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SSAT - Selbe Schei?e anderer Tag Teil 1 bis 5

- 1 -

"Aufstehen, Kim! Du musst zur Schule."

Er versuchte sich unter seinem Kopfkissen zu verstecken und murmelte etwas.
Seine Mutter ließ sich jedoch nicht so leicht abspeisen.

"Hast du gehört?"

"Ja!" krächzte er. Verdammt noch mal!

"Fein," trällerte sie und ließ die Tür offen.

Er schlug die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Sein Kopf schwindelte. Der Wecker verkündete die wahrhaft biblisch anmutende Uhrzeit: 6:15Uhr.

Seine Mutter summte in der Küche und seine Schwester hatte bereits Musik aufgedreht. Wie kann man am frühen Morgen bloß schon so gute Laune haben?

Stöhnend verließ er das warme Bett und begab sich ins Badezimmer.
Ein flüchtiger Blick in den Spiegel trug nicht gerade zur Hebung seiner Laune bei. Die dunkelblonden Haare standen wirr in alle vier Himmelsrichtungen ab, seine Augen waren trüb, verschleiert und sahen geschwollen aus, was ihm seine Müdigkeit nur allzu deutlich klar machte.

Er seufzte. Eine geschlagene Minute lang stand er vor dem Waschbecken und betrachtete abwesend den Abfluss. Ihm war als riefe ihn sein Bett.

/Kim, komm doch wieder zu mir! Ich bin weich, ich bin warm, ich bin dein und warte nur auf dich!/

Er war drauf und dran dem tatsächlich nachzugeben, schüttelte dann aber wirsch den Kopf.

Wasser. Kaltes Wasser! Das wird mich wieder auf Trab bringen.

Er drehte den Hahn auf, schöpfte mit den Händen und spritzte es sich ins Gesicht. Welch Wohltat! Ein sparsames Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Als fordernd an die Tür geklopft wurde, erlosch es abrupt.

"Kim, bist du da drinnen eingepennt, oder was? Ich muss da auch noch rein!"

Svenja. Kim verzog das Gesicht. Er würde sich eine Antwort ersparen.
Geschwister waren unerträglich.




********************


"Ich gehe," murmelte er und öffnete die Haustür. Seine Mutter lugte um die Ecke.

"Viel Spaß, Schatz."

Ja, ha-ha, es wird sicher unglaublich amüsant.



********************


Kim hasste den Morgen. Er hasste es früh aufstehen zu müssen. Er hasste den vollgestopften Bus. Er hasste es schon am frühen Tag geschäftiges Treiben zu beobachten, während er selbst verzweifelt dagegen ankämpfte, nicht im Stehen einzuschlafen.

Vor zwölf Uhr Mittags war er grundsätzlich nicht wach, vor ein Uhr Nachts aber auch nicht im Bett. Und das war sein Problem.

"Scheiß drauf," murrte er und steckte sich eine Zigarette an.
Heute erreichte er die Haltestelle mal ausnahmsweise pünktlich. Dutzende Kinder tummelten sich dort. Hier und da war auch der Rest der arbeitenden Gesellschaft auszumachen. Männer in Anzügen, bewaffnet mit Aktentaschen, die Köpfe hinter ihren Zeitungen verschanzt. Frauen, die noch ein letztes Mal an ihren Frisuren zupften, sich den Lippenstift nachzogen.

SSAT. Selbe Scheiße, anderer Tag.

"Kim!"

Er wandte sich um und wurde prompt überschwänglich in die Arme genommen.

"Maren, pass doch auf, du verbrennst dich noch," sagte er und versuchte die Zigarette in Sicherheit zu bringen.

Maren ließ ab von ihm und grinste, wobei sie ihr Lippenbändchen- Piercing entblößte. Ihr ganzer Stolz.

"Na!" Sie strahlte übers Gesicht, also musste der gestrige Abend ein voller Erfolg gewesen sein, mutmaßte er. Sie trug schon wieder eine weite graue Hose und ein rotes Holzfällerhemd. Die Hose sah aus, als würde sie sich jeden Moment von ihrer Trägerin verabschieden wollen.

Die Ködelhosen der Hip-Hopper, dachte er und griente. Maren konnte er solch Geschmacksverirrungen verzeihen.

"Wie war's denn gestern auf der Zeltfete?" fragte er.

"Oh, es war so geil! Du hättest da sein müssen! Ich war so was von hackedicht, zu wie ein Uhu!"

Er schüttelte lachend den Kopf, während sie mit weit ausholenden Gesten ihre Eskapaden schilderte, so dass die umstehenden Leute wohl auch auf ihre Kosten kamen. Maren hatte ein auffallendes Gemüt und sie geizte nie mit ihrem lauten Organ.

"Und was hast du mit deinen Haaren gemacht?" meinte er plötzlich.

"Ach, ist dir das auch schon aufgefallen? Typisch Mann! So etwas solltest du immer als aller erstes erwähnen!!"

Pinke Strähnchen fielen ihr ins Gesicht. "Ich dachte, ich probier mal was neues aus."
Sie musterte ihn skeptisch. "Das solltest du übrigens auch mal tun! Hier, die Jacke, schwarz. Die Hose, schwarz. Das Hemd!! Lass mich raten... schwarz? Oh, da schau mal einer an, die Turnschuhe! Weiß! Mein Kompliment, nettes Kontrastprogramm..."

"Maren..."

"He, ein bisschen Farbe schadet nicht, Kim!"

"Ja," seufzte er und drehte sich um. Der Bus kam.



********************


Es war immer wieder ein Vergnügen morgens den Bus zu nehmen. Kim hing an der Schlaufe zwischen einem Businessman und einer Gruppe Grundschüler, die laut irgendein Kinderlied sangen, das ihm wage bekannt vorkam. Maren musste natürlich um jeden Preis sitzen.
Sie hatte es geschafft sich einen Platz am Gang zu ergattern, indem sie eine Rentnerin gnadenlos wegschubste, was sie geschickt als Unfall tarnte. Er stand bei ihr.

"Hey, Kim!" zischte sie plötzlich und zupfte an seiner Jacke.

"Hm?"

"Siehst du den Kerl da vorne, am Ausgang?"

Er blickte sich um. "Meinst du den mit der Sonnenbrille?"

"Genau. Ein Gott von einem Mann!"

Kim schnaubte. "Was weiß ich."

"Nun tu doch nicht so!"

Kim sah ihn sich trotzig etwas genauer an. Er sah gut aus, das stimmte schon. Breite Schultern, blondes Haar, ein wenig zu lang, so dass es ihm ins Gesicht fiel. Er trug enge Bluejeans und ein einfaches weißes Hemd. Kim schätzte das Alter des Jungen auf 18, höchstens 20.

"Nicht schlecht, was?" Maren grinste anzüglich.

"Und wenn schon," erwiderte er.

"Hmhm, er hat dich angestarrt."

"Unsinn."

"Kein Unsinn, ich hab es doch gesehen."

"Maren," sagte Kim ruhig, "er trägt eine Sonnenbrille. Du kannst es gar nicht gesehen haben."

"Hey, ja! Bei diesem lasziven Lächeln, das der Kerl da drauf hat, war ich mir eben nicht sicher, ob er dich anmachen wollte, oder ob er sturztrunken ist."

"Maren!" Kim musste widerwillen lachen.

"Mann, dir fällt auch gar nichts auf! Typisch. Ich weiß das, Kim, ich hab da einen Blick für! Nenne es weibliche Intuition!"

"Deine Intuition ist so verlässlich, wie die Wettervorhersage."

Maren schaute nachdenklich. "Vielleicht ist er ja beides?"

"Wie, beides?"

"Scharf auf dich und betrunken!"



********************


Nachdem sich Maren von ihrem Lachflash erholt hatte, den ihre eigene Feststellung hervorrief, wagte Kim es noch einmal zur Tür zu schauen.

Verdammte Sonnenbrille, ich weiß gar nicht, wohin er guckt!

Plötzlich drehte der Junge seinen Kopf etwas seitlich und lächelte ihn an. Kein Zweifel, er war gemeint, denn keiner der Leute im Bus beachtete ihn, oder reagierte in irgendeiner Weise darauf.

Kim stieg augenblicklich die Röte ins Gesicht. Er wandte sich ab.

Ja, dieses Lächeln hatte tatsächlich etwas.



- 2 -

Der Bus stoppte ruppig, Kim hatte seine liebe Mühe damit, nicht sein Gleichgewicht zu verlieren.

"Alles aussteigen, bitte!" flötete Maren.

Die Türen wurden geöffnet. Ströme von Menschen verließen den Bus, draußen wartete schon die nächste Wagenladung Pendler.

Als Kim endlich das stickige Innere des Busses verlassen hatte, hielt er Ausschau nach dem Lächler, aber im Getümmel fand er ihn nicht. Sofort ärgerte er sich. Was kümmert mich das? dachte er. Eine ganze Menge, erwiderte die Maren in ihm.

"Hey, wen suchst du denn?" hörte er es hinter sich. Sein Herz setzte aus. Er drehte sich langsam um. Es war nur Maren. Er wusste nicht, ob er darüber froh sein sollte, oder eher enttäuscht, denn ein Teil von ihm war letzteres ganz bestimmt.

Aber warum denn? Schließlich konnte er sich ja geirrt haben. Warum sollte sich ausgerechnet jemand für ihn interessieren? Und davon mal abgesehen, eine Bekanntschaft im Bus, ja, wie sollte denn daraus etwas werden? Völlig unmöglich! So vorstellbar wie Schnee in der Wüste!! Ja, er hatte ihn sofort wieder aus den Augen verloren, andererseits jedoch, was hätte er sagen sollen, wenn er ihn doch gefunden hätte? /Hey, du da, gutaussehender Männe, ich wollte mal so fragen, ob du nicht Lust hättest.../ Neeeee!! Was soll's denn, du wirst ihn nie wieder sehen...

"Wo bleibst du denn? Wir kommen noch zu spät, es ist schon viertel vor," sagte Kim schärfer als beabsichtigt.

Maren guckte böse. "Entschuldige mal, vor mir drängelte sich die gesamte Grundschule Niendorf, ja? Tut mir leid, das es nicht eher ging, Euer Hochwürden!"

"Ach!" Er drehte sich um und stürmte regelrecht los, ohne auf sie zu warten.

"Nun warte doch mal, Mensch!" Sie holte ihn keuchend ein. "Ich weiß schon was los ist."

"Ach?" Er blickte stur vor sich hin.

"Ich weiß es..."

Seine Augen weiteten sich, aber sonst ließ er sich nichts anmerken. "So?"

"Ja." Sie lächelte zufrieden. "Ganz eindeutig."

"Schön! Dann tu mir den Gefallen und behalt es für dich!"

"Is' ja gut, Mann, bleib locker. Wegen einem Test so abzugehen..."

Kim hielt inne. "Hä? Was für ein Test?" Er hatte sich sicher verhört, Test? Nein, doch nicht heute...

Sie sagte: "Na der Mathe-Test, du weißt schon. Den hatte Antelmann doch angekündigt. Gott sei dank habe ich noch ein bisschen geübt! Sonst säße ich ganz schön tief im Dreck..."

Kim warf die Hände in die Höhe und stöhnte gequält. "Scheiße! Verdammte Scheiße!! Oh nein! Neinneinnein!! Scheiße!!" Einige Leute drehten sich kopfschüttelnd nach ihnen um, welch unflätige Ausdrucksweise!

Sie sah ihn mit großen Augen an, in dem sich falsches Entsetzen spiegelte. "Nein, Kim!! Hast du das etwa vergessen?? Hast du nicht geübt?"

"Ich bin am Arsch, ich bin am Arsch, ich bin am Arsch! Großartig! Toll! Der Tach ist gelaufen! Noch eine Fünf kann ich mir nicht leisten!! Das überleb ich nicht, das überleb ich nicht!!!!"

Kim wühlte resigniert in seiner Hemdtasche nach einer Zigarette, fand eine und steckte sie sich mit zitternden Händen an.

Fein, hätte seine Mutter gesagt. Fein, fein.



~~ooO@Ooo~~


"So meine Lieben! Stifte und Zettel raus, alles weitere kommt vom Tisch, viel Erfolg!"

Kim raufte sich die Haare. Er hatte es vergessen, total verpennt!
Das gab ein ausgewachsenes Desaster, das war das Ende im Gelände, Sackgasse. Mathe! Kim schnaubte, welch bescheuertes Fach! Wenn es etwas gab, das er auf biegen und brechen nicht beherrschte, so war das Mathematik. Wunderbare, komplizierte, völlig unlogische Mathematik! Womit hatte er das verdient? Wenn er eines Tages in die Hölle kommen sollte (und er zweifelte nicht daran) würde man ihn sicher mit Rechenaufgaben foltern.

"Bestmännchen!" sagte Herr Antelmann fröhlich. Kim zuckte zusammen, zauberte aber ein Lächeln auf sein Gesicht und erwiderte: "Was gibt es denn, Herr Antelmann?"

"Du sitzt mir da zu dicht an Marta und Alex, geh mal nach hinten, da gibt es noch einen schönen Einzelplatz für dich." Er grinste, schob seine Brille auf die Nase und rückte seine Krawatte zurecht. Ein albernes Ding, auf dem lustige Zahlen mit Augen, Beinen und Armen zu sehen waren, die um eine Rechenmaschine tanzten. Eine von der Sorte, wie man sie in der Vorschule benutzte.

Wirklich und Wahrhaftig, Antelmännchen besaß Geschmack.

"Aber Herr Antelmann, denken Sie denn ich hätte es nötig abzugucken?" versuchte Kim es bitter.

"Nein, ich setze doch mein ganzes Vertrauen auf dich, Kim, das weißt du doch! Aber wer sagt denn, sie würden nicht von dir abgucken?"

"Hey, Sie haben mich."

"Marsch! Das geht alles von eurer Zeit ab!"

Ha, als ob das etwas ändern würde!

X. Großes, heiliges, unverstandenes X. Was hatten Buchstaben in einer Gleichung zu suchen? Frauen waren nicht das unbekannte Wesen, nein, es war ein Buchstabe, ein Konsonant, nur zwei gekreuzte Striche, die sich völlig seinem Verständnis entzogen.

Er starrte auf den vor sich liegenden Zettel und sah nichts. Nichts und alles. Er hörte, wie die Bleistifte über das Papier flogen, nur seiner lag unbenutzt in der Federtasche. Er schaute vorsichtig auf. Selbst Maren, die absolute Oberniete in allen restlichen Fächern, kritzelte eifrig auf das Papier.

Scheiße!

Verdammte

Sch...

Kim stützte den Kopf in die Hand und verlor sich im Zahlenchaos.

19-[13x-(22+7x)+11]=24x-[(15-4x)+(5x-16)]

Kann mir das bitte einer lösen??


~~ooO@Ooo~~


Geschäftiges Palaver. Es ödete Kim an.

"Wie fandst du die Arbeit?"

"Och, ging so, ne. Wenn man das mit den Vorzeichen raus hat, ist es nur halb so kompliziert."

/Das ich nicht lache./

"Ja ja, ich weiß! Minus und Minus ergibt Plus, Plus und Plus ergibt Plus, Minus und Plus ergibt Minus und Plus und Minus ergibt Minus, oder?"

/Selbstverständlich, welch Frage! Und für Dumme... ?/

"Kim?"

"Hm."

"Wie lief es bei dir?" Maren trat munter zu ihm an den Tisch. Er schaute sie an und schüttelte den Kopf.

In dem Moment kam Karsten in die Klasse gestürmt, das picklige Gesicht gerötet, außer Atem.

"He Leute, ich hab DIE Neuigkeit!"

"Was ist denn so spannend, das du es nicht deinem Friseur erzählen kannst? Oder für zwanzig Pfennig niemanden anrufen kannst den es interessiert?"

Karsten ignorierte Kim geflissentlich. "Wir bekommen einen Neuen!"

"WAS?!" Aus tausend Ecken.

"Ist es ein Junge oder ein Mädchen?"

"Warum bekommen wir jetzt noch einen Neuen?"

"Das Jahr ist doch bald rum."

"Immer mit der Ruhe, Kinder!" Frau Hoensch's harte Stimme unterbrach den Redeschwall. "Wir wollen doch unseren neuen Mitschüler nicht gleich wieder verschrecken, nicht wahr?"

Neben ihr stand ein großer blonder Junge, der ein weißes Hemd trug. Vorne am Kragen baumelte eine Sonnenbrille.

"Hi," sagte er und lächelte.

"Das gibt's doch nicht!!" schrie Maren.

- 3 -

"Das ist Mario. Er wird ab heute zu unserer illustren Gesellschaft gehören. Ich erwarte von euch, das ihr ihm zeigt wo die wichtigsten Räumlichkeiten zu finden sind."

Frau Hoensch lächelte. "Such dir einen freien Platz." Sie sah sich um. "Dahinten bei Kim ist noch einer frei."

Kim schluckte hörbar, außerdem hatte er das Gefühl, als würden ihm seine Augen gleich aus dem Kopf fallen. Was macht der denn hier? Das ist doch nicht wahr! Einfach unmöglich.

Die Mädchen tuschelten aufgeregt, kicherten und brachen in Gelächter aus. Die Jungen machten Witze, schrieen durch die Klasse. Maren starrte ihn einfach nur an.

"Was für ein Zufall!" flüsterte sie ehrfürchtig. Es brauchte einiges um Maren in Erstaunen zu versetzen.

Mario kam an seinen Tisch, beugte sich leicht zu ihm und fragte lächelnd: "Darf ich?"

"Sicher," erwiderte Kim. Er war überrascht wie fest und gleichgültig seine Stimme klang, denn eigentlich beherrschte Panik sein Denken. Nackte Panik.

/Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein G-/

Jetzt saß er neben ihm. Rumpsbums neben ihm. Na ja, bleib mal ganz locker, Junge. Er wird dich schon nicht beißen, versuchte Kim sich selbst zu beruhigen. Ob er sich noch an mich erinnert? Hat er mich wiedererkannt? Vielleicht will ich gar nicht wissen, ob er mich wiedererkannt hat... Ich kann ihn ja schlecht darauf ansprechen, oder? Mein Gesicht ist ganz heiß, scheiße! Ich bin bestimmt so rot wie eine überreife Tomate!!

Maren, bis vor ein paar Minuten so still wie selten in ihrem Leben, erwachte aus ihrer Erstarrung und grölte: "Na sie mal einer an!!!"

Kim wirbelte auf seinem Stuhl zu ihr herum und fauchte: "Sach mal, geht's noch???"
Dabei kippte der Stuhl eine Winzigkeit zu weit nach hinten. Kim ruderte mit den Armen, kämpfte um sein Gleichgewicht, hörte noch wie Hoensch etwas rief und merkte wie die Schwerkraft ihn unweigerlich zu Boden zog.

Er sah sich schon mit einer dicken Beule daliegen und verzerrte das Gesicht in grausiger Erwartung, da wurde er von zwei starken Armen gepackt und wieder zurück gerissen. Kim krallte sich in Marios Hemd und keuchte. Der Schweiß brach ihm aus, sein Herz trommelte fürchterlich. Er hörte das schadenfrohe Gelächter der gesamten Klasse überdeutlich.

"Alles klar?" fragte Mario und lächelte.

"Ja, danke..."

"Du kannst jetzt loslassen."

Wie? Kim riss die Augen auf, als ihm bewusst wurde, das er sich immer noch wie ein Ertrinkender an Marios Hemd klammerte.

"Entschuldigung...," murmelte er und drehte sich hastig weg. Das geht ja gut los, DAS GEHT JA GUT LOS!!!

"Wenn ihr euch dann jetzt mal wieder einkriegen könntet, wäre ich euch sehr verbunden," sagte Frau Hoensch. "Wir haben Englisch und ich meine mich erinnern zu können, euch eine Hausaufgabe gegeben zu haben."

Hausaufgabe?

Kim verzweifelte.

Hab ich die eigentlich gemacht??



~~ooO@Ooo~~


Viertel Stunde Pause. Noch zwei Stunden Sport und der Tag fing gerade erst an. Maren konnte sich gar nicht mehr einkriegen.

"Sag mal, ist das nicht der Oberhammer?! Total verrückt!"

Kim zog an seiner Zigarette und setzte sich auf die Bank. "Ja..."

"Gib mal ne Kippe, die brauch ich jetzt auf den Schock!"

/Was meinst du was ICH alles brauche./

Sie setzte sich neben ihn. "Die Weiber reden alle auf ihn ein. Ich glaube Claudia ist ganz besonders angetan. Sie sitzen oben in der Klasse um ihn herum, als würden sie ihn anbeten. Er ist jetzt schon ziemlich beliebt."

"So?"

Kim legte den Kopf in den Nacken und starrte in den Himmel. Wolken ziehen vorüber, aber das Blau ist immer da. Immer da.

"Ja klar. Halt dich ran, sonst isser weg."

"Wie kommst du eigentlich auf die Idee, er würde sich für m..."

"Na, das liegt doch eindeutig auf der Hand!!"

"Wieso das denn?" brummte er und warf die Hände in die Luft.

Maren sah ihn eine ganze Weile schweigend an, nachdenklich, dann nickte sie und kicherte.

"Genau deswegen! Du bist zu süß, wenn du dich aufregst!!"



~~ooO@Ooo~~


Sport, ja das war seine Welt. Hinter Bällen herjagen, ohne Grund 50 Meter sprinten, die Soße läuft dir runter, du bist am hecheln und all das sollte gesund sein? Herzlichen Dank.

Kim fühlte sich unwohl in seinem Sportdress. Muskelshirt und Shorts.
Nur war es bei ihm im eigentlichen Sinne des Wortes kein Muskelshirt, weil er einfach keine Muskeln besaß. Seine Mutter hatte aber darauf bestanden.

"Siehst du dich eigentlich nicht um auf der Straße? Das ist jetzt in! Die Jungs in deinem Alter laufen alle so rum. Keine Diskussion, du ziehst das jetzt an und Basta!"

Ja, meinethalben können sie alle damit rumlaufen, weil es bei denen auch gut aussieht, aber ich?

"Bestmann!"

Kim zog den Kopf ein. "J-ja."

"Fünfzig Meter Sprint, die Zeit läuft, gib alles!" Becker stand an der Startlinie, mit Block und Stopuhr bewaffnet. Es war gutes Wetter, deshalb konnten sie die Sportanlage im Freien benutzen. Seine Klassenkammeraden saßen neben der Laufbahn auf dem Rasen und gaben mehr oder weniger Rückendeckung.

"Das packst du schon!"

"Wenn du keine Luft mehr kriegst, musst du pfeifen!"

"Hopp, Hopp, Hopp! Pferdchen lauf Galopp!!"

"Danke Leute, ihr seid zu aufbauend..." seufzte Kim.

Mario machte nicht mit, er hatte schließlich kein Sportzeug dabei gehabt, aber er musste zugucken. Er schien seinen Spaß dabei zu haben, denn er lächelte schon wieder übers ganze Gesicht.

Langsam ärgerte das Kim.

Kann dem mal jemand dieses Grinsen aus dem Gesicht wischen, bitte? Ist ja furchtbar, ständig gute Laune!

Kim hockte sich an den Start.

Becker hielt die Stopuhr in die Luft und brüllte: "Auf die Plätze! Fertig! Los!"

Kim rannte als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Er mochte zwar kein Sportunterricht, doch das hieß nicht zwingend, das er nicht schnell laufen konnte. Im Gegenteil. Er war einer der Schnellsten in der Klasse. Er hatte viel Übung darin wegzulaufen... Bei den Sachen, die er schon mit Maren und Tobi angestellt hatte, war das kein Wunder. Dachte man nur an die Klingelstreiche, die Sünden der Kindheit!

Tja, aber heute...

Fünf Meter vor der Ziellinie lösten sich seine Schnürsenkel. Kim stolperte und fiel der Länge nach hin, was ziemlich lustig ausgesehen haben musste, denn viel weiter hinter ihm hörte er es gackern. Garantiert auf seine Kosten. Man musste ihnen aber zu Gute halten, das es sich schuldbewusst anhörte.

Kim war nicht nach lachen zu mute, sein Fuß schmerzte höllisch, er verzog das Gesicht.

"Ist dir was passiert?" bellte Becker, der wie aus dem Boden gewachsen neben ihm auftauchte. Er kniete sich zu ihm und machte Anstalten seinen Fuß zu untersuchen. Kim schob seine Hand weg.

"Nein, nein, es geht schon..."

"Na dann steh mal auf, du tapferer Held!"

Kim versuchte es, knickte aber sofort wieder ein, als sich ein stechender Schmerz, der wie Feuer brannte, durch seinen Fuß zog.

"Damit musst du zum Arzt, Junge," stellte Becker grimmig fest.

/Oh heilige Mutter Gottes, wem bin ich bloß in meinem früheren Leben auf den Sack gegangen?/

"Mein Vater ist Arzt," sagte Mario, der nun auch gekommen war. "Ich kann dich zu ihm bringen."


- 4 -

Wenn man es so betrachtet, ist die Situation an sich doch eigentlich gar nicht mal so schlecht, dachte Kim. Aber irgendwie auch ausgesprochen peinlich, fügte sein Verstand beharrlich hinzu.

Sie befanden sich auf dem Weg zum Arzt.
Mario hatte seinen Arm um Kims Taille gelegt, um ihn besser stützen zu können. Das wollte er sich anscheinend nicht nehmen lassen, denn auf Kims Proteste hin reagierte er gewohnt: Mit einem Lächeln.

Mario roch herrlich frisch... Was war das? Aftershave? Waschmittel?
Ha, Waschmittel! Vielleicht sollte er fragen: Ist der neu? Sein gesundes Denken drohte sich zu verabschieden, also versuchte Kim sich auf anderes zu konzentrieren, was beileibe nicht so einfach war, wie es sich für ihn anhörte.

Hin und wieder fragte Mario Kim, ob es noch ginge, und er antwortete jedes Mal brav mit einem ja, obwohl es natürlich nicht mehr ging.

/Nein, da geht gar nichts mehr, aber ich weiß nicht, ob das irgendwas mit meinem Fuß zutun hat.../

Marios Vater hatte die Praxis gleich gegenüber vom Sportplatz, zwischen einer Wohnsiedlung. Das war auch der Grund warum Becker Marios Vorschlag so vorbehaltlos angenommen hatte.

Mannomann, das Glück scheint es gut mit ihm zu meinen. Erst trifft er diesen ausgesprochen charmanten Kerl im Bus, wenige Augenblicke später ist dieser sein neuer Klassenkammerrat, der auch noch neben ihm sitzt. Dann verknackst er sich den Fuß und - o welch Wunder! - der Vater des gutaussehenden Knaben ist Arzt! Und seine Praxis ist ganz in der Nähe!

Für Kims Geschmack waren das ein paar Zufälle zuviel, obwohl es ihm ja nur recht sein konnte.

Kim konnte einfach nicht anders, er warf Mario verstohlene Blicke zu. Ja, auch ohne die Sonnenbrille ein hübsches Gesicht. Die Augen waren klar und so blau wie ein wolkenloser Himmel. Das war wie im Film. Zu schön um wahr zu sein.

/Ob Maren recht hat, und er... will vielleicht was von mir? Oh Gott, na klar, und zu Sylvester tanzt der Papst mit dir Tango!/

"Siehst du den Wohnblock da vorne?" fragte Mario.

"Was? Äh, ja!" antwortete er und vermied es dabei Mario anzusehen.
Er wurde rot und er hasste sich dafür. Erwischt! hallte es in seinem Kopf. Erwischt, erwischt, erwischt!!

"Bis dahin noch, dann hast du es geschafft." Er lächelte Kim zu.

/Oh, warum muss er nur immerzu lächeln?/

"Hmhm," machte Kim. Er versuchte so gelassen und cool zu klingen wie nur irgend möglich, kam sich aber so dumm dabei vor, so >unreif<.

Schweigen. Es wurde Kim zuwider. Er wollte irgendetwas sagen, die Situation lockern, wenn auch nur für sich selbst, denn Mario schien nichts unangenehm zu sein. "Und dein Vater ist also Arzt?"

Gedanklich verpasste er sich eine Ohrfeige.

/Behalte deine intelligenten Ergüsse in Zukunft für dich!!/

"Ja, genau."

"Wohnst du schon lange hier?"

"Wir lebten vorher in einem anderen Stadtteil, bis meine Mutter sich dazu entschlossen hatte wieder hierher zurückzuziehen."

"Wo habt ihr denn vorher gewohnt?"

"In Wilhelmsburg," sagte er und sein Lächeln schwand. Nur ein bisschen, aber Kim hatte es bemerkt. Er wollte schnell das Thema abschließen.

"Na ja, ist ja dann auch für deinen Vater leichter, wenn er hier seine Praxis hat. Muss er nicht immer so weit fahren."

"Ah, das war unabhängig von ihm. Sie sind geschieden, musst du wissen."

"Oh."

/Oh? Oh??? Na fabelhaft, er erzählt dir von seinen geschiedenen Eltern und dir fällt nichts anderes ein als >Oh<?/

"Das tut mir leid," fügte Kim noch hinzu.

"Muss es nicht."

/Natürlich nicht, du Dummkopf! Halt am besten jetzt die Klappe!/

Kims innere Stimme nahm vor seinem geistigen Auge Gestalt an (sie hatte verdammt viel Ähnlichkeit mit seiner Mutter), verschränkte die Arme, schüttelte den Kopf und murmelte: /Der Junge redet sich um Kopf und Kragen./

Doch Mario grinste schon wieder, führte sie vor ein großes weißes Haus, mit roten Ziegeln und sagte: "Wir sind da."



~~ooO@Ooo~~


Neben dem Eingang verkündete ein weißes Schild:

DR. GEORG SCHUSSMANN
FACHARZT FÜR ALLGEMEINMEDIZIN
SPRECHZEITEN: MO-FR 8:00Uhr-12:00Uhr/15:00Uhr-19:30Uhr,
SA 9:00Uhr-
16:00Uhr

Mario öffnete Kim die Tür und führte ihn rein. Wie meistens bei Ärzten aller Art und Krankenhäusern, waren die Räumlichkeiten in klinischem Weiß gehalten und ein vertrauter Geruch umfing ihn, eine Mischung aus Desinfektionsmittel und Krankheit - Vorleichengeruch, pflegte sein Großvater immer zu sagen. Der hatte niemals Vertrauen zu Ärzten gehabt.

"Alles Quacksalber!" schimpfte er immer. "Wollen immer nur dein Bestes, und zwar dein Geld! Haben alle keine Ahnung!"

Kim konnte nie sagen ob ihm der Geruch gefiel oder ob er ihn abstoßend fand.

Inzwischen sprach Mario mit der Sprechstundenhilfe, eine zierliche Frau mit einer Turmfrisur die Marge Simpson hätte Konkurrenz machen können. Sie trug eine altmodische Brille in Schmetterlingsform - ein optischer Hochgenuss. Laut Namensschildchen hieß die Gute Frl. Kinkel.

"Hallo Barbara, wie geht es Ihnen?" fragte Mario, beugte sich vertraut zu ihr über den Tresen und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Daraufhin kicherte Barbara verhalten und fuhr ihm mit der Hand durchs Haar. "Du alter Charmeur, du! Mario, wir haben uns ja nun ewig nicht gesehen! Kommst du deinen Vater besuchen?"

Mario grinste und schüttelte den Kopf. "Auch, aber in erster Linie wegen meinem neuen Freund hier," sagte er und zog Kim vorsichtig zu ihm, um seinen Arm um ihn legen zu können. "Er hat sich den Fuß verknackst."

Kim wurde rot. Er murmelte ein knappes >Hallo< und senkte den Blick.

"Ach Gott, der Ärmste!" rief Barbara. "Setzt euch erst mal einen Augenblick, ich sage deinem Vater Bescheid, ja? Er behandelt gerade, aber er muss gleich fertig sein."

"In Ordnung," sagte Mario.


~~ooO@Ooo~~


Das Wartezimmer an sich war eines der stummsten Zonen überhaupt (weitere währen da zum Beispiel, klar, die Bücherei und der Aufzug, nicht zu unterschätzen!). Da gab es keinen Mucks, nix, gar nichts - psst! Hier und da wurde sich natürlich geräuspert und die Nase geputzt, aber gesprochen? Auf keinen Fall! Mit wem auch?

Und selbstverständlich sitzt da mindestens einer immer schon drin, konzentriert sich störrisch auf ein Magazin, anscheinend, doch du hast immer das Gefühl, als könnten sie durch die Zeitung blicken und dich beobachten. So ist es immer, du bist nie der erste, der sich in ein Wartezimmer setzt und wenn du dann rein kommst blicken die dich dann immer so vorwurfsvoll an, als wollten sie sagen:

"Das ist MEIN Wartezimmer! Such dir gefälligst dein eigenes!"

So war es auch heute nur mit dem kleinen aber feinen Unterschied, das sich Mario für solch ungeschriebene Gesetze, in ein Wartezimmer zu kommen und sich möglichst unauffällig hinzusetzen, nicht interessierte. Natürlich nicht. Warum auch? Schließlich war er der Sohn eines Arztes, du Idiot!

Er riss förmlich die Tür auf und rief freundlich: "Guten Tag die Damen!" Es waren tatsächlich nur zwei Frauen die drinnen saßen, von ihren Magazinen hochblickten und gezwungenermaßen ebenfalls ein >Guten Tag< murmelten, um sich dann wieder umgehend den Skandalen der Schönen und Reichen zu widmen.

Kim blickte Mario fragend an. Der sagte: "Setz dich doch," und deutete auf den nächstbesten Stuhl.

Kim tat wie ihm geheißen, da fiel ihm etwas ein. "Mario, ich hab meine Karte nicht dabei," flüsterte er.

"Hm?" Mario runzelte die Stirn. "Warum flüsterst du denn?"

"Ich sagte, ich habe meine Karte nicht dabei!" Gottverdammt, warum musste der Kerl es denn in die Welt hinausschreien?! Unauffällig, unauffällig!!

"Ach!" sagte der Kerl abwinkend. "Das ist doch halb so wild! Dann reichst du die eben nach."

"Ich meine ja nur...," sagte Kim und wandte sich im Stuhl, der, wie sollte es anders sein in Wartezimmern, ziemlich unbequem war. Aber es tat ihm trotzdem gut zu sitzen. Sein Fuß pochte. Bildete er sich das ein, oder ist der schon ganz schön angeschwollen?

/Hoffentlich geht das schnell wieder weg... Svenja wird sich bedanken, wenn sie den nächsten Monat allein mit dem Hund gehen darf.../

Angesichts der Aussicht auf einen Wutanfall seiner Schwester konnte Kim nur noch verzweifeln.

/Na das kann ja heiter werden./


- 5 -

Nach endlosen fünf Minuten, die ihm mindestens wie fünf Jahre vorkamen, öffnete sich die Tür des Wartezimmers und Fräulein Kinkel, alias "Barbara" sagte: "Okay, Mario, ihr könnt jetzt kommen."

Sie ernteten missmutige Blicke von den zwei Damen die vor ihnen da waren, aber das war Kim nun einerlei. Er wollte die Sache endlich hinter sich bringen. Insgeheim hasste er Arztbesuche, denn sie endeten immer, wirklich IMMER gleich: Nur mit schlechten Nachrichten.

Barbara führte sie einen weißen Korridor entlang, an dessen Wände Van Gogh Imitationen hingen. Als sie an der letzten Tür ankamen, öffnete Barbara diese und ließ sie ein.

Es sah mehr wie ein Büro als ein Behandlungszimmer aus. Kim fand nirgends eine Art >Liege< wo er sich hätte drauf legen können und es lagen auch keine ärztlichen Utensilien herum, keine Spritzen, keine Fläschchen. Aber natürlich hingen an den Wänden lauter anatomische Zeichnungen vom Innenleben und vom Außenleben des Menschen.

Das Zimmer wurde beherrscht von einem großen Eichentisch und dahinter saß ein ungefähr fünfzig Jahre alter Mann, die Hände vor sich gefaltet. Hinter ihm konnte man aus dem Fenster auf die Straße sehen. Der Arzt sagte: "Danke Barbara, Sie können jetzt gehen."

Sein Ton war keinesfalls unfreundlich, aber befehlsgewohnt.
Barbara verabschiedete sich und schloss die Tür hinter ihnen. Für Kim klang dieses Geräusch unglaublich endgültig. Nun war er diesem Mann ausgeliefert. Ihm wurde klar, das er etwas von seinem Großvater, und dessen Abneigung gegen Ärzte, geerbt haben musste.

Das Gesicht des Mannes erhellte sich auf magische Weise, als er Mario erblickte. Er schien regelrecht zu strahlen. "Mario! Komm her!"

Was er sich nicht zweimal sagen ließ. Sie gingen aufeinander zu und umarmten sich. "Und? Schon eingelebt in dein neues altes Heim?"

Mario nickte. "Ja."

"Wie geht's deiner Mutter?" Routinemäßig, nicht wirklich interessiert.

"Gut, wie immer."

"Ja, schön, schön. Und er ist also unser Pflegefall?" fragte der Arzt und musterte Kim mit kritischem Auge.

"Genau," übernahm Mario für ihn. "Das ist Kim, richtig?"

"Ja, ja," antwortete er hastig und humpelte zum Arzt rüber um ihm die Hand zu schütteln. "Kim Bestmann."

"Ah, Bestmann!" erwiderte Schussmann. "Ein Name aus der Seefahrt! Interessant. Und? Was quält uns?"

>Uns< tut schon mal gar nichts quälen, dachte Kim. Dieses >Wir- Gehabe< der Ärzte ärgerte ihn maßlos. Eine schlechte Angewohnheit der Götter in Weiß. Es kam auch immer darauf an wer das >Wir-Gehabe< benutzte UND wie er es sagte, schließlich macht der Ton die Musik.
Tja, und der Ton des lieben Dr. Georg Schussmann gefiel ihm überhaupt nicht.

Aber er sagte natürlich trotzdem was ihm fehlte. "Es ist mein Knöchel, glaub ich. Er wird auch schon dick, sehen Sie?."

"Na dann setz dich mal hier hin und zieh die Socke aus, wenigstens ist der Schuh ja schon runter."

Kim tat wie ihm geheißen. Schussmann fiel regelrecht vor ihm auf die Knie und begann an seinem Fuß rumzudrücken. Dabei sah er Kim immer abwartend an. Dieser verzog plötzlich das Gesicht und sog zischend Luft ein.

"Tut das weh?" fragte Schussmann. Er sagte es in so einem ruhigen, völlig desinteressierten Tonfall, das Kim ihm am liebsten eine reingehauen hätte.

/Wie kommen Sie denn darauf, Herr Doktor? Ob es wehtut? Ach, niemals! Ich hatte nur so ein unglaublich angenehmes Gefühl verspürt, als Sie da an meiner Schwellung rumkneteten und bohrten, ja, immer schön tief in die Wunde, ich konnte nicht mehr an mich halten UND STÖHNTE VOR V E R L A N G E N!!!!! Herrschaftszeiten, NATÜRLICH TUT DAS WEH, VERDAMMT!!/

Vieles davon hätte Kim ihm liebend gerne gesagt. Ja, wirklich liebend gerne hätte er es ihm gesagt. Tja, hätte, hätte. Hätte der Hund nicht in den Garten geschissen, hätte er 'nen Hasen gefangen und so krächzte Kim nur: "Ja!"

"Hmhm, hmhm," murmelte Schussmann vielsagend. "Das sieht mir nicht sehr schlimm aus, ein wenig verstaucht, aber nur minimal. Ich werde dir einen Verband machen, damit der Fuß gestützt wird. Den musst du eine Weile tragen. Erneuere ihn aber auch. Gut wäre, wenn du dir dabei helfen lässt."

Schussmann kramte bereits in einer Schublade und förderte Verbandszeug und eine Tube zutage. "Die kühlt schön," versicherte der Arzt grinsend und verteilte die Salbe auf seinem Knöchel. Er hatte recht gehabt, sie tat wirklich gut.

"Aber wenn es trotzdem schlimmer werden sollte, kommst du sofort wieder her."

"Ja."




~~ooO@Ooo~~


Er hatte Kim zwei Tage von der Schule befreit, inklusive Wochenende waren das also vier Tage Schonzeit. Wunderbar. Dann hatte er noch ein Rezept für die Salbe bekommen und musste Schussmann versprechen seinen Fuß in nächster Zeit nicht stark zu belasten. Auch gut. Und mit dem Verband ging es sich auch viel leichter. Hoffentlich hatte seine Mutter Ahnung von Verbänden, weil er den nie und nimmer so stramm hinkriegen würde.

Mario hatte ihn noch zur Bushaltestelle begleitet. Man konnte auch sagen was man will, er war ein richtiger Gentleman. "Danke, Mario."
Er wollte noch was sagen, aber ihm viel nichts ein, also wiederholte er nur: "Danke."

Mario grinste. "Ist schon gut, ich meine, ich wusste doch das es sich rentieren würde, der Sohn eines Arztes zu sein." Er zuckte die Schultern. "Es war mir ein Vergnügen."

"Und wo musst du noch hin?" fragte Kim zu seiner eigenen Überraschung, da er gar nichts fragen wollte.

"Ich muss noch mal zur Schule, meine Sachen abholen und ein wenig Papierkram erledigen."

"Aha."

Und da war auch schon das charakteristische Brummen des Busses zu hören. "Ah, da kommt er..."

"Dann bis Montag, oder?" fragte Mario.

"Klar, bis dahin geht's wieder."

/Mensch, bis dahin geht's wieder, wunderbar... Nun sag doch irgendwas, schüttle ihm die Hand, klopf ihm auf die Schulter, umarme ihn, tu was kumpelhaftes, oder so, ABER MACH WAS, ZUM TEUFEL!/

Mario kam ihm zuvor. Während der Bus neben ihnen hielt und die Türen zischend aufgingen, zog er Kim an sich und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Es war kein richtiger Schmatzer, eher ein Hauch von Lippen, die seine Haut berührten, aber sein Herz führte sich auf, als währe er eben nur knapp einem Autounfall entkommen. Er hatte nicht gewusst, das sein Körper so viel Adrenalin auf einmal produzieren konnte.

Kim hatte überhaupt keine Chance gehabt darauf in irgendeiner Weise zu reagieren. Er wurde fast im selben Moment von Mario herumgedreht und in den Bus manövriert. Ehe er sich versah gingen die Türen des Busses auch schon wieder zu und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Er sah noch, wie Mario ihm lächelnd nachwinkte und sich dann auf den Weg machte.

Kim sah fast die ganze Fahrt über durch die Heckscheibe und starrte mit offenem Mund und aufgerissenen Augen auf die Straße und in seinem Kopf hallte es von allen Wänden wieder: Er hat mich geküsst, er hat mich geküsst, er hat mich geküsst, er hat mich geküsst, er hat mich geküsst...!

Er hätte beinah seine Haltestelle verpasst.



~~ooO@Ooo~~


"Wie hast du das denn hingekriegt?" fragte Svenja, sich mühsam ein Lachen verkneifend.

"Oh Mann, ich bin umgeknickt, beim Sport, zum fünfzigsten Mal."

Jetzt lachte sie wirklich schallend. Ah, Schadenfreude ist doch die schönste Freude.

Seine Mutter kam ins Zimmer. Sie hatte ein Tablett mit Kakao und Schokokeksen dabei. "Och, mein armes Baby! Hier hast du was Feines. Du bist einfach zu ungeschickt, ich frage mich von wem du das nur hast."

"Da sind wir schon zwei," murmelte er und bediente sich von den Leckereien.

"Tja, dann musst du jetzt mit dem Hund, Svenja."

Nun lachte sie nicht mehr. "Toll."

"Ja, es hat keinen Zweck. Außerdem gab es auch mal Zeiten in denen du auch nicht gehen konntest, also." Seine Mutter sah sie herausfordernd an.

Kim grinste. "Also!"

"Oargh, ich geh ja schon, Menschenskinder..." Und weg war sie.

Das Telefon klingelte fast im selben Moment. "Ich geh schon," sagte seine Mutter. "Bleib nur liegen."

"So schlimm ist es nun auch..." Aber sie war schon außer Reichweite.
Kim lehnte sich zufrieden zurück. Es hatte was sich bemuttern zu lassen.

Augenblicke später betrat seine Mutter wieder den Raum. "Es ist Maren," sagte sie und reichte ihm den Hörer. Er wartete noch bis sie die Tür geschlossen hatte und ging dann ran.

"Maren?!"

"Kim!!!!"

"Maren!!!!"

"Oh mein Gott, Kim!!! Was ist passiert, nun sag schon!!"

"Ich weiß es selbst nicht so genau! Ich meine... er hat mich also zu seinem Vater gebracht..."

"Ja, ja..."

"...und der hat mich verarztet, klar?"

"Schon klar."

"Und, ich weiß nicht, wir haben eigentlich über nichts bestimmtes geredet, verstehst du? Nichts besonderes, bla, bla, bla..."

"Ja, ja, verstehe, verstehe..."

Kim kramte in seiner Jackentasche nach einer Zigarette, fand aber keine. "Und danach hat er mich noch zur Bushaltestelle gebracht..."

"Ohohoho!!!" grölte sie vielversprechend. Er konnte regelrecht sehen wie sich auf ihrem Gesicht ein dreckiges Grinsen ausbreitete.

"Und dann, Maren..."

"Ja???"

"Dann... ich glaube... Er hat mich geküsst."

"WAAAAS?!"

Kim flog bald der Hörer aus der Hand. Er musste lachen. "Hammer, was?"

"Er hat dich geküsst?! So richtig, mit allem drum und dran?"

"Nein, nur auf die Wange."

"Mein Gott! Und du bist dir sicher?"

"Wie meinst du das?"

"Na ja. Könnte es auch ein freundschaftlicher Wir-Sehen-Uns-Wieder- Kuss sein, oder ist es eher ein Ich-Will-Mehr-Von-Dir-Kuss?"

"Oh Mann... darüber hab ich nicht nachgedacht..." Auf einmal nagten wieder Zweifel an ihm. Vielleicht hatte er sich das alles nur eingebildet. Könnte doch sein, schließlich ging alles so schnell.
Ihre Gesichter hätten sich zufällig streifen können... Doch mal ganz unabhängig davon, warum hatte Mario ihn bloß so schnell loswerden wollen?

"Nun?" drängte Maren nach einer Weile.

"Also... ich weiß gar nichts mehr."

"Halb so wild," sagte sie. "Wir interpretieren da wahrscheinlich sowieso zu viel rein. Wie hat es sich denn angefühlt?"

"Tja..."

"Verstehe. Die Chancen stehen aber gut, dieser Annäherungsversuch ist der Beweis."

"Meinst du?"

"Klar! Aber jetzt bist DU dran, mein lieber Freund! Er hat den ersten Schritt gemacht. Und hey, nach einem Tag ist das doch wohl nicht schlecht, oder?"

/Allerdings!/

"Okay, Maren. Hör zu, ich muss jetzt Schluss machen..." sagte er immer nervöser werdend. Inzwischen durchwühlte er sein gesamtes Zimmer nach Zigaretten. Typisch! Wenn man am nötigsten eine Kippe brauchte, war nicht einmal der beschissenste Stummel im Aschenbecher zu finden!

"Was ist denn los? Keine Fluppen?"

"Bingo."

"Alles klar, dann sehen wir uns Montag. Gute Besserung und denk an deine Chancen!"

"Logen. Eins zu einer Million."

"He, das ist immer noch besser als beim Lotto," sagte sie aufmunternd und legte auf.