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Dangelemon Teil 5 - 8

Teil 5

Verwirrt sah Andi seinem Kumpel hinterher dann endlich, nach langem langem Überlegen, machte es *pling* und der Groschen war gefallen.

„Bitte was!!!“, brüllte Andi los und wollte schon Chris hinterherstürmen, als ein Gewicht auf seinen Beinen ihn daran hinderte. Wütend sah er hinunter und entdeckte … Joe. Schlafend. Auf seinem … Schoß. Vollkommen baff ließ er sich wieder auf die Couch zurücksinken und sah immer wieder zum Kleineren hinunter. Dieser schien einen sehr festen Schlaf zu haben, denn er war von dem markerschütternden Wutgeschrei Andis nicht erwacht.

„Wahrscheinlich hat er schon nach dem fünften Bier schlapp gemacht…“, stellte Andi für sich fest, ohne zu wissen, dass dieser fast so viel wie er selbst getrunken hatte.

Mühsam versuchte Andi sein Gehirn wieder in Gang zu bekommen und überlegte sich Schritt für Schritt, was als nächstes zu tun war.

Schritt 1:Aufstehen.

Schritt 2: Maschine holen.

Schritt 3: Nach Hause laufen.

Schritt 4:Wieder einpennen.

„Also los.“

Schon sprach Andi sich innerlich Kraft zu und wollte Schritt 1 vollziehen, als er sich abermals der kleinen Gestalt eine Etage tiefer auf seinem Körper bewusst wurde. Eben diese behinderte ihn sehr effektiv an der Durchführung von Schritt 1, was bedeutete, dass er seinen Plan noch einmal überarbeiten musste. Suchend sah er sich nach den anderen aus seiner Clique um und stellte fest, dass diese sich bereits alle aus dem Staub gemacht hatten.

Moment mal… Was hatte Chris gesagt? Er sollte Joe mitnehmen? Dieses kleine Etwas mit zu sich nach Hause nehmen?! WAH! Auf gar keinen Fall. Der konnte gefälligst hier pennen.

Rigoros setzte sich Andi auf und ließ den Kopf des Kleineren auf den Platz sinken, auf dem er selbst bis kurz zuvor vor sich hin geschnarcht hatte. Dann sah er sich suchend in dem noch immer recht stickigen Raum um und versuchte in dem mittlerweile dämmrigen Licht seinen Mantel ausfindig zu machen. Eine Wendung links, eine rechts, drei Schritte vor und Blick zur Seite. Hätte Andi sich nicht selbst bestens gekannt, hätte er sich wahrscheinlich für absolut verblödet erklärt. Mit den Schritten, die er hier vollzog, hätte ein Außenstehender gut und gerne annehmen können, er wolle einen Tango oder Walzer aufs Parkett legen. Nur, dass es hier kein Parkett, sondern knarrende Dielen gab, welche sich auch bemerkbar machten und ihn damit aus seinen Überlegungen rissen. Schnell schüttelte er den Kopf und rieb sich die Augen, da diese nahe daran waren wieder zu zu fallen. Dann sah er sich erneut um und siehe da! Da war er ja! Sein Schmuckstück hatte sich wieder eingefunden. (‚Möööhhhh’)

„Aber… aber…“

Andi begann zu schwitzen. Das konnte doch nicht wahr sein! Jemand … hatte es gewagt …

Rasch trat er wieder zu seinem alten Platz und sah mit funkelnden Augen auf Joe hinab, denn was er zuvor nicht bemerkt hatte, breitete sich nun mit rasender Geschwindigkeit vor seinen Augen aus.

Joe. Mantel. Joe + Mantel = Joe benutzte SEINEN Mantel als Decke! Als ganz einfach kleine schmuddelige Decke!

Joe hatte seine Ehre bzw. die seines Mantels auf schändlichste Art und Weise verletzt. Oh wie war er wütend!!! Mit festem Griff umschloss er seinen Mantel und wollte ihn von Joe hinunterzerren … doch was war das? Er … wollte nicht wie er wollte. Sein Mantel schien sich in Joe verkeilt zu haben. Anders konnte er es sich nicht erklären, weshalb er ihn nicht von diesem kleinen Bengel wegziehen konnte. Doch als er genauer hinsah, erkannte er mit untrüglicher Sicherheit, dass nicht der Mantel ihn verraten hatte.

Nein! Joe, dieser kleine Neuling hielt ihn selbst im Schlaf eisern fest. Und … Scheiße noch mal! Egal wie sehr er zog, er wollte ihn einfach nicht los lassen. Wie konnte man nur so fest schlafen? Selbst als Andi begann an der Schulter des Kleineren zu rütteln, wachte dieser nicht auf.

Was also war zu tun? Sollte er noch weiter an seinem Mantel zerren, würde sein Liebling wahrscheinlich zerreißen. Aber das konnte und wollte er auf keinen Fall zulassen. Er wollte keineswegs an dem Tod seines Mantels Schuld sein, denn das war definitv eine zu schwere Last für sein recht junges Alter. Also musste er wohl oder Übel die schwerste Entscheidung seines bisherigen Lebens treffen. Er musste…das Kerlchen … mit Namen Jonathan William Espada… mitnehmen. Es war zum Heulen!

Aber nicht zu ändern. Vorsichtig, um Joe – nein – seinen Mantel, nicht zu verletzen, trug er sein kostbares Gut zu seinem geliebten Motorrad. Dort lud er das Gepäck auf dem Sitz ab und klappte den Ständer ein. Schon ging es los und in rasantem Tempo trabte Andi gemeinsam mit seinem Motorrad Richtung Heim.



Dort, eine Stunde später, wurde mit tränenfeuchten Augen der Mantel in den Händen des Jungen belassen und dieser wiederum auf eines der Gästebetten gepackt. Gleich darauf wandte sich Andi mit einem schweren Seufzen auf den Lippen seinem eigenen Bett zwei Zimmer weiter zu und ließ sich müde und am Ende seiner Kräfte – da er ja nicht nur sein Bike sondern auch das Gepäck darauf hatte schieben müssen – auf seine weichen Kissen sinken und entschwand abermals ins Reich der Träume. Er verschwendete nicht einmal mehr auch nur einen Gedanken an das tapfer bestehende und dem saugfreundlichen Fußboden trotzende Miniaturmeer in seinem Badezimmer.



Joe wachte mitten in der Nacht auf. Was hatte ihn doch noch gleich geweckt? Sein Magen grummelte noch einmal lautstark. Aha, Problem entdeckt. Aber da baute sich auch schon das nächste Problem höhnisch vor ihm auf. Wo zum Donnerwetter sollte er denn in einer Wohnung, die er nicht kannte, mit einem Bewohner (oder gleich mehreren???) den oder die er nicht kannte, einen anständigen Mitternachtsimbiss herbekommen??! Und zwar Biss im wahrsten Sinne des Wortes!

Da vernahm er leises Geschnarch ein paar Zimmer weiter. Hm, der Bewohner dieser Wohnung schlief, also konnte man es doch eigentlich wagen… Aber was, wenn dieser – offensichtlich männliche – Bewohner plötzlich wach wurde und einen Vampir an seiner Halsschlagader wiederfand?? Doch sein Magen drängte ihn zornig zu dieser Verzweiflungstat. Es war zwar praktisch, schlafende Menschen zu überfallen, doch gern machte er das nicht, da er das Ritual des Bluttrinkens meistens direkt mit dem Ritual des Beischlafes verband…

Müde schwang er seine Beine aus dem Bett, als er merkte, wie etwas schweres Warmes, aber nicht Lebendiges, von ihm runterrutschte. Erstaunt erkannte er Andis Ledermantel wieder, den er sich in der Kneipe zum Zudecken geschnappt hatte. Moment… Andis Ledermantel, eine unbekannte Wohnung… Andi! Der so mürrisch erscheinende Student hatte ihn wohl mit nach Hause genommen. Ein leichtes Lächeln kräuselte Joes Lippen. Sieh an, der Miesepeter schien wohl doch einen guten Kern zu haben…

So fröhlich, wie seine trotz Hunger bleierne Müdigkeit es zuließ, hopste er durch das Wohnzimmer, von dem alle anderen Zimmer abzugehen schienen. Von dort aus ging es weiter zur halb angelehnten Tür, durch die das Schnarchen drang und die mit ziemlicher Sicherheit zu Andis Schlafzimmer führte. Vorsichtig, um den schlafenden Riesen nicht zu wecken, schob Joe die Tür noch ein wenig weiter auf. Er hatte schon zur Genüge schlechte Erfahrungen mit diesen hölzernen Dingern gehabt, als dass er darauf vertraute, dass der Mieter auch darauf achtete die Scharniere anständig zu ölen!

Und tatsächlich, da lag - noch in voller Montur! - Herr Noir – wie Joe ja dank dieses nervigen Dozenten nun wusste – über das ganze Bett ausgebreitet und schlief den Schlaf der Gerechten. Grinsend schlich sich der Vampir ins Zimmer und nahm seine vampirische Gestalt an, die sich ein wenig von seiner menschlichen unterschied, und das nicht nur durch die verlängerten Eckzähne. Seine Haare waren weiß und schimmerten beinahe wie Kristall, die Augen waren weiß, doch Joe wusste, sobald er den ersten Schluck Blut getrunken hatte, wechselte die Farbe zu einem glühenden Blutrot.

Durch sein Grinsen fiel das Mondlicht auf seine Fänge und ließ sie gespenstisch schimmern, doch solange Andi nicht aufwachte, hatte Joe auch nichts zu befürchten. Leise setzte er sich auf die Bettkante und betrachtete den Schlafenden mal ganz in Ruhe. Eine Strähne des langen, seidigen schwarzen Haares war ihm ins Gesicht gerutscht, vorsichtig strich Jonathan sie hinter Andis Ohr. Wenn der sonst so grimmig dreinschauende Kerl so ruhig schlief, dann schien er so sanft wie ein Lamm zu sein.

„Du bist interessant, Andi Noir, sehr sogar. Ich werde dich unter Beobachtung halten…“, flüsterte Joe leise lächelnd, bevor er sich vorbeugte und seine Fänge sanft in Andis Halsschlagader drückte. Sogleich sprudelte der rote Lebenssaft in seinen Mund, gierig trank er die ersten Schlucke. Das Blut des Jungen war gut, sehr gut – zu gut! Genießerisch schloss der Vampir die Augen, er konnte nicht genug davon bekommen. Dass auch Andi viel Alkohol getrunken hatte, machte sich sofort bemerkbar, Joes Kopf wurde immer schwerer und schien wie mit Watte gefüllt, seine Gedanken verlangsamten sich und in ihm machte sich dank Andis Körperwärme und des Alkohols eine wohlige Wärme breit.

Joe kam wieder zu Sinnen, als der große Student anfing zu zucken. Himmel, er hatte schon beinahe einen Liter getrunken!! Erschrocken riss er sich von seinem Gastgeber los und starrte wie hypnotisiert auf die Bisswunde, die sich schon zu schließen begann. Der Vampir schreckte zurück, als sich Andi knurrend auf die andere Seite drehte. Erleichtert atmete er aus. Glück gehabt, er war nicht aufgewacht.

Aber zurück ins Gästebett wollte Joe jetzt auch nicht mehr, inzwischen war es sicher schon ausgekühlt und bei Andi war es gerade so schön warm… Verschmitzt grinsend nahm er wieder sein menschliches Aussehen an, zog seine Klamotten bis auf die Unterhose aus, streifte dem immer so mürrischen Studenten das dunkelrote Hemd vom muskulösen, wenn auch ein wenig blassen Körper, zog die Decke unter dem Schlafenden vor, legte sich zu ihm und deckte sie beide zu. Genüsslich schmiegte er seinen schmalen Rücken gegen Andis breite Brust und legte dessen Arme um sich. Dieser drückte Joe im Schlaf leicht grummelnd an sich und vergrub sein Gesicht an Joes Nacken, was diesem ein Lächeln entlockte. Durch Körperkontakt tauten eben die meisten Eisberge auf, selbst wenn sie sich Andreas Noir nannten…

Es dauerte nicht lange und der kleine Vampir war wieder eingeschlafen.



Grummelnd drehte Andi seinen Kopf in eine andere Richtung. Leise zuckte seine Nase. Irgendetwas kitzelte ihn im Gesicht, und es waren garantiert nicht die Sonnenstrahlen, denn denen war er gerade zuvor durch die mühsame Wendung seines Kopfes ausgewichen. Also was war es dann, was ihn da so juckte? Egal. Erstmal musste er die Augen aufbekommen, dann konnte er immer noch danach forschen.

Langsam wurde erst das rechte und erst zwei Minuten später auch das linke Auge unter größtmöglicher Anstrengung geöffnet. Doch anstatt wie sonst einen direkten Einblick auf seinen neben dem Bett befindlichen Schrank zu haben, versperrte irgendetwas Buntes seine Sicht. Ähm…Buntes?

Schnell rieb Andi sich mit einer Hand den Schlaf aus den Augen und konnte endlich daran gehen, das bunte Etwas genauestens zu analysieren. Nebenbei stellte er fest, dass sein einer Arm unter irgendeinem schweren Körper eingequetscht war. Auf Grund dessen, das er auch noch auf der Seite gelegen hatte, konnte man also darauf schließen, dass er diesen Körper zuvor mit dem anderen Arm umarmt hatte.

Immer noch leicht benebelt vom Schlaf griff er sich mit der freien Hand an den Kopf und dachte angestrengt darüber nach, ob da nicht irgendwas vorgefallen war, von dem er besser wissen sollte. Stück für Stück ließ er den gestrigen Abend noch einmal Revue passieren.

Endlich, nach weiteren anstrengenden 5 Minuten traf es ihn mit einmal wie ein Blitz! Party, gestern, Joe, Freunde, weg, er, nach Hause, mit Joe und Mantel!!! Scheiße aber auch. Er hatte sich dazu hinreißen lassen den Kerl mit zu sich nach Hause zu schleppen. Oh mann. Aber hey! Hatte er das Kerlchen denn nicht ins Gästezimmer verfrachtet? Ja. Ganz sicher sogar. Wie kam es also, dass er das Gefühl hatte, das dieser besagte Kerl, gerade seinen Arm abdrückte? Schnell warf er einen versichernden Blick auf seine rechte Seite und Tatsache: Da lag der kleine Junge und schnorchelte sich gemütlich einen ab, während er seinen Arm wahrscheinlich würde amputieren müssen! Oh nein! So nicht.

Endlich hatte Andi wieder alle notwendigen Sinne beisammen und sein Überlebensinstinkt meldete sich. Nicht, dass der Kleinere wirklich schwer gewesen wäre, aber das hier, dieses gesamte Zimmer, gehörte ja wohl eindeutig zu seiner Privatsphäre!

Mit einem schnellen Zug hatte er seinen lädierten Arm unter dem noch immer schlafenden Körper hervorgezogen, nur um sich dann sofort zu erheben und auf die kleine Gestalt hinunterzublicken. Ein kleines fieses Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Er hatte nicht vor ein Joe auf seinem Bett noch länger zu dulden. Also griff er sein Bettlaken, auf welchem sich der Übeltäter befand, an beiden Enden mit seinen Händen und zog eben dieses mit einem heftigen Ruck nach oben. Dadurch wurde der kleine Joe auf der Stelle vom Bett und Richtung Fußboden befördert und sein schönes schwarzes Bettlaken war befreit.

Aber was war das? Irrte er sich oder hielt es der Jüngere noch nicht mal für nötig auch nur ein Lebenszeichen von sich zu geben?! Nicht mal ein Stöhnen, Brummen oder gar ein leises Piepen war zu vernehmen! Bei Gott schlief der Kerl fest! Das war ja wohl nicht normal. Aber gut. Er sollte sich jetzt wohl lieber nicht aufregen. Andi war nie der Typ gewesen, der sich leicht in Rage bringen ließ – außer er hatte einen Kater.

Zum Glück blieb er von einem solchen meist verschont und somit gelang es ihm auch heute durch tiiiieeeefes Ein- und Ausatmen seine Ruhe zu bewahren. Da er nun recht gut erkannte, dass sich aufzuregen vorerst wohl nichts bringen würde, wandte er sich erstmal wichtigeren Dingen zu.

Im Nu suchte er sich ein paar von seinen Sachen zusammen, die er noch anziehen konnte und nahm sich nebenbei noch fest vor, endlich einmal wieder einen Wasch-Salon aufzusuchen. Da konnte er dann in den großen Maschinen gleich alles auf einmal waschen und da er eh eher nur dunkle Klamotten besaß, konnte er auch gleich alles in eine Trommel donnern, ohne dass er Angst haben musste, wegen Verfärben und so.

Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Bad. Das befand sich zwar nur zwei Türen weiter, gleich neben dem Gästezimmer, in das er den kleinen Joe gestern Abend gepackt hatte. Erst einmal mussten jedoch wie immer ein paar herumliegende Schuhe und Zeitungen überwunden werden. Als er dann vor der Tür angekommen war, besah er sich erstmal in aller Ruhe das vor der Tür liegende Handtuch und fragte sich, ob er es wagen konnte, diese Badetür zu öffnen, ohne zu ertrinken. Denn das Meer, das er ja gestern mutwilliger Weise in seinem Badezimmer aus dem Boden gestampft hatte, war gewiss noch nicht vollkommen versiegt. Doch rasch musste er einsehen, dass es eh nichts bringen würde, wenn er hier noch lange das Handtuch anstarrte. Also trat er mutig wie er war an die Tür heran und öffnete sie mit Schwung.

„Puhh… Schwein gehabt. Bis auf die paar kleinen Tümpel scheint ja fast alles abgelaufen zu sein“, stellte Andi fest, während er durch die Überbleibsel von gestern watete. Unterwegs traf er auch auf die Ameise von gestern, die mit einem scheinbaren Schluckauf an ihm vorbei marschierte, gemeinsam mit einem durchweichten Brotkrümel auf dem Rücken, der wahrscheinlich für die anderen zwei Mitbewohner seiner Art sein sollten. Galant grüßte er den kleinen Untermieter, ehe er sich prüfend im Spiegel des Bades besah und dann zur morgendlichen Wäsche überging. Diese beinhaltete Zähneputzen, Waschen, Abschminken und Anziehen.

Dann, nachdem er kurze Zeit später mit einem alten Wischmopp auch noch die letzten Pfützen entfernt hatte, ging er wieder hinaus und betrat den Weg Richtung Küche. Schließlich musste er schon bald los und hatte vor sich noch etwas einzuverleiben. Doch kaum, dass er die ersten 10 Schritte den Flur entlangmarschiert war, kam ihm eine kleine und mittlerweile recht gut bekannte Person mit Namen Jonathan entgegen. Beide trafen in der Mitte des Weges und somit ziemlich genau vorm offenen Wohnzimmer auf einander und sahen sich, der eine verschlafen, der andere recht aufmerksam, an. Dann, vollkommen überraschend für den schon wieder in schwarz gehüllten jungen Mann, reckte sich der Kleinere nach oben und verpasste Andi einen kleinen Kuss auf die Wange, ehe er mit einem „Danke noch mal für gestern“ weiter in Richtung Bad wanderte.

Leicht verstört und durcheinander sah Andi ihm hinterher ehe er die Schultern zuckte.

„Hat mich wahrscheinlich mit seiner Freundin oder so verwechselt.“

Von diesem Gedanken beruhigt, trat Andi dann endlich in die Küche und machte sich daran einige Brötchen aufzutauen, da er gestern vergessen hatte einkaufen zu gehen. Einem Reflex nach, nahm er noch zwei weitere Brötchen aus dem Gefrierfach heraus und taute auch für Joe gleich welche mit auf. In Gedanken vermerkte er noch, dass er unbedingt noch würde einkaufen gehen müssen.

Wenig später, als Andi schon längst am Frühstückstisch saß und bereits das zweite Brötchen verspeiste, tapste Joe hinein in die Küche und ließ sich seufzend auf einen der drei Stühle fallen. Suchend wurde der Kopf des Kleinen mal in die eine und mal in die andere Richtung gedreht, ehe Andi beobachtete, wie dessen Schultern zusammensackten und der Kopf sank scheinbar enttäuscht nach unten.

„Hinten. Auf der Spüle.“

„Oh!“

Sofort glitt der Blick auf Grund der kargen Worte von Andi hinüber zur Spüle und entdeckte die dort bereit gelegten Brötchen. Mit zwei Schritten war Joe da und ergriff sich das begehrte Essen, ehe er sich wieder an den Tisch setzte und fröhlich damit begann, sich ein Brötchen zu beschmieren.

„Danke“, kam es fröhlich von dem Jungen.

„Kann dich leider nicht verhungern lassen. Über eine Leiche im Keller würden sich einige der Bullen wahrscheinlich auch noch freuen.“

„Äh? Wieso?“, erklang eine recht irritierte Frage seines Gegenüber.

Stirnrunzelnd stützte Andi seinen Kopf auf seine rechte Hand und sah sinnend aus dem Küchenfenster. Eine Minute strich vorüber, ohne dass jemand einen Ton gesagt hätte. Dann jedoch erhob Andi sich abrupt und wandte sich dem Kühlschrank zu. Flugs wurde die nicht länger benötigte Milch, die er hin und wieder recht gern am Morgen trank, wieder weggestellt. Teller und Tasse flogen wenig später in den Abwasch und somit war das noch nicht einmal richtig begonnene Gespräch für ihn offensichtlich beendet.

Man konnte die Neugierde in dem Gesicht des noch immer Sitzenden geradezu ablesen, doch anscheinend ahnte dieser, dass er von Andi nun keine Antwort mehr bekommen würde. Schließlich erhob sich auch Joe langsam und stellte sein Geschirr ebenfalls weg. Zuvor stopfte er noch schnell das letzte halbe Brötchen in sich hinein und sah Andi abwartend an.

„Wir müssen zur Uni. Das nächste Seminar beginnt bald.“

„Nimmst …“, weiter kam Joe gar nicht, denn Andi unterbrach ihn sofort.

„Du hast Beine, oder?“

Stumm wurde genickt.

„Also kannst du genauso gut auch laufen.“

Damit wandte Andi sich um und ging hinaus aus der Küche.

Seine Laune hatte sich gerade noch einmal um drei Grad abgekühlt, da ihm dass mit der Leiche eher unabsichtlich herausgerutscht war. Genauso verfluchte er sich im Stillen dazu, dass er den Kleinen überhaupt mit zu sich geschleppt hatte. Aber daran war nun sowieso nichts mehr zu ändern.

In ein paar Minuten würde er ihn ja wieder los sein. Also zwang er sich abermals zur Ruhe und wollte nach seinem Mantel greifen, der ja immer am Haken im Flur hing, als ihm klar wurde, weshalb er den Knirps mitgenommen hatte.

„EY! Wo ist mein Mantel eigentlich!!!“

Ein Kopf lugte aus dem Wohnzimmer hervor.

„Sofern er nicht aus Angst vor deiner Morgenmuffelei davonspaziert ist, liegt er noch immer im Gästezimmer auf dem Bett“, wies Joe ihm leicht spöttisch die Richtung zum Zimmer wo er in der Nacht erwacht war.

Sogleich stürmte Andi rechts in das Zimmer hinein und konnte auch sofort seinen Lieblingsmantel ganz allein und verlassen auf dem Bett ausmachen. Schnell griff er danach und zog ihn sich über. Endlich hatte er ihn wieder!

Doch nach einem kurzen Blick zur Uhr musste er feststellen, dass es höchste Zeit war aufzubrechen, wenn er nicht schon wieder Ärger mit den Streifenpolizisten von gestern haben wollte.

„Jonathan!“

„Ja?“

„Mach dich vom Acker und verschwinde aus meiner Wohnung.“

„Hä?“

Irritiert sah Joe zu Andi. Es schien beinahe, als könne er die harschen Worte des Schwarzhaarigen nicht so ganz verarbeiten.

„Hast du was in den Ohren? Wenn du dich nicht baldigst auf die Socken machst, kommst du mit Sicherheit zu spät – auch ohne Prügelei.“

Mit diesen Worten wurde Joe bestimmt aus der Wohnung geschoben und nach einem letzten Griff zum Motorradhelm war die Haustür auch schon verschlossen worden.

„Also dann, man sieht sich“, rief Andi noch, ehe er schnell zu seinem Bike hinunter ging, sich drauf schwang und beinahe ohne tiefergehende Gewissensbisse in Richtung Uni fuhr.

„Der Kleine soll sich bloß nicht beschweren. Ich lasse nie jemanden auf meine Maschine und schon gar keinen, den ich nicht bis ins kleinste Detail kenne. Der kann froh sein, dass ich ihn gestern mit zu mir genommen habe“, grummelte Andi vor sich hin, um seine doch ab und zu zwickenden Gewissensbisse zu beruhigen.



Teil 6

Währenddessen stand besagter Kleiner immer noch vor Andis Wohnungstür und starrte dem Davonbrausenden hinterher. Das… Das…war doch nicht wahr!!! Hallooo??!! Wie sollte er denn von hier zur Uni finden?! Dass Andi auf seinem Bike gerade um die nächste Ecke verschwand, half da auch nicht gerade maßgeblich weiter!! Das gabs doch nicht! Einfach so stehen gelassen zu werden!

„Auweia, hab ich nachgelassen… Vor zweihundert Jahren wäre mir das nicht passiert… Naja, was solls… ABER EINS SAG ICH DIR, SEÑOR NOIR, SO LEICHT GEBE ICH NICHT AUF!!!“

Dass ihn ein paar Passanten darauf hin merkwürdig ansahen und leise tuschelnd und über die Schulter zu ihm zurückschielend weitergingen, störte ihn nicht. Und schon war die Wut auch schon verraucht. Verzweifelt ließ er seinen Kopf hängen. Moment mal, was waren denn das für Klamott- Ach so. Er hatte sich ja gestern noch, bevor er sich mit den Studies getroffen hatte, mit einem Typen ‚vergnügt’ und sich von dem ein paar Klamotten ‚geborgt’. Natürlich auch noch ein bisschen Blut, aber das war ja nun wirklich nicht viel gewesen.

Seufzend trabte der Vampir los. Es waren nur noch zehn Minuten, bis das erste Seminar heute begann und bei seinem superschlechten Orientierungssinn, naja, da konnte das schon mal etwas problematisch werden…

Und so kam es auch, wie es kommen musste. Jonathan Espada plus neue Stadt, das konnte nun mal nicht gut gehen. Letztendlich fand er sich an einem großen Springbrunnen mitten im Sonstwo wieder und nun hatte er überhaupt keinen Plan mehr. War er überhaupt noch in Z.?? Hilfee!! Verwirrt drehte er sich von links nach rechts, von Westen nach Osten – oder von Osten nach Westen?? – und er hätte sich auch sicherlich von oben nach unten gedreht, wenn dies der Lösung seines Orentierungsproblems zuträglich gewesen wäre. Doch er konnte sich drehen und wenden wie er wollte, er wusste nicht mehr, wo er war. Als wenn das jemals der Fall gewesen wäre…

„Hallo, hast du ein Problem?“

„Hä?“

Verwirrt drehte sich Joe zu der unbekannten, aber nicht unangenehmen Stimme um. Hinter ihm stand ein Mittzwanziger, relativ schlank, aber noch lange nicht so gutaussehend, wie Andi es war, auch nicht so groß. Die Haare des Fremden waren blond mit… Oh. Mein. Gott. Der Typ hatte aliengrüne Haarspitzen und trug spiky hair!! Hallo??! Den Friseur sollte man verklagen!

„Naja, wie mans nimmt… Wo ist die Uni?“

Der Fremde lachte fröhlich.

„Kommt drauf an, welche Uni du meinst…“

„Wie viele gibt es denn?!“

„Naja, so an die fünf, sechs werdens schon sein! Also?“

„Ähhh…“

Verdammt noch mal, wie hieß denn diese verdammt Uni noch gleich?! Aargh!!

„Also, die Uni sieht von außen… ähh… naja… Also ich glaube, dass sie von außen u-förmig war, wobei der mittlere Teil etwas, naja, ein ganzes Stück größer war als die Außenflügel, tja, riesige Fenster, das Haus ist etwa fünf Stockwerke hoch, Altbau mit Modernisierungen… Schnörkel und sonst für’n Kitsch überall, tja, bringt dir das was?“

„Klar, die Uni kenn ich. Das ist die Schiller-Goethe-Universität. So ziemlich die größte Uni, die hier existiert. Donnerwetter, nicht übel, musst ja ziemlich intelligent sein, wenn du da rauf gehst.“

Und der Typ lächelte sehr charmant. Naja, vielleicht war diese Panne mit den Haaren ja keine Absicht gewesen.

„Kannst du mich hinbringen? Ich hab’n echt schlechten Orientierungssinn“, grinste Joe verschmitzt und schaute dem Kerl direkt in die Augen.

„Gern, aber nur unter einer Bedingung!“, antwortete der Fremde und beugte sich nah an den Vampir heran.

„Verrate mir deinen Namen.“

„Na wenn’s weiter nichts ist, ich heiße Jonathan. Die meisten nennen mich Joe.“

„Freut mich, dich kennen zu lernen, Joe. Mein Name ist Ricardo. Nun denn, wollen wir?“

Und da traute Joe seinen Augen nicht. Der Typ – Ricardo – bot ihm doch tatsächlich den Arm an!! Naja, warum nicht, mal sehen, was draus werden würde…

Ricardo führte den Vampir durch die Stadt, hier durch ein ruhiges, romantisches Gässchen, und dort unter blühenden Obstbäumen entlang… Irgendwie hatte Joe den leisen Verdacht, dass Ricardo ihn nicht auf direktem Wege zur Uni brachte… Naja, auch egal, kam er eben wieder zu spät. Eigentlich hatte er ja heute vorgehabt, einen Platz in Andis Nähe zu ergattern, aber das konnte er nun abschreiben. Und dieser Ricardo quasselte wie ein Wasserfall!! Von seinem Friseur, was er beruflich machte – Designer, oi! Wer hätte das gedacht?! – und so weiter, und so fort. Allein das Laufen hielt Jonathan vom Einschlafen ab.

„So, da sind wir!“

‚Na endlich!!’, dachte Joe. Da war ihm der einsilbige, etwas mufflige Andi doch tausendmal lieber!

„Vielen Dank für’s Herbringen, vielleicht sieht man si – hmmmhpfh!“

Entsetzt ruderte Joe mit den Armen und versuchte, den ihn – wenn das noch ginge – zu Tode knutschenden Ricardo wegzudrücken, was ihm nach ein paar vergeblichen Versuchen auch gelang.

„Was soll denn das?! Ich bin nicht an dir in – hmmpfhh!!!“

Und schon wieder. Doch als dieser widerliche Kerl auch noch versuchte, seine Zunge in Joes Hals zu stopfen, war’s dem zuviel. Mit einem einzigen Ruck rammte er sein Knie heftig in Ricardos Schritt, dass es diesem schwarz vor den Augen wurde und er nach Luft schnappend zusammensackte.

„Ich kann sowas nicht ab, merk dir das! Widerliches Schwein.“

Mit einem kalten Schnauben wandte sich Joe ab und rannte zur Uni. Am liebsten hätte er sich jetzt in irgendjemandes Arme verzogen und geheult. Das war ja eine Fast-Vergewaltigung gewesen! Und gesabbert hatte der Kerl auch noch! Igitt!!! Den Tränen nahe wischte sich der Vampir mit dem Handrücken immer wieder über den Mund. Igittigittigitt!!!!

Sobald er im Unigebäude war, preschte er zu den Männerklos und warf sich dort das Wasser mit vollen Händen ins Gesicht, spülte seinen Mund immer wieder aus und konnte sich nicht beruhigen. Seine Verzweiflung schlug in hemmungslose Wut um und dann in verdammt schlechte Laune. Okay, er war jetzt schon zu spät, da machten die paar Minuten auch nichts mehr aus.

Langsam und bewusst atmend lehnte er sich gegen die kühle Wand und bemühte sich um seine Fassung. Er spürte, wie sein vampirisches Bewusstsein tobte, am Liebsten hätte er diesen Kerl in der Luft zerrissen, doch das konnte er sich nicht leisten. Nicht in seiner neuen Stadt. Noch nicht. Vielleicht, wenn er ging, dann suchte er diesen Schleimer und machte ihn kalt. Ohne sein Blut zu trinken.

Durch diesen Gedanken befriedigt, doch immer noch schlecht gelaunt, marschierte Joe in den Hörsaal hinein, dieser verdammte Dozent wollte schon wieder loswettern, doch er brachte ihn mit einem einzigen Blick zum Schweigen. Betont ruhig setzte er sich und sah Andi nicht mal mit dem Allerwertesten an. Der war ja schließlich schuld!!



Ein Krachen ertönte. Gelangweilt sah Andi von seinem Block auf. Oh. Er war endlich da. Oh Wunder, dass der Kerl überhaupt noch hier eingetrudelt war.

Ein Blick auf die Uhr folgte.

Nach immerhin … ja, doch…50 Minuten. Boah. Geil! Der helle Wahnsinn!

Die Augen verdrehend widmete Andi sich wieder seinen Unterlagen, die er bis eben mit dem unsinnigen Gelaber des derzeitigen Dozenten vollgeschrieben hatte. Es mochte ja sein, dass Herr Schiller recht nervig war, aber der hier! Andi schüttelte missmutig den Kopf. Der war wirklich das Allerletzte. Verdammt noch mal, der schien überhaupt keinen Durchblick zu haben. Er hielt sich weder an das Thema der Stunde noch an die Geschichte im Allgemeinen. Immerhin stand die Auswirkung der französischen Revolution auf die deutsche Literatur auf dem Plan. Wenn man bedachte, dass der Germanistikbereich dieser Universität sehr stark mit dem Geschichtsbereich zu tun hatte, war das Gelaber des Herrn dort vorne wirklich nicht auszuhalten. Immerhin brachte er regelmäßig alle möglichen Daten durcheinander!

Aber gut, bald würden sie es ja alle hinter sich haben und dann würde er sich schnellstens aus dem Staub machen. Immerhin hatte er keinen Bock darauf in der Nähe zu sein, wenn Chris erfuhr, dass er den Kleinen, der ihn da vorne so offensichtlich ignorierte, nicht auf seinem Bike mitgenommen hatte. Und er würde es mit Sicherheit erfahren! Er hatte schon längst bemerkt, dass Chris den Kleinen irgendwie ins Herz geschlossen hatte. Das war einfach nur…ätzend. Absolut ätzend und nicht auszuhalten. Zudem hatte er den nicht zu verachtenden Blick des Kleineren bemerkt. Mann was war der Dozent da vorn zusammengezuckt! Joe schien demnach nicht gerade erfreut über seinen ‚Spaziergang’ gewesen zu sein. Na und? Was interessierte ihn das? Er war nur froh, dass der Typ da vorne für zwei Minuten mal die Klappe gehalten hatte. Nein wirklich! Da brauchte er sich doch nun wirklich keine weiteren Gedanken darüber machen, dass er ihn ja vielleicht doch hätte mitnehmen sollen, oder? Immerhin hatte er den Weg ja anscheinend recht gut gefunden.

Er sollte bloß zusehen, dass er schnellstmöglich das Weite suchte, wenn die zwei, Chris und Joe, sich miteinander unterhielten. Und das würden sie!



Tatsächlich. Sobald das Seminar beendet war, machte Andi sich auf den Weg zu seinem Lieblingsplätzchen und schlängelte sich geschickt vorbei an allen Leuten, die ihm gefährlich werden konnten. Gleich nachdem Andi erfolgreich die Tür passiert und wieder geschlossen hatte, erhob sich Chris von seinem Platz und trat locker zu dem Neuen hinüber. Immerhin wollte er wissen, ob Andi ihn auch gut behandelt hatte.

„Morgen Joe!“, meinte Chris gut gelaunt.

„Morgen Chris“, grummelte Joe zurück.

„Und? Wie lief’s mit Andi?“, erkundigte er sich neugierig.

„Na ja … er hat mich herlaufen lassen.“

„Bitte was?!“

„Hast schon richtig gehört.“

„Aber…er hat dich doch mit zu sich nach Hause genommen, oder?“

„Na ja, das schon… Er hat mich sogar noch frühstücken lassen. Aber dann war’s auch schon mit der Gastfreundschaft vorbei.“

„Das gibt’s doch nicht. Ich meine … schon klar. Er nimmt nie jemanden mit auf seiner geliebten Maschine. Aber ich hatte gehofft … na ja … dass er dich vielleicht wenigstens netterweise mit hierher begleitet. Immerhin bist du ja noch fremd in dieser Gegend. War das denn kein Problem für dich?“

„Hrm… Mehr oder weniger. Nachdem ich sonstwo gelandet war, hat mich so’n komischer Typ aufgegabelt, quer durch sämtliche Single – Parks oder was weiß ich geschleppt, mich kurz vor der Uni noch halb vergewaltigt … aber egal.“

„Uff… Ok. Ich muss sagen, das war nicht gerade ein toller Start in den Tag. Ach ja… Was ich dich ja auch noch fragen wollte! Wo wohnst du denn eigentlich momentan?“

„Momentan? Irgendwo im Nirgendwo.“

„Wie jetzt? Soll heißen…du…hast dir den Straßennamen noch nicht merken können, oder?“

„Nö. Eigentlich soll das heißen, dass ich seit gestern aus meiner Wohnung raus geflogen bin.“

„Wie? Und was machste jetzt? Kennste irgendwen, bei dem du unterkommen könntest?“

„Ach ja…schon. Ich habe mir schon die eine oder andere Brücke näher angesehen. Hoffentlich haben die Ratten nicht all zu sehr was dagegen, wenn ich mich da breit mache.“

„Aber das kannst du doch nicht machen! Das ist Wahnsinn! Vor allem nachts. Weißt du eigentlich was hier in der Gegend so für Typen abends rum laufen?“

„Dazu bin ich noch nicht lang genug in der Stadt. Aber so schlimm wird’s ja wohl nicht werden.“

„Nein. So geht das auf gar keinen Fall. Arbeitest du schon irgendwo nebenbei…?“

„Nee. Ich wollte mich erst hier einleben. Aber wahrscheinlich werd’ ich in der nächsten Zeit die Augen offen halten.“

„Das ist natürlich Mist. Ansonsten hättest du dich nämlich eventuell bei Stef, Karin oder Tini einquartieren können. Die suchen noch nen’ WG – Mitglied oder einfach nur einen weiteren Mitbewohner, der ein wenig was zur Miete beisteuern kann.“

Überlegend setzte Chris sich zu Joe und grübelte, wie er dem Neuen am Besten würde helfen können. Seine eigene Wohnung war zu klein. Die hatte nur ein Zimmer!

„Mach dir da mal keine Sorgen. Ich komme schon irgendwie klar. Bis jetzt bin ich das ja auch immer. Beziehungsweise die letzten zwei- bis dreihundert Jahre“, murmelte Joe resigniert vor sich hin.

„Ja klar. Mag ja sein, dass du, seit du bei deinen Alten ausgezogen bist, recht gut zu Rande gekommen bist, aber das kann doch…“

Grübelnd sah Chris an die Decke und wartete auf den rettenden Einfall.

Genau in diese gemütliche Stimmung platzte eine knarrende Tür und zwei Augenpaare richteten sich auf die Tür zum Seminarraum. Als Chris Andi sah, wie dieser da so gelassen in den Raum trat, kam ihm die zündende Idee. Immerhin hatte der doch zwei Gästezimmer. Ok. Das eine hatte kein Bett und diente eher als Abstellkammer, aber das andere…

Joe konnte das Glitzern in den Augen seines Gesprächspartners sehen und ahnte, dass dieser gerade eine Eingebung erhalten hatte. Mit einem weiteren Blick auf Andi stellte er jedoch fest, dass ihm diese sicher nicht gefallen würde.

„Ohhhh… nein! Nein nein nein nein! Bist du wahnsinnig?! Da könnte ich mich ja gleich begraben lassen!“, protestierte Joe in einem entsetzten Flüsterton.

„Ohhhh… doch! Doch doch doch doch! Er hat immerhin noch was bei dir gut zu machen! Niemand … aber wirklich niemand, ist so gemein und lässt einen, der sich in dieser Stadt noch nicht auskennt, allein herumwandern. Zumal du so was wie sein Gast warst. Immerhin hättest du ja wirklich vergewaltigt werden können!“, meinte Chris ebenso leise und blinzelte zu dem Kleineren.

„Du willst ihm das doch nicht etwa auf die Nase binden!? Hey!!“

Doch da war Chris schon längst aufgestanden und auf direktem Weg zu Andi.

Über den Rücken blickend meinte er jedoch noch: „Keine Sorge! Ich habe andere Mittel, ihn zu überzeugen!“

Mit den Augen noch einmal in die Richtung des erschrocken dreinblickenden Joes zwinkernd, wandte er sich nun seinem neuen Gesprächspartner ein paar Schritte von ihm entfernt zu.

„Na Andi! Gut nach Hause gekommen?“

Chris beschloss das gesamte Gespräch ruhig anzugehen.

„Nach Hause?“

Ein mörderischer Blick seitens Andis war die Antwort.

„Ja. Das war meine Frage.“

Nur nicht vom rechten Weg abdrängen lassen.

„Hör mal gut zu … mein … Freund…!“, knurrte Andi, während er mühsam versuchte, seine wieder aufkommende Wut von gestern im Zaum zu halten. Das ‚Freund’ wurde übermäßig betont, so dass kein Zweifel bestand, dass Andi diese Bezeichnung nicht unbedingt ernst meinte in diesem Augenblick.

„Erstmal…überredest du mich, an einem Montagabend zu dieser Feier zu kommen. Gut. Damit kann ich noch leben. Aber dann lädst du auch noch diesen kleinen … ich-weiß-nicht-wie-ich-ihn-genau-nennen-soll-Jungen ein und dann! … zu guter Letzt bleibt der Kerl auch noch auf mir hängen! Im wahrsten Sinne des Wortes ‚hängen’. Nachdem du dich gestern nämlich so schnell vom Acker gemacht hast! … habe ich festgestellt, dass dieser Jonathan William Espa-irgendwas halb auf meinem Schoß eingepennt ist. Er hat keinerlei Anstalten gemacht aufzuwachen. Mein Mantel ist als gewöhnliche Zudecke missbraucht worden! Er ist bei dem Befreiungsversuch fast zerrissen worden! Ich musste ihn, meinen Mantel, also samt Anhang mit nach Hause nehmen! In der Nacht! Zu Fuß! Auf meiner Maschine!“

„Oho.“

„Ja. Oho! Aber das! … war noch nicht mal das Schlimmste! Er erwartet auch noch von mir, dass ich ihn mit hierher fahre! Als wenn ich nicht schon nett genug gewesen wäre, ihn nicht einfach in der Bar zu lassen!!!“

„Klar. Das ist natürlich ganz schlimm“, meinte Chris sarkastisch.

„’knurr’“

„Meine Güte! Komm wieder runter! Als wenn es so schlimm wäre, ab und zu mal wem einen Gefallen zu tun. Du hast dich doch sonst auch nicht so“, warf Chris irritiert ein.

„Ja. Mag sein. Aber dieser Kerl der…der…hrmmmm!!!“

Ok. Gut. Chris sah ein, dass er mit Nettigkeiten hier nichts erreichen würde.

Also Frontalangriff.

„Tjaaaa… Es ist wirklich sehr schade, dass du ihn anscheinend nicht besonders leiden kannst. Da ist es ja umso besser, dass er ab heute bei dir pennen wird. Da habt ihr ja gleich die Gelegenheit, euch mal besser kennen zu lernen. Ei wie wird das schön. Ihr könnt dann jeden Morgen gemeinsam zur Uni kommen, euch jeden Tag gegenseitig auf die Nerven gehen, streiten immerzu. Mann, wie hast du’s dann gut.“

Leicht…gut…schwer bedröppelt sah Andi auf den etwas Kleineren hinunter.

„Wovon.Zum.Donner.Redest.Du.Da.Chris?“

„Na ja. Der Kleine hat seit gestern kein zu Hause mehr. Er ist aus seiner Wohnung geflogen und braucht ein Dach über dem Kopf. Bei den anderen geht das nicht, weil er keinen Job hat, um Miete zu zahlen. Und da du so eine große Wohnung hast, wäre es das Beste, wenn er erstmal zu dir zieht.“

„Das ist nicht dein Ernst“, stellte Andi ziemlich sachlich und mit vor der Brust verschränkten Armen fest.

„Oh doch. Immerhin musst du dein Verhalten von heute Morgen wieder gut machen. Es war nicht gerade nett, ihn allein durch eine fremde Gegend tapsen zu lassen.“

„Was denn? Er hat einen Mund, dachte ich! Also kann er gefälligst nach dem Weg fragen!“

„Hat er auch. Und weißt du was? Er ist leider Gottes an einen recht üblen Kerl geraten, der ihn fast vergewaltigt hätte. Er hätte dabei draufgehen können und dann wärst du Schuld gewesen“, übertrieb Chris das Geschehene maßlos.

Andi konnte nur die Augen verdrehen ob diesem sinnlosen Gespräch.

„Chri-is.“

„Ja?“

„Gib’s auf. Du schaffst es nicht mir Schuldgefühle einzureden. Das ist zwecklos. Belaber jemand anderen. Zu mir kommt er nicht. Diskussion beendet.“

Damit ging Andi an Chris vorrüber, ohne ein weiteres Wort mit ihm zu wechseln. Als er an Joe vorbeischritt, sah dieser kurz mit diesem ich-habs-ja-geahnt-Blick zu ihm auf, ehe er demonstrativ in eine andere Richtung blickte. Andi sah ihn seinerseits ebenfalls nur kurz an und ignorierte erfolgreich dieses kleine nervige Etwas namens Gewissen. Doch schon war der Augenblick vorbei und Andi setzte sich wieder auf seinen Platz in einer der obersten Reihen des Saales.



Teil 7

Joe hatte Andi den Rest des Tages so gut es ging ignoriert. Chris hatte ihm schon gebeichtet, dass er bei dem schwarzhaarigen Studenten nichts hatte erreichen können, doch der Vampir hatte es schon in dem Augenblick gewusst, als Andi so kühl an ihm vorübergegangen war, denn dieser menschliche Eiswürfel war nicht wirklich der Typ, der sich im nächsten Moment umdreht und ‚Reingelegt!’ ruft. Er mochte vielleicht einen verdammt anständigen Körperbau vorweisen können, doch mit seinem Charakter sah das ganz anders aus.

Naja, ändern konnte man es ja jetzt nicht mehr. Entweder Menschen waren sich sympathisch oder eben nicht. Zwischen ihnen beiden schien es jedenfalls nicht geklappt zu haben. Und zwar in jeder Hinsicht.

Resigniert stocherte Joe in seinem Essen herum, als eine bekannte Stimme ihn aufhorchen ließ. Er brauchte nicht einmal den Kopf, der auf seinem linken Arm ruhte, zu heben, um zu wissen, dass Andi samt seinem hundertköpfigen Fanclub die Mensa bertreten hatte. Verständlich war’s ja, ein Neuer, der noch dazu so ungewöhnlich aussah wie er selbst, der hatte einfach keine Chance in eine feste Clique hinein zu kommen.

Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie Andi und Konsorten sich ihr Essen an der Theke holten und sich ein paar Tische entfernt hinsetzten. Ihm entging auch nicht, dass die zwei Jungs, die vorher an eben jenem Tisch ihr Mittagsmahl verputzt hatten, stillschweigend Platz machten und sich an einen anderen Tisch setzten.

Chris und die anderen hatten ihn nicht mal bemerkt. Von Andi ganz zu schweigen. Naja, solange man noch Neuer war, gab’s immer ein paar Interessierte, aber er schien den Erwartungen wohl nicht gerecht zu werden, wenn er ihnen schon am zweiten Tag dermaßen am Arsch vorbei ging. Okay, Chris hatte sich ja bemüht, aber es war eben umsonst… Was hatte er denn erwartet?! Blumen? Spaliere? Ordensverleihungen für den coolsten fast dreihundertjährigen Vampir der Geschichte?! Traumtänzer…

Joe vergrub sein Gesicht in seinen Armen. Das Essen konnte ihm auch gestohlen bleiben, es schmeckte eh nach nichts. Missmutig sah er zu, wie eine Vogelmutter ihren Jungen Fressen brachte. Die hatten’s gut, noch umhegt und umpflegt von Mum und Paps, irgendwann wurden die kleinen Federbällchen flügge, und dann gründeten sie schon ihre eigene Familie… So simpel hätte sein Leben auch verlaufen können. Aber nein, dieser Idiot von Freund seiner Mutter hatte ihn ja unbedingt zum Vampir machen müssen. ‚Deine Schönheit soll bis in alle Ewigkeit währen!’, bah! Sein Aussehen half ihm auch nicht weiter. Besser wäre ‚Dein Reichtum soll bis alle Ewigkeit währen!’ gewesen, aber er wurde ja nie gefragt…

Egal. Bei Andis Tisch wurde es unruhig, Waren die etwa schon fertig? Anscheinend, denn sie trabten einer nach dem andern oder in Träubchen zur Geschirrrückgabe. Nur Andi schien irgendwie zu bummeln. Er trank noch in aller Seelenruhe aus seiner Tasse – weiß Gott was da drin war, dass er es so genoss – und reagierte nicht auf die drängenden Zurufe seiner Kumpanen. Aber was interessierte es ihn denn?

Jonathan sah wieder aus dem Fenster. Wo sollte er denn nur unterkommen?!

„Jonathan.“

Erschrocken zuckte er vor der tiefen Stimme zurück und drehte sich um. Neben ihm stand Andi, die Hände auf dem Tisch abgestützt, und sah ihn an.

„Was hab ich denn nun schon wieder angestellt, hä?“, fragte Joe seufzend und überhaupt nicht in der Laune, sich mit dem Großen auseinander zu setzen.

„Meinetwegen.“

„Deinetwegen was?“

„Du kannst meinetwegen bei mir übernachten. Aber nur eine Woche gratis, kapiert? Danach bist du entweder verschwunden oder hast dir einen Job gesucht und bezahlst mit Miete. Ich bin schließlich kein Obdachlosenhaus…“

„Ähmmm… Okay. Ich…krieg das schon irgendwie hin. Versprochen!“

„Gut. Dann sind wir uns einig. Komm nach dem nächsten Seminar zum Uni-Ausgang. Wir holen deinen Kram ab und bringen den Krempel zu mir. Diesmal begleite ich dich. Sonst verläufst du dich eh wieder.“

„Da gibt es nur ein kleines Problem…“

„Und das wäre?“

„Ich komm’ nicht mehr in die Wohnung rein. Ich hätte sie schon gestern Abend geräumt haben müssen…“

„Und was hattest du dann auf der Feier zu suchen?“

„Ähm, Spaß haben, mich betrinken, eventuell Bekanntschaften schließen? Ich bin neu hier und kenne keinen Schwanz…äh…Person…“, stotterte er hochrot. Andi zog nur eine Augenbraue hoch.

„Sollte es Probleme geben…bekomm’ ich das schon hin. Der Schrank wurde noch nicht geboren, an dem ich nicht vorbeikomme.“

„Werden die nicht gezimmert?!“

„Mann bist du witzig!“, meinte Andi augenverleiernd.

„Ich weiß“, grinste Joe vergnügt. Dass er dem Großen am liebsten um den Hals gefallen wäre, band er ihm wohl besser nicht auf die Nase. Und dass die Sache mit dem ‘Unter Beobachtung halten’ geschmeidiger von statten ging als erwartet, störte ihn nicht im geringsten.



Es war bereits später Nachmittag, als auch das letzte Seminar für diesen Tag besucht war und Andi erhob sich seufzend von seinem Sitzplatz. Zwar waren die letzten zwei Stunden unterhaltsamer gewesen als die vorigen, dennoch konnte er es nicht mehr erwarten endlich auf seiner Maschine zu sitzen. Aber halt! Da war doch noch was! Jonathan.

Er wollte mit ihm ja noch dessen Zeug abholen. Mit einem flüchtigen Seufzen auf den Lippen machte sich Andi auf den Weg nach unten. Auf einem der zahlreichen Parkplätze fand er dann auch sein geliebtes Baby und keinen Schritt entfernt stand auch schon Joe. Dieser hatte ein anderes Seminar zum Thema Geschichte besucht, da er das seinige schon kannte. Somit hatte er bereits einige Minuten vor Andi Schluss gehabt und stand nun abwartend bei dessen Bike.

Prüfend besah Andi sich noch einmal seinen neuen Mitbewohner. Er ging einfach mal davon aus, dass er ihn weder bestehlen, noch im Schlaf über ihn herfallen würde. An und für sich, fand er sich immer mehr mit der neuen Situation ab. Während er einige Stunden zuvor in der Mensa gesessen hatte, war ihm sofort Joes Gesicht aufgefallen. Dieser hatte einige Tische weiter als er und seine Kumpels gesessen und Trübsal geblasen. Irgendwie hatte er Andi in diesem Augenblick Leid getan. Er hatte sich daran erinnert, wie er sich damals gefühlt hatte, als er neu in der Stadt gewesen war. Hätte er damals nicht auch Starthilfe bekommen und so gute Freunde wie Chris, Stef und Line gefunden, wäre es mit ihm wohl steil bergab gegangen.

Es änderte auch nichts, dass er den Jungen teilweise etwas nervig fand. Er hatte eingesehen, dass es besser wäre ihm zu helfen, anstatt sich noch weiterhin mit dessen trauriger und mit Chris’ beschuldigender Miene herumzuschlagen. Wenn er ihn nebenbei noch vor dem Bettelstab retten konnte, war ihm das auch Recht.

Somit ging er frischen Mutes weiter in Richtung des Kleineren.

Dort angekommen wandte er sich an Joe und forderte ihn dazu auf, ihn zu seiner alten Behausung zu führen. Dass dies bei dessen recht schlechtem Orientierungssinn relativ schwierig war, ist leicht vorstellbar. Doch nach ungefähr einer Stunde, in der sie mindestens zwei mal im Kreis gelaufen waren, 5 falsche Abzweigungen ausprobiert hatten und Andi letztlich einen der Passanten hatte befragen müssen, kamen sie doch noch an.

Es handelte sich um eine eher heruntergekommene Gegend mit etwas baufälligen Gebäuden. Wenn man diese mit viel Geld sanieren würde, könnte dies allerdings zu einem der besten Viertel der Stadt werden. Überall an den alten Häusern befanden sich Stuckarbeiten und hin und wieder entdeckte man auch eine schöne alte Figur aus Barocker Vorzeit in einer etwas größeren Nische eines Hauses. Waren die meisten Gebäude früher noch recht farbenfroh gewesen, strahlten sie heute nur noch Kälte aus. Grau reihte sich an Grau und der Gesamteindruck war eher mit ‚kläglich’ als ‚ausreichend’ zu bewerten.

In einem der kleineren Mietshäuser hatte Joe bis jetzt gelebt. Es war, wie alles andere hier, schon recht verfallen und an mehreren Stellen kam bereits der Putz herunter. Im Hausflur selbst befand sich ein noch sehr altes und aus Holz geschnitztes Treppengeländer, bei dem man befürchten musste, dass es bei Belastung zu Staub zerfiel. Andi hatte zuerst Bedenken, seine geliebte Maschine in dieser Gegend auf offener Straße stehen zu lassen, doch er hatte keine andere Wahl, denn immerhin hatte er ja vor, die Sachen des Kleineren mit zu tragen. Er wusste zwar nicht, was da auf ihn zukam, aber er hoffte einfach mal, dass er hier keine Schränke aus Massivholz irgendwo hin zu schleppen hatte.

Als sie dann endlich vor der Wohnungstür des Kleineren angekommen waren, war diese jedoch verschlossen, so dass sich schon einmal das erste Problem vor ihnen auftat: Wie reinkommen?

„Und was nun? Einbrechen werde ich das Ding nicht. Sonst darf ich morgen einsitzen.“

„Nee, lass mal. Hast du irgendwas Spitzes?“

„Was denn? Glaubst du ich schlepp ständig nen Dietrich mit mir rum?“

Ein Seufzen ertönte als Antwort, während Joe erst in seiner linken und dann in seiner rechten Hosentasche herumfischte, ehe er sich eine Nadel herausangelte. Es handelte sich um eine einfache Sicherheitsnadel mit der er ein wenig im Schloss herumfummelte. Was er da genau tat, konnte Andi jedoch nicht genau erkennen, da Joe ihm mehr oder weniger die Sicht versperrte. Mit einmal ertönte dann jedoch ein Klicken und die Tür war offen.

Zwar wusste Andi, dass dies durchaus unangebracht war, dennoch breitete sich in ihm ein leises Gefühl der Bewunderung aus. Immerhin konnte nicht jeder so schnell ein Schloss knacken. Andererseits wollte er auch gar nicht wissen, wo der Kleinere das gelernt hatte.

Langsam trat er hinter Joe in dessen ehemalige Wohnung ein. Während er sich noch umsah, schnappte Joe sich eine nahe gelegene Reisetasche und stopfte seine wenigen Habseligkeiten hinein. Unter anderem die Hose, die er bei seiner ersten Begegnung mit Andi angehabt hatte, seine zwei ausgeleierten Sweatshirts, Bürste und Zahnbürste - die Zahnpasta war eh alle – sowie ein in einen alten Stoffstreifen eingewickeltes Etwas.

Schon nach fünf Minuten hatte der Kleinere alles eingepackt. Nun doch etwas irritiert sah Andi auf die kleine Tasche in Joes Händen.

„Gut. Meinetwegen können wir los.“

„Wie jetzt? Das ist alles?“

„Klar. Mehr hab ich nicht.“

„Mann. Da hat ja selbst ne Ratte mehr Gepäck als du.“

„Danke für das Kompliment“, meinte Joe ironisch.

„Hey. War nicht so gemeint.“

Abwehrend hob Andi die Hände, ehe er mit einem letzten verwunderten Blick durch die Wohnung von Joe wieder Richtung Ausgang marschierte. Dort baute sich allerdings ein weiteres Problem vor ihnen auf. Der Vermieter.

„Hey! Was soll das hier?!“, fragte dieser erbost.

Andi sah ihn von oben herab an. Der Kerl war ein Stück kleiner als er selbst und überaus dick – um nicht das Wort ‚fett’ zu verwenden. Das wäre schließlich nicht sehr nett. Und Andi blieb fast immer höflich.

„Keine Ahnung. Wir haben nur ein paar Sachen von ihm“, Andi deutete auf Joe hinter ihm, „abgeholt.“

„Nichts da. Dazu hatte er gestern Zeit. Heute hat er keinerlei Recht mehr dazu. Alles wieder reinstellen aber flott.“

„Tz tz. Heißt das Wort mit doppeltem ‚t’ nicht anders?“

„Halt die Schnauze. Und du, kleiner Wicht, stellst sofort das Zeug ab. Danach verschwindet ihr hier beide auf der Stelle. Oder ich rufe die Polizei.“

Andi sah interessiert und demonstrativ auf seine Fingernägel, während er sich an den Tührrahmen anlehnte und eher gelangweilt den Worten des Vermieters lauschte. Derweil schwieg Joe hinter ihm beharrlich, als würde er es nicht wagen die ‚Unterhaltung’ zu unterbrechen.

Dann jedoch ward es Andi genug und er unterbrach mit ruhiger Stimme das Gelaber des Vermieters.

„1.Haben Sie keinerlei Recht auf ihrer Seite. Schon gar nicht das der Polizei. Diese Wohnung ist unter aller Sau. Wenn Sie hier nicht bald etwas sanieren, werde ich ihnen den Mieter-Verband auf den Hals schicken. Diese werden sich über solch ein gefundenes Fressen sicher freuen. Außerdem… 2.Steht gemäß Paragraph 3 Absatz 5 des Mietergesetzbuches fest, dass eine Wohnung innerhalb von 3 Monaten ausgeräumt bzw. gekündigt werden darf. 3. Die Polizei wird sich eher mit Ihnen anstatt mit dem Kleinen Beschäftigen. Die Wohnung ist im miserablen Zustand. So dürften Sie eigentlich noch nicht mal Miete kassieren. Sie sind als Vermieter für ihre Mieter verantwortlich. Und sollten Sie immer noch Probleme damit haben, dass wir jetzt gehen werden, und zwar mit den Sachen des jungen Herrn hier, wenden Sie sich bitte an meinen Anwalt. Doch lassen Sie sich gesagt sein, dass ich recht einflussreiche Freunde in der Stadtverwaltung habe.“

Nach diesem recht ungewöhnlichen aber doch durchaus effektiven Redeschwall, kehrte Andi dem sprachlosen Vermieter wortlos den Rücken zu und ging die Treppen hinab. Dicht gefolgt des fast ebenso sprachlosen Joes, der diesen Rededurst des anderen auch noch nicht so ganz verkraftet zu haben schien.



Du liebe Güte, er hatte ja keine Ahnung gehabt, dass Andi so viel auf einmal reden konnte! Und außerdem, woher kannte der das Gesetzbuch auswendig?! Auch wenn ihm ja schon der leise Verdacht gekommen war, dass dies vielleicht nicht gerade der Fall war.

Aber trotzdem, der konnte sich wenigstens durchsetzen. Joe selbst hatte da so seine Probleme, da die heutigen Männer meistens einen halben Kopf größer waren, als er selbst, da machte so ein kleiner Zwerg wie er nicht viel Eindruck. Zumindest nicht als Mensch. Unfaires Leben du. Und wenn er bei irgendwem als Vampir auftauchte, na dann gute Nacht.

Doch was ihn gewundert hatte, war, dass Andi gar nichts über seine großartige Einrichtung – eine alte Matratze auf dem Boden und sonst nichts – gesagt hatte, eigentlich hätte da so ein typischer Andi-Kommentar a la „Bei der Einrichtung hättest du doch gleich auf der Straße pennen können!“ oder so ähnlich kommen müssen. Diese Anspielung von wegen Ratte war ja auch sehr freundlich gewesen. Wenigstens hatte sich der Junge gleich entschuldigt. Joe seufzte. Das konnte ja noch was werden mit ihnen beiden…

Und einen Job musste er sich auch noch suchen!! Argh! Wer ließ denn bitte so einen kleinen Kerl wie ihn bei sich arbeiten?! Noch dazu war er ja – laut gefälschtem Pass – erst siebzehn, da kamen schon mal blöde Kommentare… Er war ja nicht mal voll geschäftsfähig! Was blieb einem denn da anderes übrig, als sich einen…naja…nicht ganz so gewöhnlichen Job bei jemandem zu suchen, der es mit dem Gesetz nicht so ernst nahm… Er hasste sein untotes Leben.

Die beiden dackelten jetzt schon ziemlich lange durch die Stadt und er hatte mal wieder keine Ahnung, wo sie gerade waren. Naja, so lange Andi in seiner Nähe war, konnte er sich auch nicht verlaufen.

Der machte sowieso ein Theater um seine Suzuki! Himmelherrgottnochmal, es war doch nur ein Motorrad! Eine Maschine ohne Gefühle, weiter nichts! Und Jonathan war sich auch sehr sicher, dass sein Hintern nicht das Leder des Sitzes wegätzen würde, also warum zum Donnerwetter fuhren sie den Weg denn nicht?! Vor allem musste er ja auch noch die Tasche tragen… Das nervte tierisch. Wann waren sie denn endlich daaa???

„Da sind wir.“



Teil 8

Zwei Tage später – gegen Abend:

„Joeeee!!! Mach sofort das Wasser in der Küche aus!!!“, schrie Andi laut aus dem Badezimmer.

„Ja doch!!! Ich brauch ja nur noch einen Liter…!!“, brüllte der Vampir zurück. Was hatte der sich denn wegen dem bisschen kalten Wasser so zickig? Er persönlich hatte in den letzten fünfzig Jahren nie warmes Wasser zum Duschen gehabt.

„Wenn du nicht SOFORT das SCHEIß WASSER ausdrehst, drehe ich DIR den Hals um!“, fluchte Andi abermals lauthals. Was hatte er auch gerade so eine Wohnung erwischen müssen, bei der, wenn in der Küche Wasser aufgedreht wurde, kein Warmwasser mehr in der Dusche ankam?!

„Nein verdammt!!! Ich brauch noch mehr für die Nudeln!!! Wenn du nicht so ville in dich reinstopfen würdest, dann hättest du dieses kleine Wasserproblem auch nicht!!!“

Jetzt reichte es Andi endgültig! Er fluchte lauthals vor sich hin. Womit hatte er so einen undankbaren Mitbewohner nur verdient?! Das konnte doch nicht wahr sein!

Wütend drehte er das mittlerweile eiskalte Wasser vollkommen aus, schnappte sich ein Handtuch, welches er sich locker um die Hüfte band. Ein weiteres nutzte er für seine Haare und rubbelte diese notdürftig trocken, um nicht bei seinem Gang quer durch die Wohnung alles unter Wasser zu setzen.

Dann, ausgerüstet mit besagten zwei Handtüchern und einer kräftigen Portion Wut stampfte er in Richtung Küche und blieb direkt hinter einem vor sich hin grummelnden Jungen stehen. Dieser drehte sich in eben diesem Augenblick mit einem Glas in der Hand um, welches er wahrscheinlich gerade auf den schon halb gedeckten Tisch hatte stellen wollen. Andi konnte indes dessen erschrockenes Gesicht mit Genugtuung inspizieren. Das herunterfallende Glas, welches in diesem Augenblick den Boden küsste, war dann auch nicht gerade seiner ‚guten’ Laune zuträglich.

Mit finsterem Gesicht setzte er seinen rechten Zeigefinger auf die Brust des Kleineren, während er die andere Hand in die Hüfte stützte und beugte sich langsam zu ihm herunter.

„Mach.Sofort.Das.Wasser.aus.Kapiert?“, zischte er durch seine zusammengebissenen Zähne und mit einem eindeutig übertrieben erscheinenden Grinsen auf dem Gesicht.

„Dann stell dich drauf ein, dass du deine Spaghetti lutschen kannst, du Spinner! Und spiel dich nicht so auf, immerhin wolltest du doch so unbedingt duschen gehen, während ich hier das Essen machen muss, ja?!“

Schnaubend tauchte er unter Andis Arm hinweg und schnappte sich Müllschaufel und Handfeger, um das arme Glas seiner letzten Ruhe im Mülleimer, gebettet auf Bananenschalen und geleerten Joghurtbechern, zuzuführen.

Irrte sich Andi, oder hatte der jüngere Student sich gerade leicht atemlos angehört? Grübelnd besah Andi sich den anderen genauer. Dann jedoch wandte er sich kopfschüttelnd dem Wasserhahn zu und wartete, bis der Topf endlich genug Wasser enthielt, um den Hahn ausmachen zu können. Dann endlich realisierte er auch, dass er immer noch überall tropfte. Immerhin hatte er ja auch nur seine Haare kurz abgetrocknet.

Aber was sollte es. Jetzt konnte er das Duschen eh vergessen. Also anziehen und versuchen, sich mit der Situation abzufinden. Seufzend drehte er sich um, gab dem Kleinen noch einen Klaps auf den Hinterkopf – ein wenig Rache musste ja sein – und trabte in sein Zimmer.



Sobald Andis Zimmertür klappte, ließ sich Joe auf seinen Allerwertesten plumpsen und atmete aus. Was musste der Kerl auch halbnackt hier in der Küche auftauchen und ihm dann auch noch so nah kommen?! Von HINTEN!! Und da sollte er seine Hormone im Zaum halten? Das galt längst als Langzeitfolter!! Grinsend rief er sich noch mal dieses herrliche Bild in Erinnerung. Andi, nur mit einem Handtuch um die Hüfte bekleidet, mit verwuschelten, feuchten Haaren und die Wassertropfen perlten an seinem muskulösen Körper ab… Lecker! Joe hätte sich ja gewünscht, dass alle seine ‚Opfer’ derartig anziehend wären, doch leider befand er sich auf Mutter Erde und nicht im Paradies. Schade eigentlich, wäre bestimmt lustig geworden.

Noch bedauerlicher war ja, dass, immer wenn Andi in seinem Zimmer verschwand, er angezogen wieder raus kam. Da konnte er selbst noch so freizügig in Boxershorts hier herumspringen, er konnte nicht einmal Andis Blick damit auf sich ziehen. Und warum nahm der denn nie dieses alberne Lederarmband ab? Es war nicht nötig, dass er selbst zu Hause einen auf supercool machen musste, denn wenn das so weiterging, dann fror der Gute noch an.

Ein wenig später am Abend, war es dann endlich so weit. Essen! Pünktlich um sieben gab es bei ihnen meist etwas zum Futtern. Egal ob Tiefkühlkost, Fertiggericht oder Selbstgemachtes. Andi aß fast alles. Ebenso Joe, wie Andi schon am ersten Abend festgestellt hatte. Von einfachen Butterbroten bis hinüber zu Schokopudding und heißen Kirschen hatte er beinahe seinen gesamten Vorrat verputzt. Nicht dass er sooo viel aß. Nein. Er aß halt nur alles durcheinander. Aber gut. Dafür hatte er ihn heute zum Kochen verurteilt. Dass das eher eine Strafe für ihn selbst werden würde, darauf war er nicht vorbereitet gewesen.

Missmutig setzte Andi sich an den Tisch und begann nach einem kurzen, aber ehrlich gemeinten ‚Danke’ mit dem Essen. Ein paar Minuten später begann er dann notwendigerweise sein übliches Gespräch mit dem Anderen.

„Und? Schon Arbeit gefunden?“

„Naja, ich bin da an was dran…“, versuchte sich Joe rauszureden. Himmel! Der Kerl hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant! Und er selbst hatte diese unangenehme Kleinigkeit schon längst vergessen…

„Also hast du noch nichts“, stellte Andi schon beinahe resigniert fest. Tatsache war, dass er wusste, wie schwer es war mit 17 einen ordentlichen Job zu finden. Dennoch. Das konnte er dem Jüngeren ja schlecht auf die Nase binden, da er sich dann eventuell selbst die Chance verbauen würde, ihn irgendwann wieder los zu werden.

„Hey, ich sagte, ich bin da an was dran, klar?! Was kann ich denn dafür, dass dieser Typ sich nicht zu genaueren Aussagen hinreißen lässt? Und außerdem war das letzte Mal der Chef nicht da, und ohne den läuft’s nicht, okay?!“ Doch dass er Andis Blick ausgewichen war und sein Gesicht eine leicht rötliche Färbung angenommen hatte, sprach wohl leider für sich…

„So so. Na wir werden sehen. Ich lasse mich überraschen. Aber du weißt ja… unser Deal lautet…in einer Woche… und…“, den Rest ließ Andi einfach in der Luft stehen.

„Ich weiß, aber danke trotzdem dafür, dass du mir das noch mal extra unter die Nase reibst!“, fauchte Joe gereizt.

„Gern geschehen. Keine Ursache.“, meinte Andi gelassen während er die nächsten Nudeln verschlang.

Jonathan hingegen starrte ihn nur – natürlich versuchsweise, nicht, dass er jemals Erfolg erhoffte – in Grund und Boden. Dabei fiel ihm auf, dass die Nudeln wohl nach des Studenten Geschmack zu sein schienen, denn er schaufelte sich die Dinger in einer Geschwindigkeit herunter…

Mit diesen letzten Gedanken seitens Joes, ging auch der zweite Tag ihres ‚gemütlichen Zusammenlebens’ zu Ende.



In dieser Nacht war Joe wie immer noch einmal nach draußen ‚verschwunden’, nachdem aus Andis Zimmer die dem Vampir mittlerweile sehr bekannten Schnarcher ertönt waren. So gestärkt, wenn auch nicht ausgeschlafen, erwachte er am Freitagmorgen pünktlich um sechs Uhr. Er wusste selbst nicht, warum er in der Woche seit neuestem immer um die gleiche Uhrzeit erwachte…

Schulterzuckend schwang er die Beine aus dem Bett, welches diese schwungvolle Bewegung mit einem gefährlichen Knarzen kommentierte und stand auf. In aller Seelenruhe sammelte er sein Zeugs zusammen, zog sich an und machte sich wie jeden Morgen daran, den Frühstückstisch zu decken. Er hatte sich angewöhnt seinen ‚Gastgeber’ allmorgendlich durch den Diebstahl der zum Schlafen notwendigen warmen Decke zu wecken. So tat er dies auch heute, und wie immer natürlich mit dem allergrößten Vergnügen. Andi am Morgen war einfach zu herrlich!! Allerdings nur solange, wie er seine schlechte Laune noch nicht herausgekehrt hatte, aber daran gewöhnte sich der Kleine sicherlich auch noch.

Leise schlich sich der Vampir in Andis Zimmer. Verschmitzt lächelnd lief er auf Zehenspitzen bis an Andis Seite und konnte sich zum dritten Mal in Folge nicht beherrschen. Sorgfältig nahm er mit einer Hand seine Haare zurück, beugte sich über Andis Gesicht und gab ihm – wie jeden Morgen – einen leichten Kuss auf die Wange und flüsterte:

„Auch wenn du dich nie daran erinnerst, Guten Morgen, Andi!“

(Um das mal hier festzuhalten, da stand ursprünglich ‚Guten Morden’ P.S.: Mein Kommentar war: Ich bin halt ein Romantiker! Bevor ich wusste, was da stand!!)

Danach richtete er sich auf, setzte ein gespielt gemeines Grinsen auf und riss dem Schlafenden die Decke weg. Eilig brachte er sich mit seiner Beute in Sicherheit und kaum, dass er aus der Tür hinaus war, hörte er Andi losbrüllen. Auch wenn dieser es hasste, so geweckt zu werden, wenigstens hatte er auf diese Art und Weise schon das Leben etlicher Wecker gerettet!



Oh wie er ihn hasste! So geweckt zu werden war wahrlich kein Vergnügen! Blinzelnd sprang er, wie jeden Morgen, seiner davoneilenden Decke hinterher und sobald er sie eingefangen hatte, befand er es einfach als zu anstrengend, sich wieder einzukuscheln. Da war es dann doch einfacher, gleich ins Bad zu marschieren.

Was er zu diesem Augenblick noch nicht wusste, war, dass in seiner Wohnung ein Dreifach-Mord von statten gegangen war! Während er geschlafen hatte! Doch noch hatte er entsprechende Tatsache nicht gesehen. Wie jeden Morgen wankte er in sein kleines süßes Bad und stellte sich leicht verschlafen vor den Spiegel. Dann wusch er sein Gesicht und schlug gähnend die Augen auf. Falsch! Riss sie förmlich auf!

„Jonathan Espada! Herkommen!“

Dieser trappelte gemütlich aus der Küche heran und meinte hilfsbereit:

„Du hast das ‚William’ vergessen. Was gibt’s denn so dringendes? Kannst du mal wieder deine Boxer nicht finden?“

Hierzu muss gesagt werden, dass eine der ersten Handlungen Joes in Andis Wohnung eine gründliche Reinigung samt Aufräumen und allem Drum und Dran gewesen war und entsprechender Inhaber dieser Räumlichkeiten nun hin und wieder Probleme mit dem Wiederfinden seines Eigentums hatte. Und zwar nur aus dem simplen Grund, dass der Student nicht mehr in Gebirgen von Dreckwäsche nach dem letzten bisschen tragbaren Stoff suchen musste, sondern alles ordentlich zusammengelegt und gewaschen - ! – in den Schränken seinen Platz gefunden hatte. Nur wusste Andi meist nichts davon.

„Nein! Seit ich mich daran gewöhnt habe, dass die sich neuerdings im Wohnzimmer in einem Fach meines Schrankes befinden, habe ich damit keine Probleme mehr“, meinte Andi leicht ironisch.

„Mein Problem wäre da ein anderes“, setzte er lauernd hinzu.

„Ach ja? Und das wäre welches?“, fragte der Vampir sich keiner Schuld bewusst.

„Sieh doch mal aufs Waschbecken.“

„Hmmmnnnja. Totes Ungeziefer. Stimmt ja, ich wollte die Elendsviecher ja noch entfernen…“

„1.Waren das ordentlich verzeichnete Untermieter. 2.Vollkommen unschuldige Lebewesen und 3. Hast du Recht. Meinetwegen entferne sie. Aber wenn du schon vor hast, ein paar meiner Freunde um die letzten Tropfen ihres Lebens ärmer zu machen, indem du sie auf meinem Waschbecken zerquetschst, dann sag das nächste Mal vorher Bescheid. Es ist schlichtweg eklig am frühen Morgen in diese drei Leichen zu schauen, mit denen ich gestern noch das Essen geteilt habe! …“ Dann jedoch erschien ein Grinsen auf dem Gesicht Andis und er meinte, während er sich, seine Zahnbürste schnappend wegdrehte: „Außerdem haben sie mir noch für diesen Monat Miete geschuldet.“

„Ach so, dann solltest du die Schulden wohl von ihren Angehörigen einfordern… Und die haben auch gearbeitet, ja?“

„Zu 2.…Ja haben sie. In Biologie wohl nicht aufgepasst. Das sind fleißige Tierchen. Und zu 1. Ich habe die starke Vermutung, dass du auch die Angehörigen gnadenlos erschlagen würdest, wenn sie ihre Füße hier in diese Wohnung setzen würden, um die Miete zu zahlen.“

Jonathan nickte bedächtig.

„Zweifellos. Weißt du, alles, was mehr als vier Beine hat, das gehört tot, verstehst du? Und diese Viecher haben sechs, somit fallen sie unter die Rubrik ‚Ermorden so schnell wie du sie erwischst’, und glaub mir, diese Rubrik gehört zu meinen Spezialgebieten!“

„Ah ja…“, kam es nur von Andi, welcher mittlerweile intensiv mit seinen Zähnen beschäftigt war. Sein kleines Grinsen konnte er dennoch nicht verstecken. Mein Gott! Immerhin hatte er gerade so etwas wie ‚Spaß zu nachtschlafender Zeit’ erlebt. Er war einfach über sich selbst und Joe erstaunt. Über sich selbst, weil er um ungefähr sechs Uhr morgens schon des Verziehens seiner Mundwinkel fähig war und über Joe, dass dieser ihn so weit hatte bringen können.

Wenig später ging es dann auch schon weiter zum Frühstück. Wie immer konnte Andi fasziniert beobachten, wie eine Stulle nach der anderen in diesen so klein erscheinenden Mund des Anderen wanderte. Bei Gott! Wo stopfte der das alles hin? Er war doch so dünn! Aber na ja. Auf jeden Fall bestärkte ihn dies in seiner Meinung an der Wochenfrist festhalten zu wollen. Bei so einer neunköpfigen Raupe würde er das Essen nicht mehr lange bezahlen können.

Eine Augenbraue zuckte bei Andi, während er einer weiteren, mit Gelee beschmierten Stulle nach sah, wie diese in das ‚Maul’ von Joe wanderte. Kopfschüttelnd wandte er sich seiner eigenen, wohl bemerkt dritten und nicht zehnten, Stulle zu.



Es war bereits kurz nach sieben Uhr morgens, als Andi sich wie immer seinen Helm schnappte und die Wohnungstür ordentlich verschloss. Auch Joe hatte sich sein Zeug zusammengesucht und war bereits auf dem Weg zur Uni. Da dieser laufen musste, hatte er sich angewöhnt, ein bis zwei Minuten früher loszumarschieren. Er hatte sich sogar den Weg gemerkt! Ein Wunder war geschehen.

Mit Elan schwang er sich auf seine Suzuki und warf den Motor an. Auf Grund dessen, dass er ja seit Neuestem immer pünktlich aus den Federn kam, hatte er keinerlei Grund ein paar Streifenhörnchen…sorry…Streifenpolizisten zu verärgern. Also fuhr er mit den vorgeschriebenen 50 km/h los und beachtete sogar gelegentlich die eine oder andere Ampel.

Als er schon ein Drittel des Weges hinter sich gebracht hatte, konnte er auf dem Fußgängerweg eine kleine bekannte Gestalt ausmachen, welche relativ gemächlich Richtung Uni voranschritt.

In dem Moment, wo er knapp an Joe vorbei fuhr, betätigte er mit einem hinter dem Helm verborgenen gemeinen Grinsen lautstark die Hupe. Mit einem noch breiteren Grinsen konnte Andi daraufhin beobachten, wie das kleine Persönchen sich voller Schreck umdrehte und mit weit aufgerissenen Augen nach hinten sah. Doch da war Andi dann auch schon vorbei und in seinem Rückspiegel war zu sehen, wie sich Erkennen in das Gesicht von Joe schlich und er leicht wütend mit den Händen in den Hüften und grummeligem Gesichtsausdruck hinter ihm her starrte. Tjaja. Seine Laune hatte sich abermals gebessert. Immerhin… Wer ihm, am frühen Morgen, einfach seine Bettdecke entriss, der musste auch mit eventuellen Folgen rechnen.



Nach der Uni hatte sich Jonathan mit den Worten ‚Fahr schon mal nach Hause, muss noch mal wegen meinem Job nachfragen!’ von seinem ‚Wohltäter’, der ihn heute Morgen ja so schön erschreckt hatte, verabschiedet und marschierte los. Joe wusste, dass er sich erst mal umsehen musste und wohl erst gegen Abend wieder nach Hause kam, doch was sollte es, es war seine einzige Chance in Andis Wohnung bleiben zu können.

Nun stiefelte er schon seit geschlagenen zwei Stunden in der Stadt herum, irgendwie hatte es ihn nun in die Altstadt verschlagen, weiß der Teufel, wie er da hin gekommen war. Doch vielleicht ließ sich hier in den Gässchen etwas finden. Und tatsächlich, es wimmelte hier nur so von kleinen Bars und Kneipen, wie er sich erhofft hatte.

Nach zwei Absagen gelangte Joe an eine Bar, die sich offensichtlich auf motorisierte Zweiräder spezialisiert hatte. Naja, man konnte es ja mal versuchen… Neugierig betrat er die schummrigen Räume und sah sich mit Hilfe seiner vampirischen Augen um. Naja, sehr groß war’s nicht hier, aber so lange er Geld verdienen konnte…

Hinter dem Tresen konnte er einen Rücken ausmachen.

„Ähm, hallo?“

„Bitte?“

Der Mann hinter dem Tresen richtete sich auf und kniff seine Augen zusammen, um den Sprechenden ausmachen zu können, bis er den kleinen schmächtigen Jungen in der Nähe der Tür ausmachen konnte.

„Was willst du Zwerg?“

„Arbeit, nichts Ungewöhnliches also“, antwortete Jonathan gelassen.

„Hast du überhaupt eine Ahnung, was dich hier erwartet?!“, fragte der Mann spöttisch.

„Tja, geben Sie mir ne Chance und ich werd’s sehen.“

Der Typ grinste. Der Junge gefiel ihm, er gab Konter und hier wurde noch eine helfende Hand gebraucht.

„Wie heißt du?“

„Mein Name ist Jonathan. Jonathan William Espada, um genau zu sein. Heißt das jetzt, ich hab den Job?“

„Naja, komm am Montag mal vorbei, acht Uhr abends, Frank ist krank, da kannst du mal zeigen, was du drauf hast.“

„Okay, danke! Ach, geht das überhaupt klar? Ich meine, wenn der Chef was dagegen hat, dann können Sie ganz schön in die Bredouille kommen…“

Da lachte der Typ amüsiert.

„Nein Junge, keine Angst, ich bekomm’ keinen Ärger mit dem Chef. Ich bin der Chef hier! Also, Montag um acht, okay? Und nenn mich Geoffrey, das tun hier alle.“

„Äh, okay, Geoffrey. Dann bis Montag!“

Und schon war Joe aus der Tür rasu, drehte sich auf der Schwelle noch einmal um und fragte:

„Wie kommt man von hier zur Grassstraße?“

„Immer geradeaus, mein Junge. Schlechte Orientierung?“

Verlegen kratzte sich Joe am Hinterkopf.

„Tja, ich muss die Wege immer ein paar Mal laufen, bevor ich sie mir merken kann! Aber ich glaube, das krieg ich auch noch hin! Bye!“