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Blackout

Original/ reale Welt/ Songfic [NC-16] 

keine Warnungen

Inhalt:
10 Jahre nach dem Abschluss, erhält Andre eine Einladung zum Klassentreffen. Allerdings reizt ihn überhaupt nichts daran, auf dieser Veranstaltung zu erscheinen, bis er sich an eine Affäre aus dem letzten Schuljahr erinnert.

Disclaimer:
"Blackout" gehört "Muse". Unbedingt anhören. Wunderschön. Ein Traum.

Kommentar:
Es ist merkwürdig, wie sich Dinge entwickeln. Ich wollte eigentlich einen One-Shot aus dieser Story machen. Möglichst PWP, nachdem ich soviel Zeit in den Plot von "bitter" investiert hatte (mit bescheidenem Ergebnis, wenn ich mir das heute so durchlese... *wäh* Übrigens reift der letzte Teil noch ein bisschen auf meinem Rechner, ich bin nicht zufrieden). Die Idee ist nicht besonders originell, das gebe ich zu. Im Grunde wollte ich nach meiner langen Abstinenz nur wissen, ob ich's noch kann. ^_^
Ach ja, noch was: Natürlich sind nicht alle Lehrer dumme Arschlöcher. Aber Herr Urban ist eines!

 


 

Blackout

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Teil 1 - Erinnerungen
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****

.oOo.
Don't kid yourself
And don't fool yourself
This love's too good to last
And I'm too old to change, yeah
.oOo.

****

Sechs Anrufe in Abwesenheit.

Wer zur Hölle war das? Die Nummer kannte ich jedenfalls nicht. Ich tat die Sache mit einem Schulterzucken ab. Wenn's wichtig war, würde sich derjenige schon wieder melden.

Ich ließ mich auf das Sofa fallen, streifte mir die Schuhe ab und hangelte nach der Fernbedienung, die eine Millionen Meter weit entfernt auf dem Couchtisch ruhte. Es war gar nicht so leicht, sie zu erreichen, ohne sich so wenig wie möglich zu bewegen, aber ich schaffte es.

Gekonnt.

Die Glotze bot zur frühen Abendstunde nicht das aufregendste Programm, aber ich war trotzdem zu frieden. Es gab nichts schöneres, als nach einem blöden Scheißarbeitstag einfach faul in der Ecke zu lümmeln und nichts zu tun.

Nicht mal zu denken, einfach konsumieren.

Mir fehlten Haustiere. Irgendwas, um das ich mich kümmern konnte. Vielleicht Vögel? Ein Wellensittich? Die waren niedlich, aber unpraktisch. Ich hatte Angst, um meine Glasfiguren auf dem Regal. Und sie quatschten ununterbrochen.

Am Ende würden sie nie mehr Licht sehen, weil ich den ganzen Tag das Handtuch nicht vom Käfig nehmen würde.

Für einen Hund hatte ich keine Zeit. Katzen? Wäre eine Überlegung wert, wenn es da nicht dieses Haarproblem gäbe...

Plötzlich klingelte mein Handy. Ich stöhnte, weil ich meine Jacke im Flur gelassen hatte. Das bedeutete, ich musste aufstehen. Also rollte ich mich vom Sofa, fischte das Gerät aus der Jackentasche und grummelte in den Höhrer, statt der üblichen Begrüßungsfloskel.

"Hey, Andre! Ich bin's, Frank. Frank Hartmann. Endlich erwische ich dich mal. Erinnerst du dich an mich?"

"Frank?"

Sagte mir gar nichts. Ich tat so, als müsste ich überlegen, in Wirklichkeit bewegte sich nur Wüstenstaub in meinem Kopf.

"Abschlussklasse '94. Na? Klickert's?"

Ach. Du. Scheiße.

Und ob es klickerte.

Ich stellte die Frage, die sich mir sofort in den Vordergrund drängte: "Woher zum Teufel hast du meine Nummer?"

Ein blechernes Lachen antwortete mir. "Ich rufe an, weil ich wissen wollte, ob du nun nächste Woche kommst oder nicht, du weißt schon, wegen der Planung."

"Was für eine Planung?" Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wovon er sprach.

"Das Klassenstreffen. Du hast doch den Brief bekommen?"

Hatte ich?

Hellwach hastete ich zu meinem Schreibtisch rüber, auf dem die Post der ganzen letzten Woche verstreut lag. Und dann fand ich tatsächlich einen Umschlag mit Hartmanns Absender darauf.

Oh je.

"Ähm, hör zu, ich glaube nicht, dass ich..."

"Ah, Steini, mach keinen Scheiß!"

Jetzt erinnerte ich mich wieder. Ich hasste es, wenn er mich "Steini" nannte.

"Bis jetzt haben alle zugesagt, das wird witzig! Du gehörst dazu, du musst auch kommen."

Ich gehörte dazu? Beinahe hätte ich laut aufgelacht, weil er so aufrichtig klang, als er das vom Stapel ließ.

"Ich sag dir was, lies dir nochmal alles in Ruhe durch, ich plan dich auf jeden Fall mit ein, okay? Dann sehen wir uns nächsten Samstag, ich freu mich schon!"

"Äh...!"

Aufgelegt. Großartig.

Mir war nach einem Drink, aber ich hatte nur Bier im Haus. Das musste genügen, besser als gar nichts. Ich schlurfte zurück auf mein Sofa und öffnete die Einladung.

Tatsächlich, da stand es noch einmal schwarz auf weiß:

"Einladung zum Klassentreffen der Abschlussklassen '94"

Erstaunlich, wie erfolgreich der menschliche Geist darin war, unangenehme Erinnerungen zu Verdrängen. Leider ließen sie sich auch viel zu schnell wieder ausgraben.

Keine zehn Pferde würden mich dahin bringen.

****

Ich war schon fast eingeschlafen, als ich plötzlich die Augen aufschlug und einen Namen in die Dunkelheit des Zimmers entließ.

"Sven! Sven Höper!"

Großer Gott, wie hatte ich das vergessen können?

***

Der Schrecken meines kümmerlichen Leidensweges, der weitere 10 Jahre kein Ende nehmen sollte, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einer korrigierten Englischhausaufgabe.

Herr Urban war es, der mein Leben mit nur wenigen Sätzen zerstörte und ich habe ihm auch noch dabei geholfen. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, musste der fette Kerl diese Vorlage natürlich verwandeln.

1994 wurde ich 19 Jahre alt und ich konnte es kaum erwarten, bis das letzte Zeugnis verteilt wurde, damit ich endlich meine Sachen packen und aus dem kleinen Drecksloch von einer Stadt, in das mich meine Eltern nach meiner Geburt geschleppt hatten, verschwinden konnte.

Bis dahin musste ich mich aber noch ein paar Monate gedulden.

Im Unterricht starrte ich aus dem Fenster, wie ich es immer tat und beobachtete den Schulhof, auf dem es natürlich nichts zu sehen gab. Während Schneeregen gegen die Scheiben klatschte, versuchte ich nicht einzuschlafen, was sich als schwieriges Unterfangen herausstellte.

Die Auswirkungen eines 8 Stunden Schultages machten sich nicht nur bei mir bemerkbar, die Klasse war unruhig und laut, kaum einer verfolgte Urbans Stoff, kein Wunder, wenn er sich nicht durchsetzen konnte.

Wahrscheinlich hatte er auch keine Lust mehr.

Mein Blick wanderte zur Seite und traf sofort ein dunkles Augenpaar, das mich undeutbar betrachtete. In mir zog sich alles zusammen, meine Reaktion kam wie ein jahrelang einstudierter Reflex.

"Was glotzt'n so?"

Sven Höper, mein vielgehasster, persönlicher Erzfeind seit der 3. Klasse, verzog das Gesicht zu einem freudlosen Lächeln und ich bedauerte wieder, dass uns nur ein leerer Platz voneinander trennte.

"Wenn du das nächste mal deine Klamotten wegwirfst, lass sie an."

Ich verdrehte müde die Augen und gähnte. Das alte Spiel, so lief es seit Urzeiten, ich konnte mich nicht erinnern, dass es jemals anders gewesen war. Ich seufzte schwermütig und präsentierte ihm meinen schönsten Finger.

"Deine Sprüche sind wie Norwegen: Lang und weilig. Aber rede nur weiter, irgendwann wird schon was sinnvolles dabei sein."

Er öffnete den Mund, um mir etwas entgegenzubringen, doch Herr Urban unterbrach unsere vielgeschätzte Konversation, indem er ausnahmsweise die Stimme erhob, um uns an unsere Hausaufgaben zu erinnern.

Ich hatte sie nicht vergessen. Der Lehrer sammelte alle Hefte ein und ich weiß noch, dass ich wie ein Schneekönig gegrinst hatte, als Herr Urban ohne Svens Exemplar in den Händen an meinen Platz trat.

Ja, zu dem Zeitpunkt hatte ich gut Lachen, aber das würde mir noch früh genug vergehen.

****

Damals hatte ich eine dumme Angewohnheit: Immer wenn ich soviel nachdenken musste, dass es mich ruhelos machte, ich keinen Ausweg fand, schrieb ich meine Gefühle einfach auf und das half mir auch meistens.

Ich bekam den Kopf wieder klar.

Natürlich wirkte das nicht von einer Minute auf die andere, doch las ich mir das Ergebnis später durch, konnte ich mit mehr Abstand die Situation betrachten und das Problem löste sich fast von allein.

Klingt wie eine Zauberformel, dabei ist es nichts anderes als simple
Selbstanalyse.

****

Es vergingen drei Tage bis zur nächsten Englischstunde.

Wieder tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass ich nur noch diese 45 Minuten überleben musste, bis ich nach Hause konnte, um den Rest des bescheidenen Tages zu verschenken.

Ich war nicht in Höchstform. Tatsächlich hatte ich kaum geschlafen. Mein Gesicht sah aus, als hätte dort eine Horde ungehobelter Holzfäller übernachtet.

Mich dürstete nach Kaffee, Zigaretten, Drogen, irgendwas, das mich künstlich am Leben erhielt. Zu diesem Zeitpunkt war ich für alles offen.

Herr Urban betrat den Raum und allein die Art und Weise, wie er es tat, ließ nur den Schluss zu, dass dieser Mann keine gute Laune hatte. Das ahnte ich zwar, doch hatte ich nicht die geringste Vorstellung davon, was für fatale Auswirkungen das auf meine Person haben würde.

"Das hier ist ja wohl eine einzige Katastrophe!" donnerte er und schmiss unsere Aufgabenhefte auf den Pult. "Könnt ihr mir mal sagen, wie ihr im Mai die Prüfung bestehen wollt?"

Betretendes Schweigen, hier und da unwilliges Gemurmel. Herr Urban war nicht der einzige an diesem Tag, der leicht reizbar war. Ich merkte, dass es mir schwerfiel, den Mund zu halten.

Er verteilte die Hefte zurück und bedachte jeden Schüler mit einer Triade von Vorwürfen, machte sich über vereinzelte Fehler gar lustig und nahm sie so auseinander, dass man sich wie ein hirnamputierter Vollidiot vorkam.

Dafür war Urban auf der ganzen Schule berüchtigt.

Nun war Sven an der Reihe. Bisher hatte ich die Szene genervt verdrängt, indem ich teilnahmslos aus dem Fenster starrte, aber jetzt wurde meine gesamte Aufmerksamkeit beansprucht.

Herr Urban war ein kleiner, dicker Mann, der schnell rot wurde, wenn er sich aufregte. Er trug meistens einen farblosen Anzug, der immer irgendwo einen Kaffeefleck vorzuweisen hatte. Eines meiner heimlichen Hobbies war es, zu schätzen, wo er sich bekleckert hatte, bevor er die Klasse betrat.

Alles in Allem war er doch eine eher kümmerliche Erscheinung und es wirkte nur lächerlich, wie er versuchte, sich vor Svens Tisch aufzubauen, denn trotzdem der Junge saß, strahlte er eine bedrohliche, körperliche Präsenz aus, um die ich ihn beneidete.

Schon immer.

"Herr Höper, Sie haben sich ja gleich aus der Affäre gezogen, indem Sie ihr Heft gar nicht erst abgegeben haben. In weiser Voraussicht, wie wir beide wohl wissen!"

Sven schnaufte desinteressiert, gönnte Urban jedoch keine weitere Antwort.

"Na ja, dafür hat Ihr Kollege hier genug für sie beide geschrieben."

Damit war ich gemeint und plötzlich stand meine Wenigkeit im Fokus der Aufmerksamkeit. Irgendwie war es beunruhigend still im Klassenraum geworden und ich spürte tausend Augenpaare auf mich gerichtet.

"Ich glaube, hier verbirgt sich eine wahre Dichternatur in unserer Mitte. Wenn Sie sich nur halb so viel Mühe mit Ihren Hausaufgaben gegeben hätten, Herr Stein, wäre ich schon zufrieden gewesen."

Herr Urban schlug mein Heft auf und begann daraus vorzulesen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich überhaupt verabeiten konnte, was er sagte.

Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen, als ich endlich begriff, was passierte. Eine zeitlang konnte ich Herrn Urban nur anstarren, mein Mund arbeitete, aber meine Kehle war so trocken, dass ich keinen Ton hervorquetschen konnte, obwohl ich es versuchte.

Am Ende hätte ich auch nur schreien können.

Panik kroch mir den Nacken hoch, schnürte mir mit ihren langen, kalten Fingern den Hals zu. Mein Herz gallopierte in mörderischem Tempo Richtung Infarkt, Absturz, Ende.

Die ersten ungläubigen Lacher lösten meine Lähmung. Aus irgendeiner Ecke kam ein beinahe erstauntes "Ich WUSSTE es! Hab ich es euch nicht gesagt? Ich WUSSTE es!".

Ich keuchte. Mein Kopf wirbelte so abrupt herum, dass meine Haare flogen.

Sven saß noch genau so da, wie vorher. Er verharrte bewegungslos und in seinem Gesicht konnte ich nichts lesen. Ich suchte nach Zeichen, aber da war gar nichts. Er starrte bloß zurück.

Ich wollte sterben.

Zusammenhangloses Gebrabbel verließ meine Lippen. Ich nahm Urban mein Heft aus der Hand, wobei es zerriss, aber wenigstens hatte ich die wichtige Hälfte. Obwohl das sicher auch keine Rolle mehr spielte.

Die Geräusche der Klasse wurden immer lauter, Gelächter überschwemmte mich, mir wurde übel. Ich packte meine Jacke, stopfte das Heft in meinen Rucksack und trat die Flucht an.

Doch ich stolperte über ein Stuhlbein, was mich unelegant zu Fall brachte. Eine Hand bot sich mir an, aber ich schlug sie fort. Dröhnendes Gegröhle verfolgte mich noch bis in den Flur, denn ich hatte nicht mehr die Kraft gehabt, die Tür zuzuschlagen.

****

Was tun?

Ich glättete mechanisch mein zerstörtes Aufgabenheft. Herr Urban hatte tatsächlich fast alles vorgelesen. Ich sah mein Leben in Scherben vor mir liegen und trotzdem ich aufgelöst und verwirrt war, konnte ich nicht weinen.

Was tun?

Mir wurde langsam kalt auf der Parkbank. Mein Kopf war voll und doch leer, ich wechselte zwischen aufkeimender Panik und der Gelassenheit eines Todeszelleninsassen, der wusste, was auf ihn zu kommen würde.

Nur noch ein müdes Lächeln übrig hatte.

Was tun?

Schadensbegrenzung.

Vereinzelte Sätze hallten mir in den Ohren,

/"...Ich fühle mich krank und... irgendwie hungrig, wenn er mich so ansieht. Ich kann seinen Blick nicht mehr ertragen, ich bin getroffen, falle..."/

die Urbans trockene Stimme so monoton widergegeben hatte, dass ich mir noch viel pathetischer vorkam. Wie konnte er mir das antun? Wie konnte er mich, ohne zu zögern, einfach in den Abgrund stoßen?

/"...wie ein Käfer, der ohne Mitleid von ihm zerquetscht wird. Ich agiere widersprüchlich, fühle mich abgestoßen von mir selbst und doch schreit jede Faser meines Körpers nach einer Berührung von ihm..."/

Oh Gott.

Ich stöhnte und vergrub die Hände in mein Gesicht, das langsam sehr warm wurde. Ich war aber auch ein Arschloch, warum hatte ich Urban so viel reden lassen? Und wenn wir schon dabei waren, wie zum Teufel hatte ich vergessen, dass ich so etwas Intimes in mein Englischaufgabenheft geschrieben hatte?

Zum Glück nannte ich wenigstens keinen Namen.

Oder doch?

Plötzlich musste ich wirklich nachdenken, ich bekam nicht mehr zusammen, was ich alles geschrieben hatte. Ich überflog hastig die Seite, aber ich fand nichts. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Der Schlussteil fehlte.

Abgerissen.

Verdammt!

Was tun?

****

Ich hätte allen Grund gehabt, diese Schule nie wieder zu betreten. Natürlich hätte ich mich in mein Zimmer verkriechen können und ein Teil von mir spielte ernsthaft mit dem Gedanken, aber ich dachte, dass mein überstürzter Abgang schon Stoff genug für allerhand Klatsch und Tratsch bieten würde.

Sicherlich, abgesehen von meinem unfreiwilligen Outing, dass wie eine Bombe eingeschlagen hatte.

Also ging ich am nächsten Tag wieder zur Schule.

In meinem schriftlich festgehaltenen Liebesschmerz hatte ich zwar niemals das Objekt meiner Begierde beim Namen genannt (zumindest hoffte ich das inständig), dafür ließ die Anbringung der Personalpronomen leider keinen Zweifel an dessen Geschlecht zu.

Überflüssig zu erwähnen, dass mein letztes, halbes Schuljahr die Hölle gewesen war, der Weg dorthin gepflastert mit auserlesenen Schikanen, die mir das Leben unerträglich machten.

Herr Urban, der Mensch, dem ich mein Glück zu verdanken hatte, verließ zwei Monate nach dem Vorfall die Schule, weil sich ein Mädchen von ihm sexuell belästigt fühlte. Anscheinend schien da was dran zu sein.

Ja, ich gönnte ihm diesen Skandal von Herzen, denn es lenkte auch die Aufmerksamkeit von mir ab. Zumindest eine zeitlang.

Ich machte zwangsläufig eine große Persönlichkeitsveränderung durch. Nicht, dass ich unsichtbar wurde und wie ein böser Sünder schuldbewusst durch die Korridore schlich, nein, das könnte ich nie.

Ich entwickelte zwei Gesichtsausdrücke, die ich bis heute nicht verloren habe: "Kalt" und "gelangweilt". Außerdem sprach ich nur noch, wenn mich ein Lehrer dazu aufforderte. Es gab Tage, an denen nicht ein Wort meine Lippen verließ, solange ich in der Schule war.

Und gerade als ich ein bisschen Routine darin entwickelte und meine Mitschüler langsam das Interesse an mir verloren, wurde meine Welt erneut komplett auf den Kopf gestellt.

****

Es wurde zu einer Art Ritual, dass ich nach dem Sportunterricht der Letzte war, der sich duschte und umzog. Die männlichen Genossen meiner Klasse sendeten mir deutliche Signale, dass sie mich dabei nicht in ihrer Nähe haben wollten.

Ich könnte ja ansteckend sein.

Also wartete ich auch an diesem Tag einen angemessenen Zeitraum ab, bevor ich die Umkleidekabinen betrat. Mein Timing war nahezu perfekt, die letzten Zwei banden sich gerade ihre Schuhe zu.

Ich ignorierte ihre Blicke, die mir in den Waschraum folgten. Wenigstens hielten sie die Klappe, was selten vorkam. Ich schien ausnahmsweise einen guten Tag erwischt zu haben. Dachte ich.

Eine Nebelwand hüllte mich ein. Ich bekam nur am Rande mit, dass noch eine Dusche lief, aber da sich das Wasser nach fünf Minuten automatisch abstellte, rechnete ich nicht damit, dass noch jemand da sein würde.

Ich legte meine Klamotten im Vorraum ab und betrat den Duschraum. Die Tatsache, dass es dort keine Trennwände gab, hatte ich schon immer gehasst. Erst als ich in meiner Lieblingsecke angekommen war (ganz hinten rechts an der Wand), bemerkte ich, dass ich nicht allein war.

Sven Höper stand unter der Dusche links neben der Tür. Ich hatte ihn nicht gesehen, weil ich keinen Blick in die Richtung verschwendet hatte. Böser Anfängerfehler. Als ich das laufende Wasser gehört hatte, hätten bei mir sämtliche Alarmglocken klingeln müssen.

Aber nun war das Kind in den Brunnen gefallen.

Ich ermahnte mich zur Ruhe. Er stand mit dem Rücken in meine Richtung, ich wusste nicht, ob er mich gehört oder gesehen hatte. Mich beschlich ein mulmiges Gefühl, während ich ihn betrachtete, wobei ich mich lieber nicht erwischen lassen sollte.

Ausgerechnet Sven. Jeder wäre mir recht gewesen, wieso er?

Ich stellte das Wasser an und begann mich einzuseifen. Es war jetzt sehr wichtig, normal zu agieren, wobei das nicht in Unbefangenheit ausarten durfte, die wieder missinterpretiert werden könnte.

Beinahe zehn Minuten stand ich beweglos da und ließ das Wasser einfach laufen. Ich hielt dabei die Augen geschlossen und atmete durch den Mund. Nach einer Weile fühlte ich mich beobachtet.

Ich hoffte, dass Sven den Duschraum verlassen hatte, wenn ich die Lider wieder aufschlug und nachsah, aber ich stellte fest, dass er mir näher war, als ich dachte.

Genau genommen trennte uns nicht einmal eine Armlänge.

Ich atmete scharf ein und wich an die kalte Kachelwand hinter mir zurück. Seine Augen funkelten belustigt, ob meiner Reaktion. Ich konnte mich nicht bewegen, als er die Distanz zwischen uns wieder verringerte.

Er streckte die Hand aus. Ich atmete immer flacher, weil sich meine Brust wie zugeschnürt anfühlte, während mein Herzschlag sich dramatisch verdoppelte. Ich glaube, ich zuckte wie ein nervöses Kaninchen.

Sven griff an mir vorbei.
Er nahm sich mein Shampoo.
Und ging wieder zurück in seine Ecke.

Ich sah zu, dass ich verschwand.

****

Seit Herr Urban meine unbeschreiblich dämlichen Ergüsse der gesamten Klasse vorgetragen hatte, sprach Sven nicht mehr mit mir. Unsere jahrelangen Rivalitäten nahmen damit ein Ende. Er ignorierte mich.

Dafür war ich ihm dankbar.

Wenn er sich vor mir ekelte, behielt er es für sich, jedenfalls habe ich niemals mitbekommen, dass er sich abfällig über mich äußerte. Weder bestätigte er die Meinung der Klasse, noch ergriff er Partei für mich.

Womit ich natürlich nicht wirklich rechnete. Hilfe? Von ihm? Eher würde ich mir den Arm abhacken.

Mein Ziel war es, umgezogen (und bestmöglich über alle sieben Berge) zu sein, bevor Sven die Umkleidekabinen betrat, aber ich schaffte es gerade so in meine Jeans zu schlüpfen, wobei ich hüpfen musste, weil der Stoff an meiner feuchten Haut klebte.

Ich machte gerade Verränkungen wie ein Sumoringer, als ich platschende Schritte hörte, die an mir vorbei gingen. Schon begann ich wieder nervös zu werden, fast ängstlich, was ich mir auf keinen Fall anmerken lassen würde.

Schnell griff ich nach meinem Hemd und zog es mir über den Kopf. Ich würde erst viel später merken, dass ich es falsch herum angezogen hatte (genau genommen dann, wenn mich ein gewisser Frank Hartmann an dem kleinen Schildchen oben am Kragen packte, um mit mir durch die Gänge Gassi zu gehen).

"Dein Shampoo", raunte es an mein Ohr.

Ich zischte, nahm ihm die Flasche aus der Hand und schaffte wieder Platz zwischen uns. Sven hatte sich nur ein Handtuch um die Hüften gewickelt, aber ich war froh, dass er immerhin etwas trug, wohingegen ich klar im Vorteil war.

Allerdings schaffte er es, auch halbnackt ein unfassbares Selbstvertrauen an den Tag zu legen, das fast schon gelangweilt wirkte.

Na ja, er konnte sich es auch leisten.

Wenn ich mich bedrängt fühlte, ging ich normalerweise in den Angriff über. Ich zögerte nur, weil ich herausfinden wollte, was er mit dem ganzen Theater bezweckte, aber ich kam einfach nicht dahinter.

Sven trat näher. Ich hatte keine Ausweichmöglichkeit mehr, also setzte ich mich etwas ungeschickt auf die Bank. Das war eine blöde Idee gewesen, man sollte mit seinem Gegner immer auf gleicher Höhe bleiben.

"Mach ich dich an?"

War das ein Test?

Eine leichte Röte zierte meine Wangen, aber ich behaupte heute noch, dass sich damit nur meine langsam aufkeimende Wut äußerte.

Sven stützte sich mit dem Ellbogen neben meiner Schulter ab und schob sein nacktes Knie zwischen meine Schenkel. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Augen, also starrte ich an die Decke, bewegte mich nicht mehr.

Und versuchte, an etwas asexuelles zu denken.

Plötzlich lagen seine Lippen an meinem Ohrläppchen und ich spürte seinen warmen Atem, als er wiederholte:

"Mach. Ich. Dich. An?"

Mit einem mal lag seine Hand so schwer auf meinem Schritt, dass er gefährlich meine Schmerzgrenze provozierte. Ich stöhnte auf, konnte nicht verhindern, dass meine Hüfte unkontrolliert zuckte. Sven verstärkte den Griff.

Inzwischen hinterließ seine Zunge feuchte Spuren, während sie meiner Halsschlagader folgte, was mir prickelnde Schauer bescherte. Seine Zähne gruben sich in meinen Nacken, doch als ich ihn dann leise lachen hörte, kam es einer Ohrfeige gleich.

Ich stieß ihn grob von mir herunter, schnappte mir meine restlichen Sachen und ging, ohne ihm einen Blick oder Worte zu gönnen.


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Teil 2 - Affäre
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.oOo.
Don't grow up too fast
And don't embrace the past
This life's too good to last
And I'm too young to care
.oOo.

****


"Nächster Halt: Buchholz."

Ich hatte mich eigentlich recht gut im Griff, ich dachte, ich wäre stark und gelassen, aber je näher ich meinem Ziel war, desto nervöser wurde ich. Meine Finger gruben sich in den Stoff meiner Jeanshose, während ich aus dem Fenster starrte.

Es war gerade mal 15:00 Uhr, ich war vier Stunden zu früh. Was sollte ich nur mit der Zeit anfangen? 

Ich war viel zu alt für so was. Dennoch kribbelte ein Gefühl in meinem Bauch, das ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte. Ich betrachtete die grüne Landschaft, die an mir vorbeizog (viel richtiger war natürlich, dass ICH in dem Zug an ihr vorbeizog, aber wer wollte so kleinlich sein?), kaute an meinem kleinen Finger und seufzte.

"Die Fahrkarten, bitte."

Normalerweise schreckte ich immer auf bei diesen Worten. Ich bin kein Schwarzfahrer, nie gewesen, nicht mal in meiner Jugend, trotzdem hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn die Kontrolleure auftauchten.

"Was für ein Wetter, hm?" bemühte sich der Kontrolleur um höflichen Smalltalk, während er meine Karte abstempelte.

Die Sonne brannte vom Himmel. In meinem Abteil war es stickig und heiß, aber abgesehen davon auch angenehm leer. Kein Wunder, wer wollte an einem Samstagnachmittag schon seine Zeit in der langweiligsten Kleinstadt Deutschlands verbringen?

Ah, richtig, meine Wenigkeit. Hatte ich ganz vergessen.

Versuchte der junge Deutsche Bahn Mitarbeiter gerade eben, mit mir zu flirten? Sein Lächeln wirkte so zweideutig, allerdings hatte ich auch viel Fantasie. Ich nickte nur pflichtschuldig und nahm meine Fahrkarte wieder entgegen.

Mir war jetzt nicht danach herauszufinden, auf welcher Seite des Ufers mein junger Freund hier stand, obwohl das zu einem anderen Zeitpunkt keine Frage gewesen wäre.

Meine Gedanken kreisten wie ein Adler immer wieder nur um dieselbe Sache.

Vorgestern hatte ich mich dazu durchgerungen, Frank Hartmann anzurufen. Ich hatte bestimmt eine Stunde mit dem Telefon gekämpft, auf die Tasten gestarrt, kurz angewählt und wieder aufgelegt, bevor ich es geschafft hatte.

Vorsichtig wollte ich aus ihm herauslocken, wer nun alles auf dem Klassentreffen erscheinen würde, aber er gab sich mehr als kryptisch. Schließlich hatte er mich soweit, dass ich fest zusagte.

Es lag nicht an diesem Versprechen, dass ich nun tatsächlich im Zug saß und in weniger als einer halben Stunde meine Heimatstadt erreichen würde. Mein Wort ihm gegenüber bedeutete mir nichts. Die Wahrheit war, dass ich zu diesem Treffen wollte, ganz einfach.

Ich brauchte nur ein Motiv, das nichts mit Sven Höper zu tun hatte.

Die Erinnerung an die Zeit mit ihm war auf einmal so klar, dass alles andere aus meinem Kopf verdrängt wurde, kaum ein Moment verging, indem ich nicht an ihn denken musste.

Und ich fragte mich, ob ich ihn aus genau diesem Grund vergessen hatte.

****

Ein Tag war nach dem Vorfall in der Umkleidekabine vergangen.

Ich war viel zu früh dran, es würde erst in dreißig Minuten zur ersten Stunde klingeln. Schlaf fand ich in der letzten Nacht kaum, ich war müde, kraftlos und zerknittert. In mir herrschte eine undefinierbare Unruhe.

Der Vertretungsplan offenbarte keine Überraschungen. 

Vielleicht würde mich ein bisschen kaltes Wasser munter machen, jedenfalls musste ich irgendetwas gegen mein akutes Gähnen unternehmen, weil mir davon schon die Augen tränten. 

Die Toiletten waren leer und noch sauber, was ich sehr begrüßte. Also gab es hier tatsächlich Putzfrauen. Ich versuchte, den Blick in den Spiegel zu vermeiden. Das kühle Nass wirkte tatsächlich etwas belebend, ich atmete tief durch und lächelte sogar ein bisschen.

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Ich wusste, wer gekommen war, noch bevor ich mich umsah. Sven trat an das Waschbecken neben mir, sagte kein Wort, schickte keinen Blick. Er drehte das kalte Wasser auf und wusch sich das Gesicht.

Mein Herz schlug doppelt so schnell wie noch vor wenigen Sekunden. Ich musste meine Chance nutzen und zusehen, dass ich verschwand, bevor es zu spät war. Aber ich bewegte mich nicht. Ich konnte nicht, ich war zu sehr damit beschäftigt, ihn mit offenem Mund anzustarren, dem lauten Dröhnen zu lauschen, das schmerzlich gegen meine Brust schlug.

Ich hatte schon lange aufgehört, mich abzutrocknen. Blut rauschte in meinen Ohren. Seine Augen wanderten betont langsam zur Seite, trafen mich wissend. Er hatte bemerkt, dass ich ihn beobachtete. Unsinnigerweise fühlte ich mich schuldig, dabei hatte ich nichts Verbotenes getan.

Ich glaube, ich stotterte irgendetwas, machte auf dem Absatz kehrt und hatte schon den Türgriff zwischen den Fingern, als er mich am Arm packte und an die Wand drängte. Mein Rücken stieß gegen den Lichtschalter, ich zischte, als uns die Dunkelheit verschluckte.

"Warum sagst du nicht einfach, was du willst?" raunte es unbeeindruckt an mein Ohr.

Seine kalten Hände wanderten unter mein Hemd, hinterließen feuchte Spuren. Ich schnappte nach Luft, zuckte zusammen und suchte Halt, den ich an seinen Schultern fand. Er schlang einen Arm um meine Taille und zog mich mit einem Ruck noch näher, dass kein Löschblatt zwischen uns Platz fand.

"Sag es..."

Ich erschauerte, sein dunkles Timbre machte mich wahnsinnig, vibrierte in meinem Kopf, hallte von allen Wänden wider. Sein Gesicht schwebte nah vor meinem, ich spürte seinen Atem und plötzlich Zähne, die an meinem Kinn nagten. Ich stemmte meine Hände gegen seine Brust, aber er bewegte sich nicht einen Zentimeter.

Er lachte leise, bestimmt: "Ich kann dir geben, was du willst. Alles. Warum hast du Angst, es dir zu holen? Du musst es nur sagen..."

Wenn er mich bezwingen wollte, musste er schon mehr bieten. Ich versuchte, mich zu befreien, aber er raubte mir die Kraft mit seiner bloßen Nähe. Ich suchte seine Augen in der Dunkelheit, aber ich konnte sie nicht finden.

"Sag es, Andre."

Das schrille Klingeln der Schulglocke brachte mich wieder zur Besinnung. Ich nutzte auch seinen kurzen Moment der Unachtsamkeit, wand mich aus seiner Umarmung und flüchtete zurück ins Licht.

****

Das Schicksal meinte es nicht besonders gut mit mir.

Ich mied sämtliche Situationen, in denen Sven mir zu nahe treten könnte. Zwar konnte ich ihm die nächsten Tage erfolgreich aus dem Weg gehen, doch das vertrieb ihn noch lange nicht aus meinem Kopf. 

Manchmal hatte ich das Gefühl, er würde mich ansehen, aber immer, wenn ich aufblickte, musste ich feststellen, dass ich mich getäuscht hatte. Oft erwischte ich mich dabei, wie ICH ihn stattdessen beobachtete oder eher versuchte, es NICHT zu tun.

Irgendwann hatte der Mistkerl es geschafft, in meinen Träumen aufzutauchen. Im Unterricht konnte ich mich nicht mehr konzentrieren, ich aß kaum noch etwas, wurde blass, regelrecht krank. Niemandem fiel mein Zustand auf und wenn doch, sprach man mich nicht darauf an, was auch das Letzte gewesen wäre, was ich gewollt hätte.

Ungefähr zu der Zeit fing ich wieder mit dem Rauchen an.

Unsere Klasse war dran, den Schulhof zu säubern, was im Endeffekt nur bedeutete, sich eine Zange oder einen Eimer zu besorgen und möglichst beschäftigt aussehend durch die Gegend zu laufen.

Ich setzte mich von den anderen ab und suchte den Fahrradschuppen auf, den sonst nie jemand beachtete. Das war eine gute Gelegenheit, sich eine Zigarette anzuzünden. Und während ich dabei war, den Tabak in Brand zu stecken, schoben sich von hinten zwei Hände vor meinen Bauch und ich fühlte mich an einen warmen Körper gedrückt.

Adrenalin tobte wild durch meine Adern, Hitze strömte in mein Gesicht, dass meine Wangen glühten. Ich musste keuchen, wofür ich mich noch im selben Moment schämte, offenbarte diese Reaktion doch mehr als ich wollte. 

"Komm", wisperte er intim an mein Ohr, trieb seine Zähne in meinen Nacken. "Schnell..."

Sven verkeilte unsere Finger und zog mich in eine dunkle Ecke hinter den Fahrradschuppen. Es hatte am Vortag geregnet, dementsprechend ungemütlich klamm gab sich der Rasen auf meiner Haut, als Sven mir so geschickt ein Bein stellte, dass ich mich plötzlich auf dem Boden wieder fand.

Er sagte nichts, knurrte wie ein hungriger Wolf, während er über mir kauerte und ungeduldig mit den Knöpfen meiner Hose spielte. In seinen Augen waberten schwere, schwarze Wolken. 

Animalisch leckte er mir über die geöffneten Lippen, ließ sich aufreizend auf meinem Schoß nieder und griff hart nach meiner Erektion. Er erstickte meinen überraschten Aufschrei mit einem fordernden Kuss, bewegte seine Hüfte gegen meinen Unterleib, verstärkte den Druck seiner Finger.

Ich entzog mich ihm, um nach Luft zu ringen, was er mir nur widerwillig gestattete. "Warum...?"

"Nicht jetzt..." grollte er düster und trieb mich schließlich mit ein paar wenigen Handgriffen dem Ende entgegen. 

Ich krallte meine Finger in seinen Rücken und bäumte mich unter ihm auf, stöhnte gegen seinen Mund, weil er meine Lippen beschlagnahmte. Mein Körper ergab sich spasmisch, es war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Um meine Selbstbeherrschung trauernd, verbarg ich verlegen mein Gesicht.

Sven entfernte sich von mir. Er ging, ohne einzufordern, was ich von ihm bekommen hatte und wieder bewunderte ich ihn, ob seiner beispiellosen Grausamkeit. Endlich hatte er einen Weg gefunden, mich zu brechen.

"Arschloch..."

****

Von meiner alten Bissigkeit war nichts mehr übrig geblieben. Ich fühlte mich nur noch matt und ausgelaugt.

Die Schulbibliothek war wie immer nur spärlich besetzt, außer mir waren vielleicht noch zwei weitere Schüler anwesend. Nach dem Unterricht blieben schließlich nur die wenigsten freiwillig länger in der Schule. 

In den letzten Tagen hatte sich dieser Ort zu meiner Zuflucht entwickelt, außerdem tat es mir wirklich mal gut, zu lernen und nicht ständig meine Gedanken in andere Richtungen zu verschwenden.

Meine Augen wanderten über die verstaubten Titel in den Regalen, bis ich neugierig ein großes, schwarzes Buch hervorzog. Es lag mir schwer in den Händen, der Schutzumschlag war schon eingerissen. Das Cover zeigte eine rubinäugige Kreatur, die schlangenartig ihr Opfer umwickelte, lange Reißzähne fletschte.

"Vampire und andere Ungeheuer", las ich murmelnd und lächelte ein wenig.

Die nächsten zwei Stunden war ich nicht von diesem Buch loszureißen. Ich bemerkte nicht mal, dass sich die Bibliothek leerte, bis mich Frau Behrens ansprach, die hundert Jahre neben mir gestanden haben könnte, ohne dass ich sie wahrgenommen hätte.

"Ich gehe heute früher, Andre. Sei so gut und mach nicht mehr so lange, ja? Der Hausmeister schließt in einer Stunde ab."

Ich nickte ungeduldig, ohne von meiner Lektüre aufzusehen, winkte sie fort, gab ihr all meinen Segen. Und dann war ich allein. Ich blickte erst wieder auf, als ich feststellte, dass es immer dunkler im Raum wurde. Tropfen platschten gegen die Fensterscheiben, erst ganz wenige und mit einem mal unzählbar viele.

Der Himmel war fast schwarz und gar nicht so weit entfernt grollte es Unheil verkündend. Großartig, da braute sich einiges zusammen. Vielleicht sollte ich noch ein bisschen warten, bevor ich ging. Trotzdem legte ich das Buch zur Seite. Mit einem Mal war es mir unheimlich.

Regen hatte etwas Faszinierendes an sich, wirkte auf mich ebenso hypnotisierend, wie ein offenes Feuer. Ich starrte lange aus dem Fenster, lehnte meine Stirn an die kalte Front und konnte nicht verhindern, dass ich wegdämmerte.

Knirschende Schritte hinter mir alarmierten mich und mit dem nächsten Wimpernschlag war ich hellwach. Oder träumte ich noch? Orientierungslos wanderte mein Blick durch den Raum, bis ich mich wieder erinnerte, wo ich eingeschlafen war.

Die Schritte kamen näher, die alten Holzdielen quietschten protestierend, ein Schwall kalter Luft trug mir seinen Geruch entgegen, aber natürlich wusste ich bereits längst, dass er es war.

"Gefunden."

Er fand mich immer.

Aber ich hatte diesmal nicht vor, es ihm leicht zu machen. Mein Blick fror ein, als mich seine Augen streiften, mich ungeniert musterten. Ich rührte mich nicht, als seine kühlen Fingerspitzen über meinen Oberarm wanderten, mir Gänsehaut verschafften.

Ich bemerkte mit Genugtuung, dass er sich unter meinem abweisenden Verhalten wand.

"'dre...", artikulierte Sven meinen Namen mit Mühe, vergrub sein Gesicht in meinen Nacken, saugte sich fest, kostete von meiner Haut, als handelte es sich dabei um eine seltene Delikatesse.

Zwei rasch aufeinander folgende Blitze erleuchteten den Raum taghell, woraufhin es so laut donnerte, als würde der Weltuntergang bevorstehen. Ich rückte polternd von der Fensterbank ab, taumelte dem Ausgang entgegen, doch er fing mich wieder ein, nur um mich daraufhin provozierend brutal gegen ein Regal zu stoßen, das unter der Belastung gefährlich schwankte.

"Finger weg", klirrten die Worte kalt von meinen Lippen, traf jede Silbe ins Schwarze.

Svens Augen flackerten vor unverholender Lust, taxierten mich in offensichtlicher Absicht, der ich mich verweigern würde. Er schmiegte sich an mich wie ein Kater, doch ich konnte seine lodernde Ungeduld deutlich an meiner Hüfte spüren.

"Sag mir, um wen es in deinem Text ging."

Ich wusste sofort, wovon er sprach und worauf er hinauswollte. Aber ich würde ihm keine Zugeständnisse machen.

Einem Impuls folgend griff ich zwischen seine Beine, was ihm einen virilen Urlaut entlockte. Leicht könnte ich ihn auf die Spitze treiben, aber ich rieb ihm nur kurz über den gespannten Stoff der Jeans, blies ihm lächelnd warmen Atem ins Gesicht und hauchte schmetterlingszart meine vernichtende Abweisung an sein Ohr.

"Geh sterben, Punk."

Auge um Auge, rezitierte ich gedanklich meinen Triumph auskostend, packte ihn beim Schopf und zwang ihm einen brennenden Kuss auf die Lippen, den er so schnell nicht vergessen sollte. Danach stieß ich mich von ihm ab, ein tiefes, dunkles Gewittergrollen begleitete mich.

****

Nur noch sechs Wochen Schule, die Prüfungen standen vor der Tür und ich lag krank im Bett.

Im Unterricht fehlte ich schon einige Tage, verpasste so die Wiederholungen des Stoffs und musste mir selbst helfen. Ich kauerte in eine Wolldecke eingewickelt auf der Couch vor dem Fernseher, in der einen Hand meinen Notizblock, in der anderen eine heiße Tasse Tee, an der ich vorsichtig schlürfte.

Es ging mir schon langsam besser, die Übelkeit war verschwunden, nur noch leichte Kopfschmerzen pochten stetig gegen meinen Schädel, wodurch es mir schwer fiel, Konzentration zu bewahren. Meine Eltern waren nicht im Haus, sie besuchten meine Tante und waren bereits vor einer Woche ausgeflogen, somit litt ich allein vor mich hin.

Eine ganze zeitlang kritzelte ich unmotiviert auf dem Papier rum, schrieb immer dieselben Buchstaben, kreiste sie ein, bis ich mich in dem Wirbel verlor und meine Sicht verschwamm.

Erschrocken fuhr ich hoch, als es an der Haustür klingelte, schmetterte einen Fluch los, während ich mich an meinem Heißgetränk verbrühte und mich umständlich aus der Decke befreite. Irgendwo hakte es.

Schon wieder die Klingel. Wie ungeduldig!

"Ich komme ja schon!"

Verdammt. Die Kopfschmerzen drängten sich wieder in den Vordergrund. Ich lief auf wackligen Beinen zum Hauseingang, die Decke mitschleifend, weil ich fror und öffnete die Tür. Kalter Wind fegte mir entgegen, es regnete mal wieder und als ich erkannte, wer da pitschnass vor mir stand, ließ ich im selben Moment die Tür wieder zufallen.

Ich war bereits dabei, grummelnd meine Couch erneut aufzusuchen, als es beharrlich klopfte. Irgendwie war mir klar gewesen, dass es nicht so einfach werden würde. Ich seufzte, ging zurück und lugte einen Spalt ins Freie.

"Was willst du?" krächzte ich.

"Lass mich rein", sagte Sven. Sein Befehlston ließ mich humorlos lachen, bis ich hustete und mich verhalten räuspern musste.

"Zur Hölle, nein! Verzieh dich."

"Bitte."

Mürrisch warf ich einen Blick in den Himmel, aber es sah nicht so aus, als ob der Regen bald nachlassen würde. Ich betrachtete seine Klamotten, die das Wasser dunkel gefärbt hatte und nun feucht an seiner Haut klebten. Seufzend trat ich zur Seite.

"Zieh die Schuhe aus..."

Ich wartete nicht auf ihn, wickelte die Decke enger um meinen Oberkörper und schlurfte ins Gästebad, um ihm ein Handtuch zu besorgen. Natürlich wollte ich das Tier so schnell wie möglich loswerden, aber ich fragte mich auch, was ihn hierher trieb bei diesem Wetter, ohne Schirm.

Im Flur war er nicht mehr, aber seine Schuhe standen adrett nebeneinander im Eingang. Immerhin. Ich fand ihn im Wohnzimmer wieder, er stand mit dem Rücken zu mir. Sein Kopf war gesenkt, als betrachtete er etwas. Ich warf ihm das Handtuch vor die Füße, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

"Okay, was willst du hier? Und fass dich kurz, mir ist nicht sehr nach Gesellschaft. Deiner schon gar nicht."

"So?" Sven drehte sich um und lächelte sanft. Mit wachsendem Entsetzen musste ich feststellen, dass er meinen Notizblock in der Hand hielt. "Irgendwie hab ich das Gefühl, du bist nicht ganz ehrlich zu mir."

"Gib das her!" fauchte ich verzweifelt, stürzte auf ihn zu, aber es war ein leichtes für ihn, mich auf Abstand zu halten, ich war noch zu schwach auf den Beinen.

Ein glücklicher Zufall ließ mich den Block erreichen. Ich riss ihn Sven aus der Hand und zerfetzte das Blatt Papier, auf dem ich immer wieder in süßer Qual seinen Namen gebannt hatte.

Oh großer Gott, lernte ich denn nie aus meinen Fehlern?

"Geh, geh, geh!" rief ich atemlos, etwas schnürte mir die Kehle zu. Die Schmerzen in meinem Kopf schwollen an bis zur Unerträglichkeit, ich schwankte und stieß eine Vase um.

Ärgerlich starrte ich auf die Bescherung, aber als ich aufblickte, drehte sich das Zimmer im Kreis, sodass mir sämtliche Vorwürfe im Hals stecken blieben. Ich schlug die Hand vor meinen Mund, als könnte das meine aufkommende Übelkeit unterdrücken.
Bevor ich in die Knie brechen konnte, schlang Sven seine Arme um mich und hob mich ohne erkennbare Anstrengung hoch. 

"Fass mich nicht an! Lass mich los!"

Völlig unbeeindruckt ob meiner Schläge auf seinen Rücken, trug er mich bis in mein Zimmer, das er zielsicher fand, ohne nach dem Weg fragen zu müssen. 

Schließlich sank ich erschöpft gegen seine Brust, klammerte mich an seinen Schultern fest und bedauerte es fast, als er mich löste, um mich ins Bett zu manövrieren.

"Du bist nass..." murmelte ich schlaftrunken und vorwurfsvoll, wischte mir nachlässig übers Gesicht.

"Tut mir leid", flüsterte Sven, während er mich zudeckte.

Dann überwältigte mich der Schlaf.

****

Vogelgezwitscher, Sonne, Licht.

Ich blinzelte an die Decke und stöhnte laut. Meine Knochen taten weh, dafür ging es meinem Kopf wieder gut und schlecht war mir auch nicht mehr. Aber ich war müde, so müde. Ich driftete bereits wieder fort, kuschelte mich mit einem wohligen Seufzer an die Wärmequelle neben mir und döste vor mich hin.

Mit der Erkenntnis riss ich die Augen sofort wieder auf und starrte Sven ins wache Gesicht. Er betrachtete mich ruhig und aufmerksam, hinderte mich nicht, als ich automatisch von ihm fortrückte.

"Was...", ächzte ich um meine Stimme kämpfend, "zum Teufel fällt dir ein?!"

Er trug kein Hemd und ich wollte nicht wissen, wie es unter der Bettdecke aussah. Zu meinem Leidwesen errötete ich verräterisch, wand mich ab und wollte aus dem Bett steigen. Meine Füße berührten schon den Boden als er sagte:

"Bleib hier..."

"Natürlich bleibe ich hier, das ist mein verdammtes Zimmer! Ich will, dass DU verschwindest!" Mein Herz schlug mir bis zum Hals, sein Blick bohrte sich in meinen Rücken, ich konnte es spüren. Die Matratze senkte sich hinter mir, seine kühlen Finger schoben sich über meine Kehle unter mein Kinn, drehten meinen Kopf, dass ich ihn ansehen musste.

"Du hast mich verflucht", krächzte ich in einem letzten verzweifelten Versuch, mich seinen Fängen zu entwinden. "Hau ab."

Er liebkoste meine feurigen Wangen mit flüchtigen Küssen, raunte samtigweich an meine geschlossenen Lider: "Sei mein..."

Jeder Widerstand bröckelte dahin. Ich seufzte leise, lehnte mich gegen ihn und vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Mein Herz stolperte in fahriger Flucht, seine Hitze verbrannte mich, rieselte in erschauernden Schüben über mich hinweg.

"Sei mein", flüsterte Sven beschwörend, bevor er mich gierig küsste und ich in Flammen aufging.

****

Nun, da Sven mich einen unwirklichen Morgen lang ganz und gar besessen hatte, glaubte ich seine animalischen Triebe befriedigt. Somit sollte auch sein irritierendes Interesse an mir gestillt sein.

Zunächst sah es auch ganz danach aus.

In der Schule schenkte er mir seine gewohnt eisige Ignoranz, die ich schmerzender empfand als ich zugeben wollte. Auch der Gedanke, dass ich es so hatte kommen sehen, tröstete mich eher mäßig bis überhaupt nicht.

Vielmehr ärgerte ich mich maßlos über meine Dummheit, dass ich mich erschreckend leicht hatte benutzen lassen, wo ich es doch eigentlich so viel besser wusste.

****

Unsere Klasse steckte mitten in den Vorbereitungen für die Abschlussfeier der letzten Jahrgänge. Es herrschte geschäftiges Treiben in der Aula und auf der Bühne, Dekorationen wurden probeweise aufgehängt, Tische und Stühle gerückt, Sitzordnungen diskutiert.

Sven war auch da, ich beobachtete missgünstig, wie er sich nonchalant in einer Traube des weiblichen Geschlechts bewegte, die sich stets um ihn zu versammeln schien. Meine Zunge reizte es über die Maßen, diese verliebten jungen Mädchen über Svens dunkles Geheimnis aufzuklären. 

Ich wollte ihre schockierten Gesichter sehen, in denen sich Abscheu und Unglauben vermischten, doch letzteres würde schließlich nur zu meinem Verhängnis werden. 

Wer würde mir schon glauben, dass der momentane Mädchenschwarm der Schule so schwul war, wie die Umkleidekabine von "Holiday On Ice"?

Lächerlich.

Es klingelte zum Schulschluss, fast augenblicklich leerte sich die Aula, auch ich war dabei, mich aus dem Staub zu machen, nur leider erwischte mich mein Klassenlehrer. Zusammen mit zwei anderen Schülern wurde ich dazu verdonnert, die Bühne so weit wieder aufzuräumen, dass sie begehbar war.

Jemand drückte mir eine Kiste voller unsinniger Requisiten in die Arme und schickte mich damit auf den Dachboden. Es überraschte mich nicht mal, als ich dort Sven begegnete, der ebenfalls einen Karton verstaute.

Ich atmete tief durch, setzte eine unberührte Miene auf und betrat die düstere Kammer. Es roch nach Mäusedreck und jeder meiner Schritte wirbelte kleine Staubwolken auf, die mich zu einem Husten reizten, den ich gerade so unterdrücken konnte.

"Würdest du bitte...?" murrte ich ungeduldig, weil die Kiste immer schwerer wurde und er mir im Weg stand. Sven ging zur Seite und ich huschte an ihm vorbei, dabei vermied ich es, ihm ins Gesicht zu sehen.

Ich hatte Mühe, das schwere Ding in das Regal zu hieven, ich ächzte und streckte mich, als mir zwei fremde Arme halfen zu schieben, bis es geschafft war. Himmel, er stand direkt hinter mir und plötzlich spürte ich seine Hand Besitz ergreifend auf meinem Hüftknochen.

"'dre...", lockte Sven heiser, werbend. 

Seine Fingerspitzen umkreisten meine Nackenwirbel, ich drehte mich aus seiner Umarmung, blickte mich demonstrativ um und ließ wenige Millimeter meine Augenbrauen nach oben wandern.

"Hier?" erkundigte ich mich reserviert.

Sven lachte kehlig. "Jederzeit, überall..." Er saugte an meinen Lippen, an meinen Wangen, nahm mein Gesicht in seine Hände, grub seine Finger hinein, als wollte er es verschlingen.

Er dirigierte mich rückwärts an einen alten, verstaubten Schreibtisch, fegte nachlässig störendes beiseite, stöhnte rau an mein Ohr, als er mich mit Schwung auf die Holzfläche setzte.

Ich krallte mich an seinen Schultern fest und keuchte erschrocken, als er mir die Hose bis zu den Knöcheln hinunterriss, sich zwischen meine Oberschenkel drängte und meine Beine um seine Hüfte wickelte.

Seine Finger durchpflügten mein Haar, verankerten sich in meinem Genick, zogen mir den Kopf in den Nacken. Svens Zunge brannte auf meiner bloßen Kehle, mein Rückrad bog sich durch, mein Unterleib zuckte, suchte Erlösung, aber er setzte quälend langsam an.

"Mach schon!" zischte ich ungnädig und presste meine Hände in sein Gesäß. Mein Verlangen machte mich schwach. Wäre es plötzlich notwendig gewesen, hätte ich darum gebettelt.

Er knurrte mir ausgehungert ans Ohrläppchen, biss kurz in das empfindliche Fleisch, reizte meine Lenden unmenschlich, bis er sich endlich meiner bemächtigte und mir ein lautes Keuchen entfloh.

Es war mir völlig gleich, ob die ganze Welt mich gehört hatte.

****

Der letzte Schultag. Ich hatte schon vor Wochen die letzten Vorbereitungen getroffen, würde die Stadt schon in den nächsten Tagen verlassen, meine Ausbildung an einem fremden Ort beginnen, wo mich niemand kannte, so wie ich es immer gewollt hatte. 

Die Schatten wanderten. Die Augen mit der Hand abschirmend, legte ich den Kopf in den Nacken, blickte in einen stahlblauen Himmel, suchte vergebens nach trostbringenden Wolkenfeldern, welche die brennende Sonne verdunkeln könnten.

Ächzend griff ich hinter mich, fühlte die raue Rinde der Eiche und ließ mich an ihrem Stamm zu Boden gleiten. Ich kam nicht umhin festzustellen, dass ich transpirierte, ein Umstand, den ich nur schwer ertragen, dem aber auch nicht entgegen wirken konnte.

Der orangerote Feuerball kannte kein Erbarmen und ich sehnte mir den versöhnlichen Herbst herbei. Die Nachmittagshitze ermüdete mich, ließ mich schläfrig werden, wo meine Sinne doch gerade jetzt geschärft sein sollten.

Ich hatte Sven während der Zeugnisvergabe unmissverständliche Blicke zugeworfen. Ob er kommen würde? 

Ich könnte mir vorlügen, dass es mir gleichgültig wäre, aber allein der Gedanke, er könnte mich hier umsonst warten lassen, ließ mich vor Enttäuschung fast schmerzlich zittern, schnürte mir die Kehle zu, fror mich ein...

Meine Hand wanderte von dem schwarzen Leder meiner Schultasche über das halbvertrocknete Grün der Grasfläche neben mir, streichelte wahllos die Halme, bevor ich desinteressiert eine Handvoll ausrupfte, nur um sie wieder durch meine Finger gleiten zu lassen.

Etwas bewegte sich in meinem Augenwinkel. Ich neigte den Kopf zur Seite und beobachtete, wie sich eine schwarze Kreuzspinne fast vor meiner Nase abseilte - in ihren unwirklichen Klauen das letzte Opfer aussaugend.

Nichts berührte mich mehr. Ich war leer. Und doch unruhig. Dämmerte fort...

...bis heißer Atem meinen Nacken streifte, sich Arme um meine Schultern legten und eine Stimme meinen Namen raunte, das vibrierende Timbre mein verstummtes Herz wieder zum Schlagen brachte.

"Ah..."

Die Welt nahm Formen an, als ich ihn bei den Haaren packte, seine Stirn an meine legte, mich seiner versichernd, die höhnenden Lippen einnehmend, die nur ein spöttisches Lächeln für mich erübrigten.

Ich bekannte zuviel Schwäche, wollte ihm die Genugtuung nicht gönnen, nichts verlangen, doch meine Augen offenbarten stets ungehindert meine aussichtslose Liebe.

Wusste er, wie abhängig ich von ihm war? Natürlich wusste er es, deswegen war es auch ein leichtes für ihn, mich zu manipulieren, seine animalischen Triebe an mir zu sättigen, während ich mich wie ein Ertrinkender hilflos an den Strohalm namens Hoffnung klammerte.

Er verbrannte mich. Ich schob ihn von mir, versuchte den letzten Funken Würde und Selbstachtung in mir zu wahren.

"Du bist spät."

Seine Replik kam postwendend und traf mich wie immer schmerzlich.

"Wen kümmert's?"

Seine Augen sprachen Bände, sahen mich bereits gebrochen, was ich so nicht akzeptieren konnte, bemerkte, wie er den Abstand zwischen uns dezimierte, mich wieder seiner betäubenden Nähe aussetzend.

Keine Frage, er wusste um seine Reize.

Umso überraschender trafen ihn meine Worte.

"Es ist vorbei."

Ich schaffte es, meiner Stimme einen konsequenten Ton zu geben und sah mit Freuden, wie ihm sein überhebliches Grinsen aus dem Gesicht fiel und einem anderen Ausdruck wich.

"Nein."

Aber ich griff bereits nach meiner Tasche, stand auf und klopfte mir nachlässig die Hose ab. Keine zwei Schritte kam ich weit, wurde am Handgelenk gepackt und herumgerissen. Wir fielen.

Etwas bohrte sich schmerzhaft in meine Schultern, was mir einen Protestlaut entlockte, den ein hungriger Mund sofort wieder erstickte, mir die Lippen versiegelnd. Ich entzog mich nach Luft ringend.

"Du gehörst mir."

Nie klang er so unsicher, verkeilte unsere Finger, griff mit der freien Hand fordernd zwischen meine Beine, was mich überrascht aufstöhnen ließ. Er zog feuchte Spuren über meine Kehle, die mir ein wohliges Prickeln schenkten, doch ich zog die Knie hoch und stieß ihn von mir herunter.

"Nein. Es ist vorbei."

Ich wusste nicht, ob er verstanden hatte, was ich sagte. Er antwortete mir nicht. Tatsächlich starrte er ins Leere und ich verließ ihn ohne einen Blick zurück.

Es war richtig so, er wollte mir nur wehtun. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen hatte.



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Teil 3 - Wein, Weib und Rodeo
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.oOo.
Don't kid yourself
And don't fool yourself
This life could be the last
And we're too young to see
.oOo.

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In Spielfilmen wird der Moment des ersten Wiedersehens nach so vielen Jahren meist schicksalhaft, ja fast schon dramatisch dargestellt:

Musik verstummt plötzlich, der Hintergrund wird ausgeblendet, Sekunden dehnen sich minutenlang, während man in den Augen seines Gegenübers versinkt, nur um dann irgendetwas Dummes zu sagen, das den Augenblick zerstört.

Die Realität war viel desillusionierender.

Das mochte an den vier Whiskey Cola liegen, die ich mir zuvor zur Stärkung eingeflößt hatte, wobei die Wirkung eintrat, die ich wirklich hatte erzielen wollen: Entspannte Gleichgültigkeit.

Frank Hartmann empfing mich als Erster, ich hätte ihn fast nicht erkannt. Er trug eine runde Brille. Seine Haare wuchsen ihm bis über die Ohren und fielen ihm in die Stirn. Er sah aus wie John Lennon.

Sie hatten einige Tische zusammen geschoben als gäbe es jeden Augenblick eine Gruppenarbeit. So wie ich die Sache erkennen konnte, waren fast alle anwesend, auch wenn mir zu dem einen oder anderen Gesicht der Name fehlte.

Manche Männer hatten ihre Ehefrauen dabei. Manche Frauen sogar ihre Kinder. Mein Blick flog nicht lange durch den Klassenraum, bis ich Sven fand. Er saß neben einer attraktiven Blondine. Ich kannte sie nicht, er musste sie mitgebracht haben.

Mein Herz verkrampfte sich und nun spürte ich doch einen kleinen Anflug unerwünschter Nervosität. Meine Hände begannen zu schwitzen. Er hatte mich noch nicht gesehen. Noch hatte ich Gelegenheit zu verschwinden. Ich könnte mich sofort umdrehen und im Nu wäre ich aus dieser unsinnigen Geschichte raus.

„Einen wunderschönen guten Abend“, hörte ich mich sagen, als gehörte mir die Stimme nicht, mit der ich sprach. Ich fühlte wie sich meine Lippen zu einem unaufdringlichen Lächeln formten, ein Lächeln, das sogar meine Augen erreichte.

Köpfe drehten sich zu mir um und erwiderten freundlich meine Geste. Überdeutlich spürte ich Svens Blick auf mir, aber ich ignorierte ihn.

„Andre, schön dass du da bist! Setz dich doch!“

Ich musste zweimal hinsehen, bis ich sie erkannte: Sandra Hollburg. Ich erinnerte mich gut an ihre Stimme, die vor gut zehn Jahren in diesem Raum beinahe erstaunt ausrief: „Ich wusste es! Hab ich es euch nicht gleich gesagt? Ich wusste es!“

„Gerne“, erwiderte ich und grinste ehrlich erfreut. Sie hatte zugenommen. Mindestens 20 Kilogramm.

Der unvermeidliche Smalltalk plätscherte gut zwei Stunden vor sich hin, meistens redeten die anderen, ich nickte nur ab und zu mit dem Kopf und lächelte unverbindlich, während ich ein Glas Erdbeerbowle nach dem anderen leerte.

Sven beachtete mich nicht. Er war mit dieser Dirne beschäftigt. Ich hätte wissen müssen, dass er nicht allein kommen würde. Noch dazu mit einer Frau, das war natürlich sehr bezeichnend. Wem wollte er vormachen, dass er eine glückliche, heterosexuelle Beziehung führte?

Mir? Dann fühlte ich mich aufrichtig geehrt, aber den Aufwand hätte er sich sparen können.

Mit jeder verstreichenden Minute fühlte ich mich deplazierter. Was zur Hölle machte ich hier? Warum verbrachte ich meine kostbare Zeit mit Menschen, die mir nichts bedeuteten?

Warum war ich so bitter enttäuscht?

Was zur Hölle hatte ich denn erwartet?

Dass er mir um den Hals fallen würde? Mich an sich drücken und mir versichern würde, dass er sich geändert hätte? 10 Jahre lang im Zölibat lebte und nur auf mich gewartet hatte?

Schlimm war, dass ich es besser wusste. Natürlich. Irgendwie weiß man es doch immer besser. Das hinderte einen aber trotzdem nicht daran, nach den Sternen zu greifen.

Die trockene Stimme meiner Großmutter hallte mir in den Ohren: „Du solltest lieber einschlafen, bevor du anfängst zu träumen, Andre!“

Aber ich erlitt trotzdem einen starken Rückfall in die Pubertät, als mir das glückliche Lachen der Frau an seiner Seite fast die Tränen in die Augen trieb. Mir wurde schlecht und schwindelig von der letzten alkoholgetränkten Frucht, die ich aus meinem Bowleglas gefischt hatte.

Na schön, vielleicht war nicht nur die eine Frucht schuldig, doch sie gab mir den Rest.

„Entschuldigt mich, bitte...“, murmelte ich mit der Hand vor dem Mund und flüchtete mit dem Wissen auf die Toilette, dass ich nie wieder in den Klassenraum zurückkehren würde.

****

„Scheiße!“

Ich trat gegen die Kabinentür, welche daraufhin laut scheppernd gegen die Wand knallte und fiel vor der Kloschüssel auf die Knie. Speichel sammelte sich in meinem Mund und einen Augenblick krampfte sich mein Magen gefährlich zusammen, doch dann verschwand der
Brechreiz wieder.

Die Übelkeit blieb.

Murmelnd umklammerte ich das weiße Porzellan und bettete den Kopf an meine Schulter. Mir fiel aus irgendeinem Grund ein afrikanischer Stamm ein, die immer so schliefen, damit ihnen keine Insekten in die Ohren krabbelten.

Keine angenehme Vorstellung.

Alles drehte sich.

„Scheiße...“

Ich fühlte mich elend. Mir würde es bestimmt besser gehen, wenn ich mir den Finger in den Hals stecken könnte, doch das kostete mich zuviel Überwindung. Mein Körper verlangte nach einem Bett, aber das war ganze 55 Kilometer weit weg. Meine Armbanduhr verkündete, dass es bereits nach 23:00 Uhr war.

„Scheiße, meine letzte Bahn...“

„...ist vor zwei Minuten abgefahren. Und die nächste fährt erst um fünf, soviel ich weiß.“

Svens Stimme klang dumpf, so als hätte ich Watte in den Ohren. Weder überraschte mich die Tatsache sonderlich, dass Sven direkt hinter mir stand, noch machte sie mich besonders nervös.

Mein klarer Verstand hatte sich von meinem Körper gelöst, schwebte außerhalb meiner Reichweite und gab nützliche Bemerkungen von sich, so was wie:

„Die Kloschüssel, an die du dich klammerst, hat schon 1 Millionen Ärsche gesehen und du Idiot reibst deine Wange daran, als handelt es sich dabei um dein Kopfkissen.“

(Worüber ich müde lächelte und versonnen nickte.)

„Der Fußboden, auf dem du rumrobbst, ruiniert deine 100 Euro Jeans und an deiner Stelle würde ich durch eine Kontaminierungskammer gehen, bevor du dich wieder in die Gesellschaft einfügst, denn dein Knie wird gerade feucht und ich versichere dir auch ohne Diplom, dass diese Flüssigkeit – was immer sie auch in ihrem ursprünglichen Zustand gewesen sein mag – mindestens 25 ansteckende Krankheiten überträgt.“

(Bei Krankheit dachte ich an Krankenhaus und bei Krankenhaus dachte ich an Krankenpfleger. Starke Männer in Weiß, die mich fütterten und mir den Rücken wuschen. Ich sabberte.)

„Die erste große Liebe deines Lebens steht nach 10 Jahren wieder vor dir und du liegst geifernd im Dreck, während du debil grinsend frivole Fantasien spinnst.“

(Ich stöhnte. Da hatte ich meinen wunden Punkt getroffen. Das war wirklich unangenehm, ich sollte mich zusammenreißen.)

Svens Finger streichelten mir die Haare aus der Stirn. Ich schob seine Hand nachlässig beiseite, packte seinen Arm und zog mich an ihm auf die Beine. Leider konnte ich nicht verhindern, dass ich schwankte wie eine Boje.

Svens Geruch betäubte mich, wie er es schon immer getan hatte. Nicht unangenehm, aber es widerstrebt mir im Zusammenhang mit einem Mann von „Duft“ zu sprechen.


Zum ersten Mal hatte ich Gelegenheit, ihn richtig zu betrachten: Er trug legere Kleidung. Ein weißes Hemd, die ersten drei Knöpfe waren offen. Eine Jeans. Am rechten Handgelenk baumelte ein Stoffarmband, das selbst gemacht aussah.

Hatte er es selbst gemacht?

Oder hatte jemand es für ihn gemacht?

Vielleicht war es die blonde Frau gewesen.

Sein Kreuz war ein wenig breiter als früher und seine Arme sahen kräftiger aus. Entweder verübte er einen körperlichen Job oder er machte Sport.

„Siehst gut aus“, nuschelte ich schief grinsend, klopfte Sven auf die Schulter und schob mich an ihm vorbei.

„Wo willst du hin?“ fragte er schneidend. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er mein Handgelenk festhielt, bis ich nicht mehr vorwärts kam.

„Menno...!“ Ich versuchte mich zu befreien, was sich schwieriger gestaltete als ich zunächst annahm, aber ich schaffte es, woraufhin ich blöde kichern musste.

„Du bist betrunken.“

„Bingo!“ rief ich entzückt und klatschte einmal in die Hände. „Der Kandidat hat 99 Punkte. Sie haben so viele Waschmaschinen gewonnen, wie Sie tragen können...“

Sven kannte den Witz anscheinend schon, er verzog keine Miene. Ich hasste diese unmoderate Seite an ihm.

„Du bist doof, weißt du das? Du musst viel lockerer werden, lass dir das gesagt sein...“

Der Boden unter meinen Füßen bog und krümmte sich heimtückisch, sodass ich mich an der Kachelwand entlang tasten musste.

„Was hast du jetzt vor, wenn ich fragen darf?“

„Ich ruf mir ein Taxi!“ verkündete ich den Zeigefinger hebend, was mich wieder aus dem Gleichgewicht brachte. Sven griff mir um die Taille und legte meinen Arm um seine Schultern.

„Das glaube ich nicht. Du schläfst bei mir.“

Diese Stimme jagte mir Schauer über den Rücken. Seine Körperwärme war so beruhigend. Ich seufzte und sah ihm in die Augen. Das war gar nicht so leicht, er hatte mindestens vier Stück davon.

„Das halte ich für keine gute Idee“, brummte ich. Doch im selben Moment fühlte ich eine bleierne Schwere, die von meinem Körper Besitz ergriff.

Ich verlor das Bewusstsein und erwachte erst vier Stunden später in einem fremden Bett.

****

Als ich die Augen aufschlug war es stockfinster. Mein Kopf tat weh. Vorsichtig glitt meine Hand über das Bettlaken, aber ich stieß an kein Hindernis. Der Platz neben mir war leer, nicht mal warm.

Was war passiert?

Ich hob die Bettdecke an und griff mir an die Brust. Mein Hemd trug ich noch. Gut. Meine Finger wanderten tiefer. Gürtelschnalle, Jeansstoff. Meine Hose trug ich ebenfalls. Was viel mehr ins Gewicht fiel: Der Hosenstall war zu. Ausgezeichnet.

Ein erleichtertes Seufzen verließ meine Lippen.

Meine Augen entdeckten in der Dunkelheit rotleuchtende Ziffern. Ein Digitalwecker. Schöne Erfindung. 3:26 Uhr. Großer Gott, wie lange hatte ich geschlafen?

Lange genug, das stand ganz außer Frage.

Sven war nicht in diesem Raum, nicht körperlich, dennoch spürte ich überall seine Präsenz. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass ich mich in seinem Schlafzimmer befand. Aus irgendeinem Grund trieb mir der Gedanke die Röte ins Gesicht.

Ich verließ das Bett. Meine Augen hatten sich inzwischen soweit an die Dunkelheit gewöhnt, dass ich die Zimmerumrisse erkennen konnte. Ich bewegte mich trotzdem ungeschickter als ein Blinder in ungewohnter Umgebung, bis ich den Türgriff fand.

Verdammter Restalkohol.

Ein kurzer Flur erstreckte sich vom Schlafzimmer aus, teilte sich in der Mitte einmal rechts (vermutlich die Küche oder das Bad) und links (eindeutig die Haustür, wie mir eine Gegensprechanlage, die Garderobe und ein kleiner Schuhschrank vermittelten).

Weiter geradeaus befand sich das Wohnzimmer, aus dem flackerndes Licht auf den Boden und gegen die Wände fiel. Der Fernseher, wie ich feststellte, ohne Ton. Aber Sven lag nicht auf der Couch wie ich vermutete, er stand auf dem Balkon und rauchte eine Zigarette.

Mein Herz stolperte und mein Blick klammerte sich förmlich an seine Rückenansicht. Ich fühlte mich wie paralysiert. Als seine Stimme plötzlich meine Ohren erreichte, drehte er sich nicht einmal zu mir um.

„Wieder wach?“

Ich nickte schwach, doch dann fiel mir ein, dass er das nicht sehen konnte. Also räusperte ich mich und antwortete: „Ja...“

„Kannst du nicht mehr schlafen?“

Meine Füße machten zwei kleine Schritte auf ihn zu, ehe ich mich daran hindern konnte. Immer noch trennte uns eine Distanz von zwei Metern.

„Nicht wirklich. Aber so wie es aussieht, kannst du auch nicht.“

„Hmm...“ Sven nahm einen Zug von seiner Zigarette und ließ den Arm wieder über das Balkongeländer hängen. Sein Blick war irgendwo in die Dunkelheit unter ihm gerichtet. Er trug nur ein T-Shirt und Boxershorts. „Zu warm.“

„Hör mal...“ Ich fasste mir an den Kopf und kratzte mich im Nacken, obwohl ich keinen Juckreiz spürte. Als müsste ich nur irgendetwas um der Tat Willen tun. „Ich danke dir für deine Gastfreundschaft, aber es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“

Schweigen bedeutet Zustimmung, zumindest hat meine Mutter mir das mal beigebracht. Ich gab ihm noch vier Sekunden etwas dazu zu sagen oder sich wenigstens mir zuzuwenden, aber er tat nichts dergleichen.

Er war nur zwei Meter weit weg von mir. Nur zwei Meter, doch die Kluft zwischen uns reichte zehn Jahre tief.

****

Ich ging zurück in den Flur und zog mir meine Schuhe an. Ich fand dort auch meine Jacke, die ordentlich an der Garderobe hing. Mein Blick fiel auf ein eingerahmtes Foto an der Wand, auf dem mir die blonde Frau zulächelte, mit der Sven auf dem Klassentreffen erschienen war.

Er machte es mir so leicht zu gehen.

Aber warum fühlte sich meine Brust so zugeschnürt an, dass es mir schwer fiel zu atmen? Warum erstickte ich fast an dem riesigen Knoten in meinem Hals, dass sich sogar ein qualvolles Schluchzen aus meiner Kehle löste?

Ich schlug mir die Hand vor den Mund und starrte mit aufgerissenen Augen auf den Boden. Meine Sicht verschwamm. Der Drang aus dieser Wohnung und vor allem aus seiner Nähe zu verschwinden wurde übermächtig.

Ich zog hastig die Haustür auf, aber ehe ich einen Schritt ins Treppenhaus machen konnte, spürte ich einen stechenden Schmerz an meinem Oberarm, einen Griff, der mich festhielt.

Mit einem lauten Knall donnerte die Tür wieder ins Schloss. Sven hatte sie zugestoßen. Vor Schreck keuchend blickte ich in sein Gesicht, das nah vor meinem schwebte. Er sah mich mit einem fast verzweifelten Ausdruck an, den ich nicht von ihm kannte.

Aber ich irrte mich, ich hatte ihn schon einmal so gesehen. Doch das war lange her.

Meine linke Hand grub sich in sein T-Shirt, als er seine Arme erstickend eng um meinen Körper wickelte, mich an sich presste, als würde sein Leben davon abhängen.

Mein Herz schlug vor Aufregung so schnell, dass ich fast das Atmen vergaß.

Ich spürte raue Bartstoppel an meiner Wange, was ungewohnt von ihm war und die Bewegungen seiner Lippen als er an mein Ohr raunte: „Ich hab dich vermisst...“

Seine Worte verursachten unterirdische Erdbeben in meinem Magen und doch klangen sie so fremd aus seinem Mund, als würde er in einer toten Sprache zu mir sprechen.

So ein intimes Zugeständnis hatte ich niemals von ihm erwartet. Das allein genügte schon, mir die Röte in die Wangen zu treiben. Er blies warmen Atem in meinen Nacken, bevor er feuchte Spuren auf der Haut hinterließ.

Ehe ich mich versah, drückte ich mein Gesicht an seine Brust und sog seinen Geruch ein, erwiderte die Umarmung ebenso stark, seufzte, klammerte mich um sein Kreuz und jammerte zusammenhanglos.

Sven entfachte eine Hitze in mir, die ihr Zentrum in meinem Schoß fand, dementsprechend beengend gestaltete sich bereits der Raum in meiner Hose.

Ich fühlte ihn an meinem Hals lächeln, er leckte mir über das Schlüsselbein und griff mir grob zwischen die Beine, dass ich meine Finger in seine Schultern krallen musste und mir zischend auf die Unterlippe biss.

„Du bist schon so weit...?“


Sven sah mich mit Augen an, die meinen Herzschlag unweigerlich beschleunigten, als hätte sein Blick allein mehr Macht über meinen Körper als seine Taten.

Er beregnete mein Gesicht mit fahrigen Küssen, ich folgte seinem Mund und fing die Lippen ein, saugte an seiner Zunge, leckte über sein Kinn.

Weit entfernt hörte ich ihn murmeln: „...so vermisst...“

„Lügner“, presste ich hervor und zog ihn zu Boden. Währenddessen versuchte ich seine warmen Hände zu ignorieren, die sich unter meinen Hosenbund schmuggelten, aber meine Libido betrachtete Svens Bemühungen als Ansporn.

Ich stöhnte gegen seine Stirn. Meine Erektion drängte sich bereits schmerzhaft an Svens Hüfte, sodass ich nicht anders konnte, als mich an ihm zu reiben.

Sven widmete sich währenddessen meinen übrigen Schwachstellen mit dem Vergnügen eines wilden Tieres, das nach langer Gefangenschaft in sein Revier zurückgekehrt war und nun aufs Neue sein Gebiet markierte, seine liebsten Orte wieder aufsuchte.

Oh, er hatte ein gutes Gedächtnis.

Das Ausmaß seiner gezügelten Geduld erkannte ich an seinem fliehenden Atem, der stoßweise aus seiner Brust kam. Ich wusste, wie erregt er war, als meine Finger seine Lenden streiften. Er keuchte, fing meine Hand ein und führte sie direkt an seinen Schoß, so als könnte ich den Weg nicht finden.

Ich schlang einen Arm um seinen Nacken und brannte ihm einen Kuss auf die Lippen, während meine Finger seine Hoden streichelten und er zu keinem klar artikulierten Laut mehr fähig war.

Die Hose war mir bis in die Knie gerutscht. Ich strampelte mich umständlich frei, weil ich ihm dabei half, sein nassgeschwitztes T-Shirt loszuwerden. Das Gefühl seiner nackten Haut auf meiner war so berauschend, dass ich kurz auflachen musste, woraufhin er einstimmte.

Wir wälzten uns auf dem Boden, er biss mir in den Nacken, ich zerkratzte seine Schulterblätter. Immer wieder flüsterte er mir betörende Worte zu, dich ich kaum noch verstand, weil das Blut zu laut in meinen Ohren rauschte.

Ich wollte ihn. Ich konnte nicht mehr warten.

„Mach schon!“ knurrte ich an seinen Hals und leckte ihm über die bloße Kehle.

Ich spreizte die Beine, griff nach seiner Hand und zog ihn an meine Brust, bis ich sein ganzes Gewicht auf mir spürte. Meine Oberschenkel umklammerten seine Hüfte, während er sich in Position brachte.

Mein Herz stolperte lebensgefährlich, als er mit einem erstickten Stöhnen in meinen Körper eindrang. Der Schock saß tief, ich ächzte und rief mir ins Gedächtnis, dass er noch gar nicht angefangen hatte, sich zu bewegen.

Sven saugte an meinen Lippen, schob seine Hand unter meinen rechten Oberschenkel und drückte ihn nach vorne, genau im selben Moment begann er zuzustoßen.

Das geschah so plötzlich für mich, dass er nur dreimal meinen Punkt treffen musste, bis ich das erste Mal kam. Aber auch er brach kurz darauf keuchend auf meiner Brust zusammen.

So lagen wir uns zwei Minuten schwer atmend in den Armen. Keiner von uns dachte daran, die Verbindung zwischen uns zu trennen.

„Na, das war ja ein kurzes Vergnügen. Du hast ganz schön nachgelassen. Früher hast du aber wesentlich mehr Energie gehabt...“, spotte ich grinsend.

„An deiner Stelle würde ich lieber ganz still sein“, grummelte Sven und pustete mir ins Gesicht. „Immerhin hast du zuerst schlappgemacht.“

Als ich Sven lächeln sah, spürte ich, wie meine Wangen glühten, wie sich Blut auch an anderen Gegenden wieder staute. Ich beugte mich vor und flüsterte an sein Ohr:

„Lass uns die Sache im Bett ausdiskutieren, Cowboy...“

****

Die Sonne stand bereits im Zenit, doch Sven schlief tief und fest. Ich stützte mich mit der linken Hand auf der Matratze ab, beugte mich hinunter und gab ihm einen sanften Kuss auf die Stirn. Federleicht berührten meine Fingerspitzen sein Haar.

Mein Herz war voll Wehmut.

„Mach’s gut.“

****

Ein Monat war nach dem Klassentreffen vergangen.

Der Raum in meinem Kopf war merkwürdig leer. Ich versuchte ihn mit Arbeit zu füllen, aber das gelang mir nur phasenweise. Meistens starrte ich aus dem Fenster auf den Parkplatz (auf dem es natürlich nichts zu sehen gab) und seufzte, statt mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren.

Belege tippten sich nun mal leider nicht von allein in den Computer.

Nach der Arbeit versackte ich in Bars. Obwohl mir schon aus Trotz danach war, mich auf eindeutige sexuelle Offerten einzulassen, tat ich es am Ende nie. Selten ergab sich ein Abend, an dem ich völlig nüchtern nach Hause kam.

Und immer häufiger erwachte ich auf einem feuchten Kopfkissen.

Dabei sollte ich froh sein. Ich hatte das Richtige getan. Ich hatte das Unvermeidliche nur ein wenig beschleunigt. Mir war doch völlig klar, dass die Geschichte zwischen Sven und mir nur ein One-Night-Stand war.

Das würde alles vorbeigehen, das wusste ich. Es brauchte nur ein wenig Zeit, bis ich ihn wieder vergessen hatte.

Früher oder später hätte er mich abserviert. Und ich wusste auch für wen. Schließlich hatte ich die blonde Frau genau so wenig vergessen, wie das Foto von ihr an der Wand.

Ich staunte nicht schlecht, als genau diese Frau eines Abends vor meiner Haustür stand.

****

„Du musst wieder zu ihm zurück. Er geht ohne dich kaputt.“

Hustend verschluckte ich mich an meinem Kaffee und klopfte mir gegen die Brust, während Verena seelenruhig an ihrem Heißgetränk schlürfte, ohne vorher zu pusten.

Nachdem sie mich draußen lächelnd empfing, konnte ich ihre Bitte nicht abschlagen und nahm sie mit in meine Wohnung. Sie hatte sich ordentlich vorgestellt und machte einen vernünftigen Eindruck auf mich.

Bis dahin.

„Was...? Wer?“

„Sven. Er liebt dich.“

Das sagte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich ärgerte. Maßlos. Tatsächlich war ich kurz davor, sie aus der Wohnung zu schmeißen.

„Warte, ich weiß, was du sagen willst.“ Verena griff in ihre Handtasche. „Aber guck dir bitte zuerst das hier an.“

Sie hielt mir einen zusammengefalteten Zettel hin. Ihr Blick hatte sich geändert, wurde fest und entschlossen. Ich nahm das Stück Papier entgegen. Es schien schon etwas älter zu sein, es fasste sich rau an, gilbte schon ein wenig an den Seiten und war hier und da sogar mit Tesafilm zusammengeflickt worden.

Ich runzelte die Stirn und sah Verena in die Augen. Sie nickte mir aufmunternd zu. Ich entfaltete vorsichtig den Zettel, weil ich das Gefühl hatte, er könnte sich jeden Augenblick in Asche auflösen.

Und dann erlebte ich die zweite Überraschung des Abends.

„Das darf doch nicht wahr sein...“ Meine Finger wanderten ungläubig über die Oberfläche des Papiers. „Hatte...“ Ich schluckte, meine Stimme versagte. „Hatte er das die ganze Zeit...?“

Verena lächelte mir zu und rieb beruhigend über meinen Oberarm. „Sven ist kein Mann vieler Worte, wie du sicher weißt.“ Woraufhin ich kurz auflachen musste, wobei mir aber der Humor fehlte. „Sein Stolz steht ihm meistens im Weg.“

„Du kennst ihn ziemlich gut.“

Sie grinste offen. „Ich war ein Jahr lang mit ihm zusammen. Irgendwann fand ich dieses abgerissene Stück Papier. Zuerst dachte ich, es wäre ein alter Liebesbrief...“

Ich errötete sofort.

„...womit ich ja auch gar nicht mal so falsch lag. Irgendwann hatte ich ihn soweit, dass er mir erzählte, was es damit auf sich hatte. Und seitdem...“, sie blickte mir offen in die Augen ohne eine Spur von Ärgernis oder Vorwurf, „...standst du immer zwischen uns. Ich hab Schluss gemacht.“

Weiter sagte sie mir, dass sie von da an eine tiefe Freundschaft verband. Sie hätte ihn nur auf das Klassentreffen begleitet, weil er ohne ihren Beistand nicht gegangen wäre.

„Aber...“ Ich fasste mir an den Kopf und fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. „Warum hat er nie etwas gesagt? Er... er hat nicht mal wirklich versucht, mich aufzuhalten, als ich damals gegangen bin.“

„Viel wichtiger ist doch“, sie griff nach meinem Handgelenk und hielt es fest, sah mir eindringlich in die Augen, „dass er dich letztes Mal aufgehalten hat, als du wieder gehen wolltest.“

Ich starrte auf den Brief, den ich damals ursprünglich nur für mich geschrieben hatte und auf eine unheimliche Weise den Verlauf meines ganzen Lebens verändert hatte.

„Und er hat dich niemals vergessen.“

****

Es gab viele Dinge, die Sven Höper hasste und eines davon war es, nachts um halb zwölf aus dem Bett geklingelt zu werden, wenn man am nächsten Tag früh aufstehen musste.

Zuerst versuchte er den Störenfried zu ignorieren, indem er sich die Decke über den Kopf zog, aber die wirkte leider nicht wirklich schalldicht, außerdem hatte der Depp da draußen mehr Ausdauer als Sven Geduld hatte.

Völlig entnervt rollte er sich aus dem Bett und schlurfte grummelnd an die Haustür. Er war genau in der richtigen Stimmung für Auseinandersetzungen, allerdings konnte er nicht mehr garantieren, dass er diesen Konflikt gewaltfrei lösen würde.

„Wer zum Teufel ist da?“

Keine Antwort und im Flur war es dunkel, der Blick durch den Türspion brachte ihn nicht weiter.

„Hallo?! Wer zur Hölle...?“

„Ich bin’s.“

Die Stimme war leise und drang nur dumpf durch das Holz, aber Sven erkannte sie sofort. Er riss die Tür und da stand er.

Andre.

Mit großen runden Augen, die ihn von unten her vorsichtig ansahen. Sven traute seinen Sinnen nicht und er merkte außerdem, dass sein Mund offen stand. Andre machte einen Schritt auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Hals.

„Wenn du mich noch willst“, hauchte Andre, die Lider auf Halbmast gesenkt, „gehöre ich dir und nur dir allein.“

Sven war ein Mensch, der niemals von Schamesröte befallen wurde, aber das trieb selbst ihm die Hitze ins Gesicht.

Dann lächelte er so breit, dass er eigentlich schon grinste.

„Lass uns die Sache im Bett ausdiskutieren, Cowboy...“

****

ENDE