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Rummel-Maus Teil 6 - 8

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Gabriel lachte nur leise und startete den Wagen. Irgendwann sollte sich Kawa doch noch mal angewöhnen, selber zu fahren, doch kaum war er in Reichweite, mutierten die beiden Vampire zu Beifahrern. Schon seltsam, wenn man ihn fragte.
„Maus, sagt dir das Wort Rummel was?“

„Ja“, maulte der kleine Nager. „Es sagt mir: Maus wird keine Filme sehen – keine poppenden Kerle und keine stöhnenden Männer, keine lustverschwitzten Leiber und keine leidenschaftlichen Küsse – nur kotzende Kinder, die zu viel Zuckerwatte gefressen haben und dann Kettenkarussell fahren.“
Wie schnell eine Maus doch vergaß, dass es seine Idee gewesen war?!
Santos stöhnte nur auf. Drei Kreuze, wenn der Tag vorbei war!

Kawa lupfte eine Braue. „Also, wenn du nicht in den Rummel willst, ich hätte bezüglich der verschwitzen Leiber, der lustgeschwängerten Luft und den anderen leckeren Dingen, die du da ansprichst, so ein paar eigene Umsetzungsideen“, leckte er sich anzüglich über die Lippen und grinste breit.
„Also wenn du keine Lust auf Rummel hast ...“

„Vielen Dank, Herr Mausquäler, für das so uneigennützige Angebot. Aber wenn ich dich erinnern darf: mir tut der Arsch schon weh – da muss nicht noch mehr drinnen rumgestochert werden.“
Santos knurrte noch lauter. Er hatte echt kleine Lust, sich mäusischen Schweinskram anzuhören, wo ihm was wehtat, und wo man was nicht reinstecken sollte.
„Schnauze, Maus, oder du läufst und wehe ihr saut die Bezüge ein!“

Na also das würde sich Kawa sogar verkneifen! Nie wieder, das hatte er sich geschworen, zahlte er Santos und Gabe neue Bezüge. Die waren ja wahnsinnig, mit so Dingern rum zu fahren, die eine Sonderanfertigung und auch noch so leicht zu ruinieren waren, und nebenher ein kleines Vermögen kosteten, mit welchen man sich sicherlich einen Kleinwagen kaufen konnte.
„Ich verkneif’s mir, deine Bezüge noch mal zu strapazieren“, schickte er beruhigend zu Santos, dass es Gabriel ein Grinsen aufzog.

„Aber da wir alle wissen, dass dein Nager durchaus in der Lage ist, auch ohne dich die herrlichsten Mausflecken überall zu hinterlassen, vorzugsweise in Bettwäsche und auf Teppichen, bin ich noch nicht wirklich beruhigt!“
Und die Maus? Maulte und knurrte, dass man ihn ja überhaupt nichts zutraute, dass er, seit er nun 21 war, sich sehr wohl benehmen könnte und dass das ruhig mal jemand bemerken dürfte.
Dem hielt Santos, mit dessen Wagen sie ja fuhren, weil er sich dachte, dass es so am einfachsten war, mit dem Wagen zu flüchten und die anderen auf dem Rummel auszusetzen, entgegen, dass er nichts dagegen hätte, wenn Maus mal anfangen würde, endlich etwas erwachsener aufzutreten – eine Aussage, die nur eine einzige Maus-Reaktion nach sich ziehen konnte.
„Kaa-haa-waaa!“

„Ja Schatz?“, wollte der glatt auch noch wissen und hatte nun eine Maus am Hals hängen, der ihm mit großen ungläubigen Augen anguckte.

„Was heißt denn hier: Ja Schatz“, schluchzte die Maus und wurde von seinem Gurt, in dem er mittlerweile hing, fast erwürgt, dass er so komisch zu röcheln anfing. „Sag ihm … *theatralisches Mausschniefen* … dass ich voll der Erwachsene bin! Ich geh … *schluchz* … ohne Zettel einkaufen!“ Dass er dann auch die Hälfte vergaß, stand gerade nicht zur Debatte. „Und außerdem bin ich schon voll groß.“
Santos war gänzlich ungerührt und sah zu Gabriel, der den Wagen lenkte. „Darf ich die Maus kastrieren, wenn ich nachher irgendwo Mausflecken finde?“ Er mochte es einfach, wenn die Maus wimmerte und flennte. Das war fast wie Kinder ärgern, nur besser!

„Hey, das ist der Mausteil, der am meisten gewachsen ist“, grollte Kawa auch gleich lachend und fing die Faust ab, die von seinem Nager bedrohlich auf ihn zuflog. So hatten sie nicht gewettet.
„Er geht schon ganz alleine einkaufen und bringt auch immer fast alles mit was wir brauchen“, beschwichtigte er den Nager und grinste, wickelte Yujo aus dem Gurt und setzte ihn wieder ordentlich hin, um ihn erneut anzuschnallen.

Maus gab resignierend auf. Keiner verstand ihn, selbst sein Freund war nur scharf auf seine beweglichen Teile, wie gerade raus kam, und der doofe weißhaarige Vampir rückte nicht mal seine Pornosammlung raus. Dabei gehörten Mäuse, vor allem diese hier, die gerade wieder sinnleer in einem Gurt hing, zu den bedürftigen Randgruppen!
Wie sollte eine Maus denn seinen Rummel genießen, wenn er wusste, dass daheim eine arme kleine Kiste unter dem Bett vor Einsamkeit fast starb. Aber Maus sagte kein Wort, jeder lachte ja sowieso nur über ihn und wollte den süßen Mauseschwanz abschneiden – fiese Bande. Die Maus litt leise vor sich hin.

Kawa merkte und roch, dass Maus seine Stimmung verändert hatte und lehnte sich zu ihm, küsste ihn leicht auf das Ohr. „Liebe dich, Yujo“, wisperte er leise und setzte nochmals einen Kuss nach.
„Fahr schneller, alter Mann, wir wollen zum Rummel“, übernahm er den Part des Quengelnden und grinste dabei frech.
Gabriel gab nur ein Schnauben von sich und enthielt sich jeglicher Antwort.

Im Gegensatz zu Santos, der heute sowieso jede Gelegenheit nutzte, sich mit jemanden zu balgen oder zu raufen. Und Kawa war dahingehend der würdigere Gegner, als eine kleine, unscheinbare, sowieso immer gleich heulende Maus. „Schnauze oder du läufst“, knurrte er nach hinten und besah sich beim Umdrehen mal Maus samt seinem Flauschvampir. War schon ein erbärmliches Bild, wie der Kleine so in den Seilen hing, die Öhrchen angelegt und das Schnäuzchen bebte. Aber Santos hatte noch nicht genug. Er piekste doch wirklich der völlig apathischen Maus in den Mausbauch, dass der nur aufquietschte und Gabriel ihm selbst dafür auf den Schenkel schlug.

Aber der Weißhaarige hörte nicht auf, bis Gabriel etwas, nun ja, zielgenauer wurde und seine Finger nach weiter oben verfrachtete und dort mal etwas draufschlug.
Na das weckte den Vampir aber mit einem Knurren auf.
„Schatz, ärger nicht die Maus, sonst hängt der wieder Tage im Wohnzimmer und will die KISTE sehen.“

„Dafür willst du die Kiste nicht sehen oder warum ramponierst du mir gerade meine edelsten Teile?“, wollte Santos etwas mürrisch wissen und wandte sich wieder den Aufgaben eines Beifahrers zu, nämlich nach vorne gucken und „links ist frei“ rufen.
„Und die Kiste, die kann er gern haben – ich nehm vorher alles raus und dann kann er Tag und Nacht die Kiste sehen, ist doch kein Problem“, erklärte der Vampir und grinste. Aber leider blieb die typische Tob-Reaktion der Maus aus, schade eigentlich. Denn der schniefte nur vor sich hin und hielt sich den so schändlich misshandelten Mausbauch – ein riesengroßes Loch war da drinnen, ganz bestimmt.

Gabriel grinste in sich hinein, und ließ seine Hand nur noch leicht über dem angeblich ja so ramponieren Schritt liegen. „Spätestens wenn ich mit der Zunge nachprüfe, ob noch alles ganz ist....“, ließ er den Satz offen und konzentrierte sich wieder ganz aufs Fahren.
Und Kawa hatte zu tun, seine Schniefmaus zu beruhigen, und er strich seinem Schatz leicht über die Schläfen. „Wir machen einen Liebesapfel in deinen Bauch rein, dann heilt er sicher wieder.“

„Wäh“, knurrte die Maus nur. Er hatte gar keine Lust auf was Süßes. Das klebte, machte Durst, dann musste man auf die schmutzigen Klos auf dem Rummel. Nie im Leben! „Ich will aber ne Bratwurst, oder einen Hamburger oder vielleicht auch ein paar Bratnudeln“, maulte der Kleine und Santos war klar, eine maulende Maus war eine gesunde Maus. Er hatte keine bleibenden Schäden mit seinem Finger hinterlassen. So konnte er die Nörgelmaus schon wieder ausblenden und bei seinem Freund mal klarstellen, er bräuchte sich das gar nicht einzubilden, dass er für die schändliche Behandlung seiner edelsten Teile auch noch belohnt würde. „Kein Gelecke an der schönen Zuckerstange.“
Klar, dass Maus DAS nicht überhören konnte und erklärte, dass zu viel Süßkram dick machen würde und Gabe mal zur Abwechslung was gesundes zu sich nehmen sollte!

Gabriel und Santos lachten wohl gleichzeitig auf, was ein schmollendes Schnauben der Maus auslöste. Kichernd versuchte sich der Große auf den Verkehr zu konzentrieren und gluckste dabei immer noch leise, seine Finger aber beließ er wo sie waren.
Er würde seinen Vampir am Abend schon wieder überzeugen, dass er die 'Zuckerstange' bekommen würde. „Oh, ich mag Süßkram“, lautete Gabriels kurze und treffende Antwort nach ein wenig Verzögerung.

Santos hatte es aufgegeben, sich Gabriel zu entziehen. Sein Gör war stur wie ein Esel und da brachte es gar nichts, sich mit ihm anzulegen. Nun war er schon fast 400 Jahre auf dieser Erde, aber einer wie Gabe war ihm wohlweislich noch nicht begegnet.
Und weil die Anderen schwiegen und hier nichts mehr ausdiskutiert wurde, fing eben die Maus wieder an – dass, was er immer tat, wenn er sich im Auto anfing zu langweilen: „Sind wir bald da, Gabe?“ im Minutentakt!

Grollend ignorierte der aber den Nager und strich mit den Fingern, zur eigenen Beruhigung und zu Santos’ Unruhe, immer noch über dessen Oberschenkel und wieder zurück, wo sie vorhin noch ruhig gelegen waren.

„Hey, hör auf an dem Alten rumzufummeln und sieh zu, dass du uns nicht gegen eine Mülltonne fährst!“, knurrte die Maus nur, der nichts Besseres zu tun hatte, als zuzugucken, wie Gabriel seinem Vampir doch wirklich in den Schritt fasste. Nein, er legte nicht nur einfach mal so nebenher seine Hand da hin, nein! Der Perverse, der gerade mit dem süßen kleinen flauschigen Mausleben spielte, griff da richtig zu!, drückte, knetete, streichelte und da! Maus konnte schon eine Beule sehen. Das war doch abartig! Erst wurde ihm die arme kleine Kiste vorenthalten! Jetzt musste er sich das da von seinem Rücksitz, mit einem echt beschissenen Blickwinkel, ansehen. Ob man von Kawas Platz aus besser sah? Maus schnallte sich also ab und krabbelte auf allen Vieren auf der Rückbank herum.

Kawa konnte gar nicht so schnell gucken, wie er einen Nager im Spannmodus auf den Schoß hatte und der herumrutschte und mit den Knien gefährlich nahe an seinen Schritt kam. „Maus, stopp, sonst ruinierst du mir noch den Schritt“, grollte er und schnappt Yujo, sortierte ihn um und schnallte sich selber ab, um sich gemeinsam mit Yujo wieder an zu schnallen.
Er konnte bei einem Unfall seine Maus zwar ohne Probleme festhalten, sodass dem Kleinen nichts geschah, aber das wussten die netten Polizisten ja nicht.

Allerdings fühlte sich die Spannermaus so wieder ganz ordentlich eingeschränkt. Denn das was er jetzt sah, das hätte er auch von seinem Sitz aus sehen können. Hier hing er wieder nur in den Seilen und zu allem übel sah er noch viel, viel weniger als zuvor. Gerade mal Gabriels Arm bis zum Ellenbogen! Keine Beule – keine flinken Finger!
„Kawa, loslassen! Ich seh doch gar nichts mehr.“ Maus machte einen langen Giraffenhals und versuchte um den Sitz zu gucken, dummerweise auf Santos’ Ellbogenhöhe und jaulte auf, als der Vampir sich etwas bequemer setzen wollte und die Mausnase traf!

Aktivierte das ein dunkles Grollen bei Kawa, der seinen Schatz sofort zurück und an sich zog und Schadensbehebung, mittels Intensivflauschen und Küssen zu betreiben anfing.
Gabriel, der das auch sehr wohl mitbekommen hatte, zog strafend seine Finger wieder weg, von der nach Zuwendung heischenden Mitte seines Vampirs, und ließ die Finger auf dessen Knie ruhen.

„Was denn?“, wollte Santos wissen, der noch nicht mal bemerkt hatte, was eigentlich genau passiert war. Nur dass er irgendwo angeeckt war. Aber wer kam schon auf die Idee, dass es die Maus war? Okay. Man hätte es sich denken können, sobald gefummelt wurde, war das Mistvieh ja wie eine Schmeißfliege! Aber man konnte sich ja erst mal dumm stellen. „Was hab ich denn gemacht, dass du mich jetzt hier so rumsitzen lässt“, murmelte er leise und die Maus fauchte hinter ihm.
„Du Mausschänder, du Nagetierprügler, du …“
„Halt mal die Luft an, Maus, was hängst du deinen übergroßen Rüssel eigentlich immer dorthin, wo er nichts verloren hat?“, knurrte Santos und setzte sich wieder aufrecht. Gabriel machte nicht den Eindruck, als würde der noch mal wieder kommen, nur weil das Mistvieh was abbekommen hatte.
„Rüssel? Kawa! Ich hab doch keinen Rüssel!“, plärrte die Maus wie eine Sirene los und Santos seufzte. Was genau hatte ihn dazu getrieben, zu diesem Unterfangen zuzustimmen?

Finger, die leicht über die Innenseite seines Knies strichen, erinnerten ihn daran und Gabriel grinste leicht. Wenn die Maus zetern konnte, war’s nicht so schlimm.
„Nein, Schatz“, beruhigte Kawa und grinste leicht, während er Yujo durch die Haare wuschelte und kleine Küsschen auf dessen Schulter setzte. „Bist ja keine Rüsselmaus.“

„Genau, keine Rüsselmaus“, knurrte der Kleine, war aber wohl noch nicht wirklich zufrieden. Die Zwei da vorn fingen wieder an zu fummeln und er sah mal wieder nichts. Aber es sollte ja nicht heißen, dass Mäuse kleine Hirne hätten und nichts dazu lernen würden. Noch mal vorbeugen und sich den nicht vorhandenen Rüssel eindrücken lassen wollte er nicht. Er war ja schließlich keine … Dings-Maus!
„Ach, keine Rüsselmaus?“, forschte Santos, der dank Gabriels Finger wieder Oberwasser hatte. „Und was war letzte Woche im Pool, als dein Becken kreiste und du erklärt hast, was du doch für ein Elefant wärst mit dem Rüssel. Ich fand ihn zwar für einen Elefant wirklich etwas mickrig, aber …“
„Ach Schnauze“, knurrte die Maus. Er hasste es, wenn seine Worte gegen ihn verwandt wurden. „Gabe, fahr, ich will Zuckerwatte und Pommes und Autoscooter und Bratwurst, exakt in dieser Reihenfolge.“

„Ich fahr gerne“, lachte Gabriel, „aber schneller als das Limit gibt’s nicht YuYu. Außerdem, wenn du das alles in der Reihenfolge willst, kann dich Kawa später über die Kloschüssel hängen.“ Gabriel kraulte leicht über die Knieinnenseite und lachte, als ihm Santos auf die Finger schlug, ein freches Grinsen wanderte über Gabriels Züge.
Er wusste nur zu gut, dass Santos an dem einen Punkt am Knie etwas sehr kitzlig war und nutzte das gerne aus. Aber er zog seine Finger dann doch wieder zurück und schaltete einen Gang hinunter.

„Gabe! Nicht langsamer als das Limit. Hier sind 40 Meilen erlaubt. Jetzt fahr doch!“, knurrte die Maus und versuchte gerade zu ergründen, warum Kawa ihn über die Kloschüssel hängen sollte! Also das gab’s ja wohl nicht. Er war doch keine Hinhäng-Maus. Deswegen wurde dieser bösartige, verleumderische Kommentar auch keiner Antwort gewürdigt. Lieber drückte Maus an der Scheibe den Nicht-Rüssel breit, um zu sehen ob … „Sind wir denn bald da?“

„Einmal links und dann noch drei Minuten gerade aus“, präzisierte Gabriel für den unruhigen Nager wann sie denn ankommen würden und lachte, weil der auch gleich maulte, dass das nicht wirklich was über Entfernung und Dauer sagte und sowieso quengelte.
„Wir sind bald da, Schatz“, stopfte Kawa seinem Nager, viel effektiver als Gabriel das jemals können würde, denn Mund und schlagartig war Stille im Wagen.

Erholsames Schweigen, dass auch Santos, der sich in den letzten Minuten nach seiner Ärgerattacke doch etwas zurückgehalten hatte, erleichtert aufatmete. „Auf die Idee hätte der Döspaddel weiß Gott eher kommen können“, maulte er nur und überlegte gerade, was man alles tun konnte, um rein zufällig eine Maus auf einem Rummel zu verlieren.
„Abfüllen – in ein Karussell einsperren – an den Streichelzoo verkaufen – ihn in Zuckerwatte tauchen …“ Und so ging das noch eine ganze Weile.

Die Stille hielt sogar noch an, als Gabriel schon geparkt hatte und sie vor dem Rummelgelände standen. Grinsend drehte sich der Große um und legte das Kinn auf den Oberarm, welcher sich um Santos’ Nacken schlang.
„Süß, die Beiden, wenn sie mal Ruhe geben“, überlegte er laut und frech.

„Ich hätte nichts dagegen, du schließt jetzt den Wagen ab und wir gehen alleine“, knurrte Santos. Denn irgendwie gab es jetzt kein Zurück. Er musste mit einer peinlichen Maus auf den Rummel, den Ort der Peinlichkeiten – passte zwar, nur dass er hier eindeutig nicht hergehörte.
„Aber dann stinkt mein Auto wieder nach geiler Maus, wenn wir wiederkommen … weil die beiden dann auch schon wieder kommen.“ Außerdem löste sich die Maus auch schon aus der Knutschstarre und wand sich in seinem Gurt. „Wah“, quietschte er. „Rummel, Rummel, Rummel!“ Ganz aufgeregt wedelten die Mauspfötchen.

„Na wenigstens das Auto bleibt frei von Maus“, flüsterte Gabriel seinem Schatz ins Ohr, als er sich beruhigend zu Santos beugte und leicht an dessen Ohrläppchen nippte, mit den Zähnen dahinter die feine Haut reizte.
„Lass uns den Abend heute dann vor dem Kamin verbringen, hmm?“, lockte er leise und wollte aussteigen.

Aber Santos riss ihn zu sich zurück. „Nein, wir fahren gleich wieder heim. Wir schmeißen die da hinten raus und fahren gleich wieder heim“, erklärte Santos und schmollte. Die Unterlippe schob sich nach vorn und er sah gar nicht ein, warum Pornosammlung und Kamin und Gabriel warten mussten, nur weil die Maus Süßkram zu völlig überteuerten Preisen fressen wollte und Karussell fahren, wo er das teure Zeug dann wieder auskotzte. Mal davon abgesehen, dass Maus ja angeblich sowieso nicht sitzen konnte – wegen wundgepopptem Mauspo! Da konnten sie auch wieder heim fahren, eine Tonne Süßigkeiten kaufen, die Maus auf dem Bürostuhl im Arbeitszimmer so lange drehen bis der kotzte und dann hatten sie Ruhe für sich alleine.
Leise unterbreitete er diesen Vorschlag. Immer ein Auge auf Lauscher Kawa.

Der grinste schon gemein und wisperte leise zu Santos, dabei ein entzückendes Lächeln auf den Lippen. „Würde ich nicht machen, oder willst du, dass mein Schatz weiß, was ihr heute Abend plant oder noch besser an die Kiste kommt, natürlich ganz durch Zufall?“, leckte sich Kawa neckisch über die Lippen und beugte sich ein wenig zu den beiden nach vorn.

„Mieser Kerl!“ Santos stieg ohne ein weiteres Wort aus. Der Nächste, der folgte, war die Maus, der von poppenden Kerlen und offenen Kisten mal wieder nichts mitbekommen hatte, denn da lief schon ein Kind mit Zuckerwatte herum, das wollte die Maus dann auch gleich haben – so war das eben mit dem Futterneid.
„Ich hoffe mal, du hast die Adressen von netten Pfötchenhotels, denn ich werde deine Plage nicht mehr hüten, wenn du auf einen Hit musst“, erklärte Santos seinem Zögling gezischt, blickte ihn nicht mal an, sondern lehnte sich nur haltsuchend an Gabriel, der nun auch vor dem schwarzen Jeep stand.

Nach dem Zuschließen hatte sich Gabriel den Schlüssel noch eingesteckt und schlang einen Arm auch gleich um die Mitte des weißhaarigen Vampirs. „Schhh, wir gleichen den Tag am Abend aus, Schatz“, wisperte er leise und leckte Santos kurz und schnell über die Lippen, als er sich unbeobachtet fühlte.
Hier waren für solche Sachen leider viel zu viele Kinder, die Geschrei machten, wenn sie zwei Männer so sahen. Das hatten sie ja schon mal erlebt, einmal und nie wieder. Die neugierigen Kinder waren ja nicht mal so schlimm gewesen, aber die Eltern, die dann zeternd angekommen waren.

Doch Santos hatte andere Sorgen als Kinder – Kinder konnte man mal schnell in eine Tonne stecken, wenn sie nervten. Als er das das letzte Mal mit der Maus gemacht hatte, hatte ihn Kawa gewürgt, bis Santos Hören und Sehen vergangen war!
„Tja, hast du gehört was Kawa meinte? Er würde uns heute Abend auch noch die Maus auf den Hals hetzen wollen“, klagte der Vampir sein Leid und blitzte die Maus an, der sich keiner Schuld bewusst war, sondern sich gerade von einer Göre erklären ließ, wo man denn bitteschön Zuckerwatte herbekam.
Besagtes Gör hatte nämlich nicht teilen wollen und so musste sich Maus wohl oder übel eine eigene Zuckerwatte besorgen.

„Nicht wirklich, Santos“, lachte Gabriel ein wenig, als er Yujo einen Flunsch ziehen sah, weil Kawa wohl nicht gleich losrannte, um das Zuckerzeug zu kaufen. Tja, große Mäuse gingen da schon selber hin, erklärte der grad seinem Nager und wuschelte ihm aber zur Beruhigung durch die Haare.
Gabriel lehnte sich enger an Santos. „Ich höre nicht so gut wie ihr beiden, mein Vampi.“

„Ich glaube, dabei belassen wir es auch“, nuschelte Santos. „Ist ja auch nicht immer alles für deine Ohren bestimmt“, legte er fest und ging langsam hinter Kawa her, der wiederum von Yujo quer durch die Menschenmasse gezerrt wurde. Die Maus hatte seine Nase, die ja kein Rüssel war, im Wind und wanderte nun zielstrebig auf die Fressstände zu. Noch waren Kettenkarussell und Autoscooter kein bisschen interessant. Das kam sicher erst, wenn die Maus voll gefressen war, damit ihm dann so richtig schön schlecht werden konnte. Hoffentlich stand Santos dann nicht in der Flugbahn, wenn sich diese Landplage noch mal, während einer erhebenden Runde Kettenkarussell, alles durch den Kopf gehen ließ!
Mausinnereien für alle?! Nein danke!!

Gabriel schüttelte nur leicht den Kopf und lachte leise, als Santos so gänzlich abgeneigt von der Idee war, dass er alles hören könnte, was der so den lieben langen Tag manchmal vor sich hin murmelte. Sicher war die Hälfte durchsetzt von unanständigen Ideen und die andere wohl genauso davon eingefärbt. Wisperte er das neckend an das Ohr seines Geliebten und lachte wieder, als er das leise Quietschen von Yujo hörte, der wohl seine erste Fresserei abgesahnt hatte.

Es hatte leider nicht mehr für eine Zuckerwatte gereicht, dazu hätte Maus noch zwanzig Meter laufen müssen. Und wenn man eine kleine Maus war, mitten im Gedränge hunderter Leiber, dann konnten zwanzig Meter ein Tagesmarsch sein. Und für den musste man sich stärken. Er hatte noch ein paar Münzen in seiner Tasche gefunden und stand nun stolz mit einer Portion Fish 'n' Chips neben Kawa, der nur den Kopf schüttelte und wohl auf sie wartete.

Denn die Maus war erst mal mit fettigem Fisch und Kartoffelzeug beschäftigt und mümmelte glücklich vor sich hin.
„Dann auf ins Gefecht“, wisperte Gabriel schalkhaft und zog Santos mit sich zu dem anderen Vampir, der durch die Menge sah und die Menschen mit einer elegant hochgezogenen Braue musterte. Kawa dachte sich gerade seinen Teil über die herumeilenden Leute, entweder Kinder oder aufgedrehte Jugendliche bevölkerten hauptsächlich den Rummel und bildeten ein unstimmiges Unisono.

Da wollten Wesen der Nacht, mit mehr als zweihundert Jahren des ewigen Lebens, gar nicht richtig hineinpassen. Da war es wohl von Vorteil, dass man ihnen ihr Alter nicht ansah. Und die Maus? Der ging hier sowieso als alles durch – mit seinen 21 Jahren war er kein Teenie mehr, aber ab und an – wie gerade jetzt – benahm er sich wirklich wie ein Kleinkind. Kaum zu glauben, dass der Junge, wenn es drauf ankam, auch ernst und bei der Sache sein konnte. Aber sie hatten es erlebt – er konnte.
Nur nicht im Augenblick, da mümmelte er und hatte gerade die Luftschaukel ausfindig gemacht – da wollte er jetzt hin, erklärte er kauend seinem Geliebten, kaum dass die anderen Beiden da waren.

Also trotteten alle Vier mal in die Richtung der ersten Folterwerkstatt, wie Santos murmelnd anmerkte und von Kawa dafür nur ein Lachen kassierte. „Hey, alter Mann“, meinte der auch noch frech „Bist in letzter Zeit schon ein sehr gesetzter Herr geworden“, neckte Kawa weiter und grinste Santos an, hakte sich bei Yujo unter und ließ sich von der kleinen Menschenmassenwühlmaus in die richtige Richtung befördern.

Er hörte Santos nur noch weit hinter sich, weil der sich einfach zurückfallen ließ. Also so was musste er sich ja nicht sagen lassen! Er war weder alt, noch war er gesetzt – er war gerade mal 400 Jahre, im Vergleich zu anderen ein junger Hüpfer gar. Zur Strafe sollte sich Kawa mit der Fress- und Wühl- und sicher gleich Kotzmaus alleine blamieren, Santos’ Punktekonto war auf der Kawa-Seite sowieso schon überlaufen!
„Schau mal, Süßer, da gibt’s Palatschinken mit Aprikosenmus, wie wär’s?“, raunte er Gabriel zu und hatte die Maus mit den Sternchenaugen schon aus den selbigen verloren.

„Du meinst, zuerst die Füllung heraussaugen und dann den Rest zusammenknabbern?“, raunte Gabriel zurück und unterdrückte ein Grinsen. „Aber immer wieder gerne, Santos.“

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass du gar nicht den Palatschinken meinst, Gabriel Hamston?“, knurrte Santos. Da hörte sich doch alles auf! Egal was er Gabriel anbot, es artete in irgendeiner Form in Sex aus – und dass er hier in der Menschenmasse anfing, wo man es nicht mal ausleben konnte, sondern nur darben und auf später hoffen – das war gegen die Regeln, aber eindeutig.
„Wenn du dich nicht benehmen kannst, gibt’s eben keine“, legte er fest. „Füllung raussaugen und anknabbern – ich glaub’s ja nicht!“

„Warum denn nicht, is’ doch lecker!“, bettelte Gabriel und setzte auf große Augen, mit denen er Santos anguckte, während er sich über die Lippen leckte und sich an seinen Vampir hängte.
„Bittöööööö“, hatte sich Gabriel das Jammern und Betteln nicht so wirklich von der Maus abgekupfert, sondern brav selber gelernt, überhaupt, wenn Santos wieder mal am Abend zum Spielen aufgelegt gewesen war und ihn hinhielt, nach allen Regeln der Kunst.

Aber heute war der Vampir einfach nur ziemlich gepisst, von seinem Geliebten verschleppt, von seinem Kind verlacht – und die Dumm-Maus kotzte ihn sowieso immer an. Vor allem, wenn er mal wieder in beiden Pfoten Futter hatte und dann nicht mehr zurechnungsfähig war. Stritt die kleine Landplage doch wirklich mit dem Fahrgeschäftsbesitzer, dass er seine Fish 'n' Chips nicht hergeben wollte, sondern mit auf die Luftschaukel nehmen! It’s raining fish 'n' chips …
„Nix bittööö. Da kannst du bittööö machen wir du willst. Nein – heißt nein. Lecker hin, lecker her. Du kannst dich wieder nicht benehmen, und ich renn dann wieder mit einer peinlichen Latte durch die Gegend, die allen Kindern die Augen aussticht und über die sich die Maus wieder lautstark echauffiert. No way, Honey!“
Santos blieb eisern, vielleicht konnte man ja mit einer Portion gebratene Champignons weniger falsch machen.

Gabriel hauchte ihm einen Kuss auf den Hals und grinste dabei noch immer leicht. Seine Finger strichen beruhigend über den Arm, bei dem er sich eingehängt hatte. „Okay, aber dann verschieben wir das auf später, nur du kannst sicher sein, dass ich mich mit einer Palatschinke dann nicht zufrieden gebe“, setzte Gabriel noch mal einen Kuss auf Santos’ Puls nach und lehnte sich an.
„Okay, Sweet, lass uns gucken, ob die Maus bald wo mitfährt und danach wo drüber hängt“, lästerte Gabriel mild.

„Na ja, wenn er nicht seine Tüte hergibt, fliegt er gleich achtkantig wieder aus der Schaukel“, teilte Santos etwas anteilnahmslos mit. Er war nur auf das Ergebnis gespannt – das da lauten würde: Heulmaus! Fraglich war nur, in wie vielen Minuten. Das konnte er noch nicht so richtig einschätzen. Hieß das jetzt eigentlich, dass er bis jetzt zu wenig Zeit mit der Maus verbracht hatte? Gott bewahre! Was für ein Gedanke! Schnell weg damit – pfui pfui pfui! Böser Gedanke!



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„Na ja, ich werd das Wochenende, wenn Kawa mit der Pest an die Küste fahren will, mal wieder ein paar Mehlspeisen zaubern, bis uns die Bäuche weh tun und dir der Gaumen, dass du nicht mehr saugen kannst. Aber heute sei mal ein braver Gabriel.“ Er tätschelte seinen Schatz und ging dann auf Kawa zu, zog Gabriel so mit sich.

Gabriel lachte und schüttelte bei dem Gedanken an ihr letztes Kochwochenende den Kopf. „Wir hören uns wirklich an wie ein altes Pärchen“, kicherte er leise und grinste dabei frech. „Lass uns was anderes machen und das lange Wochenende, wo die Beiden wegfahren, auch verschwinden, egal wohin. Wir wollten doch mal nach Wien oder Paris für ein paar Tage verschwinden. Nur wir beide“, schlug er ganz was anderes vor, das sicher mehr Entspannung versprach, denn Süßes gab es überall und wenn man’s nicht selber machte, musste man auch nicht aufräumen. Überhaupt ein großer Vorteil von Hotelzimmern, wie er sich errötend erinnerte.

„Ich will gar nicht wissen, an was du da schon wieder denkst, Gabriel“, erklärte Santos ohne sich umzuwenden. Er konnte riechen, was in seinem Schatz vorging. Und wenn das die Essendüfte und Bierfahnen, die schwitzenden Kerle und überdieselten Weiber überdecken konnte – und eine wütende Maus mit Fish 'n' Chips – dann musste Gabriel da schon was ganz unanständiges gedacht haben.
„Aber auf Paris habe ich im Augenblick wirklich keine Lust, Wien wäre schön. Würde mir Leondros Schloss gern mal bei Tage betrachten – gehört ja irgendwie zur Familie. Vor allem den oberen Teil, die Katakomben kenn ich schon. Und dieses Mal hätte ich gern ein Doppelbett, wenn’s nichts ausmacht!“, überlegte Santos und sah, wie Kawa ihn angrinste. Der Kerl musste auch überall lauschen.

Derweilen vertiefte sich das Rot auf Gabriels Wangen noch, auch wenn man das nicht für möglich gehalten hätte und er schlug seinen Kragen hoch. Musste ja nicht jeder sehen, dass er leuchtete wie eine Kirsche.

Es kam, womit keiner gerechnet hätte: Maus, der seine Fish 'n' Chips über alles liebte und nie zulassen würde, dass jemand anderes sie auch nur hielt und so in die Versuchung gebracht wurde, sie zu fressen, und so auch nicht für Luftschaukelfahren sein Futter aus der sicheren Mauspfote geben wollte, kam ziemlich missgestimmt, um nicht zu sagen – mit einer stink Laune – wieder zu den anderen und da war der peinlich berührte Gabriel gerade ein gefundenes Fressen.
„Hey, masturbierst du in der Hosentasche, du Lüstling? Gabe, zeig mal!“ Und schon hüpfte die Maus durch die sich umwendende Menge auf den glühenden Menschen zu.

Ein Loch, ein tiefes, tiefes Loch, und wenn’s nicht vorhanden war, dann konnte ihm bitte jemand eins buddeln, damit Gabriel versinken konnte. Nein, es genügte ja nicht, dass er leuchtete wie Kirschkompott, nein, die Maus musste da auch noch eins draufsetzen. „Nie wieder helf ich dir, wenn du auf den Rummel willst“, fauchte Gabriel und ging zu Santos, versuchte bei seinem Freund das glühende Gesicht zu verstecken und die Menschen zu ignorieren, die dämlich zu ihnen guckten.

Aber eine Maus, der eine nicht-Luftschaukel-fahrende,-weil-seine-Fish-n-Chips-nicht-hergeben-wollende Maus war, konnte immer noch eines draufsetzen. Er kam immer dichter und fragte süffisant lächelnd, ob Santos gefälligst mal seine Hand aus Gabes Tasche nehmen möchte, der wäre schon groß und könnte alleine masturbieren. Nur dass Santos nicht so lange fackelte wie Gabriel, er griff sich das kleine frech kichernde Mistvieh einfach und tunkte die Maus kopfüber in einen Mülleimer, in einen Mülleimer, gleich neben einem Fressstand, gefüllt mit Senfresten, angefressenen Paradiesäpfeln und Eistüten.
Maus konnte gar nicht so schnell reagieren, wie er kopfüber da drinnen hing und strampelte.

Gabriel überlegte noch immer, ob versinken nicht angenehmer wäre, als hier herumzustehen, wo die Leute nun noch dämlicher guckten, weil der Schreihals von vorhin jetzt in 'nem Müllkübel hing. Ein anderer Vampir fluchte einstweilen bunt auf seinen alten Herrn und knurrte gefährlich. Er konnte sich den Grad der Heulmaus, den diese Attacke seitens Santos auslösen würde, noch gar nicht vorstellen oder wollte es auch nicht, vor allem, weil sein Schatz wohl nun auch zur Stinkmaus degradiert war und dies auch bleiben würde, außer sie fuhren gleich heim.
Kawa klaubte Yujo aus der Tonne und schnalzte mit der Zunge, als er die bunt gestreuten Flecken von Majo, Senf und auch mal rotes Ketchup in Augenschein nahm.

Plötzlich wurden die Mausaugen ganz groß und wässrig, die Lippen zitterten und anstatt einer Schimpftirade, da fing die Maus an zu plärren.
Warum?
Weil er nach Senf roch? Nein!
Weil er nach Ketchup schmeckte? Nein!
Weil er aussah wie die Füllung eine Hamburgers? Nein!
Der blöde Vampir, der sich selbst Santos nannte, der hatte die Fish 'n' Chips der Maus einfach in den Dreck geworfen und ein paar unachtsame Passanten waren darüber getreten, ohne an die Qualen zu denken, die sie der Maus damit bereiteten.
„Ka-ha-wa“, wimmerte der Kleine nur leise, so maus-untypisch, und deutete auf sein Futterchen.

„Schhhh, Schatz, ich kauf dir neue“, schüttelte Kawa innerlich den Kopf über die Prioritätenanordnung seines Geliebten. Dabei machte er sich gleich mal dran, Yujo aus seiner Jacke zu schälen, die überzogen war mit verschiedenen Hamburgerinhalten und faltete außen nach innen, um sie zusammenzulegen.
Dann guckte er auf seinen eigenen Klamotten und auf die beiden Anderen. Gabriels Jacke würde an seinem Schatz wie ein Zelt wirken, aber Santos hatte den engen Kurzmantel an. Grinsend ging er auf den hellhaarigen Vampir zu.
„Jacke her!“

„Hä“, machte der nur und guckte auf die nun leicht frierende Maus. Nein! Der hatte schon seinen Kerker eingestinkert und sein Auto. Er wollte nicht auch noch Klamotten, die nach geiler Maus, Müllmaus oder Frittenmaus rochen. So ging er einen Schritt zurück und grinste schief. „Vergiss es, Kawa. Nimm deine Maus an die Leine, dann passiert so was nicht und stopf ihm das Maul. Aber ich hole mir doch wegen dem nicht eine Lungenentzündung.“ Wo Santos sowieso immer so schnell fror!

Kawa zog nur spottend eine Braue hoch. „Seit wann bekommen wir so was Alterchen?“, frotzelte er und kam noch näher zu Santos. „Aber meine Maus kann so was bekommen und wenn er krank ist und ich auf 'nen Auftrag muss, bräuchte er Pflege und Gabe hat ein so weiches Herz, dass er das sicher macht …“, ließ er offen, was das denn für den Vampir bedeuten würde und grinste nur.

„Ich werde das Gefühl nicht los, du willst mich gerade erpressen. Kann das sein?“, fragte Santos sicherheitshalber mal nach. Er hatte keine Lust, sich von seiner Jacke zu trennen. Sein Blick fiel auf die Schniefmaus, der immer noch auf sein zermatschtes, zerlatschtes Futter starrte und immer wieder zusammen zuckte, wenn wieder einer auf die Fischstücke trat. Diese Maus war wirklich seltsam. Und vor allem war er fast unerträglich, wenn er krank war - forderte hier, bettelte da … mach mir Tee, schalt mal den Fernseher ein, schüttle mal das Kissen auf, trag mich mal ins Bad, kann ich Saft haben?
Na ja, Kawas Argument zog schon, dass er da echt keinen Bock drauf hatte diese Schniefmaus zu bändigen, weil Gabe seinem Kleinen nicht nein sagen konnte. Aber deswegen selber frieren?

Seufzend verdrehte Gabriel die Augen und schlüpfte aus seiner Jacke und warf sie zu Kawa. „Nachher aber reinigen lassen und wieder zurückbringen“, legte er fest und schüttelte über Yujo den Kopf. „Die sind tot, Kleiner. Santos wird dir sicher neue kaufen oder mit dir mit den Rummelsachen fahren, nicht wahr, Schatz?“, grinste Gabriel dabei zu Santos und lehnte sich an seinem Vampir an.

„Na wie käme ich denn dazu?“, wollte Santos auch gleich wissen. Er würde die Maus füttern? Er würde mit der Maus Karussell fahren? Aber nie im Leben und nicht im ewigen Leben! Doch Gabriel guckte ihn so komisch an und hielt ihn fest. Und dann kam auch schon die schmutzige Mayonnaise-Maus angeschlurft und schmiegte sich dicht an ihn, noch ehe Kawa ihm die Jacke von Gabriel überziehen konnte. Was allerdings auch bedeutete, dass sich gerade Senf, Ketchup und Mayo zu gleichen Teilen auf des Vampirs Lieblingslederjacke verteilten und dem die Galle hochtrieb. Santos stand einfach nur steif da und hoffte, dass die Maus wieder wegging, wenn er glaubte, Santos wäre tot und da wäre nichts zu holen.
Doch die Maus war vielleicht im Speziellen dämlich, aber nicht im Großen und Ganzen – ein Vampir starb nicht einfach so! „Kauf mir Essen, ich will Luftschaukel fahren und Achterbahn und einen Liebesapfel will ich auch und eine Waffel und Kettenkarussell fahren.“
„Oh Gabriel, dein Arsch wird eine ganze Weile nicht heilen“, knurrte Santos nur und funkelte seinen Schatz an.

„Mhhhhhhhh“, schnurrte Gabriel und lachte leise, als er sich an der anderen Seite an Santos lehnte und ihm ins Ohr schnurrte, leicht darüber leckte und einen Kuss hinsetzte. „Ich nehme das als Versprechen, Süßer“, hauchte er und grinste bei Kawas Anblick, der über Yujo die Stirn runzelte und überlegte, wann sein Erschaffer wohl austicken würde, denn die Jacke konnte der wohl entweder reinigen lassen oder wegwerfen.

Und so lange die Maus noch dran hing, plädierte Santos für wegwerfen, inklusive Maus! Der Kerl war doch wirklich unverbesserlich. „Kawa, entweder zupfst du dein Haustier von meiner Jacke und wir gehen schweigend weiter und tun so, als wäre nichts passiert, oder ich stopf den wieder in den Müllkübel und zwar so, dass er da nie wieder raus kommt, such’s dir also aus!“, zischte Santos, scherte sich nicht darum, dass die Maus anfing zu protestieren, dass er doch keine Müllkübel-Maus sei und wie unfair das wäre. Genauso wie er Gabriel ignorierte, der wohl schon wieder nur Schweinskram im Kopf hatte, während ihm die Schweinsmaus weiter die Jacke versaute.

„Einmal reinstopfen genügt“, lachte Kawa und zog seinen Nager wie ein junges Kätzchen am Nacken von Santos weg, besah sich Yujos verschmierte Gestalt und rümpfte sichtlich die Nase. „Also Schatz, nach Rummel ist auf jeden Fall mal Wanne angesagt und das lange, damit der Gestank wieder von dir runter kommt“, überlegte der Vampir halblaut.

Aber das wollte die Maus nicht wirklich einsehen. „Willst du mir damit sagen, dass ich stinke? Ich stinke nicht! Gabriel, sag mal meinem Freund, dass ich nicht stinke“, zeterte die Maus. So weit kam’s ja noch: Fish 'n' Chips verloren – nicht Luftschaukel gefahren – in einen Müllkübel gestopft und jetzt sollte er auch noch 'ne Stinkemaus sein? Frechheit! Er war vielleicht stinkig, aber er stank nicht.
Yujo zappelte noch ein bisschen in Kawas Griff und merkte so, als er sich bewegte, wieder, dass sein Mausbauch noch nicht wirklich voll war. So war Santos wieder in seinem Interesse. „Bekomm ich Futter?“
Santos schüttelte nur den Kopf. Warum sollte er die Maus verköstigen? War er ein Pfötchenhotel oder was? „Vergiss es!“ Seine Jacke war hin, Maus konnte von Glück reden, dass er noch lebte!

Die Augen verdrehend seufzten Kawa und Gabriel fast unisono auf. „Nein, Schatz, du selber stinkst nicht, aber das Zeug, das an dir und deinen Klamotten klebt, tut es dafür umso mehr“, beschwichtigte er oder zumindest versuchte es Kawa, denn seine Maus jaulte gleich wieder protestierend auf.
„Yujo, was hältst du davon, wenn ich dir noch neue Fish 'n' Chips kaufe und wir dann heimfahren, du gehst mit Kawa baden und am Abend gehen wir in den neuen Club, der aufgemacht hat? Ich glaub nicht, das Rummel heut noch mal was wird“, warf Gabriel einen zweifelnden Seitenblick auf seinen Schmollvampir und grinste bei dem Gedanken an den neuen Club - war es ein etwas schwarz angehauchtes Lokal und angeblich mit sehr guten DJs und es war sehr versteckt in dem Keller einer alten Fabrik gelegen und dadurch noch recht exklusiv und nicht überrannt.

Aber Maus wollte nicht in irgendwelchen dunklen Kellern rumkrauchen, sondern lieber auf einem lichtgefluteten Rummel rumwuseln! „Können wir nicht schnell ne neue Hose und ein Shirt holen und ich darf dann endlich mal Autoscooter fahren? Ich bin auch noch nicht Kettenkarussell gefahren und auch nicht Luftschaukel.“ Maus war ziemlich kleinlaut geworden und guckte nun etwas verschüchtert durch seinen Pony. Von Santos brauchte er keine Hilfe erwarten, der war gerade von diesem Club gänzlich angetan und grinste so komisch. Und Gabriel und Kawa? Ob die einer kleinen, jetzt brav sein wollenden Maus ihren letzten Wunsch erfüllten und noch etwas hier blieben? Und wieder wurden die Mausaugen groß und rund und wässrig, während er sich an Kawa kuschelte und leise schniefte.

Kawa strich seinem Nager durch die verwuschelten und auch leicht versehrten Haare und nickte. „Na gut, Schatz, fahren wir neue Klamotten holen, oder weiß jemand, ob’s hier nicht sogar Stände für so was gibt?“ Gab’s nicht auf Jahrmärkten immer Stände mit Shirts und solcherart Sachen, musste sein Schatz halt bunt gemustert rumlaufen. Schlimmer als so jetzt konnte es ja auch nicht sein.
Gabriel nickte und schlang einen Arm enger um Santos. „Ja, in den Hallen sollten die Kinderklamottenstände sein. Vielleicht findet sich da ja was?“, stimmte er dem Vampir zu und grinste. „Später können wir ja dann in den Club fahren, hmm?“, schnurrte er leiser und wohl auch eher an seinen Vampir gerichtet.

Irgendwie wurde es der Maus gerade ziemlich mulmig. War das jetzt ein blöder Scherz oder wollten ihn seine – so genannten – Freunde wirklich in Kinderklamotten stecken? War ’n ganz übler, mausverachtender Scherz, aber wirklich. Doch weil er heute schon weiß Gott genug angerichtet hatte und langsam begriff, dass sein Aufenthalt und vor allem seine Partie Autoscooter ziemlich in Gefahr geraten war, so wie sich Santos auf den Club freute, musste Maus eben in den sauren Apfel beißen.

„Okay, was Neues anziehen und dann … dann … dann will ich aber endlich Kettenkarussell fahren und…“ Maus schniefte leise und machte ein ganz, ganz trauriges Mausbettelgesicht, was er eigentlich nur benutzte, wenn nur noch ein Schokomuffin da war und Santos und Gabriel beide schon damit liebäugelten. „Krieg ich dann auch noch was zu essen? Ich setz mich auch ganz lieb hin und schmier keinen voll, aber ich sterbe gleich.“ Um diese Behauptung noch zu untermalen, verdrehte Maus in Anwandlung eines schauspielerischen Anfalles die Augen und sank ohnmächtig in Kawas Armen zusammen, öffnete aber noch mal ein Auge, um zu sehen, wie seine Vorstellung gewirkt hatte.

Wie erwartet musterte ihn der weißhaarige Scharfzahn ziemlich intensiv, dass Maus sich fast nackt fühlte. Wie unangenehm.
Und als besagter Scharfzahn auch noch so fies grinste, dass man die Fänge blitzen sah und er sagte, er würde sich um die Einkleidung der Maus schon kümmern, da wusste der kleine Nager: diesen Tag würde er nie vergessen. Aber wenn man eine kleine Maus war und gern Autoscooter fahren wollte, aber stank wie eine alte Fischkonserve, mariniert mit gegorenem Ketchup, dann durfte man keinen Stolz haben. Er senkte den Kopf und war bereit sich in sein Schicksal zu fügen.

Gabriel grinste ob der Vorstellung Yujos und schüttelte amüsiert den Kopf. „Denk aber dran, dass ich nicht Kopfweh bekommen will, wenn ich die Maus angucke“, wisperte er Santos zu und lachte leise, als der nur knurrte, weil er sich wohl schon eine böse Zusammenstellung überlegt hat.
Kritisch beäugte er dann besagten Nager noch mal, den würde man so nicht in die Hallen lassen, befürchtete Gabriel und äußerte das auch laut. „Gehst du mit ihm noch mal Essen kaufen, Kawa, und wir besorgen Klamotten?“, wollte er von dem Vampir wissen.
Kawa nickte und grinste. „Sucht nicht zu schreckliche Sachen aus, ich will meine Maus noch ansehen können“, stichelte er zu Santos.

Der Einzige, der nicht um seine Meinung gefragt wurde, war die betroffene Maus, der sich schon in gelb und Blau gekleidet sah. „Hey, nein!“ Er fuchtelte nun doch, wider seiner guten Vorsätze, mit den Mausefäustchen und regte sich auf. „Du kannst die doch nicht losschicken und für mich Kleidung kaufen! Ich will nicht weggefangen werden und ich will nicht blöd angeguckt werde.“ Mal wieder streckte er einer Mutter die Zunge raus, die gerade missbilligend auf die Stink- und Müllmaus guckte und er fing leise an zu zischen und zu fauchen, wie Santos, wenn seine Lieblingswerbung für Premiere weg geschalten wurde, wo eine Echse den Postboten vernaschen wollte.

„Kann es sein, dass dein komischer Nager Tollwut hat, Kawa? Da werden Tiere auch erst zutraulich und dann beißen sie. Ich bin dafür, ihn lieber vorsorglich einzuschläfern.“ Santos hüpfte einen Schritt zur Seite, als Maus einen Fuß nach ihm warf und so leider Gabriel traf und große Augen machte.
„Tut mir leid“, schniefte Maus leise und ließ sich resigniert auf den Boden fallen – die böse, böse Welt hasste ihn!

Nun ebenfalls zischend, was sich aber eher schmerzhaft anhörte, ging Gabriel auf ein Knie hinunter und hielt sich den Oberschenkel. Wenn YuYu in letzter Zeit etwas dazugelernt hatte, dann war das treten. Schien so was wie die bisher verborgene Stärke der Maus zu sein.
„YuYu, üb das noch“, presste er leise hervor und fluchte dazwischen bunt, zum Glück hatte der Nager nicht sooo weit oben am Oberschenkel getroffen, dass er für die nächsten Nächte, nun ja auch Tage, außer Gefecht gewesen wäre.

Aber für ein paar bunte Sterne und Lichtblitze vor den Augen reichte es allemal. Und auch dem kleinen Nager sah man an, dass es ihn ganz schön getroffen hatte. Er wollte doch den doofen bösen Vampir strafen und nicht seinen Papa. „Wollt ich nicht, wollte Santos treffen“, murmelte er nur leise und schniefte. Wo war das Problem gewesen, heute Morgen der Maus einfach die Unter-dem-Bett-Kiste zu geben? Dann wäre das alles nicht passiert. Maus wäre noch sauber, vielleicht sogar satt und zufrieden, Gabriel könnte noch laufen und Santos würde nicht so zufrieden grinsen. Doofer Vampir, aber echt mal! Und dann noch nicht mal was zum Essen rausrücken!

Da hockte die Maus nun auf dem Gehweg und schniefte und schniefte und schniefte, während Santos grinste und seinem lädierten Schatz das Angebot unterbreitete, in einer stillen Ecke zu verschwinden und den Bluterkuss in Mausfußform aufzuknabbern, bis er verschwunden wäre.

Gabriel fing sich seinen ihm ins Ohr flüsternden Vampir ein und küsste ihn kurz. „Wir suchen jetzt Klamotten für Yujo, dann noch ein wenig Rummel, damit er nicht mehr jammert und zuhause kannst du versorgen was du willst, bevor wir weggehen“, zählte er auf, wie das jetzt ablaufen würde, denn wenn sie noch länger rum stehen würden, würden sie anwachsen und der Tag wäre vorbei, ohne dass was passiert war.

Vor allem, ohne dass die Maus einmal ein Fahrgeschäft von innen gesehen hatte oder seinen Mausbauch mit allerlei ungesunden, fettigen Speisen gefüllt hätte. Da freute sich der Kleine seit mindestens drei Wochen und dann ging der Tag so was von daneben, dass nicht einmal mehr eine Maus auch nur eine gute Seite daran finden konnte.
„Aber bitte keine Kinderklamotten – und schon gar keine Mädchenklamotten – und ich möchte auch keinen rosafarbenen Jogginganzug mit einem Tier vorne drauf, selbst wenn’s ein Eisbär wäre“, murmelte die immer noch am Boden hockende Maus vor sich hin und zeichnete mit einem Finger Muster in den Sand – kleine Strichmäuse, die poppten, ignorierte dabei Santos und Gabriel gänzlich.

Gabriel richtete sich auf, klappte Santos dabei auf die Finger, der ihn am Po gepackt hatte, um ihm zu helfen und sicher nur anderes im Kopf hatte und besah sich das Häufchen Elendsmaus. „ Ich guck, was sich finden lässt, Kleiner“, versprach er und streckte den lädierten Oberschenkel, es ging schon wieder einigermaßen.
„Also los, Kawa, besorg mal Fütterung und wir gucken nach Klamotten“, wuschelte Gabriel dem hockenden Yujo durch die auch lädierten Haare, nur kurz und an den Stellen, wo keine Majo klebte und zog Santos hinter sich her, in Richtung der Hallen.

Nun war Kawa mit seiner kleinen gewürzten Maus allein, der noch immer roch wie eine alte Fischkonserve, etwas, was Kawas Nase sicher nicht gerade mochte. Aber noch sagte er nichts. Yujo ließ sich lieber auf die Füße ziehen und guckte sich etwas um. Eine stille Ecke, wo man eine Maus umziehen konnte, ohne das gleich johlendes Publikum den kleinen Mauspo sah oder seine muskulösen Mausbeine … oder gar den armen kleinen, doch total schüchternen Mauseschwanz! Nicht auszudenken. Also drehte sich Maus wie ein Leuchtturm und suchte, während seine Nase schon Witterung aufnahm und nach was Leckerem Ausschau hielt.

„Magst du Bratnudeln, ich gebe eine Runde aus!“, erklärte die Maus und wären Gabriel und Santos da gewesen, sie hätten sich nur gewundert darüber, dass keine Fish 'n' Chips gekauft werden sollten und die Maus auch noch alleine bezahlen wollte. Aber wie das so ist mit Wundern – keiner ist da, wenn sie passieren und hinterher glaubt sie dann keiner!

Kawa lächelte und bahnte einmal den Weg zum Bratnudelstand, den er auch blind, anhand des Geruchs, gefunden hatte. „Ja gerne, Maus, aber welche ohne Knoblauch und dafür mit dem Chiliöl.“ Er konnte riechen, dass es das auch gab und das würde sicher leckerer schmecken als die normalen Nudeln.
„Na komm, nützen wir die Zeit, während das Weißhaar nicht da ist und grinst“, lachte der Vampir und schnappte schnell nach Mauslippen, denn da war sein Schatz nicht mit irgendwas beschmiert, wie praktisch.

Das konnte sich aber schnell ändern, wenn Maus erst einmal anfing zu essen und sich die süßsaure Soße wieder mit den schlenkernden Nudeln überall im Gesicht verteilte. Aber noch war es nicht so weit, noch ließ sich Yujo einfach ein bisschen knuddeln und wuddeln und küssen und vernaschen, bis er sich beobachtet fühlte und nicht so recht wusste woher.

Kawa grinste, als er auch die Augen spüren konnte und ließ von seiner Maus ab, der sich schon mehr unwohl wand als alles andere. „Komm, Futter fassen, Schatz“, flüsterte er und streckte sich kurz, um erneut mit seiner Maus zum Stand weiterzugehen.
Nächste Etappe.

Die hieß: wir warten, bis wir an der Reihe sind, und war für eine dem Hungertod nahe Maus wie eine der Geißeln Gottes! Wie konnte es nur jemand wagen, so lange für eine Bestellung zu brauchen wie der Typ, der da vorne mal wieder alles aufhielt? Maus war schon versucht mal vorzugehen und auf den Tisch zu schlagen, damit der Typ mal aus der Hüfte kam. Doch dann ließ er es lieber. Besagter Typ war nicht nur größer als Maus, sondern auch breiter. Der hatte Arme, das hätten locker zwei Mausbeine sein können – nee nee, lieber Hungers sterben, als in Einzelteilen auf der Straße liegen!!

Aber irgendwann ging auch der größte und hungrigste Mensch vorbei und ließ die Maus in die fragenden Augen des Standverkäufers blicken, und während Yujo noch überlegte, was er wollte, wo er’s doch eigentlich eh wusste, bestellte sich Kawa gleich mal seine auf scharf gemachten Nudeln und wartete ab, bis sein Schatz nun aus der Hüfte kam.

„Okay, ich hab mich entschieden“, verkündete die Maus und konnte die Leute hinter sich schon murren hören. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und fiepste leise, dass er gern Nudeln mit süßsaurer Soße hätte und dazu gebratenes Huhn und viel Gemüse, knallte gleich übereilt das Geld auf den Tisch, um auch ja keine Sekunde zu vergeuden. Nicht dass noch einer von hinten kam und der Maus ein Bein ausriss oder so was! Nein, nein, nein – keine gute Idee.
Und außerdem – wie lange brauchten denn Gabriel und Santos, um was anzuziehen für die Maus zu kaufen?

Kopfschüttelnd nahm Gabriel seinem Schatz die Klamotten wieder weg, zitronengelb mit rosa Blümchen und einer Maus vorne drauf, also wirklich, da bekam er doch Augenkrebs oder schlimmeres, wenn er den Nager da drinnen angucken musste.
„Nein, was normales, Schatz, und mach hinne, ich will heut noch mal heim“, senkte Gabriel versprechend seine Stimme zum Ende hin und ließ Santos wissen, was er daheim machen wollte, bevor sie weggingen.

„Jetzt hör mal auf zu drängeln, du Jungspund. Gut Ding will Weile haben, sage ich ja immer!“ Mit knirschenden Zähnen legte Santos also das Shirt zurück. Dabei war die Maus vorne drauf ja schon echt niedlich – jeder hätte gewusst, was Yujo ist. Eine verfressene, dickbäuchige, gern seinen nackten Hintern zeigende Maus. Aber gut, was anderes.

„Ich werde das Gefühl nicht los, ich hab dich heiß gemacht und daheim erwartet mich ein Feuerwerk – ob ich alter Mann das noch überlebe“, murmelte er leise und lachte, als er ein Shirt fand, das wie für die Maus gemacht war. Es war Grau, uni-farben, vorne drauf war ein kleines Logo der Firma – aber hintendrauf stand in fetten schwarzen Buchstaben: Bitte nicht einschläfern, ich bin ein missratenes Experiment! Ohne es Gabriel zu zeigen wurde der entsprechende Pullover dazu – schön warm und dick – gekauft und eine schwarze Jeans dazu. Nichts sollte von diesem Spruch ablenken.

Gabriel runzelte zwar die Stirn, als Santos es plötzlich doch so eilig mit Klamottenkaufen hatte und auch noch so was Unauffälliges wählte. „Vielleicht sollte ich mir ja was Junges suchen, das die Nacht durchhalten kann“, schnurrte er leise und drehte sich frech lachend weg, als er sofort ein Knurren als erste Antwort erhielt.

Auf das Knurren knuffte ihm auch noch einer in die Seite und kniff ihn in den Hintern. „Kommt ja gar nicht in die Tüte. Dass so ein Jungspund mein eingerittenes Pferdchen klaut“, lachte Santos und wusste, dass Gabriel, sollte er sich zu ihm umdrehen, sicher die Backen aufgeblasen hatte und gleich aussah wie eine Maus, der man Muffins weg gefressen hatte. „Nichts da, ich hab so viel mit dir geübt, jetzt will ich das auch auskosten – und zwar nur ich. Wenn du morgen früh nicht mehr kannst, werde ich dich an deine Worte erinnern, frecher Kerl.“

„Tzz, da will ich erst mal Taten sehen, mein Lieber“, schnaubte Gabriel und beugte sich näher zu Santos. „Und wer wen reitet, sehen wir auch noch, von wegen Pferdchen“, fauchte der Große schon fast. Das hatte er sich von Kawa abgeguckt, wenn man dem die Maus entführen wollte. Ob nun, weil der Kleine arbeiten sollte oder in die Uni musste - Kawa fauchte da immer wie ’ne Katze kurz vorm Ausflippen.

Richtig angsteinflößend wirkte der schwarzhaarige Vampir dann immer. Doch wenn das einen nicht mehr aus der Fassung brachte, dann war das wohl Santos. Da konnte Gabriel noch so fauchen wie er wollte, alles was er damit erreichte war, dass Santos noch wilder nach ihm wurde und sein Liebling wirklich noch geritten wurde und morgen nicht mehr krauchen konnte.
Aber das musste Gabriel ja jetzt noch nicht wissen. „Ja, ja“, machte Santos nur lachend und tätschelte dem verdutzten Gabriel den Hals. „Ruhig doch, Fury, zuhause lege ich dir dann dein Zaumzeug an.“ Dann verschluckte sich Santos fast vor Lachen, weil er sich das gerade vor Augen führte und hätte fast noch die neuen Mausklamotten in den Dreck geschmissen.

„Freche Mistmade von einem Vampir“, fluchte Gabriel und schlug Santos knallend auf die Kehrseite und krallte sich in selbige ein. So zog er Santos daran mit sich zurück zur Stelle, wo sie die beiden Anderen gelassen hatten.
„Vielleicht sollte ich wieder mal im Keller mit dir spielen“, raunte er dunkel und ließ von Santos ab. Er hatte Yujo, glücklich irgendwas in sich hineinfutternd, und Kawa, etwas dezenter dasselbe machend, entdeckt und strebte den Beiden nun zu, ohne weiter zu gucken, ob ihm Santos folgte.

Das tat der Vampir nämlich nicht, sondern rieb sich erst mal seinen Hintern. Er war ja nicht empfindlich, aber es wurde Zeit, dass er seinem Liebling mal wieder die Krallen stutzte, das tat ja weh! Na der würde sich heute Abend aber noch umgucken! Murrend und knurrend und Gabriel dies und das wünschend, trabte er also hinterher und plötzlich war es, als würde eine ganz kleine Atombombe mitten auf dem Rummel ihren Pilz wachsen lassen, als sich Maus- und Vampiraugen trafen und die glühenden, elektrisierten Blicke in kleinen Supernoven vergingen und zischten und Funken schlugen.

Santos ließ sich von der Maus nicht wirklich beeindrucken, der sollte mal gefälligst froh sein, dass er seine Kohle für neue Klamotten ausgegeben hatte und dass die so schön unauffällig waren. In dem geblümten Minikleid, was er noch gesehen hatte, wäre die Maus ja selber zur Jahrmarktsattraktion geworden. Doch der guckte ihn nur an, die Brauen tief über die Augen gezogen und die Lippen gespitzt, jeder Muskel zum Sprung bereit wenn es nötig war. Die gedeckten Farben waren der Maus doch arg verdächtig, das passte gar nicht zu dem mausquälenden Vampir!
Maus, sei wachsam!!

Frech fing sich Gabriel aus dem Pappteller von Kawa ein paar Nudeln und grinste ihn an, während er die Leckerei futterte. „Nicht schlecht!“, bekundete er und ließ sich neben Yujo auf die Bank fallen, sah, dass die Maus schon lauernd auf seinen Schatz sah und lachte leise.
Na da hatten sich ja zwei gefunden.
Kawa knurrte nicht einmal auf, als die frechen Finger des Menschen ein paar seiner Nudeln klauten, war er es schon fast gewöhnt, dass Gabriel und Santos alles kosten mussten, was sie so sahen, wenigstens kosteten sie sich nicht gegenseitig in aller Öffentlichkeit.

Zumindest heute nicht. Denn es gab Tage, da hielt sie nichts davon ab, sich mitten auf einer Straße die Mandeln zu kitzeln. Aber seit Santos rausgefunden hatte, das Mausärgern viel mehr Spaß macht, als von Passanten bepöbelt zu werden, hatte der seine Hobbys dahingehend ausgeweitet.
„So, liebe kleine Maus, deine frischen Kleider“, säuselte er und ließ bei Maus alle Alarmglocken schrillen. Als erstes rettete Maus sein Futter, indem er sich alles in die Backen stopfte und fast erstrickte, blau anlief und alles runter würgte und dann – bewaffnet mit einer Plastikgabel – auf Santos wartete. „Du hast was vor, das rieche ich“, knurrte der Nager und Santos machte ein entsetztes Gesicht. Wie konnte die böse Maus nur so etwas sagen? „Ich? Etwas vorhaben? Du riechst das? Weißt du, was ich rieche? Das ist nicht gerade angenehm, du Müllmaus.“
Oh, das war gemein.

Kawa konnte auch gleich die großen Tränen überfluteten Kulleraugen seines Schatzes sehen und seufzte. „Santos, wenn du ihn nicht bald in neue Klamotten gesteckt hast und zum Aufmuntern mit Yujo Achterbahn fährst, entführ ich dir noch mal dein Gabe und der hilft mir dann sogar dabei“, war sich Kawa da fast sicher, so wie der Große grad zwischen seiner halben Heulmaus und seinem Vampir hin und her guckte.

„Pf, den kannst du heute geschenkt haben. Der hat mich gar nicht mehr lieb, kneift mich in den Hintern, dass ich vor Schmerzen vergehe und außerdem will er sich nicht reiten lassen. So einer ist das.“ Santos wedelte mit einer Hand in der Luft herum und sah weiter auf die Schniefmaus, der ihn nur komisch anguckte und was von 'interessiert mich doch nicht' murmelte. Aber nicht zu laut, denn er wollte ja schließlich die Klamotten. Auch wenn er sich sicher war, dass da ein Haken sein musste. Die Farben taten nicht im Auge weh und sauber waren sie auch. Maus war hin und her gerissen und Santos war wohl gerade dabei, mit Kawa über die Achterbahn zu verhandeln und mit der Maus lieber in die Geisterbahn gehen wollte.

„Lass das Yujo aussuchen und sei froh, wenn er nicht mit dir Kinderkarussell fahren will“, grinste sich Kawa schon eines, als sein Nager aufhörte zu plärren und lachte über das entsetzte Gesicht Santos’. „Ah ja, und Gabe nehmen wir gerne, nicht Maus, der kann kochen und aufräumen und schlecht im Bett isser sicher auch nicht, nachdem er schon ne Zeitlang bei dir war.“ Das Grinsen Kawas wurde um einiges dreckiger und er zwinkerte Gabriel zu, der die Backen aufblies, aber erst mal gucken wollte, was sein Vampir dazu sagte, bevor er ihm die Nacht strich.



- 8 -

Aber vorerst sagte Santos gar nichts, sondern funkelte nur die Maus an. „Komm her, Müllmaus, ich habe nicht ewig Zeit. Entweder ziehst du dich jetzt um und wir bringen schweigend – ich betone schweigend, du Quietschtier – die Achterbahn hinter uns oder ich schnapp mir meinen Wagen und fahre heim. Such’s dir aus.“ Zu Gabriel und Kawa zischte er nur, dass sie darüber noch mal später reden würden und dann griff er sich einfach den Nager und war doch wirklich fast dabei, den her vor alle Augen zu entkleiden. Was auch der Maus nicht entging, der gleich was von Vergewaltigung brüllte und sich schnell eine Traube um sie bildete, jeder wollte gucken, was passierte und Santos war wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Diesen Tag würde er definitiv streichen – ganz dick und ganz rot und ganz doll!

Kawa und Gabriel wären lieber mal auf Abstand gegangen und klaubten nach kurzem Zögern die Beiden auseinander. „Kawa, geh mit YuYu umziehen, dahinten sind Toiletten“, meinte Gabriel und gab dem Vampir seine zeternde Maus, während er sich Santos am Arm schnappte und gleich aus der Menschentraube zog, blöde Blicke erntete und wohl auch langsam dazu überging, diesen Tag zu verfluchen.

„Du wolltest ja unbedingt mit der Maus auf den Rummel. Als der alte weise Vampir sagte, nein, wir gehen nicht, da hat keiner gehört, und jetzt?“ Santos lamentierte sinnlos vor sich hin, kicherte aber, weil er die Maus motzen hörte, wie die Klos stinken würden und wie dreckig die wären und was er sich da nicht alles an Tröpfcheninfektionen holen konnte und Kawa ihm erklärte, dass er selber diesem Klo gerade ziemlich ähnlich sehen würde. Na ja, wenigstens musste Santos jetzt nicht die Schmoll- und Stinkmaus ertragen, sondern nur Gabriel, der ihn übrigens immer noch hinter sich her schleifte.
„Hast du ein bestimmtes Ziel, Süßer? Oder willst du gleich hier und jetzt einen Ritt“, lachte Santos und zwinkerte ihm zu. Mauslose Minuten mussten effektiv genutzt werden.

„Wenn du einen Ort findest, wo die Menschentraube uns nicht anguckt wie seltsame Tiere, dann stopf ich dir deinen süßen Mund“, raunte Gabriel und guckte zurück. Noch immer sahen ihnen vereinzelt Leute mit hochgezogenen Brauen nach.
„Wir haben Yujo den Rummel schon lange versprochen, Santos. Den Kamin oder Keller können wir später auch noch genießen und als Entschädigung setzen wir im Club einfach alles auf Kawas Rechnung, er hat ein Getränkekonto dort“, grinste Gabriel frech.

„Ja, das ist mein Gabriel“, lachte Santos leise und ließ sich weiter schleifen. Dass SIE der Maus den Rummel versprochen hatten, stimmte nicht so ganz – Kawa und Gabe waren es gewesen, die der Maus nachgegeben hatten, weil der wieder seinen ich-heul-bis-ich-kriege-was-ich-will-Trick angewendet hatte und die Beiden weich geworden waren. Aber Santos sollte es egal sein - er fuhr nachher Achterbahn und heute Nacht würde er sich auf Kawas Rechnung die Kante geben, bis sich der Morgen vor ihm graute – oder so ähnlich.

Als er hinter einer der Buden eine kleine Nische entdeckte, zerrte er Gabriel wortlos mit sich, drängte sich an die Rückwand der Bude, zog seinen Süßen zu sich. „Was wolltest du eben noch mal machen?“
Vergessen waren Maus und Kawa, ignoriert wurde, dass es nach süßem Teig roch. Alles was zählte war Gabriel – es gab nichts Süßeres, nichts Besseres, nichts Schöneres und vor allem nicht Leckereres.

Der lachte leise, hatte sich mitziehen lassen und drängte Santos nun so gegen die Wand, dass niemand, der vorbeikam, auch nur einen Blick auf den Vampir erhaschen konnte. Es war schon praktisch, dass sein Geliebter ein wenig kleiner als er selber war und das teilte er ihm auch brühwarm mit, versiegelte zur Sicherheit aber dessen Lippen, bevor er noch eine Replik bekommen konnte.
Harsch drang Gabriel mit der Zunge zwischen die Lippen seines Vampirs, eine Hand an dessen Kiefer strich sein Daumen zarte Kreise über die Schläfe, während er ohne Rückhalt den Mund seines Vampirs plünderte.

Kurz nur hatte Santos überlegt, den Kuss nicht doch noch zu verschieben und mal auszudiskutieren, wer hier kleiner wäre und wer nicht und dass es ja nicht nur auf die Körpergröße ankäme, sondern auch auf die Geistige und vor allem die ganz wo anders. Aber dann war Gabriels Zunge doch so geschickt und verführend, dass Santos ganz einfach vergaß, was er wollte und sich küssen ließ. Nur einen Augenblick checkte er noch die Lage im Mausrevier, dort, wo gerade der Spruch auf dem Pullover entdeckt wurde und grinste … Tja Maus, wer Santos die Lieblingsjacke versaute, musste eben bestraft werden.

Gabriel strich weiter langsame Kreise über den Kiefer und die Schläfe seines Vampirs, neckte sie beide, indem er sich mit seiner Zunge um die Fänge des Vampir herumschlängelte, aber nicht verletzte, bis es seinem Schatz zuviel wurde und er die Überhand nahm. Gabriel ließ sich verdrängen und strich nur, während er das Feld räumte, zart über einen der scharfen Zähne, ließ Santos so ein wenig kosten, bevor er von ihm vereinnahmt wurde.
Das Spiel ging so lange, bis ihm jemand dezent auf die Schulter klopfte und dabei Zeter und Mordio machte.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein. Was habt ihr euch bei dem Pullover gedacht und außerdem – was knutscht ihr hier in der Gegend herum in versteckten Ecken.“ Die Maus sprang und hopste, redete ohne Punkt und Komma, beschwerte sich hier, moserte da und außerdem wartete ja nicht nur ein Gabriel auf seine Besteigung, sondern auch eine Achterbahn. Und schon klebte Maus, mit seinem Experiment-Pullover, zwischen den Beiden und zerrte und zurrte an Santos, der eine Weile brauchte, um zu begreifen, dass irgendwas gerade nicht nach Plan lief.

„Geh weg, Maus“, knurrt er nur und wollte sich Gabriel wieder greifen. Aber alles was er erwischte war eine nervige Maus im Tötungsmodus, weil er ja kein Experiment wäre und schon gar nicht missraten – und außerdem … nun musste er doch mal Luft holen.

Gabriel, der das Zetern leid war und weil kein Kawa in Sicht war, der das sonst immer übernahm, schnappte sich denn dauermosernden Nager, küsste ihn zart, bis er plötzlich verdutzt und ruhig in die Welt guckte und strich Santos leicht über die Lippen, als der nun zu Zetern anfangen wollte. „Er ist ruhig, oder?“, wisperte er leise. „Also geht jetzt fahren, ihr Beiden, und Kawa und ich werden uns derweilen amüsieren beim Zugucken.“

Doch Santos dachte ja gar nicht dran! Da küsste der Kerl die Maus! Der Kerl, der sein Freund war, na da hörte sich doch alles auf! „Sag mal, Gabriel, was soll denn der Mist? Und wenn er das nächste Mal quengelt, willst du ihm dann einen blasen, damit er ruhig wird oder was?“ Santos kam ja gar nicht drüber hinweg und nippte gleich mal an Gabriels Lippen. Wie erwartet schmeckten die total nach Maus, dass Santos Gabe ohne ein weiteres Wort einen Kaugummi in den Mund schob.

„Dich küss ich erst wieder, wenn du nicht mehr nach Maus schmeckst“, legte er fest und klemmte sich den immer noch seltsam guckenden Nager einfach unter den Arm. Besser er brachte jetzt diese doofe Achterbahn hinter sich und das kleine Vieh hinterher ungesehen in ein Tierheim seiner Wahl, irgendwo in Timbuktu.

„Nein, das mache ich nur bei dir“, grinste ihn Gabriel an und kaute weiter auf dem lecker nach Minze schmeckenden Kaugummi. Er folgte Santos, der die Maus unter dem Arm hatte, auf dem Fuße und auch Kawa gesellte sich grinsend, mit einem Schulterzucken an Gabriel gewandt, zu ihnen. „Also kommen sie endlich in die Gänge?“, frotzelte der Vampir leise hinter Santos und lachte, als Gabriel nur den Kopf wiegte.

„Rotzgören, fiese“, knurrte Santos und schüttelte dabei die Maus ein bisschen. Damit wenigstens jemand anderes außer ihm auch noch leiden musste. Und natürlich kam es wie es kommen musste, denn die Maus in seinem Experimentpullover quietschte und wimmerte und drohte damit, Santos vor die Füße zu kotzen, wenn der ihn weiter so schütteln würde. Doch der murmelte nur was von Maus wieder in die Mülltonne stecken und ließ sich nicht beirren. Da konnte die Maus strampeln wie er wollte und sein Ende vor Augen haben – jetzt gab es kein Zurück mehr.

Und das Ende bestand aus einer quietschbunten Achterbahn, deren Achten aber mehr als Übelkeit erregend aussahen und Santos gemein aufgrinsen ließen, wie das Gabriel so sehen konnte.
„Na dann viel Spaß, ihr Beiden“, murmelte er leise und hielt lieber Abstand zur Maus und deren Häscher, wusste schon wer, ob die nicht auf die gloriose Idee kämen und forderten, dass Kawa und er auch mitfahren sollten?

Zumindest nach Kawa wurde allerdings schon im nächsten Augenblick lautstark verlangt, als die Maus aus seiner etwas seltsam anmutenden Perspektive auf das Ungetüm schielte. Warum ausgerechnet eine Achterbahn? Hätte Kawa nicht vorschlagen können, dass Santos mit ihm Kinderkarussell fahren sollte? Oder Riesenrad, ja Riesenrad, das wäre schön! Aber nein, es war eine Achterbahn mit … Maus zählte und kam gar nicht hinterher … jedenfalls hatte dieses Ding entschieden zu viele Loopings.
„Ich will noch nicht ste-her-be-hen!“, quietschte es immer wieder, egal wie die Leute über ihn lachten. Die hatten gut lachen! Die mussten nicht mit einem sadistischen, mausquälend-veranlagten Vampir auf dieses Folterinstrument steigen, das musste nur die arme kleine Maus!
„Ka-ha-wa!“

Gerufener Vampir kam um Santos herum und hockte sich auf die Fußballen, um seinen Schatz angucken zu können. „Ich glaub nicht, dass man an Achterbahnfahren stirbt, Schatz”, munterte er seinen Nager auf, der das wohl gar nicht so lustig fand.
„Ich glaub, wir legen uns heut Abend nach einer ausgiebigen Badewanne ins Bett und entspannen, hmm?“, lockte der Vampir und stupste Yujo auf die gerümpfte Nase.

„Klar, mach du noch deine Witze. Ich glaube sehr wohl, dass schon Mäuse auf Achterbahnen gestorben sind. Sie haben sich zu Tode gekotzt, oder sich zu Tode geschrieen – oder sie sind erfroren… oder böse Vampire haben einfach in einem Looping den Gurt gelöst!“ Maus wollte noch nicht wirklich einsehen, dass dies hier angeblich artgerechte Haltung war. „Und außerdem kann sich eine tote Maus nicht mehr in die Badewanne legen und dann im Bett entspannen und außerdem eine Lebende auch nicht, der wird ja immer voll von hinten heimtückisch angepimpert …“
„So, genug Schweinskram ausgetauscht. Sag deiner Maus Lebwohl, du wirst ihn so schnell nicht wieder sehen – zumindest nicht so froh und munter.“
Ja wer war denn hier froh und munter? Sah man hier irgendwo eine Maus, auf die das zutraf? Die möge mal vortreten, Yujo wollte sie beglückwünschen!

„Als wenn du glücklich wärst, wenn ich dich allein und nackt auf dem Futon liegen lassen würde“, neckte Kawa und sah funkelnd zu Santos hoch. „ Bring ihn mir heil wieder oder es wird nichts mit dem Club heut Abend und ich lass euch dort Hausverbot erteilen, ich bin Teilhaber“, grinste er gemein, weil er wusste, wie sehr Santos diesen Club mochte.
„Also artgerecht behandeln und in tadellosem Zustand an den Besitzer wieder zurückgeben.“

„Fällt bekotzt, blass und wieder stinkend noch unter artgerecht und tadellos? Ich meine, ist ja irgendwie manchmal schon ein Dauerzustand, oder?“ Denn wenn wir schon mal dabei waren zu erklären, dass manche Vampire den Club so mochten, dann durfte auch nicht damit hinter dem Berg gehalten werden, dass gewisse Mäuse, in gewissen nur aus Strippen und Bändern bestehenden Hosen, auch gern mal dort ordentlich abtanzten, sich abfüllten und hinter dem Club neben die Mülltonnen kotzten, dass die hauseigenen Ratten Reißaus nahmen. Vom Liegenbleiben mal ganz abgesehen.

„Nein, das zählt nicht darunter, Santos“, erhob sich Kawa wieder und sah rechts hinter dem Weißhaarigen ein Kinderkarussell. „Vielleicht solltet ihr doch mit dem da fahren, ich brauche meinen Süßen heute noch.“

Besagtes 'dem da' weckte nun das Mausinteresse. Zwar tendierte auch Kawa oft dazu, die arme kleine Maus an die Grenzen zu treiben – aber meistens fühlte sich Maus dabei und danach einfach nur maus-wohl! Aber Achterbahn mit Santos? Das klang nicht nach Spaß, das klang nach sterben. Und als er plötzlich das bunte Karussell im Stil der Jahrhundertwende sah, leuchteten die Mausaugen.
„Au ja“, frohlockte er entzückte. Vielleicht war dies doch noch nicht sein Todestag. Doch Santos dachte ja gar nicht dran. „Ach das Vieh muss nur ein bisschen abgehärtet werden, los jetzt“, und machte einen Schritt. Doch Maus klammerte sich am Geländer fest und quietschte wieder was von Kindesmisshandlung und Vergewaltigung.
Santos war wirklich versucht, die Maus einfach in den Dreck fallen zu lassen – blöder Nager!

Gabriel lehnte sich von hinten an die Kehrseite seines Vampirs an und strich unauffällig über dessen Flanke. „Ich verspreche auch keine Fotos zu machen, Schatz, aber fahr ne Runde mit ihm, sonst quengelt der uns die Nerven blank und wir sind zu fertig, um heute noch auszugehen.“
Na da hörte sich doch alles auf. Nun fiel ihm auch noch sein Geliebter buchstäblich in den Rücken! Santos wandte sich langsam um. „Keine Fotos – so wie du keine Fotos gemacht hast, als ich mal ne neue Haarfarbe versucht habe? Oder als ich das erste Mal Mandelcremtorte gebacken habe? Oder meinst du, keine Fotos, so wie, als ich aus dem Bett gefallen war und mein Hintern eine Stunde lang blitzeblau war? Ich weiß, wie das endet, wenn du sagst, du machst keine Fotos. Handy her!“ Gabriels Fotohandy war nämlich seit neuestem sein Lieblingsspielzeug! Sehr zu Santos’ Leidwesen.
Und die Maus? Grinste sehr zufrieden – Achterbahn abgewehrt – Feuerwehr ich komme!

„Mö“, schmollte Gabriel, hatte er seinen Schatz schon fast auf einem der Pferde oder noch besser, der riesigen Grinsekatze, fahren gesehen und nun durfte er sein Handy abgeben.
Nur widerwillig rückte er es raus und erst als Santos es wirklich sicher verstaut hatte, zog er es in Betracht, wirklich auf dem Ding zu fahren. Maus hing übrigens immer noch fiepsend und plärrend am Gitter und wollte noch nicht sterben, während sich Kawa nicht mal darum zu scheren schien.
„Okay, Leute, das könnt ihr nie wieder gut machen“, knurrte der Vampir und machte sich daran, sich in sein Schicksal zu fügen.

Doch Kawa war langsam die Show von seinem Schatz gewöhnt. „Maus, geh mit Santos, sonst wird dein Karussell nix mehr heute“, wisperte er dem Nager nur zu und beobachtete, wie besagtes Nagetier blinzelnd aufstand. Gabriel lehnte noch immer mit einer Schnute neben dem Kartenhäuschen, zu welchem er seinem Handy - das nun Santos hatte - gefolgt war.

Mit einer Hand die Maus zerrend, mit der anderen Geld auf den Verkaufstisch knallend forderte Santos zwei Karten und an die Maus gewandt: „Schnauze oder zu schiebst das Karussell selber an!“ Was die Maus in seiner Euphorie, der mörderischen Achterbahn entkommen zu sein, natürlich nicht glaubte und frohlockte und schon in einem kleinen Flugzeug saß, noch ehe Santos die Karten hatte entwerten lassen. Maus strahlte von einem Ohr zum anderen und Santos?
Sein Blick wanderte noch einmal zu Gabriel, dann zu Kawa … „Ein Grinsen, und ich werde euch bis ans Ende der Welt jagen.“

„Nicht nur durchs Schlafzimmer?“, wisperte Gabriel und biss sich aber wohlweislich auf die Lippen, um ja nicht zu grinsen und schon gar nicht dreckig, er wollte bitte heute noch sitzen können, wenn sie in den Club gingen.
Seinen Blick ließ er über die noch nicht von Kindern usurpierten Karusselltiere gleiten und lachte fast auf, als auch eine große Fledermaus noch verweist dastand.
Stumm deutete er darauf und krümmte sich vor unterdrücktem Lachen.

Allerdings hatte er dabei wohl vergessen, dass er nicht nur einen sehr starken Freund hatte, sondern auch einen sehr gereizten, mit einem extrem guten Gehör. „Gabriel Hamston, du wirst dir wünschen, mir nie in die Quere gekommen zu sein, wenn ich nachher mit dir fertig bin.“ Seine Augen funkelten und blitzten, als er sich zu seinem Freund umwandte und in das immer röter werdende Gesicht blickte. Mal sehen, wann der Kopf platzte. Doch das wusste Yujo zu verhindern, der nun – mit einem Bein noch in seinem Flugzeug sitzend und alle interessierten Kinder verscheuchend – an Santos zerrte. Und weil er zu lange darauf gewartet hatte, dass Gabriels Kopf explodierte, waren nur noch zwei Fahrmöglichkeiten frei: die Fledermaus und eine Prinzessinnenkutsche.
Keine leichte Entscheidung und Santos’ Blick wanderte gen Himmel, während Maus sich sein Ticket geholt hatte und wieder mit einem zufriedenen Grinsen in seinem Flugzeug saß. Gleich würde er eine Flugmaus sein – eine Pilotenmaus – eine … eine Fledermaus! Doch die war nun leider auch besetzt und so blieb für Santos nur noch eines übrig.

Gabriel schlug sich die Hand vor den Mund und biss am besten auch gleich einmal fest darauf, um nicht umzukippen vor Lachen. Schmerz soll ja angeblich ablenken.
Von wegen.
Glucksend lehnte er an der Kartenkabine und seine Augen tränten vor unterdrücktem Lachen.
Was Santos leider nicht bedacht hatte war, dass Kawa, kaum dass der weißhaarige Vampir auf der zuckerrosa Prinzessinnenkutsche saß, in aller Seelenruhe eine schmale Digitalkamera aus seiner Manteltasche zog und mehrere Male abdrückte.
Einmal Nahaufnahme des vor Grausen verzogenen Gesichts, einmal frontal, einmal von der Seite, einmal Santos von hinten auf der Kutsche, dazwischen mal ne jubelnde Maus und ein, zwei Bilder von einem fast am Lachen sterbenden Gabriel.
Na das war doch ne schöne Fotoserie.

Eine Fotoserie übrigens, die den einen oder anderen Anwesenden, aber nicht namentlich erwähnt werden wollenden, das Leben oder das Geschlecht kosten würde, ganz sicher war sich Santos da noch nicht. Ihm war klar gewesen, was folgte, als Kawa mit einem mehr als zufriedenen Grinsen in seine Jackentasche griff. Sein Kind lernte zu schnell! Aber das musste man wohl auch, wenn man Bändiger einer Maus war, einer fotogeilen Maus, der immer wieder „ich auch – ich auch!“ brüllte und sein Flugzeug immer wieder aufsteigen ließ. Beachtlich, dass der Maus von dem Auf und Ab nicht übel wurde.

Dem Einzigen, dem übel war, war Santos. Dieses Rosa schmerzte in den Augen, das Getuschel der Umstehenden machte ihn langsam wütend und am liebsten wäre er abgestiegen. Aber in vampirischer Geschwindigkeit zu verschwinden würde Aufsehen erregen, also saß er das jetzt aus und dachte sich einhundertundelf quälende Foltermethoden für das aus, was sich Freund nannte, und sich kaum noch vor Lachen auf den Beinen halten konnte.
Oh warte, Gabriel – leiden sollst du, wie noch Keiner vor dir gelitten hat!

Als erstes würde Santos sämtliches Spielzeug wegräumen, den Keller abschließen und dann? Na ja – er konnte Gabriel ja eine alte Pappkiste vor den Kamin stellen, aber ins Bett kam der da nicht mehr – Verräter!

Davon wusste aber Gabriel noch nichts und eigentlich war er ja auch ganz unschuldig. Er hatte ja seinen Fotoknipser abgegeben oder abgeben müssen, aber das war ja mal Ansichtsache.
Nach Luft japsend, strich er sich die Tränen aus den Augen und versuchte sich zu fassen, denn die Musik des Kinderkarussells wurde immer leiser und zeigte so ein Ende des Spaßes an und Spaß hatte zumindest die Maus, so wie der über beide Ohren strahlte.

„Oh Santos“, stürzte der Kleine auf den immer noch schmollenden Vampir in seiner Kutsche zu und kuschelte sich doch tatsächlich an ihn. Also wenn der Vampir geglaubt hatte, die Schmach der Kutsche wäre nicht mehr zu steigern, so kannte er die Maus schlecht. Und als eine kleine Göre seine Mutter mit zum Karussell schleifte, mit den Worten „Guck mal, Mama, die Mama fährt auch mit ihrem Kind Karussell“, war es bei Santos aus! Er war ja vieles – aber er war keine Maus-Mama!
Nur wusste das wohl die sich anschmiegende, weil noch eine Runde fahren wollende Maus noch nicht. „Ja, Mama, fahr mit mir“, murmelte Maus leise und wurde im nächsten Augenblick am Genick gegriffen und zu Kawa geschleppt, dem in die Arme geworfen und dann war Gabriel fällig.

Kawa fing seinen, nun zur Flugmaus mutierten, Schatz ein und lachte, wirbelte Yujo ein paar Mal mit sich im Kreis und ließ ihn langsam an seinem Körper hinab gleiten. „Na, noch Zuckerwatte und dann nach hause, mein Schatz?“, drehte er mit der Linken das Gesicht des jungen Mannes zu sich und senkte seine Lippen an dessen Ohr. „Ich will dich zuerst Baden, dann dort vernaschen und das ganze danach auf den Futon verlegen. Ich habe noch Kaffeesahne und Vanilleeis“, raunte der Vampir und blinzelte kurz zu einem Gabe, der auffällig grummelte.

„Du willst mich auf dem Futon baden?“, fragte Yujo scheinheilig. Er wollte es wohl absichtlich falsch verstehen.
„Nein, du Dummmaus, erst wirst du ersäuft und dann unter dem Bett begraben, damit keiner deine Leiche findet“, motzte Santos, als auch er das Karussell endlich verlassen hatte und blitzte Gabriel aus schmalen Augen an. Der hatte ja noch nicht mal alle verräterischen Lachtränen weggewischt! „Du Verräter wirst zusammen mit der Maus unter dem Bett begraben.“

„So lange es dein Bett ist und du mich regelmäßig aufs Töpfchen lässt und fütterst“, kicherte der Große und guckte Santos doch glatt frech an, während er sich noch immer über die geröteten Wangen strich und trocknete.
Kawa konnte über die beiden Großen nur den Kopf schütteln und sah lieber wieder zu seinem Nager. „Ohhh nein, ich will dich ausgiebig kosten. Am liebsten hätte ich dich auf allen Vieren, mit den netten Seidenbändern um die Handgelenke, die wir noch vom letzten Einkaufsbummel herumliegen haben“, schnurrte Kawa anzüglich und nippte am kleinen Ohrläppchen, das sich in der Nähe seines Mundes befand.

„Und ich will keinen mäusischen Schweinskram hören. Flüstert euch diesen Mist daheim, ihr perversen Kerle.“ Santos war noch immer angepisst und zwar gewaltig. Er wusste, dass es Bilder von ihm im dieser Kutsche gab und er wusste auch, dass Kawa ein viel zu guter Gegner war, um sie einfach einzufordern, indem er sein Kind ein bisschen bedrohte. Und das ärgerte ihn maßlos. So sehr, dass er sogar Gabriel einfach ignorierte. Der Kerl würde schon noch sehen, was er davon hatte, über Santos gelacht zu haben.
Mit einem fiesen Grinsen zog er den Autoschlüssel aus seiner Tasche und meinte ganz trocken: „Ich kenn Drei, die nach hause laufen – ihr auch?“

Kawa zuckte nur mit den Schultern. Wozu gab’s denn bitte Taxen und kümmerte sich nicht weiter um die Drohgebärden gewisser Vampire. Nur Gabriel sah das nicht so, der schniefte auf Befehl leise und die zuvor noch als Lachtränen vergossenen Salzperlen bekamen schon fast Brüder und Schwestern, die nicht mehr so lustig waren.
Eine Schnute ziehend, musterte er seinen Vampir und überlegte schon mal, wie er heimkam, so ohne Handy, um Cole als Taxi zu ordern und fast ohne Geld, weil ja Santos fast eh immer ein kleines Vermögen mitschleppte.
Nur gut, dass seine alte Wohnung nur einen Block weit weg lag und er das Ding noch immer gemietet hatte und ab und zu, wenn er zu viel an der Uni zu tun hatte, auch dort nächtigte.

Der Einzige, der das nicht so richtig einsehen wollte, war die Maus. Aber wenn Kawa sich keine Sorgen machte, dann wollte er sich auch keine machen. Kawa wusste ja bestimmt, was er tat.
Und so ging Santos einfach los, denn seine Laune war wirklich auf dem Tiefpunkt. Es ging wohl nichts mehr, um dies noch zu untergraben. Sollten die Idioten machen was sie wollten, er hatte seine Demütigung für heute weg, das reichte für die nächsten Tage. Langsam schlängelte er sich durch die Massen und sah sich nicht noch einmal um.
„Der geht wirklich“, murmelte die Maus und bekam ein schlechtes Gewissen. Es war ja seine Schuld, dass Santos in dem blöden Ding fahren musste. Aber er sagte lieber nichts. Sonst ging nie wieder einer mit ihm auf dem Rummel.

Kawa strich seinem Schatz über den Nacken. „Wird sich schon wieder beruhigen und er wird sicher mit der Zeit mal lockerer“, wisperte er so leise, dass es Yujo grad noch hören konnte und seine Stimme sonst von den Menschenmassen verschluckt wurde.
Nur Gabriel sah seinem Geliebten noch nach, schickte ein kurzes „Hmm“ zu Yujo und strebte langsam auch dem Ausgang zu. Er war sich nicht ganz sicher, ob er nun in seine Wohnung oder in ihr Haus gehen sollte und so schlug er mal den Weg zur Wohnung ein, steckte die Hände in die Taschen und grübelte vor sich hin, während er langsam weiterging.

Irgendwie war aus dem Tag die Luft raus. Maus stand nun alleine mit seinem Kawa inmitten von einer Masse Menschen, die lärmten und lachten. Aber ihm war gar nicht nach lachen, ihm war nicht mal mehr nach Autoscooter oder Kettenkarussell. Schon gar nicht als er sah, dass Gabriel in eine ganz andere Richtung ging wie Santos. So hatte dieser Tag aber nicht enden sollen. „Scheiße, aber echt“, murmelte er nur und ließ sich auf das Geländer sinken.

„Hmm“, bekundete Kawa leise und stützte sich mit den Händen links und rechts von Yujo auf, legte den Kopf in den Nacken. Es hätte keinen Sinn, Santos nachzugehen, der musste sich selber wieder beruhigen, das hatte Kawa von ihren Trainings schon gelernt.
„Willst du Gabe nach? Er ist sicher zu seiner alten Wohnung, Maus?“, wisperte der Vampir und sah zu Yujo hinunter. Er selber würde die Beiden in Ruhe lassen und morgen erst wieder vorbeisehen, nur um sicherzugehen, dass sich die Beiden wieder ein bekommen hatten.

„Nein, lieber nicht“, murmelte die Depressionsmaus. Immer wenn’s am schönsten war, fing Santos an zu stänkern. Das war ja so mausverachtend, aber wirklich mal. „Vielleicht taucht da ja dann doch noch Santos auf und dann sitz ich wieder da und störe und er sagt wieder so schlimme Sachen wie Orgasmusbremse zu mir, nein, nein – ich will lieber noch eine Zuckerwatte und dann will ich mit dem Autoscooter fahren.“ Auch Maus war davon überzeugt, dass es wohl nicht viel brachte, den beiden Großen jetzt nachzugehen. Er hätte sowieso nicht gewusst wem. War zwar schade, denn keinen konnte man so schön ärgern wie Santos, aber besser Maus ließ ihn mal für ein paar Tage … öhm … Stunden in Ruhe.

„Ist gut Schatz“, wisperte Kawa und schlang einen Arm um Yujo, hob ihn ein wenig hoch und knuddelte ihn, bevor sie sich auf den Weg zu ihrer ersten Wegetappe machten: luftige Wolken gesponnenen Zuckers einhamstern.

Gabriel indessen war den Block entlang gegangen und stand nun in seiner alten Wohnung. Seine Sachen waren eigentlich, bis auf eine Notfallausstattung, alle in ihrem Haus und sie wirkte leer und kalt, leise grummelnd ließ er sich aufs Bett fallen, sah zur Decke und stand doch wieder auf.
Er würde doch heimgehen. Dauerte zwar lange, aber vielleicht hatte sich Santos bis dahin ja wieder beruhigt, überlegte der große Mensch und verließ die Wohnung, um die Richtung Stadtrand einzuschlagen.

„War das nicht Gabe?“ Die Maus saß gerade auf einem Sitz in einem der roten Doppelstockbusse und genoss seine letzte Zuckerwatte für heute. Die ganze Zeit hatte er aus dem Fenster geguckt und sich die Nase platt gedrückt, sich mal an Kawa gekuschelt, aber als der Zuckerwatte geklaut hatte, wurde der Vampir kurzerhand auf Kuschelentzug gesetzt. Deswegen saß Maus nun da und knabberte und verbog sich fast den Hals, als er auf einer Straßenseite ein große feucht triefende Gestallt herumlaufen sah. Es schüttete wie aus Kannen, was machte der Kerl da draußen? Ob sie ihn mitnehmen sollten? Maus war schon auf dem Weg zum Busfahrer.

„Lass ihn“, fing Kawa seinen Nager wieder ein. Auch er hatte Gabriel gesehen und sich schon das seine gedacht. „Er geht heim, Schatz, lass ihn. Santos wird es sicher beruhigen und zwar von hundert auf null, wenn Gabe so vor der Tür steht“, wisperte der Vampir weiter und stahl seiner Maus noch mal ein Stück der Zuckerwolke.
„Ich könnte nur Santos anrufen und ihn warnen, dass er ne heiße Wanne einlassen soll, aber bei denen ist der Whirlpool so und so in ein paar Minuten heiß, also würde ich mir keine Sorgen machen.“ Auch Kawa sah noch mal zurück, als sie um die nächste Ecke bogen und lächelte kurz schmerzlich, als er die große Gestalt weitergehen sah und sie danach hinter einer Häuserfassade verschwand.

„Hm“, machte die Maus nur. Er wirkte sichtlich nicht zufrieden und das lag sicher nicht nur daran, dass er gerade von einem verfressenen Vampir die Zuckerwatte dezimiert bekam. Da saß er nun, immer noch nicht Kettenkarussell gefahren und aus seinen dreißig Zuckerwatten, die Maus hatte essen wollen, waren auch nur drei geworden, weil ihm langsam wirklich übel geworden war. Aber weil Maus eine ordentliche Maus war, ließ er nichts umkommen und vernichtete tapfer auch das letzte Fitzelchen, auch wenn der Mausbauch schon weh tat und er leise stöhnte. Gar nicht gut!

„Diesmal steigen wir bei meinem Loft aus, Maus“, beschloss Kawa, der das leise Murren Yujos wohl mitbekam und sich denken konnte, woher Maus nun unzufrieden war, strich seinem Nager über die wuscheligen Haare und grübelte noch kurz über Gabe und seinen Erschaffer nach. „Lass uns baden und dann auf der Couch in Decken mummeln?“

„Hm“, machte die Maus wieder in erschöpfender Wortgewandtheit und sein Kopf sank gegen die Scheibe. Die Vorstellung von warmem Wasser und diversen mausspezifischen Aktivitäten ließen ihn ganz grün im Gesicht werden. „Kawa, mir ist … so schlecht“, murmelte Maus nur und schloss die Augen. Der Kerl fuhr aber auch wie ein Viehtransporter. Kein Wunder, dass ein kleiner Mausmagen da ganz schön in Aufruhr versetzt wurde.

„Wir sind gleich da, noch zwei Blocks und dann is schon unsere Station“, beruhigte Kawa seinen Schatz und strich weiter der Maus über die Haare. Er würde den Kleinen wohl doch eher nur noch duschen, damit es keine Mülltonnenmaus mehr war und dann gleich ins Bett schaffen. Alles andere konnte man auch immer noch morgen machen, wenn’s dem mausischen Magen wieder besser ging.

***

Seit nun fast zweieinhalb Stunden lief Gabriel durch den strömenden Regen seine relativ dünne Frühlingsjacke war schon lange voll gesogen und saß ihm kalt am Körper. Leise schniefend verfiel er in einen schnelleren Schritt, all zu weit war es nicht mehr, vielleicht noch eine viertel Stunde, dann wäre er endlich wieder im Warmen, denn er fror schon erbärmlich und wollte nur noch unter eine heiße, sehr heiße Dusche.

Zur gleichen Zeit war Santos gerade dabei, langsam durchzudrehen, denn er hatte geglaubt, Gabriel wäre in seine alte Wohnung gegangen, doch dort hob keiner ab. Als er mit dem Wagen hinüber gefahren war, machte keiner auf. Ans Handy ging auch keiner ran und langsam wurde Santos wahnsinnig. Was hatte er sich nur dabei gedacht, die drei Anderen einfach alleine zu lassen?
Es regnete so stark, dass die Scheibenwischer kaum die sinnflutartigen Regenfälle bewältigen konnten und so glaubte er erst an ein Trugbild, als er die Einfahrt zu seinem Anwesen hinauf fuhr und eine große, bekannte Gestalt vor der Haustür stehen sah, die wohl gerade den Schlüssel suchte.
„Gabe“, brüllte er und sprang aus dem Wagen.

Bei dem Ruf sah Gabriel auf und grinste schief. „Hey“, wisperte er und schob endlich den gefundenen Schlüssel ins Schloss, das feine Zittern, das ihn eine Stunde zuvor befallen hatte, hatte sich zum richtigen Zittern ausgewachsen und er wartete ungeduldig und bibbernd darauf, das der Vampir zu ihm kam.
„Bin doch heimgegangen“, murmelte Gabriel leise, damit er nicht mit den Zähnen klapperte dabei.

„Ja, das sehe ich allerdings.“ Santos war außer sich vor Sorge gewesen und wo fand er diesen Idioten, der sich Freund nannte? Vor der Haustür! „Ich hab dich überall gesucht, Gabe“, murmelte der Vampir, als er seinen Freund mit sich durch die endlich offene Tür ins Warme zog. Er störte sich nicht daran, dass auch seine Kleider Wasser zogen, er umarmte Gabriel einfach. „Tut mir leid.“

Als Gabriel hörte, dass Santos ihn gesucht hatte, lächelte er und blinzelte mit einem halben Grinsen. „Mir auch, Kleiner“, wisperte er frech. „Können wir ins Bad gehen, ich will dringend unter heißes Wasser.“ Um seine Worte zu untermalen schmiegte er sein kaltes Gesicht in Santos’ Halsbeuge, dass der aufknurrte und schmiegte sich eng an seinen Geliebten, klaute ihm das bisschen Wärme, das sein Frostvampi noch hatte.

Aber Santos gab es gern. Hatte er doch gute Aussichten, sich gleich wieder aufzuwärmen. „Ab ins Bad, zieh die nassen Klamotten aus, ich stellen den Pool an und such ein schönes Kräuterbad aus.“ Dass er schnell noch die Reste vom Cickencurry in die Mikrowelle stellte, musste ja keiner wissen – oder zumindest das, was die verfressene Maus gestern noch übrig gelassen hatte.
Schnell wischte er hinter seinem tropfnassen Freund hinterher und räumte dann die warmen Speisen auf ein Tablett, das er mit abwärts nahm – ins Reich der Sinne.
Und das schönste an diesem Abend – Maus war sicher von ihrem Abgang so geplättet, dass er nicht vorbei kam, um zu stören!