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Taichis bester Freund Teil 9 - 10

Teil 9

In einer seltsamen Mischung aus sexueller Frustration, Herzrasen und absoluter Verwirrtheit, wankte ich tapfer hinter Taichi her in den Flur und versuchte einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen.
Was zum Teufel war das eben gewesen im Wohnzimmer? Dieser Blick ... seine Worte ... seine Berührungen ... Was war das?! Soviel war klar - wenn Taichi heute Abend so weiter machte, würden meine Hormone nicht lange dabei mitmachen ohne durchzudrehen. Ganz zu schweigen von meinem Geisteszustand ...
Ich trat in den Flur und wurde beinah überrannt.

Keine Ahnung ob sich die ganze Schule untereinander verabredet hatten zum gleichen Zeitpunkt hier aufzutauchen, auf jeden Fall war grade so ziemlich die gesamte Fußballmannschaft, samt Groupies, Freundinnen und einigen Klassenkameraden dabei sich gleichzeitig durch die Eingangstür zu zwängen. Tolle Idee, Leute. Hilfe suchend hielt ich nach einem braunen, frisch gestylten Schopf Ausschau, während die gesamte Herde an mir vorbei und um mich herum trampelte und dabei ungefähr genauso viel Rücksicht nahm auf alles was ihr im Weg stand wie eine durchgehende Büffelherde. Scheinbar war unser ganzer verdammter Jahrgang auf die Idee gekommen auf diese Party zu gehen. Die Schule würde morgen früh wie ausgestorben sein, soviel war vorauszusehen.

Ich wurde ziemlich viel hin und her geknufft, während ich mich wie ein Idiot um meine eigene Achse drehte und nach Taichi suchte. Immerhin war er sowieso der einzige Grund weshalb ich überhaupt gekommen war.
Endlich sah ich ein paar braune Haarspitzen im Gedränge wippen und stellte mich auf die Zehenspitzen. Taichi war ebenfalls grade dabei sich hin und her zu drehen und schien nach mir zu suchen. Zumindest hoffte ich, dass ich es war nachdem er sich so angestrengt umsah.
Meine Hoffnung schien bestätigt zu werden, denn sobald er mich sah, hielt er erleichtert inne und zuckte hilflos mit den Schultern. Ich imitierte seine Bewegung mit einem leidenden Blick auf die Büffelherde zwischen uns. Er wedelte mit seinen Händen, dass ich da bleiben sollte wo ich war und dass er zu mir kommen würde. Wenigstens interpretierte ich seine Bewegungen so. Bei näherer Betrachtung hätte er genauso gut "Timmy ist in den alten Brunnen gefallen" signalisieren können.
Aber schneller als erwartet, tauchte er schließlich vor mir auf.

"Hey", sagte er in einem Tonfall, als hätten wir uns nicht vor wenigen Sekunden erst gesehen. Mehr als nur gesehen wohl gemerkt ...

"Hey", erwiderte ich also. Geistreich bis zum bitteren Ende. So bin ich.
Irgendetwas war da an ihm, dass mein Gehirn in Pudding verwandelte, sobald er in meiner Nähe war, soviel war sicher.

"Grauenhaft, nicht?" Mit einem halb gequälten, halb belustigten Lächeln deutet er auf die einströmenden Menschenmassen.
Ich nickte. "Deine Mutter bringt dich um", erwiderte ich voller Überzeugung. Es war ganz ausgeschlossen, dass wir alle Spuren, die sie hinterlassen würden rechtzeitig und ohne eine chemische Reinigung einzubeziehen, beseitigen konnten. Er stöhnte gequält und sah mich fragend an. "Ich weiß ... bleibst du wenigstens bei mir, bis ich zum Schafott geführt werde?"

"Schafott?" Ich hob die Augenbrauen. "Übertreib es nicht. Deine Mutter ist schon in Ordnung." Zumindest kenne ich keine andere Mutter, die mir und Taichi schon soviel Blödsinn hätte ungestraft durchgehen lassen wie seine.

Tai pustete ein paar Haarsträhnen aus seiner Stirn und sah mich an. "Bleibst du hier?" fragte er direkt. "Heute Nacht?"

Wumm. Mein Herz meldete sich ziemlich aufdringlich zu Wort, indem es schmerzhaft fest gegen meine Rippen hämmerte. Übernachten ... ich konnte nicht bei ihm übernachten! Mein Ohren färbten sich rot bei dem Gedanken, nachts neben ihm zu liegen ... in einem Bett ... wer wusste schon was ich verrücktes träumen würde ...

"Hey Taichi, wo ist dein CD-Player?" unterbrach uns Saya und wedelte mit ein paar CD´s in ihren manikürten Fingernägeln. Sie war die Freundin von Taichis rechtem Stürmer Miko und hat wie immer ein perfektes Timing dafür im falschen Augenblick zu stören.

"Neben dem Wohnzimmerschrank", erwiderte Tai ohne seinen Blick von mir abzuwenden.
"Ich weiß, dass das hier noch ewig dauern kann und du nicht unbedingt ein Fan von solchen Veranstaltungen bist und dass du morgen offiziell Schule hast und alles. Aber ..."

"Gibt's hier irgendwo einen Flaschenöffner?" brüllte da auch schon besagter Miko. Aus dem Wohnzimmer begann uns lauthals Musik entgegenzudröhnen. Taichi sah etwas genervt aus, antwortete aber ohne zu zögern.

"Guck mal auf dem Küchentisch, da müsste noch einer herumliegen. Du musst mir auch nicht aufräumen helfen, ich schwöre es, " er ob hastig die rechte Hand. "Großes Ehrenwort und so, dass ich es allein mache! Du musst keinen Finger rühren."

"Ach Tai, das ist es doch nicht ...", murmelte ich undeutlich. "Ich würde dir auf jeden Fall helfen. Das weißt du doch."

"Ich bring dir auch das Frühstück ans Bett! Egal wie früh du aufstehen musst", bettelte er und schenkte mir diesen hinreißend lieben, frechen Blick, bei dem ich regelmäßig dahin schmolz wie Butter in der Sonne.
Natürlich kämpfte ich dagegen an und wie immer, wenn ich tarnen musste, dass ich Taichi mal wieder am liebsten um den Hals gefallen wäre und ihn bewusstlos geküsst hätte, rutschte mir etwas Sarkastisches raus. "Das Frühstück würde mein Bett doch gar nicht erreichen - weil du es vorher gegessen hättest!"

Er verzog das Gesicht. "Ist ja hinreißend was du mir zutraust ..." Mitten im Satz unter brach er sich und seine Augen weiteten sich entsetzt, als er etwas erblickte, dass hinter uns nahte.

"Taichi?" flötete auch prompt eine entsetzlich bekannt vorkommende Stimme. Oh Gott, die Superzimtzicke nahte! Was machte die denn hier?? Mein Leben zur Hölle?

"Verdammt!" hörte ich ihn neben mir fluchen und sah wie er hektisch um sich blickte auf der Suche nach einem Fluchtweg. Scheinbar hatten wir mal wieder dieselbe Idee, denn mehr oder weniger zeitgleich stürzten wir uns hinter Yuma und Kashino. Die beiden hatten wie üblich beim rumknutschen alles um sich herum vergessen und nahmen jede Menge Platz weg, aber dafür gaben sie einen hervorragenden Schutzwall ab.
Es war zwar nicht unbedingt schön dabei zu zusehen, wie Taichis rechte Flanke die Zunge in den Hals seiner Freundin schob, aber verzweifelte Situationen erfordern nun einmal verzweifelte Maßnahmen. Ein Minirock mit den dazugehörigen hohen Stiefeln schlenderte an uns vorbei und wir hielten für einen Moment die Luft an.

"Ist sie weg?" flüsterte Taichi und ich nickte. Vorsichtig tauchten wir wieder auf.

"Ich glaube, sie ist im Wohnzimmer", sagte ich, nachdem ich wachsam in diese Richtung gespäht hatte. "Aber hör mal, was das Übernachten angeht ..." Ich hatte echt die Halluzinationen, dass ich diesmal in Ruhe zu Ende sprechen könnte.

"Yagami??"
Boa hey ... Ich gab's auf. Schluss, aus, das reichte jetzt! Was hatte es denn für einen Sinn zu versuchen mit Taichi zu reden, wenn alle anderen offenbar dasselbe vorhatten?

"Huargs!" Taichi stieß einen unidentifizierbaren, frustrierten Laut aus. "Das reicht!" Mit genervt verdrehten Augen, packte er nach meinem Arm.
Bevor ich kapierte was los war, zog er mich auch schon mit sich und ich stolperte ein paar Meter protestierend hinter ihm her. In einer raschen, fließenden Bewegung riss er eine Tür auf und zog mich mit sich hinein, bevor er die Tür hastig wieder zuknallte.
Es war stockdunkel, ziemlich eng und ich hatte keinen Plan wo wir waren und weshalb dieser merkwürdige Raum keine Fenster hatte. Als ich mich orientieren wollte. stolperte ich über einen Stapel Eimer und als ich nach etwas griff um mich festzuhalten, hielt ich eine Wischmob in der Hand. Das durfte doch nicht wahr sein ...
Taichi hatte uns in die Besenkammer verfrachtet!!

"Tai! Was zum Teufel soll ...?" Eine rasche Hand auf meinen Lippen stoppte mein Gezeter. Keine Ahnung wie er im Dunkeln so zielsicher meinen Mund gefunden hatte. "Still", flüsterte er direkt an meinem Ohr, sein Körper plötzlich viel zu dicht neben meinen, während er mir den Mund zuhielt.

"Und wo ist er jetzt?" hörten wir direkt vor der Tür eine leicht gedämpfte Stimme.

"Also, er war eben noch hier ..."

"Man, besorg dir ne Brille, Hiroshi!"

"Halt die Klappe, Takuto, sonst polier ich sie dir!"

"Das will ich sehen, du Großmaul!"

"Kannst du gleich, verlass dich drauf!"

"Schnauze, alle beide! Hier ist er nicht, also los weiter!" Seguchis autoritäre Stimme beendet den aufschwellenden Krach zwischen Hiroshi und Takuto, die sich beinah immer und wegen allem in die Haare bekamen und die Truppe zog weiter. Ihre Stimmen wurden leiser, als sie sich von der Tür entfernten und gingen schließlich im Lärm unter.

Wir atmeten beide gleichzeitig auf. Es war albern und ich hätte beinah angefangen zu kichern, wenn das nicht so verdammt mädchenhaft gewesen wäre. Immerhin hatte ich einen Ruf zu verlieren. Langsam nahm Taichi die Hand von meinem Mund.

"Tai ...", stellte ich absolut überflüssigerweise fest, "wir sind in einer Besenkammer."

"Ähm ... tut mir leid?" Er klang verlegen. Obwohl er seine Hand entfernt hatte, stand er immer noch viel zu dicht neben mir.

"Nein, ist okay - ich liebe Besenkammern. Sie sind so ... putzig."

Etwas rauschte heiß durch meinen Körper, als mir mit einiger Verspätung klar wurde, dass wir uns in einer ziemlich kompromittierenden Situation befanden, sollte das jemals herauskommen. Immerhin war das hier ein beinah schon klassisch zu nennendes Versteck für ... Liebespärchen. Eng und dunkel und ein wenig versteckt. Genau richtig um sich auf Partys zurückzuziehen und ungestört miteinander ... rumzuknutschen.
Rumknutschen war bei näherer Betrachtung ein dämliches Wort. Dämlich und absolut unzureichend um die plötzliche Erregung zu beschreiben, die bei diesem Gedanken durch meinen Körper pumpte. Tai ... und ich ... allein ... im Dunkeln ... in einer Besenkammer ... mit etwa soviel Platz zwischen unseren Körpern, dass nicht einmal die sprichwörtliche Erbse, der sprichwörtlich drauf liegenden Prinzessin zwischen uns gepasst hätte. Mein Körper reagierte so schnell und begeistert auf diese Situation, dass mein Verstand deutlich Mühe hatte ihm zu folgen.
Oh Shit, dachte ich beinah entsetzt. Was IST das? Nie hatte ich mich so bar jeder Selbstkontrolle gefühlt. Als ob mein Körper plötzlich ein Eigenleben führen würde ohne mich vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Irgendetwas in mir hatte die Kontrolle übernommen und wollte nur eins ... Taichi!
Es war mein verdammter Körper, der darum bettelte dass man sich wenn möglich noch dichter an ihn schmiegte.

//Hast du sie noch alle?// fauchte ich lautlos.

Dass man eine Hand in diesem unglaublichen Haar vergraben konnte ...

//Nein!!//

... und die andere unter das Shirt schieben ...

//Du spinnst ja!!!//

... hoch wandern auf der braungebrannten, glatten Haut ... endlich anfassen und spüren, was man bisher immer nur aus der Ferne bewundern konnte ...

//SCHNAUZE!!//

... und küssen. Endlich küssen ... das ganze Zeug zu machen, was man eben noch bei Yuma und Kashino so spöttisch und herablassend belächelt hatte ...

//Aaargh!!//

Aliens hatten meinen Körper besetzt und die Kontrolle übernommen. Es gab keine andere Erklärung mehr dafür. Sexbesessene, hormongesteuerte Aliens hatten meinen Körper übernommen!

Bestimmt waren mir schon seltsame Tentakel gewachsen oder meine Augen hatten dieses gefährliche, rote Glühen angenommen, genau wie im Film. Das immer dann wenn niemand hinsah im Auge des Helden aufblitzte und du wusstest genau, dass er zwar aussah wie immer und offiziell noch auf der Seite der Guten stand, aber in Wirklichkeit von einer geheimen außerirdischen Macht kontrolliert wurde, die es darauf abgesehen hatte die Erde zu übernehmen. Okay, in meinem Fall hatten es die Aliens nicht auf die Erde abgesehen, sondern einzig und allein auf Tai ...
Gleich würde ich anfangen zu Hyperventilieren. Aliens - als ob ich nicht genug andere Probleme hatte!
//Reiß dich zusammen, Matt!//

"Hey, wieso schnüffeln wir nicht ein bisschen an den Reinigungstabs und werden high", witzelte ich hysterisch witzlos, nur damit ich überhaupt irgendwas sagte, "wo wir schon hier sind ..."

Er lachte leise und sein Atem kitzelte auf meiner Wange. "Gute Idee. So könnten wir ja direkt auch noch Spaß haben ..."

Oh, nicht doch Tai ...! Ob er realisierte wie zweideutig diese Worte in meinen Ohren klangen? Ich bemühte mich durchzuatmen und den lechzenden Aliens nicht die Überhand zu überlassen.

"Sorry, das ist nicht grade der gemütlichste Platz der Welt", gestand er freimütig, "und das Licht ist auch noch kaputt. Aber sonst wären wir nirgendwo ungestört gewesen und mir ist grade auf die Schnelle nichts anderes eingefallen."

Keine Ahnung, wozu er sich entschuldigte. Ich hätte es sogar noch schön gefunden auf einer voll gepinkelten Bahnhofstoilette eingesperrt zu sein, so lange ich nur mit ihm zusammen sein konnte.
Oh Gott, was redete ich da ...? Das hätte man ja beinah als ... romantisch interpretieren können! Erschieß mich mal einer - schnell!

"Außerdem hätte ich Kyoko im Moment echt nicht ertragen", fügte er hinzu. "Langsam fängt sie an sich zu einer echten Landplage zu entwickeln."

"Wir brauchen einen Plan wie du sie los wirst", stellte ich fest und versuchte irgendetwas um mich herum zu erkennen. "Und zwar dringend! Ich habe nicht vor den Rest meines Lebens in einer Besenkammer mit dir zu verbringen, damit das klar ist." In einem Bett wäre schön ...

Er stöhnte mitleiderregend. "Wie denn? Sie klebt seit dem Spiel gestern an mir wie ein alter Kaugummi! Es ist ja nicht so, dass ich sie in irgendeiner Weise ermutigen würde dauernd an mir rumzugrabschen!"

"Hast du es schon mal mit der Wahrheit probiert?" fragte ich, während ich versuchte mich mit Hilfe meiner Hände im Dunkeln zu orientieren. "Dass sie unerträglich, aufdringlich und dämlich ist und endlich ihre manikürten Fingernägel von dir lassen soll?!"

Zugegeben - für einen Außenstehenden konnte das eventuell so rüberkommen als ob ich in irgendeiner Weise eigennützige Motive hätte sie loszuwerden. Das war natürlich nicht der Fall - es ging mir hier einzig und allein um das Wohl meines besten Freundes, dessen Lebensqualität durch die Flirtattacken dieser Zimtzicke doch erheblich eingeschränkt wurde. Ehrlich!! Nicht, dass ich auf das billige Flittchen mit ihrem ausgestopften Vorbau und der Schampoo-Werbungs-Haarmähne irgendwie eifersüchtig war ... ha!

"Das kann ich nicht - das weißt du, Matt." Er seufzte und ich konnte mehr spüren als wirklich sehen, wie er sich mit einer Hand durch die Haare fuhr. "Das bring ich einfach nicht fertig ... so wahr es ja auch sein mag."

Tai ist einfach zu lieb für diese Welt.
Es waren Augenblicke wie diese, in denen ich ihn mehr mochte als alles andere. Und die mich, so paradox es klingen mag, gleichzeitig aber auch mehr deprimierten als alles andere. Weil es mir jede Hoffnung nahm, dass es auch nur das Geringste zu bedeuten hätte, dass er so unheimlich lieb zu mir war. Er war einfach von Natur aus so. Aus. Ende. Es lag nicht daran, dass er irgendwie besonderes Interesse an mir gehabt hätte. Zumindest nichts mehr als über freundschaftliches Interesse hinausging. Er brachte es ja sogar noch fertig zu dieser Tussi nett zu sein, obwohl sie es rein gar nicht verdient hatte.
Das war alles so entmutigend und so verdammt deprimierend ...
Vielleicht hatte ich ein seufzendes Geräusch von mir gegeben, oder hatte einfach schon zu lange nichts mehr gesagt, aber irgendwie schien er zu bemerken, dass etwas nicht in Ordnung war.

"Was ist los?" fragte er.

"Nichts", erwiderte ich hastig. "Wieso?"

Er war einen Moment lang still. "Du bist immer so merkwürdig, wenn das Gespräch auf Kyoko kommt", stellte er fest. "Gestern auch schon."

Ich zuckte unwillkürlich zusammen und bemerkte wie mein Atem sich etwas beschleunigte. Manchmal war er gut - manchmal war er richtig gut! Keine Ahnung ob ich jetzt darüber glücklich oder unglücklich sein sollte, dass Tai etwas gemerkt hatte. So lange, er nur nicht die Wahrheit kannte ... denn das würde ich einfach nicht überleben.

"Es ist nichts, wirklich ..." beteuerte ich, obwohl es verdammt schwer war ihn anzulügen. Er war immer noch neben mir, nicht so dicht, dass unsere Körper sich berührten, aber eben dicht genug, dass ich seine körperliche Präsenz im Dunkeln so überdeutlich wahrnehmen konnte und es mich fast wahnsinnig machte ihn nicht sehen zu können.

"Ach Matt ..." ich hörte wie er tief einatmete und wappnete mich innerlich gegen das was kam. "Du musst mir nichts vormachen. Ich glaube, ich weiß was los ist ..."

Ich bin sicher, dass ich "Was?!" geschrieen hätte, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, aber in diesem Moment blieb mir einfach die Stimme weg. Hilflos suchte ich nach einer Wand, an die ich mich lehnen konnte, falls mir die Knie weich wurden, aber leider ertasteten meine verzweifelten Finger immer nur mehr Wischmöpe. Tai WUSSTE was mit mir los war?
Dass ich unsterblich, hoffnungslos, rettungslos, ahnungslos, hilflos, verzweifelt in ihn verliebt war? Dass mein Körper von sexbesessenen Aliens kontrolliert wurde, die alle scharf auf ihn waren?

"Gestern, als du nach dem Spiel einfach so abgehauen bist ... da habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht", fuhr vorsichtig er fort, als von mir keine Erwiderung kam. "Ich wollte vorhin schon mit dir reden ... aber irgendwie wusste ich die ganze Zeit nicht wie..."

Ich fühlte mich wie gelähmt. Das durfte doch einfach nicht wahr sein ... oh nein, oh nein, oh nein. Sekundenlang erwog ich wie meine Chancen standen, mich jetzt einfach an ihm vorbeizupressen und zu rennen so schnell und so weit ich konnte, nur damit mir diese Peinlichkeit erspart blieb. Leider waren meine Chancen angesichts der Tatsache, dass Taichi Jahrgangsbestzeit auf sämtlichen Sprintstrecken hielt, während ich ungefähr so sportlich war, wie dieser Wischmop hier nicht besonders gut.

"Ich ... ich weiß gar nicht wovon du redest", stieß ich atemlos hervor. "Wie kommst du überhaupt auf die Idee?"

"Verdammt, denk doch nicht immer, dass es mir nicht auffällt, wenn mit dir irgendwas nicht stimmt", sagte er und klang frustriert. "Du bist ja nur mein verdammter bester Freund ..."

Oh fuck ...

"Ich - ich kann alles erklären ... Es ist nicht so wie du denkst!" Ja, ich weiß ... ich kann selbst nicht glauben, dass ich das sagte. Wer zum Teufel SCHREIBT meinen Text?!

"Ich glaube, ich weiß warum es dir nicht gefällt, wenn Kyoko so an mir klebt", fuhr er unbarmherzig fort. "Und es tut mir so Leid ... ich kann es ja auch nicht ändern, auch wenn ich wünschte, ich könnte es ..."

"Tai ...nicht ... "

Mein Hände tasteten verzweifelt nach irgendeinem Halt und alles was sie fanden waren immer noch ein verdammter Wischmop ... und noch ein Wischmop ...
Ich würde nie wieder in meinem Leben einen Wischmop ansehen können, ohne an diesen peinlichen Augenblick erinnert zu werden, das war klar! Allein der Geruch, der verschiedenen Waschmittel würde mich vor Scham ohnmächtig werden lassen ... ich würde nie wieder unsere Wäsche waschen können ... Das konnte mein Vater nächstens gefälligst alleine erledigen.

"Ich war mir bis eben nicht sicher ... aber ..."

Oh Gott - sag´s nicht! Bitte! In Erwartung der ungeheuren Demütigung schloss ich die Augen, was angesichts der Tatsache, dass es sowieso stockdunkel war natürlich so sinnlos war wie eine Frostschutzversicherung in der Sahara. Taichi atmete tief durch und holte aus zum finalen Schlag ...

"Du bist in Kyoko verliebt, oder?"

Der Wischmop rutschte mir aus der Hand und landete krachend auf dem Boden.

"WAS?!" schrie ich auf. Wie war das grade? Hatten die Aliens jetzt schon mein Gehör übernommen? Das konnte ich doch jetzt einfach nicht richtig verstanden ...

"Jedes Mal, wenn sie sich an mich ranmacht, dann bist du so komisch und abweisend", sprach er hastig weiter. "Und du hast nie verstanden wieso ich nicht mit ihr ausgehen will ... und ... es muss dir ja auch nicht peinlich sein ... ich könnte es ja verstehen ... irgendwie. Auch wenn sie nicht unbedingt mein Fall ist, ist sie ja doch ..."

"Tai, halt die Luft an!" brüllte ich. Mein Kopf schwirrte schon, so dass ich gar nicht mehr klar denken konnte. Das war ein Traum ... das war bestimmt ein Traum ... ich musste nur noch aufwachen ... kneif mich mal einer, bitte! Taichi konnte doch nicht ernsthaft glauben, dass ... DAS der Grund für mein seltsames Verhalten war! Er konnte doch nicht wirklich annehmen, dass ich mich in diese unausstehliche Plastikpuppe ... Das war doch komplett absurd!

"Matt ..."

Ich spürte mehr, als dass ich sah, wie er einen Schritt auf mich zu machte und wich hastig zurück, wobei ich die Kollektion aus Eimern und Flaschen zu meinen Füssen, komplett vergaß. Meine Füße verhedderten sich zwischen den Besenstielen, so dass ich stolperte und beinah mitten in der Sammlung verschiedener Wischmöpe gelandet wäre, die die Yagamis offenbar anlegten. Vielleicht hätte mich einer der Stiele durchbohren und meinem Leid endlich in Ende setzen können.
Noch während mir dieser morbide Gedanke durch den Kopf schoss, wurde ich plötzlich gepackt und mitten im Fall aufgefangen. Eine Hand hatte blindlings nach mir gegriffen, umfing meine Taille und riss mich grade noch rechtzeitig wieder zurück.
Schwer atmend hing ich in seinen Armen, während Taichi mich vorsichtig wieder hochzog.
Gegen meinen Willen war ich beeindruckt. Er musste Nachtsichtglubscher wie eine Katze haben, um mich in der Dunkelheit so zielsicher erwischen zu können. Mein Herz hämmerte wie verrückt und ich wusste nicht, ob es an dem Sturz lag oder daran, dass ich plötzlich so Pulsschlag erhöhend dicht an seinen Oberkörper gedrückt wurde.

"Tai ... ich bin nicht ... es ist nicht ... wirklich nicht ...", versuchte ich zu erklären.

"Alles okay?" fragte er. Es klang ebenfalls etwas atemlos.

Ich nickte stumm. Alle Erklärungen, die mir auf der Zunge lagen, erstarben und ich fühlte mich plötzlich hilflos. So viele idiotische Sachen, die ich über Kyoko gesagt hatte, schossen alle gleichzeitig durch meinen Kopf und bewirkten, dass ich mir wie ein einziger, blöder Idiot vorkam.

>>Sag mal hast du sie noch alle?? Wie kannst du so jemand wie Kyoko Aizawa abblitzen lassen?<<

>>WIESO willst du eigentlich nicht mit ihr ausgehen? ...<<

>>Die meisten Jungen würde für so eine Gelegenheit ihr letztes Hemd geben ...<<

>>Wieso nicht? Ich versteh das nicht ...<<

>>Außerdem waren wir für heute Abend nicht verabredet ...<<

Ich hatte ihn sogar davon abgehalten sie anzubrüllen, als sie ihm zu dem Schuss gratuliert hatte, der mich fast ausgeknockt hatte ... was war ich nur für ein hirnloser Idiot?! Natürlich musste das für ihn so rüberkommen, als ob ... als ob ...

Das war eine Katastrophe. Das war schlichtweg eine Katastrophe! Wie sollte ich Taichi nur die Wahrheit sagen ... ohne ihm die Wahrheit zu sagen? Dass ich in Wirklichkeit nicht auf ihn eifersüchtig war weil er von Kyoko angebaggert wurde, sondern genau umgekehrt! Und wieso hielt er mich eigentlich immer noch so eng an sich gedrückt? Wieso ... waren seine Arme immer noch um mich geschlungen ...? Und wieso machte keiner von uns Anstalten den anderen loszulassen ...? Und wieso ...?

"Tai ...?" hauchte ich.

Er sagte nichts, was mich mehr verwirrte als alles andere. Er hatte schon die ganze Zeit nichts gesagt, während ich mich in Gedanken selbst zerfleischt hatte. Er hielt mich einfach still an sich gedrückt, hatte seinen Kopf gesenkt und auf meine Schulter gelegt. Irgendetwas war nicht in Ordnung, definitiv, absolut nicht in Ordnung, und ich spürte es mit jedem gezwungenen Atemzug, der ihm entwich und sanft über meine Halsbeuge streifte.

"Tai?" beunruhigt hob ich meine Arme und legte sie behutsam auf seinen Rücken. "Was hast du ...?" Ich versuchte in der Dunkelheit sein Gesicht zu erkennen, aber er ließ mich nicht los und sah mich nicht an. Langsam machte ich mir Sorgen ... was war los mit ihm?

"Tai ..."

Plötzlich überflutete uns Helligkeit und laute Stimmen, die eben noch herrlich gedämpft gewesen waren, überrollten die kleine Kammer.

"Na endlich, da seid ihr ja!!" wurde losgekreischt und genauso abrupt wieder innegehalten.

Wie ertappt rissen wir uns voneinander los und stolperten auseinander. Von dem plötzlichen Lichteinfall geblendet, wandte ich mich blinzelnd zur offenen Tür, hatte das Gefühl auf äußerst unangenehme Art und Weise in die Wirklichkeit zurückgeholt zu werden.

Die schemenhaften Gestalten entpuppten sich als Mimi und Sora, die uns aus tellergroßen Augen anstarrten und ich spürte wie mir das Blut ins Gesicht schoss unter ihrem neugierigen Blick.

"Wir wollten nur ..." begann Sora.

"Öh ... stören wir grade ...?" fragte Mimi. Aber nein, wie kommst du denn auf die Idee ...
Sie hatten uns ja nur grade bei einer intimen Umarmung in einer dunklen Kammer erwischt.

"Ja", rutschte es mir im selben Moment heraus, in dem Taichi antwortete: "Nein."

Wie bitte? Hey, wer war es denn, der ungestört mit mir reden wollte ...? Außerdem hatte er mir bisher nicht die geringste Chance gelassen, die lächerliche Sache mit Kyoko aufzuklären!
Ohne mich anzusehen, trat er an mir vorbei auf den Flur, während ich ihn fassungslos anstarrte. In einem Moment lag ich noch in seinen Armen und im nächsten sah er mich nicht einmal mehr an? Was war hier los? Hatte sich heute alles gegen mich verschworen?
Sogar die Aliens waren mit dieser Situation absolut überfordert und verhielten sich ausnahmsweise mal still.

"Taichi, da bist du ja!" begrüßte uns in diesem Moment eine weitere begeisterte Stimme, die mich fast in die Knie sinken und in Tränen ausbrechen ließ. Herr, wieso hasst du mich so?
Das durfte doch einfach alles nicht wahr sein ...
Soras und Mimis Blick wanderte in schon beinah komischer Weise von mir zu Taichi zur Besenkammer und von da aus zu Ryo und wieder zurück. Ihre Erbsengehirne zogen offenbar grade erstaunliche Querverbindungen zwischen der Tatsache, dass Ryo schwul war und Taichi und ich uns in der Besenkammer umarmt hatten.

"Ich habe dich schon gesucht!" strahlte Ryo, zum erdolchen gut gelaunt wie immer. "Tolle Party. Hallo Ishida!" Er grüßte mich erfreut, während ich nicht einmal die Kraft fand ihm die Pest an den Hals zu wünschen.
Keiner antwortete ihm. Wir standen vermutlich alle vier da wie die Idioten und unsere Stimmung war so offensichtlich gedrückt, dass es sogar ihm irgendwie auffallen musste. Sein Lächeln verschwand auch prompt und machte einem fragenden Stirnrunzeln Platz, als Taichi nichts erwiderte.

"Was ist los? Taichi, alles ...?"

"Du wolltest doch mein Zimmer sehen, nicht wahr?" wurde er abrupt von seinem Kapitän unterbrochen. "Wenn du willst, zeig ich es dir jetzt."

"Äh ... na ja ... ja. Klar doch", erwiderte er verwirrt und das Stirnrunzeln vertiefte sich. Er warf mir einen fragenden Blick zu. Ausgerechnet mir! Als ob ich noch irgendeinen Plan hätte, was hier abging.

"Aber Taichi ..." quäkten Sora und Mimi gleichzeitig los, "wir brauchen doch ... wir wollten doch ..."

"Tut mir leid", erwiderte Tai gequält und quetschte sich hastig an ihnen vorbei, Ryo hinter sich herziehend. "Vielleicht später ... ich ... nicht jetzt. Sorry ..."

Mit diesen Worten entschwanden die beiden in der Menge. Er ging einfach weg ... er sah mich nicht mal an. Ich starrte ihm hinter her und spürte wie meine Augen langsam anfingen zu brennen. Mehrmals versuchte ich heftig zu schlucken, aber gegen den übermächtigen Kloß in meinem Hals kam ich einfach nicht an.

"Matt?" fragte eine Stimme neben mir, die ich als die von Mimi identifizierte. "Hilfst du uns vielleicht?" fragte sie vorsichtig. "Sora und ich brauchen wirklich jemand, der für uns ab und zu bei den Cocktails einspringt ..."

"Um damit all den zukünftigen, frustrierten Alkoholikern unter uns einen Vorgeschmack auf ihr späteres Leben zu gewähren?" rutschte es mir heraus während ich immer noch mit den Tränen kämpfte, die sich partout nicht wieder verziehen wollten und hartnäckig hinter meinen Lidern brannten.

"Aber da bilden sich langsam schon Schlangen vor unserer Bar ..." jammerte sie. "Wir können nicht so viele Leute gleichzeitig bedienen! Außerdem wollen wir ja auch mal tanzen."

Ich zuckte desinteressiert mit den Schultern. Nichts hätte mir im Moment gleichgültiger sein können, als ein Haufen Leute, die zu dämlich waren um sich ohne fremde Hilfe zu besaufen.

Andererseits ... war beinah alles besser, als hier stehen zu bleiben und auf den Fleck zustarren, an dem Taichi eben verschwunden war. Es war als ob er ein sichtbares Loch in der Umgebung hinterlassen hatte, einen großen, weißen Fleck wo er eigentlich hätte sein müssen und der durch nichts anderes aufgefüllt werden konnte ...
Abrupt drehte ich mich zu ihnen um.

"Wohin?" stieß ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor.


****


Wie lange konnte man wohl ohne zu blinzeln auf eine Treppe starren, in der Hoffnung, dass jemand darunter kam? Wie viele Cocktails konnte man eigentlich mischen ohne hinzusehen was man reinschüttete? Wie oft konnte Sora einem wohl ihren Ellenbogen in den Bauch rammen, ohne dass es blaue Flecken gab? Und was - was zum Teufel machten Ryo da oben schon so lange mit Taichi?! Fragen über Fragen auf die Yamato keine Antwort wusste.

"Hey, der ist toll! Was ist das für einer?" fragte Kiro begeistert und kippte schon den vierten Cocktail a ´la Yamato runter. Er war Taichis rechte Abwehr und hätte in Anbetracht des Anschisses, den er heute vom Trainer kassiert hatte lieber nicht so viel trinken sollen.

"Was weiß ich ..."
Matt starrte unverwandt auf die Treppe. Er versuchte die Treppe zu hypnotisieren. Zu beschwören, dass Taichi plötzlich wie aus dem Nichts darauf erscheinen würde, nachdem er vor genau siebzehn Minuten und 33 Sekunden mit Ryo darauf verschwunden war. Nicht, dass er zählen würde ...

"Ehrlich man, du mixt die tollsten Dinger, die mir je untergekommen sind."

Was macht die so lange da oben? Was?? Allein der Gedanke ... sein Taichi ... allein ... mit Ryo ... dem schwulen Begrabscher ...

"Krieg ich noch mal den einen? Den roten?"

"Hmh ..."

Während seine Hände wie mechanisch mixten und vermutlich die schrägsten Cocktails zusammenbrauten, die man je gesehen hatte, verließ sein Blick nicht einmal die gottverdammte Treppe. Wen interessierte schon das Gequatsche von Kiro. Wen interessierten die finsteren Blicke von Sora weil er schon wieder zuviel Blue Curacau in ein Glas gekippt hatte. Wen interessierte schon, dass vermutlich eine einzige seiner Mischungen allein soviel Alkoholgehalt hatte, dass sie vermutlich in Flammen aufgehen würde, sobald man ein Streichholz dranhielt.

"Hey ... Matt?"

"Hm?"

Vielleicht sollte man mal hochgehen und nachsehen ... nur gucken, ob alles okay war mit Taichi ... Er war eben nicht okay gewesen. Definitiv nicht. Kein bisschen.

"Wie findest du das mit Ryo? Ich meine, das ist doch ein starkes Stück nicht wahr? Also ... dass er so ... dass er so einfach damit auspackt ... dass er ... du weißt schon man." Kiros Stimme klang schon etwas schwerfällig unter dem Einfluss von dem hochprozentigen Zeug, das Yamato als Cocktail ausgab. "Ich würde mich das niemals trauen ... echt nicht. Du vielleicht ... man?"

"Hm ..."

Wozu gingen zwei Menschen während einer Party in ein Zimmer? Um allein zu sein natürlich, war die Antwort. Aber allein ... wozu? Zum Reden?
Harg! Was machten die da, verdammt??

"Versteh mich nicht flasch ... äh falsch ... ich finde das toll. Wirklich toll! Das war verdammt mutig."

"Hmh."

Tai hatte so deprimiert ausgesehen ... frustriert, verzweifelt, traurig ...
Was war los? Und wieso ... wieso redete er mit Ryo darüber? Wieso war er nicht zu ihm gekommen? Vorhin war doch noch alles in Ordnung gewesen ... Bis zu diesem Augenblick als dann plötzlich alles schief gelaufen war, nur weil er sich so hirnrissig blöde benommen hatte, dass Taichi jetzt dachte, dass er was für diese blöde Ziege empfand. Matt musste kurz innehalten und tief durchatmen. Es tat so beschissen weh, der Gedanke, dass Taichi ihm vielleicht nicht mehr genügend vertraute ... vielleicht lieber mit irgendjemand anderem redete ...

"Und keiner ... keiner hat es ihm übel genommen, oder was gegen ihn gesagt. Ich meine, es hätte sich auch keiner getraut, nachdem Taichi damit okay war. Taichi ist der Käpt´n, man und wenn der damit okay ist - dann ist es okay. Nicht wahr?"

Scheiße! Verdammt! Mit einem hastigen Zug kippte er den grade gemixten Cocktail selbst hinunter. Es brannte in seiner Kehle und ließ ihn nach Luft schnappen, aber gleichzeitig tat es gut und war beruhigend, als sich wohlige Wärme in ihm ausbreitete. Er würde noch wahnsinnig werden, wenn er noch länger darüber nachdachte. Seine Augen hatten bestimmt schon treppenförmige Pupillen bekommen.

"Matt?"

"Hm?"

"Das war mein Cocktail ..."

"Ich mach dir einen neuen."

Wen interessierte so ein blödes Mischgetränk. Seine verdammte Welt war grade am untergehen!

"Matt?"

"Hm?"

"Weißt du ... ich meine ... ich ... ich wollte das eigentlich schon lange mal sagen ... Ich wusste bloß nicht wie. Aber jetzt ... nachdem Ryo es so einfach ... Also, ich meine ..."

"Hier."

Cocktail in die Hand drücken. Weiter Treppe anstarren. Kiro mit einem Ohr zuhören. Bloß nicht losheulen. Die verdammten brennenden Augen ignorieren ... Das Leben war so beschissen.

"Matt?"

"Hm?"

"Ich ... ähm ... also ... wie ... wie würdest du es finden, wenn ich dich fragen würde, ob wir nicht mal was zusammen machen wollen... also nur rein hypothetisch betrachtet natürlich. Weil ... ich finde dich nämlich echt nett. Ich ... ähm ich wollte dich das schon länger mal fragen und ..."

Da! Alles in ihm fuhr zusammen wie elektrisiert. Treppe. Rötlich-braune Haare, Betonwand-Figur. Ryo!
Aber ... allein. Wo war Taichi? Wo zum Teufel war Taichi?! Hektisch flogen seine Augen die Treppe hoch und runter, suchend, nach dem vertrauten braunen Haarschopf ...

"Man könnte ja mal ins Kino gehen oder irgendwo was trinken ... nur so ... also völlig unverbindlich ..."

"Entschuldige mich!"

Alles andere vergessenden, drängelte er sich hinter dem Tisch hervor, aus dem Mimi und Sora eine Bar improvisiert hatten und lief los. Das hieß, er versuchte es, aber das Getümmel in das er sich leichtsinnig gestürzt hatte, war wie eine Wand, durch die er nicht durchkam. Von allen Seiten strömten Leute auf ihn zu, tanzenden Mädchen, knutschende Pärchen, Biertrinkende Fußballer. Ein paar Jungen versuchten mehrere Bierkästen in der Küche zwischen zu lagern und rammten ihm damit in die Seite und irgendjemand erwischte ihn mit einer glühenden Zigarette an der Hand, als er versuchte die Treppe im Auge zu behalten. Mit verzogenem Gesicht rieb er über die unangenehm schmerzende Hautpartie. Er kam sich vor wie ein Ertrinkender auf hoher See und während er sich verzweifelt um sich selbst drehte, wurde ihm klar, dass Tai, den er eben noch vermeintlich auf der Treppe erspäht hatte schon wieder
verschwunden war.
Es war zum heulen ...

Mit hängenden Schultern blieb er einen Moment einfach stehen und ließ die dröhnenden Bässe von Sayas CD über sich hinwegspülen. Incubus brüllten grade "Warning" aus den Lautsprechern, ein Lied, das Matt unter anderen Umständen sogar gemocht hätte, aber welches in diesem Moment zu einer diabolischen Schicksalssymphonie aus der Hölle mutierte, die den eigenen schrecklichen Untergang prophezeite.
Scheiße. Alles war scheiße. Und es konnte nicht einmal mehr schlimmer werden ... alles war einfach so verfuckt beschissen!

"Hey!! Ishida!" brüllte plötzlich eine leider sehr bekannte Stimme. "Hallo? Hier drüben."

Nein ... nein ...nein ...
Hätte er gesessen, wäre das jetzt vermutlich der Zeitpunkt gewesen, an dem Matt angefangen hätte seinen Kopf auf die Tischplatte zu hauen. Nicht der schon wieder! Aber es war tatsächlich Ryo, der ihm zuwinkte und sich vor ihm aufbaute, nachdem er ohne Rücksicht auf Verluste seine massive Athletenfigur quer durch die herumschwirrenden Menschen bugsiert hatte.

"Da bist du ja!" strahlte er ihn mit dem üblichen freudigen Gesichtsausdruck an, als sei Matt ein 6-Million Dollar Gewinnlottoschein, den er verloren und grade wieder gefunden hatte. Dieser Penner musste einfach irgendwelche Drogen nehmen ... anders war diese zwanghafte gute Laune ja nicht mehr zu erklären.

"Korrektur - hier WAR ich", war die unfreundliche Erwiderung, mit der sich Matt anschickte schnellstens zu verschwinden und zur Treppe zur marschieren. "Wo ist Taichi?" fiel ihm grade noch ein zu fragen.

Den finsteren Blick des Blonden ignorierend, ließ Ryo in aller Ruhe seinen fachmännischen Blick an ihm auf und ab wandern und strahlte ihn anerkennend an.

"Hey, du siehst gut aus", stellte er breit grinsend fest und konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen: "Viel zu gut um hetero zu sein, aber definitiv gut ..."

Das ... das war jawohl nicht wahr! Matt war sich sicher, dass seine Kinnlade grade ausgeklappt war und bis auf den Boden hing.

"Und wenn du mich fragst, bin ich nicht einmal der einzige, der es bemerkt hat. Dir sind eben ein ganzer Haufen geifernder Blicke gefolgt." Ryo nickte wissend. Dabei hätte er, wenn er irgendeine Ahnung von der Wirkung tödlicher oder sonstiger Blicke gehabt hätte, schon längst röchelnd und sich in Qualen windend auf dem Boden liegen müssen.

"Du lebst grade sehr gefährlich" knurrte Matt bedrohlich und mit zusammengebissenen
Zähnen, nachdem er sich halbwegs wieder von dem Schock erholt hatte. "Oh scheiße, lebst du gefährlich! Noch ein Wort und ..."

"Vor allem der Schwarzhaarige da an der Bar ... wer ist das?" fragte Ryo interessiert und war wie üblich völlig immun gegenüber Matts tödlichen Blicken. "Der hat heute auch mitgespielt, oder?"

"Kiro", erwiderte Matt gegen seinen Willen.

"Er ist scharf auf dich", stellte Ryo voller Überzeugung fest. "Ist mir schon die ganze Zeit aufgefallen. Diese homosexuellen Vibrations, du weißt schon ..." Das Grinsen wurde noch breiter und er sah aus, als sei ihm grade ein ganzer Kronleuchter aufgegangen. "Hey, ich weiß was! Wir können uns umsehen und ich könnte dir sagen, wer von den ganzen Typen hier definitiv nicht Hetero ist. Oder zumindest nicht hundertprozentig."

"WAS?!" Der Blonde verschluckte sich fast.

"Glaub mir, das ist witzig! Du kannst es ja auch mal versuchen mit raten und dann..." Er war definitiv mal wieder in seinem gruseligen "Tante-Ryo"-Modus, den er komischerweise nur vor Matt auflegte. Das konnte ja heiter werden.

"Ich glaube, da würde ich mir lieber die Augäpfel mit einer Gabel entfernen!" zischte Matt, dem das ganze so unsagbar peinlich war, dass er schon ganz rote Ohren hatte. "Und jetzt sag mir endlich wo Taichi ist!"

Ryo rollte mit den Augen uns hob beschwichtigend die Hände. "Okay, okay, ist ja gut. Dann hocken wir uns eben einfach gemütlich in eine Ecke, beobachten all die knackigen Kerle stillschweigend und ich sage dir eben NICHT wer schwul ist." Er griff nach einer herumliegenden Chipstüte und hielt sie dem Blonden auffordernd hin. "Wir könnten wenigstens gucken, wer den nettesten Hintern hat - na, wie wär´s?"

WIE war das bitte?! Hatte der noch alle Semmel gebröselt?

"Wie wärs wenn wir gucken, wie lange du ohne Sauerstoff auskommst, wenn ich dir die hier in den Rachen schiebe?!" Er riss ihm aufgebracht die Tüte aus der Hand. "Das könnte auch SEHR lustig werden!"

Aber offenbar konnte er machen was er wollte - Ryo dachte anscheinend gar nicht daran ihn in Ruhe zu lassen. Stattdessen kam wieder nur so ein prüfender Blick, der ihn enervierend genau betrachtete. "Du siehst irgendwie fertig aus", stellte er fest.

"Wo zum Teufel ist Taichi?" stieß Yamato in einem letzten verzweifelten Versuch hervor. Diese Party wurde mit jeder Sekunde mehr und mehr zu einem einzigen Alptraum. Und dabei war doch alles was er wollte, mit dem Braunhaarigen zu reden und endlich dieses verdammte Missverständnis aufklären. Alles was die Aliens wollten, war einen Augenblick in seiner Nähe sein ... seine Wärme spüren ... seinen einzigartigen Geruch aufnehmen ... und ja anfassen und küssen wollten sie auch ... Hauptsache in seiner Nähe sein.

Ryo seufzte. Einen Augenblick lang verschwand das freche Grinsen aus seinem Gesicht und seine Augen bekamen beinah so was wie einen anteilnehmenden Ausdruck.

"Er ist noch oben in seinem Zimmer. Saya lässt sich grade seine komplette CD-Sammlung von ihm vorführen", sagte er endlich. "Nebenbei kaut sie, glaube ich auch noch ihre Beziehungsprobleme mit ihm durch."

Matt ließ den Kopf hängen und spürte wie der Kloß in seiner Kehle wieder größer wurde. Natürlich ... wie konnte es auch anders sein ... als ob es such nur eine Sekunde geben würde, in der ausnahmsweise mal niemand was von seinem besten Freund wollte. Taichi schien plötzlich so weit weg und unerreichbar zu sein. Als ob alle Welt bei ihm anstand und sich in der Schlange vor Matt drängte, so dass er einfach keine Chance bekam zu ihm zu gelangen. Er sehnte sich mit einem Mal so heftig und irrational zurück in die verfluchte Besenkammer, dass es beinah anfing ihm Bauchschmerzen zu verursachen.
Erst als er siedendheiß Ryos demütigend mitfühlenden Blick auf sich spürte, schaffte er es sich wieder einigermaßen zusammen zu reißen.

"Was ist?" fuhr er ihn mit zusammengepressten Zähnen an.

"Geht´s dir gut?"

"Klar! Sieht man das nicht? Einfach fan~tastisch!! Ich feiere mit den Aliens gleich ´ne Party und dann können wir anfangen die Erde zu beherrschen - ist doch TOLL!"

Aliens? Ryo hob die Augenbrauen und warf ihm einen besorgten Blick zu.

"Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist? Willst du dich vielleicht mal kurz hinsetzen?"

Glücklicherweise hatte Matt keine Zeit etwas mit Sicherheit Fieses zu erwidern, denn er wurde genau in diesem Moment von hinten angerempelt.

"Ups, Entschuldigung!" flötete Mädchen und fuhr fort in ihrer pinkfarbenen Handtasche zu wühlen. Yamatos Augenlider begannen gefährlich zu zucken, wie Ryo mit einiger Beunruhigung feststellte. Mit einem entzückten Aufschrei fischte das Mädchen ein Päckchen Zigaretten heraus und strahlte als hätte sie so eben den Stein der Weisen entdeckt. "Stört es euch wenn ich rauche?" fragte sie rhetorisch.

"Stört es dich, wenn ich dran sterbe?!" brüllte Matt.

"Hey, Ishida..." sprang Ryo ein, packte ihn behutsam und gleichzeitig entschlossen an der Schulter und begann eilig ihn von dem schockierten Mädchen weg zu schieben. "Solltest du nicht eigentlich an der Bar arbeiten und Cocktails mischen ...?"

"Hey! Was soll das ...?!" protestierte der Blonde und versuchte vergeblich sich gegen den unnachgiebigen Griff zu wehren. "Lass mich los! Mir geht's gut!"

"Dir geht's eben nicht gut. Du brauchst definitiv was zu trinken! Und was alles andere angeht ... überlass das ruhig mir! Ich überleg mir schon was um dir zu helfen, okay? Das ist ja nicht mehr mit anzusehen wie du leidest."

"WAS?!"

Auch wenn er in diesem Moment nicht genau wusste, was damit gemeint war ... wenn es irgendetwas gab, dass Matt definitiv Angst machte, dann die Aussicht darauf, dass ausgerechnet Ryo ihm helfen wollte. 

Teil 10

"Ich bin nicht schwul!" fauchte er zum dritten Mal.

Dass das auch nicht in Ryos blöden Schädel rein ging. Er war keine blöde Tunte! Sonst hätte er sich doch wohl schon längst Mimis rosa Handtasche unter den Nagel gerissen und angefangen zu "It´s Raining Men" auf dem Tisch zu tanzen", oder?! Und nur, weil die Aliens in seinem Körper in einer Tour über seinen besten Freund herfallen wollten, hieß dass noch lange nicht, dass er schwul war. Wenn überhaupt war er taitosexuell. Und das war komplett was anderes. Aber davon hatte Ryo ja keine Ahnung.

"Hm? Oh ... okay", erwiderte dieser gleichmütig zum ungefähr zehnten Mal und füllte noch etwas Wodka in Matts Glas und hielt es ihm hin.
"Ach, halt die Klappe!" erwiderte der Blonde gereizt und riss es ihm aus der Hand. Hastig kippte er es herunter und hielt es ihm wieder hin, während er mit der anderen Hand weiterschnippelte. Irgendjemand hatte den Tequila ausgegraben und Sora hatte natürlich Matt herumkommandiert Salz zu organisieren und Zitronen klein zu schneiden. Leider hielt das Ryo nicht davon ab weiterhin aufdringlich an seiner Seite zu bleiben und ihn vollzutexten. Vielleicht hätte er ihm einfach eine Zitrone in den Mund stopfen sollen, damit er endlich still war, aber der Alkoholgehalt, der inzwischen in Yamatos Blutkreislauf herum schwamm, wirkte wenigstens so beruhigend, dass es ihn davon abhielt zum Amokläufer zu werden - eine Versuchung, die in Ryos Gegenwart durchaus nahe liegend war.

So entspannt, als befände er sich auf einem Wellness-Wochenende lehnte der Größere sich an den Küchenschrank und ließ seinen Blick durch die offene Tür in das überfüllte Wohnzimmer gleiten. Irgendjemand hatte Matts 3 Doors Down-CD aufgelegt, die er Taichi letzte Woche geliehen hatte und Ryo sang ein paar Töne von "Be like That" mit - leider in einer dermaßen gruselig falschen Tonlage, dass Matt unwillkürlich das Gesicht verzog und ihm einen schiefen Blick zuwarf.

"Was ist?" wurde er grinsend gefragt. "Magst du das Lied nicht?"

"Doch, sehr", erwiderte er mit gerunzelter Stirn. "Deshalb tut es ja so weh zu sehen, wie du hier unschuldige Noten vergewaltigst."

Ryo lachte nur und sang unbeeindruckt und schief weiter, als wäre es ihm total egal, dass der Blonde sich neben ihm in Krämpfen wand bei seinem Gesang. Das man diesen Kerl auch nicht beleidigen konnte, war echt zum kotzen. Wie sollte man denn da seine miese Laune abreagieren?

"Du hast mal in einer Band gesungen, nicht wahr?" fragte er plötzlich und hörte auf das arme Lied zu malträtieren.

Überrascht sah Matt ihn an. "Woher ...?"

"Taichi", war die Antwort. "Er hat es gestern mal erwähnt. Wieso hast du aufgehört?"

Matt wandte den Kopf ab und spürte wie der Griff um das Messer fester wurde. Was ging den das überhaupt an? "Darum."
Wenn Ryo ein sensibler taktvoller Mensch gewesen wäre, hätte er spätestens jetzt bemerken müssen, dass das kein gutes Thema war.
//Andererseits, was denk ich da - die Rede ist hier von Ryo! Mit der optischen Erscheinung und der Sensibilität einer Backsteinmauer.//

"Warst du gut?" fragte er interessiert.

Matt zuckte mit den Schultern. "Was weiß ich."

"Taichi sagt, du warst sehr gut. Er findet es schade, dass du nicht mehr singst."

Wortlos hielt der Blonde ihm sein Glas hin. War der wirklich so schwer von Begriff oder WOLLTE er nicht begreifen, dass er weder über das Singen und schon gar nicht über Taichi reden wollte? Und schon gar nicht mit ihm? Am liebsten wäre Matt sowieso gewesen, wenn der Idiot sich selbst zum Mond geschossen und ihn in Ruhe gelassen hätte.

Ryo schüttete etwas Wodka nach und seufzte. "Okay, kommen wir zurück zu deinem anderen Problem ..."

"Ich habe kein Problem!" Außer einem. Und das stand grade neben ihm. Ihm wütende Blicke zuwerfend setzte Yamato den Wodka-Orangensaft-Mix an seine Lippen, der inzwischen dank Ryos ständigem Nachfüllen nur noch eine zarte blassorange Färbung aufwies und vermutlich zu neunzig Prozent aus reinem Wodka bestand.

Der Rothaarige schüttelte gespielt erschöpft den Kopf. "Gott, du bist wirklich anstrengend, Kleiner. Dabei ist es doch so einfach. Musst du dir eigentlich alles im Leben so schwer machen?"

Kleiner?!! Hatte er vielleicht Todessehnsucht, oder was? "Nenn mich noch einmal Kleiner - und ich nenne dich für den Rest deines Lebens nur noch ... Schwuchtel, kapiert?"

"Aye, aye, Sir." Allein sein neckischer Gesichtsausdruck dazu weckte in Yamato Mordgelüste und Folterphantasien.

"Und nenn mich nicht Sir!"

"Du hast aber diesen sexy befehlenden Tonfall drauf!" grinste Ryo. "Los, dominiere mich! Gib mir Tiernamen!"

Matt bekam beinah einen Anfall. "Ich warne dich Ryo ... ich habe ein Messer und ich werde nicht zögern es zu benutzen! Also, halt endlich die Klappe!"

"Hach, schon wieder abgeblitzt." Der Rothaarige seufzte dramatisch. "Wie soll ich dich denn sonst nennen? Ishida ist immer so förmlich ..."

"Ist mir doch egal!" war die angepisste Erwiderung. "Nenn mich von mir aus Matt oder Yamato oder hey du da - wen interessiert das? Am besten ist sowieso, wenn du mich überhaupt nicht mehr ansprichst!"

Heftig wandte er sich ab und begann demonstrativ klein zuschneiden, was immer ihm in die Finger geriet, in der Hoffnung, dass es etwas Essbares war. Hoffentlich verzog sich der blöde Penner bald wieder und ließ ihn endlich in Ruhe.

"Kann ich ... kann ich dich nicht auch Yama nennen, so wie Yagami?"

Das Messer hielt inne, mitten in der Luft und erstarrte. Blaue Augen weiteten sich.

"Ich meine, das klingt doch nett", fuhr Ryo fort. "Und es ist kurz und ..."

"NEIN!"

Matt wusste selbst nicht wieso er so heftig darauf reagierte. Vielleicht lag es daran, dass außer Taichi noch niemand auf die Idee gekommen war ihn so zu nennen. Und selbst der tat es eigentlich nur wenn sie alleine waren oder in besonders emotionalen Momenten. Es war vermutlich schwachsinnig und dämlich romantisch noch dazu sich irgendetwas dabei zu denken ... aber irgendwie mochte er die Vorstellung, dass Taichi einen eigenen Spitznamen für ihn hatte, den sonst niemand benutzte.

"Nein", sagte er etwas ruhiger, "nein, kannst du nicht. Frag nicht so einen Mist."

"Ist ja gut, ich werde es nicht wagen", Ryo sah ihn aus interessiert geweiteten Augen an.
"Aber hör mal, äh Matt, du musst die Zitronen nur klein schneiden - kein Massaker unter ihnen anrichten!" Er hob ein zerfetztes, feuchtes Zitroneneilchen hoch und betrachtete es kopfschüttelnd. "Rettet die Zitrusfrüchte, kann ich da nur sagen."

"Ach, sei still." Der Blonde setzte das Messer ab und schaufelte lieblos gelbe Stückchen auf einen Teller und lief, den anhänglichen Ryo im Schlepptau ins Wohnzimmer, wo er die geschnetzelten Zitronen kurzerhand der vorbeihetzenden Mimi in die Hand drückte.

"Hey, da ist Tai", stellte Ryo fest und deutete auf den CD-Player.

"Ich weiß", erwiderte Matt ohne hinzusehen, lehnte sich an die Wand und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. Er hatte Taichi schon bemerkt, sobald er den Raum betreten hatte.

Saya und er standen am CD-Player, umringt von einigen anderen und waren eifrig am diskutieren. Das hieß, die anderen waren am diskutieren, während Taichi nur versonnen die CD-Hülle in seinen Fingern betrachtete und ab und an ein paar Worte einwarf. Um ihn herum saßen oder standen wie immer einige seiner Teamkameraden und ein paar Leute aus der Schule, die ihn alle ganz toll fanden und bei allem was er sagte an seinen Lippen hingen.
Natürlich war Kyoko, die blöde Kuh mitten unter ihnen und warf die ganze Zeit ihr langes, nach Shampoo-Werbung schreiende Haare zurück.

"Äh ... wollen wir nicht hingehen?" fragte Ryo überrascht, als der Blonde keinerlei Anstalten machte sich von der Stelle zu bewegen.

"Tu dir keinen Zwang an" war die unfreundliche Erwiderung.
Unter halb gesenkten Lidern warf er einen erneuten sehnsüchtigen Blick nach drüben zu Taichi. Er wollte ja gerne sozial sein und sich zu ihnen stellen ... aber es ging eben nicht. Was wenn Taichi sauer auf ihn war ...? Er war nach der Sache in der Besenkammer so komisch gewesen und ihm aus dem Weg gegangen und er wusste immer noch nicht wieso. Er wusste, dass sie reden mussten ... aber wann denn und wie denn, wenn Taichi permanent von Menschen umringt war, die irgendwas von ihm wollten.

"Wenn du nicht bald aufhörst ihn so intensiv anzustarren, werden deine Augäpfel bestimmt einen Krampf bekommen und für alle Ewigkeiten so stehen bleiben" informierte Ryo ihn und hielt ihm ein neu aufgefülltes Glas hin.

Ertappt fuhr der Blonde hoch und wandte sich ab. "Du spinnst ja", knurrte er mit glühendem Gesicht. Ryos Antwort war ein lässiges Achselzucken und ein Grinsen. "Das muss dir nicht peinlich sein ... er ist ja auch nicht besser."

"Häh? Wie jetzt ...?"

"Saya kriegt gleich die Krise, wenn er nicht bald aufhört zu dir rüberzustarren und endlich ihren Beziehungsproblemen zuhört", stellte er fest. "Hach, das muss wahre Liebe sein ..."

Matts Kopf schnellte hoch und er warf einen hastigen Blick zu Taichi. Aber dessen Gesicht war zur Seite gewandt und er schien schon wieder in ein angeregtes Gespräch mit Hiroshi vertieft zu sein.

"Hach, das muss wahre Blödheit sein!" Er warf Ryo einen finsteren Blick zu. "Überall schwule Jungs zu sehen, das nenne ich Halluzinationen! Oder in deinem Fall eher Wunschdenken!"

Ryo schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. "Junge, junge, jetzt sei doch nicht so zickig - das ist doch alles gar nicht so schwer, wie du es immer darstellst. Geh doch einfach zu ihm hin, wackel ein bisschen mit deinem süßen Hintern, puste dir die Haare aus den Augen, wie du das immer so schön machst und frag ihn einfach ob er mit dir ausgeht. Er wird dir zu Füssen liegen ... vertrau mir!"

"Erstens puste ich mir nicht die Haare aus den Augen, du Vollidiot!" fauchte Matt, "Und zweitens - oh Gott ... bitte ... lass meinen Hintern aus dem Spiel!!!"

"Doch, du pustest", widersprach Ryo und fügte billigend hinzu: "Sieht nett aus - Taichi kriegt immer einen ganz verklärten Blick, wenn du das machst."

Matt funkelte durch blonde Haarsträhnen zu ihm hoch und widerstand krampfhaft der Versuchung sie sich aus der Stirn zu pusten. Er hatte keine Ahnung, ob er das wirklich immer machte - Tatsache war allerdings, dass seine Haare inzwischen lang genug waren, dass sie ihm permanent ins Gesicht fielen und sein Vater ihm schon seit Wochen in den Ohren lag, dass er sie mal wieder schneiden lassen müsste.

"Du solltest echt ein bisschen lockerer werden", stellte Ryo fest, während er nach einer Tüte Erdnussflips angelte. "Du bist viel zu angespannt. Und du machst dir viel zu viele Gedanken um alles."

"Tu ich nicht", murmelte Yamato, noch immer peinlich berührt von dem Gedanken, dass der Idiot tatsächlich auf seinen Hintern gesehen hatte und ihn auch noch "süß" fand. Sein Hintern war nicht süß, verdammt! Und Ryo sollte nicht drauf gucken! Scheiße, er sollte ihn deswegen eliminieren! In bester Yakuza-Tradition ein Betonklotz an die Füße, zack in den nächsten Fluss geworfen und Adios, Amigo!

"Tust du doch." Der Rothaarige schob sich eine Handvoll Erdnussflips in den Mund kaute nachdrücklich darauf herum. "Dabei ist doch so offensichtlich, dass Taichi dich mehr als nur ein bisschen toll findet. So begriffsstutzig kannst du doch gar nicht sein, dass du das nicht mitbekommst. Als quäl euch doch nicht noch länger, indem du einen auf abweisende Primadonna machst und TU endlich was."

Matt wurde rot und wandte den Kopf ab. "Was zum Beispiel, Klugscheißer?"

Als dann die Antwort kam, wäre er fast hinten übergefallen.

"Sag ich doch - flirte mit ihm!"

Matt starrte ihn an.
"Was?! Mit Taichi?!" rutschte ihm heraus. Unwillkürlich wanderte sein Blick wieder zu ihm nach drüben. Kyoko, die dumme Pute war ganz offensichtlich am flirten, so wie sie da stand und ihre Haare herumwarf und die weißen Zähne beim Lachen zeigte.

"Ja natürlich", kam die Erwiderung, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.
"Ihm nur stumm hinterher zuschmachten und zu leiden wird dich auf Dauer auch nicht weiterbringen. Ich meine, du regst dich doch dauernd darüber auf, dass mein liebes Schwesterlein ihn ständig angräbt", führte er mit einem Achselzucken genauer aus, "zugegeben sie ist nicht besonders subtil in ihren Methoden - aber wieso probierst du das nicht einfach mal selber aus?"

//Vielleicht weil es einfach total peinlich und hirnrissig ist?!//

Von irgendwoher aus den perversesten, tiefsten, abgründigsten Abgründen seiner schmutzigen Phantasie tauchte vor seinem geistigen Auge die Vorstellung auf, wie er mit wackelnden Hüften um Taichi herumscharwenzelte ... im Minirock und mit klimpernden, rabenschwarz gefärbten Wimpern. "Tai", hauchte seine Phantasie und schmiegte sich leidenschaftlich an ihn, bevor sie lüstern ihr blondes Haar aus der Stirn warf, "hast du nicht Lust heute Abend mit mir joggen zu gehen? Ich möchte mal wieder so richtig ins schwitzen geraten und du scheinst mir genau der richtige dafür zu sein ..."

Und es passierte. Mit einem Keuchen verschluckte Matt sich tatsächlich an den blöden Erdnussflips. Widerliche Krümel hakten sich in seiner Luftröhre fest und lösten einen furchtbaren Hustenreiz aus, der jedoch nicht half sie loszuwerden. Der gehirnamputierte Superidiot neben ihm klang auch noch als hätte er grade den Stein der Weisen entdeckt. Hätte er doch bloß - dann wäre wenigstens ein Stein da, denn man ihm an den Kopf werfen könnte!

"Du musst einfach ein bisschen mehr rangehen", laberte er ungestört weiter, während Matt neben ihm nach Luft rang und eine Hand in sein T-Shirt krallte, "ein paar deutlichere Signale senden! Woher soll er denn sonst wissen, dass du ..."
Aber auch wenn er grade dem Ersticken nah war - in eine verdammte Tunte, würde er ihn nicht verwandeln, soviel war sicher!

"Vergiss es!!" würgte der Blonde keuchend und mit tränenden Augen hervor. Kalter, betäubender Alkohol brannte in seiner Luftröhre und er würgte und schluckte um das ekelhafte Gefühl loszuwerden. "Nie im Leben! Du hast sie ja nicht mehr a-lle!"

"Äh, Matt? Alles okay?" fragte Ryo mit einiger Verspätung. Der war ja auch wieder ein Schnellmerker heute ...

"Ja, alles klar ... geht schon." Matt winkte hustend ab und löste sich von der Wand.

"Wohin willst du?"

"Ich muss hier raus", fauchte er frustriert und lief an ihm vorbei. "Und lass es dir ja nicht einfallen mit zukommen!"

Was war nur los? Alles lief so schief. Er wusste im Nachhinein nicht einmal, was er sich davon erwartete hatte, dass er überhaupt gekommen war. Er hatte die ganze Zeit diesen Idioten Ryo am Hals, Aliens hatten seinen Körper besetzt und Taichi dachte, dass er was von Kyoko wollte, während die unterbelichtete dumme Pute sich in einer Tour an seinen besten Freund ranmachte ... das war doch alles nicht mehr fair! Wann war sein leben zu einer miesen Seifenoper mutiert?
Zum Glück fing der Alkohol langsam an immer mehr zu wirken, er fühlte sich seltsam und ein wenig schwindelig, während er durch das Wohnzimmer auf die Terrasse nach draußen lief. Die Tür war ohnehin leicht geöffnet, so dass wenigstens ein Minimum an Frischluft nach drinnen drang. Die Nachtluft fühlte sich kühl und angenehm auf seiner erhitzten Haut an und er blieb einfach in einer finsteren Ecke der Terrasse stehen und lehnt sich aufatmend an die Wand.
Er hustete ein paar Mal um die letzten Krümel in seiner Kehle loszuwerden und dann blieb er einfach mit geschlossenen Augen stehen und versuchte das Schwindelgefühl in seinem Kopf loszuwerden. Vielleicht hätte er doch genauer kontrollieren sollen, was Ryo ihm dauernd ins Glas gekippt hatte.

"Ishida, bist du da?"

Boah, wer war das jetzt wieder? Gereizt blickte er auf. Eine weitere Person, die er bei genauerem Hinsehen als Kiro identifizierte, stand auf der Terrasse und blickte sich suchend nach ihm um. Der Schwarzhaarige schwankte schon ziemlich stark und tastete beständig nach der Wand um sich festzuhalten, was Matt zu der Vermutung veranlasste, dass er auch nach seinem Verschwinden bei den Cocktails eifrig weiter getrunken hatte. Beruhigend zu wissen, dass es jemanden gab, der noch betrunkener war als man selbst, dachte er sarkastisch.

"Matt?"

Er trat aus der Dunkelheit wieder ein Stück ins Mondlicht. "Was?" Er klang genervt. Was daran liegen konnte, dass er es war.

Überrascht drehte Kiro sich zu ihm um, wobei er beinah stolperte und fing an zu strahlen. "Da bist du ja!" stellte er überflüssigerweise fest und Matt rollte mit den Augen. Konnte der Idiot nicht drinnen bleiben bei den anderen Idioten? "Was nachst ... äh machst du hier, man?"

"Ich wollte alleine sein."

"So was ... ich auch, man!" stellte er glückselig fest.

Matt stöhnte. "Wie wäre es wenn du irgendwo anders alleine bist?" Entnervt sah er dem Abwehrspieler zu wie er wackelig auf ihn zukam. Seine langen, schlaksigen Beine schienen sich bei jedem Schritt miteinander zu verheddern und er tastete sich an der Wand entlang voran. Mit abwehrend verschränkten Armen und missmutig verzogenem Gesicht sah Matt ihm dabei zu.

"Ich muss mit dir reden", stellte Kiro in einem vergeblichen Versuch furchtbar ernst und wichtig zu klingen fest.

"Ach." Matt verzog das Gesicht, als der Kerl nahe genug war, dass er seinen intensiven Geruch nach Alkohol wahrnehmen konnte. Kiro schien das Zeug nicht nur gesoffen, sondern auch darin gebadet zu haben. Musste der ihm gleich so nah kommen? Unauffällig versuchte der Blonde sich ein wenig von ihm zu entfernen, aber Kiro rückte sofort wieder näher.

"Ich hab dich gesehen ...", sagte er wichtig. "Mit Ryo."
Matt wich erneut ein Stück zurück. Kiro kam hinter her. Matt rutschte noch Stück an der Wand entlang, was Kiro wiederum erneut dazu veranlasste ihm nach zu rutschen und immer so weiter. Langsam begann Matt sich dabei blöd zu fühlen. Was wollte der überhaupt von ihm? Es war nicht so, als ob er mit Kiro persönlich befreundet war. Klar, kannte er alle Mitglieder von Taichis Mannschaft, immerhin war er ja bei allen Spielen dabei und bei sonstigen Vereinsaktivitäten, auch wenn er sich noch so fehl am Platz dabei fühlte wie sonst was, nur weil Taichi ihn immer dabei haben wollte - aber das hieß ja nicht, dass er mit ihnen reden musste.

"Na und?" knurrte Matt, der auf das blöde Spielchen langsam keinen Bock mehr hatte. Was sollte der Scheiß?

"Magst du ihn?" Es klang beinah weinerlich und brachte Matt dazu sich einen Knüppel herbei zu wünschen um ihn notfalls gewaltsam auf Distanz zu halten. Der blöde Idiot rückte ihm schon wieder viel zu sehr auf die Pelle.

"Nein." Dumme Frage - er verabscheute ihn! Sah man das nicht? Konnte er jetzt wieder alleine sein, bitte schön?

"Matt ...?"

"WAS?!"

Plötzlich unterbrach Kiro auf originelle Art und Weise das "Stop-and-Go"-Spielchen, indem er plötzlich direkt vor ihm stand. Matt hatte keinen Schimmer, wie er das so schnell fertig gebracht hatte, obwohl er doch so unsicher auf den Beinen war. Vermutlich war das der letzte Rest an sportlichen Reflexen, die in seinem betrunkenen Gehirn noch vorhanden waren. Seine Arme waren rechts und links von Matt abgestützt und er blickte auf ihn hinunter. Natürlich war auch er ein wenig größer als Matt, wie fast jeder, aber zum Glück nicht besonders viel.

Matts Augen zuckten wütend. Was. Zum. Teufel. Sollte das denn werden?!

"Maaatt ...?" nuschelte Kiro und ließ sich ihm praktisch wie ein nasser Sack entgegen fallen, so dass er mit seinem vollen Gewicht auf Matt landete und der sich wiederum äußerst unangenehm an die Wand gepresst wurde.

"Äääähhh ... häh? Moment mal ... hallo ...?"

Oh Gott.
So langsam bekam er eine vage Ahnung was das werden sollte. Verschwommene Erinnerungen tauchten in ihm auf, von Kiro, der nach Spiele zu ihm kam und fragte ob er eine Cola trinken wollte oder allgemeiner, der ihm vom Spielfeld aus zuwinkte und das Viktory-Zeichen machte ... immer irgendwie in der Masse der Mannschaft untergegangen und nie wirklich als Einzelperson von Matt wahrgenommen. Und als letzte scharfe, überdeutliche Erinnerung, Ryos fachmännische Worte, weniger als eine Stunde her, die er ohne sie eingehender Betrachtung zu würdigen einfach hingenommen hatte.
>>Er ist scharf auf dich. Ist mir schon die ganze Zeit aufgefallen. Diese homosexuellen Vibrations, du weißt schon ...<<

Musste der Arsch denn immer Recht haben?!

//Okaaaay. Lass uns das ganz methodisch und nüchtern angehen - es gibt sicher eine bessere und vernünftigere Erklärung wieso Kiro grade auf dir draufhängt und dich gegen eine Wand drückt und ... versucht in seinem angetrunkenen Zustand dir seinen Zunge in den Hals zu schieben ... WAS??!!//

Heilige Scheiße - was MACHTE er denn da?! So langsam aber sicher hätte Yamato einen Schreianfall bekommen können.
WAS HATTEN DIE GANZEN SCHWULEN JUNGS AUF EINMAL FÜR EIN PROBLEM?!! Jahrelang war er unbehelligt von ihnen geblieben, hatte ein völlig ruhiges und zufriedenes Leben gehabt - und jetzt kamen sie von einem Tag auf den anderen aus ihren Löchern gekrochen, in denen sie sich bisher versteckt hatten und stürzten sich auf ihn um ihn zu BELÄSTIGEN!!
Die einen waren in einer Tour damit beschäftigt ihm dämliche Ratschläge zu geben und sich in sei Leben einzumischen und die anderen fingen aus einer nicht erklärlichen Motivation heraus plötzlich an mit ihm zu FLIRTEN und ihn anzugrabschen!! Und der einzige Junge in dem ganzen Tuntenzirkus, der nicht das kleinste bisschen schwul zu sein schien, war ausgerechnet Taichi! WAS LIEF HIER NUR SCHIEF?!

"Kiro ... äh ...", Matt versucht ihn von sich weg zuschieben, was sich als schwerer entpuppte als gedacht, so wir er grade auf ihm lehnte. "Was soll ich sagen ... ich fühl mich ja geschmeichelt ... aber ... äh... lass das! Geh weg, mach schon."

Das war lächerlich, das war einfach nur noch lächerlich.
Vermutlich lag es an der völligen Absurdität, die dem Ganzen den Anstrich einer billigen Seifenoper gab, was verhinderte, dass er so etwas wie Angst oder Unwohlsein empfand, obwohl Kiro grade sturzbesoffen versuchte ihn zu küssen.

Wenn der Kerl nur nicht so schwer gewesen wäre. Eigentlich war Kiro für einen Sportler relativ leicht gebaut, aber da er in seinem besoffenen Zustand mehr oder weniger mit seinem gesamten Gewicht auf Matt lastete und dieser selbst nicht grade besonders kräftig war, wurde das es allmählich schwieriger als geplant ihn loszuwerden. Und er wollte ihm ja auch nicht wirklich wehtun. Immerhin konnte der arme Junge nichts dafür, dass er an absoluter Geschmacksverirrung litt und sich aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer ausgerechnet zu IHM hingezogen fühlte.

"Oh, komm schon ... lass das!" Matt wandte verärgert den Kopf ab, als der andere erneut versuchte sein Gesicht gefährlich nah an seins zu schieben.
Langsam wurde es ungemütlich ... besoffen und mitleiderregend hin oder her, wenn er so weiter machte, würde er dem Idioten gleich zwischen die Beine treten. Angestrengt wandte er sich unter ihm, aber Kiro schien mit jeder Sekunde nur schwerer und schwerer zu werden und er wurde so hart gegen die Wand gepresst, dass ihm langsam drohte die Luft auszugehen.
Mit einiger Verspätung machte sich dann doch leichte Panik in ihm breit, spätestens als ihm klar wurde, dass er sein Gesicht nicht mehr weiter weg drehen konnte, ohne mit der Wange an dem rauen Verputz entlang zu scheuern. Dass er selbst nicht ganz nüchtern war, war auch nicht besonders hilfreich, er war schon auf dem Weg nach draußen nicht ganz sicher auf den Beinen gewesen.

"Hör auf damit!" fauchte er und verstärkte seine verzweifelten Bemühungen den Dunkelhaarigen von sich weg zuschieben. "Lass mich endlich los! LASS MICH LOS!"

Er versuchte sich unter ihm freizukämpfen, aber Kiro schien ihn gar nicht wirklich wahrzunehmen, sondern war mit halb geschlossenen Augen darauf konzentriert nach seinen Lippen zu suchen. Matt riss seinen Kopf nach hinten, ignorierte den rauen Putz auf seiner Haut ... versuchte Kiro weg zuschieben.

Aber er war so verdammt schwer und er raubte einem die Luft ... und langsam, ganz langsam drang die beängstigende Erkenntnis in Yamatos Bewusstsein, dass er vielleicht doch in Schwierigkeiten steckte ...

Und dann in einem plötzlichen kopflosen Aufwallung von Panik, entrang sich seinen Lippen mit einem hilflosen Keuchen der einzige Name, der in seinem durcheinander erwirbelten Bewusstsein noch präsent war, weil er für Sicherheit stand und Wärme und Geborgenheit und alle Dinge, die schön waren in seinem Leben ...
"Taichi ...!!"

Ein letzter verzweifelter Versuch und wie aus dem Nichts heraus wurde Kiros lastendes Gewicht plötzlich von ihm weggerissen und zu Boden geschleudert. Matt stolperte einen Schritt nach vorne und fing sich hastig nach Luft wieder ringend ab.

"Tai ...?" murmelte er überrascht und ließ sich erleichtert zurück an die Wand sinken.

Zum Glück war das Mondlicht an dieser Stelle hell genug, so dass er die dramatische Szene vor sich deutlich genug erkennen konnte. Taichi stand mit geballten Fäusten und einem furiosen Gesichtsausdruck über den am Boden liegenden Kiro gebeugt, mit seinen vor Wut lodernden Augen und der kampfbereiten Haltung einem altgriechischen Rachegott nicht unähnlich. Unwillkürlich spürte Matt wie bei diesem Anblick seine Kehle eng wurde und sein ohnehin schon beschleunigter Herzschlag noch schneller wurde. Er konnte sich nicht erinnern, Taichi schon jemals so wütend erlebt zu haben.

"Du Bastard", grollte der Dunkelhaarige in einem Tonfall, der sogar Matt kalte Schauer über den Rücken laufen ließ, obwohl er gar nicht gemeint war. Die Hand des Braunhaarigen schoss nach vorne, packte Kiro am T-Shirt und er zerrte ihn hoch. Der Abwehrspieler sah nicht so aus, als würde er registrieren was hier überhaupt los war, als Taichi mit der anderen Hand ausholte. "Du verdammter ...!"

"Nein, nicht!" Mehr aus einem Reflex heraus, als aus dem Wunsch Kiro beizustehen, stürzte Matt nach vorne und packte Taichi am Arm. "Lass ihn ... lass ihn. Er ist betrunken ...!"

Er spürte wie Taichis Arm unter ihm zitterte vor lauter Anspannung und dem Wunsch endlich zuzuschlagen und verstärkte seinen Griff um ihn.

"Tai, nicht ...lass ihn." Außer Atem, obwohl er nicht wusste wieso, starrte er ihm in die Augen. Zögernd löste Taichi seinen Blick von Kiros zusammengekauerter Gestalt und blickte zurück.

Mit beinah übermenschlicher Anstrengung nickte er schließlich und ließ Kiro los.

"Käpt´n?" murmelte der schläfrig vom Boden aus.

"Fass ihn noch einmal an und ich breche dir sämtliche Knochen!" fauchte Taichi.

"Ich glaube nicht, dass er im Moment in der Lage ist den Inhalt dieses Satzes zu verarbeiten", stellte Matt nüchtern fest. Er hatte sich zwischen die beiden gedrängt und hielt Taichis wütende Gestalt mit ausgebreiteten Armen zurück. "Tai, lass gut sein ... er ist voll wie ´ne ganze Cocktailbar! Ich weiß es, denn ich habe ihn selbst abgefüllt."

Taichi gab ein frustriertes, wütendes Geräusch von sich, aber er schien einzusehen, dass seinen Ärger an Kiro auszulassen im Augenblick vergebliche Mühe war.

"Wieso bist du überhaupt mit ihm nach draußen gegangen, wenn du wusstest, dass er so betrunken ist?" richtete er seinen Ärger stattdessen auf den Blonden.

"Äh, hallo? Erde an Tai?" protestierte Matt, mehr als nur ein bisschen irritiert über Taichis Verhalten. "Erstens bin ich nicht mit ihm nach draußen gegangen, sondern er ist mir nachgekommen und zweitens - hätte ich wissen sollen, dass er auf einmal anfängt, an mir rumzufummeln?"

Zu seiner Überraschung biss der Dunkelhaarige sich heftig auf die Lippe und wandte den Kopf ab. "Ja, hättest du!" knurrte er überraschenderweise und riss sich abrupt von ihm los. "Aber so etwas bekommst du ja niemals mit, nicht wahr ...?"

Häh? Was war denn jetzt wieder los? Langsam spürte Matt wie er wütend wurde. Wieso tat Taichi auf einmal so, als wäre das alles seine Schuld?! Was konnte er denn dafür, dass Kiro sich auf einmal aufführte, als hätte er einen an der Waffel? Wieso mussten sich überhaupt alle schwulen Jungs in seiner Nähe aufführen, als hätten sie nicht mehr alle Tassen im Schrank?

"Was zum Teufel redest du denn da?!" gab er irritiert zurück. "Woher soll ich denn wissen, dass er ... dass Kiro ..." Irgendwie konnte er es immer noch nicht so richtig in Worte fassen, so absurd war das Ganze.

"Dass er auf dich scharf ist?" vervollständigte Taichi sarkastisch. "Das war nicht grade unauffällig, weißt du?"

"Was ...?!"
Sprachlos starrte der Blonde ihn an. Irgendwie hatte er bis eben noch gedacht, dass das Ganze so einmalige Verrücktheit gewesen war ... hervorgerufen durch den Alkohol und durch die seltsamen Ideen, die Ryos Anwesenheit offenbar hervorrufen konnte. Aber bei näherer Betrachtung war das vermutlich dumm ... Alkohol mochte ja enthemmend wirken (und Ryo vielleicht auch) aber niemand würde anfangen Dinge zu tun, die ihm völlig fern lagen, solange er nüchtern war. "Aber ... wieso ... woher ...?"

"Nur weil du völlig blind bist, was deine Anziehungskraft auf andere angeht, muss ich das ja nicht auch sein, oder?" knurrte Taichi und wandte ihm den Rücken zu. "Natürlich kriege ich mit wie er sich in deiner Gegenwart verhält. Aber du würdest ja nicht einmal mitbekommen, dass dich jemand toll findet, wenn er dir zu Füssen liegt und dir einen Altar zimmert!"

"Red doch keinen Schwachsinn!" fauchte Matt zurück, total überfordert mit den neuartigen Informationen, die er grade erhielt. Allein der Gedanke, dass ausgerechnet ihn jemand toll fand, war doch der totale Witz! "Ausgerechnet du! Du bist es doch, dem praktisch seine ganze Mannschaft inklusive sämtlicher weiblichen Fans zu Füssen liegt! Was die dir zimmern, ist kein Altar mehr, sondern ne verfluchte Kirche!"

Ja. Ja ... es nagte an ihm, er wollte es nicht einmal mehr leugnen. Er WAR eifersüchtig ... nicht auf die vielen Bewunderer, die Taichi hatte, aber auf die viele Zeit, die Taichi mit irgendjemand anderem als mit ihm verbrachte. Es war egoistisch und selbstsüchtig, das wusste er ja selbst ... aber es war auch die permanente Angst, die er hatte, davor Taichi zu verlieren. An jemanden, der interessanter war, witziger, liebenswerter, als man selbst ... und war das nicht beinah jeder? Er konnte es ja ohnehin nicht verstehen was Taichi in ihm sah ... wieso er sich überhaupt noch mit ihm abgab ...

"Ja, aber immerhin hat von denen noch nie jemand versucht mir seine gottverdammte Zunge in den Hals zu schieben!" brüllte Taichi außer sich zurück.

"Was zum Teufel hast du für ein Problem, Yagami?!" Musste er denn immer noch DARAUF herumhacken?

"Seh ich aus als hätte ich EIN PROBLEM?!"

"Verdammt, was hat dich denn angefressen?! Es ist doch nichts passiert!"

"Ja, weil ich gekommen bin und ihn daran gehindert habe!"

"Na, toll!" fauchte Yamato sarkastisch. "Mein HELD!"

Wumm - überrascht nach Luft schnappend fand er sich plötzlich an die Hauswand gedrückt wieder, Taichis finsteres Gesicht direkt vor sich.
Seine Augen funkelten. Matt hätte nicht gedacht, dass sie jemals anders als lieb und sanft aussehen konnten, aber offensichtlich hatte er sich getäuscht. Sie waren dunkel und voll von Dingen, die ich noch nie an ihm gesehen hatte und irgendwie machten sie ihm Angst.

"Du kapierst es einfach nicht, nicht wahr?!" Selbst seine Stimme klang anders als sonst. Dunkler, heiserer und ein bisschen gepresst.

Obwohl es kaum noch möglich war, kam er noch ein bisschen näher, so dicht, dass seine Körperwärme Matt wie eine Heizdecke einhüllte. Der raue Verputz bohrte sich unangenehm in seinen Rücken und hinderten ihn am zurückweichen. Was zum Teufel machte Taichi denn da???

"Ich kapier was nicht?" fauchte Yamato, während er vergebens versuchte seine Hand aus Taichis Griff, der einem Schraubstock nicht unähnlich war zu lösen.
Die andere Hand hatte er direkt neben Matts Gesicht abgestützt, so dass er praktisch eingekesselt war, gefangen zwischen Taichi und der Wand. Sein Gesichtsausdruck war bedrohlich und finster.

"Alles. Nichts. Du kapierst wirklich gar nichts!"

"Tai, lass mich los!!" Er wehrte sich wie ein Besessener, aber der feste Griff war unerbittlich.
"Hör auf!!"

"Scheiße", fluchte Taichi und zu ersten Mal bemerkte Yamato plötzlich wie hastig und unregelmäßig seine Brust sich hob und senkte. Sein eigenes Herz war ja ebenfalls am hämmern, so schnell und heftig, dass es ihn beinah luftlos zurückließ. "Du verstehst es einfach nicht! Wie kannst du nur so blind sein manchmal ... so verdammt begriffsstutzig?"

"Was soll das?" fauchte der Blonde erhitzt und aufgebracht. Er war nicht wütend, nicht wirklich, aber er hatte das dumpfe Gefühl, dass er es sein sollte ... oder nicht? "Was machst du da?"

"Wieso kannst du mir nie glauben?!"

"Was glauben?!"

"Scheiße - einmal, ein einziges Mal nur muss es doch in deinen verdammten Dickschädel reingehen!! Dass es mir NICHT egal ist, ob irgendein gottverdammtes Arschloch sich dir gegen deinen Willen aufzwängt!! Dass es mir NICHT egal, wenn irgendjemand anderes versucht dich zu küssen!! Dass es mir NICHT egal ist, ob es dir schlecht geht! Dass es mir nicht egal ist ob du da bist oder nicht! DASS DU MIR NICHT EGAL BIST!!"

Blaue Augen weiteten sich schlagartig und endlich hörte Yamato auf sich gegen den stahlharten Griff zu wehren. Was sollte das? Was redete er denn da?

"Tai ...?" hauchte er fragend und seine Verwirrung war echt. "Tai ... du tust mir weh."

Taichi ließ ihn so schlagartig los als hätte er sich verbrannt.
Er stolperte einen hastigen Schritt von ihm zurück, wie um einen Sicherheitsabstand zwischen sie zu bringen und ballte seine Hände zu Fäusten.
Abrupt wandte er den Kopf ab, und im Schein, des nach draußen dringenden Wohnzimmerlichtes konnte Matt sehen, wie verletzt und verzweifelt er aussah. Hilflos machte er einen Schritt auf ihn zu und blieb wie eingefroren stehen, als Taichi erneut begann zu sprechen.

"Yama ... manchmal bist so du so blind", sagte er leise, " dass es wehtut."

Matt taumelte zurück, als hätte er ihn geschlagen. Seine eben noch vor Zorn geballten Fäuste sanken nach unten und er ließ seine Schultern kraftlos hängen.
"Tai ..."flüsterte er.

Er verstand immer noch nicht wieso sein bester Freund plötzlich so traurig aussah ... aber es schmerzte, bohrte sich wie ein Stachel in seine Brust, dieses Gefühl, dass er daran schuld war.
Nie ... bei niemand anderem tat es so weh wie bei Tai ...

"Verdammte Scheiße!" fluchte Taichi so unerwartet und heftig, dass Matt zusammenzuckte.
Er stieß die Hände tief in die Hosentaschen und machte ein paar Schritte auf die Terrassentür zu, die nach drinnen führte. Mit einem weiteren Fluch blieb er auf halbem Wege stehen. Er atmete ein paar Mal tief durch und fuhr sich durch die Haare, aber er drehte sich nicht um.