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Dangelemon Teil 9 - 12

Teil 13

Da stand er nun und guckte nicht schlecht. So war er doch nicht darauf vorbereitet gewesen, jetzt einfach mal so irgendwas von Andi (!) in die Hände gequetscht zu bekommen. Mitunter war dieses sogenannte Päckchen schon fast ein Packen, wenn man mal von der Größe ausging. Allerdings war er mit einer gehörigen und leider nicht immer ganz gesunden Portion Neugierde auf die Welt gekommen, und so rupfte er die Verpackung kurzerhand ab. Zum Vorschein kamen… zwei lecker Marmeladenbrötchen!!

„Andiii! Du bist ein Schatz!!“

Okay, das hatte jetzt der ganze Campus gehört, aber egal. Eilig stopfte sich Jonathan das erste Brötchen in die Gusche, verstaute das zweite irgendwo im von Andi vererbten Rucksack und sprintete den beiden anderen hinterher, nahm Anlauf und sprang mit Schwung auf Andis Rücken und drückte ihn feste, dass der ächzte.

„Was soll das denn?“

Immer noch stöhnend versuchte Andi den angenehm warmen Körper von sich los zu bekommen und wünschte sich im Stillen er hätte seinen Mantel heute früh noch geölt oder dergleichen. Dann wäre diese Schmeißfliege wenigstens daran abgerutscht. Was machte der bloß für einen Aufstand? Seit wann waren zwei beschmierte Brötchen denn eine zerquetschte Gurgel wert?

Doch Joe ließ sich nicht von den Abschüttlungsversuchen seitens Andis beeindrucken sondern mümmelte sehr zufrieden und glücklich sein Brötchen. Andi hatte an ihn gedacht! Er hatte an ihn gedacht! Juchu! Drei rote, fette Kreuze im Kalender! Andi hatte ihm Brötchen geschmiert! Ganz selbst! Ohne erst darum gebeten werden zu müssen! Jubeldifreu!

Wer jetzt genauer hinsah, konnte kleine rosa Herzchen in Joes Augen ausmachen. Es tat wirklich gut, wenn sich jemand um einen kümmerte, egal ob Griesgram oder nicht. Da war es auch egal, dass er sich gerade vorm ganzen Campus zum Löffel machte, egal! Egal, egal, egal!!! Himmel, vielleicht sollte er doch sesshaft werden… Das war ja soo schön! Und so zogen die drei in den Hörsaal ein. Durch Jonathans Klammerkünste gefesselt, musste Andi selbigen auch bis zu seinem Platz schleppen, wo sich dieser neben ihm niederließ und seine gepeinigten Lungen endlich wieder genug Luft zum vollen Einatmen bekamen. So japste der Große noch ein bisschen vor sich hin, bis auch er seine Beine dazu überreden konnte sich zu beugen und seinen Hintern der Sitzgelegenheit zuzuführen.

Sicherheitshalber legte Andi noch ein paar Meter Sicherheitsabstand zwischen sich und dem Knirps ein. Zweimal schon! Zweimal hatte der Kleinere heute bereits versucht ihm die Luft zum Atmen weg zu nehmen. Hinterhältig. So nannte er das.

Indes gesellte sich auch Chris zu ihm und lümmelte sich neben ihn. Den Kopf seitlich auf einen Arm gestützt sah er zu Andi auf, welcher, sie Arme verschränkt und mit geneigtem Kopf, auf seinem Platz vor sich hin murrte.

„Sag mal…“

„Was?!“ blaffte Andi und erstickte somit jegliche Marmeladenbrötchen – Frage im Keim.

Schnell schlug Chris eine andere Richtung ein.

„Ab wann kannst du eigentlich wieder trainieren?“

Die Augen überlegend zusammengekniffen meinte Andi:

„Weiß nicht. Nächsten oder übernächsten Monat. Momentan iss’es noch ein wenig zu warm dafür.“

„Hm.“

„Guten Morgen meine Damen!“ erscholl es einige Reihen tiefer und Herr Schiller schlug sich durch die Studenten hinein in den Hörsaal. Obwohl ‚schlug’ etwas übertrieben war, bedachte man, dass viele zu seinen Vorlesungen nur gingen, wenn sie die unbedingt und wirklich nur absolut notwendiger Weise für ihr Studium benötigten.

„Bevor wir heute beginnen möchte ich ihnen noch kurz mitteilen, dass ich vor habe in der nächsten Woche eine Exkursion… wie soll ich sagen … auszurichten. Ihnen allen … so denke ich … würde ein wenig Geschichte vor Ort nicht schaden. Ich gedenke einiges der dort erzählten Dinge, die sie dort auch gegebenenfalls selbst erkunden sollen, in ihrer diesjährigen Semesterarbeit einzubinden. Demnach möchte ich jedem von ihnen anraten sich am nächsten Donnerstag pünktlich um 9.30 Uhr hier einzufinden. Doch nun… beginnen wir mit der heutigen Lesung, wobei es, wie sie in ihrem Semester – Buch sicher erfahren haben, um das Zeitalter kurz vor Schillers Geburt geht. Wir wollen einen näheren Blick werfen auf die Umstände, welche…“

Bla bla bla. Dieser Schiller war mit Abstand einer der langweiligsten Dozenten, die Joe je hatte ertragen müssen. Und Schillers Zeit hatte er miterlebt, da war er selbst erst um die Hundert gewesen. Unwillkürlich musste er grinsen. Erst… Naja, war immerhin schon fast zweihundert Jahre her. Wenn hier jemand wüsste, dass er das Leben zweier der größten deutschen Schriftsteller live miterlebt hatte… Vielleicht sollte er mal ein Buch drüber schreiben und anonym veröffentlichen. Aber dann doch lieber nicht, dann würden die Medien sich so lange bemühen, bis sie den Urheber gefunden hatten, sahen, wie jung er war und dann würde er das Gespött der Nation. Blöde Zeitungsfuzzis. Da hatte man mal ne Idee zu Kohle zu kommen und da sprangen einem ein Haufen Reporter dazwischen.

Ächzend ließ er sich auf dem Tisch nieder. Zum Donner, er hätte wirklich den Schlaf heute Nacht nötig gehabt, außerdem brauchte er bald neues Blut, was ihn auch schwächte. Er war ja sooo müüüde… Vielleicht einfach ein bisschen dösen………

Es dauerte beinahe eine dreiviertel Stunde ehe Herr Schiller bemerkte, dass es nicht nur ein paar gab, die mit ein paar anderen Dingen beschäftigt waren als ihm zuzuhören sondern dass es sogar eine Person gab, die gleichsam gar nichts tat – außer schlafen. Da er diesen Kerl schon seit dem ersten Moment, da er ihn erblickt hatte, nicht hatte leiden können, fiel es Herrn Schiller auch nicht gerade schwer, sich eine Zielperson für seinen Frust auszusuchen.

Fliegenden Schrittes kam er die Reihen hinauf in Richtung des Schlafenden. Direkt neben ihm stehen bleibend sah er auf den Kleinen hinab und begann sich laut und deutlich vernehmbar zu räuspern.

„Hrmm Hrm.“

Hmmm… Irgendwas nervte da…

„HRM HRM! Herr Espada!“

Wer…? Achso, er… Was war denn los? Irgendwie konnte sich Jonathan nicht dazu aufraffen, irgendeine Reaktion deutlich zu machen… Einfach ignorieren, vielleicht verschwand dieses Etwas dann bald wieder… Einfach nur schlafen…

„HERR ESPADA! Wenn ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte?! Ich wage zu bezweifeln, dass Sie mit DIESER Einstellung ihrem Studienabschluss sonderlich näher rücken!“

Wen interessierte es? Er hatte doch schon zigmal diesen verblödeten Studienabschluss gemacht…

„Grrrrrummmmmmmmmm…“

Das wars. Mehr sollte diese Schlaftablette jetzt nicht von ihm erwarten. Selbst schuld. Wenn dieser Kerl Joe jedoch provozieren wollte, dann sollte er das nur versuchen!

„Könntet Sie mir bitte wiederholen was ich zuletzt gesagt habe?! Es würde mich wirklich brennend interessieren. Sollte es Sie jedoch nicht interessiert haben, wäre ich höchst erfreut, Sie demnächst von meinen Vorlesungen auszugrenzen. Damit wäre dann uns beiden gedient, wie ich denke.“

„War das jetzt eine Drohung oder ein Versprechen?“

Joe hatte sich nun doch aufgerichtet, zurückgelehnt und blitzte den Dozenten vor seiner Nase herausfordernd an.

„Wenn Sie es so auffassen wollen, nehmen Sie es ruhig als Versprechen.“ Arrogant sah Herr Schiller auf den jungen Mann hinab und man konnte leicht sehen, dass es ihm ein wahres Vergnügen bereiten würde, diesen aus den Vorlesungen auszugrenzen.

Allerdings, wenn es diesem Kerl ein Vergnügen war, ihn auszuschließen, dann blieb er erst recht da! Menschen ärgern war doch immer noch das Witzigste. Und was nahm sich dieser junge Bursche eigentlich ihm gegenüber heraus?! Frechheit!! Das Alter hatte man zu respektieren!!! Aber nun gut, wenn dieser Kerl Krieg wollte, sollte er auch Krieg haben! Allerdings sollte er mit erheblichen Verlusten auf seiner Seite rechnen…

Schwerfällig wie ein alter Mann erhob sich Jonathan und sah dem Mann ins Gesicht. Und er tat etwas, was er sonst zu vermeiden suchte. Er ließ sein Alter in seine Augen treten. Er hatte mehr gesehen als dieser Typ da vor ihm, hatte mehrere Kriege erlebt, war unfreiwillig involviert worden. Besonders der Zweite Weltkrieg war schrecklich gewesen und lag am kürzesten zurück…

Nachdem er dem Jungspund einen Eindruck von sich vermittelt hatte, nahm er seinen Mitschriftenblock und begann in einer autoritären Art und Weise vorzutragen. Laut hallte seine Stimme durch den mucksmäuschenstillen Hörsaal, er hatte jedes Wort, jeden Versprecher, jedes Räuspern, jede Pause mitgeschrieben. Aber seine Vortragsweise war viel eindrucksvoller und lebendiger als die des Originals, trotz exakt gleichem Text. Sobald er geendet hatte, setzte er sich wieder, überschlug die Beine und kreuzte die Arme. Dann sah er zu dem Dozenten auf und wartete ab.

Große Augen blickten den steinalten Jungen an und auch wenn der Mund bereits geöffnet war um etwas zu sagen, so entkam diesem doch kein Ton. Das was dieser… er fand keine passende Beschreibung mehr für diese Person … da gerade getan hatte, war unglaublich. Er war es ja gewohnt dass manche seiner Studenten hin und wieder in der Lage waren, das Gesagte in Umrissen wiederzugeben aber … ABER VOLLSTÄNDIG DEN GENAUEN WORTLAUT?! Das war UNMÖGLICH.

Den Mund langsam wieder schließend sah Herr Schiller sich noch einmal im Hörsaal um, ehe er langsam und immer noch innerlich schockiert, wieder zu seinem Pult hinunter wanderte, um seinen nun stockenden Redefluss wieder auf zu nehmen.

Doch keiner der Anwesenden interessierte es noch großartig was er zu sagen hatte.

Den restlichen Tag über war Joe eher schweigsam und nachdenklich, geradezu abwesend, die leicht besorgten Blicke der anderen bemerkte er nicht. Als Andi ihn jedoch einsammeln und nach Hause wollte, wehrte er ab mit den Worten, er hätte noch was zu erledigen. Auf Andis Nachfrage was er denn noch zu erledigen hätte, antwortete er nicht sondern sprintete los. Der Schwarzhaarige zuckte nur verwundert die Schultern und fuhr allein nach Hause.

Joe hingegen wanderte – wieder einmal – ziellos durch die Gegend auf der Suche nach Blut. Allerdings hatte er heute nicht genug Elan, um jemanden lang und breit zu verführen, sondern er brauchte das Blut schnell und billig. Nur wie?! Die Lösung des Problems kam ihm in Gestalt eines jungen Mädchens entgegen. Schnell fuhrwerkte er etwas in ihrem Hirn herum, sodass es ihr eine ziemlich gute Idee erschien, mit diesem jungen Mann mal eben in eine dunkle Seitengasse zu verschwinden und sich ihm anzubieten. Ohne langes Zögern versenkte Jonathan seine Fänge in ihrem Hals und trank. Sie war ein bisschen zu herb für seinen Geschmack, aber er brauchte dieses Zeug nun mal. Er trank solange, bis sie ohnmächtig wurde und in seinen Armen zusammensank, dann setzte er sie vorsichtig gegen die Wand und verschwand. Sie würde sich eh an nichts mehr erinnern können. Allerdings brauchte er noch ein zweites Mal…

Ein paar Stunden später – die Suche hatte diesmal etwas länger gedauert – kam er wieder nach Hause, sein zweites Mahl war ein älterer Mann gewesen, auch nicht das Gelbe vom Ei, er war Raucher gewesen. Bei denen war es immer so schwierig das ohnehin schon nikotinverseuchte Blut durch die verkalkten Adern zu ziehen. Da brauchte man schon einen ordentlichen Zug, um diese Genusssüchtigen anständig zu melken. Etwas erholt klingelte er, es dauerte nicht lange und ihm ward aufgetan.



Es war grauenvoll. Seit er nach Hause gekommen war, war diese Wohnung zu seiner ganz persönlichen Hölle geworden. Am Anfang war ja noch alles in Ordnung gewesen. Er hatte seine Wohnungstür aufgeschlossen, wie immer seinen Mantel liebevoll auf den dafür vorgesehenen Ständer verfrachtet. Gleich darauf war die Küche zur Zweckmäßigkeit verdonnert worden, als er sich etwas Essbares zubereitet, wobei er sich gleich darauf für ein Stündchen aufs Ohr legte. Was anfangs noch wie ein Albtraum erschienen war, wurde dann jedoch relativ schnell real. Keine zwei Stunden nach seinem Eintreffen klingelte es an seiner Haustür und er war dumm genug gewesen, das Teil zu öffnen ohne vorher durch den Spion zu schauen. Mist aber auch! Sonst hätte er sich viel Ärger ersparen können. So jedoch hatte er seit geschlagenen drei Stunden ein kleines Biest an seiner Seite, welches sich, seit dem Auftauchen seines Mitbewohners, aufführte wie eine Furie. Eine sehr anhängliche Furie.

Normalerweise war er ja nicht so. Im Gegenteil, er war ein durchaus geselliger Typ, doch das hier, das war ihm eindeutig zu viel Nähe. Das war schlicht und ergreifend LÄSTIG. Insgeheim ertappte er sich dabei, sich Joe her zu wünschen, nur damit der sich wieder als sein persönlicher Schutzschild herrausstellte und dieses Vieh in Gewahrsam nahm. Es war schon verrückt. Früher war Tanni nicht SO gewesen.

Es war beinahe 18 Uhr als es ein zweites Mal bimmelte. Zwar hatte er bereits alle Hoffnungen aufgegeben, diesem Quatschfass zu entkommen doch vielleicht…

Und Tatsache! Seine Rettung war da!

„Jonathan! Wo warst du so lange?!“

Andi war kaum mehr fähig seine Erleichterung zu verbergen.

„Ich hab doch gesagt, ich musste was erledigen!“

Und schwupps wanderte sein Blick zu der Klette an Andis Hals weiter. Sofort verdüsterte sich seine Miene und er warf die Tür hinter sich etwas kräftiger ins Schloss als gewöhnlich. Dann trat er auf Andi samt Anhang zu und starrte das eklige Alien namens Tanni böse an.

„Sag mal, du hast wohl gestern Abend nicht zugehört oder was?! Nimm deine Pfoten da weg!!“

Und schon löste er Tannis Klammergriff unsanft – allerdings nur für die Klette – von Andis Hals, der ihn daraufhin dankbar ansah und sich die Würgemale massierte.

„Hast du schon Abendbrot gegessen?“, fragte Jonathan seinen arg lädierten Vermieter fürsorglich und warf den Rucksack in die nächste Ecke.

„Nein, hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit dazu.“

„Ich habe auch noch nicht-“, wollte Tanni schon beginnen, doch ein scharfer Blick und ein gezischtes „Wer hat dich gefragt?!“ seitens Jonathan ließen sie schnell wieder verstummen.

Dieser machte sich seelenruhig daran, den Tisch wieder nur für zwei zu decken und ignorierte das lästige Weibsbild völlig. Diese saß schmollend und beleidigt in einer Ecke und versuchte Andis Aufmerksamkeit auf ihren bemitleidenswerten Zustand zu lenken, doch vergebens. Aber Joe bemerkte ihre Versuche und ihr Versagen, was seine Laune wieder etwas heben konnte. Aber nicht viel. Im Geiste vermerkte er sich, dass er eine Riesenparty feiern würde, sobald er dieses Ding da wieder los war. Frauen waren ja so lästig…

Nachdem das recht üppige Mahl einige Zeit später beendet war, wurde Tanni schon kurz darauf ins Wohnzimmer abgeschoben. Diese hatte es letzlich doch geschafft, sich eine der Schwarzbrotstullen zu klauen und schlug nun ihre Fänge in das willkommene Mahl während sie sich grummelnd über das Fernsehprogramm hermachte.

Andreas indes verweilte noch immer in der Küche und sah Joe nachdenklich an. Dieser war bereits seit zwei Minuten an der Spüle im Gange und reinigte das Geschirr aufs Gründlichste. Nach einigen Augenblicken des Schweigens meinte Andi dann vollkommen unvermittelt:

„Wie werden wir sie los?“

Joe hielt im Spülen inne und sah ihn an.

„Ich persönlich wäre ja für einen kräftigen Tritt die Treppe runter…“

„Nein… ich mag die Mordkommission generell nicht. Und in meinem Haus sowieso nicht.“

Zwar hatte er dies im Scherz sagen wollen, dennoch war ihm sein Wortlaut entglitten und man konnte deutlich spüren, dass Andi dies so gemeint hatte, wie er es sagte. Mit allem Ernst, der zu einem solchen Satz dazugehörte.

Dies brachte Jonathan dann doch zum Grinsen, auch wenn eine Leiche mehr in seiner Liste ja nicht weiter auffallen würde. Naja, heute war eben mal rücksichtsvoll gegenüber der Zukunft des Jüngelchens dort.

„Und was machen wir dann? Sie verhungern lassen und dann sagen, sie hätte Magersucht gehabt? Sie ertränken und sagen, sie sei in der Wanne eingepennt, oder hätte telefoniert und das Telefon wär ins Wasser gefallen? Nee, halt, das stinkt zu sehr, den Geruch nach gebratenem Menschen krieg ich ja nie wieder aus der Wohnung raus…“

Und man merkte deutlich, dass auch Joe es todernst meinte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Andi sah den Kleineren nur verblüfft an. Dieser hatte derweil auch das letzte Teil abgewaschen und hatte nun mit dem Abtrocknen begonnen. Stumm und sein Kinn auf die ineinander verschränkten Hände stützend, betrachtete Andi sich dieses kleine Energiebündel vor sich. Nicht mal zwei Wochen war es her, seit er ihn bei sich aufgenommen hatte. Er, der es gerade mal für zwei Tage und drei Nächte aushielt jemanden um sich zu haben und länger schon mal gar nicht, hatte sich so ein lustiges Kerlchen angelacht, ohne es zu wollen. Früher hätte er über solche Themen wie gerade im Höchstfall noch Scherze mit Chris gemacht und wenn, dann wären alle kurzfristigen Mitbewohner mit involviert gewesen. Aber jetzt? Er redete nicht darüber, dass er den Kleinen los werden wollte. Nur Tanni. Dabei kannte er sie doch schon um ein beträchtliches länger als den jungen Mann da vor sich, welcher sich nun umgedreht hatte, während er die Teller weiterhin bearbeitete.

Kopfschüttelnd seufzte Andi still in sich hinein und beschloss stumm den Dingen vorerst seinen Lauf zu lassen. Es würden schon früh genug die entsprechenden Antworten auf seine Fragen auftauchen, auch wenn er noch nicht wusste, welche Antworten er nun genau haben wollen würde. So beendete er das Gespräch an dieser Stelle fürs erste.

„Na gut. Lass uns das Thema auf morgen verschieben. Ich muss noch ein bisl was recherchieren für die Uni. Immerhin muss ich gestehen, dass ich längst nicht alles verstanden und mitgeschrieben habe, so wie gewisse andere Personen in diesem Raum.“

„Willste meine Aufzeichnungen haben? Kannst sie gern benutzen, wenn du Fragen hast, erklär ich’s dir. Geht doch weitaus schneller, als wenn du nochmal alles im Internet recherchierst, zumal nicht alle Quellen sonderlich gut sind. Denn die haben ihr Zeug aus Quellen deren Quellen die Quellen noch anderer Quellen sind, und wie heißt es so schön? Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!“

In Andis so typischer Manier wanderte die rechte Augenbraue von ihm ein wenig in die Höhe und ein Grinsen legte sich auf sein Gesicht.

„Ne, lass mal. Das krieg ich schon auf die Reihe. Aber Danke für das Angebot.“

Mit diesen abschließenden Worten erhob er sich und wollte gerade aus der Küche spazieren, als er sich, im Rahmen stehend, noch einmal umwandte und meinte:

„Aber irgendwann, krieg ich raus wie du das gemacht hast, verlass dich drauf.“

Kurz darauf hatte er die Küche endgültig verlassen.

„Puha, da kannste noch ein Weilchen drauf warten… Alter Griesgram!“ , grinste Joe in sich hinein.



Kapitel 14

Eine weitere Woche mit Tanni an der Backe verstrich und der Tag der Exkursion war gekommen. Und mit Grausen stellte Jonathan fest, dass auch eine Kirche auf der Liste der abzulatschenden, wichtigen historischen Stätten stand! Oh je! Na das konnte ja noch was werden. Hoffentlich hielten sie sich nicht zu lange in dieser Kirche auf, dann konnte er nämlich seine gewisse Immunschwäche gegenüber geheiligten Stätten noch verbergen…

Es war bereits später Nachmittag, als die kleine Gruppe, die sich dazu durchgerungen hattte ihrem Abschluss zu Liebe mitzudackeln, an befürchteter Kirche ankam. Einige krochen schon jetzt auf dem Zahnfleisch, ehe ihnen klar wurde, dass hier auch noch eine Führung zu absolvieren war. Bei diversen anderen Gebäuden war es ja noch gegangen, da hatte man sich dann darauf geeinigt alleine los zu ziehen, aber das hier … war ein Albtraum. Kaum dass sie eintraten, lösten sich auch sofort einige Mädchen von den anderen, um die nahe dem Ausgang gelegene Toilette aufzusuchen.

Interessiert blickten sich derweil Andi und Timmy um. Beide waren begeisterte Kirchenbesucher, wobei Tim in diesem Fall wohl der Gläubigere von beiden war und Andi eher der Typ, der sich für die Architektur begeistern konnte. Immerhin war er es, wie ein paar der anderen feststellten, der den Führer immer wieder interessiert nach einigen Bildern oder kleineren Verzierungen und Namen befragte. Dass dies letztlich nichts weiter als eine Fassade war, fiel keinem in der Kirche auf. Weder der Gruppe, noch seinen Kumpels und schon gar nicht Joe.

Seufzend wandte sich Andi scheinbar absolut begeistert einem weiteren Gemälde zu, welches Jesus beim Abendmahl präsentierte, während er insgeheim nach dem Kleineren Ausschau hielt. Diesen entdeckte er schließlich in einer der hinteren Ecken.

Jonathan wollte so weit wie möglich von den Kruzifixen, Heiligenbilden und sonst noch was fern bleiben. Noch dazu nervten ihn schon seit geraumer Zeit zwei Kommilitonen, die anscheinend interessiert waren, denn sie laberten die ganze Zeit etwas von wegen er würde ja soviel wissen und immer gut zuhören und ob er nicht vielleicht… Doch was er vielleicht sollte, das bekam er nicht mit, die Wortfetzen schwebten an ihm vorüber und er konnte sie nicht fangen, so sehr er es auch wollte.

Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich kochendheiß an, die ganzen Statuen, Bilder, Heiligen starrten ihn schon die ganze Zeit so höhnisch und missbilligend an… Es machte ihn so langsam wahnsinnig. Doch er wusste, so lange er weit genug vom Altar wegblieb, solange konnte er es noch ertragen. Wenn doch bloß diese zwei Nervensägen nicht wären!! Hilfesuchend schaute er sich um, wo war Andi denn bloß?! Er war der Einzige, der ihn hier jetzt noch rausholen konnte…

Schnell hatte Andi die Situation begriffen und für sich entschieden, dass er dem Kleineren noch was schuldig war. Immerhin hatte der ihn auch vor Tanni beschützt. Mit einem Grinsen wandte er sich an Richard, von dem er wusste, dass er schon beinahe einer männlichen Ausgabe Tannis gleich kam.

„Hey Richard!“

„Yo?“

„Sag mal sagtest du nicht du wärst an Sabrina interessiert?“

Richards Augen wurden groß.

„Logo. Und?“

„Na ja. Ich sag zwar immer Konkurrenz belebt das Geschäft aber…“

„Wie? Konkurrenz?“

„Na siehste Tom da hinten? Der is auch hinter ihr her.“

„Ne oder?“

„Doch, habs erst neulich gehört. Ist auch schon fleißig am werkeln. Vielleicht könntet ihr zwei euch ja…“

Schwupps und schon war Richard verschwunden und schnurstracks auf dem Weg in Richtung Joe und der zwei Jungs, wo auch auf Anhieb ein Gespräch entbrannte. Zwar leise aber immerhin.

Gemächlich schlenderte Andi nun ebenfalls zu Joe und den dreien hinüber und blieb, die Hände in den Hosentaschen, neben dem Sitzenden stehen.

„Na wie geht’s?“

Prüfend wanderte sein Blick zu den nun leise zankenden Kontrahenten bei denen Nummer 3 im Bunde, Robin, versuchte zu schlichten.

„Geht so. Ging schon mal besser. Die nerven. Ehrlich gesagt, bin ich auch nicht so ein Fan von Gotteshäusern.“

Ein weiterer versichernder Blick Andis wanderte zu dem kleinen Dreier ein paar Meter weiter. Klar und deutlich wehten einige Wortfetzen zu ihm hinüber.

„…nicht hinter ihr her.“

„Andi… gesagt.“

„…und? Die is mir … Vollkommen egal. Ich … Jungs.“

„Aber … Andi … gesagt.“

„Leute…bestimmt…Scherz…“

Kopfschüttelnd sah Andi wieder zu seinem eigenen Gesprächspartner.

Dieser sah derweil leicht misstrauisch zwischen Andi und der Truppe hin und her.

„Kommst du mit? Hab da hinten ein schickes Gemälde gesehen.“

Oha. In der gleichen Richtung war auch der Altar… Aber Andi sein kleines Problemchen direkt unter die Nase zu reiben „Sorry, aber dann werde ich wahnsinnig“?! Na dann erklärte ihn der Student ja wohl für völlig meschugge. Er hatte ja keinen blassen!

„Na gut…“

Andi führte ihn von den drei anderen weg und in Richtung eines relativ großen Wandgemäldes, das – oh Wunder – diverse Engel und Heilige zeigte. Andi fing frischfröhlich an zu erzählen, wie toll das Bild doch sei und diese komplizierte Technik und so weiter und so fort. Joe hingegen befand sich in seiner persönlichen Hölle.

Die Heiligen starrten ihn böse an, einige begannen schon mit dem Finger auf ihn zu zeigen. Ein unterschwelliges Dröhnen erhob sich in seinem Kopf.

Seht ihn euch an, dieses Monster…

Ein Mörder wie er, wie kommt er nur in diese heiligen Mauern?!

Eine Schande!

Verwirrt sah sich Jonathan um. Wer redete denn nur? Und woher wusste derjenige, was er war?!

Monster!!

Mörder!!

Andi zog ihn weiter, immer weiter Richtung Altar, Richtung Kruzifix.

Der Boden unter seinen Füßen wurde beständig heißer, seine Füße taten ihm weh…Und dann immer wieder diese Stimmen…

Unreines Blut! So etwas wie ihn sollte es gar nicht geben!!

Sündiger!! Seht ihn euch an!! In der Hölle soll er schmoren!!

Sie wurden immer lauter, immer lauter!

MONSTER!

MÖRDER!!

SÜNDIGER!!!

MONSTER!!!

Jonathan stöhnte auf. Sie sollten endlich aufhören, was konnte er denn dafür?! Er wollte doch nie ein Vampir werden! Es war doch nicht seine Entscheidung gewesen!!

Die Kirche um ihn herum verschwamm, Finsternis machte sich breit, doch die Heiligen blieben hell, strahlend, verhöhnten ihn, rissen an seinen Haaren, zerkratzten sein Gesicht. Er versuchte zurückzuweichen, doch stand im nächsten Augenblick in einem Flammenkreis, der sich immer enger und enger um ihn schloss…

MÖRDER!!!

MONSTER!!!

So heiß… Überall Flammen, die ihn versengten, verbrannten…

MONSTER!!! MONSTER!!! MONSTER!!! MONSTER!!! MONSTER…



Als er das nächste Mal die Augen wieder öffnete, fand er sich vor der Kirche wieder. Kühle Luft umschmeichelte sanft sein Gesicht, kühlte die völlig überhitzte Haut, zauste sachte die Haare, ließ die übersensiblen Haarwurzeln prickeln. Die Sonne schien sorglos vom Himmel herab, spendete großzügig freundliches Licht, ein Licht, das ihn nicht zu verbrennen drohte… Nun drangen auch erste Geräusche der Außenwelt wieder zu ihm durch, Vogelgezwitscher, fahrende Autos, schwatzende Menschen. Andi.

„Na, wieder da Kleiner?“

Träge drehte er seinen Kopf in Richtung der Stimme, verschwommen konnte er Andi erkennen. Sah der etwa besorgt aus?

„Was… Was ist passiert?“

„Na ja. Ich hatte den Eindruck du wolltest segeln gehen. Zumindest hast du genauso geschwankt als wenn du Planken unter deinen Füßen hättest.“

Andi sah gen Himmel, ehe er seinen Blick weiter hinter das Mäuerchen wandern ließ, auf dem er saß, um sich scheinbar gelangweilt einen kleinen Grashalm aus der Erde zu zupfen.

„Na ja. Richi hat dich dann von der Erde aufgeklaubt und hier auf die Bank gepackt. Meinte jemand solle hier bleiben und irgendwie … na ja. Da ich dein Mitbewohner bin wurde ich halt dazu verdonnert. Die andern sind noch drin.“

Schweigend sah Andi wieder zu dem Kleineren hinüber. Er hatte ihn gerade das erste Mal belogen. Es war nicht Richi gewesen. Er hatte sofort bemerkt, dass es dem Kleinen nicht gerade gut ging, hatte jedoch gedacht es läge an der stickigen Luft und er bräuchte ein wenig Bewegung, doch dann war der Knirps immer blasser geworden. Schließlich, das hatte er aus dem Augenwinkel sehen können, war er beinahe zusammengebrochen, doch Andi hatte ihn vor einer Bekanntschaft mit dem harten Kirchenboden gerade noch bewahren können.

Hinterher hatte er fürsorglich seinen Mantel unter den Kleinen gepackt um ihn dann draußen auf einer Bank zu betten. Er hatte bis eben besorgt neben ihm gewartet und die anderen angewiesen, nicht auf ihn zu warten. Sie sollten nicht noch mehr von der Führung verpassen, da würde der Schiller sowieso nur wieder streiken.

„Oh… Ach so…“

Jonathan konnte nicht verhindern, dass er etwas enttäuscht klang.

„Du fragst ja gar nicht, was los war.“

„Sollte ich?“

„Nein… Nein, warum auch…“

Schade. Eigentlich hatte er gedacht, Andi hätte sich Sorgen um ihn gemacht. Aber naja, er war ja schließlich nur der Mitbewohner des Studenten, sie waren ja nicht verheiratet oder so.

„Es geht mir ja auch schon viel besser“, meinte er und richtete sich auf, musste aber im gleichen Augenblick die Augen schließen, da sich Welt auf einmal um ihn herum zu drehen begann. Das war anscheinend wirklich knapp gewesen. Aber er bekam die Stimmen einfach nicht aus seinem Kopf. Das Schlimmste war, sie hatten recht. Monster…

„Hey. So ganz war das wohl nichts, ne?“

Überlegend kratzte sich Andi am Kopf.

„Wart halt kurz. Ich denk mal dein Kreislauf is a bisl runter. Was zu Trinken und es geht wieder.“

Suchend sah er sich nach einem Geschäft um, welches er auch wenig später entdeckte. Ein kleiner Supermarkt quer über den Platz auf der anderen Seite. Schon war er aufgestanden und bewegte sich gemächlich in die gesuchte Richtung, wobei er neben bei noch mal ohne hinzu sehen dem Kleineren zuwinkte.

„Bin gleich zurück.“

Kaum dass er sich jedoch sicher war, dass der Kleinere sich wieder zurückgelehnt hatte und die Augen geschlossen, legte er drei Gänge zu. Immerhin wollte er es nicht verantworten wenn noch irgendwas passierte nur weil er nicht bei ihm geblieben war…



Aber diesmal war das Schicksal ihm nicht so gnädig. Denn kaum war Andi außer Sichtweite, kamen auch schon ein paar merkwürdige Typen auf Joe zugeschlendert.

„Hallöchen, wie geht’s denn so?“

Erschrocken riss der Vampir die Augen auf. Was wollten diese Typen? Wer waren sie?! In diesem Zustand konnte er denen nicht viel entgegensetzen…

„Weißt du, wir mögen dich irgendwie. Was hältst du davon, ein bisschen mit uns Hübschen spazieren zu gehen, hm?“

Entsetzt schüttelte Jonathan den Kopf. So weit käme es noch, sich noch weiter von Andi entfernen?! Dem einzigen, der ihn in diesem Zustand beschützen konnte?!

„Nein. Tja, aber wir wollen uns ein bisschen amüsieren, und zwar mit dir. Schnappt ihn euch!“

Einer riss Andis wärmenden Mantel von seinem Körper, zwei andere hielten ihn fest, während ein dritter ihn knebelte. Hilflos versuchte sich der geschwächte Joe zu wehren, doch ohne Erfolg. Dank des Knebels würde ihn auch keiner hören können… ANDI!!!

Die fünf Typen zogen ihn auf die Beine, er wollte sich dagegen stemmen, doch noch war er zu schwach, sie knickten wie Streichhölzer unter ihm weg. Dass er nicht laufen konnte, schien diese Verbrecher nicht zu stören, munter schleiften sie ihn mit sich, da konnte er noch so schwächlich zappeln, wie er wollte. Es dauerte nicht sehr lange, sie zogen ihn durch ein kleines Waldstück und fesselten ihn schließlich an einen Baum. Entsetzt starrte er den Anführer an, schüttelte ungläubig seinen Kopf. Die wollten ihn doch nicht etwa…?!

„Du bist echt hübsch, Kleines. Wenn du lieb bist, bekommst du auch eine Belohnung…“

Gierig fuhr der ekelhafte Typ mit der Zunge über Jonathans Hals, knabberte leicht an seinem Ohrläppchen, lachte auf, als dieser davon eine Gänsehaut bekam.

„Was denn, vernachlässigt dich dein Stecher etwa? Och, keine Sorge, wir sind zu fünft, wir werden…ups, ich meinte natürlich du wirst voll auf deine Kosten kommen…“

Wie gelähmt starrte Joe seinem Gegenüber ins Gesicht, konnte nur ein gedämpftes Krächzen herausbekommen. Das passierte jetzt nicht wirklich, oder? Das war nur ein Alptraum…

Allerdings fühlten sich die feuchten Hände, die sich da gerade unter sein Shirt schoben und seinen Bauch streichelten, um sogleich die Hose zu öffnen, mehr als real an!! Nein!!! NEIN!!! Und wieder diese Zunge, die sich über seine Haut schob… Erneut bekam er eine Gänsehaut, aber aus Ekel… Erste Tränen begannen aus seinen Augenwinkeln zu rinnen. Er hing hier gefesselt im Nirgendwo und wurde gerade vergewaltigt, ohne auf eine kleine Chance auf Gegenwehr!! NEIN!!!



Fortsetzung folgt