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Absolutes Chaos Teil 1 bis 3

Original/ Reale Welt [PG] [ongoing]

keine warnungen

Inhalt: Adrian ist jung, gutaussehend und hat sein Leben perfekt im Griff. Dachte er zumindest ... bis da eine Katastrophe namens Sascha in sein Leben tritt. 

aktuelle Teile: 3



Absolutes Chaos

Prolog


"Spuck es aus!" befahl Adrian und warf Thea einen schrägen Blick zu. "Was willst du?"

"Wer sagt, dass ich was will?" flötete die neunzehnjährige und warf luxuriöse goldbraune Locken über die Schultern. "Darf man seinem allerliebsten, besten Freund nicht ein paar harmlose Komplimente machen, ohne dass man gleich im Verdacht steht was zu wollen? Ts!"

"Doch. Aber dank dir weiß ich inzwischen, dass meine Haare absolut perfekt sitzen, dass mein neues Oberteil hervorragend meinen zugegebenermaßen sehr gut gebauten Oberkörper betont und dass diese Jacke die Farbe meiner azurblauen Augen komplimentiert", imitierte er sie mit unüberhörbarem Sarkasmus und griff nach seiner Cola, die neben ihm auf dem Tisch stand. "Und jetzt komm endlich auf den Punkt, bevor dir die Schmeicheleien ausgehen."

Auch wenn seine Stimme vor Sarkasmus nur so troff, als er ihre Komplimente wiedergab, hätte ihm doch niemand in diesem Augenblick widersprochen, der ihn hätte hören können. Adrian sah einfach unverschämt gut aus, fand Thea und es machte jedes Mal wieder Spaß mit ihm gesehen zu werden. Schon alleine weil alle anderen Frauen in ihrer Nähe vor Neid platzten, weil sie mit ihm essen gehen durfte.

"Jemanden wie dich sollte man gar nicht frei rumlaufen lassen" säuselte sie und spießte verträumt ein Salatblatt von ihrem Teller auf. "Du solltest in einen goldenen Käfig gesperrt und allen Frauen der Welt zugänglich gemacht werden, damit jede was von dir hat."

"Thea, ich weiß, dass ich einfach großartig bin", er rollte mit den Augen, "und danke, dass du es erwähnst. Bau mir ne Statue, bete mich an und benenn einen Feiertag nach mir, wenn du willst. Aber glaub nicht, dass ich nicht mitkriege, was hier läuft, Schätzchen!"

Er blickte sie finster an, was seine oben erwähnten tiefblauen Augen zum funkeln brachte und ihm ein rebellisches Aussehen verlieh. Althea grinste innerlich, als sie bemerkte, wie die Augen beinah jedes weiblichen Wesen in ihrer Umgebung zu ihrem Tisch rüber schossen und bewundernd an dem gut aussehenden Jungen hängen blieben. Ein paar dreizehnjährige Gören, die sich grade ein Eis holen wollten, blieben sogar kurz vor ihrem Tisch entfernt stehen und warfen ihm schwärmerische Blicke zu.

"Zu dumm, dass du schwul bist" bemerkte sie laut und seufzte gespielt enttäuscht auf. Mit ihr stöhnte das halbe Lokal. "Jeder Hetero-Kerl hätte den Köder mit Stumpf und Stil verschluckt. Die sind doch alle dumm wie Toast. Krieg ich deine Tomaten?"

"Bedien dich." Er schob ihr seinen Salatteller hin, während er den plötzlich wie blöde rumkichernden Gören einen irritierten Seitenblick zuwarf. Zu Adrians guten Seiten gehörte, dass er nie wirklich mitbekam was für eine umwerfende Wirkung er auf Frauen hatte. Es blieb eins der ewig ungelösten Rätsel im Universum für ihn, wieso Frauen so scheinbar grundlos anfangen konnten hemmungslos kichern und rot zu werden. Er konnte ja nicht ahnen, dass die das vorzugsweise in seiner Gegenwart taten. "Du hast wirklich ein ernsthaftes Problem mit deiner Abneigung gegen Heteros, das weißt du hoffentlich ja?"

"Was soll ich denn machen, wenn ich nur Schwule anziehend finde?" verteidigte sie sich. "Mit euch kann man viel besser reden und einen besseren Klamottengeschmack habt ihr auch."

"Erstens sind das absolut abgegriffen Klischees, die du hier verbreitest", bemerkte er und verdrehte die Augen, "und zweitens ist dir ja wohl klar, dass diese Einstellung deine Chancen auf ein erfülltes Liebesleben erheblich dezimieren . um nicht zu sagen gleich auf Null reduzieren."

"Ich weiß, ich weiß." Sie winkte ab, schließlich führten sie diese Diskussion nicht zum ersten Mal.
Tatsächlich hätte Althea vermutlich ne Menge Jungen haben können, wenn sie gewollt hätte. Aber die, die sie wollte, waren leider in dieser Hinsicht absolut unerreichbar. Trotz, oder vielleicht auch wegen dieses kleinen Spleens auf schwule Männer zu fliegen, war sie schon seit ewigen Zeiten Adrians allerbeste Freundin.

"Andererseits bist du auch nicht grade besser", warf sie nicht zu unrecht ein, während sie die eroberten Tomaten in Balsamicoessig ertränkte. "Wenn ich nur an das Desaster mit Jonas denke."

Damit hatte sie leider Recht, wie Adrian stillschweigend zugeben musste. Er hatte im Gegensatz zu ihr, die unglückliche Angewohnheit sich ständig zu hundertprozentig heterosexuellen Jungen hingezogen zu fühlen, was ihm bisher auch nicht mehr als Scherereien eingebracht hatte.
Andererseits .

"Schlimmer als die Sache mit Kai war das auch nicht", erwiderte er bedrückt und stocherte mit einem Male ziemlich lustlos in seinen Pommes. Allein die Erwähnung dieses Namens brachte ihn dazu plötzlich jeglichen Appetit zu verlieren.

Altheas Augen wurden weich und sie beugte sich vor. "Ach denk nicht an den Arsch", sagte sie leise. "Kai ist es nicht mal wert, dass man auch nur einen einzigen Gedanken an ihn verschwendet."

"Ja, vermutlich ." Der neunzehnjährige wandte den Kopf ab und starrte mit abwesendem Blick aus dem Fenster. Er kam sich ja selbst albern vor, wenn er sich so anstellte . aber scheiße, es tat immer noch so verdammt weh daran zu denken.
Kommentarlos schob er ihr seine restlichen Pommes auch noch hin.

"Aber jetzt rück schon endlich raus damit, was du von mir willst", befahl er. "Du willst doch nicht sagen, dass du die ganze Show eben ganz umsonst und ohne Hintergedanken abgezogen hast, oder?"

Offensichtlich wollte er auch diesmal nicht darüber reden. Auch jetzt nicht. Als er sich wieder zu ihr drehte, war das altbekannte Funkeln wieder in seinen Augen und er hatte das Lächeln aufgesetzt, für das Werbefirmen jedes Jahre tausende von Euros ausgaben, damit es für ihre Produkte erstrahlte.
Thea seufzte und spielte einen Moment lang mit dem Gedanken so lange an ihm zu bohren, bis er endlich damit rausrückte, was in ihm vorging. Gleichzeitig war ihr vollkommen bewusst, dass es absolute Zeitverschwendung war. Adrian konnte erschreckend stur und dickköpfig sein, wenn er es darauf anlegte.

"Adrian, Schätzchen ." sagte sie, völlig aus dem Nichts heraus, ".du solltest mal wieder mit jemandem ausgehen! Ernsthaft."

"Wozu?" er zuckte mit den Schultern. "Mein Leben ist grade absolut perfekt, so wie es ist. Wozu sich den ganzen Ärger aufhalsen, die Beziehungen mit sich bringen."

"Du machst mir Sorgen, wirklich." Bekümmert schüttelt sie den Kopf und wiederholte skeptisch: "Perfekt?"

"Absolut perfekt", bestätigte er mit überlegenem Grinsen. "Überleg doch nur: Ich habe mein Abitur endlich in der Tasche, einen tollen Job in Aussicht, verdiene jede Menge Geld und das allerbeste - ich bin vollkommen unabhängig. In jeder Hinsicht - finanziell und emotional. Perfekter geht es gar nicht mehr."

Er angelte eine Pommes von seinem ehemals eigenen Teller und schob sie mit frechem Grinsen zwischen die Lippen. Thea zog die restlichen der erbeuteten Kartoffelstäbchen hastig zu sich, bevor er etwa auf die Idee kam sie wieder zurück haben zu wollen, und griff nach dem Ketchup.

"Du kannst nicht ewig Werbephotos machen lassen und davon leben, Süßer. Was ist mit dem Studium?"

"Studium heißt sechs Monate Ferien, oder nicht? Das reicht locker zum Geld verdienen. Siehst du? Für eine Beziehung hätte ich im Moment sowieso keine Zeit."

"Aber ." wollte sie einwenden, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen.

"Nichts aber. Und bevor wir jetzt über mich reden - spucks schon endlich aus!" sagte er schnell, bevor sie auf die Idee kam jetzt auch noch das verhasste Thema "Aber deine Eltern ." anzusprechen. "Was sollte die ganze "Adrian-du-bist-toll"-Nummer vorhin?"

"Okay, okay, ich geb´s zu - einen klitzekleinen Hintergedanken hatte ich vielleicht ." ging sie also auf sein Spielchen ein und ließ das unerwünschte Thema fallen. "Nicht dass du nicht wirklich großartig aussiehst", beeilte sie sich hinzuzufügen.

"Geschenkt. Komm zum Punkt." Beinah neugierig sah er sie an.

Normalerweise zog Althea nie so eine Show ab, wenn sie etwas von ihm wollte, sondern fragte meistens mehr oder weniger direkt danach. Es war nicht ihre Art lange um den heißen Brei zu reden oder sich mit weiblichen Schlichen etwas zu erbetteln. Zumal sie ja auch genau wusste, dass Taktiken wie mit den Wimpern zu klimpern oder einen verführerischen Schmollmund zu ziehen absolut wirkungslos bei ihm blieben.

"Es ähm . es geht um eure Wohnung", begann sie schließlich zögernd. "Genauer gesagt, um das Zimmer, das bei euch noch frei ist, seit Carola ausgezogen ist."

Adrian nickte und nippte an seiner Cola. Sein Mund hatte angefangen unbewusst mit dem Strohhalm zu spielen und ihn zwischen den Lippen hin und herzurollen, was einige der am Nebentisch sitzenden Mädchen dazu brachte ihm kuhäugige, schmachtende Blicke zu zuwerfen.

"Ihr sucht doch immer noch einen Nachmieter, oder .?"

"Hmh ." er nickte bestätigend und sah sie abwartend an.

"Na ja ." sie spielte unsicher mit einer übrig gebliebenen Gurkenscheibe. "Könntet ihr nicht kurzzeitig jemanden in dem Zimmer wohnen lassen? Nicht lange! Nur . ein paar Wochen vielleicht. Unauffällig ."

Dunkle, schön geformte Brauen schossen nach oben. "Wieso kann dieser geheimnisvolle Jemand denn nicht bei dir wohnen, Miss "meine-Eltern-sind-so-reich-dass-wir-dreizehn-Schlafzimmer-haben-müssen"?"

"Erstens haben wir nur acht Schlafzimmer, du Klugscheißer und zweitens . na ja . meine Eltern sollen es nicht unbedingt mitbekommen."

"Was hast du jetzt wieder angestellt?" wurde sofort mit misstrauisch zusammengezogenen Brauen gefragt. "Verhilfst du jemandem zur Flucht vor der Polizei?"

"Haha." Sie rollte mit den Augen. "Oh man, was du wieder von mir denkst . Nein, es ist nichts Illegales!" Sie hielt kurz inne und dachte nach. "Zumindest denk ich das . "

Adrian verschluckte sich fast. "Oh Gott! Jetzt machst du mir Angst .!!"

"Hörst du mir gefälligst erstmal zu? Es ist nicht wie so wie du denkst. Sascha ist ja kein Krimineller."

"Sascha?" wiederholte er fragend.

"Er ist ein Freund von mir. Na ja . irgendwie. Unsere Eltern kennen sich schon lange und wir haben als Kinder öfter zusammengespielt. In den letzten Jahren ist der Kontakt ein bisschen abgebrochen, aber er und ich haben uns immer noch Mails geschickt und Weihnachtskarten und so."

"Ent~zückend!" kam die sarkastische Erwiderung. "Und wo liegt jetzt das Problem? Hat ihm dein letztes Weihnachtsgeschenk nicht gefallen?"

"Könntest du mal aufhören so verdammt witzig zu sein und mir endlich zuhören?" Thea warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Unter anderen Umständen war es ja unter anderem Adrians trockener Humor, der ihn so anziehend machte, aber im Moment war ihr das aktuelle Thema viel zu wichtig, als dass sie seine Sprüche gebrauchen konnte. "Der arme Junge steckt grade mächtig in der Scheiße, okay? Er hatte einen riesigen Krach mit seinen Eltern und . sie haben ihn rausgeschmissen. Gestern", fügte sie leise hinzu.

"Nein, wie schrecklich. Seit wann ist das mein Problem?"

Bemüht uninteressiert schob der schwarzhaarige die beiden Teller zur Seite, als eine Kellnerin sich ihrem Tisch näherte. Er pustete ein paar dunkle Strähnen aus seinem Gesicht und spielte nachdenklich mit seiner Gabel.

Eltern war ein empfindliches Thema für ihn. Es war nicht so, dass er mit seinen im Clinch lag
oder dass sie ein schlechtes Verhältnis hatten . ein NICHT-EXISTENTES Verhältnis würde
es wohl besser treffen. Einer der Gründe warum er schon seit über einem Jahr nicht mehr zuhause wohnte. Und warum er sich seinen Lebensunterhalt mit beschissenen Auftritten in Werbespots oder in Modemagazinen verdienen musste. Eine der peinlichsten Sachen, die es gab, wenn es nach ihm ging. Aber irgendwie musste er ja an sein Geld kommen und er verdiente wirklich nicht schlecht damit.
Allerdings war er natürlich auch schon achtzehn gewesen als er von zuhause die Fliege gemacht hatte . und nicht erst sechzehn.

"Oh komm schon", bettelte sie. "Ich weiß, dass dich das nicht kalt lässt. Er hat kein Geld und er weiß nicht wohin. Himmel, er hat die letzte Nacht auf einem Bahnhof übernachtet! Und ich mach mir Sorgen um ihn. Du kennst ihn nicht . er ist so ."

Irritiert unterbrach sie sich und starrte die blonde Kellnerin an, die ihren Ausschnitt grade schwungvoll zwischen sie geworfen hatte. Besagte Dame ließ grade einen rosa Kaugummi durch ihre geschminkten Lippen gleiten und formte eine kunstvolle Blase daraus, während sie Adrian verzückt anstarrte, als der ihr geistesabwesend das Geld hinhielt. Natürlich bekam der wie üblich von nichts was mit.

"Hey, meine Pommes .!" protestierte Thea, als ihr die faszinierte Dame den noch halb vollen Teller entzog. Vergeblich - sie schien von Theas Existenz leider nichts mitbekommen zu haben.

"Sie haben ihn nicht rausgeschmissen, stimmts?" fragte Adrian aus einer plötzlichen Eingebung heraus und hörte auf mit der Gabel zu spielen. Die Kellnerin nutzte diesen Moment um unauffällig seine Hand zu berühren, als sie ihm die Gabel annahm und wie eine heilige Reliquie auf ihr Tablett legte. "Er ist abgehauen."

"Noch einen Kaffee, vielleicht?" flötete sie.

"Was?" Überrascht wandte Thea den Blick von dem faszinierenden Ausschnitt ab, der vor ihr baumelte. "Woher weißt du .? Ich meine, wie kommst du darauf?"

"Tee? Cappuchino?"

"Nur so ." Er zuckte mit den Schultern. "Aber ich habe Recht oder?" Zu der Kellnerin gewandt, schüttelt er den Kopf. "Nein, danke."

Unwillig entschwand sie wieder. Sie hatte doch so gehofft, dass der Schwarzhaarige mit den Funkelaugen noch Nachtisch bei ihr bestellen würde .

"Ja, ich glaube schon", wurde unsicher gestanden. "Ich bin nicht sicher . er wollte nicht so recht damit rausrücken, was wirklich passiert ist . Er hat sowieso kaum was gesagt."

"Was ist mit seinen Eltern? Bist du sicher, dass du sie nicht benachrichtigen solltest wo er ist? Wie alt ist er überhaupt?"

"Sechzehn ."

"Sechzehn?? Bist du verrückt? Er ist nicht mal volljährig! Er ist praktisch ein Baby!!"

"Nun stell dich nicht so an, wegen solchen Nichtigkeiten!"

"Ist dir klar, dass du ne Menge Ärger kriegen könntest, wenn seine Eltern eine offizielle Vermisstenanzeige aufgeben?"

"Ja, schon . vielleicht. Ich weiß auch nicht." Sie zuckte hilflos mit den Schultern. "Er klang nur so . schrecklich fertig. Ich dachte, das allerwichtigste ist erst mal, dass er nicht auf der Straße pennen muss und irgendwo unterkommt. Der Rest klärt sich vielleicht von selbst."

"Ist ja herrlich wie optimistisch du mal wieder bist ."

"Adrian!" Bettelnd sah sie ihn an. "Lass ihn bei euch wohnen! Nur ganz kurz! Ein paar Wochen nur. Nicht mehr. Jetzt hat er doch sowieso Sommerferien. Bitte!!"

"Oh man, Thea ." stöhnte er. "Selbst wenn ich damit einverstanden wäre - und ich sage nicht, dass ich das bin! - nur wenn ich es wäre . Das ist doch nicht allein meine Wohnung! Ich weiß nicht mal was Alex und Vanessa dazu sagen werden. Immerhin kann er ja auch keine Miete bezahlen!"

"Doch nur am Anfang nicht . Er sucht sich bestimmt einen Job! Und er wird ja sicher nicht lange bleiben. Wenn alles gut läuft, holen ihn seine Eltern vielleicht schon nach einer Woche zurück."

"Oder auch nicht", prophezeite Adrian düster. "Und bis dahin haben wir dann das Gör am Hals ."

"Du klingst als wäre er ein Kleinkind!" Thea rollte mit den Augen und pustete einen goldbraune Locke aus der Stirn. "Weißt du, essen und aufs Töpfchen gehen kann er schon alleine!"

"Na hinreißend." Er warf ihr einen schiefen Blick zu. "Wenigstens ist er stubenrein . Alex wird mich umbringen, das ist dir hoffentlich klar! Sie hat sich nämlich schon selbst in dem Zimmer breit gemacht."

"Blödsinn! Sie wird dir schon nichts tun! Du sagst doch immer, sie ist ein klassischer Fall von harte Schale, weicher Kern."

"Na und? Wenn ihre harte Schale mir in die Eier tritt reicht das schließlich! . Überhaupt - ist ihm eigentlich klar, dass er in eine reine Homo-Gemeinschaft einzieht?"

"Das weiß er. Na und?"

"Weißt du, nicht jeder findet es toll, wenn er morgens aufsteht und das erste was er sieht zwei Mädels sind, die es auf dem Küchentisch treiben!! Carola fand es nicht toll - deshalb ist sie ja auch ausgezogen. Und die einzige männliche Verstärkung, die ihm zur Verfügung steht, ist schwul. Bist du sicher, dass . ähm, dass ihm das nichts ausmacht?"

"Adrian, glaub mir - der Junge ist grade so fertig mit der Welt, der würde auch in eine WG mit George Bush und Sadam Hussein ziehen, ohne sich zu beschweren!"

"Du hast wohl auf alles eine Antwort ."

Sie nickte grinsend und er stöhnte.

"Ich weiß echt nicht, wieso ich mich jedes Mal wieder von dir bequatschen lasse ." seufzte er. "Aber . okay. Von mir aus. Von mir aus kann er kurzfristig bei uns wohnen - Betonung auf kurzfristig!! - und ich regele das mit den beiden."

"Oh danke!! Du bist ein Schatz!!" Sie warf quer über den Tisch ihre Arme um seinen Hals und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Backe.

"Iiieh, man Thea, lass dass" maulte er sofort und verzog das Gesicht, "nun werd nicht gleich sentimental, ja?"

Er zog eine hinreißende Schnute, die tausend neue Sabberpfützen rechts und links von ihm entstehen ließ. Es war schon erstaunlich wie jeder Ort, den dieser Junge betrat in wenigen Minuten zu einem Feuchtbiotop mutierte. Thea grinste breit.

"Wunderbar", seufzte sie. "Du bist hinreißend! Jetzt musst du ihn nur noch in einer Stunde vom Bahnhof abholen und alles geht klar." Sie lächelte breit. "Ich habe ihm gestern Abend schon von dir erzählt."

"Wie bitte???" Adrian funkelte sie an. "War ja klar, dass jetzt wieder alles an mir hängen bleibt. Man, dir sollte man wirklich niemals den kleinen Finger oder sonstige Körperteile reichen. Du schamloses Luder!!!"

"Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du unwahrscheinlich süß aussiehst, wenn du dich aufregst?" flötete sie.

"Keiner, der es überlebt hätte, um davon zu berichten!"




Teil 1
Na toll. Jetzt hatte er also diesen Knilch am Hals.

Die Vorstellung die nächsten Tage einen heulenden, nach seiner Mama wimmernden Jammerlappen am Hals zu haben, war nicht grade sehr verlockend und Adrian bereute schon wieder, dass er sich mal wieder von Thea hatte belabern lassen.
Er hatte tausend Vorsprechtermine in den nächsten Tagen. Er konnte sich um so was einfach nicht kümmern. Ehrlich nicht. Er hatte sowieso keine Ahnung, was man mit Leuten machte, die heulten oder deren Haustier grade gestorben war oder die von zuhause abgehauen/rausgeworfen worden waren oder denen sonst was Schlimmes passiert war.

Er war ein absolut mieser Tröster und ein noch schlechterer Babysitter.
Bei ihm gingen ja sogar die Pflanzen ein!
Vanessa meinte allerdings, dass es daran läge, dass er nicht mit ihnen redete.

//Haha. Und noch mal: HA HA!// Was sollte er einem Gummibaum auch erzählen? Außer ein paar schmutzigen Gummi- und Latexwitzen würde ihm da nicht viel einfallen. Andererseits wäre das natürlich endlich mal ein Gesprächspartner, der einem auch wirklich zuhörte, und höchstens ab und zu verständnisvoll mit seinen Blättern raschelte, ohne einen dauernd zu unterbrechen.

//Daran sollte Thea sich mal ein Beispiel nehmen .//

Aber zurück zu seiner aktuellen emotionalen Problemzone. Aus unerfindlichen Gründen war ihm etwas unbehaglich zumute, während er den Bahnhof ansteuerte. Ihm war das alles mal wieder viel zu schnell gegangen. Was sollte er denn jetzt mit dem Kleinen anfangen??
Was wenn er wirklich heulte? Was wenn er emotionalen Beistand brauchte? Was wenn ihm seine empörten Eltern die Polizei auf den Hals hetzten und ihn wegen Kindesentführung verklagten? Nicht zu vergessen, dass man das Ganze erstmal Frau Krawelman, genannt "alter Drache", unterjubeln musste, der die Wohnung ja schließlich gehörte und die sicher nicht erfreut über einen nicht zahlenden Mieter war .
Und Vanessa hatte zwar am Telefon gesagt, dass wegen ihr alles klar ging . aber da war immer noch Alex.
Nicht, dass Alex irgendwie brutal wäre oder fies . okay, okay - ja, sie war fies, aber normalerweise nicht zu ihm. Sie konnte nur manchmal ziemlich einschüchternd sein. So einschüchternd wie Freddy Krueger. Oder wie seine Mathelehrerin aus der achten Klasse. Und sie hatte einen Blick drauf . scheiße man, der Milch versauern und Pflanzen eingehen lassen konnte. Und Alex war sicher nicht begeistert.

So weit war er mit seinen fruchtlosen Überlegungen gediehen, als er den Bahnhof endlich erreichte. Er war ein bisschen zu spät - nicht viel, eine Viertelstunde oder so, aber da er bisher noch nie erlebt hatte, dass ein Zug seinen Bestimmungsort wirklich pünktlich erreicht hatte, machte er sich nicht allzu viele Gedanken deswegen.

Etwas langsamer als nötig schlenderte er durch die überfüllte Bahnhofshalle. Die aktuellste Frage war im Moment: Wie würde er ihn überhaupt erkennen? Sah hier irgendjemand wie ein emotionales Nervenbündel aus? Thea hatte den Kleinen nicht wirklich suffizient beschrieben.
Pffft . die hatte vielleicht Nerven! Sich selbst in ihrem Tae-Bo-Kurs zu vergnügen und ihn hier loszuschicken um herrenlose Streuner aufzusammeln. Toll, wirklich toll. Danke, Thea.

Der Bahnsteig war im Gegensatz zu der Vorhalle beinah menschenleer. Hoffentlich war er immer noch da draußen, dann standen die Chancen ihn zu finden gleich viel besser.
Tief durchatmend öffnete Adrian die Glastüren. Scheiße, er war echt nervös!
Die Sonne, die bereits ziemlich tief am Himmel hing, schien ihm ins Gesicht und er musste kurz die Augen schließen. Blinzend wandte er sich ab und ließ seinen Blick über den Bahnsteig wandern. Ein paar Nachzügler-Familien liefen ihm entgegen und entschwanden ohne ihn eines Blickes zu würdigen Richtung Kiosk, um ihre jammernden Kinder mit Schokolade zu narkotisieren. Mehrere alte Damen kamen von ihrer Kaffeefahrt zurück, bei der sie sich offensichtlich überreden lassen hatten haufenweise billigen Schrott zu kaufen und er nickte ihnen unaufmerksam zu, als sie ihn zahnlos anlächelten. Hey, Moment . hatte
er sich da grade verhört oder hatte eine der alten Damen da grade was von "vernaschen" gemurmelt? Seltsam .
Ein paar Schulgören warfen ihm unter albernem Kichern glühende Blicke zu, als er an ihnen vorbeilief und als er überrascht ihren Blicken folgte und nach rechts sah, zuckte er unwillkürlich zusammen. Oh Gott!
Was ihm da entgegen grinste, war nichts anderes als sein eigenes dämliches Gesicht.
Hrghs!
Unwillkürlich blieb er vor dem riesigen Plakat stehen. Diese dämliche, super-peinliche Duschgel-Werbung gab es zu seinem Leidwesen also immer noch. Dabei war sie bestimmt schon zwei Jahre alt. Und noch genauso schrecklich wie er sie in Erinnerung hatte. Nicht zu vergessen der dazugehörige Fernsehspot. So eine Scheiße. Wenn er damals nicht so verdammt dringend Geld gebraucht hätte .
Na toll. Besser konnte ein Tag ja schon gar nicht mehr laufen. Mit hochrotem Kopf und der Hoffnung, dass ihn niemand erkannt hatte, ging er hastig weiter.

Ganz am Ende der Gleise, stand eine einsame Gestalt, die einzige, die noch übrig geblieben war.
Adrian konnte nur einen dunklen Umriss erkennen, da der andere gegen die Sonne stand, trotzdem war er plötzlich davon überzeugt, dass er das sein musste. Oh man! Hätte Thea ihn nicht selbst abholen können??
Scheiße .

Etwas unwillig und mit einer Hand meine Augen abschirmend, näherte er sich dem anderen Jungen. Langsam und vorsichtig wie einem tollwütigen Tier, das ihn jeden Moment anfallen würde. So in etwa fühlte es sich zumindest an. Gleißendes orangerotes Licht blendete ihn, während er den schlagartigen entvölkerten Bahnsteig entlang schlenderte.
//Scheiße man, lass ihn bloß nicht heulen. Alles nur das nicht. Was wenn der kleine Köter mir gleich mein liebstes Designershirt voll heult?//

Etwa zehn Meter von ihm entfernt, konnte er endlich mehr von ihm erkennen als einen verschwommenen Umriss und wurde unwillkürlich langsamer.

Die in Sonnenlicht getauchte Gestalt war knabenhaft schlank und sah erschreckend jung aus. Der andere stand mit dem Profil zu ihm, den Oberkörper leicht nach vorne geneigt und hatte die Unterarme lässig auf dem Geländer abgestützt, das die Gleise an diesem Abschnitt von dem Bahnsteig trennte. Sein Haare waren nicht so kurz wie Adrians, aber auch nicht wirklich lang, grade lang genug um ihm tief in die Augen zu fallen und bewegten sich in dem lauen Sommerwind, der schon den ganzen Tag wehte. Lange schlanke Beine steckten in ausgewaschenen Jeans und er trug ein ärmelloses T-Shirt. Die Sonne schien ihm mitten ins Gesicht, aber er sah ihr genau entgegen und es schien nicht, als ob es ihn störte.
Er sah konzentriert aus und hielt etwas Schmales, Längliches in der Hand, dass Adrian im ersten Moment für eine Zigarette hielt. Erst als der Junge anfing etwas auf einen Block zu kritzeln, den er bis dato übersehen hatte, erkannte er, dass es sich um einen Bleistift handelte.

Langsam und mit unsinnigerweise klopfendem Herzen kam er noch näher, so nah, bis er schließlich so dicht neben dem Jungen stand, dass er trotz der Sonne endlich alles scharf sehen konnte. Er wurde ignoriert.
Entweder war man so versunken, in das war man grade tat, was immer das auch war, oder man wusste nicht wer Adrian war. Aber nein, das konnte nicht sein. Thea hatte doch gesagt, dass sie ihn anrufen und ihm Bescheid sagen würde.

Unsicher räusperte er sich und kam sich ziemlich dämlich vor.

"Äh . hi?" //Sehr eloquent, mein Junge, wirklich.//

"Ich weiß was du willst", kam es abweisendem Tonfall. Er sah nicht einmal auf dabei. "Spar dir dein Scheiß-Geld. Versuchs mal drei Ecken weiter beim Bahnhofsstrich."

Überrascht schnellten dunkle Augenbrauen nach oben. War der immer so drauf? Was sollte das denn heißen?

"Ich glaube, du verwechselst mich ."

"Gib´s auf - ich rede nicht mit seltsamen Kerlen."

"Bitte?" Adrian funkelte ihn an. "Ich bin kein seltsamer Kerl, ich bin ."

"Ich weiß schon ." kam die gelangweilte Antwort. "Der Kerl auf dem Plakat." Abweisend wurde weitergezeichnet. "Hätte nicht gedacht, dass einer wie du es sich für Geld besorgen lassen muss ."

Aus unerfindlichen Gründen wurde Adrian rot, als er das hörte. Erstens weil ihm diese Plakat und der dämliche Spruch mit der Männlichkeit, der darunter stand heute noch so peinlich waren, dass er jedes Mal vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre, sobald er es irgendwo entdeckte. >>Real Men feel the difference .<<
Und zweitens . zweitens weil . weil er auf dem verdammten Bild nicht mehr als eine beschissene, winzige Badehose trug und es kein schönes Gefühl war, dass dieser unverschämte Bengel vor ihm wusste wie er ohne Hemd, ja praktisch halbnackt aussah.
Woher wollte der kleine Pisser überhaupt wissen, dass ausgerechnet ER das war auf dem Plakat?? Es war ja nicht so, als ob er bisher auch nur ein einziges Mal von seinem blöden Block aufgesehen und ihn auch nur eines einzigen Blickes gewürdigt hätte.

"Genauer gesagt, bin ich Adrian", sagte er also, nach Beherrschung ringend. "Adrian Tosca. Hat Thea nicht von mir erzählt?"

Der Name wirkte wie eine Zauberformel. Die sich flüssig über dem Block bewegende Hand hielt inne. Erst jetzt fiel Adrian mit einem Mal auf, wie dünn die auf das Geländer gestützten Arme waren. Der ganze Körper war so schlank und zierlich, dass er schon beinah zerbrechlich wirkte.

"Du weißt schon .", fuhr er Ermangelung etwas besserem fort. "Sie hat mir erzählt, dass du . na ja . sie meinte, dass du vermutlich ein Zimmer brauchst für die nächsten paar Tage und .und da bei uns ein frei ist ."

Was laberte er hier für einen Mist zusammen? Das war ja nicht mehr auszuhalten. Aber es gab nun mal wirklich nichts was Adrian nervöser machte und mehr aus dem Gleichgewicht brachte als unangenehmes Schweigen. Falls er jemals in die Verlegenheit kommen sollte, verhaftet und verhört zu werden - die ermittelnden Beamten hätten ihn nur lang genug anschweigen müssen und er hätte jeden Mord seit Kain und Abel gestanden.

"Sie hat nicht erwähnt, dass du der Typ aus der Werbung bist." Der Tonfall war bewusst neutral, nicht herauszuhören, ob man im Inneren nun über ihn lachte oder nicht. Adrian befürchtete es allerdings. Scheiße, war das peinlich! "Was soll eigentlich der blöde Spruch mit den wirklichen Männern?"

Das interessierte ihn jetzt nicht wirklich, oder .?

"Ähm . na ja . das sollte wollte heißen, dass echte Männer den . äh den Unterschied merken, ob sie dieses oder ein anderes Duschgel . also dass praktisch nur echte Männer ." Huargs!! Wo war ein Loch in das er verschwinden konnte?? "Kommen wir noch mal zurück zu Thea."

Zum Glück ging sein Gegenüber auf diese absolut unsubtile Wechslung des Themas ein. "Wo ist sie?"

"Thea? Hat sie dir nicht gesagt, dass sie dich nicht abholen kann?" umging er lieber das peinliche Thema. "Sie sagte, sie wollte dich anrufen."

Desinteressiert wurde mit den Schultern gezuckt. "Mein Handy ist weg."

Weg? Was hieß das denn jetzt wieder? Mit diesem Tonfall hätte das alles bedeuten können. Verloren, gestohlen, kaputt gegangen, gegen Geld versetzt? Weg . Was für ein seltsamer, absolut ungesprächiger Junge.

Die obere Hälfte des Gesichtes vor ihm war von wilden, blonden Ponysträhnen verdeckt, so dass er die Augen des anderen nicht sehen konnte. Ohne ihn anzusehen, wurde der kleine, schwarze Ordner endlich zugeklappt, der bis dahin auf dem schmalen Eisengeländer geruht hatte und in einer Seitentasche verstaut.
Jetzt als er sich aufgerichtet hatte, erkannte Adrian zu seiner Überraschung, dass er gar nicht soviel kleiner war als er selbst, sondern aufgrund seines zierlichen Körperbaus nur so wirkte. Das und die hellen, widerspenstigen Haare ließen ihn jünger und kindlicher wirken als er wirklich war.

"Du bist zu spät", kam die kühle Antwort und endlich, endlich löste er sich von dem Gitter und drehte sich um. "Der Zug kam vor zwanzig Minuten."

Mit diesen Worten, kalt und abweisend vor Adrian Füße geschleudert, trat die Naturkatastrophe namens Sascha also in sein Leben. Und nichts sollte mehr sein wie zuvor.

Die Naturkatastrophe hatte grün-goldene Katzenaugen, genau dieselben wie Nachbars streunende Katze, die Adrian schon zwanzigtausendmal die Arme zerkratzt hatte, und hatte denselben Miesgelaunten Kamikazeblick unter den finster zusammengezogenen Brauen.
Außerdem war er offensichtlich der unhöflichste Mensch, dem er je das Pech hatte zu begegnen. Da ließ man einen Frisörtermin sausen und hetzte hier her nur um Thea einen Gefallen zu tun und dann so was.
Erst wurde man für einen "Kunden" im übelsten Sinne des Wortes gehalten und dann auch noch blöde angemacht weil man ein kleines bisschen später als die deutsche Bahn war.
Wenn Adrian ein Hund gewesen wäre, hätten sich ihm in diesem Augenblick alle Nackenhaare aufgestellt und er hätte ihn angeknurrt.

"Entschuldigung", gab er also bissig von sich. "Ich konnte leider auch kein Empfangskomitee bestellen oder den roten Teppich ausrollen."

Der Blonde hob die Augenbrauen. "Was denn. Von jemandem, der auf so einem tollen Plakat zu sehen ist, hätte ich mehr erwartet. Ist ja erbärmlich."

Hey! Der war unter der Gürtellinie! Allein die Erwähnung dieses scheiß-peinlichen Plakates ließ ihn rot sehen. Und der kleine Köter schien genau zu bemerken, wie peinlich ihm diese blöde Werbung zu war und nutzte das auch noch gnadenlos aus.

"Und jemand, der auf so einem tollen Plakat zu sehen ist, der kann seine Wohnung auch weitaus besser vermieten, als an Minderjährige Schnorrer, die keine Miete bezahlen können, stell dir vor!" kam die geknurrte Erwiderung. Was bildete der sich überhaupt ein .! Okay, rein technisch gesehen, war das eigentlich nicht seine Wohnung und nicht seine Miete . aber das war ja jetzt nebensächlich.

Ein Anflug von Röte huschte über das helle Gesicht und ließ die Wangenknochen aufleuchten, als sei es dem Blonden selbst peinlich, dass er kein Geld hatte und so auf die Hilfe anderer angewiesen war. Doch in wenigen Millisekunden verschwand es wieder und wurde durch einen herausfordernd aufgeworfenen Mund und ein Funkeln in den grün-goldgetupften Augen ersetzt.

"Was willst du? Soll ich dich in Naturalien bezahlen? Du stehst doch auf Kerle .!" Ein provozierender Gesichtsausdruck begleitete diese ungeheuerliche Aussage.

WAS . WAR . DAS? Adrian schnappte hörbar nach Luft.

Das durfte doch nicht wahr sein! Dieser . dieser . dieser unverschämte Rotzlöffel!

Er hasste es - wirklich es gab nichts, was ihn mehr aufregte, als das dämliche Klischee, dass man nur weil man schwul war, auch sofort mit allem was halbwegs männlich war in die Kiste hüpften musste. Er für seinen Teil, hatte da schließlich seine Ansprüche.

"Zufälligerweise bist du so was von überhaupt nicht mein Typ!" fauchte er und spürte wie die Adern an seiner Schläfe anfingen zu pochen. "Nur weil ich schwul bin, heißt das noch lange nicht, dass ich dich anziehend finden muss! Und dich würde ich nicht mal vögeln, wenn du das letzte männliche Wesen auf der Welt wärst! Klar soweit?!"

Das stimmte zufällig. Er stand nicht auf blond. Er stand nicht auf Kinder. Und schon gar nicht stand er auf Leute, deren Klappe größer war, als sie selbst.

"Glasklar!" nickte der andere überraschend einsichtig. "Sehr beruhigend. Dann muss ich ja keine Angst haben, dass du nachts in mein Zimmer kommst und mich belästigst ."

Das war vermutlich das erste Mal in seinem fast schon zwanzigjährigen Leben, dass Adrian absolut sprachlos war.

Der Blonde griff ungerührt nach einer der beiden Reisetasche, die neben im auf dem Boden standen und wandte Adrian erneut sein ausnehmend schönes Profil zu, als er abweisend gen Horizont starrte.
Die Sonne schien direkt auf ihn und verlieh seinem hellen Haar die leuchtende Optik eines Heiligenscheins. Er sah aus wie ein Engel. Ein Engel mit einem verdammt frechen Mundwerk.
Das einzige, was die Makellosigkeit des zarten Gesicht mit den feinen Zügen und dem etwas spitzen Kinn beeinträchtigte, war eine leicht geschwollene Rötung auf dem rechten Wangenknochen, die aussah, als ob sie sich innerhalb der nächsten Tage zu einem hässlichen blauen Fleck entwickeln würde.

"Wohin?" fragte er endlich ziemlich unwillig und unterbrach damit Adrians Gedankengang.

"Hm?"

"Wo steht dein Auto?", ergänzte er mit deutlich genervtem Unterton. "Ich nehme mal an, du hast eins."

Ein Engel . dem man mal gründlich den Hintern versohlen sollte! Herrlich, jetzt konnte man sich die nächsten Tage mit diesem Vollpubertierenden Großmaul herumschlagen. Hätte man sich doch niemals von Thea bequatschen lassen . oh man! Genau genommen . konnte man sich nicht eigentlich immer noch überlegen, ob man den blöden Penner nicht doch einfach hier stehen ließ? Sollte der doch sehen wo er blieb. Was ging ihn das außerdem an, wo er schlief? Der unverschämte Bengel zeigte ja ohnehin nicht das kleinste bisschen Dankbarkeit!

Für Sekunden spielte Adrian den im Moment durchaus verlockenden Gedanken durch, einfach umzudrehen, das pubertäre Balg einfach stehen zulassen und entspannt nachhause zu fahren. Keinen Ärger mit Alex riskieren. Sich keinerlei Umstände machen. Herrlicher Gedanke.

Alles sprach dafür ihn hier stehen zu lassen, oder besser dahin zu schicken wo der Pfeffer wuchs. Wenn er die Pros und Contras abgewägt hätte, wäre die Liste vermutlich sehr zu Ungunsten dieses kleinen Monsters ausgefallen.
Was ihn in letzter Instanz dann schließlich bewog den Kleinen doch mitzunehmen, konnte er im Endeffekt nicht einmal selbst beantworten.

Da war etwas an ihm . an der sturen, abweisenden Haltung des Blonden, das Kinn trotzig erhoben und der Sonne entgegengestreckt. So unnahbar und gleichgültig. Und doch war die Hand, die den Griff der Reistasche umklammerte, als sei es eine Rettungsleine am zittern. Nicht viel, kaum merklich, wenn man nicht darauf achtetet, aber doch genug, dass es Adrian, der ein aufmerksamer Beobachter war, auffiel. Tatsache war, der Kleine zitterte schon vor Erschöpfung und sah unter der ganzen coolen Haltung ein bisschen so aus, als würde er jeden Moment zusammenklappen. Vielleicht lag es am Schlafmangel oder wusste der Geier wann er das letzte Mal was gegessen hatte.

//Doch nicht spurlos vorüber gezogen, die letzten Tage, was?//

Und da war ja immer noch dieser blaue Fleck auf seiner Wange . als ob ihn jemand geschlagen hätte und das nicht grade sanft. Auch wenn Adrian selbst während der letzten zehn Minuten bestimmt mindest fünfmal den brennenden Wunsch gehabt hatte dem anderen eine Ohrfeige zu verpassen . war es doch kein schöner Gedanke sich vorzustellen, wie diese Schwellung zustande gekommen war.

Vielleicht war es auch nur, weil er bloß ein verdammt viel zu weichherziger Idiot war, dass er es schließlich doch nicht fertig brachte ihn hier stehen zu lassen. Wer wusste das schon.

Adrian deutete mit einer vagen Geste hinter sich und seufzte ergeben. "Da hinten. Soll ich dir irgendwas abnehmen?"

Auch wenn der kleine Hosenscheißer keine Manieren hatte, hieß das ja noch lange nicht, dass man sich selbst so verhalten musste. Außerdem fragte man sich sowieso wie diese schlanken Arme es jemals geschafft hatte, die beiden Taschen alleine so weit zu tragen.

"Schon ruhig deine Hände, Meister Proper", wurde unfreundlich gemurmelt. Hocherhobenen Hauptes wurden die beiden Taschen gepackt und mitgeschleift. Er würdigte Adrian keines Blickes als er an ihm vorbeiging, Richtung Parkplatz.

Der rollte mit den Augen und bereute seine Nettigkeit gleich wieder. "Entschuldige, dass ich gefragt habe, euer Hoheit ." Mit einem Mitleiderregenden Seufzer richtete er seinen Blick nach oben. Womit hatte er das verdient .?

"Wenn du fertig bist damit, dein Plakat zu bewundern, kannst du ja nachkommen", rief der entschwindende Blonde über seine Schulter.

"Was hab ich dir denn je getan?" zischte Adrian anklagend gen Himmel.
Er stand tatsächlich neben dem überdimensionalen Bild von sich in der Badehose. Was für ein schrecklicher Gedanke, dass der unverschämte Bengel ihn in diesem knappen, blauen Ding gesehen hatte. Und erst der dämliche Spruch . "Oh man ."

Missmutig lief er dem Jüngeren hinterher und ertappte sich dabei wie er einen kurzen Blick auf den kleinen knackigen Hintern vor sich warf. Wie der wohl in einer Badehose .?
//Oh nein! Zurück. Aus. Sitz. Platz. So fangen wir erst gar nicht an, klar? Das wäre ja noch schöner .//
Und nein, er war wirklich nicht sein Typ! Da konnte der Kleine noch so einen süßen Arsch haben - allein die große Klappe machte es wieder wett! Unverschämter Rotzlöffel.
Allein diese Andeutung, dass er auf so was stehen könnte. Eine absolute Frechheit. War er pädophil, oder was? Adrian bevorzugte erwachsene Männer, soviel war klar. Stilvolle, souveräne Männer mit Humor und Intelligenz und ja, zugegeben ein netter Hintern war nicht zu verachten .

Tatsächlich schaffte der Kleine es die beiden schweren Taschen ohne ein einziges Mal abzusetzen bis zum Parkplatz zu tragen. Sein Atem ging bis dahin zwar etwas schneller und sein Gesicht war leicht gerötet vor Anstrengung, aber er hatte einen herablassenden Ausdruck in den Augen - genau denselben wie Nachbars verfluchte Katze, wenn sie ihm mal wieder voller Wonne eine tote Maus vor die Füße geworfen hatte.

Adrian verdrehte die Augen. So jetzt reichte es! Viel mehr Demütigung an einem einzigen Tag ließ er sich jetzt einfach nicht mehr bieten.
In einer lässigen Bewegung holte er mit einer Hand seine Sonnenbrille heraus und setzte sie auf und griff mit der anderen praktisch im vorbeigehen nach den beiden Taschen. Ohne darauf zu warten, ob das dem Blonden passte oder nicht, trug er sie zu einem kleinen dunkelblauen Ford, der genauer gesagt nicht ihm sondern Alex gehörte.

"Die letzten fünf Meter hätte ich auch grade noch alleine geschafft", vernahm er hinter sich.

Er öffnete den Kofferraum und warf erst eine, dann die andere Tasche mehr oder weniger unsanft hinein.

"Ach, weißt du ." sagte er dann "ich halte nichts von Kinderarbeit."

"Ich bin kein Kind."

"Tja, lass es mich mal so sagen, Kleiner", sagte er und wedelte mit den Autoschlüsseln, "zeig mir entweder deinen Führerschein und dann glaub ich dir dass du kein Kind bist. Oder du bist eins - und kommst dafür in den Genuss von mir gefahren zu werden. Such dir was aus."

Mit einem Grinsen öffnete er die Fahrertür. So langsam fing es an, ein kleines bisschen Spaß zu machen. Immerhin hatte er in dem Fall jawohl alle Trümpfe in der Hand.

Mit einem ungnädigen Blick wurde sich endlich auf dem Beifahrersitz niedergelassen. Adrian seufzte erleichtert. Na also.
"Netter Wagen", sagte Sascha harmlos. "Diesel?"

"Ja." Adrian nickte und ließ den Motor an. Na endlich. So langsam schien der Kleine ja doch noch zivil und einigermaßen umgänglich zu werden. Vielleicht wurde die ganze Angelegenheit doch nicht so ein Fiasko wie er angenommen hatte. "Woher weißt du das?"

"Och ." mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck wurde der Blick aus dem Fenster gewandt. Noch in der Spiegelung der Scheibe konnte Adrian das freche Grinsen sehen, dass sich auf dem Gesicht des anderen ausbreitete. "Was soll ich sagen . real men feel the difference?"

~*~*~*~*~*~

"Das", sagte Alex, "war grade der dritte hysterische Anruf von Thea. Wir sollten uns langsam mit dem Gedanken befassen das Telefon auszustöpseln."

"Nun, sei nicht so fies! Sie macht sich eben Sorgen, weil der Kleine seit über zwei Stunden nicht mehr an sein Handy geht."

"Nein, das Weib hat einfach ein Problem mit ihren Nerven. Und sie geht mir auf meine."

"Ich dachte, du magst sie?"

Alex starrte einen Moment lang versonnen nach draußen und rührte in ihrem Kaffee. "Sie hat hübsche Titten", stellte sie schließlich zustimmend fest.

"Schön, also magst du Theas Titten", in einer Geste absolut überstrapazierter Geduld wurden bernsteinfarbene Augen gerollt. "Dann denk dir beim nächsten Anruf einfach du telefonierst mit ihren Brüsten. Vielleicht fällt es dir dann leichter nett zu sein."

"Oha. Ist da jemand eifersüchtig?" kam prompt die spöttische Erwiderung.

"In deinen Träumen vielleicht, du Casanova."

Alex zuckte mit den Schultern und pustete ein paar hartnäckige Strähnen des kurzen blonden Haars aus der Stirn. Eigentlich hätte sie genau wie Vanessa, die ihren Kopf wieder in einem dicken und äußerst langweilig aussehenden Wälzer vergraben hatte, lernen sollen. Aber irgendwie konnte sie sich im Moment nicht dazu aufraffen. Sie saß auf dem Fensterbrett neben der Spüle, die langen Beine angezogen und genoss die Aussicht aus dem oberen Stockwerk.

"Hast du eigentlich schon mit dem alten Drachen gesprochen?" fragte Vanessa, ihr kastanienbrauner Schopf immer noch über das Buch gebeugt. "Wegen der Zwischenmiete?"

"Pfff ." Von der Blonden auf dem Fensterbrett kam ein abwertendes Geräusch. "Lass das doch Adrian regeln. Immerhin hat er uns den Parasit in unser freies Zimmer gesetzt. MEIN schönes Arbeitszimmer genauer gesagt."

"Er ist kein Parasit! Und wozu ausgerechnet du ein Arbeitszimmer brauchst ist mir ehrlich gesagt absolut rätselhaft ." Ein missbilligender Blick wurde auf den Stapel Ordner geworfen, an dem Alex eigentlich schon seit Wochen hätte sitzen müssen, die aber bisher nur ungerührt Staub ansetzten. "Du arbeitest ja doch nie."

"Aber wir hätten immerhin schöne Chef-Sekretärin-Spiele auf dem Schreibtisch spielen können ." kam der berechtigte Einwand. Verträumt nippte Alex an ihrer Tasse.

"Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Adrian vorhat ihn offiziell hier wohnen zu lassen ."stellte Vanessa nachdenklich fest und schob eine Locke kastanienbraunen Haares hinters Ohr, die aus ihrer hochgesteckten Frisur gerutscht war. Fasziniert beobachtete Alex wie die untergehende Sonne sich auf dem glänzenden Haar spiegelte und es wie Kupfer aufleuchten ließ. "Das wird sicher wieder so eine heimliche Aktion. Nachdem er ja offensichtlich kein Geld hat ." Wieder wurde sich dem Buch zugewandt.

"Na, das wird lustig zuzusehen, wenn er versucht ihn unauffällig an dem alten Drachen vorbeizuschmuggeln", unwillig wandte die Blonde den Blick wieder Richtung Fenster. "Auf so hirnrissige Ideen können auch nur Thea und Adrian kommen."

In diesem Augenblick schrillte erneut das Telefon.

Zwei Hände griffen gleichzeitig danach, aber die Blonde am Fenster war die erste. Schneller, als Vanessa zugreifen konnte, hatte Alex schon das Schnurlose in der Hand und an ihr Ohr gedrückt.

"Hallo", hauchte sie lasziv in der Hörer, "blond, bereit und willig, stets zu ihren Diensten. Was kann ich für sie tun? Tit-. ich meine Thea . so eine Überraschung ." Sie rollte mit den Augen. "Nein . nein . nein, haben wir nicht. Ja, ich sag´s ihm . Aber natürlich . Klar doch. Ciao." Mit einem befriedigten Gesichtsausdruck legte sie auf.

"Gott, ich liebe diese Frau! Sie hechelt immer so schön, wenn sie Tae Bo macht."

"Ich dachte, sie nervt dich."

"Ich bitte dich. Wie könnte sie? Eine Frau mit so schönen ."

"Schweig, du Biest! Meine Brüste", sagte Vanessa in diesem Augenblick und klappte ihr Buch mit Nachdruck zu, "sind viel hübscher, nur zu deiner Information."

Alex grinste. "Davon sollte ich mich bei Gelegenheit mal wieder überzeugen, findest du nicht?"

Sie ließ die Kaffeetasse in die Spüle gleiten und rutschte in einer geschmeidigen Bewegung von der Fensterbank. Mit einem vielsagenden Grinsen näherte sie sich Vanessa, die sie mit einer Mischung aus Ärger und Faszination ansah.

Das Geräusch aufquietschender Reifen vor dem Fenster erstickte jedoch jegliche potentiell jugendgefährdende Aktion schon im Keim und ließ Alex genervt aufstöhnen.

"Na toll . Adrian und der Parasit sind da ."



Teil 2


Sein Kopf tat weh. Das war das erste was Sascha registrierte, als das gemütliche Gerüttel, das ihn eben noch in den Schlaf gelullt hatte plötzlich aufhörte.
Er pochte dumpf vor sich hin, fühlte sich an wie aus Watte, und die unbequeme Stellung in der er sich grade befand war auch nicht grade hilfreich um das zu lindern sondern verschlimmerte es eigentlich nur. Es war heiß und er fühlte sich verschwitzt und klebrig. Seine Wange drückte auf etwas Hartes . Fensterglas . auf dem er unbequem hin und her rutschte. Oh scheiße . wo zum Teufel war er denn? Und wieso fühlte er sich so schrecklich müde? Wie zerschlagen .Irgendjemand sagte seinen Namen.

Verwirrt schoss er hoch und blickte sich um.

"Na, wieder wach?" sagte eine freundliche Stimme neben ihm. Täuschte er sich oder schwang da etwa ein kleines bisschen Sorge im Tonfall .?

Sascha brauchte einen Augenblick um sich zu orientieren. Sein Gehirn war noch nicht wieder voll da. Als es ihn schließlich anhand der neusten eingehenden sensorischen Informationen - geparktes Auto, Haus, Posterboy auf dem Fahrersitz neben ihm- auf den neusten Stand gebracht hatte, nickte er hastig.

"Oh gut, denn sonst hätte ich dich gleich wie ne Braut über die Schwelle tragen müssen", kam sofort die diesmal eher belustigt klingende Erwiderung. Hatte er sich wohl doch nur eingebildet . als ob sich Meister Proper ausgerechnet um ihn Sorgen machen würde.

Sascha funkelte ihn an. "Wag es ja nicht .", wurde immer noch ziemlich müde geknurrt. Der finstere Blick aus den Katzenaugen hätte vermutlich bedrohlich wirken sollen, aber wurde durch ein herzhaftes Gähnen leider völlig seiner Wirkung beraubt. Ein verschlafenes Blinzeln folgte und für einen Moment musste sich Sascha wirklich zusammenreißen um nicht sofort wieder wegzupennen.
Vermutlich wäre der widerspenstige Junge noch aufgebrachter gewesen, wenn er gewusst oder auch nur geahnt hätte, was dem Schwarzhaarigen mit dem leicht spöttischen Grinsen neben ihm in diesem Augenblick durch den Kopf ging .
Es waren erneute, teils unvorteilhafte und teils mit leichtem Amüsement angestellte Vergleiche zwischen seinem neuen "Mitbewohner" und Nachbars feindseliger, kratzender Katze.

Tatsächlich waren sie schon einige Minuten früher vor der Wohnung angekommen, aber Adrian hatte es einfach nicht übers Herz gebracht den Kleinen aufzuwecken. Die kurze Denkpause kam ihm außerdem selbst sehr gelegen. Er hatte mit einem Seufzen die Arme auf das Lenkrad gestützt und das schmale Gesicht und die plötzlich so empfindsamen Züge betrachtet und sich ernsthaft gefragt, was er mit dem Kleinen jetzt anfangen sollte.
Wenn er jemals die Klappe hielt und so friedlich vor sich hinträumte, hatte er wirklich etwas Engelhaftes an sich. Außerdem musste er definitiv sehr erschöpft gewesen sein, wenn er mitten in Alex uralter Klapperkiste so einfach einschlafen konnte. Adrenalin hält eben auch nicht ewig aufrecht.

"Wieso sitzen wir hier eigentlich noch so dämlich rum?" zerstört die bissige Stimme mal wieder jede Illusion von Zartheit und Unschuld. "Wenn du ernsthaft darauf wartest, dass ich in diesem Leben noch in ein Brautkleid hüpfe, hast du dich geschnitten."

"Ich überlege grade", sagte Adrian nachdenklich "unter welchen durchsichtigen Vorwänden ich dich ins Haus schmuggeln kann, ohne dass der alte Drache den Braten riecht und endlich ihren Grund findet mir eine Mieterhöhung aufzubrummen."

Sascha sah nicht so aus, als verstand er wovon er redete.

"Na ja, das ist ja nicht meine Wohnung ." fuhr der Schwarzhaarige also erklärend fort.

"Nicht?"

"Nein, natürlich nicht. Hat Thea etwa erzählt, es sei meine?" Das war ja mal wieder typisch Thea .

"Na ja . ja. Irgendwie schon." Er nickte.

"Okay, stell dich den unschönen Wahrheiten des Lebens, mein Junge - sie hat gelogen."

Ein schräger Blick folgte, der deutlich sagte "Versuch hier nicht witzig zu sein!" und Adrian hätte beinah breit gegrinst.

"Nein, unserer allseits beliebten Frau Krawelman gehört das ganze Haus. Sie wohnt im unteren Stockwerk und Alex, Vanessa und ich im oberen", erklärte er also bereitwillig. "Wir bezahlen glücklicherweise nicht soviel Miete, wie man es bei so vielen Quadratmetern normalerweise müsste, weil das Ganze so abgeschieden in der Pampa liegt. Eigentlich ist das oben für vier Leute ausgerichtet, aber sie hat bisher noch keinen Nachmieter für Carola gefunden und wir glauben ehrlich gesagt, dass sie es sowieso nicht mehr vorhat. Deshalb ist da im Moment noch ein Zimmer frei. Klar soweit?"

"Und wieso sollte sie überhaupt mitkriegen, dass du jemanden dabei hast?"

"Weil ihr einziger Lebensinhalt ist, im Treppenhaus auf der Lauer zu liegen, und unser Leben mit "weisen" Ratschlägen zu bedenken. Neben der Lindenstrasse und "Wer wird Millionär" natürlich."

"Sag ihr doch einfach ich käme nur zu Besuch." Schlug der Blonde vor und versuchte ein neuerliches Gähnen zu unterdrücken. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sein Kopf gegen die einladende breite Nackenstütze hinter ihm sank. "Wen interessiert das schon .?"

"Mit zwei Reisetaschen?"

"Hm. Sexspielzeug?"

"Hast du sie noch alle?! Gott, an deinem Schwulenbild müssen wir dringend mal arbeiten ."

"Hm ."

"Denkst du wir feiern jeden Tag wilde Sexorgien??"

Adrian warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Der Blonde hatte sich so gemütlich in seinen Sitz eingekuschelt, als könnte er auf der Stelle einschlafen und die langen Wimpern flatterten verdächtig oft nach unten.
Auch wenn er immer noch beinah hundertprozentig sicher war, dass der Kleine absolut nicht sein Typ war, kam Adrian nicht umhin zuzugeben, dass er manchmal wirklich niedlich sein konnte. Zumindest wenn er endlich mal still war und einen vor seinen ätzenden Bemerkungen verschonte .

"Wie lange ist es her, dass du richtig geschlafen hast?" fragte er und wusste selbst nicht wieso ihn das interessierte.

"Weiß nicht ." kam die verschlafene Antwort neben sich. "Zwei, drei Tag oder so ." Sein Kopf wurde immer schwerer und schwerer und sank zur Seite.

Vorgestern, dachte Sascha im Halbschlaf, als sein Leben noch bilderbuchmäßig in Ordnung war. Scheiße, war das lange her. Und dann . von einer Sekunde zur anderen . ohne, dass er wirklich kapiert hatte, was passiert war . aus . alles aus und vorbei.


~*~*~*~*~*~


Als er das nächste Mal wieder erwachte, fühlte Sascha sich definitiv besser.
Sein Kopf hatte aufgehört zu hämmern und er fühlte sich so erholt wie schon lange nicht mehr. Einen Moment lang war er versucht sich zurück in das angenehm weiche Laken zu kuscheln, sich umzudrehen und einfach entspannt weiterzupennen - als ihm plötzlich klar wurde, dass er gar nicht wusste, wo er war.

Diese Erkenntnis führte dazu, dass er erschrocken hochfuhr und sich mit einem leichten Anflug von Panik umsah. Fremdes Bett, fremde Möbel, fremdes Zimmer . nur die Taschen, die mitten im Zimmer standen waren definitiv seine eigenen, und halfen ihn wieder etwas zu beruhigen.

Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet, dass es halb neun war . jetzt war die Frage nur noch, ob morgens oder abends. Und wie war er überhaupt hier her gekommen? Das letzte an das er sich erinnerte, war dass er mit Posterboy - oder Adrian - im Auto gesessen und über Sexspielzeug geredet hatte. Und danach? Danach war alles weg.

Immer noch etwas verpennt stand er auf und torkelte zur Tür. Alles in seinem Körper schrie nach einer Dusche und einem riesigen Frühstück, aber zuerst und vor allem anderen musste geklärt werden, wie er hier hergekommen war.
Der Flur war leer, als er seinen Kopf vorsichtig aus der Tür schob und nutzte die Gelegenheit um sich interessiert umzusehen, während er weiterlief. Die Wohnung war keine klassische Studentenbude, wie er erwartet hatte sondern ausgesprochen groß und hell und mit schönen, neuen Möbeln ausgestattet.
Als er einem Flurspiegel vorbeikam, hielt er ganz plötzlich inne und lief wieder zurück.

Verdammt .! Wieso zum Teufel hatte er denn nur seine Boxershorts an??
Konnte ihm das mal einer erklären? Noch dazu ausgerechnet die mit Snoopy drauf .
Noch bevor er peinlich berührt in sein Zimmer flüchten und sich wenigstens ein T-Shirt überziehen könnte, öffnete sich plötzlich hinter ihm einer der vielen Türen.
Sascha fuhr herum.

Wenigstens die Schande blieb ihm erspart - es war nicht Adrian. Und offensichtlich keins der beiden Mädchen von deren Existenz er bisher nur durch Hörensagen wusste. Es war ein Hund. Zumindest tippte Sascha darauf, dass es wohl ein Hund sein sollte. Ganz sicher war er nicht. Aber als das "Ding" dann bellend auf ihn zu rannte, beseitigte es seine letzten Zweifel.

"Wuff wuff . hrrrrrr", knurrte das Ding und hüpfte wie blöde um ihn herum. Es war einer der größten Hunde die er jemals gesehen hatte und auch wenn er es niemals zugegeben hätte, wurde ihm in diesem Moment etwas flau im Magen. Das Vieh reichte ihm fast bis zur Taille und hatte die größtmöglichen Zähne, die ein Hund überhaupt besitzen konnte ohne als Wolf durchzugehen.

"Äh sitz!" probierte er aus. "Platz!" Unwillkürlich wich er etwas zurück, als der Köter knurrend und mit aufgestellten Nackenhaaren näher kam. "Sei ein braves Monster . Ich warne dich, du Vieh, ich habe einen schwarzen Gürtel, also guck mich nicht so hungrig an."

Das Ding schien nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Es knurrte ihn weiter munter an und zeigte die ganze Reihe seiner meterlangen Elefantenzähne.

"Geh und zerfleisch einen Büffel oder was du sonst so tust. Ich bin nicht dein Abendessen!"

"Frühstück wäre wohl passender", sagte in diesem Moment eine amüsiert klingende Stimme von der anderen Seite des Flurs. "Angesichts der Uhrzeit."

Oh Gott . hätte ihn Lassie doch lieber aufgefressen . Alles besser, als das ausgerechnet DER ihn jetzt halbnackt sah. Obwohl er auch nicht grade allzu viel Überflüssiges anhatte im Moment. Es sei denn, man betrachtete ein ärmelloses T-Shirt und eine Sporthose als überflüssig . (Ja, hier, ich!!! Ähem *hust* sorry . weiter im Text. XD)

"Komm her, Washington" befahl Adrian und pfiff leise durch die Zähne. "Lass ihn in Ruhe. Er ist kein Einbrecher."
Überraschenderweise gehorchte ihm das blöde Vieh, machte eine rasante Kehrtwende und sprang schwanzwedelnd auf ihn zu. Es sabberte freudig, als der Dunkelhaarige sich zu ihm runterbeugte und fing an sich an ihn zu schmiegen.

"Washington? Wie die Stadt?"

"Nein, wie der Präsident. Sein Spitzname ist George."

"Nur aus Neugier ." fragte Sascha und betrachtete stirnrunzelnd die schlagartige Verwandlung von einem tollwütigen Werwolf zu einem wedelnden Schmusetier. "Das IST doch ein Hund, oder?"

"Tja, Alex sagt es und ich bin niemand der ihr in dem Punkt widersprechen würde", sagte der Dunkelhaarige zweifelnd und kniete sich neben das Riesenbaby um es hinter den Ohren zu kraulen. "Er ist definitiv das liebste und treuste Vieh, das man sich nur vorstellen kann . und leider auch das hässlichste. Aber du musst wirklich keine Angst vor ihm haben. Er ist wie ein überdimensionaler Schoßhund."

"Ich hatte keine Angst", sagte Sascha herablassend. "Ich äh mag nur Hunde nicht besonders." Vor allem keine, die bellten und ihn anknurrten und dermaßen riesig waren, wie dieser blöde Köter, fügte er in Gedanken hinzu.

"Ach nein .?" Grinste der Blödmann etwa? "Und ich kam mir mal wieder vor wie dein Retter in letzter Not."
Boah! Schon wieder so ein blöder Spruch! Musste der eigentlich immer versuchen irgendwas zu sagen, damit Sascha sich auch ja wie ein Idiot vorkam??

Adrian blickte auf und warf interessiert einen kurzen Blick auf Saschas mehr oder weniger unbekleideten Zustand. Hastig verschränkte dieser die Arme vor der Brust.

"Starr mich bloß nicht an", knurrte er in Abwehrstellung.

"Bild dir nur nichts ein", der Dunkelhaarige rollte mit den Augen. "Wenn ich dich anstarren wollte, hätte ich dazu gestern Abend genügend Gelegenheit gehabt, klar? Hey, ich hätte sogar ungestört jede Menge Photos von dir machen und sie ins Internet stellen können, so fest warst du weg."

"DU hast mich ausgezogen", die grünen-goldenen Augen wurden schmal und funkelten. "Perverser Spanner!"

Was sollte man dazu sagen . der Kleine war ja sogar früh am morgen ein richtiger kleiner Sonnenschein.

Adrian hob die Augenbrauen. "Also weißt du . im Endeffekt lief es auf mich oder Alex hinaus. Glaub mir, du hast die bessere Wahl getroffen."

"Tu bloß nicht so aufopferungsvoll", wurde bissig kommentiert. "Du findest es doch bloß geil nackte Männer zu sehen ."

Bitte . WAS? Okay, langsam war man ja einiges von dem Rotzlöffel gewohnt, aber das ging zu weit!

"Du warst aber NICHT nackt!" stieß der Ältere mit knirschenden Zähnen hervor und stand wieder auf. "Und in Anbetracht der Tatsache, dass wir Hochsommer haben und direkt unterm Dach wohnen, fand ich äußerst human von mir dir ein paar Klamotten auszuziehen."
Er hätte Fieserweise noch hinzufügen können, dass der Kleine sowieso noch kein richtiger Mann war . andererseits hatte man ja noch keinen Blick auf den Inhalt dieser neckischen Boxershorts geworfen und von daher . Wer weiß.

Ja, zugegeben, er hatte einen winzigen, klitzekleinen Blick auf ihn riskiert, als er ihm das Shirt ausgezogen hatte. Also nicht auf den Inhalt der Boxershorts. Auf den dazugehörigen entblößten Oberkörper.
Was hätte er auch machen sollen? Ihn mit geschlossenen Augen entkleiden? Und er hatte sowieso nur erneut bewiesen bekommen, dass der Kleine wirklich ÜBERHAUPT nicht sein Typ war. Die Haut war viel zu hell und der Körperbau viel zu schmal und zierlich und überhaupt war er viel zu blond und viel zu jung und .

"Ach, human nennt man das also." Die Stimme triefte geradezu vor Sarkasmus.

. und viel zu frech!!

Es war nicht zu fassen. Da stellte einen dieses frühreife Früchtchen doch tatsächlich als abartigen Kinderschänder oder schlimmeres dar, nur weil man mal nett sein wollte. Musste man sich so was bieten lassen? Wo es doch nichts - wirklich gar nichts!!! - an diesem Bengel gab, was ihn auch nur im Entferntesten reizen würde.

"Hey, wie wär´s mal mit ein bisschen Dankbarkeit dafür, dass ich dich bis in den zweiten Stock getragen habe", fauchte er. Seine Nackenhaare hatten sich simultan mit denen von Washington aufgestellt, der erneut angefangen hatte den unverschämten Kerl anzuknurren, der es wagte sein heiß geliebtes Herrchen zu ärgern. "Ich hätte dich auch einfach im Auto liegenlassen können."

"Oh toll. Ich bin ja so beeindruckt!" schnaubte Sascha verächtlich.

Tatsächlich hatte er in einem Winkel seines Gehirns schon längst befürchtet, dass es so gewesen war. Es war einleuchtend, dass einem nicht über Nacht plötzlich Flügel gewachsen waren und er von allein hier her geschwebt war. Und ein Blick auf Adrians gut gebauten,
durchtrainierten Oberkörper machte das ganze nicht einmal allzu unwahrscheinlich. Scheiße, war das peinlich .

"Ph. Glaub bloß nicht, dass mir diese Macho-Nummer irgendwie imponieren würde", stellte er schnell richtig, damit man auch ja nicht auf falsche Gedanken kam.

Adrian spürte wie sein Blutdruck mal wieder höchst ungesunde Werte annahm. Er war ja wirklich ein geduldiger Mensch - meistens - aber dieser Bengel trieb ihn mit seinen ätzenden Sprüchen wirklich zur Weißglut.

"So, jetzt hör mir mal zu, Kleiner .!" Mit unbewusst geballten Fäusten und funkelnden Augen trat er auf ihn zu. "Das ist MEINE verdammte Wohnung, in du dich grade einquartiert hast, MEINE kostbare Zeit, die du in Anspruch nimmst und MEIN wunderbares Leben, dass du grade verkomplizierst! Aber erwarte ich dafür irgendetwas von dir? NEIN!" Mit jedem Wort war er ein bisschen lauter geworden und ein bisschen näher gekommen. "Ich will kein Geld von dir, keinen Sex und keine sonstigen Gefälligkeiten! Klar?! Also stell mich verdammt noch mal nicht immer als notgeilen Zuhälter dar, der nur auf deinen kleinen Knackarsch aus ist!!"

"Kleiner Knackarsch? HA! War ja klar, wo du zuerst hinguckst ."

"Huargs!! Jetzt reichts!"

Theoretisch hätte dieses Wortgefecht noch stundenlang weitergehen können. Wenn, ja wenn Washington es nicht verhindert hätte. Mit einem Bellen warf er sich zwischen die Beiden. Er hatte vermutlich nicht vor, Sascha anzugreifen, sondern wollte nur sein Lieblingsherrchen etwas verteidigen. Trotzdem geriet der Blonde dabei ins straucheln und stolperte nach hinten. Leider befand sich hinter ihm ein ziemlich großer Schrank mit ziemlich harten Kanten .

"Shit!" Scharf saugte Sascha die Luft ein, als er mit gegen eine Ecke des Schrankes knallte. Er sank nach vorne, eine Hand mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die linke Schulter gepresst. Erschrocken sah Adrian wie er in die Knie ging. Er hatte nicht erwartet, dass es so wehtun würde.

"Scheiße!" Sofort kniete er neben ihm.
"Warte, lass mich sehen", befahl er.

Der Blonde schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf. "Da . gibt es nichts zu sehen."

Ohne auf seine Worte zu achten, griff Adrian behutsam nach seinem Arm und wollte ihn zu sich ziehen, um einen Blick auf seinen Rücken werfen zu können. Heftiger als erwartet und mit einem wutschnaubenden "Finger weg!" wurde ihm der Arm entrissen.

Überrascht von soviel Abwehr, ließ Adrian los.
Aber als Sascha sich hastig erheben wollte und erneut ein Stöhnen unterdrückte, griff er entschlossen wieder zu. Grade so fest, dass er die schmalen Handgelenke nicht unnötig quetschte aber doch fest genug, dass ihm der andere nicht noch einmal so leicht entkommen konnte, zog er ihn zu sich.
Seine Augen weiteten sich. Ein mehr als handtellergroßer, leicht geschwollener Bluterguss erstreckte sich quer über das linke Schulterblatt. Kein Wunder, dass die unangenehme Begegnung mit dem Schrank so wehgetan haben musste.

"Verdammt. Wie ist das passiert?" fragte er entsetzt. Es sah schmerzhaft aus und es verursachte ihm Bauchschmerzen sich vorzustellen, wie es dahin gekommen war. Wieso war ihm das beim ausziehen nicht aufgefallen?

"Ist nicht wichtig." Hartnäckig entzog der Blonde ihm den Arm und versuchte sich aus seinem Griff zu entwinden. Halbnackt in den Armen dieses Kerls zu hängen . nein, das musste wirklich nicht sein.

"Doch! Wo hast du das her?" Genauso hartnäckig hielt Adrian ihn fest. "Nun, zapple nicht so - du tust dir nur noch mehr weh!"

"Kann dir doch egal sein." Endlich hielt er inne und hörte auf sich gegen den stählernen Griff zu wehren, nur der Kopf war immer noch widerspenstig zur Seite gedreht. "Das geht dich sowieso nichts an ."

"Red doch keinen Blödsinn." Behutsam wurde eine Hand unter sein Kinn gelegt und sein Kopf herumgedreht. Dunkelblaue Augen sahen ihn fest und durchdringend an. Brachten Sascha dazu wie erstarrt still zu halten und heftig zu schlucken. "Was ist passiert?"

"Lass mich los ." war die leise Erwiderung. Es klang beinah bittend.

"Sag´s mir!"

"Lass mich erst los."

Zögernd wurde eine Hand von seinem Arm und die andere unter seinem Kinn entfernt. Unwillkürlich stand Sascha auf und stolperte hastig einen Schritt zurück, die Arme abwehrend vor dem Körper verschränkt.
Seltsam, aber als der Dunkelhaarige ihn vorhin angebrüllt hatte, hatte ihn das überhaupt nicht beeindruckt. Nur dieser Blick grade eben . dieser intensive Blick - davon bekam er Gänsehaut. Der hatte bewirkt, dass ihm ganz seltsam und schwach davon geworden war . wieso war ihm vorher nicht aufgefallen, was für blaue Augen Adrian hatte . Immer noch abwartend wurde er aus genau diesen Augen angestarrt.

"War nur so ein blöder Kerl auf dem Bahnhof", er zuckte abwertend mit den Schultern. Gleichzeitig konnte er nicht verhindern, dass er die Arme noch ein bisschen fester um sich schlang. "Er hat mich mit nem Stricher verwechselt und als ich es ihm für Geld nicht besorgen wollte, hat ihn das ziemlich angepisst."

"Aber wie .?"

"Hat mich mit dem Rücken gegen die Schließfächer gedonnert", fauchte er "Bist du jetzt zufrieden? Was soll die blöde Fragerei?"

Adrian atmete tief aus. So war das .
Das erklärte zumindest die heftige Reaktion des Blonden als er ihn auf dem Bahnsteig angesprochen hatte.
Was es allerdings überhaupt nicht erklärte, war die heiß kochende Wut, die bei dieser Vorstellung in ihm aufwallte.
Allein der Gedanke, dass so ein blöder Arsch den Kleinen angegriffen hatte, ihn gegen seinen Willen festgehalten . mit gierigen Händen auf der hellen Haut herumgetatscht . und gegen die Schließfächer geknallt hatte . ließ in ihm den brennenden Wunsch entstehen diesen Kerl zu suchen und ihm furchtbare Schmerzen zu bereiten.

"Bist du okay? Hat er .?"

"Nein!" wurde fast gebrüllt. "Denkst du, ich kann mich nicht wehren? Natürlich nicht!"

Wütend . er war so wütend, dass er sich beherrschen musste, es sich nicht anmerken zu lassen. Irgendetwas in Adrian kochte und brodelte und wollte in dazu bringen loszuziehen und diesem Mann alle Knochen brechen. Jeden einzelnen.

"War er das auch.?" fragte er, mit mühsam zurückgehaltener Stimme und deutete auf sein Gesicht.

Scharf atmete der Blonde ein und zuckte zusammen. Seine Hand fuhr fast automatisch hoch zu seiner Wange um den blauen Fleck zu verdecken. Lange war es still.

"Nein .", kam schließlich die kaum hörbare Antwort und Adrians Augen weiteten sich. "Nein. Das nicht ."

Bevor er sich Gedanken darüber machen konnte, was diese Aussage implizierte, sprach Sascha auch schon weiter.

"Im übrigen tut es mir leid, wenn ich so ohne weiteres in dein scheiß-perfektes Leben stolpere und alles durcheinander bringe", sagte er ohne ihn dabei anzusehen. Die langen blonden Strähnen fielen ihm tief ins Gesicht und verdeckten seine Augen. Seine Stimme klang rau. "Mir macht es auch keinen Spaß auf die Gefälligkeiten andere Leute angewiesen zu sein, das kannst du mir glauben. Sobald . sobald ich irgendeine Möglichkeit gefunden habe an Geld zu kommen, seid ihr mich wieder los."

Mit diesen Worten drehte er sich um.
Es war das allererste Mal, dass er etwas zu Adrian gesagt hatte, dass keine Beleidigung oder ein frecher Spruch war. Sondern das erste Mal das er unter der rauen Schale etwas von der darunter versteckten Verletzlichkeit durchblicken ließ. Trotzdem war es auch nicht unbedingt das was dieser hören wollte.
Er warf einen letzten Blick über seine Schuler und der altbekannte überhebliche Gesichtsausdruck war wieder da.

"Ich geh mich jetzt anziehen und duschen . Aber komm ja nicht spannen."

Es klang bissig und anmaßend wie immer und er schlenderte, als ob nie etwas gewesen wäre den Flur entlang zurück. Adrian kniete auf dem Boden und sah ihm nach.

Verdammt. Er wurde einfach nicht schlau aus ihm. Nicht ums verrecken.

Fortsetzung folgt