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SSAT - Selbe Schei?e anderer Tag Teil 6 bis 10

- 6 -

Wie scheiße ist es eigentlich nicht zu wissen woran man ist?
Ziemlich scheiße, wie Kim feststellte.

Die nächsten zwei Tage gammelte er nur zu Hause rum, er musste sich ja schonen, aber dadurch hatte er gleichzeitig viele Gelegenheiten an Mario zu denken. Und natürlich an den vermeintlichen Kuss, den sogenannten. Maren verstand es wirklich einen unsicher zu machen, wenn auch unabsichtlich und das war vielleicht das Schlimmste daran. Sich von diesem Thema abzulenken konnte er vergessen. Irgendwie erinnerte ihn alles wieder an die Situation in der er steckte. Wie immer die auch aussah. Und dann war da natürlich noch der Anruf gewesen. Von Tobi. Das hatte ihm den Rest gegeben. Warum meldete er sich gerade jetzt, wo er endlich dabei war sich von ihm zu lösen, was neues kennen zu lernen?

Die meiste Zeit über lag er im Bett und schaute Fernsehen. Dabei fiel ihm auf, das verdammt viele Musikclips sich nur um eine Sache drehten: Liebe. Liebe, Liebe, Liebe! Zum kotzen, war das! Wie eine Überdosis Glücksbärchies! Einseitige Liebe, glückliche Liebe, verzweifelte Liebe, zerbrochene Liebe. Es gab kaum ein Lied in dem es nicht darum ging. Das ihm das erst jetzt auffiel!

Es nervte ihn schon so dermaßen, das er die Musikkanäle bewusst nicht mehr einschaltete. Doch warum es ihn genau nervte, konnte er nicht sagen.

/Mein Gott, es gibt so viele Dinge auf der Welt, die man besingen kann, aber nein, was suchen sie sich aus? Hat die Welt nicht genug Probleme? Nö, komm, lass uns ihr noch mehr machen, indem wir die Leute daran erinnern, DAS SIE SICH VERDAMMTNOCHMAL ZU VERLIEBEN HABEN und wenn nicht das, dann doch wenigstens IN IHREM HERZSCHMERZ ZU ERTRINKEN!/

"Kim, was ist denn los mit dir?" fragte seine Mutter ihn am Samstagabend, als er auf eine völlig normale Frage pampig antwortete.

"Gar nichts," murrte er.

"Ja, gar nichts. Und in Wirklichkeit?" Seine Mutter stemmte die Hände in die Hüften. Zu der blauen Schürze die sie trug hätte noch gut ein Nudelholz und ein Kopftuch, oder Lockenwickler gepasst, dann wäre sie die perfekte Karikatur einer Hausfrau gewesen.

Eine bissige Bemerkung in diese Richtung spülte er mit einem Schluck Orangensaft herunter. "Es ist nichts."

"Hm. Und was ist mit deinem Fuß? Besser?"

"Ja. Ich spür kaum noch was." Das stimmte, die Schwellung war schon am nächsten Tag wieder zurückgegangen. Trotzdem musste er vorsichtig sein. Einmal falsch aufgekommen und schon zuckte der altbekannte Schmerz durch seinen Fuß. Dann hatte er erst mal wieder für eine halbe Stunde Sendepause.

"Also gut," seufzte sie und ging zurück in die Küche. Sie tat ihm leid, weil er eigentlich gar nicht vorhatte seine Frustration an ihr auszulassen. Er würde es wieder gutmachen, aber nicht jetzt. Er wusste, das es nachher ins Gegenteil umschlagen würde. Wie hieß es so schön: Aus Spaß wird Ernst.




~~ooO@Ooo~~


Eine Stunde später klopfte Svenja an seine Tür. "Kann ich reinkommen?"

Kim runzelte die Stirn. Sie war doch sonst nicht so. Normalerweise kam und ging sie, wie es ihr passte und es störte ihn schon gar nicht mehr. "Ja..."

"Puh!" stieß sie aus und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht. "Du rauchst schon wieder!"

"Ui! Elementar, mein lieber Watson! Verraten Sie mir nur eines: Wie haben Sie das so schnell herausfinden können?"

"Instinkt," erwiderte sie und setzte sich in seinen Sessel. Lustiger Weise trug sie ein langes T-Shirt auf dem ein Glücksbärchie abgebildet war. Der braune mit dem Herzchen auf dem Bauch. Irrte er sich, oder war das nicht das Aushängeschildchen der Serie? Kim fing an zu kichern.

Svenja sah an sich runter. "Hey, ich weiß was du sagen willst, aber das ist eines meiner liebsten Shirts, ich bringe es einfach nicht über mich es wegzuschmeißen. Ich hab es schon urlange!"

"Das weiß ich doch," prustete er und winkte gleichzeitig ab. "Es ist was anderes... Mein eigener In-Joke, wenn du so willst."

"Aha," sagte sie. "Weißt du, wer angerufen hat?" fragte sie unvermittelt.

In seinem Kopf hallte ein großes >Hä?<, aber er sagte es netter: "Nein."

"Tobias."

"WAAS?!" Plötzlich hatte Kim ein unglaublich traumgleiches Gefühl, als hätte er das schon einmal erlebt. Eine widerwillige Aufregung machte sich in ihm breit. Wahrscheinlich sah man die ihm auch an, denn Svenja lächelte schief, auf eine Weise anschuldigend, die ihm ein schlechtes Gewissen machte.

"Wann?"

"Als du in der Wanne warst, deinen Luxuskörper schrubbend. Ich bin rangegangen, aber gesprächig war er nicht gerade. Hat gefragt ob du da bist, ich hab gesagt, das du momentan anderweitig beschäftigt bist und da hat er gesagt, er würde sich noch mal melden."

"Aha..." Was wollte er von ihm? Warum zum Teufel meldete er sich jetzt wieder? Um sich zu entschuldigen, oder was?

Svenja sah Kim so durchdringend an, das es ihm schon unangenehm wurde. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, beugte sich vor und fragte unverblümt: "Du fängst doch nicht wieder was mit dem Typen an, oder?"

"Was?!" Das trieb ihm sofort die Röte ins Gesicht. Er hatte ihr niemals etwas von der Sache, die zwischen ihnen gelaufen war, erzählt. Überhaupt, er hatte ihr niemals etwas von seinem Liebesleben erzählt. Er dachte immer, seine Eltern, inklusive seiner Schwester, waren der Meinung, das er gar kein Liebesleben HATTE und das war auch gut so! Er hatte nicht das Bedürfnis ihnen von seinen 'Neigungen' zu berichten, zumindest nicht vorerst.

Er war bis jetzt gut damit gefahren. Bis jetzt. Oh Mann, das war total desillusionierend!

Sie legte die Stirn in Falten und sagte in einem Ton mit dem man zu kleinen Kindern spricht, die noch eine Menge lernen müssen: "Komm schon, Kim. Für wie blöd hältst du mich? Ich bin deine Schwester."

/Und das ist der Knackpunkt, meine Damen und Herren! Ich denke, ich habe da einiges unterschätzt!/

"Ich kenne zwar nicht die Details", fuhr sie fort, "aber das muss ich auch gar nicht. Hey, ihr drei, Maren, Tobi und du, wart quasi unzertrennlich und dann seh' ich euch immer häufiger allein weggehen. Maren kommt zu mir und fragt MICH wo IHR seid? Also bitte! Die Schuld stand euch im Gesicht geschrieben. Das war ja wohl unübersehbar!"

Kim versuchte gar nichts mehr abzustreiten. Das hatte keinen Zweck. Trotzdem war es komisch mit ihr darüber zu sprechen. Unangenehm. "War das so offensichtlich?"

"Ich würde behaupten, ja, obwohl Frauen eh einen Blick dafür haben."

Kim senkte den Kopf und schielte sie an. "Soso, ihr habt einen Blick dafür, ja?"

Svenja kicherte. "Das behaupte ich."

"Und mir kommt das verdammt bekannt vor..." Er dachte an ein gewisses Mädchen mit rosa Strähnchen im Haar.

Sie hörte auf zu lachen und wurde fast augenblicklich wieder ernst. "Er ist nicht gut für dich. Ich hab gemerkt, wie fertig du warst und Maren war auch ziemlich sauer gewesen. Sie hatte da mal was erwähnt. Er hat dich ganz schön verarscht, hm?"

Kim wand sich und setzte zu einer kurzen Erklärung an, da brach Svenja plötzlich in Gelächter aus. Sie wurde so puterrot, das er sich schon Sorgen um ihre Gesundheit machte. Er lächelte unsicher und fragte: "Was ist denn los?"

"Tschuldigung!" prustete sie. "'Er hat dich ganz schön verarscht'!!" grölte sie und krümmte sich den Bauch vor lachen. "Das ist gut! Geschmacklos, aber gut! Es gefällllllt mir!"

Nun dämmerte es auch bei ihm. Ja, es kommt. Langsam, aber es kommt. "Oh Svenja!" Sie blickte schuldbewusst. "Bitte fünf Mark in die Schlechte-Wortspielkasse! Ich fand das ganz und gar nicht witzig!"

"Ist ja gut, ist ja gut! Alte Spaßbremse."



~~ooO@Ooo~~


Wenn Svenja es weiß, ahnt es dann meine Mutter?

Und was ist mit meinem Vater? Nein, der nicht, ist viel zu oft unterwegs, hat nichts mitgekriegt.

Aber Mama vielleicht. Ich muss in Zukunft besser aufpassen.

Fuck.



~~ooO@Ooo~~


"Kim?" dröhnte es aus dem Wohnzimmer.

"Ja?" schrie er zurück, nicht ohne leichtes Herzklopfen. Wenn sie ihn jetzt darauf ansprach... Nicht auszudenken! Aber warum sollte sie das tun? Ist doch alles in Butter auf'm Kutter, nur keine Panik, take it easy.

"Telefon!"

Puh! "Ich komme!" Aber sie bringt mir das Telefon schon nicht mehr, dachte er säuerlich. Heißt wohl, die Schonzeit ist vorbei.

Er öffnete die Tür und war haarscharf dran gewesen, den Hund über'n Haufen zu rennen, oder umgekehrt. Der Kanario (diese Rasse gab es nicht wirklich, aber sie wurden schon so oft danach gefragt, was das nun für ein Hund sei, das sie sich auf diese Bezeichnung einigten. Es passte, weil er ein Bastard von den Kanarischen Inseln war, den sie aus Mitleid mit nach Deutschland gebracht haben) hüpfte auf und ab, hechelte wie doof und japste. Er hielt Kims Ausweichmanöver wohl für eine Art Spiel und machte Anstalten ihn anzuspringen.

"Zwiebel!" fauchte Kim. "Hau ab! Ich hab jetzt keine Zeit zum spielen!"

Seine Mutter kam durch den Flur. "Er will raus. Du gehst gleich mal, ja?"

/Ooooooch!/

Sie gab ihm den Hörer in die Hand, bevor sie im Badezimmer verschwand. /Ach, doch schon so früh?/ Seine Laune war langsam dabei den Gefrierpunkt zu erreichen. "Pronto!" schnauzte er.

"Bist du angefressen?" Maren. Was ist denn jetzt schon wieder?

"Ziemlich. Was gibt's denn?"

"Haha! Es wird nicht mehr rumgegammelt, Kim. Zieh dir was nettes an, mach dich frisch, wir gehen zu Claudia, die lässt 'ne Party steigen."

"Hä? Ist das dein ernst?" Kim sah auf die Uhr. Es war 21:38Uhr.

"Türlich ist das mein ernst! In einer halben Stunde hol ich dich ab. Wir fahren von dir aus mit dem Fünfer bis Grindelhof..."

"Das ist ja am Arsch der Welt!" protestierte er.

"Falsch. Du wohnst nur am Arsch der Welt, Kim. Bis Grindelhof also, von da aus ist es ein Katzensprung. Ist dein Fuß denn wieder in Ordnung?"

/Danke der Nachfrage.../ "Ja, schon, aber..."

"Hervorragend, dann ist ja alles klar." Ihre Stimme klang mehr als nur kompromisslos. Sie würde ihn zu dieser Party schleifen, komme da was wolle.

Trotzdem versuchte er es noch mal. "Warum sollte ich mitkommen?"

"Erstens drückst du dich jedes Mal irgendwie vor gesellschaftlichen Veranstaltungen jeder Art, sei es ein Bankett oder so eine jämmerliche Party wie diese hier. Zweitens hast du mir letztes Mal versprochen nächstes Mal mitzukommen, was quasi dieses Mal wäre. Und Drittens ist Mario auch da."

"Was?!"

"Was, was, was! Ich kenne kein Land, das 'Was' heißt!!!"

"Du guckst zuviel Fernsehen, Maren..."

"Also, nicht vergessen, zieh dir was NETTES an, klar? Kein Gammeloutfit, was NETTES! Nordpol, Emil, Theodor, Theodor, Emil, Siegfried! Bis später."


- 7 -

"Gequirlte Kacke!"

Kim stürmte das Treppenhaus rauf, wobei er Zwiebel gnadenlos hinter sich herzog. Der Hund hechelte, aber ansonsten schien er Spaß zu haben, denn er versuchte immer vor Kim zu hüpfen und ihm in die Schuhe zu beißen. Da passierte es natürlich. Kim wäre beinahe gestolpert. Er fiel zwar nicht, dafür meldete sich aber sein Fuß wieder schmerzhaft zu Wort.

"Autsch! Himmelherrgott noch mal!!"

Er ignorierte den Schmerz, stürmte die Wohnung, ließ die Leine achtlos fallen und rannte ins Badezimmer. Die Uhr dort verkündete, das es bereits viertel nach zehn war. Keine Zeit mehr. Absolut keine Zeit mehr. Er hasste diese spontanen Einfälle seiner besten Freundin!

Seine Mutter lugte um die Ecke. "Das ging aber schnell," sagte sie.

"Ja, ich weiß, Maren kommt gleich und bis dahin muss ich unten sein..." Er durchwühlte den Schrank nach einer Bürste. "Wir fahren mit dem Bus... äh... Es kann spät werden... ich weiß noch nicht, wann ich wiederkomme..."

"Soso." Sie stand mit verschränkten Armen in der Tür und musterte ihn aufmerksam, während er, immer nervöser werdend, die nächste Schublade durchsuchte. Kim trug heute eine sehr enge Jeans, was ja nun gar nicht oft vorkam. Er war eher der Stoffhosenträger. Und dieses ebenfalls sehr enge Oberteil... Weinrot. Schick. Echt schick. "Okay," sagte sie. "Dann viel Spaß."

"Ja, danke...," murmelte er.

Sie hatte sich schon umgedreht, da hielt sie inne. "Ach, übrigens..."

"Ja?" hörte man es gedämpft aus den Tiefen des Wäscheschranks.

"Die Bürste liegt im Waschbecken."

Sie grinste und entschwand ins Wohnzimmer. Kim schlug sich an die Stirn und seufzte.

Wie zum Teufel kam die denn dahin?




~~ooO@Ooo~~


"Das hat ja gedauert," sagte Maren. Sie schien aber nicht auf Streit aus zu sein, im Gegenteil, sie hatte fabelhafte Laune. Richtig gestylt war sie heute mal ausnahmsweise. Im täglichen Leben bevorzugte sie den Schlabber-Look, jetzt trug sie ein buntes Top und eine schwarze Lackhose. Schuhe mit fünf Meter Absätzen, die sagen wollten: 'Hey, was geht ab?'

"Mein Gott, Maren! Wo willst du denn noch hin heute?"

Sie grinste. "Ich will mich nur amüsieren! Ah, und wie ich sehe, ist meine Botschaft angekommen, du siehst akzeptabel aus."

"Fünf Jahre Ausbildung zum nordischen Glücksradsöldner durch meinen Vater, ja, die mussten sich irgendwann mal rentieren, oder?"

Maren lachte schallend. "Spinner! Der Bus kommt gleich, benimm dich bloß!"

"Mir musst du das nicht sagen."

Zwanzig Minuten dauerte die Fahrt. Zehn Minuten brauchten sie, bis sie bei Claudia ankamen. Und keine fünf Minuten später war Kim so betrunken, wie ein Holzfäller.

Und Schuld daran war nur die schwarze Sau.



~~ooO@Ooo~~


Claudias Eltern schienen gut zu verdienen, das Haus war riesig und hatte einen Vorgarten der dem Stadtpark gleichkam. Richtig hübsch mit Springbrunnen und Statuen, Pavillon und Heckenrosen. Die Party fand überall statt, überwiegend draußen im Garten hinter dem Haus, wie Maren und Kim von Claudia erfuhren.

Claudia hatte an der Pforte die zum Garten führte einen kleinen Begrüßungstrunk für die "Gäste" vorbereitet, der in Gläsern für Kurze serviert wurde. Kim wollte dankend ablehnen, aber Claudia empfand es als persönliche Beleidigung ihr Angebot nicht anzunehmen. Kim gab sich geschlagen.

Nun hatte er die Wahl. Entweder Feigling oder Schwarze Sau.

"Was ist das, diese schwarze..."

"Sau," half ihm Maren aus. Sie hatte sich indes gleich für beide Sorten entschieden und war gerade dabei ein Glas zu leeren. "Das ist hammerhartes Zeug, das kann ich dir sagen. Schmeckt wie ausgepresste Salmies. Geil." Dies unterstrich sie, indem sie ihr zweites Glas in einem Zug wegfegte und nach einem neuen verlangte.

"Also?" fragte Claudia grinsend und reichte ihm ein Glas.

"Nun gib schon her," brummte er und griff zu. Er leerte das Glas in einem Zug, wobei ihn Maren und Claudia grinsend beobachteten. Danach stand er vielleicht eine Minute lang reglos da, bevor er angewidert das Gesicht verzog und ihm Tränen in die Augen stiegen.

"Uäh!" stieß er aus. "Was ist das denn für'n Scheiß?"

Maren lachte schallend. "Geil, oder?"

Kim ging zu Claudia und stellte das Glas vor ihr ab. Mit gepresster Stimme verlangte er: "Das selbe noch mal."

"Schmeckt's dir wirklich, Kim?" fragte Claudia lächelnd und strich sich ihr Haar zurück.

"Nein, genaugenommen schmeckt das Zeug wie Brackwasser. Ich würde lieber einen Schluck aus 'nem benutzten Dixi Klo trinken. Aber ich habe soeben entschlossen mich heute hemmungslos zu besaufen."

"Nichts leichter als das!" quietschte Maren vergnügt und sie hoben die Gläser.

"Auf den Alkohol! Die Lösung UND der Ursprung all unserer Probleme!"



~~ooO@Ooo~~


Kim kannte ungefähr 5 bis 6 Phasen, die der Alkoholgenuss bei ihm auslöste. Und als er nach ungefähr einer halben Stunde endlich Mario entdeckte, hatte er die erste Phase, die des 'summig seins', schon fast hinter sich und steuerte direkt auf die 2. Phase zu: Angenehme Trunkenheit. Das Gefühl der glücklichste Mensch auf Erden zu sein, egal wie scheiße du vorher drauf warst. Und diese Phase liebte Kim, deswegen trank er.

Und nur deswegen. Blöd war es nur, wenn du langsam wirklich auf den Geschmack kamst. Wie Maren. Die Königin. Die einzige die um die Kombinationsmöglichkeiten des Alkohols wusste. Und diese selber testete. Am eigenen Leib.

"K...Kim!" Sie umarmte ihn von hinten und hielt ihm eine Flasche Bacardi unter die Nase. "Trink! Solange du noch kannst!"

Kim grinste. Wenn er viel getrunken hatte, grinste er eigentlich die ganze Zeit. "Maren...?"

Sie starrte zurück und antwortete so ernst es ihr möglich war: "Ja?"

"Maren, ich liebe dich, weißt du das? Du bist meine allerbeste Freundin, ohne dich wäre das Leben sooooo langweilig, ehrlich, kein Scheiß..."

"Oooooooh Kim!" rief sie. "Das ist ja echt so lieb von dir! Komm her Bruder!"

Maren zog ihn an sich und fing an ihm an der Hose rumzufummeln. Kim keuchte erschrocken, aber sie ließ ihn nicht gehen.

"Nun halt still! Ich will doch nur das du ordentlich aussiehst! Deine Hose hing gerade auf halb acht, nur so zur Info!" Sie zupfte an seinem Hemd herum, hielt ihn dann in Armeslänge von sich und nickte. "So!"

Dann drehte sie ihn um und er sah, was sie wahrscheinlich schon die ganze Zeit wusste. Mario stand an der Theke der Minibar und unterhielt sich mit Claudia. Claudia lachte, ihre Augen glänzten und sie strich sich ewig durchs Haar. Kim mochte sie eigentlich, aber in diesem Augenblick wurde sie zu seinem persönlichen Intimfeind.

Maren flüsterte ihm ins Ohr. "Sie hält sich die Hand vor den Mund, wenn sie kichert und das sie ständig mit ihren Haaren zu Gange ist heißt eigentlich auch nur eines: Sie will ihn, hörst du! Ich glaube nicht das sie im Vergleich zu dir keine echte Konkurrenz darstellt, aber... es könnte gefährlich werden. Also! Mach mir keine Schande!"

Damit ließ sie ihn allein. Was sollte er jetzt tun? Sich dazwischen stellen? Anders, was konnte er tun, ohne sich maßgeblich zu verraten? Weder ihr noch Mario gegenüber?

Die Musik dröhnte, er hörte verschwommenes Gelächter und Gegröle, alles drehte sich. Er biss die Lippen zusammen und ging schließlich auf die beiden zu, ohne großartig einen Plan zu haben.

/Dir wird schon was einfallen, dir wird schon was einfallen, oder... halt! Das ist die Lösung! Du holst dir von Claudia noch einen von diesen Kurzen, diesem... braunen Ferkel? Egal, den holst du dir und kommst so erst mal ins Gespräch, wunderbar!/

Mario und Claudia waren nur noch knappe fünf Meter entfernt und so langsam drangen die ersten Gesprächsfetzen durch.

"...ziemlich betrunken..."

"...Lust noch... mitzukommen..."

Sie lachte. Oh, in diesem Moment hatte er eine richtige Hassattacke auf sie. Er hätte ihr am liebsten eine runterhauen können.

Noch 4,50 Meter. Mario drehte sich in seine Richtung und ihre Blicke begegneten sich. Kim war, als bliebe ihm das Herz stehen. Sein Gesicht glühte und er wusste mit Sicherheit, das Mario in seinem Gesicht lesen können würde, wie in einem Buch. Kim starrte einfach wie paralysiert zurück. Und Mario fing an zu lächeln, sein Gesicht hellte sich auf, man konnte sehen, wie sogar seine Augen aufleuchteten.

Kim lächelte erleichtert zurück. Er machte einen Schritt, da berührte ihn eine warme Hand auf der Schulter und jemand hauchte in sein Ohr, leise: "Hi."

Er kannte diese Stimme. Er kannte sie, doch er traute seinen Ohren nicht, bis er selbst laut aussprach, was ihm sein Verstand und sein Herz gleichermaßen entsetzt zuschrieen.

"Tobi!"


- 8 -

Okay, Kim hatte schon oft so was gehört wie "Die Welt ist klein", oder "Man trifft sich immer zweimal im Leben", aber das war für seine Begriffe die Untertreibung des Jahres.

Ausgerechnet hier, ausgerechnet Tobi, ausgerechnet jetzt. Warum ich?!

Mario war vergessen, hatte nie existiert, bedeutete nichts. Alles bedeutete nichts. Es gab keine Party, es gab keine neugierigen Blicke. Es gab kein Geräusch, abgesehen von seinem Herzschlag, der in seinen Ohren dröhnte. Er keuchte, weil er das Gefühl hatte, unsichtbare Seile um seinen Hals zu haben, die ihm die Luft abschnürten. Und das alles während einem Bruchteil von Sekunden.

Tobias Hand lag immer noch vertraut auf seiner Schulter. Diese körperliche Nähe machte ihn rasend. Kim löste sich und machte ein, zwei Schritte Abstand zwischen ihnen aus, versuchte zwanghaft die Kontenance zu bewahren. Und schließlich brachte er so etwas ähnliches wie einen Satz zustande.

"Was... warum... machst du hier?"

Tobias lächelte schief, neigte den Kopf zur Seite. Strähnen seines kastanienbraunen Haars fielen ihm ins Gesicht. O Gott, diese Geste weckte Erinnerungen, sie war so typisch für ihn. Sie war so... süß...

"Ich wusste nicht, das du auch hier bist," antwortete Tobi. "Ehrlich, ich hab dich fast nicht erkannt. Du... hast dich verändert."

Kims Blick verdüsterte sich. Er war misstrauisch. Viel zu oft hatte er sich von Tobi einwickeln lassen und, verdammt noch mal, diese Zeiten waren nun endgültig vorbei.
Er beschloss in den Angriff über zu gehen.

"Ach ja? Komisch, du anscheinend nicht, denn du hast immer noch diesen miesen Geschmack, was Klamotten betrifft." Kim deutete auf Tobis T-Shirt mit der Aufschrift: ICH WAR ALS KIND SCHON SCHEIßE! Das war so ein Tick von ihm. Er trug immer ein Shirt mit dämlichen Sprüchen drauf und fand das total cool.

Aber daraufhin lachte Tobi nur und erwiderte: "Na ja, meine Mutter sagt immer, Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung!"

"Sie hat ja so Recht."

"Du verletzt mich, Kim, ich bin empfindlich."

Das war scherzhaft gemeint gewesen, das wusste Kim. Trotzdem war er sofort auf 180. Diese Vorlage nutzte er nur zu gerne aus.

"Ich verletze dich? Ich verletze dich?! Schön. Jetzt lernst du auch mal die andere Seite der Medaille kennen..."

"Das ist nicht fair, Kim."

"Ha, ha! Ich hab noch nie so gelacht, ehrlich, du Scherzkeks. Du Oberexperte in Sachen Fairness! Tut mir leid, das ich dich verkannt habe, ich bin ja so unwürdig... Wenn du mich bitte entschuldigen würdest?!"

Stinkesauer machte Kim auf dem Absatz kehrt und stapfte in Richtung Straße, den Blick dabei stur auf den Boden gerichtet, die Hände zu Fäusten geballt. Wäre er eine Comicfigur, so dachte er, würde ihm vor Wut der Kopf qualmen, aber das machte nichts, machte gar nichts.

/Ich muss jetzt eine Rauchen, wo sind meine verdammten Kippen?/



~~ooO@Ooo~~


Wie viel kann ein Mädchen reden? Was für Stuss kann ein Mädchen reden? Kann sie noch was anderes, außer reden? Warum muss sie überhaupt soviel sabbeln? Fühlt sie sich so wohler? Man weiß wirklich, das man jemanden ganz besonderes gefunden hat, wenn man zusammen sitzt und für einen Augenblick mal die Klappe halten kann. Zusammen schweigen kann. Merkt die eigentlich nicht, das mich das nicht die Bohne interessiert, was sie da vom Stapel lässt? Hallo? Merkt sie die Einschläge noch?

Eben war doch noch Kim in Sicht gewesen... Mh, Kim hatte etwas, er mochte ihn vom ersten Augenblick an. Er hatte immer so einen verkniffenen Blick drauf, der wahrscheinlich Wut zum Ausdruck bringen sollte, diese Wirkung aber total verfehlte... Eher im Gegenteil, er sah aus, wie ein schmollendes kleines Kind und Mario zweifelte nicht daran, das Kim völlig ausrasten würde, wenn er das einmal laut aussprechen sollte.

Das machte irgendwie einen gewissen Reiz aus... Was aber noch viel reizvoller war, wie Mario grinsend grübelte (und dabei, ohne es zu merken, verständnislose Blicke von Claudia erntete), war Kim in Verlegenheit zu bringen. Das passierte ihm unabsichtlich, aber wenn es passierte, freute sich Mario wie ein kleiner Schneekönig.

Er war drauf und dran sich ernsthaft in diesen Jungen zu verlieben.

Und eben dieser Junge rannte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schnurstracks an ihm vorbei. Mario blickte verdutzt hinterher. Das war ein wütender Gesichtsausdruck! Er wollte Kim rufen, aber dann sah er, wie ihm ein anderer Kerl folgte. Ein Typ mit schulterlangem Haar, kupferfarben und einem Spruch auf dem T-Shirt, über den er erst einmal nachdenken musste.

Das erschien ihm mehr als nur suspekt.

/Wer... zum Teufel... ist das?!/



~~ooO@Ooo~~


"Es tut mir leid, Kim! Hör doch zu..."

"Lass mich in Ruhe, du Idiot! Glaubst du, nur weil ein bisschen Zeit vergangen ist, vergesse ich alles, oder was? Wer glaubt, die Zeit heilt alle Wunden, hat nie versucht mit denen fertig zu werden, die du mir zugefügt hast, verdammt..."

Kim wunderte sich ein bisschen über seine Ehrlichkeit, führte das aber auf seinen Alkoholpegel zurück. Er wusste, das ihm morgenfrüh diese ganze Szene unglaublich peinlich sein würde, aber das war ihm im Moment so ziemlich Latex.

Sie standen vor dem Haus Claudias Eltern, die Musik war laut, das Geschehen weit weg. Man könnte fast sagen, sie waren hier ungestört und solange die Sache nur zwischen ihnen beiden stattfand, sollte es ihm Recht sein sich zum Affen zu machen.

"Kim, was soll ich tun? Ich weiß, vieles ist nicht so gelaufen, wie es hätte sollen. Und ja, ich bin ein Arschloch, aber es tut mir leid! Glaub mir, wenn ich könnte, würde ich alles tun, um es wieder rückgängig zu machen! Ich hab mich geändert..."

Das klang, wie aus einem von den schlechten Liebesliedern diverser Musiksender. Kim lachte bitter. "Oh Mann, ich glaub, ich muss gleich kotzen..."

Blitzschnell packten ihn Arme und stießen ihn schmerzhaft gegen die Hauswand. Kim sog zischend Luft ein und schaute hilflos in Tobias grüne Augen, die ihn fast flehentlich ansahen.

"Nimm mich bitte ernst! Ich mache keine Witze, Kim!"

Wie Schraubstöcke bohrten sich Tobis Hände in seine Schultern. Kim konnte nicht mehr atmen, sein Herz raste und ihm war schwindelig. Er ertappte sich bei dem Gedanken, wie schön es doch wäre... Wie schön es wäre, wenn Tobias die Wahrheit sagen würde... Aber er glaubte ihm einfach nicht. Erst jetzt merkte Kim, wie sehr er noch an ihm hing und das er längst nicht drüber weg war, was vor zwei Jahren geschehen ist. Und zu seinem Entsetzen musste er feststellen, das er kurz davor war, in Tränen auszubrechen.

"Was verlangst du von mir, Tobi?!" schrie er. "Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Verdammt noch mal, ich hab ein Recht darauf, dich zu hassen! Es ist mein verfluchtes Rech..."

Tobias Lippen erstickten Kims letzte Worte mit einem Kuss. Kim war zu Tode erschrocken, sein Verstand rebellierte und doch konnte er ihn nicht von sich stoßen. Er war zu schwach, diese Lippen machten ihn schwach und er erwiderte ihren Druck von ganz allein, öffnete seinen Mund und ließ Tobias machen, was er wollte.

Hitze durchströmte seinen Körper, dort wo Tobi ihn berührte. Es war ganz wie früher, ER war wie früher. Seine Haare waren länger geworden, aber sie würden im Sonnenlicht immer noch funkeln, wie Feuer, wie Glut. Der Geruch seiner Haut, sein heißer Atem im Nacken, jede Bewegung, jede noch so kleine Winzigkeit... Kim konnte sich wieder an alles erinnern, wie hatte er je vergessen können?

/ "Du willst doch nicht wieder etwas mit ihm anfangen?" / Die Stimme seiner Schwester, mahnend.

Nein...

/ "Was?!" / Ungeduldig.

Nein.

/ "Ich kann dich nicht verstehen!" /

"Nein!" Kim schnappte nach Luft, versuchte Tobias mit beiden Armen von sich zu drücken, aber dieser Junge war einfach viel stärker als er. Da hätte er auch versuchen können eine seiner heißgeliebten Gleichungen im Kopf zu lösen. Doch irgendwann, es kam Kim vor als wären Stunden vergangen, es hätten aber genauso gut auch nur einige Sekunden sein können, ließ Tobi von ihm ab, widerwillig.

Kim schloss die Augen, zählte ruhig von eins bis zehn und versuchte das Geschehene irgendwie in eine Reihenfolge zu bringen, aber Tobias brachte ihn wieder aus dem Konzept. Er bedeckte seinen Hals mit Küssen, ließ die Hände auf Wanderschaft gehen und flüsterte immer und immer wieder: "Verzeih mir!"

/Oh Mann, oh Mann, oh Mann! Wenn er so weitermacht, gebe ich ihm vielleicht wirklich nach.../

Aber das wäre zu einfach.

"Hör auf, Tobi, bitte! Lass mich..."

"Ich kann nicht..."

"Tobi, bitte! Ich will das nicht... Ah!"

Flinke Hände machten sich an seiner Hose zu schaffen und zu allem Überfluss fingen auch noch gewisse Körperregionen an auf diese Berührungen zu reagieren.
Oh nein, das ging zu weit, die Wurst war endgültig gepellt!

"Tobi, nein! Verdammt, lass mich los!"

Es kostete ihn viel Überwindung und Kraftaufwand, aber er schaffte es Tobias in Armeslänge von sich zu stoßen. Schweratmend standen sie sich gegenüber. Kim fuhr sich durchs Haar und wiederholte nur: "Ich will das nicht mehr!"

"Kim, ich..." Tobias machte wieder einen Schritt auf ihn zu, aber weiter kam er nicht, weil er abrupt zur Seite gerissen wurde. Kim staunte nicht schlecht, denn sein Retter in der Not war kein anderer als Mario, den er bedrohlicher noch nicht gesehen hatte. Seine Augen waren kälter als die verdammte Antarktis. Er hatte Tobias am Arm gepackt und funkelte ihn wütend an.

"Welches Wort aus dem Satz, 'Ich will das nicht mehr', hast du nicht verstanden, Freundchen?"

"Mario!" Kims Blick irrte zwischen den beiden hin und her. Tobi und Mario starrten sich an, wie zwei wilde Tiere und es sah nicht so aus, als würde einer von beiden als erster die Augen senken.

"Wer ist das, Kim?" fragte Mario ruhig. "Gibt's ein Problem?"

"Schon gut, Mario, das ist ein alter Freund, ich hab die Sache im Griff."

"Ja, das habe ich gesehen."

Das tat weh. Und prompt meldete sich sein schlechtes Gewissen zu Wort: Wieso, er hat doch recht! Oder könntest du sagen, wie das Ganze ausgegangen wäre, wenn Mario nicht gekommen wär? Außerdem hat Mario auch ein gewisses Recht sauer zu sein, oder?

/Wieso das denn?/

Weißt du, wie viel er gesehen hat?

/Das geht ihn doch eigentlich nichts an!/

Und wieso hast du dann jetzt ein schlechtes Gewissen?!

/Ich weiß nicht! Ich weiß nicht.../

Nach einer langen Minute sagte Tobias schließlich: "Las los, oder es knallt."

"Ist das eine Tatsache?" Mario lockerte seinen Griff nicht einen Zentimeter.

"Ja, ich will dir was sagen, ich bin ein verdammter Rennwagen und du hast mich im roten Bereich."

"Ach, du bist ein Rennwagen? Hochinteressant."

Tobias Maß an Selbstbeherrschung war fast voll. Seine Stimme wurde lauter. "Ich will damit nur sagen, dass es gefährlich ist einen Rennwagen im roten Bereich zu fahren!"

"Ja?!"

"Ja! Ich könnte explodieren!" Mit einem Ruck riss sich Tobi aus Marios Umklammerung.

"Du willst explodieren?"

"Ja!"

"Dann will ich jetzt DIR mal was sagen!" Marios Hände ballten sich zu Fäusten. "Ich bin eine verdammte Atompilzwolke! Wenn ich sehe, wie deine Wichsgriffel seine Haut berühren, werde ich zu TNT! Werde zu den Bomben von Pearl Harbor, klar was ich meine? Also schleich dich, Mann, sonst klatscht es gleich und das ist kein Beifall."

Tobias baute sich trotzig vor ihm auf. "Nur zu, versuch es!"

Kim schrie aus Leibeskräften: "Hört auf, alle beide!"

Verdutzt flogen die Köpfe der beiden in seine Richtung. Kims Mund arbeitete, aber er brachte einfach keinen Ton mehr raus. Er wusste nicht, wie er soviel Dummheit, die sich vor ihm abspielte, in Worte kleiden sollte. Er verabscheute Gewalt, das war doch alles Mickey Mouse Kacke. Kim war einfach nur erschüttert. Wie schnell sich doch eine Situation verändern konnte!

Er drehte sich um und murmelte wütend: "Haut euch doch die Köpfe ein, Idioten!"

Damit zog er ab und ließ sie allein.



- 9 -

"Maren."

Kim tippte ungeduldig auf ihre Schulter, aber sie war einfach nicht von diesem Kerl wegzukriegen. Eher im Gegenteil, sie schien nur noch mehr an ihm zu kleben. Mann, wenn man im Lexikon unter Knutscherei nachschlagen würde, könnte man garantiert ein Bild von den beiden finden.

"Maren!"

Keine Reaktion. Oder halt, doch. Sie schlang ihre Arme um den Hals des ominösen Typs und drückte ihr Gesicht tiefer in das seinige. Oh, wenn er eine Wutanzeige irgendwo an seinem Körper hätte, würde die Nadel gerade an ihre Grenzen stoßen.

"Ich gehe jetzt!"

Hm. Keine Antwort ist auch eine Antwort, dachte er sich. Egal, die kommt schon ohne mich klar. Vermissen wird sie mich jedenfalls nicht.

Die Entscheidung war gefallen, er würde die Party unter diesen Umständen verlassen. Er hatte jedenfalls keine Lust Tobi noch einmal über den Weg zu laufen.



~~ooO@Ooo~~


Mario hatte schnell das Interesse an Tobias verloren, als Kim verschwand. Doch 'schnell' ist ein relativer Begriff. Erst musste er seine Gedanken ordnen und wieder einen ruhigen Puls kriegen.

Die Situation tat ihm jedenfalls nicht leid. Er konnte diesen Kerl einfach nicht ab, schon dieses schiefe Grinsen und diese Hippie- Frisur machten ihn rasend. Und was war das überhaupt für ein Name! Seinen Köter nannte man vielleicht Tobi! So wie es aussah, war Tobi aber nun mal ein ehemaliger "Freund" von Kim gewesen, ein ziemlich enger Freund sogar, wenn nicht DER Freund.

Mario konnte beim besten Willen nicht verstehen, was Kim an ihm fand. Das galt es herauszufinden. Und noch wichtiger: OB Kim noch was an Tobi fand.

/Muss sofort hinterher./

Mario starrte Tobias ein, zwei Sekunden an, starrte in die Richtung, in die Kim verschwunden war, starrte wieder zurück, zischte etwas unfreundliches und rannte Kim nach.



~~ooO@Ooo~~


"Willst du etwa schon gehen?" Claudia blickte Kim fragend an. Ihre Stimme klang schleppend. Sie sah fast beleidigt aus.

Na und?

"Ja..." Er wollte sich nicht lange mit ihr auseinandersetzen. Claudia hatte ihm gerade noch gefehlt! Die Wirkung des Alkohols ließ auch schon wieder nach. Im Prinzip war er wieder nüchtern.

Wie deprimierend. Er hatte gehofft, dass es wenigstens noch bis in sein Bett gelangt hätte, aber nun sah es ganz so aus, als müsste er sich heute noch mit dem Geschehenen anfreunden. Natürlich könnte er noch was trinken, ein Schluck und er wäre wieder hackebreit. Aber wozu? Was du heute kannst besorgen...

"Es ist doch erst halb zwei...," versuchte sie es. Sie schien wirklich interessiert an ihm zu sein. Was sollte das Theater jetzt?

"Ich bin müde, okay?" Genervt, die Augen verdrehend.

Jetzt war sie wirklich beleidigt. Ihr Blick verdunkelte sich, ihre Lippen hatte sie zu einem schmalen Streifen zusammen gepresst. "Okay, dann geh doch! Aber piss dich gefälligst nicht so an, klar? Ich kann nichts dafür, das du schlechte Laune hast!"

Kim riss erstaunt die Augen auf. Mit einer so heftigen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Dann sah er aber auch gleich warum: Claudia schwankte, hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte einen mächtig großen Rülpser zu unterdrücken, was ihr aber beim besten Willen nicht gelang.

Kim lachte. Das war aber nicht sehr damenhaft gewesen! Es sprudelte nur so aus ihm heraus, er konnte nichts dafür. Er sah, wie sie ihm wütende Blicke zuschleuderte... Gott, war das herrlich! Wenn sie nicht gleich aufhörte, würde er platzen! Seine Laune war wieder von Null auf Hundert, im positiven Sinne, und das hatte er nur ihr zu verdanken.

Ja, mit einem mal schien ihm die ganze Sache mit Mario und Tobi nur noch halb so wild. Er wusste gar nicht mehr, warum er so außer sich gewesen war. Und hey, Mario wollte ihn beschützen! Wenn das nichts hieß...

Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus, was aber nicht bedeutete, dass er gleichzeitig mit dem Lachen aufhören konnte. Es war einfach zu schön zu lachen, wenn es verboten war.

"Mein Gott, Claudia!" prustete er erstickt. "Möchtest du noch ein Stück Brot dazu?"

"Ha ha, witzig, witzig..." Dann machte sie ein dummes Schafsgesicht, hielt sich die Hand vorm Bauch und würgte: "Uäh, shit, ich glaub, ich muss...!"

Und schon war sie hinter dem nächsten Gebüsch verschwunden. Üble Laute drangen ihm ins Ohr. Kims Grinsen wich einem besorgteren Gesichtsausdruck. Er seufzte.

/Ich kann sie ja schlecht allein lassen, oder?/



~~ooO@Ooo~~


"Geht's wieder?" fragte Kim leise. Sie hielt sich an einem Baum fest, die Haare wie ein Vorhang über ihrem Gesicht, strähnig, verklebt. Claudia sah wirklich nicht gut aus.

Sie krächzte etwas unverständliches, wahrscheinlich wollte sie sich über die Frage lustig machen.

Unsicher strich er ihr über den Rücken, wollte ihr Trost spenden. Kim spürte wie ihr Rücken vibrierte, kicherte sie?

Sie sah verschwommen zu ihm auf und sagte dann schließlich: "Eigentlich bist du gar kein so schlechter Kerl." Sie lächelte. Es schien, als hätte sie das eben gerade beschlossen.

Kim grummelte. "Sollte das ein Kompliment sein?!" Doch sauer war er nicht. Er reagierte so, weil er nun mal bei solchen Situationen immer so reagierte.

Das schien Claudia zu wissen, denn ihr Lächeln wandelte sich zu einem Honigkuchenpferdgrinsen. "Ja."

"Willst du nicht lieber ins Bett?" fragte er, nicht ohne sich wie eine alte Anstandsdame zu fühlen. Schließlich hatte er sich auch nicht gerade zurückgehalten.

Aber sie überraschte ihn.

"Mit dir?!" grinste sie anzüglich.

Das verschlug Kim die Sprache und machte ihn sichtlich verlegen. Er konnte so schnell auch keine lahme Antwort geben, da Claudia in Gelächter ausbrach und ihm beschwichtigend auf die Schulter klopfte.

"Ich hoffe, ich störe nicht?" scherzte jemand ausgelassen.

"Ah, Mario! Ich hab mich schon gewundert wo du bist!" Claudia richtete sich gerade, schenkte Kim ein gewinnendes Lächeln, hob den Zeigefinger, bevor sie sich wieder an Mario wandte: "Du störst nichts und niemanden, mon chére! Aber ICH denke, ich werde mich mal schleunigst wieder meinen Gästen widmen und schauen, ob noch alles in Ordnung ist!"

Im vorbeigehen zwinkerte sie Kim zu, der es immer noch nicht gewagt hatte, Mario einen Blick zu schenken. Ganz im Gegenteil, er schien sich mit einem mal sehr für seine Schuhe zu interessieren. Ja, wirklich. Die Schuhbänder sahen aus, als müssten sie unbedingt mal wieder ordentlich gebunden werden!

/Du benimmst dich kindisch!/

Ja, ich benehme mich kindisch. Mein Gott, er läuft mir extra nach! Wo ich ihn doch so angekeift habe! Ich... ach, auf einmal ist es so schwierig... Ich weiß nicht mehr was richtig ist.

/Was hast du eigentlich für Probleme?! Er steht hinter dir, hallo? Guten morgen! Erde an Kim!! Bitte kommen! Er steht hinter dir!/

"Ich weiß!!" plapperte er laut, um dann erschrocken herumzufahren. Von einer Peinlichkeit in die nächste!

Mario sah ungewohnt ernst aus. Das schöne hellblau seiner Augen wurde umwittert von dunklen Wolken. Und da war eine kleine Sorgenfalte in seiner Stirn, die Kim vorher noch nie gesehen hatte.

Kim trat unsicher von einem Fuß auf den anderen. Wieso hatte er denn bloß so ein schlechtes Gewissen?

"Mario..."

"Kim..." Er überwand den Abstand zwischen ihnen bis er genau vor ihm stand, vielleicht Wimpernschläge voneinander entfernt. Kim hielt unwillkürlich den Atem an, spürte Hitze in seinem Gesicht.

"Liebst du ihn noch?" Mario nagelte Kim mit seinem Blick fest.

Kim schnappte nach Luft. "Wa... wen? Wie? Tobi?"

Mario nickte knapp, hob die Hand und fuhr sich wirsch durch die Haare. "Bist du deswegen sauer? Weil du nicht wolltest, dass ich ihm wehtue?"

Kim schüttelte wie zur Antwort den Kopf, unfähig den Blick von ihm abzuwenden und flüsterte nicht wirklich überzeugt: "Bist du... eifersüchtig?"

"Ja!!" rief er wie selbstverständlich, fast gekränkt, so als müsste er, Kim, es doch schon längst wissen.

Kim schloss die Augen und lächelte, lachte gar leise, glücklich. Das war die verdammt beste Nachricht seines Lebens.

Er vergaß alle Hemmungen, schlang die Arme um Marios Hals, schmiegte den Kopf an seine Brust, hörte den Herzschlag des anderen und hauchte: "Wie schön."


- 10 -

"Kim...?"

"...hmmm?" Er war kurz davor einzuschlafen. Alkohol machte ihn immer so müde und diese Körperwärme war ja so verlockend...

Mario lachte rau, strich Kim übers Haar. "Ich dachte schon, du wärst eingeschlafen!"

"...ja. Ich glaub, ich muss nach Hause...," murmelte er und vergrub sein Gesicht in Marios Halsbeuge. Mmh, er duftete eindeutig zu gut. Er hätte hier Ewigkeiten mit Mario verbringen können, einfach nur dastehen und sich festhalten.

Ein Lied ging ihm durch den Kopf...

/ Fass mich ganz fest an, dass ich mich halten kann. Bring mich zum Ende, lass mich nicht mehr los. /

Er lächelte selbstvergessen, bis ihm dann schlagartig klar wurde, dass sie hier schön sichtbar für jeden engumschlungen am Gartenrand standen. Eine eindeutige Situation. Eine sehr eindeutige Situation!

Kim löste sich etwas plötzlich von Mario, schaute sich einmal rings um, konnte aber keinen unerwünschten Beobachter ausmachen. Trotzdem hieß das ja nicht, das sie nicht doch gesehen worden waren. Das Schema 'Ich sehe dich nicht, also siehst du mich nicht' funktionierte schon seit seiner Kindheit nicht mehr.

Schade eigentlich... Das wäre so schön einfach gewesen...

"Dann fahr ich dich," sagte Mario.

Kim zog eine Augenbraue hoch. "Du hast ein Auto?"

Mario lächelte. "Ist das so unglaublich?"

"Ich dachte, weil du doch mit dem Bus..." Kim schlug sich die Hand vorm Mund. Nein, das würde er auf keinen Fall jetzt schon ansprechen! Ne, das klingt doch wie im Schnulzenroman, die älteste Frage der Welt: 'Sind wir uns schon mal begegnet? Haben wir uns irgendwo schon einmal gesehen?'

Aus welchem Grund auch immer, er wollte Mario nicht erzählen, dass er ihm schon seit diesem ersten Lächeln im Bus verfallen war...

Kim wurde rot, schon wieder! Er hasste es, wieso war er nur so leicht in Verlegenheit zu bringen? Wozu wurde man überhaupt rot! Was bringt das der Natur! Man sollte ihm bitte ein Tier nennen, das ebenfalls errötete. Ein einziges, bitte!! Das ist doch völlig unnütz und brachte einem nur Schwierigkeiten!!! Waseinscheiß!

"Schon gut!" platzte es aus ihm raus. "Wo steht dein Wagen?" Er ging ohne Plan drauflos, nur damit ihm Mario nicht seine Unsicherheit von den Augen ablesen konnte.

Mario lachte und griff nach seiner Hand. "In die andere Richtung, Kim!"



~~ooO@Ooo~~


Warm.

Müsste Kim seinen Gefühlszustand beschreiben, so würde ihm nur dieses Wort einfallen.

Warm...

Mario schaffte es aus jeder Situation, und sei sie noch so peinlich in Kims Augen, eine ganz normale zu machen. Eine Ist-Ja-Nur-Halb-So-Schlimm-Situation. Das gab ihm ein gutes Gefühl. Das Gefühl kein völliger Trottel zu sein.

Vielleicht nur ein halber...

Er summte: "Geleite mich heim, raue Endlosigkeit..."

Und Mario grinste, sang da weiter: "...bist zu lange fort. Mach die Feuer an, damit ich dich finden kann..."

Warm.



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Ein alter, klappriger, rostbrauner Opel. Er wusste nicht wieso, aber er hatte etwas anderes erwartet. Sein Vater war ja Arzt! Kim grinste, das machte Mario so wunderbar einfach und normal.

Doch bevor er einstieg, musterte er Mario mit skeptischem Blick.

"Hast du was getrunken?"

Mario sah überrascht auf. "Nein, sonst würde ich wohl kaum fahren!"

Kims Blick veränderte sich nicht. "So? Na, ich weiß ja nicht... Wie bist du denn dann an Claudia vorbeigekommen?"

Mario stemmte die Arme in die Hüften und grinste. "Hey, hast du kein Vertrauen?!"

Kim lehnte sich an die Motorhaube, warf den Kopf theatralisch zurück und sah scheu zur Seite, bevor er in einer perfekten Filmdiva-Imitation hauchte: "Wir... kennen uns doch kaum...!"

Mario spielte mit, trat energischen Schrittes auf ihn zu, schlang den Arm besitzergreifend um Kims Hüfte und beugte sich über ihn. Sein Gesicht war so herrlich ernst, Kim hatte Mühe damit die Show nicht mit einem Lachanfall vorzeitig zu beenden.

"Zeit spielt in der Liebe keine Rolle!"

Kim warf den Handrücken auf die Stirn. "Ich bin zu oft enttäuscht worden!"

"Ich würde alles tun...!"

Kim blinzelte, wand sich, als würde er einen schweren innerlichen Kampf austragen und legte schließlich die Hand auf Marios Brust. "Na gut. Dann hauch mich an. Wir werden sehen, ob du die Wahrheit sagst!"

Mario schluckte, nickte ernst. "Tja, wenn es denn sein muss..."

Kim unterdrückte ein Kichern. "Ja, das muss es wohl!"

Mario näherte sich seinem Gesicht, ein hintergründiges lächeln umspielte seine Lippen. Die Stimmung änderte sich schlagartig. Kim hielt den Atem an, schloss die Augen... und ließ sich küssen.

Und in diesem Moment wäre es ihm gleich gewesen, wenn die ganze Welt sie gesehen hätte.



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Kim schloss, so leise es ihm möglich war, die Tür auf. Es war dunkel im Flur, nur bläuliches Licht flackerte unter dem Türspalt von Svenjas Zimmer hindurch.

Er schlich in sein Zimmer und knipste das Licht an. Zwiebel lag über seinem ganzen Bett verbreitet, öffnete verschlafen die Augen, wackelte mit dem Schwanz und fing an zu winseln.

Kim grinste. "Na, mein Süßer!" Er ließ sich neben dem Tier nieder und knuddelte es ordentlich durch. Mit einer Stimme, wie sie Erwachsene oft in Gegenwart von Säuglingen benutzten, sagte er: "Oooch, mein kleiner Scheißer! Hast du geschlafen, hm? Hat mein Baby geschlafen?"

Zur Antwort bekam er ein tiefes Grummeln. Kim lachte und schmiegte sich in das weiche Fell. "Du haarst mir alles voll!"

Es war gemütlich. Zu gemütlich, um noch mal aufzustehen, sich auszuziehen und womöglich den Hund zur Seite zu schieben, damit er auch ein bisschen Platz hatte. Nein, da lag er lieber halb auf ihm drauf. Wenn es Zwiebel gestört hätte, würde er sich das wohl kaum gefallen lassen.

Es dauerte auch nicht lange und der Schlaf packte ihn mit den ungeschickten Händen eines rauen Liebhabers.

Kim ließ sich gerne davon reißen.



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Er verschlief den gesamten Sonntag und bereute es nicht im Mindesten. Seine Mutter konnte ihm nichts über den Verlauf der Feier entlocken, außer einem schläfrigen Lächeln.

Sie informierte ihn darüber, dass sein Vater Montag wiederkommen würde. Kims Freude hielt sich in Grenzen. Natürlich liebte er seinen Vater, aber da war etwas zwischen ihnen, ein unbestimmtes Gefühl.

Jedes Mal fragte er Kim, ob er nicht endlich ein nettes Mädchen kennen gelernt hätte und jedes Mal verneinte Kim. Natürlich! Aber sein Vater lachte immer nur, meinte, dass würde schon noch kommen, keine Sorge.

Keine Sorge...