Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Miss P. > Bitter > Bitter Teil 1 bis 4

Bitter Teil 1 bis 4

------------------------------

Das schwarze Zimmer

------------------------------



"Du siehst schlecht aus."



Blaue Rauchschwaden versteckten sein Gesicht, die Dunkelheit im Raum machte die Sache nicht besser. Der Junge verfluchte den Hang des Mannes für düstere Dinge und Zigaretten. Es gab tatsächlich nicht eine Lampe in seinem Zimmer, bloß einzelne Kerzen, hier und da verstreut, aber selbst diese waren nicht angezündet.

Die einzige Lichtquelle bildete ein kleiner, alter Fernseher, der rauschend ein Schwarzweißbild präsentierte, flackernde Schatten in das Zimmer warf und unheimliche Muster an die Wand zeichnete. Die Luft in dem Raum war so dick, dass man sie mit einem Messer hätte schneiden können.

"Das gebe ich gerne zurück", antwortete der blonde Junge ruhig, fischte ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche und trat vor ein riesiges Regal. Er spürte die Augen des anderen in seinem Rücken, hörte ihn verhalten atmen, zu einer Frage ansetzend, oder doch zu einer Aufforderung?

Der Blonde hielt inne, doch als weiter nichts geschah, fuhr er in seiner Absicht fort, ließ die Flamme dieses Wunderdinges aus rotem Plastik klickend aufleuchten.

Er sah prüfend zu seinem "rauchenden Freund", wie er ihn gerne nannte, dessen Gesicht immer noch in Schatten lag. Er saß nachlässig in seinem Sessel am Fenster, ein Arm baumelte über der Lehne, sein Kopf hing so weit im Nacken, dass der Junge trotz der Dunkelheit deutlich seinen Adamsapfel erkennen konnte.

Hätte man es nicht besser gewusst, so könnte man fast glauben, dass der Mann eingeschlafen war, doch das war er nicht, nein.

Er war wie dieses Mädchen aus "The Ring", er schlief nie.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, hob sich schwerfällig eine Hand zum Mund. Glut leuchtete auf, Tabak brannte, wurde inhaliert und zischend wieder ausgestoßen. Er lachte rau. "Du warst lange nicht hier."

Der Junge wandte sich wieder dem schwarzen Regal zu. Er hielt die Flamme dicht vor dessen Inhalt, überflog Namen und Titel, Kategorie über Kategorie. Er wusste nicht, warum er hier war. Er kannte bereits sämtliche Filme, es gab nichts Neues, nichts Interessantes. Er starrte auf die Kassetten, ohne etwas zu sehen.

Schließlich sagte er: "Der Scheiß bringt dich noch um."

"Das hier?" Der Mann hielt die Zigarette in die Luft. "Ich weiß."

Schweigen. Lange Zeit nichts, außer dem nervtötenden Rauschen des Fernsehers. Das Herz des Jungen pochte schmerzhaft gegen seine Brust. Er wartete.

Wartete.

Wartete.

Wart...

"Du verabschiedest dich", stellte der Mann fest. Seine Stimme war nah, doch wie nah wagte der Blonde nicht herauszufinden. Sein Auge zuckte kurz unkontrolliert, ein sichtbares Zeichen für seine Nervosität.

Wie konnte er sich so schnell bewegen? Wie konnte er so weit kommen, ohne dass ich ihn gehört habe?

"Du willst es durchziehen?" Lag da so etwas wie Spott in seiner Stimme?

Der Junge nickte, kniff seine Augen zusammen, als er bereits den Atem des Mannes in seinem Nacken spürte, zischte Unfreundliches.

"Das schaffst du nicht." Eine simple Feststellung, aber hörte er da nicht etwas wie Unsicherheit, einen Funken Angst?

Der Junge hoffte es. Das würde es leichter machen.

"Cole...!"

Seine Stimme war ein Zittern in der Luft, Cole schlug nach den Händen, die sich um seine Taille schlangen, vergeblich. Er schrie wütend auf, zappelte und wand sich.

Er spürte raue Bartstoppel an seiner Wange, ein allzu bekanntes Gefühl, Lippen, die an seinem Mundwinkel lagen, roch kalten Rauch, sein Magen verkrampfte sich.

Im nächsten Moment fand er sich ächzend auf dem Boden wieder. Der Junge schnappte nach Luft, denn etwas hatte sich beim Fall in seinen Rücken gebohrt.

Der Mann war bereits über ihm, versenkte seine Lippen, saugte fast wimmernd mit grenzenloser Verzweiflung an der Zunge des Jungen, fuhr über die Zähne, biss sanft in die Unterlippe, schob mit dem Knie seine Beine auseinander.

Es ist das letzte Mal, dachte der Blonde, während er seine Finger in das Hemd des Mannes vergrub, seinen Unterleib an ihn drängte, leise aufstöhnte und sich willenlos einnehmen ließ.

Nur noch dieses Mal...

"Du kommst wieder..."



--------------------------

Das Vorspiel

--------------------------



Richie Tozier suchte verzweifelt nach einem vernünftigen Zopfband, das er tragen konnte, ohne dass es allzu tuntig wirkte, doch seine Mutter besaß ausschließlich türkis und pinkfarbene, mit netten Rüschchen verzierte Exemplare. Das war eindeutig nicht sein Style. Er entschied, dass es ein einfaches Gummiband aus der Küche auch tun würde.

Und er unbedingt mal wieder zum Frisör musste.

Ein flüchtiger Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er viel zu spät dran war und wahrscheinlich eben gerade den Bus verpasst hatte, der ihn rechtzeitig zum Spielfeld gebracht hätte. Er musste sich wohl aufs Fahrrad schwingen, um seine Kollegen nicht unnötig lange warten zu lassen. Aber das war auch gut, nicht so gut wie eine entspannte Busfahrt, doch nun nicht mehr zu ändern.

Schnell schob er sich eine Scheibe Toast zwischen die Zähne, schnappte sich seinen Rucksack und sprintete die Treppe runter, zwei Stufen auf einmal nehmend. Er hörte, dass sich sein Vater aus dem Wohnzimmer lautstark über den Krach beschwerte, kümmerte sich aber nicht weiter darum.

Die Haustür flog scheppernd ins Schloss, seine Mutter, die gerade im Vorgarten ihre Blümchen fürsorglich goss, erschrak ganz furchtbar und ließ die Gießkanne fallen. "Wo willst du hin, junger Mann?"

"Weg", kam es postwendend, nicht mal einen Seitenblick gönnte er ihr, verschlang den letzten Rest seiner spärlichen Mahlzeit und schwang sich auf seinen Drahtesel. "Bin in Eile!" rief er noch entschuldigend, als er schon halb verschwunden war.

"Rich!!" Seine Mutter wischte sich seufzend Schweißperlen von der Stirn, hob die Gießkanne wieder auf und blinzelte in die Sonne. "Darüber sprechen wir noch, Freundchen", murmelte sie.

Richard war nur dann so außer Rand und Band, wenn es um seine Spiele auf dem Basketballfeld ging, sonst schien ihn herzlich wenig zu tangieren. Er war ein verzogener Bengel, tat schon aus Prinzip nur das Gegenteil von dem, was man ihm sagte und konnte einen mit seiner Sturheit weit auf die Palme bringen.

Seine Gleichgültigkeit in bezug auf gewisse Dinge war das einzige, was Richards Mutter wirklich Sorgen machte. Es war so schwer, ihn aus der Reserve zu locken, er redete zu wenig.



~~ooO@Ooo~~



Er fühlte sich wie der Sechs Millionen Dollar Mann: Besser, stärker, schneller. Die Kurve raste gefährlich auf ihn zu, aber Richard hielt drauf, seine Finger kamen nicht mal in die Nähe der Handbremse, er legte an Tempo zu, schaltete einen Gang höher und lachte laut in den Wind, der ihm heulend um die Ohren pfiff.

Keinen Gedanken an ein entgegenkommendes Auto verschwendend, das seiner Achterbahnfahrt ein schnelles Ende bereiten könnte.

Die Leute, die ihn auf der Straße sahen, hielten für einen Moment erschrocken inne. Ihnen lief ein kalter Schauer über den Rücken. Entweder starrten sie ihm mit einem mulmigen Gefühl hinterher oder sie wandten sich schnell ab und zogen ihrer Wege.

Sie sahen ihn nicht lachen, sie sahen ihn schreien.



~~ooO@Ooo~~



Keuchend stieg Richard in die Eisen, seine Reifen zogen eine lange Bremsspur in den Sand, Staub wirbelte auf. Ungefähr fünf Zentimeter vor Mike kam er breit grinsend zum stehen.

"Das war verdammt knapp, Tozier!" knurrte Mike. Solche Aktionen war er von Rich zwar längst gewohnt, aber witzig fand er sie deswegen ganz bestimmt nicht. Der Junge hatte für Mikes Begriffe einfach eine krankhafte Vorstellung von Humor.

"Mike, du alte Gesichtsnudel!" Richard stieg von seinem Rad und ließ es achtlos ins Gebüsch fallen.

Auch das quittierte Mike mit einem verstimmten Blick und selbst als Rich ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte, was bei ihm einer angemessenen Entschuldigung gleichkam, veränderte sich seine Stimmung nicht.

"Hey, Mikey, was ist denn los? Wer ist dir denn auf den Schwanz getreten?"

Rich kniete sich nieder, kramte arglos seine Jackass Cap aus dem Rucksack (die er sich nur noch nicht aufgesetzt hatte, weil sie ihm beim Radfahren weggeflogen wäre und das durfte sie nicht, denn sie war nicht nur schweineteuer gewesen, sondern auch sein Markenzeichen, welches er über alles liebte, von Johnny Knoxville persönlich signiert, ja, man könnte sagen, ohne dieses Ding auf dem Kopf fühlte er sich quasi nackt) und seine Seltersflasche, die er jeden Moment mindestens bis zur Hälfte leeren wollte.

Aber als er zum Trinken ansetzte, schockte Mike ihn mit dem was er sagte so sehr, dass er sich hustend verschluckte, nicht ohne seinen Freund dabei nasszuspritzen.

"Bitte was?!" schnappte Rich und blinzelte verständnislos hoch. Mike sah aus, wie in Scheinwerfer getaucht, er stand direkt in der Sonne.

"Danke für den Regen", antwortete Mike trocken und wischte sich mit einer übertriebenen Geste über die Schultern. "Ich glaube, du hast mich sehr gut verstanden, aber ich sage es gerne noch mal: Der Platz ist besetzt, Rich, verstehst du, was ich sage? Lies es mir von den Lippen ab: B.e.s.e.t.z.t.!!"

"Du verarschst mich."

"Siehst du mich lachen?"

"Scheiße!" fluchte Rich. Sofort verdunkelte sich sein Blick, die Hochstimmung war verflogen. Suchend ließ er die Augen schweifen, aber aus seiner Position konnte er nicht auf das Spielfeld sehen, da Bäume, die man rundherum gepflanzt hatte und jetzt im Sommer in voller Blüte standen, die freie Sicht verhinderten.

"Scheiße! Scheiße!! Mann, ist das eine riesen Scheiße!! Scheißdreck!"

Mike schmunzelte belustigt. "Ich bewundere deinen Wortschatz, Tozier, ich bewundere ihn wirklich."

"Spar dir das, Mikey, echt, spar dir das..."

Richard hatte Mike soeben mit einem Blick aufgespießt.

"Sind es die selben wie letztes Mal?"

"Jepp." Mike trat nervös von einem Bein auf das andere. Langsam steigerte sich Rich zu sehr in die Sache rein und er wusste nur zu gut, wo so was bei ihm enden konnte. "Hör mal, Rich, vielleicht können wir ja zus..."

Richard lachte laut und völlig humorlos auf. Er erhob sich langsam, den Blick immer in Richtung Spielfeld, wischte sich einen vergessenen Tropfen Wasser vom Kinn und murmelte: "Nicht in diesem Leben, Mike. Wir waren zuerst da, das ist unser Platz."

Mike seufzte, kratzte sich nervös am Kopf. "Diesmal haben die jemanden dabei, der anders ist, Rich. Ich meine, der kann wirklich was."

"Tatsächlich?" Richard zog eine Augenbraue hoch, seine persönliche, diskrete Art zu sagen: "Schwachsinn!!"

Angesichts dessen wusste Mike, dass er verloren hatte. Es war nicht seine Absicht gewesen, die Geschichte so hoch zu schaukeln, aber nun war es passiert. Und was diesen neuen Spieler betraf, nun ja.

Tozier würde schon sehen, was er davon hatte.

"Wo sind die anderen?" fragte Richard.

"Stehen am Zaun und gucken zu."

"Gucken zu?!"

"Sie wollten lieber warten, bis du kommst, bevor sie irgendwas machen."

Richard schnaufte ungläubig, bevor er mit weitausholenden Schritten unvermittelt losmarschierte, Mikeys Ruf bewusst ignorierend. Er hatte die Schnauze gestrichen voll. Es wurde Zeit, den kleinen Scheißern zu zeigen, wo der Hammer so hängt.



~~ooO@Ooo~~



Er lag auf einer Bank und genoss die Wärme unter ihm, welche das Holz gespeichert hatte, ließ die Sonne sein Gesicht streicheln, ein Bein baumeln. Sein Haar glänzte golden im Licht, auf seinen entspannten Zügen lag ein leichtes Lächeln.

Er hörte die anderen spielen, laufende Schritte im Sand, das Geräusch, das ein Ball verursachte, wenn er aufprallte, aufgeregte Rufe von Spielern, die sich anboten. Er wurde schläfrig, aber diese Schwäche konnte er sich jetzt nicht erlauben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die anderen hier auftauchen würden.

Er wartete. Auf Ärger, der unweigerlich kommen musste. Er hatte schon viel über den Schwarzhaarigen gehört, der dieses Feld anscheinend für sich und seine Leute beanspruchte und dessen Motto zu lauten schien: Nur keinen Streit vermeiden!

Doch dies war ein öffentlicher Platz, warum also sollten sie hier nicht ein wenig Spaß haben dürfen?

Er seufzte.

"Cole!"

Er öffnete einen Spalt weit die Augen, blinzelte zur Seite und räkelte sich.

"Willst du nicht spielen?"

Ein Nicken. Bewegung würde ihm nicht schaden, also lief er aufs Feld. Sofort wurde er integriert, der Ball fand umgehend seine Hände. Probeweise dribbelte er vor sich her, fand schnell den Rhythmus wieder, der für ihn einmal so selbstverständlich gewesen war. Ein gutes Gefühl. Er hatte lange nicht mehr Basketball gespielt.

Ja, es fühlte sich gut an. Wieder.

"Fahrradfahren verlernt man nicht", murmelte er, lächelte schief und sah aus dem Augenwinkel, dass jemand zum Angriff überging. Leicht spielte er den Jungen aus, flog geradezu über den Platz, als würde keiner der anderen Spieler existieren, niemand kam auch nur in die Nähe des Balls.

Und obwohl er kleiner war als der Rest von ihnen, hatte er die stärkste Sprungkraft. Einem blieb vor Schreck die Spucke weg, es sah aus, als hätte der Blondschopf ein unsichtbares Trampolin vor dem Korb deponiert.

Er ließ den Ball sauber ins Netz gehen, hielt sich noch eine Sekunde lang am Korb fest, bevor er wieder auf dem Boden landete und einen Schwall aufgestauter Luft aus den Lungen stieß. Er merkte schockiert, dass er vergessen hatte, zu atmen. Zu atmen!

"Wahnsinn, Cole!!"

Jubelnd rannten sie auf ihn zu, halfen ihm hoch, klopften ihm den Staub von den Kleidern, beglückwünschten ihn. Cole musste lachen. Einer der jüngeren Spieler warf sich ihm um den Hals und drückte ihm sein verschwitztes Gesicht an seine klopfende Brust.

Cole lächelte und wuschelte ihm liebevoll durchs dunkelblonde Haar. "Hilf mir auf, Benny!"

Als sich Cole und Benny gegenüberstanden, erkannte man deutlich eine Ähnlichkeit, wie sie nur bei Geschwistern zu finden war. Allerdings war Benny ein deutlich dunklerer Typ als sein Bruder, dazu noch größer, muskulöser und kräftiger. Alles in allem waren sie das genaue Gegenteil voneinander.

"Ich wusste doch, es würde dir gefallen!" grinste Benny zufrieden. Wenn man es nicht gewusst hätte, wäre man nie von allein drauf gekommen, dass er erst sechzehn Jahre alt war und somit zwei Jahre zwischen ihm und seinem älteren Bruder Cole lagen.

"Wenn Mom davon erfährt, bin ich geliefert", sagte Cole ernst.

"Kein Wort!" versicherte Benny mit einer Reißverschluss-Zu-Geste.

Cole musste wieder flüchtig lächeln, zuviel Optimismus wollte er aber nicht zulassen. Sein Blick schweifte immer wieder suchend umher, während die anderen schon weiter unbekümmert mit dem Match fortfuhren. Schließlich sah er sie, die Bande, in einer schattigen Ecke am anderen Ende des Feldes am Zaun lehnend.

Schon eine ganze Weile mussten sie da gewesen sein, warum hatte er das nicht früher bemerkt?



~~ooO@Ooo~~



Im ersten Moment dachte Rich verblüfft, dass ein Mädchen diesen Pass so mühelos angenommen hatte, den nächsten Angreifer ausspielte, als wäre er gar nicht da, um danach einen astreinen Dunk hinzulegen. Aber als er dann die dunkle Stimme hörte, mit der das vermeintliche Mädchen auflachte, war er mehr als nur erleichtert gewesen.

Gegen ein Mädchen hätte er unmöglich mit der selben Härte spielen können.

Er merkte nur am Rande, dass Mike ihn anschubste und irgendetwas sagte, zu sehr war er in Gedanken vertieft, beobachtete, wie der Blonde gefeiert wurde, wie er strahlte und sich alle mit ihm freuten.

Die Sonne schien von einem stahlblauen Himmel auf die Spieler herab, Vögel zwitscherten, ein Windstoß fegte durch die Bäume und ließ dabei die Blätter rascheln... dieses Bild prägte sich Richard ein, jedes Detail nahm er in sich auf und verarbeitete es langsam, gründlich.

Aber alles, was ihm dazu einfiel, war folgendes: Kotzen. Zum Kotzen. Rich kam wirklich die Galle hoch und das nicht im sprichwörtlichen Sinne. Diese Szene erinnerte ihn zu sehr an einen Werbeaufruf für mehr Menschlichkeit im Umgang Miteinander.

Fehlte nur noch eine Friedenstaube, die in die Abenddämmerung segelte. Ein Regenbogen würde noch zum krönenden Ende hin erscheinen. Abblende.

"Also, was ist los?" fragte er und drehte sich zu den anderen um, die bislang nur grummelnd am Zaun gelehnt hatten. In Richards Augen funkelte und blitzte es. "Holen wir uns den Platz zurück, oder was?"



~~ooO@Ooo~~



Die anderen aus Richards "Bande", wie er sie selber scherzhaft nannte, waren Stan - The Man - Uris, über den man besser keine Witze wegen seines Nachnamens machte, wenn man nicht den Rest seines Lebens deformiert durchs Leben taumeln wollte, Eddie Deacon, ein schmaler, rothaariger Junge, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war und schnell rot wurde, wenn er sich aufregte (was häufig der Fall war) und Chris Underwood, ein geistig unter der Decke klebender Kerl, der aber auf Grund seiner Größe und Schnelligkeit im Spiel für Rich im Laufe der Zeit unverzichtbar wurde.

Mike, Richards ältester Freund und der einzige von dem Haufen, der behaupten konnte, Rich wirklich zu kennen (zumindest dachte er, dass er ihn kannte), flüsterte ihm noch eine letzte Warnung ins Ohr. "Das wird nicht leicht!"

"Was redest du da?" schnaufte Rich, der gerade im Begriff war, sich die Aufmerksamkeit der Eindringlinge zu verschaffen. "Die haben wir schon mal platt gemacht!"

"Diesmal ist es anders!" wiederholte Mike ungeduldig und schielte vielsagend zu dem kleinen Blonden rüber, der anscheinend schon mitbekommen hatte, dass sie etwas vorhatten. Er sah direkt in ihre Richtung. "Ich hab ihn schon spielen sehen..."

Rich folgte Mikes Blick und erwiderte schließlich völlig unbeeindruckt: "Ein Mann macht kein Spiel." Er ließ den Jungen nicht aus den Augen, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Mike kratzte sich hilflos am Kopf.

Nachdrücklicher, als wollte er sich selbst überzeugen. "Ein Mann macht kein Spiel, Mikey."



~~ooO@Ooo~~



"Cole, was ist los?" Cole brummte etwas, woraufhin Benny dem düsteren Blick seines Bruders folgte. Als er sah, wer gerade auf den Platz kam, wurde er für seine Verhältnisse erstaunlich einsilbig. "Oh! Oh, oh, oh..."

"Ich glaube, jetzt gibt's Ärger", prophezeite einer von Bennys Freunden, den Cole nicht kannte. Auch die anderen zwei waren Klassenkammeraden von ihm, die Benny öfter mal mit nach Hause gebracht hatte. Bis eben hatten sie weiter gespielt, aber nun hörten sie unvermittelt auf.

"Sehr richtig", knurrte Richard. Die Bande stand geschlossen hinter ihm. Stan kaute penetrant mit offenem Mund ein Kaugummi und kratzte sich gemächlich am Hintern, Eddie und Chris grinsten blöde in die Gegend, Gott weiß was sie gerade dachten oder (und das war durchaus berechtigt) ob sie überhaupt mit dem Verstand arbeiteten.

Für Cole war sofort klar, wer das Sagen bei ihnen hatte. Sie sahen allesamt nicht sehr intelligent aus, aber Mr. Jackass (wie er Richard aufgrund der Mütze heimlich taufte) wirkte, als hätte er was auf dem Kasten, genauso wie der Junge direkt neben ihm, der sich allerdings nicht ganz wohl zu fühlen schien, sein Blick irrte immer wieder nervös hin und her.

Benny hatte Cole schon öfter von Rich erzählt, da sie in letzter Zeit häufig aneinandergeraten waren und nun kam Cole nicht umhin zu merken, wie treffend sein Bruder ihn beschrieben hatte: Seidiges, schwarzes Haar, loser Zopf, der nicht aus modischen, sondern nur aus praktischen Gründen gemacht wurde, dunkle Augen, eine kleine Narbe an der Oberlippe, im Gesamtbild kräftig und mindestens zwei Köpfe größer als er.

Halleluja! dachte Cole und leckte sich über die trockenen Lippen.

"Ihr habt zwei Möglichkeiten", eröffnete Rich und sah dabei jedem einzelnen gefährlich in die Augen. Als er weitersprach hing sein Blick jedoch wieder bei Cole, der sich nichts anmerken ließ. "Entweder verschwindet ihr sofort oder..."

"Oder was?!" rief Benny provozierend, wobei er sich genau vor Richard aufbaute und ihm trotzig in die Augen blickte.

In dem Moment beugte sich Stan zu Benny vor und rülpste ohrenbetäubend laut in sein Gesicht. Chris und Eddie brachen augenblicklich in hysterisches Gelächter aus. Cole zog angewidert die Augenbrauen zusammen.

Gott, wie männlich!!

Cole packte Benny geistesgegenwärtig am Arm, als dieser gerade im Begriff war, sich rasend auf das kaugummikauende Etwas zu stürzen und hielt ihn zurück. "Benny!" Cole merkte, wie es in seinem Bruder tobte, seine Augen schleuderten Blitze, aber er ließ ihn nicht los. Eine Schlägerei war jetzt das letzte, worauf er Lust hatte.

Rich lächelte breit. Anscheinend schien ihm die Sache unheimlich Spaß zu machen, aber Cole war nicht nach Lachen zumute. Von Sekunde zu Sekunde wurde er wütender auf diesen aufgeblasenen Wichtigtuer.

Und wo wir schon dabei waren, warum zum Teufel starrte der ihn eigentlich andauernd an?!

"Aufgepasst", sagte Rich und breitete seine Arme aus, während sein Grinsen bald das Gesicht zu sprengen schien. "Ein Vorschlag zur Güte..."



~~ooO@Ooo~~



Es ging bereits auf den Abend zu, die Luft wurde etwas kühler. Benny legte eine Hand auf Coles Schulter und lächelte. "Mit dir wird das ein Kinderspiel!" Er zwinkerte ihm zu.

Cole lächelte gezwungen zurück, denn er war sich da nicht so sicher. Allerdings würde er einen Teufel tun und das den anderen zeigen, sie brauchten Motivation und zwar eine Menge davon. Er kramte in seinen Archiven nach dem guten alten Ich-Bin-Cole-Der-Unbesiegbare-Gesicht, fand es schließlich und setzte es auf.

Es ging ganz leicht, er wunderte sich ein wenig.

"Okay", rief Rich und klatschte in die Hände. "Kein Schiedsrichter, fünf gegen fünf, wer verliert, verzieht sich und das nicht für heute, sondern für immer. Sind noch Fragen offen?" Er blickte kurz in die Runde. "Nein? Ausgezeichnet!"

Ausgerechnet Benny und Stan sollten das Spiel eröffnen. Der Riese mampfte immer noch an seinem Kaugummi rum, grinste breit und rieb sich die Hände. Auch Benny lächelte, aber seine Augen taten es nicht. Mike hielt den Ball in die Luft und sah beide ernst an. "Seid ihr soweit?"

Schweigen ließ Mike als Zustimmung gelten. Er warf den Ball hoch und fast im selben Moment sprangen Stan und Benny ihm nach, doch Benny war einen Tick schneller gewesen und gelangte somit in Ballbesitz. Stan brachte seine Unzufriedenheit mit einem Grunzen zum Ausdruck, setzte Benny sofort nach, der nach vorne stürmte, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

"Cole!!"

Dieser war schon längst auf selber Höhe mit seinem Bruder, während die anderen aus seiner Mannschaft noch aufholen mussten, aber er hatte es nicht leicht. Der kleine Rothaarige, dessen Gesicht zu glühen schien, deckte Cole hartnäckig. Benny ging das Risiko ein, er wurde zu sehr von Stan bedrängt und lief Gefahr den Ball zu verlieren.

Benny täuschte einen Fluchtversuch nach links an, auf den der stumpfsinnige Blödmann tatsächlich reinzufallen schien. Schnell wechselte er die Richtung, tunnelte Stan geschickt und wollte den Ball zu Cole werfen, aber er hatte nicht mit Rich gerechnet, der wie aus dem Boden gewachsen vor ihm auftauchte und den Ball noch in der Luft zur Seite schlug.

"Scheißdreck!!" zischte Benny.

Cole biss die Zähne zusammen, Eddie nervte ihn unheimlich, egal was er auch versuchte, der Pimpf klebte an ihm, wie die Fliege am Scheißhaufen und grinste dabei auch noch auf ziemlich abstoßende Weise. Seine Zähne sahen aus, als hätten sie lange keine Zahnbürste mehr gesehen. Cole fluchte innerlich, er hatte keine Chance in das Spiel einzugreifen und noch während er das dachte, ging ein riesiger Jubel los.

Rich hatte den ersten Korb geworfen.

Sie hatten gerade mal eine Minute gespielt.

Das ging ausgesprochen gut los, wie Cole fand.

Eddie gackerte seine Hühnerlache herunter und das war der Moment, in dem es bei Cole einfach Klick machte. Seine Software, die für Gefühlsregungen jeder Art zuständig war, fuhr in rapidem Tempo herunter, dafür legte sich eine eisige Kälte schützend wie ein Mantel um ihn. Er rannte Eddie ohne Rücksicht auf Verluste einfach über den Haufen. Dieser war so verdattert, dass er erst mal verwirrt liegen blieb.

Mike war am Ball und Bennys Freund, ein Typ namens Tom Boland, schlug sich wirklich tapfer im Zweikampf mit ihm, aber man erkannte schnell, dass er keine Chance gegen ihn hatte. Mike rannte nach langem hin und her einfach an ihm vorbei, dribbelte nach vorne und warf Chris einen sauberen Pass zu, welchen Benny erfolglos versuchte aufzuhalten.

Es sah schlecht aus. Richard kam wieder an den Ball und das hieß potentielle Korbgefahr. Niemand war da, der ihn aufhalten konnte. Er setzte zum Sprung an, aber dann tauchte plötzlich Coles Gesicht vor ihm auf. Richard war so erschrocken, dass er einen kleinen, spitzen Laut ausstieß, für den er sich augenblicklich schämte.

Das Gesicht des blonden Jungen war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Richard bildete sich sogar ein, dessen heißen Atem auf seiner Haut spüren zu können. Ein dunkles Lächeln huschte über Coles Züge, Richards Herz vergaß für eine Sekunde zu schlagen, da war der Kleine auch schon wieder verschwunden und mit ihm der Ball.

Richard stolperte über seine eigenen Füße und landete auf den Knien. Er keuchte. Sofort flog sein Kopf mit weit aufgerissenen Augen über die Schulter. Er sah noch, wie der Junge leichtfüßig erst Mike und dann Stan austrickste, die Beine abfederte und den Ball quasi in den Korb trug.

Erst herrschte Stille, die Benny dann mit einem lauten Freudenschrei durchbrach. Schnell schlossen sich die anderen an, nachdem sie die Ungläubigkeit über das Geschehene abgeschüttelt hatten.

Cole blickte ausdruckslos zu Richard, der immer noch fassungslos auf dem Boden hockte, unfähig sich auf irgendeine Art und Weise artikulieren zu können.

Niemals hatte es jemand geschafft, so leicht an seinen Ball zu kommen, niemals.

Cole leckte sich unbewusst über die Lippen, leicht lächelnd.

Die Sache fing an, ihm Spaß zu machen.



~~ooO@Ooo~~



Ein Mann macht kein Spiel, das hatte Richard ganz richtig erkannt, aber ein Mann reichte aus, um die Motivation der Mitspieler so zu steigern, dass sie über sich hinauswuchsen, einen Kampfgeist entwickelten, den man schon fast beängstigend nennen konnte.

Richards Bande hatte wirklich kein leichtes Spiel, doch sie lagen einen Korb im Vorsprung und beide Mannschaften waren nun so ausgepowert, dass niemand mehr ein schnelles Tempo lange mitmachen konnte, also musste die Entscheidung jetzt fallen, das wussten alle.

Rich hatte sich energisch an Coles Fersen geheftet, obwohl er Eddie zuvor diese Aufgabe zukommen ließ, aber die Aktion des Kleinen beschäftigte ihn immer noch extrem. Er hatte Eddie an der Schulter gepackt und wütend gefaucht: "Der gehört mir!" Daraufhin hatte Eddie sich gepflegt zurückgezogen und die Deckung eines anderen Spielers übernommen.

Rich beobachtete mit halbem Auge, wie Mike versuchte sich frei zu spielen, während er gleichzeitig auf jede Bewegung Coles achtete, der bis dahin erfolgreich seinem Blick ausweichen konnte.

Coles Atem ging keuchend, stoßweise. Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Schläfe, rollte langsam seinen Hals hinunter, um die Bahn der Halsschlagader zu verfolgen und dann schließlich an seinem Schlüsselbein ins nichts zu verlaufen.

Richard riss sich von diesem Anblick los, wütend und verwundert über sich selbst. Er hatte plötzlich das Gefühl, etwas sagen zu müssen.

"Außer Atem, was?"

Irritiert, gar abwertend starrte Cole ihm in die Augen, erwiderte nichts. Er strahlte eine Kälte aus, die Rich frösteln ließ.

"Redest auch nicht mit jedem", stellte Rich verstimmt fest und versuchte sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Als Mike in der Zwischenzeit den Zweikampf immer noch nicht für sich entscheiden konnte, beschloss Richard völlig entnervt Coles Deckung aufzugeben und ihm zu helfen.



~~ooO@Ooo~~



Endlich hatte der Richard von ihm abgelassen, Cole entspannte sich wesentlich. Er hatte sehr wohl gemerkt, wie der Typ ihn angestarrt hatte, wusste aber absolut nichts damit anzufangen. War es Wut, weil Cole ihn bloßgestellt hatte oder nahm er seine Deckungspflicht wirklich so ernst?

Einerlei, Richard hatte es tatsächlich geschafft, wieder an den Ball zu kommen. Eigentlich vorhersehbar. Cole hielt sich nicht damit auf zu versuchen, ihm den Ball wieder abzunehmen, stattdessen sprintete er mit ihm quasi zum Korb um die Wette. Er rang um Atem, in seiner Brust zerrte es, aber er dachte nicht daran aufzugeben, noch konnte er es schaffen.

Er hatte vor, die selbe Nummer wie vorher abzuziehen, da sie bei Rich offensichtlich gut funktionierte. Den Gegner ablenken, mit dem Ball verschwinden.

Da setzte Richard auch schon zum Sprung an, aber dieses mal war er vorbereitet, zu Coles großer Überraschung. Anscheinend verfügte der Primat Ungeahnterweise über ein Erinnerungsvermögen, denn anstatt sich von Cole überrumpeln zu lassen, überrumpelte Richard Cole und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Richard wich ihm mit einer halben Drehung aus und warf den Ball ohne hinzugucken, einfach auf Verdacht über die Schulter auf den Korb zu. Den Schwung bremste er ab, indem er sich einfach mit einem Arm um Coles Hüfte krallte, allerdings hatte der nicht damit gerechnet und kippte mit einem überraschten Laut nach hinten über, Richard mit sich ziehend, der dabei seine Mütze verlor.

So landeten sie ineinander verknotet auf dem Boden. Rich lag mit seinem Gesicht an Coles Wange, beide atmeten schwer, hatten erschrocken die Augen aufgerissen. Keiner wagte es, sich zu bewegen, aus Angst, mehr unfreiwilligen Körperkontakt zu schaffen.

Cole starrte in den blauen Himmel über ihm, seine linke Hand hatte sich vorne in Richards T-Shirt gegraben, die andere klammerte sich panisch um seinen breiten Rücken. Staub wirbelte auf, verklebte ihm die Augen, machte sie trübe und verursachte einen unangenehmen Hustenreiz in seinem Hals.

Richard keuchte, spürte einen Arm, der sich haltsuchend um ihn schlang, den fremden Körper unter sich, ein Herz, das so schnell pochte wie bei einem Kaninchen auf der Flucht, heiße Atemstöße an seinem Ohr. In Richards Kopf drehte sich alles, sein Magen zog sich zusammen, Adrenalin wurde ausgeschüttet.

Keiner der beiden wusste, wie lange sie schon so zusammen dalagen, als Mike plötzlich laut rief: "Gewonnen!! Scheiße, Rich, wir haben GEWONNEN!!!"

Der Ball war reingegangen.



-----------------------------

Mischen

-----------------------------



Zwei Wochen waren seit dem Spiel vergangen und weder Cole noch Bennys Leute hatten sich wieder auf dem Spielfeld blicken lassen, ganz der Abmachung gemäß, sehr zur Freude von Richards Bande.

Doch wieder war es Mike, der die Unzufriedenheit von Richard bemerkte, denn beim Spiel war er nicht bei der Sache, wurde wortkarger als sonst und sein Blick war ständig in die Ferne gerichtet, suchend.

"Was ist los mit dir, Rich?"

Dieser lag auf der Wiese neben dem Feld und ließ sich die Sonne auf den Pelz brennen. Seine heiß und innig geliebte Cap hatte er sich tief ins Gesicht gezogen, ein Bein angewinkelt, beide Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er kaute desinteressiert an einem Grashalm.

"Was soll schon sein?" murmelte er. "Es ist zu heiß."

Er weicht mir aus, dachte Mike, beließ es dann aber dabei. Es war ihm zu müßig weiter nachzuhaken. Er seufzte. "Okay..."



~~ooO@Ooo~~





Benny klopfte an Coles Tür. "Telefon!"

Nach einer angemessenen Wartezeit, in der keine Antwort erfolgte, betrat er einfach das Zimmer. Sein Bruder lag alle Viere von sich gestreckt bäuchlings auf dem Bett. Da sah Benny auch, warum Cole nichts gesagt hatte: Er trug Kopfhörer und die Musik war ziemlich laut aufgedreht.

Er schüttelte den Kopf, lief mit zwei großen Schritten auf ihn zu und nahm ihm die Dinger ab.

"Wasnlos?" murmelte Cole verschlafen und räkelte sich.

"Telefon, Cole, Telefon!" Benny hielt ihm demonstrativ das Gerät vor die Nase. "Dir ist doch bewusst, dass es eine Erfindung namens "Telefon" gegeben hat und das man durch diese Erfindung mit Menschen kommunizieren kann, oder?"

"Wer ist das?"

"Mrutzec", antwortete Benny ungeduldig. "Nu mach schon..."

Coles Augen wurden groß, sofort war er hellwach. "Nimm das Ding aus meinem Gesicht, ich will nicht mit ihm sprechen!"

"Aber..."

"Würg ihn ab!!" rief er aufgebracht, drehte sich um und zog das Kissen über seinen Kopf.

"Cole!" zischte Benny und hielt die Hand vor die Sprechmuschel. "Er kann dich doch hören...!"

"Is mir scheißegal!"

"Na gut...!!"

Benny nahm den Hörer ans Ohr. "Tut mir leid, er ist nicht..." Am anderen Ende der Leitung war niemand mehr. Er zog die Stirn kraus und legte auf.

"Komischer Vogel..." Benny sah zu seinem Bruder rüber, der ihm nun den Rücken zukehrte.

"Alle beide."


-------------------------

Hitzeflimmern

-------------------------



"Hast du schon gehört?"

"Was denn?" stöhnte Richard, nahm sich die Mütze ab und fuhr sich durchs verschwitzte Gesicht. Blind griff er nach seiner Sprite, nahm einen Schluck und verzog angeekelt den Mund. Obwohl sie im Schatten gestanden hatte, war sie pisswarm und von Kohlensäure konnte hier auch nicht mehr die Rede sein.

"Widerlich!"

"Das soll der heißeste Tag seit zwanzig Jahren werden", nuschelte Mike, der sich mit einem alten Wochenblatt Wind zufächelte. "Haben sie heute in den Nachrichten gebracht."

"Wieso werden?!" rief Richard verzweifelt. "Ist DAS hier etwa noch nicht genug?!" Er breitete in einer allumfassenden Geste die Arme aus und starrte Mike gequält in die Augen.

Dieser lachte abgehackt. Sie lagen zusammen auf einer Anhöhe unter einer großen Eiche, ganz in Sichtweite des Spielfelds, versuchten den aggressiven Strahlen der Sonne zu entgehen und möglichst an nichts zu denken.

Aber das war ausgesprochen leicht, denn bei so einer Bullenhitze war es schwer bis unmöglich sich auf irgendetwas zu konzentrieren.

Sie hatten eigentlich vorgehabt, aufs Feld zu gehen und ein kleines Spielchen zu machen, doch weder Stan - The Man, noch Eddie oder Chris sind am Ende aufgetaucht.

Nach einer halben Stunde des missmutigen Wartens und lustlosen Dribbelns hatte Mike schließlich eine SMS bekommen, in der er mitgeteilt bekam, dass sich die Bande spontan ins Freibad begeben hatte und es ja sowieso sinnlos wäre, bei diesem Wetter ein Spiel zu starten.

Richard wurde wütend, weil sie sich einfach so selbstständig gemacht hatten, obwohl er ihnen zugestehen musste, dass sie recht hatten. Es war einfach viel zu heiß, selbst er hatte nach fünf Minuten keine Lust mehr, als ihm die Soße den Rücken runterlief und seine Finger so glitschig wurden, dass ihm der Ball dauernd drohte, aus der Hand zu rutschen.

"Also..." sagte Mike schließlich nach einer langen Phase des angenehmen Schweigens und rollte sich auf den Bauch. "Rich, ich weiß ja nicht, was du jetzt machst, aber ich werde Schwimmen gehen."

Keine Reaktion. Er sah seinem Freund prüfend in die Augen. Verschleiert und weit entfernt, analysierte Mike stirnrunzelnd.

"Rich?!" Mike winkte ihm vors Gesicht.

Richard schreckte auf. "Hm?!"

"Kommst du nun mit?"

"Wohin?"

"Schwimmen!!" Langsam verlor Mike die Geduld. So begriffsstutzig konnte doch keiner sein. Er schlug nachlässig mit der Zeitung nach Richard und stand auf, wobei seine Gelenke hörbar knackten.

"In letzter Zeit bist du überhaupt nicht mehr bei der Sache, Tozier!"

Richard grummelte und zog sich seine Cap tiefer ins Gesicht. "Du hörst dich original an wie mein Mathelehrer..."

"Original, was?"

"Jaaaa, origiNAL..." betonte Richard. Er kicherte wild und schüttelte den Kopf. Mike musste wider Willen grinsen. In dem Moment fanden sie beide etwas heraus: Sonne macht albern.

Seufzend kratzte sich Mike am Nacken und streckte sich noch mal ausgiebig, bevor er sich sein Skateboard und den Basketball unter die Arme klemmte und sich auf den Weg machte.

"Kannst ja nachkommen", sagte er mit einem letzten Blick zurück.

Er dachte schon, er würde keine Antwort mehr bekommen, da sagte Richard plötzlich etwas, mit dem er erst mal gar nichts anfangen konnte, bis er schließlich erkannte, dass es sich um einen Song handelte, den Rich vor sich her summte.



---------------------------------------

hey pig

yeah you



hey pig piggy pig pig pig

all of my fears came true



black and blue and broken bones

you left me here i'm all alone

my little piggy needed something new



nothing can stop me now

cause i don't care anymore

nothing can stop me now

cause i don't care

nothing can stop me now

cause i don't care anymore

nothing can stop me now



cause i just don't care ------------------------------------------



Richard verstummte. Er spürte ein dumpfes Pochen in den Schläfen, was nur bedeuten konnte, dass Kopfschmerzen im Anmarsch waren. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Scheiß Wetter. Er wickelte sich die Arme um den Kopf und seufzte.

Dass Mike gegangen war, hatte Rich gleichgültig hingenommen, nicht aber den Blick, mit dem sein Freund ihn in letzter Zeit bedachte.

Automatisch griff er nach seiner Brause, sah die Flasche mit einer hochgezogenen Augenbraue an, öffnete den Schraubverschluss und ließ die warme Pampe in den Rasen laufen. Sein Blick fraß sich regelrecht in den Anblick der fließenden Flüssigkeit, es war ihm unmöglich, die Augen abzuwenden.

Mehrere Tropfen liefen den Hals der Flasche herunter und benetzten Richards Finger. Geistesabwesend ließ er die Flasche schließlich fallen, nahm seinen Daumen in den Mund und lutschte sich die Sprite ab.

Ein Bild tauchte ungewollt vor seinem geistigen Auge auf:

Verschwitzte Haut, ein halbgeöffneter Mund, Atemstöße, grüne Augen, die ihn mit einer abwertenden Ausdruckslosigkeit anstarrten, ein Brustkorb, der sich gegen seinen hob und senkte, ein Arm, der sich um seinen Rücken klammerte...

...die Schweißperle, die langsam seinen Hals hinab rollte...

Richard kaute auf dem Daumen herum und nuschelte einen leisen, aber heftigen Fluch vor sich her. So ging das schon seit Tagen. Er grübelte einfach viel zu viel in letzter Zeit, da hatte Mike völlig recht, obwohl Rich das niemals zugeben würde. Das musste aufhören, definitiv!

Ablenkung musste her. Vielleicht würde er ja doch noch ins Freibad fahren. Nein, nicht nur vielleicht, ganz bestimmt sogar!

Schließlich war es ja nicht so, dass er hier auf jemanden warten würde... pff, so weit kam das gerade noch! Und wenn es so wäre, seit über vierzehn Tagen hatte sich keiner der Eindringlinge mehr auf dem Spielfeld blicken lassen, nachdem die Bande die Verhältnisse klargestellt hatte.

Wettschulden sind Ehrenschulden.

"Scheiße." Jetzt ärgerte er sich etwa doch nicht auch noch darüber, dass seine Bande ein Spiel gewonnen hatte, fair und völlig unanfechtbar?

Ein willkommener Windstoß fegte durch die Bäume. Das war Richards Zeichen. Er strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, gähnte einmal herzhaft und stand langsam auf. Sein Fahrrad wurde aus dem Gebüsch, in das er es vorher geworfen hatte (Rich hielt nicht viel von Fahrradständern), befreit.

Gerade wollte er aufsteigen, da hielt ihn plötzlich etwas zurück. Wahrscheinlich hatte er sich geirrt, aber er wollte lieber auf Nummer sicher gehen. Richard blickte über die Schulter auf das Spielfeld hinab. Seine Augen weiteten sich ungläubig, sein Mund klappte auf und zu.

Da unten war jemand. Es war Cole. Er stand ungefähr zehn Schritte vom Korb entfernt. Und blickte auf, direkt in seine Richtung.



~~ooO@Ooo~~



Seine Füße hatten ihn ganz von selbst hierher getragen. An so einem drückend heißen Tag konnte man nichts tun, ohne dass einem der Schweiß in Bächen die Kleider durchtränkte. Nicht, dass er irgendetwas tun wollte, außer nachzudenken.

Er griff in die Hosentasche seiner Shorts und hielt den Zettel fest, der sich darin befand. Darauf standen ein paar wichtige Zeilen für seinen rauchenden Freund, Worte, die einiges klarstellen sollten.

Was zum Teufel fiel dem Kerl ein, einfach bei ihm zu Hause anzurufen?!

Zu Coles Verwunderung befand sich niemand auf dem Spielfeld, was ihm doch eigentlich recht war. Das verlorene Spiel ließ ihn nicht mehr los. Ähnlich ging es seinem Bruder, aber aus anderen Gründen.

Benny fühlte sich in seiner Ehre als Mann verletzt und sinnte schon auf eine Rache, die sich gewaschen hatte. Dafür übte er bereits mit seinen Freunden auf einem kleinen, schmutzigen Hinterhof, trainierte mit ihnen bis zum Umfallen und kam erst nach Hause, wenn es so dunkel wurde, dass er seine eigenen Hände nicht mehr vor Augen sehen konnte.

Bei Cole war es ein wenig anders. Natürlich ärgerte er sich darüber, dass sie letztlich geschlagen wurden, empfand dies aber nicht als Demütigung. Nach seinem Unfall vor einem halben Jahr, bei dem er sich ein Schienbein gebrochen hatte, hatte er eine lange Zeit erst nicht Basketball spielen können und dann nicht dürfen, weil es ihm seine Mutter aus Sorge um sein gerade verheiltes Bein strickt verboten hatte.

Ein Lächeln stahl sich auf Coles Gesicht, als er sich daran erinnerte, wie es sich angefühlt hatte, endlich wieder auf dem Spielfeld zu stehen, um den Ball zu kämpfen, Körbe für den Sieg zu holen... richtig hatte es sich angefühlt, als wäre er nach Hause zurückgekehrt.

Ziellos lief Cole auf dem Spielfeld herum, bis er schließlich an dem Korb angelangte, der das letzte Spiel entschieden hatte, das Spiel um die Benutzerrechte des Platzes.

Cole erschauerte. Er kniff die Augen zusammen. Ihm war, als konnte er noch Spuren von sich im Sand erkennen, obwohl das natürlich völlig ausgeschlossen war.

Aber hier bin ich gestürzt, dachte er, kniete sich nieder und berührte mit den Fingern einen Punkt im roten Sand, nahm eine Probe, um sie wieder durch die Hand rieseln zu lassen.

Cole schluckte trocken, er berichtigte sich.

Hier sind WIR gestürzt...

Er schüttelte wirsch den Kopf. Genug der müßigen Gedankengänge, er hatte noch etwas zu erledigen. Wieder fand seine Hand den Zettel, krallte sich um das Papier. Augenblicklich fühlte er sich entspannter. Das war zwar nur halb so gut, wie es dem Kerl von Angesicht zu Angesicht zu sagen, aber so würde er wenigstens sein Versprechen halten können.

Cole würde nicht zu ihm zurückkehren, er würde lediglich diese Nachricht für ihn da lassen.

Durch diesen Entschluss gefestigt, erhob er sich aus seiner Hockposition, streckte die Glieder, ließ den Blick schweifen...

...und blieb bei Richard hängen, der nicht viel weiter als hundert Meter entfernt auf dem Hügel stand, der allgemein unter dem Namen "Rudelberg" bekannt war, weil man im Winter, so unwirklich es sich zu dieser Jahreszeit auch anhören mochte, gut mit dem Schlitten runter brettern konnte, wenn nur genügend Schnee lag.

Cole schloss einen Irrtum aus. Die Gestalt war unverkennbar, sie hatte ihm sich eingeprägt. Selbst von dieser Entfernung aus erkannte er die breite Statur, aber warum sollte er das auch nicht können, schließlich hatte er sie hautnah erlebt.

Deutlich erinnerte er sich an die ausgeprägte Rückenmuskulatur, unnachgiebig, hart wie Stahl. Er wusste noch, wie er sich um ihn gekrallt hatte, Halt fand und sich unwillkürlich fragte, ob dieser Körper jemals auch weich sein konnte, ob er...

Cole wandte sich abrupt ab und marschierte vom Platz.



~~ooO@Ooo~~



Das war der beste "Du-Bist-Es-Nicht-Wert-Mit-Mir-Denselben-Sauerestoff-Zu-Teilen-Blick", den Richard je von Cole geschenkt bekommen hatte. Und so lange kannten sie sich noch gar nicht.

Folglich konnte es doch nur besser werden!

Richard stieß einen zischenden Laut zwischen den Zähnen aus, blickte ein wenig unschlüssig dem blonden Jungen nach, der sich vom Spielfeld entfernte und den Weg Richtung Stadtpark einschlug.

Gerade als Cole um die nächste Biegung verschwand und Richard den Sichtkontakt zu ihm verlor, zwitscherte ihm eine wirre Idee durch den Kopf, die eine leichte Röte auf seine Wangen zauberte, doch als ihm sein spontaner Einfall dann bewusst wurde, lachte er auf.

"Das kannst du nicht machen!!"

Aber ehe er sich versah, hatten sich die Finger von seinem Lenkrad auch schon gelöst und das Fahrrad fiel ins Gebüsch zurück. Seine Beine machten sich selbständig, während er immer wieder panisch nur eines dachte:

"Du bist krank, du bist krank, du bist doch KRANK!!"

Richard lief mit großen Schritten den Hügel hinab, stolperte einmal leicht, wobei er sich den Fuß umknickte, es aber wie ein Mann nahm und nur kurz die Lippen aufeinander biss.

Blöder Trottel, schimpfte er sich selbst, rannte noch schneller, den schreienden Fuß bewusst ignorierend, denn er musste sich beeilen.

Er durfte Cole nicht verlieren.



~~ooO@Ooo~~



Richard wusste nicht, warum er das tat, er wusste nur, dass es ziemlich verrückt, psychopathisch und gänzlich nicht seine Art war, einen Jungen zu verfolgen.

Und das auch noch am helllichten Tag und ausgesprochen professionell, wie er fand, zumindest hatte Cole noch nichts bemerkt.

Aber wenn man ihn gefragt hätte, dann hätte er wahrscheinlich geantwortet, dass das alles rein aus Interesse geschah, er hatte keine besonderen Absichten, zumindest keine, die ihm bewusst wären. Ein Zeitvertreib, genau, gegen die Langeweile. Er behielt sozusagen den Feind im Auge.

Mehr nicht.

Rich bewahrte immer gerade soviel Abstand zwischen sich und Cole, dass er den Sichtkontakt nicht verlor, obwohl es ihn drängte, dichter an ihn ran zu kommen.

Das hatte er konsequent ungefähr eine Stunde ausgehalten, beobachtete, wie der Kleine ziellos durch den Park streifte, sich einmal eine Pause am Zentralbrunnen gönnte, sich mit einer Bekannten unterhielt, Löcher in die Luft starrte (was sicher nicht gut für das Ozonloch war, wie Rich unzusammenhängend dachte)...

Lauter unnutzes Zeug. Als schiebe Cole etwas vor sich her. Ja, auf Richard machte er einen ziemlich unentschlossenen Eindruck. Was beschäftigte ihn so?

Dabei sollte er sich das gefälligst selbst fragen! Hatte er denn nichts besseres zutun, als an einem heißen Sommertag einem Kerl hinterher zu dackeln, der ihn für den letzten Dreck hielt?

Rich hielt bestürzt inne, er vergaß für einen Moment völlig, dass er mitten in einer Observation war. Vielmehr würde er lieber wissen, warum zum Teufel es ihm etwas ausmachen sollte, dass ein Fremder (Die Betonung dabei lag auch noch auf männlich, männlich!!) ihn für Dreck halten könnte und warum dieser Gedanke durchaus weh tat!

"Verdammt!"

Richard hatte eine böse Vorahnung, die er ganz schnell wieder verdrängte.

Cole stand währenddessen an einer kleinen Eisdiele in der Schlange und befand sich nur wenige Meter von Richard entfernt. Einzig ein turbulenter Kindergartenhaufen und deren Betreuer trennten die beiden voneinander, bis Rich aus seiner Grübelei aufschrak und feststellte, in was für einer gefährlichen Situation er steckte.

Wie zum Teufel hatte er nur so unvorsichtig sein können?!

Just in dem Moment entschied sich ein kleines, strohblondes Mädchen mit rosa Schleifchen im Haar Cole an der Shorts zu zupfen. Dieser drehte sich natürlich um und er hätte auch Richard sofort gesehen, wenn der sich nicht umgehend auf den Boden geschmissen hätte, um Schutz hinter der rumgrölenden Kinderhorde zu suchen.

Arnold Schwarzenegger in höchsteigener Person hätte sich nicht besser in Deckung werfen können und das ganz ohne Explosion, wohlgemerkt!

Sofort scharrten sich die Kleinkinder lachend um ihn, wuselten seine Haare durcheinander, machten es sich ungefragt auf seinem Rücken bequem und testeten auch sonst so gut es ihnen möglich war, die physische Belastbarkeit eines bis dato gesunden Teenagers.

Rich ächzte, hörte die Betreuer der Kinder noch hilflos rufen und betteln, sie mögen doch bitte endlich von dem jungen Mann runtersteigen, betete, dass die Szene wenigstens nicht halb so peinlich war, wie er sie empfand und hoffte inständig, dass Cole ihn nicht zu hart auslachen würde, wenn er wieder aufstand und nach Hause schlich, sich auf ewig in sein Zimmer einschloss und nie wieder ans Tageslicht kam.

Guter Plan, dachte er.

Rich öffnete langsam die Augen und hob den Kopf, aber was er sah, war kein kaltes Grün, das spöttisch glitzerte, sondern ein besorgtes, milchiges Braun, hinter dicken Brillengläsern.

"Es tut mir so leid, ist Ihnen was passiert?"

Die Kinderpflegerin half Richard auf die Füße. Er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zukriegen, was die Frau als eine Antwort auf ihre Frage betrachtete, sich nochmals entschuldigte und dann von ihm abließ, als sie merkte, dass Richard sie nicht weiter beachtete.

Cole war verschwunden. Zumindest stand er nicht mehr in der Warteschlange der Eisdiele. Wenn er Glück hatte, hatte der Kleine ihn gar nicht bemerkt, sich sein Eis gekauft und war von dannen geschlendert.

Und anstatt jetzt die Biege zu machen, nach einer der abgrundtief oberpeinlichsten Aktionen der Menschheitsgeschichte, tat Richard das genaue Gegenteil davon, denn ungefähr zwanzig Meter weiter entdeckte er den Blondschopf wieder, der gerade gemächlich in der nächsten Gasse verschwand.

Er nahm die Verfolgung entgegen sämtlicher, neonroter Warnblinkleuchten in seinem Kopf, die ihm sagten, dass das sicher keine gute Idee war und er sein Glück doch bitte, bitte nicht herausfordern sollte, wieder auf.

Rich hetzte auf die kleine Biegung zu. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass er sich unbedingt beeilen musste. Er erreichte die Abzweigung, preschte um die Kurve...

...und wäre beinahe in Cole reingelaufen, der lässig an der Mauer lehnte.

Richard schrie erschrocken auf, stolperte (zum wiederholten Male an diesem Tag) und plumpste ziemlich unelegant auf den Hintern. Cole löste sich unendlich langsam von der Mauer, machte zwei knirschende Schritte auf ihn zu und hockte sich direkt vor ihn hin.

Richard widerstand nur schwer dem Drang, rückwärts wegzukrabbeln. Rundweg unverwandt und ein wenig fragend sah Cole Richard in die Augen, neigte wie ein Hund, der etwas Interessantes betrachtete, den Kopf zur Seite.

Von Coles Vanilleeis tropfte etwas auf sein Handgelenk. Er führte seine Hand zum Mund und leckte sich die verirrte Köstlichkeit von der Haut, Richards Blick nicht eine Sekunde dabei loslassend.

Cole schmunzelte leicht amüsiert, schnurrte.

"Willst du auch mal... probieren?"

------------------------------------

Mrutzec, schlaflos

------------------------------------



Er erwachte in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages mit dem Gefühl, als wäre jemand bei ihm im Schlafzimmer des Nordflügels.

Sämtliche Knochen spürte er in seinem Leib, stöhnte leise, um noch im selben Augenblick zu merken, dass er in seinen Klamotten eingeschlafen war, die jetzt nassgeschwitzt an ihm klebten.

Er richtete sich im Kissen auf, rieb sich die Augen und sah einen dunklen Umriss zwischen sich und dem Fenster stehen.

"Cole?" fragte er und dachte sich, dass er noch träumen musste.

Die Gestalt, die am Fenster stand, gab überhaupt keine Antwort von sich. Er tastete um sich, fand die Kordel des Lichts über dem Bett und zog daran. Den Mund hatte er zu einer Grimasse verzerrt, seine Bauchdecke fühlte sich so verspannt an, als ob Gewehrkugeln daran abgeprallt wären.

"Oh, verdammt", krächzte er. "Scheiß die Wand an."

Seine alte Jeansjacke baumelte an einem Kleiderbügel, den er an die Vorhangstange gehängt hatte. Er hatte am Abend einfach vergessen, sie in den Schrank zurückzubringen. Er versuchte zu lachen, schaffte es aber nicht. Es war einfach nicht komisch.

Er schaltete das Licht ab, legte sich mit offenen Augen zurück und wartete darauf, dass der Schlaf möglichst schnell wieder über ihn hereinbrechen würde. Aber wie das eben so war, wenn man ihn sich herbeisehnte, ließ er sich viel Zeit.

Er tastete blind, mit zitternden Fingern nach seinen Zigaretten.

Nicotin tat gut, auch wenn das bedeutete, dass er länger auf den Schlaf warten musste, es beruhigte ihn, klärte den Kopf. Genüsslich sog er am Filter, starrte an die dunkle Decke und musste kurz lächeln, als er wieder an Coles Botschaft dachte, die er in seinem Briefkasten gefunden hatte.

Vielleicht war es ein Zeichen der Schwäche gewesen, Cole zu Hause anzurufen, das hatte er zuvor niemals getan.

Die Hitze war bedrückend, selbst jetzt, mitten in der Nacht. Er tötete seine nur bis zur Hälfte gerauchte Zigarette ab und entledigte sich seinen Kleidern, bis er nur noch nackt auf dem Bett lag.

Seine Hände fuhren ziellos durch das Laken, aber der Platz neben ihm war leer. Das war nicht immer so gewesen. Schließlich stöhnte er auf, legte einen Arm über seine Augen und masturbierte.

Die Methode war zum Einschlafen so gut wie jede andere.



--------------------------------

Du bist ganz anders

--------------------------------



Einige Tage später lag Cole auf einer Bank im Park und schlummerte vor sich hin. Die Sonne hatte ihm schon richtig Farbe verpasst und seine Haare gebleicht. Vom Treiben um sich herum bekam er nichts mit, denn die Kopfhörer seines Discmans waren zu laut aufgedreht.

"Hey pig, nothing's turning out the way I planned..."

Er hatte schon früh gemerkt, dass Richard ihn verfolgt hatte. Der Kerl war einfach so unauffällig wie... Cole runzelte die Stirn. Wie was? Er wusste es nicht mehr. Jedenfalls hatte es ihn nicht besonders gestört, wenn er ehrlich war, oder?

Zumindest hatte er den armen Kerl ganz schön an der Nase herumgeführt. Extra für ihn war er zehnmal im Park um den Pudding gelatscht, einfach um zu sehen, ob und wie lange Richard das mitmachen würde, hatte sich mit unsinnigen Dingen beschäftigt, eine Ameisenstraße verfolgt, sich oft irgendwo hingesetzt und einfach nichts getan...

"Hey pig, there's a lot of things I hoped you could help me understand..."

Es hatte ihn sehr viel Selbstbeherrschung gekostet, weder hysterisch vor sich hin zu kichern, noch mit einem Dauerbreitgrinsen durch die Welt zu gehen.

Ja, es hatte Spaß gemacht, keine Frage. Schade, dachte Cole (der sich nicht darüber im Klaren war, dass er sich bei diesem Gedanken mit der Zunge über die Lippen fuhr), dass der große Kerl nur so ängstlich weggelaufen war, als die Sache anfing, richtig interessant zu werden.



~~ooO@Ooo~~



Der große Kerl grummelte missmutig, während er mit der einen Hand sein Fahrrad schob und in der anderen Hand sein Eis hielt. Schoko. Vanille mochte er nicht.

Mike trabte mit verschränkten Armen hinter dem Kopf neben Richard her. Er ließ seinen Lutscher von einem Mundwinkel zum anderen tanzen, schmatzte übertrieben laut und fragte nuschelnd: "Wie sieht's aus, Rich? Heute Abend, ein Spielchen?"

"Vielleicht."

"Vielleicht?!" Mike blieb die Süßigkeit vor Schreck bald im Hals stecken. "Warum nur hat der große Mann keine Lust mehr, mit seinen Blutsbrüdern den Ball zu werfen?"

Wieder murmelte Richard nur und dachte zum tausendstenmal an den bis dahin heißesten Tag des Sommers zurück, an die dunkle Stimme, die eine zweideutige Frage stellte und seine kindische Antwort, die darin bestanden hatte, einfach abzuhauen.

Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten?!

"Tozier, ich sage dir, verliebt sein ist ja gut und schön, aber vergiss deine Freunde nicht."

Er verschluckte sich hustend an seinem Eis. "Hey, warte, was?! Verliebt?!"

Aus seinem Munde hörte es sich noch alberner und wirklichkeitsferner an, als aus Mikeys.

Aber Mike nickte gelassen. "Hast du dir in letzter Zeit eigentlich mal zugehört, Rich? Das ist nämlich ziemlich schwer, weißt du? Aus dem ganzen penetranten Rumgestöhne und Geseufze einen sinnvollen Satz zu bilden, ist eine Aufgabe für Raketenforscher!!"

Richard runzelte die Stirn. "Was haben Raketen damit zu tun?"

"Ist doch völlig egal!!" rief Mike ungeduldig und fuchtelte wie ein Dirigent mit dem Lutscher vor Richards Gesicht herum. "Du hast dich verändert, du bist... ganz anders... als früher. Ich finde es zwar schade, dass du mir nicht sagen willst, wer sie ist, aber okay..."

Mike zog einen Schmollmund, betrachtete interessiert seine Fingernägel, hielt sie gegen das Licht. "Wahrscheinlich hast du nur Angst, sie an mich zu verlieren..."

Richards Augen wurden groß, er prustete, bis er schließlich in schallendes Gelächter ausbrach, dass nicht enden zu wollen schien. Witz hin oder her, langsam fühlte Mike sich beleidigt.

"Hey, wir wissen es doch beide, Rich. Ich sehe nun mal besser aus als du..."

"Oh, ja, sicher..." Richard entfernte sich Lachtränchen von den Augen, schüttelte ein paar Mal ungläubig den Kopf. Verliebt? Na klar.

Verliebt...



~~ooO@Ooo~~



Cole beschloss nach Hause zu gehen. Er hatte den ganzen Tag im Park verbracht. Er merkte zum ersten Mal deutlich, dass Ferien waren und er absolut nichts zu tun hatte.

Außerdem neigten sich die Batterien seines tragbaren CD-Spielers dem Ende entgegen und das war traurig.

Die Luft war angenehm, nicht so schwül wie in den vergangenen Tagen, es gab sogar hier und da einige Wolkenfetzen, die den Himmel verschönerten. Er dachte daran, später noch zu Benny und seinen Freunden zu gehen, vielleicht ein wenig bei ihrem geheimen Training mitzumachen.

Jedenfalls könnte ein bisschen Gesellschaft nicht schaden.

Anstatt durch den Haupteingang des Parks ins Freie zu gelangen, nahm er eine Abkürzung. Es gab einen kleinen Bach, der an der breitesten Stelle gerade mal einen Meter und fünfzig maß, der durch den westlichen Teil der Grünanlage floss.

Wenn man ihm folgte, gelangte man schneller in die Nähe seiner Wohnsiedlung, als wenn er ganz außen rum lief. Zwar war der Park gänzlich mit einem Maschendrahtzaun begrenzt, aber der war an dieser Stelle rigoros niedergetrampelt worden.

Cole musste sich, um auf die andere Seite des Baches zu gelangen, durch ein kleines Dickicht kämpfen, welches ihm die Beine zerkratzte. Gerade dachte er, das Gröbste hinter sich zu haben, da spürte er schlagartig einen harten Widerstand an seinem linken Schienbein.

Er verlor das Gleichgewicht, zog mit dem rechten Bein nach, aber dieses blieb ebenfalls hängen und so kippte er mit einem überraschten Laut nach vorne über.

Er kullerte fast bis zum Rand des plätschernden Baches, fluchte leise und ärgerte sich ganz furchtbar über seine Ungeschicktheit. Mit Schmerzenstränen in den Augen blinzelte er zurück und konnte von hieraus gut erkennen, was ihn zu Fall gebracht hatte.

Es war ein Fahrrad, das jemand einfach ins Gebüsch geworfen hatte.

Verdammt, wer macht so was? dachte er wütend, besah sich im nächsten Moment sein rechtes Schienbein, das zwar viele Kratzer und blaue Flecken aufzuweisen hatte, dem aber weiter nichts passiert zu sein schien. Zum Glück. Er brauchte nur an die vielen Wochen zurückdenken, die er gelangweilt im Bett hatte verbringen müssen.

Danke vielmals, bitte nicht wieder!

Plötzlich hielt er inne. Vor ihm ragten zwei Füße aus einem Gebüsch. Vor lauter Aufregung hatte er das zuerst gar nicht bemerkt. Coles Magen zog sich zusammen, er bekam ein ganz mulmiges Gefühl.

Da liegt eine Leiche, das war alles, was er im ersten Augenblick denken konnte.

Das würde das achtlos dahingeschmissene Fahrrad erklären, vor seinem geistigen Auge spielte seine Fantasie bereits menschliche Dramen ab.

Coles gesamte Haltung war angespannt, hatte etwas von einem Tier, das jeden Moment mit dem Angriff einer Raubkatze rechnete. Seine Augen versuchten alles im Blick zu behalten, als er vorsichtig auf das Gebüsch zukrabbelte.

Er hatte Angst aufzustehen, weil er fürchtete, dass seine Beine unter ihm nachgeben könnten.

Äste brachen mit einem Knacken unter seinem Gewicht zusammen, das für seine Begriffe viel zu laut war. Je näher er kam, desto mehr konnte er sehen. Angewinkelte Beine, die zu den Füßen gehörten, eine Hand, die locker im Gras lag, eine schwarze Cap, auf der er 'kass' lesen konnte...

Wow, Auszeit, schwarze Cap und 'kass'? Nicht eher 'Jackass'?

Cole lachte erleichtert auf, schlug sich die Hände vors Gesicht und schimpfte sich einen Trottel. Die vermeintliche Leiche war kein anderer als Richard Tozier, der für einen Toten ausgesprochen laut vor sich hin schnarchte.

Und wie hatte er das überhören können?

Ihm viel ein Stein vom Herzen. Der Typ schlief tatsächlich hier mitten in der Walachei und nichts schien ihn dabei stören zu können.

Cole lehnte sich grinsend vor und strich ihm eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Heute trug Richard keinen Zopf.

"Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt", flüsterte er. "Wir laufen uns in letzter Zeit aber auch über den Weg..."

Komischerweise sahen alle Menschen so friedlich aus, wenn sie schliefen, dabei war es völlig egal, was für Arschlöcher sie in Wahrheit waren. Aber ob sich Cole wirklich ein Bild darüber machen konnte, wie Richard in Wirklichkeit war? Berechtigte Frage!

Verträumt betrachtete er die kleine Narbe an Richards Oberlippe. Wie er sich die wohl eingefangen hatte? Eine Prügelei oder ein Unfall? Eine kleine Unachtsamkeit, als er noch ein Kind war?

Cole fuhr sich nachdenklich mit dem Zeigefinger über die eigenen Lippen.

Irgendwo hörte er helles Kindergelächter, einen kläffenden Hund, ein Lastwagen, der knatternd die Hauptstraße entlang fuhr, das konstante Plätschern des namenlosen Baches, neben dem sie lagen.

Weit weg fast unwichtig. Diese Geräusche drangen wie durch eine dicke Watteschicht an sein Ohr, klangen wie von einem Radiosender, der schlecht eingestellt war.

Was machte er eigentlich hier? Warum war er nicht längst aufgestanden und seiner Wege gezogen, so wie er es vorgehabt hatte? Schließlich handelte es sich hier eindeutig nicht um einen Leichenfund, der gemeldet werden musste!

Bei dem Gedanken musste er wieder lachen.

Warum bist du mir nachgelaufen?

Diese Frage drängte sich Cole plötzlich auf und mit einem Mal war das alles, was er je wissen wollte.

Warum...

"...bist du mir nachgelaufen?"



~~ooO@Ooo~~



Richard blinzelte verschlafen, ihm war, als redete jemand mit ihm. Zuerst wusste er gar nicht, wo er sich befand, Desorientierung verschluckte ihn, bis er Gras und Zweige unter seinen Händen spürte und ihm wieder einfiel, wo der Schlaf ihn übermannt hatte.

Das plätschernde Wasser hatte einschläfernd auf ihn gewirkt, jetzt war es nur noch nervtötend, er grummelte etwas und rieb sich den Schlaf aus den Augen, wobei er fast wie ein kleines Kind aussah, weil er dazu die Fäuste benutzte.

"Wieder unter den Lebenden?"

Coles dunkle Stimme stand in starkem Kontrast zu seinem schlanken, fast zerbrechlich wirkenden Äußeren, jagte Rich eine Gänsehaut über den Rücken, obwohl es immer noch warm war.

Er quiekte auf und krabbelte nun wirklich rückwärts weg. Das war Instinkt, dagegen konnte er sich nicht wehren.

Cole seufzte, fuhr sich durchs Haar und stand auf. "Wirklich, du solltest dein Rad mal vernünftig hinstellen, das ist ja lebensgefährlich. Ich hätte mir beinah sämtliche Haxen gebrochen und das ist keine schöne Sache, hier!"

Er streckte demonstrativ sein Bein vor und deutete auf ein besonders schönes Vorzeigeexemplar für eine Blessur.

"Schick, was? Was meinst du, wie toll meine Mutter das erst findet! 'Cole, wo hast du dich wieder rumgetrieben?!', wird sie schreien, 'Cole, du sollst doch auf dich aufpassen!!'"

Cole rümpfte die Nase, er kam gerade richtig in Form. Richard verschlug es die Sprache, er war völlig betreten und wusste immer noch nicht so recht, worum es eigentlich hierbei ging.

"Ich hab das Theater schon hinter mir, das kannst du mir glauben... und dann einfach hier wegzuknacken, wie irgendein Penner, ich dachte wirklich, du wärst eine modernde Wasserleiche, die ein kranker Psychopath hier abgeladen hat..."

Richard lachte auf, das war seine erste, bewusste Reaktion auf Coles ungewohnte Beredsamkeit. "Eine... Wasserleiche?!"

Cole, der sich bei seinem Vortrag dem Gewässer zugewandt hatte, drehte sich nun schnaufend wieder um. "Ja, du lachst und ich hatte den Schock meines Lebens!"

Richard sah in Coles gekränktes Gesicht und musste sich spontan erneut kringeln vor lachen. Am Rande registrierte er, dass dies das erste, vernünftige Gespräch war, das sie miteinander führten. Und das es total anders ausfiel, als Richard es sich je vorgestellt hatte.

"So schlimm steht es also schon um mich", sagte er, während Lachtränchen seine Wangen runterkullerten. "Mein Gott, man hat mir schon netter gesagt, dass ich furchtbar aussehe..."

Cole schmunzelte. "Hält sich ja alles noch in Grenzen." Er bückte sich, hob einige Kieselsteine auf und begann sie einzeln ins Wasser zu werfen. "Ich sag dir was, mit ein bisschen Theaterschminke im Gesicht könnte man sogar aus dir noch einen Popstar machen, hat ja schon bei ganz anderen Leuten funktioniert..."

Wieder lachte Richard. Dieser Klang gefiel Cole, aber trotzdem hatte er das Gefühl, als lachte er diesmal nicht über sein Geschwätz. "Was ist?"

"Es ist nichts..." sagte Richard, während er endlich aufstand, schwarze Haarsträhnen aus den Augen schiebend. "Nur..."

"Nur?"

Richard trat neben Cole, hielt seine Hand fest und nahm sich einen der Kieselsteine weg. Ein unbestimmter Duft, der von Richard ausging, betäubte Coles Sinne. Er roch angenehm, irgendwie nach... Meer. Coles Finger gaben nach, die Steine rollten auf den Boden.

"Du bist ganz anders... als ich dachte."

Er zwinkerte Cole zu und warf den letzten Stein ins Wasser.


--------------------------------

Come to where the flavour is

--------------------------------





Mike Noonan stellte fest, dass es ziemlich schwer war, eine Zigarette zu rauchen und dabei gleichzeitig eine Colaflasche in der linken und eine Spriteflasche in der rechten Hand zu tragen.

Er wünschte wirklich, er wäre wie einer dieser Marlborocowboys, die lässig eine Kippe im Mundwinkel balancieren konnten, ohne dass ihnen dabei der Rauch in die Augen stieg. Das sah nicht nur äußerst cool aus, es kam auch noch unglaublich gut bei den Mädchen an, das war seine Meinung.

Aber leider war er kein Marlboromann und so hechelte er sich von einem Zug zum nächsten, arg damit beschäftigt, sich weder die Pfoten zu verbrennen, noch die Flaschen fallen zu lassen.

Warum zum Teufel hatte er sich keine Tüte geben lassen?

Ja, was tat man nicht alles für die Sucht. Wenn Richard davon Wind bekam, würde er mit Sicherheit wieder eine Standpauke zu hören bekommen, denn der hielt überhaupt nichts von diesem Laster. Außerdem war er der Ansicht, dass Sportler erst recht die Finger von Sargnägeln lassen sollten, schlecht für die Kondition.

Aber um es mal ehrlich zu sagen, Mike schiss darauf, was Richard sagte, zumindest was diese Ansicht betraf, schließlich war er es doch, der diese kleine Erfrischung spendierte und extra noch mal losgelatscht war, also würde er sich diese verdammte Kippe jetzt gönnen. So gut es eben ging.

Eine Gruppe von äußerst gutaussehenden Schnittchen, die auf einer rot karierten Decke ein Picknick hielten, kicherten amüsiert und zeigten mit dem Finger in Mikes Richtung. Er grinste schulterzuckend zurück und zwinkerte einer niedlichen Blonden zu, bevor er gutgelaunt seinen Weg fortsetzte.

Der Bach, an dem er Richard zurückgelassen hatte, zeigte sich schon wenige Meter voraus. Mikes Kioskausflug hatte sich ungewöhnlich lang hingezogen, weil der Stand ziemlich voll gewesen war.

Viele Leute waren an diesen herrlichen Sommertagen draußen unterwegs. Wirklich was ausgemacht hatte ihm die längere Wartezeit nichts, dafür fürchtete er aber, dass Richard während des Wartens auf ihn schlichtweg eingepennt war.

Das war schon öfter vorgekommen. Zumindest in letzter Zeit schien sein bester Freund entweder schlechtgelaunt, lustlos und gelangweilt oder auch nur todmüde zu sein. Manchmal auch alles auf einmal, denn das eine schloss das andere ja nicht aus.

Eindeutig, Rich hatte es erwischt, davon war er fest überzeugt. Über Familienprobleme hätte er nämlich früher oder später gesprochen, wenn Mike ihn nur lange genug bedrängt hätte.

Einen letzten Zug von seiner Zigarette nehmend, klemmte er sich die Colaflasche unter den Arm, um sich besser vor Ästen und Zweigen schützen zu können, die ihm den Weg runter zum Bach versperrten.

Mike runzelte die Stirn, er vernahm eindeutig Richards Stimme, allerdings konnte er noch niemanden sehen. Es klang, als würde er sich mit jemandem unterhalten. Ja, er hörte ein noch viel selteneres Geräusch, nämlich Gelächter. Von Rich. In diesen Tagen?

Das konnte vielerlei bedeuten, doch am wahrscheinlichsten war, dass sein Freund die Sonne zu Kopf gestiegen war und er durchdrehte, einsame Selbstgespräche führte.

Mike war durchaus für Selbstfindung und dachte, dass es normal und auch nötig wäre, mit der Seele ab und zu Zwiesprache zu halten, aber tat man das dann nicht üblicherweise im Stillen? Nicht nur alleine, sondern gedanklich? Oder seinetwegen auch in der Kirche, beim Beichten?

Mike würde sich diese Fragen auf eine Postkarte schreiben und sie dem "Reader's Digest" schicken.

"Rich?" fragte er vorsichtig und blieb im selben Augenblick verblüfft stehen, als er seinen Freund in Begleitung eines anderen Jungen sah.

Mike wäre nur halb so überrascht gewesen, wenn es ein Kerl gewesen wäre, den er nicht kannte, aber das war eindeutig nicht der Fall. Er hatte schon mal gegen den Blonden gespielt, das war noch gar nicht solange her. Richard ebenfalls. Es war der Kleine, der ziemlich viel drauf hatte, in Sachen Basketball, derjenige, der sie letztlich ganz schön auf Trab gehalten hatte.

"Rich?!" wiederholte Mike verwundert und endlich schien er die Aufmerksamkeit seines Freundes ergattert zu haben.

"Oh, Mikey!" Richard eiste sich von Coles Profil los, aber scheinbar nur, weil der Blonde sich selbst nach Mike umdrehte.

Mike stand da, mit hochgezogenen Augebrauen und einem mehr als fragenden Blick, ehe er Richard schließlich die Sprite rüber warf.

"Hier!"

Rich fing die Flasche geschickt auf und drückte sie sofort an sich, als wäre sie eine Art Schutzschild. "Danke. Du kennst Cole?"

Das war eine nette Überleitung, wie Mike fand, der nur einmal nickte, immer noch auf eine Erklärung wartend. "Sicher."

Cole wand sich unbehaglich, er empfand sich selbst als störend, wie er so Richards Freund betrachtete, der ihm noch nicht einen Blick gegönnt hatte, zumindest keinen freundlichen.

"Also", sagte Cole leise, "ich muss dann."

Er hatte vorgehabt, sich an Richard vorbei zu schleichen und den selben Weg durchs Gebüsch zu nehmen, den er gekommen war. Denn hätte er die Abkürzung genommen, wegen der er erst hierher gekommen war, musste er an Mike vorbei und das wollte er sich nicht geben.

Richards Hand griff nach Coles Arm, als dieser schon fast an ihm vorbei war. Cole zuckte zusammen, diese Berührung löste ein stromschlagähnliches Gefühl bei ihm aus, ließ sein Herz stolpern, um dann mit doppeltem Tempo weiter gegen seine Brust zu hämmern.

Richards Mund arbeitete, aber er sagte nichts. Ein wenig hilflos blickte er in das eisige Grün seines Gegenübers, verlor den Mut.

/...ich.../

/...ich will dich wiedersehen.../

Richards Griff lockerte sich, er senkte den Blick. Sich räuspernd klopfte er Cole kumpelhaft auf die Schultern. Cole klappte ächzend nach vorne, runzelte die Stirn und lächelte schief.

Er hob noch einmal die Hand, ehe er verschwand.

Erst als sich Mike, der die Szene mit wachsendem Interesse verfolgt hatte, absolut sicher war, dass der Junge weit genug weg war, ergriff er das Wort.

"Tss, so ist das also. Mann, jetzt wird mir einiges klar."



~~ooO@Ooo~~



"Was wird dir klar?"

"So einiges."

"Das sagtest du bereits!"

"Ich weiß."

"Wie wäre es, wenn du dir angewöhnen könntest, Klartext mit mir zu sprechen?"

"Langweilig. Es wäre langweilig!"

Richard zog Mike grummelnd mit der Hand eins über den Kopf, aber der lachte nur darüber.

"Siehst du, genau das meine ich..." Mike setzte sich ins Gras und öffnete seine Flasche, aus der er einige große Züge trank. Die Kohlensäure tat ihr übriges, er schlug sich gegen den Brustkorb und rülpste zweimal laut und gedehnt, dabei Posen wie ein Opernsänger einnehmend.

Richard hatte dieses Schauspiel ausdruckslos beobachtet, bevor er in schallendes Gelächter

ausbrach. "Das war gut!" rief er atemlos. "Echt, ich bin beeindruckt!"

Mike grinste gewinnerisch, die Flasche triumphal in die Luft haltend. "Ich bin der Beste in fünf Staaten, Baby, das macht mir so schnell keiner nach!"

"Oh, das glaub ich."

Richard lachte leise in sich hinein, legte sich neben Mike und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Seine Cap schob sich dabei ganz von selbst in sein Gesicht.

Schweigend betrachtete Mike seinen Freund, seufzte und rieb sich den Kopf. Tausend Fragen lagen ihm auf der Zunge, doch er zog es vor, sie vorerst unbeantwortet zu lassen. Er wollte, dass Richard von allein zu ihm kam.

"Mikey..."

"Hm?!"

"Lass uns... lass uns Morgen schwimmen gehen." Richard setzte sich auf und sah seinem Freund grinsend in die Augen. "Ich glaube, dass ist das Einzige, wozu ich bei dieser Hitze noch fähig bin."

Mike runzelte die Stirn. "Okay... von mir aus. Und wieso nicht jetzt?"

"Keine Lust."

"Hä?!"

"Lohnt sich nicht mehr! Schon mal auf die Uhr geguckt? Es ist gleich sechs und ich muss rechtzeitig zum Essen zu Hause sein."

Prustend kringelte sich Mike auf dem Rasen, hielt sich den Bauch vor Lachen. "Ist... ist... ist das dein Ernst?!"

Rich zog einen Schmollmund. "Du kennst meine Mutter doch... wenn ich nicht pünktlich da bin, hab ich nichts mehr zu lachen! Die macht mir das Leben zur Hölle!"

"Ouh, verstehe..." Mike wischte sich Tränen aus den Augen. "Der furchtbare Tozier, unangefochtener Meister des Grauens, Herr der Rebellion selbst, hat Angst vor dem schröcklichen Zorn der Mama!"

"Hör auf zu grinsen, elender Ignorant!"

Richard schlug mit der Mütze nach Mike, erhob sich düsteren Blicks aus dem Gras.

"Ich sage dir, ihr Name ist Legion und zieht man ihren Groll auf sich, kommen einem die Plagen aus der Bibel wie der reinste Spaziergang vor."



~~ooO@Ooo~~



Richard zerstocherte desinteressiert seine Fischstäbchen, Tiefkühlkost, einfach herrlich. Sein Vater verfolgte während des Essens die Nachrichten, schmatzte zu laut, schlang zu gierig, es verdarb dem Jungen den Appetit.

Sein Blick verschwamm, die Gedanken schweiften ab. Mal wieder. Richard fuhr sich durch die Haare und seufzte tief. Seine Mutter ließ die Gabel klappernd auf den Teller fallen.

"Lümmel nicht so rum!"

Zwei dunkle Augen schielten genervt zwischen schwarzen Haarsträhnen hervor, er stützte den Kopf in die linke Hand. "Was denn?"

"Du stöhnst wie ein alter Mann! Gibt es irgendwas an meinem Essen auszusetzen?!"

"Ich mag keinen Fisch, das weißt du genau..."

Beverly Tozier warf sich die schwarzen Locken über die Schultern, die ihr Sohn definitiv von ihr geerbt hatte. "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Keine Diskussion. Es gibt Kinder auf der Welt, die würden sich freuen, überhaupt etwas Essbares zwischen die Zähne zu kriegen!"

"Genau, essbar ist das richtige Wort..." provozierte Rich gelangweilt. Vielleicht war er heute auf Streit aus, das wusste er selbst nicht so genau. Jedenfalls war er sicherlich gereizt.

Er verstand sich selbst nicht mehr, eben noch hatte er Mike klargemacht, was für ein Drachen seine Mutter werden konnte und jetzt beschwor er den Konflikt selbst herauf, wahnsinnig wie er anscheinend war.

"Junger Mann, du lebst wohl nicht gerne?! Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, du bist ein harmoniebedürftiger Mensch, dein Vater ist ein harmoniebedürftiger Mensch, oder Dave?"

"Hmhm", murmelte Mister Tozier zustimmend, während er sich eine gabelvoll Kartoffelpüree in den Mund schob.

"Willst du Stress, Rich? Ich will keinen Stress, Stress heißt zwangsläufig Wut, Rastlosigkeit, Unzufriedenheit. Willst du das? Willst du in so ein Haus abends Heim kommen?"

"Ich finde, du wirst gerade ziemlich melodramatisch, Mom", nuschelte Richard, seine Haare zwirbelnd. "Meinst du nicht?"

Misses Tozier schnaufte. "Dann tu mir einen Gefallen und iss dein Mal, sei bitte so gut!" Sie stand auf und räumte ihr Geschirr ab. "Demnächst koche ich gar nichts mehr, hier wird ja nicht gegessen."

Aber Richard hatte bereits aufgehört seiner Mutter weiter Gehör zu schenken. Gehorsam aß er letztlich alles auf und räumte auch noch den Geschirrspüler ein. Ein wahrer Versöhnungsakt.

Er schloss sein Zimmer ab und warf sich aufs Bett. Metallica dröhnte laut aus seinen Stereoboxen, was er mit Genugtuung vernahm, im Takt nickte und die Arme über den Kopf legte.

Er fühlte sich unentschlossen, als hätte vergessen, eine wichtige Sache zu erledigen, nur was? Was?

/Was.../

Rastlosigkeit hatte seine Mutter gesagt. Ja, rastlos, das war er schon so, ohne Streitigkeiten mit seinen Eltern zu haben.



---------------------------

Schwimmen, das Nicht-Untergehen eines Körpers u. die Fortbewegung in einer Flüssigkeit.

----------------------------



Benny sprühte nur so vor Tatendrang, dass Cole ganz schwindelig wurde. Das Thermometer auf dem Balkon versprach brütende 29 Grad im Schatten, kein Schneeball weit und breit, dabei hätte er ein Königreich für ein bisschen kühlende Abwechslung gegeben.

"Du kommst mit!" rief Benny so nebenbei, während er damit beschäftigt war, seinen Rucksack mit Handtüchern voll zu stopfen.

"Wohin denn?" seufzte Cole, der sich den Schweiß von der Stirn wischte. Die Luft im Haus war kaum auszuhalten, am Leib trug er nichts weiter, als ein ärmelloses Hemd und kurze (die Betonung lag hier wirklich auf "kurze") Shorts.

"Ins Freibad."

"Ich bin dabei!" rief Cole sofort und lief in sein Zimmer, den Schrank nach Handtüchern und Badebekleidung durchforstend. Aus dem Flur hörte er seinen Bruder lachen.

"Vergiss die Sonnencreme nicht, ohne werden wir gebraten wie Schweinerippen auf dem Grill!"

"Bin ich des Wahnsinns?!"

Benny grinste. Er wusste schon, wie man Cole aus dem Haus lockte. Er verstand gar nicht, wieso sein Bruder keine Freunde hatte, mit denen er mal was unternehmen konnte. Ewig alleine rumgammeln, so konnte doch keiner glücklich werden. Wenn Benny nicht einmal die Woche rauskäme, um die Sau rauslassen zu können, er würde wahnsinnig werden!

Gut, man ging dafür nicht unbedingt schwimmen, aber es war schon mal ein Anfang.

"Kommt noch jemand mit?" fragte Cole interessehalber.

Benny goss sich in der Küche gerade seine eigene, spezielle Eisteemischung in eine Plastikflasche. "Cole, ich weiß nicht, ob du es wusstest, aber heutzutage treibt sich die ganze Stadt im Freibad rum. Wir werden schon jemanden treffen, den wir kennen."

/Zumindest was mich angeht.../

Tatsächlich waren die Liegeplätze auf dem Gelände überfüllt. Sämtliche Grünflächen waren mit halbnackten Körpern belegt. Selten begab sich Cole unter so viele Menschen. Er hielt sich unwillkürlich an seinen jüngeren Bruder, der ihnen einen Weg durch die Menschenmassen bahnte.

Schließlich fand Benny einen unbelegten Platz im Schatten eines Baumes.

"Glück gehabt!" grinste er zufrieden und breitete sogleich eine große Wolldecke aus, die er von ihrer Mutter stibitzt hatte. Ungeduldig schmiss er seinen Rucksack hin und streifte sich die störenden Klamotten vom Körper. Gewissenhaft wie Benny war, hatte er seine Badeshorts bereits an.

"Ich bin im Wasser!"

So schnell hatte Cole seinen Bruder noch nie rennen sehen. Er blickte ihm schmunzelnd nach und zuckte die Schultern, bevor er selbst anfing, sich zu entkleiden.

Allerdings hatte Cole es nicht so eilig ins kühle Nass zu springen, im Gegenteil, er kramte seinen Discman aus der Tasche, schob sich die Stöpsel in die Ohren und machte es sich bäuchlings auf der weichen Decke bequem.

Vorerst reichte ihm das völlig. Schnell dämmerte er weg.

~~ooO@Ooo~~



"Meine Damen und Herren, Sie werden nun Zeugen der unschlagbaren Arschbombe des Richard J. Toziers, Obacht!" rief Mike klatschend und pfeifend, der am Beckenrand saß, die Füße im Wasser treibend.

Richard verbeugte sich theatralisch auf dem drei Meter Sprungbrett. Viel Zeit die Spannung auszukosten blieb ihm nicht, denn Stan - The Man, der direkt hinter ihm in einer endlosen Schlange stand, machte Druck.

"Hör auf rumzuwippen, Stany-Boy, du störst mich in meiner Konzentration!"

"Mach hinne, Tozier!" brummte der nur grimmig. Damit schien er einigen Leuten aus der Seele zu sprechen, die Beschwerden häuften sich.

"Tss..."

Das Brett bog sich durch, als Rich sich hoch davon abfederte. In der Luft zog er die Beine an den Körper und wurde so zu einer menschlichen Kugel. Der Aufprall im Wasser spritzte dermaßen, dass Leute, die in der Nähe des Beckens lagen, nass wurden.

Mike lachte jubelnd. "Hervorragend!!"

Richard tauchte direkt vor seiner Nase auf, um Atem ringend. "War das gut?"

"Phänomenal, die Punktrichter sind sich einig, eine glatte Zehn für den Meister der Klatscher!"

Grinsend griff sich Richard Mikes Bein und zog ihn gnadenlos ins Wasser, der blubbernd und zappelnd wieder an die Oberfläche tauchte.

"Verräter, elender!!"

Richard stemmte sich schwungvoll aus dem Wasser, herzhaft lachend. "Du bist zu vertrauensselig!"

"Warts nur ab, meine Rache wird furchtbar sein!"

"Mit Schwund muss man rechnen", erwiderte Rich schulterzuckend und stand auf. Er zwinkerte ihm zu. "Ich geh raus."

"Schon?"

"Sie dir das an, meine Haut ist bereits verschrumpelt!!" Zum Beweis hielt er Mike die Handflächen entgegen. "Da!"

"Weichei", erwiderte Mike ungerührt. "Geh nur, ich dreh noch ein paar Runden."

"Alles klar, da weiß ich Bescheid..."

Es war eine gute Entscheidung gewesen, hierher zu kommen. Richard streckte die Arme über den Kopf, ließ den Blick schweifen und gähnte. Falls er nicht ausgelastet war, wenn er nach Hause kam, dann wusste er es auch nicht. Schon jetzt befiel ihn eine gewisse Müdigkeit.

Richard steuerte direkt auf den Liegeplatz zu, den er mit seiner Bande aufgeschlagen hatte. Chris und Eddie alberten gerade mit ihren Pommes herum, die sie sich vom Kleinen Laden (so wurde der einzige Kiosk bezeichnet, den es hier gab und zu Horrorpreisen seine Waren anbot) gegönnt hatten.

"He, Rich", rief Chris, dem eine breite Ketchupspur vom Mundwinkel abwärts im Gesicht stand. "Rate mal, wen ich hier gesehen hab!"

"Na wen denn?" fragte er der Höflichkeit halber, während er sich mit einem Handtuch durch die Haare ging. Wiedereinmal stellte er fest, dass ihn seine langen Zottel gewaltig nervten.

"Benny, der ist dahinten." Chris deutete auf die Startblockreihe, an der Benny stand und sich gerade angeregt mit einem Mädchen unterhielt.

"Wer ist Benny?"

"Oh, du weißt doch... der Typ, der sich immer auf unserem Platz breitgemacht hat!"

Richard blickte immer noch nicht durch.

"Mann, Alter, sein Bruder hat dich letztens fertig gemacht, weißt du nicht mehr?!"

"Oh!" Die Erkenntnis stand Richard ins Gesicht geschrieben. "Der...!" Jetzt erkannte er Benny auch. "Das ist sein Bruder?!" Dann wurde ihm klar, was Eddie gerade gesagt hatte. "He, er hat mich nicht 'fertiggemacht', okay? Überrascht, überrascht!"

"Ganz wie du meinst", bemerkte Eddie kauend. "Jedenfalls liegen sie da vorne." Chris klaute sich eine Fritte aus Eddies Pappschälchen, woraufhin dieser direkt eins übergezogen bekam. "He, das sind immer noch meine, die waren scheißteuer!"

"Wieso die?!"

Eddie stöhnte laut. "Stehst heute aber auf der Leitung, was? Sie sind zusammen hier, guck doch!"

"Am Baum, da!" sagte Chris.

In einiger Entfernung konnte Richard wirklich einen Blonden ausmachen, der auf einer Decke lag, allerdings konnte das jeder Hans und Franz sein. Eine merkwürdige Aufregung machte sich in ihm breit, war das tatsächlich Cole? Nun, eines stand fest, er würde es herausfinden!



~~ooO@Ooo~~



Cole summte zur Musik, ein zufriedenes Lächeln hatte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet. Plötzlich benetzten kalte Wassertropfen die Haut auf seinem Rücken, er zuckte zusammen und quiekte.

"Benny, lass das!" nuschelte er ärgerlich und vergrub den Kopf tiefer in die Arme. Mein Gott, immer diese Kinderspielchen! Schon als sechsjähriger Pimpf hatte er solche Überraschungsangriffe gehasst.



Nun legte sich eine nasse Hand auf seine Schulter. Cole zischte und wirbelte augenblicklich herum. "Verdammt, Ben...!!"



Die Worte blieben Cole prompt im Hals stecken. Richard grinste ihm entgegen. Cole hatte ihn im ersten Moment gar nicht erkannt, da die Sonne seine Augen blendete, aber er war es, kein Zweifel. Richards tintenschwarze Haare ließen noch immer Wasser auf ihn tropfen, da er dicht über ihn gebeugt verharrte.

"Hi."

"H... hi..."

Cole starrte geradewegs in Richards faszinierend dunkle Augen, blinzelte und zog sich mit einer Handbewegung die Kopfhörer aus den Ohren. Weil er der Meinung war, die knisternde Stille zwischen ihnen schnellstmöglich durchbrechen zu müssen, stellte er einfach die erstbeste Frage, die ihm in den Sinn kam.

"Was machst du denn hier?"

Richard zog lächelnd eine Augebraue in die Höhe. Er machte nicht die geringsten Anstalten, sich von Cole zurückzuziehen, im Gegenteil, eher schien er näher zu rücken. "Ich war gerade in der Nähe und da dachte ich, ich schau einfach mal vorbei."

Cole lachte kurz auf, was sich seltsamerweise wie ein Schluckauf anhörte. Er konnte beim besten Willen nicht verhindern, dass sein Blick über Richards attraktiven Oberkörper streifte und bewundernd an den Bauchmuskeln hängen blieb.

"Setz..." Er stockte.

"Hm?"

Cole räusperte sich errötend und suchte sich einen Fixpunkt auf der Decke, den er weiter anstarren konnte. "Setz dich doch."

"Aber ich will dir die Decke nicht... nass machen", sagte Richard lächelnd.

Cole hustete, die Farbe in seinem Gesicht verdunkelte sich um einige Nuancen. Er zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. "Sabbel nicht, pflanz dich hin, ich bekomme noch Nackenstarre, wenn ich weiter zu dir hoch schielen muss!"

Kommentarlos ließ Richard sich im Schneidersitz nieder. Unbewusst zwirbelte er wieder seine Haare zwischen Daumen und Zeigefinger, das war eine Angewohnheit von ihm, der er sich nicht bewusst war. Er schloss die Augen und seufzte.

"Verdammte Hitze. Dabei war ich grad im Wasser! Ist das zu fassen?"

Richard war sich vielleicht nicht über gewisse Macken bei ihm im Klaren, aber er merkte deutlich, dass er gerade unsinniges Zeug brabbelte. Hieß das, er war nervös? Und wenn ja, warum zum Teufel?! Er redete übers Wetter!!

Cole kramte derweil beschäftigt in seiner Tasche herum, förderte schließlich die Flasche Eistee zu Tage, legte den Kopf in den Nacken und trank einige große Schlücke, bevor er Richard was davon anbot.

"Auch einen Schluck?"

Bei dem Gedanken, etwas von Coles Flasche zu nehmen, die vorher noch dessen Mund berührt hatte, bildete sich ein riesiger Kloß in Richards Hals. Aber wie auch immer, er wollte nicht unhöflich wirken, also nahm er an. Zögerlich trank er einen zu offensichtlich kurzen Zug.

Cole grinste. "Ich habe keine Filzläuse."

"Ja, aber vielleicht habe ich welche?" lächelte Rich unsicher.

Der Blonde zuckte die Schultern. "Mit Filzläusen werde ich fertig..."

Als Richard sich vorbeugte, um die Flasche wieder gewissenhaft in die Tasche zu stecken, bemerkte Cole, dass der Kerl einen krebsroten Rücken hatte. Cole streckte die Hand aus und berührte die Stelle. Rich wich reflexartig zurück, stieß zusammengepresste Luft durch die Zähne.

"Sonnenbrand", bemerkte Cole ausdruckslos und maß Richard mit vorwurfsvollen Blicken.

Der schob sich die Hand in den Nacken. "Hab wohl vergessen, mich einzucremen!" gab er lachend zu. Doch Cole schien das Ganze nicht halb so amüsant zu finden, wie Richard selbst. Der Kleine griff nach seinem Handgelenk und zog ihn dicht an sich ran.

"Hinlegen!"

Richard schluckte, die eisgrünen Augen duldeten keine Diskussion, also folgte er dem Befehl. Sein Blick weitete sich überrascht, als er auf seinem Rücken Coles Körpergewicht spürte. Der Junge hatte sich vorsichtig auf ihn gesetzt.

"Geht's?" fragte Cole leise. Richards Nicken überschlug sich fast. "Gut, ich mach mich auch ganz leicht."

Tatsächlich verlagerte Cole sein Gewicht hauptsächlich auf die Knie. Er nahm etwas von der Sonnencreme in die Hand. "Es pellt schon", stellte er fest. "So was kann gefährlich sein..."

Richard schloss die Augen, als Coles Fingerspitzen langsam über sein Schulterblatt fuhren, ausführlich die Creme verteilten. Da Richards Haut noch ein wenig feucht vom Wasser war, merkte er kaum ein Brennen.

Viel schlimmer empfand Rich dieses leichte Ziehen in seiner Magengegend, dass jede seiner Berührungen bei ihm auslöste. Er verbarg ächzend seinen Kopf.

Sofort stoppten die kreisenden Bewegungen. "Tut's weh?" fragte Cole besorgt.

Richard schnaufte, mein Gott, er war doch ein Kerl, Indianer kannten keinen Schmerz, Schmerz war Ansichtssache! Eine Frage der Disziplin!

"Nein!"

/Das nicht gerade.../

Cole schmunzelte, beugte sich vor, bis er Richards Ohr erreichte. Seine linke Hand spazierte streichelnd, wie zufällig sein Rückrad entlang, Richtung Süden.

"So, lässt also den harten Macker raushängen..." wisperte Cole. "Du kannst es ruhig zugeben!"

Blitzartig schnellte Richard hoch und warf dabei einen überrumpelten Cole zur Seite. Im nächsten Atemzug war der Schwarzhaarige auch schon über ihm, verschränkte seine Handgelenke über den Kopf und beugte sich nun seinerseits dicht vor.

Einen Sekundenbruchteil nachdem Richard den Kopf gewendet hatte, warf ihm der blonde Junge einen überraschten Blick zu und ihre Augen begegneten sich. Eine Sekunde lang, vielleicht auch zwei oder drei - solange dieser Augenblick dauerte -, sah Richard Tozier, dass dieser Junge, den er gerade überwältigt hatte, schön war. Zum ersten Mal dachte er das ganz bewusst.

Er hätte es für unmöglich gehalten, dass er dieses Wort je auf ein männliches Wesen anwendete, das älter war als neun Monate, aber im Schatten dieses Baumes, die klaren, arktisch grünen Augen weit geöffnet, war Cole schön.

Dann blinzelte Richard und der Augenblick verstrich. Hastig entließ er Coles Hände aus seinem klammernden Griff und wich zurück. "Es tut nicht weh," stellte er klar.

Cole hatte sich noch nicht bewegt, aber nun setzte er sich wieder auf. Sein Herz galoppierte. Einen Moment hatte er geglaubt, dass Richard ihn... Er schüttelte den Kopf, wie um ihn wieder klar zu kriegen. Der Junge war stark, das stand ganz außer Frage. Die Kraft, die hinter diesem Griff gesteckt hatte, war von enormer Natur.

Das ließ Cole noch aus ganz anderen Gründen schwach werden.

Er räusperte sich ein wenig ärgerlich und legte den Kopf schief. "Okay, Rambo, demnächst stelle ich deine Männlichkeit nicht mehr so schnell in Frage!"

Richard stieg die Schamesröte ins Gesicht. "Es tut mir leid."

"Okay."

Wie er so Richard betrachtete, der ein wenig hilflos seinem Blick auswich, bekam er schon wieder Mitleid mit ihm. "Ich sag dir was, du spendierst mir ein Eis und ich werde vergessen, was für ein dämlicher Trampel du bist. Ist das ein Angebot?" Cole grinste.

"Dämlicher Trampel?!" empörte sich Richard, kam aber sofort wieder auf den Boden zurück, hustete einmal demonstrativ in die Faust. "In Ordnung."

"Nun denn..." Cole machte eine wegwerfende Handbewegung. "Du darfst dich entfernen."

Richard lachte entrüstet, kam er sich doch wie ein Sklave vor, der ungeniert ausgenutzt wurde. Wenn auch zu Recht, aber das interessierte gerade nicht, hier ging's ums Prinzip.

"Wie lange hast du vor, meinen Zustand tiefster Demütigung auszunutzen, Cole?"

"So lange, wie's geht!"



~~ooO@Ooo~~



Mike lehnte mit verschränkten Armen an einer kleinen Birke, ganz in der Nähe von Coles und Bennys Liegeplatz. Er hatte alles gesehen, kein Wort verstanden. Er beobachtete, wie Rich langsam aufstand und direkt auf ihn zusteuerte. Aber war das zu fassen, er bemerkte Mikey gar nicht, wollte schnurstracks an ihm vorbeilaufen.

"He, Rich!" Mike packte Richard an der Schulter, woraufhin dieser laut zischte, und aufbrausend zu ihm herum fuhr.

"Ah, Scheiße, Mikey, pass doch auf!"

Mike zog sofort die Hand zurück, als hätte er einen Schlag verpasst bekommen. "Sorry..."

Richard fuhr sich seufzend durch die schwarzen Haare, klemmte sich Strähnchen hinters Ohr. "Schon gut... ich geh zum Kleinen Laden, willst du auch was?"

Er schüttelte den Kopf.

"Na gut, dann nicht" grinste Rich und zwinkerte Mike zu. "Ich spar nur Geld!"

Und schon lief er weiter, als sei nichts gewesen. Etwas unschlüssig sah Mike seinem besten Freund hinter her. Sein Blick wurde besorgniserregend leer, als er wieder Cole auf dem Platz unter dem Baum erspähte, der sich räkelte und sehr zufrieden schien.

Mikes Stimme wurde zu einem bedrohenden Flüstern.

"Was hast du aus ihm gemacht?"



~~ooO@Ooo~~



"Ich dachte, du hast kein Geld?"

Benny trocknete sich die Haare mit einem Handtuch ab, schüttelte Wasser aus dem Ohr.

"Hab ich auch nicht", sagte Cole, während er genüsslich weiter an seinem Eis schleckte.

"Und wo hast du das her?" Er guckte ein wenig neidisch, man konnte fast sehen, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief.

Cole grinste breit. "Connections, Benny."

"Connections?"

"Dieses köstliche Eis habe ich nichts weiterem als meinem unwiderstehlichen Charme zu verdanken!"

Benny setzte sich neben seinen Bruder, betrachtete dessen Profil und kam zu dem Schluss, dass Cole wirklich glücklich aussah. Es war ein echtes Lächeln auf seinem Gesicht, er lächelte tatsächlich, aufrichtig, das war nicht aufgesetzt.

Menschen waren schön, wenn sie ehrlich lächelten. Die Augen bekamen diesen besonderen Glanz, eine Art von freimütiger Güte.

"Und wer ist auf dich reingefallen?" fragte Benny amüsiert.

Cole schloss die Augen und lehnte sich zurück. Das Licht der Sonne zauberte wunderschöne Schattenmuster auf sein Gesicht. "Ehrlich gesagt, ich weiß es noch nicht genau..."

Er strich mit dem Zeigefinger durch das Eis, nahm den Finger in den Mund und lutschte die Speise kichernd ab.

"Ich meine, ob jemand auf mich reingefallen ist."


--------------------------

die Gedanken malen Bilder, doch ich finde keinen Rahmen

--------------------------



Ein Poltern und Rumpeln riss Richard Tozier an diesem Morgen aus dem glückseligen Schlaf. Leider wusste er nicht mehr genau, was er geträumt hatte. Vereinzelte Bilder schwammen an die Oberfläche seines Bewusstseins, doch jedes Mal, wenn er nach diesen Schatten griff, zerstreuten sie sich auf ganz gehässige Art und Weise.

Er wusste nur, dass er gerne weitergeträumt hätte. Ja, zu gerne. Und, dass sein Atem floh, sein Körper mit einem dünnen Schweißfilm bedeckt war. Anscheinend war es wieder verdammt heiß draußen.

Er konnte überhaupt nicht schätzen, wie spät es war, da seine Jalousien absolut kein Licht in den Raum ließen. Die Zeit auf dem Radiowecker abzulesen war anstrengend, denn seine verklebten Augen erlaubten ihm nur ein verschwommenes Bild von den Digitalzahlen.

Egal.

Wieder Krach. Und die fluchende Stimme seines Vaters. Gott, was war denn los?

Als er den waghalsigen Versuch unternahm, sich aus den Federn zu erheben, erlebte er einen Schwächeanfall und plumpste ganz einfach wieder zurück in die Kissen. Woher kam bloß all die Müdigkeit?

Dabei war er solide gewesen am Vorabend, keine Party, kein Alkohol (den er sowieso selten anrührte, weil er so was einfach nicht vertrug), kein Rambazamba, in welcher Beziehung auch immer.

Dann hatte er sich nach seiner bescheidenen Meinung wohl völlig unkompliziert ins Koma geschlafen. Soll vorgekommen sein.

Doch als Richard einen zweiten Bettfluchtversuch startete und dabei die Decke zurückschlug, entdeckte er eine Bescherung, die es so in dem Ausmaß seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr gegeben hatte, wie sein Verstand trocken analysierte.

Eine Bescherung, die das Blut in den Kopf steigen ließ.

Er hatte wirklich gedacht, er wäre durch mit diesem Thema, raus aus der Pubertät!

"Oh mein Gott!"

Seine Stimme brach zum Ende hin, ungläubig starrte er die noch feucht-klebrige Stelle auf dem Laken an und in dem Moment fiel ihm für Sekundenbruchteile wieder ein, was er denn vor dem Aufwachen aufregendes geträumt hatte.

Und bei der Erkenntnis sank er stöhnend nur noch mehr in sich zusammen, massierte die Schläfen und jammerte wie ein Schuldiger vor Gericht, der in Selbstmitleid zerfloss.

Aber dem noch nicht genug, seine Phantasie spann das wiedergewonnene Bild weiter aus, fügte dem Puzzle Details hinzu, wirklich schmackhafte Einzelheiten, auf die seine Lenden beinahe sofort antworteten.

Richard sah deutlich,

/...ein freigelegtes Schulterblatt, hinabgleitender Stoff, der ein köstliches Stück gebräunter Haut offenbart, welches nass ist, nass vom Regen, denn - ja, tatsächlich - plötzlich regnet es, Tropfen benetzen einen Nacken, an dem goldblonde Haare kleben, die das Wasser langsam dunkler färbt, spitze Finger, die einen kirschroten Mund nachzeichnen, lasziv nach ihm rufen, ihn berühren und von ihm berührt werden wollen, arktische Augen, einem grünen Ozean gleich.../

beinahe wie in Zeitlupe die Klinke nach unten sinken. Die Tür wurde unangekündigt aufgerissen. Hastig warf er sich um die angezogenen Knie, hoffte, dass seine Mutter in der Dunkelheit des Zimmers nichts von seinem glühenden Gesicht mitbekommen würde, geschweige denn von Reaktionen ganz anderer Körperregionen.

"Was ist denn los?!"

"Du hast nicht zufällig meine Bürste gesehen, junger Mann?"

Richard legte dir Stirn in verständnislose Falten, was zum Teufel sollte er mit der Bürste seiner Mutter? Er wollte gerade etwas in der Richtung erwidern, da tauchte die schlüpfrige Vorstellung von Cole in feuchten Klamotten, wie eine Katze schnurrend, erneut vor ihm auf.

Richard verfluchte sich und der Vision folgten grausamere Bilder, ein Teufelskreis und noch viel schlimmer Coles Gelächter, welches verhöhnend in seinen Ohren nachhallte.

Seine Mutter durchwühlte derweilen hastig den überfüllten Schreibtisch, fand aber nicht, was sie zu finden gehofft hatte (was Richard ihr gleich hätte sagen können), allerdings verließ sie die Räumlichkeiten ihres Sohnes genauso schnell, wie sie gekommen war, hielt keine ihrer üblichen Standpauken zum Thema Ordnung, schloss nicht einmal die Tür hinter sich.

Zu viel für einen Morgen, befand Richard, der beschloss, so schnell wie möglich unter der Dusche zu verschwinden, natürlich nicht bevor er sein verräterisches Bettlaken entsorgt hatte.

Richard schluckte.

Nicht einmal Mike würde er davon erzählen können.

/Das geht vorbei, ganz sicher, das geht vorbei.../



**



Richard hatte es geschafft, unbemerkt ins Badezimmer zu gelangen. Schnell stopfte er das Laken in die Waschmaschine und warf das alte stromfressende Monstrum an. Erst als sich die Trommel zum ersten Schleudergang rotierend in Bewegung setzte, gönnte er sich einen Moment der Erleichterung.

Eigentlich wollte er nun in die Brause hüpfen, sein Körper stand noch immer unter aufgeregter Anspannung, sein Blut transportierte entschieden zu viel Hormone, doch im Haus herrschte immer noch turbulentes Treiben und so langsam fragte sich Richard ernsthaft, ob er nicht etwas Wichtiges vergessen hatte.

Vorsichtig trat er in den Flur, als er die Stimme seines Vaters hörte.

"Rich, denk dran, die Blumen zu gießen!" Polternd stolperte Dave Tozier die Treppen rauf, verschwand im elterlichen Schlafzimmer, ohne seinem Sohn weiter besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Richard legte die Stirn in Falten und seufzte, grübelte angestrengt und knetete sich die Wangen. Doch dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz und sofort breitete sich ein selbstvergessenes Grinsen auf seinen verschlafen Zügen aus.

Für diesen Augenblick konnte er seinen pubertären Ausbruch vergessen.

"Habt ihr verpennt?" fragte er amüsiert.

Beverly Tozier, noch mit feuchten Haaren, da sie einfach keine Zeit mehr gehabt hatte, sich nach dem Duschen zu föhnen, nuschelte irgendetwas, das sich nach Wecker und Hundeexkrementen anhörte, als sie wie ein Wirbelwind an ihm vorbei ins Badezimmer rauschte.

Sie sprang hüpfend in ihre Caprihose, während sie nebenbei auch noch in einer Schublade nach Klammern für ihre widerspenstigen Locken kramte.

Sein Vater, mindestens ebenso gestresst, kam mit einem Haufen Taschen und Koffern aus dem Allerheiligsten. Eine kleine, rote Plastiktüte baumelte zwischen seinen Zähnen, gefährlich schwankte er auf die Stufen zu und da schaltete sich Richard ein, denn er sah seinen Vater bereits schmerzverzerrt am Fuße der Treppe liegen, unter einem Haufen geschmackloser Woolworth Klamotten.

"Warte, ich helf dir..."

Richard nahm ihm einige Taschen ab, die er nach draußen brachte und ins Auto verfrachtete, welches bereits mit laufendem Motor vor dem Haus wartete. Seine Eltern würden heute ihren Urlaub antreten. Dabei handelte es sich um zwei romantische Wochen irgendwo im Süden an irgendeinem Strand.

Wo, wusste Richard nicht mehr, denn als er davon unterrichtet wurde, lief Jackass im Fernsehen, folglich hatte er größtenteils nur so getan, als würde er zuhören.

Aber das war völlig egal, denn es spielte keine Rolle, wohin sie fuhren, weil allein die Tatsache, DASS sie fuhren Richard vollkommen genügte.

Sein Lächeln vertiefte sich, er streckte die Glieder, schob die Arme in den Nacken. Ja, vierzehn phänomenale Tage ohne elterliche Bevormundung, das war ganz nach seinem Geschmack und verdammt, er würde vielleicht so dermaßen die Sau raus...

"Das du mir ja keinen auf Arschloch hoch Amerika machst, mein Freund!"

Die trockene Stimme seiner Mutter ließ Richard zusammenzucken, aus seiner herrlichen Tagträumerei erwachen und die Welt um ihn herum wieder wahrnehmen. Sein Vater stopfte die letzten Tüten in den Kofferraum, kämpfte um Platz und gewann schließlich knapp (der Zipfel eines Hemdärmels lugte eingeklemmt hervor).

Beverly hielt ihren Sohn in Armeslänge von sich und musterte ihn peinlich genau, während sie die Fronten wiederholt klarstellte.

"Geld hast du, obwohl du eigentlich nichts brauchst, es ist alles im Haus. Sehe ich einen Fleck auf dem neuen Wohnzimmerteppich, hast du die längste Zeit als lebendes Individuum verbracht. Höre ich von Sauforgien, Weibergeschichten, lauter Musik und Haschkonsum, katapultiere ich dich höchstpersönlich achtkantig aus dem Haus, verstanden?"

Richard lachte, aber er nickte freundlich. "Ja."

"Ist das klar?"

"Glasklar."

"Okay."

Aber sie ging nicht. Die Stirn in Falten legend, starrte sie unangenehm durchdringend in sein Gesicht.

"Hast du was angestellt?"

Richard riss die Augen auf, bis diese Tellergröße erreicht hatten, fühlte sich unsinnigerweise ertappt und schüttelte wirsch den Kopf.

"Quatsch! Wie kommst du darauf?!"

"Du siehst irgendwie schuldig aus."

"Schuldig?"

Seine Mutter nickte mit verschränkten Armen. "Auf jeden Fall."

"Ich hab nichts getan!" rief Richard zu laut.

"Sicher."

In einer hilflosen Geste zuckte er mit den Schultern, woraufhin Beverly Tozier seufzend nachgab. Seltsamerweise tat sie etwas, was sie seit Jahren nicht mehr getan hatte: Sie gab ihm einen Abschiedskuss auf die Wange.

"Rich, bau bitte keine Scheiße."

"Mom!"

"Ich mein' ja nur..."

Langsam ärgerte Richard das mangelnde Vertrauen seiner Mutter. Okay, sie hatte guten Grund dazu, aber hey! Konnte sie nicht wenigstens so tun, als hätte sie keine Bedenken?

Mit ausholenden Schritten lief seine Mutter auf das wartende Auto zu. Ihre braunen Locken wippten auf und ab. Dave Tozier hupte einmal ungeduldig, rief, dass sie schon sehr spät dran wären. Murmelnd schloss seine Mutter die Autotür und kurbelte das Fenster runter.

"Übrigens wird Jessy ab und zu vorbeischauen!"

Richards Unterkiefer klappte runter und noch bevor er daraufhin irgendetwas sagen konnte, war von seinen Eltern nur noch eine Staubwolke zu sehen.

Das war ja wohl der Gipfel!



**



Als Cole sich zum wiederholten Male dabei erwischte, wie er entrückt lächelnd aus dem Fenster starrte, gab er sich gedanklich eine schallende Ohrfeige. Konnte das angehen? Diese ewigen Tagträumereien in letzter Zeit. Richtig übel!

Dabei ermahnte er sich ständig, dass er bloß nicht zu viel erwarten sollte. Sicher, Richard sendete gewisse Signale aus, aber das konnte Cole sich auch einbilden, pures Wunschdenken sein.

/Hoppla, Wunschdenken?!/

Cole stöhnte, hieß das etwa, dass die Sache jetzt offiziell war? Sich die eigenen Gefühle einzugestehen, ist fast noch schwerer, als sie anderen mitzuteilen. Aber er wollte sich nicht verlieben!

Und da war es auch schon, das böse, böse Wort mit dem Buchstaben L. Cole vergrub klagend das Gesicht in die Arme. Nein, er wollte das nicht, ganz sicher nie nicht! Das gab nur wieder Theater.

Anfangs war es ja noch witzig gewesen. Es hatte Spaß gemacht mit Richard zu flirten, ihn aus der Fassung zu bringen. Ganz anders sah natürlich die Geschichte aus, wenn es Richard gelang, IHN aus der Fassung zu bringen. Das ging einfach nicht, damit kam Cole so gar nicht klar, prinzipiell schon nicht.

Mochte es klingen, wie es wollte, aber er behielt lieber die Hosen an und somit die Kontrolle.

Doch wenn er an den Tag im Freibad zurück dachte, lief ihm jedes Mal aufs Neue ein Schauer über den Rücken und seine feinen Härchen an den Unterarmen stellten sich auf.

Wieder ärgerte sich Cole, denn es war gar nicht sicher, dass Richard ebenso empfand wie er. Eigentlich war das eher sogar sehr unwahrscheinlich. Kannte der überhaupt die Bedeutung des Wortes "empfinden"? Richard war der Inbegriff eines heterosexuellen Macho-Kerls, groß, grob, laut, männlich...

...eben so was von... lecker...

Cole schrie stumm in ein Couchkissen, strampelte wie ein Kleinkind mit den Beinen, weil es seinen Willen nicht bekam. Er musste diesen Typen aus dem Kopf kriegen, koste es, was es wolle!

Kino war eine Möglichkeit. Allein in ein Lichtspielhaus zu gehen mochte zwar ziemlich erbärmlich sein, aber er erwog ernsthaft diese Maßnahme. Und das erste Mal war es auch nicht.

Er sah kurz auf die Uhr und stellte fest, dass er es zur Abendvorstellung wohl nicht mehr schaffen würde, aber die Spätvorstellung wäre noch denkbar.

Zwar würden schätzungsweise keine 90 Minuten ausreichen, um eine effektive Streichung des Namens Richard Tozier aus seinem Kopf zu erzielen, aber irgendwie musste man doch mal anfangen.

Cole klatschte in die Hände.

Das dürfte kein Problem sein!



-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Warum nicht?!

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------



Im Kino lief nichts großartiges, Cole entschied sich für einen Actionfilm, der nicht mal Starbesetzung vorzuweisen hatte. Genau danach war ihm gerade.

Sinnloses Rumgeballer, Explosionen, vor Muskeln strotzende Helden, die wenig im Hirn hatten, eine anspruchslose Story...

Der Hammer war es nicht und er bemerkte ein paar Male, dass er eine ganze Zeit lang auf die Leinwand gestarrt hatte, ohne zuzuhören. Als der Film endlich zuende war, war es ziemlich spät geworden, draußen war es stockfinster.

Cole hatte sich den Hintern plattgesessen, was er jetzt ganz deutlich merkte, auch sein Nacken war verspannt. Vor dem Kino versammelten sich die letzten Zuschauer, um zusammen nach Hause zu gehen, diskutierten über das Gesehene, lachten oder regten sich furchtbar auf.

Cole holte tief Luft und guckte in den klaren Nachthimmel. Nichts Bestimmtes lief ihm durch den Kopf, im Gegenteil, erfrischend leer waren seine Gedanken, somit hätte sein Verdrängungsplan von Erfolg gekrönt sein können, hätte er in dem Moment nicht eine Stimme aus dem Gewusel vernommen, deren Klang er nur zu gut kannte.

Er drehte sich um und ehe er etwas dagegen unternehmen konnte, hatten seine Lippen bereits den Namen geformt.

"Richard?"

Das war wiedereinmal ein Beweis dafür, wie klein die Welt war. Richard war mit Stan und Chris auch im Kino gewesen, sogar in der selben Vorstellung, wie sich später herausstellen sollte.

"Cole!"

Ein Ausdruck von Unsicherheit huschte über Richards Züge, doch dann lächelte er gewohnt charmant. Cole bildete sich ein, dieses Lächeln von Richard wirklich nur dann zu sehen, wenn er ihn ansah.

War soviel Größenwahn noch normal?

"Hi."

"Bist du ganz allein hier?"

Cole log spontan, behauptete, mit seinem Bruder und dessen Freund da gewesen zu sein, die sich aber bereits abgesetzt hatten. Wie sah das denn aus, wenn er die Wahrheit sagte?

Stan und Chris gaben sich unternehmungslustig, sie hatten vor, noch um die Häuser zu ziehen, denn schließlich war die Nacht noch jung.

"Also, wie sieht's aus, Tozier?" fragte Chris, den keiner darauf aufmerksam machte, dass Popkornkrümel an seinem Hemdkragen klebten.

Richard blickte kurz von Chris zu Cole, dann zu Stan und wieder zurück zu Cole. Er sagte: "Geht nur."

"Du willst nicht?" Stan schien wirklich überrascht. Misstrauisch musterte er Cole, der anscheinend der Grund für Richards merkwürdiges Verhalten war. Normalerweise nahm Richard solche Gelegenheiten war ohne nachzudenken.

"Mike wollte doch nachher auch noch dazu kommen."

Richard zuckte die Schultern. "Wir sehen uns doch alle Morgen. Und ich muss noch ein bisschen klar Schiff machen."

"Wenn du meinst..."

Sie gingen, ohne sich noch mal umzusehen. Richard seufzte erleichtert, dann wandte er sich an Cole, der die Szene unsicher beobachtet hatte.

"In welche Richtung musst du?"

"Oh, Richtung Stadtpark, zur Krechsiedlung."

Cole nahm Richards Zögern deutlich war, auch wenn es nur Momente dauerte. Die Krechsiedlung war ein Neubaugebiet und genoss nicht gerade den besten Ruf in der Stadt. Man konnte es als kleines Ghetto bezeichnen.

"Ich begleite dich."

/Aber er zieht es konsequent durch./



Es dauerte nicht lange, sie hatten ungefähr die Hälfte des Weges hinter sich, da verstrickten sie sich in eine angeregte, ungezwungene Unterhaltung über ihre Lieblingsfilme. Ihre Stimmen hallten lebendig auf den dunklen, wie ausgestorbenen Straßen.

"Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein Feigling bist!" rief Cole lachend, wich geschmeidig einem ziellosen Schwinger von Richard aus und hüpfte fröhlich vor ihm her.

Richard wusste nicht, was Cole mit diesen verbalen Angriffen bezweckte, aber sie verfehlten nicht ihre Wirkung. "Dass ich bei dieser Stelle..." Er räusperte sich verlegen. "...'aufgeschrieen habe wie ein Waschweib' bedeutet nichts, Cole, es bedeutet einen Scheiß!"

Cole schmunzelte. "Richie, ich bitte dich. Wenn es 'Freitag, der 13' gewesen wäre, 'Shining' - und ich meine die gute Version mit Jack Nicholson - , 'Freddy Krueger', 'Pennywise' oder 'Striptease' - denn der war wirklich gruselig - aber... Richie! 'Harry Potter und die Kammer des Schreckens'?!"

"Ich hasse Spinnen!"

Cole lachte laut und es war merkwürdig, Richard wusste durchaus, dass er der Grund für sein Amüsement war, aber das machte ihm nichts aus. Er musste selbst schief grinsen.

"Ich erzähl dir nie wieder was!"

Auf den Straßen waren nur noch vereinzelnd Menschen zu sehen, nachts war diese Stadt so gut wie ausgestorben. Das war ein seltsames Gefühl, weil einem alles so verlassen vor kam. Nicht nur, als wären alle in ihren Häusern geblieben, sondern komplett verschwunden.

Aber diesmal löste das bei Cole kein beklemmendes Gefühl aus, wie es sonst der Fall gewesen wäre, was wahrscheinlich daran lag, dass er mit Richard zusammen war. Seine unheimlich anziehende, virile Ausstrahlung faszinierte unweigerlich. Cole fühlte sich sicher bei ihm.

Bei Richie.

Da merkte er, dass sie schon seit einer ganzen Weile in Schweigen verfallen waren. Cole riskierte einen kurzen Seitenblick, nur um hastig die Augen wieder abzuwenden. Richard hatte ihn die ganze Zeit angesehen, undeutbar.

Überdeutlich spürte Cole aufsteigende Hitze in seinem Gesicht. Er war wütend auf sich. Warum reagierte er so überempfindlich? Wie ein unberührtes Schulmädchen! Sonst war es stets umgekehrt, er schaffte es immer, andere zu verunsichern.

Und das machte auch viel mehr Spaß.

Mit einem Mal war die Stille nicht mehr so angenehm, so als hinge etwas zwischen den beiden in der Luft, unausgesprochene Dinge. Cole überlegte verzweifelt, wie er die Situation retten konnte, ohne dass es für sie peinlich wurde.

Doch Richard kam ihm zuvor. Er blieb unvermittelt stehen.

"Cole, was hast du jetzt noch vor?"

Cole runzelte die Stirn. "Nach Hause gehen?"

"Hast du noch Lust... ich meine... wir könnten noch zu mir gehen..."

Cole blinzelte überrascht, mit einem Mal kam es ihm gar nicht mehr so unwahrscheinlich vor, dass Richard eventuell doch an ihm interessiert sein könnte. Aber das warf wieder ein völlig anderes Licht auf die Situation. Wenn er jetzt mit zu Richard kommen würde, wer wusste schon...

Er kicherte über sich selbst.

"Was lachst du?" rief Richard beleidigt. "Freu dich anders!"

Cole schnappte empört nach Luft. "Na, weißt du! Lachen befreit!"

Richard ließ sich nicht ablenken. "Also, was sagst du?"

Cole tat so, als würde er darüber nachdenken, Verschiedenes abwägen, dabei stand seine Entscheidung eigentlich schon lange fest. So zuckte er scheinbar gleichgültig die Schultern.

"Warum nicht?"



**



Richards Elternhaus war beeindruckend für Cole, der nur enge Dreizimmerwohnungen kannte. Seine Mutter war alleinerziehend und so gut wie nie zu Hause, da sie ständig arbeitete.

/So viel Platz!/

"Hast du Hunger?" fragte Richard.

Cole nickte, ein kleiner Snack wäre wahrlich nicht schlecht. "Schon, aber mach dir keine Umstände, ich bin sehr genügsam."

Richard lächelte einnehmend. "Dann folgen Sie mir bitte in die Küche, wir werden sehen, was der Kühlschrank noch so hergibt."

Entgegen dem ungeschriebenen Gesetz, welches besagte, dass Küchen hell eingerichtet sein mussten, kam diese hier ganz in Schwarz daher. Cole sah sich neugierig um. Das alles musste ein Vermögen gekostet haben.

"Ich glaube, wir haben noch Pizza da, die könnte ich schnell in den Ofen schieben."

"Pizza klingt gut", murmelte Cole, der sich gar nicht traute irgendetwas anzufassen. Er hatte Angst, Fingerabdrücke zu hinterlassen, die blanken, sterilen Flächen somit zu verunreinigen.

Richard bemerkte Coles Unentschlossenheit. Nachdem er die Pizza, welche seine Mutter am Vortag selbstgemacht hatte, in den Ofen verfrachtete, nahm er ihn bei der Hand.

"Komm, wir gehen ins Wohnzimmer."

Richard zwinkerte ihm zu und Cole lächelte dankbar zurück. Auch das Wohnzimmer war ein Traum, sah aus, wie einem Designermagazin entnommen: Parkettfußboden, moderne Glasschränke, in denen bunte Kristallgläser standen, ein riesiges Aquarium, in denen sich exotische Fische tummelten und Spiegel, überall Spiegel...

"Wow", entfuhr es Cole.

"Ja, meine Mutter hat damit irgendwie einen Tick", sagte Richard, "Sie meint, Spiegel lassen den Raum größer wirken."

Richard ließ Cole stehen, griff nach der Fernbedienung, um einen Fernseher einzuschalten, der größer war als die zwei zusammen, die es bei Cole zu Hause gab.

"Du kannst dich ruhig setzen, Cole. Es sieht zwar nicht danach aus, aber hier leben tatsächlich Leute, die auch einiges schmutzig machen. Nur hat meine Mutter noch ordentlich geputzt, bevor sie heute morgen gefahren sind."

Cole lachte und nahm Platz. "Es ist schon ein wenig ungewohnt... entschuldige bitte..."

"Ach was!" Richard lächelte sanft, beugte sich zu Cole und pustete dem überraschten Jungen die Haare aus der Stirn.

Unfähig zu irgendeiner Reaktion, starrte Cole wie betäubt in die zwei dunklen Seen seines Gegenübers, spürte schon altbekannte Wärme auf seinen Wangen, die sich bis zu seinen Ohren hin ausbreitete.

Richard hatte anscheinend keine Ahnung, was er mit seinen Augen bei Cole anstellte. Er wurde zu Butter in der Sonne, rutschte immer tiefer in die weichen Couchkissen, krallte die Finger schmerzhaft in das Fleisch seiner Oberschenkel.

Richard brach den Bann, indem er frech gegen Coles Stirn schnippte.

"Autsch! Heee...!"

"Warte, ich bin gleich zurück."



**



Erst als Cole ein heißes, duftendes Stück Pizza in den Händen hielt merkte er wirklich, was für einen Hunger er gehabt hatte.

Sie amüsierten sich köstlich über diverse Late-Night-Shows, verputzten dabei fast gänzlich die riesige Familienpizza und redeten über Gott und die Welt.

Im Laufe der Zeit wurde Cole immer entspannter in Richards Nähe, er erzählte offener, gab tatsächlich etwas von sich Preis, was er eigentlich selten tat. Richard entpuppte sich als geduldiger Zuhörer, nickte ab und an, um dann seine eigene Meinung zum Ganzen beizutragen.

Alles in allem war die Stimmung ziemlich aufgekratzt und sie hätten noch Stunden so weiter machen können, doch dann bemerkte Cole eine Werbung für eine Flirthotline im Fernsehen (die er stets als "Sozialhilfepornos" bezeichnete), welche ihn animierte, doch mal auf die Uhr zu schauen und erschrak. Es war bereits halb drei Uhr Nachts.

"Na ja, ich geh dann mal lieber..."

Richard blickte überrascht auf, aber dann nahm er die Uhrzeit wahr und nickte. Es sah so aus, als wollte er noch etwas dazu sagen, aber letztlich tat er es nicht.

"In Ordnung."

Im Flur war Richard im Begriff sich die Schuhe anzuziehen, aber Cole schüttelte lachend den Kopf.

"Du brauchst nicht mitkommen, wirklich, das schaff ich schon allein."

Richards Augenbrauen hoben sich skeptisch. "Cole, du willst doch nicht allein um diese Zeit..."

"Ich bin schon ein großer Junge, Richie."

Überzeugt schien er immer noch nicht, doch er stellte seine Schuhe wieder zurück. "Mir gefällt der Gedanke zwar nicht, aber bitte..."

Cole grinste und ließ sich zu einer Bemerkung hinreißen, die er sofort bereute. "Du bist süß."

Erschrocken weitete Cole die Augen. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich wie im Film die Hand vor den Mund geschlagen. Bevor Richard darauf antworten konnte, verabschiedete sich der blonde Junge hastig und verschwand.

Richard stand noch einige Minuten in der Tür und blickte ihm unschlüssig nach.



**



Cole schimpfte sich einen riesigen Idioten. Für ihn wäre es keine Überraschung, wenn er der größte Depp wäre, der auf Erden wandelte.

Nicht nur, dass er unqualifizierte Äußerungen im unpassendsten Moment von sich gab, nein, er hatte doch tatsächlich seinen dämlichen Rucksack, in dem er seine dämlichen Haustürschlüssel hatte, im Kino vergessen, so wie's aussah.

Und wann merkte er das? Als er vor verschlossenen Türen stand. Was nun? Seine Mutter tauchte erst gegen halb sieben auf und mit seinem Bruder durfte er erst mal gar nicht rechnen.

Ein Highlight jagte wahrlich das nächste. Er wusste genau, dass er keine Wahl hatte. Er musste zurück zu Richard, wenn er nicht unter der Brücke übernachten wollte. Was für eine ausgesprochen peinliche Situation! Und eine unnötige noch dazu.

Er würde auch seinen Kopf verlieren, wäre der nicht angewachsen.

Wahrscheinlich schlief Richard schon. Wie unangenehm. Cole trat wütend gegen die Hauswand, was nun auch keine gute Idee gewesen war, sein Zeh schrie Zeter und Mordio. Schweren Herzens marschierte er die Strecke zurück, die er gekommen war, brauchte fast eine halbe Stunde für einen fünfzehn Minuten Weg.

Weitere zehn Minuten lungerte er vor Richards Haustür herum, ehe er sich überwand, die Klingel zu drücken. Es dauerte relativ lange, bevor es im Flur hell wurde.

"Ich hab ihn geweckt..." jammerte Cole und wich reflexartig von der Tür zurück, als diese geöffnet wurde.

Richard streckte den Kopf durch den Türspalt, seine schwarzen Haare standen wirr vom Kopf ab und so wie Cole das erkennen konnte, hatte er bloß Boxershorts an.

"Cole?"

"Ähm!" Cole errötete, merkte, dass er versuchte, einen besseren Blick auf Richards nackten Oberkörper zu erhaschen, was im Moment nun wirklich unangebracht war.

"Entschuldige, ich habe meinen Rucksack im Kino vergessen und da sind meine Schlüssel drin, meine Mutter ist nicht zu Hause, mein Bruder ist weg, ich wusste nicht, wohin, verdammt, du hast schon geschlafen, oder? Es tut mir leid, ich bin auch zu dumm zum..."

Richard grinste müde, kratzte sich am Nacken. "Nun komm schon rein, natürlich kannst du bei mir übernachten."

Damit drehte er sich um und überließ Cole die Entscheidung, ob er weiter draußen stehen bleiben wollte oder ihm folgte. Er entschied sich für Letzteres.



**



Die Suche nach einem Schlafplatz gestaltete sich ein wenig umständlich, denn eine zweite Matratze hatte Richard nach eigenen Angaben nicht. Cole war bereit auf die Couch zu ziehen, aber sein Gastgeber lehnte barsch ab.

"Ach was, das Bett ist breit genug für uns beide."

/Ha!/

Mit Müh und Not konnte Cole einen Ausruf unterdrücken, dafür verfärbte sich sein Gesicht auf dramatische Weise. Er hustete zweimal in die Faust und murmelte wieder: "Warum nicht?!"

Das hatte er nun von seiner Schusseligkeit, Seite an Seite, auf engstem Raum, zusammen mit Richard in einem Bett, aber warum nicht? Sicher, denn was war schon dabei? Was war eigentlich dabei?

Es würde doch noch machbar sein, ein wenig Selbstdisziplin auszugraben, den Körper und die Gedanken unter Kontrolle zu bringen!

Cole sagte sich, dass er es als Probe verstehen musste, es war so eine Art moralischer Test für sich selbst, er würde zu Richard ins Bett steigen, er würde gut ausschlafen, morgen früh abhauen, nach Hause gehen, sich einen runterholen und das war's...

Es sah ganz so aus, als würde der großgewachsene Kerl sich nicht so viele Gedanken darum machen wie Cole. Zumindest ließ Richard sich nichts anmerken. Tatsächlich lag er bereits im Bett und Cole stand nun vor der herrlichen Aufgabe, so dezent wie möglich dazuzusteigen.

/Von wegen, breit genug!/

Es stellte sich heraus, dass sich Körperkontakt absolut nicht vermeiden ließ. Gut, wenn Richard vielleicht ein bisschen näher an die Wand rücken würde, doch er tat nichts dergleichen und Cole würde sich hüten, ihn darum zu bitten.

Schließlich war er hier der Eindringling.

Als Cole sich eine wacklige Position am äußersten Rand des Bettes gesucht hatte, beugte sich Richard über ihn und löschte das Licht auf dem Nachtschränkchen.

"Gute Nacht."

"Nacht!" quiekte Cole und versuchte krampfhaft die Rundung Richards Schenkel zu ignorieren, welche er an seiner Hüfte spürte und somit wusste, dass sie quasi in der Löffelchenstellung lagen.

Ein Gedankengang folgte dem nächsten. Cole hasste sich, er war schlecht, böse, sehr böse. Er würde keinen guten Soldaten abgeben, bei dem Mangel an Selbstdisziplin. Was für ein Zustand, was für ein merkwürdiger Zustand!

Cole hätte mit allem gerechnet, wohl aber am wenigsten damit, dass dieser Tag so enden würde. Nun wollte er nur noch eines: Diese Nacht so schnell wie möglich hinter sich bringen, indem er sich in einen besinnungslosen Schlaf flüchtete.

Das Einschlafen setzte nur leider Entspannung voraus und sein Zustand war nun alles andere als das. So dauerte es eine Ewigkeit, bis Cole langsam seinen Kopf frei machen konnte, damit bereit war, sich in Morpheus Arme zu begeben.

Doch dann ein Flüstern, so nah, dass der Atem des anderen Coles Haare vibrieren ließ. Im Nu war er wieder hellwach.

"Cole?"

Coles Augen wurden so riesengroß, dass er fürchtete, sie würden ihm beim nächsten Ruck aus dem Kopf fallen. Die Pumpen seines Herzens leisteten Akkordarbeit, Blut rauschte in seinen Ohren. Er antwortete nicht.

"Bist du noch wach?"

Er blieb stumm, doch es fiel ihm schwer, seinen Atem zu kontrollieren, ihn so zu halten, dass er ruhig und regelmäßig klang, obwohl ihm eher nach einem Japsen zu Mute war. Kein klarer Gedanke ließ sich fassen, er fiel, unkontrolliert, fiel...

Sodann spürte er eine Hand, die flüchtig seine Schulter berührte. Richard sog fast genießerisch den Geruch von Coles Haaren ein, um die Luft zitternd entweichen zu lassen.

Cole bekam eine prickelnde Gänsehaut, keine Luft.

Vielleicht wollte Richard etwas sagen, vielleicht wollte er noch etwas tun, aber wenn er es gewollt hatte, so hatte er es sich in diesem Moment bereits wieder anders überlegt.

Richard ließ ab von Cole, rutschte aber nach wie vor nicht weit weg von ihm. Immer noch klopfte Coles Herz bis zum Hals, es fiel ihm unheimlich schwer, sich zu beruhigen.

Schlaf war das letzte, woran er jetzt denken konnte.