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Bitter Teil 5 bis 8

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Jessy Tozier, Richards ältere Schwester, die bereits seit drei Jahren ihr eigenes, bescheidenes Leben in einer kleinen, aber feinen Zweizimmerwohnung führte, auf die sie auch sehr stolz war, wischte sich mit dem Handrücken feine Schweißperlen von der Stirn.


Sie hatte beschlossen abzunehmen. Wirklich sichtbar abzunehmen. Es war zwar nicht so, dass sie starkes Übergewicht hatte, aber bedenkliche Fettpölsterchen, die schnellstens beseitigt werden mussten. Sie hatte sich einfach zu sehr gehen lassen in letzter Zeit.


Ihr selbstauferlegtes Programm zur Fettbekämpfung bestand heute darin, mit den Inline-Skates auf die Piste zu gehen, anstatt wie gewöhnlich den Bus zu nehmen. Die ersten Meter fuhren sich auch noch ausgezeichnet, was sie freute, denn sie hatte sich die Angelegenheit viel schweißtreibender vorgestellt.


Doch dann stand die Mittagssonne am Himmel und die Luft wurde feuchter, drückender. Jessy lebte am Stadtrand, der ungefähr 15 Kilometer vom Zentrum entfernt war. Das war lästig, aber dafür waren die Mieten billiger. Als sie den Stadtpark keuchend erreichte, schwitzte sie wie ein Schwein.


"Dumme Idee, Jess, ganz dumme Idee!"


Sie setzte sich nicht auf die Parkbank, sie fiel ihr regelrecht entgegen. So oft war sie noch nicht mit den Inlinern unterwegs gewesen. Sie beschloss, dass sie die Technik des Bremsens unbedingt noch verfeinern musste.


Ihre kleine Wasserflasche leerte sie in einem Zug. Das ging gar so schnell, dass sie es nicht mal sofort bemerkte, die Augenbrauen hochzog (eine ganz typische Geste bei den Toziers) und das leere Gefäß skeptisch betrachtete.


/Das war's schon?!/


Jessy stöhnte ungeniert, breitete die Arme über der Rückenlehne aus, streckte die Beine von sich und warf den Kopf in den Nacken. Schwarze Locken, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten, klebten auf ihrer Stirn. Sie blickte umständlich an sich herunter und kam sich plötzlich sehr fett und unattraktiv vor.


"Wozu mach ich das eigentlich?!" nörgelte sie leidlich.


Jessy blieb noch einige Minuten sitzen. Sie spürte ihre Füße, die heiß waren und pochten. Nicht, dass sie jetzt auch noch zur Krönung des Ganzen Blasen bekam! Und wie auf Kommando meldete sich nun ihr vernachlässigter Magen zu Wort. Das Frühstück hatte sie gepflegt ausfallen lassen, jetzt beschwerte sich natürlich jemand.


Sie kramte in ihrem kleinen Rucksack nach etwas Essbarem, denn sie meinte, sich erinnern zu können, dort ein paar Kleinigkeiten versteckt zu haben. Aber die Beute entpuppte sich als mickrig, ja schon fast lächerlich.


Puffreis.


Kritisch betrachtete Jessy das trockene Gebilde, hatte sie das tatsächlich selbst gekauft? Nein, wichtiger, hatte sie tatsächlich vorgehabt, das zu essen?! Hatte sie ernsthaft daran gedacht, dass sie davon satt werden würde?!


Unmotiviert kaute sie auf der Scheibe herum, registrierte desinteressiert, dass die Hälfte in Krümeln abbröckelte und sich auf ihrem Ausschnitt sammelte.


"Hallo?!" nuschelte sie mampfend. "Hallo Geschmack?!"


Nichts, als würde sie Pappe essen. Nein, die würde wohl noch eher munden. Wahrscheinlich könnte sie in Wasser getunkte Wattebällchen verspeisen und die wären noch sättigender als diese Puffreisscheibe. Sie hatte gehört, dass das durchaus üblich war in Topmodelkreisen.


Jessy seufzte. Ihre Gedanken drohten sich einem unangenehmen Thema zuzuwenden und sie schüttelte wirsch den Kopf. Sie hatte keine Lust sich jetzt mit ihren verletzten Gefühlen zu beschäftigen.


Stattdessen fiel ihr ein, worum ihre Mutter sie gebeten hatte. Und da sie gerade in der Gegend war, passte es ihr gut. Sie blickte auf ihre Armbanduhr, die ihr sagte, dass es viertel nach zwölf war. So wie sie ihren kleinen Bruder kannte, lag der noch wie ein Stein im Bett.


Das war etwas, was Jessy nicht nachvollziehen konnte, sie war der geborene Frühaufsteher, man hatte mehr vom Tag. Aller spätestens um 9:00 Uhr stand sie hellwach auf der Matte. Aber auch gut, so konnte sie Richard ein bisschen ärgern.


Genau danach stand ihr gerade der Sinn.


Mit weit aus besserer Laune, gut erkennbar an ihrem breiten Grinsen, machte sie sich auf den Weg zu ihrem Elternhaus. Man konnte sie leise lachen hören, als sie die Zweitschlüssel klimpern ließ.



**



Ungefähr eine halbe Stunde bevor sich Jessy dazu entschloss, ihrem Bruder einen Überraschungsbesuch abzustatten, saß Mike vor Richards Fenster und rauchte eine Zigarette.


Wie immer waren die Jalousien heruntergelassen. Er legte den Kopf in den Nacken, als er den Rauch ausatmete, um besser sehen zu können, wie dieser sich in nichts auflöste.


Das hieß, Richard schlief immer noch. Nicht, dass er etwas anderes erwartet hatte. Normalerweise brauchte er um diese Uhrzeit bei Richard gar nicht aufzutauchen, aber das wäre nicht das erste Mal, dass sich Mike ein Kissen an den Kopf einfing, weil er seinen Freund bei seinem ach so wichtigen Schönheitsschlaf gestört hatte.


Nein, wirklich nicht.


Mike grübelte. Seit der zweiten Klasse kannten sie sich jetzt schon und seit je her ließ Richard grundsätzlich das Fenster offen, damit Mike einsteigen konnte, wie es ihm gefiel.


Richard hatte bereits zu Grundschulzeiten so viel Unsinn angestellt, dass er grundsätzlich dreimal im Monat Hausarrest bekommen hatte und das dann für eine Woche.


Und Richards Mutter hatte das stets mehr als konsequent durchgezogen, da half weder Jammern noch Betteln. So mussten sie sich eine Lösung suchen. Da Richards Zimmer bloß im ersten Stockwerk lag und die Regentonne als Hilfe diente, war es für Mike ein leichtes in seine Räume zu gelangen.


Mike musste lächeln, als er daran dachte. Heimlich hatten sie Computerspiele gespielt und rumgealbert. Sie hatten sich sehr schlau und überlegen gefühlt. Aber bald wurden sie unvorsichtig, lachten zu laut und Richard hatte die Tür vergessen abzuschließen.


Mike kam das alles gar nicht so weit entfernt vor, tatsächlich waren bereits so viele Jahre vergangen, aber trotzdem hatte diese Erinnerung nichts an Farbe verloren. Richards Mutter kam wie eine Furie ins Zimmer gestürmt, schnappte sich Mikes linkes Ohr und zog ihn so in den Flur, auch die Treppen runter, bis sie an der Haustür waren.


Mike hatte in seinem Leben noch nie soviel heulen müssen vor Schmerz und Überraschung. Die Soße kam ihm aus der Nase, er schrie und ruderte mit den Armen, kämpfte um Gleichgewicht, aber Misses Tozier kannte kein Erbarmen.
Erst jetzt begriff Mike, wie schnell die Zeit verstrich, wenn es einem gut ging. Er lachte, weil ihm einfiel, dass er manchmal noch heute an sein pochendes Ohr zurückdachte, wenn er Richards Mutter gegenüberstand, aber es stimmte. Bisher ging es ihm gut und er fühlte sich wohl bei den Toziers.


Selten kam es vor, dass er und Richard sich einmal am Tag nicht sahen, oder miteinander sprachen. Sie teilten die selben Interessen, sie lachten über die gleichen Dinge, verstanden sich wie ein altes Ehepaar und hatten für Mikes jugendliche Begriffe bereits viel miteinander durchgemacht.


"Also..." murmelte er, ließ die Zigarette fallen und erstickte sie mit den Schuhen im Staub. "...warum?"


Warum tauchte Richard nicht mehr auf, wenn sie sich treffen wollten, wie gestern zum Beispiel? Warum redete er immer weniger mit ihm, wenn ihm doch was auf der Seele lag? Basketball war Richards Lebensinhalt gewesen, warum berührte er den Ball nicht einmal mehr mit den Fingerspitzen?


Und warum hasste Mike nur Richards kleinen, neuen Freund so sehr, dass es ihm schwer fiel, dem blonden Engel mit der dunklen Stimme nicht umgehend einen spitzen Gegenstand in die Augen zu bohren?!


Mike zündete sich eine weitere Zigarette an und beschloss für die Dauer von fünf Minuten noch abzuwarten, bevor er Richard diese Dinge persönlich fragen würde.



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Der bittersüße Dämon


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Cole erwachte in Richards Armen.


Er stöhnte leise, während er versuchte, die Bedeutung der verschwommenen Bilder, welche seine Augen an das Gehirn sendeten, zu entschlüsseln. Wie immer, wenn er woanders übernachtete, als in seinem eigenen Bett, fragte er sich kurzweilig, wo er war.


Aber das fiel ihm ganz schnell wieder ein, denn Richard regte sich ein wenig im Schlaf, murmelte und bewegte seinen Arm, der sich auf Coles Rücken befand.

Unter dem T-Shirt.


Quasi Haut an Haut.


/Unter dem T-Shirt, der Arm, UNTER dem T-Shirt!!/


Coles Lider klappten weit auf, sein Mund war ein Strich in der Landschaft, die Farbe wich ihm aus dem Gesicht. Er bot einen ziemlich komischen Anblick, aber nach einem Lachen war ihm momentan wirklich nicht zu Mute.


Das wilde Trommeln seines Herzschlags verjagte jeden konstruktiven Gedanken aus seinem Hirn, schuf Platz für ein vor Freude hechelndes Hündchen, das gedachte, die Situation auszunutzen, aber ganz gehörig auszunutzen!


Cole schnappte nach Luft. Unmöglich konnte er sich aus Richards klammernden Griff befreien, ohne dass dieser dabei aufwachen würde. Aber nicht nur das, ihre Umarmung war gar so eng, dass Cole irgendwann des Nachts, wahrscheinlich in einem unterbewussten Anflug jugendlichen Leichtsinns, ein Bein zwischen Richards Schenkel geschoben hatte.


Er vermisste seinen linken Arm und fand ihn nach kurzer Suche auf Richards Hüfte wieder. Cole schluckte hörbar, seine Wangen pulsierten, er blickte hoch und erkannte mit einer kleinen, verzögerten Wahrnehmung, dass sie Stirn an Stirn lagen.


Etwas dagegen zu unternehmen war lachhaft, Coles Körper erwachte langsam, das Tier in ihm heulte himmelhochjauchzend. Verzweifelt suchte er die Kette, von der sich das Monster in einem unbeobachteten Moment losgerissen hatte.
Doch er fand nichts, an dem er sich festhalten konnte. Da war Richard. Noch immer bebte seine Brust. Sein Blick verfing sich an der Narbe, die sich in Richards Oberlippe grub, nicht hässlich war, sondern interessant.


Irgendwie... wild.


Coles Augen wurden trübe, sein Atem zitterte. Er wollte wissen, wie es sich anfühlen würde, wenn er die Stelle mit dem Mund berührte. Nicht irgendwann, sondern jetzt!


"Das kitzelt", sagte Richard.


Das war wie ein Eimer voll kaltem Wasser, der über Coles Kopf gegossen wurde. Er erstarrte. Es brauchte einige Zeit, bis der Inhalt der Aussage in Coles Gehirn verarbeitet wurde.


Die Worte hallten in seinem Kopf lange nach, überschlugen sich und da wusste er, dass es tatsächlich zu spät für Ausflüchte war.


Alles stürzte ein. Das war nicht bloß körperliche Anziehung, es war wesentlich schlimmer, das war...



**



Cole war eine Herausforderung für Richard.


Mal schien er hart und kälter als Eis, dann wieder verführerisch wie eine Raubkatze, die aber auch eine schüchterne Seite hatte. Der Junge steckte voller Widersprüche.


Und Richard stellte fest, dass er Spaß daran hatte, seine Grenzen zu testen, er hatte Spaß daran, ihn zu ärgern, zu provozieren, ihn zum Lachen zu bringen... alles auf einmal.


Anfangs mochte er es sich nicht eingestehen, doch nun sah er ein, dass Cole eine wahnsinnig starke Anziehungskraft auf ihn ausübte, der er unmöglich widerstehen konnte.


Allein diese Erkenntnis beunruhigte Richard mehr als es der explizite Traum getan hatte. Nie hatte er sich so ausgesprochen für einen Menschen interessiert. Er benahm sich albern, wenn Cole in seiner Nähe war, lächelte zu viel, zu breit, zu lange.


Richard hatte sich völlig verändert, das empfand er zumindest selbst so.
Und dennoch genoss er leger den warmen Körper neben sich, diesen engen Kontakt. Er war froh, dass Cole seinen Rucksack verschlampt hatte und jetzt bei ihm war. Das war eigenartig, aber es stimmte. Irgendwann hatte das angefangen, nur wann?


Vielleicht, als er das erste Mal dieses dunkle Lachen an einem sonnigen Nachmittag gehört hatte?


Wenn er sich daran zurückerinnerte, lief ihm selbst jetzt noch ein Schauer über den Rücken.


Richard weigerte sich, weiter darüber nachzudenken.


Er hatte die ganze letzte Nacht nicht richtig geschlafen, erst gegen Morgengrauen gelangen ihm ein, zwei Stunden unruhiger Schlummer. Und als er gerade kurz davor war, wirklich zu entschwinden, piekste ihn was an der Nase.


Ein Niesen konnte er unterdrücken, dafür dankte er auch Gott im Himmel, denn das wäre ziemlich unangenehm für Cole geworden, dessen Gesicht so nah vor seinem schwebte, dass er ihn unmöglich scharf sehen konnte, ohne schielen zu müssen.


Richard grinste breit, entweder war der Junge noch völlig schlaftrunken, oder er wusste nicht, was er tat. Jedenfalls waren es Coles etwas zu lange, blonde Haare gewesen, die ihn kitzelten, was er dann auch gleich kund tat und ihn darauffolgend begrüßte.


"Morgen Sonnenschein!"


Coles Blick war zum Schießen, unbeschreiblich betreten, als wäre er vor ein paar Sekunden noch ganz woanders gewesen. Er murmelte etwas, wollte zurückweichen, aber Richard ließ das nicht zu, zog ihn nur enger an seine Brust und streichelte unbewusst warme Haut, Coles Wirbelsäule.


"Gut geschlafen?"


Die arktischen Augen starrten hilflos verstört, Blicke irrten unruhig hin und her. Aber wirklich dagegen wehren tat er sich nicht. Richard dachte, dass er das Spiel vielleicht ein bisschen übertrieb, aber das war ihm gerade egal, denn... da regte sich was.


Cole zog die Stirn kraus und blickte an sich runter. "Sag mal, hast du eventuell deine Fernbedienung im Bett liegen lassen, oder so? Ich meine... ich spüre da irgendwas an meinem Bein..."


Ehe Richard ihn daran hindern konnte, tastete Cole blind unter der Decke nach dem Störfaktor. Es sah so aus, als hätte er etwas entdeckt. Richard zuckte unkontrolliert und zischte leise.


Cole riss die Augen auf, als er schockiert erkannte, worum es sich handelte. Er zog die Hand sofort zurück, als hätte er sich verbrannt.


"Iiieks!!"


Das war pures Entsetzen, genau wie es im Buche stand.


Mit einem riesigen Satz war Cole aus dem Bett. Sein Gesicht war knallrot, sein Mund arbeitete, aber er brachte vor Empörung lange Zeit keinen klaren Ton mehr raus, konnte nur mit dem Finger zeigen.


Er sah entzückend aus.


Richard krümmte sich vor lachen, er konnte gar nicht mehr aufhören. Es war sogar so schlimm, dass er fürchtete, er würde sich in die Hosen machen. Da war nicht das kleinste Anzeichen von Schuldbewusstsein.


"Du, du...!!" Cole hatte die Sprache wiedergefunden.


"Du... perverse Sau!!"


Richard heulte schon, in seinem Gesicht zuckten Krämpfe, aber irgendwie schaffte er es seinen Lachanfall glucksend unter Kontrolle zu bringen, damit er sich mehr oder weniger verteidigen konnte.


"Cole...!! Dein Gesicht!! Dein... dein... Ge...!!"


Cole starrte ihn wütend an. Seine Haare waren ganz durcheinander geraten. Er trug einzig ein verknittertes T-Shirt über den gestreiften Boxershorts. Er hatte noch ganz kleine Augen.


Dieser Out-Of-Bed-Look stand Cole. Richard stellte erschrocken fest, dass er den Jungen tatsächlich attraktiv fand, wie er so dastand, ganz außer sich...


"Was sollte das?"


"Was...?" Richard räusperte sich. "Was sollte was?"


"Na das!"


Richard blickte auf seinen Schoß. "Das, mein lieber Cole, das ist eine Morgenlatte!"


Prompt hatte Richard Coles Jeans im Gesicht(er hatte einfach willkürlich nach dem gegriffen, was ihm als erstes zwischen die Finger kam). "Das weiß ich sehr wohl!"


"Warum fragst du dann?" kam es gedämpft durch den Stoff.


"Das hättest du mir sagen müssen, bevor ich da...!!"


"Aber warum denn?" fragte Richard unschuldig, während er sich von der Hose befreite. "Ich fand's ganz nett..."


Schon landete das nächste unbekannte Flugobjekt in seinem Gesicht, dabei handelte es sich um einen Gummiball, der aber so unglücklich traf, dass sich Richards rechtes Auge tränend beschwerte.


Cole schlug erschrocken die Hand vor den Mund und stürmte auf Richard zu.

"Oh Gott, Richie! Es tut mir leid, das wollte ich nicht! Ist dir was passiert?"


Richard hatte sich die Arme um den Kopf gewickelt und stöhnte theatralisch: "Es geht schon, geht schon, solange ich meine Augäpfel nicht bewege..."


Er lachte und Cole rümpfte die Nase. Ärgerlich wollte er sich wieder entfernen, aber der böse Wolf packte ihn von hinten und schmiss ihn aufs Bett zurück. Cole quiekte, er landete auf dem Rücken und versuchte nun zappelnd wie ein Käfer wieder auf die Beine zu kommen, woran ihn Richards Körpergewicht hinderte.


"Was soll das, Richie?! Lass mich los!"


"Denk' nicht dran..." raunte Richard hungrig.


Cole verstummte unerwartet, hörte auf, sich zu wehren, aber etwas in seinem Blick änderte sich. Scheu streckte er die Hand nach Richards Wange aus, strich ihm die Haare zurück. Er sah nicht mehr zornig aus, nur noch... unglücklich.
Seine Stimme zitterte etwas, als er sagte: "Mach das nicht. Bitte mach das nicht mit mir..."


Richards Gesicht näherte sich vorsichtig, er lächelte zaghaft. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, er war wie ihm Rausch, handelte nur noch nach Instinkt.

"Aber... ich hab noch nicht gefrühstückt..."


Cole hielt die Spannung nicht mehr aus, schloss ächzend die Augen, doch plötzlich klapperte es laut und das Zimmer wurde von weißem Licht durchflutet. Beide, Richard und Cole, blickten überrascht zum Fenster. Eine Gestalt schob sich durch den Rahmen und setzte sich in aller Ruhe aufs Fensterbrett.


Die unerwartete Helligkeit blendete Richards Augen, aber er musste nichts sehen, um zu wissen, wer der Eindringling war. Er seufzte, fuhr sich durch das schwarze Haar.


"Du hast aber einen merkwürdigen Geschmack."


"Hi Mikey."



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Einblicke


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Mike beobachtete finster, wie sich Cole von Richards Bett rollte und dann anfing, seine Klamotten aufzusammeln. Die gesamte Zeit über herrschte eisiges Schweigen, bis der blonde Junge vorsichtig fragte, ob er die Dusche benutzen dürfte.


"Na klar", sagte Richard, sprang förmlich auf und begleitete Cole aus dem Zimmer, ließ Mike allein zurück.


Mike blickte ins Leere, versuchte unbewusst zu lauschen, aber was im Flur gesprochen wurde, verstand er nicht. Er setzte sich auf Richards Bett, wobei seine Augen das zerwühlte Laken streiften.


Er musste ein wenig lachen. In dem Moment kam Richard zurück, immer noch nackt, bis auf die Boxershorts natürlich, die Haare in Unordnung, das Gesicht irgendwie rosig und Mike fragte sich wieder, was er da eben gesehen, was sich abgespielt hatte, bevor er hier reingeplatzt war.


"Habt ihr zusammen geschlafen?" fragte er unvermittelt.


Richard kam ins stolpern. "Bitte was?!"


"In einem Bett. Habt ihr hier zusammen in einem Bett geschlafen?"


"Ja", antwortete Richard stirnrunzelnd, so als wüsste er nicht, was es daran auszusetzen gebe. Schnell wandte er sein Gesicht ab, begann aus seinem Schrank Kleidungsstücke rauszusuchen.


"Komisch. Für mich hast du immer die Gartenliege hochgeholt."


Das war ein Vorwurf, doch Richard ging nicht darauf ein, ignorierte das einfach, was Mike ziemlich ärgerte. Seine Finger ballten sich zu einer Faust, er biss sich auf die Unterlippe, sagte aber nichts mehr.


"Warum bist du schon so früh hier?" fragte Richard ungewöhnlich freundlich, der inzwischen dabei war, seine Haare mit einem Gummiband zu bändigen.


Mike dachte daran, was er vorhin noch alles hatte sagen wollen, dachte an all seinen Unmut und schluckte es herunter. Manche Fragen beantworteten sich auch von selbst und Mike konnte sich gut vorstellen, warum Richard ihre Verabredung gestern verdrängt hatte.


"Es geht um heute Abend. Eigentlich wollte ich bloß wissen, wie viele Leute noch kommen können. Ach, und ob sie was zu trinken mitbringen sollen."


/Feigling!/ dachte Mike angeekelt. /Du bist so ein... Feigling!!/


"Was mitbringen ist immer gut!" rief Richard grinsend und rieb sich die Hände.

"Ja, sag ihnen, sie sollen sich was mitbringen... äh... und... pff... sagen wir, dass es nicht mehr als zwanzig Leute werden, okay? Sonst platzt mir hier die Bude..."


"Klar..."
Richard bedeutete Mike, dass er ihm nach unten folgen sollte, so lief er ihm mit verschränkten Armen hinterher. Auf der Treppe hörte er die laufende Dusche, sein Kopf flog automatisch in Richtung Badezimmer, verdunkelte sich.


Mike merkte erst, dass er paralysiert mitten auf den Stufen stehen geblieben war, als Richard ihn aus der Küche rief.


"Willst du auch was essen, Mikey? Dann mach ich ein paar Eier mehr."


"Nein, ich geh gleich wieder... muss Stan noch Bescheid geben."


Richard blickte überrascht, glich in jenem Augenblick unglaublich dem kleinen Jungen, mit dem Mike sich vor vielen Jahren angefreundet hatte. Warum machte ihn Richards Anblick nur in letzter Zeit so wehmütig?


"Na dann... sehen wir uns nachher!"


Mike erwiderte das Grinsen seines Freundes und er fand, dass es ihm ziemlich gut gelang, dafür, dass es ihm nicht ein bisschen ernst damit war.



**



Jessys Knie bestanden aus Pudding, wie sie feststellte, als sie sich keuchend um den Türgriff klammerte. Endlich angekommen! Sie dachte, dass sie nie wieder ihre Beine würde benutzen können, kam aber ziemlich gut mit dieser Aussicht klar.


Sie würde eben den Rest ihres Lebens auf der Couch vor dem Fernseher verbringen müssen, aber es gab schlimmeres im Leben. Sie war froh, dass sie "zu Hause" war, denn hier hatte sie noch ein paar Dinge von sich liegen lassen, darunter auch ein altes Paar Turnschuhe.


Ihre Rettung. Die Inliner würde sie einfach in den nächstbesten Graben schmeißen, oder noch besser, auf dem Scheiterhaufen verbrennen! Teufelszeug!


Plötzlich wurde die Haustür geöffnet, Jessy rollte prompt nach hinten weg und plumpste hart auf den Hintern. Sie schrammte sich dabei die Handflächen auf.

Fluchend und zischend jammerte sie lautstark durch die halbe Wohnsiedlung.
Mike stand vor ihr, die Hände lässig in den Hosentaschen, und blickte sie undeutbar an, bevor er ihr Hilfe anbot. Wackelnd kam Jessy wieder auf die Beine, es war definitiv nicht ihr Tag.


"Scheiße! Scheiße, Scheiße, Scheiße! Ack!!"


Mike lachte, woraufhin Jessy ihm gerne die Meinung gegeigt hätte, aber als sie in sein Gesicht sah, verschlug es ihr die Sprache. Er sah aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen.


"Du bist genau wie er."



**



"Sag mal, was ist denn mit Mikey los?"


Richard zuckte die Schultern, während er die Spiegeleier in der Pfanne würzte. Das Fett spritzte etwas, verbrannte seine Finger. Jessy betrachtete das eine Zeit lang, bevor sie kopfschüttelnd ihren Bruder beiseite schubste und selbst an den Herd ging.


"Du hast viel zu viel Öl genommen, du Trottel. Willst du mit dreißig einen Herzinfarkt kriegen?"


Richard lächelte breit und sagte: "Vielleicht? Wer will denn schon so alt werden?"


Jessy quittierte diese Aussage mit einem gefährlichen Blick, bevor sie erwiderte:

"Pass auf, was du sagst, mein Freund. Das geht viel schneller, als du denkst!"


Er lachte laut und Jessy musste grinsen. Ihr Bruder schien außerordentlich gut drauf zu sein, das steckte an. Nachdem sie die Eier fertiggebraten hatte, überließ sie ihm wieder das Feld, denn sie wollte schnell nach oben ins Badezimmer.


Sie hatte das Gefühl, sie stank wie ein Iltis und musste diesen Umstand so schnell wie möglich beseitigen. Ihre Füße trugen sie aber nur noch unwillig, außerdem hatte sich ihre Befürchtung bestätigt, sie bekam Blasen an den Hacken.


Murmelnd, gebeugt wie eine alte Butterhexe, humpelte sie die Treppen rauf, rieb sich das Kreuz. Es war wirklich eine dumme Idee gewesen, plötzlich einen auf sportlich zu machen. Sie freute sich bereits auf den Muskelkater, der sicherlich folgen würde.


Dabei dachte sie, dass sie eine erbärmliche Figur abgab, sich so anzustellen, bei dem bisschen Bewegung, also ehrlich. War das etwa schon das Ende vom Abnehmprogramm, wo es doch gerade erst begonnen hatte?


Sie seufzte, öffnete die Badtür und erblickte etwas, mit dem sie erst mal so gar nichts anzufangen wusste.


Da stieg ein splitterfasernackter Typ aus der Dusche. Jessy war nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber das war schräg. Sie starrten sich beide an, unfähig den Blick vom jeweils anderen abzuwenden.


Langsam ließ Jessy die Tür wieder ins Schloss fallen, um dann zwei Schritte in den Flur zurückzutreten. Ihre Wangen glühten ein wenig. Sie versuchte das irgendwie einzuordnen. Und dann dachte sie an Richard.


Richard und seine gute Laune.


"Oh. Mein. Gott."


Ungeachtet ihrer schmerzenden Glieder polterte sie die Stufen hinunter und stürmte die Küche.


"Richard, antreten!!"



**



Cole wusste nicht, wie lange er bereits unter der Dusche stand, er wusste nur, dass es Ewigkeiten dauerte, bis sich sein klopfendes Herz endlich beruhigte.
Er ließ den Kopf zwischen den Schultern hängen, stemmte sich mit den Händen an der Kachelwand ab, ließ das kalte Wasser seinen Rücken runter prasseln und versuchte nachzudenken.


Ein selbstvergessenes Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, er kicherte verträumt, belehrte sich dann aber schnell eines besseren. Da tobte ein äußerst misstrauisches, kleines Männchen in seinem Kopf herum, das zeterte, er solle sich zusammenreißen, denn es war überhaupt noch gar nichts passiert.


Aber was war das dann gerade für eine merkwürdige Stimmung gewesen? Was hatte Richard da eben vor gehabt? Sollte das ein Witz gewesen sein, dann waren das Scherze, deren Pointe Cole nicht verstand, absolut nicht lustig fand.


Für Richard war die Geschichte sicher nur ein Spaß gewesen, wenn auch ein selten dämlicher, aber für Cole war die Sache todernst. Mehr als das. Wenn Mike nicht plötzlich aufgetaucht wäre, wer wüsste schon, was weiter passiert wäre?


Mike.


Cole schauderte. Er fühlte sich nicht wohl, wenn Richards Freund in der Nähe war. Der Kerl strahlte geradezu Hass in seiner Gegenwart aus, sein Blick wurde stets eisig und undeutbar. Ob das wohl an Cole selbst lag?


Natürlich, es musste ja so sein. Wenn Cole es nicht besser wüsste, er würde tippen, dass Mike eifersüchtig war, im ganz klassischen Sinne, aber das war selbstverständlich völlig absurd.


Oder doch nicht? Warum sollte das so abwegig sein? Und wie sollte es nun weitergehen, nach dieser eigenartigen Szene in Richards Bett? Sollte er so tun, als sei nichts passiert?


"Ja..." seufzte er betrübt. "Das wäre das Beste..."


Cole stellte das Wasser ab und schob den Duschvorhang zur Seite, das war genau der Moment, als sich die Badezimmertür schwungvoll auftat und er einer weiblichen Version von Richard gegenüberstand. Er erstarrte mitten in der Bewegung.


Faszinierend, diese Ähnlichkeit, obwohl sie nicht die selbe Größe hatten (sie war etwas kleiner). Selbst die Haare trugen sie fast identisch, Pferdeschwanz, der eigentliche Unterschied bestand nur im Körperbau.


Selbstverständlich fehlte die Narbe. Ihre Züge waren weicher.


Die junge Frau stand mit offenem Mund in der Tür, musterte ihn ziemlich lange und gerade als Cole irgendetwas sagen wollte (er war sich nicht einmal sicher, was das gewesen wäre), verschwand sie wieder. Erst jetzt wurde ihm die Peinlichkeit der Situation bewusst.


Hastig suchte er seine Klamotten zusammen und zog sich wieder an, was sich als schwierig herausstellte, da er nicht viel Zeit mit dem Abtrocknen verschwendete und der Stoff an seiner feuchten Haut klebte.


Cole hatte das unsinnige Bedürfnis, sich zu erklären. Er hörte bereits laute Stimmen, die von unten kamen. Er wollte nicht, dass Richard wegen ihm Ärger kriegte, aber genau das schien der Fall zu sein.


Cole lief die Treppe hinunter, doch als er die Hälfte der Stufen hinter sich hatte, blieb er stehen. Vielleicht war es doch besser, wenn er vorher die Lage peilte.


"Ich weiß nicht, was du für ein Problem hast, Jessy!"


"Was ich für ein Problem habe?! Das kann ich dir ganz genau sagen! Da steht ein nackter Kerl bei uns im Badezimmer, den ich nicht kenne! Mama hat mich gebeten, darauf zu achten, dass du keine Scheiße baust, solange sie weg sind, das war gestern und heute komm ich hier an, ja, völlig unbedarft, dein bester Freund sieht aus, als wollte er gleich Selbstmord begehen, dir scheint dafür die Sonne aus dem Arsch und - ich sage es immer wieder gerne - da oben steht ein nackter Kerl bei uns im Badezimmer!!! Was ist hier los?!"


"Gar nichts ist los!"


Richard klang wütend. Cole schluckte, er bückte sich ein wenig, so konnte er durch das Treppengeländer einen Blick in die Küche erhaschen, sah aber nur die Rückenansicht der aufbrausenden Lady.


"Ich möchte es bloß verstehen, Rich. Sag mir, dass es nur ein neuer Freund von dir ist, der zu dämlich war, die Vorteile eines Türschlosses zu begreifen und ich bin glücklich."


"Was wäre denn die andere Version?"


"Die wäre, dass du schwul geworden bist und es sich dort oben um deinen Liebhaber handelt. Würde Mikes verstörtes Gesicht und deine ungesunde gute Laune erklären. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie ich das unseren Eltern beibringen soll."


Cole erlitt einen schweren Adrenalinschock, als die Worte "schwul" und "Liebhaber" fielen. Er brach in die Knie, klammerte sich krampfhaft um das Geländer. Er hatte Angst. Richards Schwester war auf Zack.


Cole hörte Richard auflachen.


"Entschuldige bitte, selbst wenn es so wäre, ginge es weder dich, noch unsere Eltern etwas an. Ich habe keine Ahnung, was in Mike gefahren ist, aber er benimmt sich schon seit einiger Zeit merkwürdig, frag mich nicht warum, vielleicht hat er seine Tage!! Und tatsächlich ist das ein Freund von mir da oben, dem die ganze Sache sicher sehr unangenehm ist und Dank dir alten Harpyie wohl nie wieder einen Fuß in unsere Räumlichkeiten wagen wird!!"


Stille. Cole bewegte sich nicht. Wenn er jetzt zurückgehen würde, fiel der Treppe bestimmt ein, dass sie quietschende Geräusche verursachen kann, was den Lauscher entlarven würde. Folglich blieb er einfach hocken und hoffte, dass jetzt keiner der Beiden vor hatte, nach oben zu gehen.


Schließlich stöhnte Richards Schwester auf und sagte: "Okay, meinethalben, mach doch, was du willst..."


Damit drehte sie sich unglücklicherweise um und entdeckte nun Cole auf der Treppe, der direkt aufschreckte und an die Wand fuhr.


"Ich...! Äh...! Ich... gehe schon!!"


Sie zog eine Augenbraue hoch. Cole hörte Richard seinen Namen rufen, aber er spürte auch den durchdringenden Blick seiner Schwester, lief die letzten Stufen runter und schlüpfte in seine Turnschuhe, die zu Füßen der Treppe gelegen hatten.


Nur weg hier, das war alles, woran er noch denken konnte, am liebsten wäre er im Erdboden versunken. Doch keine drei Schritte trennten ihn vom Haus, da wurde er schmerzhaft am Handgelenk gepackt und festgehalten.


"Du willst gehen?" fragte Richard enttäuscht.


Enttäuscht?


Das äußerst misstrauische, kleine Männchen in Coles Kopf lachte schallend, ob dieser mutigen Interpretation.


"Offensichtlich", kam die viel zu giftige Antwort. Warum war er denn plötzlich so gereizt?


"Ich dachte, wir essen noch was."


"Lieber nicht."


"Verstehe..."


Richard wirkte so hilflos, Cole tat sein Verhalten schon wieder leid. Er hatte das Bedürfnis, über Richards Haare zu streichen. Überhaupt wüsste er zu gerne, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn er seine Hand durch dieses schwarze Meer graben könnte...


Cole stellte errötend fest, dass er Richard einige Sekunden schweigend betrachtet hatte. Richard grinste breit, beugte sich vor und schnipste wieder mit Daumen und Zeigefinger gegen seine Stirn.


"Autsch, verdammt noch eins...!"


"Ich gebe hier nachher eine Party. Ich hoffe, du kommst!"



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Longing

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/Ich hoffe, du kommst!/

Vielversprechend hallten Richards Worte in Coles Erinnerung, verursachten Hitzeschübe und das berühmte Gefühl von Schmetterlingen im Bauch. Hoffnungslos, befand er schwer seufzend.

Hoffnungslos verknallt.

Cole wälzte sich auf seinem Bett hin und her, bis er schließlich das Kopfkissen über sein Gesicht zog und anfing, darauf herumzukauen. Doch das wirkte kein bisschen beruhigend, wie er fälschlicherweise angenommen hatte, was ihn aber nicht daran hinderte, dieses alberne Verhalten fortzusetzen.

Er wollte auf Richards dämliche Party gehen, natürlich wollte er das, die Sache stand ganz außer Frage. Das Ding war einfach nur: War es denn richtig auf Richards Party zu gehen?

Ja, richtig schon, wenn er nur nicht aus den falschen Gründen hinging. Wenn er sich keine falschen Hoffnungen machte. Aber es war bereits zu spät, er machte sich Hoffnungen, dafür hatte Richards kleiner "Überfall" am Morgen bereits gesorgt.

Unsinnig, das wusste er selbst und deswegen ärgerte er sich auch so maßlos.

Cole fuhr fluchend hoch und pfefferte sein angesabbertes Kissen einmal quer durchs Zimmer. Er hatte Fussel auf der Zunge. Schmollend zog er die Knie an, wickelte die Arme darum und bettete seinen Kopf darauf.

"Argh!"

Dabei lag die Lösung seines Problems ganz klar auf der Hand: Er musste reinen Tisch machen, alles andere hatte keinen Zweck, denn er befürchtete, dass wenn er mit Richard nicht bald über "die Sache" zwischen ihnen redete, eben diese außer Kontrolle geriet.

Klare Verhältnisse mussten her und zwar schnell, sonst würde er noch wahnsinnig werden!

/Genau, Junge, nu ma Butter bei die Fische! Das ist die Gelegenheit!/

Cole schnaufte. Klar, er würde Richard einfach alles sagen, was hatte er denn zu verlieren? Außer seiner Würde, seiner Bescheidenheit und seinem Gesicht...

Er könnte die Geschichte ganz cool angehen, den richtigen Moment abpassen, den Kerl beiseite ziehen und ihm lässig ins Öhrchen hauchen: 'Richie, ich find dich knorke, komm, wir suchen uns ein nettes Plätzchen, nein, lass die Klamotten an, die zieh ich schon für dich aus...'

"Waaah..."

Coles Kopf glühte, er fuhr sich durchs Gesicht. Diese Vorstellung war gar zu verlockend. Seine Mundwinkel wanderten immer tiefer, seine Stimmung fror ein, sein Selbstbewusstsein schrumpfte auf die Größe eines Staubatoms zusammen.

Ja, erschüttert stellte Cole fest, dass er kurz davor war, einfach loszuheulen. Ihm war richtig danach, aber er würde einen Teufel tun.

Er erinnerte sich, wie die Sache damals überhaupt angefangen hatte. Er erinnerte sich an den alten Cole, der die Dinge eindeutig unter Kontrolle gehabt hatte.

Viel zu weit weg. Cole fürchtete sich vor Richards Gesichtsausdruck, wenn er ihm beichtete, was mit ihm los war. Ein regelrechtes Szenario malte er sich bereits aus, er sah alles ganz deutlich...

/"Hey Richie!"

"Hi Cole! Amüsierst du dich?"

"Blendend, super Feier."

"Großartig, freut mich. Und sonst so?"

"Ach, das Übliche, du weißt schon..."

"Ja, ja... was soll man machen?"

"Ja, was soll man machen..."

"Mmh."

"Mmmmh... übrigens, ich bin schwul."

"Ach?!"

"Ja, ja... haste Bock?"/

Grausam! Absolut grausam, unvorstellbar!

Cole nickte, ja, vielleicht... doch das hätte auch sein Gutes. Er wüsste endgültig, woran er bei Richie war, könnte die Sache abhaken, sich Männer in Zukunft generell abschminken, mit irgendeiner Frau ein neues Leben in Südafrika beginnen (oder wenigstens in Belgien), ein Haus bauen, Nachwuchs zeugen und einen Baum pflanzen.

Er könnte sich aber auch die Pulsadern aufschneiden. Diese Möglichkeit gefiel ihm noch am besten, da sie tatsächlich das geringste Maß an Anstrengung erforderte.

Cole lachte über sich, während er ans Fenster trat und auf die leeren Straßen blickte. Die Sonne war jetzt bereits ein blutroter Feuerball, verfärbte den Himmel. Weiter konnte er den ersten Abendstern ausmachen, welcher noch schwach flackerte.

Er seufzte, legte die Stirn gegen das Glas und schloss fast schmerzvoll die Lider.

"Richie..."



**



"Schau mal einer an wer da ist!"

"Das gibt's ja wohl nich!"

"Ey, ich schrei Scheiße, wenn das nich Audrey is!!"

"Geil, was für ein Alptraum!"

"Viel Spaß, Rich!"

Richard wäre vor Schreck beinahe sein Bier aus der Hand gerutscht. Er hatte ja mit allem gerechnet, aber das ausgerechnet seine Exfreundin auftauchen musste, war schon irgendwie pervers.

Gott hatte einen geradezu abartigen Sinn für Humor.

Noch hatte Audrey ihn nicht entdeckt, aber das würde wohl nicht mehr lange zu vermeiden sein, da konnte er sich noch so gut hinter Mamas Topfpflanze verschanzen, denn wie sollte er sich schon auf der eigenen Party vor seinen Gästen verstecken?

Missmutig nahm er einen Schluck von seinem alkoholischen Getränk, dankte der Natur für den Gärungsprozess, der es ihm nun ermöglichte, diese Nacht betrunken zu überstehen und hoffte, dass das blonde Gift von ihm lassen würde.

Er beobachtete Audrey dabei, wie sie sich in seinem Flur mit seinen Freunden und Bekannten unterhielt und fragte sich beiläufig, wer der elende Verräter war, der diese Hexe in sein Haus gelassen hatte.

Denn jetzt konnte er sie schlecht rausschmeißen. Schließlich sprachen wir hier von seiner Verflossenen, allein aus Höflichkeit würde er sich zusammenreißen, sie aber keines Blickes würdigen, denn gesagt hatten sie sich ja alles.

Andererseits... wenn Audrey anfangen sollte Stuss zu reden, wäre es natürlich die perfekte Möglichkeit ihr einen Tritt vor die Tür zu verpassen. Dieser Gedanke zauberte schon wieder ein Lächeln auf sein Gesicht.

Irgendjemand hatte eine Independent CD aufgelegt und belastete die Stereoboxen seiner Eltern bis aufs äußerste. Richards Augenbrauen zogen sich zusammen, er wollte sich gegen diese Lautstärke wehren, doch er schien wie hypnotisiert, konnte sich nicht vom Fleck bewegen.

Er sah Audrey. Ihr blondes Haar flog fast wie im Zeitraffer über ihre nackten Schulterblätter, ihr helles Lachen drang trotz des Gitarrensolos an sein Ohr, der Stoff ihrer engen Jeans spannte sich gefährlich über ihre Schenkel, während sie mit einer feingliedrigen Hand nach einem Glas griff und sich von Mike etwas einschenken ließ.

Sie den Hals drehte und ihm zulächelte.

Etwas stimmte nicht, dachte Richard düster knurrend. Er hatte, während er tief in Audreys Betrachtung versunken war, nicht etwa auch an sie gedacht, nein. Zumindest nicht so, wie sie gerade auf Garantie grinsend annahm.

Er hatte durch sie hindurch gesehen.

Sich so seine Gedanken gemacht...

Wieso weckte seine Exfreundin keine Gefühle mehr in ihm? Weil er über sie hinweg war? Sicher. Sie ließ ihn kalt, das erste mal seit langem ließ sie ihn völlig kalt.

Warum?

Weil er sich anderweitig orientiert hatte.

/Oh mein Gott.../

"...Gott, diese Musik!!"

Da war nichts, kein Rhythmus, keine erkennbare Melodie, nur Krach!

Richard schnaufte, wandte sich um und begab sich ins Wohnzimmer. Sämtliche Sitzgelegenheiten waren besetzt, nur einige wenige tanzten, doch es wurde viel geredet und gelacht.

Richard stellte fest, dass er gerade mal die Hälfte dieser Leute kannte.

Und dass immer noch jemand fehlte.

"Wo bleibst du...?"

Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter, Richard zuckte zusammen und drehte sich um. Mike beugte sich fragend dicht vor und rief: "Hast du was gesagt?!"

Die Tatsache, dass Richard sein Ohr abschirmen musste, um seinen Freund zu verstehen, erinnerte ihn wieder daran, was er vorgehabt hatte. Die Musik wurde für seine Begriffe immer anstrengender.

"Nein, nichts!" rief er, lief mit ausholenden Schritten auf die Anlage zu und suchte in dem schummrigen Dämmlicht nach dem Lautstärkeregler.

Wunderte sich über seine eigene Rastlosigkeit.

Gereiztheit.

Wieder streifte sein Blick suchend umher, wieder fand er das ersehnte Gesicht nicht. Kein Wunder, dachte er, wo er sich doch eben gerade erst überzeugt hatte.

Was hatte das zu bedeuten?

Es hatte gar nichts zu bedeuten, befand Richard schließlich, der Abend hatte gerade erst begonnen, die Nacht war noch jung und er selbst noch nicht mal angetrunken, ein Umstand, den er sofort ändern würde.

Mike hatte sich freiwillig als "Tresenschlampe" gemeldet, wie er es selber grinsend ausdrückte, bediente die Leute mit Getränken und sorgte dafür, dass keiner nüchtern nach Hause gehen musste, schließlich waren sie ja nicht zum Vergnügen hier.

Gerade gab Mike sich besonders viel Mühe mit seiner Exfreundin.

"Ja, nun komm schon, Audrey, ich hab hier noch einen Sauren, das Glas muss geleert werden, ich brauch das noch, also Ex und hopp!!"

Richard runzelte die Stirn, als er die Küche betrat, es hatte etwas sehr befremdliches die beiden in so fröhlicher Stimmung zu sehen, aber laut Audreys rosigen Wangen und Mikes verschmitztem Grinsen lag das ganz eindeutig an den Flüssigkeiten, die sie zu sich nahmen.

Denn eines, da war Richard überzeugt von, war so gewiss wie das Amen in der Kirche: Mike Noonan und Audrey Rayman konnten sich auf den Tod nicht ausstehen.



**



Schon von weitem sah Cole die Lichter, hörte die Musik und wildes Gelächter. Ein Wunder, dachte er, dass die Polizei noch nicht vor der Tür stand, aber vielleicht waren die Nachbarn in dieser Gegend toleranter.

Oder eingeladen.

Er sah auf die Uhr und obwohl es erst zehn war, lag im Vorgarten bereits ein Kerl, der sich fast in seinem eigenen Erbrochenen suhlte. Cole rümpfte die Nase, als er über diesen Menschen stieg, um ins Haus zu gelangen.

Irgendjemand machte es sich zur Aufgabe, den Eingang mit Toilettenpapier zu verschönern, ein hochgewachsener Junge mit orangefarbenen Haaren. Cole schob sich höflich nickend an ihm vorbei und zu seinem Glück ließ sich der Typ von seiner wertvollen Aufgabe nicht ablenken.

Im Flur war es dunkel und verqualmt, nach Coles bescheidener Meinung wurde hier nicht nur Nikotin konsumiert. Ihn störte das nicht, er stellte es bloß fest, während er mit klopfendem Herzen die im Schatten liegenden Gesichter studierte, nach etwas bekanntem suchte.

Er fühlte sich deplaziert, fast wie eine Katze, die ins Aquarium gefallen war und da natürlich überhaupt nichts zu suchen hatte.

Er rieb sich die nackten Arme, obwohl es nicht kalt war, schlich wie Falschgeld umher, bis er im Wohnzimmer ankam, ohne dass ihn bis dahin jemand angesprochen hatte, was er hier verloren hatte.

Geschafft, er war in der Höhle des Löwen, im Kern des Vulkans. Ein stark alkoholisiertes Mädchen fiel ihm lachend um den Hals und drückte ihm ein Glas in die Hand.

"Trink!" befahl sie mit rauer Stimme, allein ihr Atem machte Cole schwindelig, doch er lächelte, wenn auch unsicher, nahm einen großen Schluck von dem unbekannten Getränk und ließ sich von ihr auf die Couch ziehen.

Paradox, noch vor wenigen Stunden hatte er hier mit Richard zusammen gesessen.

"Du bist süß. Ich bin Audrey."

Das blonde Mädchen grinste, schlang einen dünnen Arm um seine Schultern. Cole wurde die Sache immer unangenehmer, er verkrampfte sich etwas, murmelte aber tapfer seinen Namen, um die Floskeln komplett zu machen.

Während Audrey anfing, gedankenverloren Coles Nacken zu kraulen, blickte dieser sich gehetzt um. Wo war Richard? Wo zum Teufel war der Kerl?! Panik beschlich ihn, er hatte das Bedürfnis sofort aufzuspringen und Richards Namen zu rufen.

Aber er blieb sitzen.

"Bist du ein Freund von Richard?" fragte sie mit vernebeltem Blick.

"Ja," antwortete Cole zögerlich.

Ein Freund.

Cole schloss die Augen, nahm einen weiteren Schluck Alkohol und testete das Wort.

"Freund..."

Es klang nicht richtig.

Es genügte ihm nicht.



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Flaschendrehen

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Richard merkte, dass er die Kontrolle verlor. Schon lange machten die Leute in seinem Haus was sie wollten, aber noch hielt sich der Schaden in Grenzen. Er erinnerte sich an die Worte seiner Schwester, die ihn noch vor wenigen Stunden vor so etwas gewarnt hatte.

Natürlich wünschte er, er hätte auf sie gehört.

Doch nun wirkte der Alkohol auch endlich bei ihm, was gefährlich war, wie er nur zu gut wusste, denn der Stoff ließ ihn geschwätzig und anhänglich werden.

Außerdem konnte er sich garantiert am nächsten Tag auf einen Kater von einem anderen Stern freuen, egal ob er wenig oder viel getrunken hatte.

Gerade hatte Richard einen von Mikes Freunden vor seiner Tür aufgesammelt. Der Ärmste gab nur noch würgende Geräusche von sich, schien das Schlimmste aber bereits hinter sich zu haben.

Zumindest hoffte Richard das, als er mit einem Seitenblick den Mageninhalt des instabilen Kerls streifte, welcher sich schön über die Begonien seiner Mutter verteilt hatte.

Und einen bestialischen Gestank verbreitete.

Lecker, dachte Richard und stöhnte leise, während er den Jungen im Flur ablud. Fürs erste beschloss er, den Dingen jetzt seinen Lauf zu lassen, er hatte schlicht keine Lust mehr aufzupassen und wollte selber Spaß haben.

Also trat er ins Wohnzimmer, wo sich der Kern der Gesellschaft versammelt hatte, um ein uraltes Menschheitsritual zu zelebrieren: Das Flaschendrehen.

Richard lachte auf, es war auch total egal wo und bei wem man feierte, irgendjemand kam immer auf die bescheuerte Idee, die nächstbeste leere Flasche zu nehmen, sie auf Leute zu zeigen, Fragen zu stellen und damit Leben zu zerstören.

Doch plötzlich machte sein Herz einen Sprung, denn neben seiner Exfreundin saß kein geringerer als Cole höchstpersönlich, mit dem er schon gar nicht mehr gerechnet hatte.

Cole wirkte beschwipst, was ihn seltsam niedlich machte. Seine Wangen waren rosig, blonde Strähnen verdeckten seine wunderschönen, eisgrünen Augen, er grinste schief, ein Lächeln, das Richard zuvor noch nie gesehen hatte.

Es gefiel ihm.

Audrey hatte ihre Arme besitzergreifend um seinen Freund geschlungen, lachte Cole ins Ohr, woraufhin er heftig nickte, nach einem Glas griff und tüchtig trank. Die nächste Runde wurde eingeläutet, aber worum es ging, bekam Richard gar nicht mehr mit.

Seine Augen klebten an Coles Profil.

Er wollte die ganze Zeit schon zu ihm gehen, ihm sagen, wie sehr er sich freute, dass er hier war. Irgendetwas lähmte ihn. So als hätte jemand auf Richard mit einer Betäubungspistole geschossen.

Bis Audrey ihn entdeckte.

"Rich!!"

Das Mädchen sprang auf und Richard sah nicht, wie Cole erstarrte, die Augen weit aufgerissen. Audrey packte Richard bei der Hand und zog ihn zu Boden.

Tatsächlich, Mike hatte sie ziemlich abgefüllt, so selbstverständlich war sie schon lange nicht mehr mit ihm umgegangen.

"Du MUSST mitmachen, Rich, mein kleiner Osterhase. Mike ist schon so ein blöder Spielverderber!"

Richard blickte in die Richtung, der sie die Zunge rausstreckte und entdeckte Mike, der bei der Anlage saß, die Beine angewinkelt, zwischen den Lippen eine Zigarette balancierend. Düster wanderten seine Augen zu Audrey. Er sagte nichts.

Richard musste lachen, nein, das war wirklich kein Spiel für Mikey.

Cole blickte Richard in die Augen und dieser erwiderte den Blick, ohne Scheu, ehrlich und als der blonde Junge zaghaft lächelte, spürte auch Richard seine Mundwinkel nach oben wandern.

Ein warmes Gefühl breitete sich in seinem Körper aus. Das kam nicht vom Alkohol, soviel wusste Richard.

"Ooookay!" rief Audrey und klatschte laut in die Hände. "Auf zur nächsten Runde!!"



**



Wie viel hatte er schon getrunken? Cole hatte die Gläser nicht gezählt, doch er fühlte sich beschwingt und optimistisch.

Der Flaschenkopf hatte ihn bis jetzt noch nicht erwischt, aber die Runde war auch relativ groß, außer Audrey saßen noch fünf andere Mädchen im Kreis und zwei Jungen.

Das weibliche Geschlecht hatte wohl schon immer mehr Freude an solchen Gesellschaftsspielen gehabt.

Richard saß ihm gegenüber und Cole spürte seine Seitenblicke deutlich, gab sich aber große Mühe damit, sie zu ignorieren. Aus irgendeinem Grund hatte er Angst in Richards dunkle Augen zu sehen.

Doch seine Nähe beruhigte ihn, auch wenn sie noch nicht richtig miteinander gesprochen hatten, seit er vor über einer Stunde gekommen war.

"Alles klar!!" quietschte Audrey vergnügt und grinste in die Runde. "Ich bin wieder dran. Es muss jetzt mal was passieren!"

Coles Augen wurden groß, obwohl er dieses Mädchen noch nicht lange kannte, deutete er ihren Unterton in der Stimme richtig. Sie hatte was gemein gefährliches vor.

Auch Richard sah mit aufrichtigem Interesse in ihre Richtung.

"Der Nächste, auf den die Flasche zeigt..."

Audrey machte eine bedeutende Pause und blickte jeden einzeln an. Wenn sie keine Ohren gehabt hätte, hätte sie tatsächlich im Kreis gegrinst.

"...muss Cole küssen."

Prustend verschluckte sich Cole an seinem Getränk, wischte sich heftig übers Kinn und blinzelte verständnislos.

Er hätte wissen müssen, dass es ihn rein statistisch gesehen irgendwann einfach erwischen musste.

Er sagte: "Hä?"

"Ich will eine riesen Show sehen, Leute, ich will einen MTV Movie Award Filmkuss sehen, verstanden? Das soll BRENNEN! Mit allem was dazu gehört, das volle Programm!"

"Moment mal, Aud..."

Coles Proteste wurden von einem Mädchen unterbrochen.

"Und wenn es ein Junge ist? Was, wenn die Flasche auf einen Jungen zeigt?"

"Ja, was dann?!" riefen die beiden anderen Kerle lachend, aber doch ein wenig besorgt.

Audrey strich sich ihr blondes Haar zurück und sagte: "AUCH dann, GERADE dann!!"

Sie brach in wildes Gelächter aus und trommelte mit den Füßen auf dem Boden herum, unglaublich hingerissen von ihrer eigenen Raffinesse.

Coles Blick irrte hin und her, die beiden Typen waren nicht sehr begeistert von der Idee, schienen die Sache aber mitmachen zu wollen, kneifen galt nicht. Die Mädchen kicherten bloß.

Er sah, dass Mike plötzlich aufmerksamer wurde, sich aufsetzte und sein Glas aus der Hand stellte.

Und was tat Richard?

Unter blonden Strähnen suchten arktische Augen den Blick ihrer tiefschwarzen Pendants.

Aber er konnte diesen Ausdruck nicht deuten.



**



Für Außenstehende sah es aus, als hätte Mike überhaupt kein Interesse am Geschehen des Abends und das sollte auch so sein. Er wahrte manchmal gerne Distanz.

Und bei solch lächerlichen Kinderspielchen mitzumischen, passte wirklich nicht zu ihm, auch wenn er sonst jeden Scheiß mitmachte.

Er beobachtete Cole. Am liebsten hätte er diesen Typen gleich rausgeschmissen, als er ihn entdeckt hatte, aber das konnte er unmöglich tun, er kannte seine Grenzen.

Verdammt, er war doch kein Vollidiot! Richard würde ihm was scheißen, wenn er es herausgefunden hätte.

Doch als Audrey den bis dahin beknacktesten Befehl des Abends verkündete, konnte er nicht mehr anders, gab seine coole Fassade auf und starrte bloß noch.

Audrey beugte sich in die Mitte des Kreises und griff nach der Flasche. Kurz darauf drehte diese sich wild um sich selbst und das Schlimmste, was Mike sich vorstellen konnte, geschah natürlich auch.

Der Kopf zeigte auf Richard.

Deutlich.

Es lebe die Chaos-Theorie.



**



Wildes Gekreische, Anfeuerungsrufe, Audrey, die sich lachend den Bauch hielt und knallrot anlief, johlte und grölte. Cole konnte sich nicht bewegen, seine Gedanken rotierten kreisend, fast wie die Flasche es bis vor wenigen Sekunden getan hatte.

Das darf nicht wahr sein, dachte er immer und immer wieder, klammerte sich panisch an diesem brüchigen Halt, schlimmer hätte es nicht kommen können. Nun saß er gehörig in der Patsche und stand unter gewaltigem Zugzwang.

Richard beugte sich zu ihm.

Streckte die Hand nach ihm aus.

Er war anscheinend bereit, sich in sein Schicksal zu fügen und die Sache durchzuziehen!

Cole zuckte fast ängstlich zurück, als Richards Fingerspitzen seine Wange berührten. Sein Gesicht war jetzt schon ganz nah, die Stimmen der anderen, die Musik, der ganze Lärm klang zu unbedeutendem Gemurmel ab.

In diesem Augenblick dachte Cole völlig klar.

Er flüsterte: "Du musst das nicht machen, wenn du nicht willst. Es ist bloß ein Spiel..."

Richard schüttelte kaum merklich den Kopf, mehr eine Ahnung als eine Bewegung. Ihrer beider Stirn berührte sich.

"Ich..."

Cole versuchte Richard zu verstehen, zog die Augenbrauen zusammen. Ihre Nasenspitzen trafen sich.

"...will..."

Nun vermischte sich bereits ihr Atem, Coles Herzschlag dröhnte laut gegen seinen Brustkorb, er konnte nichts sagen, er spürte Richards warme Hände auf seinem Nacken, die ihn näher zogen.

Noch näher.

"...aber!"



**



Mike erstarrte.



**



Cole krallte die Finger in Richards Hemd, während sie zu Boden glitten.

Sein Herz überschlug sich, als nach sanftem Druck seine Lippen geteilt wurden und beide in einen innigen Kuss versanken, frei und selbstverständlich, ohne Hast.

Zärtlich.

So wie er es sich tausendmal vorgestellt hatte.

Besser als er es sich vorgestellt hatte.

Der blonde Junge seufzte, schlug die Lider zurück und blickte in ein getrübtes Augenpaar, sah gerötete Wangen, spürte schwarzes Haar, welches sich mal wieder aus dem Zopf gelöst hatte, auf seinem eigenen Gesicht.

Und zum ersten mal dachte Cole bewusst: Das ist Richard.



**



Langsam, widerstrebend zog sich Richard zurück, denn ob Audrey nun eine Show hatte sehen wollen, oder nicht, irgendwann wurde es auffällig.

Es gab Applaus. Audrey stand sogar auf, schüttelte in gespielter Ergriffenheit den Kopf und rief:

"Taschentücher!! Schnell, ich brauch ein Tempo! Gott, war das SCHÖN!"

Richard grinste benommen, denn er dachte das selbe, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, um den letzten Rest von Cole zu schmecken, der noch übrig geblieben war.

Er hatte gedacht, dass es anders wäre, einen Jungen zu küssen und das war es. Er konnte nicht sagen, woran es lag.

Vielleicht hatte er zuvor nie den Wunsch gehabt, einen Kuss zu etwas Besonderem zu machen. Vielleicht hatte er auch diesmal nicht den Wunsch gehabt.

Vielleicht war Cole etwas Besonderes.



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Coles breakdown [I]

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Der Abend verging und schnell wurde es spät. Wer jetzt noch auf war und nicht als Saufleiche in irgendeiner Ecke des Hauses lag, war mit jemandem zusammen oder ein Kampftrinker.

Mike war keines von beidem.

Im Gegenteil, er war besorgniserregend nüchtern. Und Mürrisch. Er drohte, im Selbstmitleid zu ertrinken, was ihm überhaupt nicht gefiel.

Um sich abzulenken, kümmerte er sich um das Haus Richards Eltern, denn er wusste, wenn sein Freund erst wieder bei Verstand war, würde er so einiges bereuen.

Also hatte er sich in alter japanischer Manier ein Tuch um den Kopf gebunden, einen Müllsack geschnappt und sich in die Küche gewagt, die einem Schlachtfeld glich.

Wunderbar. Genauso sah es in ihm aus. Das stimmte Mike merkwürdig romantisch, aber das machte nichts, denn er war romantisch.

Manchmal.

Er sammelte leere Flaschen ein, fegte zerbrochenes Glas auf, trug dreckiges Geschirr zusammen und putzte die Schrankwände, an denen unidentifizierbares Gemansche klebte.

Er wollte gar nicht wissen, was das einmal gewesen sein könnte.

Dabei stieg er über schlafende Gestalten, die zusammengekauert auf den Fliesen lagen und kam sich vor, als hätte er eine Statistenrolle in dem Film "Kids" übernommen.

Er glaubte nicht, er wusste, dass dies das verdammte Set gewesen war.

Als er kurz in den Flur blickte, während er den Boden schrubbte, schwankten Audrey und Richard gerade die Treppen hoch.

Arm in Arm.

Richards Hand lag auf Audreys Hüfte, ihr Blick hing lasziv an seinem Mund.

Und Mike musste lachen. Er plumpste auf seinen Hintern zurück, ließ den Schwamm fallen und lachte Tränen. Diese alte Schlampe hatte tatsächlich vor, Richard ins Bett zu kriegen!

Mike wusste, dass Richard nichts mehr von Audrey wollte, außer vielleicht die zwanzig Mücken, die dieses Weib ihm noch schuldete, aber er wusste auch, dass Richard stockbesoffen war.

Dieser Kuss zwischen ihm und Cole war der beste Beweis!

Wenn er sich zu so etwas hinreißen ließ, hatte der arme Kerl keine Chance gegen diese Sirene!

Ja, und er, das war ja noch das witzigste an der ganzen Geschichte, er saß hier in der Küche und schrubbte den Fußboden.

Er schrubbte den verdammten Fußboden, während alle anderen sich amüsierten und sich einen Scheißdreck kümmerten.

Sogar Richard.

Wer weiß, vielleicht hatte sein Freund es auch auf eine kleine Bettgeschichte abgesehen? Wäre es ihm zu verdenken?

Mikes Augen brannten, seine Brust schnürte sich zusammen. Das kommt von dem Putzzeug, sagte er sich, rieb sich die tränenden Augen.

Warum reiß ich mir hier eigentlich den Arsch auf?

"Mike...?"

Das war Cole.

Interessant.

Was hatte der wohl zu Richards neuem Abenteuer zu sagen?



**



Mike lächelte schief, ein merkwürdiger Kontrast zu seinen roten Augen, die schon anschwellten, fand Cole, der sich besorgt erkundigte, ob etwas nicht in Ordnung sei.

"Oh, das..." sagte Mike und schüttelte den Kopf, während er aufstand und sich die Hände an den Oberschenkeln abwischte. "Ich bin allergisch. Dieses Zeug hier ist mörderisch!"

"Oh..."

Mehr wusste Cole nicht zu sagen. Es war das erste mal, dass er mit Mike sprach, sich mit ihm 'unterhielt', wirklich und wahrhaftig. Er war schon ein wenig gehemmt, denn er wollte nichts Falsches sagen.

Er wollte sich gut stellen mit Richards bestem Freund. Das lag ihm wirklich am Herzen. Er wollte von Mike gemocht werden.

Seinen Segen haben?

Doch mehr als das wollte er endlich mit Richard reden. Sie mussten reden. Noch am Anfang des Abends hatte Cole Zweifel, aber nach diesem Kuss...

Nach diesem Kuss!

Das konnte nicht einfach für die Show gewesen sein, die sich Audrey gewünscht hatte, das konnte nicht gespielt gewesen sein und er hatte es doch gehört, oder?

Er hatte es deutlich verstanden. Richard hatte gesagt, dass er ihn küssen wollte, denn Cole hatte ihm ja noch die Chance gegeben abzuspringen.

Er hatte es gesagt.

Cole stöhnte und knetete sich die Wangenknochen.

Er HATTE es gesagt!

"Müde?" fragte Mike.

"Ein wenig..."

Es schien, als überlegte Mike, bis er langsam nickte und ihm freundlich ins Gesicht blickte. Mit diesem Kopftuch wirkte er fast wie ein Pirat in bizarrer Kulisse.

"Wenn du Rich suchst, der ist oben."

In Coles Augen blitzte es, unweigerlich stellte sich ein erfreutes Lächeln ein.

"Danke, Mike."



**



Er blickte dem Jungen nach, wie er die Treppen hoch lief und dann aus seinem Blickwinkel verschwand.

Kurz rechnete er die Minuten zurück. Richard und Audrey dürften schon fast eine ganze viertel Stunde allein gewesen sein, bevor Cole in die Küche kam.

Wenn sie gut drauf waren, müssten sie es bis jetzt ziemlich weit geschafft haben.

Mike wusch sich die Hände mit purem Wasser, um die Seife zu entfernen, den ganzen Chemiekram, der seine Poren verstopfte und ihn wahnsinnig machte.

Armer Cole. Fast hätte er Mitleid mit ihm gehabt.

Aber eben nur fast.



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Coles breakdown [II]

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"Ich dachte, dir geht's nicht gut, Aud."

"Stimmt..."

"Dann leg dich doch jetzt hier hin!"

"Au ja, legen wir uns hin!!" sagte sie mit einem Knistern in der Stimme, ließ sich rückwärts auf das Bett fallen und zog Richard mit sich.

Audrey kicherte vergnügt, während sie die Beine um Richards Hüfte wickelte und ihre Arme um seinen Rücken schlang. Richard seufzte entnervt, denn er wusste, dass er seinen Satz gerade unmissverständlich und grammatikalisch richtig ausgedrückt hatte.

Sie wollte einfach nicht verstehen.

"Nein, DU legst dich hin, ich glaube du hast einiges auszuschlafen, ICH werde wieder nach unten gehen und ein bisschen Rausschmeißmusik auflegen..."

Obwohl er nicht mehr daran glaubte, dass sich der übriggebliebene Rest noch vom Acker machen würde. Es war viertel nach drei, wenn er den Zahlen seines Digitalweckers trauen konnte.

"Ooooooch..." schmollte sie mit zuckersüßem Mund, zwirbelte durch seine Haare und streichelte Richard an einer besonders empfindlichen Stelle hinter dem Ohrläppchen, an die sie sich noch erinnern konnte.

Solche Dinge vergaß sie nicht.

"Du kannst mich noch nicht allein lassen..." schnurrte Audrey vertraulich, drückte ihr Gesicht an seine Halsbeuge und atmete geräuschvoll ein. "Mmmmh... ich mag diesen Duft..."

"Das ist Schweiß, Audrey, ich stinke wie ein Tier."

"Nein, das bist du..."

Er seufzte und rollte mit den Augen.

Richard hätte wissen müssen, dass sie es nicht lassen konnte, aber er hatte ihr vertraut, als sie sagte, dass es ihr sehr schlecht ginge und sie sich unbedingt ausruhen musste. Da er nun mal ein herzensguter Mensch war, hatte er sich bereit erklärt und sein Bett für sie geräumt.

Aber auch nur, weil er wusste, dass er im Schlafzimmer seiner Eltern bleiben konnte. Unangenehme Überraschungen würden ihm erspart bleiben, da er diesen Raum und das alte Zimmer seiner Schwester umsichtigerweise abgeschlossen hatte.

Wer weiß, was sich da jetzt alles getummelt hätte.

Richard schüttelte sich bei der Vorstellung.

Eins stand fest... wenn seine Eltern das nächste mal wegfuhren... würde er verdammt noch mal wieder so eine Feier machen!!

Alles in allem war das die beste Idee seit langem gewesen, die Leute hatten sich amüsiert, wirklich niemand ging nüchtern nach Hause und trotz der üblichen Schwierigkeiten, die ein Gastgeber immer hatte, war es witzig gewesen.

Mit Schwund musste man rechnen.

Eine tiefe Zufriedenheit erfüllte Richard, Audreys warmer Körper (und natürlich auch der gewisse Alkoholeinfluss) machte ihn schläfrig, er gähnte verhalten und versuchte sich vorsichtig aus der Umklammerung des Mädchens zu befreien.

"Richard...?"

"Audrey, lass uns nicht diskutieren, okay? Du kannst hier schlafen, wenn du willst, aber mehr ist einfach nicht drin..."

Sie biss sich auf die Lippen, im Schein der Nachttischlampe konnte er deutlich erkennen, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Das konnte er gar nicht gebrauchen.

Überhaupt nicht. Weinende Mädchen machten ihn nervös und unsicher.

"Audrey, hey..."

Er half ihr, sich aufzusetzen und als er sie in die Arme nahm, fing sie fast automatisch an zu schluchzen. Er strich dem Mädchen über den bebenden Rücken, flüsterte ihr beruhigende Worte zu und wiegte sie sanft eine halbe Ewigkeit, wie ihm schien.

Dann irgendwann flüsterte sie: "Du hast jemanden, oder?"

Richard sagte nichts.

Audrey nickte. "Ja, du hast jemanden. War klar, dass du von uns beiden am ehesten nicht lange allein bleiben würdest..."

Sie lachte auf. "Weißt du, irgendwie hatte ich bis jetzt immer gehofft, dass wir beide wieder... ich meine... bis jetzt..."

Richard sagte immer noch nichts. Da runzelte Audrey die Stirn und blinzelte hoch. Sie hätte fast angefangen zu lachen, denn während sie dabei gewesen war emotional die Hosen runterzulassen, schlief ihr Exfreund ein.

Einfach so. Von einem Moment zum nächsten, als hätte man einen Schalter umgelegt.

Richards gleichmäßiger Atmen streifte Audreys Wange und sie seufzte, ließ sich zusammen mit ihm in den Armen auf das Bett zurückfallen, in weiche Kissen gekuschelt.

Auch sie wurde müde, diese Nacht war definitiv zu anstrengend gewesen. Liebevoll streichelte sie über Richards pechschwarzes Haar und schmunzelte. Er sah ganz anders aus, wenn er schlief, fand sie, nicht frech sondern friedlich.

Die Bettfedern quietschten leise, als Audrey sich vorbeugte und mit ihren Lippen Richards Mund berührte.

**

Zwei engumschlungene Körper in intimer Atmosphäre, die ihre Nähe teilten, ihre eigene kleine Welt um sich schufen, so dachte der Eindringling, der diese Szene leer betrachtete.

Leer.

Cole schluckte hart an diesem Brocken, die Welt drehte sich viel zu schnell, das Bild verschwamm und bevor er ein verräterisches Würggeräusch, welches bereits energisch seine Kehle hinaufschwamm, ausstoßen konnte, verschwand er wieder lautlos in den Flur.

Leer.

Sein Gehirn meldete einen stechenden Schmerz, dessen Zentrum seine Oberarme waren, die er um den Brustkorb geschlungen hatte, um sich an ihnen festzuhalten. Er lockerte aber nur wenig den Griff, so dass seine Nägel weiter brennend ins Fleisch schnitten.

Cole stürzte nicht die Treppen runter, weder rannte er, noch beeilte er sich sonderlich. Ihm war schlecht. Jeder überhastete Schritt brachte ihn näher dem Teppichboden.

Tatsächlich hatte er das Gefühl, dass sein Körper mit dem Erdkern verschmelzen wollte, so schwer fühlte er sich.

Leer... Cole runzelte die Stirn.

Immer noch.

Er sah Mike, der langsam aus der Küche kam und zu ihm aufblickte, während Cole die Stufen runterschritt. Und da traf ihn die Erkenntnis: Mike wusste Bescheid. Er wusste es. Alles. Das las Cole an seinem Gesicht.

Seine Augen. Mikes Miene verriet nichts, keine Reaktion, nicht ein Muskelzucken, doch seine Augen lächelten, blitzten silbern auf und schlugen Funken. Cole meinte auch, etwas anderes in ihnen lesen zu können: Eifersucht.

In diesem Moment fühlte sich Cole mit ihm auf merkwürdige Weise verbunden, ein bitteres Lächeln huschte über seine Züge.

Cole kannte diesen Blick. Er fühlte... Mitleid.

Denn sie waren Leidensgenossen.

**

Er stolperte unkoordiniert durch die dunklen Straßen seiner Heimatstadt. Ihm war kalt. Durch seine überstürzte Flucht hatte er nicht daran gedacht, seine Jeansjacke mitzunehmen. Das wäre ihm gleichgültig gewesen, wenn nicht in der rechten Jackentasche seine Haustürschlüssel und in der linken sein Handy gewesen wären.

Cole fluchte aufgebracht, er schrie und irgendwo bekam er ein hohles Bellen zur Antwort. Er war wütend. Unfähig seinen Zorn weiter durch Laute artikulieren zu können, trat er auf einen Metallascheimer ein, der ihm verhängnisvoller Weise in die Quere kam.

Das laute Klappern klang befriedigend in seinen Ohren, den Schmerz in seinem Fuß ignorierend, stampfte Cole weiter wie ein Besessener auf das Objekt ein, bis sich die erste Delle abzeichnete.

Wie hatte er nur so blöd sein können?! Wie hatte er bloß annehmen können, dass Richard auch nur in entferntester Weise Interesse an ihm hätte?! Wie hatte er nur daran glauben können, dass dieser Kuss etwas besonderes gewesen wäre?!

Überhaupt, dieser Penner! Erst knutscht er einen Jungen ab und fünf Minuten später huscht er mit einem dahergelaufenen Flittchen ins Bett! Was waren das denn für Sitten?! Oder war das ein Versuch gewesen, sich selbst die eigene Männlichkeit zu beweisen?

Er hätte es wissen müssen. Der Herr im Himmel hatte sein Scheißvergnügen daran, den Leuten den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, so dass sie tierisch auf die Fresse flogen. Und nicht so schnell wieder aufstanden.

Er hätte es wissen müssen!

Cole bemerkte gar nicht, dass seine Sicht längst verschwamm, ihm heiße Tränen in den Augen brannten.

"Du dummes Arschloch!! Scheißkerl!! Scheißkerl!! Blöder Affe! Mistkerl!! Argh..."

Atemlos brach Cole in die Knie, vergrub das Gesicht in die Hände und begann hemmungslos zu schluchzen. Seine Schultern zuckten unkontrolliert. Ihm war, als könnte er bis in alle Ewigkeit Tränen vergießen, die Quelle der Wut und Enttäuschung würde niemals austrocknen.

Seit er ein Kind war, hatte er nicht mehr so geweint.

Er zitterte am ganzen Körper, während er sich wieder aufrappelte und blind weiterlief. Er wusste nicht, wohin. Er konnte nicht nach Hause. Zwar war seine Mutter heute da, aber er wollte sie nicht aus dem Bett klingeln. Nicht wegen... so was.

Sie arbeitete unter der Woche so hart, dass sie ihren Schlaf wahrlich verdiente. Und unangenehme Fragen wegen seines Zustands wollte er schon gar nicht beantworten. Außerdem konnte sie im Halbschlaf unausstehlich werden. Was sein Bruder zu der ganzen Sache zu sagen hatte, wollte Cole lieber auch nicht hören.

Er wischte sich übers Gesicht und schniefte. Dass er hier rumheulen musste wie ein kleines Mädchen, gefiel ihm überhaupt nicht. Dabei hatte er sich von Anfang an gesagt, dass er nichts Großartiges erwarten sollte. Schon gar kein Happy End.

Wild entschlossen, keine weitere Träne um einen Kerl zu vergießen, der es nicht wert war, blickte Cole nach langer Zeit wieder hoch von seinen Füßen und erschrak.

"Wie...?"

**

Cole stand vor einer kleinen, grünen Pforte. Schlingpflanzen schlängelten sich um die Gitterstäbe. Er sah auf seine rechte Hand und merkte, dass er bereits den Griff der Pforte fest runterdrückte, Scharniere quietschten, er tat ein paar Schritte und befand sich auch schon in einem verwilderten Vorgarten.

Seine Augen blieben bewegungslos an dem großen Haus haften, welches wenige Meter vor ihm thronte, dessen schwarze Fenster blicklos zurückstarrten. Es war alt, das war Cole bewusst, obwohl er keine Ahnung von Architektur hatte. Alt.

Cole atmete schwer, spürte sein Herz stark pochen und folgte langsam dem schmalen Trampelpfad, der durch diesen kleinen Dschungelgarten führte, atmete vertraute Gerüche ein und schloss die Augen.

Er kannte den Weg. Er hätte es für unmöglich gehalten, dass er noch einmal zurückkommen würde, und doch war er hier. Einfach so. Unbewusst hatten sich seine Beine bewegt, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Sein Körper hatte ihn in einem schwachen Moment ausgetrickst.

Cole fuhr sich durchs Gesicht.

/Er... hatte recht... ich bin zurück... Scheiße.../

Cole ging um das Haus herum. Obwohl aus den Fenstern kein Licht nach außen drang, wusste er genau, dass der Hausherr nicht schlief. Er wusste auch, wo man ihn um diese Zeit finden konnte. Coles Herz schlug schneller.

Die Holzdielen der Terrasse knarrten, als Cole sie betrat. Auch hier gab es kein künstliches Licht. Eine einzelne große, blutrote Duftkerze brannte flackernd im Freien, warf geisterhafte Schatten um sich. Der blonde Junge musste nicht mehr suchen.

Der Mann saß in einem großen Gartenstuhl, den Rücken ihm zugekehrt. Nachlässig hing sein rechter Arm von der Stuhllehne, zwischen Daumen und Zeigefinger brannte eine Zigarette aus. Den Kopf in den Nacken gelehnt, blickte er in den Sternenhimmel.

Er litt immer noch unter Schlaflosigkeit.

Coles Herz verkrampfte sich, dieser Anblick war ihm so vertraut, kein Laut war zu hören, ihm schwindelte, sein Kreislauf drehte durch und er verfluchte jeden Tropfen Alkohol, den er in den vergangenen Stunden zu sich genommen hatte.

Er keuchte, blinzelte, ermahnte sich zur Disziplin. Plötzlich, wo er nun tatsächlich zurückgekommen war, wusste er nicht mehr weiter.

Nein, dachte Cole, ich BIN hier, weil ich nicht mehr weiter weiß, ich bin hier, weil er der Einzige ist, zu dem ich gehen konnte!

Diese Erkenntnis schmerzte, doch sie entsprach der Wahrheit, wie er sich endlich eingestand.

Zu sehr in seine Gedankengänge vertieft, hatte der bebende Junge nicht bemerkt, dass knirschende Schritte auf ihn zukamen. Im letzten Moment blickte er auf, entdeckte das ernste Gesicht seines einzigen Freundes und einstigen Liebhabers, welches von großer Sorge kündete. Sorge um ihn.

Und von etwas anderem...

"Sam", flüsterte Cole, bevor er sich in eine warme Umarmung flüchtete, sein Gesicht an die Brust des Gegenübers drückte. Ja, er kannte diesen Duft noch zu gut, das Gefühl von kratzigen Bartstoppeln auf seinen Wangen, die Arme, die ihn festhielten und nicht loslassen wollten.

Sehnsucht.

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Das schwarze Zimmer [II]

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Wie Samuel Mrutzec es geschafft hatte, sie durch sein finsteres Reich zu dirigieren, war Cole ein Rätsel, doch irgendwann zwischen Orientierungslosigkeit und der leisen Wut über nichtvorhandene Lichtquellen, fand er sich auf weiche Laken gebettet wieder.

Als die Arme, welche ihm Schutz versprachen, plötzlich nicht mehr da waren, überkam ihn ein ängstlicher Seufzer, obwohl er die Anwesenheit des älteren Mannes immer noch deutlich im Raum spürte.

Cole schluckte trocken, rollte sich auf dem Bett zusammen und harrte nervös und ungeduldig der Dinge. Sein Kopf war wie leergefegt. Heute kam er nicht als Freund zu Sam, auch nicht als sein Geliebter, sondern so, wie er noch vor einigen Jahren als kleines Kind zu seiner Mutter gekommen wäre - er kam, um bei ihm Trost zu finden.

Stoff raschelte, er fröstelte am ganzen Leibe und obwohl sein Freund ihn jetzt wieder umarmte, war die Dunkelheit so undurchdringlich, dass er ihn sogar aus dieser nächsten Nähe nicht sehen konnte, dass er ebenso gut ein Phantom sein könnte.

"Was möchtest du?" fragte Sam.

Seine Stimme raunte dunkel, durchbrach die Stille.

Cole entließ angestaute Luft, befeuchtete sich die Lippen, schlang schließlich seine schlanken Arme um den Nacken des Mannes und hauchte an sein Ohr: "...fliegen..."

**

Cole dachte an Vögel, besonders an die Stare und Krähen und die anderen Zugvögel, die im Frühling zurückkehrten, er ließ sich den Reißverschluss seiner Hose öffnen, vernahm ein genießerisches Knurren, als sein Gegenüber den störenden Stoff abstreifte und achtlos zur Seite fegte.

Sich sofort wieder seiner Beute zuwendete, mit den Zähnen die Haut über seinem Hüftknochen liebkoste, während sich warme Hände unter sein Hemd schmuggelten, ziellos über seinen Brustkorb strichen.

Ein Schauer durchfuhr den Jungen, seinen Atem beschleunigend, packte er den Mann beim Schopf und presste einen feurigen Kuss auf dessen Lippen, spornte ihn an, reizte seine Nerven, verlangte mehr, viel mehr.

Weiter fielen die Hüllen, bis nicht ein Stückchen Textil ihren engen Kontakt störte, sie sich aufreizend aneinander schmiegten, Reibungshitze aufluden.

Der Junge spürte deutlich das Verlangen des Mannes, es hing wie schwere Nebelschwaden in der Luft, schien durch ihn hindurch wie Licht durch eine milchige Glasscheibe.

Drängte sich elektrisierend an seine flache Bauchdecke.

Cole lachte kurz auf, ob der fahrigen Ungeduld seines alten Freundes, schwindelerregend, beflügelnd.

Was er in diesem Moment fühlte, war eine Art Triumph. Er genoss das Gefühl, begehrt zu werden, ihre gegenseitige körperliche Anziehung war immer noch sehr stark, allgegenwärtig und alles verschlingend.

/Sam will mich... wenigstens er.../

Für einen kurzen Augenblick drohte Cole wieder abzustürzen, die schmerzliche Realität holte ihn ein, doch Sam zwang ihn zurück, als er ihm heißen Atem in den Schritt blies, rastlos mit den Lippen forschte, feuchte Spuren auf der empfindsamen Haut hinterlassend.

Cole keuchte auf und zog zischend Luft ein, biss sich auf die Unterlippe, während ihm sein Gegenüber weiter süße Qualen bereitete, sich in seiner Aufgabe geradezu verlor.

Cole dachte wieder an die Vögel, die Frühlingsvögel auf den Dächern, die unter den tiefhängenden Märzwolken alle zur gleichen Zeit aufflogen. Er erbebte unter dem kundigen Mund, verlor die Kontrolle, ergab sich und grub noch warnend die Finger durch Sams Haar, welcher das Zeichen erkannte, aber nicht daran dachte, zurückzuweichen.

Nicht ein Laut verließ Coles Lippen, allein sein Becken, welches sich unkontrolliert zuckend immer wieder nach vorne schob und sein fliehender Atem kündeten von seiner Lust, bevor sich die ersten Körperflüssigkeiten ergossen.

Aus flatternden Lidern starrte Cole an die Decke, langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, er begann wage Umrisse auszumachen.

Er wusste, dass es noch nicht vorbei war, es hatte gerade erst angefangen und so beugte er sich vor, berührte das Gesicht des Mannes.

Beobachtete fasziniert, wie dieser seine Finger von Coles gewonnener Flüssigkeit sauber leckte. Im Halbdunkel konnte er seine Augen schimmern sehen, sah den Umriss seines Unterkiefers, spürte unter seiner tastenden Hand die rauen Bartstoppel, die das Rasiermesser stehen gelassen hatte.

Er zog seine Hand zurück, neigte den Kopf zur Seite und drehte sich weg, eine Geste, die Zurückweisung und Aufforderung zugleich war. Als er sich, die Hände auf das Kissen unter sich gestützt, nach vorn beugte, spürte er bereits das Gewicht des Mannes an seinem Rücken.

Cole keuchte auf, als er Zähne in seinem Nacken spürte, er ein vibrierendes Grollen vernahm, das ihm eine Gänsehaut über die Wirbelsäule schickte.

Und er dachte an die Vögel, an Frühling und an die Vögel und er sah sie wieder und immer wieder, wie sie bei Frühlingsbeginn die noch winterkahlen Bäume füllten, wie sie aufflogen, wie sie mit ihren Flügeln schlugen und dabei ein Geräusch erzeugten wie Wäsche auf der Leine im Wind.

Mit aller Kraft versuchte er, sich darauf zu konzentrieren, nicht abzuschweifen, das Gesicht, nach dem er sich wirklich sehnte, nicht in sein Bewusstsein dringen zu lassen.

Er legte sich hin, streckte sich langsam, einer Katze gleich, während er die Augen wie im Schlaf geschlossen hielt, auf dem Bettlaken aus, bis er es mit der Stirn berührte. Sam schob seinen linken Arm unter Coles Körper, um ihn für den Angriff besser festhalten zu können.

Das Gefühl des kräftigen Armes an seiner Brust schickte ebenso Schockwellen durch sein Inneres wie die Erektion selbst, die in ihn eindrang. Sein Kopf flog unweigerlich zurück, er ächzte, verhakte seine Finger in den Stoff des Bettlakens.

Es brannte und er musste sich wieder auf die Unterlippe beißen und an die Vögel denken, aber nur kurz, er wusste, dass es nachlassen würde und es ließ nach, schließlich hörte es ganz auf, sodass er sich auf die lodernde Flamme in seinem Innern konzentrieren konnte, auf die Hitze, die sie verströmten, sich gegenseitig verbrannten, den sich überschlagenden Rhythmus, der ihn in schwindelerregende Höhen katapultierte.

Und so geschah es, dass das Bild der Stare und der Krähen vor seinem geistigen Auge verschwamm, sich die kahle Frühlingslandschaft in Schwärze verwandelte, die plötzlich explodierte und er einen Namen in die Dunkelheit des Zimmers schrie, der nicht dorthin gehörte.

Cole erstarrte, bemerkte er doch Sams irritiertes Keuchen, sein Zögern.

/Gott, was hab ich getan?!/

Er sackte wimmernd zusammen und entzog sich der intimen Verbindung, um sich zum wiederholten Male in dieser Nacht seinen Tränen zu ergeben.

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Damage

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Richard erwachte durch seine Kopfschmerzen.

Er stöhnte gequält, schlug die Augen auf und erblickte eine verschwommene Ansicht seiner Zimmerdecke. Er versuchte, seine Arme zu bewegen, aber etwas hinderte ihn daran.

Er senkte den Blick und verfluchte sofort diese törichte Entscheidung, da sein Kopf diese Handlung mit einer weiteren Triade unbeschreiblicher Schmerzen bestrafte. Das schwere Gewicht auf seiner Brust identifizierte er dann gerade noch als Audrey, bevor er erneut stöhnend seine Lider wieder schloss.

Doch auch das war keine gute Idee gewesen, er fuhr Karussell und das Schwindelgefühl wurde immer bedrückender. Speichel sammelte sich in seiner Mundhöhle.

Richard erkannte gerade noch rechtzeitig die Zeichen, er ignorierte seinen protestierenden Kopf, der von Minute zu Minute seinen Umfang imaginär zu vergrößern schien, stieß das Mädchen grob von sich runter und rollte sich vom Bett.

Die qualvolle Landung gerade so überlebend, krabbelte er auf allen Vieren in Richtung Badezimmer, kletterte im Flur über eine schlafende Gestalt, bei der es ihm nicht einmal möglich war, deren Geschlecht festzustellen, warf sich gegen die angelehnte Tür, stürzte sich auf die rettende Toilettenschüssel und entleerte prompt und vor allem geräuschvoll seinen gesamten Mageninhalt.

/Guten Morgen./

Schwer atmend wischte er sich übers Kinn, er hasste es, wenn er kotzen musste, er hasste das wirklich, aber wenigstens ging es ihm langsam besser, zumindest war ihm nicht mehr schlecht und das war schon die halbe Miete.

Richard spülte seinen Mund mit Wasser und Zahnpasta aus, um den herben Geschmack von Magensäure loszuwerden, machte dabei aber den großen Fehler in den Spiegel zu schauen.

Er krächzte empört: "Wer is' das denn?!"

Seine blutunterlaufenden Augen machten ihn zu einem Zombie und seine schwarzen Haare hätten auch gut verbranntes Gestrüpp sein können. Wenn man über diese Dinge geflissentlich hinwegsah, hatte er noch gewisse Ähnlichkeit mit einem Menschen.

"Kenn ich nich', rasier ich nich'", plärrte er seinem Spiegelbild entschlossen entgegen, bevor er sich auf machte, das Haus zu inspizieren.

Außerdem brauchte er unbedingt eine starke Aspirin. Oder zwei... oder drei.

Er war überrascht von dem Bild, welches die Küche ihm bot, denn sie war blitzblank. Verblüfft riss er die Augen auf, strich mit den Fingern über die Anrichte und staunte nicht schlecht: Kein einziges Staubkrümelchen zeichnete sich ab.

Der Boden schien gewischt worden, keine Glasscherben mehr, nirgends dreckiges Geschirr, alles stand und lag an seinem Platz. Richard dachte, dass er noch träumen musste, verwirrt schüttelte er den Kopf und wagte den nächsten Schritt seiner Inspektion in Richtung Wohnzimmer.

Mike tauchte gerade hinter dem Sessel auf, strich sich mit dem Handrücken über die Stirn und schleppte einen großen Müllsack hervor. Als er Richard im Türrahmen erblickte, hielt er inne und zog eine Augenbraue hoch.

"Guten Morgen der Herr, auch schon wach?"

Richard blickte bei Mikes vorwurfsvollem Ton in der Stimme auf seine Armbanduhr und erkannte, dass es erst viertel nach neun war. Er fand, das war sehr früh, wenn man seinen Zustand bedachte und die Tatsache, dass bis vor wenigen Stunden noch die Bude brannte.

"Hast du aufgeräumt?" fragte Richard müde und betrachtete versunken den Fußboden, auf dem vereinzelte, zusammengerollte Körper lagen. Hier und da war auch ein Schnarchen zu hören.

Richard fragte sich beiläufig, wie man so schlafen konnte.

"Nein, ich hab nur so getan! Ich dachte, ich stell mich hier gleich auf den Tisch und schleudere den ganzen Müll einmal quer durchs Zimmer!!"

Es war definitiv zu früh für solche Scherze, deswegen erkannte Richard diesen Witz als solchen auch nicht und fragte ernsthaft: "Wieso das denn?"

"Mein Gott, da hab ich halt Bock drauf, ganz einfach..."

Mike wandte sich resignierend ab. Er hatte sämtliche Jacken und andere diverse Kleidungsstücke gesammelt und auf die Couch geschmissen. Und genau aus diesem Wäscheberg ertönte nun ein monotones Piepsen, das immer lauter wurde.

Klang nach einem Handy.

Mike, der gerade den letzten Scherbenhaufen zusammenfegte, fuhr entnervt hoch, als von Richard keine Reaktion kam.

"Wie wäre es, wenn du mal abnimmst?!"

Richard zuckte zusammen. "Vielleicht hört es ja gleich auf?"

Aber es hörte nicht auf, im Gegenteil, da schien jemand etwas Dringendes zu melden haben. Also setzten sich seine Beine endlich in Bewegung, er wühlte sich durch tausend Stoffe, bis er schließlich eine Jeansjacke zu fassen bekam und ein blinkendes Mobiltelefon daraus zu Tage förderte.

"Hallo?!"

Ein Knistern in der Leitung. Dann laut: "Cole?! Wo bist du?!"

Richard blinzelte verständnislos, es dauerte zu lange, bis er die Daten verarbeitete, die sein Gehirn ihm sandte, er schüttelte den Kopf und sagte: "Nein. Wer ist da?"

Pause. Richard lauschte angestrengt, bemerkte Mikes fragenden Blick und zuckte daraufhin ratlos die Schultern, als die Stimme erneut erklang.

"Wer ist da?"

"Hier ist Richard Tozier, mit wem spreche ich denn?"

Diesmal ein Knacken, Richard rollte mit den Augen, er hasste Handys, er hasste diese unausgereifte Technologie, er hasste die schlechten Verbindungen. Er wurde ungeduldig.

"Richard? Richard?!" Ungläubig, fast fassungslos. "Hier spricht Benny, Coles Bruder..."

Coles Bruder?!

Und da fiel Richard der gestrige Abend wieder ein, schlagartig. Er durchlief jede einzelne Station noch einmal, aber hängen blieb er bei dem Kuss. Der Kuss zwischen ihm und Cole. Richard merkte, wie sein Gesicht heiß wurde, er legte die Hand auf seine Wange und dachte angestrengt nach.

Verdammt, ja, wo war Cole?!

"Kann ich Cole sprechen?"

"Moment bitte..."

Richard blickte hilfesuchend zu Mike, der die Szene ausdruckslos betrachtet hatte.

"Mikey, hast du Cole gesehen?!"

Mike hörte die Panik in Richards Stimme. Er hatte vorgehabt, nichts dazu zu sagen, doch die Augen seines Freundes ließen ihn schwach werden. Er seufzte.

"Cole ist schon lange weg... ungefähr seit... halb vier?"

Richard keuchte, wieso war Cole mitten in der Nacht allein abgehauen? Und dann noch ohne seine Jacke, sein Handy, sein Geld... das war alles noch hier. Er machte sich Sorgen. Große Sorgen.

"Ist er nicht da?" kam es kritisch aus der Leitung.

"Nein, er ist anscheinend schon heute Nacht weggegangen... ist er denn nicht zu Hause?"

"Natürlich nicht, du dämlicher Idiot! Warum, meinst du, rufe ich wohl an?! Verdammt..."

Richard schluckte, er konnte verstehen, dass Benny wütend war. Er gab sich auch selbst die Schuld an der Situation. Wäre er doch bloß nicht eingeschlafen! Jetzt war es zu spät und Cole könnte alles mögliche zugestoßen sein.

"Na gut...", hörte er Bennys metallene Stimme, "es gäbe da noch eine Option..."

Richard spürte, dass Benny im Begriff war aufzulegen.

"Halt, warte!! Sag mir bitte, wo er sein könnte! Ich will dir helfen, ihn zu suchen."

**

Das war bereits die fünfte Zigarette, die er nach seinem Erwachen illuminierte. Er genoss die Ruhe des frühen Morgens, die Wärme, die der fragile Körper neben ihm verströmte und inhalierte tief den Rauch, der seine Nerven wie immer entspannte.

Es gab Dinge, auf die man sich stets verlassen konnte.

Er streichelte selbstvergessen durch feines, blondes Haar, lauschte auf gleichmäßige Atemzüge und lächelte nachsichtig auf das schlafende Geschöpf in seinen Armen herab.

Der Junge schien schlimmen Liebeskummer zu haben. Er klammerte sich an ihn wie ein Ertrinkender um das rettende Stück Treibgut. Mrutzec beugte sich ein wenig zur Seite und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.

Langsam erwachte Cole leise seufzend. Sein Arm verließ die Brust, um die er sich geschlungen hatte, er fasste sich an die Stirn und murmelte Unverständliches. Als er in die Augen seines Bettgefährten sah, die verständnisvoll abwarteten, wandte er beschämt den Blick ab.

Schob sich weg von ihm.

Aber Sam ließ das nicht durchgehen, er rutschte wieder so dicht heran, dass zwischen ihre Körper kein Löschblatt Platz gefunden hätte, legte den Kopf auf Coles Schulter und liebkoste die zarte Haut mit seinen Lippen, nur gebend, nichts fordernd.

Der Junge zitterte wieder. Er streichelte ihn so lange, bis sich auch das wieder beruhigt hatte.

Und Sam die Frage wagen konnte.

"Wer ist Richard?"

Er klang weder anklagend, noch vorwurfsvoll, doch merkte er, wie Cole sich verkrampfte. Er konnte sein Gesicht nicht sehen, doch er wusste, dass sich dort Schmerz widerspiegelte.

Lange Zeit kam keine Antwort und Sam fand sich schon damit ab, niemals eine zu bekommen. Er driftete fort, sein Körper wollte schlafen, das nachholen, was ihm so lange verwährt blieb und das er nur bekam, wenn dieser Junge bei ihm war.

Coles Stimme drang leise an sein Ohr, kaum mehr als ein Flüstern.

"Ich glaube, er hätte sich in mich verlieben können, wenn ich kein Junge gewesen wäre..."

**

Richard starrte auf den Zettel in seiner Hand und blickte stirnrunzelnd auf die Hausnummer vor ihm. 304, wie Benny es ihm am Telefon gesagt hatte. Die Straße stimmte auch. Er zuckte die Schultern, dann würde die Adresse schon richtig sein.

Coles Bruder schien eine Abneigung gegen Richard zu haben, was ihn persönlich eigentlich nicht wunderte, sie hatten sich nie sonderlich verstanden und die Niederlage ihres letzten Spiels lag ihm wohl noch schwer auf der Brust.

Doch schließlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass Benny die letzten möglichen Aufenthaltsorte seines Bruders abklapperte, während Richard bei Coles ehemaligem Basketballtrainer vorbeischauen sollte.

Er wusste zwar nicht, was Cole ausgerechnet bei seinem Ex-Trainer wollte, aber Benny hatte sich in dieser Hinsicht sehr zuversichtlich angehört.

"Eigentlich kann er nur bei ihm sein."

Merkwürdigerweise gefiel dieser Gedanke Richard gar nicht. Bennys Stimme hatte einen merkwürdig wissenden Tonfall angenommen, als er diese Worte sagte.

Das Haus von diesem Trainer war riesig, zumindest erweckte es diesen Eindruck. Wohnte der ganz allein hier? Richard verglich den Namen auf seinem Zettel mit dem auf dem Namensschild an der Klingel. Sah identisch aus.

Mrutzec.

Unaussprechlich, Richard schüttelte den Kopf und betätigte die Klingel. Er wartete ziemlich lange und als nichts geschah, wiederholte er den Vorgang noch ein zweites Mal. Endlich wurde ihm aufgemacht.

Doch diesen Anblick hatte er nicht erwartet.

In der Tür stand ein großgewachsener Mann, schätzungsweise Mitte dreißig. Dunkles, struppiges Haar stand wirr von seinem Kopf ab. In seinem Mundwinkel hing lässig eine Zigarette, während schwarze Raubvogelaugen Richard abwartend musterten.

Am Leib trug dieser Mann nichts weiter als ein knappes Handtuch, welches um seine Hüfte geschlungen war. Der Knoten sah locker aus. Richard schluckte trocken und schüttelte wirsch den Kopf.

"Wer bist du?" murmelte Mrutzec trocken.

"Mein Name ist Richard Tozier, bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich suche Cole, er ist nicht zufällig hier?"

Richard beobachtete eine merkwürdige Wandlung im Gesicht des Trainers, denn als sein Name fiel, leuchteten die Augen schalkhaft auf und sein Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln, das fast selbstzufrieden wirkte.

"Ah, Richard, tritt nur ein. Ich hab schon viel von dir gehört!"


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Von bösen Handtüchern und garstigen Trollen

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Mrutzec trat mit einem süffisanten Grinsen beiseite und Richard folgte ihm in den dunklen Flur des Hauses.
Der Mann führte ihn in die Küche und bot ihm einen Platz am Esstisch an.

Richard spürte deutlich, dass seine Stirn sich in tiefe Falten legte, aber so sehr er es auch versuchte, er konnte einfach nicht anders, als diesem Mann mit tiefster Skepsis zu begegnen.

Ja, eigentlich fand er ihn in höchstem Maße unsympathisch. Er konnte ihn auf den Tod nicht leiden.

Warum war das so?

Nun, wahrscheinlich, weil er schon seit einer ganzen Weile auf die ersehnten Worte wartete: "Einen klitzekleinen Moment, bitte. Ich zieh mich nur schnell um!"

Aber Mrutzec dachte nicht im Traum daran, ihm diesen Gefallen zu tun. Im Gegenteil. Er turnte immer noch fröhlich mit seinem improvisierten Lendenschurz durch die Gegend und schien sich dabei nicht im Geringsten an Richards Gegenwart zu stören.

Und Richard erwischte sich beim Starren. Dagegen konnte er überhaupt nichts tun.

Denn da war ja nur dieses Handtuch. Dieses gemeine Handtuch. Eine falsche Bewegung und es würde Dinge offenbaren, an die Richard nicht zu denken wagte.

Er hoffte - Oh, er hoffte so sehr! -, dass dieses winzige Stückchen Stoff halten würde, was es versprach: Beständigkeit!

Er betete mit der Inbrunst eines kleinen Jungen, der sich zu Weihnachten das neueste Playstation Spiel wünschte, dass dieses verfluchte Handtuch wusste, wo sein Platz war. Und dort blieb.

Für immer. Und immer. Und immer.

"Möchtest du einen Kaffee?" fragte Mrutzec amüsiert.

"Kaffee?" erwiderte Richard.

"Mit Zucker? Oder schwarz? Ich hab auch Tee da, möchtest du lieber einen Tee trinken?"

Zu viele Fragen in einem Satz, befand Richard gedanklich, der sich ächzend den dicken Kopf rieb. Der Gedanke an Getränke, ganz gleich welcher Art, ließ ihm die Galle hochkommen, doch andererseits schrie seine Kehle nach Flüssigkeit.

Er hatte das typische Pappmaul nach einem Saufgelage. Und er wusste, was auch immer er trinken würde, es würde schal und unbefriedigend schmecken. Es sei denn, es handelte sich wieder um Alkohol. Dennoch nickte er ergeben.

"Ja, ein Tee wäre nett..."

Während Mrutzec sich bereits dem Herd zuwandte und nach dem Wasserkocher griff, um das wohlschmeckende Heißgetränk zuzubereiten, bemerkte Richard, dass er erneut dabei war, dem Mann auf den Unterleib zu starren.

Er rief sich selbst zur Ordnung. Energisch. So konnte das nicht weitergehen! Er sah sich um. Es musste doch etwas Interessanteres geben, dass es zu beobachten galt.

Nicht, dass Mrutzec noch auf die unglaublich blöde Idee kommen könnte, er würde auf seinen...

Oh mein Gott, nein!

Gut, aber was gab es hier zu sehen?

Eine tote Pflanze auf der Fensterbank. Dreckiges Geschirr im Spülbecken, dass geradezu nach Säuberung bettelte. Und eine Uhr in Form einer Katze, die im Sekundentakt die Augen und den Schwanz bewegte.

Schwupps! Da war es wieder: Das böse Handtuch.
Schlecht. Sehr schlecht. Die Uhr war besser. Ja, diese niedliche Uhr, oder die angeklebte Gabel auf dem Teller. Er könnte raten, was es vor schätzungsweise einem Monat wohl zu Essen gegeben hatte...

Schwupps! Böses Handtuch!

"Richard?"

Richards Kopf flog ruckartig in die Höhe. Er lief knallrot an. Er wusste, dass er gerade eben dabei erwischt worden war, wie er einem Mann auf den knapp bekleideten Unterleib gestiert hatte.

Diese Sache wäre längst nicht so schlimm gewesen, wenn Mrutzec Richards Namen nicht so lasziv ausgesprochen hätte. Als würden sie ein Geheimnis teilen. Nein, schlimmer noch, fast als hätten sie das Bett geteilt.

Bei dem Gedanken zog sich Richards Magen zusammen, er würgte trocken und räusperte sich.

Das Bett geteilt! Definitiv nicht!

Vieles verschwand in wabernden Nebeln, was den letzten Abend betraf, aber an SOWAS hätte sich Richard erinnert. Trotzdem...

Und warum zum Teufel versuchte er sich nun vor sich selbst zu rechtfertigen? Dieser Mann provoziert doch ein solches Verhalten!

Er lief doch hier halbnackt durch die Gegend!

"Was?"

"Der Tee..."

Mrutzec lächelte nachsichtig, stellte die dampfende Tasse vor ihm ab und setzte sich zu dem Jungen. Für das Hinsetzen war Richard sehr dankbar. Das leidige Thema des bösen Handtuchs war damit erst einmal vom Tisch.

Oder befand sich momentan eher darunter, wenn Richard es genauer betrachtete, was er ja eigentlich nicht mehr tun wollte.

"Richard..."

Oh, er mochte wirklich nicht die Art, wie dieser Mann seinen Namen aussprach!

Richards Nackenhaare stellten sich auf. Nervöser werdend stützte er das Kinn in die Handfläche und begann unbewusst seine kleine Narbe an der Oberlippe mit den Fingerkuppen abzutasten.

Es beruhigte ihn ein wenig. Doch dann stellte Mrutzec eine Frage, die ihn völlig aus dem Konzept brachte.

"...was willst du eigentlich hier?"

Schwarze Raubvogelaugen blitzten schalkhaft, als Richard sich nippender Weise an seinem Tee verschluckte. Er hustete kurz und klopfte sich mehrmals dabei auf die Brust, holte keuchend Luft.

Das war eine gute Frage! Was zum Teufel machte er eigentlich hier? Er wusste doch nicht einmal, ob Cole wirklich in diesem Haus gewesen war. Oder ob er sogar noch da war.

Und warum dieser Mann halbnackt durch die Gegend lief, wenn Gäste im Haus waren.

Wenn er es ganz genau nahm, wusste er nicht mal, ob dieser Mann wirklich Mrutzec war. Hatte er sich vorgestellt? Nein. Richard war einfach davon ausgegangen, dass er es mit dem Hausherren zu tun haben musste. Und wenn das nicht der Fall war?

Dann saß er hier jetzt mit einem perversen Fremden gemütlich am Küchentisch und trank mit ihm Tee.

Richards Blick glitt zur Fensterbank, auf der die vertrocknete Pflanze stand, schweifte über den ungewaschenen Berg an Geschirr, bemerkte ein verlassenes Spinnennetz an der Decke...

Ihm wurde nicht wirklich unheimlich, aber merkwürdig war die Situation schon. Wieder fiel ihm ein, dass er nicht so viel hätte trinken dürfen, dann wäre er vielleicht besser mit der Lage umgegangen. Er hatte Kopfschmerzen. Wo war Cole?

Tick, Tock, Tick, Tock. Böses Handtuch. Garstige Uhr. Tote Pflanze. Tick, Tock, Tick, Tock.

"Richard?"

"Hä?"

"Warum. Bist. Du. Hier?"

Verdammt! Mrutzec hatte seine Frage nicht vergessen!
Natürlich war er hier, um Cole zu finden, um ihm seine Sachen zu geben... und um ihn zu Fragen... ihn zu Fragen...

"Wegen Cole. Ich will ihm etwas wiedergeben. Und ich muss etwas von ihm wissen..."

**

Cole hatte die Klingel nicht gehört.

Kurz nachdem er das erste mal an diesem Morgen aufgewacht war, holte ihn der Schlaf bereits wieder ein und er schlummerte traumlos. Wie lange wusste er nicht.

Irgendwann merkte er, dass die angenehme Wärme neben ihm verschwunden war. Er tastete blind auf dem Bettlaken umher und kam zu dem Schluss, dass Sam bereits aufgestanden sein musste.

Der Junge streckte seine Glieder und gähnte herzhaft. Er wagte es, einen Fuß auf den Boden zu stellen, sog aber gleich zischend Luft ein. Er hatte wahnsinnigen Muskelkater.

Verstimmt rieb er sich die Kehrseite und murmelte einen leisen Fluch vor sich her.

Nach einer kurzen Dusche, schnappte er sich einfach nur ein Handtuch, welches er sich um die Hüften wickelte. Er empfand es in diesem Moment nicht als sonderlich notwendig, sich komplett anzukleiden.

Hier gab es nichts, was Sam nicht schon mal gesehen hätte.

Und umgekehrt.

Noch etwas verschlafen begab er sich die Treppen runter auf den Weg in die Küche.

**

Er musste wissen, wie Cole über den Kuss dachte.

Ob Cole noch an den Kuss dachte.

Denn Richard tat es.

Wenn er die Augen schloss und sich konzentrierte, spürte er wieder die sanfte Berührung ihrer Lippen, konnte den leicht süßlichen Geschmack auf seiner Zunge zu neuem Leben erwecken, fühlte unter seinen Fingern weiche Haut und seidiges Haar.

Und er wünschte sich, dass dieser Kuss unter anderen Umständen zustande gekommen wäre.

Sie hätten dabei allein sein sollen.

**

Und noch während Richard daran dachte, wie er diese Fragen, die ihm auf dem Herzen lagen, nur formulieren sollte, ertönte ein gedämpftes Stöhnen aus dem Flur.
Dann ein Ächzen.

Mrutzec hatte direkten Blick auf den überraschenden Neuankömmling, nicht so Richard, dem die Wand die Sicht versperrte.

Der Mann schmunzelte breit und schlug (zu Richards Entsetzen) die Beine übereinander, während er es sich im Stuhl bequemer machte und sich eine Zigarette anzündete.

Er sagte: "Na, endlich aufgestanden?"

"Scheiße, Sam! Kannst du das nächste mal ein bisschen vorsichtiger sein?! Das sag ich dir auch schon zum hundertsten Mal! Ich werde mindestens zwei Tage nicht richtig sitz..."

Cole blieben die Worte im Hals stecken, als er sah, mit wem sein Basketballtrainer da zusammen am Tisch saß. Sein Mund bildete ein perfektes, kreisrundes O, während sich seine Gesichtsfarbe dramatisch verdunkelte.

Er erstarrte einfach in der Mitte des Raumes und brachte keinen Ton mehr raus.

/Richie...!/

**

Richard traf vielmehr Coles Anblick als dessen Worte. Obgleich diese schon sehr aufschlussreich waren, übertraf das Äußere des blonden Jungen sie über die Maßen.

Denn Richard stellte nun trocken fest, dass Cole und Mrutzec eines gemeinsam hatten: Ihre Art, sich zu bekleiden.

Coles Handtuch war zwar etwas ausladender, doch nichtsdestotrotz ein verdammtes Handtuch. Ein weiteres hing um seine schmalen Schultern.

Er schien gerade der Dusche entstiegen, denn die blonden Haare tropften noch, benetzten die gebräunte Haut und rannen verführerisch über sein Gesicht, den Hals...

Richard fühlte sich an seinen letzten Traum von Cole erinnert.

Oh ja, er erinnerte sich plötzlich ausgezeichnet daran und kam nicht umhin festzustellen, dass dieser Anblick im echten Leben noch um einiges besser war, als seine träumerische Variante.

Moment mal, was dachte er hier eigentlich?!

Leiser Zorn stieg in ihm auf, den er sich nicht wirklich erklären konnte. Oder wollte. Langsam glaubte er tatsächlich daran, dass dies hier das Haus der Verdammnis war, der Vorhof zur Hölle und Mrutzec war in Wirklichkeit ein Troll.

Einer von der ganz gehässigen Sorte.

"Ach ja, Cole, sieh nur! Wir haben einen Gast!"

Mrutzec schenkte Richard ungefragt Rum in seinen Tee ein, von dem der Junge gar nicht wusste, wo der so plötzlich her kam. Zu allem Überfluss schob er Richard eine Schachtel entgegen.

"Zigarette?"

"Ich weiß..." nuschelte Richard mit düsterem Blick.

Mrutzec zuckte grinsend die Schultern, als wollte er sagen: "Dann nicht!"

Der Schwarzhaarige griff mit ausholendem Arm nach seiner Tasse und nahm einen großen Schluck von der alkoholischen Mischung. Er stellte fest, dass es gut war.

Oh ja, genau das, was er jetzt gebraucht hatte.

Und war das nicht immer das, was die Leute sagten? Wenn es einem nach einer versoffenen Nacht schlecht
ging, sollte man da aufhören, wo man angefangen hatte.

Na dann Prost!

Der böse Troll lächelte immer noch unerschütterlich, ja, ihn schien die Situation mehr als nur zu erheitern, er genoss sie regelrecht. Ganz im Gegensatz zu Cole, der weiterhin geradezu oscarreif das erstarrte Kaninchen mimte.

"Du kommst gerade richtig. Richie wollte vorhin erzählen, was er hier macht! Richie?"

Peinliche Stille setzte ein. Einzig das Ticken der fröhlichen Katzenuhr war zu hören. Richards Gehör fing den Schall überdeutlich auf.

Tick, Tock! Tick, Tock! Tick...!

"Ich gehe besser..."

Mrutzec machte ein betroffenes Gesicht.

"Nein, jetzt schon? Das ist aber schade! Es ist gerade so lustig! Bleib doch noch ein bisschen. Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du Cole doch etwas fragen?"

"Nein, wirklich... die Sache hat sich erledigt."

/Noch einen Moment länger in diesem Haus und ich dreh durch!/

Richard erhob sich betont langsam und als er an Cole vorbei ging, trafen sich für einen Moment ihre Blicke. Er zögerte kurz im Schritt, es sah aus, als wollte er doch noch etwas sagen, aber letztlich blieb er stumm, schüttelte leicht den Kopf.

/...die Sache hat sich erledigt.../

**

Das Geräusch der zufallenden Tür klang unglaublich entgültig.

Cole keuchte auf, er schluckte und starrte in die Richtung, in die Richard verschwunden war.

Sein Herz raste. Wieder sammelten sich Tränen in seinen Augen. Oh, das war nicht gut, das war überhaupt nicht gut, das war ein schlechter Traum!

"Scheiße..."

Wie um alles in der Welt kam Richie an diesen Ort, wo er ihn doch hier am allerwenigsten erwartet hatte? Wie war das möglich? Und warum musste er ausgerechnet gerade dann auftauchen, wenn die Situation mehr als offensichtlich war?

Was mochte er jetzt bloß von ihm denken?

Sam, der sein penetrantes Lächeln inzwischen verloren hatte, zündete sich eine weitere Zigarette an, um einmal tief zu inhalieren und geräuschvoll an seinem Tee zu schlürfen.

"Du hast mich benutzt, oder?"

Cole zuckte zusammen, aber nun wandte er sich wieder seinem Gastgeber zu, der ihn abwartend musterte und anscheinend wirklich auf eine Antwort lauerte.

Der Junge biss die Zähne zusammen. Er nickte, es hatte ja doch keinen Sinn es zu leugnen.

"Ja."

Wieder eine kurze Pause, die Sam auskostete, bevor er feststellte: "Du brauchtest Trost."

Cole zog schmerzlich die Augenbrauen zusammen, sein Mund war nur noch ein zusammengepresster, schmaler Strich in seinem Gesicht. Stumm fragte er sich, worauf Sam hinauswollte.

Und als hätte dieser seine Gedanken gelesen, tauchte auf wundersame Weise wieder sein selbstzufriedenes Lächeln auf, er leckte sich über die Lippen.

"Bist du noch traurig?"

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Zwei Stühle, eine Meinung

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Richards schlüssiges Denken hatte sich für einen Kurzurlaub ins Nimmerland verabschiedet. Sein Kopf war so vollgestopft mit Gedanken und offenen Fragen, dass es ihm unmöglich war, sich auf etwas Spezielles zu konzentrieren.

Das einzige klare Gefühl, das er in diesem Moment empfand und dessen er sich auch durchaus bewusst war, hieß Zorn.

Er rannte durch die Gegend wie Rumpelstilzchen und murmelte unbewusst die schlimmsten Flüche vor sich her, sodass ihm die Leute auf der Straße nur bereitwillig den Weg frei machten.

Als er zu Hause ankam erlebte er eine Überraschung, die ihn für einen kurzen Augenblick stocken ließ.

Er öffnete die Haustür und wäre fast über Mike gestolpert, der sich einen Klappstuhl genommen hatte und auf diesem im Eingang saß. Anscheinend hatte er hier auf ihn gewartet.

Seine Beine lässig überschlagen, einen Ellbogen übers Knie gelegt, rauchte Mike eine Zigarette und blickte Richard mit einer Mischung aus Gelassenheit und stummen Vorwurf entgegen.

"Das Haus ist jetzt sauber."

In seiner Rastlosigkeit fiel Richard nichts weiter ein als: "Ich hatte einen schrecklichen Tag, Mikey... bitte..."

Mike lachte heiser auf und schüttelte den Kopf. Er bekam sich fast nicht mehr ein. Da bemerkte Richard, dass sein bester Freund nicht besonders fit aussah. Er schien nicht eine Stunde geschlafen zu haben.

Noch immer trug er dieses Piratenkopftuch, das nun ein wenig verrutscht war. Seine Augen waren rot und etwas angeschwollen vom mangelnden Schlaf, aber ansonsten schien er absolut nüchtern und kein bisschen verkatert.

"Nein, Rich, nein... ich habe Sachen von Wänden abgekratzt, von denen ich nicht wissen möchte, was sie sind. Oder mal waren. Ich habe gesaugt, abgewaschen und aufgeräumt. Ich habe zusammengeknotete Menschenhaufen aus dem Ehebett deiner Eltern gescheucht... und übrigens auch aus dem alten Zimmer deiner Schwester..."

Richard runzelte die Stirn.

"Das ist völlig unmöglich, ich habe doch abgeschlossen..."

Ohne irgendeinen Kommentar deutete Mike zu seiner Rechten. Dort an der Wand hing ein kleines Schlüsselbord, welches fein säuberlich beschriftet war.

Über jedem Schlüssel standen so wertvolle Informationen wie: KELLER, SCHUPPEN, KÜCHE und auch SCHLAFZIMMER, sowie JESSY.

Richard sagte nichts mehr.

"...Rich, ich habe Dinge gesehen, die ich nie vergessen werde. Was meinst du, wie lange ich gesucht habe, um endlich den Staubsauger in diesem Haus zu finden? Hast du eine Ahnung, wie man dieses Gerät wirklich zweckentfremden kann? Ich dachte, ich wäre aufgeklärt, aber ich hatte ja nicht die geringste Vorstellung davon! Also sag mir bitte nicht, dass DU einen schrecklichen Tag hattest! Bitte! Sonst muss ich lachen..."

Richard hatte keine Lust mehr auf diese sinnlose Diskussion. Er war Mike dankbar, das war er wirklich und er hatte auch Verständnis für dessen Wut und Sarkasmus, doch im Augenblick war er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, er konnte und wollte sich jetzt nicht auch noch um die traumatischen Erlebnisse seines besten Freundes kümmern.

Er musste einordnen, was am Morgen eigentlich passiert war. Wovon er Zeuge geworden war. Er musste sich über seine Gefühle klar werden.

Er musste herausfinden, was da zwischen ihm und Cole war. Und da gab es etwas.

Die Frage war bloß, war dieses Etwas noch da? Oder war es im Begriff zu verschwinden?

Lohnte es sich, darum zu kämpfen?

Mit schnellen Schritten lief Richard ins Wohnzimmer und Mike folgte ihm bei Fuß, denn im Gehen ließ der aufgewühlte Junge einfach achtlos seine Jacke fallen, die Mike sofort wieder aufsammelte.

Fluchend, wo er doch gerade erst Ordnung in das Chaos gebracht hatte.

Das bemerkte Richard gar nicht. Er schaltete die Stereoanlage ein und suchte im CD-Ständer nach etwas, das laut und aufdringlich klang, bis er zu seiner Zufriedenheit Korn vorfand.

Sofort wurde die friedliche Stille im Haus mit einem dunklen Gitarrensolo ausgefüllt.

Er schmiss sich auf die Couch und vergrub sein Gesicht im Kissen. Irgendwann spürte er kraulende Finger in seinem Haar und er wusste, dass Mike immer noch bei ihm war.

Er war nicht nach Hause gegangen, wie er angenommen hatte.

Und Mike blieb noch eine ganze Weile länger, bis Richard seine Erlebnisse im Hause Mrutzec fertiggeschildert hatte.

**

Coles Gedankenwelt drehte sich nur um Richard.

Er konnte sich nicht mehr an eine Zeit erinnern, in der es je anders gewesen war. Und das war schlimm. Es war schlimm, weil er es nie so weit hatte kommen lassen wollen.

Er hatte so schnell wie möglich Sams Haus verlassen und befand sich nun auf dem Weg nach Hause. Die Sonne schien immer noch warm, doch ein kühler Wind wehte nun, vertrieb die schwüle Hitze.

Morgens war es schon relativ kühl.

Richard hatte Coles Habseligkeiten in einer Plastiktasche für ihn zurückgelassen. Sam hatte ihm diese noch in die Hand gedrückt, bevor er übereilt aus dem Haus gestürzt war.

An seine Sachen hatte er fast nicht mehr gedacht.

Immer ließ er alles liegen, was wichtig war.

Ein kurzer Blick auf sein Handy genügte und er sah, dass sein Bruder für ihn einige Kurznachrichten hinterlassen hatte. Cole seufzte. Benny würde schwer zu besänftigen sein.

Und erst seine Mutter. Er hatte überhaupt nicht erzählt, dass er über Nacht wegbleiben würde. Ehrlichgesagt hatte er ja auch nicht mehr damit gerechnet. Wie die Dinge sich immer überstürzen konnten war schon erstaunlich.

Dabei kam ihm seine Reaktion nun bei Tageslicht betrachtet nur noch dumm und kindisch vor. Er war einfach der Meinung gewesen, Besitzanspruch ergreifen zu müssen, wo er dazu überhaupt kein Recht hatte.

Die Wut über Richards Verrat war längst verraucht, vielmehr war er wütend über sich selbst.

Cole sah die Dinge nun viel klarer. Sicher hatten sie sich geküsst. Aber ein Kuss war eben nur ein Kuss, der nicht mal in trauter Zweisamkeit stattgefunden hatte, sondern zur Belustigung der Partygäste vor aller Augen.

Was bedeutete das schon?

Alkohol hatte sicher auch eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt. Und Richard war eben einer jener Menschen, die gerne jeden Spaß mitmachten. Sicher hatte er das auch von Cole gedacht.

Hatte er geglaubt, da wären Gefühle im Spiel gewesen?

Wie lächerlich, pures Wunschdenken, eine Projektion seiner eigenen Emotionen, die er einfach auf jede Geste des Schwarzhaarigen übertragen hatte.

Er hatte Gespenster gesehen, die rosarote Sonnenbrille nicht abgesetzt.

Deswegen machte er Richard keine Vorwürfe mehr. Es war sein gutes Recht, sich mit einem Mädchen zu vergnügen. Mein Gott, es war richtig, dass er sich mit einem Mädchen vergnügte.

Richard wusste doch von nichts, Richard dachte, sie wären Freunde. Sie waren sogar auf dem besten Weg gewesen, sehr gute Freunde zu werden. Und jetzt? Jetzt lag alles in Scherben vor ihm.

Cole hatte nicht die geringste Ahnung, wie er das Glas aufkehren konnte, ohne sich noch mehr daran zu verletzen.

Vielleicht war es sogar besser so. Vielleicht musste so etwas passieren, damit Cole endlich aus dieser pubertären Träumerei aufwachte und sich anderweitig orientierte.

Er musste ihn vergessen. Und das hatte er ja schon viel früher gewusst, nicht wahr?

Ja, das alles klang so vernünftig in seinen Augen und doch... Und doch quälte ihn die schlimmste Frage der Welt: Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn Cole nicht zu Richards Party gegangen wäre?

Was wäre, wenn er nicht so viel Alkohol getrunken hätte?

Was wäre, wenn sie sich nicht geküsst hätten?

Was wäre, wenn er in dieser Nacht nicht die Treppen hinaufgegangen wäre und die beiden zusammen in einem Bett gesehen hätte?

Was wäre, wenn...

"Bullshit..." fluchte Cole und zum ersten Mal glaubte er daran, dass Menschen durch solche gedanklichen Teufelskreise tatsächlich wahnsinnig werden konnten.

**

Als er die Haustür aufschloss, bekam er einen kleinen Schreck. Sein Bruder saß auf einem Küchenstuhl im Flur. Er kaute gemütlich an einer Salzstange und blickte dem Heimgekehrten gefährlich gelassen in die Augen.

"Du warst bei Richard?"

Cole schoss die Röte ins Gesicht. Benny wusste Bescheid, er hatte es herausgefunden. Auch das noch!

Der Blonde hatte vorgehabt, seinem Bruder lieber nichts von dem Partybesuch zu erzählen, wo er doch wusste, dass dieser absolut nicht gut auf Richard zu sprechen war.

"Ich hatte einen schrecklichen Tag, Benny... bitte..."

Benny lachte humorlos. Cole kam sich ziemlich dumm vor, er ballte die Hände zu Fäusten. Benny nahm ihn mal wieder nicht ernst. Dabei war ihm Momentan wirklich nicht nach kindischen Grundsatzdiskussionen.

Ihm war vielmehr nach sinnlosem Selbstmitleid, welchem er sich zurückgezogen in seinem Zimmer hingeben wollte. Ausgiebig.

"Nein, nein, Cole... nein. Du bist die ganze Nacht verschwunden ohne dich zu melden, Mama hat mir die Hölle heiß gemacht wegen dir und du kannst dich noch auf ein viel schöneres Gespräch mit ihr freuen, wenn sie von der Arbeit wiederkommt. Ich habe die halbe verdammte Scheißstadt nach dir abgesucht..."

"Es tut mir leid..."

"...und dich schätzungsweise einhundertmillionenmal angerufen. Ich habe dir SMS geschickt. Ich habe deine Bekannten angerufen und dann habe ich zur Abwechslung mal wieder dich angerufen. Öfter mal was Neues. Und - oh Wunder! - es wurde sogar abgenommen. So, nun rate mal, wen ich dran hatte..."

"Richie..." Cole schluckte trocken.

Benny stand nun von seinem Stuhl auf, die Hände in die Luft werfend. Er sah aus, wie ein Börsenmakler kurz vor Aktienschluss. Ziemlich aufgebracht. Ihm fehlte bloß noch das Head-Set.

/Verkaufen, verkaufen, alles verkaufen!!/

"Kain!" rief Benny kryptisch und zeigte mit dem Finger auf Cole. "Du hast schlimmsten Bruderverrat begangen!!
Wie konntest du mir das antun?! Ausgerechnet mit DEM?!"

Cole presste schmerzlich die Lippen aufeinander.
Tapfer kämpfte er gegen die Tränen an, die sich schon wieder einen Weg aus seinem Inneren bahnen wollten. Das war alles, was er jetzt noch gebraucht hatte.

Toll, er heulte schon wieder! Die Taschentuchfirmen dieser Welt würden ihm zu Ehren noch ein Denkmal setzen müssen.

Er drängte sich hastig an Benny vorbei und murmelte giftig: "Keine Sorge, diese Sache hat sich eh erledigt..."

Mit einem Knall wurde die Tür zu Coles Zimmer zugeworfen und wenig später vernahm Benny laute Musik, die gegen die Wände dröhnte.

Der Jüngere kratzte sich seufzend am Kopf und fuhr sich einmal durch die Haare, bevor er sich schließlich Eintritt zum Zimmer verschaffte und seinen Bruder dazu bewegen konnte, sich alles von der Seele zu reden.

**

Mike hatte nicht viel von dem verstanden, was sein Freund ihm erzählte. Aus Richards Gefasel von toten Pflanzen, tickenden Katzen und garstigen Trollen in bösen Handtüchern wurde er einfach nicht schlau.

Dennoch begriff er, dass die ganze Sache etwas mit Cole zu tun hatte und dass Richard darüber nicht froh war, weil es ihn sehr beschäftigte und ihm keine Ruhe mehr ließ.

Das schmerzte Mike. Es schmerzte ihn und er wusste nicht, warum.

Er dachte, dass er vielleicht mit seinem Freund fühlte, weil es ihm schlecht ging, aber tief in seinem Herzen wusste er, dass das nicht stimmte.

Tief in seinem Herzen lag eine andere Wahrheit verborgen, die er eifersüchtig hütete wie ein Pirat seinen schwer erbeuteten Schatz.

Eine Wahrheit, die er sich vielleicht niemals selbst eingestehen würde.

Und darum brachte er es auch nicht über sich, Richard von Coles überstürzter Flucht zu erzählen. Denn im Gegensatz zu seinem Freund wusste Mike ja, warum dieser blonde Störenfried abgehauen war.

Zumindest nahm er stark an, dass es wegen Audrey gewesen war.

Richard war eingeschlafen. Mike hatte ihn nur wenige Augenblicke allein gelassen, um für ihn etwas Trinkbares aus der Küche zu besorgen, doch als er wiederkam, schnarchte sein Freund bereits leise.

Mike seufzte. Auch er war müde. Für ihn war es längst Zeit, nach Hause zu gehen, denn auf ihn warteten eine Menge Aufgaben. Seine Eltern waren sicher schon wütend auf ihn, weil er so lange auf sich warten ließ.

Es ging doch in zwei Tagen los.

Davon hatte Mike Richard eigentlich schon lange erzählen wollen, doch nie hatte sich die passende Gelegenheit gefunden. Andauernd kam etwas dazwischen. Und meistens hatte das immer irgendwie mit Cole zu tun.

Aber er musste es ihm bald sagen.

Wie sollte er Richard das bloß beibringen?

Wann sollte er es ihm beibringen?

"Nur noch zwei Tage..." flüsterte er und schloss stöhnend die Augen, fuhr sich über das müde Gesicht.

Er kniete sich neben Richard und betrachtete den Schlafenden schweigend. Zaghaft und sehr vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, strich Mike ihm die schwarzen Haarsträhnen zurück.

Sie waren weich, so seidig weich.

Mike erlaubte sich einen kurzen Moment der Schwäche, beugte sich vor und ließ zu, dass sein Mund sacht Richards halbgeöffnete Lippen streifte.

Er schluckte, wich fast hastig wieder zurück. Ein bitteres Lächeln huschte über seine Züge.

"Ich werde dich vermissen, Rich..."