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Rollenspiel Teil 21 bis 24

Kapitel 21

„Duo komm endlich raus,“ rief Nadine mit einem ganz leichten Hauch von Genervtheit in der Stimme.

„Nein,“ antwortete Duo. Ein weiterer Blick in den mannsgroßen Spiegel bestätigte ihn in seinem Entschluss diesen Raum nie wieder zu verlassen.

Was hatte er sich vor drei Tagen nicht gefreut. Endlich schien er seinem großen Ziel zum greifen nahe. Er hatte einen Plan und Heero hatte dem sogar zugestimmt. Er war buchstäblich auf Wolke sieben gewesen und hatte sich selbst dazu gratuliert, dass er Heero dazu gebracht hatte mit ihm öffentlich zu knutschen.

Natürlich nur um Gordon zu ärgern. Das war zumindest die offizielle Version gewesen. Insgeheim hatte Duo sich schon alles ganz genau ausgedacht. Wenn er Heero erstmal im Arm hatte und mit ihm verliebtes Pärchen spielen würde, dann würde der ehemalige Wing Pilot ihm garantiert nicht mehr lange widerstehen können. Duo wusste dass er küssen konnte wie ein Weltmeister. Das würde Heero nicht ignorieren können.

Die Welt hatte also wunderbar ausgesehen und Duo schwebte fünf Zentimeter über dem Boden. Solange, bis gestern Heero beim Abschied gefragt hatte, ob Duo denn sein Kostüm für die Convention schon fertig hätte.

Kostüm! Für die Convention! Duos Unterkiefer wäre beinah auf den Fußboden aufgeschlagen. Das war eins von diesen Unterfangen wo die Rollenspieler in Kostümen hin gingen?

Zum Glück hatte sich Duo nach außen hin nichts anmerken lassen. Wäre ja noch schöner, wenn Heero wieder denken würde dass Duo viel zu ignorant war um zu wissen was denn genau bei einer Convention passierte! Auch wenn er natürlich absolut keine Ahnung von der ganzen Sache hatte.

Aber seine absolute Unkenntnis musste er noch lange nicht zugeben. Deshalb hatte Duo nur gelächelt und zu Heero gesagt, dass dieser sich ruhig überraschen lassen sollte.

Diese Antwort hatte Heero gefallen. Und mit einem Lächeln das Duo um nichts in der Welt enttäuschen wollte war der ehemalige Wing Pilot zur Arbeit gegangen und hatte einen völlig panischen Duo in der Wohnung zurück gelassen.

Duo war sich absolut bewusst, dass er trotz seiner bisherigen Recherchen was Rollenspiele anging überhaupt keine Ahnung hatte wie es auf so einer Convention vor sich ging. Bisher hatte ihn das auch wirklich nur am Rande interessiert und selbst bei seinem Plan als Heeros neue Flamme dort aufzutreten, hatte er sich nur um die Tatsache gekümmert, dass er Heero nah sein würde. Und nicht um solche Nebensächlichkeiten wie die Veranstaltung drum herum.

Etwas, das sich scheinbar rächte. Denn er wollte auf keinen Fall wieder ins Fettnäpfchen treten und mit seinem ungesunden Halbwissen vielleicht mehr kaputt machen als gutes anrichten.

Duo hatte wirklich für einige Minuten vor Panik erstarrt im Wohnzimmer gestanden. Dann war ihm endlich die Lösung gekommen. Oh nicht die Lösung zum eigentlichen Problem, aber ein Weg, wie er an mehr Informationen kam.

Wenn Jamie erstaunt war, dass Duo ihn so früh anrief, dann zeigte der Blonde es kaum. Im Gegenteil, er begrüßte ihn so freundlich, als wäre es vollkommen normal, dass Duo um diese Uhrzeit mit ihm über Vidphone sprach.

Duo kam sehr schnell zur Sache und ohne große Scheu quetschte Duo den anderen nach Informationen aus. Als Duo meinte, mehr über Conventions erfahren zu haben, als er je wissen wollte, fasste er noch einmal zusammen. „Also Heero wird als eine Figur aus seinem Spiel dort auftauchen? Ein Waldläufer?“

Jamie nickte. „Ja, dass ist sein Lieblingscharakter. Den wählt er immer wieder wenn er Deathscythe spielt.“

„Und verkleiden sich alle Leute die auf die Convention kommen?“

„Es ist nicht wirklich verkleiden. Zumindest nicht wie im Fasching-Sinne. Manche Rollenspieler gehen soweit, dass sie sich auch wie ihre Spielcharaktere anziehen. Nur noch sprechen wie im Mittelalter usw. Und bei so besonderen Gelegenheiten wie dieser Convention zeigen sie sich gerne in dieser Aufmachung. Schließlich sind sie in der Rollenspielwelt diese Figur. Aber das heißt noch lange nicht, dass alle die zur Convention kommen das auch tun. Die Mehrheit wird in ganz normalen Klamotten auftauchen.“

„Aber Heero erscheint als Waldläufer?“

„Aber natürlich. Was hast du denn gedacht?“

„Hn,“ murmelte Duo und kaute auf seinem Zopf rum. Gedacht hatte er ja mal wieder gar nicht. „Und nehmen alle Figuren aus den Computerspielen?“

„Nein. Es können auch Charaktere aus Büchern, Filmen oder Rollenspielen sein. Oder einfach nur halbwegs originalgetreue Kleider und Waffen aus dem Mittelalter, oder so. Hängt immer von den Vorlieben der Fans ab. Du wirst dort einen Wikinger neben einem Jedi-Ritter sehen und keiner der Anwesenden findet was dabei.“

„Das grenzt meine Wahl nicht gerade ein,“ murmelte Duo wieder.

Doch Jamie hatte es gehört. „Deine Wahl? Heißt das, du kommst auch zur Convention?“

Duo nickte. „Ich werde Heero begleiten,“ erklärte er. Mehr wollte er nicht verraten.

„Ist das der Grund, wieso Heero jetzt doch kommen wird?“

„Ja,“ sagte Duo schlicht.

„Gut. Mir egal wie du es angestellt hast. Du hast also keine Ahnung?“

„So kann man das ausdrücken. Aber ich will nicht im Räuberzivil dort auftauchen, wenn Heero sich die Mühe macht. Ich möchte zu ihm passen.“ Ihn nicht beschämen.

„Duo mach dich von dem Gedanken los zu Heero zu passen. Sondern denk an dich. Such dir einfach eine Figur die dir gefällt. Vielleicht sogar aus deinem Buch. Denk dran, wie die sich kleidet, welche Gegenstände oder Waffen sie mit sich führt und besorg dir diese Dinge. Du wirst schon allein deshalb zu Heero passen, weil du dich auch in eine andere Figur verwandelst.“

„Aber wo soll ich auf die Schnelle die ganzen Sachen herbekommen?“ Duo geriet wieder in Panik. Als Jamie davon redete sich einfach eine Figur aus seinem Buch als Vorlage zu nehmen, war Duo sofort etwas eingefallen. Und er konnte sich sogar schon fast als diese Figur sehen. Aber er hatte keine Ahnung, wie er all die nötigen Utensilien besorgen sollte.

Jamie lachte. „Ich schick dir mal ein paar Adressen von Rollenspielläden hier aus der Gegend. Mit genügend Kleingeld in der Tasche sollte es kein Problem sein, dich als was auch immer zu verkleiden.“

Irgendwie erstaunte Duo das nicht sonderlich. Er bekam immer mehr den Eindruck dass es unheimlich viele Rollenspieler gab. Mehr, als er je gedacht hätte.

Er dankte Jamie noch mal für die Hilfe und dann, als er das Vidphonegespräch beendet hatte, konnte er zum ersten Mal durch atmen. Er hatte eine grobe Idee als was er gehen wollte und er wusste wo er danach suchen musste. Es fehlte nur noch eins. Mit fahrigen Fingern wählte er eine Nummer die sich schon seid Jahren in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Als die Verbindung aufgebaut worden war, hielt Duo sich nicht erst lang mit einer Begrüßung auf, sondern sagte einfach: „Nadine, ich brauch deine Hilfe.“

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„Duo, wenn du bei drei nicht aus dem Raum raus gekommen bist, dann werde ich rein kommen,“ drohte Nadine.

Duo seufzte schwer. Inzwischen bereute er es fast, Nadine in seinen Plan eingeweiht und mit auf die Einkaufstour mitgenommen zu haben. Wer hätte je gedacht, dass die ansonsten so ruhig und beherrschte Frau fast zum Derwisch wurde, wenn es darum ging ihn aus zu staffieren? „Bleib ja draußen,“ erklärte er noch einmal und warf einen weiteren ungläubigen Blick in den Spiegel.

„Duo stell dich nicht so an. Heero wird bald kommen und dich abholen. Und ich muss dich noch schminken.“

Schminken? „Nur über meine Leiche!“ verkündete Duo. So weit käme es noch. Welcher Teufel hatte ihn nur geritten, bei diesem Irrsinn mitzumachen. Ein weiterer Blick in den Spiegel brachte ihm den gleichen Anblick wie noch vor wenigen Augenblicken. „In diesem Outfit werde ich niemals in die Öffentlichkeit gehen!“ erklärte er noch einmal bestimmt.

„Ach Duo!“ seufzte Nadine. „Gestern hat es dir doch noch gefallen.“

Da hatte Nadine noch nicht einmal unrecht. Duo fragte sich inzwischen allerdings, ob er nicht vielleicht gestern unter Drogen gestanden hatte. Denn solche Kleidung würde er niemals bei klarem Verstand kaufen. „Nadine,“ jammerte er. „Gestern haben die Sachen auch noch gepasst. Heute ist die Lederhose so eng, dass ich kaum Atmen kann. Verdammt, die ist so engt, dass es sich anfühlt, als würde sie zwischen meine Arschbacken rutschen. Sie war doch gestern nicht so eng.“ Duo besah sich ein weiteres mal im Spiegel.

„Natürlich nicht, die hier ist ja auch zwei Nummern kleiner, als die die du gestern anprobiert hast.“

„Nadine!“ schnappte Duo empört. „Wie konntest du nur!“ Wieso hatte er nur seine Freundin den geschäftlichen Teil des Einkaufs erledigen lassen?

„Stell dich nicht so an. Ich will ja nur dein schönsten Körperteil betonen.“

„Betonen? Die Hose sitzt so eng, ich könnte genauso gut auch einfach flüssiges Latex auf meinen Körper streichen!“

„Sei nicht albern. Als ob sie in deiner Fantasy Welt flüssiges Latex kennen würden.“

„Nadiiiiiine,“ wieso musste sie ihn nur so reizen?

„Also für jemand, der noch vor ein paar Tagen den Plan hatte sich Heero nackt auf den Bauch zu binden, zierst du dich jetzt aber schon gewaltig.“

„Aber…“

„Nichts aber. Glaub mir, Wenn Heero diesem Anblick widerstehen kann, dann steht er wirklich nicht mehr auf Männer. Und jetzt komm raus, ich will mein Werk begutachten und vollenden.“

Duo seufzte noch mal, dann ging er in den anderen Raum. Was blieb ihm auch anderes übrig. Heero würde in ein paar Minuten in die Hotelsuite kommen um dann mit ihm zusammen in das angrenzende Kongresszentrum zu gehen. Die Convention hatte vor kurzem ihre Tore geöffnet – die ganz hart gesottenen Fans hatten sogar schon stundenlang in der Schlange davor gestanden. Heero war mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Aber in spätestens einer halben Stunde würde er dort in all den Menschenmassen sein müssen.

Mit Duo an seiner Seite.

Duo seufzte erneut. Nadine pfiff anzüglich. „Ja, die Farbe steht dir wirklich gut. Solltest du öfters tragen.“

Duo warf ihr nur einen bitterbösen Blick zu, sagte aber nichts mehr. Die Kleidung fühlte sich ungewohnt an, obwohl sie im Grunde gar nicht so verschieden von seinen normalen Klamotten war. Da hätte er sich eine Figur mit komplizierterem Kostüm aussuchen können.

Das war im Grunde auch das Argument gewesen, dass für diesen Charakter ausschlaggebend gewesen war. Duo musste sich nicht all zu sehr verändern.

Nadine hatte ihn die ganze Zeit von oben bis unten betrachtet. „Ok,“ sagte sie plötzlich. „Mach die Haare aus dem Zopf.“

„Was?“ fragte Duo empört. „Das geht nicht, sie werden Kletten bilden.“

Nadine rollte mit den Augen. „Das eine Mal kannst du es schon riskieren. Sei kein Baby.“

„Aber, aber die Figur hat auch einen Zopf.“

„Das schon, aber Heero kennt dich nur mit dem Zopf. Vertrau mir, mit offenem Haar wirst du ihn umwerfen.“

Die Idee gefiel Duo. Deshalb machte er mit geschickten Fingern seinen Zopf auf. Als die lange Haarmähne befreit war, warf er aber noch ein: „Die werden mir die ganze Zeit ins Gesicht fallen. Das mag ich gar nicht.“

„Keine Sorge, daran hab ich gedacht.“ Nadine trat zu ihm und bevor Duo protestieren konnte, hatte sie schon zwei Haarsträhnen von jeder Seite genommen und begann damit einen dünnen Zopf zu flechten. „So, perfekt,“ verkündete sie, als sie fertig war.

Duo betrachtete sich wieder im Spiegel. „Ich weiß nicht,“ murmelte er. Irgendwie erinnerte ihn diese Frisur an Relena. Und an die Frau wollte er so wenig wie möglich denken. „In meinen Büchern tragen die ihre Haare aber nicht so.“

Nadine zuckte mit den Schultern. „Aber so hab ich es schon in einigen Filmen gesehen. Und jetzt hör auf zu jammern.“ Dann zog sie eine kleine Dose hervor und begann damit auf seine Haare etwas zu sprühen.

„Hey, was ist das?“ fragte er empört.

„Halt still. Das ist nur ganz einfaches Highlight Spray. Wird deinem Haar ein besondern Glanz geben.“

„Ich bin mir ganz sicher, dass es so was in meiner Welt nicht gibt,“ protestierte Duo.

„Dann sollten sie es mal bald erfinden.“ Und bevor Duo noch mehr protestieren konnte, begann Nadine auch damit seine Augenlider nachzuziehen. Und dann brachte sie den letzten Teil seiner Verkleidung an. Da Duo wusste, dass er eh auf verlorenem Posten war, beugte er sich einfach und ließ es über sich ergehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, hörte Nadine endlich auf an ihm herum zu hantieren. „Fertig,“ sagte sie. Dann reichte sie ihm noch die letzten Acesoirs. Duo fummelte ein wenig herum, dann saß alles.

„Du kannst dich ruhig wieder im Spiegel betrachten,“ sagte Nadine.

Irgendwie hatte Duo genau das in den letzten Minuten vermieden. Aber seine Neugierde siegte.

Was er sah, überraschte ihn zum einen, zum anderen aber nicht. Schließlich hatte der die Kleidung schon vorhin im Spiegel gesehen. Es fing an bei den dunkelbraunen, weichen Lederstiefeln. Dann die – unheimlich enge, aber irgendwie trotzdem bequeme – Hose aus dunkelgrünem Leder. Oben rum trug er ein beiges Hemd aus grobem Leinen. Darüber ein dunkelgrünes Lederwams und um die Handgelenke Lederarmschienen. Komplettiert wurde seine Kleidung von den überkreuzten Riemen, mit dem der Pfeilköcher und der Bogen auf seinem Rücken befestig wurde.

Schon erstaunlich wie sehr ihn allein schon diese Kleidung veränderte. Dann wanderte sein Blick endlich zu seinem Gesicht. Und Duo musste schwer schlucken. Die neue Frisur und die spitzen Ohren ließen ihn tatsächlich wie jemand anderes aussehen.

„Der perfekte Elf,“ sagte Nadine in diesem Moment.

Und Duo konnte ihr nur zustimmen. Komischerweise fühlte er sich jetzt tatsächlich fast wie diese Figur aus seinem Buch. Er konnte sich beinah vorstellen durch die Wälder seiner Welt zu wandern. Trotzdem. „Bist du wirklich sicher, dass ich so unter die Menschen soll?“

Nadine beugte sich vor und hauchte ihm einen Freundschaftlichen Kuss auf die Wange. „Sei unbesorgt. Du siehst phantastisch aus. Er wird dir nicht widerstehen können. Nur vermassle es nicht.“

Duo schob sein Kinn vor. „Das hab ich nicht vor.“

„Gut!“ erwiderte Nadine. Dann gab sie ihm einen Klaps auf den Hintern und sagte: „Dann auf in den Kampf.“


Kapitel 22

Duo hatte geglaubt für den Tag bereit zu sein. Doch als es ein paar Augenblicke später an der Tür klopfte schlug sein Herz vor Aufregung doch bis hoch zu seinem Hals. Tausend Fragen rannten durch seinen Kopf. Was Heero wohl von seinem Kostüm hielt? Ob Heero auf ihn reagieren würde? Und wenn ja, wie? Was würde alles auf der Convention passieren?

Er wusste es nicht, aber jetzt gab es kein zurück mehr. Nicht dass er das hätte haben wollen. Dies hier war seine Chance Heero nah zu sein. Und gleichzeitig Gordon eins auszuwischen! Was mindestens genauso wichtig war.

Während sich die Tür zum Hotelzimmer öffnete beugte sich Nadine noch einmal über seine Schulter und flüsterte, „Ich wiederhol mich gerne. Vermassle es, und ich werde dich übers Knie legen.“

Duo warf seiner Freundin einen bösen Blick zu. Wieso glaubte sie nur, dass er diese Warnungen noch nötig hatte? Aber dann wurde er davon abgelenkt, dass Heero den Raum betrat. Und in der Sekunde hätte neben Duo eine Bombe einschlagen können, er hätte es nicht bemerkt. Seine ganze Aufmerksamkeit gehörte in diesem Moment Heero.

Duos Augen weiteten sich bei dem Anblick, der sich ihm bot. Heero war ja sowieso schon von Natur aus eine Augenweide, aber als Waldläufer sah er – so unglaublich das auch klingen mochte – sogar noch besser aus.

Ohne sich dessen zu schämen, ließ Duo seine Augen anerkennend über den anderen wandern. Heeros Kostüm schien noch besser zu sein als seines. Kein Wunder, schließlich hatte Heero ja auch mehr Zeit und Energie hinein gesteckt. Und es war jede Mühe wert gewesen.

Ähnlich wie Duo trug Heero weiche, dunkelbraune Lederstiefel. Aber da hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Er hatte eine braune Lederhose an – die nicht ganz so eng saß wie die von Duo, gehalten von einem breiten dunkelbraunen Gürtel. Sein Hemd war dunkelblau, was seine Augenfarbe unheimlich betonte. Über dem Hemd trug auch er eine Art Lederwams. Und über dem ganzen hatte er einen tiefroten Umhang. An dem Gürtel baumelte ein Kurzschwert, das schien alles zu sein, was Heero an Bewaffnung hatte. Heeros Haare waren noch unordentlicher als sonst. Aber das rundete das Aussehen nur noch ab. Dadurch wirkte Heero erst besonders sexy.

„Heero, du siehst wirklich gut aus,“ sagte Duo anerkennend.

Erst nachdem er dies gesagt hatte, kam er dazu Heeros Gesichtsausdruck genau zu studieren. Und er sah, wie dieser ihn ebenfalls von oben bis unten betrachtete. Er konnte genau erkennen, wie Heero zweimal trocken schlucken musste, bevor er überhaupt eine Erwiderung hervor brachte. „Du aber auch Duo. Mehr als das, du siehst umwerfend aus. Super Kostüm. Steht dir unheimlich gut. Ich nehme an, du stellst Struan da?“

Bei dem Kompliment verwandelten sich Duos Knie in Wackelpudding. Das Kostüm zu dem Nadine ihn gedrängt hatte schien sich also doch ausgezahlt zu haben. Vielleicht würde er ihr sogar die viel zu enge Hose verzeihen. Wenn er dafür diesen fast hungrigen Blick von Heero erntete, dann auf jeden Fall.

Als Duo dann den Namen hörte, nickte er heftig. Heero hatte richtig geraten und die Elf-Figur aus seiner Welt erkannt. Er wusste zwar das Heero seine Bücher mochte – sogar mehr als dass oder er wäre nie auf die Idee gekommen sie als Grundlage zu seinem neuen Spiel zu nehmen. Trotzdem löste es ein warmes Gefühl in Duos Magengegend aus, dass der andere ihn sofort erkannt hatte.

„Na ja,“ lächelte Duo fast verschämt. „Struan hat ja blonde Haare, deshalb sagen wir wohl lieber, ich bin ein Elf aus meiner Welt. Und du hast eine Figur aus Deathscythe gewählt. Du siehst wirklich aus, genau wie die Figur im Spiel. Oder wurde die Figur nach dir gestaltet?“

Heero schaute für eine Sekunde leicht verlegen drein. „Von beidem etwas,“ murmelte er dann.

Plötzlich klatschte Nadine in die Hände. „Ich will euch ja nicht unterbrechen Jungs, aber ich muss mich auch noch für die Convention fertig machen. Also husch, husch.“ Sie machte eine scheuchende Geste und versuchte sie aus dem Raum zu drängen.

Duo zog seine Augenbraue nach oben. „Du willst auch auf die Convention?“ Der Gedanke war ihm bisher noch gar nicht gekommen.

Nadine murmelte etwas das sich wie: „… um nichts in der Welt verpassen…“ anhörte. Dann räusperte sie sich einmal und erklärte lauter: „Wo ich mir schon solche Mühe gemacht hab, will ich jetzt auch sehen wie es auf der Convention ist. Aber ich brauch noch etwas bis ich soweit bin. Darum geht doch einfach schon mal los. Ich werde wohl später zu euch stoßen. Sobald ich mir alles genau angeguckt hab.“

Duo nickte wieder. War vielleicht gar nicht schlecht, dass Nadine sich nicht sofort anschloss. Immerhin wollte Duo erstmal all seinen Charme auspacken und auf Heero wirken lassen. Da brauchte er nicht unbedingt seine beste Freundin als Zeugin. Ohne groß nachzudenken schnappte er sich Heeros rechte Hand und zog ihn hinter sich her. „Bis später,“ rief er noch über seine Schulter.

„Sei vorsichtig,“ ermahnte ihn Nadine noch einmal. Am liebsten hätte er ihr einen leichten Deathglare zugeworfen, aber die Tür zur Hotelsuite war schon ins Schloss gefallen. Außerdem hatte er etwas viel interessanteres um das er sich kümmern musste. Heeros Hand. Sie fühlte sich wunderbar an, wie sie in seiner lag. Deshalb drückte er extra fest zu, als er bemerkte dass sich Heero von ihm lösen wollte. „Hey,“ sagte er in einem leicht Lehrerhaften Tonfall und erklärte weiter, „du solltest dich daran gewöhnen.“

Heero starrte ihn mit großen Augen an. Ein Anblick, dem Duo einfach nicht widerstehen konnte. Und so beugte er sich mit einer schnellen Bewegung vor und kurz bevor seine Lippen die des anderen berührten sagte er noch spielerisch: „Genau wie an das hier!“

Dann trafen sich ihre Lippen. Und Duo meinte Sterne vor seinem inneren Auge explodieren zu sehen. Im Vergleich hierzu war der Kuss am Silvesterabend fast unbedeutend. Heero war dicht an ihn gepresst und seine Lippen öffneten sich fast widerspruchslos. Der Kuss wurde intensiver als Duo seine Zunge tief in Heeros Reich führte. Der andere schmeckte so gut. Genauso wie sich Duo an ihn erinnerte. So hatte sich Heero immer angefühlt. Für eine Sekunde lamentierte Duo wieder über seine eigene Dummheit dass er den anderen damals verloren hatte. Aber dann hatte er wichtigeres auf das er sich konzentrieren musste.

Tiefer und tiefer wurde ihr Kuss, und Duo war schon kurz davor den anderen gegen die Wand zu pressen und hier und jetzt zum äußersten zu gehen, als eine ziemlich laute Stimme zu seinem Gehirn durchdrang. „Hey, habt ihr kein Hotelzimmer?“ Und eine zweite Stimme fügte hinzu, „Leute gibt’s!“ wobei man praktisch das Augenrollen dieser Person hören konnte.

Duo wurde bewusst, dass sie beide in einem ziemlich belebten Hotelflur standen. Das hier war weder die Zeit, noch der Ort derart intensiv mit Heero zu küssen. Und so brach er langsam und widerstrebend ihren Lippenkontakt. Sie hatten schließlich eine Mission zu erfüllen.

Als er etwas Abstand zwischen sie beide gebracht hatte, schaute er Heero direkt in die Augen. Und sein Herz bekam einen Stich, als er die unterschiedlichen Emotionen in ihnen erkannte. Oh, es war eindeutig Lust drin zu lesen – vielleicht sogar Liebe. Obwohl nach diesem Kuss gab es sowieso keine Zweifel mehr daran, dass Heero ihn attraktiv fand.

Aber es lag auch eine tiefe Traurigkeit und Schmerz in Heeros Ausdruck. Etwas, dass durch seinen nächsten Satz sogar noch unterstrichen wurde. „Ja, daran muss ich mich gewöhnen. Für die Show.“ Selbst Heeros Stimme klang traurig.

Und auf einmal wurde Duo schrecklich bewusst, was Nadine die ganze Zeit mit ihren Warnungen gemeint hatte. Bis zu dem Moment, wo sie von ihrem Einkaufswahn überwältigt wurde hatte sie versucht ihn vor diesem Plan, diesem Spiel zu warnen. Und er hatte nur einfach nicht hören wollen.

Aber jetzt sah er klarer. Es war fast erschreckend wie klar er sah. Heero dachte dass all das was er hier tat nur Teil ihres Planes war. OK, das war die Ausrede die Duo gebraucht hatte um den anderen überhaupt dazu zu bringen mitzumachen. Aber der ehemalige Wing Pilot konnte doch wohl nicht tatsächlich glauben, dass er ihn SO küssen würde um irgendwelche Leute etwas glauben zu lassen, das nicht existierte?

Das konnte doch wohl nicht wirklich sein, oder? Anscheinend doch. Und Duo hätte sich am liebsten selbst in den Hintern getreten. Natürlich, Heero glaubte tief im Inneren immer noch an den Schwachsinn den Gordon ihn immer wieder gesagt hatte. Glaubte dass er nicht begehrenswert war. Und wenn man bedachte, wie sie sich damals getrennt hatten, dann war es vielleicht sogar verständlich, dass Heero schon gar nicht glauben konnte, dass Duo es jetzt ernst meinte.

Nadine hatte es immer gesagt, doch bis zu diesem Moment hatte er es nur am Rande verstanden. Und jetzt hatten sie ein Problem. Oh nicht die Tatsache, dass sie für den heutigen Tag die Scharade aufrecht halten mussten. Sie waren beide Profis genug um das zu schaffen.

Nein das eigentliche Problem lag woanders. Duo wollte Heero nicht weiter verletzen. Wollte das der andere genau wusste, dass er all dies nicht machte um Gordon eins auszuwischen. Sondern weil er es einfach wollte. Weil er sich danach verzerrte Heero im Arm zu haben, ihn zu schmecken, ihn zu besitzen, ihm zu gehören. Er wollte Heero und der Rest der Welt konnte ihm mal gepflegt den Buckel runter rutschen.

Aber er wollte auch, dass Heero den ersten Schritt machte. Er hatte Nadine genau erklärt wieso. Und diese Gründe hatten sich nicht um einen Deut verändert. Wie könnte er je sicher sein, dass Heero sich nicht nur an ihn klammerte, weil er sich ihm angeboten hatte? Duo war sich immer noch nicht sicher, ob Heero nicht einfach den nächst Besten nehmen würde, der ihm sagte dass er ihn wollte.

Aber dann trat sich Duo selbst in den Hintern. Heero würde nicht so enttäuscht über die Tatsache sein, dass er alles für ein Spiel hielt, wenn ihm nichts an Duo liegen würde. Er hatte doch vorhin mehr als deutlich gesehen, dass der andere ihn attraktiv fand. Und sie verstanden sich so gut. Heero vertraute ihm.

Das musste reichen, beschloss Duo. Er musste jetzt Heero helfen und einmal seine eigene Unsicherheit in Kauf nehmen. Er würde dem anderen alles in Ruhe erklären. Vielleicht sogar ehrlich genug sein und seine Ängste und Befürchtungen äußern. Danach wäre es dann wirklich an Heeros Stelle den nächsten Schritt zu tun. Aber er sollte zumindest vorher wissen, dass Duo ihn wollte. Sich nach ihm verzehrte.

Aber wie so immer bei Duos großen Erkenntnissen, war das jetzt weder die Zeit, noch der Ort sich Heero zu erklären. Im Flur liefen Menschen auf und ab, und sie wurden auf der Convention erwartet. Die Sache würde also noch etwas warten müssen.

Aber sie hatten sieben Jahre gewartet, kam es da wirklich noch auf einen weiteren Tag an? Trotzdem wollte er Heero schon etwas von dem großen Geheimnis wissen lassen. Darum beugte er sich erneut vor, ließ für einen kurzen Augenblick seine Lippen wieder über die des anderen tänzeln. Dann sagte er: „Was auch immer heute noch passiert, es ist nicht alles Show, Heero!“

Er sah wie sich die Augen des anderen fragend weiteten. Doch Duo platzierte schnell seinen Finger auf dessen Lippen. „Wir reden heute Abend darüber. Das verspreche ich.“


Kapitel 23

Duo wusste, dass Heero ihn am liebsten sofort darüber ausgefragt hätte, was denn seine Bemerkung zu bedeuten hätte. Aber genau darauf hatte Duo natürlich keine Lust. Heute Abend würde das Gespräch schon schwierig genug werden. Außerdem könnte er die Zeit bis dahin vielleicht nützen um sich zumindest halbwegs zu überlegen was er Heero denn genau sagen wollte. Die Wahrheit – soviel war klar – aber wie und wie viel, das war noch nicht ganz so sonnenklar.

Und am einfachsten konnte er jede weiterführende Diskussion aus dem Weg gehen, wenn er diese erst gar nicht zuließ. Deshalb schnappte er sich einfach wieder Heeros Hand und zog den anderen hinter sich her. „Keine Müdigkeit vorschützen, wir werden erwartet,“ erklärte er betont fröhlich.

„Hn,“ kam es als Erwiderung. Aber Heero ließ sich tatsächlich ohne groß zu protestieren mitziehen. Wahrscheinlich war er immer noch halb geschockt von Duos Aussage. Duo war alles Recht, solange er sich nicht hier und jetzt erklären musste.

Als sie das Ende des langen Flurs fast erreicht hatten – und Duo wusste dass sie von dort nur noch den Fahrstuhl hinab zum Kongresszentrum nehmen mussten, fragte er: „Wie sieht denn jetzt der Zeitplan für heute genau aus?“

„Hast du denn die E-Mail nicht genau gelesen?“ kam Heeros Entgegnung.

Duo pustete sich ein paar vorwitzige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ähm, nur überflogen,“ gab er zu. Er war schließlich mit was anderem beschäftigt gewesen. Er hatte sich dieses Kostüm besorgen müssen. Bei diesem Gedanken wurde er wieder an seine viel zu enge Hose erinnert. Was hatte Nadine sich dabei nur gedacht? Sein schönstes Körperteil wollte sie hervorheben. Hah, wahrscheinlich hatte sie eher vor ihn impotent zu machen. Duo wusste dass er Unsinn dachte, aber sein Gehirn versuchte sich halt irgendwie von der ganzen Situation abzulenken.

„Nun, zunächst hatte ich vor mich ein wenig auf der Convention umzusehen. Ich will wissen was die Konkurrenz so treibt. Einfach das Gefühl für die Convention wieder zu bekommen. Dann müssen wir zum Stand von Wing. Gegen elf fängt dort das VIP Treffen statt.“

„VIP?“ fragte Duo erstaunt. Bei VIP Treffen musste er unweigerlich an etwas denken, zu dem auch Relena sich gesellen würde. Aber er konnte sich irgendwie nicht so richtig vorstellen wie Heero sich mit der Highsociety zum Cocktail schlürfen und Small Talk traf. Und irgendwie schien das auch nicht zu dieser Convention zu passen – geschweige denn zu ihrem Outfit.

„Ja,“ bestätigte Heero. „Die besten Spieler und aktivste Fans von Deathscythe, und ein paar andere Freunde aus dem Genre haben im Prinzip so was Backstage Karten bekommen. Die dürfen in die ‚geheimen’ Räume des Wing Standes. Ist immer sehr interessant. Um zwölf gibt es dann die Pressekonferenz wo ich die Pläne mit dem neuen Spiel verkünden werde. Danach ist eine offizielle Autogrammstunde vorgesehen. Die geht bis zwei. Aber ich werde wahrscheinlich die ganze Zeit am Stand sein.“

„Hört sich anstrengend an,“ gab Duo zu bedenken.

„Das ist es,“ aber Heeros Tonfall wirkte eher fröhlich. „Aber es ist immer wieder spannend auf einer Convention zu sein. So nah an den Fans bin ich selten. Auch wenn ich mich übers Internet unheimlich aktiv am Fandom beteilige. Es ist schön direkt die Leute zu sehen, die meine Spiele lieben. Mit ihnen in Kontakt zu sein.“

„Das kann ich ziemlich gut verstehen,“ erklärte Duo und meinte es auch so. Und dann fiel ihm ein, dass Heero fast auf diese Convention verzichtet hätte. Nur wegen Gordon. Von wie viel Dingen die ihm am Herzen lagen hatte sich Heero wegen Gordon abbringen lassen? War das erst jetzt nach ihrer Trennung geschehen, oder hatte Gordon schon vorher Heeros Leben bestimmt?

Heero hatte mal erwähnt, dass er und der Zwerg sich öfters wegen Wing gefetzt hatten. War das nur wegen unterschiedlicher Geschäftsaufassungen gewesen, oder war das sogar noch tiefer gegangen? Duo nahm sich vor auch dieses Geheimnis zu lüften.

Heero war am Fahrstuhl stehen geblieben und warf Duo ein schräges Halblächeln zu. „Danke noch mal das du mir heute hilfst. Ich hoffe es wird nicht zu langweilig für dich.“

Duo schenkte ihm sein strahlendstes Lächeln. „Heero, du bist mein bester Freund. Ich wüsste nichts, was ich heute lieber täte. Außerdem welch besseren Führer zu dieser Convention würde ich schon je bekommen können, als den berühmten Gründer von Wing?“

Heero wurde tatsächlich etwas rot um die Nase. Es war schwer zu erkennen, man musste schon genau hinsehen. Aber wenn Duo etwas tat, dann Heero genau ansehen. „Ich wusste gar nicht, dass du dich so für die Convention interessierst.“

„Um ehrlich zu sein, ich wusste es auch nicht. Aber dies alles,“ Duo machte eine große ausholende Geste, „ist für dich sehr wichtig. Ist ein Teil deines Lebens. Ich sollte mal so langsam meine Ignoranz was diese Sache angeht verlieren. Außerdem, jetzt wo meine Fantasie Welt ein Teil dieses Rollenspiel Universums wird, will ich auch für mich mehr darüber wissen. Es ist nicht mehr nur noch dein Ding, wenn du verstehst was ich damit sagen will.“

„Ein bisschen. Und es freut mich, dass du dich jetzt hierfür interessierst.“

„Zeit wird’s, oder?“ fragte Duo leise.

Über Heeros Gesicht huschte ein sekundenkurzer, trauriger – fast sehnsüchtiger – Ausdruck. Aber der ehemalige Wing Pilot sagte nichts mehr, er drückte nur noch einmal kurz Duos Hand und dann stiegen sie zusammen in den Fahrstuhl.

Duo hätte jetzt fast am liebsten diesen Ausdruck von Heero analysiert. Sein Gehirn war schon bereit, ihn mit allen möglichen Interpretationsmöglichkeiten zu versorgen. Aber das würde ihn jetzt einfach viel zu sehr ablenken. Und so versuchte er es im Keim zu ersticken und für später aufzuschieben.

Das war auch gar nicht so schwierig wie er gedacht hatte, denn als ein paar Momente später die Aufzugstür aufging und sie auf die Galerie über einer der Konferenzhallen hinausgehen konnten, ermöglichte dies einen ungehinderten Blick auf die Convention. Und Duo konnte nur noch eines denken und sagen: „Wow!“

Mit offenem Mund betrachtete er das Gewühl unter ihm. Dicht an dicht gedrängt strömten dort die Menschen durch die Gänge. Überall gab es Stände. Verkaufs- oder Fangruppenstände. Es wirkte wie ein heilloses Durcheinander und trotzdem schien es eine Ordnung zu geben. Zwischen den Ständen gab es breite Wege und für eine so große Menschenansammlung bewegten sich die Besucher relativ entspannt von einem Stand zum anderen.

Soviel Duo sehen konnte, waren die meisten der Besucher in normalen, bequemen Straßenklamotten gekleidet. Viele hatten prall gefüllte Rucksäcke dabei. Und über allem lag irgendwie eine fiebrige Erwartung die die Luft zu elektrisieren schien. Man konnte fast spüren wie freudig gespannt die Besucher der Convention waren.

Aus der Menge an Leuten stach aber auch immer mal wieder jemand hervor, der wie sie auch verkleidet war. Duo musste Jamie Recht geben, es schien nicht wirklich ein richtiges oder falsches Kostüm zu geben. Er sah Gestallten aus den neuesten Science Fiction Filmen die Köpfe mit Wikingern zusammenstecken. Keiner nahm an dem anderen Anstoß. Es ging wohl nur darum, dass sie alle etwas gemeinsam hatten. Ihre Freude an der Convention.

„Wow!“ erklärte Duo noch einmal. „Wie viel Leute sind das denn?“

Um Heeros Mundwinkel bildete sich ein leichtes Lächeln. „Ich glaub im Vorverkauf wurden über 30000 Karten verkauft. Wobei für die Tageskasse auch noch mal ungefähr 5000 Karten geplant waren.“

„So viele?“ fragte Duo ungläubig. Es sah zwar nach einer großen Masse an Menschen aus, aber die Zahl wirkte fast übertrieben.

Heero lachte jetzt kurz auf. Er wirkte wirklich amüsiert. „Duo das ist nur die erste von 6 Hallen. Natürlich sind nicht alle hier. Das verteilt sich schon ein bisschen.“

Für so groß hätte Duo die ganze Sache dann doch nicht gehalten. Aber andererseits, er hätte es vermuten sollen. Wenn dies DIE Convention schlechthin war, dann wurde dich sicherlich nicht nur für 5 versprengte Fans veranstaltet. Ansonsten würde sich der ganze Aufwand ja gar nicht lohnen.

Der Lärmpegel unter ihnen wurde immer größer. Wie nicht anders zu erwarten bei so vielen Menschen, die redeten und lachten. Duo hatte das Gefühl er müsste immer lauter reden um Heero zu erreichen und um seine Stimme etwas zu schonen beugte er sich dicht an den anderen. „Was machen wir jetzt?“

„Jetzt stürzen wir uns ins Getümmel und versuchen uns zur Halle 5 durchzuschlagen. Dort ist nämlich der Wing Stand.“

„Ich will dich in dem Gewühl nicht verlieren,“ erklärte Duo. Er hatte plötzlich die Horrorversion vor Augen, dass er ohne Heero durch diese Masse an Menschen gehen musste. Er hatte schon von hier aus den Überblick verloren, wie sollte er sich dann zurechtfinden, wenn er erst direkt in dem Getümmel war?

„Das wirst du nicht,“ beruhigte Heero. Dabei hob dieser seine Hand hoch, die immer noch fest mit der von Duo verbunden war. „Ich werde dich nicht loslassen.“

Irgendwie wurde Duo bei dieser Aussage ganz schummrig und seine Knie wurden weich. Heero war garantiert nicht klar, dass man diese Aussage auch anders interpretieren konnte. Und Duo gefiel der Gedanke, dass Heero ihn nie wieder loslassen würde außerordentlich gut.

So gut, das ein strahlendes Lächeln sein Gesicht überzog und er seine Scheu vor der Menschenmenge auf der Stelle vergaß. „Dann lass uns losgehen,“ flüsterte er noch einmal in Heeros Ohr.

Und das taten sie dann auch. Heero übernahm die Führung und Duo war einen halben Schritt hinter ihm. Gemeinsam gingen sie die große Treppe von der Galerie herunter und dann mischten sie sich unter all die anderen.

Nach nur einigen wenigen Schritten hatte sich Duo schon soweit an seine Umgebung gewöhnt, dass es ihm nicht zu merkwürdig vorkam. Er bewegte sich mit den anderen, schaute alles aus großen Augen an und wurde von anderen angeschaut. Anscheinend waren sein und Heeros Kostüm ein Hingucker.

Neugierig warf Duo auch immer wieder Blick auf die verschiedenen Stände an denen sie vorbei kamen. Dort schien alles mögliche in der Auslage zu sein. Rüstungen und Waffen aber auch Getränke. An anderen Ständen sah er dann nur Papiere ausliegen und kleine Figuren.

„Ist der Wing Stand auch so?“ Er wusste ja nicht wirklich was ihn dort erwartete, aber irgendwie brachte er die Erzählungen von Heero nicht mit dem in Einklang, was er hier sehen konnte.

Heero schüttelte leicht den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Hier in der Halle sind eher die Ausrüster für Rollenspieler angesiedelt. Das siehst du ja an den Kostümen und Waffen.“

„Aber Met?“ fragte Duo noch einmal nach.

„Ein sehr wichtiger Bestandteil von vielen Rollenspiel Abenteuern,“ bestätigte Heero ernsthaft.

„Du willst mich auf dem Arm nehmen, oder?“ Duo freute sich unheimlich darüber, dass Heero so sehr aus sich herausging, dass er dazu in der Lage war.

„Vielleicht ein wenig. Ein paar von den Rollenspielern treiben ihre Rolle bis zum extrem. Sie treffen sich nicht nur zum spielen, sondern auch um es zu leben. Und dazu gehören dann nicht nur Kleidung aus der Zeit in der ihre Rolle angesiedelt ist, sondern manchmal auch Lebensmittel. Das vergrößert nur den Spaß.“

„Aha, und wozu sind die ganzen Zettel?“

„Das sind wahrscheinlich neue Abendteuer oder Quests für bestimmte Spiele. Aber um auf deine Ursprungsfrage zurück zu kommen, der Stand von Wing ist anders. Zum einen viel größer, denn wir haben nicht nur die Auslage mit unseren Produkten, wir haben z.B. auch einen großen Bereich wo man direkt spielen kann. Wir haben einen extra Quest für das neue Deathscythe programmiert, dass hier seine Premiere haben wird. Und jeder der möchte kann sich daran versuchen. „

„Macht ihr so was öfters? Ich mein, dass ist sicher nicht ganz billig, so was extra herzustellen?“

„Klar, damit sind auch Kosten verbunden. Aber die Fans lieben es, darum haben wir so etwas ähnliches bisher jedes Jahr zur Convention gemacht. Jeder der es schafft wird mit seinem Spielernamen auf unserer Website erwähnt, der beste sogar zum Meister gekürt. Eine bessere Werbung gibt es nicht. Aber es hat immer Erbsenzähler im Vorstand gegeben, die diese Ausgaben für unnütz erachtet haben.“

Duo konnte sich ganz genau vorstellen wer denn dagegen gewesen war, deshalb ging er erst gar nicht tiefer auf das Thema ein. „Ich bin schon ziemlich gespannt auf euren Stand.“

Als Antwort drückte Heero nur seine Hand.

Nachdem sie sich durch diese Halle gewühlt hatten, betraten sie die nächste. Und danach wiederum die nächste. Duo konnte sich inzwischen schon fast gar nicht mehr satt sehen an all den verschiedenen Ständen und Menschen. Es machte Spaß hier durch die Menge zu gehen und er konnte mehr als genau verstehen, wieso Heero sich das nicht entgehen lassen wollte. Neben all den interessanten Eindrücken die Duo bekam, spürte er auch von überall her die Energie die über dem ganzen lag. Man merkte, dass die Leute nicht hier waren weil sie es mussten, sondern weil sie es wollten, weil sie sich darauf freuten.

Duo wusste nicht genau wie lange sie durch die Hallen wanderten, bei all den verschiedenen Eindrücken hatte sich sein Zeitsinn als erstes verabschiedet.

„Wir kommen jetzt zur Halle mit für die Computerrollenspiele,“ sagte Heero plötzlich und Duo konnte genau spüren wie freudig erregt der andere war.

„Cool,“ sagte Duo. Dann stupste der Heeros Schulter mit seiner eigenen an. „Ich bin ja schon so gespannt.“

„Nur noch ein paar Minuten,“ erklärte Heero.

Dann betraten sie die Halle. Sie war etwas anders gestaltet, als die vorherigen. Die Stände waren größer, es schien mehr technisches Equipment zu geben. Aber das war ja auch keine große Überraschung.

Die Gänge waren natürlich genauso gut gefüllt und sie brauchten einiges an Zeit um den wichtigsten Ort der Convention anzusteuern.

„Hier ist es,“ erklärte Heero plötzlich.

Und Duo blieb nichts anderes übrig, als wieder „Wow!“ zu sagen.

Der Stand von Wing schlug echt alles was er bisher gesehen hatte. Und nicht nur, weil Duo voreingenommen war. „Was ist das alles?“ fragte er erstaunt. Weil es schien nicht nur eine Auslage mit den Produkten und den Spielbereich zu geben.

„Nun, wir wollen, dass die Fans vorbeikommen und sich hier treffen können, miteinander über die Spiele sprechen können. Deshalb die große Lounge.“ Heero zeigte auf einen Bereich wo viele Sofas und Sessel viele Leute dazu einlud sich dorthin zu setzten.

An anderen Ständen hatte Duo nur Plastikstühle – wenn überhaupt – gesehen. Das Wing hier ein riesigen gemütlichen Plauschbereich erschaffen hatte war sicher nicht gerade billig. Aber Heero schien für diese Veranstaltung keine Kosten zu scheuen. Womit er wahrscheinlich mehr als Recht hatte. Glückliche Fans, waren Fans die weitere Produkte kauften.

„Kann sich hier jeder hinsetzten?“

„Solange Platz ist, sicher. Wir achten auch darauf, dass immer ein paar von unserem Team in diesem Bereich sind. Die können dann Fans bei Fragen helfen oder Tipps zum spielen geben. Aber meistens reicht schon der Erfahrungsaustausch zwischen den Fans allein aus. Und da hinten,“ Heero zeigte zu einigen Wänden, die die Mitte des Standes vom Rest abtrennte, „dahinten haben wir den so genannten Backstage Bereich. Da können wir von Wing uns aufhalten wenn wir der Masse mal entgehen wollen. Und dort wird gleich auch das VIP Treffen sein.“

Duo ließ weiter seinen Blick über den riesigen Wing Stand gleiten. Es war unglaublich wie viele Menschen hier anwesend waren. Jeder Computerspielplatz war besetzt und er konnte davor freudig erregte Menschen sehen die sich an diesem besonderen Deathscythe Quest versuchten. Um ehrlich zu sein, juckte es Duo auch schon fast in den Fingern. Aber er würde sich sicherlich nicht mit den vielen anderen Fans um einen Platz streiten. Zur Not würde er halt Heero anbetteln, dass auch zu Hause spielen zu dürfen.

Der Lounge Bereich war auch mehr als gut gefüllt. Überall standen und saßen Leute die mit einander redeten und lachten. Es war schlicht der Wahnsinn.

Plötzlich schreckte Duo auf, weil sich direkt vor ihm ein großes, grünes Wesen mit Keilzähnen aufbaute. Die Gestallt sah fast zum Fürchten aus, mit der großen Axt an der Seite und einer Keule in der Hand. „Da seid ihr ja endlich,“ verkündete die Gestallt.

„Sorry, hab mir Zeit dabei gelassen und Duo alles in Ruhe gezeigt. Ist alles vorbereitet Jamie?“

„Ja, deine Gruppe wartet bereits,“ brummte die Gestallt.

Duos Unterkiefer fiel nach unten. Dieses hässliche Monster war der liebe, nette, gut aussehende Jamie? Interessant. Aber so langsam kam Duo die Figur bekannt vor. Wenn er sich nicht vollkommen irrte, dann gab es in Deathscythe eine ähnliche Rolle. Und als aktueller Meister in diesem Spiel, war es vielleicht nicht verwunderlich, dass Jamie diese Rolle als Kostüm wählte. Obwohl, Duo hätte darauf schwören können, dass Jamie als Paladin – ein edler Ritter – in der Deathscythe Welt unterwegs war. So konnte man sich irren.

„OK, dann sollten wir sie nicht länger warten lassen,“ erklärte Heero und wollte schon auf den inneren Bereich zugehen.

„Halt mal,“ sagte Duo leise und hielt ihn zurück. „Du willst einfach durch DIE Menge gehen? Werden sie dich nicht erkennen und aufhalten?“ Bisher waren sie ohne große Probleme vorwärts gekommen. Aber Duo konnte sich vorstellen, dass hier direkt am Wing Stand, die meisten Fans von Heero sein würden.

„Kein Problem,“ kicherte das grüne Monster. „Die rechnen noch nicht jetzt mit Heero, da die Autogrammstunde erst nach der Pressekonferenz anfängt. Außerdem sind alle ziemlich beschäftigt. Wenn wir uns unauffällig verhalten, wird niemand was merken.“ Dann zwinkerte er kurz und ging voraus.

Duo konnte nur den Kopf über das kichernde Monster schütteln, und dann folgte er den anderen beiden zum inneren Bereich.

Kaum hatte er den Eingang hinter sich gelassen, als er sich praktisch fühlte wie in einer anderen Welt. Oh, die Einrichtung war absolut normal und in keinster Weise ungewöhnlich. Die kleinen Tische und Sofas hätten überall stehen können, z.B. auch draußen, außerhalb des abgetrennten Bereiches.

Was einem das Gefühl einer anderen Welt gab, war dass dies hier tatsächlich von draußen abgetrennt war. Der ständige Hintergrundlärmpegel der sie in jeder der Conventionhallen verfolgt hatte, schien vollständig von den Trennwänden geschluckt zu werden. Kein Wunder, dass hierher die Leute von Wing kamen, wenn sie eine kleine Pause brauchten.

Doch Duo konnte diesen Gedanken gar nicht weiter verfolgen, denn von einem der Sofas war eine Frau aufgestanden und rief ganz aufgeregt: „Heero!“.

Danach schienen sich die Ereignisse zu überschlagen. Eine weitere Frau und drei Männer, die auch auf den Sofas gesessen hatten, drehten sich bei dem Ruf um und standen genauso wie die erste Frau auf und liefen auf Heero zu.

Duo wusste nicht ob er besorgt sein sollte, aber ein kurzer Seitenblick auf seinen Freund ließ ihn entspannen. Heero strahlte die Leute die ihn umdrängten an. „Hey, gut euch zu sehen,“ dann ließ er Duos Hand los und umarmte einen nach den anderen.

„Verdammt lang her Heero,“ brummte einer der Männer und klopfte auf Heeros Schulter.

„Genau!“, rief die erste Frau empört. „Tu uns das nie wieder an.“

„Ich,…“ Heero geriet ins stocken. „Es war nicht so einfach Trish. Die Trennung und dann… dann die Sache mit der Presse. Ich mochte einfach nicht unter Leute.“

Die Frau – Trish – sah Heero relativ streng an. „Das kann ich gut verstehen Heero. Aber wir sind deine Freunde. Seit letzten Sommer hast du dich von unseren Treffen ferngehalten. Und wir hatten noch nicht einmal ne Ahnung wieso.“

Heero sah fast unglücklich drein. „Ich war mir nicht ganz sicher, ob ihr noch was mit mir zu tun haben wollt. Ohne Gordon!“ gestand er ein.

Duo wurde erst in dem Moment bewusst, das Heero geglaubt hatte, dass die Freunde die er außerhalb der Gundam Wing Truppe hatte nach der Trennung nicht zu ihm stehen würden. Er konnte sich nur fassungslos fragen, wie Gordon es nur geschafft hatte Heeros Selbstbewusstsein derart in den Keller zu treiben.

Die anderen – Duo hatte inzwischen begriffen dass es sich bei ihnen wohl um die Mitglieder von Heeros Rollenspielgruppe handelte – waren genauso überrascht und empört über Heeros Aussage. „So ein Unsinn!“ rief einer der Männer aus.

„Soweit käme es noch,“ schnaubte ein anderer.

Trish boxte Heero spielerisch in die Schulter. „Du dummer Idiot. Du bist unser Freund. Gordon haben wir nur in unserer Runde akzeptiert weil er dein Partner war.“

„Aber,“ wollte Heero protestieren.

„Nichts aber. Gordon ist ein Blender und Angeber und wir weinen ihm keine Träne nach. Und falls du uns nicht glaubst, dann frag dich, warum wir heute hier sind und nicht bei dem überaus pompösen und vollkommen deplazierten Stand von Gordons neuer Firma. Wir sind deine Freunde, nicht seine.“

„Genau das hab ich dir schon immer gesagt,“ erklärte Duo und stellte sich dicht neben Heero. Seinen linken Arm legte er um dessen Hüfte und zog ihn so eng es ging an sich ran. Spürte so, wie aufgeregt Heeros Herz schlug. Dann konzentrierte er sich auf die anderen. Er strahlte besonders Trish an, da sie ihm aus tiefstem Herzen gesprochen hatte. „Hey, ich freu mich endlich mal andere Freunde von Heero zu treffen.“

Erstaunlicher Weise warf Trish ihm einen ziemlich merkwürdigen, abschätzenden Blick zu. Wobei ihre Augen besonders lang auf den Arm von Duo zu liegen schien, der Heeros Hüfte umschlang. Duo wusste nicht was dieser Blick zu bedeuten hatte. Und wie so oft, wenn er nervös war, versuchte Duo dies hinter einem breiten Grinsen zu verstecken: „Ich bin Duo.“

Doch der Blick von Trish wurde nicht wohlwollender. Um eine – zumindest kam es Duo so vor – peinliche Gesprächspause zu überdecken redete er einfach weiter. Suchte nach dem erstbesten, was diese Rollenspiel Fans vielleicht interessieren könnte. „Oder auch Max Samuel. Je nachdem,“ fügte er deshalb schnell hinzu.

Heero zuckte kurz zusammen und warf ihm einen schnellen erstaunten Blick zu. Duo drückte ihn kurz näher an sich um ihm zu signalisieren dass es ok war. Und das war es auch, schließlich hatte er sich Heero und den anderen Gundam Piloten offenbart. Früher oder später musste die Sache eh an die große Öffentlichkeit. Und warum nicht hier und jetzt. Würde vielleicht sogar ganz gut zu der Ankündigung auf der Pressekonferenz passen. Duo hoffte nur, dass er diese spontane Entscheidung nicht später bereuen würde.

Auf jeden Fall schien es nicht viel zu bringen, denn in dem Blick der Frau lag noch immer nicht das geringste bisschen Freundlichkeit. Das irritierte Duo ungemein.

„Oh,“ sagte da plötzlich einer der Männer. „Etwa DER Max Samuel? Ich bin übrigens Mathew.“ Und er hielt Duo sogar zur Begrüßung die Hand hin.

Erleichtert endlich auf ein halbwegs freundliches Gesicht zu treffen, schüttelte Duo begeistert seine Hand. „Genau der.“

„Oh,“ entfuhr es dem Mann noch einmal.

Heero hatte inzwischen gemerkt, dass die Begrüßung etwas ins Stocken geraten war: „Duo, das hier sind meine Freunde aus der Rollenspiel Gruppe. Trish, Mathew, Mark, Duncan und Violet. Und das hier ist Duo.“

Täuschte sich Duo, oder tönte da ein bisschen Stolz in Heeros Stimme mit? Auf jeden Fall hatte der andere ihm jetzt auch einen Arm und die Hüfte geschlungen. Irgendwie war Duo versucht Trish einen höhnischen Blick zuzuwerfen und ihr die Zunge auszustrecken. Aber dann entschied er, dass es kindisch wäre und verzichtete darauf.

„Freunde aus der Rollenspielgruppe die du ziemlich vernachlässigt hast in den letzten Monaten, Heero,“ sagte Duncan gespielt vorwurfsvoll. „Aber ab jetzt werden wir keine Ausreden mehr akzeptieren. Übernächste Woche fangen wir mit einem neuen Abenteuer an. Und du wirst dabei sein,“ erklärte er bestimmt.

„Ich weiß nicht,“ murmelte Heero.

„Heero,“ riefen Trish und Duo gleichzeitig aus. Als sie es merkten funkelten sie sich an.

„Keine Bange, ich werde Gwen Anweisungen geben, dass sie den Termin in Heeros Kalender einträgt. Er wird kommen,“ warf Jamie lachend ein.

Duo irritierte es immer noch, wie ein so grimmiges Monster so fröhlich klingen konnte.

„Gute Idee Jamie, so entkommt er uns nicht,“ bestätigte die andere Frau. Dann zwinkerte sie dem Monster zu.

„Damit ist alles geregelt. Heero wird also endlich wieder dabei sein,“ sagte Trish.

Mathew blickte von Heero zu Duo. Dann fragte er: „Wird Duo auch kommen?“

Duo bemerkte wieder wie sich Heero leicht verspannte. Dann sagte der ehemalige Wing Pilot unsicher. „Ich weiß nicht. Duo?“

Duo verstand die Unsicherheit von Heero. Er dachte ja immer noch, dass dieses als Pärchen auftreten nur ein Spiel für den heutigen Tag wäre. Unter diesen Umständen wäre es ziemlich unwahrscheinlich, dass Duo in zwei Wochen an dieser Termin teilnehmen würde.

Trish sah ihn ziemlich herausfordernd an. So als ob sie nur darauf wartete, dass Duo jetzt irgendwas falsches sagte. Duo wusste zwar immer noch nicht wieso sie so negativ gegen ihn eingestellt war, aber er würde sich jetzt keine Blöße geben. Darum setzte er sein breitestes Lachen auf und winkte fröhlich ab. „Besser nicht. Ich bin ein blutiger Anfänger und würde euch nur das Leben schwer machen.“

Trish zog ihre linke Augenbraue hoch. „Ach, magst du Rollenspiele etwa nicht?“

Duo runzelte kurz die Stirn. „Das hab ich nicht gesagt. Nur das ich blutiger Anfänger bin. Ich muss noch viel lernen, bevor ich mich in so eine illustere Gruppe wie eure traue.“

„Wie lang kennt ihr zwei euch denn schon?“ fragte jetzt Mark.

Duo kaute auf seiner Unterlippe. Die anderen schienen echt nicht zu wissen, dass er ein Gundam Pilot war. Aber das war nicht das erste mal, dass Duo das passierte. Die Kriege waren schon so lange her, dass sich inzwischen kaum noch jemand an die jugendlichen Helden von damals erinnerte. Zumindest solange nicht, wie ihre Bilder nicht in einem Fort durch die Regenbogenpresse gezerrt wurden. „Hn, ich glaub zehn. Nein halt elf. Ja genau elf Jahre.“

Er sah echtes Erstaunen in den Blicken der anderen. Sie schienen nicht damit gerechnet zu haben das er und Heero sich schon so lange kannten.

Aber Duo hatte nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn Heero stieß ihn mit der Schulter leicht an. „Seit zwölf Jahren, Baka,“ korrigierte er ihn mit einem belustigten Unterton.

„Sind wir echt schon so alt?“ vergewisserte sich Duo grinsend.

„Hn!“ war alles was Heero an antwort gab.

„Spielst du eigentlich Deathscythe?“ fragte plötzlich Duncan.

Duo nickte begeistert. „Oh ja. Und ich liebe das Spiel.“

„Auch online?“

„Aber natürlich!“

„Und was ist dein Spielername?“

Duo stockte für einen Augenblick. Sollte er jetzt wirklich auch noch dieses Geheimnis preisgeben? Andererseits, was blieb ihm übrig? Irgendeinen Namen erfinden? Außerdem das Geheimnis mit Max Samuel hatte er ja auch schon ausposaunt. Er holte kurz Luft und sagte schlicht: „GoD.“

Heero reagierte als erster. Er schnellte mit seinem Kopf zur Seite und starrte Duo verwundert an.

‚Später,’ formte Duo mit seinen Lippen. Ein weiterer Punkt über den er später mit Heero sprechen würde. Der ehemalige Wing Pilot verstand was Duo damit sagen wollte und nickte kurz.

Die Reaktionen der anderen waren aber auch ziemlich überraschend. „Du bist GoD?“ fragte Trish vollkommen erstaunt.

Allein für diesen Gesichtsausdruck hatte es sich für Duo gelohnt dieses Geheimnis zu lüften. „Jup,“ bestätigte er.

„Aber wir dachten alle, dass es Heero war.“, Trish schien wirklich erstaunt.

„Nein, bin ich nicht,“ sagte dieser.

„Nope, God of Death bin ich. Einzig und allein.”

“Oh,” entfuhr es wieder Mathew.

Duo wusste zwar nicht wieso, aber plötzlich schienen ihn alle – ganz besonders Trish – viel freundlicher aufzunehmen. Und tatsächlich, plötzlich entsprang eine ziemlich lebhafte und vollkommen unverkrampfte Unterhaltung. Warum war das nur nicht von Anfang an so gewesen?

Minuten später verabschiedeten sich Heeros Freunde fürs erste. Sie wollten weiter über die Convention gehen und erst später wieder zum Wing Stand zurück zu kommen.

Duo wäre fast der Unterkiefer heruntergefallen, als Trish ihm beim Abschied sogar die Hand reichte und ein „Schön dich kennen zu lernen,“ murmelte und es sogar den Anschein hatte, dass sie es ehrlich meinte.

Duo wollte schon fast Heero fragen, ob er wüsste was das zu bedeuten hatte, als dieser zur Seite gerufen wurde. In der Zwischenzeit waren weitere Menschen in den Innenbereich gekommen und Heero wollte sich um sie kümmern.

Duo sah seine Chance und schnappte sich das grüne Monster. Er zog Jamie ein wenig zur Seite. Dann blickte er den anderen hilflos an und fragte: „Was war das gerade eben?“

Jamie lachte. „Weißt du das wirklich nicht?“

Duo kam sich ziemlich dumm vor, sich von einem grünen Monster auslachen zu lassen. „Ich würd ja wohl nicht fragen, oder?“

„Ok, ok.“ Jamie hob abwehrend die Arme. „Um es kurz zu sagen. Heeros Freunde dachten, du wärst ein Goldgräber.“

„Ein bitteschön was?“

„Ein hübsches Gesicht, dass sich nur an Heero ranmacht, weil er wegen der Trennung verletzbar ist und der nur soviel wie möglich von Heeros Geld rausschlagen will. Ein Goldgräber.“

Duo war hin und her gerissen. Zum einen fand er es gut, dass die anderen versuchten Heero zu beschützen. „Aber wie kommen die auf die Idee, dass ich mich nur des Geldes wegen an Heero ran mach?“

„Zu welchem anderen Schluss sollen sie kommen? Heero – unser ruhiger Heero –taucht plötzlich mit jemanden der gelinde gesagt ziemlich sexy aufgemacht ist auf der Convention auf und hält mit ihm ziemlich öffentlich Händchen? Sie kennen dich nicht, haben dich nie vorher gesehen. Was sollen sie sonst glauben?“

„Aber, ich hab doch praktisch gleich zu Anfang erklärt Max Samuel zu sein. Wieso hat das nicht gereicht?“

Jamie lächelte wieder. „Wieso sollte ein Autor nicht auch versuchen Heeros Geld abzugraben?“

„Hn,“ mehr viel Duo dazu nicht ein. „Und wieso waren sie dann zum Schluss dann doch nett?“

„Weil du GoD bist.“

„Weil ich Deathscythe spiele?“ Duo war jetzt vollkommen verwirrt.

„Nicht deshalb. Wie soll ich es am besten erklären… Im Fandom sind alle davon überzeugt dass eigentlich Heero GoD ist.“

„Wegen dem hohen Score?“ Duo erinnerte sich, dass Jamie schon mal so was erwähnt hatte.

„Nicht nur deswegen. Klar der Punktestand ist beeindruckend. Aber eigentlich ist das Gerücht entstanden, weil GoD seine Endgegner immer Gordon nennt. Und da GoD jetzt schon seit Monaten – schon lange bevor die Trennung offiziell wurde – spielt, dachten alle dass Heero sich so von seinem Frust befreit hat.“

„Und jetzt…?“

„Jetzt wissen Heeros Freunde, dass du es warst, der schon vor Monaten einen ziemlichen Hass auf Gordon hatte. Sie glauben jetzt zu wissen, dass du keine Eintagsfliege bist und nächste Woche schon wieder Geschichte sein wirst.“

„Oh,“ so merkwürdig sich das alles anhörte, es ergab tatsächlich einen Sinn. Wer hätte je gedacht wie wichtig es wäre, den Computergegnern die richtigen Namen zu geben.

„Das bist du doch nicht, oder?“ fragte Jamie nach. Er klang immer noch freundlich und nett, wie Jamie eben. Trotzdem war Duo klar dass der andere die Frage sehr ernst nahm.

„Wie meinst du das?“ erwiderte Duo.

„Heero hat Jane gesagt, dass ihr nur gute Freunde seid. Aber plötzlich macht ihr hier öffentlich auf Paar. Das ist nicht Heeros Art. Was ist das, eine Farce für die Presse? Was wird morgen sein? Oder in zwei Wochen.“

Jamie hatte verdammt gut geraten. Er war nicht nur nett und sah gut aus, er war auch verdammt schlau. Duo beschloss, dass er dem anderen am besten reinen Wein einschenken sollte. Immerhin konnte er jeden Verbündeten gebrauchen. „Es ist soviel mehr als nur ein Spiel. Wenn… wenn Heero mich nach heute Abend noch mag und mir nur die klitzekleinste Chance gibt. Dann werde ich ihn mir schnappen und nie wieder, niemals wieder loslassen.“

„Gut,“ nickte Jamie.

Duo war erstaunt. Er hätte jetzt fast mit einer ellenlangen Erörterung gerechnet. Aber für Jamie schien damit das Thema beendet zu sein.

Doch dann drehte er sich noch einmal zu Duo und sagte: „Gleich beginnt die Pressekonferenz. Gwen hat eine kleine Überraschung vorbereitet, weswegen eigentlich ich mit auf die Bühne sollte. Aber ich glaube fast, es ist besser wenn du mit Heero mitgehst.“

„Was denn für eine Überraschung?“ hakte Duo nach.

Doch Jamie schüttelte nur den Kopf. „Werde ich dir nicht verraten. Und jetzt komm.“

Duo fand das zwar etwas ominös, aber Jamie wirkte nicht so, als wenn er doch noch zum reden bewogen werden könnte. Also folgte er dem anderen einfach. Nach ein paar Schritten erreichten sie Heero.

Dieser unterbrach die Unterhaltung mit dem Fan als er sie beide sah. „Oh, ist es schon soweit?“

„Ja. Wir müssen los, sonst kommen wir zu spät und lassen alle warten.“

„Besser nicht,“ bestätigte Heero. Dann warf er ein kleines Halblächeln zu Duo. „Ich glaub ich bin nervös,“ gab er zu.

Duo trat sofort ganz dicht an den anderen und nahm ihn in den Arm. „Aber warum denn?“ fragte er.

„Es ist die erste große Pressekonferenz seit…“

Heero brauchte gar nicht weiter zu reden, Duo wusste sofort bescheid. Er beugte sich vor und hauchte dem anderen einen kurzen Kuss auf die Nasenspitze. „Keine Angst, ich werde hinter dir stehen und dir den Rücken decken. Und sollte einer der Pressefutzis eine unangenehme Frage stellen, dann werde ich ihn mit Pfeil und Bogen erschießen.“

Heero lachte kurz auf, Duos Witz schien tatsächlich seine Nervosität etwas gemildert zu haben. „Mit dem Ding triffst du doch im Leben nicht.“

„Versuchen kann ich es ja mal,“ lachte auch Duo.

„Keine Müdigkeit vorschützen, wir müssen los!“ scheuchte sie in diesem Moment Jamie.

„Wo müssen wir eigentlich hin?“ fragte Heero.

„In das Auditorium.“

„War kein anderer Presseraum frei, oder hat Gwen jeden Journalisten der Welt eingeladen?“ Leichte Besorgnis klang in Heeros Stimme mit.

„Keine Sorge, nur die fünfzig auf die wir uns geeinigt haben. Und jetzt los, die Konferenz beginnt in 5 Minuten.“

Duo war erstaunt. „Wie sollen wir denn so schnell durch die Menschenmasse kommen?“

„Kein Problem, hinter dem Wing Stand führt auch ein Fahrstuhl zur Galerie und von dort kommen wir sehr schnell und ungehindert zu den Presseräumen.“

Gesagt, getan. Duo trottete einfach hinter den anderen beiden hinterher. In seinen Gedanken überlegte er sich, was die Presseheinis wohl alles an Fragen stellen würden. Vielleicht war es wirklich nicht so schlecht dass er auch mit auftrat. Dann könnte er jedem der es wagte in Heeros Wunden zu wühlen einen Deathglare zuwerfen der sich gewaschen hatte.

So in Gedanken versunken erreichten sie ihr Ziel. Jamie lotste sie in einen kleinen Raum. Von dort sollten Heero und er dann die Bühne des Auditoriums betreten. Laut Jamie – der die ganze Zeit Details über die Pressekonferenz erklärt hatte – sollte auf der Bühne der Tisch mit den Mikrophonen stehen, an dem sie dann Platznehmen sollten.

Dann drückte Jamie Heero noch ein paar Zettel in die Hand. „Hier noch einmal die Zahlen und Fakten von unserem neuen Spiel. Du hast zwar alles im Kopf, aber falls du es noch mal nachschlagen willst. Gwen ist draußen und hat denen schon ein paar allgemeine Sachen gesagt. Alles ist genauso wie wir es geplant haben.“

Heero nestelte etwas nervös mit den Zetteln. „Gut,“ sagte er. Wobei er dann ziemlich leise im Anschluss „Jetzt oder nie,“ murmelte.

„Ach ja, eine Kleinigkeit noch. Gwen hat noch ein paar von deinen Fans mit eingeladen.“ Und mit diesen Worten schob Jamie sie beide durch die Tür hinaus.

Duo blinkte und warf einen erstaunten Blick zurück auf die Tür die jetzt fest hinter ihnen geschlossen war. Irgendwie herrschte plötzlich eine absolute Totenstille und er hatte ein merkwürdiges Gefühl von dem er nicht wusste woher es kam. Aber er schien nicht allein davon betroffen zu sein, denn Heeros Hand drückte seine fester.

Sie machten gemeinsam ein paar weitere Schritte auf die Bühne zu und plötzlich wurde ihre Sicht nicht mehr von Vorhängen behindert.

Dann brach ein atemberaubender Jubel aus. Duo zuckte zusammen, genauso wie Heero. Er konnte gar nicht begreifen, was da gerade geschah. Er hörte noch das Echo von Jamies Stimme in seinem Kopf. ‚Gwen hat ein paar von deinen Fans eingeladen’

Ungläubig starrte Duo auf das Heer von Menschen die da vor der Bühne in einem riesigen Saal standen und wie wild kreischten und klatschten. Duo war sich sicher, dass dort mehrere Tausend standen. Transparente wurden geschwenkt, die Menschen schrieen immer wieder „Heero! Heero!“ und tausende Blitzlichter flackerten auf.

Duo war im absoluten Schock. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Beinah ängstlich sah er zur Seite. Wenn er schon so überwältigt war, wie würde es erst demjenigen gehen, für den all dieser Jubel bestimmt war.

Heero sah seltsam weiß um die Nasenspitze aus, trotzdem war sein Gesicht von einem leichten Rot überzogen. Und er wirkte so, als würden seine Knie jede Sekunde nachgeben.

Duo wusste wie scheu und schüchtern Heero eigentlich war. Und wenn man bedachte wie sehr er die Öffentlichkeit seit Gordons Hetzkampagne gemieden hatte dann war es umso erstaunlicher, dass Heero nicht die Beine in die Hand nahm und floh.

Duo war fast wütend auf Gwen. Wie konnte sie Heero nur mit so etwas überraschen? Ihn völlig überfahren? Beschützend legte er deshalb seinen Arm um den Anderen und hätte ihn bei dem geringsten Anzeichen das er das wollte von der Bühne geführt.

Aber er wurde von zwei Sachen von seinem Plan abgelenkt. Zum einen durch unglaubliche Kreischkonzert das bei dieser kleinen Geste im Publikum ausbrach. Aber das wichtigere war, er bemerkte dass Heero zwar leicht zitterte, aber das schien nur zu sein weil er völlig überwältig war. Er hatte keine Angst. Im Gegenteil der gespannte Körper in seinem Arm fing langsam aber sicher an sich zu entspannen. Fing an es zu genießen.

Und in dem Moment wurde Duo klar was Gwen mit dieser Überraschung bezweckt hatte. Heero sah seine Fans, nicht nur ein paar im VIP bereich. Nein ihm wurde hier deutlich vor Augen geführt, wie viele Leute ihn und seine Spiele schätzten. Das sie ihn auch nach der Hetzkampagne immer noch mochten und verehrten.

Gordon mochte vielleicht mit all seinen Lügen Stück für Stück an Heeros Selbstwertgefühl gekratzt haben. Aber gegen die Macht dieses Jubels konnte selbst er nichts ausrichten. Duo drückte Heero kurz noch fester an sich. Dann schob er ihn noch einen weiteren Schritt nach vorn, damit er ganz allein genießen konnte wie ihm Tausende Standing Ovations gaben.

Während Duo breit grinsend beobachtete wie Heero nur blinzelnd und verschämt dastand, konnte er sich eines hämischen Gedanken nicht erwehren. Mit so etwas hatte Gordon garantiert nie gerechnet. Anstatt dass sich Heero von der Convention vollkommen zurückzog, nur weil Gordon plötzlich auch kommen wollte, war Heero jetzt der absolute Star. Duo hätte nur zu gern das Gesicht von Gordon gesehen, wenn er davon erfuhr.


Kapitel 24

Die Standing Ovations schienen eine Ewigkeit anzuhalten. Das Grinsen auf Duos Gesicht wurde immer breiter, während er Heero beobachtete. Dieser genoss das Jubeln seiner Fans wirklich sehr, auch wenn er trotzdem vor Scham wohl am liebsten im Boden versunken wäre. Aber er hielt sich im Rampenlicht und lächelte ins Publikum. So ein gelöstes Lachen hatte Duo schon lange nicht mehr an ihm gesehen.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, begann Gwen damit die Fans zur Räson zu bringen. Was ihr erstaunlicherweise auch relativ schnell gelang. Wahrscheinlich waren alle sehr gespannt auf das was jetzt über das neue Spiel verkündet werden sollte.

Gwen stand an einer Art Podium das an der linken Seite der Bühne stand. Sie machte mit ihren Händen Zeichen, dass sich alle hinsetzen sollten, während sie in das Mikro sprach. Für eine so große – und aufgeregte Menge an Menschen – beruhigte sich alles sehr schnell. Minuten später saßen alle auf ihrem Platz und blickten erwartungsvoll auf die Bühne.

„Wie bereits gesagt, möchten wir von Wing euch heute unser neues Projekt vorstellen. Und wer wäre da geeigneter als Heero Yuy!“ Gwen strahlte in die Menge, als ein erneuter Jubelsturm anbrach. Doch diesmal ebbte er nach kurzer Zeit ab, man konnte fast die Luft schneiden, so viel geballte Spannung lag in ihr. Gwen drehte sich noch einmal in Heeros und Duos Richtung um: „Heero. Kommst du bitte nach vorne?“

Dabei zeigte sie auf einen kleinen Tisch der direkt in der Mitte der Bühne stand. Heero war noch einige Schritte davon entfernt, weiter war er wegen des großen ersten Jubelansturms gar nicht gekommen.

Heero nickte und machte einen Schritt nach vorne. Doch dann drehte er sich nach hinten um und reichte Duo seine Hand entgegen. ‚Sei an meiner Seite’ schienen seine Augen zu sagen.

Duo spürte einen dicken Kloß im Hals. Natürlich hatte er vorgeschlagen auf der Convention als Heeros Date aufzutauchen. Er hatte es auch als die ultimative Idee gehalten sich Heero endlich zu nähern. Aber wenn er jetzt neben Heero vor all diesen Menschen saß, dann war das viel mehr, als nur so zu tun. Das war im Prinzip ein öffentliches Statement. Eines das er ohne groß zu Zögern sofort einging. Wenn Heero sich der ganzen Tragweite noch nicht klar war, dann war das auch egal. Hauptsache die ganze Welt wusste, dass sie zusammen waren. Heero davon zu überzeugen würde ihm auch noch gelingen.

Deshalb ergriff er Heeros Hand und folgte ihm zu dem Tisch. Zwei Stühle standen so, dass wer darauf saß ins Publikum blickte. Auch zwei Mikrophone waren dort angebracht. Das wunderte Duo für eine Sekunde, doch dann erinnerte er sich daran, dass Jamie ja ursprünglich vorgehabt hatte mit auf die Bühne zu kommen. Jamie hatte sicher auch etwas zu dem Spiel zu sagen.

Dieser Gedanke zog einen weiteren nach sich. Duo fand es zwar schön wenn alle im Publikum dachten dass er was mit Heero hatte – und die Seufzer und ‚Awww’ Rufe von den Fans als sich ihre Hände umschlossen waren ein eindeutiges Indiz dafür – aber Duo wollte irgendwie auch nicht, dass dies das einzige war was sie von ihm dachten. Die Episode mit Heeros Rollenspielgruppe war ihm noch zu präsent. Wäre ja noch schöner, wenn plötzlich die halbe Deathscythe Fangemeinde ihn auch für einen Goldgräber hielt. „Du kannst das mit Max Samuel verraten,“ flüsterte er deshalb schnell in Heeros Ohr, als sie sich setzten.

Heero blickte ihn erstaunt an. „Bist du dir sicher?“ fragte er zurück. Duo nickte bestätigend. Er hatte dieses Geheimnis wirklich lange genug gewahrt. Und nachdem all seine Freunde bescheid wussten, konnte er es auch in die große Welt hinaus posaunen. Er fragte sich sowieso, wie lange es noch hätte geheim gehalten werden können.

Heeros Augen glitzerten für eine Sekunde, er drückte Duos Hand – die sich genau wie seine auf dem Tisch befand – und dann wandte er sich dem Publikum zu und begrüßte es.

Eines musste Duo ihm wirklich lassen. Dafür das Heero keine Ahnung davon gehabt hatte, dass er hier auf 5000 Fans treffen würde, und wo er doch eigentlich so scheu in der Öffentlichkeit war – ganz besonders seit dieser Presse Schlammschlacht – dafür war Heero wirklich redegewandt. Aber das lag wahrscheinlich wirklich daran, dass ihm seine Spiele am Herzen lagen. Sie waren ein Teil von ihm. Er produzierte sie nicht nur um möglichst schnell, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern um einen Traum zu ermöglichen. Um diese neuen Welten zu erschaffen, die ihm selbst und so vielen anderen unheimlich viel bedeuteten und Spaß bereiteten.

Genau das war es, was Wing und seine Produkte von den meisten anderen Computerspieleherstellern unterschied. Vielleicht waren Wings Gewinnmargen geringer als bei ihren Konkurrenten – und Duo konnte gut verstehen, dass dies sicher den Aufsichtsrat nervös machte. Aber Die Produkte von Wing waren mehr als nur ein bloßes Spiel. Gwen hatte Duo erzählt, dass Heero einmal zu seinem Aufsichtsrat sogar folgendes gesagt hatte: „Ich erschaffe lieber ein Spiel das 10 Leute lieben, als eins dass 100 Leute mögen.“ [1]

Und damit hatte er mehr als Recht. Und mit der Qualität und der Liebe die Heero beim Herstellen seiner Computerwelt einsetzte, schuf er Spiele die von Abermillionen geliebt wurden. Die Pfennigfuchser würden das vielleicht nie verstehen, aber solange Heero der Chef von Wing war, würde sich das nicht mehr ändern. Das war die eine Sache wo er sich nicht von Gordon hatte reinreden lassen. Und vielleicht – nein sogar sehr wahrscheinlich – war das auch überhaupt der Grund wieso Heero die Kraft gefunden hatte sich von dem Arschloch zu befreien. Nicht nur, weil dieser durch den Diebstahl Wing Schaden zufügen wollte, sondern auch weil der Erfolg Heero immer wieder bestätigte. Ihm zeigte, dass er zumindest eines sehr gut konnte.

Duo war ziemlich in seinen Gedankengängen gefangen gewesen, doch so langsam gelang es ihm, sich wieder auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Und das keine Sekunde zu früh. Heero hatte aufgehört nur von den neuen Projekt zu erzählen, jetzt wurden auf riesigen Leinwänden die sich an jeder Wand des Saales befanden erste Schnipsel des neuen Spiel gezeigt.

Duo staunte nicht schlecht, als er sah was auf den Leinwänden präsentiert wurde. Er konnte schon einige Hintergrundlandschaften erkennen und es wurden auch diverse Figuren gezeigt. Diese waren so detailreich, sie wirkten eher wie dreidimensionale Aufnahmen von wirklich existenten Personen, als rein computeranimierte Figuren. Und er erkannte sie sofort. Er hätte jeder gezeigten Figur sofort einen Namen geben können. Heero hatte seine Beschreibungen aus den Büchern übernommen. Ihnen im wahrsten Sinn des Wortes Leben eingehaucht.

Duo schien auch nicht der einzige zu sein, der vollkommen beeindruckt von dem gezeigten war. Die Fans im Saal jubelten ohne Unterlass und hielten gleichzeitig voller Erfurcht den Atem an. Eine unbeschreibliche Aufgeregtheit hatte den Raum ergriffen. Es schien allen in den Fingern zu jucken, jetzt sofort mit diesem Spiel anzufangen.

Heero redete weiter. Erklärte im Detail wie sehr sich das Spielkonzept des neuen Spieles von Deathscythe unterscheiden würde. „Natürlich kann ich euch nicht bis ins Detail erklären wie anders es sein wird – oder wie wir das hinbekommen. Dies ist eine neue Technologie in deren Entwicklung wir schon sehr viel Geld gesteckt haben. Nur eins kann ich euch versichern, nach diesem Spiel werdet ihr süchtig werden. Es ist eine vollkommen neue Welt.“

Keiner wagte es diese Aussage anzuzweifeln. Statt dessen wurde wieder stürmisch Applaudiert. Heero redete weiter. „Es wird noch ungefähr zwei Jahre dauern, bis das Spiel erscheinen wird. Aber ich bin davon überzeugt, dass es die Warterei wert ist. Außerdem wird es nicht nur dieses Spiel geben, zur selben Zeit wird auch eine Verfilmung des Buches – das unserem Spiel zugrunde liegt – in die Multiplexe kommen. Wobei wir mit dem Filmproduzenten Seite an Seite arbeiten, beide Medien werden sich ergänzen und zusammen etwas großes sein.“ Wieder brauste Jubel auf. Die Fans im Raum waren schließlich Hardcore Fans, sie wussten sehr genau, wieviel Zeit in die Entwicklung eines neuen Spieles ging. Ganz besonders, wenn es derart revolutionär zu werden versprach.

„Aber die Wartezeit wird euch sicher nicht langweilig werden.“ Versprach Heero mit einem breiten Grinsen. „Den neuen Deathscythe Level, den wir für die Convention entwickelt haben, wird es ab nächster Woche für jeden registrierten Spieler kostenlos zum Downloaden geben. Und Ende des Jahres wird noch ein Add-on zu Deathscythe 3 veröffentlicht werden.“ Alle im Raum sahen aus, als wenn sie gerade dem Weihnachtsmann begegnet wären und er ihnen einen Sack voller Geschenke überreicht hätte.

Doch dann wurde Heero etwas ernster. „Das wird allerdings die letzte offizielle Veröffentlichung von Deathscythe werden.“ Proteststürme brandeten auf, doch sie wurden schnell wieder unterdrückt, als Heero beruhigend mit seinen Händen gestikulierte. „Hey, ihr wollt doch sicher, dass wir auf dem Höhepunkt aufhören. Und nicht einfach stumpf eine weitere Version nach der anderen herausbringen. Das neue Spiel wird unsere besten Köpfe mehr als in Beschlag nehmen. Wir werden uns vollkommen darauf konzentrieren.

Aber Deathscythe wird nicht sterben. Die Online Welt bleibt erhalten – solange wie ihr daran Gefallen findet. Wir denken sogar darüber nach, einiges von dem Quellcode mit einem Designkit zu veröffentlichen. Damit ihr eure eigenen Level kreieren und ins Netz stellen könnt. Das alles wird kommen. Aber ein Deathscythe 4 wird es nicht mehr geben.“

Das Gegrummel in der Menge schwankte zwischen begeisterter Zustimmung und Trauer. Aber die Begeisterung hatte die Oberhand. Wahrscheinlich weil den Fans wirklich klar war, dass das Spiel nicht ewiglich neu gemacht werden konnte. Irgendwann würde ein neuer Teil nicht mehr dazu dienen mehr Spielespass zu bringen, sondern nur die neuesten Graphikmöglichkeiten der Hardware ausnutzen. Es gab schon viel zu viele Beispiele von anderen hervorragenden Spielen, die ihren Reiz spätestens bei der vierten Version verloren. Und so gaben sie Heero Recht, dass es wohl am besten wäre auf dem Höhepunkt zu stoppen. Und nicht erst, wenn man eine billige Kopie von sich selbst war.

Nach dieser ersten großen Bombe, erklärten Gwen und Heero noch abwechselnd einige weitere Einzelheiten über das Spiel und über Wing im allgemeinen. Duo hörte nicht wirklich zu. Er starrte immer noch auf die Bilder der Figuren die weiterhin die Wände erhellten. Er hatte diese Charaktere erschaffen, hatte sie sich ausgedacht. Aber er hätte es nie für möglich gehalten, dass sie einmal so detailliert dargestellt werden könnten. Selbst Dinge die er nicht wirklich genau beschrieben hatte, schien Heero so gestaltet zu haben, als wenn er Duos Gedanken hatte lesen können.

Ein sehr interessanter Gedanke. Denn Duo war klar, dass die Ausarbeitung dieser Figuren länger als ein paar wenige Wochen gedauert haben musste. Daran hatten Heero und seine Leute schon lange vor der enthüllenden Vertragsverhandlung zu arbeiten angefangen. Das bedeutete, dass Heero sich wirklich unheimlich mit den Büchern auseinander gesetzt hatte. Er beteuerte zwar immer wieder, wie sehr er die Welt liebte, die Duo dort geschaffen hatte. Aber erst jetzt wurde Duo genau bewusst, was das wirklich bedeutete. Es war ein schönes Gefühl. Duos Daumen streichelte bei diesem Gedanken leicht über Heeros Handrücken und er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

Sie waren sich so nah und vertraut. Dafür gab es mehr als einen schlagkräftigen Beweis. Das alles ließ Duo hoffen, dass Heero ihn nach heute Abend – nachdem er alles erklärt hatte – immer noch vertrauen würde. Und sich ihm hoffentlich noch weiter öffnen würde. Die Chance auf ein Happy End schien zum greifen nah. Endlich konnte auch Duo wirklich daran glauben.

Gwen ergriff jetzt das Wort. „Damit ist die kleine Vorführung erst einmal beendet. Ich würde jetzt die Damen und Herren von der Presse bitten mit ihren Fragen zu beginnen.“

Sofort schossen etliche Arme in die Luft und es wurde durcheinander geschrieen und wild gestikuliert.

Gwen schüttelte den Kopf und hob abwehrend ihre Hände. Sie blickte fast strafend in die Runde. „So nicht! Jeder von Ihnen hat eine Nummer bekommen, und nach der Reihenfolge werden wir vorgehen. Jeder der dran ist kann zwei Fragen stellen. Aber keine Panik wir machen mehrere Runden. Solange bis sich die Fragen nur noch wiederholen.“

Duo musste lächeln, als er sah wie schnell die Arme der Pressemitglieder nach unten klappten. Alle schienen genau zu wissen, dass mit Gwen nicht zu spaßen war.

Eine Reporterin, die in ihrem Business Outfit seltsam fehl am Platze wirkte, hob eine Karte, auf der die Nummer 1 gedruckt war. „Joyce Mathews von der Gazette, ich würde gern wissen, wie Sie zu den Anschuldigungen stehen, die in der letzten Zeit in der Presse kursieren.“

Duo konnte genau merken, wie sich Heero an seiner Seite verspannte und seine Hand etwas fester drückte. Aber der ehemalige Wing Pilot blieb stumm. Aber er musste auch gar nichts sagen, denn Gwen ergriff – mit einem beinah erfreuten Tonfall – das Wort. „Sie alle haben im Vorfeld zu dieser Pressekonferenz eine Mitteilung bekommen, welche Art von Fragen auf keinen Fall beantwortet werden. Zusätzlich möchte ich noch hinzufügen, dass jeder von Ihnen, der zwei Fragen gestellt hat, die wir nur mit ‚Kein Kommentar’ beantworten können, von dieser Interviewrunde ausgeschlossen wird.“ Als sich ein leichtes Protestgrummeln andeutete hob Gwen wieder beruhigend die Arme. „Das sind die Regeln. Es sollte nicht so schwer sein sich daran zu halten. Hier geht es schließlich um die nächste Spielegeneration von Wing Internationals. Und nicht um irgendeine Seifenoper.“

Dann wandte sich Gwen noch direkt an die Reporterin die die erste Frage gestellt hat. „Und um Ihnen zu antworten: Kein Kommentar“. Gwen grinste dabei wie eine Schlange die gerade ihr Mittagessen fixierte.

Die Reporterin schluckte schwer. Sie schien ein wenig durcheinander zu sein, denn sie fing wie hektisch in ihren Unterlagen an zu blättern. Wahrscheinlich schien ihr auf die Schnelle keine unverfängliche Frage mehr einzufallen, denn als nächstes fragte sie ziemlich überhastet, für wann denn der Erscheinungstermin des Add-ons geplant wäre. Zumindest war das eine Frage, die Heero ohne Probleme beantwortete. Duo musste grinsen, als er das etwas hektische Gesicht der Reporterin sah.

Danach plätscherten die Fragen so dahin. Meist ging es um eher technische Details, die Duo sowieso nicht interessierten, oder wo ihm die Antworten nichts sagten. Duo schaltete etwas auf Durchzug.

Dann kam wohl wieder eine etwas interessantere Frage. Ein Reporter, der einen grün-schwarz-karrierten Anzug trug meldete sich zu Wort. „Wie sind Sie auf die Idee zu dem neuen Spiel gekommen?“ wandte er sich an Heero.

Heero lächelte. „Nun ich liebe diese Buchreihe einfach. Schon beim lesen des ersten Bandes hab ich mir vorgestellt, wie ich das in einem Spiel umsetzen würde. Aber das hat mir noch nicht gereicht, ich wollte für dieses wunderbare Universum noch mehr. Darum habe ich meinen guten Freund Quatre Raberba Winner angesprochen. Ihm gehört ja eine der größten Filmproduktionsanlagen. Auch er war von dem Buch begeistert. Zusammen haben wir dann das Konzept für diese Jointventure ausgearbeitet und sind dann in Vertragsverhandlungen mit dem Buchautor getreten.“

Heero machte eine kurze Pause, dann drehte er sich zur Seite und blickte Duo mit einem wunderschönen, tiefen Lächeln an. „Sie können sich sicher unsere Verwunderung vorstellen, als sich herausstellte, dass sich hinter dem Pseudonym ‚Max Samuel’ unser alter Freund Duo Maxwell verbarg. Von da an waren die Vertragsverhandlungen sehr einfach.“

Duo musste lachen bei dieser Erinnerung. Auch wenn er bei der Enthüllung seiner zweiten Identität fast die Nerven verloren hatte, hatte er inzwischen mit der ganzen Sache seinen Frieden geschlossen. Und er würde um nichts in der Welt wollen, dass Heero und die anderen sein Geheimnis nicht kannten. Es lebte sich viel besser, jetzt wo das heraus war. Und danach zu schließen, wie sich plötzlich sämtliche Kameras auf ihn richteten, schien es bald auch die ganze Welt zu wissen. Diese Katze war endgültig aus dem Sack. Und Duo bedauerte es nicht.

Diese Aussage von Heero schien eine Art Startschuss gewesen zu sein, denn jetzt wurde immer mehr auch Duo in das Frage-Antwort-Spiel mit einbezogen. Und es machte tatsächlich Spaß Einzelheiten zu seinen Büchern zu erzählen. Er konnte auch anbringen, dass der nächste Band Ende März erscheinen würde und viele der Reporter notierten das fleißig. Duo nahm stark an, dass sich Dan über diese kostenlose Zusatzwerbung mehr als freuen würde. Wahrscheinlich würde sein Herausgeber darüber sogar vergessen nach dem nächsten Kapitel zu fragen. Was Duo nicht besonders störte, da er in den letzten Tagen zu gar nichts gekommen war. Er grinste breit bei dieser Vorstellung.

Plötzlich schienen sich die Fragen aber wieder auf Heeros Privatsphäre zu konzentrieren. Beziehungsweise, diesmal auf ihre gemeinsame. Vielleicht hatten die Reporter inzwischen vergessen, dass Gwen alles mit Argusaugen überwachte und nicht davor zurück schreckte unerwünschte Reporter sogar aus dem Saal entfernen zu lassen. „Was für eine Beziehung besteht zwischen Ihnen beiden?“ wurden sie ziemlich unverblümt gefragt.

Heero wollte schon antworten, aber Duo war einen Tick schneller. „Nun, wir sind seit Jahren die besten Freunde. Seit wir zusammen im Krieg gekämpft haben.“ Duo fand, dass dies den Aasgeiern von der Presse als Antwort reichen sollte.

Doch der Reporter ließ nicht locker. „Aber das ist nicht alles, was Sie beide verbindet, oder?“

Duo warf einen kurzen Blick seitlich nach unten auf die Tischplatte, dort wo seine Hand fest von der von Heero umschlossen war. Was glaubten die denn, was dieses Händchenhalten zu bedeuten hatte? Das tat man schließlich nicht mit jedermann. Aber jetzt etwas in dieser Richtung zu sagen, wäre mit Sicherheit falsch. Zum einen hatten Heero und er sich noch nicht ausgesprochen und sie waren noch nicht ‚offiziell’ wieder zusammen. Zum anderen ging es die Reporter einen feuchten Kehricht an. Sie sollten Fragen zu dem Spiel stellen und nichts anderes.

„Kein Kommentar,“ kam es deshalb auch folgerichtig von Heero.

Aber der Reporter, der als nächstes an der Reihe war, schien Blut geleckt zu haben. Vielleicht hatten sich die zwei aber auch nur abgesprochen. Wer wusste schon, wie deren Gehirne funktionierten. „Ist es nicht so, dass Sie beide nach dem Krieg drei Jahre zusammen gewohnt haben? Waren Sie schon damals ein Paar?“

„Kein Kommentar, auf beide Fragen.“ Duo musste wieder Grinsen bei seiner Antwort. Irgendwie machte es fast sogar Spaß die anderen derart gegen die Wand fahren zu lassen.

Gwen meldete sich wieder zu Wort. „Ich muss noch einmal an die Absprachen erinnern. Dem nächsten, der eine Frage stellt die sich nicht um unsere Produkte dreht, wird des Raumes verwiesen.“ Und sie sah dabei tatsächlich so aus, als wenn sie diese Drohung ohne großes Federlesens auch durchziehen würde.

Das schienen jetzt auch wirklich alle verstanden zu haben, denn danach hielten sich die Reporter mit Fragen zu diesem Thema zurück. Das Frage-Antwort Spiel ging dann noch für knapp eine halbe Stunde weiter. Nicht nur Heero und Gwen wurden bombardiert, sondern auch immer öfter Duo. Wobei es sich meistens um Fragen zu seinen Büchern und was er denn von Heeros Plänen diesbezüglich hielt, ging.

Insgesamt musste Duo sagen, dass er diese Pressekonferenz fast angenehm empfand. Sicher, einige der Reporter hatten im gefährlichen Wespennest gestochert – aber insgesamt waren die Fragen eher moderat und wirklich auch auf die neuen Produkte von Wing abgezielt. Gwen musste allen Anwesenden wirklich mächtig mit ihrer eiskalten Art imponiert haben.

Während der ganzen Fragen hatten die Fans den Raum nicht verlassen. Sie waren natürlich genauso interessiert an den Antworten wie die Reporter. So kam es, dass die ganze Pressekonferenz eine sehr merkwürdige Atmosphäre hatte. Die Fans jubelten bei den Antworten. Sie jubelten sogar, wenn Heero und Duo auf eine vorwitzige Frage mit ‚Kein Kommentar’ konterten. Diese ganze Situation ließ Duo lächeln. Und er spürte einfach, dass auch Heero sich wohl fühlte.

Es gab da einfach keine zwei Meinungen, mit ihrer Idee die Konferenz auch für die Fans zu öffnen hatte Gwen völlig ins Schwarze getroffen. Wenn Heero nur den Pressevertretern hätte gegenüberstehen müssen, wäre es vielleicht nicht ganz so locker von statten gegangen. Davon einmal abgesehen, dass der ständige Jubel hoffentlich bleibend Heeros Selbstvertrauen gesteigert hatte.

Irgendwann, als Duo auch schon so langsam dass Gefühl hatte, dass sich die Fragen wiederholten, klatschte Gwen in die Hände und erklärte ohne großes Federlesens, dass die Konferenz damit beendet wäre. Dann wies sie noch einmal daraufhin, dass demnächst am Wing Stand eine Autogrammstunde beginnen würde.

Daraufhin begann sich der Saal in einer Geschwindigkeit zu leeren, die Duo nicht für möglich gehalten hätte. Sie selbst standen auch nach einigen Augenblicken auf und gingen zurück in den Raum hinter der Bühne.

Als sie den Raum betraten, grinste ihnen schon ein grünes Monster entgegen. Jamie hielt beide Daumen hoch. „Das ist einfach super gelaufen. Wir haben die ganze Konferenz auch als Lifestream ins Netz gestellt und die Foren laufen beinah über mit positiven Posts von unseren Fans. Super!“

Heero hielt kurz inne und nickte Jamie zu. Dann drehte er sich zu Gwen um und starrte sie mit einem leichten Deathglare an. „Gwen, wenn du mich noch einmal so reinlegst, dann…“

Gwen neigte ihren Kopf zur Seite und lächelte. Sie schien von Heeros grimmigem Blick nicht sonderlich eingeschüchtert zu sein. „Was dann Heero?“

„Dann werde ich dir genauso danken wie jetzt,“ sagte der ehemalige Wing Pilot und zog seine Assistentin in eine enge Umarmung. Nach einigen Minuten fügte er noch leise hinzu: „Ich bin dir wirklich dankbar. Ohne die Unterstützung der Fans… sagen wir es mal so, die Konferenz wäre so aufreibend geworden wie ich befürchtet hab.“

„Und jetzt?“ fragte Duo, der einen Schritt auf Heero zugegangen war und ihm sanft seine rechte Hand auf die linke Schulter gelegt hatte.

„Jetzt bin ich absolut davon überwältigt wie sehr mich noch alle mögen. Das hab ich mir einfach nicht vorstellen können.“ Heero schluckte schwer. Er blickte mit fast traurig in die Runde. „Ohne die Fans, ohne Euch… ich weiß nicht…“ Er schluckte wieder und hörte dann einfach auf zu sprechen. Scheinbar war es zu schwer für ihn genau in Worte zu fassen, was er gerade empfand.

Aber das war auch gar nicht nötig. Alle im Raum wussten nur zu gut von Heeros angeschlagenem Selbstbewusstsein. Duo stupste ihn noch einmal an. „Lass es dir einfach eine Lehre sein, und akzeptier, dass wir Recht haben,“ witzelte er.

Ein Lächeln huschte über Heeros Gesicht. „Ich werde versuchen mich daran zu erinnern,“ versprach er leise.

Duo konnte nicht mehr an sich halten und umarmte seinen Freund von hinten. Er vergrub seinen Kopf in Heeros Schulterbeuge und sagte: „Akzeptier einfach, dass deine Fans dich lieben, egal was der Zwerg dir eingeredet hat. Wir alle lieben dich.“

Für einen Augenblick blieben sie einfach nur so stehen. Gwen und Jamie waren sehr darauf bedacht sie in Ruhe zu lassen, aber das fiel wahrscheinlich nur Duo auf. Dann seufzte Heero kurz und sagte in sehr ruhigem Ton: „Und es war für dich wirklich in Ordnung, dass du plötzlich vor so vielen Menschen als Max Samuel ‚geoutet’ wurdest?“

Duo lachte kurz auf. „Ach, eigentlich ist es gut, dass das Geheimnis endgültig vom Tisch ist. Außerdem erwarte ich in den nächsten Minuten ein Telefonanruf von einem aufgeregtem Verleger, der sich über die kostenlose Werbung freut.“

Alle im Raum lachten bei dieser Bemerkung. Irgendwie schien sie es auch zu schaffen die merkwürdige Melancholie die für einige Augenblicke geherrscht hatte zu vertreiben. Denn plötzlich sahen alle fröhlich und tatenfreudig drein.

Ganz besonders Jamie, der mit den Händen winkte. „So langsam sollten wir uns auf den Weg machen. Am Wing Stand wird eine riesige Horde von Hardcorefans ungeduldig auf Heeros Ankunft warten. Wenn wir keine Massenhysterie verantworten wollen, sollten wir uns beeilen.“

„Arbeit, Arbeit, nichts als Arbeit!“ jammerte Heero mit einem gespielt wehleidigen Tonfall. Aber seine Augen strahlten und voller Tatendrang schnappte er sich Duos Hand und bewegte sich in Richtung Ausgang.

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Als sie in die Nähe des Wing Standes kamen, musste Duo schlucken. Wenn er vorhin gedacht hätte, dass es voll war, dann wurde er jetzt eines besseren Belehrt. Riesige Menschentrauben drängten sich um den Bereich der zu Wing gehörte.

„Puh, sieht mal wieder nach einer Menge Arbeit aus,“ verkündete auch Heero, doch sein Gesichtsausdruck war immer noch fröhlich.

„So soll es doch auch sein,“ kicherte das grüne Monster.

Und Gwen fügte hinzu. „Wir haben genügend Deathscythe-Sammelkarten auf denen du signieren kannst. Damit können wir auch den größten Ansturm überstehen. Und alles ist vorbereitet, du kannst dich direkt an den Tisch setzen.“

„Ok,“ entgegnete Heero und bewegte sich nach vorne. Dann erklärte er noch über die Schulter zu Duo: „Wir schleichen uns jetzt von hier in den VIP Bereich, und von dort geht’s dann zu den Tischen, an dem ich und mein Team die Autogrammstunde geben werden.“

„Ah,“ entfuhr es Duo. Er hatte sich schon gefragt, wie sie unbehelligt durch die ganzen Menschenmassen kommen sollten. Aber wie schon vorhin, wurden sie nicht behelligt und kamen zügig voran. Im völlig verlassenen VIP Bereich hielten sie sich erst gar nicht lang auf.

Als Heero dann durch den offiziellen Ausgang den VIP Bereichs verließ, ertönte wie auf Kommando wieder unglaublicher Jubel. All die Fans, die sich um den Wing Stand drängten schienen bemerkt zu haben wer sich jetzt in ihrer Mitte befand.

Heero lächelte scheu aber voller Freude und bahnte sich seine letzten Meter bis zu den Tischen, die Gwen schon vorher erwähnt hatte. Vor den Tischen standen die großen Trauben von Menschen in halbwegs geordneten Reihen an, dahinter saßen einige Leute – Programmierer von Wing, wie Jamie Duo schnell zuflüsterte.

Ohne groß Zeit zu verschwenden setzte sich Heero auf den einzig noch freien Sitz und schnappte sich ein Stift und einige Hochglanzbilder. Dies schien eine Art Startschuss gewesen zu sein, denn durch die Menschentraube bewegte sich eine Art Welle, und plötzlich sprachen diejenigen, die in der ersten Reihe standen auf Heero ein.

Duos Kiefer fiel fast nach unten, als er sah in welch einer Geschwindigkeit Heero umringt war. Gespannt beobachtete er die nächsten Minuten das Geschehen. Was ihn sehr erstaunte war, dass Heero nicht einfach nur gelangweilt seine Signatur unter einer der Karten setze, sondern er sprach auch mit jedem der zu ihm kam, schenkte seinen Fans ein echtes Lächeln. Und es schien sogar hin und wieder eine längere Diskussion zu entstehen, in die sich auch alle darum herum stehenden einbrachten.

„Wow,“ sagte Duo zu Jamie, der immer noch neben ihm stand. „Bei dem Tempo wird er ja in ein paar Jahren noch nicht fertig sein.“

Jamie lachte kurz auf. „Ganz so schlimm ist es nicht. Aber du hast schon Recht, Autogrammstunde ist eine Untertreibung. Es sind immer mehrere Stunden und das nicht nur heute, sondern auch die nächsten Tage. Aber es ist doch besser so, als wenn Heero sich für jeden nur ein paar Sekunden nimmt, oder?“

„Aber natürlich,“ bestätigte Duo. Er war ein wenig unsicher, was er jetzt tun sollte. Bisher war seine Aufgabe relativ einfach gewesen. Heeros Hand zu halten und immer in seiner Nähe zu sein. Aber so beschäftigt wie sein Freund gerade war, bezweifelte er, dass er ihm in diesem Moment bei irgendwas helfen konnte. Mitten in diese Überlegungen fing sein Magen an zu knurren. Und das scheinbar so laut, dass auch Jamie es über den allgemeinen Geräuschpegel hinweg gehört hatte.

„Hast du Hunger?“ fragte er Duo.

Duo nickte bestätigend. „Hunger, Durst und ich müsste wohl auch mal für kleine Waldelfen.“

„OK,“ erklärte Jamie, dann ging dieser einen Schritt nach vorne und stupste Heero an die Schulter.

Als der ehemalige Wing Pilot in seiner Tätigkeit pausierte und sich zu ihnen beiden umdrehte, sagte Jamie: „Heero, ich entführ mal deinen Duo ins Restaurant.“

Heero schien einen Moment zu überlegen, doch dann nickte er: „In Ordnung. Das hier wird ja noch eine Weile dauern.“

Duo wollte schon protestieren, er hatte zwar Hunger, aber von Heero wollte er sich deshalb trotzdem nicht trennen.

Dieser schien genau erraten zu haben, welche Gedanken durch Duos Kopf rasten, deshalb schnappte er sich Duos Hand, drückte diese kurz und meinte dann noch einmal. „Es ist wirklich in Ordnung. Hier würdest du nur rumstehen und dich langweilen. Geh doch mit Jamie essen, wenn ihr fertig seid, ist es hier vielleicht auch nicht mehr ganz so voll.“

„Meinst du wirklich?“ vergewisserte sich Duo noch einmal.

„Wirklich, wirklich. Aber wenn du willst, dann kannst du mir einen Burger mitbringen. Zu trinken hab ich hier ja,“ er zeigte mit seinem Kopf in die Richtung des Tisches, auf dem diverse Flaschen mit Getränken standen. „Aber über kurz oder lang werde ich auch Hunger bekommen, auch wenn ich eigentlich zu aufgeregt zum essen bin.“

„OK,“ erwiderte Duo. Er war sich zwar ziemlich sicher, dass Heero nur etwas zu essen bestellt hatte, um ihm die Gewissensbisse zu nehmen, aber er nahm diese ‚Ausrede’ nur zu gerne an. Es war schön zu sehen, dass Heero sich trotz all des Stresses darum sorgte, dass Duo sich wohl fühlte. Duo nahm das mal als weiteres Indiz, dass heute Abend beim großen Gespräch alles so enden würde, wie er es sich wünschte. „Lauf nicht weg, wir sind bald wieder da,“ witzelte er und zwinkerte Heero zu.

Dieser zwinkerte zurück und drehte sich dann wieder zu den wartenden Fans um.

„Na gut,“ seufzte Duo zu Jamie gewandt. „Dann bring mich mal dahin wo es etwas zu essen gibt. Du hast von einem Restaurant gesprochen?“

Jamie drehte sich um und winkte Duo ihm zu folgen. Während sie sich gemeinsam vom Wing Stand entfernten. „Restaurant ist sicher übertrieben. Es gibt unzählige kleine Stände wo man etwas zu essen kaufen kann, aber auch eine Art Kantine. Oder Imbiss, je nachdem wie man es sieht. Zu essen wirst du da nur Fastfood finden – der Klientel der Convention angepasst. Aber man kann sich dort auch gemütlich an Tische setzen und ein wenig vom Stress der Messe entspannen. Wir müssen uns nur bis Halle 2 durchschlagen. In der Etage darüber liegt das Restaurant.“ Jamie wandte sich nach links und Duo folgte ihm einfach.

Da es in den Hallen wirklich voller geworden war, brauchten sie fast eine halbe Stunde bis sie den versprochenen Imbiss erreicht hatten. OK, es hatte auch nicht nur an den anderen Messebesuchern gelegen. Sondern Duo hatte auch recht oft an diversen Ständen anhalten müssen um zu bestaunen was dort ausgestellt wurde. Außerdem hatten sie einen Zwischenstopp bei den Herrentoiletten eingelegt.

In dem Restaurant war es dagegen erstaunlich ruhig. Oh, es gab trotzdem sehr viele Menschen und sogar eine kleine Schlange vor der Essensausgabe, aber es waren nicht alle Plätze besetzt. Dies verwunderte Duo ein wenig. Bei den ganzen Menschenmassen, müsste es auch jetzt noch sehr voll in dem Restaurant sein.

Doch als er das Jamie fragte, schüttelte dieser den Kopf. „Nicht unbedingt. Zum einen ist das Restaurant sehr groß – es wurde schließlich für dieses riesige Messegelände konzipiert. Zum anderen sind Conventionbesucher bekannt dafür, sich auch selbst zu versorgen. Ich schätze mal knapp ein Drittel der Besucher hat was zu essen und zu trinken in ihren Rucksäcken. Die Preise auf der Messe sind nicht wirklich gering. Und viele haben schon sehr viel Geld ausgegeben um überhaupt hierher zu kommen.“

Das konnte Duo nur zu gut verstehen. Zum Glück musste er sich um so etwas wie Geld keine Sorgen mehr machen, denn die Angebote an der Essenstheke sahen einfach zu lecker aus. Schnell gab er seine Bestellung ab – Pommes, einen Burger und fürs schlechte Gewissen einen Salat. Den Burger für Heero würde er erst kaufen, wenn sie wieder gingen, damit er nicht vollkommen kalt bei seinem Freund ankommen würde.

Jamie hatte sich die gleichen Sachen ausgesucht und dann navigierten sie mit ihren Tabletts zu einem der freien Tische. Dort setzten sie sich, und nachdem sie sich gegenseitig guten Appetit gewünscht hatten, schnappte sich jeder seinen Burger und fing mit dem Essen an.

Nach einigen Minuten des genüsslichen Schweigens legte Jamie die Reste seines Burgers zur Seite, trank noch einen Schluck und sagte dann plötzlich – wie aus heiterem Himmel – zu Duo: „Und verrätst du mir dein großes Geheimnis?“

Duo runzelte die Stirn. „Welches Geheimnis?“ nuschelte er um einen Bissen herum.

„Na, wie du es in nur wenigen Wochen geschafft hast soviel Punkte bei Deathscythe zu erlangen. Ich musste fast zwei Jahre ‚trainieren’ bevor ich so gut wurde. Nicht mehr lang, und ich muss um meinen Rekord bammeln,“ das grüne Monster sah bei dieser Aussage recht gutmütig drein.

Duo verschluckte sich fast. Scheinbar war heute der große Beichttag. Er wunderte sich kurz, ob es noch ein Geheimnis gab, dass er heute auch noch lüften müsste. Vielleicht würde es ja die Allgemeinheit interessieren ob er lieber Boxershorts oder Slips trug. Er schüttelte kurz seinen Kopf um seine Gedanken frei zu bekommen. Dann sagte er mit einem schrägen Grinsen: „Ähm… also… um ehrlich zu sein. Ich hab geschummelt.“

So, die Sache war raus, jetzt konnte er beruhigt darauf warten, dass die Erde sich unter ihm auftat und ihn verschlucken würde.

„Geschummelt? Wie hast du das denn gemacht? Und weiß Heero davon?“ kam es von Jamie.

Eines musste man dem grünen Monster lassen, es wirkte eher überrascht, denn geschockt. Vielleicht bestand ja doch die Hoffnung, dass dieses kleine dunkle Geheimnis nicht zu einer totalen Katastrophe führen würde. „Ich hab einen Weg gefunden, dass mir für jeden Spielzug mehr Punkte gutgeschrieben werden, als eigentlich vorgesehen. Wie eine Art Bonus. Wie das genau funktioniert, dass ist jetzt zu kompliziert zu erklären. Und Heero wollte ich heute Abend davon erzählen. Ich weiß nur noch nicht wie er darauf reagieren wird.“

„Er wird ausflippen.“

Duo ließ den Kopf hängen. „Das hab ich befürchtet,“ murmelte er traurig und seufzte tief. Ob er wohl Jamie dazu bringen könnte dieses Geständnis wieder zu vergessen.

„Hey,“ sagte Jamie mit erstaunlich sanfter Stimme. „Das ist doch kein Grund traurig zu sein. Heero wird begeistert sein.“

Duo meinte sich verhört zu haben. „Begeistert?“ vergewisserte er sich noch einmal.

„Aber natürlich. Wenn du den Cheat heute noch einreichst, dann wirst du morgen bestimmt die Cheat-Meisterschaft gewinnen. Ich hab die anderen eingereichten Cheats schon untersucht. Da ist nichts, was mit deinem mithalten kann. Die sorgen nur für minimale Verbesserungen, wobei deins scheinbar direkt in die Punktevergabe eingreift. Das muss einfach der Gewinner sein.“

In Duos Ohren rauschte es. Er versuchte zu verstehen was Jamie ihm gerade erzählt hatte, aber der junge Manager hätte genauso gut Kisuaheli sprechen können. Duo verpackte seine Verwirrung äußerst eloquent in ein ernst gemeintes: „Hä?“

Jamie kicherte. „Ich geh mal davon aus, dass du nicht die geringste Ahnung hast, wovon ich gerade spreche, oder?“

Duo schüttelte seinen Kopf. „Irgendwie nicht. Ich dachte dass das Cheaten bei Deathscythe absolut verpönt ist. Praktisch eine Sünde. Und jetzt erzählst du mir was von Cheat-Meisterschaften und dass Heero darüber begeistert sein wird dass ich seinen Code manipuliert hab?“

„Ich seh schon, ich muss ein wenig ausholen. Du hast schon ganz richtig gesagt, cheaten wird nicht gerne gesehen. Besonders nicht im Online Spiel. Alle die da mit einander wetteifern sollen die gleichen Bedingungen haben. Deshalb haben Heero und sein Team immer besonders großen Wert darauf gelegt solche Cheats weitestgehend zu unterbinden.“

„Ja,“ so weit hatte Duo es auch verstanden.

„Nun,“ erklärte Jamie weiter, „wird es aber immer Leute geben die versuchen solche Hintertürchen zu finden oder zu bauen. Im Grunde denkt doch jeder Spieler bei der einen oder anderen Gelegenheit darüber nach, wie schön es doch wäre gerade da schummeln zu können. Es war Heero also klar, dass es immer Versuche geben wird sein Spiel zu knacken. Und kein Sicherheitssystem der Welt, nicht mal eines dass Heero entwickelt hat, ist bei so einem komplexen Code wie das für Deathscythe unangreifbar. Und deshalb ist Heero einen etwas anderen Weg gegangen. Oh, er hat natürlich trotzdem das wohl am schwersten zu knackende Sicherheitssystem entwickelt.“

„Das kann man wohl sagen,“ murmelte Duo abwesend, während er Jamie lauschte.

„Aber er hat auch immer die Hacker motiviert, die Sicherheitslücken an Wing weiter zu geben.“

„Wie hat er das denn geschafft?“ fragte Duo erstaunt. Welcher Hacker würde schon freiwillig mitteilen wie er das System geknackt hatte?

„Nun, es sind Preise ausgerufen. Wer einen Cheat findet und Wing zeigt wie man dieses Problem wieder schließt wird dafür belohnt. Und bei den Conventions wird sogar auf dem Cheater-Treffen ein Meister gekürt. Außerdem ist es ein offenes Geheimnis, dass mehr als einer der ehemaligen Hacker heute als Programmierer bei Wing arbeitet. Welche größere Ehre gibt es für einen Computerfreak, als von dem berühmten Heero Yuy wegen seiner Programmierfähigkeiten gelobt zu werden? Du kannst mir gerne glauben, die Leute im Cheater-Treffen, das sind richtige Hardcore Fans.“

„Gehen alle so ehrlich damit um?“

„Alle wahrscheinlich nicht. Es wird auch immer Leute geben, die ihre Erkenntnisse nicht an Wing weiter reichen. Aber andererseits, bringt ihnen ihr schöner Cheat dann auch nichts. Sie können nirgendwo damit angeben, denn sowohl bei den einfachen Spielern, als auch bei den offiziellen Cheatern ist es verpönt so etwas nicht an Wing weiter zu geben. Das heißt sie können niemandem davon erzählen. Und wo bleibt dann der ganze Spaß? Wenn sie es aber öffentlich machen, dann werden sie dafür sogar bewundert und erhalten Belohnungen. Und Wing hat die besten Softwaretester die man sich vorstellen kann.“

„Das heißt, wenn ich öffentlich sage dass ich geschummelt hab und Wing den Weg verrate, dann wird Heero mich nicht bei lebendigem Leibe pink anstreichen und den Haien zum Fraß vorwerfen?“

Jamie schmunzelte wieder. „Nein, wird er nicht.“ Er legte eine Hand beruhigend auf die von Duo. „Mach dir keine Sorgen. Wie ich schon gesagt hab, viele der Hacker arbeiten jetzt sogar bei Wing und sind gute Freunde von Heero. Er verabscheut nur die, die es nie preisgeben.“

„Gut,“ Duo fühlte sich, als wenn eine tonnenschwere Last von seinen Schultern genommen wurde.

„Aber wieso hast du denn überhaupt geschummelt?“ wollte Jamie plötzlich wissen.

„Ähm…“ Duo biss sich auf die Lippen und dann entschied er sich spontan dafür heute nicht noch mehr Katzen aus dem Sack zu lassen. „Das erzähl ich dir ein anderes mal. Sollten wir nicht langsam mal zurück gehen? Heero verhungert sonst noch.“

„Ach das ist wohl weniger zu befürchten, es gibt genügend Süßigkeiten die dort verteilt werden. Und ich bezweifle dass Heero schon fertig ist mit all den Autorgrammen.“

„Aber wir brauchen sicher ja auch wieder eine ganze Weile bis wir dort sind,“ drängte Duo.

„Ok, ok. Ich gebe mich geschlagen. Ich verputz nur noch schnell meine Pommes und dann können wir los.“

Duo nickte. Und da er auch noch was von seinem Salat übrig hatte, fing er an den zu essen. Während er die Gabel in seinen Mund schaufelte nahm er sich fest vor, Heero heute noch unbedingt von dem Cheat zu erzählen und ihm zu zeigen, wie er das gemacht hatte. Unglaublich, dass er wohl aus dieser Grube wieder herauskommen würde, ohne dass ihm sein Freund für ewig böse sein würde. So ein unglaubliches Glück.

Und wahrscheinlich wären die ganzen Gewissensbisse nicht nötig gewesen, wenn er sich vorher informiert hätte und davon gewusst hätte wie Wing mit Hackern umging. Vielleicht sollte er sich doch mal angewöhnen, alles auf der Wing Homepage zu lesen, bevor er sich in ein neues Abenteuer stürzte. Schaden konnte das zumindest nicht.

Sie beendeten das Essen relativ schnell. Dann gingen sie noch einmal zur Essenstheke damit Duo einen Burger für Heero kaufen konnte. Und danach machten sie sich wieder auf den Weg zur Halle 5.

Es herrschte immer noch ein großes Getümmel, aber Duo hatte dass Gefühl das es etwas weniger dicht gedrängt war wie auf ihrem Weg zum Essen. Aber vielleicht hatte sich Duo auch nur an die Menschentrauben gewöhnt.

Kaum hatten sie die Halle 5 erreicht und waren in der Nähe des Wing Standes, als Duo auch schon nach Heero Ausschau hielt. Die Traube vor dem Autogrammstand, war etwas kleiner geworden. Der Rest vom Wing Stand war aber immer noch mehr als gefüllt.

Doch je näher sie dem Stand kamen, desto klarer wurde es für Duo, dass Heero nicht mehr an dem Platz war, wo er vorhin gesessen hatte. Unbewusst wurden Duos Schritte schneller. Und nur wenige Augenblicke später hatte er sich von hinten zu dem Tisch durchgekämpft.

„Wo ist Heero?“ fragte er die anderen Wing Mitarbeiter die an den Tischen saßen. Er konnte sich gar nicht erklären, wieso Heero seinen Platz mitten in der Autogrammstunde verlassen haben sollte. Wo doch noch so viele Fans sehnsüchtig auf seine Signatur warteten.

„Ach, der ist nur mal aufs Klo verschwunden,“ antwortete einer der besagten Fans relativ gut gelaunt.

„Konnte es nicht mehr aushalten und hat uns gebeten solange zu warten,“ kicherte ein anderer und die ersten Reihen der Wartenden fielen gemeinsam in ein Lachen ein. Sie machten sich nicht lustig über Heero, das war offensichtlich. Sie schienen sich nur darüber zu amüsieren, dass ihr Idol auch menschliche Schwächen besaß.

Duo wusste nicht wieso, aber er hatte plötzlich ein ganz dummes Gefühl. „Ist er allein weg? Und wie lang ist es her?“ hackte er nach.

„Vielleicht so zehn Minuten,“ erklärte einer der Fans. „Aber das will nichts heißen bei dem Betrieb hier.“

Duo drehte sich ab. Er war unruhig. Absolut unruhig. Irgendwas war hier nicht in Ordnung. Das spürte er einfach. Er wollte schon los gehen, als eine Hand auf seine Schulter fiel. Als er nach hinten sah, blickte ihm Jamie entgegen. „Willst du ihm nachgehen?“ fragte das grüne Monster.

Duo nickte. „Ich weiß auch nicht, aber ich hab das Gefühl, dass ich das besser tun sollte.“ Dann drehte er sich wieder und wollte schon in die Richtung laufen, die sie vorhin als er selbst die Toilette besuchen wollte eingeschlagen hatten.

„Hey,“ hielt ihn Jamie noch einmal auf. „Heero ist garantiert nicht dorthin gegangen. Oben auf der Galerie sind auch Waschräume, dort kommen die normalen Besucher der Convention nie hin, eigentlich immer nur die Aussteller.“

OK, das sah Duo ein. Es gab sicher auch Orte, an denen Heero nicht so gern von bewundernden Fans umringt sein mochte. „Danke“ rief er Jamie noch zu, während er sich schon in die richtige Richtung begab. Erst einmal durch den VIP Bereich und dann über die Treppe zur Galerie.

Dank seines guten Orientierungssinns, hatte Duo auch keine Probleme den Weg zu finden. Und wirklich, kaum war er oben auf der Galerie angekommen, als er auch schon die Hinweisschilder zu den Waschräumen sah. Sehr praktisch. Von seiner unbestimmten Unruhe angetrieben ging er in die angegebene Richtung.

Jamie hatte nicht übertrieben, hier oben war es im Vergleich zu den vollen Hallen sehr ruhig. Zwar liefen auch hier Menschen durch die Gänge, aber es gab keine Massen.

Duo war gerade dabei, an einer Gangkreuzung nach rechts abzubiegen, als er weiter vorn Heero sehen konnte. Der rote Umhang hob sich auffällig von dem beigen Wänden ab. Heero stand vor den Türen, die zu den Waschräumen führten und schien sich in einem Gespräch zu befinden. Duo wollte schon erleichtert ausatmen. War Heero doch einfach nur über einen Fan gestolpert und konnte sich nicht loseisen?

Doch dann gefror das Blut in Duos Adern, als er erkannte, wer da Heero gegenüberstand und ihn durch eine drohende Haltung – und dadurch dass er einen Kopf größer war – gegen die Wand drängte. Es war Gordon! Und bei dem Gesichtsausdruck den Heero gerade trug, wurden sämtliche Beschützerinstinkte in Duo auf Hochtouren gebracht.


[1] Das ist ein etwas abgewandeltes Zitat von Joss Whedon. In einem Interview auf der Serenity DVD sagt er in etwa, dass er lieber etwas dreht dass von 10 Leuten geliebt, als von 100 Leuten gemocht wird (ich hoffe ich hab die Zahlen nicht durcheinander gebracht). Das ist auf jeden Fall die grobe Übersetzung und ich fand das auch für Heeros Spiel sehr passend.

Übrigens sein Bericht über seine Erlebnisse auf der ComicCon (ebenfalls auf der DVD zu sehen) hat mich ein klein wenig zu einigen Ereignissen auf der Rollenspiel Convention inspiriert. Nichts spezielles, eher das Gefühl das er in dem Interview vermittelt hat.

Fortsetzung folgt