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Dangelemon Teil 9 - 12

Teil 9

Zwei weitere Tage später, war es dann endlich so weit. Der Tag war gekommen, an dem sich entscheiden würde, ob Joe bei Andi bleiben würde, oder nicht. Andi hatte keine Ahnung was er sich nun wünschen sollte. In den paar Tagen, in denen der Kleinere bei ihm untergekommen war, hatte er festgestellt, was alles für Vorteile aus diesem Zusammenleben für ihn entstehen könnten. Immerhin kam er nun immer pünktlich aus den Federn und so wenig er sich auch am Anfang daran hatte erfreuen können, so fand er im Nachhinein eine saubere Wohnung gar nicht mal so übel. In letzter Zeit fand er sogar hin und wieder ein paar seiner Klamotten, welche er schon seit Monaten nicht mehr gesehen hatte.

Trotzdem. Er wusste einfach nicht, wie er mit einem bzw. diesem speziellen neuen Mitbewohner umgehen sollte.

Es war gerade Mittagszeit und Andi bereitete, mit Hilfe der guten alten Mikrowelle das Essen zu. Joe war gerade dabei den Müll wegzubringen. Mittlerweile hatte sich so etwas wie ein gemeinschaftliches Arbeiten bei ihnen eingestellt. Das ging sogar teilweise ohne Streitereien von statten. Piepend meldete sich die Mikrowelle und kündigte somit an, dass das Essen nun endlich warm genug zum Verzehr war.

Schnell stellte er die paar Kartoffeln und das Fleisch auf den Tisch und stellte noch zwei Teller auf. Sobald Joe dann wiedergekommen war, würde Andi das Thema anschneiden.

Die Tür klappte zu und wenig später trat Joe ins Zimmer. Schweigend begann ein jeder zu Essen.

„Tja. Heut ist also Sonntag“, meinte Andi schließlich.

„Mja, das ist mir nicht entgangen. Warum?“

Grübelnd und dabei kauend sah Andi Joe an.

„Weil…“ Seufzend schluckte er eine weitere Kartoffel hinunter.

„Wir kommen nicht drum herum. Also gerade heraus. Wirst du in Zukunft in der Lage sein, Miete zu zahlen?“

„Och, ich denke mal schon. Immerhin soll ich morgen mal in so ’ner Bar vorbeischauen, mal sehn, ob die mich behalten wollen…“, meinte Joe wie nebenbei, doch der leichte Triumph in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Überrascht zog Andi eine Augenbraue hoch, ehe er nur mit den Schultern zuckte und scheinbar desinteressiert sein Essen weiter zu sich nahm.

„So so. Na dann viel Glück.“

„Ui, tu bloß nicht so begeistert. Du kannst mir ruhig sagen, wenn es dir lieber ist, dass ich verschwinde und mir was Eigenes suche. Ich hab damit kein Problem.“

Andi erhob sich mit seinem dreckigen Geschirr vom Tisch und während er noch zur Spüle ging und sein Zeug abstellte, wandte er den Kopf leicht nach hinten um Joe zu antworten.

„Nope. Nicht nötig. Ich halte meine Versprechen. Der Deal war, dass du hier wohnen kannst, wenn du nen’ Job gefunden hast. Anscheinend hast du. Solange du Miete zahlst… Soll’s mir Recht sein.“

Also war ihr weiteres Zusammenleben beschlossene Sache. Schweigend verließ Andi das Zimmer und packte sich, mit Kopfhörern im Ohr, auf sein Bett. Dort konnte er sich noch einmal in Ruhe mit der ganzen Situation auseinandersetzen und fand sich schlussendlich mit der Situation ab. Denn was er zu Joe gesagt hatte stimmte. Er hatte noch nie ein Versprechen gebrochen. Und er würde jetzt sicherlich nicht damit anfangen.



Der nächste Tag begann, wie sollte es anders sein, wie schon die letzten nach demselben Schema.

Decke wegziehen.

Hinterher rennen.

Decke zurückerobern.

In nun sauberes Bad durch saubere Wohnung schlendern.

Waschen usw.

Frühstück.

Eine kleine Rangelei zwischendurch.

Kleiner Kampf um die letzte Scheibe Brot. (Joe gewann.)

Motorradhelm schnappen und losfahren.

Eigentlich nichts weiter Besonderes. Und dennoch. Andi hatte irgendwie dieses grummelnde und störende Gefühl im Magen, dass ihm wohl mitteilen wollte, dass hier etwas nicht so ganz in Ordnung war. Wie immer war Joe schon voraus gelaufen. Mittlerweile fand er sich in der umliegenden Gegend eigentlich ganz gut zurecht und wusste auch von der ein oder anderen Abkürzung, von der ihm Andi in seinen ‚besseren Minuten’ erzählt hatte.

Joe war dieses Mal relativ spät losgekommen, da er sich in letzter Minute noch ein paar weitere Kleinigkeiten hatte einstecken müssen. ‚Da er ja heute seine Arbeit würde antreten müssen’ hatte Joe ihm erklärt. Von daher hatte Andi ihm einen alten Rucksack von sich geliehen, da Joe anscheinend nur seine Reisetasche oder einen einfachen Beutel zum Verstauen von ein paar Kleinigkeiten besaß.

Schon von Weiten konnte Andi den doch recht großen schwarzen Rucksack erkennen, wie er da so etwas haltlos auf den schmalen Schultern von Joe hing. Es war nun schon seit dem einen Mal vor ein paar Tagen üblich, dass Joe stets als kleine Rache für das morgendliche Wecken, mit der Hupe von Andis Motorrad ‚gegrüßt’ worden war. So auch dieses Mal. Doch hatte Joe sich insgeheim schon längst daran gewöhnt und zuckte längst nicht mehr so wie am Anfang zusammen, sondern sah ihm nur leicht grummelnd hinterher.

Sobald Andi um die nächste Ecke gebogen war, schaltete die vor ihm liegende Ampel auf Rot. Somit erhielt Andi ein paar Minuten, um ein wenig auf sein Gewissen zu lauschen. Dieses versuchte ihm gerade ernsthaft weis zu machen, dass er sich reichlich albern aufführte. Dass Joe jeden Morgen allein zur Uni marschierte war zwar irgendwie normal geworden aber eigentlich… Sie wohnten ja ab jetzt wohl immer in der gleichen Wohnung. Vielleicht nicht gerade für ‚immer’ aber zumindest eine lange Zeit. Und so wie Andi seinen neuen Mitbewohner einschätzte, würde das eine wirklich seeeehhrrr lange laaaange Zeit werden.

In sofern war es nun wirklich kindisch, wenn sie jedes Mal für sich zur Uni fuhren bzw. liefen, wenn sie doch den gleichen Weg hatten. Also…

„Nein.“

Andi schüttelte für sich den Kopf.

Er würde seine eiserne Regel mit Sicherheit nicht brechen. Niemand fuhr auf seiner Suzuki mit. Niemand.

Die Ampel sprang auf Grün und Andi wurde von seinem Gewissen erlöst. Schnell gab er wieder Gas und fuhr weiter Richtung Uni.



Jonathan hatte noch über die Hälfte des Weges vor sich, als er erneut das Motorengeräusch von Andis geliebter Suzuki vernahm. Hatte der noch was vergessen? Erstaunt drehte sich der Vampir um. Tatsache, er hatte sich nicht geirrt. Da kam der verschlossene Student doch wirklich noch einmal von hinten herangefahren. Und das deutlich unter der erlaubten Km/h-Zahl! Was war denn nun kaputt?! Andi und nicht zu schnell fahren?! Und war er nicht eben schon einmal an ihm vorbeigefahren?! Moment mal… Wollte der ihn etwa noch einmal erschrecken?? Nicht dass dies noch der Fall wäre, aber zutrauen würde er es Andi.

Andi fuhr langsam an ihm vorbei und hielt mit einem Mal an. Mitten auf der Straße. Im Stadtverkehr. Hatte der sie noch alle? Es war Rush Hour! Und da kam, was da kommen musste. Die erste Hupe ertönte. Andi blieb gelassen stehen und kümmerte sich nicht weiter darum. Auch nicht als sich fünf weitere Hupen dazugesellten. Auch nicht, als die ganze Straße von einer Kakophonie dieser wunderschönen Signalgeber hallte.

Was zum Henker war denn in den sonst so vernünftigen Studenten gefahren?! Dieser klappte das dunkle Visier hoch und schaute Joe ungeduldig an.

„Was ist jetzt? Kommst du nun, oder muss erst noch die ganze Stadt ihre Hupen strapazieren?!“

Moment mal? Wie bitte? Sollte das etwa heißen…

Joe klappte die Kinnlade herunter, als er endlich kapierte, was Andi da von ihm wollte. Verständnislos und völlig überrumpelt klappte er seinen Mund auf und zu, doch kein Ton schlüpfte über seine Lippen.

„Soll ich jetzt allein losfahren, oder was ist?!“, fragte Andi erneut genervt.

Joe schüttelte den Kopf.

„Nein, ich komme ja schon!!“

Eilig flitzte er über die Gegenfahrbahn und setzte sich hinter Andi auf den Sozius.

„Meine Herren, das hat ja gedauert! Hier!“

Andi drückte seinem Mitbewohner einen Helm in die Hand, wartete ab, bis sich der Kleine in das Ding reingefummelt hatte, klappte sein Visier nach unten und setzte den Weg Richtung Bildungsstätte fort.

Als Andi Gas gab, wusste Joe nicht, wo er sich festhalten sollte, entschied sich aber letztendlich dafür, seine Arme um Andi zu schlingen und die Fahrt – so kurz sie auch sein mochte – in vollen Zügen zu genießen.

So unauffällig es ging, ließ er seine Finger unter Andis Hemd rutschen und seufzte zufrieden auf, als er die warme Haut spürte. Genüsslich legte er seinen Kopf an Andis Rücken und schloss die Augen. Wenn doch nur die Zeit stehen bleiben würde! Doch Pustekuchen, nach wenigen Minuten waren sie angekommen und fuhren auf den Campus.



Nach ein paar Sekunden hatte Andi ausgemacht, wo der größte Haufen seiner Clique dieses Mal parkte und fuhr langsam zu besagter Stelle. Fast alle waren, wie eigentlich an jedem Montagmorgen, dort versammelt. Von Weiten hörte er Chris über das Motorengeräusch zu sich herüber brüllen: „Sorry Andi, das wir dich heute nicht ‚besuchen’ konnten. Aber einige von uns haben heute nen Ausflug geplant und von daher…“

Mittlerweile war Andi samt Maschine und Anhang bei der Clique angekommen. Gelassen erhob er sich und stieg von seinem Bike ab. Leider hatte er im ersten Moment nicht an den Kleineren hinter ihm gedacht, da er es ja immerhin nicht gewohnt war noch etwaiges ‚Gepäck’ mit sich herum zu kutschieren. Joe hatte es allerdings nicht vergessen und ehe er von dem Bein des Anderen erschlagen werden konnte, duckte er sich doch lieber. Als Andi seinen Fehler bemerkte brummte er nur kurz etwas vor sich hin, ehe er sich seinem Helm zuwandte.

Was er bis dato nicht so recht registriert hatte und vielleicht auch gar nicht registrieren wollte, war die plötzlich eingetretene Stille um ihn herum. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so ruhig war es. Mit Schwung streifte sich Andi den Helm vom Kopf während Joe sich nun auch endlich, jedoch sehr viel langsamer, von der Maschine schwang.

Mit einem Stirnrunzeln sah Andi sich um.

‚1…2…3…5…9…13…20…24…’, zählte Andi in Gedanken. Ja doch. Mindestens 24 riesige aufgeklappte Münder standen ihm da gegenüber. Ok. Man sollte fair sein. Es waren mindestens 24 Menschen mit aufgeklappten Mündern. Nicht zu vergessen die – lass mal sehen ‚2…6…10…16…18…26…30…38…48…’, weit hervortretenden und aufgerissenen Augen.

Andi sah sich weiter um. Mit einmal fielen ihm so manche Kleinigkeiten auf. Zum Beispiel hatte Stef anscheinend das Atmen verlernt. Immerhin wechselte nun schon zum dritten Mal seine Gesichtsfarbe. Diesmal von rot zu grün. Nicht schlecht.

Aber was war da noch? Ah ja! Tanni stützte sich scheinbar schwer atmend auf das nächst gelegene Bike und schien beinahe am Abklappen zu sein.

Auch David war nicht zu verachten. Hatte er doch das Buch, das er irgendwie nebenbei aus seinem Rucksack fischte nämlich absolut falsch herum aufgeschlagen und… Andi konnte sich ja irren… aber konnte es sein, dass David gerade anfing die Seiten aus seinem Buch zu reißen? (Anm. Es war ein Buch über die Psychologie des Menschen…)

Chris kam dabei noch recht human weg. Der sah ungefähr genauso aus wie Joe vorhin, als er ihn mitgenommen hatte. Wie ein Fisch ohne Wasser.

Doch letztlich wurde es Andi zu viel.

„WAS?!“, fragte er ‚etwas’ lauter als sonst.

Chris fand als erster seine Sprache wieder. Wenn auch nur seeehr langsam.

„Wer… ist…? Wieso… hast du…? Seit wann… fährst du… mit…? Warum… lebt… Mitfahrer…?“

Andi rollte mit den Augen. Das war doch nicht auszuhalten. War es denn soooo seltsam, dass er mal jemanden mitgenommen hatte? Hielten die ihn alle für dermaßen… nun ja… schlecht?

Dennoch antwortete er gekonnt, schnell und kompromisslos auf die zuvor gestellten und nicht ganz vollständigen Fragen.

„Jonathan. Schlechtes Gewissen? Seit heute. Wollt ihn halt nicht umbringen. War meine Idee. Geht daher schlecht.“

Derweil schälte sich Joe aus seinem Helm hervor. Irgendwo in der Nähe war ein eigentümlicher Laut zu hören. Es klang irgendwie nach einem auf dem Boden aufkommenden Körper aber wer…? Joe, Andi und Chris sahen in Richtung der anderen und entdeckten David, der sich mittlerweile zu Tanni hinuntergebeugt hatte. Sein Buch und einzelne ausgerissene Seiten lagen schutzlos neben ihm. Tanni war höchstwahrscheinlich beim Anblick Joes in Ohnmacht gefallen. Dabei war er doch gar kein sooo gruseliger Anblick…

Kopfschüttelnd wandte Andi sich wieder Chris zu. Der hatte erstmal noch zu verdauen. Ebenso wie alle anderen.

„Fertig mit Starren?“, pflaumte Andi die Anderen an.

Ein Kopfschütteln kam umgehend zurück. Und zwar gleichzeitig von allen.

Andi überlegte fieberhaft. Sollte er sie noch ein bisschen reizen? Warum eigentlich nicht? Das mit dem Schocken machte ihm irgendwie Spaß. Es geschah schließlich nicht alle Tage, dass seine Clique so dermaßen sprachlos war. Ohne eine Miene zu verziehen, jedoch mit einem inneren Grinsen, schlenderte Andi zu Joe hinüber, der ihn leicht irritiert ansah.

Andi kümmerte sich jedoch kaum weiter darum, sondern beugte sich flüsternd zu ihm hinunter.

„Spiel einfach mit“, meinte er leise.

Joe nickte nur. Was Anderes hätte er auch gar nicht tun können.

Laut meinte Andi: „Na mein Schatz? Wie war die Fahrt?“

„Hervorragend, Schnuffel. Aber wir hätten wirklich noch an diesem lauschigen kleinen Plätzchen anhalten können… Ich bin heute Morgen bei dir noch gar nicht richtig zum Zuge gekommen, wenn du verstehst, was ich meine…“

Joe konnte sich nur schwer das Grinsen verbeißen.

Nur für Joe sichtbar, schoss eine von Andis Augenbraue bei diesem grauenhaften Kosenamen kurzzeitig in die Höhe. Dennoch machte er unbarmherzig weiter, als er das Geräusch zweier weiterer Körper vernahm, die unbedingt die Erde knutschen wollten. Ein schneller Seitenblick folgte. Ok. Tini und Mike hatten dran glauben müssen.

„Aber Schatz. Das können wir doch zu Hause nachholen.“ Gespielt verführerisch ließ er einen Finger über Joes Brust wandern.

Gekonnt legte er ein tiefes Timbre in seine Stimme.

„Immerhin haben wir seit heute eine Wohnung ganz für uns allein… Plus zwei Betten und eine wundervolle Dusche…“

Joe wurde blass. Hallo? Hatte der Kerl eigentlich eine Ahnung, was diese so leichte Berührung in seiner Hormonlandschaft verursachte?! Berg- und Talfahrten!! Und erst dieses Timbre!!! Aber okay, nichts anmerken lassen und einfach weiterspinnen.

„Ach, die haben wir doch schon längst ausprobiert. Ich finde, der Küchentisch ist in genau der richtigen Höhe… Groß genug ist er ja auch, nicht wahr? Und sehr solide, das bisschen Gerammel wird dem schon nichts ausmachen!“

Joe hatte mittlerweile auch schon seinen Spaß an der Sache, das erinnerte ihn irgendwie an die weniger sexistischen Wortgefechte, die er sonst mit Andi austrug. Hier war Fantasie gefragt um weiter zu kommen!

Gespielt entrüstet sah Andi zu dem Kleineren hinab.

„Aber Schatz! Was sollen die Leute denken. Also nein… ‚Gerammel’… Dafür gibt es doch definitiv bessere Ausdrücke. Sex…Liebelei… oder so was. ‚Gerammel’ klingt soo… triebgesteuert.“

Drei weitere gingen zu Boden als sie das vertraute Zwinkern in Andis Augen sahen, welches er Joe entgegen sandte.

„Mnja, das geht natürlich nicht. Da hast du Recht, wir sind ja nicht triebgesteuert, sondern nur außerordentlich leidenschaftlich. Aber sollten wir nicht in den Hörsaal? Sonst wartet der arme Schiller nur unnötig…“

„Sicher Schatz. Du hast Recht. Immerhin will ich ja nicht, dass du schon wieder angemeckert wirst. Ich würde alles für dich tun…“

Es war so weit. Andi konnte sich ein überaus breites Grinsen nicht mehr verkneifen. Es war einfach köstlich. Dieses ganze Schauspiel war wirklich zu gut. Und wie sie alle da standen… und lagen … Perfekt. Er liebte es.

Geschockte Gesichter wo er nur hinsah.

Immer noch wagte keiner einen Ton zu sagen. Alles schwieg.

„Kommt schon Leute! Regt euch ab… Auf auf…ab zu Schiller!“

Mit diesen Worten drehte sich Andi um und marschierte schnurstracks Richtung Uni – Gebäude. Der Tag hätte nicht besser beginnen können. Na ja… vielleicht doch. Zum Beispiel mit einer Bettdecke, die mal da blieb, wo sie hingehörte … aber selbst darüber war er hinweg.



Teil 10

Joe dagegen konnte sich gar nicht mehr beruhigen vor Lachen. Die Anderen…! Ihre Gesichter!! Einfach herrlich! Auch wenn er ja sehr über Andi erstaunt war, so viel Humor hätte er dem ‚Eisblock’ gar nicht zugetraut… aber hey! Überraschungen gehörten zum Leben dazu, ob es nun untot war oder nicht.

Fröhlich spazierte er seinem, tja, wie sollte er es nennen, ‚Vermieter’ hinterher und grinste vor sich hin. Nur langsam tröpfelten die anderen Studenten aus Andis Clique hinterher, konnte wohl daran liegen, dass sie über die dahingerafften ‚Opfer’ steigen beziehungsweise, sie mitschleppen mussten.

Im Hörsaal suchte sich Joe einen Platz zwei Sitze von Andi entfernt, da er ja zum ersten Mal pünktlich hier angekommen war und der Rest des Fanclubs sich noch draußen oder auf den Gängen mit der Wiedererlangung ihrer Fassung abmühte, konnte er sich in aller Seelenruhe hinsetzen und seine Klamotten auspacken.

Der Unitag lief bis auf die morgendliche Showeinlage ab wie jeder andere zuvor. Nur hatte Joe jetzt endlich einen festen Platz in Andis Clique. Andi hatte sich während der Mittagspause natürlich nicht davon abhalten lassen die Anderen darüber zu informieren, dass der junge wohl ab jetzt ein fester Bestandteil seiner Wohnung sein würde, was natürlich einige dazu veranlasste, sich vor ‚Begeisterung’ kräftig zu verschlucken und ein zweites Mal an diesem Tage fast den Boden zu umarmen.



Schweigend hatte Andi sich an diesem Tag wie immer zur Mensa der Uni begeben und mit ihm mehrere Leute seiner Clique. Als er bemerkte, dass Joe sich schon beinahe wieder allein hatte niederlassen wollen, hatte er ihn einfach, eine Hand am Tablett und die andere an Joes Rücken, in Richtung Gemeinschaftstisch geschoben.

Joe hatte nicht weiter widersprochen oder nachgefragt, was es ihm erleichtert hatte. Sobald sie sich dann alle am Tisch eingefunden hatten, kümmerte sich anfangs jeder um sein eigenes Zeug, doch schon bald kam das Gespräch auf die Szene am Morgen. Immer wieder wurden Blicke hinüber zu Andi und hin und wieder auch zu Joe geworfen. Der Erste, der etwas sagte war Chris. Mit einem Grinsen im Gesicht stieß er Andi wie nebenbei mit seinem Ellbogen in den Rück und meinte:

„Na? Was sollte das denn heute früh? Ihr – also du und Joe seid nicht wirklich … ne?“

Andi aß nur schweigend weiter.

„Ach nein…?“, kam es schließlich brummelnd von ihm zurück.

Schnell wurde der Ellbogen zurückgezogen und Chris sah ihn beinahe geschockt an.

„Echt jetzt?“

Andi verdrehte die Augen und sah Chris bitterböse an.

„Was glaubst du denn?“

Chris schwieg.

Kopfschüttelnd wandte Andi sich wieder seinem Essen zu.

„Natürlich nicht.“

„Puhhh…dachte schon“, kam es scheinbar erleichtert von Chris.

„Was?“

„Na ja… dass de jetzt doch ans andere Ufer gewechselt bist … Nee nee. Das nun nicht … aber … vielleicht, dass du doch so was wie ne …“

„Hm?“

Grinsend schlug Chris ihm auf den Rücken.

„So was wie ne richtig lustige Ader in dir hast.“

„Hrm“, brummte Andi zur Antwort.

„Aber sag mal…“, begann Chris nach ein paar Minuten des Schweigens erneut.

Aufmerksam sah Chris seinen Kumpanen an ehe er seinen Kopf bedeutsam in Richtung von Joe, der ein paar Stühle weiter Platz genommen hatte und sich angeregt mit ein paar der anderen unterhielt.

„Wie kommt es nun eigentlich, dass du ihn mitgenommen hast? Bist doch sonst so dagegen jemanden mitzunehmen.“

Überlegend sah Andi gerade aus und stützte sich nachdenklich auf seine Hand, während er weiterhin die darin befindliche Gabel festhielt.

„Na ja… wäre Unsinn, wenn ich es nicht tun würde“, stellte er schließlich seufzend fest.

„Warum?“, erkundigte sich Chris erstaunt.

„Er wohnt jetzt bei mir.“

Irritiert hob Chris eine Augenbraue.

„Noch ein Scherz von dir?“

„Nein.“

Beinahe genervt schloss Andi seine Augen und erhob sich.

„Soso“, war Chris einziger Kommentar, ehe er sich ebenfalls erhob.

Andi sagte nichts weiter und strebte dem Ausgang entgegen.

Die Nachricht, dass Andi Joe bei sich aufgenommen hatte verbreitete sich innerhalb einer Stunde in rasanter Schnelligkeit. Dennoch schienen alle damit zufrieden zu sein. Bis vielleicht einige wenige Mädels und Jungs, die sich Chancen bei Andi ausgerechnet hatten und nun ihre Felle davonschwimmen sahen.

Allerdings schöpften sie auch Hoffnung. Immerhin wohnten sie ja nur zusammen und das erschien noch lange nicht so schlimm zu sein wie das, was zuvor aus dem Schauspiel herüber gekommen war. Dies war der einzige Trost, den alle Hoffenden nun noch hatten…



Was die Clique jedoch abermals erstaunte, war die Tatsache, dass die beiden ‚Turteltäubchen‘ nicht in trauter Gemeinsamkeit nach Hause fuhren, sondern getrennter Wege gingen beziehungsweise fuhren. Andi ließ es sich natürlich nicht nehmen seine Leute darüber aufzuklären, dass Joe arbeiten musste. Auf die Frage hin, warum der Junge denn schon so früh losmarschierte, zuckte der Schwarzhaarige nur die Schultern.

War er Gott oder was dachten die sich?! Aber er vermutete, dass sich der Kleine schon so früh aufgemacht hatte, weil er fürchtete, dank seines grauenhaften Orientierungssinns zu spät zu kommen.



Währenddessen war Joe schon längst auf dem Weg zur Arbeit, er hatte nur zweimal die richtige Abzweigung verpasst, das war für seine Verhältnisse schon mal ganz gut. Trotz alledem und seiner orientierungsmäßigen Verbesserung hielt er sich bei seinen gelegentlichen Nachfragen doch lieber an Frauen. So gelangte er schließlich am Orte seiner Begierde an, pünktlich, auch wenn er sich noch auf dem Wege einen kleinen ‘Imbiss’ gegönnt hatte, denn in einer Kneipe voller gutdurchbluteter Biker zu arbeiten und nebenbei Hunger zu haben, das war einfach nicht die beste Basis für eine dauerhafte Anstellung.

Kaum als er in die Kneipe eintrat, kam ihm Geoffrey schon entgegen.

“Hi, hast ja rechtzeitig hergefunden!”, begrüßte er den Vampir grinsend.

“Klar, ich kenne meine Macken schon seit Ewigkeiten, da weiß ich, wann ich loslegen muss, um rechtzeitig am Ziel meiner Wünsche zu sein”, antwortete Joe zwinkernd, und wie er sich gedacht hatte, bemerkte Jeff die kleine Zweideutigkeit und zog amüsiert eine Augenbraue hoch.

“Na dann komm mal mit…”

Jeff führte den kleinen Vampir in einen Raum hinter der Theke und machte sich ohne Umschweife daran, dem Jungen seine Arbeit zu erklären.

“Kannst du kellnern?”

“Klar, ist ja nicht schwer.”

“Gut, kannst du Schlägereien schlichten?”

“Dürfte mir nicht allzu schwer fallen.”

“Und wie sieht’s mit deinen Nerven aus?”

“Nerven? Inwiefern?”

“Na, verträgst du es schon mal, wenn dich einer, na sagen wir mal, ein bisschen überfreundlich anpackt?”

“Ach, du meinst, wenn einer anfängt mich zu begrapschen? Denen geb ich erstmal ‘ne Warnung und beim zweiten Mal wird’s heftig. Da können sie sich freuen, wenn sie nur mit ‘ner gebrochenen Nase davonkommen.”

Und damit war die ‘Einweisung’ zu beidseitiger Zufriedenheit bereits abgeschlossen und Joe begann in weniger als einer Stunde mit der Arbeit.

So nach und nach trudelten die ersten Gäste ein, die meisten von ihnen Biker, viele in Leder gekleidet, doch Joe ließ sich nicht einschüchtern und putzte ruhig und die Gäste beobachtend ein paar Gläser. Nicht wenige der Männer aller Altersklassen stießen ob dem hübschen neuen Gesicht anerkennende Pfiffe aus, doch bei den Pfiffen, die Joe mit leichtem Lächeln und Nicken kommentierte, blieb es vorerst.

Die Meute bestellte sich nach und nach ihre Getränke, Joe flitzte leichtfüßig von Tisch zu Tisch, plauderte hier ein bisschen, flirtete dort ein wenig und bald zeigten sich die Männer von dem Neuen begeistert. Der Abend neigte sich zur Nacht, Gäste gingen, Gäste kamen, und überall machte sich lockeres Gemurmel breit.

Nun begannen tatsächlich einige Typen damit, Joe ohne Grund ein wenig Geld zuzustecken, bald klapsten auch schon die ersten Pranken auf das pralle Fleisch des Vampir’s Lieblingskörperteils. Er machte gute Miene zu bösem Spiel und schlug den Männern dann nur beim zweiten Versuch kräftig auf die Finger, zu deren Glück verstanden sie die Botschaft auch und hielten sich fortan zurück.

Doch als der Zeiger der Uhr gegen null Uhr tickte, wurde an einem der hinteren, weniger gut beleuchteten Tische Geschimpfe laut. Zweifellos wollten zwei Streithähne ihre Machokräfte messen.

“Jeff, wer sind die?”, erkundigte sich Joe leise bei seinem Chef.

“Den bulligen Großen nennen hier alle nur Bulldozer, wenn der betrunken ist, macht er alles platt, das ihm in den Weg kommt, von dem halte dich lieber fern. Der andere ist Kai, eigentlich ein netter Kerl, aber im trunkenen Zustand leicht reizbar. Der ist der einzige von den Kerlen hier, der sich für zerstörtes Mobiliar entschuldigt. Bei dem könntest du vielleicht was erreichen…”

“Hmm…”, machte Joe nur und beobachtete die Situation noch ein bisschen.

Doch mit einem Mal eskalierte alles, der eine, Kai, sprang auf und schnappte Bulldozer am Kragen, dieser sprang ebenfalls auf, da schloss sich Joe dem allgemeinen Gespringe an und sprang dazwischen.

“Hey, wenn ihr euch streiten wollt, dann geht raus, klar?!”

“Misch dich hier nicht ein, Prinzessin, das ist ne Sache zwischen Männern!”, fauchte Bulldozer und schubste den um vieles Kleineren mühelos zur Seite, um freie Bahn für die Schlägerei zu haben. Nun standen auch andere Gäste auf und schauten dem Spektakel zu.

“Ach ja, und du Riesenbaby bist natürlich der männlichste von allen, hä?!”, reizte Kai den ohnehin schon Wütenden weiter, so dass dieser seinen Ausweg im Kampf suchte. Beide Männer ließen kräftig die Fäuste fliegen, sie hatten sich bereits die Augen und noch andere Körperteile blaugeschlagen, als irgendetwas den Kampf störte.

Bald darauf war auch zu sehen, was die Unterbrechung verursacht hatte. Ein weiteres Mal stand Joe zwischen den Kontrahenten, nun jedoch um einiges ungehaltener.

“Entweder, ihr hört auf und räumt die Sauerei hier auf, oder ich schmeiß euch beide achtkantig raus!”

Doch der Bulldozer lachte nur und wollte Joe ebenfalls eine reinziehen, damit dieser ruhig gestellt war, doch der Vampir tauchte blitzschnell unter der Faust hinweg, pfefferte dem bulligen Mann seine Handkante in den Halsansatz und dieses zeigte sofort Wirkung. Bulldozer erstarrte in der Bewegung und sackte mit einem hilflosen Quieken in sich zusammen. Joe ließ den Mann fallen, wie er fiel und drehte sich zu Kai um.

“Entweder du gehst freiwillig oder ich schick dich auch schlafen.”

Von Joes Leistung beeindruckt hob Kai nur beschwichtigend beide Hände, sammelte seine Klamotten ein, stellte den im Laufe des Kampfes umgeworfenen Tisch wieder auf die Beine und machte, dass er davonkam.

“Besser so”, knurrte Jonathan zwischen den Zähnen hindurch, schnappte den Bewusstlosen am Schlawittchen, schleifte ihn mühelos hinter sich her und hinaus auf die Straße. Wieder in der Kneipe wischte er gleichmütig das verschüttete Bier auf, stellte die Stühle wieder an ihren angestammten Platz und brachte die leeren Gläser zur Theke. Der Rest seiner Arbeitszeit verlief ereignislos, denn niemand hatte noch großartig Lust in Joes Gegenwart eine Prügelei zu starten.



Todmüde schloss der Grünäugige die Tür zu ihrer gemeinsamen Wohnung auf. Ja, ab heute konnte er sie ja schließlich auch sein Eigen nennen, die Arbeit war ja Andis Bedingung gewesen. Jeff hatte ihm die Festanstellung zugesagt, von nun an hatte er Montags und Freitags zu tun. Hätte ihn auch schlimmer treffen können, und die Bezahlung stimmte auch, mit dem Trinkgeld addiert läpperte sich das Ganze dann schon zusammen.

Der Vampir gähnte ein weiteres Mal so heftig, dass es ihm fast die Kiefer ausrenkte. Der Tag heute war definitiv zu lang und zu anstrengend gewesen… Er freute sich auf eine schöne warme Dusche und das ihm sonst so unangenehme, alte quietschende Bett. Er wollte einfach nur noch seine Ruhe haben…

Tranig öffnete er die Tür zum Badezimmer, hatte sich schon halb aus den nach Rauch riechenden Klamotten geschält, als das Rauschen von Wasser an sein Gehör drang. Mit vor Anstrengung zwischen die Zähne geklemmter Zunge versuchte er die Herkunft des angenehm beruhigenden Geräusches ausfindig zu machen, wie ein blindes Huhn taperte er von einer Ecke des Bades in die andere bis ihm endlich ein Lichtlein aufging und er erschrocken zur Dusche herumwirbelte.

Oh Gott! Da stand Andi – nackt wie Gott ihn schuf! – unter der Dusche und er Döspaddel hatte davon rein gar nichts mitbekommen! Wah! Aber… Hmmm… Der hatte ihn auch nicht bemerkt… Vielleicht sollte er einfach… Ja, das war wohl das Gesündeste für ihn.

Leise zog er sein Shirt wieder über, drehte sich um und wollte sich schon klammheimlich aus dem Staub und damit aus dem lebensgefährdenden Zustand machen, doch trotz – oder gerade wegen? – seiner übertriebenen Vorsicht übersah er eine kleine Seifenpfütze – die Dusche war wohl irgendwo undicht – trat hinein und legte sich in einer wettbewerbsreifen Flugkurve mit Getös der Länge nach flach auf den Rücken.

“Uhhh… Maldita sea…” (Anm.: “Verdammte Scheiße…”)

Schwarze Pünktchen tanzten Polka vor seinen Augen und sein Kopf brummte, denn Kopf plus harter Boden gleich nicht gesund. Noch dazu hatte er sich alle Überlebenschancen verspielt. Warum war ausgerechnet heute einer dieser völlig abnormalen, weil ereignisreichen Tage?! Warum schlug gerade heute Murphys Gesetz zu?!

Noch dazu klappten die Türen der Duschkabine und ein verschwommener Andi erschien in seinem Blickfeld.

“Hey, alles in Ordnung? Lebst du noch?!”

Jonathan versuchte mit dem Kopf gegen die sich drehende Welt gegenzusteuern, doch es brachte nicht allzu viel, es fuhr nur alles noch schneller Karussell um ihn herum.

“Jonathan! Kannst du mich verstehen? Hey, sag doch was!”

Ganz am Rande seines Bewusstseins regte sich wieder etwas. Hmmm… Hörte sich Andi da eben wirklich ein wenig besorgt an? Langsam fing Joes Hirn wieder mit der Verarbeitung seiner Umwelt und all der Sinneseindrücke an. Zuerst meldete sich der Schmerz an, dann spürte er seinen Körper wieder und zum Schluss traten auch seine Augen wieder ihren Dienst an.

Hey. Mooment mal. Jonathan ließ seinen Blick über den neben ihm knienden und über ihn gebeugten Andi wandern. Alles ganz normal, doch… Mit einem Mal schoss ihm sämtliches Blut ins Gesicht. Der war ja immer noch nackt! Kein Handtuch um die Hüften, nichts, was die stolze Männlichkeit verbarg!! GAR NICHTS!!

“Hey, geht es dir gut?”

Der Vampir konnte sein Blut in seinen Unterkörper weiterwandern spüren.

‘Nein!! Oh Gott, tu mir das nicht an!’, dachte er verzweifelt. So schnell er konnte rappelte er sich auf und sauste ins Gästezimmer, ein ‘Tut mir leid!’ auf den Lippen. WAAAH!!

Andi hingegen hockte immer noch ein wenig bedeppert auf dem Badboden und schaute dem Flüchtenden hinterher. Naja, war wohl doch nicht so schlimm gewesen… Aber… HEY!! Erschrocken sah er an sich hinab. Argh! Er hatte doch tatsächlich vergessen, sich ein Handtuch um die Hüften zu schlingen! DESHALB war Jonathan so schnell abgezischt! Der war ins Bad gekommen, als er selbst noch seelenruhig unter der Dusche gestanden hatte!!

“Jonathaaan!!! Du verdammter Spanner!!”

Wütend sprang er in einem Satz auf, schnappte sich ein Handtuch, schlang es um seine Hüften und setzte dem Jungen hinterher.



Teil 11

Oh er würde ihn umbringen! Und wie er das würde. Fluchend näherte er sich mit bedrohlichen Schritten dem Gästezimmer Joes. Wütend schlug er mit der Faust dagegen als er zu seinem aufgebrachten Leidwesen festestellen musste, dass die Tür abgeschlossen worden war. „Mach SOFORT diese Tür auf. Oder … ich schwöre dir bei allem was mir heilig ist – und das ist weiß Gott nicht viel – dass ich dich wie eine Ameise gnadenlos auf dem Boden zertreten werde sobald du dort rauskommst. Denn dass du rauskommen musst, das wissen wir beide. ALSO?“

Stille.

Nichts regte sich.

Gar nichts.

„Ich. Warte. !“

Wieder Stille.

Dann: „Nein.“

Kurz dachte Andi über die leise Antwort nach, ehe er sich mit einem – so hätte vermutlich Joes Beurteilung gelautet – teuflisch/dämonischem Lächeln des so harmlos scheinenden Wörtchens „gut“ bediente. Einige Minuten später konnte man Andi dabei beobachten wie er, mit sehr gemäßigten Schritten, seinem eigenen Zimmer entgegenstrebte, wo er in einer seiner zahlreichen Schubläden herumwühlte, nur um letztlich triumphierend einen Schlüssel mit der Hand zu umklammern.Auf Zehenspitzen tapste er wieder zurück zum Gästezimmer und schob dann, unendlich sanft, den kleinen versilberten Gegenstand in die dafür vorgesehene Öffnung, wo er ihn sogleich herumzudrehen begann. Zuvor hatte er noch eine seiner Lieblingsplatten aufgelegt, welche nun auch die allerletzten Geräusche- wie zum Beispiel das leise Klicken beim Öffnen der Tür – übertönte. Kaum dass die Tür somit beinahe lautlos aufschwang, trat Andi in das kleine Zimmerchen und betrachtete sich das kleine mickrige Etwas, welches da in einer Ecke hockte und die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte. Mit vor der Brust verschränkten Armen sah Andi nun mit gehobenen Augenbrauen und einem wirklich – wirklich – miesen Gesicht auf den Kleinen hinunter.

„Hallo Jo~e“, zwitscherte er ihm liebevoll entgegen.

Mit schreckgeweiteten Augen sah Joe auf, wobei Andi nun Betrachter einer wirklich hübsch anzuschauenden roten Farbe werden konnte. Also wirklich! Dieses Rot! Es stand dem Kleinen ausgezeichnet. Innerlich grinsend fuhr Andi fort.

„Hast du mir irgendetwas zu sagen?“

Joe zog sich immer weiter ineinander zusammen, ehe er zu fragen wagte:

„’tschuldigung?“

Gefährlich zogen sich die Brauen Andis zusammen.

„Und was noch?“

Leicht bis schwer verwirrt blickte Joe zu ihm auf.

„Wie, und was noch?!“

„Ganz einfach: sag, dass es nie wieder vorkommt.“

„Na gut, sofern ich nicht wieder halbtot - “, falsch, untot, aber egal, „von der Arbeit nach Hause komme und einfach nur noch duschen will und ins Bett gehen und ich einfach nicht damit rechne, dass du gerade unter der Dusche stehst, weil du normalerweise früher duschst, wird es nicht mehr vorkommen.“

Dank seines langen und sehr schnellen Redeschwalls etwas außer Atem gekommen, musste Jonathan selbigen erstmal wieder in seine Lungen pumpen, damit er wieder gegen weitere verteidigungsschreiende Argumente gewappnet war.

„Also versprichst du … nein … schwörst du es?“

„Öhmmm… Wird das ein Schwur auf Lebenslänge?“

Die Augenbraue in unendliche Höhen gezogen, blickte Andi auf dieses nun scheinbar so überaus aufmerksam gewordene und interessierte kleine Bündel vor ihm. Grübelnd sah er - nachdem bereits mehr als 5 Minuten vergangen waren – immer noch auf eben diese Gestalt hinab und hatte die Hand auch schon bejahend erhoben, sowie den Mund geöffnet doch irgendwie wollte da kein Ton über seine Lippen kommen bis …: „Ach lass es einfach in Zukunft.“

Über sich selbst unheilbar verwirrt wandte Andi sich um und entfernte sich kopfschüttelnd von dem Kleinen.

Höh? Na moment mal, was war’n das jetzt. Da musste doch glatt mal nachgehakt werden. Neugierig erhob sich Joe von dem altersschwachen Bett und folgte seinem Vermieter in Richtung private Gemächer.

„Also wie jetzt, auf einen Schwur auf Lebenszeit willst du dich nicht einlassen? Das lässt ja was blicken… Aber, wo wir schon mal dabei sind… Mein Bett ist alt. Sehr alt. Ich will nicht irgendwann auf dem Boden liegen. Und dabei bin ich doch nur so’n Fliegengewicht!“

Mitten im Schritt blieb Andi stehen und wagte es beinahe nicht, sich umzudrehen, als Joe ihm mit einmal – unerwarteter Weise – folgte. Nachdem dieser jedoch, nachdem Andi ihn in seiner großherzigen Güte bei sich aufgenommen hatte, auch noch anfing Ansprüche zu stellen, platzte ihm der Kragen.

„BITTE WAS?! HAST DU NUN VÖLLIG DEN VERSTAND VERLOREN? ICH NEHME DICH AUF. GEBE DIR ZU ESSEN. … EINBLICK IN MEINE PRIVATSPHÄRE. (ungewollter weise) UND DU HAST NIX ANDERES ZU TUN ALS DICH AUCH NOCH ZU BESCHWEREN?!!! ICH HÄTTE DICH AUCH AUF DER STRAßE SCHLAFEN LASSEN KÖNNEN!!!“

Schwer atmend sah Andi Joe an, welcher sich derweil von seiner Schimpftirade nur halbwegs beeindruckt zeigte.

Im Gegenteil. Sein spanisch/karibisches Temperament – von Mama geerbt – machte sich nun Luft.

„JETZT HALT ABER MAL DIE LUFT AN! DU HAST MICH DOCH FREIWILLIG AUFGENOMMEN UND EBEN NICHT AUF DER STRAßE GELASSEN, OKAY?! UND ES IST JA WOHL KEIN VERBRECHEN, ALS GLEICHBERECHTIGTER, ZAHLENDER MIETER AUCH EIN ANSTÄNDIGES BETT ZU VERLANGEN, ODER?!!“

Andi zog wütend seine Augenbrauen zusammen und ein wahrer Funkenregen ging auf den kleinen unbedarften Jungen hernieder. Immer schmaler wurden die Augen und wenn man genau hinsah, konnte man kleine Rauchwölkchen aus Andis Nasenlöchern aufsteigen sehen. In übderdimensonaler Geschwindigkeit schnappte die große Hand Andis nach der kleineren von Joe und zog diese – samt größerem Anhang – in Richtung des hergerichteten Gästezimmers. Dort angekommen wandte sich Andi in fließender Geschwindigkeit zu dem Kleineren um und drehte diesen so, dass er ihm nun direkt in das Gesicht sah. Anklagend deutete er auf das schmale Bett Joes und meinte herausfordernd auf den Bunthaarigen hinab.

„Wassss …“, zischte er Joe zu, „ist daran bitte ALT?!“

„Wie wäre esss mit allesssssssssss?!“, zischte Jonathan giftig zurück.

„Du kleiner …“

Nun vollkommen außer sich beugte sich Andi noch näher zu Jonathan hinab und wollte gerade fortfahren, als er von seinem Gegenüber im Nacken gepackt wurde und auf einmal ein paar weicher Lippen auf die seinen gedrückt bekam.

Andi, noch vollkommen überrumpelt, wollte seinem Gehirn zwanghaft klar machen, dass er wirklich … ganz ehrlich … etwas hatte sagen wollen und … müssen …aber … irgendwie … was war das doch gleich gewesen?!

Jonathan hingegen genoss den Kuss solange er noch ungeköpft auf Erden wandeln durfte. Andis Lippen waren einfach zum Küssen geschaffen! Allerdings war so ein Kuss ohne jegliche Reaktion des Geküssten schon etwas fad… Aber egal. Joe litt unter Liebesmangel und den galt es – freiwilliger oder unfreiwilligerweise – von Andi vorerst zu mildern. Selbst schuld, wenn der sich so nah zu ihm beugte…

Nach einer scheinbaren - recht verdrehten und irrealistischen – Ewigkeit gelang es Andi endlich wieder seine scheinbar ins Stocken geratenen Gehirnzellen nach und nach zurückzuerobern. Aufs Höchste irritiert schob er Joe schließlich von sich und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Schließlich glitt sein Blick, nach einem kurzen Zwischenstop bei seiner eigenen Person, weiter zu Joes Bett. Mehrere Male ging das so, so dass man bei genauerer Betrachtung den Eindruck zweier ziemlich außer Rand und Band geratener Ping Pong Bälle bekam. Nachdem ein verwirrender Eindruck den anderen endlich ins Aus geschossen hatte, blieb Andis Blick letzlich auf Joe liegen und aktivierte somit die fast abgebrannten und leicht verkohlten Leichen seiner Stammzellen im Gehirn, welche daraufhin einen letzten sinnbringenden Satz zu Stande brachten.

„Das Bett. Erst ein Neues … wenn altes … zusammenbricht… durch Fliegengewicht.“

Am Rande seines Geistes bemerkte Andi, dass immerhin noch genug Zellen überlebt zu haben schienen, um einen halbwegs vernünftigen Reim auf die Reihe zu kriegen und hinterher seine Muskeln in Gang zu setzen, welche ihn immer weiter von diesen Lippen … ähm … diesem Jonathan weg und in sein eigenes Zimmer hinein trugen.



Der Dienstagmorgen begann für Andi nicht wie – seitdem Joe sich bei ihm eingenistet hatte – jeder Morgen mit Deckenklau und Verfolgungsjagd, sondern er wurde vom Wecker geweckt. Und hatte seine Decke noch. Verkehrte Welt.

Joe hatte Frühstück gemacht und saß bereits am Tisch, als auch Andi sich dazu gesellte. Ein prüfender Blick sagte dem Vampir, dass Andi wohl noch etwas Zeit brauchte, um über den Umstand hinwegzukommen, bei einer Diskussion mit Joe dermaßen vernichtend geschlagen worden zu sein.

Hätte Andi von den Gedanken des – für ihn momentan größten Widerlings überhaupt – etwas gewusst, wäre er wohl schier aus der Haut gefahren. Mal wieder. Aber dieses Mal hätte er auch einen berechtigten Grund gehabt! Immerhin hatte es sich gestern Abend keineswegs um ein vom Schiedsrichter bewilligtes Mittel bei der Bewältigung der Diskussion gehandelt. Aber auf Grund dessen, dass Andi des Gedankenlesens nicht fähig war, musste er sich noch immer nur mit den Gedanken zu einem Thema herumschlagen. ‚Das war mein erster. Kuss. Erster Kuss. Gemein. Erster. *heul*’

Aufgrund der zwar nicht ganz ungewöhnlichen, aber doch ein wenig merkwürdigen Schweigsamkeit seines gestrigen Vergewohltätigungsopfers fingen die zwei kein nennenswertes Gespräch an, weder zu Hause, noch auf dem Weg zur Uni, noch in der Uni selbst. Nur Chris schien das leicht veränderte Verhalten seines besten Freundes aufzufallen.

Er brachte es kaum über sich, aber nach beinahe vier Stunden, in denen Andi sich beinahe kampflos dem Unterricht des Herrn Schillers ergeben und mit niemandem ein Wort gewechselt sondern nur vor sich hin gestarrt hatte, ergriff Chris die Gelegenheit beim Schopfe, als sie gerade auf dem Campus ihr übliches Mittagsmahl einzunehmen gedachten. Nicht dass Andi fähig gewesen wäre, den Weg allein zu finden. Chris hatte ihn selbstverständlich an die Hand genommen und es hätte nicht viel gefehlt, da wäre er nache dran gewesen, dem Großen auch noch einen Lolli zu kaufen – denn die Zeit in der Kinder sprechen lernten setzte bekanntlich erst im zweiten Lebensjahr ein. Nun ja. Kaum dass Chris sich mit seinem apathischen Kumpel in eine der hinteren Ecken verdrückt hatte, fing er auch schon an sich vor zu tasten.

„Sag mal Andi, was ist los mit dir?“

Glasige Augen blickten in seine Richtung … und prompt durch ihn durch.

Chris beschwor sich ruhig zu bleiben und atmete tief durch. Zwar hatte er das nicht vor gehabt, doch auf Grund von Andis Schweigsamkeit zog er bereits am Anfang dieses Gesprächs seinen Trumpf aus dem Ärmel.

„Andi~i. Was hat Jonathan William getan?“

Zufrieden beobachtete Chris das zurückkehrende Leuchten in Andis Augen und endlich konnte er den Blick auf seiner Person spüren und wusste, dass er ins Schwarze getroffen hatte.

„Wieso?“

„Irgendwas scheint doch gewesen zu sein. Also rück raus damit.“

Geschockt blickte Andi seinen besten Kumpel an und meinte instinktiv: „Niemals.“

Der Kleinere konnte auf Anhieb erkennen, dass er zwar mit seinem Auftakt nicht ganz falsch lag, er zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht mehr aus Andi herausbekommen würde. Somit nickte er nur. Auch als Andi wenig später meinte, dass er die restlichen Stunden schmeißen würde, verbot sich Chris jeglichen Kommentar.

Kaum 5 Minuten nachdem sich Andi von seinem Freund verabschiedet hatte, schwang er sich auf sein Bike und fuhr quer durch die Stadt an den einzigen Ort, wo er seine Gedanken in Ordnung bringen konnte…



Es wurde Abend ehe Andi endlich wieder in die Straße zu seiner Wohnun einbog. Schon von Weitem konnte er Jonathan erkennen, welcher auf der Treppe zum Haus saß und anscheinend recht gelangweilt in einem seiner Uni – Bücher schmökerte. Ruhigen Schrittes ging Andi, nachdem er seine Maschine abgestellt und gesichert hatte – auf Joe zu und sah auf ihn hinab. Kopfschüttelnd meinte er schließlich: „Erinnere mich daran, dass wir dir bald einen Zweitschlüssel machen lassen. Wäre schlecht, wenn du ständig hier in der Gegend herum hockst. Vor allem im Winter. Soll recht kalt sein, in der Jahreszeit.“

Mit diesen Worten schritt Andi an Jonathan vorbei, welcher daraufhin nur genickt hatte und seine Sachen ergriff, ehe er Andi langsam folgte.

Dieser war nach längeren Überlegungen zu dem Schluss gekommen, dass dies zwar sein erster Kuss gewesen war, es letztlich jedoch kaum etwas zu bedeuten gehabt hatte. Weder für ihn noch wie Joe. So zumindest dachte er, denn immerhin war dies alles nur im Eifer des Gefechts geschehen gewesen.

Dass Joe seine Gedanken in dieser Hinsicht nicht so ganz teilte, sondern sich insgeheim einen Punkt auf dem Knutschkonto gutschrieb, spielte ja vorerst keine Rolle. Und dass der Kuss trotz ausbleibender Begeisterung Andis der Hammer gewesen war, sprach für sich. Jetzt musste nur noch diese lästige Sache mit den getrennten Betten geregelt werden, aber kommt Zeit, kommt Rat.

Und dieser fand sich in Gestalt eines Jonathan äußerst wohlgesonnenen Schicksalsgottes ein.

Noch am selben Abend, beide Bewohner befanden sich gerade bei einem einvernehmlichen Abendbrot, fand sich, vollkommen unvermittelt und anfangs auch von beiden Seiten mehr als ungewollt, eine Gestalt in Form einer kleinen quirligen Dame ein. Kenner des Gruselfilm – Genres war diese Gestalt auch besser bekannt unter dem Namen ‚Tanni’.

Es war punkt 19 Uhr 52 als es klingelte und Andi, immer noch etwas paralysiert von dem zuvor entdeckten kleinen grünen Keimen auf seinem Lieblingskäse, die Tür öffnete. Tanni, ausgerüstet mit einer mehr als großen – um an dieser Stelle nicht das Wort ‚gigantischen’ verwenden zu müssen – Reisetasche in der Hand, welche sie dem überraschten jungen Mann auch sofort in den Arm drückte, sprang gleich darauf durch die Tür und direkt in das heilige Reich von Andreas Noir. Keine Frage, Andi war geplättet. Wortwörtlich. Diese Tasche wog mindestens ein paar Zentner. Kaum zu glauben, dass solch ein Leichtgewicht das Teil alleine getragen hatte. Doch noch ehe Andi realisierte was eigentlich genau geschehen und welcher Laster … äh … Reisetasche ihn da überrollt hatte, begann Tanni auch schon loszuquasseln.

„Hi Andi mein Schatz ich wollte dich bitten mir doch bitte für ein paar Tage Unterschlupf zu gewähren bei mir ist es so laut die bauarbeiter an der fassade na du weißt schon habs dir ja erzählt und da du doch immer ein offenes ohr und ein offenes schlafzimmer hast dachte ich ich komme zu dir aber halt du hast ja einen neuen mitbewohner am besten ich schlafe also bei dir wenndirdasrechtist?!“

„Hä?“ erscholl es aus zwei Mündern gleichzeitig, ehe es in eben solcher Geschwindigkeit und wieder genau gleichzeitig ‚Klick’ machte.

„Bitte WAS?!“

„Ach komm schon Andiii. Nur für ein paar Tage.“

Tanni rückte unaufhaltsam näher. Es gab keinen Ausweg. Stück für Stück rückte Andi dichter an den Küchentisch und somit an Joe heran.



Teil 12

Bis es dem Kleineren zu bunt wurde. Eifersüchtig und auf hundertachtzig trat er zwischen Tanni und seinen Andi, den er gestern Abend aus guten Gründen und mit bösen Vorahnungen gegenüber diesem…Weibsbild vorsorglich bereits markiert hatte und funkelte dieses weibliche Unding vor sich an.

„Coja tus manos de mi hijo, puta!! Comprendes ??“ (Anm.d.A : Nimm deine Hände von meinem Typen, Flittchen !! Kapiert??)

Dann warf er die Hände hoch und meinte anklagend:

„Ah Dios mio, por qué?! Por qué? Estuve solamente un beso ! Un beso !!! Está injusto!!“ (Anm.d.A.: Oh Gott, warum?! Warum?! Es war nur ein Kuss! Ein Kuss!! Das ist unfair!!)

Dann wandte er sich wieder dem etwas verdattert dastehenden Mädel zu.

„Y tu… Te comporte, sí? O me conoceras!“ (Anm.d.A. : Und du… Du benimmst dich, ja? Oder du lernst mich kennen!)

Und während er noch so in der Gegend herum sprach, kam ihm eine zündende Idee. Sogleich wechselte er wieder in die landesübliche Sprache, um seine Idee in die Tat umzusetzen.

Kleine Teufelchen tanzten in seinen Augen als er sich widerum an Andi wandte.

„Sie kann mein Zimmer haben. Schließlich ist sie dein Gast und ich gebe mein Zimmer doch gern her. Ich schlaf dann einfach bei dir.“

Andi, welcher insgeheim bereits ein Komplott gegen ihn vermutete und für sich selbst felsenfest überzeugt war, dass diese Woche nicht nur scheiße angefangen hatte, sondern auch so enden würde, fand, nun tief resignierend, zu seiner alten Form zurück und starrte die zwei Kleineren in Grund und Boden. Knurrend meinte er zu Tanni, dass diese das Angebot von Joe anzunehmen habe, wenn dieser schon mal so freundlich sein wollte. Als Joe nun schon innerlich frohlocken wollte, versetzte ihm Andi indes einen Dämpfer, welcher einer Dampfwalze alle Ehre gemacht hätte.

Knurrend verkündete er: „Und da du ja Gentlemen in Person bist, macht es dir sicher nichts aus, auf der Couch zu schlafen. Da ich morgen früher raus muss als du, würde ich dich ansonsten ja nur wecken.“

Mit diesen Worten wandte er sich um und schritt erhobenen Hauptes in Richtung Bad und man konnte laut und deutlich das Drehen eines Schlüssels hören, nachdem die Tür geschlossen worden war.

Nach dem so gelungenen Abgang Andis starrten sich die beiden nun allein in der Küche befindlichen Parteien kriegerisch an. Schließlich wurde es Joe jedoch zu viel und somit begab er sich grummelnd in sein Zimmer um seine Bettwäsche vor diesem Biest zu retten. Immerhin konnte er innerlich zumindest teilweise frohlocken. Es hätte schlimmer kommen können. Hätte Tanni es zum Beispiel bis in Andis Bett geschafft, hätte Joe in dieser Nacht mit Sicherheit kein Auge zu getan. So jedoch… Wenn man es sich genau betrachtete hatte er richtig Glück. Er war immerhin um ein Zimmer näher an Andi heran gekommen. Ein großer Fortschritt, wenn man noch den Kuss von gestern mit dazu rechnete.

Während er noch so vor sich hin grübelte und hin und wieder ein Lächeln über sein Gesicht huschte, trat Tanni ebenfalls in das Zimmer und nach einem abwertenden Blick auf das nun abgezogene Bett, schleifte sie ihre Tasche hinter sich her und steuerte zielsicher das klapprige Gestell einer Schlafstatt an. Joe hatte sich indes schmunzelnd verzogen, wusste er doch, wie instablil das Gerüst doch war und hoffte insgeheim, dass das Teil noch in dieser Nacht unter dieser Kuh zusammenbrechen würde.

Gebete und Hoffnungen waren was tolles. Manchmal ging eines der Beiden in Erfüllung. In diesem Fall war es die Hoffnung. Denn kaum, dass Joe das Zimmer verlassen hatte, ertönte ein riesen Krach, das man meinen könnte das Dach käme gleich runter. Schnell wurde die Badtür aufgeschlossen und ein anscheinend auf alles gefasster Andi stürmte in das Gästezimmer. Und da stand sie nun. Die riesige Tasche auf einem jetzt um einige Etagen tiefer gelegenem Bett. Das Gestell erinnerte stark an eine junge Giraffe, die gerade das Laufen hatte üben wollen und nun alle Viere von sich streckte. Und unter all diesen Gelenken und Federn kam dann auch, bei genauem Hinsehen, eine ziemlich geschockte Tanni zum Vorschein. Diese saß, der Kirsche auf einer Sahnehaube nicht ganz unähnlich – wie Joe zu seinem Vergnügen feststellen musste – mitten auf der Matratze und schaute ebenso dämlich aus der Wäsche wie sie es innerlich wohl schon immer gewesen war.

Andi konnte nur noch den Kopf schütteln und hielt sich die Hand vor die Augen, um diesen schrecklichen Anblick aus seinen Gedanken zu verbannen. Nur leider gelang ihm das nicht vollständig denn schon verlangte der zweite junge Mann des Hauses seine Aufmerksamkeit. Dieser stand, die Arme ineinander verschränkt und mit einem leichten kaum zu verbergenden Grinsen auf dem Gesicht im Zimmer und erkundigte sich freundlich: „Und jetzt?“

Andi hingegen brachte vorerst nur ein: „Oh. Mein. Gott.“ heraus und wandte sich ab. Mit einem letzten Blick auf Joe ging er ins Wohnzimmer, um sich dort auf der Couch häuslich nieder zu lassen und nachzudenken. Hätte er nicht genau gewusst, dass Joe erst nach ihm ins Zimmer gekommen war, hätte er schwören können, dass der Kleine etwas mit diesem Unfall zu tun hatte. So jedoch … musste eine neue Lösung für die Nacht gefunden werden. Ihm graute schon vor den Avancen der beiden. Doch wenn er es sich genau überlegte, wusste er schon, wen er erwählen würde um in dieser Nacht seinGemach mit ihm zu teilen.

Es dauerte auch keine paar Minuten als Tanni, nahe am Heulen, herein kam und sich hundertmal entschuldigte, nur um immer wieder im gleichen Atemzug zu fragen, wo sie denn nun schlafen könne und ob es denn nun nicht doch möglich wäre, sein Bett für zwei Personen zu beanspruchen. Grübelnd und Tanni aufs Beste ignorierend sah Andi zu Joe hinüber, welcher ruhig an die Zimmertür zum Gästezimmer gelehnt stand und nichts weiter tat als ihn und Tanni anzusehen.

Letztlich gab Andi sich jedoch einen Ruck und erhob sich.

„Also Tanni. Ich würde sagen du schläfst auf der Couch. Schließlich bin ich kein Unmensch. Joe ist sicher gern dazu bereit auf selbige zu verzichten.“ An Joe gewandt meinte er nur: „Und du nimmst dein Bettzeug und pennst diese Nacht bei mir. Morgen sehen wir dann weiter.“

„Aber…“, kam es von Tanni.

Andi jedoch winkte ab und sagte nur: „Ich will nicht das erst Gerüchte aufkommen. Du willst doch sicher nicht das irgendwer mehr in eine Nacht zu zweit in meinem Bett hineininterpretiert als wahr ist, oder?“

Als Tanni nichts sagt nickte Andi nur.

„Gut. Joe, kommst du?“

„Na aber sowas von!!“

Tanni hinter Andis Rücken eine lange Nase drehend schlenderte der nun um einiges fröhlichere Vampir hinter seinem ‚Bettgefährten’ hinterher. Hätte ja gar nicht besser laufen können! So konnte Mister Griesgram schließlich nicht behaupten, dass er irgendwas mit diesem dummen Missgeschick *lach* zu tun hatte und dieses dumme Weib schlief ganz allein auf der Couch und er bei Andi! Es hätte wirklich nicht besser laufen können!!!

Noch ein paar Dankesworte an das ihm so freundlich zugetane überirdische Wesen sendend warf der Vampir sein Bettzeug auf Andis breite Liegestatt und verschwand Richtung Nasszelle. Auch er schloss ab, denn der Furie im Wohnzimmer war so einiges zuzutrauen. Es dauerte auch nicht lange und er war bereit für das Abenteuer „Eine gemeinsame Nacht mit Andi“.

Selbiger hingegen hatte genug für zwei Tage erlebt und hatte nicht vor, noch mehr geschehen zu lassen, was ihm den Schlaf rauben könnte. Er hegte die stille Hoffnung, dass, wenn er die Augen nur fest genug schloss, diese zwei Nervensägen von ganz alleine verschwinden würden und sich das Ganze beim Öffnen der Augen am nächsten Morgen als ein einziger langer Albtraum herrausstellen würde. Kaum dass Jonathan wenig später das Zimmer betrat, wandte Andreas sich dem jungen Mann zu und erklärte ihm schnell und knapp die ‚Zimmerregeln’, welche seit genau 2 Minuten und 34 Sekunden existierten und vor 1 Minute und 5 Sekunden in Kraft getreten waren.

„Du schläfst bei mir im Bett. Mach dir keine Hoffnungen. Notbehelf. Änderungen erfolgen morgen. Nicht näher als 5 cm in meine Nähe Rücken. Benutz deine eigene Decke. Ich bin kein Kopfkissen. Schnarchen verboten. Morgen so schnell wie möglich das Zimmer verlassen. Gute Nacht.“

Mit diesen kurzen Anweisungen schmiss sich Andi in sein Bett, zog die Decke über seinen Kopf, um somit das irreale Dasein der Wirklichkeit auszuschließen, und ward den Rest der Nacht nicht mehr gesehen.

Joe indes stand noch immer etwas verdattert mit Kissen unterm rechten und Decke unterm linken Arm und besah sich den Mann, der ihn so scheinbar notgedrungen in sein Bett ließ. Im Stillen nahm er sich vor, sich diese Nacht an die Regeln zu halten. Immerhin war auch er der Meinung, dass seit gestern wahrscheinlich schon genug passiert war und dass zu 99 Prozent ein Erdbeben Stärke 9 über ihn hereinbrechen würde, wenn er sich zu diesem Zeitpunkt noch weiter vorwagte. Schulternzuckend wandte sich Jonathan nun endgültig in Richtung Bett, wo er sich wenig später, 6 Zentimer von Andi entfernt, häuslich einrichtete.

Trotz aller Regeln und Vorsätze kam der kleine Vampir jedoch nicht umhin den Geruch des Größeren wahr zu nehmen. Seine Finger zuckten förmlich, als er immer wieder seinen Blick über den warmen Körper streifen ließ. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass er einen Kopf kürzer gemacht werden würde, wenn er diese unsichtbare Grenze zu Andi überschreiten gedächte. Doch eigentlich hatte er vor, noch ein wenig länger auf Erden zu wandeln – jetzt, da er endlich mal die erste vernünftige Bleibe seit immerhin 74 Jahren aufgetrieben hatte.

So begnügte er sich damit den Adoniskörper Andis zu bewundern und seine Fingerchen hübsch bei sich zu lassen. Aber noch war ja nicht aller Tage Abend, nicht wahr? Blöd nur, dass er heute irgendwie so überhaupt nicht zu einem Biss gekommen war… Und bei seinem Vermieter wollte er es gar nicht erst probieren, wer weiß was da passieren konnte… Mal ganz abgesehen davon, dass dieser zur Zeit sowieso nicht gut auf ihn zu sprechen zu sein schien. Ob das wohl was mit dem Kuss zu tun hatte? Sicherlich war der Große noch nie von einem Mann geküsst worden. Vielleicht hatte es ihm sogar gefallen und er hatte jetzt Angst schwul zu sein oder er war zumindest verwirrt, denn anders ließ sich sein Verhalten ja kaum deuten.

„Mensch Kerl, warum bist du auch so kompliziert…“, seufzte er und drehte sich mit dem Rücken zu Andi. Einfach zu viele Geheimnisse, die dieser Kerl da hütete. Aber hinter die kam er auch noch. Nur sollte er so langsam mal anfangen eine etwas aggressivere Schiene in Sachen Eroberung Andis fahren, allerdings vorsichtig… Verdammt noch mal! So eine verzwickte Sache war ihm noch nie untergekommen! Und es war sowieso merkwürdig, dass er sich so bemühte um diesen Menschen. Normalerweise hätte er auch zig andere nehmen können, aber nein, es musste ja ausgerechnet der Schwierigste von allen sein. So langsam verstand er sich selbst nicht mehr. Sollte er doch tatsächlich seinem über zweihundert Jahre währenden Motto ‚Nimm was du kannst und dann nix wie weg!’ untreu und damit sesshaft werden?! Ach du liebe Güte. Jetzt wurde er wohl wirklich alt.

Der mehr unwillige Blick zum Wecker sagte ihm sachlich, dass es über seine Überlegungen bereits halb sechs Uhr morgens geworden war. Na toll. Dann hatte er diese Nacht noch nicht mal geschlafen. Herzlichen Dank auch. Aber er sollte sich Gedanken darüber machen, wie er dieses Weib wieder loswurde…

Seufzend stand er auf, streckte sich, warf noch einen Blick auf den sanft schlummernden Andi, grinste ob der Tatsache, dass sich dieser während der Nacht keinen Millimeter bewegt hate und machte sich daran, das Frühstück vorzubereiten. Für zwei, versteht sich.

Fröhlich deckte er den Tisch mit zwei Tellern, zwei Bechern, zwei Messern, zwei Löffeln und der Marmelade, die sie beide morgens immer so gerne aßen, taute nur Brötchen für zwei auf und machte sich auf den Weg zurück ins Schlafgemach.

Leise trippelte er auf Zehenspitzen zu Andi und sah ihn an. Dann hielt er ihm kurzerhand die Nase zu und wartete auf die nicht lange ausbleibende Reaktion. Heute eben nicht die sanfte Tour, kein Guten-Morgen-Kuss, kein morgendliches Luft-an-die-Unterwäsche-lassen. Nein. Nur ein morgendliches Hilfe-ich-bekomme-keine-Luft-mehr. Selbst schuld. Wer so unfair zu liebebedürftigen Joes war, zu dem war das liebebedürftige Joe auch nicht nett. Ätsch.



Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einat… Halt! Wo blieb das ‚men’? Warum ging das nicht. Also anders. Probieren wir es mit dem Ausatmen. Keine Reaktion. Bekam er etwa einen Schnupfen? Blinzelnd überwand Andi die Grenze vom Dösen zum Wachzustand und öffnete langsam die Augen. Als er nach circa zwei vollen Minuten realisiert hatte, dass es keine herannahende Grippe war, die ihm da das Atmen erschwerte – obwohl man den kleinen Dachs da vor ihm durchaus auch als Krankheit der schweren Art bezeichnen konnte – kam er nicht umhin schon am frühen Morgen seine Stimmbänder zu beanspruchen.

„Jonatan Wllam Efpda! Lang ngeine ngase ngonort ngos! Ngongoort!“

Dieser tat augenblicklich wie ihm ge’ngat’ wurde und wandte sich ohne weitere Kommentare in Richtung Tür. Andi, welcher daraufhin mehr als verwirrt ob dieser Aktion war, sah dem Kleineren – und schon voll bekleidetem - Mann hinterher, ehe er es sich zur Aufgabe machte, seine schweren Glieder zu bewegen, um sich in Richtung Wecker zu wenden. Seit Joe bei ihm nächtigte, hatte dieses Teil nicht einmal eingestellt werden müssen, dennoch erfüllte er zumindest noch die Aufgabe einer Uhr und somit konnte er feststellen, dass es gerade mal 7.35 Uhr war. Mitternacht. Gewissermaßen. Und dennoch musste er aufstehen, wie er der Aktion Joes stillschweigend Recht geben musste. Also schwang er seine überlangen und gut trainierten Beine aus dem Bett und machte sich auf den laaangen und beschwerlichen Weg Richtung Bad.

Kaum, dass er das eine Schlachtfeld hinter sich gelassen hatte, erwartete ihn auch schon das nächste. In Fachkreisen nannte man es auch Küche. Zwei Kontrahenten waren bereits zum Kampf angetreten und standen sich nun abwartend gegenüber. Beiden quollen Flammen aus den Nüstern … ähm … Nasen und keiner sah aus, als wolle er nachgeben. Andi indes hatte keine Lust sich schon am frühen Morgen mit diesem Kleinkrieg abzugeben und während er stillschweigend seine zwei allmorgendlichen Brötchen mit Erdbeermarmelade bestrich, kam er nicht umhin das sich ihm bietende Bild einer Kinoleinwand gleichzusetzen und darauf zu warten bis jemand den ‚Play’ – Knopf entdecken würde. Da dies bis zum Ende seiner Mahlzeit nicht geschah, seufzte er nur noch einmal tief und verspürte beinahe so etwas wie Enttäuschung, dass sich die zwei nicht mal ein winziges bisschen aufgeschlitzt hatten.

So konnte er sich nun jedoch ausgiebig Joe zuwenden.

„Komm Kleiner. Raus. Wir haben glaub’ ich beide die gleichen Stunden auf dem Programm.“

Joe, nun doch etwas verdattert aus der Wäsche schauend, betrachtete sich ausgiebig den vorher so fein hergerichteten Frühstückstisch und musste leise weinend feststellen, dass Andi an diesem Morgen wahrscheinlich einen mehr als gesunden Appetit gehabt hatte. Auch seine eigenen Brötchen waren wie weggezaubert. Nicht ein Krümelchen war mehr auszumachen. Wie gemein! Sein einziger Trost in diesem Moment belief sich auf Tanni, welche ebenfalls nichts zu Essen bekommen hatte.

Resigniert stimmte Joe somit dem Größeren zu und lief noch einmal in sein Gästezimmer um dort seine wenigen Sachen zusammenzuklauben, welche er für heute brauchen würde. Zur gleichen Zeit raffte Andi seinen schwarzen Ledermantel sowie seine Schuhe und seine Tasche zusammen und begab sich kurz darauf in Richtung Ausgang.

„Andi! Und was wird aus mir?“ erkundigte sich das Glubschaugen – Tanni bei dem Schwarzhaarigen. Dieser besah sie sich einmal von oben bis unten und kam letzlich zu dem Schluss, dass er sie schwerlich hier lassen konnte.

„Du holst auch deine Sachen. Ich hab nur einen Schlüssel.“

Freudestrahlend sprang Tanni daraufhin los um ein paar Sachen aus ihrer Zentner – Tasche zu holen, ehe sie bereits sagenhafte zwei Minuten später, an Andis Arm geklammert, vor der Tür stand. Jonathan stieß ebenfalls kurz darauf zu den Beiden und während Andi noch abschloss, bemühte er sich abermals um den feindlichsten Blick den er drauf hatte, um diese Tanni zu Asche zu verbrennen.

Zwar waren in diesem feurigen Blick zwar gute Ansätze enthalten, dennoch stand Tanni auch fünf Minuten später leider noch quietschfidel neben Andi und Joe unten auf dem Hof und betrachtete sich Andis Maschinchen einmal ganz genau. Während sie jedoch noch am Träumen war, schwang Andi sich bereits in den Sattel und bedeutete auch Joe sich endlich mal zu beeilen, da sie sonst zu spät kämen.

„Nun mach schon Joe. Wir haben heute wieder mit dem Schiller die ersten Kurse. Hab keinen Bock wegen dir zu spät zu kommen.“

„Komm ja schon“, erklang es da nur von Seiten Joes, dessen Magen noch immer mit der vielen Luft in ihm zu kämpfen hatte.

„Aber Andi! Schatz! Wie soll ich denn da noch mit rauf? Das Teil ist doch gar nicht für drei Personen?“

Andi besah sich das junge Ding mit einem noch schlimmeren Blick als Joe wenige Augenblicke zuvor.

„Erstens ist das kein ‚Teil’ sondern eine Suzuki. Zweitens kommt hier normalerweise niemand rauf außer meinem Arsch und Drittens hast du Beine. Du bist also demnach durchaus in der Lage zu laufen.“

Sprachlos sah Tanni den schwarz Gekleideten an.

Tjaja. Wenn Andi eins nicht leiden konnte, dann, wenn man seinem Liebling, seinem Baby, Namen gab wie ‚Teil’ oder ähnliches. Darauf war er allergisch.

„Wir sehen uns heute Abend. Kannst vor der Tür warten.“

Damit gab Andi Gas und Joe kam noch nicht mal dazu auch noch einen Kommentar abzulassen, da er vielmehr damit beschäftigt war, sich schnellstens irgendwo – vorzugsweise Andi – festzuhalten.

Dieser brauste wenig später mit beinahe 60 km/h durch die Stadt und so kamen sie für Joe überduchschnittlich schnell auf dem Campus an. Hätte Joe gewusst, dass Andi ohne ihn weit über 80 in einer Ortschaft gefahren wäre, wäre dies sicherlich nicht gut für dessen Magen gewesen, welcher es ohnehin eher gewohnt war zu laufen.

Kaum auf dem Campus angekommen, trabten auch schon die üblichen Verdächtigen in Richtung von Andi und seinem Bike und Chris konnte es sich nicht verkneifen mit einem schiefen Seitenblick auf Joe zu bemerken:

„Na? Ich weiß nicht ob ich was dazu sagen oder eher neidisch sein soll?“

Grinsend schwankte sein Blick zwischen Andi und Joe hin und her.

Andi grummelte nur vor sich hin, währenddessen sie in Richtung Haus 3, wo ihre heutige Vorlesung statt finden würde, davon trabten.

„Es gab keine andere Möglichkeit. Ansonsten wären sich Tanni und der Kleine auf dem Weg hierher noch an die Gurgel gegangen. Hatte keinen Bock auf die Bullen. Macht nur Ärger.“

„Tanni? Wieso Tanni?“ Überrascht sah Chris sich zu Andi um.

Kurz darauf entbrannte ein reges Gespräch, in dessen Verlauf Andi Chris die gesamte verkorkste Situation einigermaßen gut und verständlich versuchte rüberzubringen.

Mitten im Gespräch unterbrach sich Andi jedoch kurz noch einmal. Geschwind öffnete er seine Tasche und zog ein kleines Päckchen heraus, welches er dem in einem Meter Abstand hinter ihnen her trabenden Jungen überreichte.

„Hier. Hatte ich fast vergessen.“

Sofort wandte er sich wieder Chris zu und setzte das zuvor unterbrochene Gespräch von vorher fort, ohne weiter auf Joe zu achten, welcher kurz nach Übergabe des Päckchens zurückgeblieben war.