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Taichis bester Freund Teil 6 - 8

Teil 6 

Er drehte sich hin und drehte sich wieder zurück. Wo war bloß ein Spiegel wenn man mal einen brauchte? Und sah er wirklich so lächerlich aus, wie er sich fühlte?

//Dafür wird Hidaka LEIDEN, soviel ist schon mal sicher.//

"Matt? Alles klar da drinnen? Bist du fertig?"

"Hn. Darüber ließe sich streiten."

Langsam und widerstreben öffnete er die Tür der Umkleidekabine.

"Tai, ich sehe aus wie ein Idiot!"

Der braunhaarige Junge musterte ihn interessiert von oben bis unten, was den Blonden dazu brachte unruhig hin und her zu rutschen und an Taichis viel zu weitem Trikot herum zu zupfen.

"Was tust du da?!" fauchte Matt als Tai sogar anfing um ihn herumzulaufen und anfing ihn ausführlicher als eine Sahnetorte auf dem Büffet zu betrachten. "Lass das! Ignorier mich einfach, bitte!"

"Was hast du denn?" grinste Tai. "Ich finde, sie steht dir viel besser als mir. Ich verstehe sowieso nicht wie du bei der Hitze immer in langen Hosen rumlaufen kannst."

"Ach, sei still", knurrte der Blonde und lief an Taichi vorbei nach draußen, vorbei er eifrig darauf achtete bloß nicht auf den durchtrainierten Oberkörper seines besten Freundes zu starren. Der hatte gut reden - Taichi sah ja auch einfach toll aus in ... je weniger desto besser eben.

Besser man brachte die Blamage so schnell wie möglich hinter sich.

//Warte nur Hidaka - warte bis ich Abitur habe ... dann kannst du was erleben!!//

Taichi sprintete ihm hinter her.

"Matt, warte doch!" Kurz vor Spielfeldrand holte er ihn ein und hielt ihn am Arm fest. "Hey, ich wollte nur sagen ..."

"Hey Matt", brüllte in dem Moment Taichis umwerfende kleine Schwester Kari über den ganzen Platz. "kein Grund sich zu verstecken! Du siehst absolut heiß aus in diesen Hosen! Sexy!"

Ihr schallendes Gelächter war noch bis zu ihnen zu hören, während alle Umstehenden sich natürlich wie automatisiert zu Matt umdrehten und der vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre.

//Notiz an selbst: Kari muss sterben - und sie muss vorher leiden!!//

Seine "Personen-die-noch-leiden-werden"-Liste wurde echt immer länger heute ...

"Ach, kümmere dich nicht um sie", sagte Taichi achselzuckend, "sie hat bloß ihre Tage. Da dreht sie immer so ab. Aber was ich sagen wollte ... "

"Taichi! Hallooo!"

Matt verdrehte genervt die Augen, als er den Klang der inzwischen leider nur allzu bekannte Stimme vernahm.

//Bitte! Kann dieser Quietschente denn keiner mal den Saft abdrehen?//

"Äh Kyoko ... hallo", Taichi klang etwas ungeduldig. "Tut mir leid, aber wir müssen gleich weitermachen. Keine Zeit."

Matt drehte sich widerwillig zu ihr um und seine Augenbrauen schossen hoch, als er Ryos Schwester zum ersten Mal heute in vollem Glanz erblickte.

//Hat Tk nicht was von Hot Pants erwähnt? Das sind keine Hot Pants ... das ist ja nicht mal ein Tanga! Und ich dachte MEINE Hosen wären zu kurz ...//

Tatsächlich sollte Kyokos Outfit vermutlich sportlich sein, denn sie trug ein pinkes Oberteil in Form eines Sport-BHs und Paar schwarzer, hautenger Sporthosen, die so lächerlich klein und kurz waren, dass sie den Namen Hose nicht verdienten. Außerdem war sie viel zu sehr geschminkt für jede Art sportliche Betätigung.

"Lass dich nicht aufhalten, Taichi", flötete sie und warf ihre langen glänzenden Haare nach hinten, eine Bewegung die sie bis zur Vollkommenheit perfektioniert hatte. "Ich sehe dir schrecklich gerne beim spielen zu. Das weißt du doch." Sie ließ ihre monströsen Wimpern schmachtend auf Halbmast sinken.

//Kein Wunder, dass das "Schlafzimmerblick genannt wird! Ihre Sprüche sind ja zum einschlafen!//

"Und heute kannst du sogar uns beiden zusehen, ist das nicht umwerfend?" flötete Taichi zurück.

Irgendwie hatte er es perfekt drauf, ganz unauffällig und trotzdem unüberhörbar ihren affektierten Tonfall zu imitieren und tat es auch mit einer diabolischen Freude. Matt grinste innerlich.

"Was denn, der etwa auch?" Sie zog die Augenbrauen hoch und warf Matt einen skeptischen Blick zu. Langsam musterte sie ihn und Matt der sich ohnehin schon unwohl genug fühlte spürte wie er rot wurde. "Na, das klingt ja viel versprechend ... äh, wie war doch gleich dein Name?"

"Yamato", antwortete Taichi für ihn und schlang provokativ einen Arm um seine Schulter.
"Ist das nicht ein wunderschöner Name? Ich könnte ihn den ganzen Tag sagen. Yamato, Yamato, Yamato ..."

Matt zielte mit dem Ellbogen in Richtung seiner Rippen, aber Taichi hatte das schon kommen gesehen und wich geschickt aus.

"Hey, nicht gleich gewalttätig werden!" grinste er. "Heb dir das lieber fürs Spielfeld auf."

Er wuschelte Matt durch die Haare.
Tatsache war, dass er einer der wenigen, wenn nicht sogar DER einzige war, der auch nur in die Nähe von Matts Frisur kommen durfte, ohne sein Leben ernsthafter Gefahr auszusetzen.

"Sag mal Taichi", mischte sich Kyoko ein, die das Geplänkel zwischen den beiden Freunden misstrauisch beäugte. "Hast du nicht Lust heute Abend mit mir joggen zu gehen?" Sie schmiegte sich ganz dicht an den braunhaarigen Jungen und klimperte ihre Mörderwimpern. "Ich möchte mal wieder so richtig ins schwitzen geraten und du scheinst mir genau der
richtige dafür zu sein ..."

//Oh BITTE!! Mir wird gleich schlecht!!//

"Das klingt ja wirklich unheimlich verlockend ..." Taichi versuchte sie unauffällig abzuschütteln. "Aber leider geht es heute nicht. Heute ist Donnerstag ... und donnerstags bin ich immer mit Matt verabredet."

"Ich dachte, ihr seid immer mittwochs verabredet?"

"Ja, und donnerstags. Und freitags. Und für den Rest der Woche. Das tut mir schrecklich leid. Und jetzt müssen wir wirklich los." Er klimperte zurück und riss sich dann mit einem unfeinen Ruck von ihr los.

"Was soll ich sagen ... ich kriege Entzugserscheinungen wenn ich diesen Jungen nicht jeden Tag sehe. Ist nichts Persönliches! Ciao!"

Bevor sie ihn aufhalten konnte, packte er Matt am Ärmel und zerrte ihn Richtung Spielfeld, wo die anderen schon dabei waren ein paar Runden zu laufen. Sprintend schlossen sie sich den anderen an.

"Oh man", stöhnte Taichi, "sie checkt es einfach nicht, dass ich nichts von ihr will. Wie deutlich muss ich denn noch werden?"

Matt zuckte mit den Schultern.

"Du bist eben viel zu nett für diese Welt."

"Mag sein. Aber ich tue nun mal nicht gerne Leuten unnötig weh. Auch dann nicht wenn sie selbst so feinfühlig und sensibel sind wie ein Haufen Ziegelsteine."

"WIESO willst du eigentlich nicht mit ihr ausgehen?" fragte Matt nachdenklich und bemühte sich stur geradeaus zu schauen, damit Taichi nicht merkte, dass er schon wieder rot wurde. "Die meisten Jungen würde für so eine Gelegenheit ihr letztes Hemd geben ..."

"Aber das hab ich dir doch schon gegeben ..." feixte Taichi.

"Tai, sei doch mal ernst! Wieso nicht? Ich versteh das nicht."

//Immerhin IST sie wirklich unheimlich hübsch. Und intelligent ist sie auch ... sie schreibt immer die besten Noten ihres Jahrgangs. Und sportlich. Und beliebt. Und sozial. Und überhaupt ... //

"Ich weiß auch nicht ..." Taichi zuckte im Laufen mit den Schultern. "Ich mag es eben nicht, wenn ich das Gefühl haben, dass Leute nur mit mir befreundet sein wollen, weil ich ... keine Ahnung - irgendwie populär bin. Nicht weil sie MICH mögen, sondern bloß weil sie denken, dass es irgendwie cool ist mit mir gesehen zu werden. Und bei Kyoko habe ich das ganze dumpfe Gefühl, dass sie mich nicht einmal mit ihrem kleinen Wackelarsch angucken würde, wenn sie nicht den Eindruck hätte, ich wäre eine irgendwie gewinnbringende Bekanntschaft."

So hatte Matt das allerdings noch nie gesehen.

"Andererseits", lachte Taichi auch sofort, als bemühe er sich die viel zu ernste Stimmung wieder weg zu wischen, "vielleicht ist sie auch einfach nur nicht mein Typ."

"Was ist denn dein Typ?" fragte Matt mit einem plötzlichen Anfall von Herzklopfen, obwohl er selbst nicht so genau wusste woher der kam.

"Och, weißt du ..." antwortete Taichi gedehnt, "vielleicht steh ich ja mehr auf blond."

Und mit einem megabreiten Grinsen sprintete er an Matt vorbei.

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"So, das lasche Basistraining ist jetzt vorbei", brüllte Hidaka, nachdem er sie alle in Reih und Glied hatte antreten lassen. "Wir werden jetzt ein kleines Übungsspiel spielen, alles klar?"

"Hey Matt", zischte Taichi leise und stieß ihn unauffällig an, "alles klar? Hältst du noch durch?"

Dreißig Runden um den Platz, fünfzig Liegestütze, Situps, eine Dreiviertelstunde zu zweit Spielzüge üben ... wen würde das schon schlauchen?

Matt nickte keuchend und fuhr sich über die Stirn. Er hatte seine Hände auf die Knie gestützt und verschwitzte blonde Strähnen klebten in seinem Gesicht.

"Kein ... Problem!"

"Wirklich?" Taichi betrachtet ihn besorgt. "Wenn du willst, bringe ich ihn irgendwie dazu dass er dich in Ruhe lässt, okay? Ich sage einfach, dass ich am Samstag sonst nicht mitspiele und dann wird er bestimmt ..."

"Ist schon okay", unterbrach Matt ihn schroff. "Lass es."

Es wurmte ihn mehr, als er überhaupt in Worte fassen konnte, dass sogar Taichi ihn für ein armseliges, unsportliches Würstchen hielt. Er würde bis zum bitteren Ende durchhalten und wenn es ihn umbrachte! Das wäre ja gelacht! Er würde allen beweisen, dass er nicht aus Zucker war. Er würde ...

"Hey, Ishida", sagte da eine Stimme neben ihm. "Finde ich echt cool, dass du mitspielst. Hätte ich dir gar nicht zugetraut, dass du solange durchhältst."

Ruckartig fuhr Matt hoch und drehte sich um.
Ryo!
Wer sonst.
Sofort warf sich Matt in Positur und zwang sich ruhiger zu atmen.

"Klar", sagte er lässig und pustete eine helle Strähne aus seinen Augen. "Kein Problem. Macht richtig Spaß."

//Haha! Das hättest du wohl gerne! Du schwuler Begrabscher unschuldiger braunäugiger Jungs! Das ich hier vor euren Augen schlapp mache! Niemals!//

"Respekt", sagte Ryo und nickte ihm aufmunternd zu. "Sogar ich finde es tierisch anstrengend, obwohl wir in meiner früheren Mannschaft auch ziemlich hart trainiert haben. Und du stellst dich noch nicht mal schlecht an."

Einen Augenblick lang spürte Matt wie das unerwartete Lob ihm absoluten Auftrieb gab und ihn sogar ein bisschen stolz machte ... bis ihm plötzlich wieder einfiel, dass Ryo ja der "Feind" war, und ein Lob von ihm deswegen nur unter Vorbehalt und mit äußerster Skepsis betrachtet werden konnte.
Also zuckte er bloß gleichgültig mit den Schultern.

Taichi seufzte hörbar. "Vielen dank Ryo", sagte er sarkastisch. "Fall mir ruhig in den Rücken, wieso nicht! Denkst du wirklich, dass es eine gute Idee ist, dass er bei einem richtigen Spiel mitmacht? Auch wenn es nur Training ist."

"Wieso nicht? Er macht sich doch sehr gut bisher."

"Ja, zugegeben. Aber lass es mich mal anders formulieren - wie oft musstest du im letzten Jahr aussetzen wegen einer Verletzung?"

"Fünfmal. Angeknackste Rippen, Bänderriss, Gehirnerschütterung ... oh!" Ryo stoppte und fügte nachdenklich hinzu: "Okay, verstehe was du meinst."

"Eben."

Ryo zuckte mit den Schultern. "Er soll sich vom Ball fernhalten und er wird's überleben."

"Ich weiß zwar nicht, wovon ihr redet", fauchte Matt mit schmalen, blauen Katzenaugen, "Aber ich bin schließlich hier um zu spielen, oder? Und genau das werde ich auch tun."

"Stur wie ein Maulesel." Taichi verdrehte die Augen himmelwärts. "Ich sage ja nicht, dass du nicht spielen darfst, auch wenn ich ehrlich gesagt nicht verstehe wieso du auf einmal so scharf darauf bist ... Alles was ich sagen will, ist, dass richtiger Fußball manchmal eben ziemlich ...rau ist."

"Und ich bin eine Porzellanpuppe, oder was?" Matt war am kochen. "Ich kann genauso gut einstecken und austeilen wie du, Taichi Yagami! Und ich brauche erst recht keinen Babysitter!"

"Hey, was hast du für ein Problem, Ishida?" fauchte Taichi. "Alles was ich hier versuche, ist dir zu helfen!"

"Ich brauche deine Hilfe aber nicht!"

"Ach nein? Seit wann das denn?!"

"Seit immer!!"

"Bitte! Wenn du darauf verzichten kannst - ich werde sie dir bestimmt nicht aufdrängen, meine Hilfe!"

"DANKE!!"

"BITTE!!"

"GERN GESCHEHEN!!"

"VERDAMMT, Matt ...!!"

"Äh Leute", meldete sich Ryo mit einem dezenten Räuspern. "Ich will eure kleine Auseinandersetzung bestimmt nicht stören, aber ..." er hielt inne und deutete vielsagend um sich.

Der helle und der schokobraune Schopf vor ihm fuhren gleichzeitig hoch. Überrascht mussten Taichi und Matt feststellen, dass es um sie herum plötzlich ganz still geworden war und mehrere dutzend interessierte Augenpaare zu ihnen herstarrten.

Taichi schluckte und Matt wurde knallrot.

"Haben wir den kleinen Ehekrach endlich beigelegt, ja?" vernahmen sie da auch prompt die dröhnende Stimme von Trainer Hidaka. "Wunderbar, dann kann ich ja endlich mit der Aufstellung fortfahren."

"Hey, Moment mal ...!!" protestierte Taichi wütend.

"Ruhe dahinten, Yagami, ich will es gar nicht wissen!!"

"Aber ..."

"Aizawa und Yagami spielen jeweils auf Sturm, ich möchte euch gerne mal im direkten Zweikampf erleben", fuhr Hidaka ungerührt fort. "Seguchi und Shindou in die Abwehr. Ishida ... Ishida ..." er grinste diabolisch, "wie wäre es mit dem Mittelfeld? Na, hättest du Lust?"

"Kein Problem damit", erwiderte Matt kalt und mit einem bösen Blick auf Taichi.
Der funkelte zurück und murrte: "Wer hat hier ein Problem?!"

Ryo seufzte und schüttelte, sich selbst bemitleidend den Kopf. Das schien ein langer, laaaanger Tag zu werden.

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"Takeshi, hier her!" brüllte Taichi und rannte mitten in die undichte Stelle in der Abwehr, zwei weitere Verfolger elegant hinter sich lassend. Schweiß glitzerte auf seinem durchtrainierten, gebräunten Oberkörper, aber er sah noch kein bisschen fertig aus und seine Augen leuchteten. Fußball - das war seine Welt.

Doch grade als der angesprochene Takeshi schießen wollte, tauchte wie aus dem Nichts ein blonder Schopf vor seinem Kapitän auf, drängte sich vor ihn und deckte ihn.

"Na, wie gefällt dir das, Yagami", murmelte Matt unhörbar, während er vor Taichi auf und ab sprang und ihm so als Anspielpartner absolut unbrauchbar machte. "Von wegen, nichts einstecken können ..."

"Man kann es aber auch übertreiben mit dem sportlichen Ehrgeiz", knurrte Taichi hinter ihm. Er hatte ihn wohl doch verstanden.

Schon von Anfang an war Matt verbissen an seiner Seite geblieben und hatte ihm überraschenderweise schon einige Spielzüge vermasselt, denn das was dem zierlichen Blondschopf an Können fehlte, glich er durch Hartnäckigkeit und sein überkochendes Temperament wieder aus.

Sie waren in gegnerischen Hälften des Teams gelandet, und Matt, trotz seines absoluten Widerwillens ausgerechnet auf Ryos Seite. Momentan war es noch Gleichstand, weil Ryo und Taichi bisher beide je ein Tor geschossen hatten.

Nur war Taichi inzwischen schon wieder bedenklich weit in den gegnerischen Strafraum vorgedrungen. Matt klebte ihm immer noch dicht an den Fersen, schwer atmend und verschwitzt, aber fest entschlossen nicht aufzugeben.

"Takeshi, was treibst du da?" brüllte Taichi, rannte weiter, schlug einen überraschenden Haken und schaffte es so kurzfristig Matt zu entkommen. "Spiel ab!"

Takeshi blickte erleichtert auf, als er die Stimme seines Kapitäns hörte, denn er befand sich grade in ziemlicher Bedrängnis und ohne zu Zögern schoss er den Ball über mehrere Leute hinweg gradewegs zu Taichi.

//Das hättest du dir so gedacht! Nicht mit mir!//

Und wieder hatte sich Matt an seine Fersen geheftet wie eine Klette, mit zusammengebissenen Zähnen und bereit ihn zu decken, koste es was es wolle. Da konnte der braunhaarige Wuschelkopf noch so viele Haken schlagen, es würde ihm nichts nützen.

//Der soll sich bloß nicht einbilden, dass er mich ignorieren kann ...//

Der Ball flog gradewegs auf sie zu, Matt drängte sich von vorne gegen Taichi, bereit den Ball bis aufs Blut zu verteidigen und den Brünetten davon abzuhalten ihn zu kriegen. In seinem Übereifer geriet er ins Stolpern und spürte wie er gegen Taichi stieß. Ein kräftiger Arm umfing seine Taille und hielt ihn davon ab zu fallen.

"Hey Matt", hörte er plötzlich die Stimme seines Freundes hinter sich.

"Hn." Matt bemühte sich ihn zu ignorieren und weiterhin den Ball im Auge zu behalten, was nicht leicht war, wenn man plötzlich seinen eigenen Pulsschlag laut wie eine Eisenbahn durch seinen Körper hämmern hören konnte.

"Was ich vorhin noch sagen wollte ..." Kleine Schauer jagten über Matts Rücken und er erstarrte, als er spürte wie dicht Taichi hinter ihm stand. So dicht, dass er wilde, braune Haarsträhnen spüren konnte, die ihn am Hals kitzelten als Taichis sich dicht zu seinem Ohr beugte. Der Griff um seine Taille wurde etwas fester.
"Du hast wirklich keinen Grund dich in diesen Hosen unwohl zu fühlen ..."

Matt schluckte. Taichis erhitzter (und völlig unbekleideter) Oberkörper war so dicht hinter ihm, dass er sich einbildete beinah den Herzschlag des anderen Jungen fühlen zu können.

" ... denn Kari hat recht", hauchte Taichi ganz dicht an seinem Ohr. "Du siehst wirklich süß aus darin."

"WAAAS??"

Mit einem geschockten Keuchen fuhr der Blonde herum und starrte Taichi mit weit aufgerissenen Augen an. In seinen Ohren wummerte es.

Der andere grinste nur.

"´Tschuldigung."

Beinah sanft packte er ihn und schob ihn ein Stück zur Seite. Und schneller, als Matt überhaupt reagieren konnte, sprang Taichi auch schon mit einem gewaltigen Satz in die Luft und köpfte den Ball über ihn hinweg.

Mehrere der Abwehrspieler sprangen hoch um ihn abzufangen, aber der Junge mit dem braunen Mob auf dem Kopf war schneller als sie alle. Er sprang an Matt vorbei, passte den Ball am Boden ab und sprintete zielsicher aufs Tor zu, wobei er mehrere gegnerische Spieler hoffnungslos überrumpelte. Er holte aus und trat zu, und nur Sekunden später befand sich der Ball auch schon im Netz, meilenweit entfernt vom Zugriff des Torwarts.

Matt stand mit zitternden Knien und hochrotem Gesicht immer noch an derselben Stelle. Sein Herz hämmerte wie verrückt. Wie erstarrt sah er zu, wie Taichis Mannschaft ihm johlend auf die Schultern schlug und ihm zu dem tollen Tor gratulierte. Ein einzelner Regentropfen fiel plötzlich auf sein Gesicht und in der Ferne grollte ein schwacher Donner, aber Matt rührte sich nicht. Es ging nicht.

Taichi nickte freundlich nach links und rechts und erwiderte etwas, doch sein Blick glitt immer wieder suchend über die anderen hinweg. Schließlich sah er Matt und lächelte ihn entschuldigend an.
Als er feststellte, dass sein Freund noch immer wie angewurzelt am selben Ort stand, runzelte er jedoch die Stirn und löste sich aus dem Pulk johlender Fußballer. Matt sah, wie er langsam auf ihn zukam.
Immer mehr Regentropfen kamen plötzlich von oben, aber Matt war immer noch wie versteinert.

"Hey ...", Taichi rieb sich verlegen den Nacken, als er vor ihm stehen blieb. "Tut mir leid, dass war wohl ein etwas unfairer Trick. Ich ..."

"Du Arschloch!" fauchte Matt. Er fühlte sich als ob alles in ihm brannte. "Du verdammtes Arschloch!! Wieso hast du das gemacht?!!"

Irgendetwas tat weh ... ganz tief drin ...

"Matt ..." Taichi sah erschrocken aus, als er bemerkte, wie aufgewühlt sein Freund wirkte. "Es tut mir Leid, ehrlich! Ich hab nicht gedacht ..."

Ein vereinzelter Blitz zuckte über den Horizont. Offenbar war ein heftiges Sommergewitter im Anmarsch.

"Du hast nicht gedacht?! Ja offensichtlich hast du nicht gedacht!!" Seine geballten Fäuste zitterten. "Du sollst nicht mit mir spielen, hörst du?! Wieso hast du das gemacht?!"

Mit einem wütenden Aufschrei stürzte sich Matt auf ihn, doch noch bevor seine Fäuste Taichi treffen konnten, wurde er von hinten gepackt und zurückgezerrt. Kräftige Arme umschlangen ihn von hinten und hielten ihn so fest, dass er kaum noch Luft bekam. Gleichzeitig rollte der erste Donner.

"Was zum Teufel ist da hinten los?" brüllte Trainer Hidaka von der anderen Seite des Feldes.

"Lass mich los", schrie Matt und versuchte Ryo zu treten, denn er war es, der ihn festhielt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Ryo ihn einfach hochheben konnte. "Lass mich sofort wieder unter!!"

Taichi sah aus, als würde er einschreiten wollen und trat hastig auf die beiden zu, aber ein fast unmerkliches Kopfschütteln von Ryo hielt ihn auf.

"Das reicht jetzt, du kleiner Schwachkopf", hörte er Ryos Stimme, verärgert, aber immer noch überraschend ruhig. "Komm gefälligst zurück auf deine Position. Das könnt ihr auch noch später austragen."

Fast alle Spieler hatten sich inzwischen um die beiden versammelt und sahen zu wie Ryo den strampelnden Matt wegzerrte. Taichi stand immer noch da, wo Matt ihn eben am liebsten zu Schaschlik verarbeitet hätte und starrte ihnen hinterher. Seine Augen waren dunkel und unleserlich und er hatte einen seltsamen Gesichtsausdruck.

"Verschwindet verdammt noch mal alle dahin wo ihr hingehört!" donnerte Hidakas Stimme prompt über den Platz. "Das hier ist ein Übungsspiel und kein Kaffeekränzchen!!"

Langsam zerstreuten sich auch die umstehenden Spieler und begaben sich kommentarlos wieder auf ihre Positionen, obwohl es inzwischen angefangen hatte heftig zu nieseln.

Einige Meter entfernt setzte Ryo den vor Wut förmlich glühenden Matt endlich wieder ab.

"Bleibst du jetzt ruhig?" fragte er gelassen. "Oder soll ich dich gleich ganz vom Spielfeld tragen?"

Ein lodernder Blick aus blauen Augen war die einzige Antwort, die er bekam. Aber wenigstens schien der Hitzkopf vor ihm keine Anstalten zu machen, gleich wieder los zustürzen.

"Was war überhaupt los zwischen euch?" fuhr Ryo in lockerem Plauderton fort. "Sag bloß nicht, du bist sauer, weil Taichi ein Tor geschossen hat. Er ist nun mal der bessere ... "

"DASS er ein Tor geschossen hat, ist mir scheißegal!" spuckte Matt wütend aus. "Aber nicht WIE er es gemacht hat ...!!"

Das war eigentlich schon viel mehr als er Ryo oder sonst wem jemals hatte erzählen wollen. Aber irgendwie konnte er es nicht zurück halten. Da war irgendetwas in ihm ... das glühte und brodelte und an die Oberfläche wollte ...

"So? Was hat er denn gemacht?" In einiger Entfernung von ihnen wurde wieder angefangen weiter zuspielen, aber Ryo sah so gelassen aus, als hätte er den ganzen Tag Zeit.

"Er ... er ..." Matt spürte wie er vor Scham und Zorn schon wieder feuerrot wurde. Immer mehr Regentropfen tränkten sein Haar und perlten über sein Gesicht. "Er hat mich reingelegt! Er hat mich komplett verarscht!"

"Ach was?"

"Er hat ... hat sich von hinten an mich rangeschmiegt ..." er erstickte fast an seinen Worten, so schwer fiel es ihm. "Er hat ... hat was gesagt ...was mich abgelenkt hat ... komplett aus dem Konzept gebracht hat ..."

Noch mehr Donner rollten über den inzwischen dunklen Himmel und übertönten sein widerwilliges, trotziges Schluchzen.

"Was denn?"

"Das geht dich nichts an, okay?!" kam sofort die wütende Antwort. "Nichts!! Es war kompletter Blödsinn!! Er hat es nur gesagt um mich reinzulegen ... um sein blödes Tor zu schießen ..."

"Verstehe." Ryo nickte nachdenklich.

"Gar nichts verstehst du!!!"

"Oh, ich versteh sehr gut, glaub mir. So wie es aus der Entfernung ausgesehen hat ... " Ryo rieb sich nachdenklich das Kinn und grinste. "Ich dachte schon, ich bilde es mir nur ein, aber ... er hat dich angebaggert, nicht wahr?" Matt fiel die Kinnlade herunter.

" ...hat er nicht!!!"

Okay ... wenn er so darüber nachdachte ... vielleicht hatte er doch ...

"H-hat er nicht", wiederholte er stotternd und schon wesentlich unsicherer.

"Nein, ist schon klar, ich verstehe vollkommen."

"Tust du nicht! Er hat mich einfach nur komplett verarscht, okay?!" schrie er.

"Also, weißt du, wenn man dich so hört ..." Ryo schüttelte den Kopf, "könnte man fast den Eindruck gewinnen, du bist gar nicht sauer, weil er mit dir geflirtet hat ... sondern viel eher weil er es nicht ernst gemeint hat ..."

Einen Augenblick starrte ihn Matt einfach nur fassungslos an.

"Du hast sie ja nicht mehr alle!" brüllte er schließlich. "Was weißt du schon?! Du bist ja bloß schwul!!"

"Wow, Neuigkeiten wie diese sprechen sich ja schnell rum." Ryo zuckte nur mit den Schultern und schien kein bisschen aufgebracht zu sein. "Mag ja sein, dass ich "bloß" schwul bin, wie du so schön sagst ...
... aber ICH bin ja auch nicht derjenige hier, der schleunigst mal seine sexuellen Präferenzen klären sollte ..."

Mit einem letzten tosenden Donner öffneten sich plötzlich sämtliche Schleusen des Himmels und ergossen sich in strömenden Regen über dem Fußballfeld.


~*~*~*~*~Matts pov*~*~*~*~

... sexuellen Präferenzen ... klären ...

//BITTE WAS?!?!! Halt! Stopp! Moment! Zurück! WIE war das ...?!!!//

Ich stand einfach nur da, während literweise Regen über unseren Köpfen ausgeschüttet wurde und uns in weniger als zehn Sekunden komplett durchweichte, und starrte ihn an.

"Wovon redest du denn da?" fragte ich. Meine Stimme klang seltsam dünn, obwohl ich immer noch kurz vorm explodieren stand.

"Ach weißt du", er zuckte mit den Achseln, "es gibt da dieses blöde Gerücht, dass alle Homosexuellen einen Radar für ihresgleichen haben. Ich will nicht unbedingt sagen dass das stimmt und ich kenne euch ja auch eigentlich gar nicht ... aber wenn zwischen zwei Jungen so deutlich sichtbar die Funken sprühen wie zwischen euch beiden - dann macht man sich schon so seine Gedanken."

Ich starrte ihn mit offenem Mund an, während es in meinem Kopf ratterte wie in einem kaputten Getriebe. Was versuchte er denn da zu sagen? Etwa, dass ich ...? Dass Taichi ...? Dass WIR ...????

"Denk einfach nur mal darüber nach, mehr sag ich ja nicht", fuhr Ryo ungerührt von dem Dampf der langsam aus meinen Ohren quoll fort und ungerührt von dem Regen, der uns bis auf die Haut durchnässte. "Findest du es nicht ein bisschen seltsam, dass du dich wegen einem kleinen Scherz fast mit Yagami geprügelt hättest?"

"Du weißt ja gar nicht was du da redest!!" brüllte ich. "Erstens war das kein kleiner Scherz! Und zweitens - Taichi und ich prügeln uns ständig!! Das haben wir schon immer getan!! Das hat überhaupt nichts zu bedeuten!!"

"Ach nein?" Er legte eine Hand auf meine Schulter und hob die Augenbrauen. "Hey", fragte er und sah aus, als ob er dabei war einen Witz zu reißen, "wie nennt ein Schwuler eine Prügelei zwischen zwei knackigen Jungs?"

"Häh?!"

"Vorspiel", erwiderte er ungerührt und verpasste mir eine Kopfnuss.

"Das ist nicht wahr!!" fauchte ich, "Kein Wort davon ist wahr!!"

"Was ist nicht wahr? Na, komm sag´s schon! Sprich es ruhig aus."

"Wir sind nicht ... er hat nicht ... ich BIN NICHT ...!!"

Ryo zuckte mit den Achseln. "Ganz wie du meinst, dann hast du ja auch keinen Grund dich aufzuregen, nicht wahr?"
Aber ich hörte ihm schon längst nicht mehr zu.

Das war er da redete ... das war doch Unsinn!! Sexuelle Präferenzen überdenken ... anbaggern ... Funken sprühen ... das war alles Blödsinn!! Es konnte einfach nicht sein, nicht wahr? Wieso hörte ich ihm überhaupt zu?? Und wieso ... schockte mich das ganze so sehr ...?

Etwas machte sich in mir breit, breitete sich aus wie heiße, glühende Lava von Kopf bis Fuß, schoss durch meinen ganzen Körper und hielt mich davon ab diesen Gedanken zu Ende zu denken.

Es war wie eine Atomreaktor-Katastrophe, der Gedanke, der mir da kam und der in meinem Kopf hin und her flitzte, schneller als eine Rakete und den ich nicht zu fassen kriegte, es war Tschernobyl und der dritte Weltkrieg und die Schlagerhitparade - alle schrecklichen Dinge auf einmal und noch viel schlimmer.

Meine Augen suchten unbewusst und ungewollt nach Taichi ... wie durch einen Schleier ... aber ich fand ihn nicht ... und ich hatte auf einmal solche Angst vor dem was passieren würde, wenn ich diesen Gedanken zu Ende dächte ... und dann ...

//Nein, Ryo spinnt einfach!!! Was er da gesagt hat war ja ... das kann nicht sein!!//

Ich konnte nicht mehr denken.
Etwas kleines, Rundes rollte durch mein Gesichtsfeld und riss mich aus seiner Trance als ich feststellte, dass es der Ball war. Er rollte direkt an mir vorbei, schon eifrig verfolgt, aber noch nicht eingeholt von irgendwelchen anderen Spielern.
Natürlich. Die anderen spielten ja schon längst wieder. Der Rest der Welt blieb ja nicht stehen um auf mich zu warten.

"Du hast sie ja nicht mehr alle", fauchte ich und riss mich unfreundlich von Ryo los. Ich konnte jetzt nicht ... nicht denken ... Und bevor Ryo auch nur reagieren konnte, sprintete auch schon auf den Ball zu.

Ich fühlte mich, als ob ich explodieren würde. Nasser Rasen spritzte rechts und links weg hinter mir, als ich rannte und rannte. Mein Herzschlag hämmerte wie eine riesige Maschine in meiner Brust und da war etwas in mir, dass mich antrieb, bloß nicht stehen bleiben, bloß nicht nachdenken, es war sicherer zu rennen.
Zum ersten Mal bei diesem Spiel war ich schneller, schneller als Taichi und schneller als der ganze Rest und war zuerst beim Ball.

Ich holte aus und mit einem wilden Genuss trat ich zu, und traf den Ball genau in seiner Mitte. Dreck spritzte in alle Richtungen, denn das Spielfeld verwandelte sich schneller, als man gucken konnte in eine absolute Schlammgrube. Er flog und er flog weit, direkt in Taichis Hälfte hinein, aber ich wartete nicht ab, was passieren würde, ich rannte weiter, folgte dem schnurgraden Flug des Balls.
Irgendwo hörte ich wie Kommandos gebrüllt wurden, und die Stimme von Trainer Hidaka, spürte den prasselnden Regen auf meiner Haut und hörte Karis Kreischen vom Rand, die wilde Verfolgungsjagd, die hinter mir startete ...

Aber ich flog förmlich über das Spielfeld, allein und unbehelligt, da ja fast alle noch hinter mir waren, in der Hälfte wo Taichi eben das Tor geschossen hatte.

Nur einige Abwehrspieler waren vor mir, als der Ball sich endlich senkte, weit in die gegnerische Hälfte hinein. Und natürlich Taichi selbst, der ebenfalls Flügel zu haben schien, sonst war es eigentlich nicht mehr zu erklären, wie er so schnell von einem Ende des Feldes zum anderen gekommen war. Er rannte direkt auf mich zu.

Die Abwehrspieler sahen irritiert aus, als wüssten sie nicht, ob sie mich überhaupt ernst nehmen sollten, aber zu meinem Glück oder Pech, ich wusste es selbst nicht, tauchte Ryo plötzlich neben mir auf, der seine schwule "Tante-Ryo-hilft"-Nummer zum Glück wieder abgelegt hatte.

"Zu mir!" brüllte er und lief genau auf die andere Seite des Strafraums.

Mein Kopf fuhr herum und einen Augenblick lang kämpften Stolz und Vernunft gegeneinander, aber schließlich nickte ich und beförderte den Ball zu Ryo, grade als Taichi höchstens noch einen Meter von mir entfernt war.

"Verdammt", hörte ich ihn leise fluchen und wir warfen uns einen kurzen flammenden Blick zu, bevor wir erneut losstürzten. Ich wusste nicht wieso ... aber zwischen uns brannte plötzlich die Luft. Und das obwohl alles andere um uns herum praktisch in Wassermassen ertrank ...

Die verblüfften Abwehrspieler hatten sich wohl endlich wieder eingekriegt, denn sie waren schon dabei Ryo einzukreisen. Die meisten anderen Spieler waren auf einmal da und dann wurde alles Chaos. Chaos auf dem Feld, Chaos in meinem Kopf - wie passend.

Vor lauter Regen konnte man kaum noch den Ball sehen und der matschige aufgeweichte Boden brachte einen zum Rutschen.

Ich fuhr über mein Gesicht und schob klatschnasse Haare aus meinen Augen, war für einen Moment vollkommen orientierungslos. Tausend Fragen schossen durch meinen Kopf. Wo war der Ball? Wo war Taichi? War ich schwul?

//Nein, nein, nein!! Hör auf das zu denken!! Das ist allein Ryos Schuld. Sei still!!//

Ich wurde von allen Seiten angerempelt, wenn Leute stolperten und auf dem matschigen Boden ausrutschten. Trainer Hidaka bekam am Rand einen Anfall nachdem anderen angesichts unserer unkoordinierten Spielweise, die inzwischen mehr Schlammcatchen als Fußballspielen ähnelte.

Wo war der verdammte Ball???

"Ishida!!!"

Ich fuhr herum. Der Regen erschwerte mir die Sicht, aber ich erkannte Ryos Stimme. Er und Tomoe, einer von Taichis Spielern kämpfen grade um den Ball. Alles hatte sich um sie versammelte und jeder versuchte jeweils einem von Beiden den Ball abzunehmen. Mich hatten sie dabei komplett vergessen.

Und ich stand ganz allein vorm Tor.

Noch mitten durch den Regen konnte ich sehen wie Ryo mich breit angrinste, bevor er ausholte und zutrat.

Der Ball schoss wie eine Rakete in die Luft, genau in meine Richtung. Er hatte mit Absicht hoch gezielt, damit ihn keiner von den vielen Spielern um ihn herum abfangen konnte. Er war ganz allein für mich gedacht.

//Ich bin erledigt ...//

Ich rannte los. Aus meinen Augenwinkeln, sah ich wie ein dunkler Schatten sich aus der Menge löste und ebenfalls lossprintete. Er war schnell und elegant wie ein Blitz und es konnte eigentlich nur einer sein. Taichi.

Ich wurde schneller. Er auch. Meine Schuhe versackten im Schlamm und es war schwer zu laufen. Es war irgendwie auch schwer zu atmen. Und mein Herz raste so sehr, als ob es meine Brust zersprengen wollte. Sport ist Mord. Oh ja.
Der Ball schwebte genau über uns, als wir beinah gleichzeitig hoch sprangen.

Es war ein beinah surrealer Augenblick. Als ob alles in Zeitlupe und gleichzeitig viel zu schnell passieren würde.
Wir starrten beide auf den Ball, versuchten ihn abzupassen und gleichzeitig so hoch wie möglich zu reichen. Er war so dicht vor mir, dass ich ihn praktisch schon streifte ... fünf, sechs Zentimeter vielleicht ... nur noch ein kleines bisschen ... gleich ...

Das war der Augenblick indem Taichi und ich mit voller Wucht zusammenknallten.

Mitten in der Luft sah ich plötzlich Sterne. Wir prallten mit einer Heftigkeit zusammen, die mir die Luft raubte und wurden zurückgeworfen. Wie Steine fielen wir zur Erde. Schlamm spritzte als wir dicht nebeneinander auf den Boden klatschten.
Ich hörte ein kollektives Aufstöhnen von den Anderen, aber das konnte auch mein Schädel sein, der plötzlich dröhnte.

Keine Ahnung was mit dem Ball passierte, aber in diesem Moment interessierte es mich auch nicht wirklich. Scheiß auf den Ball. Scheiß auf das komplette Spiel.

Ich lag im Schlamm und rang nach Luft.
Ausgebremst.
Ein bisschen fühlte ich mich als hätte mich grade ein Laster erwischt. Alles drehte sich. Dinge, die Ryo gesagt hatte rasten mit Lichtgeschwindigkeit durch meinen Kopf. Es machte Sinn. Alles machte viel zu viel Sinn und es machte mir Angst. Und endlich war ich so erschöpft, dass ich nicht mehr davonlaufen konnte. Ich hatte einfach keine Energie mehr. Um mich herum tobte das Chaos und trampelten dutzende Leute herum, und von irgendwo wurde TOOOR gebrüllt und die schrille Pfeife, die das Ende des Spiels ankündigte ertönte.
Und ich konnte nur da liegen und zusehen wie all die Puzzlestücke in meinem Kopf zusammenfielen und ein vollständiges Bild ergaben und meine ganze Welt plötzlich aufhörte sich zu drehen.

"Matt? Matt? Scheiße! Matt!!" Irgendjemand kniete neben mir im Schlamm. Es war Taichi.

Mir wurde klar, dass ich immer noch bewegungslos und mit geschlossenen Augen in der Sumpflandschaft lag, in die sich der ehemalige Fußballplatz verwandelt hatte. Nicht weil ich mich verletzt hatte, sondern einfach weil ich ... nicht konnte.

"Matt ... sag doch was ...", seine Stimme klang panisch und er packte mich an den Schultern, "scheiße ... Yama ... bitte ...!"

Yama ...? Er hatte mich noch nie so genannt ... immer Matt ... so wie alle anderen ... oder Ishida wenn er wütend war ... aber nie Yama ...

Langsam machte ich die Augen wieder auf. Schlamm war das erste was ich sah und das gab mir zu denken, denn wenn schon auf meinen Augen Dreck klebte, wollte ich gar nicht wissen wie der Rest meines Gesichts aussah.
Ich blinzelte und sah direkt in schokobraune Augen, die mich panisch ansahen. Ein Gesicht das mir so vertraut sein müsste wie mein eigenes ... und doch fühlte ich mich in diesem Moment als hätte ich ihn noch nie gesehen.

Niemals wirklich gesehen ... nicht so wie ich ihn jetzt sah ...

"Tai ..."

"Oh Gott!", seufzte er dramatisch, "Man, hast du mir einen Schrecken eingejagt! Alles in Ordnung? Tut dir was weh?"

//Alles in Ordnung ...? Meine Welt hat grade aufgehört sich zu drehen, weil ich gemerkt habe ... dass sie sich nur um DICH dreht ... und du fragst mich, ob ich in Ordnung bin?!//

"Es tut mir so leid", fing er an, "was ich vorhin gemacht habe ... es war gemein ... ich weiß ... es tut mir leid ..."

"Tai ... ist okay ... wirklich."

"Nein, nein warte, lass mich ... ich wollte dir nicht wehtun, weißt du, aber du hingst die ganze Zeit an mir dran ... und ich wusste, wenn ich nicht gut spiele, lässt Hidaka dich nicht in Ruhe ... nur um mich zu ärgern ... also musste ich gut sein, aber gleichzeitig wollte ich dir auch nicht ... es tut mir leid!"

"Tai ... " Ich hielt inne, weil ich nicht wusste was ich sagen sollte.

Ich meine ... hier lag ich nun, mitten im Schlamm und Taichi kniete neben mir, wir beide von Kopf bis Fuß durchnässt und verdreckt, mitten auf einem GOTTVERDAMMTEN Fußballfeld während um uns herum das Chaos tobte ... weil der blöde Ball auf wundersame Weise wohl irgendwie ins Tor gerollt war ... und alles was ich denken konnte, war dass ich, Yamato Ishida ihn liebte.
Ich wusste nicht wieso und seit wann und wie es passiert war. Aber ich wusste, dass es einfach so WAR und es machte mir Angst und gleichzeitig war es wunderschön und ich hasste Ryo weil er Recht hatte ... und am allermeisten ...
... wusste ich nicht was jetzt tun sollte.

Taichi sah mich immer noch abwartend an.

" ...du siehst aus wie "Das Ding aus dem Sumpf" " sagte ich schließlich. Es hätte eine Liebeserklärung werden sollen.

Es stimmte. Er war von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckt. Trotzdem war ich sicher, dass ich noch niemals etwas Schöneres gesehen hatte in meinem Leben, als Taichi Yagami in diesem Augenblick.

"Du auch." Er lächelte erleichtert und streckte mir die Hand entgegen um mir aufzuhelfen. "Du doch auch ... ist doch egal ..."


Teil 7 

Ich stand mit geschlossenen Augen unter der Dusche, meine Stirn an die weiß gekachelte Wand gepresst. Das Wasser war kochendheiß und verbrühte mir fast die Haut.
Trotzdem war mir kalt. Scheiße, mir war wirklich immer noch kalt.

Und meine Gedanken liefen dazu absolut unkontrolliert in meinem Kopf hin und her, drehten sich im Kreis, so wie der verdammte Hamster, den ich mal besessen hatte, als ich zwölf war und der daran krepiert war, dass er unsere Waschmaschine für ein überproportionales Laufrad gehalten hatte ...

Oh man, steckte ich in der Scheiße. Da führte kein Weg dran vorbei. Frustriert hieb ich mit der flachen Hand auf die Kacheln. Ich steckte so was von tief drin ...
WIE war das nur wieder passiert?? Und wann?? Wieso?? Weshalb?? Und wie lange ging das schon so???
Dass ich Taichi ... oh Gott. Oh Gott. Oh Gott!!!

Da! Ich fing schon wieder an zu Hyperventilieren.

Tatsächlich hatte ich schon wieder einen "nach-Luft-schnapp-Anfall" auf den jeder Asthmatiker echt stolz gewesen wäre.
Es war ein Wunder, dass ich mit dem Fahrrad und bei dem Regen überhaupt heil nach Hause gekommen war, wenn ich es mir so recht überlegte. Meine Knie waren immer noch weich wie gekochte Spagetti. Und das nicht nur von dem anstrengenden Spiel und dem Regen ...
Langsam und immer noch frierend, obwohl das Wasser inzwischen sicher schon den Siedepunkt erreicht hatte, drehte ich frustriert den Wasserhahn zu und kletterte langsam aus der Dusche.

Nur mit einem Handtuch bekleidet trat ich schließlich vor den großen, verschnörkelten Ganzkörperspiegel und starrte in die beschlagene Scheibe. Ich fuhr ein paar Mal mit der Hand über das feuchte, kalte Glas, bis der taufeuchte Belag weg war und mein eigenes Gesicht leicht verschwommen dahinter zum Vorschein kam. Ein bisschen blass und mit absolut katastrophalen Haaren ... (Da war ja noch einen Grund Sport zu hassen ... Ob das noch irgendeine Pflegespülung wieder hinkriegen würde ...?) ... aber es war immer noch definitiv ich.

Komisch, ich hatte irgendwie erwartet, dass ich anders aussehen würde. Es war beruhigend und enttäuschend zugleich, dass ich immer noch unverändert war und noch genauso aussah wie gestern und letzte Woche und letzten Monat ... Damals ... als ich noch nicht gewusst hatte, dass ich mich in meinen besten Freund verliebt hatte ...

//Was hast du denn erwartet?// fragte die ewig präsente, sarkastische, kleine Stimme in meinem Kopf. //Dass du plötzlich aussiehst wie "Tante Yamato"?? Oder besser wie Tunte Yamato?//

Hn ... ich sollte mir wirklich schleunigst diese Schwulenwitze abgewöhnen ...

Ich starrte mich an und blaue Augen starrten zurück.

Bin ich schwul? Fragte ich stumm mein eigenes Spiegelbild und erhoffte mir aus unerfindlichen Gründen auch noch eine Antwort. Nur ... wenn ich schon nicht gerade redselig war, dann war es mein Spiegelbild erst recht nicht.
Seufzend und absolut ermattet sank ich nach vorne und lehnte meine Stirn gegen die meines Spiegelbildes, ein seltsam tröstliches Gefühl, während meine Hand geistesabwesend ein kleines Herz auf die beschlagene Scheibe malte. Das Glas fühlte sich angenehm an unter meinen Fingern, feucht und glatt.
"Spieglein, Spieglein an der Wand", murmelte ich leise und schrieb zärtlich "Y+T" in das Herz, "wer ist der Schwulste im ganzen Land ..."

"Hey, Yamato? Alles okay bei dir?"

Oh Gott!! Herzinfarkt! Mit einem Satz sprang ich vom Spiegel zurück und hätte mich fast auf den feuchten Fliessen hingelegt. Mit rudernden Armen hangelte ich nach meinem Gleichgewicht und verlor dabei fast mein Handtuch.

"Yamato?"

"Äh ... ja!!" brüllte ich zurück und stürzte zum Spiegel, mein Handtuch grade noch festhaltend. Hastig und mit glühendem Gesicht wischte ich über das beschlagene Glas. Argh!! Was war das denn gewesen?! "Alles klar, Papa!"

Weggewischt, mein Herz ... ausgelöscht ... ignoriert ... ob ich das die ganze Zeit gemacht hatte? Einfach nicht hingeguckt? Es beiseite geschoben und nicht darauf geachtet was darin stand, eingraviert war in großen Neonröhrenleuchtbuchstaben ... blinkend wie ein riesiges Reklameschild ... absolut unübersehbar ...

*blink blink* YAMATO ISHIDA LIEBT TAICHI YAGAMI. *blink blink*

"Du bist aber schon ziemlich lange da drin", rief mein Vater von draußen. "Was ist los? In der Dusche ertrunken?"

Auch wenn er versuchte witzig zu klingen, schwang da noch etwas anderes in seinem Tonfall mit. Anscheinend machte er sich wirklich Gedanken um mich. Zugegeben, so wie ich vor einer knappen Stunde nachhause gekommen war - schweigend und wie ein begossener Pudel, im wahrsten Sinne des Wortes - konnte ich ihm das nicht mal verdenken.

"Haha ...", grummelte ich während mein Herz immer noch wummerte wie ein Presslufthammer.

Taichi ...

Mir wurde ganz schwach und ich sank mit einem schummerigen Gefühl im Bauch auf den Toilettendeckel, der zum Glück grade runtergeklappt war, sonst wäre ich in meinen geistesabwesenden Zustand vermutlich direkt ins Klo gerutscht.

Ich konnte es nicht leugnen. Nicht einmal ich, mit meinem schwarzen Gürtel in Verdrängungstaktik. Mein verdammter Körper, der Verräter spielte ja schon verrückt, wenn ich nur an seinen Namen dachte ...
Ob das noch normal war ...?

Vielleicht sollte ich Ryo danach fragen ... der tat ja so als wüsste er alles! Hah!

Oh mein Gott!!! Mir fiel da grade etwas Entsetzliches ein.

Wenn ich wirklich schwul war, bedeutete das ... dass ich ... dass ich und Ryo etwas gemeinsam hatten!!!! Oh nein!!! Ausgerechnet der Antimensch und ich!
Das durfte doch nicht wahr sein!! Wieso war ich denn auf einmal so wie der??

<< Schwul wie ... in zwei nackte, erregte, schwitzende, ineinander verschlungene Männerkörper beim Sex>>

Na toll! Das sollte wirklich die offizielle Wörterbuch-Definition für schwul werden. Ich würde mich dafür einsetzen. Vielen Dank, Kari für diese unglaubliche Bereicherung unseres Sprachschatzes!

Aber es war seltsam ... die Vorstellung, bei der mir vorhin noch fast das Frühstück hochgekommen wäre, verlor ihren ganzen Schrecken, wenn ich da plötzlich nicht mehr IRGENDWELCHE Männer oder gar Ryo einsetzte ... sondern mich und Taichi ...Ich meine ... es war nur Tai ... irgendwie ... einzig und alleine er ... schon immer gewesen ...
Ich bin nicht schwul, dachte ich mit plötzlich aufflackernder Erkenntnis, aber irgendwie auch nicht hetero ... ich bin einfach ... taito!! Taitosexuell.

Das war zwar eine tolle Erkenntnis, nur half mir das auch nicht unbedingt. Was sollte ich denn jetzt TUN??
Normalerweise hätte ich bei jedem Problem zuerst mit Taichi geredet. Beziehungsweise, hätte ich versucht es zu verheimlichen, Taichi hätte natürlich trotzdem gemerkt, dass irgendwas nicht okay war und es aus mir rausgequetscht. Kam aber aufs selbe hinaus. Ich würde es ihm erzählen und er würde mir helfen ... aber jetzt?? Das konnte ich ihm doch nicht sagen ...

Das ging einfach nicht.

Seufzend stand ich auf und mit einem letzten missmutigen Blick auf den mit meinen Handabdrücken verschmierten Spiegel verließ ich das Bad.

Das Handtuch schmiss ich, in meinem Zimmer angekommen frustriert zu Boden und versenkte mich Hals über Kopf in meinen Kleiderschrank. Ich musste jetzt sofort an was anderes denken, oder ich würde wahnsinnig werden. Klamotten waren da immer noch das Beste.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach mich in meinen angeregten Vergleichen zwischen verschiedenen T-Shirts.

"Bin beschäftigt", rief ich mit gedämpfter Stimme, aber natürlich ignorierte mein verehrter Herr Erzeuger das mal wieder vollkommen und latschte mitten ins Zimmer. Wieso machte der sich überhaupt die Mühe und klopfte?? Das war doch wohl der blanke Hohn!

"Matt?"

"Raus, ich bin nackt", knurrte ich, mein Oberkörper immer noch in Tiefen des Kleiderschranks versenkt.

"Erstens ist da nichts, was ich nicht schon mal beim Windeln wechseln gesehen hätte", kam die absolut überflüssige Antwort, "und zweitens wird Taichi das wohl kaum stören."

"WAS?!"

Ich japste nach Luft und schnappte willkürlich nach einem Oberteil, dass ich mir panisch vor den Unterleib hielt und fuhr zurück. "Taichi?? Wo??"

"Am Telefon. Wo sonst?" Er grinste und hielt mir unser Schnurloses hin.

"Wenn du nicht vor hast, das Leben deines Sohne drastisch zu verkürzen", fauchte ich, "unterlass solche Scherze!! Das hat mich mindestens zehn Jahre meines Lebens gekostet."

Aufgebracht riss ich es ihm aus der Hand.

"Tai ...?"

Ein Kichern war die Antwort.

"Du bist nackt?"

"Nein, bin ich nicht!!!"

"Ist er doch", rief mein Vater im Gehen.

"Ruhe auf den billigen Plätzen!!" brüllte ich und knallte die Tür hinter ihm zu.

"Hab ich bei irgendwas gestört?" Taichi lachte immer noch.

"Nein ... ich meine ... nein ... vielleicht ... ja ... Äh, bin gleich wieder da. Moment!"

Ich legte ihn ab und streifte hastig das Shirt über, das ich sowieso schon in der Hand hielt und angelte nach einem Paar Boxershorts, während ich gleichzeitig nach dem Telefon griff. Zugegeben, das war vielleicht neurotisch, aber bei der jetzigen Situation wollte ich lieber nicht nackt mit Taichi Yagami telefonieren.

"Bin wieder da."

"Nackt?"

"Darauf antworte ich gar nicht erst ...!"

Ich ließ mich auf mein Bett sinken und versuchte möglichst cool zu klingen. Das war schwerer als gedacht ...

"Schade."

Schade ...? Wie war das jetzt wieder gemeint? Würde mich Taichi gerne nackt sehen? Oder verarschte er mich nur grade wieder, so wie vorhin auf beim Fußball? Ich stöhnte innerlich auf.

//Oh, shit!! Ich hab ja gleich gewusst, dass es so kommen wird! Dass ich jedes verdammte Wort von Tai auf die Goldwaage legen und von vorne bis hinten durchleuchten und vermessen werde, nur um sicher sein, wie das richtig zu interpretieren ist. So ein scheiß!//

Wieso konnte ich nicht einfach einen blöden Witz darüber reißen so wie ... früher. Moment! Früher??? Das war letzte Woche! Mir kam es nur vor wie in der Steinzeit. Jetzt war alles so anders ...
Ich hatte plötzlich Angst davor, dass ich ihm wehtun könnte. Dass er mir wehtun könnte. Dass wir nie wieder Freunde sein würden, wenn das raus kam. Dass ...

"Matt? Hey?? Hallo? Alles klar?" Ich bemerkte erst jetzt, dass Taichi schon seit geraumer Zeit meinen Namen in den Hörer zu rufen schien.

"Klar", erwiderte ich hastig, "wieso nicht."

"Du warst grade so abwesend. Was ist los?" Jetzt klang er plötzlich wieder ernst und alles Scherzhafte war aus seiner Stimme verschwunden.

"Nichts", sagte ich.

"Geht's dir gut?"

"Ich bin bloß noch ein bisschen k.o. von dem Spiel. Aber weswegen rufst du eigentlich an?"

Falls er merkte, dass ich nur mehr oder weniger unauffällig das Thema wechseln wollte, ließ er das sich wenigstens nicht anmerken.

"Zwei Gründe", begann er. "Erstens ist Kari bei euch? Sie ist doch während dem Regen mit Tk nachhause gefahren, oder?"

"Ja, glaube schon. Zumindest ist Tk übers Wochenende hier und ich höre aus seinem Zimmer ständig komische Geräusche, die sich irgendwie nach deiner Schwester anhören."

"Komische Geräusche?! Hey, was macht er da mit meiner armen, unschuldigen, kleinen Schwester???"

"Ich glaube, nicht, dass ER was mit IHR macht", grinste ich, "so komisch wie die im Moment drauf ist, hab ich eher den Eindruck, dass es seine Entsetzensschreie sind, die man da immer wieder zu hören kriegt."

"Oh ... na dann." Er machte eine kurze Pause. "Meinst du, er hält sie noch ´ne ganze Nacht aus?"

"Wieso? Soll Kari bis morgen hier bleiben?"

"Ja."

Ich zuckte mit den Schultern. "Tk war schon immer etwas sodamasochistisch veranlagt - ich glaube, er fände es toll, wenn sie hier bleibt. Und mein Vater hätte sicher auch nichts dagegen. Ich frage ihn nachher mal."

"Cool, danke!"

"Kein Ding."

"Die Sache ist die", fing er an zu erklären, "meine Eltern fahren heute Abend weg, sie besuchen eine schreckliche alte Großtante von mir, die irgendein Problem hat und kommen erst übermorgen wieder. Und da kamen die Jungs vorhin in der Umkleide auf die grandiose Idee, dass wir noch mal ordentlich einen draufmachen sollten, vor dem Spiel."
Er klang nicht begeistert. "Na ja, und da ich grade sturmfreie Bude habe, fanden sie, es wäre eine tolle Idee es bei mir zu veranstalten und haben sich praktisch selbst eingeladen. Jetzt habe ich hier um zehn die ganze Bande am Hals."

"Tai ... deine Mutter wird dich umbringen wenn auch nur einer auf ihren kostbaren Perserteppich reihert." Ich hatte so meine Erfahrung mit Feiern bei denen Taichis Fußballfreunde anwesend waren.

"Ich weiß!" stöhnte er dramatisch. "Deshalb ruf ich ja an. Bitte, bitte, komm heute Abend, ja? Dann hab ich wenigstens einen, der mir beisteht, wenn das ganze außer Kontrolle gerät. Bitte!"

"Du meinst, dann hast du einen Dummen, der dir beim aufräumen hilft, wenn der Rest sich längst aus dem Staub gemacht hat", korrigierte ich trocken.

"Matt! Bitte!! Ich brauche dich! Außerdem macht es keinen Spaß ohne dich."

Yamato Ishida, der Partylöwe. Oh, yeah!

"Meinetwegen", seufzte ich und zog etwas fröstelnd die Knie an. Mist, mir war immer noch nicht richtig warm. Vielleicht sollte ich so langsam etwas mehr als Boxershorts anziehen.

"Yesss! Ich danke dir!!"

"Ja, ja."

"Ich werde einen Feiertag nach dir benennen!"

"Sicher."

"Du bist der einzige, der meine Mutter davon abhalten kann mich umzubringen! Sie mag dich nämlich."

"Sie tut was?" Ich kniete auf dem Rand meines Bettes, das Telefon zwischen Kinn und Schulter geklemmt und hangelte nach einer Hose, die über meinem Stuhl hing. Irgendwie war ich zu faul zum aufstehen, aber mir mein bestes Stück abfrieren wollte ich auch nicht.

"Sie findet dich toll!" Er lachte. "Ja, sie denkt, du bist ein netter Junge. Frag mich nicht, wie sie darauf gekommen ist ..."

"Vielen Dank", erwiderte ich säuerlich, "aber zu deiner Information - ich BIN ein netter Junge!"

"Ich könnte das jetzt widerlegen ... aber ich lass dir mal deine Illusionen."

"Zu gütig!"

Es war schön irgendwie. Das Rumblödeln, genau so wie vorher, als noch nicht alles anders gewesen war ... und ich noch nicht ... noch nicht ...
Für Sekunden steigerte ich mich in die Illusion hinein, dass vielleicht alles so bleiben könnte wie vorher zwischen uns beiden. Dass sich gar nichts ändern musste, bloß weil ich ... irgendwie taitosexuell geworden war.
Aber Taichis nächster Satz machte alles zunichte.

"Du kannst auch bei mir übernachten, wenn du willst. Hey, das wird lus ..."

Den Rest des Satzes bekam ich leider nicht mehr mit. Wumm. Ausgeknockt. Und das buchstäblich. Mitten in meiner Hangel-Aktion auf dem Rand des Bettes verlor ich das Gleichgewicht und knallte unsanft auf den Boden. ÜBERNACHTEN. Das Wort hallte in Großbuchstaben durch meinen Kopf, während ich mir mit schmerzverzerrtem Gesicht denselbigen rieb, den ich mir auf dem Weg nach unten irgendwo dagegen gehauen hatte.

Übernachten ... hieß, dass wir in einem Bett schlafen würden. Genau wie wir es schon immer getan hatten. Oh, shit! Das ging nicht! Das ging einfach nicht! Ich konnte doch nicht ... mit Taichi ... was wäre wenn ... wenn ich irgendwie ... ich meine ... hey, ich war ein Junge, ich war grade voll in der Pubertät ... voll mit seltsamen Hormonen, absolut Null Kontrolle über meinen Körper ... und allein im Bett mit Taichi Yagami ... was konnte da alles passieren?!?
Hilfe!!

Mit hochrotem Gesicht, was Tai ja zum Glück nicht sehen konnte (zum zweiten Mal heute dankte ich Gott, dass wir kein Bildtelefon hatten ...) tastete ich nach dem Telefon, dass irgendwo neben mir auf dem Boden gelandet war.

"Tai?"

"Ja? Was war denn eben los? Hast du was umgeschmissen?"

"Meine ... äh Stehlampe", japste ich. "Tai, ich muss Schluss machen. Ich bin aber so schnell es geht bei dir. Versprochen! Bis später."

"Matt? Hey, warte! Was ist denn ...?"

Mit einem Stöhnen legte ich auf.

Oh shit!

~*~*~*~*~*~*~*~*~

Eine knappe halbe Stunde später war ich mit der Auswahl meiner Kleidung fertig und stand kurz von einem Nervenzusammenbruch.
Es war verdammt viel schwerer als gedacht sich anständig anzuziehen, wenn man sich gleich mit jemandem treffen wollte, der gleichzeitig der beste Freund UND die heimliche große Liebe UND ein gottverdammter Junge war und man ihm gleichzeitig irgendwie klar machen musste, dass man unmöglich zusammen in einem Bett schlafen konnte. Das war eine brenzlige Situation. Und es war schwer die richtige Kleidung dafür zu finden. Ich meine, gleichzeitig gut auszusehen, aber eben nicht schwul, sexy, aber eben nicht als ob man es drauf anlegte, lässig, aber nicht schlampig, stylish, aber auch sportlich, sportlich, aber auch sexy, sexy aber nicht ... okay, ich drehte mich im Kreis.
Im Endeffekt lief es auf eine schwarze Hose hinaus, die eng war aber eben nicht zu eng und ein weißes Hemd, das stylish war, aber auch irgendwie cool aussah. Da noch irgendwas Undefinierbares fehlte um wirklich durchgestylt auszusehen, band ich mir noch ein kleines schwarzes Lederbändchen um den Hals, das ich in meinem Zimmer fand. Im Notfall konnte ich mich daran wenigstens aufhängen.

Ich fusselte stundenlang mit meinen Haaren herum, aber irgendwie kam nichts Vernünftiges dabei heraus. Also verfluchte ich sie einfach im Stillen und ließ sie wie sie waren. Vermutlich würde es Taichi-"Was ist eine Bürste?"-Yagami sowieso nicht auffallen, wenn ich aussah wie ein Wischmop.

Endlich kam ich aus meinem Zimmer, bereit für die Welt, bereit für Taichi ...
... okay, wem versuchte ich hier was vor zu machen? Ich war ein Wrack.
Schwer atmend vor Nervosität sank ich von außen gegen meine Tür und wünschte mir nichts sehnlicher als wieder in die ruhige Ungestörtheit meines Zimmers zu fliehen und mich unter meiner Decke zu verkriechen. Bei näherer Überlegung schien es mir kaum glaubhaft, dass es erst heute Morgen, also vor wenigen Stunden gewesen sein sollte, dass ich in der warmen Sicherheit meines Bettes gelegen hatte und sterben wollte. Aber heute war soviel passiert und irgendwie ... war ich inzwischen einfach nur noch fertig.

"Matt? Alles in Ordnung?"

Ich blinzelte und starrte direkt in das besorgte Gesicht meines Vaters. Ich hatte ihn nicht mal kommen gehört.

"Bestens", sagte ich und löste mich von der Tür.

"Du siehst so blass aus. Fühlst du dich nicht gut?"

"Ich könnte heulen vor Glück. Sieht man das nicht?"

Vorsicht vor tief fliegendem Sarkasmus, Leute.
Ich versuchte mich unauffällig an ihm vorbei zu schmuggeln, aber leider ließ er sich diesmal nicht so leicht wie sonst mit einem dummen Spruch abspeisen, sondern hielt mich am Arm fest.

"Halt, stopp! Hier geblieben", befahl er eisern. "Wo willst du um diese Uhrzeit überhaupt noch hin?"

"Taichi", murmelte ich und versuchte meinen Designerärmel aus seiner Hand zu entwinden, ohne dass das Hemd ernsthaften Schaden nahm.

"Jetzt noch? Du hast doch morgen Schule!"

Schule? Als ob ich nicht noch andere Probleme hatte ... Außerdem hatten Taichi und seine Teamkollegen ja morgen auch keine Schule. Offiziell und von ganz oben genehmigt, damit sich die "Spitzensportler" einen Tag vor dem großen Spiel ausruhen konnten. Hatte ich das nicht auch verdient, nachdem ich mich heute für sie im Matsch gewälzt hatte?

"Ich schätze, morgen bin ich krank", erwiderte ich schließlich lässig und entwand mich seinem Griff, bereit endlich zu verschwinden.

Irgendwie hatte ich erwartet, dass er genervt sein und mich in Ruhe lassen würde oder wenigstens sauer ... und mich in Ruhe lassen würde. Alles - bloß nicht, dass er eine Hand auf meine Schulter legte und mich plötzlich so ansah.

"Fühlst du dich denn krank?" fragte er ernsthaft und mit diesem ... seltsamen Blick. So forschend und ein bisschen traurig und irgendwie besorgt. "Du weißt, du kannst es mir sagen, wenn etwas nicht stimmt."

Ich blieb stehen. Ich wollte ihn anfahren, dass er mich bloß nicht so angucken sollte oder einen meiner blöden Sprüche vom Stapel lassen ... aber irgendwie konnte ich nicht. Nichts bringt mich so sehr aus dem Konzept, wie Leute, die unerwartet nett zu mir sind.

"Wie kommst du denn darauf...?" fragte ich und musste schlucken. Ich merkte plötzlich, dass meine Hände zitterten und dass ich wirklich so müde war, wie ich mich fühlte ... Verwirrt fuhr ich mir durch die Haare. Das durfte doch nicht wahr sein!! Nicht jetzt! Wo ich meine coole Fassade mehr als alles andere brauchte!

Er sah mich einfach nur an. Nachdenklich. Und ich wand mich plötzlich unter diesem Blick wie ein kleines Kind, dass man trotz Verbot mit den Fingern in der Keksdose erwischt hatte. Es konnte doch nicht sein, dass mein Vater mich immer noch dazu bringen konnte, dass ich mich so fühlte! Ich war gottverdammte sechzehn Jahre alt!

"Ich weiß, dass ich im Moment nicht besonders oft zuhause bin", sagte er, "und dass ich von deinem Leben nicht so viel mitbekomme, wie ich gerne möchte ..."

Na, fabelhaft. Da hatte er in seinem tragischen Alleinerziehenden-Leben mal wieder einen seltenen Anfall von Schuldgefühlen seinem armen, vernachlässigten Sohn gegenüber ... und ich war nicht in die Stimmung das auszunutzen.

"... aber ich bin auch nicht blind. Ich weiß, dass irgendwas nicht stimmt. Du bist schon seit Wochen so merkwürdig."

Seit Wochen? In anbetracht der Tatsache, dass ich selbst erst seit heute wusste, was mit mir los war, war das eigentlich nicht möglich. Oder doch? Andererseits ...
Man verliebte sich ja nicht über Nacht ...
Ich war so ratlos. Was wusste ich schon von Liebe? Hey, das war ein Wort, dass ich bis vor wenigen Wochen noch im Lexikon hatte nachschlagen müssen um zu wissen wie man es schreibt. Andererseits - was wusste denn mein Vater schon von der Liebe? Der hatte ja nicht mal seine eigene Frau bei sich behalten können.

Trotzdem hätte ich in diesem Moment fast damit rausgerückt. Mit allem. Mit Ryo. Mit Taichi. Dass ich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Wie ich mich Taichi gegenüber verhalten sollte. Ob mein Vater immer noch so nett zu mir sein würde, wenn er wusste, dass ich ... so war wie dieses Nervengift Ryo? Ein potentieller Homosexueller? Jemand, der es toll fand seinen besten Freund ohne Hemd zu betrachten?
Okay, jetzt war ich wieder zynisch. Es war mein Vater von dem ich hier sprach. Er musste mich doch lieb haben, egal was ich tat, nicht wahr? Gab´s da nicht eine Klausel im Elternvertrag, die Eltern verpflichtete ihre Kinder zu lieben??

"Ich ..." hörte ich mich zu meinem eigenen Entsetzen sagen und sofort wieder anhalten, beinah luftlos vor Schreck. Beinah hätte ich was gesagt.

//Ich bin nicht einmal mit elf Jahren ein wirkliches Kind gewesen. Wieso soll ich jetzt damit anfangen mich bei Erwachsenen auszuheulen?// sprach die kleine ätzende Stimme in meinem Kopf.

Tatsache war, dass ich schon vor ziemlich langer Zeit aufgehört hatte, daran zu glauben, dass Erwachsenen alles wissen und immer eine Lösung parat haben. Die traurige Wahrheit war nämlich, dass sie zwar immer so taten, als ob sie alles besser wüssten, und das auch noch als dauernde Entschuldigung benutzten um sich in unser Leben einzumischen, mit dem Vorwand ja nur "unser Bestes" zu wollen - ohne wirklich jemals zu definieren, was es mit diesem mysteriösen "Beste" auf sich hatte ... aber wenn man wirklich Probleme hatte, konnten sie dir doch nicht helfen und dann stand man damit eben doch ganz alleine da. Nennt mich ruhig gefrustet oder zynisch - aber so war das nun mal.

"Es ist alles okay ... wirklich", vollendete ich schließlich, und es klang sanfter und wesentlich weniger bissig als geplant. Aber ich glaube, er verstand wie es wirklich gemeint war. //Ich kann jetzt nicht ... vielleicht später ...//

Er seufzte und nahm die Hand weg. Die "alles-wird-gut-wir-können-doch-darüber-reden-Vater-und-Sohn-Gesprächs"-Stimmung, die eben noch gefährlich dicht und beklemmend in der Luft gelegt hatte, war plötzlich wie weggewischt. Und ich wusste nicht, ob ich darüber erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

"Nimm eine Jacke mit", sagte er und seufzte, "Sommer oder nicht, nachts wird es ziemlich kühl."

Ich nickte folgsam und wollte Richtung Tür entschwinden, doch ein letztes Mal hielt er mich noch auf.

"Warte mal kurz", murmelte er und betrachtete prüfend meinen misslungenen Versuch einer Frisur. Schneller als ich reagieren konnte, wuschelte er mit einer raschen Handbewegung durch mein Haar.

"Waah! Stopp! Was machst du denn ...!" schrie ich entsetzt, aber unterbrach mich sofort, als ich einen Blick in den gegenüberliegenden Garderobenspiegel erheischte. Irgendwie sah es anders aus. Alles fiel plötzlich ... genau richtig. Wie hatte er das denn wieder gemacht?

"Schon besser", murmelte er zufrieden und drückte mir eine Jacke in die Hand. "Und nimm mein Fahrrad, wenn du hier schon im Dunkeln herumstreunen musst. Deine Klapperkiste hat ja nicht mal Licht."

"Hmh...", erwiderte ich und sah ihn an. Ich kam mir durchschaut vor und lächerlich jung. Trotzdem fühlte ich mich aus unerfindlichen Gründen plötzlich besser.

"Danke..." murmelte ich schnell und fast unhörbar, und öffnete die Tür.

"Fahr vorsichtig", war alles was er sagte.

~*~*~*~*~*~*~*~*~

Ich schloss das Fahrrad ausnahmsweise mal sorgfältig ab, als ich vor Taichis Haus stand, da es im Gegensatz zu meinem eigenen so was wie den Ferrari unter den Rädern darstellte. Dann lief ich die Treppe hoch und drückte mit klopfendem Herzen auf die Klingel.

Frau Yagami öffnete mir.

"Yamato, hallo!" Sie lächelte mich freundlich an und trat beiseite. "Wie nett, dass du kommst, während wir fort sind. Dann ist Taichi nicht so allein."

Allein? Na ja ... wenn man die Horde betrunkener Fußballer ignorierte, die in einer knappen Stunde das Haus verwüsten würden - war er vermutlich wirklich allein heute Abend. Wie erwartet, hatte Taichi natürlich total "vergessen" seine Eltern von dem geplanten Überfall in Kenntnis zu setzen.

"Geht das mit Kari auch wirklich in Ordnung?" fragte sie besorgt und zog gleichzeitig ihren Mantel über. "Ich hätte es ja lieber gehabt, wenn sie heute hier übernachtet hätte, aber Taichi meinte, dass sie Takeru so wenig sieht in letzter Zeit und da wollten wir ihr den Spaß natürlich auch nicht verderben."

"Das ist wirklich kein Problem", beruhigte ich sie.

"Das ist schön" sagte sie und rief über ihre Schulter, "Schatz? Bist du soweit?"

"Oh, wie unhöflich von mir", wandte sie sich gleich darauf wieder an mich, "ich habe dir ja noch gar nichts angeboten. Möchtest du vielleicht etwas zu trinken? Oder zu essen?" Und wieder über die Schulter: "Schaaatz??"

"Nein!! Ich meine ... danke, aber ich habe schon gegessen", erwiderte ich hastig und schlüpfte aus meinen Schuhen.
Und ich hatte vor meinen siebzehnten Geburtstag noch zu erleben, vielen Dank!

"Wirklich nicht? Ich habe hier irgendwo noch ein paar selbstgebackenen Kekse ..."

"Bin ja schon da" grummelte Herr Yagami und errettete mich vor den Kochkünsten seiner Frau. "Tag, Yamato."

"Hallo."

"Geh ruhig schon nach oben, Taichi springt da irgendwo herum." Er warf seiner Frau einen schrägen Blick zu, "Ich verstehe sowieso nicht, wieso wir wegen dieser Angelegenheit unbedingt wegfahren müssen. Ich habe mir deswegen extra morgen frei nehmen müssen ..."

"Also, bitte! Du weißt doch ganz genau ..."

"Nein, weiß ich nicht! Es ist doch wohl ihr überlassen mit wem sie den Rest ihres frustrierten Lebens teilen möchte!"

"Wie kannst du das sagen?? Rodriguez ist sechzig Jahre jünger als sie!! Er ist doch nur hinter ihrem Geld her!!"

"Wenn sie dumm genug ist sich auf ihn einzulassen ..."

"Wir müssen sie aus den Klauen dieses Heiratsschwindlers befreien! Denk doch an ihr schwaches Herz!"

"Ach was. Der alte Drachen überlebt uns doch alle."

Beide schienen auf einmal zu bemerken, dass ich immer noch da war und ihnen höchst interessiert und mit kaum verhülltem Grinsen zuhörte, denn sie drehten sich gleichzeitig zu mir um.

"Äh, ich bin schon oben", sagte ich hastig. "Auf Wiedersehen! Gute Fahrt." Ohne auf eine Antwort zu warten sprintete ich eilig die Treppe hoch.

Laute Musik hallte mir schon entgegen als ich auf dem Treppenabsatz ankam. Und zwar so laut, dass mich der Schalldruckpegel fast Hals über Kopf wieder die Treppe runterpustete. Musik und eine Art seltsames Jaulen, das nur mit viel gutem Willen als Gesang durchging. Neugierig spähte ich in Taichis Zimmer.

"I keep looking for something I can´t get" johlte Taichi grade in seinen Fön, während er in nichts weiter außer schwarzen Hot Pants bekleidet auf seinem Bett herumsprang und versuchte dem Rhythmus der Bässe zu folgen. "Broken hearts are all around me! And I don´t see an easy way to get out of this ... out of this."

Ich hob die Augenbrauen. Taichi hatte wirklich bemerkenswert viele Talente ... aber singen gehörte definitiv nicht dazu, so leidenschaftlich er da auch in seinen Fön jaulte.

Es war albern ... ER war albern ... und mein Herz hätte nicht so schlagen dürfen, nur weil ich ihn sah ...

"Oh-oh-oh Iiiiiiiiii!! I just died in your arms tonight! It must have been something you said! I just died in your arms toniiiiight!"

Endlich schien er mich zu bemerken, denn er strahlte mich an, meinen skeptischen Blick ignorierend und sprang vom Bett aus auf mich zu, während er weiter voller Inbrunst in sein improvisiertes Mikro plärrte.

"Oh-oh-oh Iiiiiiiii! I just died in your arms tonight!" Schneller als ich ausweichen konnte, packte er mich plötzlich und schleifte mich mit sich. "It must have been some kinda kiss! I should´ve walked away ... I should´ve walked awaaay!!"
Ich zappelte und wehrte mich, aber er hatte seinen Arm fest um meine Taille geschlungen, während er mich wie eine widerwillige Ballkönigin quer durch sein Zimmer wirbelte.

"Taichi!! Lass dass!!" brüllte ich und versuchte nicht sehr Ballköniginnenhaft nach ihm zu schlagen, was schwer war, da er mich grade so schnell herumdrehte, dass mir fast schlecht wurde. Außerdem ging meine Stimme bei dem Krach sowieso unter.

Endlich hielt er abrupt an und bog meinen Rücken galant über seinen Arm nach hinten. Mir schwirrte schon der Kopf.

"Is there any just cause for a feeling like this?" sang er auf einmal eine Oktave tiefer und wesentlich sanfter, als er an eine ruhigere Stelle des Songs kam. Gleichzeitig schwebte sein Gesicht bedenklich dicht über meinem und er sah mir tief in die Augen. "On the surface I´m a name on a list. I tryyy to be discreet ... but then blow it again. Blow it again ..."

Kochendheißes Blut schoss von überall aus meinem Körper nach oben und überflutete ohne Vorwarnung mein Gesicht. Mein Herz raste plötzlich wie verrückt. Ich hatte das Gefühl, es war so laut, dass es sogar das verdammte Lied übertönte.

"Auf welchen Drogen bist du denn?" brüllte ich gegen die wummernde Musik an, in dem verzweifelten Versuch normal zu klingen. So als würde nicht alles in mir brennen und hämmern, bloß weil Taichi plötzlich so verdammt dicht bei mir war ...

Er grinste. "Keine Lust mitzusingen?!"

"Nein!!!!"

"Sicher nicht?"

Ich schüttelte atemlos den Kopf. Er war so dicht ... so nah ... ging mir viel zu sehr unter die Haut, als das es gesundheitlich noch vertretbar war. Denn was mein Herz da grade veranstaltete, das fiel wohl kaum noch in den Bereich des Normalen. So schnell wie das grade hämmerte, hätte es sicher jeden Arzt dazu veranlasst, mich sofort samt Blaulicht in die Herzchirurgie einzuliefern.

Da ging er hin ... mein Plan so zu tun, als sein alles wie immer ...Nichts war wie immer. Nie wieder.

Behutsam ließ er mich schließlich los und trat einen Schritt zurück. Ich schwankte wie einem Schiff auf rauer See, und musste mir Mühe geben aufrecht stehen zubleiben.
Mit beinah so etwas wie einem bedauernden Ausdruck auf dem Gesicht lächelte er mich an, warf den Fön aufs Bett und drehte endlich die Musik auf ein Ohren schonenderes Maß herunter.

"Hi", sagte er schließlich etwas verspätet.

Ich rang unauffällig nach Luft und erwidert ein geistreiches "Hi."

"Tut mir leid", sagte er und klang absolut nicht schuldbewusst, "ich war etwas ... mitgerissen."

"Hier", erwiderte ich, während ich langsam meine Fassung wiedererlangte und mein Gesicht nicht mehr länger aussah wie der Gewinner des rötesten "Rote-Rosen"-Kontests der Welt. "Fünfzig Yen. Geh und kauf dir einen anständigen Musikgeschmack."

Er lachte bloß. "Sind meine Eltern schon weg?"

"Ja. Sind mir direkt über den Weg gelaufen, als ich kam."

"Ausgezeichnet."

"Nur aus Neugierde ... was ist eigentlich mit deiner Großtante los? Sie haben so merkwürdige Andeutungen gemacht ..."

"Och, die ...", er zuckte mit den bloßen Schultern, "die ist aus ihrem Altersheim abgehauen um ihren spanischen Krankenpfleger zu heiraten. Superpeinlich für den Rest der Familie. Jetzt wollen sie sie für unzurechnungsfähig erklären lassen, bevor sie ihr komplettes Vermögen auf Francesco, oder wie immer der Knilch auch heißt, überschreibt. Was weiß ich."

"Rodriguez", verbesserte ich und verkniff mir ein Lachen.

"Wie auch immer ..." Er legte nachdenklich den Kopf schräg und starrte mich forschend von oben bis unten an.

"Was ist?" fragte ich.

"Ach nichts." Er seufzte. "Bloß ..."

"... bloß was?"

"DU siehst immer so toll aus."

"Ich ... waaas?!!" Okay, das kam unerwartet.

Und wumm, da waren sie wieder - sieben Liter glühende Lava, die durch meinen Körper schossen und meinem Gesicht die Farbe überreifer Tomaten verlieh. Gehet hin und nennt mich Yamato, den menschlichen Feuermelder.

"Du weißt schon ... deine Klamotten und so. Ich meine, dir steht ja auch alles gut ... aber deine Haare sehen auch immer perfekt aus."

"Stimmt doch gar nicht", hauchte ich schwach.

"Sieh mich doch mal an." Er deutete mit einem miserablen Gesichtsausdruck auf das braune Gestrüpp auf seinem Kopf. "Ich hab es schon mit Gel versucht, aber irgendwie ... Es klappt alles nicht. Es sieht immer noch so aus wie vorher."

"Was hast du denn gegen deine Haare?" fragte ich und schluckte, während mir kurzfristig schwindelig wurde, als das ganze Blut wieder aus meinem Kopf floss, so dass ich mich am Bettpfosten festhalten musste. Es war schwer vorstellbar, dass irgendjemand (und sei es Taichi selbst) irgendetwas an seinem Körper nicht umwerfend und absolut atemberaubend
finden könnte.
"Ich ... hm ... ich mag deine Haare", murmelte ich und sah verlegen zur Seite.

"Wirklich?" Er wurde rot.
Das war neu. Taichi wurde niemals rot. Was damit zusammen hing, dass ihm normalerweise nie etwas peinlich war. Aber immerhin war es so zur Abwechslung mal nicht ich, der aussah wie ein Ampelmännchen. "... danke."

"Wieso stören sie dich auf einmal?"

"Tun sie eigentlich nicht ... aber ... na ja ... Ryo hat vorhin in der Umkleide gemeint, ich könnte ruhig versuchen mehr aus mir zu machen. Du weißt schon. Nicht immer nur Sportsachen anziehen. Und die Haare und überhaupt ..."

"RYO??" Sofort war ich von schwummerig-locker-leicht auf Hundertachtzig geschossen. "Wieso hörst du denn auf den?? Natürlich muss der so was sagen!! Er ist ja auch schwul! Die hängen doch alle stundenlang vorm Kleiderschrank wie Mädchen!!"

Verdammt!
Mir wurde noch in derselben Sekunde, in der ich es aussprach klar, dass ich mir mal wieder selbst ans Bein gepisst hatte.

//Sehr schlau, Yamato, wirklich! Tapp in dein eigenes Klischee, wieso nicht!//

"Woher weißt du das?" fragte Taichi erstaunt.

"Dass alle Schwulen stundenlang vorm Kleiderschrank hängen? Haha ... das war nur geraten ... nicht, dass ich selbst damit Erfahrung hätte ..."

"Nein, dass mit Ryo meine ich."

"Oh. DAS." Ich hatte eigentlich keine Lust jetzt über Ryo zu reden, aber da er mich so abwartend ansah, sah ich mich schließlich genötigt es zu erklären. "Tk und deine Schwester haben geplappert."

"Ach so." Er sah mich immer noch so angespannt an, als würde er auf irgendetwas warten. Als nichts mehr kam, fragte er schließlich: "Und?"

"Und was?"

"... stört es dich?" fragte er leise und ohne mich dabei anzusehen.

//Ob es mich stört, dass jemand schwul ist??? Soll das ein Witz sein? Abgesehen von mir selbst (denn das stört mich ganz gewaltig) ... eher nicht! Außer er zeigt übermäßiges Interesse an Taichi und kann seine Fingern nicht von ihm lassen ...// Aber dass konnte ich natürlich nicht sagen.

"Nein. Natürlich nicht."

"Na dann ..."

"Hm ..."

Ein seltsames Schweigen breitete sich zwischen uns aus, nicht direkt unangenehm, nur einfach ... seltsam. Ich stand immer noch neben dem Bett und spielte mit dem Lederbändchen um meinen Hals und Taichi zupfte in einem für ihn absolut ungewöhnlichen Anfall von Selbstzweifeln an seinen Haaren herum. Wir sahen uns beide nicht an.

So lange bis es mir schließlich zu doof wurde. Kurz entschlossen griff ich nach dem Fön, den Taichi eben auf seine Bettdecke gefeuert hatte. Mein eigenes Haardesaster von eben wurde dabei dezent vergessen.

"Hey, wenn dir wirklich soviel dran liegt ... kann ich mich ja mal an deinen Haaren versuchen."


Teil 8 

Eine halbe Stunde später, in der ich mich nicht nur mit einer Machete bewaffnet durch Taichis kompletten Kleiderschrank-Dschungel gekämpft hatte, sondern auch noch den gesamten Vorrat seiner Mutter an Haargel und Schaumfestiger verbraucht hatte, standen er und ich schließlich gemeinsam vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer seiner Eltern. Taichi besaß tatsächlich zu neunzig Prozent Sportklamotten, wie ich feststellen musste. Er hatte sogar eins von diesen kleinen neckischen Dingern, die der Volksmund "Eierschützer" nannte, also die Mann vor sein besagtes bestes Stück schnallte, falls er sich in etwas raueren Sportarten erging und die mich jedes Mal auf schmutzigen Gedanken brachten. Irgendwo ganz hinten, hatte ich aber doch noch einige brauchbare Klamotten entdeckt.

"Wow", er pfiff anerkennend durch die Zähne. "Ich bin platt. Wie hast du das denn gemacht?"

"Am siebten Tag schuf Gott den Menschen", deklamierte ich hoheitsvoll. "Und am achten Tag kam Yamato und vervollständigte das Kunstwerk."

"Erinnere mich daran, wenn ich eine Religion gründe um dir zu huldigen", grinste er. "Oh, du göttlicher Yamato."

"Hey, bin ich gut oder was?"

"Das bist du allerdings!"

Ich hatte es tatsächlich geschafft etwas aus seinen Haaren zu machen, das halbwegs nach Frisur aussah. Nicht, dass es mich gestört hätte, wie es vorher ausgesehen hatte, im Gegenteil ... dennoch war ich von mir selbst sehr beeindruckt. Seine Haare waren zwar immer noch zerwuschelt und ziemlich wild, aber inzwischen sahen sie auf sehr GESTYLTE Art wild aus. Einige dunkle Strähnchen hingen ihm lässig im Gesicht, was so sexy aussah, dass es mir schwer fiel ihn anzusehen ohne weiche Knie zu kriegen.

//Ja, sehr schlau, Matt! Mach einen Sexgott noch ne Spur heißer, damit es ja nicht zu leicht für dich wird ihm zu widerstehen! Guter Plan! Scheiße, bin ich doof!//

"Ich wusste nicht mal, dass ich solche Klamotten besitze ..."
Taichi starrte beeindruckt auf die silbergraue Hose und das rote Shirt, die so stylish aussahen, dass sie glatt aus meinem Kleiderschrank stammen könnten. Wenn ich farbige Sache tragen würde, natürlich.
Allerdings war das ja in meinem "Yamato verwandelt sich in einen komplett neuen Menschen, damit Taichi sein bester Freund bleibt" -Plan mit inbegriffen. Werde sportlich. Werde sozial. Zieh mal was anderes an außer schwarz. Sieh andere Menschen nicht immer so finster an, dass sie ein Trauma erleiden. (Das könnte deiner Beliebtheit tatsächlich abträglich sein.) Und lass dir nach Möglichkeit nicht anmerken, dass du dich in ihn verliebt hast und damit zu einer doofen Schwuchtel mutiert bist ...

"Findest du wirklich, es steht mir?" fragte er und klang einen Moment lang überraschend unsicher.

Ich nickte heftig.
Wie konnte er denn daran zweifeln?? Er sah so verdammt sexy aus, dass ich mich vor lauter Frust am liebsten zu Boden geworfen und in den Teppich gebissen hätte.
Weil ... ja, wieso eigentlich? Weil er nicht meiner war und niemals sein würde? (Also Taichi natürlich, nicht der Teppich ...) Weil er ein Junge war und ich blöderweise auch, und es nicht grade normal war, dass man einen anderen Jungen, IRGENDEINEN anderen Junge so unglaublich anziehend fand? Und das man ein riesiges Problem hatte, wenn es nicht nur irgendein Junge war, sondern ausgerechnet der beste Freund? Und ...

"Du siehst gut aus, wirklich!" sagte ich schnell, bevor die dämliche Masse in meinem Kopf, die sich als Gehirn bezeichnete, anfing mich noch mehr durcheinander zu bringen, als ich es ohnehin schon war.

"Cool." Er grinste mich an, schräg durch ein paar dunkle Strähnen, die ihm in die Augen fielen und seine Augen funkelten. "Dann kann ich mich ja endlich mal neben dir sehen lassen."

"Versuchst du grade witzig zu sein?" knurrte ich misstrauisch.

"Nein, das war ernst gemeint! Du ... siehst eben immer toll aus."

"Haha. Du spinnst ja!" Hastig wandte ich mich ab, damit er nicht sah, dass ich rot wurde.

Er brachte mich jedes Mal durcheinander wenn er so etwas sagte und ich hatte das dumpfe Gefühl, dass er das auch ganz genau wusste. Und das es ihm aus unerfindlichen Gründen Spaß machte.
Ich sah scheiße aus und er wie ein Gott. So. Punkt. Noch ein Grund warum das mit uns nie
was werden würde. Mal abgesehen von den tausend anderen Sachen ...

"Matt ... danke", sagte er leise hinter mir. "Dass du mir geholfen hast und so."

"Ach das ..." ich schluckte heftig und zuckte gleichzeitig abwertend mit den Schultern. "Das war doch gar nichts ..."

"Nein wirklich ... ich ... danke! Du bist ..." er stotterte. Was war los? Taichi stotterte niemals. Und er wurde niemals rot. Und schon gar nicht zweimal an einem Tag!! War er krank oder so was? Fragend drehte ich mich zu ihm um. "... niemand ist so ... kann das so toll wie du", endete er schließlich und starrte angestrengt auf den Spiegel und zupfte an seinem ohnehin perfekt sitzenden T-Shirt herum.

Wieso hatte ich auf einmal das dumpfe Gefühl, dass es hier um mehr ging, als bloß ein paar Stunden Haare bearbeiten?
Vielleicht lag es an der Art wie Taichi mich grade ansah, eigentlich eher die Art wie er mich nicht ansah ... und immer noch so dicht, so verdammt dicht vor mir stand. Vielleicht war ich wirklich einfach nur bemerkenswert begriffsstutzig - aber ich kapierte echt nicht, warum er mich im Spiegel plötzlich so ansah. So abwartend. So ... keine Ahnung ...
Ich kam mir plötzlich vor, wie ein Schauspieler, der mitten auf der Bühne seinen Text vergessen hatte. Oder das richtige Stichwort. Oder der gar nicht wusste, in welchem STÜCK er grade mitspielte. So in der Richtung.

"Haha", lachte ich nervös. "Ich weiß doch, ich bin der Beste!"

Das war vermutlich nicht grade die beste Reaktion, ich geb´s zu, aber leider das erste was mir einfiel. Zu meiner Überraschung stieg Taichi, der sonst jede Gelegenheit für einen blöden Spruch nutzte, nicht auf den Scherz ein.
Er drehte den Kopf vom Spiegel weg und lächelte mich einfach an. Nicht irgendein Lächeln. Nicht das patentierte freche, leicht verlegene Taichi Grinsen, dass er sonst drauf hatte. Es war anders. Lieb und ein bisschen schüchtern und auf verdammt einladende Weise irgendwie sexy.

"Du bist der Beste", wiederholte er leise.

"Äh ... das war nicht ernst gemeint", sagte ich hastig und merkte wie rot wurde unter seinem intensiven Blick, und begann dahin zu schmelzen wie Eis in der Sonne. "Ich mach doch bloß ... Witze ..."

Er trat einen Schritt auf mich zu und ich wich automatisch zurück bis ich gegen etwas Hartes stieß ... und fand mich plötzlich zwischen Spiegel und Taichi eingeklemmt wieder.

"Ich nicht."

Er hob die Hand und strich mir eine helle Haarsträhne, die mir in die Augen gefallen war zurück. Aber er ließ sie nicht los, sondern fing an mit ihr zu spielen, während er mich weiterhin mit diesem Lächeln ansah, dass mich dazu brachte, dass ich mich plötzlich wie glühende Lava aufzulösen drohte und zu zerfließen schien. Die andere Hand hatte er direkt neben meinem Gesicht abgestützt.

"Du bist der Beste", murmelte er und es klang tatsächlich ein bisschen schüchtern. "Das weißt du doch!"

Was redete er denn da? Ich war doch ein totaler Versager, das hatten wir ja heute zur Genüge feststellen können. Und dazu noch ein SCHWULER, sozialer Versager, vielen Dank auch!

"Blödsinn ...", stieß ich leise hervor, in dem vergeblichen Versuch ganz normal zu klingen. "Eher das Gegenteil ..."

Er seufzte. "Wieso machst du dich eigentlich immer so runter? Das hast du doch gar nicht nötig."

Ich erstarrte und stammelte: "Was?"
Woher wusste er denn ...?

Seine Finger spielten immer noch ganz sanft mit meinem Haar.

"Ich wäre ein mieser bester Freund, wenn ich das nicht mitkriegen würde, oder?"

Konnte er jetzt auch noch Gedanken lesen?

"Nein, aber du denkst so laut, dass man es gar nicht überhören kann."

Moment mal ... hörst du das etwa?

"Ja."

Das auch?

"Matt!!" Mit einem Seufzen trat er einen Schritt zurück. Ich kam mir plötzlich vor, als ob ich die ganze Szene ruiniert hätte ... dabei wusste ich wie gesagt noch nicht mal in was für einem Stück wir grade spielten.

"Ich versteh nicht, wieso du immer so an dir zweifelst", er verdrehte die Augen und ließ meine Haarsträhne los. "Ryo findet übrigens auch, dass du gut aussiehst ... und der müsste ja eigentlich wissen wovon er redet."

Ich bekam einen Hustenanfall. "Waaass?!"

Okay, diesmal hatte er es geschafft mich aus der Fassung zu bringen. Scheiße ... schon wieder wurde ich rot ... ich hasste Komplimente ... ich hasste wenn Taichi mich so angrinste ... ich hasste wenn blöde Schwuchtel, die ich nicht leiden konnte mich für gut aussehend hielten.

"Tut er NICHT!!" fauchte ich, sobald ich wieder Luft bekam. Na toll! Hatten etwa er und Taichi später unter der Dusche über mich geredet?? Sich am besten darüber lustig gemacht, dass ich kein Fußballspielen konnte? Oder noch schlimmer - darüber geredet wie scheiße ich in kurzen Hosen aussah? Herrlich ... das war ja ein toller Gedanke.

Tais Grinsen wurde wenn möglich noch breiter. "Doch, tut er! Er findet du bist niedlich ... nur leider furchtbar zickig ..."

NIEDLICH?? Oh man, er war tot!!! Ryo war so was von tot!

"Niedlich?!" zischte ich mit geballten Fäusten. "Der kann sehen wie niedlich ich bin, wenn ich ihm die Fresse poliere!"

"Nun mach dir nicht ins Hemd" Taichi grinste immer noch breit. "Er wird dich schon nicht anbaggern ..."

"Das will ich für ihn hoffen!! Wenn ja - das überlebt er nicht!" Er sollte mich nicht angucken und für niedlich halten. Er sollte nicht mal wissen, dass ich existierte!
Ja zugegeben ich war paranoid - aber scheiße, es war schon schlimm genug, wenn ich bei manchen Mädchen das aberwitzige Gefühl hatte, dass sie mich mit Blicken auszogen. Ich hasste das - wirklich!

"Hey." Taichis Hand auf meinem Arm ließ mich in meinem Ausbruch inne halten. "Ich passe schon auf dich auf. Er wird dich in Ruhe lassen in der Hinsicht, okay?"

"Wenn er die Aufdringlichkeits-Gene seiner Schwester geerbt hat, wäre ich mir da nicht so sicher ..."

Seine Hand war so warm ... wie schaffte es Taichi nur immer so warm zu sein? Als hätte er eine kleine Heizquelle in sich versteckt. Ich war immer so kalt, egal ob Sommer oder Winter. Vielleicht fror ich deswegen so oft. Taichi war das einzige was es schaffte mich jemals wieder warm zu kriegen. Warmer, warmer Taichi ...

"Mach dir keine Gedanken ...", Sein Grinsen wandelte sich in ein sanftes Lächeln und er wuschelte durch mein geheiligtes Haar. "Überlass das ruhig mir, Yama. Ich rette dich schon."

Ich blinkte. "Oh ... gut."

Unter normalen Umständen hätte mich sein seltsamer Gesichtsausdruck, als er das sagte gewundert, aber diesmal war ich zu abgelenkt. Yama? Wieso Yama? Moment ... hatte er mich vorhin auf dem Spielfeld nicht schon mal so genannt? Was für eine dämliche Abkürzung meines Namens war das denn?

"Tai ..." ich wollte ich grade danach fragen, aber er unterbrach mich.

"Oh, mist!" fluchte er mit einem Blick auf die Uhr. "Wir sind schon wieder viel zu spät. Hilfst du mir schnell alle zerbrechlichen Gegenstände verschwinden zu lassen und das Wohnzimmer ein bisschen umzuräumen? Die kommen gleich alle."

Ich nickte. "Wie ist es mit essen? Soll ich irgendwas machen? Wollen wir ne Pizza bestellen?"

"Nö." Er schüttelte unbarmherzig den Kopf. "Die brauchen nichts. Die wollen sich doch sowieso nur voll laufen lassen."

"Ja, klar." Ich rollte mit den Augen. "Ich kümmere mich gleich darum."

Also machten wir uns auf ins Wohnzimmer um alles was irgendwie so aussah, als ob Frau Yagami einen Anfall erleiden würde, wenn es kaputt ginge, in Sicherheit zu bringen und eventuell hinderliche Möbelstücke aus dem Weg zuräumen.

Es war zwar anstrengend die ganze Zeit Tische und Sofas hin und her zu schieben, aber ich fand es auch irgendwie ganz angenehm etwas von den ganzen seltsamen Gedanken, die die ganze Zeit in meinem Kopf Tischtennis spielten, abgelenkt zu werden.
Natürlich wurde ich nur abgelenkt so lange Taichi nicht in meiner Nähe war und ... irgendetwas machte. Zum Beispiel einatmete.
Er angelte nach einem Bilderrahmen auf dem oberen Regal, so, dass sein T-Shirt hoch rutschte und einen schönen Blick auf seinen flachen, harten Bauch gab.
Scheiße ... wurde ich verrückt? Wieso war es plötzlich so unheimlich sexy wie er ein und aus atmete? Er fuhr sich durch die Haare und warf mir ein schnelles Lächeln zu ... und mir wäre vor lauter Sexualhormonen, die bei seinem Anblick in meinen Blutkreislauf ausgeschüttet wurden beinah schwindelig geworden. Machte er das mit Absicht? Was war los?
Oder wenn er wie jetzt unter das Sofa kroch um nach etwas zu fischen, dass darunter gerollt war und in dem Prozess mit seinem kleinen, knackigen Hintern wackelte, um sich tiefer nach unten zu schieben ...
Oh ... shit. Weggucken. Schnell.
Mit hochrotem Kopf wandte ich mich ab und versuchte tief durch zuatmen. Es ging einfach nicht an, dass ich hier anfing, wie ein peinliches Fangirl bei seinem Anblick auf den Teppich zu sabbern.
Man, reiß dich zusammen, Matt! Immerhin bist du Yamato Ishida, kälter als ein Gefrierschrank Stufe drei. Du sabberst NICHT!
Ich hatte definitiv einen Ruf zu verlieren.

Mir selbst gut zuredend, baute ich mich vor dem großen Eichenschrank auf und angelte nach einer der scheußlichen Vasen auf dem obersten Regal, bei der ich genau wusste, dass Taichis Mutter mit uns den Boden wischen würde, wen ihr etwas passieren würde.

Das blöde Ding stand allerdings höher als erwartet. Ich reckte mich so sehr ich konnte und balancierte auf Zehenspitzen, aber ich erreichte sie immer nur mit den Fingerspitzen. Nicht genug um ihr volles Gewicht halten zu können. Genervt versuchte ich mich an dem Schrank etwas hochzuziehen.
Eine plötzliche Stimme hinter mir ließ mich zusammen fahren und beinah das Gleichgewicht verlieren.

"Warte", sagte Taichi dicht an meinem Ohr. "Ich mach das schon."

Er ging direkt hinter mir auf Zehenspitzen, so dicht, dass ich unwillkürlich zwischen ihn und das Regal gequetscht wurde. Sein warmer Körper schmiegte sich im Prozess von hinten an mich, während er seine Arme dicht an meinen entlang nach oben streckte. Der plötzliche Körperkontakt, als er sich von hinten an mich lehnte ließ mich zusammenschaudern. Ich riss die Augen auf und versuchte gleichmäßig zu atmen, mein plötzlich glühendes Gesicht gegen das kühle Holz gedrückt. Mein Herz hämmerte gegen die glatte Oberfläche des Eichenschranks. Taichis Geruch, Taichis Wärme, Taichis Körper ... überall nur Taichi um mich herum ...
Noch zehn Sekunden länger und ich würde garantiert die Besinnung verlieren.
Als er sich reckte, reichten seine Hände grade soviel über meine, dass er das riesige Ding endlich zu fassen bekam. Sehr, sehr langsam und behutsam holte er es herunter. Wobei er aufpasste, damit nicht gegen meinen Kopf zu stoßen.
Er trat einen vorsichtigen Schritt zurück und ich hätte am liebsten aufgeseufzt beim plötzlichen Verlust seiner Nähe.

Falls ich das noch nicht erwähnt habe - Tai und ich sind normalerweise, oder waren es bis vor kurzem zumindest noch etwa gleichgroß. Aber da wir beide grade mitten in der Pubertät steckten, entschied immer der jeweilige Wachstumsschub wer von uns der Größere war.

Es schien, als hätte Tai in den letzten Wochen mal wieder einen gehabt. Denn als ich mich umdrehte, atemlos und erschreckt, und beinah mit ihm zusammenstieß, fiel mir auf, dass meine Augen nur ungefähr auf Höhe seines Mundes waren, was vor ein bis zwei Monaten noch nicht der Fall gewesen war. Scheinbar war er aktuell der Größere von uns beiden. Das erklärte, warum er die Vase erreicht hatte und ich nicht.

Was es nicht erklärte, war wieso mein Herz plötzlich diese seltsame Show in meiner Brust abzog und einen Salto nach dem anderen schlug.
Es erklärte auch nicht wieso ich mich plötzlich um seinen Hals werfen ... und diesen gefährlich dichten Mund küssen wollte. Mir war klar, dass er sich nur ein bisschen herunter neigen musste und so dicht wie wir zusammenstanden ... würden unsere Lippen sich treffen ... einfach so.
Moment. Was dachte ich da eigentlich?
Hormone ... es mussten einfach Hormone sein. Mein Körper spielte verrückt. Pubertät. Genau
- das war´s.

"Na bitte", sagte Taichi zufrieden und betrachtete die stilistische Scheußlichkeit in seinen Händen. "Am besten stell ich sie zu mir ins Zimmer, da dürfte sie relativ sicher sein."

Ich nickte stumm.
Hätte ich versucht etwas zu sagen, hätte ich vermutlich losgeheult.

Wie ... wie konnte das nur sein, dass er, seine simple Nähe so einen unglaublichen Effekt auf mich hatten ...und ich so gar keine auf ihn?? Ich hatte das Gefühl meine Knie würden gleich unter mir nachgeben und er kümmerte sich um die verdammte Vase!

Fuck. Fuck. Fuck.

Während Taichi nach oben lief, lehnte ich mich mit geschlossenen Augen an den Schrank und atmete tief durch. Nicht durchdrehen, bitte ... sondern schnell etwas zu arbeiten suchen. Es gab sicher noch etwas, irgendetwas, das weggeräumt werden musste ... und was mich daran hindern würde nachzudenken ...

Mit zitternden Händen begann ich Herrn Yagamis Plattenspieler, eine echte Rarität beiseite zu schieben. Verdammt ... wieso hatte Taichi nur diese Wirkung auf mich?? Wie machte er das? Und wieso ... wieso ... hatte ich so gar keine auf ihn?
Immerhin bekam er keine Aussetzer, wenn er mir so nahe war ... außer er konnte sie verdammt gut tarnen. Aber wie zum Teufel müsste ich sein, damit Taichi mich anziehend finden würde? Ganz abgesehen von der kleinen unbedeutenden Tatsache, dass ich ein Junge war ... wie müsste ich sein? Größer? Kleiner? Durchtrainierter? Dunkelhaariger? Weiblicher? Männlicher? Irgendwie mehr ... sexy?
Was machte ich falsch? Was müsste anders an mir sein, damit Taichi sich zu mir hingezogen fühlen würde ...

Wenn ich es mir recht überlegte, wurde mir klar, dass ich überhaupt nicht wusste, was oder wen Taichi überhaupt für sexy hielt. Was komisch war, denn ich als sein bester Freund sollte eigentlich wissen ob es da jemanden gab. Aber ich hatte echt keine Ahnung. Taichi hatte meines Wissens noch nie für irgendjemand geschwärmt. Er hielt ja offensichtlich nicht mal Kyoko für sexy.

<<Och, weißt du ...vielleicht steh ich ja mehr auf blond.>>

Das hatte er vorhin gesagt ... auf dem Fußballfeld, als ich ihn gefragt hatte, warum er nicht mit Kyoko ausgehen wollte.
Auf blond ...?
War das ein Witz? War das ernst gemeint? Fuck, Taichi, manchmal könnte ich dich mit deinen dummen Sprüchen echt umbringen! Wieso musst du immer solche Witze machen?? Woher soll ich denn noch wissen, was du ernst meinst, und was nicht? Und was überhaupt war das eben für eine blöde Aktion mit der Vase?
Wieso ... wieso verwirrst du mich immer so?

//Was für eine Scheiße ... am besten bringe ich mich gleich um.//

Ich hatte mit dem Wegräumen aufgehört und unbewusst angefangen mit den Enden des schmalen Lederbändchens zu spielen, das um meinen Hals gebunden war. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie ich passend zu meinen morbiden Gedanken immer fester zugezogen hatte ... bis Taichis Hand ganz plötzlich meine beschäftigten Finger festhielt. Erschrocken, weil er mich so aus meinen Gedanken gerissen hatte, sah ich auf. Wo kam der denn so plötzlich wieder her?

Leicht amüsiert blickte er mich an.

"Pass lieber auf, sonst erwürgst du dich noch damit."

"Das ist Sinn und Zweck der Angelegenheit", entgegnete ich ohne Nachzudenken. "Man sollte immer was dabei haben, wenn es einen der plötzliche Drang überfällt sich zu strangulieren."

Wie jetzt zum Beispiel, dachte ich bitter.

"Wie typisch für dich, ein Mordinstrument als modisches Accessoire um den Hals zu tragen. An eine harmlose Kette oder so was hast du wohl nicht gedacht." Er klang nicht begeistert.

"Keine Sorge, ersticken gehört nicht zu meinen Lieblingstodesarten. Es dauert so lange ..."
Langsam. Qualvoll. Wie deine Nähe, Taichi ... wieso merkst du das nicht?

"Gut zu wissen", kam die sarkastische Erwiderung. "Gott, bist du morbide manchmal ..."

"Rasierklingen", sagte ich verträumt, "oder Schlaftabletten. Die feigen Todesarten, zugegeben, aber das wäre schon eher meine Richtung. Irgendetwas wo man Musik hören kann während man es tut. Ob es ein passendes Lied zum Verbluten gibt, was denkst du ...?"

"Hör auf!" unterbrach er mich in so scharfem Tonfall, dass ich erschrocken zusammenzuckte.
"Matt, das ist nicht witzig." Der Griff um mein Handgelenk wurde fester und er funkelte mich an.

Ich hatte vergessen, dass Taichi meinen kranken Humor nicht immer besonders zu schätzen wusste. Mehr oder weniger nicht ausstehen konnte, traf es wohl besser.

"Hey, ganz ruhig - es war ja nicht ernst gemeint!"

"Ja klar ..." er seufzte. "Jedem anderen würde ich das abkaufen. Bloß du ... Du kannst manchmal so ...sein."

"Ich kann WIE sein?" fragte ich, plötzlich etwas angepisst. "Was soll dass denn heißen?? Dass ich irgendwie durchgeknallt bin?"

"Nein! Natürlich nicht ..."

"Was dann?!"

Oh toll - das war ganz toll! Taichi hielt mich also nicht für absolut unattraktiv und abstoßend, sondern auch nur für ein psychisches Wrack. Vielen dank auch! Weist mich am besten gleich in die geschlossene Anstalt ein.

"So habe ich das nicht gemeint, Matt - das weißt du!" Seine großen, braunen Hundeaugen sahen mich bittend an. "Sag so was einfach nicht, ja? Ich ... ich mag mir nicht mal vorstellen, dass du stirbst! Und du machst immer Witze darüber."

Er schien sich wirklich Gedanken zu machen.
Taichi machte sich ständig Gedanken um mich. Ich verstand zwar nicht wieso, aber es brachte mich wieder etwas von meinem Klapsmühlen-Trip herunter.

"Bleib locker, man - ich bin nicht suizidgefährdet oder so", erwiderte ich deshalb, meinen nur halb ernst gemeinten Erstickungsversuch mit dem Kopfkissen heute Morgen gnädig vergessend. "Man, du klingst wie der Therapeut zu dem mich mein Vater nach der Scheidung geschleift hat. Soll ich schnell noch ein paar Tintenkleckse analysieren, Dr. Freud?"

Taichi sah nicht so, als ob er meinen zugegeben ziemlich lahmen Versuch die viel zu ernste Stimmung aufzuheitern besonders komisch fand.

"Matt, wenn du jemals auf die Idee kommen solltest so was Blödes wie Selbstmord auch nur in Erwägung zu ziehen - dann bringe ich dich um!"

Überrascht von dem plötzlich überhaupt nicht mehr scherzhaften Tonfall und dem Ernst in den braunen Augen vor mir, blieb ich still und verkniff mir alle dummen Sprüche, die mir grade auf der Zunge lagen.
Stattdessen nickte ich brav und ließ meine Hand sinken. Zu meiner Überraschung ließ er mein Handgelenk nicht sofort los sondern hielt es einen Moment länger als nötig fest. Ich spürte wie mein Kopf wieder anfing zu glühen.
Was tat er denn da? Ich war doch auch schon so verwirrt genug, vielen Dank!

"Nun mach dir nicht ins Hemd, ich bring mich schon nicht um", sagte ich gespielt lässig.
"Auch wenn ich nicht glaube, dass es ein großer Verlust für die Welt wär- ..."

"Bitte!" Eine Hand auf meinem Mund ließ mich verstummen.
"Halt die Klappe, Yama", sagte er leise. "Halt einfach nur einmal die Klappe, okay? Und red nicht immer so einen Mist ..."

Yama. Er hatte es schon wieder gesagt. Also, war das keine Einbildung von mir. Seit wann nannte er mich denn nicht mehr Matt, so wie alle anderen auch?? Seltsam. Ich hätte ihn in diesem Moment gerne gefragt, aber seine Hand war immer noch auf meinem Mund und so konnte ich nicht.

In diesem Moment klingelte es an der Tür.

Sanft nahm er seine Hand von meinem Mund und ließ sie sinken. Einen Augenblick lang blieben seine Augen so dicht bei mir, dann schenkte er mir ein engelhaftes Lächeln und hauchte voller Inbrunst: "Verdammte scheiße!"

Mit diesen gefühlvollen Worten verschwand Richtung Tür. Ich blieb mehr als nur ein bisschen verwirrt zurück.