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Taichis bester Freund Teil 13

Teil 13

Ich rannte.

Es gab abartige Gerüchte über mich und Ryo, meine Beine brachten mich jeden Moment um, ich hatte einen Eintrag in meiner Schulakte, den ich meinem Vater irgendwie noch erklären musste und vor allem hatte ich immer noch keinen blassen Schimmer wo Taichi abgeblieben war. Aber immerhin - ich rannte. Fragt mich nur nicht wieso das Sinn machte.

Irgendein unspezifisches, starkes Gefühl in meinem Bauch drängte mich vorwärts und zwang mich dazu die Muskelkrämpfe in meinen schmerzenden Beinen zu ignorieren und einfach zu laufen. Wirre Gedanken ignorierend, die in Lichtgeschwindigkeit durch meinen Kopf rasten und in keine Ordnung zu bringen waren.

War das zu fassen? Es gab Gerüchte über MICH!! Ausgerechnet ... scheiße, ich hatte immer gedacht, ich sei viel zu langweilig und uninteressant um auch nur einen Gedanken an mich zu verschwenden, der über die Frage hinaus ging, ob ich die Mathehausaufgaben gemacht hatte, damit man sie abschreiben konnte. Nicht, dass das allzu oft passierte natürlich.
Aber was viel schlimmer war ... es gab Gerüchte über mich und RYO! Allein der Gedanke war so abartig und pervers und absurd und komplett verdreht wenn man nur für fünf Sekunden bedachte, wie wenig ich ausgerechnet diesen Menschen leiden konnte.
Es war doch reiner Zufall, dass Ryo in den letzten beiden Tagen so oft mit mir herumgehangen hatte. Und vor allem war es nicht einmal meine Schuld gewesen, sondern ganz allein Ryos, weil er sich so penetrant und aufdringlich an mich rangeschmissen hatte!

Ich fühlte mich nackt und angestarrt, während ich durch die überfüllten Korridore lief und zum ersten Mal in meinem Leben sehnte ich mich nach der anonymen Konformität meiner abscheulicher grünen Schuluniform. Was musste ich auch ausgerechnet heute mal wieder einen auf Rebell machen und sie nicht anziehen? Wurde ich paranoid oder starrten sie mich wirklich an? Und wie zum Teufel konnte es überhaupt passieren, dass ich innerhalb von nur wenigen Schulstunden von Matt, dem Jungen ohne Sexleben zu Matt, dem Jungen, der eine Affäre mit Ryo Aizawa hatte, mutiert war?!

Taichi ...

Die Schritte meiner Turnschuhe hallten auf dem Linoleumboden und ich wäre beinah gestolpert.

Taichi ...

> Yagami? Du meinst, der ist auch ...? <

Hrrrg, blödes Weibstück ... nur ein einziges Wort zu ihm ...
In halsbrecherischem Tempo rauschte ich durchs Treppenhaus, eine Hand immer dicht am Geländer, damit ich nicht aus der Bahn schlidderte. Okay, ich hatte Panik, hatte ganz einfach Panik und das nur weil zwei Mädchen, die offenbar kein eigenes Leben hatten meins und Taichis offenbar für spannend genug hielten um darüber aberwitzige Spekulationen anzustellen. Ich hatte Panik und allmählich stieg ich dahinter wieso.

> Aber ich glaube ja auch nicht, dass Yagami so einer ist. <

Es war nicht witzig in einer öffentlichen Mittelschule für schwul gehalten zu werden. Ganz und gar nicht witzig. Großer Gott, es war wie der gesellschaftliche Tod! Es war nicht witzig für soziale Versager wie mich ... und es war für Taichi, der so schrecklich beliebt und populär war und Kapitän der Fußballmannschaft und das alles noch eine Spur unwitziger als für mich.

Ich musste ihn finden und zwar schnell. Musste ihn finden, bevor er irgendetwas mitbekam.
Noch spekulierten ja die Meisten dass er was mit Kyoko am laufen hatte.
Auch wenn es mir Übelkeit bereitete, es würde Taichi zweifelsohne zum Helden des Tages machen, dass er angeblich bei der dummen Schnalle gelandet war. Tja, leider würde ihm die Tatsache, dass er kurz davor war bei Yamato Ishida zu landen, nicht sonderlich viel Ruhm einbringen, schoss es mir für Sekunden sarkastisch durch den Kopf. Alleine schon dass Tai mit mir befreundet war ... großer Gott, was würde ihm das antun?
Dem Y-Chromosom sei Dank, dass der meiste Tratsch und Klatsch immer ewig viel später bei den Jungs landete als bei den Mädchen. Vielleicht hatte ich noch eine reelle Chance, dass Taichis Mannschaft noch nichts mitbekommen hatte ...

Linoleumboden unter mir und das Hallen meiner Turnschuhe.
Taichi ... Taichi ... Taichi ...
Wie konnte es sein, dass alles nach seinem Namen klang an diesem Tag? Ich spürte mein Herz hämmern, während ich die letzten Stufen förmlich hinab flog, vier Stufen auf einmal nehmend, Adrenalin berauscht und atemlos.

Der Schulhof war überfüllt, genauso wie es die Korridore vorher gewesen waren.
Im Zickzack wurde sich zum Sportplatz durchgedrängelt, immer wieder verzweifelt auf und ab gehüpft, der Kopf hin und her gedreht und versuchte etwas zu sehen ...die bekannten Trikotfarben auszumachen ... zerwuschelte dunkle Haare ...

Irgendwo am Rand des Feldes erspähte ich Ryo, der einen Ball auf und abspielte. Er zog eine ziemliche Show dabei ab und ließ sich von einem Haufen kreischender Mädchen bewundern, denen er auf besonders widerwärtige Weise zugrinste und winkte.
Gott, war das verabscheuungswürdig, wie er sich mal wieder produzierte.
Dabei stand er nicht mal auf Frauen, der Heuchler!
"Matt!" winkte er mir eifrig und schaffte es den Ball elegant ein paar Mal über seinen Kopf zu spielen, mit den Fersen wieder aufzufangen und zurückzuspielen. "Siehst du das? Siehst du das?" rief er begeistert. "Bist du nicht beeindruckt?"

"Mein Held ..." ich hüstelte dezent und verdrehte die Augen.
Nur weg hier.

Ich joggte am Spielfeld entlang, den Blick beständig auf das Feld gerichtet, Menschen rechts und links, Schüler, Lehrer, Fußballer und kein Taichi weit und breit ... laufen, auf und ab hüpfen, zwischen Schuluniformen durchdrängeln, weiterlaufen, hüpfen... viel zu laut und viel zu voll und viel zu warm ... Taichi ... wo bist du denn ...

Oh man ... Wie sollte man denn in dem Getümmel jemanden finden? Ich hüpfte erneut auf und ab. Versuchte über hässliche Frisuren hinweg zusehen, die mir den Blick aufs Feld verwehrten.
Mitten in meine angestrengte Hüpf -und-Such-Aktion vertieft, bekam ich natürlich nicht mehr viel von dem mit, was direkt um mich herum passierte. Abgelenkt wie ich war, stolperte ich mitten in meinem Gehüpfe über eine völlig deplazierte Sporttasche und hätte mich beinah volle Kanne auf die Schnauze gelegt.
Beinah wie gesagt.
Zwei hastig um meine Taille geschlungene Arme fingen mich auf und ich wurde festgehalten, bevor ich schmerzhafte Bekanntschaft mit der Aschenbahn machen konnte.

"Hey, Vorsicht ..." raunte eine leise, amüsiert klingende Stimme direkt an meinem Ohr und ich spürte wie mein Herz einen olympiareifen Satz machte angesichts der vertrauten Wärme an meinem Rücken. "Tu dir nicht weh."

Behutsam wurde ich hochgezogen, ohne dass der warme, feste Griff um mich sich löste. Langsam und mit rot angelaufenem Gesicht drehte ich mich um.

Es war tatsächlich Taichi. Und die völlig deplazierte Tasche, die mir so dämlich im Weg gestanden hatte, war seine blau-weiße Sporttasche.
Sekundenlang, in denen er mich weiterhin einfach festhielt und mich ansah, hätte ich vergessen können wo wir waren und vor allem vergessen können, dass noch irgendwelche andere Menschen auf diesem Planteten existierten außer uns. Sein Gesicht mit den leicht geweiteten, dunklen Augen war Pulsschlag erhöhend nah.
Erst als wir angerempelt wurden und jemand eine unwirsche Entschuldigung murmelte, räusperte Taichi sich hastig und trat einen Schritt zurück. Langsam und mit einem leicht bedauernden Gesichtsausdruck löste er den Griff um meine Taille und fuhr sich scheu durch die Haare.

"Ähm ... Morgen!" sagte er verlegen. Seine langen, schlanken Beine steckten bereits in Fußballsocken und kurzen Shorts und er war offenbar grade dabei gewesen seine Turnschuhe anzuziehen.

"Morgen?" meine Augenbrauen schossen nach oben, angesichts der Tatsache, dass es schon nach zwölf war. "Also, manche von uns sind schon seit acht Uhr hier ..."

"Tut mir leid ... " Er hatte den Anstand zu erröten. "Wieso hast du mich heute Morgen nicht geweckt? Ich hätte dir doch Frühstück gemacht." Er hob die Tasche hoch und beförderte sie mit Schwung auf eine Bank hinter mir, die am Rand des Spielfeldes stand.
Vermutlich damit nicht noch mehr blinde Leute wie ich darüber stolperten.

"Schon okay. So war es nicht gemeint", erwiderte ich und versuchte die Vorstellung von Taichi in einer niedlichen Zimmermädchenuniform und einem Tablett in der Hand zu verdrängen. "Es war bloß ... so langweilig ohne dich in Erdkunde zu versauern."

Der Blick, den er mir zuwarf, während er nach seinem Trikot angelte, war frech und durch und durch unwiderstehlich. "Hey, sag nicht, du hast mich vermisst ..."

HM? Wie?? Was?! "Nein!! Das war nur ... ähm ..." Ich nagte an meiner Unterlippe und pustete vor lauter Nervosität ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Tz, bild dir bloß nicht ein, dass ich keine vier Stunden ohne dich leben kann! Es ist nur ungewohnt, wenn sich mal niemand dauernd Stifte von dir ausleiht und sie nie zurückgibt und niemand die Hausaufgaben von dir abschreibt und einem niemand sein Pausenbrot aufdrängt ..."

"Nur, weil ich einmal deinen gelben Textmarker eingepackt habe ..." er zog einen Schmollmund.

"Nicht zu vergessen, meine ganzen Buntstifte ..."

Er warf mir einen schrägen Blick zu und statt einer Antwort hielt er mir sein Trikot hin. "Hältst du das mal?"

Ich nickte und griff danach. Wollte ansetzen irgendetwas zu sagen und spürte wie mein Mund sofort wieder von selbst zuklappte, während mir der glatte Stoff beinah durch die Finger glitt. Taichi zog sich allen ernstes sein T-Shirt aus!
Einfach so - wo er sich grade befand. Hob die Arme und streifte es einfach in einer eleganten, lässigen Bewegung über den schlanken, durchtrainierten Oberkörper und ließ es zu Boden gleiten. Oh Gott ... sabber ... Äh, ich meinte, weggucken ... hingucken ... Hrrrrg!!

"Was machst du da?" rutschte es mir heraus. "Tai!"

"Was ist?" Er sah mich unschuldig an. Viel zu unschuldig.

"Du kannst dich hier nicht umziehen!!"

"Nein?"

"Nein! Das geht nicht!"

"Wieso nicht?"

"Weil ... weil ..." ich fuchtelte nachdrücklich mit seinem Trikot herum.
"Weil die Aliens sonst die Kontrolle über mich übernehmen könnten! Und dann würden sie sich sofort auf dich stürzen und dich sexuell belästigen und ...!!"

Seine Augenbrauen fuhren nach oben. "Äh ... Matt ... lass uns doch noch mal über deine Drogenprobleme reden ..."

"Tai, es geht hier um deine eigene Sicherheit! Ich bin nur ... ein besorgter Bürger!"

"Ach tatsächlich?"

"Ja!!"

Er grinste. "Versuchst du mir vielleicht grade zu sagen, dass meine Tugend und jugendliche Unschuld in Gefahr ist, wenn ich so vor dir rumlaufe?"

"Ähm ... ja ... genau."

Er warf mir einen heldenhaften Blick zu. "Taichi Yagami", verkündete er "...immer am Rande des Risikos!"

Ein paar wilde, braune Haarsträhnen fielen ihm keck in die Stirn und verliehen ihm in Kombination mit seinem Lächeln ein draufgängerisches, unglaublich anziehendes Aussehen. Mir wurde heiß. Viel zu heiß. Meine Knie verwandelten sich in Kaugummi, während er langsam näher kam und ich fragte mich unwillkürlich, was die Gerüchteküche wohl DAZU sagen würde. >> Yamato Ishida ohnmächtig neben Spielfeld zusammengebrochen: Die Konzentration von Sexualhormonen in seinem Blut war besorgniserregend ... <<

Langsam lehnte er sich ein wenig nach vorne, so dass ich die Wärme, die von seinem bloßen Oberköper ausging überdeutlich spüren konnte und sah mir direkt in die Augen. Oh fuck ... Ob er wusste was er mit mir anstellte? Ob er auch nur die geringste Ahnung hatte, was das mit mir machte?

"Tai ...?" hauchte ich fragend.

"Weißt du, Yama ...", sagte er leise, "wenn du es bist, von dem die Gefahr ausgeht, dann habe ich keine Angst ..."

Seine Hand griff um mich herum und angelte nach seiner Wasserflasche. Mit einem Grinsen trat er einen Schritt zurück und brachte wieder einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen uns und schraubte den Verschluss auf.

Mein Kopf glühte und ich fragte mich wie es möglich war einen Menschen im selben Augenblick so dermaßen unwiderstehlich zu finden und sich gleichzeitig am liebsten mit ihm prügeln zu wollen.

"Hrrrrrg! Idiot!!" Knurrend warf ich das Trikot nach ihm. Er lächelte und fing es mit einer Hand auf, nur um es zu meinem absoluten Bedauern gleich darauf überzustreifen. Tz, nur weil ich scharf auf ihn war, hieß das noch lange nicht, dass ich mir alles von ihm gefallen lassen musste!

Ich schiebe es absolut auf die aufgeladene Atmosphäre zwischen uns, dass ich den plötzlichen Lichtblitz, der mich praktisch erblinden ließ in einem Anfall geistiger Umnachtung für eine Art übersinnliche Erscheinung hielt. Im ersten Moment zumindest. Eine leider
nur allzu bekannte, quakende Stimme zerstörte aber sofort jeden Anschein von magischer Atmosphäre.

"Können wir ein Interview haben?"

Daisuke Motomiya. Anders ausgedrückt - die PEST! Der allerschlimmste, aufdringlichste, verplanteste und nervigste unter sämtlichen von Takerus Freunden. Allein sein Name war praktisch schon ein einziges Synonym für seine Nervigkeit.

"Ja, natürlich! Lass dich nur nicht davon stören, dass ich grade erblindet bin ...", stellte ich sarkastisch fest und rieb mir über die Augen.

"Wer redet von dir? Wir wollen ein Interview mit Taichi!"

"Daisuke ... du solltest die Einstellung deines Blitzlichtes dringend noch einmal überdenken." hörte ich Taichis Stimme irgendwo neben mir stöhnen. "Wozu brauchst du überhaupt ein Interview? Und wieso mit mir?"

"Wir sind SPORTREPORTER!" wurde enthusiastisch verkündet und allmählich verschwanden die farbigen Blitze vor meinen Augen, so dass ich erkennen konnte, dass das "wir" offenbar auf ihn und Ken bezogen war.

"Genauer gesagt", wurde in sachlichem Tonfall von dem Schwarzhaarigen korrigiert, "schreiben wir einen Bericht für die Schülerzeitung."

Tatsächlich hatte er einen Block und einen Kugelschreiber in der Hand, während Daisuke nur eine uralte, monströse Kamera und sein dümmliches Grinsen mit sich herumschleppte. Dieser vollkommen nebensächliche Einwand hielt den rothaarigen Nervenzwerg leider nicht im Geringsten davon ab sich wie der größte Sportreporter seit Yatoshi Niwa zu fühlen.

"Ja, ja", wurde großzügig abgewinkt und Taichi ein improvisiertes Mikro unter die Nase gehalten. "Herr Yagami, wie fühlen sie sich? Würden sie unseren gespannten Lesern etwas über ihre Spieltaktik für das morgige Spiel erzählen? Es gibt Gerüchte, dass sie eine doppelte Angriffsspitze planen - möchten sie sich dazu äußern? Dazu fällt mir ein ..."

"Dai ... das wird kein besonders spannendes Interview wenn du Taichi nicht zu Wort kommen lässt", warf Ken leise und mit einem beinah unsichtbaren Lächeln ein.

"Ähm ... ach ja ... ha ha!"
Ich rollte angesichts seines verpeilt-verblödeten Grinsens fassungslos mit den Augen. Für wen hielten sich die zwei denn? Lois und Clark? Tz, die waren eher Susi und Strolch oder Dick und Doof! Obwohl Ken bei näherer Betrachtung eine recht hübsche Lois abgegeben hätte - ihre Frisur hatte er wenigstens.

"Hört mal, Jungs", mein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich, als Taichi direkt neben mich trat. "Ich erzähl euch wirklich gerne alles was ihr wissen wollt – aber können wir das nicht nach dem Training machen? Ich muss mich noch um etwas sehr Wichtiges kümmern." Innerlich hoffte ich irgendwie, dass er mich meinte ... aber ich hatte die vage Befürchtung, dass er sich auf das Training bezog, welches inzwischen schon langsam in die Gänge zu kommen schien.

Daisuke wollte grade ausholen um irgendetwas zu dazu anzumerken (was sicher sowieso niemand hören wollte) als wir ganz plötzlich und unerwartet unterbrochen wurden.

"Maaaa~tt!!"

Irgendetwas, besser gesagt irgendjemand schoss auf mich zu, warf sich in einer waghalsigen Kamikazeaktion zu Boden und landete schneller als ich auch nur "Ryo ist eine blöde Tunte" sagen konnte, direkt vor meinen Füßen im Gras. Beinah wäre ich gestolpert und nur Taichis Geistesgegenwart, mit der er nach meinem Arm griff, hielt mich davon ab äußerst unsanft auf dem Hintern zu landen. Absolut synchron und gleichermaßen perplex starrten Daisuke, Ken und ich zu Boden, Daisuke hatte sofort sensationslüstern die Kamera bereit.

"So was habe ich befürchtet", knurrte Taichi neben mir, so leise, dass nur ich es hören konnte. "Was will der hier ...?"

"Maatt ....!!"
Großer Gott, nicht der! Was zum Teufel wollte Kiro denn wieder von mir und wieso lag er mir zu Füssen? Musste ich mir Gedanken machen? Mehr als nur ein bisschen irritiert starrte ich ihn an.

"Ähm ...?"

"Es tut mir leiii~d!!"

"Öh ..."

"Ich war betrunken!"

"... ?!"

"Ich habe nicht mehr gewusst, was ich tue - ehrlich!"

Oh Gott ... mir schwante was ...

"Wenn ich das mit dir und Ryo gewusst hätte, hätte ich das bestimmt nicht getan! Niemals!"

Sofort wurde ihm das Miko entgegen gestreckt. "AH~ha! Wir sind von der Presse - möchten sie sich dazu etwas näher äußern?" Daisuke, diese, kleine, neugierige Pestbeule!! Das durfte doch nicht wahr sein!

"Hat da jemand meinen Namen erwähnt?" Ryo jonglierte mit dem Ball an uns vorbei und strahlte mich völlig unangemessen an. "Hey, siehst du das, Matt? Ich kann es auch mit zwei Bällen!"

"Oh toll", hauchte ich schwach und sackte gegen Taichi mit einem Gefühl, als würden meine Knie jeden Moment unter mir nachgeben.

"Was?! Ryo ...? Sag mal - will ich wissen, was er da redet?" hörte ich Taichi, der den Griff um meinen Arm automatisch verstärkte, fragend murmeln. "Ich sollte vielleicht doch mal eine mannschaftsinterne Dopingkontrolle veranlassen..."
Sein Arm wanderte unbemerkt um meine Taille und er warf mir einen kurzen, besorgten Blick zu. Irgendwie schien er zu ahnen, dass mal wieder soweit war, dass das nackte Chaos um mich herum ausbrach und ich wie üblich keinen Plan und keine Ahnung hatte
was ich dagegen tun sollte.

"Bitte ... kannst du mir verzeihen? Es tut mir leiii~d!!" Leidenschaftlich wurde sich nach vorne geworfen und meine Beine umklammert. Ich versuchte Kiro abzuschütteln, aber der gehirnamputierte Schwachkopf erwies sich als erstaunlich hartnäckig. Langsam entwickelte sich das ganze hier zu einer echt miesen Seifenoper.

"Ähm, gibt es da eventuell mannschaftsinterne Schwierigkeiten, von denen wir wissen sollten? Ich bitte um ihre Stellungnahme, Herr Yagami! Unsere Leser haben ein Recht auf Information." Daisuke tanzte sichtlich begeistert um uns herum und versuchte irgendeine Antwort zu bekommen.

"Kein Kommentar", erwiderte Taichi knapp.

"Aber was hat das zu ..."

"Kein Kommentar!" fauchte ich an seiner Stelle.

"Hey, das verstößt gegen die Pressefreiheit ...!" Er klang aufrichtig empört, der kleine Schwachkopf.

Praktisch synchron fuhren wir zu ihm herum. "KEIN KOMMENTAR!!"

"Kiro ... verdammt", zischte ich und drehte mich zu der weiteren Quelle des Ärgers. Wieso erinnerte er sich überhaupt noch an letzte Nacht? "... steh auf!" befahl ich, peinlich berührt von der Aufmerksamkeit zahlreicher interessierter Blicke, die mal wieder auf uns ruhte. Und das alles vor Augen der Presse ...

"Ja, steh auf", kam ein finsteres Knurren von Taichi neben mir, "und dann kannst du gleich anfangen dich einzulaufen. Zwanzig Runden extra!"

"Was?!" Augenblicklich wurden meine Beine losgelassen und ein leicht entsetzter Blick aus geweiteten Augen nach oben geworfen. "Aber ... aber ... wieso denn?"

"Um den Alkoholspiegel in deinem Blut etwas runterzukriegen, den du dir gestern Abend angesoffen hast!"
Unauffällig schob ich mich ein wenig vor Taichi um ihn zurückhalten zu können, falls es nötig sein sollte. Seine angespannten Muskeln verrieten wie viel Anstrengung es ihn kosten musste sich zu beherrschen. Okaaaa~y, irgendwie hatte ich das dumpfe Gefühl, dass er ihm den kleinen Aussetzer letzte Nacht noch nicht wirklich verziehen hatte.

"Aber ... aber ..."

"Zwanzig Runden - und lass es mich nicht noch mal wiederholen."

Oha ... so autoritär heute? Schneller als ich gucken konnte, stand Kiro endlich auf und verschwand mit leidendem Gesichtsausdruck in Richtung der Aschebahn neben dem Rasen. "Augenblick!!" rief Daisuke und rannte hinter her, Ken mit einem Seufzen und deutlich ruhiger nachkommend. "Möchten sie eine Stellungnahme abgeben?" hörte ich ihn aus einiger Entfernung.

"Tai ... was war DAS denn?" Langsam drehte ich mich zu ihm um und zog eine Augenbraue hoch. Zu meiner Überraschung sah ich wie sich ein leichter Rotschimmer auf seinen Wangen ausbreitete und er meinem Blick auf höchst verdächtige Art und Weise auswich.

"Nichts."

"Aber ... du lässt nie extra Runden laufen." Ich kam ein wenig näher.

"Ähm ... also ... ab und zu muss man als Kapitän eben ein bisschen Dominanz raushängen lassen, genau ..." Verlegen fuhr er mit einer Hand in den Nacken und wich meinem Blick erneut aus.

"Man könnte meinen, du bist eifersüchtig", rutschte es mir heraus. Es sollte nur ein Witz sein. Aber die Röte auf seinen Wangen vertieft sich und er hatte seinen Blick überall hin nur nicht auf mich gerichtet. Beinah hätte ich gelächelt, so niedlich und verlegen sah er grade aus.

"Ich? Was ... nein ...niemals ... was redest du denn da?" Er zog mit den Spikes an seinen Schuhen kleine Linien in den Rasen, auf die er verlegen starrte.

"Das ist nicht dein Ernst!"

"Nein! ... doch ... vielleicht ...also ... nicht wirklich ..."

"Taichi ..."

Er war so nah und doch berührten wir uns kaum, umkreisten uns nur gegenseitig, abwartend und auf seltsame Weise unentspannt. Wieso waren hier nur so viele Menschen? Er kam ein wenig näher, zögernd und ein bisschen verlegen, aber doch so dicht, dass sein Gesicht ganz nah bei meinem war und er mir direkt in die Augen sehen konnte.

"Vielleicht bin ich es ... Aber nicht auf Kiro ... bestimmt nicht auf Kiro" fragte er so leise, dass es beinah unhörbar war.

"Hm? Was redest du denn ...?" Es dauerte eine Weile, bis es endlich Klick machte in meinem Kopf und ich verstand worauf er hinauswollte. "Fuck!" fluchte ich leise. "Was hast du gehört ... über mich und Ryo?"

"Nichts - wieso? Gibt es da was zu hören?"

"Was soll DAS denn heißen? Du denkst doch nicht wirklich...?! Das kann nicht dein Ernst sein!" stieß ich mit zusammengebissenen Zähne hervor. Als ob ich ihn an einem Abend küssen und mich keine zehn Stunden später von Ryo abschlabbern lassen würde! Hallo?!

"Nicht ..." Die Spitzen seiner Haare streiften mein Gesicht, als er so dicht neben mir den Kopf wandte und auf das Spielfeld sah. "So war das nicht gemeint, ehrlich."

"Wie war es dann gemeint?" fauchte ich leise und wandte mein Gesicht zu ihm, direkt auf sein von mir abgewandtes Profil.

"Yama ... nicht. So war es nicht ..." er streckte die Hand nach mir aus ohne mich anzusehen. Behutsam tasteten seine Fingerspitzen nach meinen. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass er beinah davor zurückscheute mich zu berühren, so vorsichtig und zurückhaltend war er grade. Wollte er mich nicht berühren?

"Was ist los?" fragte ich dumpf und mit einem Gefühl, als würde ich den Kloß in meinem Hals nie wieder los, egal wie sehr ich schluckte. Bitte nicht ... bitte, lass es ihn nicht bereuen ... Ich würde sterben, wenn es so war, ich wusste es. Ich würde einfach sterben, wenn er mich nicht wollte. "Es tut dir leid, nicht wahr? Gestern, dass ..."

"Nein!" Der Griff um mein Handgelenk war impulsiv und viel zu fest. "Nein. Nein. Niemals." Sein Kopf fuhr herum und zum ersten Mal sah er mich an. "Denk doch so was nicht ..." er schüttelte den Kopf, heftig und ausdrücklich und ich spürte wie ein Gewicht von der Größe der Alpen von meiner Brust fiel, als ich seinen entschlossenen Gesichtsausdruck sah.

"Ich habe nichts mit Ryo. Ganz besonders mit Ryo nicht!" fühlte ich mich genötigt festzuhalten.

"Ich weiß." Er atmete aus. "Das weiß ich doch. Es ist nur ..." Ich spürte ein Prickeln auf der Haut als der mit den Fingerspitzen behutsam über meine Handinnenfläche fuhr. "Du bist so ..."

"Na, was haben wir denn da? Noch nicht beim aufwärmen, Yagami?"

Wir fuhren auseinander, als wären wir elektrisch geladen und nur unsere Fingerspitzen blieben ineinander verhakt, unauffällig, beinah unsichtbar hinter Taichis Rücken verborgen.

"Und Ishida - schon wieder freiwillig bereit mitzuspielen? Freut mich, freu mich - die Jugend heutzutage treibt viel zu wenig Sport."

"Ich spiele nicht mit." "Er spielt nicht mit!"

Wir warfen uns einen kurzen, verlegenen Blick zu. "Ich bin gleich so weit ...", fügt Taichi hinzu.

"Gleich? Hier gibt es kein gleich - aufs Feld bitte, aber dalli!"

Ich spürte wie der Griff um meine Hand fester wurde und drückte automatisch zurück. Ich wusste wie sehr Taichi es hasste sich mit seinem Trainer anzulegen und ehrlich gesagt, ich hasste es auch.

"Gleich", seine Stimme klang ruhig, aber ich spürte wie angespannt er war. "Zwei Minuten."

Ohne eine Antwort abzuwarten (was vermutlich auch besser war) machte er abrupt kehrt und zog mich mit sich, unsere Hände immer noch auf äußerst romantische, zusammengehörige Weise miteinander verschlungen. Ich stolperte hastig hinter ihm her und fragte mich gleichzeitig wie viele Menschen wohl grade dabei zusahen und sich dabei fragten wie das nun wieder in ihre "Matt, der Junge, der Sex mit Ryo Aizawa im Klassenzimmer hatte" -Theorie passte.

Taichi sah stur geradeaus, zog mich mit sich und ignorierte zahlreiche Zwischenrufe von rechts und links. Kam mir das nur so vor, oder waren wir sehr beliebt heute? Erst als wir ein paar Meter vom Spielfeld entfernt und damit kurz vor der Turnhalle waren, wurde er langsamer.

"Alles in Ordnung ...?" fragte ich leise. Sein Schweigen beunruhigte mich.

Er seufzte und gab ein leises hundeartiges Knurren von sich. "Ich hasse es nur, wenn alle so tun, als würde immer gleich alles zusammenbrechen und ins nackte Chaos ausarten, wenn ich einmal nicht da bin."

"Und jetzt ...? Tai, du musst doch spielen."

Statt einer Antwort drehte er sich um, warf mir einen kurzen und äußerst hinreißenden Blick zu ...
... und zog mich spontan hinter das nächstbeste Gebüsch. Mit aufgerissenen Augen und angehaltenem Atem fand ich mich absolut unerwartet direkt an einen Baumstamm gelehnt wieder, Taichi direkt vor mir. Grünzeug umgab uns rechts und links und schirmte dieses kleine Pseudo-natürliche Fleckchen wirkungsvoll vor neugierigen Blicken ab.

"Nur aus Neugierde", fragte ich und meine Stimme klang merkwürdig hoch und quietschig. Hastig räusperte ich mich. "Was tun wir hier? Die Wunder der Natur bewundern? Ich meine, nicht, dass hier viel zu ..."

"Yama...?"

Sofort war ich still, zermürbend genau bewusst, wie verdammt nah er mir grade wahr.

"Du hast geschrieben ... ich schulde dir noch etwas ..."

Wumm. Es war schwer zu sagen wer von uns Beiden in diesem Augenblick röter war im Gesicht. Jedes Wort, das ich sagen wollte, blieb in meiner Kehle stecken, so das ich ihn nur anstarren konnten. Mein Herzschlag hallte wie eine Achterbahn durch meinen ganzen Körper und ein seltsames flatteriges Gefühl breitete sich in meiner Bauchgegend aus.

Eine Hand an dem Baumstamm direkt neben mir abgestützt, sah er mich an und suchte in meinem Gesicht nach irgendeinem Anzeichen von Widerstand, während er langsam näher kam. Ich bitte dich, Taichi ... Widerstand?
Statt etwas zu sagen, da ich in diesem Augenblick nicht sicher war ob meine Stimme noch funktionieren würde, streckte ich meine Hand aus und griff nach seinem T-Shirt. Erwischte den Stoff direkt unter seinem Kragen. Er sah überrascht aus, aber ließ sich widerstandslos von mir nach vorne ziehen.
Ich kam ihm auf halben Weg entgegen. Mitten aus der Bewegung heraus, umschlang er mich plötzlich mit den Armen und unsere Lippen trafen sich. Überrascht von der plötzlichen Wärme und Intensität keuchte ich leise auf und verkrallte meine Hand in seinem T-Shirt. Irgendwie dachte ich, dass es gut war, dass er mich festhielt. Und dann dachte ich gar nichts mehr.

Meine Arme landete in seinem Nacken, als ich mich enger an ihn schmiegte, während seine Lippen immer wieder auf meine trafen. Sanft fuhren meine Finger die Linie seines Halses entlang und vergruben sich in weichen, wilden Haarsträhnen. Alle Empfindungen reduziert auf warmen, beschleunigten Atem und sich hungrig bewegende Lippen. Mein Rücken scheuerte an der rauen Baumrinde entlang und unsere Berührungen schwankten irgendwo zwischen sanft und vorsichtig, ungeduldig und völlig berauscht. Es war ein intensiver, stürmischer Kuss und es klingelte in meinen Ohren mit jedem pumpenden Herzschlag, als er mich wieder loslassen wollte.
"Nicht ...", hauchte ich und zog ihn zurück zu mir. "Warte ... noch nicht..."

Er durfte noch nicht gehen. Ich hatte vergessen, dass ich süchtig war nach ihm, nach seiner Nähe und seinem Geschmack und seiner Stimme und dem Funkeln in seinen schokobraunen Augen. Er war zu weit weg, wenn er auf dem Spielfeld hatte, viel zu weit ... und ich brauchte ihn doch nah bei mir ...

"Glaub mir, ich würde auch lieber hier bleiben ..." Ich hörte an seiner Stimme, dass er lächelte. Statt einer Antwort schlang ich die Arme um ihn und schmiegte mich enger an ihn. Er küsste mich sanft, immer wieder, tausend zarte Küsse auf meinen Mund und meinen Hals entlang.

"Falls ich es noch nicht erwähnt habe ...", hörte ich ihn murmeln, während er sich langsam von mir löste. Verschwommen nahm ich wahr wie er mich sanft gegen den Baumstamm gleiten ließ. "Du siehst absolut süß aus in meinen Sachen. Pass auf, dass du nicht meine komplette Mannschaft durcheinander bringst, während ich versuche mich aufs Training zu konzentrieren ..."

Mit diesen Worten warf er mir ein umwerfendes Lächeln zu und ... entschwand. Hatte tatsächlich den Nerv zu verschwinden und mich schwer atmend hier stehen zu lassen, mit einer Pulsrate, die garantiert schon chronisch erhöht war und einem komischen und äußerst beunruhigenden Kribbeln zwischen den Beinen ...

Ich brauchte nur Sekunden um mich wieder zu fangen, aber es waren Sekunden zu lange. Das einzige, was noch da war um es anzufauchen, war grünes Grünzeug um mich herum. Boah ...!
TAICHI!!
Oh, er war tot - er war so was von tot! Das durfte nicht wahr sein! Na warte ... denk nur nicht, dass ich mir das bieten lasse, Yagami! Dass du so ... so ... sexy und unwiderstehlich bist! Und wenn ich mir ein Cheerleaderkostüm und Pompoms besorge und damit am Spielfeldrand herumwedele - das kriegst du zurück!

Als ich am Sportplatz ankam, schien das Aufwärmen grade zu Ende zu sein, denn Hidaka war schon dabei die Spieler in zwei Mannschaften aufzuteilen. Taichi, der sexy Kapitän alias mein bester Freund alias der "Hormonhaushalt durcheinander bringende Mistkerl" bekam natürlich eine, aber diesmal war Ryo in seinem Team und Hiroshi bekam die andere Mannschaft. Scheinbar war da doch irgendwas dran mit der doppelten Sturmspitze, die die Beiden ausprobieren wollten.

Ich sah Taichis Blick unauffällig zum Spielfeldrand wandern, während sie sich aufstellten und wusste, dass er nach mir Ausschau hielt. Na warte, Yagami ... Rache ist süß und ihr Name ist Yamato Ishida.
Ein irgendwie bekannt vorkommendes albernes Gekicher ließ mich mitten in meinen Rachephantasien erstarren.

"Da ist er", wurde neben mir geflötet. "Hach, sieht Taichi nicht einfach zu lecker aus in diesen kurzen Hosen?"

N.E.I.N.... Die hatte mir grade noch gefehlt!
Langsam drehte ich mich um und warf Kyoko einen schiefen Blick zu. Was machte die denn hier? Wieso redete sie mit ihren blöden Speichelleckerfreundinnen so über meinen, Betonung auf meinen Taichi und wieso war ihr Rock so verdammt kurz?! Und wie zum Teufel schaffte sie es ihr langes, kastanienfarbenes Haar so stilvoll im Wind flattern zu lassen - obwohl es absolut windstill war?!
Fragen über Fragen.

"Oh ... hallo, Matt." Welche Überraschung - ausnahmsweise erinnerte sie sich mal an meinen Namen. Sie warf schwungvoll ihre lange Mähne nach hinten und lächelte boshaft. "Na, bist du auch hier um Taichi anzufeuern? Oder vielleicht eher um meinen kleinen Bruder anzufeuern ...?"

Alle drei Mädchen brachen synchron in hysterisches Gekicher aus. So langsam aber sicher kam ich auf den Trichter, dass es vielleicht doch
gewisse Vorteile mit sich brachte schwul zu sein. Oder wenigstens taitosexuell. Ich musste mich wenigstens nicht mit so blöden Weibern abgeben! Ganz ehrlich - fanden die sich nicht selber peinlich?

"Nein, ich bin hier um zu sehen, ob du vielleicht einen Ball ins Gesicht kriegst - was soll die blöde Fragerei?"

Mit zusammengezogenen Brauen wandte ich mich von ihr ab und wieder dem Spielfeld zu. Ihr "Na ja, mein Bruder hatte schon immer einen etwas eigentümlichen Geschmack ..." wurde dabei geflissentlich ignoriert. Taichi hatte grade einen langen Pass zu Takeshi gespielt und sein Blick war wie ein Magnet zu mir geflogen. Er grinste mir zu und formte einen Viktory-Zeichen mit den Fingern.

Ich wollte grade die Hand heben und zurückwinken, als zu meinem und vermutlich auch zu seinem absolutem Entsetzen Kyoko neben mir plötzlich anfing zu winken und ihm eine Kusshand zuwarf. Die fühlte sich doch hoffentlich nicht angesprochen ...?
Ich warf ihr einen finsteren Blick zu. Was zog die dumme Pute wieder für eine Show ab? Klimperte und bewegte die Hüften hin und her und benahm sich auch sonst ... tja, leider genauso wie ich es gerne gemacht hätte. Immerhin war da ja noch was, das ich Taichi heimzahlen wollte ...

Aber ich war eben kein Mädchen. Ich hatte keinen Ausschnitt den ich tiefer ziehen konnte und es sah mehr als dämlich aus wenn ich versuchte mit den Wimpern zu klimpern oder mit den Hüften zu wackeln. Und auch wenn meine Haare inzwischen so lang waren, dass mein Vater ständig versuchte dezent das Thema Friseur anzuschneiden, waren sie eben nicht lang genug um sie so werbefilmmäßig um mich flattern zu lassen wie Kyoko das immer tat.

Aber es musste doch verdammt noch mal irgendeinen Weg geben um Taichi heimzuzahlen, wie er mich immer provozierte ...? Irgendwas ...?

Die Rettung nahte schneller als erwartet.
Und zwar nahte sie in Form meines völlig ahnungslos, Eis essenden Bruders, der unschuldig, lieb und blond wie er nun mal war, mit Kari Händchen haltend auf mich zugeschlendert kam. Man bekam alleine von ihrem Anblick einen Zuckerschock. Sobald sie mich sahen, wurden die Hände allerdings rasch und mit hochroten Köpfen auseinander gewunden.

"Hi Matt!" "Hi Matt", wurde synchron gepiepst, als sie neben mir standen.

"Tk...?" Noch während ich seinen Namen sagte, wanderte mein Blick zum Spielfeld. Taichi sprintete quer durch den gegnerischen Strafraum, der Ball dicht vor seinen Füßen. Sein Trikot wehte um ihn herum und er sah jung, leidenschaftlich und einfach nur umwerfend aus. "Du hast deinen großen Bruder doch sehr lieb, nicht wahr?"

Takeru blickte nach rechts, blickte nach links und blinzelte schließlich verwirrt. "Ähm ... öh ... äh... ja?"

"Tk ...? Gib mir dein Eis!"

"HM?" Es tat mir ja leid ihn so zu verwirren, aber das war ein Notfall. "Was? Wieso denn? Hol dir doch selber eins ..."

"Ich spendier dir nachher ein neues! Her damit. Bitte!"

"Gib es ihm schon", hörte ich Kari neben ihm mit neugierigem Unterton. "Du darfst auch an meinem lecken." Sogar sie hatte dieses Wimpernklimper-Ding drauf ... und das in ihrem zarten Alter. Es war schockierend.

So schnell wie Tk mir sein Eis in die Hand gedrückt hatte, konnte ich es kaum festhalten. Na bitte, es ging doch.

"Danke ..."

Ich starrte immer noch auf das Feld, verfolgte Taichi mit den Augen. Warte nur Yagami ... das kriegst du zurück ...

Vorsichtig strecke ich die Zunge heraus und probierte es Testweise. Es war irgendein Wassereis am Stiel mit Colageschmack so weit ich das identifizieren konnte und schmeckte gar nicht so schlimm. Langsam und probierend leckte ich von unten nach oben. Es schmeckte süß und kalt und hinterließ ein Prickeln auf meiner Zunge.

Als ich aufsah, blickte ich direkt in Taichis Gesicht. Er stand auf der Mittellinie und sah aus, als wäre er mitten im Laufen gegen eine Wand gerannt, so abrupt hatte er abgestoppt. Sein Gesichtsausdruck schwankte in schon beinah komischer Weise zwischen verwirrt und ... ja und was eigentlich?
Ich schenkte ihm ein liebliches Lächeln und schob mir das Eis zwischen die Lippen. Saugte ein wenig daran und ließ es aufreizend langsam zwischen meinen Lippen auf und ab gleiten. Sogar aus der Entfernung konnte ich sehen wie er sich fast verschluckte und seine Augen sich weiteten.
"Yagami - wird das heute noch was?!" donnert eine wütende Stimme quer über das Feld und Taichi zuckte zusammen. Hastig nickend riss er sich zusammen und sprintete mit entschlossenem Gesichtsausdruck weiter. Ich konnte mir das Grinsen kaum verkneifen.

Behutsam ließ ich meine Zunge über die schon leicht geschmolzene Spitze gleiten, umkreiste sie und saugte ein paar kalte Tröpfchen auf, die sich schon gebildet hatten.

"Was macht er mit meinem Eis?" hörte ich Tk hinter mir interessiert fragen.

"Dafür seid ihr noch zu klein", erwiderte ich, ohne meinen Blick von dem Spielfeld nehmen.

Ein Tropfen entglitt mir und lief den Stiel entlang auf meine Finger. Ich schob das klebrige Eis in die andere Hand und leckte mir hastig die Finger sauber. Das gehörte eigentlich nicht zu der Show, die ich hier grade abzog, aber als ich erneut aufblickte, sah ich, dass Taichi wenige Meter vor dem gegnerischen Tor schon wieder wie paralysiert stehen geblieben war und mich anstarrte.
Ich warf ihm ein breites Grinsen zu und sah wie er knallrot anlief. Ein Glück, dass der Ball praktisch genau vor seinen Füßen landete.

"Hier!! Taichi - zu mir!" hörte ich Ryos vertraute Stimme im Hintergrund brüllen. Taichi nickte benommen und spielte zu ihm ohne auch nur hinzusehen.

Meine Zunge glitt langsam an dem zerschmelzenden Eis auf und ab und ich saugte vereinzelte geschmolzene Partien auf. Ließ das Eis in meinen Mund hinein und aufreizend genießerisch wieder hinaus gleiten.
Vereinzelte Haarsträhnen fielen mir ins Gesicht und ich pustete sie rasch aus den Augen. Als ich den Blick wieder zu Taichi hob, sah ich dass sein Kopf wie von einer unsichtbaren Kompassnadel gezogen schon wieder zu mir geschnellt war. Sein Kehlkopf bewegte sich heftig während er schluckte und schluckte, und tiefes Rot hatte sich hartnäckig auf seinen Wangen festgesetzt. Er hatte garantiert schon mindestens drei Torchancen verpasst. Trainer Hidaka bekam am Rand des Feldes grade einen Anfall nach dem anderen, aber irgendwie nahmen weder er noch ich das grade richtig wahr. Er starrte mich nur an, während meine Zunge an dem Eis entlang fuhr, die zerschmelzende Spitze umkreiste und sachte daran saugte.
Und mir wurde plötzlich sehr warm dabei. Es war nur ein blödes Eis, aber es verursachte mir Herzklopfen wie er mich dabei ansah. Ich lächelte zaghaft und mit einem Hämmern in der Brust, das mich beunruhigte.

Keine Sekunde später passierte es. So schnell, dass ich beinah nicht mitbekam wie es überhaupt passierte. Und so schnell, dass ich nicht einmal reagieren konnte.


"TAICHI!!"

Der Ball flog genau in seine Richtung, pfeilgrade und schnell, nur wenige Meter von ihm entfernt losgetreten - unverkennbar einer von Ryos kraftvollen Schüssen. Unter normalen Umständen wäre es für Taichi ein Kinderspiel gewesen den Ball abzublocken und in einen tödlichen Schuss aufs Tor zu verwandeln. Aber so ... war er zu dicht, zu schnell und kam viel zu unvorbereitet. Und ich ... scheiße ... ich hatte ihn abgelenkt ...
Der Ball erwischte ihn frontal und mit solcher Wucht in die Magengrube, dass mir schon vom hinsehen beinah schlecht wurde.

"Nein!!" Gehörte die panische Stimme etwa mir?
Das Eis entglitt meinen Fingern, wurde achtlos beiseite geschleudert, noch während Taichi mit einem Aufkeuchen nach vorne sank und mit schmerzverzerrtem Gesicht die Hände auf den Bauch presste.

Ich hörte Kari neben mir besorgt aufstöhnen, aber dann war ich schon fort, über die Bank gestolpert und rannte quer über das Feld, ohne Rücksicht auf irgendwas, Spieler, Trainer, Bälle, atemlos und panisch. Der Boden hämmerte unter meinen Füßen und rechts und links spritzten Büschel Gras weg, als ich auf die Stelle zu rannte an der er zu Boden gesunken war, beide Hände auf den Bauch gepresst.

/Nein ... nein ... nein ... nein ...Taichi ...!// 



Fortsetzung folgt