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Bitter Teil 9 bis 10

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Wo die Liebe hinfällt...

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Benny klopfte zweimal an die Zimmertür seines Bruders.
Er wartete einige Sekunden ab, aber wie er eigentlich schon erwartet hatte, gab Cole keine Reaktion von sich. Entschlossen drückte er die Türklinke nach unten und betrat den Raum.

Hier war es stockfinster. Die Vorhänge waren zugezogen und ließen somit kein Licht zu. Aus einer Ecke des Zimmers erklang eine klagende, weibliche Stimme, die von dramatischen Streichern und einem traurigen Klavier begleitet wurde.

Selbstmordmusik. Benny verdrehte die Augen und widmete seine Aufmerksamkeit dem Bett zu.

Sein Bruder hatte sich regelrecht unter all den Kissen und Decken vergraben. Nur sein Haarschopf lugte unter dem Stoff hervor. Benny griff nach einer der Decken und zog sie unbarmherzig weg. Sofort wirbelte Cole fauchend herum.

"Was soll das?! Lass mich in Ruhe!"

Benny verzog den Mund. "Ich denk nicht dran."

Er kniete sich vor dem Bett nieder und betrachtete genau Coles aufgebrachtes Gesicht. Seine Augen waren ganz rot und angeschwollen vom vielen Weinen in der vergangenen Nacht. Benny schüttelte den Kopf.

"Ehrlich, Cole, so geht das nicht weiter. Du kannst doch nicht den ganzen Tag hier drin liegen und wegen einem Kerl rumflennen!"

Cole schnaubte wütend. "Und wie ich das kann! Siehst du doch! Was weißt du denn schon? Du hast keine Ahnung, wie ich mich fühle!"

Die Stimme seines großen Bruders begann schon wieder weinerlich zu werden. Benny musste ihm recht geben, er wusste absolut nicht, wie man sich so den Kopf um einen Jungen zerbrechen konnte. Dafür wusste er andere Dinge um so besser.

"Hör mal, ich weiß ja, dass du enttäuscht bist und sauer und dieses ganze Programm, okay? Aber das hier ist nicht gut. Wie hältst du bloß diese Musik aus, ohne dich gleich aus dem Fenster zu werfen?"

Cole schniefte einmal auf. "Das ist sehr schön. Mir ist jetzt danach. Und nun lass mich in Ruhe! Ich will allein sein!"

Damit zog er sich ein Kissen über den Kopf und rollte sich von Benny weg, aber der gab nicht so schnell auf. Er setzte sich zu ihm und legte eine Hand auf die Schulter seines Bruders.

"Ich begreife nicht, dass du dich so runterziehen lässt. Rich ist eh ein blöder Sack, ich konnte ihn noch nie leiden. Hab ich dir das nicht gleich gesagt?
Und wenn er lieber mit dieser Zicke zusammen ist, als mit dir, dann... tja, dann weiß der Typ ganz offenbar nicht, was er verpasst!"

Zaghaft drehte Cole sich wieder um und blickte Benny mit einer Mischung aus Unsicherheit und Trotz entgegen. Er wollte ihm anscheinend nicht so recht glauben, aber Benny meinte es todernst.

Er beugte sich vor und wischte Cole die letzten Tränenspuren von der Wange. Er musste schief lächeln, denn irgendwie war die Situation ein bisschen verdreht. Benny war zwei Jahre jünger als sein Bruder, eigentlich müsste er derjenige sein, der in den Arm genommen und getröstet werden sollte.

"Echt jetzt! Lass dich von dem nicht so fertig machen. Der ist keinen Schuss Pulver wert."

Aufmunternd strich er Cole durch die Haare. Der wiederum schob Bennys Hand beiseite und schien wirklich einen Augenblick über dessen Worte nachzudenken. Dann nickte er leicht.

"Vielleicht hast du sogar recht, aber das macht es nicht besser, verstehst du?"

Benny lächelte. Natürlich war das kein Trost, aber es entsprach der Wahrheit. Und die war ja bekanntlich nicht immer erfreulich. Stille breitete sich zwischen ihnen aus, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.

Als schließlich auch die Musik endete, sagte Benny: "Heute ist das Rückspiel, Cole. Ich habe bereits allen Bescheid gegeben. Auch ihm."

Cole sah seinen Bruder mit wachsender Erkenntnis an. Ein breites Grinsen antwortete ihm.

"Machst du mit? Du musst mitmachen. Eine gute Gelegenheit, dem Blödmann eins auszuwischen! Na? Was sagst du?"

**

Wie hatte er sich nur dazu überreden lassen? Das war eine dumme Idee. Das war eine ausgesprochen saublöde Idee. Das ging doch niemals gut! Aber nun war es sowieso zu spät. Und wie würde das aussehen, wenn er nicht mitmachen würde?

Scheiß Stolz. Verdammtes Ehrgefühl. Er war ein Sportsmann und wenn diese Verlierer eben noch mal eine Niederlage einstecken wollten, konnte ihm das doch nur recht sein! Trotzdem wollte er sich nicht wirklich darüber freuen.

Richard grummelte leise vor sich hin, während er aus dem Küchenfenster starrte und desinteressiert in seinen Cornflakes stocherte. Seine Schwester hantierte gerade am Kühlschrank rum und er fragte sich schon, was sie da trieb, dass sie so einen Krach veranstaltete, aber ihm war es zu müßig, da verbal nachzuhaken, geschweige denn sich einfach umzudrehen und nachzugucken.

Wieder seufzte er tief und langgezogen.

"Sag mal, was ist eigentlich mit dir los, Rich?"

Jessy klang besorgt, aber irgendwie wollte Richard das nicht honorieren, nachdem sie ihm noch vor einer Stunde die Hölle heißgemacht hatte. Durch eine Freundin hatte sie erfahren, dass er eine Party in ihrem Elternhaus gegeben hatte.

Prompt stand sie auch gleich vor der Tür und musste große Reden schwingen, von wegen, er könne froh sein, dass nichts weiter passiert sei und sie ihn nicht verpetzen würde.

Und wenn schon? War ja nichts los gewesen. Im Gegenteil, es ist nicht mal viel kaputt gegangen. Zumindest nichts teureres als ein paar alte Gläser. Wo lag das Problem? Der Abend war auch sehr nett gewesen, oh ja. Er bereute nichts. Sollten seine Eltern doch davon erfahren.

Aber dann tauchte das wutverzerrte Gesicht seiner Mutter vor seinem geistigen Auge auf.

Okay, wenn er es genauer betrachtete, sollten sie lieber nichts darüber erfahren.

Richard antwortete seiner Schwester mit einem vielsagenden Schnaufen und schob sich lustlos den Löffel in den Mund. Jessy trat näher, bis sie direkt neben ihrem Bruder stand. Sie beugte sich vor, sodass sie ihm in die Augen blicken konnte und schmunzelte.

"Dass ich das noch erleben darf! Richard Tozier, mein kleiner Bruder, mein harter Obermacho, hat Liebeskummer!"

Mit einem lauten Prusten verteilten sich Milch und Flakes an die gegenüberliegende Fensterscheibe. Jessy hob überrascht eine Augenbraue, während Richard sich hustend wieder einkriegte.

Liebeskummer? Wie bitte? Weswegen denn? Dazu bestand doch gar kein Grund! Richard lachte auf. Schon komisch, auf was für verrückte Ideen seine Schwester da kam. Tss, Liebeskummer! Soweit kam das gerade noch!

Na gut, er war ein bisschen verwirrt zur Zeit, aber das hatte nun gar nichts mit Liebe zu tun. Das war Coles Schuld. Ganz alleine. Der Typ spukte ihm im Kopf rum. Und das nicht erst seit dem Kuss.

Richard errötete. Ach ja, da war ja dieser Kuss gewesen... und dieser - zugegebenermaßen sehr erregende - Traum... und gut, hier und da hatte er auch an den Jungen denken müssen, aber deswegen... deswegen... was redet seine Schwester denn da?

"Quatsch! Ich habe keinen Liebeskummer!"

"So?" Jessy grinste immer noch breit und deutete auf die Schweinerei, die Richard an der Fensterscheibe hinterlassen hatte.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stampfte der Junge aus der Küche und begab sich marschierend in sein Zimmer. Die Rufe seiner Schwester ignorierte er geflissentlich. Blöde Ziege.

Ihm ging es bestens! Einfach wunderbar! Und in wenigen Stunden würde er endlich mal wieder raus aufs Basketballfeld gehen und diesen Losern, die einfach nicht aufgeben wollten, richtig den Arsch aufreißen.

Weil er da Lust zu hatte. Weil er es konnte.

Nicht, weil er sich wegen eines Jungen, den er kaum kannte, so viele Gedanken machte, dass er sich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte.

Ha, lächerlich!

Richard erreichte sein Zimmer, knallte die Tür hinter sich zu (was er als sehr befriedigend empfand), suchte sich eine schöne Krach-CD aus und drehte die Anlage auf. Es lebe die moderne Technik und vor allem seine ausgezeichneten Stereo-Boxen!

Er schmiss sich auf sein Bett und seufzte tief ins Kissen hinein.

Nein, er hatte keinen Liebeskummer. Dieser Kuss auf der Party, okay, das hatte ihn umgehauen, denn er hatte ihn zu dem unmittelbaren Zeitpunkt als ausgesprochen... angenehm in Erinnerung. Fast... schön.

Vorsichtig tasteten Richards Finger seine Lippen entlang. Er schloss die Augen und sein Atem zitterte etwas.

Und ja, er hatte Cole davon erzählen wollen. Aber nur, weil er wissen wollte, wie der darüber dachte. Nicht, weil er sich in irgendeiner Art und Weise... in seiner Meinung bestätigt fühlen wollte.

"Scheiße..."

Mrutzec.

Allein dieser Name löste Würgkrämpfe der übelsten Sorte bei Richard aus. Er konnte diesen Mann nicht ertragen. Er hatte die beiden zusammen gesehen und er hatte sie beide nicht ertragen können. Die Situation war ja nun mehr als offensichtlich gewesen.

Oder?

Und er hatte sich noch Sorgen um ihn gemacht. Hatte alles mögliche vermutet, aber nicht, dass Cole sich bei seinem... seinem...

Richard war nicht in der Lage, diesen Gedanken weiter auszuführen. Er fürchtete sich vor seiner Phantasie.

Aber wie auch immer. Um 18:00 Uhr verlangte Benny, Coles Bruder, eine Revange für das letzte Spiel. Er wollte sich den Platz zurückerkämpfen und Richard hatte zugesagt. Warum auch nicht?

Sie hatten keine Chance.

Ihm machte anderes mehr Sorgen. Denn Cole würde auch mitspielen. Wie sollte er ihm nur in die Augen sehen?

Zittrig entließ Richard den Sauerstoff aus seinen Lungen und starrte an die Zimmerdecke. Er schloss schmerzlich die Augen und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht.

"Cole..."

Warum nur fühlte er sich betrogen?

**

Am frühen Nachmittag schien die Sonne noch ungetrübt.
Je später es allerdings wurde, desto mehr Wolken zogen auf. Weiter im Westen verdunkelten diese sich zusehends. Hinzu kam ein schneidender Wind, der das Laub auf den Bäumen zum Rascheln brachte.

Gegen 16:30 Uhr schließlich begann es zu Regnen. Die Luft knisterte vor elektrischer Ladung und weit entfernt war ein dunkles Grollen zu vernehmen. Alles deutete auf ein letztes, großes Sommergewitter hin, welches ihnen das Spiel im Freien verderben würde.

Aber genau für diesen Fall hatte Benny noch ein Ass im Ärmel.

Er wollte dieses Match. Er wollte diese Chance und er wollte sie jetzt. Nicht morgen, nicht in einer Woche, nicht in einem Monat - jetzt. Er konnte nicht mehr warten.

Wochenlang hatte er mit seinen Jungs dafür trainiert und nun schien er sich sicher zu sein. Sie hatten den nötigen Kampfgeist und sie waren stärker geworden. Es musste an diesem Tag sein. Wer wusste schon, was später war?

Der Guss wurde immer schlimmer. Bennys Blick verdüsterte sich mit jedem Liter pro Quadratmeter mehr. Es sah nicht so aus, als ob der Regen in nächster Zeit nachlassen würde. Aber das machte nichts.

Sein Trumpf hieß Mrutzec. Sein Trumpf war immerhin Basketball Trainer des hiesigen Vereins. Sein Trumpf führte eine enge Beziehung zu seinem Bruder Cole. Zumindest war das mal eine zeitlang so.

Mrutzec besaß den Schlüssel zu den Turnhallen und darauf baute Benny. Connections musste man haben. Und schließlich brauchte er gar nicht lange mit dem Mann zu sprechen. Tatsächlich ließ er sich ziemlich schnell davon überzeugen, dass sie die Sporthalle brauchten.

Nichts auf der Welt würde Benny von diesem Spiel abhalten. Nicht einmal so etwas wie ein Unwetter. Wo die Schlacht geschlagen wurde, war im Grunde doch ziemlich egal, nicht wahr?

Ein siegessicheres Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus.

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Das Rückspiel
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"Davon hast du mir nichts erzählt!" zischte Cole außer sich.

Benny zuckte unbeeindruckt die Schultern, während er in seinem Rucksack nach seinen Sportsachen kramte. Seine Mitstreiter wechselten besorgte Blicke, als sie Coles Wutausbruch mitanhörten.

"Was hattest du denn gedacht? Natürlich ist er hier, oder glaubst du im Ernst, er lässt uns in die Halle, ohne dabei einen Blick auf uns zu haben?"

"Scheiße!"

Cole fand das überhaupt nicht witzig. Dass er auf Richard treffen würde, ja, damit hatte er gerechnet.
Es war auch einer der Gründe, warum er mitspielte.
Aber musste ausgerechnet Mrutzec mit dabei sein?

Die beiden? Zusammen? Das war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Die peinliche Begegnung am Vortag lag noch allzu deutlich vor seinen Augen. Doch letztlich hatte sein Bruder recht, das musste er einsehen.

Na klasse. Er hatte keine Lust sich mit Sam auseinander zu setzen. Nicht jetzt schon. Das war zu frisch, er hatte es noch nicht verdaut. Nichtsdestotrotz begann auch er sich umzuziehen.

Cole beobachtete seinen Bruder mürrisch. Der war dabei mit seinen Freunden, die auch das letzte Mal das Spiel bestritten hatten, rumzuwitzeln. Diese gute Laune machte ihn rasend. Klar, die hatten gut Lachen.

Mrutzec wartete bereits in der Halle auf sie, bevor sie ankamen. Cole erinnerte sich genau, ein selbstzufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben, als er sie empfangen hatte. Er selbst hatte es vermieden, dem Mann ins Gesicht zu sehen.

Warum tat er das für sie? Warum ließ er sie hier spielen? Verfolgte er irgendwelche Hintergedanken?
Erhoffte Sam sich irgendetwas? Dachte dieser Kerl womöglich, dass Cole sich aus Dank noch einmal mit ihm einlassen würde?

Wenn ja, dann hatte er sich geschnitten. Aber gewaltig. Das letztens, das war ein Ausrutscher gewesen, nichts weiter. Er war schwach gewesen, hatte sich hinreißen lassen. Das passierte ihm nicht noch einmal.

Ganz sicher nicht.

Inzwischen waren die Jungen umgezogen und bereit. Alles was fehlte, war Richard und seine Bande. Die hatten noch Zeit, um genau zu sein ganze zwanzig Minuten. Widerwillig verließ Cole mit seiner Mannschaft die Umkleidekabinen.

Warum, wozu machte er dieses Theater hier eigentlich mit? Das musste er sich doch nicht antun. Benny hatte eine Art an sich, die es ihm unmöglich machte, ihm irgendetwas abzuschlagen. Doch das hier grenzte an Masochismus.

Richard und Sam. Sam und Richard.

Cole stöhnte leidlich und knetete sich die Augenpartien. Verdammt, er musste endlich aufhören, sich so gehen zu lassen. Er würde dieses Spiel hier irgendwie überstehen. Danach brauchte er keinen von beiden je wiedersehen.

Auch dieser Gedanke erzielte nicht die gewünschte Wirkung.

Aber schließlich siegte Coles Trotz einmal mehr. Warum sollte er Richard gegenüber eigentlich ein schlechtes Gewissen haben? Er war doch derjenige gewesen, der sich mit einem Mädchen verzogen hatte.

Und es war ja schließlich nicht so, dass jemals etwas zwischen ihnen gewesen war. Da war ja nicht mal ein Kuss passiert. Cole zählte ganz bewusst den von Richards Party nicht dazu.

Nein, der... der geschah aus einer Verpflichtung heraus, nicht weil... weil er es gewollt hatte.

"Hey, warum so niedergeschlagen?"

Cole hörte das schiefe Lächeln geradezu aus der bekannten Stimme heraus, ohne es direkt sehen zu müssen. Augenverdrehend wandte er sich um und stand Mrutzec gegenüber. Er fand es unsinnig, auf diese überflüssige Frage eine Antwort an ihn zu verschwenden.

Während sich Benny und seine Freunde bereits aufwärmten und einige Runden in der Halle liefen, stand Cole mit Sam etwas abseits vom Geschehen, sodass sie keiner besonders beachtete, geschweige denn verstand, worum es bei ihrem Gespräch ging.

"Nett von dir, dass du uns in die Halle gelassen hast", murmelte Cole mit ironischem Unterton. Doch wie immer ließ sich Mrutzec nicht davon aus der Fassung bringen.

"Meinem ehemals besten Vereinsmitglied kann ich einfach keinen Wunsch abschlagen."

/Wie bitte?/

Coles Blick fing augenblicklich Benny ein. Wütend ballte er die Fäuste. Hatte er also einfach behauptet, dass es Coles Wunsch gewesen sei, in die Halle zu dürfen?! Unglaublich!

Aber es erklärte einiges.

"Ah!" Mrutzec legte vertraulich einen Arm um Coles Schultern und beugte sich zu ihm runter. "Sieht so aus, als wären eure Gegner eingetroffen!"

**

Verdammter Regen!

Richard war nass bis auf die Knochen, ehe er den Unterstand der Turnhalle erreichte. Seinen Freunden erging es nicht anders. Mike fluchte ungehalten. Ihn hatte Richard nur schwer überreden können, an dem Spiel teilzunehmen.

Mike hatte rumgedruckst und irgendwas gefaselt, von wegen, es passe ihm gerade nicht so gut.

Als würde Richard im Moment so einiges passen! Er hatte keine Ausrede gelten lassen und sie alle zusammengetrommelt. Und tatsächlich waren auch alle gekommen, wie er zufrieden feststellte.

Der Eingang zur Halle war zum Glück nicht verschlossen, so wie es schien, waren die anderen bereits da. Auch gut. Er riskierte einen raschen Blick auf die Uhr, aber sie waren noch nicht zu spät dran.

Richard hätte es nicht zugegeben, wenn man ihn gefragt hätte, aber er war nervös. Aufgeregt. Ständig schweiften seine Augen unruhig hin und her, als suchte er etwas.

Mikes prüfende Blicke bemerkte er nicht.

Nachdem sie sich eilig abgetrocknet und umgezogen hatten, traten sie auch geschlossen aufs Feld. Und das erste, was Richard sofort ins Auge fiel, waren Cole und Mrutzec.

Richards Herz verkrampfte sich schmerzlich. Abschätzig bemerkte er den Arm des Mannes, der um Coles Schultern lag. Er knurrte etwas Unverständliches. Am liebsten wäre er...

Ja, was würde er am liebsten tun? Richard schüttelte den Gedanken ab, wütend über sich selbst. Was war das, was hatte er nur? Warum war er nur so aufgebracht? Was ging ihn Coles Verhältnis zu diesem primitiven Höhlentroll eigentlich an? Konnte ihm doch egal sein!

Plötzlich hob Mrutzec seine Augen in Richards Richtung und ihre Blicke trafen sich. Ein wissendes Lächeln huschte über die Züge des Mannes. Errötend wandte sich Richard ab.

/Ertappt!/

Das Wort hallte grundlos in seinem Kopf wider, überschlug sich, machte ihn wahnsinnig. Entschlossen drehte er sich zu seinen Kameraden um.

"Ich will dieses Spiel gewinnen, habt ihr mich verstanden? Es ist mir scheißegal, wie. Ich kann nicht verlieren."

**

Mike war Richards Verhalten zuwider.

Der Typ benahm sich, als würde ihr Leben von diesem dusseligen Spiel abhängen. Dabei ging es ihm persönlich am Arsch vorbei, ob sie hier als Sieger oder Verlierer vom Platz zogen.

Es ging ihn sowieso nichts mehr an, berührte ihn nicht.

Viel lieber hätte er Richard endlich mal erklärt, dass er kurz vor seinem Auszug stand. Und wiedereinmal kam ihm sein verhasster Erzfeind dazwischen. Mike musterte Cole voll Unmut und Resignation.

Doch wenn er ehrlich war, hatte er sich diese Situation selbst zuzuschreiben. Hätte er nur wirklich gewollt, dann hätte er Richard schon viel früher davon erzählen können. Er hatte einfach nie den Mut dazu gehabt, es immer vor sich her geschoben.

Aus dem einfachen Grund, weil er befürchtete, dass es seinen besten Freund nicht interessieren könnte, es ihm völlig egal wäre, dass er aus der Stadt zog. Weit weg. So weit, dass sie sich sicher nicht mehr regelmäßig sehen konnten.

Wie kam er nur auf solche Gedanken? War er nicht gerade ein bisschen unfair?

Mike riskierte einen raschen Seitenblick und verzog sogleich den Mund. Nein, er sah das schon ganz richtig. Richard hatte nur noch diesen Jungen im Kopf. Seine Augen klebten permanent an ihm. Merkte er das selbst nicht?

Merkte er nicht, dass alle anderen es bemerkten?

Selbst Stan und Chris, die wahrlich nicht die allerklügsten waren und sogar einem Eisblock Konkurrenz machten, erkannten, dass es hier nicht nur um diesen dämlichen Platz ging.

Das war ein persönlicher Rachefeldzug, in den sie einfach hineingezogen wurden. Ob sie nun wollten oder nicht.

Richard würde sie für eine Niederlage verantwortlich machen.

**

Das Spiel lief erst seit 15 Minuten, trotzdem fühlte Cole sich schlapp und ausgepowert. Er wusste auch, woran das lag. Keinen Meter von ihm entfernt stand Richard, der ebenfalls schwerer atmete, obwohl er nicht ganz so angeschlagen zu sein schien, wie Cole selbst.

Der Junge schnaufte wütend, funkelte unbemerkt seinen Gegner an. Seit der letzten viertel Stunde hatte Richard nichts besseres zu tun gehabt, als ihn zu decken und zwar so hartnäckig, dass er keine Chance hatte, an den Ball zu kommen, egal wie sehr er auch versuchte, sich freizulaufen.

Diesmal war er Benny wirklich keine große Hilfe.

Selbst wenn Richards Mannschaft in den Angriff ging, wich er keinen Schritt von seiner Seite, trotzdem
legte er eine Aggressivität an den Tag, die Cole noch von ihrer ersten Begegnung her kannte.

Da ergab sich endlich eine Gelegenheit, etwas zog Richards Blick auf sich. Cole hörte auch eine weibliche Stimme rufen, zog irritiert die Augenbrauen zusammen, aber er ignorierte die Störung und nutzte die Gelegenheit.

Zum Glück hatte Benny anscheinend auch auf so einen günstigen Augenblick gewartet. Kaum dass Cole sich aus Richards Eingriffsbereich entfernt hatte, warf er einen scharfen Pass zu seinem Bruder und preschte nach vorne.

Cole zog mit Mühe nach. Er rechnete fest damit, Richard im Nacken zu haben und so beeilte er sich noch einmal mehr. Plötzlich tauchte das feuerrote Gesicht von Chris vor ihm auf, der debil vor sich hingrinste. Er schnappte mit einem viel zu langen Arm nach dem Ball.

Cole brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu reagieren. Noch bevor fremde Finger den Ball berühren konnten, hatte er eine halbe Drehung nach links absolviert und das begehrte Objekt mit einer schnellen Armbewegung Benny überlassen.

Der grinste überlegen, denn niemand aus der gegnerischen Mannschaft hielt es momentan für nötig, den Korb vor Angriffen zu schützen. Spielerisch, fast nachlässig, ging der Ball durchs Netz.

2:1

/Yes!/

Es sah gar nicht mal so schlecht für sie aus. Nicht einmal Richard hatte sich ihnen in den Weg gestellt, wo er doch sonst mit Vorliebe im letzten Moment auftauchte, um ihre Hoffnungen zu zerstreuen. Doch diesmal... da stimmte was nicht.

Cole drehte sich um. Richard stand immer noch am anderen Ende der Halle. Er starrte die Tribüne hinauf und sagte etwas. Der blonde Junge folgte seinem Blick und entdeckte eine große Überraschung.

Ein Mädchen beugte sich über das Eisengeländer und winkte frech den Spielern zu. Es war Audrey.

Ein schriller Pfeifton verkündete die Halbzeit.

**

"Scheiße..." murmelte Richard augenverdrehend. "Woher weiß die denn, dass wir heute hier spielen?"

Mike sagte nichts. Er nahm einige große Schlücke von seinem Wasser und wischte sich mit einer fahrigen Bewegung den Schweiß von der Stirn. Da ertönte erneut Audreys grelles Lachen und Mikes Mundwinkel kräuselten sich zu einem schiefen Lächeln.

Das Mädchen stürmte durch die Halle auf die Jungs zu, vor allem aber auf Richard, der beschwichtigend die Arme hob und sich peinlich berührt umblickte. Das schien Audrey nicht zu bemerken oder sie ignorierte die abweisende Haltung einfach, wie sie es meistens tat.

Fröhlich verteilte sie Handtücher an Stan und Chris, auch Mike und Eddie bekamen eins ab, nur Richard nicht. Zumindest nicht direkt. Audrey empfand es als ihre persönliche Pflicht (und ihr eigenes Vergnügen), dem Jungen selbst das Gesicht abzutupfen.

"Aud, bitte!" Richard nahm ihr das Handtuch weg. "Ich bin doch kein Baby!"

Das Mädchen schmollte, lächelte aber gleich darauf wieder und wich ihm die nächsten vier Minuten nicht von der Seite.

Mikes Blick fiel auf Cole, der nah bei Herrn Mrutzec stand und starr in ihre Richtung schielte. Als er jedoch merkte, dass er gesehen wurde, wandte er schnell die Augen ab und drehte sich weg.

Der Trainer flüsterte dem Jungen etwas ins Ohr, woraufhin sich dessen Gesicht nur noch mehr versteinerte.

Das schiefe Lächeln wurde immer breiter, bis Mike schließlich Zähne zeigte und offen grinste. Mit einem zufriedenen Summen stellte er für sich fest, dass es eine fantastische Idee gewesen war, Audrey Bescheid zu geben.

**

"Blöde Tucke..." knurrte Cole.

Dieses Mädchen war unerträglich. Allein wie sie sich an Richard schmiegte, ihm im Gesicht rumfummelte, andauernd Körperkontakt zu ihm suchte. Nie in seinem Leben hatte Cole etwas aufdringlicheres gesehen.

Und Richard schien das überhaupt nichts auszumachen, er ließ sich alles gefallen. Die beiden nicht zu beobachten, erwies sich als ein schier unmögliches Unterfangen, obwohl Cole sich selbst dafür hasste.

Schließlich hatte er Richard doch aufgegeben. Es sollte ihn nicht die Bohne interessieren, was die beiden in aller Öffentlichkeit veranstalteten. Für einen kurzen Moment trat schließlich Mike in sein Blickfeld.

Er lächelte. War das zu fassen? Dieser Kerl lächelte ihm überlegen zu! Ja, fast schon schadenfroh! Cole zischte einen Fluch und wandte sich ab. Das alles schien den Typen ja ungemein zu erheitern.

Sams warmer Atem streifte Coles Ohr, als dieser vertraulich flüsterte: "Erwartet deine Mutter dich heute eigentlich früh zurück?" Wie zufällig berührten seine Fingerspitzen die Hüften des Jungen. "Diese Gemeinschaftsduschen hier sind ein Traum, wie du dich vielleicht noch erinnerst..."

Cole blickte den Raubvogelaugen gelassen entgegen, als er mit einer abwertenden Handbewegung Sams Finger beiseite fegte und ausdruckslos empfahl: "Leck mich."

Mrutzec lächelte amüsiert.

"Aber Liebling, doch nicht jetzt!"

**

Seit zehn Minuten war das Match wieder in vollem Gange, nur war ein richtiges Zusammenspiel nicht möglich. Cole und Richard faulten sich dermaßen häufig, dass Mrutzec (der den Part des Schiedsrichters übernommen hatte) aus dem Pfeifen gar nicht mehr raus kam.

Benny beobachtete das Ganze nun schon seit einer geraumen Weile. Zuerst war Richard derjenige gewesen, der hier und da mal einen Ellbogen ausgefahren hatte, aber lange hatte sich Cole das nicht gefallen lassen. Sie schenkten sich nichts.

Es wurde nicht besser. Benny warf seinem Bruder einen Pass zu, den Cole auch fing, aber kaum berührten seine Finger den Ball, wurde er übel von Richard angerempelt, sodass er stolperte und beinahe hinfiel.

"Verdammt, was soll das?!"

Wütend schmiss Cole den Ball zur Seite und stampfte mit geballten Fäusten auf Richard zu, aber der wich nicht einen Zentimeter vor dem kleineren Jungen zurück. Völlig unbeeindruckt blickte er von oben auf ihn herab.

"Ist irgendwas?"

"Allerdings! Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?!"

Cole schrie die gesamte Halle zusammen, aber das war einer dieser Momente im Leben, in denen man sich erst im Nachhinein Sorgen um seinen Ton machte. Jetzt zu diesem Zeitpunkt war er einfach nur sehr, sehr wütend und furchtbar gereizt.

Während dieser Szene lag das Spiel brach, jeder beobachtete die beiden gespannt und mehr oder weniger amüsiert. Selbst Mrutzec machte keine Anstalten, die Situation zu retten. Ein belustigtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.

Warum sollte er auch? Jetzt noch eine Tüte Popcorn, ein kühles Bierchen und sein Sofa. Das versprach interessant zu werden!

Cole wartete noch immer auf eine Antwort, doch er bekam keine. Stattdessen bedachte Richard ihn mit einem schwer deutbaren Blick. Genervt? Sauer? Oh ja, sauer war Cole auch, aber Hossa! Warum bekam der Kerl den Mund denn nicht auf?

Irgendwo hinter ihm rief eine quengelige Mädchenstimme: "Hey, was ist denn los da unten? Geht's noch mal weiter heute? Richard!"

Richard blinzelte irritiert, wandte seine Aufmerksamkeit dem Mädchen auf der Tribüne zu und lächelte plötzlich freundlich. Cole schnappte verletzt nach Luft, starrte fassungslos auf sein Gegenüber, das ihn vollkommen ignorierte.

"Wenn sich die Diva endlich beruhigt hat, könnte das Spiel auch weitergehen, Aud."

KNACK!

Diva.

Coles Gehirn verarbeitete diesen Begriff langsam, aber gründlich. Mit klammen Händen arbeitete sich sein Zorn einen Weg durch seinen Körper, kroch durch sämtliche Adern, erreichte jeden Winkel, bis er von diesem einzigen Gefühl ausgefüllt und beherrscht wurde.

Diva...

Ihm hatte Richard keinen freundlichen Blick gegönnt.
Ihm hatte Richard nicht zugelächelt. Das einzige, was dieser Kerl heute für ihn übrig gehabt hatte, waren kalte Augen und körperliche Angriffe. Wenn er denn heute großzügiger Weise mit ihm geredet hatte, trieften seine Worte nur vor Härte.

Diva?!

Was war nur zwischen ihnen geschehen? Wie konnte es soweit kommen? Verabscheute Richard ihn vielleicht sogar? Wegen dem, was er am Vortag gesehen hatte? Ja, das musste es sein. Natürlich! Die Lage war ja auch mehr als offensichtlich gewesen, jeder Idiot hätte gemerkt, was zwischen ihm und Sam in der Nacht gelaufen war.

Ihm waren Richards Worte noch gut im Gedächtnis geblieben.

/"Die Sache hat sich erledigt..."/

Das sollte es also gewesen sein? Aus, vorbei? Als wäre nichts geschehen? Und nun musste er sich als "Diva" beschimpfen lassen?

Cole blieben nur zwei Optionen, die beide nicht sehr angenehm waren: Er könnte zum Ersten einfach hier vor versammelter Mannschaft in die Knie gehen und in Tränen ausbrechen.

Oder...

Oder er zeigte diesem Blödmann mal, was für eine Diva er wirklich sein konnte!

Mit einem animalischen Schrei stürzte sich Cole ohne Vorwarnung auf sein Opfer.

**

Richard riss überrascht die Augen auf, als sich der Junge gegen ihn warf. Reflexartig packte er Cole bei den Schultern, als sie zu Boden fielen und sein Hinterkopf unangenehme Bekanntschaft mit dem Untergrund schloss.

Richard zischte zusammengepresst, aber er hatte keine Zeit, sich lange von dem Flug zu erholen. Cole prügelte mit Händen und Füßen auf Richard ein, fauchte wie eine Katze und zischte Worte, die er nicht verstand.

Während dessen kam Richard nicht einmal der Gedanke, zurückzuschlagen oder sich auf andere Weise zu wehren. Vielmehr versuchte er bloß, die Angriffe einigermaßen abzuwehren, damit er womöglich nicht noch im Krankenhaus landete.

Auf einmal endeten die dumpfen Schläge abrupt, Hände griffen unter seine Arme und zogen ihn hoch. Richard schüttelte verklärt den Kopf, um den Nebel loszuwerden, der sich wie ein Schleier um seinen Blick gelegt hatte.

Er sah, dass Mrutzec den um sich strampelnden Cole aus seiner Nähe brachte und dafür dankte Richard ihm sehr. Der Kleine hatte einen guten Schlag drauf, auch wenn er nicht danach aussah. Das gab schöne Blessuren und mit Sicherheit einen nicht zu verachtenden Muskelkater.

Seine Teamkollegen hatten ihn zu einer Bank geführt, auf die sich Richard nun fallen ließ. Mike kniete sich zu ihm nieder und berührte vorsichtig seine Schulter.
Seine Augen waren voller Sorge um ihn.

"Hat er dich verletzt?"

Richard lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. Das war alles nicht der Rede wert. Hier ein paar Schrammen, da ein paar blaue Flecken. Es tat weh, schon, aber es gab Dinge im Leben, die viel mehr schmerzen konnten.

Sein Blick streifte Cole, der auf der anderen Seite der Halle gerade von dem Trainer beruhigt wurde. Mit Mühe. Richard seufzte.

"Ich Idiot..."

Die Frage war hier viel eher, wer von beiden gerade wen mehr verletzt hatte.

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Das Ende vom Lied...
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"Und denk dran, dass du nicht vergisst, die Ecken zu wischen, Cole!"

Mrutzec grinste sonnig und stellte dem Jungen einen Wischeimer vor die Nase. Cole verzog das Gesicht, als ihm der Mann noch einen Mopp in die Hand drückte. Scheu warf er einen Blick zur Seite und deutete auf Richard, der schon vor sich hingrummelnd dabei war, die Halle zu fegen.

"Das ist nicht dein Ernst, oder? Bitte, Sam, du kannst mich mit ihm nicht alleine lassen!"

Aber Mrutzecs zufriedenes Lächeln deutete ganz klar daraufhin, dass er das sehr wohl konnte und auch durchziehen würde, daran zweifelte Cole keinen Moment mehr. Schließlich war er es auch gewesen, der das Spiel abgebrochen hatte, nach...

Nach Coles kleinem Ausbruch.

Benny war deswegen sehr aufgebracht gewesen, aber nicht nur er. Alle waren sich einig, dass das die größte Sauerei war, die Mrutzec sich jetzt leisten konnte, aber dieser hatte nur den Kopf geschüttelt und die Jungs nach Hause geschickt.

Wenn sie der Meinung waren, sich wie kleine Kinder benehmen zu müssen, nun, dann musste er sie auch wie kleine Kinder behandeln.

Und dazu gehörte auch eine schöne Bestrafung.

"Ich bin in gut einer Stunde wieder da, bis dahin bleibt ihr beide hier und schrubbt diese Halle blitzblank. Ich möchte von diesem Boden essen können, ich möchte, dass sich mein Gesicht darin spiegelt, damit ich sehen kann, wie ich mich über euch zwei totlache, okay?"

Cole zischte nur verstimmt, während Richard vor sich hingrummelnd auf seine Turnschuhe starrte.

"Wunderbar, ich wusste, wir würden uns verstehen!"

Mrutzec zwinkerte ihnen zu, bevor er kichernd wie ein kleiner Teufel verschwand. Cole schluckte trocken. Großartig, nun war er hier für die nächste Stunde mit Richard allein. Allein in dieser riesigen Turnhalle.

Und schrubbte den verdammten Fußboden.

Ganz große klasse!

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Es plätscherte laut gegen die Windschutzscheibe des Autos, aber im Inneren war es trocken. Selig räkelte sich Mrutzec im Sitz zurecht und zündete sich eine Zigarette an.

Der blaue Dunst zog seine beruhigenden Bahnen durch das Wageninnere, während er dem Klang der Regentropfen lauschte und die Turnhalle durch die Autofenster im Blick behielt.

Ein bisschen hatte Cole ihm ja leid getan.

Er zuckte die Schultern und nahm einen genüsslichen Zug von seiner Zigarette. Er lächelte schief.

Wenn der Junge diese Chance jetzt nicht vermasselte, würde er ihm noch einmal dankbar dafür sein.



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Klartext


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"Das kann er doch nicht machen! Ich werd nich mehr! Das fällt ganz klar unter Freiheitsberaubung!"

Cole ignorierte Richards wütenden Ausbruch, hob nicht einmal den Blick und wischte seelenruhig weiter. Mrutzec war gerade mal zehn Minuten weg, da hatte Richard entnervt den Besen beiseite geschmissen und sich auf seinen großen Abgang vorbereitet.

Doch der fiel leider aus, denn er hatte feststellen müssen, dass der Trainer umsichtiger Weise den Ausgang verschlossen hatte. Wie typisch für Sam. Cole musste grinsen.

"Was gibt es da zu lachen?" fragte Richard entrüstet. "Der alte Sack hat uns hier eingesperrt! Garstiger, kleiner Höhlentroll..."

Cole zog die Augenbrauen zusammen. Gelacht hatte hier doch keiner, er hatte gegrinst, das war ein Unterschied. Und wenn er lachen wollte, dann würde er sich das auch sicher nicht verbieten lassen, schon gar nicht von Richard, der ihm noch vor einigen Minuten an den Kopf geworfen hatte, er wäre eine "Diva".

Blödes Arschloch. In so jemanden hatte er sich verliebt? Nee, liebe Freunde und Nachbarn, im Leben nicht. Kein bisschen nicht. Vielleicht war da mal irgendwann was gewesen, in ferner, ferner Vergangenheit als es noch Kaiser gab und man mit Dinosauriern zur Arbeit geritten kam.

Äußerlich kalt und gelassen begegnete Cole Richards Blick, ehe er sich umwandte, um sich der Gerätekammer zu widmen. Er hörte, wie der Junge ihm folgte, gönnte ihm aber nicht mehr Aufmerksamkeit, als er einer lästigen Gewitterfliege zukommen lassen würde.

/Du verstehst gar nichts!/

Beherrschung. Es kostete Cole so viel Beherrschung, Richard nicht einfach wieder anzufallen und ihm wehzutun. Anders gefragt, warum sollte er sich schon zurückhalten? Immerhin hatte der Typ es doch verdient. Ja, er sollte Schmerzen empfinden.

Wenigstens körperliche Schmerzen.

Ablenkung. Da lagen Matten auf dem Boden der Gerätekammer, die ihm das Saubermachen erschwerten. Also machte er sich daran, eben diese aus dem Weg zu räumen. Währenddessen rührte Richard keinen Finger, lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und beobachtete ihn finster.

Doch nach einer Weile geschäftigen Schweigens wurde es ihm offensichtlich zu langweilig.

"Verdammt, ich will hier raus!" zischte Richard plötzlich. Rastlos wie ein Tiger im engen Zirkuskäfig begann er auf und ab zu laufen.

Das bemerkte Cole heimlich aus dem Augenwinkel und in seiner Brust schnürte es sich schmerzlich zusammen. War Richard etwa seine Anwesenheit so zuwider, dass er es nicht mal ertragen konnte, für nun mehr dreißig Minuten mit ihm die selbe Atemluft zu teilen?

Ein alarmierendes Brennen befiel Coles Augen, ein dicker Knoten im Hals ließ ihn hart schlucken und erschwerte zusätzlich das Atmen. Blödmann. Wegen so einem Blödmann würde er jetzt ganz sicher nicht anfangen zu heulen. Im Leben nicht. Nein, diese Genugtuung gönnte er ihm nicht. Um keinen Preis der Welt.

Und außerdem gab es überhaupt keinen Grund dazu. Er entwickelte sich mit einem bedenklichem Tempo zu einer elenden Memme. So konnte das nicht weitergehen.

Richards rastloses auf und ab tigern, machte Cole langsam wahnsinnig. Seine Nägel verkrallten sich in die letzte Bodenmatte, die er soeben auf den dafür vorgesehenen Rollwagen hievte.

Tapp, tapp, tapp, tapp!

Wenden.

Tapp, tapp, tapp, tapp!

Wenden.

Tapp, tapp, ta...

"Hör endlich auf damit!" fauchte Cole. "Ich dreh gleich durch!"

Tatsächlich stoppte Richard sogar. Der Anflug eines verblüfften Ausdrucks huschte über sein Gesicht. Die Gewitterwolken zogen allerdings schnell wieder auf, als Cole sich den Eimer griff, um sich wieder der Aufgabe zu widmen, die Mrutzec ihnen aufgezwungen hatte.


Richards Stimme klang eisig, als er sagte: "Du tust auch alles für den Kerl, was?"

"Wie bitte?"

Ehrlich überrascht, ob dieses radikalen Themenwechsels, starrte Cole verständnislos zurück. Richard kam langsam auf ihn zu, eine bedrohliche Aura umgab ihn.

"Das kotzt mich an! Der Troll ruft spring und du fragst: Wie hoch?"

Cole runzelte verwirrt die Stirn. Worauf wollte er hinaus? Zögerlich setzte er den Wassereimer wieder ab. Er hatte nicht vorgehabt, sich von Richard zurücktreiben zu lassen, doch seine Beine ignorierten einfach seine Befehle, bis er rückwärts gegen den Mattenwagen stieß.

Seine Knie knickten ein, als seine Waden das Hindernis berührten. Plumpsend setzte er sich auf die Bodenmatten.

Zu spät erkannte Cole, dass er nun in der Falle saß, hier kam er nicht mehr raus. Aber wohin sollte er auch fliehen? Schließlich war die Halle verschlossen. Richard schritt immer noch unaufhaltsam auf ihn zu.

Cole änderte unbewusst seine Haltung, sein Körper spannte sich an, seine Hände ballten sich zu Fäusten und sein Blick wurde fest.

Er machte sich auf eine handfeste Schlägerei gefasst. Situationen wie diese endeten eben gerne in Schlägereien. Fast wünschte er sich, dass Richard die Hand ausrutschte, damit er endlich einen Grund hatte, seinem Frust ebenso Luft zu machen.

Richard blieb keine vier Schritte von ihm entfernt auf einmal stehen. Die dunklen Augen musterten ihn aufmerksam. Was mochte er gerade denken? Einerlei, was der Typ dachte, Cole war endgültig fertig mit ihm und wenn er diese Turnhalle heute irgendwann noch einmal verlassen sollte, würde er sich alle Mühe der Welt geben, diesem Jungen nie wieder im Leben zu begegnen.

"Wa... was ist?"

Erschrocken presste Cole seine Lippen zusammen. Seine Stimme hatte viel zu viel über seine aufgewühlten Emotionen verraten, hatte gezittert, so wie sein verräterischer Körper das Zittern angefangen hatte.

"Sag mir nicht, dass es dir Spaß macht mit diesem... Höhlentroll. Machst du das eigentlich öfter?"

/Moment mal./

"Das ist nicht dein Ernst, oder?"

Cole musste sich ein grelles Lachen verkneifen, das sowieso sehr humorlos geklungen hätte. Es ging hier um Sam. Es ging um gestern, natürlich! Das hatte er doch gleich gedacht.

"Du bist der Witz des Tages, Richie. Du bist echt der verdammte Scheißwitz des Tages! Ich glaube nicht, dass du in der richtigen Position stehst, um mir Vorwürfe machen zu können."

"Wovon redest du?"

"Ach, vergiss es!"

Damit war das Gespräch für Cole beendet. Sich ärgerlich abwendend, wollte er an Richard vorbei, doch der packte grob seinen Oberarm und schleuderte ihn zurück, sodass er mit einem Ächzen wieder auf dem Mattenwagen landete.

Cole zischte schmerzlich. Noch bevor er sich aufsetzen konnte, um seiner unbeschreiblichen Wut über dieses Vergehen Ausdruck zu verleihen, beugte sich Richard wie ein hungriges Raubtier über ihn. Er schüttelte sehr bedächtig den Kopf.

"Oh nein, du bleibst da jetzt schön sitzen. Ich will das wissen. Wovon redest du?"

Er wollte ihm nicht nachgeben, auf keinen Fall. Sie sollten die Sache einfach vergessen, nicht mehr miteinander reden und sich am besten die letzten Minuten aus dem Weg gehen. Cole entkam Richard aber nicht. Er hatte ihn hier festgenagelt.

Der Junge war ihm nah. Cole wollte die Hand abschütteln, die sich immer noch um seinen Arm klammerte, wollte ihn weg stoßen, konnte es aber nicht. Entgegen jeder Vernunft und der schreienden Stimmen in seinem Inneren, wollte Coles Körper sich einfach nicht mehr bewegen.

Richard strahlte Hitze aus, seine Berührung brannte. Cole erkannte plötzlich schmerzlich, dass er von diesem Feuer verschlungen werden wollte. Immer noch. Mehr denn je. Wem wollte er noch was vormachen?

Er war erregt, so grotesk die Situation zu dem jetzigen Zeitpunkt auch aussehen mochte. Schwarze, glänzende Augen fingen Coles Blick ein, sogen ihn förmlich auf, ließen ihn nicht los.

Wie Wild, das des nachts vom grellen Scheinwerferlicht paralysiert wird, unfähig, sich in Sicherheit zu bringen.

Richard stützte sein Knie neben Coles Schenkel, was der blauen Bodenmatte einen knautschenden Protestlaut entlockte.

Die Bremsen des Mattenwagens waren nicht angezogen, es wackelte. Was versuchte Richard mit seinem merkwürdigen Verhalten zu bezwecken? Warum bedrängte er ihn so? Und warum zum Teufel wehrte er sich nicht endlich mal dagegen?!

"Warum bist du mitten in der Nacht verschwunden?" raunte Richard heiser, durchbrach die nervenaufreibende Stille.

Coles Blick wanderte langsam über Richards Oberkörper, der nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht schwebte. Er trug ein rotes, ärmelloses Shirt. Cole könnte seine Finger ausstrecken.

Er könnte den Stoff ein wenig fort schieben, ein bisschen nur, das würde reichen. Nur ein klein wenig, damit er sehen konnte, was sich darunter befand...

Dieses demütigende Verlangen schnürte Cole die Kehle zu. Scheiß Hormone. Nichts, aber auch gar nichts änderte sich an der Tatsache, dass er stinksauer auf Richard war. Seine Wut stieg von Minute zu Minute mehr an, je näher der Junge ihm kam. Er schluckte trocken, wich Richards dunklem Blick aus.


"Ich hab... ich hab euch gesehen..."

Da war es raus. Natürlich wusste Cole, dass sich Richard mit dieser kryptischen Aussage nicht zufrieden geben würde. Weitere Ausführungen seinerseits würden aber zweifellos die richtigen Implizierungen nach sich ziehen.

Das bedeutete im Klartext, er zog sich hier und jetzt emotional die Hosen runter. Richard würde feststellen, was Cole empfand. Für ihn empfand. Wenn er nur weitersprach. Und zu seinem Erstaunen sprudelten die Worte bereitwillig aus ihm heraus.

"Mike, er... er sagte mir... Ich habe nach dir gesucht, du warst nicht mehr da. Er sagte mir, du wärst nach oben gegangen. In dein Zimmer. Und da... ich hab... hab euch zusammen gesehen. Im Bett. Ich wusste nicht, was ich tun sollte..."

Er lachte entschuldigend, als er Richards verständnisloses Gesicht bemerkte und legte sich das freie Handgelenk über die Augen. Natürlich, wie sollte der Kerl das auch begreifen? Wie konnte er ihm den Schmerz beschreiben, den er in diesem Augenblick dabei empfunden hatte? Der ihn Trost suchend in Sams Arme getrieben hatte?

"Du meinst... Aud?" Richard klang ehrlich überrascht. Er grübelte kurz. "Du... hast mich mit ihr...? Und da dachtest du, dass wir...?"

Erkenntnis dämmerte in Richards Gesicht und fast zeitgleich begann er laut zu lachen. Cole zog verwirrt die Augenbrauen zusammen. Der Junge amüsierte sich köstlich. Tränchen bildeten sich, die ihm kullernd von den Wangen perlten.

Atemlos ließ er sich gegen Cole sinken. Dieser zuckte bei der Berührung zusammen und verkrampfte sich. Er wusste diesen komischen Anfall nicht einzuschätzen. Richard kicherte immer noch an seiner Schulter.

"Was... was ist denn so lustig?"

"Du bist so ein Idiot!"

Auf wundersame Weise kehrte alle Kraft in Coles Armmuskeln zurück und er stieß Richard grob von sich, sodass er zur Seite rollte. Dabei wäre er beinahe vom Mattenwagen gefallen.

"Dämlicher Affe!" Cole setzte sich schnaufend auf. "Ich wusste, dass es ein Fehler war, dir so was zu erzählen!"

Schmunzelnd drehte sich Richard auf den Bauch und stützte das Kinn in die Hand. "Reg dich nicht auf."

"Wie konnte ich auch nur auf die Idee kommen, dass du einmal in deinem Leben etwas ernst nehmen würdest!"

"Cole... du brauchst dich nicht aufzuregen, ich..."

"Verdammt noch mal! Ich reg mich auf wie ich will! Warum bin ich auch so blöd? Ich hab es doch die ganze Zeit besser gewusst!"

"Cole!"

"Was?!"

"Halt die Klappe."

Richards Arm schnellte nach oben, seine Hand legte sich um Coles Nacken und zog ihn sanft, aber bestimmt zu sich herunter, bis sich ihre Lippen trafen. Viel zu überrascht, um auf diesen unerwarteten Überfall sofort zu reagieren, weiteten sich Coles Augen verblüfft.

Adrenalin tobte durch seinen Körper, als sich Richards Griff verstärkte, die warmen Finger sein Haar zu streicheln begannen, sich alles um ihn herum drehte. Noch bevor es zur Eskalation kommen konnte, riss Cole sich los, holte weit aus und verpasste Richard eine
schallende Ohrfeige.

"Autsch!"

"Treib keine Spielchen mit mir!"

Rauschend verließ Cole die Gerätekammer und kickte im Vorbeilaufen den Wischeimer aus dem Weg, der laut klappernd gegen die Hallenwand polterte, sodass sich die Flüssigkeit in alle Richtungen spritzend verteilte. Kleine Pfützen bildeten sich bereits.

Mit einem Tritt die ganze Arbeit zunichte gemacht. Das war ihm aber ziemlich egal. Er wusste auch nicht so genau, wohin er jetzt eigentlich gehen wollte. Hauptsache weg von dem bösen Wolf im Kämmerchen.

Sich die gerötete Wange reibend, kam Richard aus besagter Kammer getreten und blickte Cole stirnrunzelnd nach. Dieser marschierte stapfend im Kreis umher, seine Lippen arbeiteten, aber er sagte nichts, bis sein funkenschlagender Blick den anderen wieder einfing.

"Was fällt dir eigentlich ein?!"

"Aber ich...! Ich dachte...!"

"Du dachtest, ja, genau! Soll mir egal sein, was du mit Audrey hast, okay? Nur lass mich in Ruhe. Tu das... tu das nie wieder." Coles Blick verschwamm ein wenig, er biss sich trotzig auf die Lippen. "Mach das nicht aus Spaß. Das ist nicht witzig, Richie, das ist kein bisschen witzig!"

"Oh Mann..." Richard verdrehte die Augen, fuhr sich durchs Gesicht und seufzte. "Ich hatte nichts mit Aud."

"Wie bitte?!" Cole blinzelte perplex.

"Ich hatte in dieser Nacht nichts mit Audrey, Cole. Das erotischste Erlebnis an diesem Abend mit ihr war vielleicht, als ich ihr die Haare zusammenhalten musste - während sie geräuschvoll in die Kloschüssel kotzte."

Cole verstand gar nichts mehr, sein Mund klappte auf und zu. Er ging noch ein, zwei Schritte rückwärts, bevor er sich langsam die Hallenwand entlang tastete und an ihr hinab auf den Boden glitt.

Ihm war mit einem Schlag der Wind aus den Segeln genommen. Richard setzte sich räuspernd neben ihn, verschränkte die Arme hinter den Kopf und starrte an die Decke. Er grinste leicht.

"Das war echt erregend, wie du dir sicher vorstellen kannst. Ich konnte kaum an mich halten, ihre röchelnden Würggeräusche schickten mir eine Gänsehaut über den Rücken." Richard zog eine Augenbraue hoch. "Hey, das war nicht mal gelogen, was den Schlussteil betrifft..."

"Aber ihr... ihr wart doch zusammen in deinem Bett und sie..." Cole blickte vorsichtig zu Richard hinüber. "Ich habe gesehen, wie sie dich geküsst hat..."

Entsetzt wich Richard zurück. "Bitte was?! Im Ernst? Sie hat mich geküsst?!"

Cole nickte bedächtig.

"Argh!" rief Richard. "Davon habe ich nichts mitbekommen, Cole, das musst du mir glauben! Ich habe geschlafen wie ein Stein!" Sein Gesicht verzog sich plötzlich voll Widerwillen, bei der bloßen Vorstellung, er schüttelte sich demonstrativ. "Gott...!"

Sie schwiegen, aber bei Cole überschlugen sich die Gedanken. Er zog den Kopf ein und starrte nervös zwischen seine Beine auf den Boden. Seine Hände kneteten den Saum seines T-Shirts. Eine widerwillige Aufregung hatte Besitz von ihm ergriffen.

Richard hatte nichts mit Audrey gehabt. Sollte er das glauben? Es klang zu schön um wahr zu sein. Die Indizien waren doch erdrückend: Ein Junge, ein Mädchen, zusammen in einem Bett. Beweisstück A: Der Kuss.

Andererseits war Richard wirklich sehr betrunken gewesen an diesem Abend, sollte er tatsächlich nichts davon mitbekommen haben?

Aber wenn ja, durfte übermäßiger Alkoholkonsum eine Entschuldigung sein?

Richard bewegte sich neben ihm. Cole hob nicht den Blick. Auch nicht, als sich warme Finger unter sein Kinn schoben, eine Hand zaghaft blonde Strähnen aus seinem Gesicht streichelten.

"Glaubst du mir?"

Laut stolperte Coles Herz gegen seine Brust. Ja, er wollte ihm glauben. Mehr noch, er tat es längst. Genau das war es, was ihn so zögern ließ. Er durfte nicht so einfach nachgeben. Er presste die Lippen zusammen, schwieg sich weiter aus.

Er war sauer. Er war böse auf Richard. Sehr böse. Sehr wütend. Sehr verletzt. Der Typ konnte ihm doch erzählen, was er wollte! Und warum das ganze Theater überhaupt? Die Fouls, der Hohn, die Ignoranz...

Audrey, die Hexe...

Doch dann lehnte sich Richards Stirn an seine Schläfe. Cole stockte der Atem. Die Stimme des Jungen vibrierte in seinem Kopf, schickte ihm erregende Schauer über die Haut.

"Tut mir leid. Wegen vorhin. Ich... ich wollte das nicht sagen, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist... Du hast einen ganz schönen Schlag drauf." Richard lächelte. Cole konnte es nicht sehen, aber er fühlte es.

Ein vorsichtiger Kuss landete auf Coles Wange, ließ ihn keuchend zusammenfahren. Richard befreite das T-Shirt aus Coles knetenden Händen, um ihre Finger miteinander zu verschränken. Mit dem Daumen streichelte er abwesend über die Knöchel, während er dringlich Coles Blick suchte.

Der hob nun endlich den Kopf. Die arktischen Augen funkelten trotzig, der Schmollmund machte das Bild perfekt.

"Ich bin immer noch sauer auf dich."

Richard konnte sich ein gewinnendes Grinsen nicht verkneifen, er rückte noch näher.

Cole quittierte diese Entwicklung mit einem Schnauben. "Du hast einiges gut zu machen, dass du es weißt!"

"Selbstverständlich", hauchte Richard mit todernstem Gesicht. "Ich schlage vor, du nimmst mich mit nach Hause und kettest mich ans Bett. Tu mit mir, was du willst. Das könnte ich gut vertra... ertragen."

Cole errötete ungewollt, schob Richard ein Stück von sich und robbte murmelnd zurück. "Ist das etwa ein Flirtversuch?"

"Cole, ich bin entsetzt. Ich mache dir seit Wochen den Hof und erst jetzt bemerkst du meine Anstrengungen? Dieses blutende Stück Fleisch in deinen Händen da ist übrigens mein Herz, ja?"

Der blonde Junge rollte entnervt die Augen. "Ich sag's dir nicht noch mal, Richie. Lass deine blöden Witze..."

Im Begriff aufzustehen, kauerte Cole sich hin, doch wieder mal verhinderte Richard ein Entkommen. Der Wolf drückte eine Hand auf seine Brust, stieß ihn fast grob zurück und lauerte mit düsterem Blick über ihn.

"Ich mache keine Witze. Ich habe es ernst gemeint."

Erwartungsvolle Stille. Irgendwo ein Rascheln von Stoff. Cole zählte die Sekunden, spürte seinen eigenen Pulsschlag, sein Herz, das dröhnte und warme Hände auf seinen Wangen, die ihn einfingen, näher zogen und fahrig zu seinem Nacken wanderten.

Als fremder, heißer Atem ihn streifte, sein eigenes Luftholen beschleunigte, senkten sich endlich ungeduldige Lippen auf seinen Mund, besitzergreifend und ausgehungert.

Cole stöhnte auf und krallte haltsuchend seine Finger in roten Stoff.

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Too Funky
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Samuel wusste nicht, was er erwartet hatte. Das etwas passieren würde, ja, darauf hatte er schwer spekuliert, nur nahm die Situation Ausmaße an, mit denen er nicht gerechnet hatte.

Punkt genau eine Stunde nachdem er die beiden Jungs allein gelassen hatte, damit sie aus der Welt schaffen konnten, was auch immer zwischen ihnen stand, schnipste er seine fünfte Zigarette aus dem Wagenfenster und verließ sein Auto.

Der Regen hatte nachgelassen, nichtsdestotrotz lag noch ein schwerer Gewittergeruch in der Luft, den Sam nicht zu definieren wusste. Seine Schuhe knirschten vom sandigen Matsch, als er die Türen aufschloss und die Turnhalle betrat.

Kurz hielt er inne, um zu lauschen, was unsinnig war, da er sich viel zu weit vom Geschehen aufhielt. Noch. Jedenfalls vernahm er keine lauten Stimmen. Und das war schon mal gut. Es sei denn, die beiden hatten sich gegenseitig umgebracht. In diesem Fall müsste er sich was einfallen lassen.


Mit schnellen Schritten, keineswegs sein Kommen durch ein Anschleichen verbergend, rauschte er an den Umkleidekabinen vorbei und steuerte direkt auf den Ort zu, an welchem er seine zwei Sorgenkinder zurückgelassen hatte.

Zuerst wusste er nicht recht einzuordnen, was genau er sah. Seine Augen erfassten in der hintersten Ecke der Halle ein buntes, sich bewegendes Knäuel aus Stoff und Gliedmaßen. Bis er die Hälfte des Raumes hinter sich gebracht hatte, erkannte er dann schon etwas mehr.

Das Spiel hieß "fröhliches Körperteile raten". Sam kannte es. Er spielte es ausgezeichnet. Wenige Meter vor dem Geschehen hielt er an, verschränkte die Arme und belächelte die Szene schief, kopfschüttelnd.

Richard verharrte gebeugt über Cole, der unter ihm auf dem Rücken lag, sein erhitztes Gesicht hinter seinen Händen verbarg und leise wimmernd unverständliche Worte seufzte.

Sie hatten Sam noch immer nicht bemerkt.

Knurrend machte sich Richard an Coles Hemd zu schaffen, schmuggelte seine Hände unter den Stoff und schob ihn fort, um weiße Haut freizulegen, neues Territorium, das es zu erforschen und markieren galt.

Doch bevor sich Richard dieser anspruchsvollen Arbeit widmen konnte, der er äußerst gewissenhaft nachgehen wollte, schrie er plötzlich überrascht auf, ebenso wie Cole, der sich hastig wegdrehte.

Samuel grinste breit mit dem nunmehr leeren Wassereimer, den er am Handgelenk baumeln ließ, auf die begossenen Pudel herab, die mehr als nur verständnislos zurückstarrten, bevor sie begriffen, was passiert war.

"Was hab ich euch immer und immer gepredigt, Jungs? Nach dem Sport soll man duschen gehen. Na? Fühlt ihr euch jetzt nicht viel besser?"

Angriffslustig sprang Richard auf, wischte sich mit einer lästigen Geste die nassen Haare aus dem Gesicht. Er tropfte.

"Was... was soll das?!" rief er spitz, unfähig Worte zu finden, die seiner Wut den angemessenen Ausdruck verliehen.

Cole saß noch immer auf dem Boden. Sein Mund klappte auf und zu, während er von einem zum anderen hochsah und nichts zu sagen wusste. Sam erwiderte kurz seinen Blick und zwinkerte ihm zu, was den Jungen erröten ließ.

Niedlich.

"Raus damit!" fauchte Richard.

Sam bedachte Richard mit einem genervten Laut und verdrehte übertrieben die Augen, bevor er sich leicht vorbeugte und ihm ins Ohr raunte: "Du hattest doch nicht allen ernstes vor, diese ungemütliche Ortschaft für dein erstes Mal in betracht zu ziehen, oder?"

Richard schnappte empört nach Luft, aber bevor er irgendetwas erwidern konnte, klopfte Sam ihm einmal heftig auf die Schulter, sodass er hustend nach vorn kippte.

"Na also!" Sam grinste im Kreis und half Cole auf. "Ich gebe euch fünf Minuten, dann ist die Sauerei hier weg."

Er machte eine kleine Pause, um die Jungen erneut zu mustern.

"Und wenn ihr damit fertig seid, kümmert ihr euch darum, dass das Wasser aufgewischt wird."

Sein Gelächter überschlug sich fast, bei diesen peinlich berührten Gesichtern.

**

War Sams Laune gerade noch sonnig, wenn auch etwas biestig, so war inzwischen kaum noch etwas davon übriggeblieben. Weder von dem einen, noch von dem anderen, wie Cole besorgt feststellte. Im Gegenteil, der Trainer war ungewöhnlich ruhig.

Richard saß neben Mrutzec, während Cole auf dem Rücksitz Platz genommen hatte. Wenn man von den angenehm leise brummenden Motorgeräuschen des Audis absah, herrschte absolute Stille.

Cole starrte aus dem Seitenfenster. Er wusste nicht recht, ob ihm nach Lachen oder Weinen zu Mute war. Am liebsten würde er beides auf einmal tun. Vorsichtig blickte er nach vorne, um einen kurzen Blick auf Richard zu erhaschen.

Der hatte die Augen geschlossen, zumindest sah es für Cole so aus. Er könnte aber auch sehr intensiv auf seinen Schoß starren. Kaute er auf seiner Unterlippe? Dachte er nach? Genau so, wie Cole es tat?

Bereute Richard schon?

Ärgerlich wand Cole sich von dem Anblick ab. Warum zum Teufel war er nur so ein undankbarer Pessimist? Wem hatte er diese negative, zermürbende Einstellung zu verdanken? Er wusste es nicht, aber er war überzeugt davon, dass er sich zu viele Gedanken machte. Er sollte in Zukunft besser nicht so viel denken.

Es gab Millionen von Leuten, die so ganz gut durch die Welt kamen. Davon abgesehen, war zwischen ihm und Richard mehr passiert, als er je zu hoffen gewagt hatte. Er sollte sich glücklich schätzen und zufrieden sein, auch wenn Richard sich die Sache jetzt aus irgendeinem Grund anders überlegt haben sollte.

Aber er war nicht zufrieden. Ganz und gar nicht.

Sacht streiften Coles Finger seine eigenen Lippen, während er verträumt ins Leere blickte und sich an Richards fordernde Küsse zurückerinnerte.

Ah, er wollte mehr davon. Viel mehr. Verdammt, er war gerade erst auf den Geschmack gekommen! Das war so unfair!

Plötzlich hielt der Wagen. Irritiert blinzelnd kehrte Cole in die Wirklichkeit zurück und stellte fest, dass sie Richards Haus erreicht hatten. Trübsal legte sich wie ein dicker Nebel auf ihn nieder. Hier würde Richard aussteigen. Hier würden sich ihre Wege trennen, ohne dass sie noch mal miteinander gesprochen hatten.

Wer wusste schon, was passieren würde? Wer wusste, was morgen war?

"Wir sind angekommen, die Herren! Alles aussteigen bitte, Endstation. Und vergewissern Sie sich bitte, dass Sie nichts vergessen haben!" flötete Mrutzek mit seinem üblichen Grinsen.

Der garstige Troll war zurückgekehrt.

Cole nickte langsam. Ja, ja, Endstation, alles aussteigen, er würde jetzt zusammen mit Richard
aussteigen... Moment mal. Hatte er richtig gehört?

"Wie? Du schmeißt mich hier raus?" hakte Cole etwas empört nach.

"Sieht fast so aus! Entschuldige bitte, aber ich bin kein Taxiunternehmen, ich habe auch Verpflichtungen. Ihr habt mich schon viel zu lange aufgehalten heute. Also ab mit euch, husch!" Mrutzek machte scheuchende Handbewegungen. "Ich habe eine Verabredung, die nicht gerne wartet!"

Cole stieg schnaufend aus dem Auto, doch als Richard es ihm gleich tun wollte, hielt Mrutzec ihn plötzlich am Handgelenk fest.

"Moment... du noch nicht."

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Unter vier Augen
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Cole war nervös. Es tröpfelte immer noch vom Himmel, ihm wurde langsam kalt, er rieb sich die Unterarme und räusperte sich. Seit fünf Minuten saßen Mrutzec und Richard nun schon im Wagen und ließen ihn bei dem Sauwetter einfach stehen.

Was zum Teufel hatten sie sich zu sagen?

**

Richard wartete ungeduldig auf eine Erklärung seitens des unsympathischen Trolls an seiner Seite, der ihm das Aussteigen verweigerte. Schweigend, aber mit Engelsgeduld ließ er die prüfende Musterung über sich ergehen, doch schließlich erbarmte sich Mrutzec und erhob die Stimme.

"Wie lange kennst du Cole?"

Diese Frage überraschte Richard sichtlich. Er rutschte ein wenig auf seinem Sitz hin und her, bevor er antwortete: "Drei Wochen... vielleicht einen Monat... aber das stimmt wahrscheinlich nicht, wohl eher länger. Ich weiß es nicht... unser Spiel liegt jedenfalls über drei Wochen zurück..."

Mrutzek wurde hellhörig. "Euer Spiel?"

"Ja, das Basketballspiel. Da sind wir uns zum ersten Mal begegnet."

Mrutzek begann leise zu lachen, was Richard nur noch mehr verunsicherte. Sein Blick glitt zu der Sporttasche auf seinem Schoß. Nun krallte sich Richards linke Hand in den Stoff und drückte sie fester an sich.

"Er hat hiervor wirklich gespielt...? Und nun hat er sogar einen Freund... er hat sich wirklich verändert! Wusstest du, dass Cole vor einem halben Jahr einen schweren Unfall hatte?"

Richard entwich die Farbe aus dem Gesicht. Dieser prompte Themenwechsel gefiel ihm gar nicht.

"Einen Unfall?"

"Oh, das sagt er zumindest offiziell..."

Mrutzeks Augen verdunkelten sich, wieder bekam er diesen abwesenden Blick, der von altem Zorn sprach. Nur wusste Richard instinktiv, dass dieser Zorn nicht ihm galt, sondern der Vergangenheit.

Einer bitteren Erinnerung vielleicht.

"Er kam mit Prellungen, Schürfwunden und einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus. Erzählte, er wäre auf dem vereisten Brückenübergang hinten an der Mainstreet ausgerutscht, übel aufgeschlagen und hätte den Rest des Weges auf dem Gesicht zurückgelegt. Wir wussten alle, dass er log."

Mrutzek hielt inne, zündete sich eine neue Zigarette an und ließ die Atempause verstreichen. Vielleicht gab er Richard eine Chance, dazu etwas zu sagen, aber dieser blieb stumm. So fuhr der Mann mit seinem Bericht fort.

"Er blieb bei seiner Geschichte, egal wie seine Mutter ihn bedrängte, egal wie sehr sein Bruder ihn bedrängte oder die Ärzte, die Polizei. Er blieb dabei. Und sie gaben auf. Ich gab nicht auf."

Richard blickte aus dem Seitenfenster. Leise prasselten vereinzelte Regentropfen auf das Autodach. Cole stand zitternd am Rand der dunkeln Straße, direkt vor seinem Haus. Richard hatte das dringende Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen und ins Bett zu bringen.

Aber er wusste auch, dass Mrutzec etwas wichtiges zu sagen hatte und das wollte er auch hören. Sein Interesse war geweckt.

"Schließlich erzählte er es mir. Plötzlich. Unzusammenhängend, stotternd... doch je länger er redete, desto fester wurde seine Stimme. Fast unbeteiligt. Als würde er etwas wiedergeben, was er in den Nachrichten gesehen hätte. Als wäre es gar nicht ihm passiert."

Wieder seufzte Mrutzek und fuhr sich durch die ungekämmten Haare. In diesem Moment sah er zehn Jahre älter aus als er tatsächlich war.

"Natürlich passierte es nach unserem Training in der Halle. Draußen hatte es geschneit. Ich weiß noch, wie sehr er sich darüber gefreut hatte, der ganze Winter war eher eine Enttäuschung gewesen und bis dahin hatte es nur einmal gefroren. Aber...

**

...endlich überzog eine weiße Schneedecke die Straßen. Lange würde sich auch diese nicht halten, das wusste Cole, dafür war die Luft zu warm. Bald würde der Puderzucker sich in grauen Matsch verwandeln, wahrscheinlich morgen schon. Doch wenigstens für diesen Abend wollte Cole diesen Anblick genießen.

Schwer ausatmend stand er im Eingang der Turnhalle und blickte in den schwarzen Himmel. Er spürte eine warme Hand auf seiner Schulter, die ihn sanft drückte und wusste, dass es Sam war. Eine ganze Weile schwiegen sie, bevor sein Trainer schließlich leise fragte:

"Was machst du noch hier, Cole? Die anderen sind alle schon nach Hause."

"Ich weiß..." seufzte er und zitterte leicht. Er zog den Schal enger um sich. "Tom war heute nicht da."

"Ja."

"Ich glaube, das ist meine Schuld..."

Sam drehte den Jungen zu sich, damit er ihn ansehen konnte. Coles arktisch grüne Augen waren glasig, seine Wangen gerötet, er biss sich auf die blassen Lippen und wich dem Blick des Mannes aus.

"Also hast du es ihm gesagt?"

Cole nickte stumm. Nun endlich löste sich eine Träne aus seinem Augenwinkel, die er hastig fortwischte. Sam lächelte ihn aufmunternd an.

"Aber das ist doch gar nicht so schlimm."

Cole lachte humorlos auf, aber Sam ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

"Wahrscheinlich muss er darüber nachdenken. Ist doch normal, findest du nicht? Versuch dich in seine Lage zu versetzen. Wie würdest du es finden, wenn ein Junge, von dem du bisher dachtest, er wäre nur ein guter Freund, dir plötzlich eröffnet, dass er sich in dich verliebt hat?"


"Ich habe Angst, Sam."

Coles Stimme versagte, er musste sich räuspern und noch einmal anfangen. Es fiel ihm sichtlich schwer über seine Gefühle zu sprechen, zumal er gerade erst erkannte, dass er sich vom männlichen Geschlecht mehr als nur angezogen fühlte.

Aber Sam war anders, Sam war sein Freund. Und Sam war der Erste und Einzige, der über Cole Bescheid wusste. Und sich nicht von ihm abwandte. Im Gegenteil, seit dem wuchs ihre zwischenmenschliche Beziehung von Tag zu Tag mehr.

Sie fingen an, sich auch nach dem Training privat zu treffen. Sie gingen gemeinsam weg und hatten Spaß. Auch wenn sie belächelt wurden, ob des Altersunterschieds, denn der war unverkennbar.

Wenn Tom nicht zuerst da gewesen wäre...

Wenn Tom nicht gewesen wäre, dann...

"Sam... ich hab Angst, dass er mich jetzt hasst. Dass er sich... vor mir ekelt... dass er..."

Sam nahm den Jungen in die Arme und hielt ihn fest. Natürlich hätte er etwas sagen können, was Cole beruhigt. Er hätte sagen können, dass alles gut wird. Aber er wollte ihn nicht belügen.

Sam hatte kein gutes Gefühl bei Tom.

Also sagte er nichts. Und das würde er später noch sehr bereuen.

**

"Sie lauerten ihm an dem Abend auf", sagte Mrutzek. "Sie waren zu dritt. Tom war höchstpersönlich dabei, sein Bruder und ein anderer Typ, wahrscheinlich irgendein Schläger aus der Krechsiedlung, der es schon länger auf Cole abgesehen hatte."

Richard rührte sich nicht. Ungläubig starrte er sein Gegenüber an. Er konnte nicht fassen, dass so etwas tatsächlich passierte, in seiner Stadt, quasi vor seinen Augen. Dass Cole so etwas geschehen war.

"Cole sagte, dass sie ihn lediglich geschlagen haben und ihn weiter nicht angerührt hätten... Ich habe das so stehen lassen. Aber manchmal, wenn ich in seine Augen schaue... manchmal, da..."

Mrutzek ließ den Satz in der Schwebe und schnaubte nur wütend, macht- und hilflos.

Richard schüttelte den Kopf. "Ich kannte diesen Tom. Oh mein Gott, ich kannte ihn! Er kam manchmal zu uns auf den Platz. Ich hätte nie gedacht, dass er... er Oh Gott, ich..."

Mrutzek zog eine Augenbraue hoch. "Das ist es, was ich schon immer über diese Stadt gesagt habe, Richard. Nun weißt du, wie sie in Wirklichkeit ist."

"Und wie ist sie in Wirklichkeit?" fragte Richard.

"Diese Stadt ist ein schlechter Ort. Sie ist eine einzige Kloake..."

Richard starrte ihn in fassungslosem Schweigen an.

"Willst du mir etwa sagen, dass du das nicht weißt? Du hast dein ganzes Leben hier verbracht und du WEISST das nicht?"

Hilflos erwiderte Richard die Blicke des Mannes. Er wusste nichts dazu zu sagen.

"Kleinstädte, besonders diese hier, Richard, haben alle ein Kontingent, das Schwule hasst. Großstädte möchte ich da nicht ausschließen. Aber hier ist es besonders schlimm. Und du guckst mich mit großen Augen an."

Mrutzek lachte nachsichtig.

"Natürlich ist dir das nie aufgefallen, nicht wahr? Du hast auch sicher nie die Schmierereien im Park bemerkt, die an jeder Säule, an jeder Bank und Wand eingeritzt wurden, oder? Die heftige Homophobie, die überall in der Stadt deutlich spürbar ist, angefangen bei den Predigern bis hin zu Kleinkindern im Sandkasten, die sich gegenseitig als 'Homo' beschimpfen... ich hasse dieses verfluchte Nest."

"Warum erzählen Sie mir das alles?"

Auf diese Frage schien der Mann gewartet zu haben. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und seine Stimme wurde bedrohlich leise.

"Das will ich dir gerne sagen, Richard. Cole kam tatsächlich in jener Nacht zu mir. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich weiß nur, dass er deinetwegen sehr verstört war. Er hat geweint. Du hast ihn sehr verletzt. Vielleicht unbewusst, vielleicht auch nicht, aber das spielt keine Rolle, denn ich habe bei dir im Gegensatz zu Tom ein gutes Gefühl."

Richards Herzschlag stolperte, leichte Röte stieg ihm ins Gesicht, aber er wagte nicht, den Blick zu senken.

"Ich habe tatsächlich ein gutes Gefühl bei dir..." murmelte Mrutzek. Es wirkte fast, als sei ihm das erst in diesem Moment wirklich klar geworden. "Und ich weiß, dass Cole sehr viel an dir liegt. Sehr, sehr viel. Aber sollte ich mich irren, solltest du ihn noch einmal verletzen - ganz gleich ob körperlich oder seelisch - bekommst du es mit mir zu tun. Glaubst du mir das, Richard?"

Richard glaubte ihm.

Fortsetzung folgt