Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Rei > Something is real

Something is real

Digimon [G] 

Pairing: Taichi/ Yamato 

[dark][songfic][death] 

Inhalt: Manchmal sind Erinnerungen wirklicher als die Realität ... 

Kommentar der Autorin:
Zu dieser ff möchte ich eigentlich gar nicht viel sagen, außer das es das Deprimierendste ist, was ich je geschrieben habe. Taichis Sichtweise (an der ich mich übrigens noch nie versucht habe, also erwartet nicht zuviel ...)
Sie ist ein Geschenk für Loul. Falls du sie haben möchtest ... *husthust* 





Something is real

***

Gestern Nacht fuhr ich über die Landstrasse, als sie plötzlich dein Lied im Radio spielten. Es war stockfinster und ich war ganz allein auf der Strasse. Ich weiß nicht mehr woher ich kam oder wohin ich wollte ... alles was ich weiß, war, dass ich plötzlich rechts an den Rand fahren und anhalten musste, weil die ganze verdammte Strasse vor meinen Augen verschwamm.
Es waren schon so viele Jahre, so verdammt lange her ... und nach all dieser Zeit hatte deine Stimme noch immer die Macht mich zum weinen zu bringen ...

***

Es ist stockfinster und eiskalt. Das Licht meiner Scheinwerfer scheint geisterhaft hell auf die verlassene Landstrasse vor mir und gibt dem Wald, durch den ich fahre ein düsteres, horrorfilmartiges Aussehen. Alles gibt mir das Gefühl, ich bin der einzige Mensch auf der ganzen Welt.
Andererseits ist es nicht so, dass ich mich in letzter Zeit irgendwie anders gefühlt hätte, als allein ...

Ich bin so müde.
Und wie ein kleines Kind, sehne ich mich plötzlich so sehr nach Zuhause, dass es schmerzt. Ein Zuhause, dass es nicht mehr gibt. Es ist so schrecklich kalt und dunkel hier ...

"Und nach der Werbung spielen wir ein Lied, das inzwischen schon fast ein Klassiker ist", sülzt der Blödmann im Radio mit schmalziger Stimme und dem öligen Charme einer Sardinendose. Ich verdrehe genervt die Augen und beschließe, dass allein im dunklen Wald zu sein vielleicht doch nicht schlimmer war, als dieser gehirnamputierten Sülzbacke noch länger zu zuhören.

"...und durch den frühen und tragischen Tod des Leadsängers längst Kultstatus erreicht hat."

Ich erstarre. Alles in mir erstarrt. Meine Hand, zur Hälfte schon erhoben um dem Idioten den Saft abzudrehen, bleibt auf halbem Weg stehen.

"Schwachsinn", höre ich mich selbst sagen, auch wenn es plötzlich in der Kehle schmerzt zu sprechen. Kurt Cobain, Jimi Hendrix, Jim Morrison ... es gibt so verdammt viele Leadsänger, die früh gestorben sind ...

"Er wurde hier in der Nähe geboren, genauer gesagt in Odaiba ..."

Es gibt ... gibt so viele Leadsänger aus Odaiba, die früh gestorben sind ...

Ich sollte das Radio abschalten ... schnell, ganz schnell.

"Blond und unverschämt gut aussehend, brach er die Herzen der stolzesten Frauen, haha!"

Er redet über Gewinne und Traumreisen, ohne zu wissen, oder auch nur die Chance zu haben es jemals erfahren zu können, dass ich plötzlich nicht mehr atmen kann. Es hört in dieser Sekunde auf. Ich weiß es ganz sicher. Anders kann es nicht sein, dass meine Lungen plötzlich so brennen, jeden Sauerstoff verweigern ... dass alles so sehr wehtut.

"... zweifellos einer der beliebtesten und erfolgreichsten Sänger der letzten zwanzig Jahre. Ja, selbst die härtesten Kritiker bescheinigten ihm ein absolutes Ausnahmetalent zu sein."

Wieso wackelt die Strasse plötzlich? Nein ... es sieht nur verwackelt aus ... verschwommen ... verwischt ... weil ich plötzlich nicht mehr klar sehen kann. Ich reibe mir über die Augen, aber es hilft nichts.

"Es war einer ihrer größten Hits und es ist das Lied, was ich persönlich am schönsten finde. Man sollte diesen Song nicht allein hören. Also lehnen sie sich zurück, liebe Zuhörer, egal wo sie jetzt auch sind ... lehnen sie sich zurück, schließen sie die Augen, kuscheln sie sich an ihren Liebsten und genießen sie diese einzigartige Stimme."

Alles ist still, als ich im nächst besten Graben lande. Nicht einmal der Schnee knirscht unter meinen Reifen. Und als ich endlich den Motor abwürge, klingt es nur wie ein leises erschöpftes Seufzen. Es ist als ob mein Auto mit mir die Luft anhalten würde.

~*~*~*~*~*~

Ich weiß, dass deine Stimme einzigartig war. Das habe ich auch schon gewusst, als du noch in der Garage deines Vaters geprobt hast und niemand auch nur euren Namen kannte. Die Teenage Wolves.
Ich war immer bei euren Proben. Schließlich war ich dein bester Freund und außerdem ... hörte euch ja sonst keiner zu.
Ich weiß nicht, wie lange ich in dich verliebt gewesen bin, bevor mir das zum ersten Mal richtig bewusst wurde. Irgendwie warst es immer du. So lange ich denken konnte. Niemals jemand anderes. Nicht, dass ich mir Chance ausrechnete ... du warst schon damals, wenn auch noch nicht berühmt, so beliebt bei den Mädchen wie später auf dem Höhepunkt eures Erfolgs. Du hättest jede haben können.

Und doch war ich es ... auf den du an diesem Tag gewartet hast.
Damals nach der Schule.
Ich hatte noch Sport und als ich aus der Umkleidekabine auf den Hof trat, standest du unter den Eichenbäumen neben dem Schulhoftor und hast auf mich gewartet. Die Beine lässig gekreuzt und deine Schultasche locker über die Schultern geschwungen. Trotzdem konnte ich sehen, dass du nervös warst, als du meinen fragenden Blicken ausgewichen bist.
Du hast auf den Boden gestarrt und warst hastig am rumdrucksen, und im Nachhinein frage ich mich, wie ich so arglos sein konnte, dass ich nicht sofort merkte, was mit dir los war. Aber damals war ich zu fasziniert von der Art wie die Sonne auf deine Haare schien und wie die kleinen, weißen Zähne nervös auf deiner Unterlippe herumkauten.
Nach unzähligen, vergeblichen Versuchen es zu sagen, hast du mich endlich angesehen. Mit hochrotem Kopf, was gar nicht zu dem sonst so coolen Yamato Ishida passte, den ich kannte.

Endlich konnte ich deine Augen sehen ... und da hab ich es schließlich verstanden, das was du mir die ganze Zeit sagen wolltest.

Ich ... ich habe mich verliebt in dich ...

~*~*~*~*~*~

Ich starre in die Dunkelheit, die mich umgibt und wage nicht zu atmen. Irgendetwas hämmert, und erst denke ich es ist der Motor, der noch läuft ... aber den habe ich ja abgewürgt. Vielleicht ist es mein Herz.

Endlich ist die Werbung vorbei ... plötzlich ist ein Rauschen da, dass ausnahmsweise nicht an meinem uralten Radio liegt. Es ist das Rauschen einer Life-Aufnahme. Einer Life-Aufnahme aus einer riesigen Konzerthalle.
Was mir da plötzlich um die Ohren schallt ist das undeutliche, verzerrte Kreischen von hunderttausenden von Menschen, die alle nur einen einzigen Namen rufen.

Deinen Namen.

Ein Räuspern und ich höre die Stimme von Bikky, deines Bassisten mit den grünen Rastalöckchen, der um Ruhe bittet. Seltsamerweise funktioniert es. Deswegen hast du es immer Bikky machen lassen. Wenn du selbst an den Bühnenrand getreten bist, dann wurde ja doch nur noch lauter geschrieen.
Genau so wie ich jetzt schreien möchte ... aus tiefster Seele.
Er nennt den Titel des nächsten Liedes, und ich kann spüren wie alles in mir zerbricht, wie Glas, und auseinander fällt.

~*~*~*~*~*~

Ich erinnere mich noch an den Tag als du dieses Lied geschrieben hast.
Es war ein verregneter Mittwoch im November. Wir waren etwas über zwei Jahre zusammen und hatten einen riesigen Krach. Den ersten größeren in unserer Beziehung. Seltsam, damals war alles so furchtbar, als ob die Welt jeden Moment untergehen würde und wir waren so wütend auf einander und haben uns so schlimme Dinge ins Gesicht gebrüllt ... und heute weiß ich nicht einmal mehr weshalb wir uns gestritten haben.
Umso genauer erinnere ich mich an dein vor Wut blasses Gesicht, als du aus dem Haus ranntest und das Knallen als die Haustür hinter dir ins Schloss krachte. Die schreckliche Stille, die sich danach ausbreitete, bedrückend, erstickend, beklemmend nach all dem Gebrülle. Und all die peinlich Tränen, die danach kamen, Tränen vor Wut und vor Verzweiflung, die ich nicht stoppen konnte und die mir unablässig übers Gesicht liefen. Mein eigenes lautes Schluchzen, das durch die plötzlich leere Wohnung hallte. Ich wollte dir hinterherlaufen, aber alles was ich tun konnte, war auf das Sofa zu sinken und mir die Seele aus dem Leib zu flennen.

Ich war so unglaublich wütend auf dich. So verzweifelt. Verletzt. Traurig. Ich wollte mich mit dir schlagen. Ich wollte dich anbrüllen. Ich wollte mich in eine dunkle Ecke verkriechen und sterben.
Ich wollte dich in den Arm nehmen und ich wollte dass alles wieder gut wird.

Nach drei einsamen, in bedrückender Stille verheulten Stunden, wollte ich dich nur noch wiederhaben.

Dann klingelte es an der Tür.
Als ich öffnete, mit roten Augen und verheultem Gesicht - standest du vor mir. Schwer atmend, so als wärst du meilenweit gerannt und von Kopf bis Fuß klatschnass. Regen lief dir übers Gesicht, durch deine kostbaren Haare und hatte deine Klamotten in triefende Säcke verwandelt. Kleine Pfützen bildeten sich um dich herum.

"Ich hab ein Lied für dich geschrieben", war alles was du heraus brachtest. "Es tut mir so Leid ..."

Bevor du enden konntest, flog ich dir auch schon entgegen, mitten in deine offenen Arme.

Danach lagst du eine Woche lang mit Fieber im Bett, aber das war alles nicht wichtig, denn dafür hatte ich dich wenigstens wieder.

~*~*~*~*~*~

Wie versteinert sitze ich im Wagen und schon der erste Ton deiner einsamen Gitarre geht mir durch Mark und Bein. Ich bin ganz still, wie erstarrt und nur mein Herz wummert so stark, dass es beinah schmerzt. Ich habe solche Angst davor deine Stimme zu hören. Trotzdem kann ich das Radio nicht abschalten.

"I need to hear you say goodbye ..."

Klar und weich hallen die ersten Töne durch mein Auto. Ein einziger Lichtspot erhellt die dunkle Bühne ... Seine Augen sind geschlossen, der Kopf leicht zur Seite geneigt und das Gesicht hat einen konzentrierten Ausdruck. Vereinzelte Schreie im Hintergrund, aber bald ist alles andächtig still.

"... I don´t know why I hang around ..." So traurig und so ... unendlich schön ...

Du warst immer so unglaublich schön, wenn du gesungen hast.

~*~*~*~*~*~

Du bist immer schön gewesen. Seltsam so etwas über einen Jungen zu sagen, aber du warst es wirklich.
Ich erinnere mich noch, wie du an jenem Tag aus dem Haus gegangen bist. Du warst auf dem Weg ins Aufnahmestudio. Und bevor du gegangen bist, hast du die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, weil du einen Songtext vermisst hast, denn du unbedingt mitnehmen wolltest. Ich sehe dich immer noch vor mir, wie du durch alle Räume rennst, alles durchwühlst, alles durcheinander bringst, unter Schränke krabbelst, auf Tische steigst ... voller Energie und so unglaublich lebendig ...
Einmal wärst du fast hingefallen, als deine selbstgebaute Stuhlpyramide in sich zusammenkrachte, als du grade drauf standest. Zum Glück stand ich unten und hatte das schon längst kommen sehen. Du fielst mir direkt in die Arme.

Wir landeten beide unversehrt auf dem Boden.
Ich erinnere mich, wie du plötzlich rot wurdest, als du dich plötzlich auf mir liegend wieder fandest. Und irgendwie schien dich das wenigstens kurzfristig von dem verlorenen Lied abzulenken. Denn trotz der bewölkten Stimmung hast du aufgesehen, durch blonde Haarsträhnen, die dir in den Augen hingen durchgeblinzelt und mich schüchtern angegrinst.
Und bist einfach auf mir liegen geblieben. Text vergessen, Studio vergessen ... die ganze Welt mal kurz in den Gedanken angehalten ...

Dann habe ich dich geküsst.
Tausend heiße, sehnsüchtige Küsse zwischen Couch und zusammengekrachter Stuhlpyramide. Mitten auf dem Boden, über dir, unter dir, deine Hände auf mir und dein Atem auf meiner Haut.
Ich weiß heute noch nach welchem Shampoo deine Haare an diesem Tag gerochen haben ...
und wie weich deine Haut unter meinen Fingerspitzen war.

Ich habe es inzwischen gefunden, falls es dich interessiert ... Dein Lied.
Du hast es nicht mehr wieder gefunden damals. Du bist gegangen, ohne es mitzunehmen.
Ich frage mich heute noch manchmal ... was aus diesem Lied geworden wäre ... wenn du es nur jemals hättest singen können.

Ich kann dich immer noch vor mir sehen, wie du in der Tür noch einmal stehen bleibst, eine Hand auf dem Rahmen, mit den Füssen grade in die Schuhe geschlüpft, dich umdrehst und mich anlächelst. Sonnenstrahlen auf deinem Haar und dieses Lächeln für das ich hätte sterben können.

Das war das letzte Mal, dass ich dich gesehen habe.
Aber ich bin so froh ... dass du gelächelt hast ...

~*~*~*~*~*~

"You will soothe the pain within my eyes ... "

Meine Heizung geht langsam aus, als der Motor kalt wird, aber ich spüre nichts von der einbrechenden Kälte. Deine Stimme überflutet mein ganzes Auto, füllt alles aus, durchdringt es ... bis in den kleinsten Winkel. Du konntest ganze Konzertsäle mit dieser Stimme bis zur letzten Bank erfüllen ...
Deine Haare schimmern wie flüssiges Gold unter dem weichen Licht und endlich, endlich öffnest du die Augen. Weich und blau und unendlich tief. Deine Blicke schweifen unbewusst, sie suchen mich über die Menschenmassen hinweg, denn natürlich weißt du, dass ich da bin, denn ich bin immer da ...
Endlich siehst du mich und du lächelst. Traurig. Sehnsüchtig.
Niemand konnte mit so viel Gefühl singen wie du. Als ob du alles hineinlegen würdest ... deine ganze Seele.

"...and then you leave without a sound ..."

~*~*~*~*~*~

Ich habe dich immer aufgefangen, wenn du gefallen bist. Egal was passierte, ich war immer da.
Wieso ... wieso ... konnte ich dieses eine Mal nicht auch da sein und dich auffangen ... dieses eine Mal nur ... als der betrunkene Fahrer von der Strasse abkam und dein Fahrrad frontal erwischte.
Ich wünsche mir so ich wäre da gewesen ... und hätte dich auffangen können, als du gefallen bist ... und beschützen vor dem harten Asphalt und den Tonnen an Blech unter denen du begraben wurdest ... von den Automassen zwischen denen dein schmaler Körper zerquetscht wurde ... einfach auffangen und dich ganz sanft wieder absetzen ... sicher und behütet ... in meinen Armen ...

Als der Anruf von der Polizei kam ... da wusste ich schon Bescheid, noch bevor der Beamte seinen Namen zu Ende gesagt hatte.
Ich wusste es schon, als er nach meinem Namen fragte, in diesem amtlich korrekten, gedämpften Tonfall. Ich hörte mich bestätigen, obwohl ich plötzlich das Gefühl hatte keine Luft mehr zu kriegen. Als ob meine Hals zugeschnürt wäre.
Wir haben ihre Adresse bei einem Unfallopfer gefunden ... Krankenhaus ... lebensgefährlich verletzt ...
Oh Gott. Oh nein ... nein ... bitte ...

Alles andere ist verschwommen ... wie weggewischt ... ich spüre noch das Brennen in meiner Brust ... als ich durch tausend Krankenhausflure renne ...
Verschwommene Gesichter, gedämpfte Stimmen ... wo bist du? Wo bist du nur? Hast du Schmerzen? Halt durch ... Ich beschütze dich ... Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert ...
... ich liebe dich ...
ICH LIEBE DICH.

Ist hier ein blonder Junge eingeliefert worden? Er hat einen Unfall gehabt ...die Polizei hat mich angerufen ... wo ist er? Ich muss zu ihm!
Ishida, Yamato ... Wo ist er? Bitte, helfen sie mir! Ich suche ... Nein ... Bitte ... Es war ein Unfall ... er muss hier irgendwo sein ... kann ich mit einem Arzt sprechen? Intensivstation?
Wo ...? Nein, nicht verwandt ... bitte! Ich suche ... Helfen sie mir!! Wo ist denn ...? Ich will zu ihm ... bitte! Wo ist er? Wer ist hier der behandelnde Arzt?! Kann mir den niemand sagen ... Bitte!

Halt durch! Verlass mich nicht! Das darfst du nicht! Bitte! Geh nicht weg ... verlass mich nicht!!! Es ist alles so dunkel hier ... ich kann dich nicht sehen ... wo bist du nur? Bitte ... bitte ...verlass mich nicht ...!

~*~*~*~*~*~

"Show me your sign and I´m taking you home ..."

Nachhause ... ich wünschte, das könntest du wirklich ...
Deine Stimme klingt so warm, als ob du mich trösten willst, aber ich kann es nicht vergessen ... diesen Tag, an dem mein Leben auseinander gefallen ist.
Ich kann kaum glauben, dass ich immer noch hier bin, hier in meinem kleinen, klapprigen Auto. Die Kälte und die Dunkelheit - das ist alles so weit weg. Fortgewischt von deiner Wärme und deiner strahlenden, übermächtigen Präsenz.

"Give me the time to show ... how I have grown ..."

... es ist so schwer plötzlich ... all die einfachen, kleinen Dinge zu tun, die mein Körper sonst von alleine tut. Atmen. Denken. Mein Herz dazu zu bringen, dass es weiter schlägt und weiter ...

~*~*~*~*~*~

Nichts funktioniert mehr ohne dich. Ich bin damals gestorben. Durchgedreht. Wahnsinnig geworden.
Wochenlang war ich wie erstarrt. Alles war stehen geblieben, mein Leben hatte aufgehört sich zu drehen. Ich konnte es einfach nicht glauben. Es ging nicht, es ging einfach in meinen Kopf rein, dass du plötzlich nicht mehr da sein solltest ...

Ich kaufe dein Lieblingsessen ... und vergesse dabei, dass du es nie wieder essen wirst. Ich zeichne deine Fernsehsendungen auf und vergesse, dass du sie nicht sehen wirst ... Ich habe sogar deine Wäsche gewaschen, kannst du das glauben? Ich wette, du würdest lachen ... Jedes deiner Hemden liegt ordentlich gefaltet im Schrank und ich wundere mich, dass du sie nicht schon wie üblich nach einer halben Stunde überall im Haus verstreut hast ...

Das Telefon klingelt. Ich stehe von der Couch auf.

"Ich gehe schon", höre ich mich selbst sagen, und wundere mich dass meine Stimme so seltsam klingt. Fremd. Und wie aus weiter Ferne. "Das wird Yama sein. Bestimmt hat er etwas vergessen. Er vergisst immer irgendwas ..."

Mit einem Klirren fällt Karis Teetasse auf den Boden und zerspringt in tausend Stücke. Das laute Geräusch lässt mich erstarren und wie in Zeitlupe drehe ich mich zu ihr um. Ihre Augen sind riesengroß, weit aufgerissen und fast schwarz und sie starrt mich an mit einem Blick, den ich noch nie zuvor an meiner Schwester gesehen habe ...
Irgendwas stimmt nicht. Alles ist falsch. Ich merke wie mir plötzlich kalt wird.
Mit einem Schluchzen klammert sich sie an mich.

"Oh Gott ..." haucht sie, "oh Gott ...Taichi ..." sie kann kaum sprechen.

Ihre Knie werden weich und sie zieht mich mit sich auf ihrem Weg nach unten, ihre Arme immer noch wie Schraubstöcke um mich geschlungen, hält sie so fest, dass es mir fast die Luft nimmt. Schluchzer schütteln ihren schmalen Körper, während ich sie immer noch verständnislos anstarre. Ihre bebende Gestalt mit Gewalt an mich geklammert, knien wir beide auf dem kalten Boden.
Das Telefon klingelt und klingelt, immer lauter und lauter ... und ich spüre wie alles in mir taub wird ...

~*~*~*~*~*~

"You will let me fall back on my own", ertönt deine Stimme klar und hell aus meinem uralten Radio. "and where you were I´ll never know..."

Ich kann dich so deutlich vor mir sehen, als ob du hier wärst, und würdest leidenschaftlich vor mir durchs Wohnzimmer hüpfen und einen neuen Song vorführen. Ich war ja immer dein Testhörer für alle neuen Songs.

"Show me a sign and I´m taking you home...
Give me the time to show ... how I have grown ..."

Das Parkett im Wohnzimmer ist immer noch ganz abgenutzt an manchen Stellen ... da wo du auf Knie herum gerutscht bist und deine Gitarre bei fetzigen Songs malträtiert hast ...
Deine Haare flogen wie bei einem Rockstar, deine Augen fest geschlossen, konzentriert, mit geröteten Wangen und verschwitzt ... leidenschaftlich und begeistert.

Und so lebendig ... so verdammt lebendig ...

"There be´ll sun.
And all eyes fall from heaven now ..."

Auch hier und jetzt in einem uralten, verschrammten Autoradio, mit teilweise wackeliger, verzerrter Frequenz, kann ich deine Energie spüren, diesen überschäumenden Lebenswillen und das Licht, dass du immer verströmt hast. Er rieselt durch die antiken Lautsprecher wie Sonnenstrahlen und lässt sich nicht einsperren.

"See that I walk on. That way ..."

"Du fehlst mir so", höre ich mich flüstern. Es ist idiotisch so etwas seinem Autoradio zu erzählen.
Aber deine Stimme ist so warm ... und tröstlich. Ich möchte mich hineinfallen lasse in deine Wärme und alles an Licht in mich aufsaugen, was du hergibst. Die Welt ist so leer und einsam ohne dich ...
Ich. Ich bin so scheiß-einsam ohne dich, dass ich beinah daran ersticke ...

"So you´re sad I turn away ..."

Ich will nicht, dass du gehst ...

"To find out what I can be and so ..."

Ich möchte immer bei dir sein.

~*~*~*~*~*~

Blut.
Es tropfte auf meine Hose. Auf den Boden. In die Badewanne, auf den weißen Rand aus Porzellan ...
So rot ... und viel heller als ich erwartet hatte. Arterielles Blut. Was haben wir doch damals im Biologieunterricht gelernt über Arterien und Venen ...? Aber alle Erinnerungen an dich sind ja grau und verschwommen ... verschwunden ... aufgelöst ...
Bloß besteht mein Leben nur aus Erinnerungen an dich ... und so hat sich auch mein ganzes Leben aufgelöst.
Ob dein Blut auch so ausgesehen hat ...? Mein Blut ... dein Blut ... es ist egal ... wie war das mit den Blutsbrüdern ...?
Und wieso fallen mir jetzt so dumme Sachen ein?
Vielleicht weil mein Kopf und meine Augenlider schon so schwer werden ... wie Blei ... dabei fühl ich mich plötzlich so leicht. Gleich ... gleich bin ich bei dir ...
Ich will für immer bei dir sein ... wenn ich aufwache und wenn ich einschlafe ... sonst macht mein ganzes Leben doch keinen Sinn mehr ... wenn es nur nicht so wehtäte ... wehtäte, wenn ich atme ... in jeder Sekunde meines Daseins ...
Es muss schneller laufen ... bitte ... wieso tropft es denn nur so langsam? Ich will dieses Leben nicht mehr ... wenn es ohne dich ist ...

"Taichi!!!" hämmern an der Tür ... Hämmern in meinem Kopf ... Gut, dass ich abgeschlossen habe.

"Taichi, mach die Tür auf!!! Bitte!!"

Wie kommen denn Tk und Kari hierher? Und wieso ...?
Ach ja ... ich habe einen Abschiedsbrief hinterlassen ... ziemlich dumm das zu tun, wenn man noch am Leben ist ... aber andererseits wann sonst?

"TAICHII!! BITTE!!!"

Wunderschön ... dieses leichte Gefühl ... als ob ich schweben würde ... zum ersten Mal tut es nicht mehr so weh ... vielleicht weil ich dir schon so nah bin ... mir ist schon ganz schwindelig ... gleich, Yama ... gleich bin ich bei dir ... ich will endlich ... endlich ...wieder ... bei dir sein ... dich wieder spüren können ... deine Stimme hören ...

"Das ist so FEIGE!!!!" Tk. Und er brüllt. Er brüllt so laut, dass es mir sogar durch die geschlossene Tür in den Ohren schmerzt. "Du elender gottverdammter Feigling!!!! Wie kannst du das tun?! Er hat dich für deinen Mut bewundert, hörst du?!?! Er hat dich bewundert!!" Schluchzen, dass immer lauter wird und seine Stimme zum wackeln bringt.
Trotzdem brüllt er weiter. "Er hätte das nicht gewollt ... er hätte dich dafür verprügelt ...!!"

Durch den ganzen schweren, grauen Nebel, der mich umfängt und das Hämmern in meinem Kopf, dass durch das an der Tür nur verstärkt wird, dringt eine einzige bittere Erkenntnis ...

Tk hat Recht. Scheiße, er hat Recht.

Du würdest mich verprügeln, wenn du mich so sehen könntest. Du hast mich schon einmal im richtigen Moment geschlagen, als ich mutlos war und aufgeben wollte ... und mir so den Kopf wieder zurechtgerückt ... mich wieder zur Vernunft gebracht ...
Du würdest es nicht wollen ... dass ich hier liege und aufgebe ... so feige ...O verdammt!! Verdammt, verdammt!! Ich hätte am liebsten geschrieen. Wieso musstest du das sagen, Tk?? Jetzt tut es wieder weh ... jetzt kann ich ihn wieder vor mir sehen ... hören, was er zu mir sagen würde ... jetzt tut es wieder so weh ...
Verdammt. Verdammt!! VERDAMMT!!!!!!!

~*~*~*~*~*~

"All theses colours that shine within my soul ... And all I am you´ll never know ..."

Ich bin nicht gestorben damals.

Ich habe die Tür geöffnet und mein Leben wieder herein gelassen. Ich habe Kari versprochen, es nicht mehr zu versuchen. Und ich halte meine Versprechen.
Aber ich weiß bis heute nicht, ob ich das bereue, oder nicht.

"I see the signs and I´m taking you home ...
And I have the time to show how I have grown." Hell und strahlend ist deine Stimme an
dieser Stelle ... ich weiß, dass du dableiben möchtest ... so hoffnungsvoll ...

"Something is real here ...

Something is real here and it´s real there.

It´s real here ..."

Du streckst die Hand nach mir aus ... und ich möchte sie so gerne festhalten. Ich weiß, dass du nicht gehen willst. Dass du immer bei mir bleiben wolltest.
Aber du bist nicht fort, weißt du das nicht? Du bist niemals wirklich fort ... nicht für mich ... niemals für mich ...
Und das ist wirklich ... dass du bei mir bist. Dass du niemals fort bist. Denn wie kannst du fort sein ... wenn ich dich noch so sehr bei mir spüren kann?

"Something´s habit and some things ... happen ..."

Das letzte Wort ist ein einziges, beinah schon zärtliches Hauchen, dein Mund weich geöffnet, ganz dicht a Mikro ... und für einen schier endlosen Moment hältst du den Ton, lässt ihn durch die klirrend kalte Winterluft schwingen, alles ausfüllen und durchdringen ... und ihn schließlich unendlich sanft und behutsam wieder ausklingen.
Und mit dem letzten Ton, der verklingt in der Dunkelheit, gehen auch die Scheinwerfer wieder aus ... und ich kann dich nicht mehr sehen.

Dann ist alles still. Es ist wieder dunkel und ich kann die Kälte wieder spüren.
Und ich bin wieder allein in meinem Auto.


^fin^