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SSAT - Selbe Schei?e anderer Tag Teil 16 bis 18

- 16 -

Als Kim am Freitagmorgen um halb sieben aus dem Bett fiel und mit dem Kopf ziemlich schmerzhaft gegen den Metallgriff seines Nachtschränkchens stieß (wobei die kleine Selterplastikflasche umkippte, auf seiner Schulter landete und ihren gesamten Inhalt über Kim verteilte, weil er wie stets zu faul gewesen war, den Deckel ordentlich zu schließen), wusste er schon, dass dieser Tag absolut keinen Wert haben würde.

Tage, die so begannen, hatten selten irgendeinen Wert. Das wusste er bereits aus Erfahrung. Es gab immer eine Steigerung. Schade nur, dass sich diese meistens dann einstellte, wenn die Kacke richtig am Dampfen war.

Kim fluchte, dass selbst ein Bauarbeiter rot vor Scham gewesen wäre, schlug die Arme über dem Kopf zusammen, rollte auf dem Boden herum und quakte wie ein Kleinkind. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte wütend Schmerzenstränen fort, verfluchte die Welt und alle Menschen, die auf ihr lebten. Er hasste es definitiv so rücksichtslos aus dem Schlaf gerissen zu werden.

/Das ist doch keine Art geweckt zu werden!!/

Beschimpfungen zischend, die in erster Linie an sich selbst und die eigene Blödheit gerichtet waren, quälte er sich am Bettpfosten hoch. Sein Kopf war der Inbegriff des Schmerzes, er schrie und pochte. Als Kim vorsichtig die frische Beule abtastete, fand er kein Blut, was schon mal die erste gute Nachricht dieses Tages war.

Kim stöhnte ausgiebig, rieb sich die verquollenen Augen. Er schlurfte ins Badezimmer, ignorierte den sonnigen Morgengruß seiner Mutter grummelnd. Ohne Umwege klatschte er sich kaltes Wasser ins Gesicht, griff nach der Zahnbürste und begann das allmorgendliche Ritual mit abstrusen Gedankengängen.

Wie das halt so ist, wenn man morgens aus dem Bett purzelt, den Tag aber noch irgendwie einigermaßen unbeschadet überstehen muss.

/Ich hasse mein Leben. Ja, wirklich. Im Moment hasse ich es tatsächlich. Vielleicht sollte ich mich einfach in der Kloschüssel ertränken. Das wäre doch mal originell! Die Leute würden sagen, hey, guckt euch den an. Er war ja ’ne arme Sau, aber sich vernünftig umbringen, das konnte er!/

Kim prustete, verteilte dabei viele kleine, türkisfarbene Zahnpastaspritzer auf dem Spiegel (die seine Mutter wieder mit „Begeisterung“ wegwischen würde) und kicherte vor sich hin.

/Was beschwer ich mich eigentlich? In den Gummizellen rund um die Welt gibt es Leute, die nicht mein Glück hatten./



~~ooO@Ooo~~


Erst als Kim seinen Walkman mit frischen Batterien gefüttert hatte, war er bereit für die Öffentlichkeit, denn es gab nichts langweiligeres, als in der Bahn oder im Bus zu sitzen, ohne vernünftigen Edelkrach in den Ohren zu haben. Gut, es hörten mindestens vier Leute um ihn rum mit, wenn er ordentlich aufdrehte, aber das war ihm so richtig schön egal.

Hey, er war ein Teenager, man erwartete quasi ein gewisses Maß an grenzenloser Gleichgültigkeit von ihm.

Dumm war es bloß, wenn sie einen darauf ansprachen.

Gerade lief so ein schönes, dunkles, schwarzes Gitarrensolo, die beste Sache dieser Welt, laut, aufdringlich, böse, wie Kim es gerne hatte und er war schon gewillt, den Lautstärkeregler einen Tick weit nach oben zu schieben, weil es ja nur halb so viel Spaß machte, wenn es zu leise war, da stupste ihm jemand mit dem Ellenbogen in die Rippen.

Kims Blick wanderte langsam zur Seite. Er stand nicht auf körperliche Annäherung wild fremder Menschen. Ein mies dreinblickender, ca. 35 jähriger Bunte-Muster-Krawatten-Träger deutete auf Kims Kopfhörer und klappte den Mund auf und zu. Er sah dabei aus wie ein Karpfen.

Und zwar wie ein hässlicher Karpfen.

Das war das Schöne am Walkman. Man bekam mit, dass gesprochen wurde, nur der Inhalt ging flöten. Kim lächelte verständnisvoll

/Was für ein Weichei…/

während er genüsslich die Musik noch lauter drehte. Mister Krawatte formte seine Lippen zu einer perfekten Nachbildung des fünfzehnten Buchstabens des Alphabets und suchte empört Beistand bei einer älteren Dame, die ihm gegenüber saß. Aber diese lächelte nur zahnlos.

Die Jugend, was soll man machen?

Kim grinste ihr beim Aussteigen zum Abschied zu und sie zwinkerte ihm verschwörerisch hinterher.



~~ooO@Ooo~~


Mit gesenktem Kopf steuerte Kim auf das Schultor zu. Er war verboten müde und hatte auch nicht die geringste Lust diesen Zustand zu kaschieren. Genervt von all den Schnittchen, die sich schrill begrüßten (Küsschen hier, Küsschen da!) warf er sich eine Zigarette zwischen die Lippen, entzündete geübt ein Streichholz, mit welchem er den Tabak in Brand steckte, zog am Filter und inhalierte tief.

Er liebte dieses Ritual. Er wusste, diese Dinger waren seine Sargnägel, aber das war’s ihm wert. Dieses jämmerliche, fünf Minuten andauernde Überlegenheitsgefühl war es ihm verdammt noch mal wert! Sollen sie ihn doch verklagen!!

/So, was immer da kommen mag, kann jetzt kommen!/

„Guten morgen!“

Kim grummelte etwas, das sich entfernt nach einer Erwiderung dieses Grußes anhören sollte. Irgendwie war es ihm zuwider, diese Worte persönlich auszusprechen.

Er stand nun mal nicht dahinter.

„Kim, du siehst müde aus!“

Karsten. Örks, wahrlich, der hatte ihm zu seinem Glück noch gefehlt.

„Das ist nur mein Gesicht Karsten, nur mein Gesicht…“

„Okay!“ Karsten hielt beschwichtigend die Hände hoch. „Hast du Maren schon gesehen?“

Prompt wurde Kim hellhörig. Er grinste breit, ein ungewöhnlicher Ausdruck in seinem Gesicht, denn was gab es in dieser Welt schon großartig zu lachen?

Nichts?

Nichts.

Uuuuuuh, aber sich am Leiden seiner Artgenossen weiden, mmmh, machte einfach Spaß!

Karsten war seit Wochen hinter Maren her und wie es aussah, hatte er immer noch nicht aufgegeben. Das war faszinierend, weil Maren ihn mit einer stoischen Gelassenheit jedes Mal abblitzen ließ.

Kim nahm noch einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnipste sie gleichgültig ins nächste Gebüsch. „Maren kommt bestimmt noch, du kennst sie ja. Wenn sie nicht pünktlich ist, taucht sie spätestens zur großen Pause auf.“

„Ja“, seufzte Karsten und scharrte mit den Füßen auf dem Boden herum, schuf Muster und Bahnen im Sand, deren Bedeutung wohl nur er selbst verstand.

Da fiel Kim auf, dass Karsten eigentlich nicht übel aussah. Er war nicht hässlich, wie Maren immer stur behauptete. Sicher, da waren noch die Pubertätspickel, darüber konnte man sprechen, aber da war noch viel unentdecktes Potential.

Ehrlich gesagt, bewunderte Kim Karstens Hartnäckigkeit. So lange schon machte er Maren den Hof, himmelte sie gerade zu an und sie guckte ihn dafür nicht mal mit dem Arsch an.

Kim lächelte aufmunternd und klopfte Karsten auf die Schulter. „Das wird schon.“

Karsten wirkte irritiert, anscheinend hatte er keine Ahnung, worauf Kim anspielte, aber dann erhellte sich sein Gesicht, er erwiderte Kims Lächeln und es drückte irgendwie sehr viel Dankbarkeit aus.

Kim machte sich auf den Weg in die Klasse, er war sehr zufrieden mit sich selbst, er hatte einen armen, liebeskranken Kerl aufgemuntert und dafür nicht mal viel getan. Mission beendet! Er würde keinen Finger rühren, nein, er würde sich nicht einmischen, er würde Maren nicht bequatschen, den armen Karsten anzuhören, nein, nein!

Als Kim noch ein frustrierter Single war, und das war noch gar nicht solange her, hatte er diese Verkupplungsaktionen abgrundtief gehasst. Er würde sich hüten damit jetzt bei Maren anzufangen.

Außerdem gab es ein oberstes, zehntes Gebot in Sachen Liebesangelegenheiten:
Mische dich niemals, niemals in Beziehungen anderer Menschen ein, tu es nicht! Nein, tu es nicht! Egal wie verlockend der Gedanke auch sein mag!



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Als Kim den Klassenraum betrat, klappte ihm der Unterkiefer runter. Seine gute Laune, die er sich so hart erkämpft hatte, bröckelte im Lawinentempo von ihm ab. Mario saß an seinem Platz, was an sich noch nichts besonderes war, aber da war noch Claudia, die sich dicht neben ihn platziert hatte, den Ellbogen auf den Tisch stützte und sich angeregt mit seinem Freund unterhielt.

Okay, das war immer noch nichts Besonderes. Claudia und Mario waren nun mal in der selben Klasse, schon klar, genau wie Kim selbst, schon klar, irgendwann begegnet man sich halt, alles noch normal, und beginnt eine nette, kleine, nichts sagende Konversation („Mist Wetter, nicht wahr?“ „Was sagst du zur Panama-Krise?“ „Also, weißt du, mich fragt ja keiner…“), das war alles noch in Ordnung.

ABER musste diese blondhaarige Zicke denn gleich so DICHT an Mario heranrutschen, dass sich ihre Knie berührten, körperlichen Kontakt herstellten?

MUSSTE sie unbedingt so aufdringlich mit den Wimpern klimpern, MUSSTE sie ihre Haarmähne über die Schulter werfen, wenn sie lachte?

Ja, TAT ES DENN NOT, in Gottes Namen, dass sie Mario die Hand auf die Schulter legte, sich dicht vorbeugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte?!

UND (das war eine Frage, die Kim ganz besonders beschäftigte) MUSSTE Mario unbedingt laut auflachen, MUSSTEN seine Augen so leuchten und MUSSTE es eigentlich sein, dass er ihr daraufhin EBENFALLS etwas ins werte Öhrchen hauchte?!

Ja, MUSSTE das denn alles eigentlich sein?!

/Tsse, und das auch noch auf meinem Platz! Das ist doch Blasphemie! Aber von der übelsten Sorte!!!/

Kim fehlten zu soviel Dreistigkeit die Worte. Vielleicht reagierte er auch ein kleines (kleines!!!) bisschen über, dennoch ballten sich seine Hände schmerzhaft zu Fäusten und er knirschte kaum merklich mit den Zähnen. Das war nicht das erste Mal, das Claudia sich an Mario ran machte, genau gesagt lief das schon seit ihrer berüchtigten Party so.

In diesem Moment trafen sich ihre Blicke, Kims Herz setzte einen Schlag aus, Claudia lächelte überlegen und – es war unglaublich – streckte ihm die Zunge raus?!

Kim zog eine Augenbraue hoch.

/Sei froh, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben, Schätzchen. Ich hätte dir genau diese Zunge jetzt abschneiden können…/

Kim betrachtete kalt, wie sich Claudias Arm langsam, quasi genüsslich um Marios Schulter schlang. Er entwickelte mit einem Mal sehr viel Begeisterung für die dunkle Zeit der Ritter und Burgen… und mal ehrlich, Scheiterhaufen müssen eine ungemein praktische Erfindung gewesen sein, warum wurden die noch mal abgeschafft?

Erstaunlicherweise sah nur ein geübter Beobachter, dass Kim gerade unglaublich angepisst war. Was das betraf, war er ein Meister in Sachen kalter Selbstbeherrschung.

Außerdem hatte er schon immer mies dreingeblickt.

„Enthauptung, das war doch auch was Feines. Ihren Kopf hätte man ausstopfen können…“, murmelte Kim lächelnd, schlenderte betont gleichgültig zu den beiden rüber, schmiss seinen Rucksack auf den Boden und schenkte dem blonden Lockenmonster einen gefährlich freundlichen Blick.

„Andererseits, wozu denn?“ grinste er.

„Wie bitte?“ sagte Claudia an Kim gewandt, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von Marios Gesichtsfeld zu lenken.

Die Worte perlten butterweich von Kims Lippen, man hätte denken können, er meinte sie völlig ernst. „Guten Morgen. Ich sagte guten Morgen.“

„Guten Morgen“, erwiderte Mario und strahlte Kim an, aber der hatte ihm noch nicht einen Blick gegönnt, denn seine Augen klebten förmlich am kraterhaften Ausschnitt von Claudias Pullover.

/Das ist doch kein Ausschnitt, das ist eine verfluchte Einladung!!!/

„Ich hoffe, ich störe nicht?“ grinste Kim zähnestarrend. Er wollte sich diese Standart-Frage verkneifen, sie flutschte ihm aber trotzdem raus. Er verschränkte die Arme auf den Rücken und bückte sich ein wenig zu Claudia runter, damit er ihr besser in die runden Puppenaugen blicken konnte.

Claudia schüttelte aufgeregt den Kopf. „Nein, wir haben nur gerade festgestellt, dass wir früher in den selben Kindergarten gegangen sind, ist das nicht ein Zufall?“

Sie lächelte Kim wissend an, es machte ihn direkt wahnsinnig sie so gelassen zu sehen, während er selbst hart daran arbeitete, ihr nicht umgehend an die Gurgel zu springen.

„Aha, na so was, Sachen gibt das, hm?“

„Ja, aber das ist ja noch nicht mal das Beste“, rief Mario (für Kims Geschmack ein kleines bisschen ZU aufgeregt). „Wir hatten sogar die selbe Kindergärtnerin!“

Mario und Claudia wechselten einen funkelnden Seitenblick und grinsten sich blöde an, in stiller Erwartung, was da noch kommen mag. Sie holten tief Luft

/Ach du Scheiße! Ich glaube, ich weiß was jetzt kommt…/

und lachten unisono: „Frau Struve-Wolkenhaar-Generotzky!“

Kreisch.

Brüll.

Freu.

Lach.

/Haa~aach…/

Kim hatte genug gesehen. „Nein, wie herrlich, entschuldigt mich bitte.“

/Ich geh kotzen./



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Kim machte auf dem Absatz kehrt. Er erinnerte sich gerade an das gute, alte HB-Männchen und fühlte sich ihm auf unbestimmte Weise sehr verbunden, denn es war grundsätzlich ungeschickt, sauer und sehr, sehr wütend.

Und erst dann wirklich glücklich, wenn es eine rauchen konnte.

Im Laufschritt durchquerte er den Flur, der zu den Toiletten des Hauses führte. Zwei Minuten hatte er noch, bevor der Unterricht offiziell begann. Für einen geübten Raucher war das mehr Zeit für eine Zigarette, als er brauchte.

Gott sei dank war er allein, sämtliche Kabinen waren leer. Perfekt, da konnte er wenigstens laut vor sich hingrummeln.

„Meine Fresse, das ist doch nicht zum Aushalten. Noch ein Wort von ihr und ich hätte mit Freuden auf meine gute Erziehung verzichtet. Gott, die Frau macht mich aggressiv!“

Kim stöhnte leidlich und rieb sich die müden Augen.

„Blöder Affe, blöder Affe! Was hast du da drinnen bloß für eine Show abgezogen?!“ fragte er sich haareraufend und blickte in den schmutzigen Spiegel (schmutzig, weil irgendein lustiger Vogel es amüsant gefunden hatte, einen mit Wasser voll gesogenen Tampon gegen die Scheibe klatschen zu lassen, weiß Gott, wo der den her hatte) und massierte sich die Schläfen.

Kim kam nach einer eingehenden Studie seines Gesichtsfeldes zu der stummen Überzeugung, dass er verdammt viel Ähnlichkeit mit Garfield hatte. Allerdings mit einem überfahrenen und gehäuteten Garfield, über den noch jemand einen hässlichen Aldi-Pullover geworfen hatte, bevor es zum Tierarzt ging.

Hätte er gewusst, dass dieses Eifersuchtsdrama längst nicht der Höhepunkt seines Tages gewesen war, er hätte seinen Kloschüssel-Ertränkungs-Plan umgehend in die Tat umgesetzt.

Stattdessen rauchte er seine Stressabbau-Zigarette, beruhigte sich langsam und trat den Rückweg in die Klasse an. Man wartete bereits auf ihn.



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Als Kim den Raum betrat, war Herr Antelmann schon damit beschäftigt, die Anwesenheitsliste durchzugehen.

„Bestmännchen!“ rief er auf seine fröhliche Art. „Wo kommen wir denn her?“

Kim lächelte schwach, schloss die Tür und erklärte: „Von einer super Klo-Party, Herr Antelmann,

/Antelmännchen!!/

Sie hätten dabei sein sollen, es war toll, dreilagiges Toilettenpapier, Sparspülung und Meister Proper, die Silberfische tanzten den Peppermint-Twist, es war herrlich.“

Die Lacher der Klasse waren auf Kims Seite, aber nicht mal das heiterte ihn besonders auf. Irgendwas musste noch kommen, er spürte es.

Herr Antelmann nickte derweilen verständnisvoll, während er sich einige Notizen machte. „Traurig aber auch, dass man immer gerade dann gehen muss, wenn’s am schönsten ist, nicht wahr? Wie dem auch sei, Toilettengänge sind in den Pausen zu verrichten, ein Eintrag ins Klassenbuch sei dir hiermit versichert.“

„Dachte ich mir.“

„Und du brauchst dich gar nicht erst setzten.“

„Was?“

Kim stoppte verständnislos und ging im Geiste sämtliche Verbrechen durch, die er in den letzten Schulwochen begangen haben mochte, fand aber nichts schwerwiegenderes als Unpünktlichkeit. Er hatte sich also nichts vorzuwerfen.

/Was denn nu’ noch?!/

„Du gehst bitte gleich mal ins Sekretäriat und holst den neuen Schüler ab, er kennt doch den Weg noch nicht, sei so gut.“

Neuer Schüler? Die Klasse schien nicht überrascht, nur aufgeregt wie immer, anscheinend waren die schon informiert. Er war wieder der Letzte, der irgendwas mitbekam.

Kim fing Marios Blick auf. Er lächelte ihm warm zu und schon prickelte das bekannte Kribbeln in seiner Magengegend neu auf. Kim lächelte zurück und zuckte die Schultern.

/Muss wohl./



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Seit zehn Minuten wartete Kim bereits vor der Tür des Büros und immer noch kein Zeichen von Mister Neu, obwohl ihm Frau Thau versicherte, dass die Formalitäten so gut wie geklärt waren und der Junge bloß noch vom Direktor persönlich abgesegnet werden musste.

/Komisch, wieso machen die das nicht vorher? Und was heißt denn bitte abgesegnet? Sind wir hier im Kloster?/

„Immer ich“, murmelte Kim, schloss die Augen und berührte mit dem Hinterkopf die Wand, bevor er sich vollends gegen sie lehnte und leise stöhnte.

Unmittelbar darauf hörte er ein leises Kichern, das ihn zusammenzucken ließ. Er riss die Augen auf und was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht…

„Ach du heilige Scheiße.“

Hellgrüne Augen glitzerten ihn belustigt an, ein Ellbogen stützte sich direkt neben seinem Gesicht ab und warmer Atem streifte seine Wange als Tobi heiser raunte: „Mach das noch mal, Kim. Mir lief es eiskalt den Rücken runter…“


- 17 -

Tobias kam Kim mit seinem Gesicht gefährlich nahe. Er grinste breit und leckte sich über die eigenen Lippen, während er bezeichnend auf Kims Mund starrte.

Tobis kupferrote Strähnen, die sich aus seinem Zopf gelöst hatten, kitzelten bereits Kims Wange, bevor er aus seiner Erstarrung erwachte und registrierte, was vor sich ging.

"Wage es nicht", zischte Kim. Er fixierte Tobis Blick, achtete auf jede winzige Reaktion seines Gegenübers, wagte keine Bewegung, damit sie nicht fälschlicherweise für eine Aufforderung gehalten werden konnte. Sein Atem ging ruhig, sein Mund war fest verschlossen, das Kinn leicht angehoben.

Tobias grüne Augen beobachteten Kims Abweisung mit Traurigkeit. Er zog einen Schmollmund und seufzte: "Kim, sieh mir in die Augen. Die Tränen, die sich da bilden, sind echt."

"Du weinst? Fantastisch!" sagte Kim nicht unfreundlich.

Tobias zuckte lachend die Schultern. Er trug heute wieder eines seiner heißen T-Shirts, auf die er selbst im Winter nicht verzichten konnte. Es war schwarz, kurzärmlig (mit fantastischer Aussicht auf seine muskulösen Oberarme) und eng anliegend.

Darauf die Frage:

ICH BIN GUT DRAUF, BIST DU GUT DRUNTER?

Kims Augenbraue zog sich in die Höhe. "Ich meins ernst, komm mir nicht zu nahe, sonst..."

Tobias biss sich auf die Unterlippe, lächelte breiter, funkenschlagend. Er stand total auf Kims wütenden Blick. Er war einfach zu süß, wenn er richtig sauer war.

"Sonst...?"

Kim fauchte zurück, aber plötzlich änderte sich etwas in seinen Augen, sie wurden groß, ungläubig aufgerissen und im selben Moment spürte Tobias eine Hand am Kragen, die ihn unsanft zur Seite stieß. Bevor er wusste, wie ihm geschah, hörte er die Antwort auf seine Frage von jemand anderem knurrend an seinem Ohr.

"Sonst garantiere ich dir lebenslange Impotenz, mein Freund."

Marios Blick war kühl und distanziert. Er betrachtete Tobi mit dem Interesse eines Insektenforschers, der eine wirklich außergewöhnlich hässliche, neue Spinnenart entdeckt hatte.

Tobias fing sich außerordentlich schnell wieder, entwand sich geschickt Marios Händen, um daraufhin gelassen sein T-Shirt zu glätten.

"Ach, Mario! Der Mann, der Mythos, die Legende! Was macht dich so rasend? Bist du heute Morgen auf der falschen Seite von Kim aufgewacht?"

"Kim hat keine falsche Seite." Marios Blick änderte sich nicht. Irgendwo im Gebäude hörte man eine Tür zu knallen.

"Ooouh!" stöhnte Kim gepresst und schlug sich die Hand vors Gesicht. Das war ja so was von geschmacklos! Er schüttelte den Kopf, luscherte durch seine Finger, Schlimmes ahnend.

Flüchtig fragte er sich, wie Mario es geschafft hatte, Herrn Antelmanns Fängen zu entkommen, was sicherlich jetzt keine Rolle mehr spielte, denn nun war er hier, im richtigen Augenblick, wie immer.

"Scheiße, hab ich ein Glück..."

Weder Mario noch Tobias ließen blicken, ob sie Kims Gemurmel wahrgenommen hatten, sie fixierten sich gegenseitig, die Umwelt völlig ausschließend. Kim dankte Gott auf Knien dafür, dass im Moment Unterricht war und somit niemand diesen kleinen Zwischenfall mitbekam.

Nicht auszudenken!

"Was zum Teufel machst du hier?" fragte Mario tonlos.

"Warte, warte, lass mich nachdenken, äääh..." Tobias tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn, grübelte übertrieben angestrengt nach und flötete dann augenklimpernd: "Deinen Freund ausspannen? Oder war es zur Schule gehen? Nein, ein Scherz, ich spanne dir natürlich deinen Freund aus, ja!"

/Wie bitte?! Ausspannen?!/

Kim blieb vor Fassungslosigkeit und purer Empörung der Mund offen stehen. Er stemmte die Arme in die Hüften.

/Das Einzige, was sich hier gleich mal spannt, ist die Haut in deinem Gesicht, wenn meine Faust erst mal damit fertig ist!!/

Mario hegte ähnliche Ansichten, aber erfrischend ehrlich wie er war, sprach er sie auch aus. "Ich will, dass du dich selber tötest. Könntest du das machen?"

"Oioioioi..." Zwischen Kims Augen bildete sich eine Sorgenfalte. Er wusste, sagte einer von beiden noch ein Wort, war es mit der Selbstbeherrschung vorbei und sie würden übereinander herfallen. Wilde Tiere, die um eine Beute kämpften.

Es missfiel ihm ausgesprochen, den Part der Beute zu spielen. Und die Schweinerei, die bei einer möglichen gegenseitigen Tötung entstehen könnte, wollte er auch nicht sauber machen.

"Okay, Jungs, okay!" rief er hastig und schob sich zwischen die Streithähne. "Es reicht. Man vermisst uns bestimmt schon. Komm, Mario."

Er packte seinen Freund bei der Hand und schleifte ihn hinter sich her. Mario zischte Unfreundliches, man sah ihm seine Unzufriedenheit deutlich an, ganz im Gegensatz zu Tobias, der ihnen in angemessenen Abstand folgte. Sein Gesicht verriet nichts.

Doch in einem unbeobachteten Moment huschte ein selbstsicheres Lächeln über seine Lippen.




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Frage:

Wie viele erogene Zonen hat der Mann?

a) eine
b) eine
c) eine





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Marios Stimme hallte von den schmutzigen Kachelwänden der Toilettenräume wider. Allmählich fühlte sich Kim hier schon fast wie in die Kulisse einer wirklich abstrakten Talkshow versetzt, immer kamen sie hierher, um ungestört reden zu können.

Und reden tat Mario nun schon seit einer ganzen Weile.

Kim lehnte mit verschränkten Armen am Waschbecken, ließ Marios Wut an sich abprallen, denn er wusste ja, dass es sich erstens nur um Tobi drehte und er sich zweitens schnell wieder abregen würde.

"Was fällt ihm eigentlich ein?! Hält sich wohl für einen ganz lustigen Vogel!!" schimpfte Mario aufgebracht und trat gegen einen Metallascheimer, der es gewagt hatte, gerade in der Gegend rumzustehen. Polternd stieß der Eimer an die Wand, drohte kurz umzukippen, überlegte es sich dann aber anders und blieb stehen.

Kim zuckte angesichts des lauten Schepperns zusammen und atmete geräuschvoll aus. "Hast du dich jetzt endlich beruhigt? Geht's dir jetzt besser, ja?!"

Schnaufend gab Mario ein kleinlautes "'tschuldigung" zum besten, tigerte aber immer noch auf und ab, keine Ruhe findend.

Wenn Mario mal die Fassung verlor, sah man es auch deutlich. Dabei hatte er sich den Rest der Mathestunde über außerordentlich moderat verhalten.

Tobias hatte den freien Platz neben Karsten bekommen, sämtliche Mädchenaugen hatten seufzend an ihm geklebt, wobei sich selbst Kim der Magen umgedreht hatte, obwohl ihm das aus alten Tagen noch wohlbekannt war. Sogar Claudia hatte Mario total vergessen.

Oh ja, Tobias war schon immer der Mädchenschwarm schlechthin gewesen. Das lag an seinen großen, grünen Augen, dem schelmischen Lächeln, den längeren, kupferroten Strähnchen, die ihm öfter ins Gesicht fielen und einfach an seiner lasziven Art, die total unbewusst wirkte, es aber nicht war, wie Kim aus erster Hand wusste.

Tobias konnte eiskalt und berechnend sein.

Kim war klar, dass Mario nur so reagierte, weil er fürchtete, einen potentiellen Konkurrenten in Tobi sehen zu müssen. Kein Wunder, nach seinem Ausrutscher auf Claudias Party. Aber erstens hatte Tobi ihn geküsst und nicht umgekehrt und zweitens waren sie damals noch gar nicht zusammen gewesen.

Wie sollte Kim seinem Freund das bloß klar machen?

Kim schmunzelte leicht, er hatte da eine Idee. Unvermittelt nahm er Mario in die Arme und drückte ihn fest an sich. Mario erstarrte, war es doch eine Seltenheit, wenn Kim von sich aus Nähe suchte. Verdattert blickte er auf den Wuschelkopf, wartete ab.

"Wieso bist du mir gefolgt?" kam es gedämpft an Marios Brust.

Räuspernd kratzte sich Mario am Kopf. "Irgendjemand hat Antelmann gefragt, wie der neue Schüler heißt. Da kam es raus. Mir ist sein Name noch gut im Gedächtnis geblieben, weißt du?"

Ein kleines Nicken, Kim lächelte, kuschelte sein Gesicht tiefer in Marios Wollpullover, sog seinen Geruch ein. Er spürte Finger, die zaghaft seinen Nacken kraulten.

"Also bin ich dir hinterher. Ich weiß auch nicht... du warst auch so komisch vorhin, ich hab mir Sorgen gemacht."

/Ouh, Claudia!/

Seine eigene kleine Eifersuchtsszene am frühen Morgen hatte Kim bereits mit Erfolg verdrängt, nun fiel sie ihm wieder ein. Er schämte sich dafür, andererseits freute er sich, weil sich Mario um ihn sorgte.

"Antelmann hat praktisch gar nichts mitbekommen, wir haben die Arbeit wiedergekriegt und er hat sie mit jedem noch mal einzeln besprochen, da..."

Einer über ihn kommenden Intuition folgend, legte Kim seine Hand in Marios Nacken, mit der anderen griff er ihm ins Haar, zog ihn zu sich runter, küsste ihn sanft, leckte Mario über die Lippen und seufzte leise.

Kim blickte ihm verschleiert in die Augen, lächelte ein wenig entrückt und wollte sich schon wieder lösen, doch Mario hatte gerade erst Geschmack an der Sache gefunden.

Die Finger, die vorher in Kims Nacken lagen, ruhten nun auf seinen Wangen. Glühend saugte Mario an Kims Zunge, drängte ihn an die Wand, schob seinen Oberschenkel zwischen Kims Beine, ließ ihn nicht zu Atmen kommen.

Kim befreite sich fast gewaltsam von dem besitzergreifenden Mund, schnappte schwer atmend nach Sauerstoff, spürte aber Abstruserweise sofort wieder ein heftiges Verlangen nach den Lippen, die nun unbeirrt seine Halsschlagader verfolgten, den Weg zu seinem Kinn fanden und daran saugten.

Marios Schenkel rieb sich an seinem Schritt, Kim keuchte leise auf, drängte sich ihm entgegen, fuhr ziellos durch Marios Haar, krallte sich daran fest. Eine Hand schob sich unter sein Hemd, wanderte über seine Brust, seinen Nabel, zum Hosenbund...

Wo kam denn nur so plötzlich die ganze sexuelle Spannung her?!

Kim sog scharf Luft ein, spürte Mario an seinem Mundwinkel lächeln, bevor er prüfend an Kims Lippen lutschte, die Finger langsam unter den Stoff der Hose gleiten ließ, heiße Schauer verursachend.

Ungeduldig schnappte Kim nach Marios Zunge, aber der entwand sich dunkel lachend, was mit einem kehligen Knurren beantwortet wurde. "Du genießt das, oder?"

Marios Blick war von einem milchigen Schleier überzogen, er atmete flach, aus halbgesenkten Lidern schnurrte er schief lächelnd: "Jede einzelne Sekunde..."

Kim nutzte die Gunst der Stunde, presste seine Lippen forsch auf Marios Mund, krallte seine Finger in dessen Po, schlang ein Bein um seine Hüfte und drängte ihm seinen Unterleib entgegen.

Mario biss Kim sanft in den Nacken und als dieser sich ächzend aufbäumte, fanden Marios Hände endlich ihr Ziel, Kim keuchte auf, aber dann...




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...kam Unglaublicherweise Maren ins Klo gestürmt.

Anscheinend hatte sie den Weg in die Schule doch noch gefunden.

Die Tür flog so weit auf, dass sie mit einem lauten Knall an die Wand donnerte. Kim und Mario sprangen panisch in einem Satz auseinander, sahen verständnislos in Richtung Mädchen mit rosa Strähnchen im Haar, das keuchend in der Tür stand und wie in einem schlechten Horrorfilm schrie: "Er ist hier!!! Er ist HIIIII~EEEEER!!!"

Nervös und mit knallrotem Kopf ordnete Kim seine Kleidung, wütende Blicke schleudernd. "Wer ist hier?! Maren, zum Teufel noch mal, was suchst DU überhaupt hier?!"

Sie sprang Kim aufgeregt an den Hals, packte ihn am Kragen, starrte ihn aus großen Kulleraugen an. "ER!!! ER ist HIER!!!"

"Du meinst Tobias?" fragte Mario ruhig. Er richtete sich die Haare. "Erzähl uns was Neues."

"Ihr wisst davon...?" stammelte Maren und sah wieder zu Kim. "Du weißt davon?!"

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, Maren." Kim war stinksauer. Er schielte zu Mario rüber, aber dieser ließ keine erkennbare Reaktion blicken, nur seine Wangen waren noch gerötet. Gerötet von...

Kim leckte sich über die Lippen.

"Ja und nun?! Was nun?!" Maren hibbelte vor ihm auf und ab, konnte sich diese Gleichgültigkeit angesichts DER Neuigkeit überhaupt nicht erklären. Es ging ihr völlig ab.

"Sag mal, Schatzi," begann Kim ruhig, "hast du eigentlich dieses kleine, pinkelnde Männchen auf der Tür bemerkt, das da bedeutet: Nur für kleine, pinkelnde Männchen?! Mach dich hier raus!"

"Aber...!!"

"Hinaus!!"

"Okay!" Sie hob die Hände. "Ich bin ja weg!"

"Lobpreiset den Herrn!"

Nachdem sie murmelnd und kopfschüttelnd aus der Jungentoilette verschwand, wandte Kim sich wieder Mario zu, schlang die Arme um seinen Rücken und nuschelte: "Tut mir Leid..."

Mario lachte, platzierte einen Kuss auf Kims Stirn.

"Was kannst du denn dafür?"




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Tobias Holzkamp genoss sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde. Eine Gruppe von sechs Mädchen, inklusive Claudia, hatte sich um seinen Tisch versammelt, um den Neuankömmling mit Fragen zu löchern. Das Gekicher und Rumgegacker war noch draußen auf dem Flur zu hören.

"Aus welcher Ecke kommst du?" fragte Marta.

"Eimsbüttel", antwortete Tobias lächelnd und beugte sich, den Kopf in die Hände gestützt zu ihr vor.

"Cool, das ist ganz in meiner Nähe!" rief eine andere und klatschte in die Hände. Sie trug einen niedlichen Pottschnitt, hatte rosa Klammern im Haar und ein zuckersüßes Lächeln im Gesicht. Grübchen.

"Tatsächlich? Und wir sind uns nie über den Weg gelaufen? Ich hätte mich sicher daran erinnert!"

Sie lachte auf, während eine feine Röte ihre Wagen bedeckte. Claudia warf ihrer Klassenkammeradin einen undeutbaren Blick zu, bevor sie sich ins Gespräch einmischte.

"Tobias, kann ich dir eine Frage stellen?"

"Sicher."

Claudia lächelte anzüglich. Sie hockte direkt neben Tobi auf dem Boden und blickte mit großen Kulleraugen geradewegs zu ihm hoch. Sie wusste, er würde nette Einblicke in ihren Ausschnitt haben. Sie beschloss aufs Ganze zu gehen. Tobias schien ein guter Fang.

"Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick oder soll ich noch mal reinkommen?"

Claudia erntete fassungsloses Gelächter von ihren Freundinnen, die nun alle gespannt auf Tobias blickten, aber der ließ sich mit seiner Antwort Zeit. Er kicherte kurz in sich hinein. Claudia runzelte die Stirn, lächelte aber immer noch, wenn auch etwas unsicherer.

"Komm doch lieber noch mal rein."

Stille. Und dann ein riesiges Gelächter, sämtliche Leute, die diesen Auftritt verfolgt hatten, kringelten sich, schüttelten die Köpfe, gaben Applaus und pfiffen anerkennend. Tobias grinste breit, den Kopf immer noch in den Händen haltend.

Claudia wich die Farbe aus dem Gesicht. Sie stand langsam auf, ihre Miene schien wie versteinert. Hocherhobenen Hauptes stolzierte sie aus der Klasse und warf mit einem lauten Knall die Tür hinter sich zu. Tobias musste lachen, blickte entschuldigend in die Runde und zuckte die Schultern.

Claudia hatte eine wichtige Tatsache des Lebens eben noch zu lernen: Es gibt nun mal Tage, an denen verliert man. Und dann gibt es wieder Tage, an denen gewinnen die Anderen!




~~ooO@Ooo~~


Es läutete zur vierten Stunde, als Kim und Mario mit Maren im Schlepptau wieder den Klassenraum betraten. Sie hatten einstimmig beschlossen, nachdem Kim sie flehentlich darum gebeten hatte, Tobias Anwesenheit schlichtweg zu ignorieren.

Leider stellte sich das als ein schwieriges Unterfangen heraus. Sie waren keine zwei Sekunden im Raum, da verlor Maren als erstes die Selbstbeherrschung, sie konnte einfach ihren Mund nicht halten.

Allein Tobias Anwesenheit brachte sie in Rage.

Als sie den Tisch passierte, an dem ihr ehemaliger bester Freund nun saß, rümpfte sie demonstrativ die Nase.

"Ich kann mir nicht helfen, aber ist die Luft hier drinnen nicht irgendwie... beschissener geworden? Was meinst du?"

Kim zuckte zusammen, Marens aggressiver Blick machte ihn nervös. Er wollte alles, nur keine Szene, nicht vor seiner Klasse, nicht in diesem Leben.

Tobias reagierte, als hätte er diese Anspielung völlig überhört. "Maren!" Er strahlte über das ganze Gesicht. "Licht meiner Lebensfreude! Du mein Augenstern! Was haben wir uns lange nicht gesehen!" Er breitete einladend die Arme aus.

Maren streckte ihm die Zunge raus und einen bestimmten Finger entgegen.

"Leck mich."

"Und immer noch charmant wie eh und je!" Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und spielte verträumt mit einer seiner Haarsträhnen. "Ich muss zugeben, das ist eine verlockende Vorstellung, allerdings halte ich Ort und Zeitpunkt für ungünstig. Ich komme aber drauf zurück!"

Maren setzte sich auf ihren Platz und schnaubte: "Oh ja, bitte! Ich kann es kaum erwarten, wirklich..."

Mario lachte Maren zu und schien in Verlockung, dem etwas hinzuzufügen, aber Kim packte ihn beim Handgelenk, sah ihn eindringlich an und schüttelte den Kopf. Kims Lippen formten Worte, ohne wirklich etwas zu sagen, doch Mario verstand. Widerwillig.

In diesem Augenblick kam Frau Hoensch in die Klasse, dicht gefolgt von Claudia, die hinter der Lehrerin schlich, wie ein geprügelter Hund. Ihre Hände kneteten ihren Pullover in nie gekannte Formen und sie bedachte Tobias mit einem Blick, der ihn umbringen sollte.

Davon bekam Tobias aber gar nichts mit, denn sein Blick hing an Kims Augen, der sich deswegen unbehaglich wand, vorsichtig zu Mario rüberschielte. Der wiederum war dabei, Tobi mit Blicken aufzuspießen, genauso wie Maren, die andererseits von ihrem heimlichen Verehrer Karsten angeschmachtet wurde, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Da wurde Kim eines klar, es würde Krieg geben und wann die erste Schlacht geschlagen wurde, schien nur eine Frage der Zeit.


- 18 -

Kim erwachte an diesem Morgen früher als sonst. Er erwachte durch seine Kopfschmerzen. Das war ihm zuvor noch nie passiert, er wusste gar nicht, dass das überhaupt möglich war, doch dem schien so. Sein Kopf fühlte sich an, als wollte er explodieren.

Er stöhnte laut und drückte beide Hände auf sein Gesicht. Im ersten Moment konnte er gar nichts denken, aber langsam viel ihm wieder einiges ein. Gestern. Sonntag. Mario. Maren. Party.

Oh ja, die Party! Party auf einem Sonntag! Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten? Jetzt zahlte er die Quittung für solch ein unqualifiziertes Verhalten. Völlig zu Recht, wie er grummelnd dachte. Blödheit gehört bestraft.

Und erst um halb drei Uhr nachts stockbesoffen ins Bett fallen, wo man am nächsten Tag doch fit und ausgeruht sein sollte, erst recht.

Ja, denn was war heute logischerweise? Montag. Erster Schultag der Woche. Prima. Bis dahin klappte schlüssiges Denken am frühen Morgen also schon.
Wunderbar. Kim wagte es, mit einem halbgeöffneten Auge auf seinen Wecker zu schielen.

5:30 Uhr, Jesus Christus! Das war ihm noch nie passiert, er hätte noch mindestens eine halbe Stunde lohnenden Schlaf gehabt (sogar eine dreiviertel Stunde, wenn er sich mit dem Anziehen beeilen würde).

Normalerweise würde er die auch nutzen, aber sein Kopf sprach sich dagegen aus. Sein vor Schmerzen rumpöbelnder Kopf. Kim rieb sich die Augen. Sein scheißempfindlicher Kopf!

Warum war er noch mal mitgegangen? Wie kam das noch gleich zu Stande? Ah ja. Mario hatte ihn gefragt. Mario hatte ihn aber nicht einfach SO gefragt. Mario hatte den Du-Bekommst-Auch-Eine-Belohnung-Blick aufgesetzt.

Und Kim war nun mal, was er war. Mario wusste, dass Kim Partys hasste. Mario wusste, dass Kim Menschenmassen hasste. Aber Mario wusste auch, dass Kim Belohnungen liebte. Belohnungen von der Art, wie sie Erwachsene gerne in Schlafzimmern verteilten.

"Belohnung... pah!" krächzte Kim und bereute es sofort, da sein Kopf wieder schmerzend protestierte. Was hatte er letztlich bekommen? Gar nichts!

Das dachte er zumindest, denn wenn er ehrlich war, konnte er sich an reichlich wenig erinnern, was den Weg nach Hause betraf... und alles weitere danach. Dennoch, die andere Betthälfte war leer und Kim kam sich ein klein wenig betrogen vor.

Nein, das war gelogen. Er kam sich nicht nur betrogen vor, er war stinkesauer! Vor sich hinjammernd wickelte er sich enger in die warme Umarmung der Bettdecke und beschloss ganz einfach den heutigen Schultag Schultag sein zu lassen. Keine zehn Pferde würden ihn aus seinem Bett kriegen.

Dieser Tag war sowieso schon gebraucht, herzlichen Dank.

********************

Exakt eine halbe Stunde später riss seine Mutter die Tür auf.

"Aufstehen, mein Freundchen!"

Kim grummelte etwas, rollte sich zusammen. Im halbdunkel des Zimmers war auf dem Bett nicht mehr zu erkennen, als ein dickes Deckenknäuel, aus dem winselnde Geräusche drangen.

Kims Mutter zog die Augenbraue hoch. Eine gnadenlose Handbewegung später wurde ein Schalter betätigt und grelles Licht flutete Kims Räumlichkeiten. Das Etwas unter den Decken schrie gedämpft auf und sie konnte gerade noch erkennen, wie ein braunes Haarbüschel unter den Stoffen verschwand.

Dann ein Murmeln.

"Ich. Bin. Krank."

"Du bist nicht krank."

"Ich BIN krank!"

"Du hast einen Kater. Steh auf, Kim."

"Mama!"

Er hatte erwartet, dass sie ihn in den Arm nehmen würde. Hatte erwartet, dass sie ihm liebevoll über den Kopf streichelte und ihn tröstete, während er ein bisschen weinte.

Hatte gehofft, dass sie ihm vielleicht ein paar Kekse oder wenigstens Zwieback ans Bett brachte, sowie einen Becher Kakao, mit welchem er eine Aspirin runterspülen konnte.

Er wollte Mitleid und Verständnis von ihr, wie er beides vielleicht bekommen hätte, wenn er zwölf gewesen wäre.

Aber natürlich tat seine Mutter nichts dergleichen, nein, seine Mutter holte mit einem Baseballschläger aus. Weit, weit aus. Und traf den Ball.

"Wer sonntags auf Piste gehen kann, kann auch montags in die Schule gehen! Und mir ist völlig egal, ob du dabei auf dem Gesicht kriechst! Beweg deinen Hintern, aber zackig! Vielleicht überlegt der Herr sich seine Ausgeh-Termine demnächst ja zweimal."

Mit einem unbarmherzigen Knall fiel die Zimmertür wieder ins Schloss. Damit war die Diskussion beendet. Also doch Schule.

Mario konnte sich auf was gefasst machen.

********************

Es ging ihm nicht gut, es ging ihm ganz und gar nicht gut, aber das war keine neue Erkenntnis. Eigentlich ging es ihm von Minute zu Minute schlechter. Und dafür gab es sogar einen Grund. Einen, der nichts mit übermütigem Alkoholgenuss zutun hatte.

Der Grund war ungefähr 1,64 cm groß (ohne Absätze), hatte blonde Engelslöckchen, ein zuckersüßes Lächeln und ein neues Tattoo auf dem Rücken. Besser gesagt knapp über der Arschfalte, wie Kim mit einer hochgezogenen Augenbraue bei sich bemerkte.

Er kannte diese Art von Tattoo. Es war ein Arschgeweih. So eines, wie es alle - ALLE – jungen Mädchen zwischen vierzehn und fünfundzwanzig in der letzten Zeit trugen. Konnte es etwas langweiligeres und nichtssagenderes geben?

Ein Arschgeweih.

Er verdrehte die Augen.

"Kim, wie findest du mein Tattoo?" flötete Claudia aufgeregt, während sie ihm ihren Hintern entgegen streckte. "Tut noch ein bisschen weh, aber das war es wert!"

Kim massierte sich die Schläfen und grummelte etwas. Zum Glück mischte sich Mario in das Gespräch ein, denn er selbst konnte nicht mehr für die einwandfreie Formulierung einer Antwort ohne Beleidigungen garantieren.

"Wo hast du es dir machen lassen, Claud?"

Claudia strahlte angesichts Marios Interesse. Sie strahlte wie die gottverdammte Sonne an einem herrlichen Frühlingstag. Keine Wolken weit und breit. Dafür verdüsterte sich Kims Blick immer mehr, je länger er diese grauenvolle Heiterkeit ertragen musste.

Ihm wurde schlecht.

"Das hab ich in der Stadt machen lassen, am Hafen. Der Laden heißt 'Endless Pain'." Sie grinste breit und mit nicht zu übersehenden Stolz, als sie das sagte. "Cool, oder?"

Trotz der Elefantenherde, die durch Kims Schädel trampelte, erreichte diese Information sein Gehirn. Wenig später wurde diese Info auseinandergenommen, in kleine, gut verdauliche Häppchen zerteilt, verarbeitet und wieder zusammengesetzt.

/Ein Tattoo-Studio. Endless Pain. Ein Tattoo-Studio. Es heißt Endless Pain./

Kim prustete, ignorierte den Schmerz in seinem Kopf und lachte lauter. Er konnte nicht mehr aufhören, bis ihm die Tränen in die Augen stiegen.

Mario runzelte besorgt die Stirn und berührte seinen Freund an der Schulter. "Kim? Ist alles in Ordnung bei dir?"

Kim blickte daraufhin direkt in Claudias missbilligendes Gesicht, das ihn musterte, als wäre er ein ekliges Insekt, woraufhin er nur noch breiter grinste und langsam nickte.

"Gut."

Mario lächelte amüsiert. Er wirkte so vital und unerschütterlich wie immer. Als hätte er den ganzen Sonntag ausgeruht im Bett verbracht und nicht mit Maren an einem Limbo-Wettbewerb teil genommen, bei dem er sogar als Sieger aus der Disco gezogen war.

/Wie tief kommst du runter?! Wie tief kommst du runter?!/

Kims Gelächter ebbte beinah sofort ab. Mario hatte den Fehler gemacht anzunehmen, dass Kim als Antwort auf seine Frage genickt hatte. Das hatte er aber nicht.

Oh nein, Sir, Mister, genaugenommen war rein gar nichts in Ordnung!

"Hör auf, ihren Hintern anzustarren," zischte Kim so leise, dass es nur Mario mitbekam, der jetzt verstört die Augenbrauen zusammenzog.

"Ich soll... was?!"

"Du starrst die ganze Zeit auf ihren gottverdammten Arsch, ich wäre verzückt, wenn du das in meiner Gegenwart gefälligst lassen könntest!"

"Ist was, Jungs?" fragte Claudia.

Kim winkte lächelnd ab. "Nein, Claud, es ist gar nichts."

Mario beugte sich jetzt so dicht vor Kims Gesicht, dass sie beinah in Kussentfernung zueinander standen. Kim sah leichte Verärgerung in seinem Blick, aber vor allen Dingen Unverständnis.

Marios Stimme klang dunkel und ging völlig in dem bunten Stimmengewirr der Klasse unter, die auf den Unterrichtsbeginn wartete. Niemand bemerkte ihre kleine Unterredung, auch Claudia nicht.

Sie hatte sich abgewandt um mit argwöhnischem Blick den Jungen zu mustern, der erst seit einer Woche in ihre Klasse ging und ihr bereits am ersten Tag eine Abfuhr erteilt hatte.

Tobias Holzkamp betrat lächelnd die Bühne, aber davon bekam Kim noch gar nichts mit.

"Ich habe nicht auf ihren blöden Hintern gestarrt, Kim, wie kommst du bloß auf diese beknackte Idee?! Der interessiert mich überhaupt nicht!"

Kim wich schnaubend den Augen seines Freundes aus, stützte die Ellbogen auf seinen Tisch und bettete das Kinn in seine Handflächen. Er strafte den großen Blonden mit Nichtachtung und ließ den Blick gelangweilt schweifen.

"Kim, was ist denn los?!"

Es kostete Mario verdammt viel Selbstbeherrschung nicht die Faust auf den Tisch sausen zu lassen, dafür knirschte er hörbar die Zähne. Wenn er etwas hasste, dann waren es falsche Anschuldigungen und Kims unangebrachte Schweigsamkeit.

Wie eine Raubkatze, die ihre Chance witterte, tauchte Tobias plötzlich vor ihnen auf. Elegant schwang er die Beine über Kims Tisch, rutschte über die glatte Holzfläche und ließ sich schwungvoll auf den freien Platz neben ihm nieder.

Er lächelte breit sein selbstgefälliges Lächeln, das auf vielerlei Weise so charmant wirkte, strich sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr und rückte so nah mit dem Stuhl an sein Opfer heran, wie es nur ging.

"Guten Morgen, Sonnenschein! Einen wunderschönen guten Morgen!"

Kims Augen bewegten sich nur um wenige Millimeter in Tobias Richtung, der heute ein pechschwarzes T-Shirt trug. Doch natürlich blieb auch dieses nicht von einem Aufdruck verschont.

Der Kopf eines gelben Comic-Kaninchens mit Herzchennase grinste ihm übertrieben niedlich entgegen. Ein Schriftzug in lustigen Buchstaben verkündete nur eines:

BE AFRAID

Kim stöhnte und vergrub die Hände im Gesicht.

********************

Und wie auf Kommando, als hätten es heute wirklich alle auf ihn abgesehen, erschien auch noch Maren, die Tobias nicht mal eines Blickes würdigte, Kim aber umso freundlicher begrüßte.

"Hey Kim, siehst du scheiße aus! Ich meine, diese Augenringe sind bei dir ja normal, aber... aber das geht ja heute gar nicht!"

"So ein Quatsch!" rief Tobias sofort. "Kim sieht gut aus! Ach, mehr als nur gut und diese Augenringe haben was ganz individuelles!!"

"Wenn du willst, könnte ich dir auch welche verpassen, was meinst du? So ganz individuell, versteht sich," knurrte Mario mit stechendem Blick. Man sah, dass er es absolut ernst meinte.

Inzwischen schwollen die Schmerzen in Kims Kopf bis zur Unerträglichkeit an, der Groll und Hass auf die Menschheit im Allgemeinen (und dieses Trio im Besonderen) wuchs rapide und er holte schon Luft, um Dinge zu äußern, die sogar das kleine, besessene Mädchen aus "Der Exorzist" beschämt hätten, da betrat endlich der verspätete Lehrkörper den Klassenraum und rettete die Situation.

In letzter Minute.

********************

In der großen Pause saß Kim allein an einem runden Tisch in der Cafeteria der Schule und stocherte desinteressiert in seinem Vanillepudding herum,
welchen er sich zur Feier des Tages mal ausnahmsweise geleistet hatte.

Natürlich hatte er keinen Appetit, aber es ließ ihn beschäftigt aussehen.

Er hatte keine Ahnung, wo sich die anderen rumtrieben, aber das war ihm nur recht. Etwas Ruhe, mehr verlangte er gar nicht. Doch dann beobachtete er, wie ein großgewachsener, schlaksig wirkender Junge die Räumlichkeiten betrat.

Ein Papagei hätte blass und farblos neben ihm gewirkt. Er trug eine viel zu enganliegende, knallrote Lackhose, Turnschuhe (einer blau, der andere rosa mit gelben Pünktchen) und ein bauchfreies Top.

Die Haare des Jungen waren stachelig frisiert und leuchteten in sämtlichen Farben des gottverdammten Regenbogens. Ein schwarzes Lederband mit Nieten schmückte seinen Hals.

Kims Augen brannten bei diesem schrägen Anblick. Er kannte diesen Jungen. Kannte ihn auf mehrere Art. Er ging erst seit kurzem in seine Parallelklasse. Die sexuellen Präferenzen dieser Type waren so offenkundig, er hätte sich ebenso gut "Proud to be Uke-Deluxe" auf die Stirn tätowieren können.

Und bezeichnenderweise hatte Kim diesen Jungen während der letzten Woche auffällig oft in Tobias Nähe beobachten können. Das war interessant. Interessanter jedoch war, das Mister Paradiesvogel die Augen schweifen ließ, Kims Blick funkenschlagend einfing und direkt auf ihn zusteuerte.

"Oh mein Gott..." murmelte Kim Böses ahnend und knetete sich abwesend die Stirn. "Bitte nicht..."

Ein Schatten legte sich über ihn. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Kim auf, gab sich keine Mühe, seine Abneigung zu verbergen und nuschelte als quälten ihn Zahnschmerzen: "Was willst du?"

Nun da der Junge so nah bei ihm stand, entdeckte Kim, dass an seinem Halsband pinke Plastikbuchstaben baumelten, die einen Namen ergaben.

HENRY

/Irgendwie passt das... verdammt, irgendwie passt das!/

Kim kicherte unverschämt, woraufhin sich das Gesicht seines Gegenübers verdunkelte. Obwohl das ein viel zu schweres Wort war. Vielmehr schmollte er vor sich hin.

"Du bist Kim, oder?"

Kim ersparte sich eine Antwort und schwieg nur erwartungsvoll. Dieser Tag konnte nicht beschissener werden. Das war überhaupt nicht mehr möglich.

Mister Extravagant setzte sich ungebeten, aber höflich, wie Kim nun mal war, sah er nachsichtig darüber hinweg. Henry schien etwas auf dem Herzen zu haben, was ihn seine guten Manieren vergessen ließ und Kim sollte der Teufel holen, wenn er nicht wusste, dass das in entfernter Weise mit seinem guten alten Freund Tobias "leck mich am Arsch" Holzkamp zu tun hatte.

"Du nervst mich!" quakte Henry vorwurfsvoll. "Halt dich gefälligst von Tobi fern. Er ist nämlich mir, verstehst du? Mir!"

Kims schallendes Gelächter hallte durch die ganze Cafeteria, sodass er nicht nur von Henry mit Blicken aufgespießt wurde, sondern auch von der griesgrämigen alten Köchin, welche die beiden Jungen misstrauisch musterte, bevor sie weiter die Arbeitsflächen mit einem Lappen sauber wischte.

"Ich soll mich von ihm fernhalten?! ICH soll mich von IHM fernhalten?!"

Henrys todernste Miene veränderte sich nicht, was Kim zu einem erneuten Lachanfall reizte. Er wischte sich Lachtränen aus den Augenwinkeln. Es fiel ihm schwer, sich wieder zu fangen, doch letztlich schaffte er es sogar.

Man konnte fast Mitleid mit diesem schrillen Vogel haben. So wie es aussah, machte er sich tatsächlich Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit Herrn Ich-Schlafe-Höchstens-Zweimal-Mit-Dir-Bevor-Ich-Dich-Fallen-Lasse-Wie-Eine-Heiße-Kartoffel.

Selbst wenn zwischen Henry und Tobias bereits etwas gelaufen sein sollte (und nach dieser Szene sah es ganz danach aus), so wusste Kim mit absoluter Sicherheit zu sagen, dass Henry nicht die Art Typ war, auf die Tobias abfuhr.

Nicht lange.

Nein, zu seinem Bedauern schien er selbst ganz Tobias Geschmack zu sein, auch wenn er das partout nicht nachvollziehen konnte und wollte. Oh, Kim glaubte keine einzige Sekunde daran, dass Tobias wirklich leid tat, was er ihm angetan hatte, oder dass er ihn gar liebte.

Das war keine Liebe, hier ging es ums Geschäft. Niemand wies Mister Unwiderstehlich einfach ab, das war schlicht völlig unmöglich. Und das musste er sich selbst beweisen.

Tobias war einer dieser Männer, die sich von einer wutentbrannten Frau eine Backpfeife einfingen, sich danach verträumt die Wange rieben und murmelten: "Sie mag mich!"

Ja, Henry tat ihm leid. Kim musste dieser armen Seele die Augen öffnen.

"Pass mal auf, ich zeig dir was."

Ein vielsagendes Lächeln breitete sich auf Kims Zügen aus. Er lehnte sich langsam in seinen Stuhl zurück und nahm dabei seinen Vanillepudding mit sich auf den Schoß.

Betont lasziv tauchte er seinen Zeigefinger in die zuckersüße Masse, bedachte die Leckerei an seiner Haut noch mit einem letzten sehnsuchtsvollen Blick, um sie dann genüsslich und mit vor Wonne geschlossenen Augen abzulutschen.

Henry blinzelte verwirrt, aber bevor er auch nur daran denken konnte zu fragen, was Kim mit dieser Aktion zu bezwecken gedachte, schoss plötzlich Tobias an ihnen vorbei, schlug einen Haken und fand sofort Platz an
Kims Seite.

Er wirkte etwas außer Atem, als er tadelnd raunte: "Kim! Ich hab dir doch gesagt, du sollst das nicht machen, wenn ich in der Nähe bin!"

Henry klappte der Mund auf und zu.

"Du warst doch gar nicht in der Nähe..." schnauzte Kim gelangweilt.

"Wenn ich sage 'in der Nähe', dann meine ich, in einem ungefähren Umkreis von dreißig Kilometern." Tobias breitete die Arme aus. "So Pi mal Daumen..."

Kim hatte bereits wieder das Interesse an der ganzen Geschichte verloren. Es hatte Spaß gemacht, den penetranten Papageien zu schockieren, aber jetzt war gut, Tobias konnte wieder abdampfen.

Erstaunlich war, dass Henry bereits mehrere Male Tobias Namen ausgesprochen hatte, jedoch keine Reaktion erntete, außer der eines kurzen Seitenblicks. In den Augen des viel zu dünnen Kerlchens schwammen bereits verräterische Tränen.

"Tobi, du Arschloch. Lass mich gefälligst zu Frieden. Kümmere dich lieber mal um..."

Aber es war schon zu spät, Henry taumelte vom Stuhl, rieb sich den Kopf und machte ein Gesicht, als müsste er angestrengt über eine komplizierte Gleichung grübeln. Er murmelte etwas und verschwand rauschend aus der Cafeteria.

"Großartig!" stöhnte Kim laut und warf die Hände in die Luft. Zwar hatte er mit dieser Reaktion gerechnet, da er ja bewusst darauf hingearbeitet hatte, aber ein bisschen Einsatz hatte er trotz allem von Tobias erwartet. Kim funkelte ihn wütend an.

"Das ist dir völlig egal, oder?"

Tobias blickte kurz in die Richtung, in die Henry verschwunden war. Das tat er ausdruckslos, fast kalt, ohne sein aufgesetztes Lächeln und nach langer Zeit erkannte Kim Tobias wahres Gesicht wieder. Ganz genau, wie er es immer gewusst hatte.

"Trotz seiner bunten Fassade, ist dieser Junge fahl und geschmacklos. Langweilig, so leicht zu durchschauen..."

Als Tobias sich wieder zu Kim umdrehte, grinste er fröhlich. "Und du weißt ja nicht, wie der NERVEN kann!"

Er warf den Kopf zurück und lachte ungehalten. Kim wusste nichts zu sagen. Aber da er seiner Verärgerung irgendwie Luft machen musste, zischte er giftig wie eine Schlange, knallte seinen Pudding auf den Tisch, dass es spritzte und stampfte fort.

Weg, nur weg, bevor er für nichts mehr garantieren konnte.

Schadenfrohes Gelächter verfolgte Kim noch bis ins Treppenhaus.

********************

Er konnte es nicht verhindern, dass er Mario in die Arme lief. Mit ihm hatte er ja noch eine Rechnung offen. Kim seufzte, aber er ließ sich bereitwillig in die verlassene Jungentoilette dirigieren.

Mit zitternden Fingern steckte er sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Er bereute, wie er sich gegenüber Mario verhalten hatte. Bereute, dass er den armen Henry ohne Vorwarnung so rücksichtslos in den Abgrund gestoßen hatte.

Er senkte den Kopf und erwartete eine Triade von Vorwürfen, die völlig berechtigt gewesen wären. Sollte Mario ihm jetzt die Hölle heiß machen.

Doch wie schon so oft überraschte ihn der große Blonde, nahm Kim in die Arme und drückte ihn fest an sich. Kim entschlüpfte ein leiser Seufzer, dem die Erleichterung nur allzu deutlich anzuhören war.

"Dir geht's nicht gut," stellte Mario fest.

Kim schüttelte den Kopf, vergrub die Hände tiefer in den Stoff des Hemds. Nein, ihm ging's heute nicht gut.

"Wegen gestern, hm?"

Ja, auch wegen gestern und auch wieder nicht. So vieles war heute schiefgelaufen und nun war er müde. Er war nur froh, dass Mario jetzt bei ihm war. Ihn hielt, ihm Trost spendete und einfach da war.

"Kim, ich will mich bei dir entschuldigen."

Kim legte die Hände auf Marios Brust und drückte ihn ein Stück weit weg, damit er ihm in die Augen sehen konnte. Er wollte gerade verneinen, doch sein Freund ließ keine Widerreden zu.

"Ich schulde dir noch etwas..." hauchte Mario an sein Ohr. Kim spürte Finger, die seinen Nacken kraulten. Unwillkürlich begann er zu schnurren.

"Meine Eltern sind heute den ganzen Abend nicht da... Essen... und Svenja wird beim Training sein..."

"Um sechs?" fragte Mario leicht amüsiert, platzierte einen sanften Kuss auf Kims Schläfe.

Kim grinste. "Perfekt."

********************

Aber erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt.

********************

Kim seufzte, kratzte sich entnervt am Ohr und knetete sich die Augenpartien. Nur schwer konnte er sich ein herzhaftes Gähnen verkneifen. Maren war bei ihm und heulte sich jetzt schon eine geschlagene Stunde aus. Er konnte ihren Unmut durchaus nachvollziehen, allerdings ist der Drops irgendwann mal gelutscht.

Er fand, dass er von Maren schon Geld dafür verlangen konnte, da sie ihn so schamlos als Psychotherapeut ausnutzte.

Kim blickte unruhig auf die Uhr. "Maren, es ist schon halb, dein Bus kommt in fünf Minuten..."

"...und es ist ja nicht so, dass ich ihm vorher ein Heiratsversprechen gab, oder so was, ich meine, verstehst du, was ich sage? Hey, ich war betrunken - nein, vergiss das - WIR waren betrunken, es war nur ein bisschen Gefummel, was bildet der sich ein? Hallo? Es ist schon fast drei Monate her, Claudias dämliche Party, schon fast drei Monate!! Ich kapier das nicht, außerdem..."

Kim freute sich ungemein über Marens ungeteilte Aufmerksamkeit. Ja, so musste ein Dialog vonstatten gehen, eine ausgelassene Konversation zwischen zwei Gesprächspartnern, der Eine laberte ohne Unterlass, der Andere gegen eine Wand.

/Aber die Wand hört mir wenigstens zu./

Kim legte grübelnd den Kopf zur Seite, zog die Stirn kraus.

/Mann... ich sollte wirklich mal wieder tapezieren, das ist ja alles ganz vergilbt!/

"...läuft mir nach, du weißt ja gar nicht, wie ätzend das sein kann, Kim, ehrlich, da bekommt man doch Angst, oder nicht? Hä? Bekommt man doch! SMS-Attacken, dabei kann ich mich nicht daran erinnern, ihm jemals meine Nummer gegeben zu haben... oder warte..."

Maren stützte ihr Kinn in die Hände, pinke Strähnchen fielen ihr ins Gesicht. Daraufhin schüttelte sie den Kopf und rieb sich ihren nichtvorhandenen Damenbart.

"Nein, nur weil ich mich nicht daran erinnern könnte... das hat nichts zu sagen... oder was meinst du? Kim? Heeey, hörst du mir überhaupt zu?!"

"Blau", sagte Kim nach einer kurzen Pause bedächtig nickend. "Ich habe gehört, blau soll beruhigend wirken. Ich sollte es blau tapezieren..."

Maren schnaubte beleidigt, fummelte sich die widerspenstigen Haare zurück hinters Ohr und zündete sich zitternd eine Zigarette an. Kims Augenbrauen hoben sich. Innerhalb von knapp sechzig Minuten hatte sie es geschafft, eine halbe Schachtel zu verqualmen.

Das waren selbst für Kim Dimensionen, quasi einem nie einzuholenden Olympiarekord gleich.

Gut, es sei denn, er war auf Party und trank Alkohol. Da konnte man das mit dem Konsum schon mal übertreiben.

"Du redest wirres Zeug", nuschelte Maren schließlich. "Ich schütte dir mein Herz aus und du redest wirres Zeug."

Kims Blick klärte sich, er riss sich gewaltsam aus der Betrachtung seiner vernachlässigten vier Wände, nahm einen Schluck Cola und wählte seine Worte mehr oder weniger bedächtig, als er seine Freundin offen ansah.

"Maren, jetzt mal ehrlich, im Grunde erzählst du mir nichts Neues, es ist immer das gleiche Theater, ich kenne die Vorstellung auswendig und so langsam bin ich es leid, okay?"

Er stand auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab, Maren dabei ständig im Blick, die nun gar nichts mehr sagte, aber sehr verletzt dreinschaute. Das übersah Kim geflissentlich.

"Ich HABE dir zugehört, Maren, das habe ich wirklich. Tatsächlich höre ich seit Tagen nichts anderes mehr!! Karsten hier, Karsten da! Bla, bla, bla, BLAH!"

Gegen Ende dieses Vortrages hatte Kim sich wie ein Gockel aufgeplustert, stolzierte übertrieben vor Maren her, die ihn ausdruckslos betrachtete.

"Du Arschloch."

"Ja, ja..."

"Er ist ein Psychopath!" rief sie aufgebracht und errötete über ihren Ausbruch.

"Er ist hartnäckig und das mit Ausdauer und Begeisterung", erwiderte Kim gelassen. "Ich an seiner Stelle hätte längst aufgegeben. Ach was, JEDER hätte längst aufgegeben!"

"Er soll mich in Ruhe lassen", murmelte Maren eingeschüchtert. Ihre Augen nahmen einen feuchten Glanz an. "Jeder redet schon darüber, selbst Claudia..."


"Ah! Ah! Ah! Ah! Und genau hier liegt der Knackpunkt, meine Damen und Herren!" verkündete er einem unsichtbaren Publikum, schnappte sich ein Lineal und missbrauchte es als Mikrophon.

"Wird Gräfin Rabenstolz hingegen aller gesellschaftlichen Zwänge ihren geliebten Bettelknaben heiraten, oder aber fügt sie sich in ihr selbstauferlegtes Schicksal und verschmäht den holden Knaben, nur weil er den Hofdamen nicht passt?!"

Maren riss ihm fauchend das Lineal aus der Hand. "Lass den Scheiß, ich habe keine Ahnung, wovon du redest!"

Kim sah trauernd seinem Lineal hinterher, schmunzelte dann und nickte. "Doch, ich glaube schon. Eigentlich magst du das Alles, wie er dir hinterher rennt, seine Bemühungen, selbst die SMS-Attacken..."

"Wie bitte?!"

Marens Protest wurde durch ihre dunkle Farbe im Gesicht entkräftet. Kim bohrte tiefer.

"Hast du denn jemals Klartext mit ihm gesprochen, Maren? Hast du jemals wirklich nein gesagt?"

"Ja!" rief sie verstört, ihr Blick irrte hin und her.

"Echt?"

Daraufhin starrte Maren hölzern auf ihre Turnschuhe und Kim musste sich bücken, um ihr in die Augen sehen zu können, was ihr eindeutig nicht gefiel, denn sie quittierte seine Anstrengungen mit einem genervten Grummeln.

"Ja~ha!"

Kim seufzte wieder und fuhr sich durchs Haar. Er wollte sein Zimmer noch ein wenig auf Vordermann bringen, bevor sein Freund hier eintrudelte und das war immerhin in einer guten halben Stunde. Langsam wurde er nervös.

Er ließ sich schwer neben Maren nieder, lehnte sich an sie und schlang einen Arm um ihre Schultern.

"Süße, mach was du willst, ja? Ich wollte mich auch gar nicht einmischen."

Ob dieser gefühlvollen Sinneswandlung lupfte Maren eine pikierte Augenbraue. "Kommt Mario noch?"

"Jepp."

"Du willst mich loswerden, stimmt's?"

"Behalte deine Karten für dich, Maren, aber ich glaube, du hast ein Bingo."

Sie gab ihm eine Kopfnuss, schuppste ihn, dass er nach hinten auf sein Bett kippte.

"Ich hoffe, du weißt, dass du ein riesiges Ekel sein kannst."

Kim lachte. "Ja, ich bin schlecht und du stehst drauf!"

Nun lachten sie beide.

Fortsetzung folgt