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Dangelemon Teil 0 - 4


~Prolog~

‚Piiiiiieeeep.’

Mit einem kleinen Blinzeln öffnete sich unter höchsten Anstrengungen eines von Andis Augenlidern, um auf die Anzeige des neben seinem Bett stehenden Weckers zu schauen. Lächerlich. Wollte ihm dieses nervende Viech da etwa gerade weismachen, dass es gerade mal 6 Uhr morgens war? Lachhaft. Da stand er drüber.

Immer noch nur unter einem seiner Lider hervorlugend, wurde mit unsicherer und tastender Hand nach dem Aus-Knopf an diesem Scheißding gesucht und, wie jeden Morgen, nicht gefunden.

Also gut. Alt bekannte Tour. Ignorieren war angesagt. Mit einem grummelnden Schniefen wurde sich wieder tief in die Weiten des Bettes verkrochen und eine dicke Wolldecke bis über beide Ohren gezogen. Doch auch hier verlief alles wie immer. Natürlich war es nicht möglich dieses piepsende Etwas lange Zeit über zu ignorieren, ohne den restlichen Tag mit Kopfschmerzen verbringen zu müssen.

Aber um es abschalten zu können, hätte man sich ja rühren und aus dem Bett bewegen müssen und dazu hatte Andi nun überhaupt keine Lust. Dann doch lieber Kopfschmerzen. Zumindest erschien diese Aussicht verlockender, als sich von dieser miesen kleinen Erfindung schon so früh am Morgen aus seinem geliebten großen Bett vertreiben zu lassen. Ha! Wäre ja noch schöner.

Leider war das Viech genauso mitleidslos wie jedes andere dieser lästigen Nervtöter. Nach beinahe fünf Minuten anhaltenden Langzeit - Piepens, ging das Ding in die Offensive.

‚Piep Piep Piep Piep Piep Piep Piep Piep Piep Piep’

Scheiße. Nicht auch noch das. Jetzt musste etwas geschehen. Entweder der piepsende Apparat neben ihm oder er, ein verschlafener junger Mann von stolzen 19 Jahren. Es konnte nur einen geben. Und nach einem heftigen Schlag auf den Wecker war klar, wer diesen so gigantischen Kampf am frühen Morgen gewonnen hatte.

Mit einem zufriedenen Seufzen ließ Andi sich wieder zurück in das weiche Bett fallen und schlief nun endlich, umgeben von wunderbarer Stille, seinen gerechten Schlaf weiter.

Ungefähr so lange, bis ein weit hallendes: ‚Falla-la–la–la - Falla–la-la’ in der kleinen Wohnung erklang und ihn abermals aus seinen süßen Träumen riss.

Oh diese Welt war ja so ungerecht!

Und wieder ertönte es: ‚ Falla-la–la–la - Falla–la-la’

Verdammt! Wer zum Teufel hatte diese bescheuerte Melodie für eine Türklingel bei ihm installiert? Das war ja nicht auszuhalten! Er hasste diese Melodie. Sie hatten Sommer bei Gott und der gesamten Hölle noch mal! Sommer! Nicht Winter. *grummel*

Doch es brachte alles nichts. Denn gegen diese Klingel konnte man nicht ankämpfen. Immerhin befand sich der Klingelknopf und somit auch die dazugehörige Anlage außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite und deswegen musste sich wohl oder übel mühsam aus den warmen Gefilden seines Schlafgemachs geschält werden. Mit kleinen tapsenden Schritten wurde, verschlafen wie er war, zur Tür gewankt und diese dann mutwillig aufgerissen. Komme was da wolle.



Und es kam. In Form von Christoph. Seines Zeichens einer der hundert Freunde von Andi.

„Hallo du Murmeltier! Schluss mit Winterschlaf! Die Sonne lacht am Himmel und der Mond ist auch schon unten. Los. Hopp hopp. Anziehen. Wir warten nicht ewig auf dich.“

*gähn* „Wir?“

In einer recht langsamen Bewegung wurde einer der beiden langen Arme zu den leicht geröteten Augen geführt, um sich erst einmal den Schlaf hinaus zu wischen. Erst dann realisierte Andi ganz langsam, als hätte er zähen Treibsand im Gehirn, folgende Dinge:

Christoph stand vor seiner Tür.

Er kam immer montags um diese Zeit.

Montags hatte er Lehrgänge an der Uni.

Folglich: Heute war Montag. *heul*

Also auf gut Deutsch: Er hatte, mal wieder, verpennt.

Gut. Nachdem man das geklärt hatte kam sein Gehirn nicht umhin auch noch einige andere Kleinigkeiten zu bemerken. So auch, dass sich hinter Christoph ein guter Teil seiner Clique befand, die offensichtlich gerade dabei war, ihn in seinen Micky – Mouse Unterhosen und einem einfachen weißen Hemd zu bewundern. Nicht zu vergessen seine verzottelte schwarze Mähne, die ihm normalerweise bis zwischen die Schulterblätter ging, nun aber zur Hälfte irgendwo im Gesicht herum hing.

„Na? Endlich am Wach werden?“

Grummelnd sah Andi in die beinahe schadenfreudig anmutende Visage seines besten Freundes, welcher mit einem Grinsen im Gesicht und übelst guter Laune zu ihm aufsah. Immerhin maß Andi ganze 1,92 m. Und Christoph war ganze 15 Zentimeter kleiner als er.

‚Tja, ich bin ihm halt haushoch überlegen’, dachte Andi mit einem gut versteckten Grinsen.

Immerhin wollte man ja nicht sein Image eines Miesmachers zerstören, nicht wahr?

Dennoch kam er nicht umhin, die für ihn momentan wichtigste Frage zu stellen:

„Sagt mal … Warum müsst ihr mich eigentlich jeden Montag, mitten in der Nacht und immer alle zusammen überfallen? Das sieht jedes Mal aus, als würde ich eine Party schmeißen.“

Erika meldete sich aus dem Hintergrund zu Wort. Nicht dass Andi sie sehen würde unter all den Massen, aber mittlerweile war er wach genug, um ihre Stimme deutlich zu identifizieren.

„Tja. Du bist halt unwiderstehlich wenn du so vertrottelt und verschlafen in der Tür stehst und uns alle so süß anblinzelst. Dafür würde manch ein Mädel oder Junge einiges an Geld hinblättern um das zu erleben.“

„Genau“, kam sofort die Bestätigung seitens Jan, einem aufgeweckten orangehaarigem Jungen, welcher kurz hinter Christoph stand. „Und da jeder von uns diesen Anblick einmal genießen will, müssen wir halten jeden Montag nen anderen Teil von uns vor deine Tür stellen. Sonst kämen wir ja gar nicht in den Genuss deines geilen Körpers!“

„Jau“, ließ Amy aus dem Hintergrund vermerken.

„Jep. Wo er Recht hat, hat er Recht!“, konnte sich auch Tim seinen Kommentar nicht verkneifen.

Mit einem leichten verdächtigen Zucken seines rechten Mundwinkels maß Andi seine Kumpels mit einem kopf schüttelnden Blick.

Mit einem Funkeln in den Augen streckte er dann seine Arme in die Höhe und reckte sich einmal ausführlich nach allen Seiten, während er im Geheimen die Gesichter der anderen studierte. Ja! Das war er. Genau in dem Moment, in welchem mehr als die Hälfte der Anwesenden damit beschäftigt war, ihren morgendlichen Speichel bei sich zu behalten bzw. ein wahrscheinlich länger anhaltendes Nasenbluten zu verhindern, schnappte sich Andi Christoph bei der Hand, zog ihn hinein in seine Wohnung und knallte den anderen mit den Worten:

„Sabberfritzen und Nasenbluter warten draußen!“

die Tür vor der Nase zu.

Christoph ging indes den kleinen Flur entlang, um sich dann, im angrenzenden Wohnzimmer angekommen, gemütlich auf die schwarze Ledercouch zu pflanzen.

Mit einem Kopfschütteln und einem befriedigtem Zug auf den Lippen, folgte ihm Andi wenige Minuten später auf Strümpfen und sah sich dann im nächst gelegenem Schrank nach etwas Vernünftigen zum Anziehen um.

„Der Trick funktioniert auch jedes Mal“, meinte Chris mit einem Lachen auf den Lippen.

Schultern zuckend durchstöberte Andi seine meist dunklen Klamotten nach etwas Gewaschenem. Naserümpfend flogen alle dreckigen Klamotten schnurstracks über seinen Rücken und sammelten sich so recht schnell zu einem Hügel an.

„Ich weiß. Ist halt mein persönlicher Trick 17. Warum das funktioniert ist mir allerdings bis heute ein Rätsel.“

„Ooooch… Ich hätte da nen Vorschlag. Könnte doch sein dass es einfach funktioniert weil du a) verdammt sexy aussiehst und b) die Hälfte unserer Clique schwul ist. Was dir bei deinem Aussehen

schon mal hundert Punkte von der männlichen Seite aus einbringt und die Weiber bei uns, … die sind in nem Alter wo sie eh auf alles abfahren was ein gutes Stück in der Mitte zu baumeln hat und auf zwei Beinen steht.“

Nun musste Andi doch lachen, während er nebenbei das weiße Hemd aus- und ein schwarzes Hemd anzog.

„Lass das die Mädels bloß nicht hören. Erika würde dir dafür die Augen auskratzen.“

„Ach ja?“ Gespielt gelangweilt besah Chris sich seine Fingernägel.

„Wo ist denn nur…?“

Leise vor sich hin murmelnd schlich Andi derweil durch seine Wohnung.

„Was suchst du?“

„Na meine schwarze Hose! Teufel verdamm mich noch mal, wo ist die denn?“



Schmunzelnd sah Chris seinem besten Kumpel bei der obligatorischen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen zu. Immerhin konnte man diese Behausung – der Name Wohnung war übertrieben – nicht wirklich als ordentlich bezeichnen. Hier und da konnte man immer mal wieder einem kleineren ausgelöffelten Becher mit irgendeinem Inhalt aus der Steinzeit über den Weg laufen. Dann wiederum gab es da diese kleinen Hügellandschaften aus Klamotten, die hinter oder unter diversen Möbelstücken hervorlugten. An besonders guten Tagen sah man sogar mal ein gutes Buch oder eine CD an sich vorbei schwimmen, ehe es wieder im Chaos des Andreas Noir untertauchte. Tjaja. Und ab und zu fand man sogar mal das, was man eigentlich suchte. Ja wirklich!

Bei diesen Gedankengängen fing Chris unwillkürlich ein altbekanntes Lied an zu summen.

‚Wunder gibt es immer wieder, heute oder mor~gen können sie geschehn’ ’

Und tatsächlich! Es gab sie noch. Die Wunder. Denn just in diesem Moment erklang eine zufriedene Stimme aus dem angrenzenden Schlafzimmer, welche besagte, dass der junge Mann sein gutes Stück (die Hose, nicht das was ihr denkt – ts ts ts) wieder gefunden hatte.

Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob sich der braunhaarige Junge von seiner Sitzgelegenheit und steuerte dem einzigen Zimmer entgegen, welches seltsamerweise immer einigermaßen aufgeräumt war. Hier entdeckte Chris auch Andi wieder, welcher gerade dabei war, sich in das Fundstück von eben, einer schwarzen Jeans, zu zwängen. Nicht, dass Andi dick gewesen wäre. Im Gegenteil! Er war sehr muskulös, allerdings nicht wie einer dieser Trainigs-Futzis, sondern auf eine sehr ansehnliche Art. An ihm schien wirklich kein Gramm Fett zu viel zu sein. Allerdings war die Hose nicht gerade die Neueste und man konnte es glauben oder nicht: Der Kerl schien immer noch im Wachstum zu sein!

Bewundernd besah Chris sich den Körper seines Freundes, welcher ihn, auch wenn er nicht schwul war, immer wieder faszinierte. Um die breiten Schultern von Andi spannte sich mittlerweile – wie könnte es auch anders sein – ein schwarzes Shirt und verdeckte somit seine zuvor benannten wunderbar ausgeprägten Muskeln. Seine Beine waren ziemlich lang und wirkten fast wie die eines Sprinters. Nicht so dünn aber doch genauso kräftig. Nur leider wurde ihm nun auch noch der Blick darauf versperrt, denn mittlerweile hatte sich die bewunderte Person in diese eng anliegende schwarze Jeans stecken können, welche am linken Knie und am rechten Oberschenkel bereits eingerissen war.

Mit einem kleinen Seufzer musste sich der gleichaltrige junge Mann also anderen Bereichen seines Gegenübers zuwenden.

Denn es war ja nicht nur seine Figur, welche viele Frauen an ihrer Uni reihenweise umhaute. Nein. Auch dieses Gesicht ließ Frauen und schwule Männer gleichermaßen dahin schmelzen. Na ja. Zumindest die schwulen Männer aus ihrer Clique.

Schließlich gab es neben den langen schwarzen Haaren, welche gerade zu einem schnellen einfachen Zopf zurück gebunden wurden, ja auch noch diese Augen. Sie waren Bernstein – Farben. Weder grün, noch braun noch grau. Sie zeigten sich je nach Stimmung des jungen Mannes anders. Und wenn er wütend wurde, das wusste er aus eigener leidvoller Erfahrung, dann wurden sie tief schwarz. Eigentlich kein schöner Anblick, dennoch barg es eine merkwürdige Faszination in sich. Das Seltsame war jedoch, dass seine Gesichtszüge trotz seines großen Körperbaus eher fein und abgerundet anstatt grob und kantig wirkten.

„Tja. Du bist schon ein komischer Typ“, stellte Christoph für sich fest.

„Wie bitte? Was heißt hier komisch?“

Sofort hatte Chris die volle Aufmerksamkeit von seinem Kumpel.

„Ach nichts. Hab bloß grad mal wieder deinen klasse Körperbau bewundert!“

„Tz. Bei mir gibt’s nichts zu bewundern. Bin nur n’ bisschen größer als normal und hab n’ bisschen dunklere Haare. Sonst wüsste ich nicht was bei mir so bemerkenswert wäre.“

Gekonnt umschlang Andi sein rechtes Handgelenk mehrmals mit einem schwarzen, breiten Lederband und verknotete die Enden dann geschickt miteinander.

„Warum musst du dieses Band eigentlich dauernd tragen?“, erkundigte Chris sich fragend.

Außer einem Schulternzucken bekam er jedoch keine Antwort.

Derweil hatte Chris den zuvor so schmählich verstoßenen Wecker entdeckt und machte sich nun netter Weise daran die Einzelteile zusammenzusuchen. Mit einem resignierten Schnauben auf den Lippen sah Christoph zu seinem Kumpel auf.

„Dein fünfter?“

„Nee. Schon mein sechster in diesem Monat.“

„Darf ich dir mal sagen dass du der Einzige bist, den ich kenne, der in einem Monat mehr Wecker zerdeppert als ein anderer in seinem ganzen Leben?“

„Darfst du, ist aber trotzdem unerwünscht.“

Und mit diesen Worten und einem letzten Blick auf seine Armbanduhr schnappte sich Andi seinen geliebten schwarzen Ledermantel, den er im Winter wie im Sommer mit sich herum schleppte, von einem nahe gelegenen Haken, schlüpfte noch schnell in seine Springerstiefel, griff nach dem schwarzen Motorradhelm und seiner Tasche und sah dann abwartend auf Chris hinunter.

„Was ist? Wie lange willst du die anderen denn noch warten lassen? Lahme Schnecke.“

Und schon wurde das grimmigste und beste Miesmachergesicht hervorgezaubert und Andi war wieder endgültig er selbst.

„Die Anderen haben echt Recht. Wenn ich dich nicht jeden Morgen so verschlafen erleben würde, würde ich glatt weg behaupten dass du nur dieses eine Gesicht parat hast.“

Gekonnt wich Chris dem folgenden spielerischen und auf seinen Kopf gezielten Schlag aus und gemeinsam wurde teils fröhlich teils mies gelaunt zur Tür gestapft, wo der Rest der Meute geduldig auf die Nachzügler wartete.

In Windeseile schloss Andi noch schnell seine Wohnung ab denn immerhin hatte er keine Lust dass irgendein Arsch von einem Dieb sich über sein weniges Hab und Gut hermachte. Sicher, er hatte nicht viel aber das was er hatte, das wollte er wenigstens behalten. Dann aber war es endlich so weit. Er lechzte förmlich danach sich auf seine schwarze Suzuki zu setzen und über die Straßen Richtung Uni zu düsen. Nicht etwa, dass ihn die Uni auch nur im Entferntesten reizen könnte. Weiß Gott nein! Aber wenn er auf seinem Motorrad saß fühlte er sich einfach unglaublich gut und was noch wichtiger war: Er fühlte sich frei.

„Nun komm schon Andi, oder willste heute noch Wurzeln schlagen?!“ erschall ein ungeduldiger Ruf aus Richtung der Anderen.

„Ja, ja. Der Schiller macht uns schon nicht fertig nur wenn wir einmal zu spät kommen.“

Prompt meldete sich Tim zu Wort. Nicht dass er ein Streber war aber…

„Ich will aber nicht schon wieder zu spät kommen. Da verpasst man zu viel vom Stoff und ich brauch den Krempel nun mal, also mach hinne!“

…ok, er war ein Streber, aber ansonsten ein ganz netter Kerl. Wenn der Typ nur nicht ständig Recht behalten würde! Von den anderen unbemerkt knurrte Andi leise vor sich hin während er sich auf seine Suzuki schwang und seinen Helm aufsetzte. Derweil machten sich auch die anderen bereit. Aus allen Richtungen konnte man das leise Aufheulen beziehungsweise angehen eines Motors vernehmen. Immerhin konnte man ihre Clique schon fast als Motorrad – Gang bezeichnen. Fast jeder von ihnen fuhr so ein mehr oder weniger geiles Teil und mindestens die Hälfte von Ihnen hatte schon mal einen Unfall damit gehabt. Doch trotzdem die anderen Räder auch nicht übel waren musste ein jeder in dieser Clique sich eingestehen, dass Andi die bei Weitem beste Maschine von ihnen allen fuhr.

„Los Leute! Auf zu einer neuen Runde voller Spielen, Spaß und ätzendem Unterrichtsstoff! Yahooo!!!“

Jep. Stefan war einer der verrücktesten und vor allem überdrehtesten von ihnen allen. Er kam gleich nach Tanja, von allen nur Tanni gerufen, die es schon fertig gebracht hatte aus lauter Spaß an der Freude einen Streit mit einer Gang anzufangen, die hier in der Gegend sozusagen berüchtigt war. Trotz ihrer Sorglosigkeit konnte man ihr nur zu ihrem Glück gratulieren. Immerhin hatte sie damals so viel Schwein gehabt dass Andi in ihrer Nähe gewesen war und sie raus gehauen hatte. Doch das waren alte Geschichten…

„Nun mach schon Andi. Ich persönlich bin ja nicht so scharf auf diese bescheuerten Stunden heute Vormittag, aber ich muss sagen gänzlich zu fehlen ist auch nicht gerade so toll“, mischte sich Chris ein.

„Ist ja schon gut“, schnauzte Andi zurück während er in seine Manteltasche griff um den Zündschlüssel hinaus zu holen. Das war es zumindest was er vor gehabt hatte. Andi stutzte. Noch einmal wurde die Hand in die Tasche geführt … und abermals hing kein süßer kleiner Zündschlüssel an dieser. Scheiße aber auch! Durch das ganze Gedrängel seiner Kumpels hatte er doch glatt diesen Schlüssel liegen gelassen.

„Hey Leute … fahrt doch schon mal vor, ok?“

„Was? Wieso? Warum?“ kam es aus allen Richtungen.

„Hab’ meinen Schlüssel liegen lassen. Wie gesagt fahrt schon mal vor, wir sehen uns dann dort.“

Ein allgemeines Stöhnen und Protestieren erklang. Auch einiges Gelächter war zu hören doch letztlich sahen auch sie ein, dass es besser für sie war, wenn sie schon jetzt abdampften, denn niemand von ihnen wollte wirklich zu spät zu seinen Kursen kommen.




Teil 1



Also sprintete Andi, nachdem sich alle bei ihm mit einem Aufheulen des Motors verabschiedet hatten, noch einmal hinauf in seine Wohnung, um sich dort den Zündschlüssel von der Küchentheke zu schnappen und dann wieder im Eiltempo hinunter zu wetzen. Siegessicher steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn … wartete kurz … und drehte noch mal.

Oh nein!

„Scheiße ich hab doch nicht etwa auch noch vergessen zu tanken? Na ganz klasse! Besser kann es ja heute gar nicht mehr kommen. Verdammt noch mal. Muss so etwas eigentlich immer mir passieren?!“

Wütend trat er dann gegen sein Motorrad nur um es dann gleich darauf zu bereuen und den Lack auf Kratzer zu untersuchen. Seine Suzuki war immerhin sein ganzer Stolz! Gnade wer auch immer dem, der es jemals wagen würde diese Maschine auch nur schief anzusehen, geschweige denn sie zu benutzen! Dennoch musste er sich der schwerwiegenden Tatsache stellen, dass er dieses Schmuckstück wohl erstmal bis zur nächsten Tankstelle würde schieben müssen.

„Scheiße! Mist! Fuck! Verdammt noch mal! …“

Doch alles Fluchen half nichts. Mit einem Seufzen auf den Lippen setzte er sich und seine Suzuki in Bewegung und steuerte auf die nächste Tankstelle in Richtung seiner Uni zu.



Etwa 10 Minuten später war es dann endlich so weit! Er hatte getankt. Bei Gott und allen himmlischen Heerscharen was war er glücklich. Verspätet und unpünktlich, aber glücklich.

„Halt. Einen Augenblick mal!“

Prüfend glitt sein Blick zu der großen Uhr im Inneren der Tankstelle, wo er gerade dabei war zu bezahlen. Er war ja noch gar nicht sooo unpünktlich. Wenn er sich ranhielt konnte er es vielleicht sogar noch schaffen die anderen einzuholen und einigermaßen pünktlich einzutrudeln. Allerdings nur wenn er ein paar der Schleichwege und Abkürzungen nutzte, die mit Sicherheit nicht für Motorräder geschaffen waren. Aber hey! Er war jung und unberechenbar.

Schnell steckte er das Wechselgeld ein und ging so schnell er konnte, ohne dass man seinen Gang als Rennen missverstehen konnte, in Richtung seines Lieblings und startete nach Aufsetzen des Helmes voll durch.

Oh wie gut war es endlich wieder dieses feurige Vibrieren unter seinem Körper zu spüren und dieses tiefe Brummen des heißlaufenden Motors zu vernehmen. Schimmernd brach sich das Licht der Sonne auf der pechschwarzen Verkleidung seiner Suzuki während er sich auf den Weg in Richtung Uni begab, welche von hier aus nur noch 20 Minuten entfernt war. Nun ja … 20 Minuten wenn man die normalen Wege nutzte. Er allerdings wollte schließlich pünktlich kommen!



Ungefähr 17 schwer erschrockene arme Fußgänger, 5 verhältnismäßig entgeisterte Radfahrer, 8 jaulende Köter, 3 schreiende Katzen und eine halbtote Taube später fuhr er auf den Parkplatz der Uni siegreich und kurz hinter den gerade eintrudelnden Leuten seiner Clique ein. Nicht zu vergessen waren allerdings auch die 4 Streifenhörn… Entschuldigung bitte. Irrtum vom Amt. Gemeint sind selbst verständlich die Streifenpolizisten, mit denen er sich in einem verkehrsberuhigtem Bereich ein kleines Rennen geliefert und gewonnen hatte. Was konnte er auch dafür wenn die so pingelig waren und ihm die 3 überfahrenen roten Ampeln und die ums fast Doppelte überschrittene Geschwindigkeit, die man sonst auf Fußgängerwegen lief, so verdammt übel nahmen. Er war nun mal in Eile gewesen, was konnte er denn dafür, bitte schön?! Sollten die mal noch mal zur Uni kommen und in Gefahr sein zu spät zu kommen. Dann konnten sie immer noch kommen und sich beschweren!

Nun aber war er vollauf zufrieden sein Motorrad zu sichern und im Bunde seiner stetig wachsenden Clique, welche ihn teilweise als eine Art Anführer oder zumindest Ehrenmitglied anzusehen schien, in Richtung des Eingangstores der Uni zu stapfen. Schon von Weiten jedoch bemerkte das gute Dutzend an Leuten und dass sich vor besagtem Tor etwas sehr Merkwürdiges abspielte.

Dennoch ging Andi geruhsam weiter, denn er hatte schließlich keinen Gefängnisaufenthalt und ein Gespräch mit den netten Polizisten von nebenan riskiert, nur um jetzt doch noch zu spät in seinem Hörsaal aufzukreuzen. Das wäre ja noch schöner!

Am Ort des Geschehens und zugleich am einzigen Ort an dem man das Gebäude legal betreten konnte angekommen, maß Andi die Situation mit einigen schnellen Blicken.

Eine Person mit einem recht merkwürdigen Geschmack für Hairstyling schien im Mittelpunkt des ganzen zu stehen. Alle weiteren aktiv handelnden Personen waren ihm mehr oder weniger bekannt. Es handelte sich um eine der Schlägergruppen an dieser Schule. Die legten sich mit jedem an, wenn sie auch nur einen winzigen Grund fanden. Und sei es nur so ein einfacher Grund wie das Auftauchen eines neuen Gesichtes an dieser Uni.

So ziemlich jeder hier hielt von Anfang an Abstand zu den Mitgliedern dieser merkwürdigen Truppe. Selbst die Neuen spürten meist von Anfang an, dass man denen gegenüber lieber nichts Falsches sagen oder tun sollte. Anscheinend jedoch gab es da ein paar Dummköpfe, die kein so feines Gespür für ihre Umgebung hatten und sich dennoch mit ihnen anlegten.

Wie zum Beispiel dieses kleine Kerlchen, welches da vor ihm gerade dabei war mit den benannten Typen eine Prügelei auszutragen und das genau vor dem Eingang dieses Gebäudes! Seinem Eingang, um genau zu sein. Obwohl seine Laune gerade dabei war auf den Nullpunkt und noch tiefer zu sinken, kam er nicht umhin sich diese unbekannte Gestalt einmal genauer zu besehen.

Der Junge, falls es sich wirklich um ein menschliches Wesen handeln sollte, hatte schwarze lange Haare, welche nach unten hin in weiße Spitzen ausliefen. Zur Krönung blitzte auch noch eine rote Strähne auf, welche einen perfekten Kontrast zum schwarzen Teil der Haare bildete. Das Gesicht konnte er leider nicht weiter erkennen, da entsprechende Person gerade dabei war mit einigen mehr oder weniger gezielt erscheinenden Schlägen in Richtung des momentanen Gegners, dessen Gesicht ein wenig zu verschönern. Dabei drehte sich die halbe Person mit dem Rücken zu ihm, so dass er einen guten Ausblick auf den recht süßen Hintern und den zierlichen Körperbau des Jungen haben konnte. Die Kleidung des Jungen war an sich nicht weiter auffällig. Verwaschene Jeans schmiegten sich eng an die langen Beine, ein paar ausgelatschte Turnschuhe bekleideten die Füße und sein Oberkörper wurde von einem einfachen Sweatshirt bedeckt. Nichts Besonderes.

Warum also konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses kleine Persönchen etwas an sich hatte, das ihn, Andi, auf ihn aufmerksam machte?

Wieder holte der Kleine aus und traf den Kerl, der sich gerade mit ihm angelegt hatte, direkt in die Magengrube. Taumelnd lief dieser noch ein paar Schritte und brach dann ziemlich genau vor den Füßen Andis zusammen. Obwohl zusammenbrechen wohl die falsche Beschreibung ist, da er sich eher auf seine paar Buchstaben fallen ließ.

Missmutig riss Andi seinen Blick von der noch immer ringenden Gestalt los und sah hinunter auf dieses klitzekleine Individuum, welches gerade versuchte, seinen Tag endgültig zu versauen.

„Was. Soll. Das. Werden. Wenn. Es. Fertig. Ist?????“ stieß Andi zwischen den Zähnen hervor während er mit hochgezogener Augenbraue auf den gleichaltrigen jungen Mann nieder sah. Dieser hatte ihn anscheinend erst jetzt bemerkt denn ganz langsam wurde der Kopf des Mannes, Andi glaubte sich zu erinnern dass der Kerl Toni oder so hieß, gehoben um ihn dann wenig später mit erschrockenen Augen anzusehen.



„A…A…A…A…Andi… “, kam es stotternd von Toni.

„Jaaaaaaa…“, antwortete Andi gedehnt.

„Wir…ähm…ich meinte ich…ich wollte nicht…dass…dass…“, fuhr Toni leicht durcheinander fort.



Andi war eine, wenn nicht die einzige Person an dieser Schule, vor der selbst die Schläger Angst hatten. Zumindest wenn dieser schlecht gelaunt war. Und anscheinend war dieser schlecht gelaunt. Nur zu gut konnte sich Toni noch an die erste Begegnung mit Andi zurückerinnern. Das war der Tag gewesen, an dem Andi zum ersten Mal zur Uni gekommen war und zugleich der Tag, an dem zum ersten Mal die Schläger und nicht ihr Opfer hinterher grün und blau geschlagen waren. Unnötig zu bemerken, dass genannte Schläger eindeutig in der Überzahl gewesen waren. Und nun stand er, Toni, diesem Typen relativ allein gegenüber. Scheiße aber auch! Dabei hatten sie doch bloß dem komischen Neuen ein wenig Respekt einbläuen wollen, nachdem der ihnen so blöd gekommen war. Innerlich hätte Toni, wäre er nicht ein waschechter Indianer gewesen, geheult. Aber wie gesagt: Indianer kennen keinen Schmerz und somit ließ er das dann doch lieber bleiben.



„Klappe halten.“

Gefährlich zuckten einige winzige Muskeln in Andis Gesicht, als er diese wenigen Worte zischte. Er mochte solch ein Gestotter nicht. Es kostete ihn unnötige Nerven. Nerven, die er heute noch brauchen würde. Schweigend sah er mit vor der Brust verschränkten Armen dem Schauspiel vor seiner Nase noch ein wenig zu. Derweil regte sich die Gestalt vor ihm ganz leise und rutschte Stück für Stück von Andi weg. Dieser bemerkte die Bewegung aus dem Augenwinkel und zog den Kerl ohne größere Mühe an seinen Kragen wieder zu sich hin und wieder direkt vor seine Füße.

„Wage es nicht dich weg zu bewegen.“

Ruhig und doch mit einer unmissverständlichen Drohung in den Augen, sah Andi kurz auf das kleine Stückchen Mensch vor sich hinunter. Toni nickte schnell und versicherte, immer noch stotternd, dass er gewiss nicht einen Schritt mehr vor den anderen setzen würde. Mit einem kleinen Knurren ließ Andi seinen Kragen los, so dass Toni wieder atmen konnte und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Treiben vor sich. Seit seiner Ankunft waren nicht mehr als zwei lächerliche Minuten vergangen und doch war es mehr als genug Zeit gewesen, damit der Gegner dieses so schwach wirkenden Jungen ein grünes geschwollenes Auge und eine knallrote Backe hatte. Anscheinend war der Kleine wirklich stärker als er aussah denn just in diesem Augenblick trat er einem Angreifer hinter sich schmerzhaft in die Magengrube, so dass Angegriffener mit einem Schmerzenslaut zu Boden ging.

In Folge dieses Manövers hatte sich der Kleinere nun so gedreht, dass Andi das Profil des Kämpfenden einmal näher ansehen konnte. Das Gesicht des Jungen spiegelte ein ungefähres Alter von 16 oder 17 Jahren wieder und trug einen beinahe verbissenen Ausdruck. Die relativ Schmalen Lippen waren fest zusammengekniffen, während er einen Schlag nach dem anderen abwehrte. Die Augen von ihm schienen beinahe zu funkeln und einzelne Strähnen des zurück gebundenen Haares fielen ihm in dieses ausdrucksstarke Gesicht.

Genau in diesem Augenblick, in welchem Andi dieses Gesicht näher in Augenschein nahm, drehte der Typ sein Gesicht zu ihm. Kurz trat ein überraschter Ausdruck auf das Gesicht des kleineren, ehe sich die Lippen des Kämpfenden zu einem Lächeln verzogen und er ihm, Andi, mitten im Kampf zulächelte. Doch schon einen Augenblick später verzog sich das Gesicht abermals. Diesmal spiegelte es eindeutig eine Art Erschrockenheit wieder.

Sofort sah Andi was geschehen war. Der momentane Gegner des Kleineren, hatte seine kurze Abgelenktheit ausgenutzt und ihn mit seiner Faust mitten ins Gesicht bzw. auf den Mund getroffen. Mit einem selbstsicheren Grinsen stand Ray, der Anführer des Schlägertrupps, nun dem auf den Boden sitzenden neuen Studenten gegenüber, welcher sich noch immer voller Überraschung die Hand auf die blutende Lippe legte. Doch Ray hatte gewiss nicht vor diesen kleinen Bastard nun zu verschonen. Im Gegenteil. Schnell holte er voller Genugtuung aus, um ein weiteres Mal auf die kleine Gestalt einzuschlagen.

Gerade wollte er seine Faust in diese kleine Visage knallen lassen, als etwas undefinierbares seine Hand aufhielt, abfing und so fest an seinem Handgelenk zudrückte, bis es wehtat und er seine Aufmerksamkeit auf die Gestalt richtete, die dies gewagt hatte. Leicht verwirrt blickte er in das Gesicht von Andi.



Andreas, wie ja sein eigentlicher Name lautete, hatte kurz zuvor mit einem Blick auf die Uhr festgestellt, dass seine ganze Polizei – Aktion umsonst gewesen wäre, wenn er nicht binnen der nächsten drei Minuten in seinem Hörsaal erscheinen würde. Doch dazu musste er erstmal an diesen sich immer noch prügelnden Typen vorbei. Er wusste, dass Ray nun leichtes Spiel mit dem Neuen haben würde, so wie der nun am Boden saß. Resigniert freundete er sich mit der Tatsache an, dass er diesem Burschen wohl helfen würde. Aus purem Eigennutz versteht sich.





Teil 2




„Was…?“ Kurz musste der Anführer der Schlägertruppe erstmal verdauen, dass es gerade Andi war, der diesem kleinen Wicht von einem Neuling anscheinend helfen wollte. Doch schnell hatte er sich gefasst und versuchte seine Hand aus der Hand Andis zu entwinden, was ihm ob des festen Griffes des anderen jedoch nicht gelang.

„Andi! Was soll das Mann?“

Es war still geworden unter den Zuschauern und jeder verfolgte gespannt das momentane Geschehen. Andreas jedoch gab keinen Millimeter der Hand frei und sah nun aus kalt funkelnden Augen auf den jungen Mann hinab, ehe er sein Gesicht kurzzeitig dem Neuling zuwandte. Dieser sah ihn ebenso verwundert an, konnte er doch nicht begreifen, warum dieser Typ ihm geholfen hatte. Dann jedoch kümmerte sich Andi nicht weiter um ihn und wandte seine Aufmerksamkeit dem immer noch umherzappelnden Mann zu. Ganz langsam führte er sein Gesicht näher an das von Ray heran und seine Augenbrauen zogen sich verdächtig zusammen ehe er leise zischte:

„Ich hatte heute einen verdammt schlechten Start in den Tag. Meine Laune ist bis auf den Nullpunkt gesunken. Ich habe mir fast den Arsch aufgerissen, um hier rechtzeitig anzutanzen und mal nicht zu spät zu kommen und da wagst du es auch noch, direkt vor der einzigen verdammten Eingangstür zu diesem allseitsbeliebten Studienplatz, eine Schlägerei anzuzetteln!? Wenn du dich prügeln willst, dann geh hinter das Gebäude und verschwinde aus meinen Augen und ich rate dir eins: Solltest du diesen Neuling hier auch nur noch einmal in einem unfähren Kampf versuchen anzurühren, statte ich dir und deiner Meute mit meiner Clique einen kleinen netten Besuch ab, hast du mich verstanden?“

Bei den letzten Worten hatte Andi seinen Mund ganz dicht neben das Ohr des anderen geführt, so dass wirklich nur dieser die leise Drohung hatte vernehmen können. Und Ray wusste was gut für ihn war. Hastig nickte er. Noch einmal sah Andi ihm tief in die Augen ehe er leise drohend fragte:

„Ich habe dich nicht gehört! Also noch einmal: Hast du mich verstanden?“ Schmerzhaft drückte Andi die Hand in der seinen noch ein wenig fester so dass der andere Mühe hatte, einen kleineren Aufschrei zu unterdrücken. Dann jedoch meinte er nur, laut und für alle verständlich: „Ja.“

Sofort ließ Andi ihn los und wuschelte ihm noch einmal grob über die Haare, während er für alle verständlich meinte: „Guter Junge.“

Den anderen mit keinem weiteren Blick würdigend sah er noch einmal kurz zu der Gestalt des Neulings hinunter, welcher ihn immer noch leicht verwirrt und mit halb offenem Mund ansah. Den Blick durchaus bemerkend wandte sich Andi nun an den jungen Kerl.

„Für dich gilt das Gleiche. Solltest du dich noch ein einziges Mal vor dieser geheiligten Tür prügeln, kannst du was erleben. Wenn du auf Streit aus bist, dann such dir ne Kneipe und prügel dich dort, kapiert?“

Mit einem unwilligen Schnauben wandte sich Andi nun vollendst der Uni zu und schritt, ohne noch einmal zurückzublicken und mit der einen Hand in seiner Manteltasche, in das Gebäude hinein. Hinter ihm löste sich nach und nach die Menge auf und nach einigen Minuten hörte er auch schon, wie ihm Chris hinterhereilte.

Dieser war noch kuz geblieben und hatte ein paar Worte mit dem Neuen gewechselt, ehe er seinem Freund und bestem Kumpel hinterher gerannt war. Auch ein Großteil von dem Rest der Clique, alle die nun mit ihm Geschichte würden pauken müssen, sammelte sich nach und nach wieder um ihn und so schritt man gemeinsam auf einen der größeren Hörsäle der Uni zu.

Dort angekommen ließ man sich gleich darauf vollkommen ungeordnet auf die schon recht alten Stühle fallen, um dann angespannt auf das Eintreffen ihres Profs zu warten. Andi hatte sich, wie schon so oft, einen Platz in den hintersten Sitzreihen ergaunert, und hatte von seinem Platz aus einen wunderbaren Überblick über alles was vor ihm geschah.

Nicht weit von ihm unterhielten sich gerade mal wieder Alexia und Tini über irgendwelche Markenklamotten, die gerade neu auf den Markt gekommen waren. Auch Liz schloss sich nach einer Weile den zwei Mädels an und gemeinsam schnatterten sie drauf los. Rechts von ihm, drei Bankreihen tiefer, hatte sich eine Gruppe aus Jungs gebildet, die wahrscheinlich den Mädels in ihrem Geschnatter Konkurrenz machen wollten und ebenso laut von diversen Neuheiten erzählten. Nur dass es bei deren Gesprächen nicht um Markenklamotten sondern um die neuesten und zugleich billigsten Teile zum Aufrüsten ihrer Bikes ging. Nicht, dass auch nur einer der Anwesenden das Geld für das gehabt hätte, worüber geredet wurde, aber es schien doch ein recht interessantes Gesprächsthema zusein.

Allerdings brauchte Andi schon Sekunden später keinen Gedanken mehr für die Gesprächsthemen der anderen aufzubringen, denn in diesem Augnblick öffnete sich die Tür und gab die Sicht auf den eintretenden Professor frei. Doch es war nicht, wie angenommen, Herr Schreier, sondern unglücklicherweise Herr Schiller. Andis Welt brach zusammen. Wie konnte so etwas geschehen?! Er hatte sich so beeilt, um zu einer Stunde mit HERRN SCHILLER!!! nicht zu spät zu kommen!? Wo nur blieb die Gerechtigkeit auf dieser Welt?

„Guten Tag, meine Herrn und Damen.“

*Fick dich ins Knie, Kumpel!*

„Sie wundern sich sicher, warum ich anstelle von Herrn Schreier heute vor Ihnen stehe…“

*Neeeeiiin! Nicht doch? Wie kommen sie nur darauf?!*

„Nun, es hat sich ergeben, dass Herr Schreier sich, wie ich bedauern muss, sein linkes Bein gebrochen hat und…“

*WAS? Der Arsch bricht sich einfach so n’ Bein und lässt uns arme Teufel hier zurück?! Schweinerei.*

„…daher werde ich in den folgenden Wochen und vielleicht sogar Monaten seine Seminare übernehmen, damit Sie, meine werten Damen und Herren, nicht benachteiligt sind in diesem Semester.“

*Krepier!*

Erfolglos versuchte Andi ihren neuen Prof für die nächsten paar Minuten in Grund und Boden zu starren. Leider erfolglos.

„Insofern hoffe ich auf gute Zusammenarbeit.“

*Vergiss es. Bei mir sind ihre Hoffnungen zu hoch geschraubt, das versichere ich hiermit!“

„Ich denke…“

*Der kann denken????*

„…dass wir gut miteinander auskommen werden…“

*Falscher Gedanke.Völlig falsch.*

„…ohne uns gleich an die Gurgel zu gehen.“

Ein übertrieben freudiges Lächeln legte sich auf Andis Gesicht …

*Guter Witz. Ha. Ha.*

…ehe es ebenso schnell in ein grimmiges Grinsen überging.

*… Stirb!*

Der letzte Satz des Herrn Schillers wurde begleitet von einem kleinen Lachen seitens des Professors, welcher der Annahme war, in diesem Moment einen besonders guten Witz gemacht zu haben. Hätte er jedoch nur für einen Moment in die oberen Ränge gesehen, wäre ihm das Lachen gewiss noch schneller vergangen, als es sowieso schon geschah.

Schnell räusperte sich der gute Mann noch einmal, ehe er mit seiner Ansprache nun wesentlich ernster fort fuhr.

„Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich Unpünktlichkeit aufs höchste verabscheue und sollte es jemals jemand wagen, in meinen Unterricht mit einer fadenscheinigen Ausrede herein zu platzen, wird er von mir hochkant…“

Mit einem Ruck wurde die Tür aufgerissen und gleich, nachdem ein buntes Etwas hereingeschwirrt war, wieder zugeschmissen. Alle Augenpaare und besonders die des Lehrkörpers richteten sich auf die kleine Gestalt, die es in diesem Augenblick wagte, Herrn Schiller so unverblümt anzugrinsen.

„Könnten Sie mir sagen…“, begann der Professor lang und gedehnt.

„…was sie veranlasst hat in meinen Unterricht mit einer solchen Lautstärke hineinzuplatzen?“

Ein Blick auf die Uhr.

„Und das auch noch 10 Minuten nach Beginn?“

Ein kleines Schnaufen kam aus Richtung des Eindringlings, welcher sich so gar nicht um das Gefasel dieses Mannes zu scheren schien, sondern in aller Ruhe nach einem guten Platz Ausschau hielt. Anstatt Herrn Schiller seine vollste Aufmerksamkeit zu widmen, schnappte sich der junge Mann seine Tasche und schlenderte auf den nächstgelegenen Platz irgendwo in der Mitte des Saales zu. Während er gemächlich seine Tasche abstellte, beschloss er wohl, dass es doch besser wäre, sich endlich einmal dem noch immer wartenden armen Mann dort vorne zuzuwenden.

„Können kann ich schon. Nur denke ich mir, dass es eh keinen Unterschied macht.“

Gelangweilt ließ sich der Junge nieder und sah den empörten Mann mit auf der Hand abgestützten Kinn und halb geschlossenen Augen an. Dieser bekam sich kaum wieder ein. Jeder andere in diesem Hörsaal, wusste bereits um das leicht reizbare Temperament des Herrn Schillers, welcher obendrein auch noch einen Faible für Pingeligkeit hatte und für sein übertriebenes Verhalten in jeglicher Art und Weise bekannt war. Von daher war es nicht weiter verwunderlich, dass dieser nun in nicht gerade leisem Ton und mit stampfenden Füßen ein paar Schritte vortrat.

„Jetzt reicht es mir aber endgültig mit Ihnen! Ich verlange sofort zu wissen, weshalb Sie zu spät erschienen sind und vor allem wer Sie sind!“

Ein leises Seufzen entfloh dem Neuankömmling und er wollte anscheinend gerade zu einer kleineren Rede ansetzten, als er von weiter oben unterbrochen wurde.

Andi, welcher sich dieses Palaver die ganze Zeit mit hatte anhören müssen, hatte mittlerweile genug davon. Er wollte hier so schnell wie möglich weg oder zumindest irgendwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfangen. Solange diese zwei Möchtegernstreithähne jedoch noch wie die Katze um den heißen Brei kämpften, konnte weder das Eine noch das Andere eintreten. Also beschloss er, netter Kerl der er war, diesem Neuling mal wieder ein wenig unter die Arme zu greifen. Denn niemand anderes war hier so frech in dieses Seminar hereingeschneit, als der kleine Kerl, der ihn vorhin schon aufgehalten hatte.

„Der ist neu. Er kennt sich hier noch nicht aus. Wurde vorhin in ne’ Schlägerei mit Ray verwickelt. Musste noch ins Krankenzimmer und Sekretariat. Wie er heißt wird er bestimmt gleich sagen…“

Auffordernd sah Andi hinunter in das Gesicht zu diesem merkwürdigen Typen, der sich bei seinen ersten Worten flugs umgedreht hatte und nun scheinbar recht überrascht und mit relativ großen Augen zu ihm hinauf sah. Dennoch schien er noch bei Verstand genug zu sein, ihm auf seine Frage zu antworten.

„Jonathan. Jonathan Espada.“

„Danke. Also… unser lieber Joe hat demnach einen guten Grund für sein Zuspätkommen. Sein Auftreten ist entschuldbar. Er kennt Ihre Regeln noch nicht. Da wir das jetzt geklärt haben…“

Ein vielsagender Blick glitt in Richtung des Lehrkörpers.

„…können wir ja nun mit dem Unterricht fortfahren.“

Punkt. Alles hatte atemlos gewartet, bis die knappen und doch so stark wirkenden Sätze Andis verklungen waren, ehe alle mit einem zustimmenden Murmeln ihr Augenmerk wieder auf Herrn Schiller richteten.

Dieser war mehr als unerfreut über die Einmischung dieses jungen Burschens. Seiner Meinung nach hatte niemand sich einzumischen, wenn er mit einem seiner Studenten sprach. Niemand! Und schon gar kein Andreas Noir. Wütend sah er daher in die Richtung des Aufrührers, um ihn einmal gehörig zurechtzuweisen. Doch gerade als er richtig loslegen wollte, begegnete er den gelassenen Augen von Herrn Noir, welcher ihn mit einem dermaßen großen Selbstbewusstsein und einer Ruhe ansahen, dass ihm gänzlich anders zu Mute wurde. Er spürte regelrecht, dass er gegen Andreas nichts würde ausrichten können. Vor allem nicht wenn er so wütend war wie jetzt. Also gab er seufzend nach und wandte sich wichtigeren Dingen zu.

„Also gut Herr Noir. Da Sie offensichtlich so sehr daran interessiert sind, das heutige Seminar abzuhalten, möchte ich Sie selbstredend nicht davon abbringen. Im Gegenteil, ich freue mich schon jetzt über Ihre gewiss großartige Mitarbeit.“

Sich leicht in dem Stuhl nach hinten lehnend und mit vor der Brust verschränkten Armen meinte Andi daraufhin, dass die Mitarbeit weniger von ihm selbst als mehr vom Unterricht und somit der Lehrweise des Herrn Schillers abhing.

Gekonnt wandte sich Herr Schiller nach seiner kleinen Ansprache auf dem Absatz um und schritt abermals in Richtung Pult. Die folgenden Worte seitens Herrn Noirs, ignorierte er mühsam. Sodann ging es weiter im normalen Alltag. Der Professor fuhr mit seiner zuvor begonnen Belehrung fort und ein jeder lehnte sich geruhsam auf seinem Stuhl zurück.

„Ich möchte nun fortfahren in meinen Wünschen für das folgende Semester. Mir ist nicht klar wie Herr Schreier es gehalten hat, doch ich bevorzuge es, wenn ein jeder der Anwesenden mir ruhig zuhört, ohne gelegentliches Flüstern, Knöllchen werfen oder anderen ähnlichen Dingen. Des Weiteren ziehe ich es vor, meine Studenten im Wachzustand zu unterrichten. Daher bitte ich Sie, stets ausgeruht hier zu erscheinen, damit Sie mir nicht im Unterricht wegschlafen. Essen während der Stunden, die ich als Ihr Dozent tätig sein werde, ist mir ebenfalls nicht recht. Allerdings erkenne ich bestimmte Studien an, welche belegen, dass Schüler und Studenten mit gefüllten Mägen wesentlich leichter lernen als solche mit leeren Mägen. Daher mag es in Einzelfällen eventuell möglich sein, dass Sie sich einen kleinen Apfel oder ähnliches mit hierher nehmen.“

Stille trat ein. Um seine Worte noch einmal zu unterstreichen ließ er seinen gestrengen Blick über die Anwesenden streifen, wobei er bei gewissen Leuten eher schneller vorbeisah als bei anderen. Nachdem auch das endlich geklärt worden war, konnte endgültig mit dem Unterricht begonnen werden. Zu Andis Leid hatten er und der Rest seiner Truppe gleich zwei solcher Kurse mit Herrn Schiller hintereinander, so dass sie die ins monotone verfallene Stimme länger als drei Stunden hintereinander weg ertragen mussten.

Allein die Pausen boten ein wenig Abwechslung, denn in diesen konnte man in aller Ruhe das am Abend statt findende Treffen organisieren. Alles hatte sich um Chris und Andi versammelt denn ersterer hatte dieses Mal die Planung in der Hand und zweiterer wollte ja noch zum Mitkommen überredet werden.

„Hey Andi! Du kommst doch auch mit, oder?“

„Hmmm… Weiß noch nicht so ganz.“

„Ach komm schon. Wir brauchen dich doch!“ versuchte Toni ihn zu überzeugen.

„Wozu?“

Gekonnt ließ Andi eine seiner Augenbrauen in die Höhe schnellen.

„Na immerhin bist du dort wo wir hingehen doch bekannt. Wir brauchen dich als Unterstützung und sei mal ehrlich … Du brauchst doch auch erstmal was Richtiges zum Trinken nach diesem Schreck mit dem ollen Schiller.“

Flehend sahen einige der Mädels und Jungs ihn an. Nacheinander ließ Andi seinen Blick über seine Meute schweifen, ehe er bei Chris hängen blieb. Fragend sah der schwarz Gekleidete seinen besten Kumpel an, welcher daraufhin jedoch nur die Schultern zuckte und sich wieder seiner Liste zuwandte, wo er eifrig alles notierte, was sie noch brauchen würden. Schließlich konnte Andi doch nicht anders. Er musste sich eingestehen dass Toni Recht hatte. Doch nicht wegen dem ersten sondern eher dem letzten Argument. Nach dem Tag mit diesem Kerl, brauche er einfach was zum Trinken.

Nicht dass er ein großer Trinker war. Im Gegenteil. Andere aus ihrer Truppe tranken zehnmal mehr. Aber er hatte einfach mal Bock wieder was gemeinsam zu machen. Zwar war er von Natur aus Einzelgänger, doch dadurch, dass er in den letzten Wochen zuvor, für eine seiner wichtigen Arbeiten so gepaukt hatte, war er nur sehr selten in den Genuss des Anblickes anderer Gesichter zu kommen.

Von daher hatte er für heute erstmal genug mit dem alleine abhängen. Also schloss er sich den anderen an. Sofort erschollen Jubelrufe und der ein oder andere klopfte Andi daraufhin freundschaftlich auf die Schulter, was dieser mit einem Knurren über sich ergehen ließ.

Kurz nachdem das geklärt war, wandten sich alle wieder der Liste von Chris zu, welcher gerade die verschiedenen Leute, die ein Bike hatten, denen zuteilte, die keines hatten und somit abgeholt werden mussten. Zwar konnte jeder von ihnen fahren, doch nur die Hälfte von Ihnen konnte sich ein Bike auch leisten.



Teil 3

Eine Weile noch hörte sich Andi das Geplappere seiner Kumpels und Freunde an, ehe es ihm zu viel wurde und er sich leicht entnervt erhob um ein wenig auf dem Campus herum zu spazieren. Nicht das dieser sehr groß gewesen wäre, aber das war auch nicht nötig. Schließlich wollte er bloß mal für 5 Minuten seine Ruhe vor diesen Kleinkindern haben. Nicht dass die nervig gewesen wären. Nein! Auf gar keinen Fall. Leicht legte Andi während des Gehens den Kopf ein wenig schräg. Na ja, vielleicht waren sie ja ein klitzekleines bisschen anstrengend. Er war bloß froh dass er keinen auf seiner geliebten Maschine von einem Ort zum Nächsten bugsieren musste.

Seufzend und die Hände in den Taschen vergraben strich er durch die Gebäude der Schule. Er liebte diese alten Gemäuer. Überall war es schön kühl, obwohl zu dieser Jahreszeit die Sonne schon wieder recht kräftig schien. Momentan befand er sich noch im sanierten Teil doch je länger er diesen Gang entlanglaufen würde, würde er auf eine alte verschlossene Tür aus Holz stoßen. Diese war noch aus massivem und dickem Eichenholz gefertigt und war wohl schon seit zweihundert Jahren dort. Nur zu heutiger Zeit verrichtete sie ihren Dienst längst nicht mehr so gut wie früher.

In Gedanken versunken bog Andi in der Mitte des nächsten Ganges links ein und fand sich in einem nicht mehr gar so gut beleuchteten Gang wieder. Kein Arsch war zu sehen. Die meisten Studenten hatte er schon seit längerem hinter sich gelassen da nur wenige sich wirklich für das Innenleben ihrer Uni interessierten. Aber er selbst hatte immerhin nicht umsonst Geschichte gewählt!

Er war neugierig und das nicht nur auf das was die Zukunft noch so alles hervorbrachte. Viel mehr interessierte ihn das Alte denn in diesem verband sich so vieles was er gern verstanden hätte. Kaum jemand wusste um seine Leidenschaft für diese Dinge. Selbst seine Kommilitonen in Geschichte interessierten sich längst nicht so sehr für die Vergangenheit wie er. Aber was sollte man da schon machen?

Schulterzuckend bog er in einen weiteren Gang ein und entfernte sich somit immer weiter von den großen Fenstern aus Buntglas. Stück für Stück näherte er sich seinem Lieblingsort. Doch ehe er ein weiteres Mal einbog sah er sich noch einmal prüfend um. Selbst die neuen Studenten, welche zumeist noch rastlos durch die vielen verzweigten Gänge striffen, verloren spätestens ab hier die Lust … oder die Orientierung.

Mit Freuden erinnerte er sich noch an die Szene von vor einem halben Jahr als er in einer kleinen Nische ein junges Mädchen entdeckt hatte. Sie war neu gewesen und hatte sich verlaufen gehabt. Kaum zu glauben aber anstatt zu schreien und um Hilfe zu rufen hatte sie sich einfach still in eine Ecke gesetzt und nichts gemacht als vor sich hin zu starren. Es war schon relativ spät am Abend gewesen, als er wie zum Abschied und eher aus Zufall hier her gekommen war und bei Gott eine Taschenlampe beigehabt hatte. Meine Güte! Die junge Studentin hatte ihn angesehen als wäre er entweder ein uraltes Gespenst, ein Vampir oder irgendein kleiner perverser Lümmel. Da hatte ihn die Kleine doch glatt einmal so fest gegen sein Schienbein getreten, wie sie konnte ehe sie versucht hatte schreiend weg zu laufen.

Grübelnd und mit einem kleinen fiesen Grinsen auf dem Gesicht musste er sich zugestehen, dass er daran vielleicht nicht ganz unschuldig war. Als sie ihn so angesehen und dann auch noch getreten hatte, hatte er damals einfach nicht an sich halten können. Mit Genuss hatte er das grausamste Lächeln in sein Gesicht gezaubert dessen er mächtig gewesen war und dann in seiner tiefsten Stimmlage leicht verzerrt, und in dem Wissen dass alles widerschallen würde, unheimlich laut gelacht. Nicht dass er ihr etwa absichtlich hatte Angst einjagen wollen. Aber hey! Immerhin schien sie geradezu darum gebettelt zu haben. Hmmmm… Wenn er es sich recht überlegte war sie auch danach erst in Versuchung gewesen schreiend weg zu laufen und dass er sie mit seinen zu dieser Zeit eiskalten Händen am Arm festgehalten hatte, war ihrer Panik wohl auch nicht gerade zuträglich gewesen. Aber was solls, letzlich hatte er sie ja immerhin doch noch wohlbehütet zurückgebracht! So würde er mit Sicherheit nie wieder jemanden erschrecken.

Aber an seinem fiesen Lachen hatte er seitdem tüchtig gearbeitet und es bis zur Perfektion gebracht.

Kurz nach diesen Gedanken konnte er es nicht lassen und lachte sein ‚schönstes’ Lachen einmal aus vollem Herzen … Ups! Hatte er gerade aus ‚tiefstem Herzen’ gedacht? Er meinte selbstredend aus ‚seiner schwarzen Seele’! Klang doch viel besser.

Und sogleich erscholl durch die noch nicht ganz leeren Gänge ein gruseliges und hohles Lachen. Irgendwo erklangen dann mit einmal viele schnelle Schritte, was darauf schließen ließ dass auch die letzten Neugierigen endlich sein Terrain verlassen hatten. Schließlich wollte niemand dem umherziehenden Geist begegnen, der hier seid einiger Zeit sein Unwesen treiben sollte!

Immer noch lachend schritt Andi somit weiter voran und nach ein paar weiteren Schritten verwandelte sich die weiße Malerfarbe in Steingrau. Der Fußboden und die Wände wurden zusehends älter und staubiger und schon bald sah man an einigen Stellen Spinnweben hängen. Endlich hatte er dann auch sein Ziel erreicht. Die Tür aus Holz lag einladend vor ihm. Schnell griff er in die Innenseite seines Mantels und zog einen kleinen Dietrich hervor. Er war ziemlich schmal und lang und somit war es ihm ein leichtes, ihn in das kleine Schließloch einzuführen. Routiniert bewegte er das kleine Gerät ein paar Mal auf und ab, ehe er ein kleines Klicken vernehmen konnte und die Tür quietschend aufsprang.

Die ganze Prozedur, eingerechnet seines Weges bis hier her, hatte nicht länger als zehn Minuten gedauert und somit blieb ihm noch eine gute dreiviertel Stunde.

So leise wie möglich schloss er die Tür hinter sich und sah sich erfreut in dem alten und unsanierten Trakt der Uni um. Kein Mensch würde ihn hier stören, denn dies war sein kleiner persönlicher Ort. Bedachtsam ging er durch den kühlen Gang. Hier und da gab es vereinzelte Stellen von abbröckelndem Mauerwerk. Zudem roch es ein wenig muffig, doch das störte Andi nicht. Ruhig ging er weiter und betrachtete sich einige der alten Zeichnungen an der Wand. Früher war dieser Gang wahrscheinlich in einem angenehmen Gelbton gestrichen worden doch heute war die Farbe verblasst. Ein paar alte Möbel standen in der Gegend herum. Alte Bänke und Tische, wo die Unileitung wohl nicht mehr wusste wohin diese sollten und sie dann einfach hier abgestellt hatten. Ansonsten war alles fast leer. Als er den Gang weiter entlang ging traf er auf mehrere Türen, welche im Gegensatz zur Holztür, was wohl eher als kleineres Tor zu beschreiben wäre, eher schmal und niedrig waren.

Nach weiteren zwei Minuten hielt er vor einer der Türen an und öffnete diese leise. Seine laut widerhallenden Schritte auf dem ehemals bestimmt schönen Marmorboden bildeten das perfekte Geräuschbild. Nach dem Eintreten ging er wie immer ohne sich viel umzusehen auf das große Fenster zu. Alte Vorhänge hingen in Fetzen daran herunter und als er die Scheibe öffnete konnte er einen alten Sprung in dieser wahrnehmen.

Liebevoll strich er darüber. Niemand der Andi kannte, würde glauben dass Andi so behutsam und sanft mit etwas umgehen konnte, da dies in einem kompletten Gegensatz zu seinem sonstigen Verhalten stand. Stumm lehnte er seine Stirn an das Fenster und blickte hinaus auf das Rege Treiben weiter unten auf dem Campus. Keiner dort unten sah hinauf und bemerkte ihn und selbst wenn hätte man ihn wahrscheinlich nur als einen Schemen erkannt. Er hoffte sehr dass man diese alten Mauern nicht auch noch einer Sanierung im modernen Sinne unterziehen würde. Denn das wäre mehr als schade. Er liebte diesen Geruch, das Aussehen und überhaupt alles hier denn irgendwie erinnerte ihn das an … Schnell stoppte er seine Gedanken. Er hatte schon seit langem aufgehört darüber nachzugrübeln und so sollte es auch bleiben. Es war seine Vergangenheit. Ein Teil von dem, was er hütete wie einen Schatz und doch am liebsten in den hintersten Winkel seines Herzens vergraben wollen würde… Mit halbgeschlossenen Augen ließ er sich auf die Fensterbank nieder und schaute lange hinaus.



Beinahe wehmütig schloss Andi die Tür wieder und verriegelte sie wie er sie zuvor schon geöffnet hatte, mit seinem kleinen Dietrich. Diesen ließ er wenig später wieder unauffällig in seiner Innentasche verschwinden und machte sich dann auf den Weg zurück zu seinem geliebten Dozenten und seiner Clique.

Kaum dass er die Tür geöffnet hatte riefen ihm auch sofort einige seiner Kumpels etwas für sie scheinbar Wichtiges zu. Leicht beunruhigt durch diesen ihm etwas zu übertrieben erscheinenden Ton, ging er langsam näher.

„Was ist?“

Ein breites Grinsen war die Reaktion.

„Habt ihr was ausgefressen?“

Das Grinsen wurde breiter.

„Etwas wovon ich wissen sollte?“

OK. Dieses heftige Kopfnicken war genug. Er hatte Angst!

„Raus. Damit. SOFORT!“

Ihm reichte dieses Spielchen. Gefährlich zogen sich seine Augenbrauen zusammen und in den darunterliegenden Sehgeräten blitzte es gefährlich auf.

Nun schienen es auch die anderen zu bemerken. Langsam wurde ein Schritt zurückgesetzt. Die etwas Mutigeren unter ihnen wichen nur einen halben Schritt zurück. Prüfend sah er jedem einzelnen ins Gesicht. Noch immer war ein Grinsen in ihren Visagen. Sie lebten gefährlich. Raubtiere soll man ja schließlich bekanntlich nicht reizen.

Doch endlich zückte einer der Anwesenden die Peitsche und drängte mutig anderthalb Schritt vor nur um gleich wieder drei Schritte zurückzuweichen als er auf den Kleinen hinuntersah. Mal ehrlich. Ein Meter und fünfundsechzig waren doch keine Größe! Das war ein Niemand! HAR Har!!!

Aber gut. Man musste ihm zu Gute halten dass er es nun dennoch wagte endlich etwas zu sagen. Nebenbei zu erwähnen sei allerdings dass es sich hierbei um Stef handelte. Der war eh ein wenig lebensmüde veranlagt.

„Wir haben noch jemanden zu unserer Party eingeladen.“

„Wen?“

Und mit einmal war die Masse vor ihm eine einzige Bewegung. In diesem Moment ging die Tür auf und das kleine Kerlchen von heut Morgen trat ein. Noch nicht mal mit dem zweiten Fuß richtig im Raum, wiesen alle Finger auf den kleinen Krümel.

„Er!“

Irritiert sah das kleine bunte Etwas auf. Ok. So bunt war es gar nicht, aber seine Haare waren… Lassen wir das Thema. Andi war sauer. Richtig sauer. Einfach so jemand neuen einzuladen war gegen ihre Regeln! Wütend sah er in die Richtung des Kleineren auch wenn er das komische Gefühl hatte, dass der wahrscheinlich noch nicht mal Schuld hatte.

Es war noch nicht mal so dass es ihn wirklich stören würde, dass er mit von der Partie sein würde. Was ihn allerdings massiv auf die Eier schlug, das war eine bittere Gleichung, wo er gerade die Lösung hatte präsentiert bekommen.

Sie waren alle zusammen gerechnet eine ungerade Zahl. Er war der Einzige, der keinen Mitfahrer hatte. Seine Clique schien seinen Zorn momentan geradezu voraus zu setzen. Hinzu addiert zu diesem kleinen Bengel der sich ihnen nun näherte, konnte daraus nur eine Lösung resultieren!

ER! Andreas Noir! War dazu auserkoren worden dieses kleine Bündel das da nun vor ihm stand, auf seiner geliebten Suzuki mitzunehmen, damit der an der Party teilnehmen konnte!

Das war doch …

Wütend grummelte er so leise vor sich hin dass man nicht mehr wusste ob er nun richtige Sätze formulierte oder einfach nur alles zwischen den Zähnen hervor stieß, was ihm gerade so einfiel.

„Hnnnnn… Clique… Verschwörung… Neuer… Suzuki… mein Schatz… niemals… zur Hölle… hnnnnnn!“

Keiner traute sich etwas zu sagen. Die, die noch nicht all zu lange bei ihnen waren, lachten unbedachter Weise sogar, da sie nicht wussten wie viel ihm seine Suzuki bedeutete. Der, welcher ihm am nächsten stand, hätte sich das Lachen allerdings lieber verkneifen sollen. Bedrohlichen Schrittes ging er auf diesen zu und blieb genau so dicht vor ihm stehen, dass dieser hoch sehen musste. Zufrieden konnte Andi den Adamsapfel von Timmy sehen, als dieser nun doch leicht ängstlich da stand und nervös schluckte. Schnell verstummte das Lachen.

Zufrieden mit sich drehte sich Andi schwungvoll um und schritt geradewegs auf Buntschopf zu. Anstatt zurückzuweichen blieb der Kleine standhaft stehen und sah mit für seine Größe relativ großen Augen zu ihm auf. Tief atmete Andi ein und aus. Dann legte er seine Hand auf die Schulter und beugte sich einmal kurz hinunter, als wenn er sich auf diesem abstützen müsste. Gleich drauf ließ er allerdings seinen Kopf nach oben schnellen und sah den Jungen mit einem unnatürlich breiten Grinsen an.

„Wo wohnst du, Joelein?“

Leicht atemlos antwortete der andere:

„Nomine Gasse 66f“

Immernoch übermäßig grinsend zwinkerte er dem Neuen mit seinen Augen zu.

„Gut.“

Schnell wandte er sich ab. Griff sich den Block von irgendjemandem aus seiner Nähe und notierte rasch etwas. Mit fließender Schrift schrieb er Wort um Wort mit roter Tinte einige Dinge auf. Schließlich faltete er den Zettel und überreichte ihn Joe.

Dieser nahm das kleine Etwas in die Hand und sah stirnrunzelnd darauf hinab ehe er es wieder auseinander faltete und anfing zu lesen. Überrascht sah er auf.

„Folge der angegebenen Beschreibung und du bist heute Abend im Nu in unserer Bar, ganz ohne Chauffeur. Immerhin ist es doch mit öffentlichen Verkehrsmitteln viiiieeeeel bequemer.“

Damit drehte er sich um so dass sein schwarzer Mantel sich aufbauschte und hinter ihm her wehte. Stolz schritt er an den Leuten vorbei, drehte dann allerdings noch einmal seinen Kopf leicht schräg nach hinten und sah die anderen aus dem Augenwinkel heraus an.

„Merkt euch eins! Mit meinem Bike wird nie irgendein anderer Fahren. Nicht mit und auch nicht ohne mich! Kapiert!?“

Andi erwartet keine Antwort. Beinahe gelassen ging er weiter zu seinem Platz, wo er es sich auf dem Stuhl gemütlich machte sich zurücklehnte und die Augen schloss. Für ihn war das Thema beendet.



Teil 4

Es war Abend geworden. Mittlerweile befand sich Andi bei sich zu Hause und war gerade damit beschäftigt den letzten Lidstrich nachzuziehen. Seine Augen hatte er mit einem schwarzen Eyeliner betont und seine Haare waren zu einem langen Zopf zurückgebunden. Leicht schimmerten sie in dem elektronischen Licht seiner Lampen denn er hatte sie erst vor einer Stunde noch einmal gewaschen. Zudem hatte er sich abermals in seine geliebte schwarze Hose hineingezwängt und war gerade dabei das Makeup weg zu räumen.

Wenn er nur daran dachte wie ihm das bei den ersten Malen mit Schminke ergangen war! Damals hatte er drei Stunden gebraucht und immer noch ausgesehen wie ein Clown der gerade eine bunte Cocktailbar geplündert hatte. Hier war der Stab des Maskaras in die Augen gekommen, da hatte er durch ein paar unbedachte Wasserspritzer alles wieder verwischt. Dann noch dieser Puder. Es hatte seine Zeit gebraucht ehe er den weißen Puder so dezent hatte auftragen können, dass es nicht aussah als wäre er in ein Fass gefüllt mit Kreidestaub gefallen. Und erst der Lippenstift. Schwarz hatte er damals sein sollen! Nicht knall rot! Wie hatte er denn auch wissen können dass die kleinen bunten Punkte auf dem kleinen schwarzen Plasteteil auf eine andere Farbe hindeuteten! Pech nur dass er damals in Eile gewesen war und im ersten Moment mit diesem Clownsgesicht sogar auf die Straße gegangen war! Bei Gott dieses Missgeschick war das wohl Peinlichste das ihm jemals passiert war!!

Schnell schüttelte er sich. Gar nicht daran denken. Schnell wieder in euren ewigen Winterschlaf liebe Erinnerungen! Husch husch und ab ins hinterste Stübchen.

Schnell zog er sich noch seinen schwarzen Mantel an und prüfte sich ein letztes Mal im Spiegel. Ob das dunkelrote Hemd nicht ein wenig komisch aussah? Ach Scheiße was solls! Es war das einzig Saubere was er beim Tiefseetauchen in seiner Wohnung hatte finden können. Nicht doch! Er hatte nicht nur zwei T-Shirts! Nur die eine Hälfte war das zu Hause seiner kleinen Untermieter – von einer oder zwei Mäusen angefangen bis hinunter zu drei kleinen Ameisen die ihm gestern früh den Mietvertrag unterzeichnet hatten – und er konnte doch nicht einfach deren Heim zerstören, wo sie sich gerade so schön einlebten! Was mit der anderen Hälfte ist? Ja wo war die doch gleich? Unter der Couch?, auf dem Schrank?, im Mülleimer?, neben dem Bett? Oder in der Dusche unter dem noch immer laufenden … WASSER! Mist! Scheiße! Kacke! Fuck! Verdammt!

Er hatte das Wasser laufen lassen! Mit Stöpsel drin!

Schnell stürmte er ins Bad gerade noch rechtzeitig um seinen Zahnputzbecher mit der dazugehörigen Bürste, die er auf dem Boden liegen gelassen hatte, mit einer der besagten neuen Untermieter – er glaubte zu wissen dass es Ameise Nr.3 war – als Kapitän darauf vorbeirudern zu sehen. Verflixt! Er glaubte sogar das kleine Ding: ‚Joho und ne Buddel voll Rum…’ trällern zu hören. Moment mal! Hatte er in dem Becher nicht sein Odol gekippt? Er hatte ja schon immer gewusst dass da Alk drin war. Einen Moment schaute er fasziniert einem bis eben noch trockenem Waschlappen zu, wie dieser einer untergehenden Insel gleich an ihm vorbei trieb, ehe ihm dann in den Sinn kam, dass er ja eigentlich kein Wasserbett haben wollte.

Also stürzte er sich wagemutig in die Fluten und nach einem tollkühnen Kampf mit einer versunkenen Seife tief auf dem Meeresboden und ein wenig Haargel in der Nähe der Dusche, schaffte er es tatsächlich den Wasserfall über dem Rand seiner Dusche zu stoppen. Kurz nach schließen des dafür zuständigen Hahnes beschloss er allerdings mit einem kritischen Blick auf das kleine U-Boot namens Zahnpasta, dass er weder was gesehen noch gehört habe und schlich sich auf leisen Sohlen, in der Hoffnung das Meer würde von allein versiegen, aus dem Badezimmer und legte nur noch ein Handtuch vor den Türschlitz, so dass nichts in die Wohnung laufen konnte.

Alsbald wurde dann die Tür der Wohung hinter sich geschlossen und die zweite Sintflut schnell ins hinterste Stübchen zu der Schminkkiste gepackt, welche dort gemeinsam mit all seinen anderen recht seltsamen Erlebnissen schon längst ein Nickerchen hielt.

Wie schon am frühen Morgen, schwang er sich abermals auf sein geliebtes Bike allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass er dieses Mal wohl nicht würde tanken und mit einem Affenzahn durch die Gegend rasen müssen und auch das andere halbe Leben des kleinen Täubchens von heute früh wohl bis morgen weiterexistieren würde. Keine Frage! Irgendwann erwischt es halt jeden.

Besagte Taube befand sich, das sei an dieser Stelle zur Information an alle Tierschützer gedacht, übrigens genau zur jetzigen Stunde mitten im Umzug. Die Taube hat bereits ihr Nest verstaut und hat bereits ein Ferienhaus auf dem Land gebucht, wo sie nun mit ihren drei Eiern einige Zeit verbringen wird. Eine der großen Bedingungen für das neue Heim war die nicht Vorhandenbarkeit von diversen großen zu schnell fahrenden Motorrädern. Gute Reise wünschen Dangelemon Airlines.

Nur eines ist Schade. Das arme Ding hat die Mähdrescher vergessen.

Zurück jedoch zum ursprünglichen Handlungsverlauf. Mittlerweile befindet sich Andi auf der Hauptstraße, welche um diese Zeit noch relativ gut befahren ist. Zwischenzeitlich kreuzen auch noch einige Bahnen und Busse seinen Weg und in einer der besagten sitzt momentan der von Seitens Andi nicht gerade gewünschte Gast und drückt sich erfolgreich darum, die Fahrpreise zahlen zu müssen.

Wenig später stießen einige weitere Biker zu Andi und schlossen schnell auf als man endlich in kleinere Straßen kommt, wo längst nicht mehr so viel Verkehr herrschte. Die Straßenlaternen begannen aufzuleuchten und wäre da nicht das beständige Brummen der Motoren, wäre dies gewiss eines der ruhigsten Viertel der Stadt gewesen.

Doch es dauerte nicht mehr lange und alle trafen gemeinsam am Treffpunkt ein. Zur Verwunderung aller, waren sie dieses Mal nicht die ersten. An die Außenwand der Bar und etwas abseits der Tür lehnte eine kleine Gestalt mit bunten Haaren und schlenderte langsam auf sie zu, während die neu angekommenen noch ihre Räder sicherten. Insgesamt waren sie nun schon einundzwanzig wenn Andi richtig gezählt hatte. Wenn man allerdings den Knirps mitrechnete waren es immerhin schon zweiundzwanzig und somit fehlte ihnen nur noch die andere Hälfte der Clique. Die 11 Motorräder wurden ordentlich aufgereiht und während ein paar der Jungs schon eintraten um Plätze zu suchen und den Barkeeper vorzuwarnen, schlugen sich die anderen die restliche Wartezeit mit ein paar Zigaretten um die Ohren.

Insgesamt war dies hier eine ziemlich kleine Bar, aber für ihre Zwecke reichte sie. Musternd sah Andi sich um. Das alte Schild aus Eisen mit dem Bier drauf war schon recht zerkratzt, aber noch immer hing es brav an seinem Platz und trotzte Wind und Wetter. Die nächste Mauer befand sich nur wenige Fuß gegenüber, da diese Gasse nicht gerade sehr breit war. Jeder, der dort oben gewesen wäre, hätte ihnen hier unten auf den Kopf spucken können.

Unterdessen Andi noch seinen Schatz abdeckte, falls es regnen sollte, wurde der Kleine von den Rauchern freundlich begrüßt. Dieser schlug bei dem ein oder anderen ein, nickte einigen zu, blieb allerdings insgesamt eher auf Abstand wie Andi schien. Manchmal hatte er fast den Eindruck dass das bunte Etwas nicht so oft mit Menschen zu tun hatte und nun nicht so recht wusste wie er sich verhalten sollte. Aber das konnte auch täuschen, immerhin hatte er gerade heute Morgen bewiesen, wie wenig er menschlichen Kontakt doch scheute.

Immer noch ein wenig verstimmt wegen der Szene wenig früher am Tag, raffte Andi sich auf und ging nach einem letzten Tätscheln seines Motorrads direkt auf Joe zu. Dieser blieb auch dieses Mal unwiderruflich stehen und beide sahen sich einige Augenblicke stumm an.

Keiner sprach ein Wort. Es war seltsam aber ihm kam es wie das alte Spiel vor. Wer zu erst blinzelt hat verloren. Keiner von ihnen gab jedoch klein bei. Schließlich musste Andi zugeben dass Joe schon Mumm in den Knochen hatte. Anerkennend nickte er dem Jüngeren zu.

„Du hast den Weg gefunden.“

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Wär ich sonst hier?!“

Gut! Der Kleine gab konter. Vielleicht war er ja nicht so klein, wie er von außen schien.

„Wahrscheinlich nicht.“

Damit war das Gespräch für Andi beendet und schon drehte er sich um, nur, um dann ebenfalls in der Bar zu verschwinden. Dass ihm der andere hinterher starrte und leicht aufatmete, bemerkte er nicht mehr. Auch nicht, dass die anderen ihm nun ebenfalls Anerkennung zollten, da er die Begegnung mit dem Schwarzgekleideten so gut überstanden hatte. Nicht jeder konnte dem Blick Andis Stand halten, soviel war allen Anwesenden klar. Ein jeder war allerdings auch herzlich froh, dass der Zorn von Herrn Noir verraucht zu sein schien und somit war die Party für heute Abend gesichert.



Stück für Stück trudelten auch Stefan, Christian, Karin, Rolf und all die anderen samt Anhang ein und traten in die Bar. Nachdem endlich alle vollzählig waren, kamen auch die Raucher endlich in die Hufe und bewegten ihren Arsch hinein. Gemeinsam mit Joe traten Richard und Leo als Letzte ein. Alle anderen hatten in der Zeit bereits einige der Tische zusammengeschoben und nun saßen sie alle in einer großen Runde. Wie selbstverständlich saß Andi an der Kopfseite des Ganzen in die Couch zurückgelehnt und hielt einen bunten Cocktail in der Hand.

Alles war hier unten relativ hell beleuchtet, so dass Andi recht verwirrt feststellte, dass Joe anscheinend doch recht vernünftige Klamotten in seinem Schrank zu hängen hatte.

Unter Anderem konnte er an ihm nun eine recht dunkle Jeans bewundern, welche in einer Art von nachtblau gehalten war und vor allem an den inneren Seiten recht ausgeblichen wirkte. Was Andi jedoch anfangs verwirrte, war, dass diese doch recht schicke und eng anliegende Hose in einem kompletten Kontrast zu den ausgelatschten Turnschuhen stand. Sollte das etwa heißen, dass der Typ zwar eine andere Hose, aber keine anderen Schuhe als diese alten zerfledderten Dinger besaß? Oh mann, der musste echt arm dran sein. Aber weiter im Text. Als er seinen Blick nun absolut unauffällig weiter hinauf wandern ließ, konnte er nur einen Hauch von Nichts ausmachen. Der Junge trug doch tatsächlich nur ein gewagtes, recht anrüchiges schwarzes Netzhemd bei dem nur in Höhe der Brustwarzen ein Streifen aus Kunstleder das Nötigste verdeckte! („du machst mich wahnsinnig“ = ‚Kommentar meines geliebten Co-Autors *smile* weil wir nicht wussten was wir an dieser Stelle schreiben sollten.)

Schließlich blieb sein Blick wieder an den bunten Haaren des Neuen hängen, wobei er schmunzelnd feststellen musste, dass er diese wohl nicht gebändigt bekommen hatte, so leicht verwuschelt wie diese aussahen. Allerdings bemerkte er nebenbei auch, dass der andere ihn ebenfalls gründlich gemustert zu haben schien, während er sich einen freien Stuhl suchte.



Womit Andi nicht ganz unrecht hatte, denn genau in diesem Augenblick ließ Jonathan seine katzenhaften Augen über Andis Götterkörper wandern, und zwar nicht so unauffällig, wie sein Objekt der Begierde es zuvor bei ihm getan hatte, sondern offen und beinahe anzüglich. Ach nein, auszüglich. Ein wunderschönes dunkelrotes Hemd bedeckte den breiten Oberkörper, die langen Beine wurden von einer schwarzen Hose eingehüllt und die mit Lidstrich betonten Augen rundeten das Bild vollends ab. Obwohl, wenn Andi das Hemd weggelassen hätte, wäre das Joe auch nur Recht und Billig gewesen!

Mühsam riss sich der relativ alte Vampir von dem göttlichen Anblick Andis los und entschied sich, eine Sitzgelegenheit in Andis Nähe zu ergreifen.

Von nun an lief es eigentlich genauso wie bei jeder Party, die im großen Kreis abgehalten wird. Saufen bis zum Umfallen und mehr als nur schlüpfrige Gespräche zwischendurch. So fand man zum Beispiel zwischen dem fünften und sechsten Bier heraus, dass Chris auch schon mal einem hübschen Männerarsch hinterhergestarrt hatte, dass Will im Allgemeinen auf Männer stand und dass Stef dann seit Neuestem doch eher zur weiblichen Seite tendierte. Etwas, was in dieser Truppe schon fast als abnormal galt, wenn man mal von Andi absah. Denn irgendwie waren hier die meisten, wenn schon nicht schwul, dann doch zumindest bi.

Desweiteren legte der gute alte Tim einen gewagten Strip hin, wobei er mehr als nur einen Jubelruf kassierte und nach dem ungefähr zwanzigsten Bier bekamen die meisten der Anwesenden dann gar nichts mehr mit. Die wenigen Sauferprobten unter ihnen, zu denen auch Andi teilweise zählte, hielten sogar noch bis zum zweiunddreißigsten Bier und dritten Whiskey durch, ehe sie endgültig ins nebelige Reich der Träume entschwanden. Dies ist dann im Allgemeinen der Moment, ab dem passieren konnte was wolle, sie würden sich hinterher nicht mehr daran erinnern.



Es war bereits drei Uhr morgens als die ersten wieder aus ihrem Promille-Höhenflug zurückkehrten und feststellten, dass man, sollte man die heutigen Kurse nicht verpassen wollen, doch irgendwann mal nach Hause müsste. Langsam und leicht schwankend machten sich dann die ersten auf den Weg zu ihren Maschinen. Dass keiner der wirklich schwer angetrunkenen Personen wirklich noch fuhr, war selbstverständlich. Manche, die es besonders weit hatten, die schoben ihr Bike nach Hause, wo hingegen manch anderer, der eher in der Nähe der Bar angesiedelt war, sein Bike einfach nur gut sicherte und es dann später abholen würde. Ein paar der letzten Verbliebenen waren Chris, Joe, Andi, Tim, Tini und Stef.

Schon früher an diesem, bzw. dem letzten Tag war ausgemacht worden, dass Tini bei Tim unterkommen würde und somit machten diese sich nach einem letzten „Tschau“ auch auf die Socken und stiefelten los.

Gähnend streckte sich Chris noch ein letztes Mal und sah sich dann blinzelnd in der Gegend um. Ihm gegenüber schnorchelte Stef vor sich hin und ein paar Stühle weiter konnte er Andi erkennen. Doch was war das? Lugte da nicht ein bunter Haarschopf unter dem Tisch in der Nähe Andis hervor? Sich am Kopf kratzend sah Chris noch einmal genauer hin. Tatsache!

Schwerfälllig erhob er sich um sich das Bild von den beiden einmal genauer anzusehen. Vorsichtig lugte er an dem Tisch vorbei hinüber zu ihnen und nahm das Bild voller Genuss in sich auf. Immerhin sah man so etwas nicht gerade alle Tage. Ein kleines Joe lag da zusammengerollt auf der Couch und hatte … das war das Unglaublichste überhaupt … gefahrlos seinen Kopf auf den Schoß von Andi legen können. Dass er noch nicht bei lebendigem Leib verbrannt war, grenzte schon an ein Wunder! Boah!

Ob das jetzt an dem Alkohol im Blut von den Beiden lag oder ob sie sich im Laufe der Party einfach nur besser kennen gelernt hatten, das konnte er nicht genau sagen. Auf jeden Fall war es ein so toller Anblick, dass er leise zu Stef schlich und diesen durch sanftes an der Schulter rütteln aufweckte. Dieser verzog, da er aus seinen geilen Träumen gerissen worden war, grummelnd den Mund, richtete sich dann jedoch vollends auf.

„Hey Stef!“, flüsterte Chris.

„Was isn? Waruuumm flüsterstn so?”, kam es nuschelnd zurück.

“Pssst.”

“Hä?”, war der intelligente Kommentar seitens des Betrunkenen.

„Wo isn deine Kamera?“

„Die? Na hier.“

Sofort wurde leicht verwirrt ein schwarzes Etwas herausgeholt.

Es war eines der kleineren Modelle, die man hervorragend in der Tasche verstauen konnte. Die hatte Stef sich zugelegt, als er am Anfang des Studiums beschlossen hatte, sein gesamtes Unileben mit seinen Freunden für die Ewigkeit festzuhalten. Am Ende dieser wunderschönen Zeit, so hatte er Chris einmal erzählt, wollte er ein Buch für sie alle zusammenstellen, wo er die schönsten Aufnahmen abdrucken würde.

Chris war der berechtigten Meinung, dass ein Bild von diesen zwei Jungs – ihrem großen starken Anführer und dem kleinen süßen Joe – eine perfekte Aufnahme wäre. Auch Stef konnte nur zustimmen, als er endlich sah, weswegen Chris die ganze Zeit so leise gewesen war. Andi würde sie höchstwahrscheinlich umbringen, wenn er wüsste, dass Chris in der Zeit, in der sie sich kannten, schon allein mit Bildern von ihm ein halbes Album zusammenbekäme. Leise schlich er sich heran und zückte seine Waffe.

Feinfühlig ließ er seine Finger über die Knöpfe seiner digitalen Kamera wandern, ehe er gekonnt den Auslöser betätigte und mit Hilfe von eben diesem dieses wunderschöne Bild einfing.

Gleich darauf ließ er das heiße Material wieder in seiner Tasche verschwinden, damit auch ja niemand auf die Idee käme, ihm sein Kostbarstes wegzunehmen und wandte sich dann wieder Chris zu. Dieser gab ihm mit Handzeichen zu verstehen, dass er ihn mit zu seiner Wohnung nehmen würde und dass er schon mal draußen auf ihn warten sollte. Stef war einverstanden und schleppte sich nach draußen an die frische Luft. Chris trat indes auf die zwei anderen und letzten Verbliebenen ihrer Truppe zu und tippte Andi leicht an die Schulter. Dieser erwachte sofort und sah sich leicht verwirrt um.

„Hey Andi. Du, Joe, Stef und ich sind die Letzten. Ich werde Stef heute bei mir pennen lassen. Da der Besitzer bestimmt auch endlich schließen möchte, wäre es gut wenn du Joe heute mit zu dir nimmst. In Ordnung? Ich gehe dann mal.“

Und bevor Andi alles richtig in Zusammenhang gebracht hatte, war Chris auch schon durch den Notausgang verschwunden.