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Freiheit

  
Key-Fic im Palast der Tränen

keine Alterbeschränkung 

keine Warnungen

Inhalt: Eine geplatzte Urlaubsreise führt einen Lottokönig in den Palast der Tränen, wo er ein paar interessante Entdeckungen macht.




Freiheit
 
ERDE - in etwa 50 Jahren
 
Was macht man, wenn man im Lotto den Jackpot gewinnt?
Man kauft sich vielleicht ein Haus, ein Auto, macht eine tolle Reise. Man schenkt vielleicht Verwandten und Freunden etwas und macht eine Spende an die ein oder andere wohltätige Organisation. Den Rest legt man klug an, um abgesichert zu sein, egal, was der Arbeitsmarkt für einen bereithält. Man hat nun die Gewissheit, dass man sich nicht mehr alles vom Chef gefallen lassen muss...
Was macht man, wenn man noch mal im Lotto den Jackpot gewinnt?
Man kauft sich vielleicht ein größeres Haus, stellt eine Putzfrau ein, schenkt Freunden und Verwandten wieder etwas, spendet wieder großzügig und legt den Rest abermals an. Spätestens jetzt braucht man nur noch zu arbeiten, wenn man es möchte, denn man ist reich genug, um sich einen sehr guten Lebensstandard leisten zu können.
Was macht man, wenn man ein drittes Mal im Lotto den Jackpot gewinnt?
Man schafft sich einen Zweitwohnsitz im Land seiner Wahl an, ein Auto für den Zweitwohnsitz, eine Putzfrau für den Zweitwohnsitz. Das Geld, das man für die Flugtickets braucht, um von einem Wohnsitz zum anderen zu kommen, ist nun in Hülle und Fülle vorhanden. Man hört jetzt wirklich auf zu arbeiten, fängt vielleicht an zu studieren - ein Fach, das einen zwar schon vorher interessiert hat, wo aber die Berufsaussichten zu gering sind, als dass man es als realdenkender Mensch ernsthaft in Betracht gezogen hat -, bereist die ganze Welt...
Und nun stellen Sie sich vor, Sie hätten nicht nur einmal, zweimal oder dreimal im Lotto gewonnen, sondern über zehn Mal den Jackpot abgeräumt! Unvorstellbar, oder? Und dennoch ist es mir passiert. Noch unvorstellbarer wird es, wenn man weiß, dass ich prinzipiell nur dann Lotto spiele, wenn der Jackpot mindestens zehn Millionen beträgt.
Was macht man mit so viel Geld?
Nun, in erster Linie versucht man sich selbst treu zu bleiben. Nicht seine Wurzeln zu verlieren. Denn Freunde, die einen schon mochten, bevor man reich wurde, mögen einen wegen des Geldes nicht weniger. Und wahre Freunde mögen einen dann auch nicht mehr. Natürlich kommen auch neue Freunde hinzu, und damit meine ich jetzt nicht all jene, die sich prinzipiell um die Reichen und Schönen dieser Welt scharren, in der Hoffnung etwas Glanz, Gloria und Geld abstauben zu können. Ich meine Menschen, die vermutlich auch vorher schon unsere Freunde hätten werden können, hätten wir sie kennengelernt. Aber ihr eigener Reichtum, ihre Stellung, ihr Ruhm ließen sie einfach in anderen Kreisen verkehren.
Ansonsten macht man mit so viel Geld ungefähr das, was ich eingangs beschrieben habe. Ich habe ein Haus in Deutschland und eines in Neuseeland. Meine Eltern haben ihr Haus und meine Schwester eine Eigentumswohnung. Alle haben wir unser Traumauto, in meinem Fall ein klassischer 7er BMW, sowohl in Deutschland als auch in Neuseeland. Ich habe ein paar Weltreisen gemacht und war sogar auf dem Mond. Ich habe Archäologie studiert, ein wirklich interessantes Fach, aber leider mit sehr schlechten Aussichten auf einen vernünftigen Job. Man braucht schon gute Noten und ebenso gute Beziehungen, um hinterher als lebender Staubwedel im Keller eines Museums arbeiten zu dürfen. Ich brauchte keinen Job, und so sprach nichts mehr gegen diesen Studiengang. Ich besitze mehrere Comic- und Mangacafés, sowohl in Deutschland als auch in Neuseeland, aber überwiegend in Neuseeland. Es ist so etwas wie ein Hobby für mich. Ich habe Dudelsack und Harfe spielen gelernt.
Und ich werde immer reicher. Nicht nur, weil ich gelegentlich immer noch Lotto spiele (immer noch mit der Vorgabe, dass der Jackpot mindestens zehn Millionen betragen muss), sondern auch weil mein Geld Geld verdient. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Es gibt Zinsen, Erträge, Renditen, etc. Ich kenne mich da nur oberflächlich aus, gerade gut genug um erkennen zu können, ob mein Finanzberater mich betrügt oder loyal ist. Zum Glück für mich ist er loyal. Wohl aus dem Grund, weil er seinen Job aufrichtig liebt, und nicht nur das Gehalt, das ich ihm zahle.
Man gewöhnt sich an vieles. Auch an das Reichsein. Daran, dass man jeder Laune nachgeben kann. Einigen Launen habe ich nachgegeben. Doch nicht allen. Und dafür danke ich meinen Eltern. Denn sie haben mich zu einem vernünftigen Menschen erzogen. Schließlich möchte ich ja nicht, dass es mir eines Tages wie etwa König Ludwig XV. von Frankreich geht... Dieser hatte nämlich so vieles bis zur Vergasung genossen, dass ihn so ziemlich alles langweilte und er ständig auf der Suche nach einem neuen Vergnügen, dem nächsten Kick war. Aber ich muss gestehen, dass der Reiz etwas Neues zu finden, etwas Außergewöhnliches auszuprobieren, mich nicht ganz kalt lässt. Insbesondere, wenn es um Reisen und Urlaub geht. Da habe ich wirklich schon so einiges ausprobiert. Denn während es in New York und Dubai am schönsten ist in einer der großen Suiten in einem der wirklich großen Hotels zu residieren, so geht in Neuseeland doch nichts über eine Backpacker-Tour. Ja, ganz richtig, Neuseeland. Ich habe mindestens fünf solcher Touren gemacht, obwohl ich einen Wohnsitz in diesem Land habe. Und in Ägypten ziehe ich eine Nilkreuzfahrt dem roten Meer vor, denn Ewigkeiten mit dem Bus zu den Sehenswürdigkeiten kutschiert zu werden, wird auch dann nicht angenehmer, wenn man den Bus durch eine Limousine ersetzt...
Mindestens zweimal im Jahr mache ich eine Reise, jedes Mal nach Möglichkeit in ein anderes Land.
In diesem Jahr wollte ich eigentlich Usbekistan besuchen. Mein Cousin, zehn Jahre älter als ich und Arzt, war dort vor fast 15 Jahren, also bevor ich dank meiner Lottogewinne nach Herzenslust reisen konnte. Und nach dem, was ich auf den Fotos gesehen habe, muss dieses Land wirklich faszinierend sein. Allein schon Buchara, die alte Stadt an der Seidenstraße, einst blühende Metropole und eines der großen Kulturzentren im Reich des Dschingis Khan...
Doch drei Wochen bevor es losgehen sollte, erreichte mich die Nachricht, dass die Reise abgesagt werden musste. In dem Land war es zu einem blutigen Regierungsumsturz gekommen, und die neue politische Führung hatte bis auf Weiteres alle Grenzen dicht gemacht. Man wusste nicht genau, ob es sich dabei um die Maßnahmen einer radikalen Gruppe handelte, die das Land auf Dauer isolieren wollte, oder ob dies lediglich dazu dienen sollte, den Frieden im eigenen Land wiederherzustellen. Aber egal was nun dahinter steckte, meine geplante Urlaubsreise konnte nun so nicht stattfinden.
Zu behaupten, ich sei darüber enttäuscht gewesen, ist noch stark untertrieben. Tatsächlich war ich so down, dass ich doch allen Ernstes versuchte, meinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Leider geht das bei mir nicht richtig, da der Alkohol nach einem gewissen Quantum aufhört, mir zu schmecken. Und mich mit etwas zu betrinken, das mir nicht schmeckt, ist mir zu blöd. Dennoch war ich schon reichlich angetüddelt, als mich Steven, einer meiner neueren Freunde ansprach.
"Hey, Tom, was ist denn los mit dir?"
Ich erzählte ihm, wenngleich vielleicht nicht so wohlartikuliert wie sonst, von meinen gestorbenen Reiseplänen.
"Und, was hast du jetzt vor?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Weiß noch nicht so recht... Für eine meiner geliebten Neuseeland-Touren ist es leider die falsche Jahreszeit." Es war Winter auf der Südhalbkugel. "Vielleicht Mexiko." Mexiko war immer recht interessant, und ich war zuletzt vor drei Jahren dort gewesen. Aber irgendwie war es nicht das Gleiche, wenn man auf Orient eingestellt war und es dann plötzlich mit Azteken zu tun hatte.
Steven schüttelte den Kopf. "Erdbeben. Letzte Nacht", sagte er nur.
Mist! Damit schied Mexiko wohl endgültig aus. Denn so wunderbar ich Einrichtungen wie das Rote Kreuz oder das Technische Hilfswerk fand und auch unterstützte, gehörten sie doch nicht unbedingt zu meinem Bild einer Urlaubsreise. Ich seufzte. "Irgendwelche Vorschläge?", fragte ich mit wenig Hoffnung, dass Steven mit etwas Interessanterem als den Seychellen oder Griechenland aufwarten würde. Denn auch wenn beide Länder ohne Frage ihren Reiz hatten, schieden sie doch aus dem einfachen Grund aus, dass ich beide erst im letzten Jahr besucht hatte.
Offenbar hatte Steven aus meinem Tonfall herausgehört, dass er sich etwas wirklich Außergewöhnliches überlegen musste, um mir weiterzuhelfen, denn es dauerte fast eine halbe Stunde, einen Drink und zwei andere Gesprächsthemen, ehe er diese Frage beantwortete. Völlig ohne Zusammenhang fragte er dann plötzlich: "Warst du schon einmal in einem Palast?"
"Was meinst du mit Palast?" Selbst in meinem von Alkohol umnebelten Zustand konnte ich mir nicht vorstellen, dass Steven damit die Besichtigung des Buckingham Palace oder eines ähnlichen Bauwerkes meinte.
"Ein Palast ist ein Ort unbegrenzter Möglichkeiten. Ein Ort, wo alle deine Sinne verwöhnt werden. Ein Ort, an dem jede deiner Phantasien wahr werden kann. Das Ganze hat natürlich seinen Preis, aber glaub mir, es lohnt sich."
Irgendwie klang das, so wie Steven das sagte, in meinen Ohren wie ein Edelbordell. Und ein Bordell, egal wie edel, war eigentlich nicht die Art von Etablissement, wo ich meinen Urlaub verbringen wollte. Aber andererseits klang es auch so, als hätte Steven schon einmal einen solchen Palast besucht, und war davon dermaßen beeindruckt, dass er ihn mir nun empfahl.
Anscheinend hatte mein Gesicht meine Gedanken deutlich wiedergespiegelt, denn Steven sagte nun: "Es ist mehr als das, was du jetzt denkst. Sicher, du kannst dort auch Sex haben. Sex soviel du willst, und in so ziemlich jeder erdenklichen Variante. Guten Sex, hervorragenden Sex, ganz so wie du es willst. Aber ein Palast ist mehr. Alle deine Bedürfnisse werden dort befriedigt. Wenn du lesen willst, kannst du sicher sein, dass kein Buchwunsch unerfüllt bleibt, wenn du hungrig bist, so wird dein Gaumen mit allem verwöhnt, was du dir je erträumt hast. Es ist... wie eine Oase der Sinne." Steven fehlten die Worte um genau zu beschreiben, was ein solcher Palast alles war.
Noch immer sträubte sich etwas in mir dagegen, denn auch wenn es eine Oase der Sinne war, so klang der Sex-Aspekt doch arg nach einer Art Bordell. Aber irgendetwas in Stevens Beschreibung, seiner Körperhaltung, Gestik, dem Glanz in seinen Augen berührte mich, weckte in mir das Verlangen, diesem Palast zumindest eine Chance zu geben. Und so ließ ich Steven weitererzählen. Von Schlüsseln und Keys, wobei ich mich fragte, ob das zwei verschiedene Dinge waren, oder der genossene Alkohol mir das nur vorgaukelte und Steven immer von dem gleichen Begriff sprach. Von den drei Palästen, von denen Steven wusste, aber, so sagte er, glaubte man den Gerüchten, gab es noch mehr. Nur wusste er nicht, wo diese lagen und wie man an einen Schlüssel gelangte. "Es könnte genau das sein, was du suchst." Das waren die letzten Worte, die mir von diesem Abend durch den Kopf hallten.
~*~*~
Als ich am nächsten Morgen erwachte, wusste ich, dass meine Entscheidung gefallen war. Ich würde meinen Urlaub in einem der Paläste verbringen, von denen Steven mir erzählt hatte. Nur in welchem?
Diese Entscheidung wurde mir dankenswerter Weise von meinem Gedächtnis abgenommen, das sich zwar noch daran erinnerte, dass mein Freund drei Paläste erwähnt hatte, aber nur noch mit einem Namen aufwarten konnte - Der Palast der Tränen. Seltsamer Name, aber auch nicht seltsamer als der von so manchem Hotel, in dem ich schon genächtigt hatte. Zum Glück war mein Gedächtnis etwas hilfreicher, als ich es fragte, wie ich an einen Schlüssel oder Key, oder wie auch immer, kommen konnte. Ich musste Kontakt zu einem Juwelier in Antwerpen aufnehmen, der neben Edelsteinen auch mit exklusiven, seltenen Gegenständen wie Palastschlüsseln handelte. Er fungierte als Mittelsmann zwischen dem Palastbesitzer und den Kunden.
Es war sogar relativ einfach den Kontakt herzustellen. Denn sich gezielt an diesen Juwelier zu wenden, bedeutete, dass man auf Empfehlung kam, und ohne Empfehlung kam man erst gar nicht in den Palast. Der zweite Schritt war eine Überprüfung meiner Bonität, denn Exklusivität hatte ihren Preis und wer diesen nicht zahlen konnte, hatte ebenfalls keine Chance, in den Palast zu kommen. Wiederum kein Hindernis für mich. Und so sandte mir der Juwelier bereits eine halbe Stunde später eine Video-Auswahl seltener, tränenförmiger Juwelen zu.
Da ich relativ wenig Ahnung hatte, für was die einzelnen Juwelen standen, und jedes von ihnen auf einzigartige Weise schön war, wählte ich schließlich eines, das wie eine Träne aussah, die der silbrige Mond des nachts hätte weinen können. Darunter stand auch passenderweise "Mondträne".
Nun, da ich eine Entscheidung getroffen hatte, begann ich mich auf die Reise zu freuen. Doch nur allzu schnell sollte meine Freude gedämpft werden und meine ursprünglichen Skrupel gegenüber dem Palast wieder geweckt. Noch am selben Abend kam meine Schwester auf einen kurzen Besuch vorbei und stolz präsentierte ich ihr meine neuen Reisepläne.
Sie war, gelinde gesagt, geschockt.
"Ein Palast? Sag mal, tickst du noch ganz richtig? Hast du überhaupt eine Ahnung, was das ist?"
"Ein Ort, wo mir all meine Wünsche erfüllt werden und ich mit allen Sinnen genießen kann", erwiderte ich, nachdem ich meinem angeschlagenen Gedächtnis diese Informationen entlockt hatte.
"So kann man es auch ausdrücken", meinte sie geringschätzig und in ihren Augen las ich deutlich, dass sie irgendwie von mir enttäuscht war. Doch ich hatte keine Ahnung warum, und so blickte ich sie fragend an.
Sie seufzte. "Sag mal, weißt du überhaupt, was ein Key ist?", fragte sie dann, schon ruhiger als zuvor.
"Ein Schlüssel?" So viel Englisch sollte sie mir doch bitte noch zutrauen.
Sie schüttelte den Kopf. "Nein! Ein Key ist ein Sklave. Er gehört dem Palast, und für die Dauer deines Aufenthalts dir. Er muss dir jeden Wunsch erfüllen und du darfst mit ihm machen, was du willst. Einzig töten darfst du ihn nicht."
Ein Sklave? Ein Key war ein Mensch? Der persönliche Diener, von dem Steven erzählt hatte, war ein Sklave? Ich hatte mir mit dem Mondtränen-Key einen Sklaven gemietet??? Immer wieder hallte das Wort durch meinen Kopf. Sklave! Sklave! Sklave!
Meine Schwester sah mir an, dass mich diese Neuigkeit vollkommen überrumpelt hatte und schwieg dankenswerterweise.
Warum hatte mir Steven nicht erzählt, dass es sich dabei um Sklaven handelte? Oder hatte er es, und ich hatte es bloß in meinem alkoholumnächtigten Zustand nicht mitbekommen? Aber selbst wenn, Steven war auch schon in so einem Palast gewesen. Bedeutete das, dass Steven Sklaverei guthieß? Hatte ich mich so in ihm getäuscht? Und überhaupt, woher wusste meine Schwester, was ein Key war?
Als ich sie fragte, grinste sie schwach und meinte: "Dein Reichtum hat nicht nur dir die Türen zu neuen Kreisen geöffnet. Und auf einer der Partys habe ich zufällig ein Gespräch mitbekommen, wo es um diese Paläste und ihre Keys ging. Offenbar hatten sie versucht einen der Keys freizukaufen, aber ihr Ansinnen war auf strikte Ablehnung gestoßen."
Die ganze Nacht dachte ich darüber nach, was ich nun tun sollte. Der Gedanke an Sklaverei war mir zutiefst zuwider. Etwas, das ich auf gar keinen Fall unterstützen wollte, etwas, womit ich nichts zu tun haben wollte. Als der Morgen dämmerte, stand für mich fest, dass ich auf gar keinen Fall in diesen Palast gehen würde. Wenn die Reiseunterlagen eintrafen, würde ich sie postwendend zurückschicken, egal ob man mir das Geld nun zurückerstattete, oder nicht.
Doch als der Expressbote dann klingelte, siegte die Neugier. Nicht, dass sich etwas an meinem Entschluss, nicht in den Palast zu gehen geändert hätte, aber sich die Unterlagen einmal anzusehen, konnte ja schließlich nicht schaden, oder? Das Kuvert enthielt ein Schreiben, worin mir eine Telefonnummer mitgeteilt wurde, über welche ich das Flugzeug ordern konnte, das mich zum Palast bringen würde, sowie ein schmales Kästchen, in dem die silbrig schimmernde Mondträne lag. Jetzt hatte ich zwar meine Neugier in gewissem Maße befriedigt, aber wirklich mehr wusste ich nun auch nicht. Aber, so sagte ich mir, ich wollte ja eigentlich auch nicht mehr wissen, ich würde ja nicht dorthin gehen. Also machte ich mich daran, die Sachen wieder einzupacken, als es just in diesem Moment an meiner Wohnungstür abermals klingelte.
Es war Steven, der sich erkundigen wollte, wie es nun um meine Reisepläne stand.
"Ah ja, wie ich sehe, hast du dich entschieden..." Und er grinste wissend.
"Den Teufel hab ich!", fuhr ich ihn an. "Sklaverei! Verdammt, es geht bei den Palästen um Sklaverei! Das hätte ich nie von dir gedacht!"
Erschrocken wich Steven einige Schritte zurück. Doch dann verstand er langsam, was mich so aufgebracht hatte. Und das war nicht so sehr die Tatsache der Sklaverei an sich. Diese hatte es zu allen Zeiten gegeben und würde es wohl auch immer geben, entweder offen oder heimlich. Aber dass er, ein aufgeschlossener, freier Bürger der High Society mit seinen Besuchen in den Palästen so etwas unterstützte, machte mir zu schaffen. Und dass er versucht hatte, mich ebenfalls dazu zu bewegen.
Langsam kam er wieder näher und setzte sich zu mir an den Tresen, der als Frühstückstisch diente. "Tom? Ob du es glaubst, oder nicht, ich habe am Anfang ähnlich reagiert wie du. Nur, dass ich, im Gegensatz zu dir, erst im Palast erfahren habe, dass ein Key das Eigentum des Palastes ist. Aber nicht alle Menschen, die in einem Palast sind, sind gegen ihren Willen dort. Gut, die meisten sind gegen ihren Willen dort, aber von einem der Diener, der freiwillig dort ist, habe ich etwas Interessantes erfahren, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Nämlich, dass die meisten von ihnen auch in der Freiheit Sklaven wären.
Es gibt nur wenige Menschen, die wirklich frei sind. Du und ich zählen wohl dazu. Die meisten aber haben pünktlich bei einer Arbeit zu erscheinen, dürfen nur zu bestimmten Zeiten Pausen oder Urlaub machen, etc. Je nachdem, wie man es nimmt, kann man sagen, dass sie von den gesellschaftlichen Vorgaben versklavt werden, oder vom Geld. Hat man dann noch irgendwelche Krankheiten, oder Allergien, ist man in seinem Handlungsfreiraum noch eingeschränkter.
Und es gibt noch etwas, das du wissen solltest: Für manche Keys ist ein Palast der einzige Ort, wo sie in Sicherheit sind. Denn nicht selten beherbergen die Paläste Menschen, oder besser menschenähnliche Wesen, die in der Freiheit nicht überleben würden. Weil sie von den 'normalen' Menschen erbarmungslos gejagt würden. Weil sie anders sind. Weil sie selten sind. Weil man sie in das Reich der Fabeln und Mythen sortiert und nicht zulassen will, dass sie im wirklichen Leben existieren. Aber es gibt sie. Und für die Paläste sind sie, eben weil sie so exotisch sind, umso wertvoller. Denk einfach darüber nach..."
Damit stand er auf und verhalf sich selbst zu einem Glas Orangensaft. Stumm sah ich ihm dabei zu. Sollte das seine Rechfertigung sein? Sollte es so einfach sein? Sollte es auch für mich so einfach sein? Aber das ging doch nicht... Ohne dass ich es bemerkt hatte, war Steven wieder an meine Seite zurückgekehrt, während ich noch immer auf die glatte Oberfläche der Kühlschranktür starrte.
Im Nachhinein weiß ich nicht, wie lange ich den Kühlschrank angestarrt habe. Irgendwann war es Steven offenbar zu dämlich geworden, denn er hatte sich verabschiedet und war gegangen. Zumindest glaube ich, dass er sich verabschiedet hat, denn wirklich mitbekommen habe ich es nicht. Aber hey, er sollte sich nicht beschweren, immerhin dachte ich ja über das, was er gesagt hatte, nach. Und wie! Spielte gedankenverloren mit der Mondträne, ignorierte das Telefon, das wohl geklingelt hatte, denn als ich endlich aus meiner Trance des Denkens erwachte, hatte ich drei Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, und vergaß, dass ich am Abend eigentlich zu einer dämlichen Gala gemusst hätte. Urkundenüberreichung meines 14. Lottogewinns oder so ähnlich. Oder war es ein Dinner zugunsten des Himalayischen Kängurus? Keine Ahnung.
Am Ende war es der Mondtränenkey selbst, der den Ausschlag gab. Denn irgendwann während des Nachdenkens hatte ich entdeckt, dass in dem Deckel des Kästchens, in welchem die Mondträne gelegen hatte, ein paar Daten zu dem Key vermerkt waren. "Tsuki Yoru, 19, Kind der Nacht - seltene Mischung aus Vampir und Werwolf." Vampir und Werwolf... Steven hatte Recht. Ein solcher Mischling würde in der heutigen Welt nicht überleben können. Denn er wäre nicht lange frei. Nicht, seit vor etwa zwei Jahren eine Mordserie Australien in Atem gehalten hatte. Denn als es der Polizei endlich gelungen war den Täter zu fassen, hatte sich dieser als Werwolf herausgestellt. Seitdem hatten die Anthropologen eine regelrechte Hetzjagd ausgelöst, denn natürlich wollte jedes Forschungsinstitut ein solches Wesen haben, von dem man bislang geglaubt hatte, es käme nur in den altnordischen Sagen vor. Nein, unter diesen Umständen war Tsuki Yoru im Palast der Tränen besser aufgehoben. Dort wurden wenigstens keine sonderbaren und abscheulichen Experimente an ihm durchgeführt. Auch wurde er dort, trotz seines Daseins als Sklave, als Mensch anerkannt, während er bei den Anthropologen sich kaum von einer weißen Versuchsmaus mit einem Menschenohr auf dem Rücken unterschieden hätte.
Aber rechtfertigte das einen Besuch meinerseits im Palast? Vielleicht nicht, aber wusste ich denn, ob der Mondtränenkey nicht vielleicht freiwillig im Palast war? Weil er vor den ihn jagenden Wissenschaftlern dorthin geflüchtet war? Langsam erkannte ich, dass meine Neugier die Entscheidung getroffen hatte. Denn viele der Fragen, die sich mir stellten, waren nichts als Ausflüchte, lauwarme Rechtfertigungen für mein offizielles Gewissen, während ich längst beschlossen hatte, in den Palast zu reisen.
~*~*~
Drei Wochen später saß ich in einem kleinen, luxuriös ausgestatteten Privatjet und befand mich auf dem Weg nach... nun ja, eigentlich wusste ich nicht so wirklich, wohin ich genau unterwegs war, beziehungsweise wo genau der Palast lag. Zwar hatte man mir beim Abflug gesagt, dass wir gen Süden fliegen würden, aber ehrlich, südlich von Neuseeland lag doch nur die Antarktis. Und dort würde der Palast ja wohl nicht sein, oder?
Oder doch? Als ich aus dem Fenster sah, konnte ich in der dämmerigen Dunkelheit der antarktischen Nacht nichts als Eiswüste entdecken. Da sagte der Steward, welcher mich in den vergangenen Stunden bedient hatte: "Wir sind bald da. Wenn Ihr so freundlich wäret, Euren Gurt anzulegen, mein Herr..."
Aber wie konnten wir bald da sein? Wenn draußen nur Eis war? Doch keine fünf Minuten später begann die Maschine mit dem Sinkflug, und als ich nun abermals aus dem Fenster sah, wagte ich meinen Augen kaum zu glauben. Unter uns breitete sich eine hellerleuchtete, großzügige grüne Oase inmitten der eisigen Ödnis aus. Wie war das möglich? Dann entdeckte ich, dass es sich bei der Oase um eine Art geodätische Kuppel handelte. Ich erkundigte mich bei dem Steward danach.
"Ganz recht, mein Herr. Der Palast befindet sich unter einer geodätischen Kuppel, direkt über dem magnetischen Südpol. Aufgrund der starken magnetischen Störungen werden wir jedoch ein wenig außerhalb landen, ein Raupenfahrzeug wird Euch dann zum Palast bringen."
Ich verstand sofort. Aufgrund der magnetischen Interferenzen wurden die Ortungsgeräte an Bord des Flugzeugs zu sehr gestört, um ein sicheres Landen noch näher am Palast möglich zu machen. Zugleich boten diese Interferenzen aber auch einen ausgezeichneten Schutz, denn auch bei jedem anderen Flugzeug würden die Instrumente über dem Gebiet des Palastes gestört, so dass man es für gewöhnlich vorzog eine Route zu wählen, die in sicherer Entfernung an dem magnetischen Pol vorbeiführte. Auf diese Weise kam niemand Ungebetenes dem Palast zu nahe.
Und noch einen Vorteil hatte die Wahl des Gebietes, wie mir eine kleine, vorwurfsvolle Stimme mitteilte - Keys, die nicht freiwillig im Palast waren, hatten in dieser Landschaft keine Chance zu entkommen. Das entsprach zwar durchaus der Wahrheit, aber ich wollte meinen Urlaub genießen und mich nicht mit meinem Gewissen herumplagen, und so brachte ich es rasch zum Schweigen.
Der Palast selbst unterschied sich auf den ersten Blick kaum von einem der großen Hotels der Spitzenklasse, wie man sie etwa im arabischen Raum oder auf den so genannten einsamen Inseln fand. Und doch war die Atmosphäre anders, irgendwie privater. Vielleicht, weil der Palast nicht darauf aus war, möglichst viele gutbetuchte Gäste gleichzeitig zu beherbergen, sondern jenen, die zu Gast weilten, das Gefühl zu vermitteln, der einzige zu sein, um dessen Wohl sie sich kümmern wollten.
Ein gutaussehender, zuvorkommender Diener begrüßte mich in der Halle, und geleitete mich dann durch schier endlose, breite Gänge und sanftansteigende Treppen zu meinem Zimmer. Es überraschte mich kaum, dass er meinen Namen kannte, schließlich war ich der einzige Passagier an Bord des Flugzeugs gewesen, wodurch klar war, wer ich war, und auch dass er wusste, zu welchem Zimmer ich wollte, war daher selbstverständlich.
Während ich dem anmutig voranschreitenden jungen Mann folgte, sah ich mich ein wenig um. Die Wände des Palastes waren aus verschiedenfarbigem Sandstein, aus dem unaufhörlich und doch unregelmäßig Wassertropfen perlten. Dann rannen sie lautlos zu Boden, wo sie von einer schmalen Rinne aufgefangen und einem nicht sichtbaren Kanalisationssystem zugeführt wurden. Durch die exquisiten Reliefs, und die passende Farbgebung der Steine wurde verhindert, dass die Wassertränen bei längerem Hinsehen zu einem irritierenden Element wurden, es schien, als ergänzten sie lediglich die Bilder auf perfekte Weise, als verliehen sie ihnen Lebendigkeit. Schließlich hielten wir vor einer schwarzgestrichenen Tür.
"Wenn Ihr so freundlich wäret, den Schlüssel in diese Vertiefung zu legen, so wird sich die Tür für Euch öffnen. Solltet Ihr sonst noch irgendwelche Wünsche haben, zögert nicht nach mir zu klingeln." Mit diesen Worten entfernte sich der Diener.
Für einen Moment stand ich unschlüssig vor der Tür, doch dann holte ich die Mondträne hervor und legte sie in die Aussparung in dem Sandstein-Türbogen. Ein leises Klicken zeigte an, dass die Tür nun offen war, und als ich leicht dagegen drückte, schwang sie ohne Widerstand auf.
Ein düsterer Raum begrüßte mich, alles Licht war offenbar gelöscht worden, die Vorhänge zugezogen. Da sah ich, wie in der hinteren Ecke raubtierhafte Augen aufglühten, sich auf mich richteten, als versuchten sie mich mit ihrem Blick zu verbrennen. Doch wenn der Besitzer dieser Augen hoffte, mir damit Angst einzujagen, dann war er an den Falschen geraten. Denn ich fand das allenfalls interessant. Vermutlich sprach aus dieser Einstellung auch eine gewisse Portion Überheblichkeit, jene Überheblichkeit, die aus der falschen Sicherheit entsprang, dass ich wirklich reich war. Und reichen Leuten würde in einem Palast schon nichts geschehen... Eine Annahme, die wohl durchaus der Wahrheit entsprach, aber nicht gerade für mich sprach.
Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit, die sich wieder eingestellt hatte, nachdem ich die Tür geschlossen hatte. Und jetzt entdeckte ich auch, dass nicht alles Licht gelöscht worden war, sondern eine kleine Kugel nahe dem großen Bett noch leuchtete. Als mein Blick darauf fiel, hörte ich ein leise Knurren. Offenbar waren die Augen des Keys meinem Blick gefolgt, und offenbar mochte er diese Lichtkugel nicht.
Da noch immer nichts von dem Key, Tsuki Yoru verbesserte ich mich in Gedanken, kam, beschloss ich, die Initiative zu ergreifen. "Hallo!"
Entweder lag es an meinem Gruß, oder daran, dass für den Bruchteil einer Sekunde die Lichtkugel heller zu leuchten schien, auf jeden Fall erwachte Tsuki Yoru nun aus seiner Starre, glitt von dem Sessel, auf dem er saß, herunter, trat ein paar Schritte auf mich zu und ließ sich dann auf die Knie nieder. Mit gesengtem Kopf sagte er demütig: "Willkommen im Palast der Tränen, mein Herr. Befehlt und ich werde gehorchen, wünscht und ich werde Euch jeden Wunsch erfüllen!"
Alles in mir krampfte sich bei diesem Anblick und diesen Worten zusammen. Doch wem wollte ich einen Vorwurf machen? Ich hatte um den Sklavenstatus gewusst und ihn akzeptiert. Aber worüber ich mir keine Gedanken gemacht hatte, war, wie ich damit direkt umgehen wollte. Wollte ich befehlen? Wollte ich wünschen? Wollte ich meine Befehle befolgt, meine Wünsche erfüllt sehen? Ja! Aber nicht auf diese Weise. "Bitte, steh auf."
Für einen Moment sah mich der junge Mann irritiert an, nicht wissend, ob er es wirklich als Bitte werten sollte, oder als höflich verkleideten Befehl, dann erhob er sich. "Wie Ihr wünscht, Herr!"
Langsam ging ich an ihm vorbei und ließ mich auf der Bettkante nieder. Dabei blickte ich ihn aufmerksam an. Vielleicht verriet mir etwas an seiner Haltung oder an seiner Reaktion, wie ich am geschicktesten mit ihm umgehen konnte. Zwar wünschte ich mir, dass es in dem Raum etwas heller wäre, damit ich den jungen Mann besser sehen konnte, doch da er die Dunkelheit wohl absichtlich gewählt hatte, würde ich vorerst nichts daran ändern. Vorerst...
Ich weiß nicht, wie lange wir einander angestarrt hatten, aber ich hatte ja bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass ich diesbezüglich sehr ausdauernd sein konnte. Und irgendwie fand ich es sogar amüsant. Auch als ich irgendwann dann doch aufstand, um die Vorhänge beiseite zu ziehen, was nicht wirklich viel brachte, da draußen die antarktische Nacht herrschte, unterbrachen wir das Starren nicht. Der Mond war mittlerweile draußen aufgegangen, und so konnte ich dem Raum ein paar weitere Schemen entlocken. Etwa der Sekretär, der neben dem Fenster stand. Oder die Sitzecke mit gemütlichen Kissen und einem niedrigen Tisch. Alles offenbar in schwarz gehalten. Für gewöhnlich fand ich Schwarz nur deprimierend, besonders bei Einrichtungsgegenständen, aber zu dem Mondtränenkey passte es irgendwie. Vielleicht, weil er auch so düster wirkte. Oder vielleicht, weil er das Gegenteil von Schwarz war. Denn während Schwarz alles Licht absorbierte, schien Tsuki Yoru das Licht eher von sich weisen zu wollen.
Schließlich war es mein Magen, der dem Starrwettbewerb ein Ende bereitete, indem er sich grummelnd zu Wort meldete. Ich lächelte leicht, als ich für mich beschloss, dass die inoffiziellen Palaststarrmeisterschaften mit einem Unentschieden geendet hatten. "So, und nun werde ich etwas zu essen bestellen. Möchtest du auch etwas?", fragte ich den Key und ging in Richtung Zimmertür, wo ich eine Gegensprechanlage oder ähnliches vermutete, mit welchem es mir möglich wäre einen der Palastdiener zu erreichen.
Inzwischen hatten sich meine Augen bereits so sehr an die dämmerige Dunkelheit gewöhnt, dass ich sehen konnte, wie sich die Augen meines Gegenübers vor Verblüffung weiteten. Dann erwachte er abermals aus der Starre, in welcher er in den vergangenen Minuten, oder Stunden, genau wusste ich es nicht zu sagen, verharrt hatte, und eilte mit geschmeidigen Schritten an mir vorbei zu einem geschickt integrierten Terminal in der Nähe der Tür. "Was wünscht Ihr zu essen, Herr?"
"Für mich bitte ein Steak, medium, dazu Kräuterbutter und Bratkartoffeln, einen gemischten Salat und als Dessert hätte ich gerne Schokoladeneis." Da ich mir nicht sicher war, ob es einem Key freistand etwas anderes zu Essen zu wählen als der Holder, oder ob ich eine abweichende Bestellung ausdrücklich erlauben musste, fügte ich hinzu: "Was du möchtest, weiß ich allerdings nicht, also bestelle bitte entweder das gleiche für dich, oder irgendetwas anderes."
~*~*~
Das war also meine erste Begegnung mit Tsuki Yoru, dem Mondtränenkey gewesen. Denn viel mehr ist an dem Abend nicht mehr passiert. Gut, wir haben gegessen, ich habe auf etwas mehr Licht bestanden, aber geredet haben wir eigentlich nicht. Vielmehr schienen wir uns gegenseitig zu belauern. Er aus Vorsicht, um gewappnet zu sein, wenn ich irgendwelche Wünsche äußerte, ich aus Neugier um herauszufinden, was für eine Person dieses Kind der Nacht war. Schließlich wünschte ich ihm eine gute Nacht und legte mich in dem breiten Bett schlafen. Ich ließ es ihm absichtlich offen, ob er jetzt auch schon schlafen wollte, oder erst noch eine Runde Purzelbäume durch das Zimmer schlagen oder sonst etwas tun wollte. Und tatsächlich zog er es vor, erst eine ganze Zeit später ins Bett zu gehen. Davor hatte er an dem Sekretär gesessen und geschrieben, wobei er von Zeit zu Zeit einen fast sehnsuchtsvollen Blick aus dem Fenster geworfen hatte. Ob es der Mond oder die Landschaft des Parks, der den Palast unter der geodätischen Kuppel umgab, war, das sein Interesse weckte, wusste ich nicht.
In den darauffolgenden Tagen kamen wir uns nur sehr langsam näher, lernten uns kennen. Ich brachte es immer wieder fertig ihn zu überraschen, indem ich nichts von ihm forderte. Natürlich war mir klar, dass wir nie so etwas wie Freunde würde, das wollte ich auch nicht. Aber ich wollte so etwas wie eine freiwillige Basis schaffen. Freiwillig Zeit miteinander verbringen, freiwillig miteinander reden, freiwillig eben. Ich wusste nicht, ob es überhaupt möglich war, aber wenn nicht, war mir das immer noch lieber als etwas zu erzwingen. Denn Gutes ließ sich nicht erzwingen. Man kann etwas kaufen, man kann etwas gewinnen, man kann etwas verdienen. Je nachdem was es ist. Aber erzwingen kann man nichts.
Stattdessen verbrachte ich meine Zeit in dem wunderschönsten Schwimmbad, das ich je gesehen hatte, stöberte durch die großartige Bibliothek und spazierte durch den Garten. Kurz, ich erholte mich.
Am vierten Tag meines Aufenthaltes allerdings geschah etwas Außergewöhnliches. Es war Abend geworden, zumindest nach der Außenbeleuchtung der Kuppel zu urteilen, und ich hatte mich daran gewöhnt, mich nach dieser zu richten. Das Abendessen war wie üblich ziemlich schweigsam verlaufen und kurz darauf hatte ich das Buch, das ich mir zwei Tage zuvor aus der Bibliothek entliehen hatte, ausgelesen. Kurzentschlossen stand ich von dem Sitzkissen, auf welchem ich es mir bequem gemacht hatte, auf und zu Tsuki Yoru gewandt sagte ich: "Ich gehe noch mal in die Bibliothek, möchtest du mitkommen?" Ich wusste, dass es einem Key nur in Begleitung seines Holders erlaubt war sein Zimmer zu verlassen, doch bislang hatte Tsuki Yoru jedes Angebot meinerseits ausgeschlagen.
Der Mondtränenkey saß wie üblich an dem schwarzen Sekretär und blickte die meiste Zeit aus dem Fenster. Als ich ihn ansprach, drehte er nur den Kopf ein wenig, und für den Moment sah es so aus als würde er, wie bislang jedes Mal, den Kopf schütteln. Doch zu meiner Überraschung erwiderte er: "Ja, ich komme mit."
Das war eines der Dinge die ich bedauerte. Dass Tsuki Yoru so wenig sprach. Denn er hatte eine wirklich angenehme Stimme, tief, aber nicht zu tief, und mit einem warmen Timbre. Ich hörte sie gerne. Aber wie gesagt, man konnte nichts erzwingen.
Stattdessen lächelte ich also und begab mich zu der Tür, die sich anstandslos für mich öffnete und bedeutete Tsuki Yoru voranzugehen.
Die Bibliothek war genau so, wie ich Bibliotheken liebte. Obwohl kein einziges Stäubchen zu sehen war, strahlte der Raum eine staubige, gemütliche Altertümlichkeit aus. Wie man sie etwa in einer alten Schlossbibliothek erwartete. Die Regalwände deckenhoch, mit zwei Zwischenetagen und wunderschön gearbeiteten Holzleitern, an denen man, wenn man übermütig sein wollte, einmal rundherum rauschen konnte, gab man ihr einen kräftigen Schubs. Keine billigen Taschenbücher, keine schreiend bunten Buchrücken, alles klassisch schön gehalten. Überwiegend althergebrachte Papierbücher, aber auch moderne elektronische Bücher oder Hörbücher, die sich jedoch in ihrer äußeren Aufmachung kaum von ihren papiernen Kollegen unterschieden. Vermutlich beschäftigte der Palast einen eigenen Buchbinder, der immer für einen passenden Einband sorgte.
Der Bibliothekar begrüßte uns höflich und zuvorkommend, fragte, ob wir irgendwelche bestimmten Wünsche hätten, und als wir dies verneinten, zog er sich diskret zurück, um uns in Ruhe stöbern zu lassen.
Aufgrund meines vorherigen Besuches hatte ich bereits einen groben Überblick gewonnen und wanderte, ohne groß auf Tsuki Yoru zu achten, in die Richtung, in welcher Bücher über versunkene Kulturen zu finden waren. Eine so exzellente Sammlung in dieser Richtung hatte ich selten gesehen, und so hatte ich ein paar Tage zuvor beschlossen, dass, wenn ich Usbekistan in diesem Jahr schon nicht erleben konnte, ich wenigstens darüber lesen wollte. Bald schon hatte ich eine interessante Beschreibung über Samarkand gefunden und einen historischen Roman, der von einem Mosaikleger handelte. Zufrieden mit meiner Ausbeute, wandte ich mich zum Gehen, als mir einfiel, dass ich vorher ja noch Tsuki Yoru einsammeln musste.
Nach kurzem Suchen fand ich ihn in der Lyrikabteilung. Ich war überrascht, dass sich der Key für Gedichte interessierte, aber andererseits wusste ich ja so gut wie nichts über ihn. Er war so vertieft in einen Band mit Werken von Heinrich Heine, dass er nicht bemerkte, wie ich mich ihm näherte. Als ich einen Blick auf die Seite, die aufgeschlagen war, erhaschte, sah ich das bekannte Gedicht "Der Mond ist aufgegangen". War es Heine oder der Mond, der ihn interessierte, fragte ich mich kurz, doch dann wurde mir klar, dass mit seinem Hintergrund der Mond das Objekt des Interesses für Tsuki Yoru war. Und wenn es um Gedichte über den Mond ging, so gab es für mich unter den alten Meistern nur einen, der diese sanfte Stille und Sehnsucht, die von dem Erdtrabanten ausging, in Worte zu fassen vermocht hatte - Johann Wolfgang von Goethe. So wenig ich seine sonstigen Werke auch mochte, seine Gedichte gefielen mir. Vielleicht... Vielleicht würde es mir über den Mond gelingen, einen Zugang zu meinem Key zu finden. Vielleicht hatte er mir, ohne es wirklich zu wollen, soeben etwas über sich verraten, das mir half ihn zu verstehen, ihn kennenzulernen. "Gute Wahl", sagte ich lächelnd. "Auch wenn mir persönlich Goethes ‚An Luna’ besser gefällt."
Erschrocken sah mich Tsuki Yoru an. Und hätte beinahe das Buch fallen lassen. Doch ich tat, als hätte ich es nicht bemerkt und suchte stattdessen die Regalreihen ab, bis ich einen mir bekannten Goetheband fand. "Hier", und ich zeigte ihm das Gedicht, das ich meinte. "Schwester von dem ersten Licht, Bild der Zärtlichkeit in Trauer..."
Irritiert, ja beinahe fassungslos war Tsuki Yoru nur noch in der Lage mich anzustarren. Ich aber lächelte nur und meinte ruhig: "Lass uns die beiden Bücher mitnehmen und wieder zurückgehen. Es sei denn, du möchtest noch hierbleiben?"
Tsuki Yoru schüttelte den Kopf, dann rang er sich zu einem "Nein" durch und folgte mir aus der Bibliothek. Auf dem Weg zurück zum Zimmer beobachtete ich den Key aufmerksam. Denn obgleich er sich noch immer zurückhaltend gab, schien etwas aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche dringen zu wollen, aus ihm herausbrechen zu wollen, und ich wusste, dass es etwas mit dem Vorfall gerade in der Bibliothek zu tun hatte. Doch alles, was ich an diesem Tag von ihm noch zu hören bekam war ein leises, aber ehrliches "Danke", als sich die Zimmertür hinter uns schloss.
~*~*~
Dennoch wurde von diesem Tag an alles anders, oder sollte ich vielleicht sagen, einfacher und schwieriger zugleich? Tsuki Yoru war entspannter in meiner Gegenwart. Er erlaubte mir, ihn Yoru zu nennen (obgleich ich seinen Namen nie mit diesem tiefen, weichen Timbre aussprechen konnte, mit dem er selbst den Namen sagte). Und ich fand heraus, dass er selbst auch Gedichte schrieb. Immer über den Mond und immer über seine Sehnsucht nach ihm und der Freiheit.
Das erste wirkliche Gespräch zwischen uns beiden ereignete sich drei Tage nach dem Bibliotheksbesuch. Ich ertappte Yoru, wie er wieder einmal aus dem Fenster sah und seinen Stuhl dabei immer ein Stückchen weiterrückte, damit er den Kontakt zum Mond nicht verlor.
"Er scheint so klein, wenn er so weit weg ist. Aber wenn man auf ihn zufliegt, dann wird er mit einer solch rasenden Geschwindigkeit größer, dass man glaubt, man würde selbst, mit allen Träumen und Sehnsüchten, die man mit dem Mond verbunden hat, ebenfalls größer, bis man befürchtet zu platzen." Ich hatte gesprochen ohne groß nachzudenken, einfach aus einem Impuls heraus, doch selbst wenn ich versucht hätte, mir vorher die Worte zurecht zu legen, mit denen ich ausdrücken wollte, was mir beim Anblick des Mondes durch den Kopf ging, ich bezweifle, dass es eloquenter oder verständlicher geworden wäre.
Bei diesen Worten drehte sich Yoru abrupt zu mir um. "Warst du schon einmal auf dem Mond?" Auch er hatte gesprochen, ohne groß nachzudenken, andernfalls hätte er sich daran erinnert, dass eine derart vertrauensselige Anrede gegenüber einem Holder vom Palast nicht geduldet wurde. Denn prompt begann jene Lichtkugel, die stets leuchtete, stärkeres Licht auszusenden, und von Yorus schmerzverzerrtem Gesicht war abzulesen, dass diese Kugel Sonnenlicht perfekt widerspiegelte. Ich ahnte, dass er selbst machtlos gegen diese Kugel war, aber da ich als sein Holder im Moment über ihn zu bestimmen hatte, war es an mir zu entscheiden, ob ein solcher Fehler geahndet werden sollte, und wenn ja, auf welche Weise. Und um das dem Palast zu demonstrieren, stellte ich mich mit einigen wenigen raschen Schritten zwischen Yoru und die Lichtkugel. Sonderbarerweise wurde das Licht nicht schwächer dadurch, aber für Yoru soweit erträglich, dass er ein "Verzeiht meine Unachtsamkeit und Unhöflichkeit, Herr" sagen konnte. Erst dann kehrte die Kugel zu ihrem alten Helligkeitsgrad zurück.
Wortlos starrten wir uns für ein paar Sekunden lang an, dann fragte ich ein wenig ärgerlich: "Werden wir überwacht?"
"Nein." Yoru schüttelte den Kopf. "Nur ich. Die Kugel ist mit einem Computer und Stimmfilter verbunden. Sie reagiert für gewöhnlich nur auf meine Stimme. Und wenn ich etwas sage, das dem Verhalten eines Keys unangemessen ist, reagiert der Computer." Er klang so niedergeschlagen und resigniert dabei, dass ich einmal mehr Mühe hatte, zu akzeptieren, dass er ein Sklave war, und es als solcher im Palast besser hatte als in Freiheit. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, und so beschloss ich, diese Aussage erst einmal so hinzunehmen und stattdessen seine ursprüngliche Frage zu beantworten.
"Ja, ich war schon einmal auf dem Mond. Es ist wunderschön dort, und absolut faszinierend. Aber auch desillusionierend. Als ob es zwei Monde gäbe. Einmal den silbernen Mond, den wir hier sehen können, von dem wir träumen, der uns mit Sehnsucht und Geheimnissen lockt, und dann den grauen Felsbrocken, der vor Milliarden von Jahren in das Schwerefeld der Erde geraten ist und seitdem diesen Planeten umkreist."
Yoru schwieg, sah mich aber abwartend an, als hoffte er, ich würde noch mehr über den Mond erzählen. Also erzählte ich ihm von meiner Reise zum Mond. Von der relativen Enge in der Transportkapsel, dem Gefühl der Schwerelosigkeit beim Start, dem Staub und den schroffen Felsen. Den Sonnenaufgängen und dem Blick auf die Erde und ihre Wolkenbänder. Dem Sieben-Meilen-Rennen, das wir veranstaltet hatten. Und während ich erzählte, kam mir eine Idee.
Gleich am nächsten Tag ersuchte ich um einen Termin bei Maximilian Gondor, dem Herrn des Palastes, denn um meine Idee in die Tat umzusetzen, brauchte ich sein Einverständnis. Als mich ein Diener wenig später in das Büro dieses mächtigen Mannes führte, war ich angenehm überrascht. Maximilian Gondor sah zwar gut aus und besaß Charisma, doch machte jeder Muskel in seinem Gesicht deutlich, dass man einem Geschäftsmann gegenüber saß. Das dessen Geschäft zufällig ein auf Sklaverei basierendes Paradies der Sinne war, tat dabei nichts zur Sache. Ich mochte Geschäftsleute. Sie waren in der Regel nüchtern und Argumenten zugänglich. Und so hatte ich auch keine Schwierigkeiten, ihm meinen Plan darzulegen. Dennoch schien Maximilian Gondor zunächst ein wenig zu zögern. Aufmerksam musterte er mich, als könnte er in meinen Augen irgendetwas von Bedeutung erkennen. Schließlich fragte er: "Warum möchten Sie das tun?"
"Um ihm eine Freude zu machen", antwortete ich gelassen.
"Und aus welchem Grund möchten Sie ihm eine Freude machen?" Noch immer schien die Antwort, die ihn überzeugen würde, zu fehlen.
"Einfach so... kein bestimmter Grund. Einfach eine Idee, die mir kam." Ich wusste nicht, worauf Gondor hinauswollte.
"Okay, dann will ich es mal offener formulieren. Sind Sie in den Key verliebt und wollen ihm deshalb eine Freude machen? Oder tragen Sie Sich gar mit Entführungsgedanken?"
Nun lächelte ich. "Nein, weder das eine noch das andere. Abgesehen davon, dass es in dieser Eiswüste Irrsinn wäre, einen Entführungsversuch auf diese Weise zu starten."
Langsam nickte mein Gegenüber. Die ruhige Art, mit der ich das gesagt hatte, die Selbstverständlichkeit, die aus meinen Worten herausklang, schienen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Und so erlaubte mir Maximilian Gondor schließlich meine Idee in die Tat umzusetzen.
Am selben Abend, nach dem Abendessen, wollte sich Yoru wie üblich an seinen Sekretär setzen um von dort aus den Mond zu beobachten und nachzudenken. Doch ich verstellte ihm den Weg. "Nein", sagte ich mit einem Lächeln. "Für heute Abend habe ich andere Pläne für uns."
Augenblicklich war die Anspannung und das alte Misstrauen in Yorus Körper zurück. Bestimmt dachte er, ich hielte es nun für an der Zeit, dass wir Sex miteinander hatten. Aber obgleich es mich durchaus reizen würde, mit ihm zu schlafen, konnte ich auch sehr gut darauf verzichten, solange er dem Ganzen ablehnend gegenüber stand.
"Komm mit", sagte ich nur, schritt zur Tür hinüber und wartete dann, dass er sich mir anschloss.
Verwirrt sah mich Tsuki Yoru an, doch schließlich folgte er mir, denn egal, was ich vorhatte, sich mir zu widersetzen, hätte unangenehme Folgen für ihn.
Vor der Tür wartete bereits ein instruierter Diener, der uns vor den Palast und zu einem der Raupenfahrzeuge des Fuhrparks führte.
Jetzt endlich traute sich Yoru zu fragen. "Was wird das hier?"
"Eine Überraschung!", erwiderte ich lächelnd und bedeutete ihm einzusteigen.
Kaum hatten wir Platz genommen, als der Fahrer das Raupenfahrzeug startete, und bereits nach wenigen Minuten hatten wir den beleuchteten Bereich des Palastes verlassen. Die Landschaft wurde dunkel, und nur das Licht der Scheinwerfer gab den Blick auf eine schroffe, zerklüftete, eisbedeckte Landschaft frei.
"So ungefähr sieht es auf dem Mond aus", sagte ich leise zu Yoru, der fasziniert nach draußen sah. "Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich dir auch den echten Mond gezeigt, aber das geht leider nicht."
Mit einem traurig spöttischen Blick sah mich Tsuki Yoru an. Es lag auch ein winziges Flehen darin. So als wollte er sagen: Einen Palastaufenthalt kannst du dir leisten und du warst schon auf dem Mond, aber mich dorthin zu bringen, kannst du nicht?
"Nein", schüttelte ich den Kopf. "Es ist nicht so, wie du denkst." Einmal mehr schoss mir durch den Kopf, wie gut ich in der kurzen Zeit gelernt hatte, die Gedanken und Stimmungen des Mondtränenkeys zu lesen. "Wenn ich wüsste, dass es dir in Freiheit gut gehen würde, würde ich alles versuchen, dich freizubekommen. Aber du wärst draußen in ständiger Gefahr. Die ganze Welt würde dich jagen. Denn vor zwei Jahren, also als du schon im Palast der Tränen warst, gab es in Australien eine Mordserie, begangen von einem Werwolf. Das hat die Wissenschaftler auf den Plan gerufen. Jedes Land, jedes Institut will seither einen eigenen Werwolf zu Forschungszwecken haben. Ich habe einmal einen Bericht im Fernsehen über diese Forschungszentren gesehen. Und glaube mir, ein solches Schicksal ist niemandem zu wünschen." Noch immer wurde mir übel, wenn ich an diese armen menschlichen Kreaturen dachte, die mit Elektroden übersät waren und mit Spritzen traktiert wurden. "Hier hast du wenigstens die Gewissheit, nicht getötet zu werden, und dass jede Qual mit der Abreise des Holders endet. Im Labor dagegen endet sie erst mit deinem Tod und selbst dann lässt man deinen Körper nicht in Frieden."
Betroffen sah mich Tsuki Yoru an. Seit er aus Versehen in die Fänge Maximilian Gondors geraten war, hatte sein ganzes Sehnen der Freiheit, verkörpert durch den Mond, gegolten. Das zumindest hatte ich von dem hilfsbereiten Bibliothekar bei meinem ersten Besuch in der Bücherei erfahren.
Ich hatte wissen wollen, wie es sich mit der Rückgabe der entliehenen Bände verhielt, falls ich sie bis zu meiner Abreise nicht selbst zurückbrachte, worauf er mir erklärte, dass die Bücher auf den Key eingetragen, und dann aus dem betreffenden Zimmer abgeholt würden. Als ich meinte, dass das in meinem Fall das Zimmer des Mondtränenkeys wäre, entschlüpfte dem Bibliothekar ein "ah, der kleine Ausreißer also", woraufhin ich keine Ruhe ließ, bis er mir nicht von Tsuki Yorus erster Zeit im Palast erzählte.
Und nun sollte Yoru um seiner Sicherheit willen von diesem Traum eines Lebens in Freiheit Abschied nehmen. Gar nicht so leicht. Stumm wandte er sich wieder dem Fenster zu und blickte nach draußen, auf die antarktische Landschaft, die der Oberfläche des Mondes in mancher Hinsicht so ähnlich war. Und bald gelang es ihm auch, die bedrückenden Gedanken beiseite zu schieben, und sich an dem Ausflug und dem faszinierenden Anblick zu erfreuen.
Als wir wieder zum Palast zurückkehrten, lächelte er sogar schon wieder ein wenig. "Danke", sagte er schlicht.
~*~*~
Doch später, als wir zu Bett gingen, brachte Yoru noch einmal das Gespräch auf seine verlorene Freiheit. "Ist es draußen wirklich so schlimm?"
Ich nickte. "Für dich als Kind der Nacht wäre es vielleicht noch schlimmer."
Für einen Moment sah mich der Key hasserfüllt an, weil ich es gewagt hatte, ihn auf sein Mischlingserbe anzusprechen. Doch dann beruhigte er sich wieder. Denn ich hatte ihn nicht aus Bosheit darauf hingewiesen oder um ihn in irgendeiner Weise zu provozieren, sondern um meinen Worten Nachdruck zu verleihen. Und es stimmte, ein Mensch, halb Werwolf, halb Vampir, wäre für die Anthropologen ein mehr als gefundenes Fressen.
"Dann ist also all mein Sehnen vergeblich gewesen?" Resignation und Wut mischten sich in Yorus Stimme, verliehen ihr einen Hauch von Hoffnungslosigkeit.
Es schmerzte mich seinen inneren Kampf mit ansehen zu müssen, zumal mir bewusst war, dass ich der Auslöser dafür gewesen war. Und so tat ich das einzige, was mir in dieser Situation einfiel, ich zog den schmalen Körper zu mir heran, hielt Yoru fest, um ihm zu zeigen, dass er nicht allein war. Zuerst versteifte er sich, doch als ich nichts weiter tat, entspannte er sich wieder, ließ zu, dass ich ihm auf diese Weise Trost spendete. Schließlich schlief er, dicht an mich geschmiegt, ein.
Ich aber blieb noch eine ganze Weile wach liegen. Tsuki Yorus Worte wollten mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. "Dann ist also all mein Sehnen vergeblich gewesen?" Das Sehnen nach Freiheit... Konnte ich, der ich alles hatte, überhaupt verstehen, was Freiheit für Yoru bedeutete? Vermutlich nicht. Aber vielleicht... vielleicht gelang es mir, ihm zu zeigen, dass es mehr als nur eine Freiheit gab. Dass er auch hier, im Palast, ein gewisses Maß an Freiheit erfahren konnte. Ich würde es einfach versuchen müssen. Aber wie konnte diese Freiheit aussehen? Über dieser Grübelei schlief auch ich schließlich ein.
Am anderen Morgen beschloss ich, das Ganze methodisch anzugehen. Was genau war Freiheit? Denn nur wenn ich mir aller Aspekte bewusst war, konnte ich erkennen, was davon sich vielleicht für Yoru realisieren ließ, ihm helfen würde, sein Schicksal zu ertragen.
Für mich bedeutete Freiheit, dass ich alles tun konnte, was ich wollte, dass ich überall hingehen konnte. Yoru konnte fast nichts davon. Er durfte weder sein Zimmer verlassen, noch, wenn er wollte, sich einem Holder oder den Befehlen des Palastes widersetzen. Die einzige Freiheit, die wir beide teilten, waren unsere Gedanken. Niemand konnte einem anderen Menschen vorschreiben, was er zu denken, zu wünschen, zu träumen, zu ersehnen hatte. Und auf einmal erkannte ich, dass ich Yoru keine neue Freiheit zeigen konnte. Denn die Freiheit, die er von sich aus hier erlangen konnte, hatte er sich bereits genommen. Er sehnte sich nach Freiheit, projizierte diese auf den Mond und formulierte seine Gedanken in seinen Gedichten. Aber vielleicht konnte ich ihm helfen, in einem gewissen Maß eine weitere Freiheit zu erwerben.
Geld regiert die Welt, und wer welches besitzt kann zumindest versuchen jenen Teil der Welt, der sein Leben darstellt zu regieren. Yoru besaß kein Geld, und war somit dieser Möglichkeit beraubt. Sicher, ich könnte ihm Geld schenken, doch dieses würde er nicht behalten dürfen. Es würde automatisch in den Besitz des Palastes übergehen. Und selbst wenn man ihm gestattete, das Geld zu behalten, weil man wusste, dass er sich in dieser Eiswüste dafür nichts kaufen konnte, so würde es ihn doch nur kränken, ihn dazu bringen, mich zu hassen, weil ich ihn demütigte. Die Kunst bestand also darin, ihm die Möglichkeit zu eröffnen, ein Stück Freiheit aus eigener Kraft zu erwerben. Doch um dies zu bewerkstelligen bedurfte es eingehender Planung.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mit verschiedenen Freunden und Geschäftspartnern zu telefonieren. Dann ersuchte ich abermals um einen Termin bei Maximilian Gondor.
Der Palastherr war überrascht, mich so bald schon wiederzusehen. Dennoch hörte er mich genauso geduldig an, wie bei meinem vorherigen Besuch, wenngleich ich dieses Mal einen wachsenden Argwohn in dem charismatischen Mann spüren konnte.
"Ich werde Ihnen jetzt die gleiche Frage wie vor zwei Tagen stellen", sagte er schließlich, nachdem ich geendet hatte. "Warum?"
"Weil ich einen Fehler begangen habe. Und nein, ich liebe den Key immer noch nicht, falls Sie das befürchten. Der Fehler liegt viel mehr darin, dass ich durch meine... nennen wir es Naivität, dem Mondtränenkey auf eine Art wehgetan habe, die dauerhaften Schaden zu hinterlassen droht, wenn es mir nicht gelingt, ihn durch eine Wiedergutmachung auszugleichen. Kein physischer Schaden, sondern eher psychischer Natur. Ein Schaden, der auf lange Sicht betrachtet den Wert Ihrer Ware mindern würde." Ich sprach bewusst so nüchtern, um meinem Gegenüber zu zeigen, dass es sich bei meinem Vorschlag im Grunde lediglich um ein Geschäft handelte.
"Warum wollen Sie dann diese Wiedergutmachung, wie Sie es nennen, an dem Key üben und nicht am Palast selbst, wenn dieser doch letztendlich der Leidtragende wäre?"
"Wenn Sie meinem Vorschlag zustimmen, würde der Palast, und damit Sie, in zweifacher Weise von der Wiedergutmachung profitieren, bei direkter Entschädigung dem Palast gegenüber aber nur in einfacher Weise." Sachliche Verhandlungen, bei welcher jede Partei ihre Argumente ins Feld führte. Ich hoffte, dass Maximilian Gondor erkannte, dass meine Argumente in diesem Fall die besseren waren.
"Wenn Sie mir also gestatten, die Gedichte von Tsuki Yoru, dem Mondtränenkey, als Buch zu veröffentlichen - vorausgesetzt der Key ist mit der Veröffentlichung einverstanden, handelt es sich doch um sein geistiges Eigentum, auf welches der Palast keinen Anspruch hat - und die daraus resultierenden Gewinne für ihn treuhänderisch zu verwalten, erschließt sich Ihnen eine neue Einnahmequelle.
Denn neben dem Geld, dass Sie von ihren Gästen für die Dauer ihres Aufenthalts mit dem Mondtränenkey erhalten, können Sie zusätzlich an den Tagen, an welchen Tsuki Yoru ohne Holder und somit eigentlich ohne Nutzen für den Palast ist, etwas an ihm verdienen, indem Sie ihn sich kleine Freiheiten erkaufen lassen. Ein Besuch in der Bibliothek, ein nächtlicher Spaziergang durch die Gartenanlagen, vielleicht ein Ausflug mit dem Raupenfahrzeug unter Aufsicht...
Stimmen Sie mir aber nicht zu, haben Sie einen Key, der innerlich eventuell gebrochen ist, in kürzester Zeit sein Feuer und damit seinen Reiz zu verlieren droht, vielleicht sogar sich das Leben zu nehmen versucht. Sicher, da Sie wissen, dass eine unbedachte Handlung von mir die Ursache dafür ist, könnten Sie von mir eine entsprechend hohe Summe als Entschädigung fordern. Aber keine Summe, welche Sie tatsächlich fordern und erhalten könnten, könnte Ihnen den entstandenen Verlust wirklich ersetzen.
Sie sehen also, mit ein klein wenig Entgegenkommen Ihrerseits können Sie noch auf Jahre an einem... zufrieden ist vielleicht nicht ganz treffend, kommt dem jedoch sehr nahe... zufriedenem Key verdienen, selbst dann noch, wenn er zu alt geworden ist, um für Ihre Kunden reizvoll zu sein."
"Und wie viel würden Sie an diesem Geschäft verdienen?" Der Geschäftsmann in Maximilian Gondor hatte die Vorteile erkannt, war jedoch auf den Preis dieses Deals gespannt.
"Gar nichts. Ich habe bereits mehr als genug Geld. Oh, ich bin gewiss kein Weltverbesserer, der, wenn schon nicht die ganze Menschheit, dann wenigstens einzelne Personen zu retten versucht. Die einzige Person, bei der ich das versuchen würde, wäre allenfalls ich selbst. Wenn Sie es also so betrachten wollen, versuche ich mir durch dieses Geschäft so etwas wie ein reines Gewissen zu erkaufen. Extrem formuliert, aber vielleicht am nächsten an der Wahrheit."
Die Verhandlungen zogen sich noch den ganzen Vormittag, doch schließlich stimmte Maximilian Gondor dem Vorschlag zu den von mir genannten Bedingungen zu, konnte er doch an diesem Geschäft nur verdienen.
Gutgelaunt kehrte ich zu Tsuki Yoru zurück, um mit ihm über meine Idee zu reden. Doch als ich das Zimmer betrat, herrschte dort wieder jene abweisende Dunkelheit, die mich bei meiner Ankunft begrüßt hatte. Beunruhigt blickte ich in jene Ecke, in welcher Yoru damals gesessen hatte, aber der Platz war verwaist. Hastig blickte ich mich um und atmete erleichtert auf, als ich seine schemenhaften Umrisse neben dem Fenster stehend entdeckte.
"Yoru? Können wir reden?", fragte ich. Schweigen. Offenbar hatte er die vergangenen anderthalb Tage auch genutzt, um über meine Äußerung nachzudenken und war zu dem Schluss gekommen, dass, wenn er mich ignorierte, ich ihn auch nicht mehr verletzen konnte. Also beschloss ich ihm einfach mein Angebot zu unterbreiten, vielleicht hörte er mir zu, und vielleicht antwortete er auch darauf.
"Und Ihr glaubt, damit sei alles wieder in Ordnung? Dass ein wenig mehr Freiheit, die zu erkaufen Ihr mir ermöglicht, mich mit meinem Schicksal versöhnt? Mich die Gefangenschaft und Sklaverei hinnehmen lässt? Weil Ihr sagt, dass es draußen nicht sicher für mich ist?"
"Yoru..." Langsam trat ich näher ans Fenster. "Ich sage nicht, dass du aufhören sollst zu hoffen, dich nach der Freiheit zu sehnen. Nein... Wer weiß, in ein paar Jahren mag schon etwas anderes die Welt und die Wissenschaft begeistern, und keiner interessiert sich mehr für Werwölfe. Aber..." Gerade wollte ich ansetzen ihm zu sagen, dass selbst dann der Palast einer Freilassung, einem Freikaufen nie zustimmen würde. Nicht solange Yoru noch von Nutzen sein konnte. Doch dann erkannte ich, dass ich damit den winzigen Funken Hoffnung, den ich soeben vielleicht wiederbelebt hatte, brutal auslöschen würde. Auch wenn es der Wahrheit entsprach. Aber zu Hoffen war auch eine Freiheit, und es stand mir nicht zu, ihm diese zu nehmen. Das erkannte ich in diesem Moment und brach den Satz ab. Mir war wohl nie zuvor bewusst gewesen, wie viele Facetten jenes kostbare Gut der Freiheit hatte.
Schweigen breitete sich in dem Raum aus. Schließlich löste sich Yoru von der Wand und wandte sich zu mir um. Ich hielt seinem Blick stand. "Ich nehme das Angebot an", sagte er ruhig. "Wenn schon gefangen, dann mit so viel Freiheit wie möglich." Er brachte sogar schon wieder ein leichtes Lächeln zustande. "Und der Herr dieses Palastes hat tatsächlich dem zugestimmt?"
Ich nickte. "Ja. An allen Tagen, da kein Holder deine Dienste in Anspruch nimmt, kannst du dein eigener Herr sein."
"Irgendwie schon skurril, wenn ein Key sich selbst wie ein Holder kauft." Aber im Grunde war es genau das. "Warum? Warum tut Ihr das für mich?"
Und schon wieder ein Warum... "Weil ich einen Fehler gemacht habe und ich für gewöhnlich versuche für meine Taten einzustehen und meine Fehler auszubügeln. Hätte ich es nicht getan, hättest du wegen meines Fehlers leiden müssen."
"Aber wieso kümmert es Euch? Ich bin bloß ein Key", erwiderte Yoru bitter. Diese Wahrheit hatte er bereits lernen müssen - ein Holder brauchte sich um seinen Key nicht zu kümmern, schließlich bezahlte er dafür.
"Ja, du bist ein Key. Aber du bist auch ein Mensch." Und als solchen wollte ich ihn, allen äußeren Umständen zum Trotz respektieren.
~*~*~
Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Aufenthalt in einem Palast so viel über mich selbst beibringen würde. Hatte ich bei meinen bisherigen Reisen fremde Kulturen studiert und Sehenswürdigkeiten vergangener Zeiten besichtigt, so hatte ich bei dieser Reise mich selbst studiert und die Gelegenheit bekommen meine Ansichten und mein Verhalten zu betrachten. Und genauso wie mich der Verfall eines schönen Bauwerks erschrecken konnte, erschreckte mich, welche Fehler sich bei dieser Reise mir offenbarten. Gute Absichten sind nicht alles. Unbedacht zur Tat gebracht, können sie großen Schaden anrichten. Kurz, die Zeit mit Tsuki Yoru lehrte mich, bedachter im Umgang mit anderen zu sein.
Für jemanden, der so frei war, wie es ein Mensch nur sein konnte, waren Tatsachen etwas, das sich akzeptieren ließ, Grundpfeiler einer Welt, die sonst aus den Fugen zu geraten drohte. Für jemanden wie Yoru, der von Tatsachen eingesperrt war, waren Hoffnungen die Grundpfeiler einer Welt, die aus Freiheit bestand. Und wo mir eine neue Tatsache einen neuen Halt bot, sperrte sie ihn ein Stück weiter ein. Nachdem ich das erkannt hatte, versuchte ich nicht weiter in seine Welt einzugreifen, sondern gab mich mit den Veränderungen, die ich herbeigeführt hatte, zufrieden. Und der Tatsache, dass ich letztendlich nur zu Gast in einer Welt war, in der Yoru jeden Tag leben musste. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich nicht auch ein klein wenig zufrieden mit mir war, mit der Idee, Yoru den Mond auf der Erde zu zeigen und ihm ein Stück Freiheit zu öffnen. So sehr geändert hatte ich mich nun auch nicht.
Während der restlichen Tage meines Aufenthaltes erkundeten Yoru und ich jeden Winkel des Palastes, allein schon deswegen, weil Yoru wissen wollte, welche Privilegien er sich erkaufen konnte, wenn sein Buch sich erst einmal erfolgreich auf dem Markt behauptete. Etwas, woran ich nicht den geringsten Zweifel hatte, schließlich kam Poesie nie aus der Mode und der Mond auch nicht.
Am meisten faszinierte Yoru neben der Bibliothek die Küche, denn dort schwang Jacques den Schneebesen. Jacques war der Chef der Patisserie, und hatte Yoru gleich bei unserem ersten Besuch ins Herz geschlossen, ging diese Liebe doch über nichts anderes als Schokolade. Genauer aztekische Schokolade, sprich mit einem Hauch Chilipfeffer und Zimt als Gegengewichte. Für gewöhnlich machte sich Yoru nämlich nichts aus Schokolade, da diese ihm in den Nachspeisen, Kuchen und Naschwerken zu süß war. "Es ist, als hätte man der Schokolade ihren Charakter geraubt und ihn durch cremigen Zucker ersetzt", sagte er immer. Und oft hatte er auch recht. Gerade bei weißer Schokolade konnte sogar ein Chocoholic wie ich das nachvollziehen. Nun aber zeigte ihm Jacques, dass es auch Schokolade gab, in der ein Feuer schwelte, ähnlich wie in Yoru selbst.
An meinem letzten Tag im Palast, hatte mich Yoru gebeten noch einmal mit ihm in die Küche zu gehen. Dort hatten Jacques und er köstliche, kleine Schokoladen-Chili-Tartelettes gebacken, die Yoru und ich nach dem Abendessen mit Genuss verspeisten. Eigentlich ein ruhiges, harmonisches Essen, nur irgendwie kam mir Yoru noch stilller vor als sonst. Doch das sonderbarste war, als er sich nach dem Essen nicht wie sonst an seinen Sekretär setzte, um den Mond zu beobachten.
"Ist irgendwas nicht in Ordnung, Yoru?", fragte ich schließlich.
Yoru zögerte einen Moment, dann sah er mich an. "Darf ich Euch etwas fragen, Herr?"
"Natürlich."
"Es ist aber etwas recht persönliches, und ich will Euch nicht zu nahe treten."
"Mach dir darüber keine Gedanken", erwiderte ich. "Wenn es gar zu persönlich ist, kann ich ja immer noch die Antwort verweigern." Und ich schenkte ihm ein, wie ich hoffte, aufmunterndes Lächeln.
"Nun... Ihr weilt jetzt schon fast drei Wochen hier im Palast. Und gewiss seid Ihr mit recht bestimmten Erwartungen hierher gekommen. Dennoch habt Ihr..." Abermals zögerte er. Mir dämmerte worauf er hinauswollte.
"Dennoch habe ich nie von dir etwas Bestimmtes verlangt wie etwa Sex?"
Yoru nickte.
"Und das beunruhigt dich?"
Wieder nickte er.
"Beunruhigt es dich, weil du befürchtest, die Palastführung würde dir vorwerfen, du hättest deinen Holder nicht vollkommen glücklich gemacht, und dich dafür bestrafen?"
"Nein, das nicht. Der Palastleitung ist das gleich. Es ist der Holder, der entscheidet, was er während seines Aufenthaltes macht und was nicht."
"Dann befürchtest du vielleicht, dass du aus irgendeinem Grund nicht attraktiv genug dafür auf mich wirkst? Und du fragst dich, warum ich dich dann überhaupt ausgewählt habe?"
Yoru nickte, hielt meinem Blick aber stolz stand. Eine der Eigenschaften, die mir so gut an ihm gefielen - sein unbeugsamer Stolz, der hier und da unter der Fassade des gedrillten Keys hervorblitzte.
"Möchtest du denn, dass du für mich so attraktiv bist?" Zugegeben, diese Gegenfrage war nicht ganz fair, aber so sehr ich auch gelernt hatte, Yorus Stimmungen einzuschätzen, was er wirklich fühlte, blieb mir nach wie vor verborgen.
Lange herrschte Schweigen, doch dann nickte er kaum merklich.
"Und was, wenn ich dir sagte, dass ich dich so attraktiv finde, dass ich mir jeden Morgen, wenn ich neben dir aufwache, wünsche mit dir zu schlafen, und jeden Abend, wenn ich dich am Fenster sitzen sehe, mir wünsche, einfach aufstehen zu können, und zu dir hinüberzugehen, dich an mich zu ziehen...? Aber diese Wünsche nicht ausspreche, weil ich nichts von alledem wirklich will, wenn du es nicht auch willst?"
~*~*~
Zugegeben, dieses letzte Gespräch mit Yoru, denn irgendwie war es das letzte richtige Gespräch, war am Ende reichlich kitschig, und wer jetzt annimmt, dass wir uns nach diesen Worten unsere Liebe gestanden haben, der hat nicht richtig zugehört. Denn um was es ging, war nicht Liebe, sondern Verlangen. Wer also stattdessen angenommen hat, dass wir nach diesen Worten in dieser letzten Nacht miteinander geschlafen haben, kommt der Wahrheit wesentlich näher. Es war eine fantastische Nacht, und wie ich mir einbilde, nicht nur für mich.
"Na, wieder zurück, du Urlauber?", begrüßte mich Steven, als wir uns etwa eine Woche nach meiner Rückkehr zufällig auf der Straße begegneten.
"Hallo Steven!", erwiderte ich gutgelaunt.
"Wie wäre es mit Mittagessen, und du erzählst mir von deinem Urlaub?"
"Klingt gut, aber zuerst will ich noch zur Post."
"Zur Post?" Überrascht sah mich Steven an. Und er hatte recht, nutzte ich doch für gewöhnlich einschlägige Paketdienste, welche die Postsendungen bei mir abholten. Doch bei diesem speziellen Paket wollte ich es selbst auf den Weg bringen. Es war für Yoru bestimmt und enthielt ein druckfrisches Exemplar seines Buches und einen Stein, den ich damals von meiner Reise zum Mond mitgebracht hatte...