrisches „Herein“, das ihm gestattete, das Allerheiligste zu betreten. Hier wurde er Zeuge eines recht ungewöhnlichen Bildes. Sein Bruder saß ruhig am Schreibtisch und drehte einen Pokal in seiner Hand, während der Kaiser mit festem Schritt den Raum auf und ab ging. Ganz nebenbei winkte er seinen jüngsten Sohn herein nur um gleich weiter zu gehen. „Kinder!“ rief er aus und blickte zu Andra, seine Augen glühten vor Zorn. „König Wyndon hält es für ratsam Kinder als Verhandlungsführer zu schicken. Dieser Prinz kann doch kaum älter sein als Endar. Was hat sich Wyndon dabei nur gedacht? Hält er diese Verhandlungen für so unwichtig? Kann er so ignorant sein?“
Endar setzte sich schnell neben seinen Bruder und sah weiter erstaunt zum Kaiser. Sein Vater schnaubte, anders konnte man es nicht beschreiben. Noch nie hatte Endar den Kaiser so aus dem Konzept gebracht gesehen.
 
Endlich hielt der Kaiser in seinen Bewegungen inne. Er atmete zwei, dreimal tief durch und meinte dann viel ruhiger: „Nun ja, wir werden sehen was Wyndon damit bezweckt. Wenn er glaubt die Verhandlungen wären so einfach das er sie von Kindern erledigen lassen kann, werden wirihn eines Besseren belehren. Ich will das Amory, aber zu meinen Bedingungen.“ Dann ging er zur anderen Seite und ließ sich auf seinen Stuhl nieder. „Weiß man schon genaueres über diesen Prinzen?“ wandte er sich an Andra.
„Nicht viel Vater. Niemand hat mit ihm als Verhandlungsführer gerechnet, rechnen können, deshalb sind unsere Daten sehr lückenhaft. Ewan ist das jüngste Kind von König Wyndon.“ Andra sah kurz auf einen Notizblock vor ihm. „Er ist noch nicht einmal 25 Winter alt und soweit ich den Informationen entnehmen kann, belegt er kein höheres Amt an Wyndons Hof. Scheinbar befindet er sich noch in einer Art Ausbildung, zu was auch immer. Mehr kann ich Euch leider nicht sagen, Vater.“
 
Der Kaiser schnaubte wieder, entgegen seiner sonstigen Art wurde der Kaiser langsam lauter: „Wyndon schickt uns ein Kind das noch in der Ausbildung ist? Bei den Göttern, ich würde doch auch nicht Endar allein mit so einer Aufgabe betrauen. Ich würde noch nicht einmal dich ohne eine Armee von Beratern mit so was betrauen.“. Weder Andra noch Endar nahmen diese Aussage krumm, der Kaiser hatte schließlich Recht. Für so etwas erforderte es Verhandlungsgeschick und Erfahrung und keinen jugendlichen Eifer. Der Kaiser hatte inzwischen beide Ellenbogen auf dem Schreibtisch aufgestützt und massierte sich die Schläfen. „Nein, das lässt sich nicht so an, wie ich es geplanthatte. Bisher hatte ich immer den Eindruck gewonnen das Wyndon ein gerissener Gegner ist, der auch über einen sehr guten Weitblick verfügt. Ich kann nicht glauben dass er uns seinen jüngsten Sohn schickt, ohne das er dafür gute Gründe hat. Es wird an uns sein, diese zu entschlüsseln.“ Kaiser Ohro Tek atmete noch einmal tief ein und wandte sich dann an seinen jüngsten Sohn: „Endar, was kannst du mir über diese Delegation verraten, wir kennen bisher nur die Namen, mehr nicht.“
 
Endar wusste genau, was er dem Kaiser auf keinen Fall verraten konnte. Schnell versuchte er diese Gedanken zu vertreiben. „Ich habe sie ein wenig belauscht. Der ältere Mann, Caradoc ist sein Name, scheint ein Gelehrter zu sein. Er wusste sehr gut über unsere Geschichte und Gebräuche bescheid, er wird sicher ihr Berater sein. Der Prinz ist der Anführer der Gruppe und ich glaube nicht nur wegen seines Ranges. Apropos Rang, scheinbar haben alle einen Titel, der Prinz hat es nur vergessen zu erwähnen. Sie planen aber das schnellstmöglich nachzuholen.“
„Wie unerfahren muss man sein, um so etwas zu vergessen?“ fragte der Kaiser, ohne eine Antwort zu erwarten „Nun gut, wie gesagt, wir werden dieses Spiel nach meinen Regeln spielen und ich lass mich nicht durch so etwas vom eigentlichen Ziel abbringen. Andra du wirst mir alles über die Mitglieder der Delegation in Erfahrung bringen. Und ich meine alles, Titel, Ämter und Verwandtschaftsverhältnisse. Kontaktiere unsere Spione, bestich den Botschafter, tu was auch immer notwendig ist. Und du Endar, du machst weiter mit deinen Beobachtungen, dies scheint mir jetzt wichtiger als je zuvor. Ich werde all dem schon noch einen Sinn geben. Und jetzt geht, morgen wird ein anstrengender Tag werden“,mit diesen Worten entließ er seine Söhne um noch ein wenig in Ruhe über alles nachzudenken.
 
Endar und sein Bruder standen auf und machten sich auf den Weg zu ihren Gemächern. Wobei Endar wusste, das ihn eine unruhige Nacht erwarten würde.  

Kapitel 4

 
Es war sicher nicht die schlimmste Nacht seines Lebens, aber viel hatte dazu nicht gefehlt. Ewan hielt es nicht mehr in seinem Gästezimmer aus. Er hatte zwar so gut wie gar nicht geschlafen, und es war noch weit vor Sonnenaufgang, aber hier konnte er nicht mehr bleiben. Eilig stand er vom Fußboden auf. Da er so schnell wie möglich diesem Zimmer entfliehen wollte, beließ er es bei einer kurzen, möglichst geräuscharmen Katzenwäsche. Dann raffte er einige Kleidungstücke zusammen und zog sich an.

Als er endlich sein Zimmer verlassen hatte und im Flur stand, konnte er erst wieder richtig durchatmen. Nur was sollte er jetzt tun? Er hätte sich gern mit etwas beschäftigt um sich von dieser völligen Katastrophe abzulenken, nur womit? So früh am Morgen waren weder seine Kameraden noch sonst irgendjemand schon wach. Kurz spielte er mit dem Gedanken zu den Pferden zu gehen und sich dort zu vergewissern, das diese gut untergebracht waren, aber er glaubte kaum das er den weiten Weg durch die tausend verschiedenen Korridore und Flure würde finden können, ohne sich völlig zu verlaufen. Aber hier vor seiner Tür wollte er auch nicht stehen bleiben.

Seufzend wandte er sich zu ihrem Aufenthaltsraum. Wenn er sich richtig erinnerte, dann hatte er dort gestern auch ein Bücherregal gesehen. Wenigstens könnte er dann mit seinem Versuch auf Xiranth zu lesen die Zeit totschlagen.

Aber der Palast war wohl doch nicht so unbelebt wie Ewan gedacht hatte, denn kaum hatte er den Aufenthaltsraum betreten, als ihm auch schon einer der Sklaven folgte. Dieser versank kurz auf die Knie und fragte dann: "Hoher Herr, habt Ihr einen Wunsch? Sollen wir vielleicht schon das Morgenmahl herrichten? Sollen die anderen Herrschaften ebenfalls geweckt werden?"
Ewan mußte nur kurz überlegen, bevor sein Magen ihm die Entscheidung abnahm. "Ja, bringt das Essen, und etwas warmes zu trinken. Aber lasst meine Kameraden noch unbehelligt." "Wie Ihr wünscht, hoher Herr." Wieselflink stand der Sklave auf und verließ nach einer weiteren Verbeugung den Raum um seinen Auftrag zu erfüllen. Auch jetzt hob er seinen Blick nicht an.

Ewan musste gar nicht lange auf das Essen warten. Innerhalb kürzester Zeit war der Sklave zusammen mit noch fünf weiteren dabei, auf der großen Tafel allerlei Speisen anzurichten. Fast geräuschlos und mit bestechender Präzision wurde diese Aufgabe erledigt. Scheinbar war es hier im Palast keine Besonderheit auch schon zu so früher Stunde Gäste zu bewirten. Ewan beobachtete alles mit Verwunderung. Wieder gab es eine große Menge an verschiedensten Gerichten, kalte sowie auch warme. Er zählte mehr als 6 Sorten Brot und viele von den dargereichten Obstsorten kannte Ewan nicht einmal. ‚Wenn das so weiter geht, dann werden unsere Pferde am Ende dieser Verhandlungen unter unserem Gewicht zusammenbrechen', dachte Ewan schmunzelnd. Dann schien alles fertig angerichtet zu sein. Ewan wurde noch kurz gefragt ob er noch weitere Wünsche hatte. Er verneinte dies und entließ die Sklaven, die sofort den Raum verließen.

Mit immer lauter knurrendem Magen ging Ewan zur Tafel. Ja, jetzt hatte er etwas um sich eine Weile zu beschäftigen. Genüsslich betrachtete er alles. In einer Kanne, die über einer Kerze hing, blubberte ein dunkles Getränk. Ewan beschloss es auszuprobieren und goss sich etwas davon in einen der großen Becher. Vorsichtig kostete er. Mhmm, das war lecker. Jetzt nahm er sich einen der Teller und nahm sich von vielen der Speisen eine Kleinigkeit, um von jeder einmal zu probieren.

Aber so richtig zur Ruhe kam er nicht, er hatte vielleicht die Hälfte der Speisen von seinem Teller verschlungen, als plötzlich die Tür aufging. Überrascht schaute Ewan auf und konnte kaum seinen Augen glauben, stand doch Briogue mit ziemlich verwuselten Haaren und noch Schlaf im Gesicht in der Tür.
"Ha, hab ich doch richtig gerochen, Essen," rief sie aus, danach folgte ein verspätetes: "Äh, guten Morgen Ewan."
"Guten Morgen? Es ist noch fast mitten in der Nacht. Briogue, was machst du schon hier?"

Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln und wandte sich dann sofort der Tafel zu. Auch sie nahm einen der Teller und belud ihn dann. "Also ich wurde von dem herrlichen Essensduft geweckt. Und was ist deine Entschuldigung?" nuschelte sie zwischen zwei Bissen hervor. Ewan hatte kein Bedürfnis sich ihr anzuvertrauen und wollte das Gespräch so schnell wie möglich im Keim ersticken. "Ich konnte nur nicht mehr schlafen," war deshalb seine Antwort.

Briogue sah ihn sehr zweifelnd an, ihre linke Augenbraue schien dabei fast ihren Haaransatz zu berühren. "Du konntest also einfach nicht mehr schlafen? Schade, hattest du etwa keine schöne erste Nacht hier im Palast?"
"Nein!" entgegnete Ewan eine Spur zu laut und zu heftig. Es ärgerte ihn, daß Briogue ihn ausfragte. Noch mehr ärgerte ihn, daß er durch sein Verhalten Briogue sicher dazu brachte, weiter nachzuhaken. Er wollte wirklich nicht darüber reden, aber er wusste das seine Freundin jetzt garantiert nicht mehr mit dem Fragen aufhören würde. Und das hatte ihm gerade noch gefehlt.

"Ewan, sag was mit dir los ist. Verschließ dich nicht schon wieder, was ist heute Nacht geschehen?" "Nein," beharrte Ewan auf sein Schweigen und starrte stur auf den Tisch. "Ewan!" Briogues Tonfall brachten ihn nun doch dazu aufzublicken. Es war kaum zu glauben, aber ihre Augenbraue schien noch weiter nach oben gewandert zu sein. Ihre Augen funkelten als sie mit ganz ruhiger und betonter Stimme mit ihm sprach: "Was ist passiert?"

"Gar nichts ist passiert," brach es aus Ewan hervor. Obwohl er es verhindern wollte, schlich sich eine leichte Röte auf sein Gesicht. Und er ärgerte sich darüber, diese Information preis gegeben zu haben, denn jetzt würde Briogue sicher nicht mehr von dem Thema lassen. "Ewan jetzt sag endlich was los ist." Briogues Stimme wurde langsam ungeduldig. Ewan starrte auf seinen Teller. "Ich... Ich," stammelte er, bevor er wütend wieder ansetzte "Verdammt, es ist mir peinlich, ich will nicht darüber reden."

Briogue setzte sich näher zu ihm, umfasste sein Kinn und hob sein Gesicht an. Sie blickte ihm direkt in die Augen. "Ewan, wie lange kennen wir uns jetzt schon?" Verwirrt erwiderte er ihren Blick. "Schon immer, wieso fragst du?" "Genau, wir kennen uns schon seit deiner Geburt, wir sind praktisch Geschwister. Du kannst mir doch alles erzählen, dir braucht nichts peinlich zu sein."

Ewan versuchte sich aus ihrem Griff zu lösen. "Auch meiner Schwester muss ich nicht alles erzählen," stellte er klar. "Nein, musst du nicht. Aber ich glaube du solltest. Hast du nicht schon lange genug alles in dich reingefressen?"
Diesmal überlegte Ewan eine ganze Weile bevor er dann endlich nachgab. "Du hast recht, wahrscheinlich ist es besser wenn ich darüber rede, aber es ist mir wirklich sehr peinlich."

Briogue erwiderte nichts darauf, wartete nur, das Ewan endlich mit dem Gespräch beginnen würde.
Der seufzte noch einmal und hob dann wieder an. "Also ich, ähm," er seufzte tief. "Ach verdammt ich hatte mir heute Nacht einen Sklaven fürs Bett bestellt."
Briogue musste sich beherrschen um nicht mit den Augen zu rollen. Und darum hatte Ewan jetzt so einen Tanz aufgeführt? So gut wie jeder aus ihrer Gruppe hatte sich wahrscheinlich jemanden fürs Bett bestellt. Sie blickte Ewan fragend an: "Und?"

"Und ich hatte mich darauf gefreut," gestand Ewan.
Briogue war verwirrter als je zuvor. "Aber das war doch Sinn der Sache, du solltest doch ein bisschen Spaß haben."
Ewan schüttelte den Kopf. Ihm wurde klar, das er Briogue nicht begreiflich machen konnte das es sich für ihn nicht richtig anfühlte so etwas zu tun. Vielleicht hätte er doch das ganze Gespräch lassen sollen. Aber Briogue ließ es nicht zu, das er in Schweigen verharren konnte. "Ist das der einzige Grund, warum du dich jetzt hier so aufführst?" Ewan schüttelte als Antwort nur den Kopf. "Oh man Ewan, lass dir doch nicht jedes klitzekleine Detail einzeln aus der Nase ziehen!" brauste Briogue auf.

Ewan ergab sich endlich seinem Schicksal. Früher oder später würde er seiner ‚Schwester' ja doch alles erzählen müssen, da konnte er es auch gleich hinter sich bringen. "Ich hatte mich wirklich schon auf die Nacht gefreut und war schon ganz gespannt darauf. Aber dann gab es ein kleines Problem. Es ähm, es gab eine Verwechslung. Sie haben mir eine Frau geschickt," brach es aus Ewan hervor. Er war sich sicher, das seine rote Gesichtsfarbe noch um ein paar Schattierungen dunkler geworden war. Er starrte weiterhin peinlich berührt auf den Teller vor sich. Als er einmal kurz zur Seite schielte meinte er ein Lächeln über Briogues Gesicht huschen zu sehen. Unglaublich, da lachte seine beste Freundin über diese für ihn so schreckliche Nacht.
"Das ist nicht witzig," grummelte er ärgerlich. Briogue fuhr mit ihrer Hand zu ihrem Mund und verdeckte ihn, während sie ein kurzes "Doch." murmelte.

Es war klar das Briogues Neugierde damit noch lange nicht befriedigt war. "Und was ist dann passiert?" "Wie gesagt, ich hatte mich wirklich darauf gefreut und wollte es wegen dieses Missverständnisses nicht aufgeben." gestand Ewan. "Deshalb hab ich versucht der Frau zu erklären, das ich einen Mann wollte. Das war gar nicht so einfach, ich glaube mein Xiranth ist auf dem Gebiet wohl nicht so fließend wie es sein sollte. Als sie es endlich begriffen hatte, ist sie dann gegangen und wollte für Ersatz sorgen. Sie sah fast enttäuscht aus," fügte Ewan noch erstaunt hinzu.

Briogue musste diesmal wirklich schmunzeln. Es verwunderte sie immer wieder, das Ewan sich absolut nicht bewusst war, das er mit seinem Aussehen schon immer ein Magnet für das weibliche Auge war. Und die tragische Aura, die ihn seit Rohans Tod umgab, machte ihn für Frauen nur noch umso attraktiver. Kein Wunder das die Sklavin es bedauerte, das er sie nicht wollte.

Aber hinter Ewans schlechter Laune musste noch mehr stecken, als nur diese Verwechslung, dazu war das ein viel zu einfach zu lösendes Problem. "Und was ist dann passiert?" fragte Briogue deshalb neugierig.

Endar atmete noch einmal tief durch. "Tja und dann kam der Ersatz," seine Stimme quoll fast über vor Ekel. "Hat er dir nicht gefallen?" "Nicht gefallen? Briogue, die haben mir ein verdammtes Kind geschickt! Einen Knaben, der kaum älter als 10 Winter gewesen sein kann! Mit dem sollte ich mich im Bett vergnügen! Unsere verehrten Gastgeber denken scheinbar, wer keine Frau will, ist automatisch ein Kinderschänder. Xiranth und seine wunderbare Kultur!" aus Ewans Tonfall war nur Ekel und Verachtung zu erkennen. "Wie hatte Ciaron noch erzählt, je höher der Status eines Gastes, desto exquisiter die Bettsklaven. Ich als Verhandlungsführer scheine ein Anrecht auf ein jungfräuliches Kind zu haben.
Und wenn etwas derartig widerwärtiges hier auch tausendmal Sitte ist, und wir uns anpassen müssen, so gibt es doch Grenzen!"

Briogue konnte den Ärger sehr gut verstehen. Die Sklaverei war schon fragwürdig genug, aber Kinder so zu missbrauchen! In Caerdoria würde das zurecht die allerschlimmsten Strafen nach sich ziehen. "Und was ist dann passiert Ewan? Hast du das Missverständnis aufklären können?"

"Nein, ich hab den Jungen bei mir behalten," Ewan sah wie ihn Briogue völlig entsetzt anblickte. "Ich musste es, Briogue. Er hat mich angefleht ihn nicht zurückzuschicken. Wenn ich das getan hätte, dann hätten sie ihn dafür bestraft das er mir nicht gefallen hat. Das ich die Frau zurückgeschickt hab war kein Problem, ihr wird nichts passiert sein. Aber jetzt hatte ich explizit nach einem männlichen Sklaven gefragt, und sie haben mir nach Xiranther Maßstäben den besten geschickt. Er hatte solche Angst vor der Bestrafung, Briogue! Er hat sich mir an den Hals geworfen und geschworen alles zu tun was ich will, nur damit ich ihn nicht ablehne! Ich konnte doch nicht zulassen das er wegen mir zu Schaden kommt. Ich habe ihn in meinem Zimmer gelassen um den Schein zu wahren und ihm diese Bestrafung zu ersparen. Ich habe ihm erlaubt in meinem Bett zu schlafen, aber leider wollte er mir die ganze Zeit über zu Diensten sein. Darum habe ich mehr schlecht als recht auf dem Fußboden geschlafen. Was für ein Glück das ich die Schlafrolle hatte. Und wegen diesem Kind bin ich heute Morgen so früh wie möglich aus meinem Raum geflüchtet. Das war eine der schlimmsten Nächte meines Lebens!"

Briogue nahm Ewan tröstend in den Arm. "Es tut mir leid, dass das heute Nacht so schrecklich fehlgeschlagen ist."
Ein trauriges Halblächeln stahl sich auf Ewans Gesicht. "Mir auch. Aber immerhin hatte es ein Gutes. Heute Nacht war ein einziges böses Omen, das mir gezeigt hat, das ich nicht auf diese Weise an einen Bettgefährten kommen will. Das ist einfach nicht meine Art, und im Endeffekt entehre ich damit auch nur Rohan und meine Liebe zu ihm. Ich habe es versucht Briogue, aber jetzt lass ich es lieber. Und meinen Pflichten als Gast habe ich ja trotzdem Genüge getan, das reicht für den Rest der Verhandlungen. Ab heute Nacht wird es keinen Bettsklaven mehr für mich geben. Es tut mir leid Briogue."

Briogue wusste nicht was sie darauf erwidern sollte. Sicher, Ewan sollte sich diese eine Nacht nicht derart zur Herzen nehmen. Aber wenn er es als böses Omen werten wollte, wer war sie um ihn vom Gegenteil zu überzeugen? "Das muss dir doch nicht leid tun. Du hast es versucht, aber es sollte nicht sein. Vielleicht war es sowieso nur eine dumme Idee von mir. Pass auf, wenn wir wieder zu Hause sind, dann werde ich dir helfen jemand Nettes zu finden." "Ist das jetzt ein Versprechen oder eine Drohung?"
Erwachsen wie sie war, erwiderte Briogue diesen Satz, indem sie ihm die Zunge rausstreckte.

*

Nach und nach erschienen auch die anderen Mitglieder der Delegation am Frühstückstisch und ein fröhliches Gespräch lenkte Ewan von seiner schrecklichen Nacht ab. Er besprach sich mit Caradoc, was sie wohl mit ihrer freien Zeit am heutigen Tage anfangen sollten. "Ich denke mir, es wird das Beste sein, wenn wir uns ein wenig im Schloss umsehen. Es lässt sich sicher organisieren, dass wir durch die Anlage geführt werden. Es gibt hier noch so viele wichtige Sehenswürdigkeiten, anhand deren ich euch noch viel über Xiranth erzählen kann. Und unserer Orientierung wird es auch nur dienlich sein. Was hältst du davon, Ewan?"

"Das ist eine gute Idee, Caradoc. Jedes bisschen an Information ist wichtig. Wir sollten auch zum Schrein der Götter gehen." "Wieso das?" Struan sah erstaunt von seinem Frühstücksteller auf, er hatte der Unterhaltung nur mit einem halben Ohr zugehört.

"Wir sind hier im Machtbereich der Xiranther Götter. Wir sollten ihnen unsere Ehrerbietung erweisen, auch wenn sie nicht unsere Götter sind. Ich habe von zu Hause extra Amory mitgebracht, das können wir ihnen opfern und um ein gutes Ergebnis der Verhandlungen beten." "Oh, eine gute Idee," antwortete Struan, bevor er sich wieder seinem Essen zuwandte. Caradoc sagte gar nichts, aber das Lächeln auf seinem Gesicht zeigte Ewan, das sein Lehrer mit ihm und seinem Vorhaben zufrieden war. Diese Verhandlungen waren wichtig, und Ewan wollte sein Bestes geben und nicht wieder so einen Fehler machen, wie gestern mit den Namen. Es ging einfach um zuviel, um das zu riskieren.

Ewan hatte schon gehofft, dass das Morgenmahl ohne weitere Unannehmlichkeiten zu Ende gehen würde, aber dabei hatte er nicht mit seinem Freund Ciaron gerechnet. Als dieser fertig mit dem Essen war, lehnte er sich völlig entspannt in seinem Stuhl zurück und sagte dann mit einem breiten Grinsen in die Runde: "So, jetzt kommt endlich raus mit der Sprache. Wie hat euch die Xiranther Gastfreundschaft heute Nacht gefallen? Ich will alle schmutzigen Einzelheiten wissen."

Ewan verspannte sich. Briogue die direkt neben ihm saß legte beruhigend ihre Hand auf seinen Oberschenkel und funkelte Ciaron böse an. Caradoc räusperte sich vernehmlich und meinte dann in einem strengen Ton: "Ciaron, ich scheine in meiner Erziehung versagt zu haben, wenn du immer noch nicht gelernt hast, das ein Gentlemen genießt und schweigt." Ciaron verwarf den Einwand ihres Lehrers mit einer Handbewegung: "Ach was, Diskretion gilt doch nicht für Sklaven. Struan, Duac, will denn keiner von euch von heute Nacht berichten?"

Die zwei sahen betreten auf ihre Teller, ein leichter Rotschimmer überzog sogar Duacs Gesicht. "Was ist denn los, will keiner erzählen wie sehr er die Gastfreundschaft der Xiranther genossen hat? Kann doch nicht sein, Briogue was ist mit dir?"

Briogue funkelte ihren Freund immer böser an. Sie kannten sich schon seit Kindertagen, aber in letzter Zeit schaffte es Ciaron immer öfter mit seinen sogenannten Witzen, Briogue auf die Nerven zu gehen. "Ich wüsste zwar nicht, was dich das angeht, Ci, aber ich habe eine wunderbare Nacht in meinem bequemen Xiranther Bett verbracht. Allein!"

"Was ist los mit dir Briogue? Zu prüde um dir einen muskelbepackten Adonis für die Nacht zu bestellen? Du hättest es ruhig tun können, das ist hier so Sitte."
Briogues Augen verengten sich immer mehr zu Schlitzen. "Das hat nichts mit Prüderie zu tun, sondern eher mit Bedwyr." "Nun mach mal einen Punkt, ist doch nicht so, als wenn ihr ein festes Paar wärt. Und er ist in Doire." "Und wir werden ganz sicher kein festes Paar werden, wenn ich den Aufenthalt hier als Entschuldigung nehme, mich mit anderen im Bett zu vergnügen. Aber wie schon gesagt, das geht dich nichts an."

Ciaron schien immer noch nicht von seinem Thema lassen zu wollen. "Ich wusste gar nicht das ihr alle so verklemmt seid. Nun gut, dann sind wir wohl die einzigen die die Xiranther Gastfreundschaft genossen haben, was Ewan? Allerdings hat es mich doch erstaunt heute Morgen diesen hübschen Knaben aus deinem Zimmer kommen zu sehen. Wolltest dir wohl mal etwas ganz ausgefallenes gönnen."

Briogue konnte erkennen das sich Ewans Finger in die Armlehnen seines Stuhls gruben. Es schien als ob er unheimlich viel Kraft aufwenden musste um sich nicht auf seinen Freund zu stürzen. Die anderen aus der Gruppe hatten alle erstaunt aufgeblickt und betrachteten Ewan mit einer Mischung aus Neugierde und Entsetzen. "Das. Ist. Nicht. Wahr. Ci." zischte es aus Ewans Mund hervor. "Ich bin kein Kinderschänder und du wirst so etwas nie wieder andeuten."

Zu Briogues großem Erstaunen, ignorierte Ciaron die offensichtliche Drohung in Ewans Stimme. "Ach gib es schon zu, Ewan. Das ist doch kein Problem, andere Länder, andere Sitten, oder? Außerdem wissen wir doch alle das du schon mal auf einen 12jährigen gestanden hast." Das Grinsen auf Ciarons Gesicht wurde immer breiter. Briogue fragte sich, was dieser wohl mit diesem Angriff - denn als etwas anderes konnte man es nicht bezeichnen - bezwecken wollte.

Ewan wunderte sich, wie ruhig er nach dieser Anschuldigung von seinem Freund war. "Ja, da hast du Recht. Aber vergiss nicht zu erwähnen, dass das Rohan war. Und das ich damals auch erst 12 Jahre alt war. Und DAS macht einen gewaltigen Unterschied. Wenn du das nicht verstehst, dann solltest du dir überlegen ob du wirklich weiter im Namen meines Vaters Recht sprechen willst." Mit einer einzigen eleganten Bewegung stand Ewan auf und wandte sich an seinen Lehrer: "Caradoc, lass uns anfragen, ob wir den Schrein der Götter besichtigen dürfen. Das Morgenmahl ist beendet," mit diesen Worten wandte sich Ewan zur Tür und verließ den Raum.

"Hey, das war doch nur ein Witz. Kein Grund sich aufzuregen," kam von Ciaron, während auch die anderen aufstanden. "Ci, deine Witze waren schon mal besser," fauchte Briogue bissig, während sie Ewan folgte.
Kapitel 5
 
Es war sicher nicht die schlimmste Nacht seines Lebens, aber viel hatte dazu nicht gefehlt. Endar hatte kaum ein Auge zubekommen. Sobald er doch für ein paar Augenblicke eingeschlafen war, hatten ihn verstörende Träume über den Anführer der Caerdorianischen Delegation verfolgt. Endar fragte sich verzweifelt warum er so sehr auf Prinz Ewan reagierte. Er hatte seit Jahren auf niemanden derart heftig reagiert, was sein Leben hier bei Hofe um einiges einfacher gemacht hatte. Endars einziger Trost war, das Kronprinz Hal Jarl nicht im Palast weilte und er deshalb zumindest vor den entsprechenden Ausbrüchen seines Bruders über sein Fehlverhalten sicher war. Dafür dankte Endar den Göttern. Es wäre ihm zwar lieber gewesen, diese verbotenen Gefühle nicht zu haben,aber er war schon für die kleinen Gnaden der Götter dankbar. Nicht auszudenken was Jarl aus dieser Sache machen würde.
 
Endar hatte früh am Morgen hastig seine Verkleidung angelegt und sich zu seinem Beobachtungsraum begeben. Er wollte die Delegation vom Morgenmahl ab nicht aus den Augen lassen. Zu seinem großen Erstaunen waren schon zwei Caerdorianer in dem Aufenthaltsraum. Die Frau und - Endar musste schlucken - und Prinz Ewan. Diese beiden so vertraut in einem Gespräch zu beobachten versetzte Endar wieder einen Stich.
 
Endar setzte sich zurecht und versuchte hinter den Sinn der Unterhaltung zu kommen. Scheinbar wollte die Frau das Prinz Ewan ihr etwas erzählte. Doch was war das? Endar traute kaum seinen Ohren. Hatte sie grad gesagt das sie und der Prinz Geschwister wären? Aber das konnte doch nicht sein. Endar war verwirrt. Er hatte alle wichtigen Daten über das Caerdorianische Königshaus studiert. Diese Frau konnte nicht die Schwester von Prinz Ewan sein, sie war viel zu jung. Aber so sehr konnte sich Endar auch nicht in der Sprache irren. Verwirrt hörte er weiter zu.
 
Das Gespräch nahm eine Richtung die für Xiranther Verhältnisse nicht schicklich war. Über so etwas sprach niemand mit einer Frau. Gleich ob Schwester oder Gefährtin. Endar war fast ein wenig entsetzt über die Offenheit die zwischen diesen zwei herrschte und er schämte sich sogar ein wenig sie zu belauschen. Aber selbst wenn es nicht ein Auftrag des Kaisers gewesen wäre, jetzt hätte er auf keinen Fall mit dem Horchen aufhören können. Denn was er da hörte, verwirrte und fesselte ihn zu gleichen Teilen.
 
Das konnte doch nicht sein, oder? Endar zog zischend die Luft ein. Der Prinz, dieser wunderbare Mann, dessen Anblick ihm heute eine unruhige Nacht bereitet hatte, wollte keinen weiblichen Sklaven zur Unterhaltung. Hatte er richtig gehört? Sein Traum wollte nichts von Frauen? Endars Gedanken schlugen Purzelbäume. Konnte das wirklich sein? Und nicht nur das der Prinz scheinbar keine Frau wollte, anders als so mancher Xiranther Oberer schien ihm auch nichts an Knaben zu liegen. Endar konnte gar nicht fassen was er da hörte. Der Prinz hatte auf sein Vergnügen verzichtet um einen kleinen, unbedeutenden Sklaven vor einer Bestrafung zu bewahren. Von so etwas hatte Endar noch nie gehört. Keiner der Xiranther Adeligen würde auf sein Recht verzichten um einen Sklaven zu schonen. Das war undenkbar. Aber irgendwie machte genau dies den Prinzen für Endar noch sympathischer.
 
Endar schluckte schwer und ließ seine Stirn gegen die Wand oberhalb des Beobachtungslochs fallen. Irgendwie erschien ihm die ganze Situation als nicht fair. Da, auf der anderen Seite der Wand saß sein Traumann. Nicht nur das der Prinz gut aussah, er schien auch nett zu sein, eine Kombination die Endar bisher nur selten begegnet war. Und darüber hinaus, war der Prinz auch noch an Männern interessiert. Es passte alles perfekt. Und doch war die ganze Situation aussichtslos. Der Prinz hätte genauso gut immer noch in Caerdoria sein und Endar nichts von ihm wissen können. Er saß zwar im Nebenzimmer, aber dennoch war er für Endar unerreichbar. Selbst wenn er den Mut aufbringen würde, es gab keinen Weg das er Ewan je nahe kommen würde.
 
Frustriert kniff Endar die Augen zu und fragte sich warum die Götter ihn so sehr hassten. War es denn nicht schon genug das sie ihm mit seinen unziemlichen Gelüsten quälten, nein sie mussten ihm den perfekten Mann vor Augen führen und ihn dann unerreichbar machen. Nicht einmal Hal Jarl konnte ihn im Moment stören, aber die Tatsache das es keinerlei Kontakt zu der Caerdorianischen Delegation außerhalb der  Verhandlungen geben konnte, war als Hindernis schlimm genug.
 
Wahrscheinlich wollten die Götter ihn damit nur prüfen. Warum wusste er nicht. Und auch nicht, wie er dies überstehen sollte.
 
Mitten in seine verwirrten Gedankengängen erschien so langsam der Rest der Caerdorianischen Delegation im Aufenthaltsraum. Endar versuchte sich so weit es ging zu beruhigen und weiter der aufmerksame Beobachter zu sein. Natürlich blieb sein Fokus auf Prinz Ewan. Als dieser mit dem Gelehrten besprach das er den Schrein der Götter besuchen wollte und Opfer für einen positiven Ausgang der Verhandlungen darreichen wollte, musste Endar anerkennend nicken. Das schien eine sehr gute Idee des Prinzen zu sein. Und Endar war sich sicher, dass auch der Kaiser diese Geste gutheißen würde. Er merkte sich diesen Punkt genau um später seinem Vater davon zu berichten.
 
Das Gespräch in dem Raum schien wieder auf die vergangene Nacht gelenkt zu werden. Irgendwie hatte Endar nichts anderes erwartet, dennoch bereitete es ihm Unbehagen das die Mitglieder der Delegation so frei über derlei Themen im beisein einer Frau sprachen. Das schickte sich einfach nicht. Die Sitten in Caerdoria mussten wirklich vollkommen anders sein. Außerdem gefiel ihm nicht, das dieser eine Caerdorianer seinen Prinzen derart in die Ecke trieb. Endar konnte fast spüren das der Dunkelhaarige sich unter den Fragen immer mehr wand. Auch die anderen schienen diese Fragen nicht zu mögen. Plötzlich lag eine sehr seltsame, sehr angespannte Atmosphäre über dem Raum. Endar hörte neugierig zu.
 
Wer war dieser Rohan, von dem der Prinz gerade sprach? Vorhin hatte er diesen Namen auch schon erwähnt. Zumindest eins konnte Endar klar erkennen, so wie der Prinz von diesem Rohan sprach, schien dieser ein sehr wichtiger Mensch für ihn zu sein. War das vielleicht der Gefährte des Prinzen? Konnte das sein? Aber warum hatte dieser ihn dann nicht hierher begleitet? War er vielleicht nicht respektabel genug um die Delegation zu begleiten? Aber andererseits, sie hatten eine Frau dabei, was konnte weniger respektabel sein als das?
 
Jetzt verließ der Prinz den Raum, doch vorher hatte er noch seinen Begleiter für seine Insubordination abgekanzelt. Er schien wirklich erbost über dessen Bemerkungen zu sein. Und zu Recht. Dieser Ciaron hatte mit dem Prinzen auf eine Art und Weise geredet die sich nicht schickte. Oh und die Frau schien auch schrecklich wütend zu sein. Endar wünschte sich er würde mehr von den Hintergründen dieses Beinahe-Streits verstehen. Aber er merkte sich jede Kleinigkeit, vielleicht würden sich später die Puzzelteile zu einem Bild zusammenfügen. Immerhin würde er diese Gruppe noch mehrere Wochen heimlich beobachten.
 
Und die ganze Zeit über würde er diesen wunderbaren Mann vor seinen Augen haben. So nah, und doch so fern. Endar seufzte einmal und folgte dann dem Caerdorianischen Prinzen.
 
*
 
Tief in seinen Gedanken gefangen verfolgte Endar die Caerdorianer. Er konnte beobachten wie diese sich tatsächlich einige der schönsten und wichtigsten Kunstwerke des Palastes besichtigten. Endar musste wieder erkennen das der alte Mann – Caradoc – wirklich viel über die Xiranther Kultur verstand. Er schien wirklich sehr geeignet für diese Mission zu sein. Das führte für Endar zu der Frage, nach welchen Kriterien die anderen Mitglieder der Delegation ausgewählt wurden. Das wäre wirklich sehr interessant zu wissen. Hatte König Wyndon nur einfach seinen Sohn erwählt als königliche Unterstützung für die Verhandlung? Oder gab es andere Gründe? Und warum hatte er diese anderen, viel zu jungen Adeligen gewählt? Endar musste fast Schmunzeln als ihm bewusst wurde das sich der Kaiser mit genau diesen Fragen jetzt herumplagte. Er hätte nie gedacht das sein Vater mal derart unvorbereitet von etwas getroffen werden könnte.
 
Trotz dieser halbwegs produktiven Überlegungen drehten sich doch die meiste Zeit Endars Gedanken nur darum, wieso ausgerechnet dieser Prinz Ewan eine derartige Wirkung auf ihn hatte. Er ließ kaum eine Sekunde lang seine Augen von dem Caerdorianer, nahm jeden Moment fast gierig in sich auf. Er wusste das er wahrscheinlich übertrieben reagierte. Aber er hatte sich schon lange nicht mehr zu jemandem derart hingezogen gefühlt. Er hatte schon befürchtet das Jarl diese Empfindungen ein für alle Mal aus ihm herausgetrieben hatte. Fast wünschte er sich, das sein Bruder Erfolg gehabt hätte. Sein Leben wäre dann auf jedem Fall viel einfacher.
 
Und was brachte es ihm schon dieses Verlangen wieder zu spüren? Prinz Ewan war unerreichbar für ihn, selbst wenn er genügend Mut aufbringen würde um einen entsprechenden Schritt zu tun. Sie waren beide auf verschiednen Seiten in diesen so wichtigen Gesprächen zwischen ihren Ländern. Es würde außerhalb der Verhandlungen keinerlei Berührungsmomente zwischen den Delegationen geben. Da Endar dort auch offiziell als Sohn des Kaisers dran teilnahm, würde er sogar die ganze Zeit hinter den traditionellen Masken der Herrscherfamilie verborgen sein. Wie sollte er unter diesen Umständen in die Nähe von Ewan kommen?
 
Und dabei hätte es so perfekt sein können. Ewan sehnte sich so sehr danach zumindest einmal die Liebe, so wie er sie sich wünschte kennenzulernen. War das zuviel verlangt? Sicher, es schickte sich für einen Prinzen nicht diese Rolle annehmen zu wollen. Jarl hatte ihm das auf schmerzhafte Art und Weise beigebracht. Immer wieder hatte er ihn für seine verbotenen Gelüste bestraft und damit gedroht alles dem Kaiser zu verraten. Aber Jarl war zur Zeit nicht im Palast. Er würde nichts erfahren. Wenigstens für eine Nacht....
Aber es gab keine Möglichkeit. Die Götter waren manchmal sehr grausam. Endar seufzte tief, während seine Augen wieder die wunderschöne Gestallt des fremden Prinzen suchten.
  
Während ihrer Besichtigungstour hatte Caradoc scheinbar einem der Diener, die die Delegation begleiteten, beauftragt etwas für sie zu holen. Endar beobachtete aus sicherer Entfernung wie dieser Sklave mit schnellem Schritt eine Kiste brachte und sie dem Prinzen aushändigte. Die Kiste war vielleicht so groß wie zwei Hände, war aus einem rotpoliertem Holz gefertigt und hatte wunderschöne Schnitzereien zur Verzierung. Ewan trug die Truhe, während er und seine Leute sich in Richtung des Götterschreins begaben.
 
Endar nahm an, das sich das Amory in dieser Kiste befinden musste. Wenn tatsächlich der gesamte Inhalt als Bittgabe für diese Verhandlungen gedacht waren, dann musste dem König Wyndon doch sehr viel an dieser Debatte liegen. Das machte die Frage warum er ausgerechnet seinen jüngsten Sohn als Verhandlungsführer geschickt hatte noch interessanter.
 
Die Gruppe hatte unter Führung der Diener inzwischen die goldenen Pforte zum Schrein der Götter erreicht. Neben der Tür zum Kaisersaal, war dies der größte und am aufwendigsten gestaltete Eingang im ganzen Palast, im ganzen Reich. Vor dem riesigen goldenen Tor, das aufwendig mit den unterschiedlichsten Juwelen geschmückt war, brannten auf zwei hohen Säulen die ewigen Feuer der Götter. Die Feuer und die Tür wurden von vier ausgewählten Elitesoldaten bewacht. Die Hellebarden der mittleren zwei überkreuzten sich und versperrten so den Weg in das Heiligtum. Die blankpolierten Harnische der Soldaten blinkten im Wiederschein der Flammen und den Reflektionen vom Tor.
 
Endar stellte sich in einiger Entfernung mit dem Gesicht zur Wand und tat so, als würde er den Rahmen eines der Gemälde putzen, während er zur Seite schielte um alles zu beobachten.
 
Die Delegation hielt ebenfalls gebührenden Abstand zu den Wächtern. Wie auf Kommando senkten sie alle kurz zur Begrüßung ihren Kopf. Dann lief einer der Dienstboten zu dem vordersten Wächter und kniete sich vor ihn hin. Mit einer zu leisen Stimme als das Endar etwas hätte verstehen könnten, schien er den Wächtern das Anliegen der Gäste Näherzubringen. Der Anführer der Kämpfer nickte kurz und gab einem der anderen durch ein weiteres Handzeichen den Befehl in den Tempel zu gehen und mit den Priestern zu reden. Die großen Torflügel wurden geöffnet und einer der Wachen huschte hinein.
 
Während sie alle auf die Priester wartete, ging Endar langsam zum nächsten Bild um seine Tarnung aufrecht zu erhalten. Die Gänge um den Götterschrein herum waren nicht so belebt von Sklaven wie alle anderen Flure des Palastes. Hier war es schon etwas schwerer in der Menge zu verschwinden. Kein Mitglied der Delegation zeigte auch nur ein Anzeichen der Ungeduld. Das war sehr gut, denn mit den Priestern umzugehen war manchmal etwas schwierig. Und sie hassten es, von irgendwem – außer dem Kaiser – gedrängt zu werden.
 
Endlich erschien einer der Priester und ging auf die Caerdorianer zu. Endar hätte vor erstaunen fast den Putzlappen – den er zur Tarnung benutzte – fallengelassen. Das war nicht nur irgendeiner der Priester. Es war Vert Goh, der Hohepriester ihres obersten Kriegsgottes Ymris. Das dieser eine eigentlich so geringe Aufgabe – wie das Begrüßen von Gästen – übernahm, zeigte das nicht nur der Kaiser sehr an dem guten Auskommen der Verhandlungen interessiert war. Aber andererseits war das auch kaum verwunderlich. Immerhin waren die Priester diejenigen die täglich Amory benutzten um mit ihren Göttern zu kommunizieren. Sie benötigten das Amory wirklich dringend.
 
Der Priester in seiner goldenen Robe trat mit gemessenem Schritt direkt vor die Delegation. Er begrüßte sie indem er mit beiden Arme weit ausholte. Die Caerdorianer senkten wieder ihre Köpfe und erkannten so seinen Status an. Dann begann Vert Goh zu sprechen, leider konnte Endar von seiner Position aus nicht wirklich etwas hören. Aber er wusste ja genau um was es ging. Und richtig, Prinz Ewan zeigte die Kiste mit geöffnetem Deckel dem Priester und schien darum zu bitten das Heiligtum betreten zu dürfen. Die Augen von Vert strahlten, ihm schien diese Geste zu behagen. Er drehte sich um und wies die Besucher mit einer weiteren Handgeste an, ihm zu folgen.
 
Endar seufzte. In seiner Verkleidung war es ihm nicht möglich den Schrein der Götter zu betreten. Das war normalen Sklaven bei Todesstrafe untersagt. Nur extra dafür ausgebildete Sklaven durften in den heiligen Hallen den Priestern dienen. Die meisten Arbeiten innerhalb des Götterschreins wurden dennoch von Novizen statt von Sklaven erledigt. Die Götter sollten sich nicht an der Gegenwart von so niederen Wesen stören können.
 
Aus diesem Grund blieb Endar nichts anderes übrig, als weiter hier im Gang darauf zu warten das die Caerdorianer zurückkamen. Er hätte sehr gerne gesehen wie diese auf das Innere des Tempels reagieren würden. Er selbst war fast immer tief beeindruckt wenn er seinen Göttern huldigte. Wie musste das auf Menschen eines anderen Landes wirken, auf Menschen die nicht die Xiranther Götter anbeteten? Endar hätte das gerne beobachtet.
 
Endar wollte nicht länger an einer Stelle bleiben um seine Tarnung nicht zu gefährden, allerdings wollte er auch nicht näher an die Tempeltür heran, das hätte vielleicht zuviel Aufmerksamkeit der Wachen auf ihn gezogen. Tief in Gedanken lief er deshalb auf die andere Seite des Ganges zu. Um mitten im Flur in eine Person zu rennen, von der er nicht bemerkt hatte das sie seinen Weg kreuzte.
 
Endar strauchelte ein wenig unter dem Zusammenstoß. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen das der Mann in den er hereingerannt war, sehr kostbare Kleidung trug. Wie es sich für seine Rolle gehörte, sank er sofort auf seine Knie und senkte beschämt seinen Blick. „Es tut mir leid, hoher Herr, das war nicht meine Absicht. Bitte verzeiht.“
 
Der Adelige schrie Zeter und Mordio. „Das wäre ja wohl auch noch die Höhe!
Du impertinenter Sklave! Für deine Frechheit gehörst du ausgepeitscht! Wie kannst du nur so unverschämt sein und es wagen mich zu berühren! Unglaublich das ein derart schlecht ausgebildeter Sklave sich im Palast bewegen darf! Auspeitschen ist noch viel zu gut für dich!“ scharf grub sich eine Hand des Adeligen in seine Haare und schüttelte ihn.
 
Endar musste sich stark beherrschen um nicht vor Schmerzen aufzuzischen oder, was fast noch schlimmer wäre, seine Hände zur Abwehr nach oben zu nehmen. Gleichzeitig musste er extremst an sich halten um nicht zu Schmunzeln. Er konnte wegen seines gesenkten Blickes zwar nicht erkennen, wen er da beinahe umgerannt hatte, aber die Stimme seines Onkels Teril hätte er überall erkannt. Und dieser, ein Choleriker wie er im Buche stand, wäre sicher noch ungehaltener gewesen, wenn der Sklave den er versuchte zu disziplinieren bei seinen Tiraden gelächelt hätte.
 
Nach einem weiteren Wortschwall löste sein Gegenüber endlich seinen schmerzhaften Griff aus Endars Haar. Dann fasste seine Hand zu Endars Halsreif. Sein Onkel schien zu erkennen das er es nicht mit einem normalen Sklaven zu tun hatte. Unverständliches Grummeln folgte für eine kurze Weile. Dann plötzlich klatschte Terils Hand in Endars Gesicht. Das Geräusch das die Ohrfeige verursachte hallte durch den Flur. Sein Onkel hatte ihn tatsächlich geschlagen. Das war hart an der Grenze zu dem was jemand anderes als der Besitzer einem so hochrangigen Sklaven, wie Endar ihn verkörperte, als Strafe angedeihen lassen durfte. Doch Endar wusste es besser als hier und jetzt zu protestieren. Das würde zu sehr auffallen. „Richte deinem Herrn aus, das er dich gehörig hierfür bestrafen soll. Ich bestehe auf 30 Hieben,“ mit diesen Worten rauschte sein Onkel davon.
 
Endar verharrte erstaunt für einige Sekunden in seiner Haltung. So etwas war ihm in seiner Verkleidung noch nie passiert. Jetzt schlich sich doch ein kleines Lächeln auf sein Gesicht, während er sich die brennende Wange hielt. Glaubten die Adeligen tatsächlich das die Sklaven solche Nachrichten weiterreichten? Teril wusste weder seinen Namen, noch den seines Herren – wenn es denn einen gegeben hätte – wie würde er jemals nachprüfen wollen ob sich der entsprechende Sklave wirklich seine Bestrafung abgeholt hatte?
 
Langsam stand Endar auf und ging jetzt sorgsam auf die andere Seite des Flures. Auch dort begann er damit ein Wandgemälde abzuwischen. Bei dieser Tätigkeit wurde sein Grinsen fast noch breiter. Er konnte es wirklich nicht glauben das sein eigener Onkel ihn nicht erkannt hatte. Es schien tatsächlich so zu sein, sobald man die Kluft der Sklaven trug, wurde man praktisch unsichtbar. Zwar sahen die Leute einen Sklaven, aber nicht die wirkliche Person. Er war zwar bisher noch niemals erkannt worden wenn er in der Verkleidung durch den Palast ging, aber er war auch noch nie jemandem der ihn gut kannte derart nah gewesen. Niemand achtete auf Sklaven, sie waren einfach nur da, ihre Anwesenheit wurde nicht hinterfragt und keiner der Adeligen sah sie wirklich an.
 
Endar wusste nicht genau warum, aber bei diesem letzten Gedanken, machte es plötzlich Klick in seinem Gehirn. Erstaunt atmete er tief aus. Eine beinahe unglaubliche Idee machte sich in seinem Kopf breit. Hatte er nicht vorhin lang und breit darüber lamentiert, das es für ihn keinen Weg gab sich dem Caerdorianischen Prinzen zu nähern? Dies schien die Lösung zu sein! Niemand, wirklich niemand würde etwas dabei finden, wenn ein Sklave sich Ewan nähern würde. Im Gegenteil, es war Bestandteil der Xiranther Gastfreundschaft.
 
Endar konnte kaum glauben was er da dachte. Es war so einfach. Er müsste sich nur heute Abend in Ewans Gemächer begeben. Das würde keinerlei Aufsehen erregen, niemand würde den Bettsklaven mit dem Sohn des Kaisers in Verbindung bringen. Und der Prinz würde ihn auch nicht erkennen können. Zwar würde Endar auch bei den Verhandlungen zugegen sein, aber doch immer in der Maske der Kaiserfamilie. Ewan würde ihn gar nicht erkennen können. Das war so perfekt und so einfach.
 
Vor allem da der Caerdorianer wegen der schlechten Erfahrung in der letzten Nacht keinen Bettsklaven mehr bestellt hatte, würde es auch keine Komplikation in Form von Konkurrenz geben. Und Endar konnte endlich einmal auf die Art und Weise mit einem Mann zusammen sein, wie er es sich schon immer erträumt hatte. Und dann auch noch mit einem Mann wie diesen Caerdorianer.
 
Endar leckte sich nervös über seine trockenen Lippen. Konnte er das wirklich wagen? Die Gelegenheit schien so günstig. Da war dieser fremde Prinz bei dessen Anblick seine Knie weich wurden. Da gab es diese Möglichkeit an den Prinzen heranzukommen. Endar dachte nicht, dass dieser ihn als Bettgefährten ablehnen würde, er war nicht hässlich und er war auch kein Kind. Und das beste an der ganzen Situation, Jarl war nicht im Palast. So eine Gelegenheit würde es wohl nie wieder geben.
 
Alles was Endar brauchte, war Mut. Immerhin würde er als Sklave zu Ewan gehen, dieser könnte mit ihm alles tun was er wollte. Und Endar hatte in seinem bisherigen Leben schon einige bösartige Dinge miterlebt die den Sklaven angetan wurden. Er wusste aus Erzählungen wie Jarl mit seinen Bettsklaven umging. Das war sogar so schlimm, das der Kaiser dessen Privilegien eingeschränkt hatte. Es war absolut nicht ungefährlich sich derart in die Gewalt eines anderen zu begeben. Sobald er Ewans Gemach betreten hatte, würde es kein Zurück geben.
 
Aber dann schalt Endar sich für eine Zweifel aus. Der Caerdorianer war doch nett. Er dachte wieder daran wie dieser den Knaben von letzter Nacht behandelt hatte. Endar kannte keinen Xiranther der auf sein Vergnügen verzichtet hätte um einen Sklaven vor seiner Bestrafung zu bewahren. Ewan musste nett und ehrenhaft sein. Das würde sich sicher nicht ändern, nur weil der neue Bettgefährte kein Kind mehr war. Und außerdem war es doch nur für eine Nacht. Eine Nacht würde Endar überstehen können. Er war ja kein Zuckerpüppchen. Auch das wäre nur ein kleiner Preis um wenigstens einmal in Ewans Armen zu liegen.
 
Endars Hand zitterte während er weiter den Bilderrahmen putzte. Seine Gedanken drehten sich im Kreis, jedes Argument wurde wieder und wieder von allen Seiten beleuchtet. Über diese ganzen Überlegungen bemerkte Endar beinahe nicht, dass die Delegation den Tempel gerade wieder verließ.
 
Mit einem tiefen Seufzen und schweren Gedanken machte sich Endar wieder daran, die Caerdorianer zu verfolgen. Wobei er nie seinen Blick von der Gestallt des Prinzen ließ.
 
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Andra folgte dem Kaiser in dessen Arbeitszimmer. Wie fast täglich verfielen die beiden in ihre gewohnte Routine. Der Kaiser warf seine Maske zur Seite und nahm an seinem Schreibtisch platz. Mit einem tiefen Seufzer griff er sich einen der Trinkpokale und nahm einen großen Schluck. „Bei den Göttern, waren meine Räte heute mal wieder schwer von Begriff.“
 
Andra musste bei dieser Aussage fast Schmunzeln. Auch er setzte sich in seinen gewohnten Stuhl. Sein Vater hatte wie immer Recht. Die heutige Ratsversammlung als anstrengend zu beschreiben wäre eine Untertreibung gewesen. Andra hätte sie als Tollhaus bezeichnet. Die Räte hatten sich aufgeplustert und aufgeregt und hatten zum wiederholten Male versucht die Verhandlungen mit Caerdoria zu kippen. Diesmal weil sie alle pikiert darüber waren, das König Wyndon nur vier Unterhändler entsandt hatte – die Frau und den Leibwächter konnte man ja nicht mitzählen.
 
Und während der gesamten aufgeregten Debatte war der Kaiser kühl und erhaben geblieben und hatte alle auf seinen Kurs eingeschworen. Wenn Andra daran dachte wie empört sein Vater gestern über diese Neuigkeiten über die Zusammensetzung der Caerdorianischen Delegation dachte, war es wirklich ein erstaunliches Bild wie ruhig und beherrscht er heute seine Räte von ihren Standesdünkel abgelenkt hatte. Ein weiteres Beispiel dafür wie grandios der Kaiser seine Untertanen führte.
 
„Andra hattest du schon Erfolg darin mehr über unsere ehrenwerten Gäste herauszufinden?“ fragte sein Vater nach einem weiteren tiefen Schluck des Weines.
 
Andra holte seine Notizen hervor. „Ich habe mich noch gestern Abend vertrauensvoll an den Caerdorianischen Konsul gewandt. Wie nicht anders zu erwarten war er betrunken genug um sehr redselig zu sein,“ mit leichtem Schaudern dachte Andra an diesen Mann, dessen Familie vage Verbindungen nach Caerdoria hatte. Und da sie einige exklusive Handelsverträge hatten – über die wenigen Güter mit denen sich außer Amory ein Handel lohnte – spielte er sich gerne als eine Art Konsul auf. Andra bezweifelte stark, das König Wyndon überhaupt von diesem Mann wusste. Aber nichtsdestotrotz hatte dieser die besten Informationen aus Caerdoria. Mochte sein Titel auch noch so zweifelhaft sein.
 
„So, wenn ich alle Informationssplitter die ich habe zusammenfüge, dann scheint es um unseren prinzlichen Delegationsführer vor 4 Jahren eine Art Liebesdrama gegeben haben. Sein Liebhaber, erstaunlicherweise der älteste Sohn des  Taoiseach – das ist eine Art Premierminister – wurde von Verbrechern getötet. Das scheint alles sehr dramatisch gewesen zu sein und hat Prinz Ewan wohl in eine tiefe Sinnkrise gestürzt. Laut dem Konsul erhält dieser deshalb öfters interessante Aufgaben von seinem Vater zur Ablenkung.
Mit den Namen der anderen Delegationsmitglieder konnte er fast noch weniger anfangen. Die Frau schient allerdings ebenfalls ein Kind des Taoiseach zu sein. Und wenn ich das Caerdorianische Erbrecht richtig verstehe, wird sie wohl später dieses Amt übernehmen. Die Mutter von diesem Struan könnte die Wirtschaftsministerin sein, der Vater von Ciaron einer der hohen Militärs. Immer vorrausgesetzt es handelt sich wirklich um diese Personen, die Nachforschung wäre einfacher wenn der Prinz die gesamte Delegation mit ihren Ämtern und Titeln vorgestellt hätte. Andererseits glaube ich fast das die Vermutungen des Konsuls stimmen, schließlich hatte Endar ja berichtet das alle einen Adelstitel haben sollen.“
 
Der Kaiser stand von seinem Stuhl auf und schritt im Raum auf und ab. Mit seinem Zeigefinger tippte er rhythmisch an seinen Mund. Nach einigen Minuten des Wanderns blieb er vor Andra stehen. „Hm! Als du zuerst erzählt hast das Wyndon seinem Sohn öfters spezielle Aufträge gibt um ihn über dieses sogenannte Liebesdrama hinwegzuhelfen, da wollte ich schon fast ärgerlich werden. Aber ich kann mir nicht wirklich vorstellen das mein königlicher Kollege eine so wichtige Verhandlung an jemanden abgibt der lediglich beschäftigt werden muss. Aber zusammen mit den restlichen Informationen ergibt sich fast ein anderes Bild. Schau noch mal genau hin Andra, was siehst du dann?“
„Eine Handvoll junger Adeliger,“ war Andras erste Reaktion. Aber dann hellte sich plötzlich seine Miene auf, „Die scheinbar alle Eltern in sehr hohen Positionen haben, und wahrscheinlich selbst diese Position einmal einnehmen werden.“
 
Der Kaiser beugte sich über seinen Schreibtisch, mit der einen Faust stütze er sich ab. Die andere Hand zeigte mit dem Zeigefinger zu Andra: „Genau! Wenn mich nicht alles täuscht, dann hat er uns die nächste Generation an Führungsriege seines Reiches geschickt. Da diese Verhandlungen sehr wichtig für die Zukunft unser beider Länder ist, ist das nicht unbedingt eine schlechte Idee.“
 
„Aber warum hat Wyndon dann diesen Ewan geschickt und nicht den Kronprinzen Kenneth? Das würde mehr Sinn ergeben.“ „Da hast du Recht Andra, das habe ich nicht bedacht. Warum Ewan? Wirklich nur um ihn zu beschäftigen? Das müssen wir unbedingt herausfinden.“
 
Bevor Andra seinem Vater antworten konnte wurde die Tür geöffnet und Endar kam mit einem „Verzeiht, ich  konnte nicht früher hier sein.“ in den Raum. Andra sah seinem Bruder lächelnd zu, wie dieser zu seinem Stuhl huschte und sich hinsetzte. Inzwischen trug er wieder die Gewänder eines Prinzen, aber heute morgen hatte Andra ihn in seiner Verkleidung gesehen und beinahe nicht erkannt. „Ja Vater, das sollten wir unbedingt herausfinden,“ stimmte er dem Kaiser noch zu.
 
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Endar rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her während er dem Kaiser Rede und Antwort stand. Er berichtete im Groben was die Delegation diesen Tag alles getan hatte. Er versuchte sich so weit es ging auf diese Tätigkeit zu konzentrieren, trotzdem schweiften seine Gedanken immer wieder ab.
 
Von dem Gespräch und dem halben Streit am Morgen berichtete er so gut wie nichts, irgendwie war ihm das Thema viel zu peinlich, und er glaubte auch nicht das er davon seinem Vater berichten könnte. Er ließ sich darum um so mehr über die Besichtigungstour und den Besuch des Tempels aus. Das schien den Kaiser wirklich zu interessieren.
 
„Interessanter Schachzug, das mit der Opferung. Wirklich nicht übel. Und du sagst das unser geschätzter Vert Goh die Delegation persönlich empfangen hat?“ Endar nickte nur eifrig auf die Frage des Kaisers. „Hm. Da ist der alte Zausel doch schlauer als ich dachte. Sehr interessant. Ich wüsste zu gerne was während ihres Tempel Besuches so alles besprochen wurde.“
 
„Entschuldigt Vater, dort konnte ich sie nicht beobachten.“ „Natürlich nicht. Hm, wer hätte auch gedacht das dir die Delegation an den einzigen Ort entfleucht an den du sie in deiner Verkleidung nicht verfolgen kannst. Nun gut, dann werde ich selbst mit Goh sprechen müssen, am besten gleich morgen Früh noch bevor ich offiziell auf die Delegation treffe. Andra, wenn du gehst, arrangier das bitte für mich.“
 
Auf diese Anweisung hin entbrannte ein reger Diskussionsaustausch zwischen dem Kaiser und seinem zweiten Sohn. Endar hörte kaum mit einem Ohr zu. Immer wieder beschäftigte er sich mit dem Gedanken ob er den Mut finden würde seinen Plan durchzuziehen. Wieder und wieder kreisten alle Überlegungen in seinem Kopf. Er wurde immer unruhiger, fahrig rieb er seine Handflächen an seiner Kleidung. Er würde gerne diesen Raum verlassen, es machte ihn unheimlich nervös ständig dem Blick des Kaisers ausgesetzt zu sein, während er sich im Geheimen mit so schmutzigen Gedanken beschäftigte. Hoffentlich merkte man ihm nichts an.
 
Nach scheinbar endloser Zeit entließ der Kaiser seine beiden Söhne. Gemeinsam gingen sie den Flur entlang. „Du warst ein wenig unaufmerksam, Endar.“ Dieser Satz von seinem Bruder schreckte ihn auf. „Entschuldigung,“ Endar lächelte schwach und versuchte sich herauszureden. „Es war ein langer Tag und ich war nicht von Anfang an bei euerer Besprechung dabei, ich habe nicht alles verstanden.“
 
Ein warmes Lächeln wurde ihm von seinem Bruder geschenkt. „Das ist nicht ganz so schlimm. Ich glaube Vater ist sehr zufrieden mit dem was du herausgefunden hast. Wie war dein heutiger Tag in Verkleidung?“ „Nicht schlecht. Niemand hat mich erkannt. Nicht einmal Onkel Teril.“ Ein lautes Schnauben entkam seinem Bruder: „Ha, das sagt nicht viel aus. Onkel Teril würde nicht einmal seine rechte Hand erkennen, wenn sie nicht an seinem Arm festgewachsen wäre. Du weißt, er ist völlig jenseits. Aber sonst ist alles gut für dich gelaufen?“
 
Endar nickte wieder. Dann fasste er sich ein Herz, immerhin war Andra der einzige Vertraute den er hatte, es gab niemand sonst mit dem er hätte reden können. Vorsichtig, auf jedes Wort bedacht fragte er deshalb: „Andra wenn du dir etwas wirklich wünschen würdest, aber du müsstest einiges riskieren um das zu erreichen, würdest du es trotzdem versuchen?“
 
„Endar was soll ich sagen, deine Frage ist sehr allgemein gehalten. Wie sehr wünscht du dir diese Sache? Und wie sehen die Risiken aus? Wäre es lebensgefährlich?“ Endar schüttelte den Kopf. „Nein, mein Leben wäre auf keinen Fall in Gefahr. Und ich wünsche es mir sehr.“
 
Sein Bruder klopfte ihm fest auf die Schulter. „Nun, ich glaube dann hast du dir deine Frage schon selbst beantwortet. Wer nichts riskiert, kann auch nichts gewinnen,“ mit diesen abschließenden Worten ging Andra fort. Endar glaubte kaum, das dessen Antwort genauso ausgefallen wäre wenn er wirklich gewusst hätte worum es ging. Aber trotzdem hatte er Recht gehabt ihn zu fragen. Manchmal musste man halt etwas riskieren um etwas zu bekommen.