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SSAT - Selbe Schei?e anderer Tag Teil 11 bis 15

- 11 -

Irgendetwas nervte ihn gewaltig. Nur was? Ein Geräusch? Ja, ein Geräusch, eindeutig. Ein lautes Piepen, es fraß sich in seine Ohren, geradezu ungeduldig. Kim warf sich auf die andere Seite seines Bettes und vergrub sich unter seinem Kopfkissen.

Schon besser. Doch irgendetwas sagte ihm, dass es höchste Zeit wäre. Wirklich höchste Zeit. Aber für was?!

Er riss plötzlich die Augen auf und alles was er dachte war: Oh! Oh, oh, oh, oh, oh! Oh Nein!!!

Er wusste nicht genau, warum er mit einem Mal so eine Panik verspürte, setzte sich kerzengerade auf und sah sich ein wenig desorientiert in seinem Zimmer um. Es kostete ihn einige Mühe überhaupt die Augen offen zu halten.

/Beeil dich, verdammt!/

Beeilen? Aber was ist denn los?!

Sein Blick schweifte über die Uhr. Es war 7:58 Uhr am frühen Morgen, er hörte doch tatsächlich die Vögel zwitschern.

Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und gähnte einmal großzügig, als er innehielt und abermals die Uhr taxierte. Erst jetzt erreichte ihn die Botschaft. Ja, es kommt. Langsam, aber es kommt.

"Acht Uhr!" rief er und sein Verstand protestierte.

/Acht Uhr? Wieso acht Uhr?! Du musst um acht Uhr in der Schule sein!!!/

"Oh, oh, nein, nein, aaaaah!!" Jetzt merkte er auch, dass nicht die Vögel draußen sangen, sondern sein Wecker wie verrückt vor sich hin piepte.

"Scheiße!" Kim schmiss das arme, unschuldige Ding in die nächste Ecke und sprang auf, riss die Tür auf, starrte in die vernichtende Leere der Wohnung und grummelte laut: "Warum zum Teufel weckt mich eigentlich niemand, hä?"

Alle waren weg, seine Schwester, seine Mutter, tolle Wurst, er war der einzige und er hasste es wie die Pest zu spät zur Schule zu kommen.

Zwiebel kam jaulend aus der Küche, wollte sich wohl die morgendliche Begrüßung abholen. Kim verzog das Gesicht. "Verräter. Nicht mal du hast an der Tür gekratzt!"

Das Tier blieb zwei Schritte vor ihm stehen, blickte ihn aus großen, unschuldigen Augen an und wedelte mit dem Schwanz.

"Aus dem Weg, Hund! Ich hab keine Zeit!"



~~ooO@Ooo~~


/Oh mein Gott!/

Kim stand vor dem Spiegel und knetete sich ungläubig die Augenpartien.

/Ich seh' aus wie der Herr der Ringe!/



~~ooO@Ooo~~


Er hatte schlechte Laune. Verdammt schlechte Laune. Und diese Mutter mit ihrem Kinderwagen brachte ihn um sein letztes bisschen Toleranz, welche er an diesem glorreichen Morgen noch besaß.

Es war ja nicht so, dass der Bus ohnehin schon erstickend voll war, mit all seinen schreienden Schulkindern und dem Rest der arbeitenden Bevölkerung, nein, Misses-Ich-Steige-In-Diesen-Bus-Ein-Mit-Meinem-Kinderwagen-Komme-Was-Wolle musste natürlich um jeden Preis mit von der Partie sein.

Denn der nächste Bus, in dem bestimmt mehr Platz für sie und ihr Balg gewesen wäre, kam ja erst in fünf Minuten.

Dann wurde Kim gnadenlos in die Arme eines schmierbauchtragenden Mitvierzigers geschoben, auf das er in den puren Genuss des Duftes kommen möge, den dieser Mensch transpirierender Weise verströmte.

Nun beschwerte sich dieser auch noch über Kims grobe Annäherung, woraufhin er es sich nicht nehmen ließ ordentlich zurückzukeifen.

"Tut mir leid, dass ich lebe, schätze ich bin einfach vom Leichenwagen gefallen!!"

Der Dicke, der eine Firmenjacke von Bloom und Voss trug, grummelte irgendetwas vor sich hin und brachte sich in eine für ihn angenehmere Position. Durch diese Bewegungen wurde Kim wieder zu der Frau mit Kinderwagen geschoben.

"Können Sie nicht aufpassen, Sie erdrücken noch mein Kind!"

Kim blieb stumm, resignierte, blickte ins Leere und dachte nur so: /Jemand kann mich nicht leiden... Und dieser Jemand muss ein mindestens genauso lustiger Menschenfreund sein wie ich.../

Er wusste auch, wer das war.

Gott.

Is' doch ganz klar, oder?



~~ooO@Ooo~~


Kim hastete die Treppen rauf, verdammt, er war vielleicht außer Atem! Da meldete sich die Raucherlunge gehässig zu Wort. Mussten die Leute das mit der Oberstufe auch so ernst nehmen?!

Das Klassenzimmer war in Sicht. Schnell noch einen Blick auf die Uhr geworfen: 8:45 Uhr, die zweite Stunde musste gerade angefangen haben.

/Gut, wenigstens zu der noch pünktlich./

Im Geiste ging er den Stundenplan durch. Die ersten zwei Stunden müsste er Englisch haben, das hieße, Frau Hoensch hatte Unterricht.

Scheiße.

Kim klopfte an die Tür, wartete nicht lange ab und trat ein. Der Geräuschpegel, der ihm vorher gewohnheitsmäßig auf voller Lautstärke entgegen kam, verebbte abrupt als er den Raum betrat, aber nur für einige Sekunden.

Alle Augen waren auf ihn gerichtet und Mann, er hasste es im Fokus aller Aufmerksamkeit zu stehen.

Deshalb kam er ungern zu spät.

Frau Hoensch blickte von ihren Unterlagen auf und lächelte leicht.

"Oh, welch Ehre, der Herr hat sich dazu entschlossen dem Unterricht doch beizuwohnen!"

Kim ließ sich nicht weiter beirren und erwiderte nur: "Wenn auch nicht geistig, so dann wenigstens körperlich, Frau Hoensch. Schließlich stehen die Fehlzeiten ja im Zeugnis..."

"So ist es, das möchte ich auch noch mal betonen, meine Freunde..."

Niemand hörte ihr mehr zu, ihre Stimme ging im allgemeinen Redeschwall unter und Kim war das nur recht, obwohl er sich Dinge anhören musste, wie: "Schön das du auch noch kommst!", "Was hast du denn solange gemacht?", "Wo bist du gewesen?", ect.

Er entdeckte Maren auf ihrem gewohnten Platz am Fenster und nickte ihr lächelnd zu, denn sie sah auch nicht viel besser aus als er. Sie winkte müde zurück. Kim grinste übers ganze Gesicht, es war schön zu wissen, dass es Menschen gab, denen es fast schlechter ging als ihm.

Zwar gemein, aber durchaus aufbauend!

Sein Grinsen erstarb als er merkte, dass sein linker Platz frei war, Mario saß nicht mehr neben ihm.

/Was zum...?/

Gehetzt blickte er um sich.

"Kim!"

Mario war da, lächelte ihm zu, aber von der anderen Seite der Klasse aus?!

Wortlos formte er mit den Lippen ein 'Wieso?!', welches Mario genervt abwinkte und sich wieder Frau Hoensch widmete, die in der Zwischenzeit versuchte den Lärmpegel unter Kontrolle zu bringen.

Kim schluckte.

/Genervt?/

Er merkte wie sich Panik in sein Herz schlich.

/Er will nicht mehr neben mir sitzen? Wieso?!/

Sein Atem ging viel zu schnell, seine Augen brannten. Er setzte sich und versuchte sich wieder zur Vernunft zu bringen.

/Wie alt bist du eigentlich? Dafür gibt es eine ganz logische Erklärung! Vielleicht hat Hoensch ihn umgesetzt. Die hat's doch eh auf dich abgesehen./

Die nächsten 45 Minuten waren die schlimmsten seines ganzen Lebens.



~~ooO@Ooo~~


Als es zur Pause klingelte, verließ Kim eilig seinen Platz und verschwand auf der Toilette. Am Waschbecken angekommen traute er sich gar nicht in den Spiegel zu gucken. Spiegel sind grausam. Sie sind grausam, weil sie die Wahrheit sagen. Immer.

Er stöhnte leidlich, rieb sich über die Augen und wünschte, er wäre nur zu Hause im Bett geblieben, bis sich zwei Arme um seinen Körper schlangen und er an eine warme Brust gedrückt wurde.

Marios Atem kitzelte seinen Nacken als er rau flüsterte: "In welchem Krieg hast du denn gekämpft, hm?"

Kim sah in den Spiegel und lächelte ein wenig. "Witzbold."

Mario schmiegte sich enger an ihn und lachte leise. "Diese Narben sehen schlimm aus!"

"Das kommt vom Kopfkissen!!"

Sie lachten jetzt beide. Kim war erleichtert und entspannte sich. Dann schwiegen sie und man konnte aufgeregtes Geschrei in den Fluren hören.

"Ich wollte nicht mehr neben dir sitzen, weil ich mich sonst nicht einen Moment mehr auf das Wesentliche hätte konzentrieren können..."

Er küsste seinen Nacken.

"Das ist okay..." antwortete Kim und schloss glücklich die Augen.


- 12 -

"Warum bist du eigentlich zu spät gekommen?" fragte Mario und setzte sich gemächlich auf die Bank.

Sie hatten den Schulhof der Toilette vorgezogen, denn obwohl sie dort relativ ungestört waren, ist es doch eher ein fragliches Vergnügen, sich heimliche Küsse in dieser nassen und übelkeitserregenden Atmosphäre zu geben.

Kim fragte sich nicht zum ersten Mal, ob die Schule überhaupt nachmittags Putzfrauen beschäftigte, denn die stillen Örtchen sahen jedes Mal wieder aus wie gegessen und wieder ausgespuckt.

Wenn Sie einmal ein historisches Klo aus dem vorigen Jahrhundert sehen wollen, dann besuchen Sie doch einfach mal die Berufsfachschule W3 in Niendorf! Sie werden sehen, die Vorteile des Toilettenpapiers sind nicht von der Hand zu weisen!

Kim schnaubte. "Kennst du das nicht? Ich hab den Wecker nicht gehört."

Mario grinste ihn vielsagend an.

"Ich weiß, was du denkst! Aber hey, dafür gibt es, wie für so vieles, eine ganz einleuchtende Erklärung!"

Er sprang auf, nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette, um sie dann ins nächste Gebüsch zu schnippen und baute sich vor Mario auf.

"Es ist ja so," begann er mit erhobenem Zeigefinger, "die Bettdecke wärmt nicht uns - WIR wärmen die Bettdecke!"

Mario stützte lachend den Kopf in die Hände. "So, so!"

Kim lächelte, er mochte es, wenn er ihn zum Lachen bringen konnte. Beflügelt fuhr er fort. "Ja, und das, meine lieben Genossinen und Genossen, ist auch der Grund, warum wir morgens den Wecker manchmal nicht hören. Den hat die Bettdecke nämlich ausgestellt... weil sie uns nicht gehen lassen will!"

"Also war nicht der Restalkohol schuld?" fragte Mario.

Kim, völlig aus seinem Vortrag über die Tücken des merkwürdigen Eigenlebens von Bettwäsche gerissen, entlockte dieser spröde dahingeworfene Kommentar bloß ein säuerliches Grummeln.

In diesem Moment kam Maren angerannt, rief ein hastiges "'Tschuldigung!" in Marios Richtung, packte Kim am Handgelenk und riss ihn ungefähr hundert Meter quer über den Schulhof, heftigst protestierend hinter sich her, in Richtung Turnhalle. Als sie diese erreicht hatten, wiegte sie sich in Sicherheit.

Kim war wirklich wütend. "Sach mal, bist du nich' mehr ganz frisch, oder was? Hast du schlecht geschissen?"

Maren achtete nicht sonderlich auf diesen unbeherrschten Wutausbruch. Sie lugte linkisch um die Ecke und zog ihn dann hinter die Mauer der Turnhalle.

"Merkst du eigentlich noch was? Merkst du eigentlich noch irgendetwas? Merkst du die Einschläge noch?"

Sie sah ihn mit großen Hundeaugen an, zog einen Schmollmund und murmelte: "Schmeiß mal bitte 'ne Kippe auf'n Markt, ich hab 'n tierischen Schmachter!"

Kim lehnte sich demonstrativ ruhig an die Wand, spielte mit der Schachtel und betrachtete den Himmel.

"Ich denk' ja nich' dran, warum sollte ich deine Sucht unterstützen?"

Maren packte ihn an den Schultern. "Bitte!"

"Ist ja gut!"

Sie bediente sich mit zitternden Fingern. Schon aus purer Gewohnheit zückte er gleich sein Feuerzeug, denn Maren hatte grundsätzlich nie Zigaretten, geschweige denn Feuer in der Tasche.

Maren Buchwald war mit Abstand die größte - und aufgrund ihres 'unwiderstehlichen Charmes' - erfolgreichste Schnorrerin auf Gottes weiten Fluren.

Könnt ihr Halleluja sagen?

Sie nahm ein paar nervöse Züge, trappelte vor ihm auf und ab, murmelte unverständliches und raufte sich die Haare. Nachdem Kim sich dieses bekannte Schauspiel (so hatte er sie schon oft erlebt) eine Weile angeschaut hatte, fasste er sie nun seinerseits an den Schultern.

"Würdest du mir jetzt bitte mal erklären, was hier los ist?"

"Oh Kim, oh Kim, oh Kim!" heulte sie, ließ den Kopf hängen. "Ich hab Scheiße gebaut."

"Was ist denn los?"

Maren betrachtete ihre ineinander verknoteten Finger, während sie die Lage vor ihm abspulte. "Claudias Party, Alkohol, viel zu spät, Karsten, geküsst, gefummelt, Reue, Reue, Reue!"

"Wow, wow, wow, wow, wow!! Wow, moment mal! Halt, Stop! Karsten? Unser Pizzagesicht Ich-Bin-ein-Arschloch-Auf-Zwei-Beinen Karsten? Dieser Karsten? Der?!"

Maren blickte ihn böse an.

Kim konnte sich gar nicht wieder einkriegen, das war herrlich komisch! Das war schräg. Er musste sich stark beherrschen, um nicht einen hysterischen Lachanfall zu starten, der wohlmöglich auch noch verdächtig gehässig geklungen hätte.

"Das Ganze jetzt bitte noch mal langsam, in Ruhe, ausführlich und auf deutsch." Er verschränkte die Arme.

Maren schien ein wenig schuldbewusst. "Na ja, es ist schon meine Schuld, nachdem du so lange verschwunden warst, hab ich angefangen mir ordentlich einen hinter die Binde zu kippen..."

Hier zog sich Kims Augenbraue in die Höhe, doch er dachte, es wäre überflüssig zu erwähnen, dass sie schon vorher ziemlich einen weg hatte.

"Irgendwann is' es so spät, es is' so spät, Kim, irgendwann ist es zwölf... nach elf. Er kam zu mir, wir haben gemeiert, einen Kurzen nach dem anderen, wie das halt so ist... und nach dem zehnten Glas, oder so... dachte ich: Soooo scheiße sieht er ja gar nicht aus..."

Nun musste er wirklich lachen. "Scheiße, Maren! Dann war der Kerl, mit dem du so heftig am rumknutschen warst also..."

"Ja, ganz genau," grummelte sie. "Ich finde das ganz und gar nicht witzig! Jetzt läuft er mir ständig nach... und wenn die ganze Sache erst mal rauskommt... nicht auszudenken! Schließlich habe ich auch einen Ruf zu verlieren!"

Sie blickte gequält in die Sonne, blinzelte und nahm einen Zug von ihrer Zigarette.

Kim klopfte ihr grinsend auf die Schulter. "Mäuschen, da hast du dir ja was angelacht!" Er schüttelte den Kopf. "Mann, ich wette, inzwischen weiß es die ganze Schule."

"Na, du bist mir ja eine schöne Hilfe..."

"Die Wahrheit tut weh."

"Ja, aber musst du immer so grausam sein und mich an die Realität erinnern?"

"Immer wieder gerne!" lachte er.

"Ich hasse dich, Kim."

Er grinste breit. "Das freut mich, Kleines!"



~~ooO@Ooo~~


Die Schulglocke riss die beiden aus ihrem nachdenklichen Schweigen. Der Unterricht begann wieder, auch noch Mathe, Kims heißgeliebtes Lieblingsfach! Mit Sicherheit würden sie heute die Mathetests zurückbekommen.

Er sah Herrn Antelmann schon vor sich, chronisch gutgelaunt den Zirkel schwingend, während er ihm die nächste Fünf auf den Tisch knallte.

"Klassisch!" würde dieser Lehrkörper der Klasse verkünden.

Kim verzog das Gesicht, er hatte so das blöde Gefühl, dass genau das gleich geschehen würde.

Sozusagen das Sahnehäubchen dieses gelungenen Wochenanfangs.

Maren stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. "He, aufwachen!" Sie lächelte schon wieder. Er wünschte manchmal, er hätte auch so ein schlichtes Gemüt.



~~ooO@Ooo~~


Wie schnell doch die Zeit vergeht, wenn einem ein gutaussehender blonder Bursche im Förderunterricht die Formeln erklärte!

Kim genoss Marios Nähe mehr als sonst, denn dieses Mal war sie quasi 'offiziell erlaubt', schließlich saßen sie so dicht beieinander, weil sie sich in schwierigen schulischen Angelegenheiten gegenseitig halfen. Kein Grund für 'falsche Vermutungen', wie man so schön sagte, obwohl ihm Claudias Getuschel mit ihrer Sitznachbarin unheimlich auf die Nerven ging.

Es sah fast so aus als hätte die was mitbekommen!

Plötzlich stützte Mario seinen Kopf in die Hand und fragte leise: "Kann ich heute zu dir kommen?"

Kim lief hochrot an, natürlich konnte er kommen, was für eine Frage, aber es kam ihm mit einem Mal so vor als sei der Lärmpegel stark gefallen, just in dem Moment als sich sein Freund so vertraulich zu ihm beugte.

Als warteten jetzt alle in der Klasse auf eine Antwort.

Er blickte schnell auf seinen Zettel, schrieb eifrig weiter und bedeutete mit einem kurzen Nicken ein Ja.

Mario lehnte sich zufrieden zurück.

"Schön!"


- 13 -

Als er nach Hause kam wusste er, irgendetwas stimmte nicht... zumindest war einiges anders als sonst.

Seine Mutter pfiff in der Küche vergnügt vor sich hin und diese Tatsache an sich war doch schon mal äußerst suspekt. Seine Mutter? In der Küche? Vergnügt? Hä? Er meinte sich erinnern zu können, dass dies schon einmal der Fall gewesen war. Und zwar hatte ein Kellner im Cafe ihr Alter tatsächlich auf 35 geschätzt.

Ja, das hatte sie ungelogen fast einen Monat lang begeistern können, dabei triefte diesem schmierigen Pinguin doch der Schleim nur so aus sämtlichen Poren, auch noch mit einem Grinsen auf den Lippen, das auf mehr Trinkgeld hoffte.

Egal, wenn sie glücklich dabei war...

Kim riskierte einen Blick in die Stube. Der Fernseher lief, jedoch ohne Ton, was wiederum günstig für Miss Britney Spears war, die aus den Radioboxen säuselte, dass sie weder Mädchen noch Frau ist.

/Wie wahr... eher eine kreischende Sirene, die unschuldigen Menschen den gesunden Verstand raubt.../

Svenja blickte kaugummikauend von ihrem Teenagermagazin auf, mit dem sie es sich auf dem Sessel bequem gemacht hatte und gönnte ihm ein genuscheltes "Na..." zur Begrüßung. Das Universalwort innerhalb der Familie für alle Willkommensfloskeln.

"Na... Sag mal...", begann er zögerlich und deutete hinter sich, "was is' denn hier los?"

Sie kicherte vor sich hin. "Pass auf, vielleicht überfällt sie uns gleich mit einem ihrer 'kleinen Gefallen'. Ich wette, du musst nachher einen halben Großeinkauf tätigen."

Gerne verteilte seine Mutter große Aufträge, wenn sie gutgelaunt war, die meistens darin bestanden, das Auto zu waschen, einzukaufen, den Müll raus zu bringen (und bitte mal den Eimer auswaschen), die Wäsche zu bügeln und vieles mehr, je nachdem auf welchem Pegel ihr Glücksempfinden gerade verweilte.

Kim dankte Gott auf Knien dafür, dass sie keinen Garten hatten, indem man ihn zu Rasenmähen hätte schicken können.

Jetzt stellte sich für ihn aber immer noch die brennende Frage, warum seine Mutter ihn heute auf Derby schicken sollte. Einkaufen... sie hatten doch alles da?

Er runzelte die Stirn. "Wieso? Hab ich irgendwas verpasst?"

Svenjas Augen wurden groß, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. "Wie geil, du bist echt 'ne Marke! Papa kommt doch heute wieder, Mensch!"

/ACH... DU... SCHEIßE!/

Svenja schien Kims verdutzten Gesichtsausdruck nicht zu bemerken, da sie sich wieder in ihr Magazin vertiefte, was sie aber nicht davon abhielt die Lage weiter auszuführen.

"Wir brauchen jede Menge Cola und Wodka, schließlich darf der übliche Willkommensumtrunk nicht fehlen, du kennst das ja. Blöd nur, dass heute Montag ist, es wird bestimmt wieder spät... Und komm ja nicht auf die Idee, dass ICH das Zeug holen gehe! Ich trinke nicht. Wäre ja noch schöner, ich renn los für euer Saufgelage, ich glaub, es hackt..."

Während Svenja sich in Rage redete, schaltete Kims Verstand ihre keifende Stimme aus, um sich besser auf seine eigene hallende Version in seinem Kopf konzentrieren zu können.

/Oh Nein! Oh Nein! Das hab ich vollkommen verpennt! Das is doch völlig für'n Arsch! Was machst du jetzt?! Was machst du jetzt?! Mario wollte kommen! Und wenn Papa ihn trifft... wenn Mario mit ihm Einen trinkt... wenn sie sich unterhalten, und verdammt noch mal, du schlauer Fuchs, das werden sie... vielleicht verplappert er sich... vielleicht denkt Mario auch, meine Eltern wüssten über uns Bescheid! Das geht nicht. Das geht gar nicht!

Was machst du jetzt!? Was machst du jetzt, Kim?/

Dicke Backen.



~~ooO@Ooo~~


Seine Mutter köchelte Labskaus, spätestens hier wäre ihm aufgefallen, dass sein Vater vor der Tür stand, denn der liebte das Zeug so abgöttisch, er würde darin baden, wenn er könnte.

Kims Meinung nach sah dieses Gericht aus wie schon mal gegessen, aber wer fragte ihn schon. Er würde fleißig mitessen, denn mal ganz ab vom Äußeren, schmeckte die Version seiner Mutter hervorragend.

Sie hantierte gerade mit Pfanne und Eiern, bevor sie sich ihm zuwandte, wischte ihre Hände am Geschirrhandtuch sauber und trällerte vergnügt: "Na, mein Spatz! Wie war's in der Schule?"

Der Vergleich mit einem kleinen dicken Vogel saß schwer, nur wider Willen ließ er sich einen Kuss auf die Stirn drücken und durch die Haare fahren. Ihre Frage ließ er unbeantwortet, sowieso nur der Form halber gestellt.

Außerdem fragte er sich, ob man nicht ein Gesetz gegen gute Laune und schlechte Witzelchen erlassen konnte, wenn einem selbst so gar nicht danach zu mute war.

/'Unter Hinweis auf §12 (I) des HumGemüG (Humor und Gemüt Gesetz) nehmen wir Gagschutz für Kim Bestmann in Anspruch.'/

Oder so ähnlich...

Innerlich stöhnte er auf, sein Vater war im Anmarsch, der Inbegriff eines patzigen Messebauers, immer einen politisch unkorrekten Spruch auf den Lippen, welcher grundsätzlich mit weitausholenden Gesten und einem kehligen Lachen vorgetragen wurde.

Im Prinzip ganz lustig, vielleicht sogar erträglich, aber nicht heute.

/Warum ausgerechnet heute!? Wenn ich vorbereitet gewesen wäre... Ich Witzbold habe ja noch nicht mal Marios Telefonnummer! Ich hoffe bloß... ich hoffe bloß, dass alles gut geht... und nichts raus kommt./

Kim wusste sehr wohl, dass er sich nicht sein Leben lang vor seinen Eltern verstecken konnte, was seine Vorlieben in der Partnerwahl betraf, aber er wollte sich bitte den Zeitpunkt für so eine Offenbarung selbst aussuchen. Und das war auf Garantie nicht jetzt, nicht heute und nicht morgen, vielleicht sogar nicht mal in diesem Jahr! Dafür fühlte er sich noch nicht bereit genug.

Er entwandt sich seiner Mutter und fragte wie beiläufig: "Wann kommt Papa?"

"Och, ich weiß nicht. Um Vier, um Fünf, um Sechs, er hat sich noch nicht gemeldet. Kommt drauf an, ob sie im Stau stecken bleiben. Wieso?"

"Nur so."



~~ooO@Ooo~~


Wie immer lag der Hund auf seinem Bett, die Pfoten weit von sich gestreckt, schlafend wie ein Baby, was er im Grunde auch war, trotz der vier Jahre auf dem Buckel.

"Hey, mein kleiner Scheißer..." Kim stand mit verschränkten Armen vor dem Bett und blickte schmunzelnd auf das Tier herab. "Willst mich nicht begrüßen, was?"

Zwiebel blinzelte träge, gähnte laut und bedachte Kim mit einem gelangweilten Blick, um den Kopf dann wieder mit einem leisen 'Pfuff' auf die Bettdecke plumpsen zu lassen.

"Nein, keine Begrüßung, tja, dann muss ich wohl mit dieser Schmach leben..."

Er kramte sich eine verknitterte Zigarette aus der Jacke und zündete sie sich an. Dass die wie das Taschentuch eines Klempners schmeckte, interessierte ihn jetzt auch nicht mehr.

Schwerfällig, als wäre er ein wirklich verdammt alter Mann, der verdammt viel in seinem Leben mitmachen musste, ließ er sich in seinen Sessel fallen. Von dort aus hatte er einen guten Blick aus dem Fenster auf den Parkplatz. Er wollte unbedingt sehen, wie sein Vater ankam, ganz zu schweigen von Mario.

/Und was bringt das?/

"'Und was bringt das?'" äffte er sich nach, offensichtlich mit der Gesamtsituation unzufrieden.

/Vielleicht kann ich ihn abfangen bevor Papa hier ist.../

Kim resignierte. Er wäre liebend gerne an einem anderen Ort, bloß weit weg vom hausinternen Wahnsinn. Denn wenn sein Vater zu Hause war, war diese Familie wirklich vollständig, gab sich ein Wort das andere, wurde mit sarkastischen Bemerkungen um sich geschmissen, gegenseitig die Eier geschaukelt, aber auch derbe ausgeteilt.

Und wenn sich das für jemanden nach einem harmonischen Familienleben anhörte, sollte derjenige bitte umgehend in die Klapse eingeliefert werden: Letzter Aufruf für den Ochsenzoll-Express! Alles einsteigen bitte, Türen schließen!

Er grummelte in die Stille seines Zimmers und wusste, er übertrieb, dennoch kam es der Wahrheit ziemlich nahe. Er fürchtete sich vor seinem gesprächigen Vater, der es immer irgendwie schaffte, Leute in ein Gespräch zu verwickeln und wenn es um Kunstrasen gegangen wäre! Auch daraus konnte man eine 'leidenschaftliche Diskussion' machen, Marke: Ich bin dafür!

Und wenn das erst mal bei ihm losging, konnte das Thema ganz leicht in Richtung "Wann konnte Kim das erste Mal alleine aufs Töpfchen gehen?" umschlagen. Das ging verdammt noch mal schneller als ein Lämmchen mit dem Schwanz wackelte.

Kim hatte so das Gefühl, dass Mario ein Mensch war, den das brennend interessieren würde. Er konnte bereits schon jetzt sein schiefes Grinsen sehen, das mehr als tausend Worte sprach.

/Wenn das nur alles wäre.../

Kim beobachtete verträumt wie sich der blaue Dunst seiner Zigarette in rauchige Nebelschwaden auflöste.

Das war es eigentlich nicht, nein. Wovor er wirklich Angst hatte war, dass die Stunde der Wahrheit gekommen sein könnte. Angst, dass alles rauskommen könnte.

Er wusste nicht, was seine Eltern tun würden, wenn sie erfuhren, dass das mit den Enkelkindern zumindest bei ihm nicht klappen würde.



~~ooO@Ooo~~


Mit einem mal schreckte er hoch, sein Herz schlug wild, die Augen weit aufgerissen. Er war eingeschlafen und etwas hatte ihn geweckt.

Zwiebel bellte, kratzte an der Tür und sprang aufgeregt hoch, winselte flehentlich, dass Kim ihn rauslassen sollte. Dieser rieb sich die Augen, wie hatte das passieren können? Er war todmüde! Zu allem Überfluss schmerzte auch noch sein Nacken, er hatte total falsch gelegen, in diesem kleinen Sessel.

/Wie lange habe ich geschlafen?/

Zu lange, befand er nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr, welche ihn anzuschreien schien: Zwei Stunden! Zwei lange Stunden!

Er wankte aus seinem Zimmer. Der Hund preschte durch seine Beine hindurch in den dunklen Flur, keinen Gedanken an sein Herrchen verschwendend, der Mühe hatte, das Gleichgewicht wiederzufinden. Kim grummelte verstimmt, da jagte ihm die Türklingel den nächsten Schock in die Glieder.

/Oh... oh... oh... schweig still, mein Herz.../

Das konnte nur sein Vater sein. Die Klingel klang irgendwie aufdringlicher, wenn er sie benutzte. Aber natürlich konnte Kim sich das auch nur einbilden, sein Verstand arbeitete im Zeitlupentempo und so war er auch nur mäßig aufgeregt, obwohl Papa ante portas war.

Da hörte er auch prompt, dass noch Leben im Haus war, denn bis vor wenigen Sekunden war es totenstill gewesen. Seine Mutter kam aus dem Badezimmer, frisch parfümiert, nett anzusehen und offensichtlich bei einem Clown in die Schminklehre gegangen.

"Was stehst du so rum, machst du mal bitte die Tür auf? Meine Fingernägel müssen erst noch trocknen..." Sie wedelte mit den Händen vor seinem Gesicht, als wollte sie sagen: 'Machst du husch, husch!'

Kim wusste nicht, ob er lachen oder schreien sollte. Vielleicht ja doch eher beides, das eine muss das andere ja nicht ausschließen. Sie bot so einen amüsanten Anblick, einfach weil sie sich eher selten ihrem lässigen Jogginganzug-Outfit entledigte.

Svenja kam ihm mit dem Türöffnen zuvor. Ohne das er es mitbekommen hatte, stand sie bereits im Treppenhaus und blickte die Stufen hinunter. Kim schickte eilige Befehle in Richtung Hirn, es möge doch bitte mal dafür sorgen, dass er langsam wach wurde!

Im Treppenhaus wurde es laut, Stimmen hallten. Es waren mehrere, ja, hatte sein Vater etwa Eckhart noch mitgebracht? Dabei war er doch sonst nicht so gut auf seinen Chef zu sprechen... Auch ein Thema, über welches er Al Bundy like liebend gerne philosophierte.

Es wurde Kim zu bunt, diese Ungewissheit, also schob er sich gebückt durch die Haustür. Gebückt, weil Svenja die Tür halb zuhalten musste, damit der Hund nicht runter lief und er wohl kaum über ihren Arm steigen konnte.

Als er aus dieser kauernden Haltung wieder die eines aufrechten Menschen machen konnte, stieß er frontal gegen den großen Bauch seines Vaters und wurde prompt von zwei starken Armen gedrückt.

"Papa!"

"Moin, mien Jung!" kam es lachend. "Dat nenn' ick ma ne stürmische Begrüßung!"

Kim lächelte etwas unsicher, ließ seinen Vater vorbei, der es sich nicht nehmen lassen konnte, ihm einmal durch die Haare zu wuscheln und seufzte. Svenja lachte laut, als ihr Vater grummelnd wie ein Bär auf sie zu kam und ordentlich in die Arme nahm.

Da sah Kim schmunzelnd, dass doch noch etwas von dem kleinen Mädchen übrig war. Dabei hatte er schon gedacht, der pubertierende Mutant, seine Schwester, wäre immun gegen übermäßige väterliche Zuwendung geworden.

Und mit einem Mal schien alles halb so wild. Dieses Bild, seine kleine Schwester, lachend in den Armen ihres Vaters, schien alles zu erklären. Schien ihm zu sagen, dass er einen Ort hatte, an den er zurückkehren konnte.

Seine Familie. Er brauchte keine Angst zu haben.

/Okay, jetzt ist er da.../ dachte er und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, was er nicht bemerkte. /Du wirst es überleben, es wird dir ganz leicht fallen und absolut nichts wird dich verraten, du.../

"Kim," rief sein Vater, "hilf doch dem jungen Mann mal mit den Sachen, er war so nett, mir die große Tasche zu tragen..."

Hö?

Niemand anderes als Mario kam die Stufen rauf, die Reisetasche geschultert und noch irgendwelche anderen Tüten tragend. Er war sogar etwas außer Atem, nicht verwunderlich, wenn man bedachte, dass sie im vierten Stockwerk wohnten und ein Fahrstuhl nichts weiter war als ein netter Traum, welcher in diesem Leben niemals Wirklichkeit werden würde. Zumindest nicht mit diesem Hauseigentümer.

"Mario!"

/Warum bin ich eigentlich überrascht? Warum zum Teufel bin ich noch überrascht? Das war doch klar, absolut klar! Oh Mann, alles was passieren kann, passiert auch, verdammt noch mal, merk es dir, MERK ES DIR!/

Diese Situation war zu blöd, um wahr zu sein! Da machte er sich die ganze Zeit einen dicken Kopf, hatte noch gehofft, Mario abzufangen und da hatten sich die zwei schon im Treppenhaus getroffen. Wieso hatte er nur das Gefühl, diese Szene könnte aus einer miesen Soap-Opera stammen?

Kim stolperte auf ihn zu, verlor das Gleichgewicht und fiel Mario vor die Füße. Nach einem kurzen Schock folgte ein Lachanfall beiderseits, den Kim sich nicht erklären konnte, aber der unheimlich gut tat, nach all der Spannung.

Und sein Freund war da. Er fühlte sich sicher.

Mario beugte sich lächelnd zu ihm. "Du brauchst nicht gleich vor mir auf die Knie zu fallen, Kim."

"Ich kann nicht mehr!" kicherte er. "Sag, dass ich noch träume!"

Mario streichelte ihm flüchtig über die Wange, stellte die Taschen ab und half ihm auf. "Kein Traum, aber trotzdem nett, findest du nicht?"


- 14 -

"Mh, nett habt ihr's hier," stellte Mario fest, während er Photos aus Kims Kindertagen an der Wand studierte.

"Findest du?"

"Ja." Er schmunzelte. Da stand ein Bild direkt neben der Haustür auf der Kommode, ein kleiner Junge am Rand einer Sandkiste, das T-Shirt verdreckt, in der Rechten eine kleine rote Schaufel, die großen, grauen Augen erstaunt aufgerissen, während er sich voll ernsthafter Hingabe Schokolade ins runde Gesichtchen schmierte.

Kim, dachte Mario und er musste lächeln, wie schon so oft, seit er diesem kleinen Miesepeter begegnet war. Es viel ihm schwer, sich von dem Bild loszureißen.

"Willst du was essen?"

"Danke, nein."

"Irgendwas trinken?"

"Später vielleicht."

"Wirklich nicht?"

"Kim," sagte Mario und stupste ihn an, "warum so nervös?"

Kim kümmerte sich grummelnd um die Garderobe seines Vaters, welche er ihm vorher in die Hand gedrückt hatte, um auf die Toilette zu entschwinden. Ein wirklich dringendes Geschäft, wie er laut lachend kundgetan hatte. Kim wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken, aber Mario hatte nur gegrinst und erwidert, dass man seine Geschäftspartner lieber nicht warten lassen solle, denn das könne übel ausgehen.

"Ich bin nicht nervös..." murmelte Kim mit der schweren Jacke kämpfend. Er merkte wieder, dass er zu klein für diese Welt war, denn an den letzten freien Harken des Ständers kam er einfach nicht ran.

"Nein, gar nicht..." Mario legte den Kopf schief und beobachtete belustigt, wie Kim krampfhaft versuchte, die Jacke seines Vaters ordentlich aufzuhängen, was sich doch glatt als wahrer Kraftakt erwies.

Kim streckte seinen Arm aus, stellte sich auf die Zehenspitzen und hüpfte, den Kopf weit im Nacken, ächzend die Garderobe empor, bis er leise fluchend aufgab und Mario hilfesuchend anblickte.

Dieser lächelte, brachte die Jacke ohne Probleme an ihren Platz, bevor er sich dann auch seiner eigenen entledigte und die Schuhe auszog. Gesittet, wie es sich gehörte.

/Das würde meiner Mutter gefallen.../

"Kim," hörte man es aus der Stube, "hol doch bitte mal ein paar Gläser und sag deinem Freund, wenn er Hunger hat kann er ruhig was essen, es ist genug da."

Kim blickte entschuldigend in Marios Augen und zuckte die Schultern. "Damit hatte ich gerechnet. Ich schätze, dass wird den ganzen Abend so gehen. Sie hat immer Angst, dass ihre Gäste spontan verhungern könnten..."

Svenja kam in den Flur, warf einen kurzen, durchaus gelangweilten Blick in die Richtung ihres Bruders und schien dann für einen kleinen Moment wie erstarrt, hatte sie doch nicht mit einem fremden Jungen nebst Kim gerechnet, welcher ein unglaublich charmantes Lächeln erstrahlen ließ.

"Guten Abend," sagte Mario und nickte freundlich.

Mit soviel Freundlichkeit vom anderen Geschlecht konnte Svenja noch nicht sonderlich gut umgehen. Ihre Augen wurden groß, ihr Gesicht bekam eine interessante Färbung und Kim konnte sich gerade so ein Kichern verkneifen, denn ihr wurde wahrscheinlich klar, dass sie nur mit kurzer Shorts und verwaschenem T-Shirt bekleidet durch die Wohnung rannte.

Kaum hörbar erwiderte sie den Gruß und schlich schnell in ihr Zimmer, das Gesicht erschrocken, aber vor allem... rot! Kim musste lachen, es kam so selten vor, dass seine ach so unerschütterliche Schwester die Fassung verlor.

Aber vielleicht hatte sie einfach nur den selben Geschmack wie er.

"Ich glaube, sie mag dich."

Mario grinste vielversprechend und zwinkerte ihm zu. "Sie ist nett."

Augenblicklich fing sich Mario einen bösen Blick ein. "Nett, was? Ich schenk sie dir, nimm sie bloß mit nach Hause..."



~~ooO@Ooo~~


"...ich steig also in die S-Bahn, proppevoll, mit meinem Gepäck, quetsche mich durch die Menschen, aber glaubt ihr, da macht irgendwer Platz? Auch nur einer? Und dann wollen sie sich auch noch beschweren, oder wie seh ich das? 'Passen Sie doch auf!', 'Muss das sein?', 'Tut das Not?!'..."

Kims Vater nahm einen großen Schluck von seinem Long-Drink (Wodka meets Cola), ließ eine angemessene Pause verstreichen und blickte sie alle der Reihe nach an. Kim, neben ihm Svenja (welche sich nun der Situation angemessen gekleidet hatte und sich außerdem einen Keks zu freuen schien) und Mario, der offensichtlich von der Unterhaltung begeistert war, denn er lauschte gebannt.

"Ich sach: 'Türlich tut das nich Not, Bester, viele Dinge sind überflüssig und trotzdem wird die Todesspritze vor ihrem Gebrauch desinfiziert! Also ein wenig Rücksichtnahme, nur ein wenig von Ihrer Rücksichtnahme und diese Diskussion hätte auch nicht Not getan.' Was meint ihr, wie der geguckt hat..."

Mario und Svenja brachen in schallendes Gelächter aus, während Kim einen wissenden Blick mit seiner Mutter tauschte, die kopfschüttelnd aus dem Bad kam und sich wieder in die Runde einfügte.

"Das hast du gesagt?" fragte sie ihn, nicht sehr überzeugt.

"Na und ob ich das gesagt habe!" Er lachte tief und zwinkerte ihr zu.

"Ich versteh das nicht, immer passieren dir solche Sachen in der S-Bahn, laufend kommst du nach Hause mit solchen Geschichten..."

"Ich weiß auch nich wieso, auf manche Fragen gibt es einfach keine Antworten! Oder," sagte er und wandte sich dabei an Mario, "kannst du mir sagen, was in Baby-Öl drin ist, wenn ich genau weiß, dass Olivenöl wegen seiner Inhaltsstoffe so genannt wird, wie es eben genannt wird?"

Mario schüttelte grinsend den Kopf. "Nein... das kann ich nicht."

Kims Vater wies mit der Hand gen Himmel und sah wieder seine Frau an. "Da hast du's, unparteiische Meinungen, heutzutage Gold wert..."

"Ich wüsste auch nicht, was ich sagen sollte, wenn mir jemand so eine seltsame Frage stellt," erwiderte sie bloß, trank einen Schluck Rotwein und beugte sich vertraulich vor. "Wenn du hier ein ernsthaftes Gespräch erwartest, Mario, dann ist jetzt vielleicht deine letzte Chance zu gehen!"

Mario stützte den Kopf in die Hände. "Nein, ich glaube, ich bleibe noch ein bisschen."

"Seit zwanzig Jahren bin ich jetzt mit dir verheiratet und zack, rumps, fällst du mich von hinten an, wie ein kleiner Raptor! Ich bin erschüttert!"

Kims Vater lehnte sich mit gespielter Empörung gegen seinen Sessel und spreizte den kleinen Finger vom Glas, während er noch einen großen Schluck daraus trank, demonstrativ Löcher in die Luft guckend.

Lachend rief sie: "Ja, is schon recht, trink ma noch einen!"

Kim selbst war das alles nicht unbekannt, er versuchte nur möglichst viel Ähnlichkeit mit einem Blumentopf anzunehmen, bevor sich die Aufmerksamkeit dieser illustren Gesprächsrunde auf ihn lenkte.

Svenja kümmerte sich um die Musik, wie immer, sie hatte ein ausgesprochen gutes Händchen für so was. Wann immer ihr Umfeld laut mitsang merkte sie sich die Band und den Titel des Stücks, bei welcher Gelegenheit getanzt wurde und wann eher nicht.

Von allen Anwesenden im Raum kannte sie mindestens fünf Lieblingslieder, Mario mal ausgeschlossen, aber Kim zweifelte nicht daran, dass sich jenes im Laufe des Abends noch ändern würde. Sie kannte eine Millionen Lieder und, bei Gott, sie zögerte nicht ihr Wissen einzusetzen.

Kim grauste, er wusste untrüglich, dass dies ein langer Abend werden würde.

Und natürlich hatte er recht.



~~ooO@Ooo~~


Die Stufe angenehmer Trunkenheit war schnell erreicht, die Musik dröhnte lauter aus den Boxen, so dass man schon regelrecht schreien musste, um sich unterhalten zu können.

Außer Kim schien sich jedoch keiner Gedanken zu machen, dass die Gesetzeshüter vielleicht bald vor der Tür stehen konnten, immerhin war es mitten in der Woche und die Nachbarn nicht gerade tolerant in solchen Dingen.

Er warf einen bändersprechenden Blick zu seiner Schwester, welche gerade wieder die Lautsprecher strapazieren musste. Sie ignorierte ihn aber, sie war überraschend gut gelaunt und sang lauthals mit, denn ausnahmsweise hatte sie eine Platte aufgelegt, die ihr selbst gefiel und scherte sich nicht darum, ob die Allgemeinheit ihr Zustimmung schenkte.

Inzwischen bewegte sich die Gesprächsrunde den persönlicheren Sachen des Lebens zu, wovor Kim sich schon den ganzen Tag gefürchtet hatte.

"Seit dreißig Jahren bin ich schon mit dir verheiratet," rief sein Vater, "seit, dreißig Jahren! Aber kein Vertrauen, absolut kein Vertrauen..."

"Wie könnte ich dir schon vertrauen?!" rief seine Mutter belustigt zurück, das Gesicht gerötet, durch den Alkohol aufgeputscht. "Du hättest jetzt mit dieser Bäuerin zusammen sein können, die hatte wenigstens Geld, aber nein, du wolltest ja nicht..."

Mario lachte auf, verschluckte sich hustend an seiner Cola. "Eine Bäuerin?"

Kims Mutter nickte eifrig. "So haben wir uns kennen gelernt. Ich bin mit meinem Vater damals in die Kneipe gegangen, wo war das noch?" fragte sie ihren Mann, aber mit einem Blick, der sagte, dass sie es genau wusste, nur aus seinem Mund hören wollte.

"Ha!" Er zeigte mit dem Finger auf sie. "Das war bei Kuno! Ich saß am Tresen und dann kamst du dazu..."

"Richtig. Er sah aus wie das Allerletzte..."

"Wie bitte?" lachte er entrüstet. "Da war ich noch jung und unverbraucht, ein richtig knackiger und vor allem unschuldiger junger Kerl!"

"Unschuldig!" kicherte sie und fächelte sich mit der Hand Luft zu. Kim verstand den Wink, stand auf und öffnete die Balkontür, genoss den frischen Sauerstoff und seufzte. Er hatte diese Geschichte schon tausend Mal gehört, mindestens.

Er blieb dort stehen und betrachtete den dunklen Himmel, während das Leben hinter ihm weiter ging. Er war nur froh, dass seine Eltern über sich sprachen und nicht über ihn, was sicher daran lag, dass sie sich so lange nicht gesehen hatten.

"Ich bitte dich, deine Haare hingen dir ins Gesicht und du hattest einen verboten hässlichen, karierten Pulli an, irgendein versüfftes Grün, ganz schrecklich jedenfalls..."

"Damals war die Mode noch anders..." murmelte er und musste sich prompt von der anderen Seite des Zimmers von Svenja ein spöttisches Lachen anhören. "Ja, schrecklicher!"

"Ach so, deswegen wiederholt sich der ganze Kram jetzt? Die ganzen Klamotten, Mann, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich die alle aufbewahrt..."

"Gott behüte!" rief Kims Mutter lachend. "Und dann hat er mich gefragt, ob ich mit ihm Schwimmen gehe..."

"Schwimmen?" wiederholte Mario grinsend.

Kims Vater flüsterte ihm zu: "Mir ist nichts anderes eingefallen, aber he, sie hatte einen dermaßen kurzen Rock an..."

"Ja, das hattest du noch nie gesehen, was? Er war so begeistert, dabei war der gar nicht so kurz..."

"Jedenfalls hat sie mich eiskalt abblitzen lassen," sagte Kims Vater trocken.

"Na klar hab ich dich abblitzen lassen! Aber das beste war, wir haben uns ein paar Wochen später wieder getroffen, beim Fußball..."

"Und das ist der Hit," eröffnete Kims Vater vielversprechend, "Walter war ihr Bruder!"

"Walter war der beste Freund von ihm und außerdem Mannschaftskapitän des TUS-Schnelsen," erklärte Kim, welcher sich wieder in angemessenen Abstand neben Mario setzte. "Als sie sich das erste Mal trafen, haben sie sich gleich geprügelt, aber danach ging's dann..." Kim zuckte lächelnd die Schultern.

"Er war mit seiner Freundin da, der Bauerntochter, sie hätte richtig viel geerbt, das Gut mit über fünfzig Kühen, Schafen, Hühnern und weiß der Geier, was noch...", erzählte Kims Mutter, "und was macht der unschuldige Kerl? Baggert mich wieder an..."

"Aber DU hast mich geküsst!" rief der Kerl protestierend. "Es war ihr Kuss, sie hat mir vielleicht die Zunge in den Rachen gesteckt..."

Kim riss die Augen auf und versteckte sich hinter seinen Händen. /Oh mein... Gott!!/ Er wäre am liebsten im Boden versunken. Beim besten Willen konnte und wollte er sich nicht vorstellen, dass seine Eltern ein Sexualleben haben könnten!

"Du brauchst gar nicht so zu gucken, Kim!" sagte sein Vater grinsend. "Seit nunmehr vierzig Jahren bin ich jetzt mit deiner Mutter verheiratet und du hättest auch gerne im Taschentuch landen können!"

Mario prustete erstickt. "Im Taschentuch!" Er klopfte sich wild auf die Brust, versuchte seinen Lachanfall unter Kontrolle zu bringen. "Im Taschentuch!" wiederholte er und Tränen sammelten sich in seinen Augen.

Kim grummelte. "Ja, ja, ich bin Kummer gewohnt..."



~~ooO@Ooo~~


23:45 Uhr und endlich löste sich die kleine Gesellschaft auf. Kim ahnte, dass er morgenfrüh nicht besser aus dem Bett kommen würde als heute.

Er begleitete Mario noch bis zu seinem Wagen.

"Komm gut nach Hause," murmelte Kim und wischte sich gähnend durchs Gesicht. "War ein langer Abend..."

"Ja, aber mir hat's gefallen. Ich mag deine Eltern." Mario lächelte warm. "Sie scheinen sich gut zu verstehen."

"Schon, nur sind sie von Stunde zu Stunde länger miteinander verheiratet..."

Sie blickten sich in die Augen und auf einmal lachten sie los, schüttelten die Köpfe. Kim war erleichtert, am Ende ging das Treffen gut. Zumindest fürs erste.

Schweigend betrachtete Mario Kim, um ihn dann in eine warme Umarmung zu ziehen. Dieser keuchte überrascht auf, spürte sein Herz furchtbar schnell gegen die Brust klopfen, bevor er Kraft hatte, seine Hand an Marios Schulter zu drücken.

Nur wollte Kim nicht losgelassen werden, es gefiel ihm ausgesprochen gut so, aber immerhin standen sie hier mitten auf dem Parkplatz und...

Feuchte Lippen bedeckten sein Gesicht mit Küssen, suchten seinen Mund, um sich mit sanften Druck auf sie zu legen. Kim seufzte, ihm wurde heiß, so schnell, dass es ihn erschreckte. Mario hielt seinen Kopf, streichelte ihm über die Schläfen. Jegliche Kraft verließ Kims Beine, er musste sich an ihm festhalten, ansonsten hätte er sich einfach auf den Boden setzen müssen.

"Kim..." flüsterte Marios Stimme an sein Ohr, schmeichelte seiner Seele mit ihrem leisen Klang. "Ich bin froh, dass es so gekommen ist..."

/Was meinst du?/ wollte er fragen, aber er brachte keinen Ton heraus. Auf seiner Brust lag ein merkwürdiger Druck, der sich mit jedem erneuten Herzschlag zu verdoppeln schien und außerdem seine Stimme erstickte.

"Ich liebe dich."

So einfache Worte, so ernst, so ehrlich. Kim schien, als hörte er sie zum ersten Mal, konnte ihren Sinn bloß ahnen. Liebe...?

"Was hast du gesagt?" flüsterte er, hörte seine eigene Stimme wie von weit her, als käme sie aus einem entfernten Lautsprecher, als gehöre sie nicht ihm. Er blickte in Marios blaue Augen und las aus ihnen die Antwort. Kims Blut tobte, sein Herz schlug Purzelbäume.

Mario lächelte. "Schon als ich dich das erste Mal im Bus sah wusste ich, dass ich dich wiedersehen wollte. Du hast so böse geguckt, ich dachte, vielleicht brauchst du einfach jemanden, der dich glücklich macht. Und das ich gerne derjenige sein würde... Und dann warst du auch noch da, nicht nur in meiner neuen Schule, sondern auch noch in meiner neuen Klasse. Das war ein Zeichen für mich, ein eindeutiges Zeichen..." Er zuckte die Schultern. "Hätte ich dich gehen lassen, ich hätte es bereut."

Kim schüttelte den Kopf. "Aber... wie? Wie wusstest du, dass ich...?"

Mario grinste und strich durch sein Haar. "Eine Schlange erkennt die andere..."

Kim wusste nichts mehr zu sagen, schmiegte seufzend sein erhitztes Gesicht an Marios Brust und flüsterte nach einer Ewigkeit: "Ich dich auch."


- 15 -

Mittwochabend, 19:30 Uhr. In einem Croque-Laden. Es pressierte. Ein Telefon klingelte. Es wurde abgenommen und eine entnervte Stimme begrüßte den Menschen am anderen Ende der Leitung monoton.

„Croque Insel Mr. Fresh, hallo?“

Kim starrte in grimmiger Konzentration auf den Computermonitor vor sich, hielt sich mit der linken Hand das freie Ohr zu und lauschte auf eine Antwort. Der Telefonhörer drohte ihm aus der Hand zu rutschen. Umständlich versuchte er, sich mit der Schulter den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen und kam sich dabei recht dämlich vor.

Eine Qual bei diesem Wetter in dem stickigen Laden arbeiten zu müssen. Klimaanlage: Fehlanzeige. Der Ventilator hinten am Ofen: So gut wie nicht zu merken. Aber was beschwerte er sich, als mittelloser Schüler musste man sich nun mal irgendwie seine Sucht finanzieren.

/Apropos Sucht, ich könnte jetzt WIRKLICH eine Zigarette gebrauchen!/

Nach endlosen zwei Sekunden antwortete eine männliche Stimme schleppend: „Ja… Hallo, ich hätte gerne ein Croque bestellt…“

Kims Augenbraue zog sich nach oben.

/Ach, nein, TATSÄCHLICH!! Ich hätte es kaum für möglich gehalten, ich dachte ja, ich sollte bei Ihnen vorbeikommen und die FENSTER schrubben!!/

Kim schloss die Augen und atmete tief durch, er wollte nicht ins Telefon plärren. Er war gestresst, seit einer halben Stunde klingelte das Telefon ohne Unterlass, außerdem warteten ca. tausend Leute im Laden selbst darauf bedient zu werden und der Neue, der ausgerechnet auf einen Mittwoch seine erste Schicht bekommen musste (vielen Dank auch, Stefanie), kam mit der Situation nicht klar. Wie sollte er auch?

Wer glaubte, in einem Imbiss, der mit Lieferservice aufwartete, würde es nur am Wochenende drunter und drüber gehen, irrte gewaltig. Mittwoch war der Tag der Tage, Freunde und Nachbarn. Kim hätte gerne gewusst, woran das liegen mochte, es interessierte ihn geradezu brennend, warum er immer in der Mitte der Woche mehr zu tun hatte, als ein Einbeiniger bei der Weltmeisterschaft im Arschtreten.

Es war nicht einmal so, dass er ausreichend für seine Mühen entlohnt wurde. Stefanie, ihres Zeichens geliebte Chefin vom Dienst, mit mehr Haaren im Gesicht als auf dem Kopf und einem Arschumfang, den man ohne schlechtes Gewissen als BOMBASTISCH betiteln konnte, war verdammt noch mal geiziger als Dagobert Duck und hatte dabei nicht mal halb soviel Charme wie die zylindertragende Ente.

Kim blieb aus zwei Gründen:
1. Nach getaner Arbeit gab’s das Gehalt cash, bar auf die Kralle und das hatte was. Besser als bei irgendeinem Schweinebetrieb tausend Abzüge hinzunehmen.
2. Der Arbeitsplatz lag quasi ums Eck, keine drei Minuten vom trauten Heim entfernt. Ideal für faule Säcke, wie er es einer war.

Da konnte er auch eine inkompetente Chefin ertragen.

„Okay“, antwortete Kim, „möchten Sie, das wir’s liefern oder wollen Sie’s selbst abholen?“

Ein Knirschen in der Leitung, unverständliches Murmeln, dann: „Eh, wie bitte?“

Kim wurde ungeduldig, hinten schrie Marlin nach Knoblauchsoße und der Neue stand bloß im Weg rum. Ulf, der Fahrer für heute Abend, war im Moment auf Tour. Kim hielt die Hand vor die Sprechmuschel und deutete mit dem Kopf auf den großen Edelstahlkühlschrank direkt neben sich.

„Da drin, rechts unten!“

Nach einem verletzten Blick setzte sich der Typ dann doch noch mal in Bewegung. Was schmollte der Kerl denn jetzt, nah am Wasser gebaut, oder was?

/Halleluja, dem kann man ja beim Laufen die Schuhe besohlen!!/

Kim wandte sich wieder dem Telefon zu. „Sie wollen es also geliefert haben?“ behauptete er der Einfachheit halber.

„Ja“, kam die Antwort, als wäre das doch selbstverständlich. Kim verzog das Gesicht.

/Isses aber nich…/

„Okay, Telefon?“

„Hm?“

„Die Telefonnummer bitte…“

/Ziehen wir alle Register der Höflichkeit, damit der Kerl auch ja mitkriegt, worum’s geht…/

Wahrscheinlich klang seine Stimme langsam mehr als nur unfreundlich, aber was soll’s denn, Kim schätzte, dass der Kerl am anderen Ende der Leitung damit würde leben müssen.

/Du musst ein Schwein sein in dieser Welt, Baby…/

Der Mann gab seine Nummer durch und Kim stellte fest, dass er ein Neukunde war, wie sollte es auch anders sein. Das hieß, Adresse aufnehmen und einspeichern, länger mit diesem Ausbund an Intelligenz reden müssen, als unbedingt notwendig gewesen wäre.

Aber auch das ging vorbei und endlich kamen sie an den wirklich wichtigen Teil des Telefonats: Die Bestellung.

„Was soll’s denn sein?“

„Eh...“

Papierrascheln im Hintergrund, auch das noch, einer von der spontanen Sorte, die erstmal anrufen, im Grunde aber keine Ahnung haben, was sie eigentlich wollen.

/Bleib cool, Kim, bleib cool. Der Kunde ist König, bleib einfach cool./

„Ah ja, ich hätte dann gerne den Frikadelle Croque…“

„Jaaa…“, gab Kim zurück und tippte die Nummer für diesen Croque in das vorgegebene Feld ein. Enter.

„Welche Soße?“

„Mmmh… Kräuter, aber ich hätte den Frikadelle Croque bitte ohne Frikadelle…“

/Hä?!/

„…stattdessen mit Schafskäse.“ Nach einer Pause fügte der Mann hinzu: „Das ist ein guter Fleischersatz, wissen Sie?“

„Aha…“, erwiderte Kim bloß. Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht.

/Es ist ja nicht so, dass wir Schafskäse Croques nicht haben, wieso bestellt sich der Depp nicht gleich so einen?! Mein GOTT…/

Er konnte sich einen kleinen Stoßseufzer nicht verkneifen, als er fragte: „War’s das?“

Ja, das war’s und Kim war ausgesprochen Dankbar dafür.



~~ooO@Ooo~~


PLING! PLING!!

Die Kundenklingel. Er hasste dieses Teil. Die Leute schienen sie dafür aber abgöttisch zu lieben, sie wurde gerne benutzt, auch wenn dazu gar kein Grund bestand. Und da konnte er quasi vor der Theke direkt in ihre stumpfen Schafsgesichter starren, egal, das ist Service, den muss man nutzen, um jeden Preis, schließlich ist es umsonst und UMSONST war das Lieblingswort eines jeden Kunden, das galt around the world, baby, oh yes.

Kim war dafür, die Klingel wieder abzuschaffen. Dieses Geräusch war nicht einfach nur penetrant, es war geradezu abstoßend.

Er hatte sich längst in Bewegung gesetzt, als Marlin von hinten schrie: „Kim, gehst du nach vorne?!“

/Ich. Bin. Doch. Schon. DABEI./

Am Tresen stand ein älterer Mann, Gesichtsausdruck Marke Ich-Hatte-Einen-Scheiß-Tag-Und-Werde-Mein-Bestes-Tun-Ihn-Dir- Genauso-Zu-Verderben, Schnäuzer, sehr modisches Hawaiihemd, Sonnenbrille (Willkommen bei Miami Vice 2002, meine sehr Geehrten und Damen), riesige Plauze und in seinem Mundwinkel hing eine Zigarette.

Sofort verdüsterte sich Kims Blick. Er wollte diese Kippe. Der Kerl hatte eine ganze Packung in der Brusttasche. Ihm war zumute, als könnte er fünf Zigaretten aus dieser Packung nehmen, sie sich von einem Mundwinkel zum anderen in den Mund stecken, sie alle zusammen anzünden, tief inhalieren und sich entspannter fühlen.

Fast schon gierig nahm er den Rauch, der natürlich genau in seine Richtung zog, auf.

/Passiv rauchen ist die reinste Höllenqual!! Wo bleibt denn bloß Stefanie?! Ich brauche eine Pause, nur eine kleine, drei popelige Minütchen, Herrgott, ist denn das zuviel verlangt?! Argh!/

Er dachte gequält an Mario und Maren. Die beiden sind heute zusammen ins Kino gefahren. Kim wollte mit, aber er hatte absagen müssen, wegen des Jobs, natürlich, er war ja pflichtbewusst, aber in diesem Moment hätte er alles dafür geben können, jetzt überall auf der Welt zu sein, nur nicht hier.

Was soll’s, Stefanie hätte nie im Leben so schnell Ersatz für ihn gefunden.

/Auch so ein Ding. Niemand springt für dich ein, wenn du einmal aussetzen möchtest und da kannst du mit Malaria im Bett liegen, dass die Scheiße dir aus den Ohren raus quillt. Arbeiten? Heute? Für dich? Ach neeee… lass mal stecken, ich war gestern schon da…/

Ja, es hätte wirklich ein schöner Tag werden können.

Kim setzte sein freundlichstes Lächeln auf. Es kostete ihn einiges an Überwindung, aber er schaffte es auch noch nett zu klingen. Auf jeden Fall sah man ihm nicht an, dass er kurz vor einer Explosion stand.

„Hallo, was kann ich für Sie tun?“

„Moin“, grummelte der Mann ziemlich unfreundlich und würdigte Kim keines Blickes. Er plapperte ohne Punkt und Komma, ein Mann von Welt eben, der es nicht nötig hatte, hier ein wenig Respekt zu zollen. Schon gar nicht gegenüber einem Jungen, der eine gelbe Schirmmütze trug, auf dem eine Papierpalme albern hin und her wippte. „Zu allererst mal zwei Bier, bevor das hier überhaupt losgeht, dann nehme ich zwei Chefsalate, drei Thunfischtoast, vier…“

Bamm, Kapuff, das war’s, Ende im Gelände! Kims Augen wurden klein und musterten den Mann mindestens genauso abschätzig, wie er von ihm gemustert wurde. Dieser Kerl hatte es geschafft, innerhalb von zwei Sekunden der meistgehasste Mensch in Kims Leben zu werden und hey, das noch mit Abstand.

Dieser Typ klang so was von überheblich, selbstgefällig und altklug, aber okay, das konnte er genauso gut.

/Stoppen wir erstmal seinen Redefluss, schließlich muss das Ganze notiert werden…/

„Einen Moment bitte, zwei Bier?“

„Ja, sprech ich chin…“

Kim ließ ihm keine Zeit für überflüssiges Geschwafel, notierte schnell, sah ihm unbeteiligt ihn die Augen und fragte: „Was für welche?“

„Is völlig egal“, nuschelte er in einem Tonfall, der Kim wahnsinnig machte.

/Hauptsache es knallt, was?! Elender Alki… deine stinkende Fahne riech ich ja noch bis hier… is dir doch klar, dass ich jetzt das teuerste Bier nehme, oder?!/

Kim lächelte in sich hinein, schon hatte er wieder gute Laune. Die Gedanken sind frei. Bei Gott, er liebte diesen Job!



~~ooO@Ooo~~


20:45 Uhr.

Gerade flaute die Angriffswelle etwas ab, der Laden war leer, das Telefon klingelte nicht und alle Touren waren gemacht. Kim hatte das Gefühl, dass er nur noch Brot vor Augen hatte, er fühlte sich dröhnig, seit 17:00 Uhr powerte er sich hier aus und jede Faser seines Körpers schrie nun nach einer Pause und er würde sie bekommen, nein, er würde sie sich einfach NEHMEN, koste es, was es wolle!

Marlin stand stöhnend am Ofen, dunkelbraune Haare lösten sich aus ihrem Zopf und klebten an ihrer Stirn. Sie sah genauso fertig aus wie er sich fühlte und aus diesem Grund kräuselte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.

„Mann, du siehst Scheiße aus.“

Sie grinste auch. „Das Kompliment gebe ich gerne weiter.“

Kim seufzte tief. „Wo bleibt bloß Stefanie? Is sie immer noch auf Tour? Sie wollte doch in zwanzig Minuten zurück sein…“

„Wusste gar nicht, dass du sie so vermisst!“

„Ha-ha, ich lach mich tot!“

„Kim?“

„Was?!“ schnauzte er unfreundlich.

„Geh eine rauchen.“

Kim runzelte die Stirn und lachte dann erleichtert auf, schüttelte sich und musste sich an der Anrichte festhalten. Marlin stimmte mit ein, sie konnte nicht anders, auch wenn Stefanie das gar nicht gefallen würde, wenn sie davon Wind bekäme, schließlich könnten die Kunden im Laden sich verarscht vor kommen und da spielte es auch keine Rolle, dass im Moment niemand da war.

Marlin prustete erstickt: „Echt! Geh bloß eine rauchen!!“ Sie wedelte wild mit der Hand.

Und das ließ er sich nicht noch mal sagen. „Wenn du Hilfe brauchst, schrei einfach“, meinte er lächelnd.

Marlin öffnete den Ofen (der in Wirklichkeit ein Kombidämpfer war) und zuckte angesichts der Hitze, die sofort entwich, ein wenig zusammen. „Geh nur, ich habe ja Chris noch hier.“

Chris? Das hatte er total vergessen, der Neue! Kim sah kurz zu ihm herüber. Der arme Kerl kümmerte sich um den riesigen Berg Abwasch, welcher im Laufe des Abends unweigerlich entstanden war. Auch er sah ziemlich angeschlagen aus, selbst seine Papierpalme wedelte traurig nach unten.

Plötzlich erinnerte Kim sich mit erstaunlicher Klarheit an SEINE allererste Schicht in dem Schweineladen, wie ungeschickt und überflüssig er sich vorkam, so völlig fehl am Platz wie ein Plattenspieler im Kamin. Oh und wie froh war er, wenn er endlich nach Hause konnte!

Kim setzte sich vor den Laden auf eine Bank und beobachtete die belebte Hauptstraße, auf der sich die letzten Reste des Feierabendverkehrs tummelten und zündete sich eine verknitterte Zigarette an.

Die ersten Züge waren nichts weiter als heiße Luft („Lungenverarschung!“ beliebte sein Großvater stets zu schimpfen. „Wie diese ganzen ’Light-Marken’! Was rauchen die Leute den Scheiß, wenn man sich regelrecht daran tot ziehen muss, um überhaupt was zu merken? Da kann ich’s auch gleich bleiben lassen.
Lungenverarschung, mein Junge.“), aber allein das Gefühl, wieder eine Kippe zwischen den Lippen zu haben, entschädigte für alles.

In ungefähr einer Stunde hatte er Feierabend, das war auszuhalten. Er schloss die Augen und spürte seinen Rücken, seine Füße und einen unangenehmen Druck im Kopf, der Kopfschmerzen ankündigte.

Verdammt, er freute sich auf sein Bett, er hörte es rufen.



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22:14 Uhr. Abrechnung, Endspurt.

Stefanie zählte das Geld in der Kasse durch und rechnete Ulf ab, der heute an die 17 Touren gefahren war, wobei er ein beachtliches Trinkgeld einsackte, was man sofort seinem verträumten Grinsen ansah.

Ja, für ihn und Stefanie hat sich dieser Abend wohl gelohnt, dachte Kim grimmig, stapelte die Brotkisten im Hof (wo sie hingestellt wurden, weil im Laden zu wenig Platz war) und trug sie jetzt wieder in den Laden zurück (weil wieder genügend Platz war), nur damit die nächste Schicht, die so um ca. 9:00 Uhr auf der Matte stand, die Kisten wieder stapeln konnte und sie wieder zurück in den Hof trug (weil drinnen kein Platz war). Das lief so die ganze Woche, bis der Bäcker am Montag alle Kisten abholte.

Hätte Kim es nicht besser gewusst (und natürlich war er der Überzeugung, DASS er es besser wusste), würde er sagen, Stefanie ließ ihn und den Rest der Belegschaft das nur machen, um auf eine perverse Art und Weise überflüssige Arbeit zu schaffen. Die Kisten hätten auch gut und gerne draußen stehen bleiben können, wer macht sich schon die Mühe und klettert über einen sechs Meter hohen Drahtzaun und riskiert dabei Kopf und Kragen, nur um ein paar popelige Brotkisten zu klauen?!

/Issas wahr!/

In der Küche lief noch das Radio und er identifizierte die knisternden Klänge, welche verschwommen nach draußen hallten, als Aretha Franklins „Respect“.

Yeah, Baby, das müssen noch großartige Zeiten gewesen sein! dachte Kim grinsend, stapelte die letzten drei Kisten und trug sie hüfteschwingend in den Laden. Er nickte im Takt und sang einfach mit, er fühlte sich plötzlich danach, es war unwiderstehlich und auch Marlins amüsierte Blicke ließen ihn nicht verstummen.


“I'm out to give you all my money

but all I'm askin' in return, honey,

is to give me my proper respect

when you get home, yeah baby,

when you get home.”


“Kim, was ist den mit dir los?” fragte Stefanie entgeistert, guckte dabei bemitleidenswert dumm aus der Wäsche, fast wie ein Auto, nur nicht so schnell.

Er sah sie todernst an, bewegte die Schultern rhythmisch und somit die Kisten, die er immer noch trug, auf und ab, kniff die Augen zusammen und rief zeitgleich mit Aretha:


“R E S P E C T

find out what it means to me.

R E S P E C T

Take care - T C B...”


Marlin, Ulf und Chris schüttelten sich vor lachen, während die Chefin bloß irritiert Kim hinterher blickte, der seelenruhig die Treppe zum Keller hinab schritt, um endlich die blöden Kisten loszuwerden, wobei er unermüdlich „suck it to me“ murmelte.

Man muss die Dinge eben mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten, dachte er grinsend.

Es hätte auch Oli P. im Radio laufen können.



~~ooO@Ooo~~


Feierabend, göttlicher, heiß und innig geliebter Feierabend!

Kim hätte Stefanie knutschen können, wäre dieser Gedanke nicht so abstoßend gewesen.

Er hatte tatsächlich einmal gesehen, wie sie geküsst wurde. Freiwillig. Ihr Ehemann oder Lebensgefährte oder Lustknabe oder wie auch immer sich dieses Individuum an Stefanies Seite auch nennen mochte, kam überraschenderweise einmal im Laden vorbei, was Kim die einmalige Gelegenheit bot, dem Grauen persönlich ins hässliche Antlitz zu blicken.

Und Nathan, so hieß der Gute, sah wirklich so aus, als hätte er nichts Besseres verdient...

Jedenfalls sah Kim beim Einräumen der Teller zufällig hoch und wurde Zeuge eines der abschreckensten Beispiele des Zungenkusses in der Geschichte der Menschheit, ja, in diesem Moment erfuhr er quasi eine Erleuchtung.

Es gibt Menschen, denen es einfach unter hoher Strafe bei Zuwiderhandlung verboten werden sollte, in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten auszutauschen, geschweige denn gar Kinder in die Welt zu setzen, obwohl dieser Gedanke sich einer gewissen grauenhaften Faszination nicht entziehen konnte.

Wo war Amnesty, wenn man sie wirklich, WIRKLICH brauchte?!

Dies alles ging ihm in nur wenigen Sekunden durch den Kopf. Er unterschrieb seine Abrechnung und schob sie Stefanie über den Tresen. Sie gab ihm dafür sein sauer verdientes Geld und fragte wie jeden Abend: „Musst du was bezahlen?“

„Zwei Dosen Cola.“

„Okay, also eine Dose Cola“, sagte sie und – es war unglaublich – zwinkerte ihm verschwörerisch zu. „Weil du so fleißig warst.“

/O DANKE, Stefanie, DANKE! Dank, Dank, immer wieder Dank für deine gönnerhafte Großzügigkeit! Sag, womit hab ich das verdient? Ich werde dir mein’ Lebtag auf Knien hinterher rutschen und deinem Götzenbild täglich das Blut einer jungen Ziege opfern, auf dass der koffeinhaltige dunkle Limonadenstrom niemals versiegen möge und auf ewig deine Hüften ins unermessliche wachsen lässt! Ich DANKE dir, Steffi, ich danke dir aufs herzlichste!/

Kim verabschiedete sich gähnend und wünschte allen einen schönen Feierabend.



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Als er nach Hause kam hatte er drei Kurzmitteilungen auf seinem Handy erhalten.
Die erste kam von Maren:

he alter! todlangweiliger fiml sei fro das du nicht dabei warst! Mario grüßt dich halte duch! bis morgen ;) Mulle

Kim lächelte, nahm einen Zug von seiner Zigarette und warf sich in seinen Sessel. Er hätte gerne geantwortet, aber sein Guthaben war schon alle, also drückte er zur nächsten Nachricht weiter. Diese kam von Mario und Kims Herz machte einen erfreuten Sprung.

Denk dran, wir schreiben morgen eine Arbeit, sag nicht wieder, du hast es vergessen ;-) Ich wünsch dir schöne Träume…

Kims Grinsen wurde immer breiter, sein Herz schlug glücklich schnell und er erwischte sich dabei, wie er leise kicherte. Arbeit? Das war nur Deutsch, dafür konnte er nicht üben und das würde er auch jetzt nicht noch machen. Normalerweise würde er sich beleidigt vorkommen, aber das war Mario, ihm viel es so schwer, böse auf ihn zu sein.

Ich frage mich, wann wir wohl unseren ersten richtigen Krach haben, dachte Kim zusammenhanglos. Nicht, dass er es darauf angelegt hätte…

Die letzte SMS kam von einem unbekannten Teilnehmer und enthielt nur drei einfache Worte:

Wir müssen reden

Kim setzte sich kerzengerade auf, Blut wurde durch seine Adern gepeitscht und sein Körper schüttete Adrenalin aus. Er wusste mit einem mal

(müssen reden)

ganz genau, wer dieser unbekannte Teilnehmer sein konnte. Oder bildete er sich da was ein? Woher sollte er die Nummer haben? Kim hatte seit einem halben Jahr ein neues Handy und er gab nicht so ohne weiteres seine Nummer heraus. Natürlich zeigte das Display auch die Nummer des Senders an. Er spielte kurz mit dem Gedanken, die Nummer anzurufen, verwarf das aber gleich wieder.

Willst du mit mir sprechen? dachte Kim düster. Warum? Worüber? Es ist alles gesagt worden und ich habe einfach…

(wir)

…keine Lust mehr, ich will das vergessen, ja, genau, vergessen, also lass mich in Ruhe, hörst du, lass mich einfach in Ruhe…

(müssen reden)

…bitte lass mich…

Kim löschte die Nachricht wütend und ging zu Bett, doch es dauerte lange bis er einschlief und er träumte unruhig.

Träumte von kastanienbraunen Haaren, welche ihm immer wieder entglitten…

Einer Flamme gleich…