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Ironie des Lebens Teil 1

01

Manchmal hasste er seinen Beruf! Nein, manchmal hasste er sein Leben! Was hatte er nur verbrochen, dass ihn der liebe Gott so bestrafen musste? Seine Kollegin sollte sich auf Knien bei ihm bedanken. Obwohl eigentlich konnte diese Schuld nicht beglichen werden. Wie konnte sie einfach so krank werden? Konnte sie sich dafür nicht einen anderen Tag raus suchen? Und wie kommt sein Chef auf die selten dämliche Idee, ihm diesen Artikel zuzuschieben?
 
Ja, er, Ronny Langton, war Journalist. Und das eigentlich mit Leib und Seele. Aber normalerweise schrieb er auch seriöse Artikel über das aktuelle Zeitgeschehen. Egal ob es um Politik, Naturkatastrophen oder Krieg ging. Er war dabei. Und er war gut. Seine Artikel hatten der Times viele neue Leser beschert, schließlich waren sie gut geschrieben, mit der richtigen Mischung aus Sarkasmus und genauen Fakten. Er begab sich sogar zu den Krisengebieten. Um so wahrheitsgetreu wie möglich zu schreiben. Er war definitiv einer der besten Journalisten des Landes.
 
Umso mehr störte ihn sein momentaner Auftrag. Heute Morgen, als er sich gerade an seinen Leitartikel für nächste Woche setzen wollte, kam sein Chef in sein Büro gestürmt und erklärte ihm, dass seine geschätzte Kollegin erkrankt wäre. Schön und gut, hatte er sich gedacht, doch was ging ihn das an? Nun, er sollte den Artikel der jungen Dame übernehmen. Noch immer war dies eine annehmbare Sache. Schließlich war er doch hilfsbereit. Als er jedoch erfuhr, über was bzw. über wen er schreiben sollte, war all seine Hilfsbereitschaft und sein Verständnis wie weggeblasen.
 
Jason W. McGregor. Megastar des 21. Jahrhundert. Millionen verkaufte Alben, ausverkaufte Konzerte, grandioser Sänger und das größte Arschloch, das die Welt je gesehen hat. Nie würde er über diese Person einen Artikel schreiben. Zunächst weil dieser Artikel in die Kategorie Musik fallen würde, und seiner Meinung nach nur zweitklassige Journalisten in dieser Rubrik schrieben, und weil er Jason W. McGregor nicht ausstehen konnten.
 
Jason W. McGregor! Allein schon der Name. Wozu musste jeder dessen Mittelinitialyen mit sagen? Hielt der sich für so wichtig? Die traurige Antwort war ja. Er war arrogant und eingebildet. Er behandelte die Reporter wie Dreck und schirmte jegliche Gefühle hinter einem eisigen Blick ab. Na gut, er hatte wirklich eine geniale Stimme und er machte auch richtige Musik. Nicht dieses Pop-Geleier. Er versuchte sich mit unterschiedlichen Instrumenten und variierte in seinen Stilrichtungen, und trotzdem klangen seine Lieder hervorragend und alle liebten sie. Er war wahrlich nicht umsonst ein Weltstar. Aber seine Art! Er hatte tausend Affären, alle nur für eine Nacht. Und darüber machte er noch nicht mal einen Hehl. Nein, der Kerl war einfach ein widerliches Schwein!
 
Und für den sollte er jetzt auch noch sein Schreibtalent verschwenden? Nein, danke! Dummerweise hatte sein Chef sehr überzeugende Argumente, unter anderem seine Gehaltserhöhung, denen er erlag.
 
So stapfte Ronny nun grummelnd auf ein riesiges Gebäude zu, in welchem eine Pressekonferenz mit dem Wunderknaben stattfinden sollte. Hatte er schon erwähnt, wie er das Leben manchmal hasste? Nichts mochte er weniger als stupide Pressekonferenzen, wo sich Reporter auf eine Person stürzen wie Armeisen auf ein Stück Keks. Es wurden belanglose Fragen gestellt und am Ende kam ein Artikel raus, der maximal zum Poabwischen benutzt werden konnte.
 
Grummelnd fuhr er sich durch die braunen Haare und zog seine Jacke etwas fester. Es wurde langsam wirklich kalt. Und weil natürlich die halbe Welt den Knabensänger sehen wollte, war der Parkplatz hilflos überfüllt und sein Auto stand am Arsch der Welt. Genauer gesagt in der Purzelbaumstraße. Gott, gab es bescheuerte Straßennamen! So stampfte er durch die Kälte. Nicht mehr lange und es würde schneien. Wieder entwich ihm ein Seufzen. Eigentlich wollte er nur noch heim und in eine heiße Wanne steigen.
 
Stattdessen öffnete Ronny etwas ruppiger als nötig eine der vielen Glastüren und betrat die Empfangshalle. Sofort war er von Leuten umgeben. Alle schwatzten sie mit strahlendem Lächeln auf dem Gesicht, sichtlich aufgeregt, den Gesangskometen in Person zu sehen. Die Augen verdrehend versuchte Ronny sich einen Weg durch die Massen zu drängeln, da die Konferenz gleich losgehen musste und er sich nicht mit dieser Herde von Elefanten durch irgendeine Tür quetschen wollte. Doch da war es schon zu spät und ein Gong ertönte, der alle in den Konferenzraum rief. Wie in der Schule!
 
Sofort drängten alle auf einen Durchgang zu. Er wurde einfach mitgerissen. Erst im Konferenzsaal hatte er wieder so viel Platz, dass er atmen konnte. Der Saal war groß und egal auf welchem Platz man saß, man hatte einen guten Blick zu dem Tisch, an dem sich der Mittelpunkt der Welt in wenigen Minuten einfinden würde. Ronny suchte sich einen Platz im hinteren Drittel des Raumes. Am liebsten würde er ja einfach die Augen schließen und ein kleines Nickerchen halten, solange die Pressekonferenz dauern würde, doch dann würde ihm sein Chef die Hölle heiß machen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. So kramte er aus seinem Rucksack einen Block und einen Stift. Er würde einfach hier und da mitschreiben und dann irgendeinen dämlichen Artikel schreiben. War doch eh schnuppe, was er schrieb. Mindestens einhundert andere Zeitungen würden das Selbe schreiben.
 
Das aufgeregte Geschnatter und Gekicher seiner vor allem weiblichen Kolleginnen, welch Wunder; verstummte als Gott persönlich den Raum betrat. Nein, er mochte diesen Lackaffen definitiv nicht! Dennoch war er für einem Moment von der Person gefesselt. Schwarze Haare, deren Franzen weit ins Gesicht hingen, eisblaue Augen, markantes Gesicht und ein großer, durchtrainierter Körper, an dessen Haut sich nur teure Designerklamotten schmiegten. McGregor strahlte gleichzeitig eine sexy Hitze und arrogante Kälte aus. Der war von sich selbst viel zu überzeugt!
 
Ronny lehnte sich zurück, rutschte auf seinem Stuhl tiefer und machte es sich bequem. Sobald sich McGregor gesetzt hatte und die Reporter nicht begrüßt hatte, wie es sich für einen höflichen Star eigentlich gehörte, schossen auch schon die vielen Hände in die Höhe. Mit einem lahmen Kopfnicken wurde eine recht junge, weibliche Journalistin aufgefordert zu reden. Nervös sprang die Rothaarige auf und fragte: „Mr. McGregor, wie fühlen Sie sich, nun da Sie nach ihrer Asientour wieder in Ihrem Heimatland sind?“ Was für eine Frage! 100 Punkte für die Dame in grün für die bescheuertste Frage auf Erden! Er konnte nur die Augen verdrehen und hoffen nicht einzuschlafen. Mit etwas Glück kamen heute noch ein paar interessante Fragen.
 
Unangenehmerweise wurde er enttäuscht. Es folgten Fragen wie, ‚Verlief während der Tour alles glatt?’, ‚Wie schmeckte Ihnen das Essen in Asien?’, und ‚Hatten Sie auch dort Affären?’. War das Leben wieder grausam zu ihm. Nach anderthalb Stunden schaute er noch immer auf einen leeren Block. Die Konferenz würde jeden Moment als beendet erklärt werden und er hatte keine Ahnung, was er in seinem Artikel schreiben sollte. Am Ende würde er wirklich nur das typische Gelaber über einen grandiosen Sänger von sich geben. So einen Artikel hatte ja jeder erst an die zwanzigtausend Mal gelesen.
 
Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich der Manager erhob. Endlich war es vorbei. Jetzt konnte er endlich heim. Langsam damit er nicht auffiel packte er seinen Stift und seinen Block zurück in den Rucksack und lauschte nebenbei den Worten des Managers.
 
„Meine Damen und Herren, wir danken ihnen sehr, dass Sie sich Zeit genommen haben. Wir hoffen, es konnten ein paar ihrer Fragen geantwortet werden. Leider muss ich sagen, dass die 90 Minuten um sind. Jason ist jedoch bereit einem von Ihnen ein Privatinterview zu geben. Er wird die Person selbst aussuchen und es wird unverzüglich stattfinden. Ich danke Ihnen.“
 
Oh, das arme Schwein, das sich jetzt noch länger in der Nähe dieses Kühlschrankes befinden musste. Da wird man ja selbst zum Eiszapfen! Aber wenn er sich so umschaute, schienen alle sehr erbricht darauf zu sein, dieses Privatinterview führen zu dürfen. Dann sollten die mal. Er wollte bloß noch raus.
 
Aus reinem Berufsinteresse blickte er noch mal auf, um sich ein Bild von Jason W. McGregor zu machen, damit er dessen Auftreten in seinen Artikel einarbeiten konnte. Als er nach vorne blickte, starrten in zwei eisblaue Augen direkt an. Sie musterten ihn durchgehend bevor sich McGregors gesamter Kopf zu einem Nicken senkte. Sofort erstarrte jede Faser in Ronnys Körper. Er wusste genau was dieses Nicken bedeutete, genauso wie seine ganzen Kollegen und Kolleginnen, die sich ihm zuwandten. Er wusste nicht ob er lachen oder weinen sollte. Er hatte sie die ganze Zeit nicht einmal gemeldet, war vollkommen unauffällig gewesen und wollte nur noch heim. Und er sollte diese fantastische Ehre haben, dieses Privatinterview führen zu dürfen? Das war doch lächerlich!
 
Am liebsten hätte abgelehnt, wäre gegangen und hätte dieses Fratzengesicht nie wieder betrachtet, aber dann würde er sich wahrscheinlich einen neuen Job suchen müssen, wenn er überhaupt noch leben würde. So stand er also auf, als er von einer der Assistentinnen gebeten wurde, ihr zu folgen. Langsam und vollkommen gelassen verließ er den Saal, alle starrenden Blicke in seinem Rücken spürend. Er hatte sich damit abgefunden. Heute war ein Scheißtag! Und da musste er jetzt durch. Er würde dieses Interview hinter sich bringen, dann einen Artikel schreiben und die ganze Sache einfach für immer vergessen.
 
Die Assistentin führte ihn zu einer Holztür und blieb davor stehen.
 
„Gehen Sie einfach rein und machen Sie es sich auf dem Sofa bequem. Mr. McGregor wird jeden Augenblick zu Ihnen kommen.“
 
Ronny trat durch die geöffnete Tür. Kaum, dass er komplett im Zimmer stand, wurde sie hinter ihm wieder geschlossen. Er staunte nicht schlecht. Das Zimmer war riesig und sehr extravagant ausgestattet. Eine große Sofaecke nahm den größten Teil des Raumes ein. Davor standen ein gewaltiger Fernseher sowie eine High-Fi-Anlage. Eine Tasche lag auf einem Sessel. Ein paar Sachen lugten heraus. Es waren Designerklamotten. Anscheinend hatte man ihn in das Zimmer des Sängers geschickt.
 
Da er aus dem leeren Zimmer keinerlei brauchbare Informationen ziehen konnte, ließ es sich auf dem Sofa nieder. Die Assistentin hatte ja gesagt, es würde nicht lange dauern.
 
Eine viertel Stunde später saß er immer noch alleine. Seine Gelassenheit hatte sich mittlerweile in Wut gewandelt. Er könnte jetzt schon auf dem Weg nach Hause sein! Aber nein, der Heini musste ihn ja erst für das Privatinterview raussuchen und sich dann auch noch Zeit lassen! Was machte der Kerl so lange? War der ins Klo gefallen?
In dem Moment öffnete sich die Tür und besagter Kloputzer betrat den Raum. Hinter ihm kam dessen Manager zum Vorschein. Er begrüßte Ronny kurz, sagte seinem Schützling noch, dass er irgendeine Verabredung am Abend nicht vergessen sollte und verschwand dann wieder.
 
Hier saß er nun, mit der Person im Raum, die er in vieler Hinsicht so missbilligte. Der Sänger schaute ihn für einen Moment aus seinen eisblauen Augen an, bevor er sich stumm die Tasche vom Sessel nahm und sich darauf nieder ließ. Noch eine weitere Sekunde durchbohrten ihn die Kristalle bevor sich der Schwarzhaarige nach hinten lehnte, die Augen schloss und erschöpft seufzte.
 
Überrascht hob Ronny eine Augenbraue. Wo war denn die arrogante Fassade des Arschlochs geblieben? So wie der dort halb saß, halb lag, sah er einfach nur müde aus. Doch darüber wollte er sich keine Gedanken machen. Unwirsch schüttelte er den Kopf und kramte in seinem Rucksack nach Block und Stift. Als er sie endlich gefunden hatte und wieder aufblickte, sprühte das markante Gesicht des Anderen dieselbe bekannte Kälte aus. Ronny zuckte die Schultern. Ihm sollte es recht sein. Er wollte bloß das Interview hinter sich bringen. Aber wie sollte er beginnen?
 
„Du scheinst dich ja wenig für meine Antworten interessiert zu haben“, riss ihn der Schwarzhaarige aus den Gedanken, mit einem Kopfnicken auf den leeren Block deutend.
 
Schon wieder entbrannte die Wut in Ronnys Bauch. Erst kam dieser Trottel zu spät und dann nörgelte er noch an seinem Desinteresse herum. Schließlich hatte er jetzt doch genügend Zeit den Traummann der Frauenwelt näher kennen zu lernen. Und wann hatte er ihm das Du angeboten?
 
„Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen das Du angeboten zu haben. Mr. McGregor“, sagte er mit unterdrückter Wut.
 
Ein kühles Lächeln umspielten die Lippen des Sängers.
 
„Dann soll ich Sie also Siezen, Mr. Langton?“
 
Überrascht schaute Ronny seinen Gegenüber an. „Woher-?“
 
„Woher ich dei-, oh Entschuldigung, Ihren Namen kenne?“ Wieder dieses arrogante Lächeln. Diese Überheblichkeit. „Nun, ich muss sagen, ich war schon überrascht, als ich Ronny Langton, bekannt für seine grandiosen Artikel über Politik und Gesellschaft, in meiner Pressekonferenz wieder fand. Bin ich schon so bedeutsam, dass die Times einen ihrer besten Journalisten beauftragt?“
 
„Tut mir Leid Sie zu enttäuschen, aber ich bin bloß für eine Kollegin eingesprungen.“
 
„So? Und ich hatte schon Hoffnungen, dass mein Lieblingsjournalist wirklich an mir interessiert wäre. Und ich mag wirklich wenige Journalisten.“
 
Die schmeichelnden Worte, die angenehme Stimme. Alles an dieser Person war anziehend. Wie eine Spinne spann er unsichtbare Fäden um seine Beute. Zog sie immer mehr in seine Falle. Und in diesem Fall war er die Beute. Doch die Augen verrieten den Jäger. Der pure Hohn war zu erkennen. Nein, er würde sich nicht einwickeln lassen.
 
„Was mich interessieren würde, Mr. McGregor, warum haben Sie mich für das Privatinterview rausgesucht? In dem Raum befanden sich über einhundert Journalisten, die sich wirklich für Sie interessieren. Also wieso gerade ich?“
 
Als Antwort bekam er zunächst nur ein genervtes Verdrehen der Augen.
 
„Sie waren doch dabei. Die meisten Reporter stellen immer nur dieselben dämlichen Fragen. Noch mehr davon konnte ich für den heutigen Tag einfach nicht ertragen.“
 
Ungewollt musste Ronny verstehend nicken. Ihm ging es ja genauso. Auch er war fix und fertig von diesen Fragespielchen.
 
„Und woher wollen Sie wissen, dass ich nicht auch solche Fragen stelle?“
 
Ein berechnendes Lächeln legte sich auf das markante Gesicht.
 
„Ganz einfach. Erstens, weil Sie genauso gelangweilt aussahen, wie ich mich fühlte, und zweitens, weil ich mir erhofft hatte, Sie zu etwas anderem überzeugen zu können.“
 
Fragend hob Ronny eine Augenbraue.
 
„Zu etwas anderem? Und was bitte schön?“
 
Nun wirklich gespannt, was der Sänger vorhatte, lehnte er sich ein Stück nach vorne. Sofort wich er erschrocken zurück, als dieser abrupt aufstand und aus seiner Tasche ein Hemd kramte.
 
„Es ist ungemütlich hier und ich habe Hunger. Kommen Sie!“
 
Bevor Ronny irgendetwas sagen konnte wurde er am Handgelenk gepackt und von dem Sofa gezogen. In letzter Sekunde konnte er noch den Henkel seines Rucksacks greifen. Was war denn mit dem Kerl verkehrt? Zerrte ihn einfach aus dem Zimmer, quer durch die Gänge und die Tasche über der Schulter, als wäre es das Normalste der Welt. Gerade wollte Ronny anfangen zu meckern, als sein Handgelenk losgelassen wurde und er vor einem schwarzen BMW stehen blieb.
 
„Steigen Sie ein!“
 
Wie bitte?! Wieso sollte er? Er war doch kein Plüschtier, das man einfach so durch die Gegend schleppte! Es gab gar keinen Grund, da einzusteigen.
 
„Steig ein oder willst du deinem Chef erklären, warum du kein gescheites Interview auf Papier hast?“
 
Okay, es gab einen Grund. Aber es war ein verdammt schlechter! Das war Erpressung! Und überhaupt. Warum waren sie schon wieder beim Du?! Grummelnd öffnete er die Beifahrertür und ließ sich auf dem Sitz plumpsen. Hatte er schon erwähnt, dass er das Leben hasste?
 
„Geht doch.“
 
Mit diesem Kommentar wurde der Motor angelassen und der Wagen rollte auf die Straße. Auf der dicht befahrenen Straße kamen sie nur langsam voran aber schließlich parkte der BMW vor dem teuersten Hotel der Stadt. Etwas verunsichert schaute Ronny an der Fassade hinauf.
 
„Was wollen wir hier?“
 
„Nun ja, ich habe hier ein Hotelzimmer, auf dem ich gerne eine Dusche nehmen würde und du möchtest ein Interview haben“, kam die Antwort als sie das Hotel betraten.
 
„Sie!“
 
Verwirrt schauten ihn zwei blaue Augen an bevor sie wieder ihren spöttischen Glanz annahmen.
 
„Du! Ich mag dieses Siezen nicht.“
 
Und damit war das Gespräch beendet. Sprachlos schaute Ronny dem Sänger einen Moment hinterher bevor er ihm folgte. Er konnte es nicht fassen. Dieses Arschloch! Was fiel dem ein? Es richtete sich nicht alles nach seinem Willen! Argh! Am liebsten würde er auf der Stelle umdrehen aber er musste dieses Interview führen, wenn er die nächsten Tage auch überleben wollte. Aber dieses arrogante Mistvieh!
 
Plötzlich lenkte ihn noch etwas anderes ab. Einige der Angestellten begannen zu tuscheln, wenn sie an ihnen vorbei liefen. Verwirrt blickte er sich fragend um, doch dann ging ihm ein Licht auf und eine weitere Welle des Zorns schwappte über ihn. Wenn er nicht aufpasste, würde als nächste Affäre des großen Superstars abgestempelt. So war ja bekannt, dass sich der Sänger auch männliche Bettgenossen aussuchte. An sich hatte er kein Problem damit, schließlich war er selber bi, aber er wollte unter keine Umstände als Bettgeschichte abgeschrieben werden. Nicht mit diesem Macho. Das war unter seiner Würde!
 
Bezeichneter Macho öffnete in diesem Moment die letzte Tür des Ganges und ließ Ronny eintreten. Für einen Moment vergaß dieser seinen Frust und bestaunte einfach nur die riesige Suite. Noch nie in seinem Leben hatte er ein solches Hotelzimmer gesehen. Das war der Wahnsinn – und die reinste Verschwendung! Eine einzelne Person benötigte niemals so viel Platz! Aber darüber sollte er sich lieber keinen Kopf machen. Er war hier um ein Interview zu führen. Und das so schnell wie möglich.
 
„Mach es dir bequem. Ich gehe schnell duschen. Dauert nicht lang.“
 
Damit verschwand der Schwarzhaarige. Ronny konnte nur verächtlich Schnaufen. Dauert nicht lange! Von wegen! Das würde sicherlich ewig dauern. Seufzend ließ er sich auf einer der tausend Sitzgelegenheiten nieder. Er könnte jetzt so entspannt in seiner Badewanne sitzen. Aber nein, er musste sich ja hier mit diesen Hohlkopf rumschlagen. Es war wirklich frustrierend. Er lehnte sich nach hinten und schloss die Augen und viel in einen leichten Dämmerschlaf.
 
Eine halbe Stunde später wurde er aus seinen Träumen gerissen als sich die Schlafzimmertür ruckartig öffnete. Einen Moment glaubte er, noch zu träumen. In der Tür stand der Sänger mit ganz gewöhnlichen Sachen. Eine gewöhnliche Jeans und ein gewöhnlicher Pullover. Und es stand ihm ausgezeichnet. Er wirkte nicht mehr so unantastbar. Dieser einfache Style machte ihn unglaublich sexy und Ronny musste sich zusammen reißen, um ihn nicht länger anzustarren. Genau dafür war er eben nicht hier!
 
„Ich bestell mir was über den Zimmerservice. Möchtest du auch etwas?“, fragte der Schwarzhaarige mit dem Hörer schon in der Hand.
 
Ronny war kurzzeitig geschockt von der plötzlichen Freundlichkeit, konnte sich dann aber zu einem Kopfschütteln überreden. Er hörte, wie sich der Sänger ein Nudelgericht bestellte. Kurz darauf ließ er sich auf einem Sessel nieder und zündete sich eine Zigarette an.
 
„Ist das nicht schädlich für deine Stimme?“, versuchte Ronny nun endlich zu seinem Interview zu kommen.
 
„Bis jetzt war es das nicht. Oder bist du anderer Meinung?“
 
Es war eine Fangfrage. Da gab es keine Zweifel. Die Augen sprachen wieder Bände, aber auch die Stimmlage hatte diesmal nichts versteckt.
 
„Nun, deine Stimme klingt auf den CDs sehr gut, aber das lässt sich ja heutzutage mit Computer alles bearbeiten.“
 
Die eisblauen Augen verdunkelten sich augenblicklich und Ronny konnte die Eiszacken auf seiner Haut regelrecht spüren.
 
„Ich lasse meine Stimme nicht bearbeiten. Und zu einem Livekonzert bist du anscheinend noch nicht gekommen“, zischte McGregor.
 
Nein, Gott sei Dank blieb ihm das bisher erspart. Doch er traute sich nicht das laut zu sagen. Der andere Mann konnte wirklich gefährlich wirken. Ein Klopfen an der Tür rettete Ronny vor einer Antwort. McGregor holte sich sein Essen und aß es genüsslich auf, Ronny komplett ignorierend. Als endlich nichts mehr auf dem Teller war, wurde der Teller beiseite geschoben und eisblaue Augen richteten sich wieder auf ihn. Draußen fing es schon langsam an zu dämmern. Er sollte endlich das Interview hinter sich bringen. Dummerweise hatte er bei dem überstürzten Aufbruch seinen Block liegen gelassen. So blickte er sich eine Sekunde lang um bis er auf einem großen Eichenholzschreibtisch einen Block fand.
 
„Ich denke, wir sollten endlich das Interview führen. Ich will dich nicht länger als nötig stören“, sagte er, als er sich wieder setzte.
 
„Ich dachte, wir führten schon die ganze Zeit ein Interview.“
 
Wieder dieses schelmische Lächeln. Na gut. Er wollte provozieren? Das konnte er auch!
 
„Nur leider wird es die Leser nicht interessieren, ob wir uns nun Siezen oder Duzen. Also zu den interessanteren Themen. Wie viel Wahrheit steckt hinter den Anschuldigungen das du am Selbstmord von Keira Willmon nicht ganz unschuldig bist?“
 
Heikles Thema. Sehr heikles Thema. Keira Willmon, eine gerade aufsteigende Jungschauspielerin, hatte sich vor einem Monat das Leben genommen. Kurz zuvor hatte McGregor eine Affäre mit ihr gehabt. Natürlich hatte sich die Presse darauf gestürzt. Es war nicht sicher, was Willmon zu ihrer Tat getrieben hatte. Ob es der Druck in Hollywood war, die familiären Probleme oder eben die Affäre mit dem Sänger, bei dem sie sich mehr erhofft hatte.
 
„Ich kann nichts dafür, wenn sich dieses Mädchen den Hals aufschneidet. Ich hab sie nicht dazu gezwungen noch darum gebeten“, zischte McGregor sichtlich aufgebracht über diese dreiste Frage.
 
Ronny blieb unbeeindruckt. Das war es, was die Leser interessierte. Nicht, dass sein Album noch in Arbeit wäre und die nächste Tour geplant sei.
 
„Hatte es dich nicht verletzt, von ihrem Tod zu hören? Schließlich wart ihr erst kurz zuvor zusammen gewesen?“
 
„Wir waren nicht zusammen gewesen. Keine Beziehung. Nur eine Nacht. Mehr nicht!“
 
„Für sie sah es aber nach mehr aus. Vielleicht hattest du ihr unbewusst Hoffnungen gemacht und sie dann zutiefst verletzt als du mit der Nächsten ins Bett stiegst. Und das hat sie dann zum Selbstmord getrieben.“
 
„Was soll das?! Willst du mir die Schuld für ihren Tod geben? Ich weiß nicht, was in ihrem Kopf vorgegangen ist. Ich habe ihr jedenfalls keine Hoffnungen auf mehr gemacht!“
 
Der Sänger war aufgesprungen und stand jetzt aufgebracht über Ronny. Ronny hatte seinen Kopf eingezogen. Eindeutig Themenwechsel. Dies lief aus den Rudern.
 
„Okay, sprechen wir über dein neustes Musikprojekt…“
 
Die nächste halbe Stunde fragte er relativ belangloses Zeug. Er wollte die Stimmung wieder kühlen. Er stellte seinen Fragen geschickt und präzise, so dass er am Ende wesentlich mehr Informationen hatte, als seine dämlichen Kollegen. Erstaunlicherweise antwortete McGregor bereitwillig alle seine Fragen. War dabei höflich und ließ gar nicht seine Arroganz zum Vorschein kommen. Schließlich war Ronnys Neugier zu groß.
 
„Wie kommt es, dass du, das arroganteste Arschloch der Welt, dich auch ganz normal benehmen kannst, wenn man mit dir alleine ist?“
 
„War das gerade ein Kompliment?“
 
Schalk sprühte aus den blauen Augen und wieder musste sich Ronny eingestehen, dass dieser Kerl unglaublich sexy war.
 
„Es kommt immer darauf an, wie ich will, dass mich die Anderen sehen. Ihr Journalisten seid die aufdringlichsten Schweine, die ich je kennen gelernt habe. Ihr mischt euch in Angelegenheiten ein, die euch nichts angehen, kramt jedes dunkles Geheimnis hervor und macht aus jeder Handlung eine große Sache. Und die Frans kreischen einem fast die Ohren ab, fallen in Ohnmacht und tun so, als gäbe es nichts Wichtigeres als ein Autogramm von mir. Das ist doch erbärmlich!“
 
Hört, hört! Das waren ja ganz neue Töne. Hatte der Sänger etwa den Starrummel satt? Dabei dürfte er mit seinen 27 Jahren noch so viel Energie haben!
 
„Und wieso dann die ganzen Affären? Damit gibst du uns Journalistenschweine doch immer wieder neues Futter!“
 
Ein halbherziges Lächeln erschien auf den schönen Lippen.
 
„Weißt du, so ein Starleben kann ganz schön einsam sein! Irgendwie sucht man halt jemanden, der einen zumindest für einen Augenblick in die Arme nimmt.“
 
„Und wieso dann keine Beziehung?“
 
„Weil es erstens schwer ist, jemanden zu finden, der einen wirklich liebt und nicht nur hinter dein Geld her ist und zweitens solche Beziehungen eh nicht halten. Ich bin viel zu sehr beschäftigt und ständig unterwegs.“
 
„Du gibst ja der Beziehung noch nicht mal eine Chance!“, versuchte Ronny es erneut. So langsam verstand er den Sänger.
 
„Brauch ich auch nicht.“
 
Die Ausstrahlung des Sängers hatte sich mit einem Mal um 180 Grad gedreht. Plötzlich war er wieder der Jäger und Ronny stellte mit Erschrecken fest, dass er ihm in die Fänge gegangen war. Die Fäden waren überall. Der Schwarzhaarige war aufgestanden und hatte seine Hände links und rechts neben Ronnys Kopf auf der Lehne platziert. Die bekannte Kühle war zurück und ein arrogantes Lächeln lag auf seinem Gesicht.
 
„Ich finde immer wieder jemanden für eine Nacht.“
 
Das Gesicht näherte sich noch mehr und Ronny konnte schon den Atem auf seiner Haut spüren. Sein Herz begann wie wild zu schlagen. Und er könnte sich dafür in den Arsch beißen, als ein erregtes Kribbeln durch seinen Körper lief. Er wollte diesen Kerl. Schon den ganzen Tag hatte er einen gewissen sexuellen Reiz in der Nähe von McGregor gespürt. Aber er wollte nicht eine Bettgeschichte dieses Machos werden. Nicht er!
 
„Wieso sollte ich hierbei mitmachen?“, äußerte Ronny ein letztes Mal.
 
Als Antwort senkten sich die Lippen des Schwarzhaarigen auf seine und er konnte nur noch aufseufzen und sich dem Kuss hingeben. Zwei Arme schlangen sich um seinen Rücken und zogen ihn von dem Sofa. In dem Moment als er an den Traumkörper gezogen wurde, schaltete sein Gehirn aus. Ihm war es egal, dass auch er nur eine Affäre sein würde. Ihm war es egal, dass er dies am nächsten Morgen schrecklich bereuen würde. Ihm war es egal, dass er diesen Mistkerl eigentlich nicht leiden konnte. Das alles war ihm egal, als sie sich langsam, eng umschlungen auf das Schlafzimmer zu bewegten…

 
Fortsetzung folgt