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Bittersweet feelings Teil 19 bis 20

Kapitel 19

Es war dunkel und still. Vor seinem Fenster hörte er das Zwitschern eines einzelnen Vogels, nicht zu laut, angenehm. Die Decke lag schwer auf seinem Körper und der Geruch sagte ihm, dass er nicht in seinem eigenen Bett lag.

Seine glatte Stirn legte sich in Falten, als er versuchte sich zu erinnern, wie er hierher gekommen war. Nach der Schule war er nach Hause gelaufen, hatte sich vorher von Omi verabschiedet und dann... ja was? Genau, das Haus war verlassen gewesen, Schuldig bei Weiß und Brad mit Farf bei Takatori... er hatte sich noch geärgert, weil er hungrig war und das Essen nicht fertig. Also war er ins Wohnzimmer gewandert, hatte sein hastig geschmiertes Brot gegessen und bemerkt, dass es nicht so gut schmeckte, wie wenn es der Ire machte und gewartet.

Brad war wiedergekommen und dann... dann... dann war da ein großes, dunkles Loch. Er konnte sich noch erinnern, dass sein Leader etwas zu ihm gesagt hatte, etwas, dass ihn erschreckte, ihm Angst gemacht hatte, aber WAS das gewesen war, wusste er nicht mehr. Es musste wichtig gewesen sein, sonst... ja sonst wäre er wohl nicht ausgerastet.

Er kannte das Gefühl der Schwäche, dass seinen Körper beherrschte, die verschwommene Sicht, die leichten Kopfschmerzen. Die Kontrolle über seine Kräfte war ihm ein weiteres Mal entglitten. Er konnte wirklich nur hoffen, dass diesmal nicht allzu viel dabei kaputt gegangen war, sonst würde er sich wieder eine waschechte Gardinenpredigt von seinem Vormund anhören dürfen und Schuldig würde ihn die nächste Zeit gnadenlos damit aufziehen. Auf beides verzichtete er dann doch lieber dankend.

Langsam und zögernd öffnete er seine Augen. Schummriges Dämmerlicht herrschte in Brads aufgeräumtem Zimmer, alles war da, wo Nagi es in Erinnerung hatte. Also waren die Schäden zumindest nicht stockwerkübergreifend. Erst jetzt spürte er eine fremde Präsenz neben sich, offensichtlich war diesmal auch seine Wahrnehmung deutlich gestört. Normalerweise war er sich der Anwesenheit anderer Menschen wesentlich früher bewusst.

Warum überraschte es ihn nicht, dass sein Leader wieder einmal schlafend neben ihm lag? Ein kleines Lächeln huschte über das ernste Gesicht des Jungen. Brad sah schon wieder so verletzlich aus, so anders. Er mochte es, wenn der Amerikaner schlief, auch wenn er das niemandem gegenüber zugegeben hätte.

Nagi musterte die blassen, entspannten Züge eingehend und blieb an dem dunkelblau-violetten Bluterguss auf dem rechten Jochbein hängen. Die dunkle Vorahnung, dass die Schwellung seine Schuld war, beschlich ihn. Von schlechtem Gewissen geplagt biss er sich auf die Unterlippe und presste die Lider fest zusammen, als würde die Verletzung davon verschwinden.

Der Körper neben ihm bewegte sich leicht. Rasch öffnete er die Augen und begegnete der Besorgnis aus dunkelgrauer Iris. Nagi versucht, seine Lippen zum Lächeln zu bringen, doch Brads Blick bewies, dass es eher eine Grimasse wurde. Zu seinem Entsetzen spürte der Junge, wie Tränen in seiner Kehle aufstiegen, dort beim Zurückdrängen einen dicken Klos bildeten. Er wollte jetzt nicht weinen, er würde auch nicht weinen. Er würde stark sein!

Zittrig zog er seine Linke unter der Bettdecke hervor und berührte hauchzart die Schwellung im Gesicht seines Leaders.

„Tut mir leid“, wisperte Nagi und war erschrocken, wie erstickt seine Stimme klang, wie sehr sie zitterte und wie viel sie über seinen Gefühlszustand preisgab. Am liebsten hätte er sich jetzt unter die weiche, warme Bettdecke gegraben und sein Gesicht an Brads Brust versteckt. Aber er war kein kleines Kind mehr. Er war Schwarz.

Schlimm genug, dass er nachts so oft nicht alleine schlafen konnte, aber jetzt war es Tag. Er konnte sich nicht immer hinter seinem Anführer verstecken.

Der Amerikaner maß seinen Schützling einen Moment mit einem undeutbaren Blick, bevor seine Züge wieder weicher wurden. Nagi erinnerte in diesem Moment so sehr an den kleinen Jungen, den er damals von der Straße aufgelesen hatte. Genau so hatte er ihn vor acht Jahren auch angesehen und der Blick, erfüllt von Furcht und Zweifel aus großen, dunkelblauen Augen ging Brad heute noch durch und durch.

„Es ist nicht schlimm... ich werde es schon überleben....“ Da versuchte er wirklich mal einen Scherz zu machen und was passierte? Überrascht blickte der Schwarz-Leader auf das weinende, zitternde Bündel hinunter, das sich unversehens an seine Brust geworfen hatte, sich jetzt in sein ohnehin schon völlig zerknittertes Hemd krallte und so noch weitere Falten produzierte. Er sollte das Scherzen sein lassen.

Ein wenig ungeschickt strich die große Hand des Schwarzhaarigen über den schmalen, zuckenden Rücken, die Schulter, den dunkelbraunen, verwuschelten Schopf. Er wusste nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Sicher, Nagi kam oft nachts zu ihm, aber er weinte nie. War er traurig, zog er sich in sein Zimmer zurück und ließ niemanden an sich heran. Die Augenblicke, in denen Brad in den letzten Jahren Tränen in den Augen des Jungen gesehen hatte, konnte man bequem an zwei Händen abzählen. Warum also gerade jetzt? Lag es nur an der Überbeanspruchung seiner Kräfte, dass der Kleine so emotional reagierte? Oder einfach nur daran, dass Nagi eigentlich noch ein halbes Kind war.

Schuldig hatte ihm mal erzählt, wie es für ein Psitalent war, wenn es seine Kräfte zu stark einsetzte und über das gesunde Normalmaß hinaus beanspruchte, wie zum Beispiel in Situationen großer Angst, Panik, Freude oder auch Erregung. Brad kannte so etwas nicht. Wenn er es mit seinen Visionen übertrieb, plagten ihn tagelang Kopfschmerzen, Übelkeit, Sehbeschwerden, manchmal so wie in jüngster Zeit auch Totalausfälle, je nach Intensität der heraufbeschworenen Bilder und der Verknüpfung seines Gehirns damit.

Als er noch jünger gewesen war, viel jünger, hatte er sich regelmäßig an seine Grenzen getrieben. Einerseits, um sich selbst besser einschätzen zu können, andererseits um sich die Überlegenheit über seinen Körper und Geist zu beweisen, indem er seine Visionen erzwang. Heute hatte er das nicht mehr nötig. Er tat so was nur noch, wenn es absolut notwendig war.

Brad wusste nicht, ob es an seinen präkognitiven Fähigkeiten lag oder an seiner persönlichen Selbstbeherrschung, aber er stürzte nicht in ein emotionales Tief, er hatte zumindest seinen Geist und seine Gefühle weiterhin unter Kontrolle, wenn auch oft seinen geschwächten Körper nicht. Das waren Umstände, mit denen er leben konnte. Aber er hatte Schuldig erlebt, wenn er seine Telepathie zu oft und zu viel benutzt hatte, er erlebte Nagi nach seinen Anfällen und immer wieder war er Rosenkreuz im Stillen für die harte Ausbildung dankbar, die er durchlaufen hatte. Niemals würde er zulassen, dass sie den kleinen Telekineten in die Finger bekamen, aber für ihn selbst war es gut so wie es war.

Sanft kraulte er durch Nagis Haare, wartete einfach still ab, bis der Junge sich wieder etwas beruhigt hatte. Dann hob er das schmale Kinn an und strich ungelenk die Tränenspuren von den blassen Wangen.

„Es ist gut.“

Nagi schniefte noch kurz, schluckte dann aber sichtbar und riss sich zusammen. Er war schon erstaunt, wie Brad auf ihn reagiert hatte, aber er musste die Geduld des großen Mannes auch nicht so sehr überstrapazieren.

„Was ist passiert? Was hast du zu mir gesagt?“, fragte er deshalb leise, die Stimme immer noch etwas schwankend, aber wieder beherrschter als zuvor. Stärke. Kälte. Lage sondieren.

Auch wenn Brad sich etwas dafür schämte, so war er doch froh, dass der Junge sich wieder einigermaßen im Griff hatte. Er war einfach nicht der Typ, der mit Emotionalität umgehen konnte, so war es schon wesentlich besser und er fühlte sich weniger überfordert, ein Zustand, der nur höchst selten vorkam, den er aber nichtsdestotrotz hasste, wann immer er auftrat.

„Wirst du deine Kräfte diesmal unter Kontrolle halten?“, fragte er ruhig nach. Er hing eigentlich schon an seiner Schlafzimmereinrichtung, so dumm das auch klingen mochte und hatte nicht vor, sich in nächster Zeit davon zu trennen, schon gar nicht durch einen kleinen, telekinetischen Hausunfall. Holzsplitter bekam man so schlecht aus den Wänden und der Haut wieder heraus.

Nagi nickte leicht. „Ich glaube, du hast mich einfach nur mit dem, was du gesagt hast, überrascht...“, versuchte er sich etwas stockend zu entschuldigen. Er konnte sich ja selbst nicht so richtig erklären, was den Schock ausgelöst hatte. Vielleicht würde Brads Aussage helfen.

Der Amerikaner überlegte einen Moment, wartete, ob ihn eine Vision warnen würde, doch die Bilder, die sich in seinem Kopf formten, zeigten nur das blasse, erschrockene Gesicht seines Schützlings, dass sich zusehends verschloss, den kindlichen, verletzlichen Ausdruck verlor, jedoch keine demolierten Schränke oder Fensterscheiben. Damit konnte er leben.

„Ich habe euch gesagt, dass Takatori Farfarello für irgendwelche Experimente haben will“, wiederholte er also seine Worte aus dem Wohnzimmer in einer kürzeren Ausführung. Mehr brauchte Nagi nicht zu wissen. Er würde den Kleinen immer noch zu Weiß schicken, jetzt vielleicht sogar erst recht, aber der Junge braucht nicht zu wissen warum. Brad hatte mehr als genug Übung im Lügen und Nagi war im Moment schon belastet genug, da musste er sich nicht auch noch mit den schmutzigen Plänen eines alten Lüstlings herumschlagen.

Nagi erbleichte sichtlich und kurz wackelte das Gestell des Bettes, doch wie er versprochen hatte, hielt er sich diesmal zurück. Nichts ging zu Bruch, die dunklen Augen leuchteten nur schwach auf, bevor sich die üblich, kühle Maske über die schmalen Züge schob.

„Wirst du zustimmen?“, fragte er reserviert, auch wenn er das eigentlich nicht glaubte. Man konnte seinem Leader wirklich viel ankreiden, er mochte oft genug ein arroganter, eiskalten Bastard sein, vor allem, wenn es um den Job ging, aber er hatte noch nie ein Teammitglied im Stich gelassen.

Brad schüttelte leicht den Kopf. „Nein, wir werden uns von Takatori lösen.“ So viel konnte und sollte Nagi ja durchaus wissen, immerhin war er ja ein Teammitglied und sie würden ihn sicher nicht nur als Hacker brauchen, sondern auch seine Kräfte als wirkungsvolle Waffe, sollte es hart auf hart kommen. Dem Schwarzhaarigen war bei diesem Gedanken gar nicht wohl. Er schickte seinen Ziehsohn nicht gerne auf Mission, hatte es bis jetzt nur dann getan, wenn es wirklich unbedingt notwendig gewesen war, wenn sonst einem von ihnen etwas Gravierendes passiert wäre, wie etwa der Verlust eines lebensnotwendigen Körperteils. Ohne Kopf existierte es sich leider nur schlecht, genauso wenn etwas an einer entscheidenden Stelle darinsteckte.

Er hatte sogar mal eine Schussverletzung in Kauf akzeptiert, weil er auch gesehen hatte, dass er sie überleben würde. Er würde noch viel mehr in Kauf nehmen, damit Nagi nicht so wurde wie sie.

Sofort saß der dunkelhaarige Junge kerzengerade im Bett, die Augen schreckgeweitet. „WAS?! Bist du denn wahnsinnig? Und was ist mit Sz?“

Eine schwarze Augenbraue des Amerikaners hob sich leicht. Er verstand ja, dass Nagi aufgebracht war, aber das rechtfertigte noch lange keine solche Respektlosigkeit. Der weiche Ausdruck schwand von seinem Gesicht und machte der gewöhnlichen, professionell unterkühlten Miene Platz.

„Nicht das ich wüsste, aber danke der Nachfrage.“ Sein Ton war sarkastisch und durchzogen von leichtem Spott. Er wusste genau, dass er Nagi damit sehr traf, aber sonst würde er das Kommende wohl kaum durchstehen. Sicher, der Kleine würde wütend auf ihn sein, aber ein wütender, lebendiger, unversehrter Nagi war immer noch besser als ein toter, vergewa... nun ja auf jeden Fall besser als die mögliche Alternative.

„Du hast mich schon richtig verstanden.“ Auch Brad setzte sich nun auf und schwang die langen Beine über die Bettkante, erhob sich und drehte dem Jungen den Rücken zu. Er wanderte zum Fenster und zog die Jalousien nach oben.

Er konnte seinem Ziehsohn jetzt nicht ins Gesicht blicken, sonst würde sein Entschluss womöglich noch ins Wanken geraten. Das durfte er nicht, wenn er nicht die Sicherheit seines ganzen Teams gefährden wollte. Es MUSSTE alles nach Plan laufen, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

„Und deshalb wirst du uns für eine Weile verlassen. Ich will, dass du alles Nötige bis heute Abend gepackt hast.“ Sein Ton wurde noch eine Spur kälter und es lag ein harter, befehlender Ton darin, der keinen Widerspruch duldete. Er wusste, was jetzt kam. Und er hasste es.

Wie angestochen sprang Nagi auf die Füße, strauchelte fast, weil seine schwachen Beine ihn kaum tragen wollten. „WAS??!! Ich soll weggehen? Du willst mich WEGSCHICKEN?!“ Seine Stimme hallte schrill durch den Raum, überschlug sich beinahe. Er konnte nicht glauben, was er da zu hören bekam. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein! Was war denn in den letzten Stunden nur passiert? Sein ganzes Leben so wie er es kannte, geriet plötzlich aus den Fugen, schon seit er in die neue Klasse gekommen war. Konnte es nicht einfach werden wie früher? Es war doch gerade so... geregelt gewesen. Nicht perfekt vielleicht aber wenigstens lebenswert.

Crawfords Schultern strafften sich und er drehte sich betont langsam zu seinem Mündel um. „Mäßige deinen Ton und erinnere dich, mit wem du redest. Ich bin immer noch dein Teamleader und du wirst tun, was ich dir sage. Du wirst zu Weiß gehen und du wirst ihnen keine Schwierigkeiten machen, hast du mich verstanden? Sollte mir auch nur eine Klage zu Ohren kommen, dass du deinem Team Schande bereitet hast, wirst du was erleben. Du bist Schwarz, also benimm dich gefälligst auch so.“ Seine Stimme war eisig und hart wie Granit. Keine Spur mehr von dem liebevollen, fürsorglichen Mann, der er noch vor wenigen Minuten gewesen war.

Nagi zuckte zusammen, als hätte der Größere ihn geschlagen. Auf einmal war ihm eiskalt und er fröstelte. „Z-zu Weiß.... Brad... was... das kannst du nicht tun! Ich werde nicht zu Weiß gehen! Ich...“ Er verstummte abrupt, als die Fläche der linken Hand seines Leader mit einem überlaut wirkenden Klatschen seine rechte Wange traf. Perplex hielt er sich die brennende Gesichtshälfte und starrte seinen Anführer aus riesengroßen Augen an. Nie, noch NIEMALS hatte Brad ihn geschlagen, nicht einmal wenn er etwas falsch gemacht hatte oder etwas durch seine Unbeherrschtheit zu Bruch gegangen war. Nie hatte sein Ziehvater Hand an ihn gelegt. Entsetzt blickte er in die dunkelgrauen Augen, in denen ein schwarzes Feuer flackerte.

„Wage es nicht, dich mir zu widersetzen. Widersprich mir nicht noch einmal, ich warne dich. Bisher habe ich dich immer bevorzugt, aber diesmal wirst du ohne Wenn und Aber gehorchen. Geh packen! Sofort! In drei Stunden will ich dich mit Koffer in der Eingangshalle sehen. Und jetzt raus hier!“ Trotz seiner harten Worte war seine Stimme immer noch ruhig. Gefährlich ruhig und sie jagte Nagi einen Schauer über den Rücken. Es war die Stimme, mit der Oracle seine Opfer ansprach, bevor er ihnen eine Kugel durch den Kopf jagte. Der Junge drehte sich um und rannte aus dem Zimmer.

Hätte Nagi nur etwas genauer hingesehen, hätte er wohl den wehmütigen Blick in Brads Augen wahrgenommen, der der kleinen Jungengestalt beim Verlassen des Raumes folgte. So aber floh er nur, geschockt, verwirrt, erschüttert bis ins tiefste Innere. Crawford hatte ihn geschlagen. Er hatte mit ihm geredet wie er sonst nur mit Schuldig sprach, wenn der etwas Unvertretbares angestellt hatte, wie zum Beispiel einen Gefangenen vor der Befragung zu töten. Er floh aus dem Schlafzimmer, in dem er sich immer so gerne aufgehalten hatte, das für ihn immer Geborgenheit und Sicherheit gewesen war. Er floh vor dem eisigen Blick und vor der harten Stimme. Blind rannte er durch den Gang in seine eigenen Räume und knallte die Tür hinter sich zu.

Das Holz vibrierte stark, als er sich von innen dagegen fallen ließ, doch er ließ seinen Kräften nicht noch einmal freien Lauf. Wie ein Mantra wiederholte er immer und immer wieder unsinnige Worte im Geist, konzentrierte sich voll und ganz darauf, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Er war immer noch aufgewühlt, wütend, traurig, entsetzt, geschockt, ihm war zum Heulen zumute, alles auf einmal, doch alles was er tat, war sich am Türstock nach unten rutschen zu lassen. Am Liebsten hätte er jetzt irgendwas mit Absicht kaputt gemacht, vorzugsweise etwas, das Crawford mochte.

Wenn es doch nur nicht so unglaublich weh tun würde. Er hatte immer gedacht, dass ihn mit seinem Vormund mehr verband als die Beziehung von Anführer und Teammitglied, von Vorgesetztem und Mitarbeiter. Dass er für den Amerikaner mehr war als nur ein guter Hacker mit praktischen, telekinetischen Kräften. Er hatte sich offenbar getäuscht.

Doch sein Geist weigerte sich schlicht und ergreifend, dass all die Jahre eine Lüge gewesen waren, die unzähligen Nächte, in denen Brad ihn einfach nur festgehalten hatte, die vielen Male, die er ihn beschützt und ihm mit kleinen, fast unsichtbaren Gesten bewiesen hatte, dass er etwas Besonderes war. Das konnte doch nicht alles nur Show gewesen sein. Vor allem, was sollte es seinem Anführer nützen, so etwas vorzugaukeln? Das wäre doch nur Zeit- und Energieverschwendung.

Dagegen stand allerdings das seltsame Verhalten. Wollte Brad ihn wirklich nur zu Weiß schicken, um ihn aus der Schusslinie zu haben? Aber wer würde dann die Aufträge planen, die Informationen sammeln und zusammenstellen? Er war wichtig für Schwarz, das wusste er nur zu gut, vielleicht nicht unentbehrlich und unersetzlich, aber doch wichtig.

Das alles verwirrte ihn einfach nur, seine Gedanken liefen Amok hinter seiner Stirn, aber er wagte es nicht, sich Crawford erneut zu widersetzen und dessen Wut wieder auf sich zu ziehen. Ein gewalttätiger Ausbruch am Tag reichte ihm wahrhaftig und seine Wange pochte immer noch. Schnell erhob er sich und wischte sich über die brennenden Augen. Einmal Weinen am Tag war auch genug, befand er und schluckte ein paar Mal kräftig, um den schmerzenden Kloß in seinem Hals wegzubekommen. Nicht, dass es etwas genutzt hätte, aber einen Versuch war es wert gewesen.

Zu Weiß. In die Höhle des Löwen. Na schön. Die kleinen Hände ballten sich entschlossen zu Fäusten. Er war Schwarz. Er würde dem Team keine Schande machen. Und Brad auch nicht.

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Seufzend trat er wieder ans Fenster und starrte blicklos in den großen Garten hinaus. Wie lange würde er diesen Anblick noch genießen können? Die friedliche Ruhe, die Stille, die ihn dabei immer durchzog. Seine linke Hand ballte sich zur Faust. Es war die einzige Möglichkeit und doch...

Er spürte unvermittelt eine fremde Präsenz hinter sich. Umdrehen musste er sich nicht, er wusste auch so, wer da stand.

„Solltest du nicht im Bett liegen, Schuldig?“, fragte er ruhig und lehnte die Stirn gegen das kühle Glas. Eine Geste der Schwäche, die er sich nur selten gestattete. Aber er fühlte sich müde und erschöpft, seelisch wie körperlich. Nur einen Moment Ruhe, nur einen kleinen Augenblick, bevor er wieder seinen Pflichten nachkam.

Er protestierte nicht, als sich Arme von hinten um ihn schlossen, versteifte sich nur kurz, bevor er die körperliche Nähe für ein paar Augenblicke zuließ.

„Mach dir keine Vorwürfe, es war die einzige Möglichkeit...“, drang die vertraute Stimme des Deutschen leise an sein Ohr. Schuldig klang genauso müde, wie er sich fühlte, genauso ausgelaugt. Die Situation zehrte an ihnen allen, es wurde Zeit, das Ganze zu beenden, damit sie wieder ruhig schlafen konnten.

„Ich weiß“, erwiderte er ruhiger als er sich fühlte. Seine Lider schlossen sich kurz und er atmete tief durch.

„War es ein Fehler? Ihn wegzuschicken? Er war wütend...“ Es tat ihm so unendlich leid, Nagi geschlagen zu haben, aber seine Visionen hatten ihm gezeigt, dass es die einzige Möglichkeit gewesen war, den Protest des Jungen im Keim zu ersticken. Nie hatte der Kleine so offen gegen ihn rebelliert, auch wenn er es durchaus nachvollziehen konnte. Immerhin sollte Nagi ja ins Haus des Feindes überwechseln, wer würde sich da nicht wehren? Er war sich sicher, dass es das Beste war und doch blieben Zweifel. Und Schmerz.

Schuldig lachte leise und streichelt flüchtig über die breite Brust unter seinen Händen. „Sag du es mir, Bradley, du bist das Orakel...“ Der Orangehaarige löste sich wieder von seinem Leader, denn er spürte, dass der kurze Augenblick des Innehaltens vorüber war. Seine grünen Augen waren leicht glasig vor Müdigkeit und mentaler Schwäche und er machte den Eindruck, jeden Moment umzufallen.

Brad seufzte leise und drehte sich um. In seinen Augen war ein Funken Besorgnis zu erkennen, als er den Telepathen musterte. „Geh wieder ins Bett Schuldig... ich weck dich, bevor ich Nagi zu Weiß bringe, damit du dich verabschieden kannst...“ Kurz berührte er den Kleineren an der Schulter, als er an ihm vorbei zur Tür ging und den Raum in Richtung seines Büros verließ. Es war noch viel zu tun.

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Aya betrat die Küche wieder. Die emotionslose Maske seines Gesichts verbarg wirkungsvoll den Aufruhr hinter seiner Stirn. Am liebsten hätte er den Deutschen kalt gemacht. Mit dem vermaledeiten Kochlöffel, wenn es sein musste.

Innerlich kochend vor Wut nahm er seinen Platz am Herd wieder ein, als wäre nichts geschehen, als würde nicht immer noch ein feindlicher Killer in ihren Mauern weilen und widmete sich auch den äußerlich brodelnden Dingen, die bereits einen angenehmen Duft verbreiteten. Vielleicht würde die Anderen die Nachricht ja besser aufnehmen, wenn sie satt und rund waren. Vollgefressen flippte es sich bekanntlich schwerer aus.

Trotzdem spürte er die Blicke seiner Kollegen wie Nadelstiche im Nacken, auch wenn er sich entschloss, sie vorerst zu ignorieren.

„Äh... Aya... Mastermind... steht immer noch im Flur...“, meldete sich da zögernd die Stimme ihres Jüngsten.

Ein kühler Blick aus violetten Augen traf Omi und er fühlte sich irgendwie durchbohrt.

„Dann bring ihn raus.“ Weia, die Stimme des Leaders war noch unterkühlter als sonst, ok, auch kein Wunder, wenn man bedachte, wer da draußen rumschnüffelte und scheinbar gar nicht daran dachte, zu verschwinden.

Seufzend erhob sich der blonde Junge von seinem Platz am Tisch und schlich unter den mitleidigen Blicken seiner Kollegen nach draußen. Pah, die hätte ihm ruhig helfen können, aber nein... sicher beneideten sie ihn nicht um seine Aufgabe. Er tat es auch nicht.

Er ließ sich nichts anmerken, als er in den Flur kam und den Deutschen kurz dabei beobachtete, wie dieser die Fotos an ihrer Wand studierte. Das Bild, dass er dabei abgab, störte Omi gewaltig. Nicht nur, weil er den Telepathen nicht mochte, sondern auch, weil Mastermind gerade dabei war, einige ihrer liebsten und privatesten Erinnerungen anzusehen. Der junge Killer empfand das als mehr als unangebracht. Er wartete noch ein paar Sekunden, doch da der Orangehaarige keine Anstalten machte, von ihm Notiz zu nehmen, räusperte er sich leicht.

„Aya hat gesagt, ich soll dich rausbringen...“, fügte er auf einen fragenden Blick des Anderen hinzu. Warum sollte er wohl sonst hier sein, als dazu, den Feind wieder vor die Tür zu setzen? Meinte der etwa, er würde ihn zu Essen einladen? So weit kam‘s noch, ein Schwarz an ihrem Tisch! Aya würde sich wohl eher selbst aufschlitzen oder an Yohjis Drähten erhängen, je nach Stimmung, bevor er so etwas zuließ. Natürlich erst, nachdem er Mastermind gekillt hatte.

Was ihn allerdings eher verwunderte, war die Tatsache, dass er keine fremde Präsenz in seinen Gedanken spürte. Sollte sich der Kerl wirklich dran halten und seinem Kopf fernbleiben? Omi zweifelte doch sehr stark daran, auch wenn er dafür mehr als dankbar gewesen wäre. Er hatte im Moment Sorgen, die niemand sehen sollte, schon gar kein Schwarz. Vor allem kein Schwarz.

Dafür kreisten seine Gedanken viel zu oft um ein gewisses, weißhaariges Mitglied, des gegnerischen Teams. Ein Umstand, den er sich keineswegs erklären konnte oder wollte, aber die Tatsachen ließen sich nun mal weder leugnen noch schön reden. Er war zwar ein wahres As im Verdrängen seiner Probleme, aber manchem musste auch er sich stellen. Je schneller er diese Situation in den Griff bekam, desto schneller verschwand sie auch wieder, dessen war er sich sicher. Er musste den Dingen nur auf den Grund gehen und Berserker würde wieder aus seiner Gedankenwelt verschwinden, dorthin, woher er gekommen war.

Sicher, er fühlte sich schuldig wegen seiner Schwester und bestimmt war es der Hass auf den Schwarz, der dafür sorgte, dass er ständig das einzelne, goldene Auge, die Narben, die Messer, das irre Lächeln vor sich sah. Aber warum ging ihm dann auch das Gespräch nach der Mission nicht mehr aus dem Kopf? Warum spielte es sich immer und immer wieder vor seinem inneren Auge ab? Warum hatte er das Bedürfnis, dem Irren noch weitere Fragen zu stellen? War es einfach nur Neugierde oder Wissensdurst, jetzt, wo er wusste, worin das Geheimnis des Verrückten lag? Der Grund dafür, dass der junge Mann niemals Rücksicht auf sich selbst nahm, denn klar, wenn man keine Schmerzen spürte, musste man auch nicht vorsichtig sein. Sicher kannte der die Bedeutung des Wortes Angst überhaupt nicht. Andererseits hatte er sie sicher schon oft genug in den Augen seiner Opfer gesehen. Aber war das das Gleiche? Schließlich hatte er auch schon mehr als einmal Schmerz gesehen.

Omi war nahe daran, frustriert aufzustöhnen. Seine Gedanken drehten sich schon wieder wirr im Kreis und seine Schuldgefühle verstärkten sich im gleichen Maß. Er sollte Berserker einfach nur hassen, nicht am Ende noch nach seinen Beweggründen fragen. Der Mann war ein Monster, sonst nichts.

Der Fluss an Informationen in seinem Geist stoppte, als er die Ladentür erreichte. Eigentlich hatte er erwartet, dass Mastermind nun wirklich ging, doch der stand einfach nur da und schaute ihn mit einem so seltsamen Blick an, dass unwillkürlich Misstrauen in Omi aufstieg. Las der etwa doch seine Gedanken, ohne dass er selbst etwas davon bemerkte? Konnte er das denn? Hatte Oracle nicht gesagt, dass der Telepath sich aus ihren Köpfen raushalten würde? Aber was wollte man von so einem schon erwarten, der log doch wie gedruckt. Omis Misstrauen verstärkte sich noch.

Doch da schien sich der Orangehaarige wieder zu fangen. Er nickte dem Blonden noch einmal spöttisch zu und verließ den Blumenladen ohne dass Omi noch einmal etwas sagen musste. Kurz sah der Junge noch der hochgewachsenen, schlanken Gestalt in dem dunkelgrünen Gehrock nach, bevor er den Kopf schüttelte und die Ladentür wieder abschloss. Komischer Vogel, aber wenn er sich über DEN auch noch den Kopf zerbrach, dann wurde er wohl wirklich verrückt. Ein Schwarz am Tag der seine Gedanken einnahm, genügte völlig.

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In der Küche breitete sich eisiges Schweigen aus. Aya machte mit mühsam beherrschtem Zorn das Essen fertig, auch wenn der Umstand, dass sein Gemüt am Kochen war nur einem wirklich aufmerksamen Beobachter aufgefallen wäre. Es lag an der Art, wie er sich bewegte, etwas ruckartiger, abgehackter als sonst, jeder Handgriff verlief etwas zu akkurat, als müsse er sich zwingen, seine Finger präzise die Handgriffe ausführen zu lassen, die sie schon hundertmal und mehr gemacht hatten.

Ken und Yohji wechselten unsicher-fragende Blicke, doch keiner von beiden traute sich, den Rothaarigen anzusprechen, wenn dieser so kurz vor der Explosion stand. Und das er es tat, daran bestand kein Zweifel, so gut kannten sie ihn dann doch. Also senkten beide nach einer Weile betreten den Blick auf die Tischplatte, schämten sich ein bisschen für ihre Feigheit und warteten auf die Rückkehr ihres Jüngsten.

Erst als der kleine Blonde wieder den Raum betrat, wagten sie es, aufzuatmen und wieder aufzusehen.

Ken zwang sich zu einem wackeligen Lächeln und räusperte sich leicht. Das hartnäckige Schweigen zerrte an seinen Nerven. Er hasste die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete und wieder einmal aufzeigte, wie tief der Graben zwischen ihnen und ihren Anführer war.

„Na, Omi, wie war die Schule?“, erkundigte sich der Fußballer etwas heiser, nur um die unerträgliche Stille zu brechen. Irgendwer musste ja mal was sagen.

Omi lächelte zurück. „War wie immer... wir haben mit einer Projektarbeit zum Thema Umweltschutz angefangen, die wir bis nächste Woche paarweise erledigen sollen...“ Der Junge bemühte sich um einen unbeschwerten Ton, doch so ganz wollte ihm das nicht gelingen. Sein Lächeln wurde etwas gequält, als er daran dachte, WER sein Partner war. Seine Augen weiteten sich etwas, denn er konnte Kens nächste Frage praktisch von dessen Gesicht ablesen. Nein, bitte nicht, bittebitte.... er schüttelte hastig den Kopf und versuchte, dem Brünetten ein Zeichen zu machen, möglichst so, dass es Aya nicht auffiel, doch seine Versuche, das Unausweichliche zu verhindern, scheiterten kläglich.

„Und wer ist dein Partner?“, fragte Ken neugierig nach. Vielleicht kannte er Omis Partner.... oh oh... Als er das deprimierte Gesicht des Jungen und den ängstlichen Blick, den er ihrem Leader zuwarf, sah, erkannte er, was er wieder angerichtete hatte. Fettnäpfchen, ganz böses Fettnäpfchen.

„Oh...“, machte er leise, als könnte er dadurch sein Ungeschick erklären.

Omi nickte leicht. „Ist schon gut, Ken-kun... spätestens übermorgen wäre es sowieso rausgekommen, weil wir nachmittags zusammenarbeiten müssen...“ Er atmete noch einmal tief durch und sah Aya verzeihungsheischend an. „Mein Partner ist Nagi...“, gab er dann leise zu und seine schmalen Schultern sanken etwas herab, als er sich auf ein Donnerwetter gefasst machte.

Der zu erwartende Blitzschlag, der ihn in Form eines death-glares hätte treffen sollen, blieb allerdings seltsamerweise aus. Ein Muskel zuckte in Ayas angespanntem Gesicht, seine amethystfarbenen Augen verengten sich etwas, bevor er den Kopf leicht senkte, so dass die roten Haarsträhnen seinen Blick verdeckten. Mehr nicht. Unheimlich. Beängstigend!

Vorsichtig wagte es Omi, sich wieder aus seiner zusammengesunkenen Haltung zu erheben. Der Rotschopf war manchmal unberechenbar, wer wusste, ob der nicht nur seine Kräfte für einen Wutausbruch sammelte.

Ratlos wechselte der blonde Junge einen Blick mit seinen Teammitgliedern. Keiner von ihnen wusste mit der Situation wirklich umzugehen. Alles hätten sie erwartet, von einem tobenden Aya, der Omi anschrie, bis hin zum Hausverbot für den kleinen Telekineten - was ihrer Meinung nach die logischste Konsequenz ihres Leaders wäre - aber dieses permanente Schweigen zusammen mit dem sturen Rühren in dem verdammten Kochtopf... das machte sie alle nervös.

„Aya-kun...“, murmelte Omi bittend, nur um irgendeine Reaktion zu erhalten. Er fühlte sich so schon schlecht genug, auch wenn er nichts dafür konnte, dass sie die Arbeit mit ihrem Banknachbarn zu erledigen hatten. Aber Ayas Schweigen machte alles nur noch schlimmer. Der Junge konnte nicht einschätzen, ob der Rotschopf einfach versuchte sich mit der Situation abzufinden oder ob es jetzt endgültig einen Riss in ihrer Gemeinschaft gab, den man nicht so einfach wieder kitten konnte.

Aya hob kurz den Kopf und atmete tief durch. „Na dann gibt es wenigstens mit der Schule keine Probleme...“, murmelte er eigentlich mehr zu sich selbst, aber laut genug, dass es die anderen noch mitbekamen. Dass die durch diese kryptische Aussage noch mehr verunsichert wurden, kümmerte ihn im Augenblick wenig. Er war immer noch mit dem Problem beschäftigt, wie er seinem Team beibringen sollte, dass sie ab heute abend einen Schwarz unter ihrem Dach beherbergen würden. Zumindest konnte er wohl davon ausgehen, dass Omi es akzeptierte, von Ken erwartete er ähnliches, ihr gutmütigen Fußballer war zu einigen Kompromissen bereit und sah in dem Telekineten wohl keine unmittelbare Bedrohung. Yohji dagegen machte ihm wirklich Sorgen, denn dessen Halsstarrigkeit war manchmal schon sprichwörtlich. Wenn der Playboy Prodigy ablehnte, war da so schnell kein Licht am Horizont zu sehen und Vernunft war nun auch nicht wirklich die Stärke des Blonden.

Vielleicht sollte er den Jungen ja in ein Kleid stecken? Trotz allem musste Aya bei dieser Vorstellung innerlich grinsen. Nein, lieber nicht, sonst klebte er schneller mit gebrochenem Genick an irgendeiner Wand, als er den Vorschlag wieder zurückziehen konnte. Er musste eben sehen, wie er klarkam.

Am meisten beunruhigte ihn allerdings der mangelhafte Zustand seiner eigenen Beherrschung. Noch hatte er sich unter Kontrolle, schaffte es, die Wut und den Hass tief in sich zu verschließen, aber wie lange noch? Aya war weder blind noch dumm und litt auch nicht unter Schizophrenie. Er wusste ganze genau um sein zeitweise sehr impulsives Temperament und wie wenig es manchmal brauchte, um ihn in Rage zu bringen. Geschah das, sah er einfach nur noch rot und egal, was sich ihm in den Weg stellte, wurde eliminiert. Er fürchtete nicht so sehr um seine eigene oder Prodigys Sicherheit, der Kleine konnte sich garantiert mit seinen Kräften besser verteidigen als er selbst mit seinem Katana.

Aber er fürchtete um die Sicherheit seines Teams, denn Crawford würde einen Angriff auf seinen kleinen Goldschatz sicher nicht ungerächt lassen. Und nicht zu vergessen, da war ja auch die Zukunft seiner Schwester, die fast ausschließlich von Ayas Kooperationsbereitschaft abhing. Konnte er es wagen, die Gesundheit und Genesung seiner geliebten Kleinen von ihm selbst abhängig zu machen? Alles stand und fiel mit ihm. Er hatte keine andere Wahl, Alternativen gab es nicht. Nur die eine, dass alles so blieb wie bisher.

Er könnte nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn er zuließe, dass der Zustand seiner Schwester nur wegen seiner Abneigungen unverändert blieb, das konnte er ihr nicht antun. Sie hatte etwas besseres verdient, als in einem Krankenhausbett vor sich hin zu vegetieren!

Schnell füllte er das Essen in Schüsseln um und stellte alles auf den Tisch, setzte sich dann wortlos. Er ignorierte die fragenden, drängenden Blicke und war nicht das erste Mal froh, dass sein Team so viel Respekt vor ihm hatte. Es gestattete ihm, alles noch ein wenig aufzuschieben und dabei zu hoffen, dass sich die Gemüter wieder etwas beruhigten. Allen voran sein Eigenes. Elender Feigling!

Er musste jetzt die Nerven behalten, er war der Anführer, er trug die Verantwortung für die anderen.

Nach einigem Zögern nahmen auch die Anderen ihre Plätze ein und bedienten sich am lecker duftenden Essen. So richtig Appetit hatte ja niemand von ihnen, aber sie wollte Aya auch nicht vor den Kopf stoßen und womöglich noch mehr aufbringen. Der Rotschopf reagierte im Allgemeinen sehr gereizt, wenn man sein Essen verschmähte, ob nun aus Sorge um sie oder wegen der Beleidigung seiner Kochkünste hatte noch nie jemand zu fragen gewagt.

Ken versetzte Omi unter dem Tisch einen Schubs, von Yohji folgte ein auffordernder Blick. Der Junge verdrehte leicht die Augen und schüttelte vorsichtig den Kopf. Was dachten die beiden sich denn? Auffälliger ging es ja wohl kaum! Und er war nicht sonderlich Suizid gefährdet. Auch wenn das Katana sauber aufgeräumt im Zimmer des Rothaarigen stand so konnten auch Essstäbchen eine durchaus wirksame Waffe sein.

Das Drängen wurde deutlicher und man sah, dass vor allem Yohji vor Neugier fast platzte.

Irgendwann wurde es Aya einfach zu viel. Er hasste Unruhe und Gerangel am Esstisch. „Ihr werdet euch wohl gedulden können. Esst!“ Das war ein klarer Befehl und schon waren zwei blonde und ein dunkler Schopf über die Teller gebeugt und ausschließlich damit beschäftigt, das Essen in ihre Münder zu befördern, zu kauen und zu schlucken.

Zufrieden mit dem Ergebnis widmete sich auch der Rothaarige wieder seiner Mahlzeit, auch wenn es nicht gerade viel war, was sich da auf seinem Teller befand. Er aß nun mal nicht gerne, meistens nur das Nötigste. Seit er in Weiß eingegliedert worden war, hatte sich das auf das Drängen seines Teams hin gebessert, aber im Moment brachte er es kaum fertig, etwas hinunterzuwürgen. Sein Magen wollte allein schon bei dem Gedanken daran revoltieren.

Trotzdem zwang er sich, die Fleisch- und Gemüsestückchen nicht einfach nur hin und her zu schieben, sondern sie auch wirklich in seinen Magen zu befördern. Dafür brauchte er allerdings länger als die drei anderen, was bei dem Mengen, die vor allem Ken verdrückte, schon was heißen wollte.

Als die Schüsseln schließlich geleert waren, erhob sich Aya, um das Geschirr wegzuräumen, anstatt das, wie sonst, einen der Anderen machen zu lassen. Er brauchte einfach noch ein paar Minuten für sich.

„In zehn Minuten im Missionsraum“, lautete die klare Ansage, damit waren seine Kollegen entlassen und machten auch umgehend, dass sie aus der Küche verschwanden. Wer hielt sich schon gerne in der Nähe eines Vulkans auf?



Kapitel 20

„So und hier haben wir rechts Kens Zimmer, links ist meines, da Yohjis und gegenüber Ayas... geh da nie rein, solange du nicht ausdrücklich dazu aufgefordert wirst wenn dir dein Leben lieb ist...“ Omi deutete auf die entsprechenden Türen und versuchte ein aufmunterndes Lächeln, was aber mehr zu einem schiefen Grinsen wurde. Sicher, er hatte - so privat - nichts gegen den kleinen Schwarz, aber es war etwas anderes, ob man in der Schule nebeneinander saß oder ob man unter dem gleichen Dach lebte. Aber er würde sich damit arrangieren... irgendwie.

„Und da ist jetzt dein Zimmer...“ Er marschierte in den Raum hinein, der dank Aya immer zur Benutzung bereit stand. Sie hatten zwar nie Besuch aber nach Ansicht ihres Anführers musste immer ein Gästezimmer bereitstehen. Dass es aber mal SO genutzt werden würde, daran hätte der Rothaarige bestimmt niemals auch nur im Traum gedacht. Wer hätte das schon...

Omi seufzte leise in sich hinein und sah den schwebenden Koffern zu, die nach ihm die Tür passierten, bevor ihr Besitzer langsam und vorsichtig folgte, als würde er irgendeine tödliche Falle erwarten. Seit Nagi das Haus betreten hatte, war er einfach nur schweigsam seinem blonden Banknachbarn gefolgt, hatte sich alles zeigen lassen und immer brav genickt. Und am liebsten hätte er sofort wieder kehrt gemacht und wäre nach Hause gelaufen um sich in seinem Bett unter der Decke zu verstecken.

Omi ließ dem Jungen einen Moment Ruhe, bevor er sich umwandte und Anstalten machte das Zimmer zu verlassen.

„Abendessen gibt es um halb sieben, sei bitte pünktlich, okay?“ Diesmal gelang ihm das Lächeln schon besser, immer noch nicht perfekt, aber wenigstens halbwegs.

Wieder gab Nagi nur ein Nicken als Antwort. Er befürchtete, dass man seiner Stimme seine Gefühle nur allzu deutlich anhören würde, sollte er es wagen, eine Antwort zu formulieren. Er folgte Bombay mit den Augen, als dieser aus dem kleinen Raum ging und die Tür leise hinter sich schloss, ihn alleine ließ.

Sorgsam stellte der kleine Dunkelhaarige sein Gepäck vor dem Schrank ab, öffnete mittels Telekinese dessen Tür und die Reißverschlüsse seiner Koffer, bevor er seine Kleidungsstücke eines nach dem anderen heraus und in die dafür vorgesehenen Fächer schweben ließ. Nicht etwa, dass er großartige Lust zum Auspacken gehabt hätte - am Liebsten hätte er seine Sachen gar nicht überhaupt erst eingepackt - und er wäre auch sehr wohl in der Lage gewesen, das Ganze per guter, alter Handarbeit zu erledigen, aber so erforderte diese Tätigkeit viel mehr Konzentration und seine volle Aufmerksamkeit. Telekinese war kein Zuckerschlecken, sondern Arbeit.

Sicher, er beherrschte seine Fähigkeiten sehr gut, aber er musste trotzdem aufpassen, wenn er damit Handlungen vollzog die etwas mehr Feinfühligkeit erwarteten. Besonders wenn er emotional so angeschlagen und aufgewühlt war wie gerade eben, musste er viel Beherrschung darauf verwenden, nichts kaputt zu machen. Ideal also für Augenblicke wie diesen.

Er wollte nicht denken. Er wollte nicht grübeln. Er wollte... nach Hause. Ein Seufzen stieg in seiner zugeschnürten Kehle auf, kam aber nicht über seine fest zusammengepressten, blassen Lippen. Seine Zähne gruben sich leicht in die Innenseite seiner Wange, als seine Augen schon wieder anfingen zu kribbeln, sich neue Tränen darin sammeln wollten. Er würde nicht weinen.

Kurz atmete Nagi tief durch und rieb sich mit dem Handballen über die schmerzenden Schläfen. Er ließ sich auf das bequeme Bett fallen, seine Finger streichelten unbewusst über die Tagesdecke. Weich, warm, angenehm, analysierte ein Teil seiner Wahrnehmung. Beinahe hätte er über sich selbst gelacht. Er benahm sich, als wäre jemand gestorben oder die Welt untergegangen.

Auf der anderen Seite war sie das wohl auch ein bisschen. Er vermisste die Anderen schon jetzt, er vermisste Schuldigs störende Präsenz in seinen Gedanken, die bissigen, neckenden Kommentare zu allem, was hinter seiner Stirn vor sich ging. Er vermisste Farfies kleine Gesten, die ihm die Zuneigung des Iren zeigten, die Sicherheit, die der aufmerksame Blick aus dem goldenen Auge versprach. Und er vermisste Brads ruhige, gelassene Gegenwart, die Stütze, den Rückhalt, die Wärme, er vermisste seinen Va.... Seine Zähne gruben sich tiefer in sein eigenes Fleisch, bis er den süßlich-metallischen Geschmack seines Blutes auf der Zunge spürte. Diesen Gedanken würde er nicht zu Ende führen.

Nachdenklich strich sich der Junge über die immer noch etwas gerötete Wange. Inzwischen konnte er sich ausmalen, warum Brad ihn geschlagen hatte. Schuldig hatte ihm beim Abschied ein kleines Bild geschickt, mit dem Hinweis, dass der Deutsche so gut wie tot war, wenn Brad jemals davon erfuhr. Aber Nagi war trotzdem immer noch... verletzt. Obwohl er kein Recht hatte, es zu sein. Sein Anführer hatte nur das getan, was das Beste für sein Mündel war. Sollte er, Nagi, nicht lieber froh darüber sein, dass sich Brad so viel Gedanken um ihn machte, dass er so viel riskierte, um ihn aus der Schusslinie - aus wessen Schusslinie auch immer - zu bekommen? Und ihn dafür ins Nest des Feindes schickte...

Wütend über sich selbst schüttelte Nagi den Kopf, dass die dunkelbraunen Strähnen nur so flogen. Schluss, aus, Ende. Er würde jetzt fertig auspacken, seine Technik aufbauen und dann zum Abendessen gehen. Und wenn er das überlebt hatte und noch sprechen bzw. denken konnte, würde er versuchen Schu zu erreichen. Nein, nicht wenn. Falls!

Bei Omi war er sich ziemlich sicher, dass der ihm nicht hinterrücks ein Messer oder irgendeinen anderen unangenehmen, vorwiegend spitzen Gegenstand, in den Rücken jagen würde. Auch bei Ken hatte er wenig Bedenken. Die beiden hatten ihn außerhalb der Missionen getroffen, wären sie wirklich darauf aus gewesen, ihn zu töten, dann hätten sie es schon längst versucht. Auch wenn es wahrscheinlich beim Versuch geblieben wäre...

Bei Balinese lag die Sache allerdings anders. Nagi vermutete, dass unter dessen locker-flockigen Haltung etwas schlummerte, das er lieber nicht allzu genau kennenlernen wollte. Er hatte den Blonden vorhin nur flüchtig im Laden gesehen, umringt von einem ganzen Schwadron von Frauen fast jeder Altersklasse. Der Andere hatte dem Neuankömmling nur einen kurzen Blick zugeworfen, aber die Warnung, die aus den grünen Augen gesprochen hatte, war unübersehbar gewesen. Die Katze würde Nagi im Auge behalten, soviel war sicher. Wahrscheinlich konnte der Junge froh sein, dass sein Hiersein überhaupt toleriert wurde. Mehr wollte er auch gar nicht. Mehr brauchte er nicht. Und es war immerhin wesentlich mehr, als die meisten Menschen ihm zugestanden, die von seiner Gabe wussten.

An den rothaarigen Anführer der gegnerischen Gruppe wollte er gar nicht erst denken. Der junge Mann jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. Er verspürte... Furcht in seiner Gegenwart, in solch starkem Ausmaß, wie er es seit seiner Kindheit nicht mehr kennengelernt hatte. Nicht, seit er bei Schwarz war.

Abyssinian war... ein Killer. Anders konnte man es nicht ausdrücken. Der perfekte Attentäter. Nagi würde nicht so weit gehen, dass er ihn als gewissenlos bezeichnen würde, dafür tat der Ältere viel zu viel für seine komatöse Schwester, aber er war kalt. Gefühllos. Er tötete mit einer kühlen Präzision, die Nagi an Brad erinnerte. Aya spielte nicht mit seinen Opfern wie Schuldig, er tötete nicht, weil er einen Gott verletzen wollte - den es ohnehin nicht gab und wenn doch, dann scherte er sich einen Dreck darum, was sie hier unten taten. Er tötete nicht aus purer Berechnung, für Macht und Einfluss, und er spielte sich auch nicht als edler Rächer auf, wie der Rest von Weiß.

Etwas an dem Weiß-Leader war anders. Anders als bei allen Menschen, die Nagi jemals getroffen hatte. Das puppenhafte, blasse Gesicht, das man durchaus als schön bezeichnen konnte, die Augen, die wie die harten, blanken Edelsteine, deren Farbe sie trugen, daraus hervorblitzten. Die katzenhafte Eleganz mit der die Muskeln jeden Befehl ausführten. Ein Richter. Ein Henker. Ein Vollstrecker.

Nur einmal hatte er das Temperament hervorbrechen sehen, dass die Haarfarbe Abyssinians ja angeblich mit sich bringen sollte. Kein schöner Anblick und nicht angenehm, vor allem für seine Opfer. Ein Schlächter.

Unwillkürlich zuckten Nagis Mundwinkel abfällig. Er schien gedanklich ein kleinwenig abzuschweifen. Seine Nase kräuselte sich etwas. Er sollte dringend aufhören, sich zu viel um seine Feinde zu scheren und anfangen, seine Zeit hier einfach nur als Job zu sehen, den er zu machen hatte. Ganz einfach, er würde sich von Weiß fernhalten, zumindest von der Hälfte, bzw. dem Viertel, das ihm akut gefährlich werden könnte, wenn er nicht auf jeden seiner Schritte genau achtete und gut war. Kein Grübeln und keine gedanklichen Spaziergänge.

Ein abfälliges Schnauben entfloh ihm, doch seine Gesichtszüge blieben weiter zu dem stillen, desinteressierten Ausdruck erstarrt, der sie in der Öffentlichkeit meistens zierte. Nicht einmal jetzt ließ er seine Maske fallen, obwohl er allein war. Wer wusste, ob Weiß nicht irgendwelche Kameras installiert hatte, um ihn rund um die Uhr zu überwachen. Eigentlich ein perverser Gedanke, aber er hätte es ganz sicher getan, wäre eine der Katzen bei ihnen im Haus zu Gange. Nein, verbesserte sich Nagi in Gedanken. Erstens hätte er zusätzlich alle Räume verwanzt und zweitens den Weiß erst gar nicht über die Schwelle ihrer Villa gelassen. Aber er wurde ja nicht gefragt...

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Mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen ließ er sein silbernes Feuerzeug aufschnippen und hielt die helle Flamme an das Ende seiner Zigarette, die er sich in den Mundwinkel gesteckt hatte. Doch bevor die Hitze das Papier und die Tabakstückchen erreichen konnte, wurde sie von einem Windstoß weggefegt. Schicksal.

Schnaubend legte er eine Hand als Schutz um den Zünder und versuchte es erneut. Diesmal waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt. Vorsichtig inhalierte er den blauen Dunst, sehr vorsichtig um nicht zu husten. Er hasste es, den Geschmack des Nikotins auf der Zunge zu spüren, die Melange aus Rauch und Teer gemischt mit dem Aroma von leichter Vanille. Nicht primitiv wie billige Zigaretten, sondern erlesen und teuer, genau wie ihr Preis. Nicht, dass er es sich nicht leisten konnte... Geld hatte er.

Bitterkeit stieg in ihm auf, überlagerte für einen Moment die wohltuend beruhigende Wirkung des Zellgiftes, das ihm über seine Schleimhäute in jede Pore dringen musste. Bitterkeit ob seines Handelns, seiner Entscheidungen, seines Hasses und seines Haderns.

Flüchtig krampften sich seine langen, schlanken Finger um den Filter, drückten ihn etwas ein, bevor er sie mit einem wahren Kraftakt wieder entspannte, die teure Ware vor der akuten, mutwilligen Zerstörung bewahrten. Hass... Wut... Zorn... so lange unterdrückt, so gut und doch mühsam beherrscht, so bitter ihr Geschmack, so süß seine Rache....

Erschöpft ließ er seinen Kopf gegen die Wand sinken. Er war müde... es war spät, er musste rein... sich kümmern... sich der Wirklichkeit stellen... neue Entscheidungen... noch mehr Kalkül, noch mehr Beherrschung... er hatte ein Ziel! Ein Ziel, für dass er alles andere opfern würde. Und jeden anderen. Beinahe. Fast. Bald.

Der Wind trug grauen Rauch davon, bewegte die weichen Haare, die ihm ins Gesicht hingen.

Blut. Schmerz. Angst.

Fahles Licht brach sich in Gold, brachte es zum Leuchten. Schmerz.

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Yohji war wütend. Nicht die-Mädchen-im-Laden-haben-mich-genervt-wütend, nicht ich-konnte-mich-heute-abend-nicht-austoben-wütend. Er war stinksauer. So mein-Leader-macht-was-er-will-sauer. Gewissermaßen angepisst, innerlich am Kochen. Kurz vor der Explosion.

Und das Ziel seiner Wut war seit zwei Stunden spurlos verschwunden. Seinem Zorn entzogen. Elender.... Mistkerl! Ihm fehlten selbst in Gedanken die passenden Schimpfworte. Dafür GAB es überhaupt keine Bezeichnung!

Das war abartig! Kollaboration mit dem Feind! Vielleicht... nein verraten würde Aya sie niemals, aber für einen Außenstehenden mochte es leicht so aussehen. Wenn Kritiker davon erfuhr... nein, das wollte er sich lieber nicht vorstellen. Ihre Auftraggeber würden sie einfach ausschalten lassen, wenn sie dahinter kamen, dass ihr Anführer mit Schwarz paktierte... und dass sie auch noch mitmachten...

Heftig zog er an seiner Zigarette. Seine Gedanken rannten noch mehr im Kreis als sonst. Wie denn auch nicht? Hey, bitte, ihr Anführer hatte ihnen eröffnet, dass sie einen Spion in ihren Reihen haben würden! Was anderes war die kleine Kröte doch nicht!

Ihm lief ein eiskalter Schauer über dem Rücken und er konnte das Gefühl eines sprichwörtlichen Messers an der Kehle einfach nicht abschütteln. Der Junge mochte noch ein Kind sein - objektiv betrachtet noch jünger als ihr Chibi - aber er war auch eine Waffe. Gefährlich und tödlich und unkontrollierbar. Nervös kaute der Blonde auf dem Filter zwischen seinen Lippen herum, nahm noch einen tiefen, beinahe hastigen Zug, fühlte wie der kratzige Rauch seine Lungen füllte. Vielleicht sollte er sich was Stärkeres besorgen. Das Nikotin beruhigte seine Nerven kein bisschen.

Mit einem leisen Grollen rollte er sich von der Matratze, auf die er sich geworfen hatte und stapfte, die Kippe im Mundwinkel, zu seinem Schrank. Ruckartig öffnete er die Tür und begann, darin herumzuwühlen.

Er musste hier raus, ganz dringend und sofort. Die Wände seines Zimmers erdrückten ihn, gaben ihm das Gefühl eines eingesperrten Tieres im Käfig. Fehlten nur noch die Gaffer... oh nein, das hätte er jetzt nicht denken sollen...

//Das ist aber nicht nett, Kätzchen, dass du dich so über unseren niedlichen, kleinen Chibi aufregst! Der kann ja mal gar nichts dafür, dass die Bosse so entschieden ha...//

„HALT’S MAUL, SCHWARZ! HALT EINFACH NUR DIE KLAPPE UND VERSCHWINDE VERDAMMT NOCH MAL AUS MEINEN GEDANKEN, DRECKSTELEPATH!“ Es sah Yohji zwar wenig ähnlich, seinem Feind gegenüber eine derartige Schwäche zu zeigen, aber seine Nerven lagen einfach nur blank.

Hass stieg in ihm auf, Hass auf den Mistkerl in seinem Kopf auf diesen dreimal verfluchten Scheiß-Psychopathen, auf das Balg, dass sich gerade in ihrem Gästezimmer einnistete und vermutlich schon plante, wie es sie am besten der Reihe nach umbrachte und vor allem Hass auf den rothaarigen Bastard, der sich sein Leader schimpfte! Tat ein guter Anführer sowas? Brachte der seine eigenen Teammitglieder dermaßen in Gefahr?! Nein, also!

Stöhnend ließ sich Yohji an der Schranktür nach unten sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. Und trotzdem folgte er dem Eisblock weiterhin. Er überließ Aya sein Leben, obwohl der es offensichtlich so leichtfertig riskierte, nur um seine eigenen Ziele zu erreichen? Warum machte er das? Warum nahm er nicht einfach das Telefon in die Hand, wählt Manx‘ Nummer und beichtete ihr alles, inklusive dem Telekineten unter ihrem Dach? Warum.... Und warum war es eigentlich in seinen Gedanken so verdammt still? Er konnte Schuldig immer noch mehr als deutlich fühlen, die fremde Präsenz in seinem Kopf praktisch greifen. Warum kam also kein blöder Spruch oder eine gewaltige Portion Kopfweh, weil er mit Beleidigungen und Morddrohungen nur so um sich schmiss?

Yohji wartete noch einen Moment, zuckte dann aber die Schultern. Er wusste ja eigentlich, warum er seinem Leader noch immer die Treue hielt... Weil er den Mann verstand, weil er nachvollziehen konnte, was er tat. Hatte es nicht auch bei ihm eine Zeit gegeben, in der er für einen geliebten Menschen absolut alles getan hätte? In der er ohne Rücksicht auf Verluste alles ertragen hätte, wenn er Asuka dafür hätte retten können?

Schnell zündete er sich eine neue Zigarette an, nachdem er die aufgerauchte im Aschenbecher ausgedrückt hatte. Er vertraute Aya immer noch und er konnte ihn verstehen, das war nun mal der springende Punkt. Nicht ganz unerheblich war auch, dass ihr Team ohne den kühlen Kopf und die sichere Gegenwart des Rotschopfes wesentlich ineffektiver arbeitete, das war nun einmal eine Tatsache.

Seufzend schlug er seinen Kopf gegen die Schrankwand, in der Hoffnung, seine karussellfahrenden Gedanken irgendwie zur Ruhe zu bringen. Seine primäre Wut war zum Glück so gut wie verraucht, zumindest lief er jetzt nicht mehr unbedingt Gefahr etwas sehr, sehr dummes zu tun, das seiner Gesundheit bestimmt nicht sehr zugetan war.

Mit einem frustrierten Grollen kam der Blonde wieder auf die Beine und verschwand halb im Schrank, die Zigarette in einer Hand draußen haltend. Er mochte ja schlampig sein, aber seine Klamotten waren ihm heilig, da durfte sich niemand dran vergreifen, schon gar keine poplige glühende Asche.

Mit zusammengebissenen Zähnen rupfte er sich eine schwarze Hose heraus und wand sich mühsam hinein. Das Leder saß perfekt an seinem Körper, brachte jeden einzelnen Muskel wirkungsvoll zur Geltung, aber das Anziehen war beinahe eine Qual. Zum Glück hatte er nicht vor, heute Abend irgendeine Eroberung zu machen, das Ausziehen wäre womöglich ein Problem geworden.

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Müde wanderte sein Blick aus dem Fenster. Stumm und leer. Sein Kopf schmerzte leicht, er hatte es wohl übertrieben. Langsam spürte er die Wut abflachen, die ihn eben noch eingehüllt hatte. Wie ein Flächenbrand war sie über ihn hinweggefegt, hatte Asche zurückgelassen und den schalen Geschmack der Erkenntnis, dass er es übertrieben hatte. Wieder mal. Seine Neugierde würde ihn noch mal ins Grab bringen.

Und doch blieb er. Es wäre so einfach, zu gehen.

Er konnte nicht leugnen, dass es ihn faszinierte. Die Ähnlichkeit, der Schmerz, die Verwirrung. Die Übereinstimmung mit so unzählig vielen, namenlosen Gesichtern. Ein buntes Durcheinander, dass sich Alltag nannte.

Flüchtig schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen und seine Hand berührte sacht die eigene Schläfe, hinter der es dumpf pochte. Verblüffend, wie unterschiedlich und doch gleich sie waren. Erstaunlich, wie sie sich ergänzten. Hell und Dunkel. Gut und Böse. Schwarz und.... zwei Seiten ein und derselben Medaille, derselben Todesanzeige. Getrennt und doch vereint, eins konnte nicht ohne das andere leben... überall wo Licht war, gab es auch Schatten, keine Reinheit ohne Schmutz... und er würde vermutlich doch irgendwann unter die Philosophen gehen!

Mit einem abfälligen Schnauben ob seinem eigenen mentalen Gewäsch schloss er zwei Knöpfe seines Hemdes. Als wenn die gedankliche Schwindsucht um ihn herum Tag für Tag nicht genügen würde. Vermutlich hatte er sich angesteckt!

Er kam allerdings nicht umhin, einen gewissen Sinn dahinter zu entdecken. Orakel müsste man sein, dann wäre es jetzt wohl einfacher... oder auch nicht und er sollte vielleicht in nächster Zeit besser die Finger vom Gras lassen. Wer wollte schon bitte so sein wie Brad Crawford?

Er schüttelte sich. Okay, der Amerikaner war sexy, auf seine etwas seltsame Art und Weise und wenn man auf brillentragende, arrogante Arschlöcher stand, aber mehr auch nicht. Hinter der kalten Fassade wartete ein ebenso eisiges Inneres. Er würde einen Besen fressen, sollte es jemals einem Menschen gelingen, in dieser Eiswüste zu überleben, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Da lohnten doch andere Ziele weit mehr. Blonde Ziele zum Beispiel, die sich gerade ein Bild davon machten, wo sie heute Abend hingehen wollten. Passend, sehr passend.

Schuldig grinste.

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Yohji gab es ja nicht gerne zu, aber er langweilte sich. Er war hierher gekommen mit dem festen Vorsatz, sich zu amüsieren, ganz gleich welcher Stellungskrieg zu Hause unterschwellig tobte. Die gedrückte Stimmung trieb den Playboy aus dem Haus, er hasste nichts mehr als diese Aggressionen, die stumpfe, aufgestaute Wut, die sich irgendwann in einem riesigen Donnerwetter entladen würde.

Beim Hinausgehen war ihm Aya über den Weg gelaufen. Der junge Mann hatte noch etwas blasser gewirkt als sonst, seine Augen schienen irgendwie tiefer zu liegen, als hätte er schon länger nicht mehr vernünftig geschlafen. Doch der Rotschopf hatte keinen Ton gesagt, hatte nur genickt und ihn kommentarlos vorbeigelassen. Kein Wort darüber, dass er gefälligst mitessen oder seiner Frühschicht morgen nicht vergessen sollte. Stummes Akzeptieren. Und irgendwie... hatte er anders gerochen. Yohji konnte noch nicht einmal sagen, nach was oder warum er das überhaupt wahrgenommen hatte. Wahrscheinlich die Killersinne oder so... jedenfalls hatte seinen Anführer nicht das gewöhnliche, leichte Aroma von Rosen und Leder umgeben, sondern etwas Unbekanntes. Er kannte den Geruch, kam aber partout nicht darauf, was es gewesen sein konnte.

Der Blonde schoss einen abweisenden, giftigen Blick gen Decke, die er allerdings aufgrund der Lichtverhältnisse nicht erkennen konnte. Warum immer er? Jetzt hatte er auch noch beinahe ein schlechtes Gewissen. Okay, er hatte eins, dabei hatte sein Leader nicht mal was gesagt. Trotzdem hatte er gerade das Gefühl, seine Freunde im Stich zu lassen, auf eine geradezu lächerliche Art und Weise. Er ließ niemanden im Stich, nur weil er ausging! Er ging oft aus. Sehr oft. Nur hätte er vielleicht heute Abend nicht... Schluss!

Es wurde höchste Zeit, dass er etwas gegen den Unsinn in seinem Kopf tat. Vielleicht kam das ja doch von dem Schwarz-Psychopathen, immerhin war der in letzter Zeit öfter in seinem Oberstübchen gewesen. Konnte ja gut sein, dass dabei was Wichtiges kaputt gegangen war. Allerdings... was konnte da denn noch mehr kaputt gehen? Die wenigen Gehirnzellen, die er sich noch nicht wegesoffen oder rausgevögelt hatte, die tötete er systematisch mit Nikotin oder anderem Dreck ab und die restlichen... sollte sich der Arsch eben einen Spaß mit seinem kaputten Denken machen. Wenn’s gefiel...

Kopfschüttelnd orderte der große Mann beim Barkeeper einen weiteren Wodka. Nicht, dass er das Zeug besonders gerne trank, aber es betäubte seine Sinne schnell und wirkungsvoll. Er wollte heute nicht mehr denken, er wollte einfach vergessen. Alles und jeden. Sein Gewissen, seine Schuld, seine Zweifel und seinen Zorn.

Fahrig strich Yohji sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die seine Sicht behinderte. Er wickelte sie um seinen Finger, betrachtete sie kurz, ließ sie dann wieder los. Seufzend musste er sich eingestehen, dass das mit dem Amüsieren leichter gesagt als getan war. So richtig wollte sich die Feierstimmung bei ihm nicht einstellen. Er hatte keine Lust, irgendeine Frau anzubaggern. Nicht etwa, dass es ihm hier an Gelegenheit gefehlt hätte. Der Club war für seine exquisite Auswahl an Besuchern bekannt und berühmt. Hier kamen nur die wenigsten durch die Gesichtskontrolle der Türsteher. Dafür war der Preis entsprechend hoch, das Ambiente allerdings auch hochwertig.

Gelangweilt betrachtete er die Tänzer auf der Tanzfläche, die Animateure beider Geschlechter, die sich knapp bekleidet um silberne Stangen wickelten oder sich in schier unmöglich erscheinenden Bewegungen in von der Decke hängenden Käfigen räkelten. Hochwertig, wie gesagt.

Der Playboy stürzte den Inhalt seines Glases hinunter und schüttelte sich. Hochwertiger Wodka schmeckte trotzdem scheiße, daran ließ sich absolut nichts ändern. Widerlich.

Vielleicht sollte er sich auf die Tanzfläche begeben, normalerweise half ihm das immer beim Abschalten. Das tiefe, dumpfe Hämmern des Basses, das jede Nervenzelle in seinem Körper erreichte, seine Haut zum Prickeln brachte, wollte ihn heute nicht recht reizen. Noch nicht.

Stirnrunzelnd schätzte er ab, wie viele Gläser er noch brauchte, bis ihm seine Grundstimmung egal war.

Doch noch ehe er seine Rechnung zu ende führen konnte, erregte etwas ganz anderes seine Aufmerksamkeit. Also entweder er war in den letzten Minuten farbenblind geworden oder er litt unter Verfolgungswahn - wobei er beim Besten Willen nicht sagen konnte, welche Variante ihm nun mehr zusagte.

Dann erstarrte er. Grün bohrte sich in grün. Smaragd mischte sich mit Jade.

Yohjis Finger krampften sich um das Glas, hielten sich daran fest wie ein Ertrinkender auf hoher See an seinem einzigen Rettungsanker... er ihn geradewegs in die Tiefe zog.

Der Blick des Telepathen wandte sich nach einem Herzschlag ab, desinteressiert, gleichgültig, nichtssagend, ganz so, als hätte er den Gegner gar nicht wahrgenommen. Was sollte Yohji davon halten? Ein neues Spiel, auf das er sich sicher nicht einlassen wollte, eine neue List? Wahrscheinlich.

Trotzdem konnte er den Blick nicht von der schlanken, hochgewachsenen Person abwenden, die sich langsam ihren Weg durch die Menschen bahnte, ohne einen von ihnen zu berühren. Nur wenn man wirklich hinsah, fiel einem auf, dass die Leute tatsächlich vor Schuldig zurückwichen, ihm Platz machten und sei es nur geringfügig.

//Wie ein Gott, der das Wasser teilt...//, schoss es Yohji durch den Kopf. Nicht etwa, dass er religiös war, sowas brachte der Job einfach nicht mit sich, aber das Bild schien ihm gerade passend.

Der Deutsche blieb einen Moment stehen, schien sich zu konzentrieren, setzte seinen Weg dann in Richtung Tanzfläche fort. Von irgendwoher aus der Masse wurde ihm ein Glas gereicht. Hellbraune Flüssigkeit und farblose Eiswürfel schwappten darin.

Mastermind hielt wieder inne, nahm einen Schluck, schloss genießend die Augen, ließ den Geschmack nachwirken und gab das Glas wieder weg. Wie selbstverständlich und natürlich er das tat! So als... Yohji schalt sich einen Narren. Natürlich machte der Telepath das jedes Mal so, immerhin... würde er selbst das nicht auch, wenn er solche Macht besitzen würde? Und doch wollte er sie nicht haben, zu groß die Versuchung, die Verführung.

Zielstrebig hielt der Schwarz auf eines der Podeste zu, auf dem sich momentan noch eine Gogo-Tänzerin räkelte. Sie machte ihm automatisch Platz und er schwang sich auf den Absatz hinauf, alles im Einklang mit dem dominanten Rhythmus der Musik, im Takt der hämmernden Bässe.

Yohji fixierte den Mann gebannt. Er konnte den arroganten Deutschen zwar nicht ausstehen, aber eines musste man ihm lassen, tanzen konnte er. Der harte Techno schien dem Mann allerdings nicht unbedingt zuzusagen, er passte sich zwar problemlos an, doch seine Bewegungen waren noch verhalten, kontrolliert.

Man spürte deutlich, dass er sich aufwärmte, seine Energie noch nicht verschwenden wollte, auf etwas wartete.

Der Blonde nahm noch einen Schluck aus seinem Glas, schaffte es aber nicht, den Blick von seinem Feind abzuwenden. Das Lied verklang und der DJ machte eine sinnlose Ansage, die sowieso keiner verstand, weil er das Mikro zu nahe am Mund hatte und außerdem noch englische Wortfetzen dazubrüllte. Wen interessierte es auch, die Leute waren zum tanzen, trinken und abschleppen hier, nicht, um geistlose Kommentare zu Liedern oder der Stimmung auf der Tanzfläche zu hören.

Interessant wurde es erst, als der junge Mann einen Musikwunsch ankündigte. Das Lied kannte er, sehr gut sogar, es war eins seiner Lieblingslieder. Unbewusst musste er schlucken. Normalerweise hätte er sich spätestens jetzt erhoben und wäre zur Tanzfläche gewandert, doch er blieb wie angewachsen auf seinem Barhocker sitzen, den Blick immer noch auf die hochgewachsene Gestalt auf dem Podest gerichtet.

Die ersten Töne der Hintergrundmelodie erklangen, ein paar Sekunden später setzte die angenehme Stimme einer Frau ein.

Schuldig fuhr zu ihm herum, ihre Blicke kreuzten sich erneut und Yohji erkannte, dass der Deutsche die ganze Zeit gewusst hatte, dass der Weiß ihn beobachtete. Er konnte es selbst auf die Entfernung im Gesicht des anderen sehen. Töricht genug von ihm, etwas anderes anzunehmen. Wie ferngesteuert erhob er sich und ging langsam näher auf das Podest zu.

~Your cruel device

Your blood, like ice

One look could kill...

My pain, your thrill~

Schuldig schloss die Augen halb und konzentrierte sich ganz auf den dominanten Rhythmus des Liedes. Nichts war mehr wichtig außer der Melodie und dem blonden Kätzchen, das ganz ohne sein Zutun auf ihn zuhielt. Die Menschen um ihn herum waren ausgeblendet, nebensächlich. Er fühlte das Vibrieren des Basses in seinem ganzen Körper, sein Herzschlag beschleunigte sich, während er sich dem langsamen Tempo mit geschmeidigen, fließenden Bewegungen anpasste, das Lied in sich aufnahm und fühlte, wie es ihn durchdrang. Kurz bog er das Kreuz durch, ließ den Kopf leicht in den Nacken sinken, leckte sich über die Lippen, während seine Hüfte sich einem imaginären Partner entgegendrängte. Seine Fingerspitzen strichen hauchzart über seine entblößte Kehle, die nackte Haut seiner Brust hinunter, fuhren kurz unter den Saum des schwarzen Stoffes, stoppten dann aber , bevor sie sich weiter auf seinen Bauch vortasten konnten.

Die grünen Augen blitzten ihn unter feuerfarbenen Strähnen herausfordernd an und Yohji wurde bewusst, wie gut dieses Lied auf den Mann vor ihm passte. Mastermind konnte mit einem Blick töten, die brutale Kälte die er seinen Opfern gegenüber zeigte, dass Vergnügen, dass er aus ihrem Leiden zog... und doch konnte er sich nicht abwenden. Und doch setzte er weiter einen Fuß vor den anderen, während das Tempo des Liedes sich mit einem Mal erhöhte. Und doch zog ihn etwas an Schuldig an wie es vorher noch nie bei einem Menschen der Fall gewesen war, etwas dass er sich nicht erklären konnte. Keine einfache Begierde, damit hätte er umgehen können, obwohl ihn Männer sonst kein bisschen interessierten. Sex war etwas, mit dem er sich auskannte, dass für ihn alltäglich war. Das hier war nicht alltäglich. Nicht nur weil Mastermind sein Feind war.

~I wanna love you but I better not touch

I wanna hold you but my senses tell me to stop

I wanna kiss you but I want it to much

I wanna taste you but your lips are venomous poison

You’re poison running through my veins

You’re poison

I don’t wanna break this chance~

Hitze bahnte sich ihren Weg in Yohjis Körper, Schauer rannen ihm das Rückgrat hinunter. Je näher er kam, desto mehr schien er die Aura von Gefahr zu spüren, die diesen Mann umgab. Und zugleich stieg auch die Faszination. Der schlanke, biegsame Körper, die festen Muskeln unter ebenmäßiger Haut, das intensive Grün der Augen und die orangefarbenen Haare.... Schuldig verkörperte in diesem Augenblick Dominanz und Männlichkeit in ihrer Reinform und sein Gift fraß sich in Yohji hinein. Er sollte sich umdrehen verschwinden, schleunigst! Doch er ging einfach weiter. Seine Fingerspitzen begannen zu kribbeln als er sich unwillkürlich fragte, wie sich diese glatte, straffe Oberfläche wohl unter seinen Händen anfühlen würde.

Schuldig sah nicht aus wie eine Frau. Diesem Körper fehlte alles, was eine Frau ausmachte, die runden, weiblichen Formen, die Weichheit. Der Telepath war ein attraktiver Mann, zwar nicht übermäßig groß aber sehr schlank, durchtrainiert, die Eleganz eines Raubtieres gepaart mit der exotischen Ausstrahlung der ausländischen Gesichtszüge. Aber er war definitiv keine Frau, nicht einmal im Entferntesten. Und trotzdem spürte Yohji, wie seine Hose leicht um seinen Unterleib spannten als er die Muskeln unter der Haut spielen sehen konnte.

Schuldig tanzte nicht wie eine Frau. Ihm fehlte das betont Aufreizende, die Zurschaustellung der Vorzüge und Attribute. Dieser Mann wusste, wie attraktiv und gefährlich er war, er musste es niemandem beweisen. Er genoß die Blicke, die auf ihm lagen, er badete geradezu in der Aufmerksamkeit seines Publikums, er legte es darauf an, aufzufallen, aber auf eine Art, die zugleich merkwürdig unaufdringlich wirkte, die sich nicht unangenehm anfühlte.

Your mouth, so hot

Your web, I’m caught

Your skin, so wet

Black lace on sweat

Der Blick des Weiß huschte über Schuldigs Gestalt, sog den Anblick des hauchdünnen, schwarzen Stoffes auf dem muskulösen Oberkörper praktisch in sich auf, imitierte die Bewegungen des Anderen ganz automatisch. Er hatte die Tanzfläche erreicht und bemerkte gar nicht, dass ihm die Menschen wie selbstverständlich Platz machten, er ungehindert die Masse passieren konnte. Seine Augen blieben an den fein geschwungenen Lippen des Schwarz hängen.

Schuldig hatten ihn schon einmal geküsst, eigentlich gegen seinen Willen, aber er konnte nicht leugnen, dass es ihm gefallen hatte, dass es ihn....

Er zappelte im Netz der Spinne, ob er es nun wahrhaben wollte oder nicht. Schuldig grinste leicht und streckte dem Blonden eine Hand hin. Mal sehn, ob der kleine Playboy auf ihn einging. Er spürte das Verlangen, dass der Weiß immer noch in sich verschloss, spürte die unterdrückte Erregung und die Hitze, die ihm aus dem fremden Geist entgegenschlug und er würde lügen, wenn er behauptete, dass ihn das nicht anmachte.

Yohjis Blick glitt wieder tiefer, blieb an der feucht schimmernden Haut hängen, die durch das halb offene Hemd entblößt wurde. Ein feiner Schweißfilm bedeckte die glatte Oberfläche, betonte die festen Brustmuskeln. Der schwarze Stoff klebte leicht an Schuldigs Körper, löste sich, blieb wieder hängen.

Für eine Sekunde zögerte er, doch dann nahm er die angebotene Hand, spürte ihren festen, sicheren Griff und ließ sich hochziehen. Schuldig würde ihn nicht fallen lassen. Instinktiv schlang er einen Arm um den Nacken des Deutschen, schmiegte sich eng an den fremden Körper um nicht von dem schmalen Podest zu fallen. Die ermunternden Zurufe und Pfiffe aus dem zahlreichen Publikums nahm er gar nicht wahr.

I hear you calling and it’s needles and pins

I wanna hurt you just to hear you screaming my name

Don’t wanna touch you but you’re under my skin

I wanna taste you but your lips are venomous poison

You’re poison running through my veins

You’re poison

I don’t wanna break this chance

Yohji meinte spüren zu können, wie ihm Schuldigs Gift unter die Haut kroch, wie er sich einnistete, wie er ihn einnahm. Es war ihm egal. Alles außer dem Augenblick war bedeutungslos geworden. Er sollte weglaufen, er sollte Schuldig nicht berühren, sich nicht berühren lassen.

Etwas in seinem Inneren schrie auf, als er die Hitze der fremden Haut an seiner spürte. Er ignorierte es.

Etwas wollte ihn zwingen, von dem Podest zu steigen und so schnell so weit zu laufen wie er nur konnte. Er maß ihm keinerlei Bedeutung zu.

Er passte sich seinem Tanzpartner an, ließ es zu, dass der Deutsche einen Arm um seine Taille schlang, ihn noch näher an sich drückte. Er ließ sich widerstandslos dominieren, genoß dass Gefühl, dass ihn dabei durchströmte. Seine Augen schlossen sich, sein Kopf sank zurück, legte Schuldig seine Kehle frei während ihre Körpermitten sich provozierend aneinander rieben. Er vergrub seine Hände tief in der feuerfarbenen Fülle, fand darin Halt, spürte die heißen Lippen auf seinem Hals, seinem Kehlkopf, der Kuhle seines Schlüsselbeins. Ein heißes Prickeln durchströmte ihn bis in die Zehenspitzen und seine Bewegungen wurden fordernder. Seine Finger krallten sich in die Haare des Anderen, zwangen ihn zu verweilen, verweigerten den Rückzug.

I wanna love you but I better not touch

I wanna hold you but my senses tell me to stop

I wanna kiss you but I want it to much

I wanna taste you but your lips are venomous poison

You’re poison running through my veins

You’re poison

I don’t wanna break this chance

Schuldig lächelte gegen die erhitzte, schweißfeuchte Haut. Sein Kätzchen war heute wirklich in sanfter Stimmung und wer war er, dass er das nicht ausnutzte? Er genoss die Nachgiebigkeit, die nur mühsam kontrollierte Kraft des fügsamen Körpers die Balinese ausstrahlte. Seine Aura, sein Geist, seine Hitze umfingen den Telepathen, hielten ihn fest, weigerten sich, ihn gehen zu lassen, wie es auch die Hand in seinen Haaren tat, doch wehrte sich nicht dagegen. Er wollte die Situation genießen, so lange er konnte. Brach der Zauber, kam Yohji wieder zu sich und würde ebenso schnell verschwinden wie er bereitwillig zu ihm gekommen war. Diese Chance ließ er sich nicht entgehen, wer wusste wann die nächste kam.

Das große, blonde Kätzchen würde früher oder später ihm gehören und er war gerade auf dem besten Weg dahin.

Schuldig hatte Yohjis Interesse geweckt und er würde den Teufel tun und es wieder versiegen lassen. Dieser Abend würde dem Weiß noch lange zu denken geben, dafür sorgte er schon!

Die Zähne des Deutschen gruben sich harsch in die weiche Haut von Yohjis Halsbeuge, verweilten dort einen Moment, bevor er mit der Zungenspitze besänftigend über die gereizte Stelle strich. Er spürte dem leicht salzigen Geschmack nach, bevor er eine Hand in den Nacken des Anderen legte und dessen Gesicht zu sich heranzog.

Für einen Augenblick schwebten ihre Lippen wenige Millimeter voneinander entfernt, erwartungsvoll, begierig. Sie konnten den Atem ihres Gegenübers fühlen, heiß, schnell.

Yohji öffnete die Augen und begegnete Schuldigs flammendem Blick, der ihn zu verbrennen drohte. Sein rationales Denken setzte endgültig aus, die flehende Stimme, die ihn zu warnen versuchte, verstummte endgültig. Er überwand den kleinen Abstand, der noch zwischen ihnen lag und eroberte Schuldigs Mund.

Er fühlte die Weichheit der Lippen. Er schmeckte das Aroma von Tabak und Alkohol. Er roch einen Hauch von Seife und Rasierwasser. Er spürte die Erregung die an die Oberfläche drängte. Er zitterte unter der prickelnden Mischung aus Verlangen und Gefahr. Er schloss die Augen und sperrte die Welt aus.


Fortsetzung folgt