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Distantly Relation Teil 1 - 4


01. Ankunft im neuen Zuhause

Eigentlich hatte ich mir das ganz anders vorgestellt, aber jetzt konnte ich nichts mehr daran ändern.

Vor gut einer Woche hatten mir meine Eltern offenbart, dass sie für die nächsten zwei Monate im Ausland wären, um einen kranken Onkel väterlicherseits zu besuchen. Ich hatte mich schon richtig darauf gefreut, denn ich wollte schon immer mal in die Staaten. Leider sahen meine Eltern das anders.
Da sie mitten in der Schulzeit flogen, durfte ich nicht mit, weil ich sonst zuviel verpasst hätte. Dass bei Vaters Onkel jetzt Ferien waren, zählte nicht.
Also beschlossen sie, mich zu irgendeiner Kusine zu schicken, die ich nur einmal gesehen hatte und das war 10 Jahre her. Ich habe keine Ahnung mehr, wie sie aussah. Ma hatte mir nur gesagt, dass sie einen Sohn hätte, der zwei Jahre älter sei als ich und dass ich mich bestimmt gut mit ihm verstehen würde. Sie hätte doch keine Ahnung, dass zwischen einem 18-jährigen und einem 16-jährigen Welten liegen. Aber so sind sie nun einmal, die Eltern.

Nun stand ich also hier auf dem Bahnhof von was weiß ich wo und wurde noch nicht mal abgeholt. Nein, ich hatte natürlich einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen, auf dem stand, wie ich zu ihnen kommen würde. Erst 10 Stationen mit dem Bus und dann noch mal 6 mit der U-Bahn. Na, ob ich das so hinbekommen würde?

~*~*~*~*~*~

Ok, seit zwei Stunden stand ich mir jetzt schon ein Loch in den Bauch, weil weder in dem Bus noch in der U-Bahn ein Platz frei war. Wie ich solche Menschenmassen verabscheute.

Nicht, dass ich etwas gegen Menschen habe, ganz im Gegenteil. Es ist nur diese Sorte von Mensch, die sich U-Bahn-Grabscher nennt und die einfach wehrlose Fahrgäste befummeln. Ich hatte ja immer gedacht, dass das nur Mädchen passiert, aber seit ein paar Wochen wusste ich, dass niemand vor denen sicher ist.

Seitdem stehe ich immer mit dem Rücken zur Tür, so kann ich besser alles beobachten. Dass es allerdings auch Leute gibt, die einsteigen und mich einfach in die Mitte des Wagens drängen, daran hab ich bis heute nicht gedacht. Ob ich jemals schlau werde?

Also stand ich mal wieder mitten im Gang, links von mir ein Mann mit Krawatte und Anzug und rechts ein Schüler, der nicht gerade sehr vertrauenserweckend aussah. Und schon wieder hatte mir irgendwer an den Arsch gefasst. Einfach widerlich, egal ob es ein Mann oder ne Frau war. Wie ich U-Bahn fahren hasste!

~*~*~*~*~*~

Nach einer weiteren Stunde stand ich dann endlich vor dem Haus der Kusine meiner Mutter,
allerdings auch nur, weil ich erst meinen Koffer beinahe in der U-Bahn vergessen hätte und dann, weil ich das Haus ewig nicht gefunden habe und mindestens 10 Leute fragen musste, die mir alle dasselbe gesagt hatten und ich trotzdem umherirrte. Ich war noch nie gut darin gewesen, irgendetwas zu finden.

Glücklicherweise hatte sich dann ein älterer Mann dazu erbarmt, einen 16-jährigen Jungen mit null Orientierungssinn zu besagtem Haus zu bringen.
Doch jetzt hatte ich das nächste Hindernis zu überwinden: Wie sollte ich mich vorstellen? Mal ganz abgesehen davon, dass ich noch nicht geklingelt hatte. Sollte ich vielleicht auch mal machen…


Also tat ich Besagtes, doch nichts geschah. Also drückte ich noch mal und es geschah wieder nichts. Hatten die vergessen, dass ich kam? Dabei hatte meine Mutter am Morgen extra noch mal angerufen.

Da half nur noch Sturmklingeln, was ich dann auch tat. Ich konnte hören, wie jemand eine Treppe hinunter stampfte und von einem wütendes: „Ich komm ja schon!“, begleitet wurde. Wobei derjenige das ‚schon’ hätte weg lassen können, schließlich stand ich hier schon seit zwei Minuten und ich hatte es satt zu stehen.

Ruckartig wurde die Tür aufgerissen und ich sah mich einem großen Jungen mit hellgrauen Haaren und bösen, stechenden Augen gegenüber. Was mich verwunderte war, dass er überhaupt nicht aussah wie meine anderen Verwandten, die waren alle Japaner, doch dieser Jemand sah eher aus wie ein Ausländer oder so was.
„Was willst du?“, knurrte er wütend.
Oh je, irgendwie erinnerte mich der an das Sprichwort ‚ Schlafende Hunde soll man nicht wecken!’, zumal mein Gegenüber wirklich aussah, als wäre er gerade aufgewacht oder besser rausgeklingelt worden.

Mürrisch sah der Ältere mich an und ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass er mich von oben bis unten musterte.
„Äh...“.
*Ja, wirklich sehr intelligent Shinja, jetzt weiß er bestimmt was du willst.*, schalt mich mein Gewissen.
Dass es blöd war, wusste ich selber, auch ohne dieses kleine Stimmchen.

„Ist...wohnt hier Mayumi Takeuchi?“
Der Typ wand sich um und ich dachte schon, er würde mir die Tür vor der Nase zuknallen, als...
„Ma, ein Knirps will dich sprechen!“, dann ging er weg.
Was sollte das denn, als ob ich ein Knirps wäre! Ich war bestimmt nur ein paar Zentimeter kleiner als er.

„Ren, du sollst nicht so über andere reden.“, erklang eine hohe und freundliche Stimme.
Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht gedacht, dass sie mit dem Jungen schimpfte.

Nach wenigen Sekunden erschien ein ebenso freundliches wie hübsches Gesicht vor mir. Ein gütiges Lächeln lag auf den Lippen der Frau.
„Entschuldige bitte Rens Benehmen, aber er ist gestern erst spät nach Hause gekommen.“
„Schon gut.“
„So, du bist also Shinja Katou. Wahrlich, du hast genau dasselbe hübsche Gesicht wie deine Mutter.“
Ein gequältes Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Ich weiß ja, dass es alle nur nett meinen, aber noch eine Sache, die ich hasse ist, wenn man sagt, ich hätte ein hübsches Gesicht. Besonders wenn man dann noch meine Mutter erwähnte, denn sie hatte ein sehr feminines Aussehen. Man konnte also verstehen, warum ich es nicht mochte, mit ihr verglichen zu werden.

Auch Mayumi schien es bemerkt zu haben, denn sie sah mich entschuldigend an. Mit einer freundlichen Geste bat sie mich einzutreten und führte mich ins Wohnzimmer. Den Koffer ließ ich im Flur stehen, aber so, dass niemand darüber fallen konnte.

Das Wohnzimmer war hell eingerichtet und man fühlte sich gleich wohl. An den Wänden hingen vereinzelt Fotos und auch ein Bild von der Hochzeit meiner Eltern. Auch in den Regalen und auf den niedrigeren Schränken standen Bilder von Menschen, die ich nicht kannte. Ohne es wirklich zu registrieren, ging ich auf die hellbraune Kommode zu und nahm eines der Fotos in die Hand. Darauf war ein kleiner Junge mit einer Schultüte zu sehen. Seine grauen-silbernen Haare waren sehr ordentlich geschnitten und er lachte den Fotografen freundlich an. War das derselbe Junge, der mir die Tür geöffnet hatte?

Ich erschrak etwas, als mich Mayumi plötzlich ansprach.

„Das ist Ren, als er gerade in die Schule gekommen ist. Kaum zu glauben, wie lang das schon wieder her ist.“
Ich nickte zustimmend, obwohl es mir reichlich egal war, was sie sagte. Ich wusste selber, dass die Zeit schnell verging. Außerdem, was interessierte mich dieser Ren, ich mochte ihn ja jetzt schon nicht.

Mayumi nahm mir das Foto aus der Hand und stellte es wieder an seinen Platz, ehe sie mich zu dem cremefarbenen Sofa zog, auf das ich mich setzten sollte. Nur widerwillig nahm ich neben ihr Platz, schließlich kannte ich sie überhaupt nicht.

Sie wollte gerade wieder ein Gespräch anfangen, als Ren unüberhörbar den Raum betrat und sich lässig an den Türrahmen lehnte. Sollte das etwa cool aussehen? Ich fand es eher albern. Aber noch alberner fand ich seinen jetzigen Aufzug. Das zuvor harmlose graue T-Shirt, hatte einem schwarzen Hemd platz machen müssen, das er noch nicht mal ordentlich zugeknöpft hatte und man so etwas von seinem Oberkörper sehen konnte. Außerdem trug er jetzt eine enge Lederhose, die seine langen Beine betonte, dadurch wirkte er nur noch größer. Ob sich so jedoch ein Mädchen an ihn rantraute, ich bezweifelte es stark.

„Der Knirps ist ja immer noch da.“, sagte er arrogant.
Uh, wie ich solche Typen hasste!
„Ren, dass ist Shinja, der für zwei Monate bei uns wohnen wird und hier niemanden kennt. Also sei gefälligst netter und begrüß ihn richtig!“
Oh Mann, ich kam mir vor wie ein Kleinkind und anscheinend dachte Ren das auch, denn er hatte ein fieses Grinsen aufgesetzt.

Mürrisch erhob ich mich und wollte mich vorstellen, schließlich wusste ich ja, wie man sich benimmt. Ren war auf uns zugekommen und sah mich von oben herab an und grinste immer noch so scheinheilig, als hätte er irgendetwas vor.
„So, ich soll ihn also richtig begrüßen, also, wenn du das sagst, Ma!“
Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie er mich an den Schultern packte und etwas zu sich zog. Und ehe ich mich versah, drückte dieser Idiot doch wirklich seine Lippen auf meine und das nicht gerade leicht. In diesem Moment konnte ich an überhaupt nichts denken, mein Kopf war wie leergefegt.

Erst nachdem er sich wieder von mir löste und mich wieder so ekelhaft angrinste, begriff ich, was passiert war. Ein Kerl hatte mich geküsst, einfach so, aus heiterem Himmel!
Keine Ahnung was ich in diesem Moment für ein dämliches Gesicht gemacht habe, aber ich wette, Mayumi sah auch nicht besser aus.

Immer noch breit grinsend ging Ren zur Tür, wo er hinging, verstand ich nicht. Ich stand immer noch unbeweglich am selben Fleck. Ich war nun eine Viertelstunde bei den Takeuchis und hatte schon das Trauma meines Lebens. Wie sollte ich so zwei Monate überstehen? Gedanklich verfluchte ich meine Eltern, weil sie mir das antaten. Ich wollte nur noch weg.

Behutsam, wahrscheinlich, um mich nicht zu verschrecken, legte Mayumi ihre Hand auf meine Schulter. Ich spürte, dass sie etwas zitterte und unsicher war. Sie hatte Rens Aktion also auch nicht kalt gelassen...
„Komm, ich zeige dir jetzt dein Zimmer.“
Mehr sagte sie nicht. So, als wäre nichts gewesen, ging sie zur Treppe, ich folgte ihr wie ein Hündchen. Aber ich tat es mehr automatisch, denn etwas in mir hatte sich abgeschaltet und mir kam alles wie ein Traum vor, alles war so unrealistisch.

~*~*~*~*~*~

Vor einer im Gegensatz zu den anderen schwarz gestrichenen Tür blieben wir stehen. Ganz langsam öffnete Mayumi sie. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit, eine schlimme Vorahnung überkam mich, so als würde sich mein Leben total ändern, sobald ich das Innere betreten würde.

Hinter der dunklen Tür befand sich ein ebenso dunkles Zimmer.
„Da meine Eltern auch ihr wohnen, wirst du bei Ren schlafen.“, eröffnete mir meine entfernte Verwandte.
„Ruh dich erst einmal aus, ich rufe dich dann, wenn es Abendbrot gibt.“
Ich nickte stumme. Ehe Mayumi die Tür schloss, drehte sie sich noch einmal um.
„Es tut mir leid.“, flüsterte sie.
So ließ sie mich allein in diesem fremden Haus, in einem Zimmer, das mir nicht behagte, stehen. Zwar hatte sie nicht gesagt, welches Matratzenbett meines war, aber ich war davon überzeugte, dass es das schneeweiß bezogene war und nicht das Pechschwarze.

Niedergeschlagen legte ich mich hin. Wie sollte ich nur zwei Monate hier überleben, noch dazu, wenn ich mit jemandem in einem Zimmer schlafen musste, der mich Knirps nannte und mich gleich überfallen hatte?

~*~*~*~*~*~

Als Mayumi mich zum Essen holte, lernte ich nicht nur ihre Eltern kennen, die sehr nett zu sein schienen, sondern auch ihren Mann, Konrad Kuhlmann. Er lebte seit seinem 21igsten Lebensjahr in Japan, nachdem er in Deutschland sein Studium abgebrochen hatte, um hier neu anzufangen. Jetzt wusste ich, wieso Ren wie ein Ausländer aussah.

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Nachdem ich fertig war und mich bedankt hatte, ging ich wieder in meine neue Bleibe.
Zum ersten Mal sah ich mich etwas genauer um. Ein großer Schreibtisch, auf dem viele Stifte und Blätter verstreut lagen, und ein schwarzer Drehstuhl standen am Fenster. An den Wänden standen Schränke, die so hoch waren, dass ich nicht einmal an das oberste Fach kam. Das an der Wand stehende Bett, das in den Raum hineinging, hob sich kaum von der schwarzen Tapete und dem Teppich ab. Aber meines, das direkt daneben lag, stach regelrecht ins Auge.
In den Regalen standen eine Menge Bücher, aber auch viel Krimskrams, meist düstere Sachen, wie brüllende Drachen. Nicht sonderlich aufmunternd.
Ein heller Bilderrahmen erweckte meine Neugier. Vorsichtig nahm ich ihn und betrachtete das Foto darin eingehend. Zuerst hatte ich ja vermutet, dass es sich um ein Familienfoto handelte, doch stattdessen lächelte mich eine junge Frau an, deren lange blonde Haare leicht im Wind wehten. Diese Frau erinnerte mich an jemanden, aber ich wusste nicht an wen. Ob sie Rens Freundin war?

Eine dunkle und bedrohliche Stimme ließ mich aufschrecken und ich hätte das Bild beinahe fallen lassen, wenn eine Hand es mir nicht schon eher entrissen hätte. Kalt sah mich Ren an und stellte das Foto wieder an seinen Platz.
„Regel Nummer eins: Finger weg von meinen Sachen! Regel Nummer zwei: Das Bett ist dein Platz, sonst hast du hier drin nichts zu suchen! Regel Nummer drei: Was ich sage, wird gemacht!“
Oh Mann, was war das denn jetzt? Die erste Regel war ja noch einleuchtend, die Zweite vertretbar, aber die Dritte war das Letzte! Ich machte doch nicht, was der Blödmann sagte, wer war ich denn!?

Ich war stinksauer und das zeigte ich auch, aber auf ihn machte das überhaupt keinen Eindruck. Kein Wunder, wenn er so auf mich herabsah.
„Vergiss es! Das ist ja wohl das Bescheuertste, dass ich je gehört habe!“
Ich hatte extra laut gesprochen, so, als ob ich brüllen würde, wenn er noch einmal so einen Scheiß sagen würde, doch ihn ließ das völlig kalt. Total emotionslos stand er vor mir und starrte mich aus seinen eisblauen Augen an. Je länger ich seinem Blick standhielt, desto mehr hatte ich das Gefühl einzufrieren.

Ich tat etwas Dummes, ich wendete mich schnaubend von ihm ab und ging ins Bad. Somit hatte er gewonnen, vorerst zumindest.

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Als ich das Zimmer wieder betrat, das mir immer noch unheimlich war, lag Ren schon im Bett. Anscheinend hatte er das zweite Bad im Erdgeschoss genommen.

Er sah mich nicht an, als ich eintrat und auch ich sagte nichts. Meine Sachen stopfte ich in die Reisetasche und legte mich dann hin. Einschlafen konnte ich nicht. Es machte mich irre, dass Ren mit mir auf Augenhöhe lag, auch wenn ich an die Decke starrte. Ich vermied es, zu ihm zu schielen, aber ich hatte einfach das unbestimmte Gefühl, dass er mich beobachtete. Es war schrecklich.

Irgendwie war ich dann doch in leichten Schlummer gefallen, als mich Rens tiefe Stimme wieder wachrüttelte.
„Du bist so einer, den man am liebsten vergewaltigen möchte.“
Erschrocken riss ich die Augen auf und starrte ihn an.
„Was...“
„Schlaf gut!“, sagte er sarkastisch und drehte sich dann auf die andere Seite.
Was sollte das? Warum hatte er das gesagt? Ich verstand es nicht. Hatte er das nur gesagt, um mich nervös zu machen oder meinte er es ernst?

Nur widerwillig drehte ich mich von ihm weg. Wie ein Embryo lag ich da und hatte eine schreckliche Nacht, in der ich immer wieder aufwachte. Das waren sie nun, die ersten Stunden in meinem neuen Zuhause für die nächsten zwei Monate.



02. Der erste Schultag

Ich hatte die Nacht sehr schlecht oder besser gar nicht geschlafen und mir taten sämtliche Knochen weh, weil ich mich nicht getraut hatte, mich zu bewegen. Zwar hatte ich Rens ruhiges Atmen gehört und war mir eigentlich sicher, dass er schlafen würde, aber etwas in mir hatte sich einfach gesträubt, auch nur einen Zentimeter von meiner Position abzuweichen.

Doch wie es nun mal immer ist, wenn man nicht glaubt, schlafen zu können, war auch ich in den frühen Morgenstunden eingeschlafen.

~*~*~*~*~*~

Sanft wurde ich an den Schultern gerüttelt und hätte demjenigen am liebsten eine reingeschlagen. Konnten die mich denn nicht schlafen lassen?

Müde öffnete ich also meine Augen und wusste erst einmal nicht, wo ich überhaupt war, denn alles um mich herum war schwarz. Freundliche braune Augen sahen mich an, Augen die ich nicht kannte und auch die hohe Stimme kam mir im ersten Moment unbekannt vor.
„Shinja, du musst aufstehen.“
Richtig, so hieß ich ja.
Träge richtete ich mich auf und fuhr mir durch meine verwuschelten Haare, anscheinend hatte ich mich in den letzten Stunden doch noch ganz schön gedreht.

Mayumi hockte sich neben mein Bett und legte blaue Sachen auf meine Bettdecke.
„Das ist deine Schuluniform. Beeil dich, Ren wartet schon unten. Möchtest du noch etwas Frühstücken?“
„Nein...danke, ich hab früh am Morgen nie Hunger.“
„Gut.“
Damit erhob sie sich wieder und schloss die Tür von außen. Skeptisch sah ich ihr nach. Ren sollte auf mich warten? Bestimmt nicht freiwillig!

Ich begab mich ins Bad und duschte mich schnell, schließlich wollte ich nicht am ersten Tag zu spät kommen, auch wenn ich keinen Bock auf diese Schule hatte. Schon auf dem Weg hierher hatte ich mir vorgenommen, mit niemandem Freundschaft zu schließen und den Außenseiter zu markieren.

Kritisch betrachtete ich mich in der dunkelblauen schlichten Schuluniform. Sah eigentlich nicht schlecht aus, obwohl mir meine Alte fehlte, aber in zwei Monaten würde ich sie ja wieder tragen.
Den Kragen musste ich offen lassen, weil ich sonst erstickt wäre. Ob das Absicht war, dass man den so tragen musste?

Ich holte noch schnell meinen Rucksack aus der Reisetasche, ehe ich nach unten ging.

~*~*~*~*~*~

Mayumis Eltern saßen am Küchentisch und begrüßten mich freundlich. Ich nickte nur. Normalerweise fühlten sich da einige Erwachsene, besonders ältere Leute, auf den Schlips getreten, wenn man ihnen keinen Respekt entgegen brachte. Mayumis Eltern taten das nicht, sie lächelten mich nur verständnisvoll an. Anscheinend verstanden sie, dass ich mich noch nicht so schnell eingewöhnt hatte. Ich war ihnen für ihr Entgegenkommen sehr dankbar. Aber ob ich mich je an dieses Haus gewöhnen würde?

Irgendetwas knurrte hinter mir und ich glaubte schon, es sei ein Hund. Also drehte ich mich um und sah auf den Boden. Doch anstatt einen Vierbeiner zu sehen, sah ich auf zwei schwarze Schuhe, über denen ein blauer Stoff lag. Ich musste einmal kräftig schlucken, ehe ich aufsah, um im nächsten Moment gleich einzufrieren. Erstens, weil Ren mich mit seinen kalten Augen ansah, als sollte ich einen schrecklichen Kältetod sterben und zweitens, weil er mir schon wieder so verdammt nah war, einfach zu nah!

„Komm jetzt!“
Grob packte er mich am Oberarm und zerrte mich regelrecht auf die Straße. Eigentlich wollte ich protestieren und ihn anschreien, aber ich war zu überrascht und so konnte er mich ohne Probleme hinter sich herschleifen.

~*~*~*~*~*~

Als wir durch einen Park gingen, fand ich endlich meine Sprache wieder und riss mich von ihm los.
„Lass endlich los, du Arsch!“
Ich wusste, dass ich laut war, aber so laut, dass sich gleich alle nach mir umdrehten und mich merkwürdig ansahen, damit hatte ich nicht gerechnet.

Etwas verlegen sah ich auf den Boden, ehe ich Ren wütend ansah und der grinste sich einen ab, als wäre es das Schönste von der Welt, mich vor allen Leuten bloß zu stellen. Wie gerne hätte ich ihm dieses Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, meine Hände hatte ich schon zu Fäusten geballt, bereit anzugreifen, aber ich ließ es sein. Was hatte es auch für einen Sinn, sich
wegen so etwas aufzuregen, wenn er vielleicht sogar stärker war als ich?

Stattdessen atmete ich also tief ein und aus, bevor ich Ren finster ansah. Natürlich kratze ihn das überhaupt nicht und er ließ mich einfach auf dem Weg stehen, gerade so, als würde ich nicht existieren und nichts mit ihm zu tun haben. Nicht, dass ich was mit ihm zu tun haben wollte, aber irgendwie waren wir ja schon über ein paar Ecken verwandt. Obwohl es mir lieber gewesen wäre, wenn es nicht so sei!

Widerwillig und schnaubend lief ich ihm nach, da ich ja nicht wusste, wo meine neue Schule lag.

~*~*~*~*~*~

Ich hätte die ganze Welt erwürgen können! War der vorherige Tag nicht schon schlimm genug gewesen? Anscheinend nicht, denn dieser angebliche Gott konnte mich nicht leiden, aber so was von überhaupt nicht! Ich musste mit der U-Bahn zur Schule! Das Leben konnte ja so ungerecht sein.

Macht der Gewohnheit war ich am Eingang stehen geblieben, während Ren sich in die Mitte des Abteils begab, sich an einem der oberen Griffe festhielt und mich die ganze Zeit ansah. Grr, ich hasse es wenn man mich so anglotzt, als wäre ich eine Schaufensterpuppe.

Weil ich jedoch meine Zeit damit verbrachte Rens Blick stand zu halten, merkte ich nicht, wie die Tür aufging und eine Menschenmenge den Zug stürmte. Wie so oft wurde ich in die Mitte gedrängt oder eher geschubst. Ich stolperte über irgendetwas, wahrscheinlich über einen Fuß, jedenfalls wäre ich beinahe hingefallen, wenn ich nicht gegen jemanden geprallt wäre. Instinktiv krallte ich mich an diesem Jemand fest. Leider war diese Begegnung nicht ganz so toll, denn nun lag ich ausgerechnet in Rens Armen. Warum war ich heute Morgen eigentlich aufgestanden?

Ich drückte mich von ihm weg und stellte mich daneben. Ich war mir sicher, dass er mein gerötetes Gesicht gesehen hatte, denn ich spürte es ja selber. Ich konnte jetzt schon sagen, dass dieser Tag ein scheiß Tag war!

Der Zug wackelte plötzlich und ich wäre beinahe gegen meinen Nachbarn gestoßen, doch da legte sich auch schon Rens Arm um meine Hüfte und er zog mich näher zu sich. Erschrocken sah ich auf, schließlich war ich solche Berührungen nicht gewohnt und schon gar nicht von einem Jungen. Sein Gesicht war ausdruckslos und er starrte geradeaus.
„Du bist zu klein, um an die Griffe zu kommen.“
Wütend sah ich ihn an. Ich war überhaupt nicht zu klein, ich wäre da sehr wohl rangekommen, aber ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich es vergessen hatte.

Wir redeten nicht viel miteinander und ich sah stur in eine andere Richtung. Sollte er doch denken, was er wollte, war mir doch egal. In zwei Monaten wäre ich eh wieder weg und sah in hoffentlich erst in zehn Jahren wieder!

Plötzlich spürte ich eine Hand auf meinem Po und ich versteifte mich schlagartig. Als sie dann auch noch anfing, über meinen Hintern zu streicheln, fing ich an zu zittern. Zuerst dachte ich ja, es wäre Ren, doch dessen Hand lag immer noch an meiner Taille. Doch auch diese verließ augenblicklich ihren Platz und wanderte zu meinem Hinterteil. Das konnte doch nicht war sein, wollten jetzt etwa zwei an mir rumfummeln. Ich hasse U-Bahnfahren, da ist man vor niemandem sicher. Vor niemandem!

Ein schmerzhaftes Keuchen ließ mich aufhorchen und als dann auch noch ein kleiner Schrei zu hören war, drehte ich mich um. Ren stand immer noch neben mir, doch hielt er dieses Mal das Handgelenk eines Mannes in der Hand und schien es immer mehr zusammenzudrücken.
„Ein U-Bahngrabscher auf frischer Tat ertappt“, hörte ich ihn laut und deutlich sagen.
Die anderen Passagiere wandten sich zu uns um und sahen den Mann, der aussah wie der Chef einer großen Firma, missbilligend an. Eine Mutter drückte ihre Tochter ganz fest an sich, anscheinend hatte sie Angst, dass dem Mädchen etwas geschah.

Unerwartet wurde ich aus dem Zug geführt und konnte nur noch sehen, wie sich ein paar Männer um den anderen stellten.

~*~*~*~*~*~

Wir waren schon ein ganzes Stück gelaufen und Ren hatte mich auch längst wieder losgelassen. Trotzdem fragte ich mich, was da passiert war? Hatte er mir jetzt wirklich geholfen oder wollte er mich eigentlich auch befummeln und der andere war ihm nur im Weg gewesen? Die Andeutung von letzter Nacht hatte ich noch nicht vergessen, aber schlau wurde ich auch nicht daraus.

Ich hatte keine Zeit mehr darüber nachzudenken, denn Rens Stimme, die irgendwie immer bedrohlich klang, riss mach aus meiner Welt.
„Damit das klar ist, ich hab dir nicht geholfen, ich kann solche Typen einfach nicht leiden, sie sind widerlich.“
Ich stutzte. Waren wir also mal einer Meinung. Ob wir noch mehr Gemeinsamkeiten hatten? Bestimmt nicht!

„Noch etwas, häng mir die zwei Monate gefälligst nicht ständig auf der Pelle, klar. In der Schule kennen wir uns nicht, verstanden?“
Er klang wieder so kalt, noch kälter als sonst. Ich nickte stumm, hoffte aber, dass er sah, dass ich mir nur ungern etwas befehlen ließ.

Ein Schulgebäude war in Sicht und Schüler, in derselben Uniform wie die, die ich jetzt trug, betraten das Gelände. Ren beschleunigte seine Schritte, anscheinend galt das mit dem nicht kennen ab jetzt.
Ich sah zu, wie er zu einer Gruppe von Jungen ging, die alle nicht ganz koscher aussahen. Der eine hatte eine Glatze, der andere trug zerfetzte Hosen und ein anderer hatte seine langen, schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden und trug Ohrringe. Ok, Ren trug auch einen Ohrring, aber der war nicht so auffällig wie die des Schwarzhaarigen.

Missmutig betrachtete ich mein neues Umfeld. Im Grunde sah diese Schule meiner recht ähnlich. Ein schlichter Neubau mit einer großen Uhr. Mir fiel auf, dass ich zum ersten Mal an diesem Morgen auf die Uhr sah. Es war zehn vor acht und wir waren vor rund einer Stunde aufgebrochen, das hieß, ich war um 6.30 Uhr aufgestanden! Sollte das jetzt etwa jeden Tag so sein? Wenigstens hatte ich die Gewissheit, mit Ren nicht in eine Klasse gehen zu müssen. Zwar
nur ein kleiner Trost, aber ein Trost.

Nun ergab sich das erste Problem. Dieser Trottel hatte mir nicht gesagt, wo ich hingehen sollte. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen, welches schnell wieder verschwand, ging ich auf die Gruppe um Ren zu und blieb hinter diesem stehen.
„Na, Alter, was lief denn gestern noch mit dieser Schnecke?“, fragte der Glatzkopf.
„Das Übliche. Zuerst viel Gerede und dann hat sie plötzlich gekniffen“, entgegnete Ren cool und zündete sich eine Zigarette an.
Merkwürdig, er hatte vorhin überhaupt nicht nach Rauch gerochen. Aber egal, das ging mich nichts an.

Der Schwarzhaarige hatte mich entdeckt und sah mich mit zu Schlitzen geformten Augen bedrohlich an.
„Eine Ratte!“, zischte er.
Alle drehten sich zu mir um und mir steckte plötzlich ein Kloß im Hals.
„Was ist? Willst du was Bestimmtes oder weiterhin Rens Arsch betrachten?“
Prüfend sahen mich alle an und Ren ganz besonders, aber er grinste nicht. Der glaubte doch nicht wirklich, dass ich so was machen würde?
„Sein Arsch ist mir doch scheißegal!“, schrie ich. „Ich will nur von ihm wissen, wo ich hin muss!“
„Wie wär’s mit dem Sekretariat?!“, erwiderte Ren trocken.
„Und wo ist das?“
„Frag doch nach und hör endlich auf, mich zu nerven!“
„Verdammt noch mal, du bist der einzige den ich kenne, also zeig mir jetzt, wo dieses verfickte Sekretariat ist!!!“
Mein Gesicht war bestimmt schon rot vor Zorn, aber mir war es egal. Sollten sie doch denken, was sie wollten. Von Ren würde ich mir nichts sagen lassen.

Beschwichtigend legte sich ein Arm um meine Schulter und ich sah dessen Besitzer verdutzt an. Es war der Junge mit der kaputten Hose und irgendwie sah er freundlicher aus als die anderen.
„Ganz ruhig Kleiner, ich zeig dir, wo das Sekretariat ist.“
„Ja, wirklich?“
„Ja, aber nur unter einer Bedingung.“
Wusste ich’s doch, die Sache hatte natürlich einen Haken.
„Du musst mit mir ausgehen und vielleicht zeige ich dir dann noch etwas Schönes.“
Die letzten Worte hatte er lasziv geflüstert, aber die anderen hatten es bestimmt auch gehört. Ich spürte, wie ich rot wurde und jetzt fand ich den Typen gar nicht mehr nett.

Ich befreite mich von ihm und versteckte mich hinter Ren, der mich nicht mal wahrnahm. Die anderen sahen mich nur belustigt an. Klar, konnte ich irgendwie verstehen, ich hätte mich selber bestimmt auch albern gefunden, aber jetzt hatte ich eher Angst. Aber warum versteckte ich mich ausgerechnet hinter Ren, der hatte doch was Ähnliches gesagt und das auch noch viel
direkter?

Ein Mädchen tauchte hinter dem Blondschopf auf und verpasste ihm eine Kopfnuss, dass selbst mir nur beim Zusehen der Schädel brummte. Den anderen ging es nicht anders als mir.

„Lass das Nii-san! Musst du immer jeden Jungen angraben?“, fauchte das ebenfalls blonde Mädchen.
„Verdammt, Kanoe, ich hab dir schon hundert Mal gesagt, du sollst mich nicht so nennen. Und außerdem grabe ich nicht jeden an, nur die, die besonders niedlich sind.“
Er zwinkerte mir zu und mir wurde schlecht. Ich hasste mein Aussehen. Warum mussten mir Männer immer so auf die Pelle rücken?

Ich entfernte mich rückwärts von ihnen und wollte die Flucht antreten.
„Ich...such dann mal das Sekretariat“, stotterte ich ungewollt.
„Das trifft sich gut, da wollte ich auch gerade ihn“, lächelte Kanoe.
Sie hakte sich bei mir ein und zog mich zum Schulgebäude.

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„Das ist ja toll, dass wir in einer Klasse sind.“
Noch immer lächelte Kanoe und führte mich nun zu unserem gemeinsamen Zimmer. Ich fragte mich, ob sie immer dieses Dauergrinsen hatte, denn es ging mir langsam aber sicher auf die Nerven.

„Na dann, bis gleich“, sagte sie und ging rein.
Ich sollte draußen auf dem Gang warten, bis der Lehrer kam. Lange musste ich nicht warten. Er trat vor mir in das Klassenzimmer und bat mich dann herein.
„Das ist Shinja Katou, er wird für zwei Monate in eure Klasse gehen. Seid nett zu ihm und zeigt ihm alles. Setz dich doch bitte neben Kanoe.“
Diese winkte mir zu, gerade so, als wüsste ich nicht, wer sie wäre. Seufzend begab ich mich auf meinen neuen Platz.

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Die Stunden vergingen nur schleppend und ständig nervten mich alle, warum ich bei ihnen war. Eine Antwort gab ich ihnen nicht. Mit Kanoe verstand ich mich eigentlich ganz gut und das Beste war, sie konnte Ren genauso wenig leiden wie ich. Vielleicht würde ich es ja doch hier aushalten?

~*~*~*~*~*~

Den ganzen Tag hatte ich mich schon darauf vorbereitet, den Weg nach Hause alleine zu finden. Wie das klang: Zuhause? Es war nicht mein Zuhause, warum dachte ich dann also so einen Schwachsinn? War das die Macht der Gewohnheit?

Viel überraschter war ich jedoch, als ich Ren am Schultor mit einer Kippe in der Hand stehen sah. Ich glaubte schon, er würde auf mich warten, aber den Gedanken vertrieb ich schnell wieder. Er hatte mir ja gesagt, dass ich mich von ihm fern halten sollte und das würde ich auch tun, war besser so. Außerdem war mir das vom Morgen immer noch peinlich. Wie war ich nur auf die bescheuerte Idee gekommen, mich hinter ihm zu verstecken?

Gemächlich ging ich an ihm vorbei und beachtete ihn nicht. Was mir an der ganzen Sache nicht gefiel war, dass mein Kopf jetzt von einer Dunstwolke umgeben war. Da hatte mir dieser Arsch doch tatsächlich seinen Rauch ins Gesicht geblasen, das war doch reine Absicht gewesen! Ich würde Mayumi gleich fragen, ob ich nicht auf der Couch schlafen konnte. Vorausgesetzt, ich fand wieder zurück und das sah nicht gerade gut aus.

Ich wusste noch ungefähr, wo es langging, aber schon an der zweiten Kreuzung war alles dahin. Wo verdammt musste ich jetzt lang? Ich wusste, dass wir abgebogen waren, aber aus welcher Richtung waren wir gekommen?

Belämmert stand ich mitten auf dem Fußweg und sah nach links und nach rechts. In welche Richtung sollte ich den jetzt gehen? Ich war völlig ratlos. Also entschied ich mich, dass das Schicksal entscheiden sollte. Aus welcher Richtung die nächste Person kam , dahin würde ich einfach gehen.

Eine Frau mit einem Kind an der Hand bog um die Ecke. Gut, würde ich also nach rechts gehen. Ich wollte mich gerade in Bewegung setzten, als ich am Kragen zurück gehalten wurde.
„Hier geblieben!“
„Was...“
Überrascht drehte ich meinen Kopf nach hinten und sah aus dem Augenwinkel in Rens grinsendes Gesicht. Oh, wie ich es hasste, wenn mich jemand ansah, als wäre ich ein Idiot.

„Wir müssen geradeaus“, sagte er kühl, ließ mich los und ging an mir vorbei.
Geradeaus? Komisch, dabei hatte ich geglaubt, wir wären irgendwo abgebogen. Ein paar Sekunden später begriff ich erst, dass Ren mir gerade den Weg zeigte. Er hätte mich ja auch einfach blind in mein Verderben rennen lassen können, aber er hatte mich zurück gehalten.

Wie ein Hund lief ich ihm mal wieder nach. Es war echt nicht angenehm, von jemandem abhängig zu sein, den man nicht leiden konnte und das nur, weil man einen schlechten, wenn nicht sogar miserablen Orientierungssinn hatte.

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Dieses Mal stellte ich mich in weiser Voraussicht gleich neben Ren und hielt mich an den Griffen fest. Die Rückfahrt war wesentlich angenehmer als die Hinfahrt. Ren laberte mich nicht voll, fasste mich nicht an und auch sonst begrabschte mich keiner. Nur ein kleines Mädchen sah mich an und ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Verwechselte die mich wegen meiner Haare mit rosa Zuckerwatte? Wäre zumindest nicht das erste Mal.

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Als wir wieder zu Hause waren, legte ich mich ins Bett und vergrub mein Gesicht in dem weichen Kissen. Es war mir völlig egal, ob Ren das wollte oder nicht, aber ich würde heute einfach im Zimmer bleiben, Hausaufgaben hatte ich zum Glück keine auf. Ich hatte eigentlich befürchtet, dass sie an meiner neuen Schule weiter im Stoff wären, aber in jedem Fach hingen sie etwas zurück. Zwar hatte ich so keine Probleme, aber an meiner eigentlichen Schule waren sie dann weiter, wenn ich wieder da war. So ein Mist!

Langsam wurde die Luft knapp und ich drehte meinen Kopf zu Rens Bett. Im nächsten Moment wünschte ich mit aber, ich hätte mich in die andere Richtung gedreht. Der Grund: Ren zog sich gerade um oder besser aus. Erst die blaue Jacke und dann das darunter liegende Hemd. Eigentlich wollte ich wieder wegsehen, aber warum, schließlich war er ja auch nur ein Junge?

Ich entdeckte auf seinen breiten Schultern jeweils vier rote Striemen, die dicht nebeneinander lagen. Sie sahen aus, als wären sie durch ziemlich lange Fingernägeln verursacht wurden. Anscheinend war da doch noch was gelaufen, denn die Spuren waren noch recht frisch.

Ich lief rot an und das nicht zu knapp, doch zum Glück konnte Ren es nicht sehen. Warum dachte ich darüber nach, was passiert sein könnte und warum hatte ich Ren so sehr gemustert, dass mir diese eigentlich unscheinbaren Kratzer trotz der Dunkelheit aufgefallen waren?

Immer noch sah ich ihn an und musste zugeben, dass er nicht schlecht aussah. Er war viel kräftiger gebaut als ich und dadurch wirkte er noch größer. Plötzlich kam ich mir ganz klein vor. Ich würde bestimmt nie so aussehen wie er. Ich würde immer schlank sein, wenn ich nicht gerade Unmengen Süßes in mich reinstopfen würde, und schmächtig wirken. Ich konnte machen was ich wollte, meine Muskeln bauten sich einfach nicht auf und mein Bauch sah aus
wie der eines schlanken Mädchens. Einfach grässlich für einen Jungen in meinem Alter.

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht bemerkt hatte, wie Ren sich wieder dieses schwarze Hemd angezogen hatte und als ich hörte, wie der Reisverschluss der Hose geöffnet wurde, drehte ich mich schnell um und wurde wieder rot, das konnte ich ganz genau spüren. Es war mir peinlich, dass ich einen Jungen angestarrt hatte und noch nicht einmal wusste warum.

Fest kniff ich die Augen zu und tat so, als würde ich schlafen, doch ich hörte alles. Wie er die Hose auszog, etwas aus einem Schubfach holte, vermutlich eine andere Hose anzog und dann das Zimmer verließ. Als er weg war, atmete ich erst einmal durch und irgendwann schlief ich dann auch ein. Ich verpasste das Essen und ich bemerkte auch nichts, als sich Ren sehr spät
abends in sein Bett legte.



03. Warum?

Ich erwachte durch einen ohrenbetäubenden Lärm, der aber nur an mein armes linkes Ohr dang, weil ich auf der Seite lag. Trotzdem hätte jemand diesen Krach ruhig mal wieder leiser machen können.

Als ich es nicht mehr aushielt, schlug ich nach der Lärmquelle. Ich holte mit dem linken Arm weit aus und traf doch wirklich etwas, das weich und fest gleichzeitig war. Außerdem fiel auch noch etwas scheppernd zu Boden. Ob es das war, was ich getroffen hatte?

Verschlafen öffnete ich eines meiner Augen und sah mich flüchtig um, aber ich erkannte noch nicht viel, also musste ich auch noch das andere aufmachen. Nun konnte ich schon mehr sehen, auch wenn es recht dunkel war. Mist, war ich also doch noch in Rens Zimmer, schoss es mir durch den Kopf, und dabei hatte ich gehofft, ich hätte nur einen sehr langen und schrecklichen Alptraum gehabt. Doch leider musste ich mich jetzt wohl der Realität stellen, denn ich war bereits das zweite Mal in diesem Zimmer aufgewacht.

Als ich wieder klar denken konnte, setzte ich mich auf und sah mich nach dem Etwas um, dass auf den Boden gefallen war. Und wirklich: Auf dem Boden saß etwas: Ren und neben ihm ein Wecker. Mein Cousin hielt sich die linke Wange und jetzt wusste ich auch, wem ich da eine verpasst hatte. Geschah ihm recht!

Kalt sahen mich seine hellblauen Augen an und er sagte so ernst: „Ich glaub, ich überleg mir das noch mal, ob ich nicht doch in der Nacht über dich herfalle“, dass es mir eiskalt den Rücken hinunter lief.
Dann hatte er das wirklich ernst gemeint mit dem Vergewaltigen oder wollte er mich einfach nur wieder einschüchtern oder sagte er das als Anerkennung, weil ich doch ganz schön fest zuschlagen konnte? Ich wusste es einfach nicht, denn alles drehte sich im Kreis.

Hastig sprang ich aus dem Bett und rannte mit den Worten: „Ich muss mich beeilen!“, ins Bad, in dem ich mich auch gleich verschanzte.

Ich sah auf das Radio, an dem auch eine Uhr war. Es war 6 Uhr morgens und just bei dieser Erkenntnis tauchte wieder Rens Bild vor mir auf, wie er auf dem Boden gesessen hatte. Er war schon komplett angezogen gewesen und er war so nah gewesen, dass ich immer noch den Geruch seines Rasierwassers in der Nase hatte. Hatte er mich etwa bis zum Schluss schlafen lassen?

Ich stellte mich vor den Spiegel und sah mich an. Meine Haare standen nach allen Seiten ab und ich hatte leichte Ringe unter den Augen. Der elektrische Rasierer fiel mir ins Auge und ich fragte mich, ob ich den wohl jemals brauchen würde. Denn egal wie alt ich wurde, meine Haut blieb immer glatt und wieder einmal fiel mir die Ähnlichkeit mit meiner Mutter auf und ich hasste es. Es war ja nicht so, dass ich ein feminines Gesicht hatte, nur ein paar Wesenszüge. Große Augen, feine Augenbrauen und ein schmales Gesicht. Ich hatte ja noch nicht einmal ein Grübchen im Kinn.... Ich konnte echt viele verstehen, die mich von Weitem für ein Mädchen mit kurzen Haaren hielten.

~*~*~*~*~*~

Gähnend kam ich in die Küche und lächelte Rens Großeltern an. Es war seltsam, ich hatte so gut wie gar nicht mit ihnen gesprochen und trotzdem mochte ich sie. Sie sahen immer so freundlich aus, wenn sie mich sahen.

„Ah, guten Morgen, Shinja. Hast du gut geschlafen?“, fragte mich Mayumi.
„Ja, danke.“
Ich setzte mich an den Tisch, denn ich war schneller im Bad fertig gewesen,
als ich gedacht hatte.
„Möchtest du Kakao oder Kaffee?“
„Kaffee bitte, aber mit viel Milch.“
„Für mich ganz schwarz.“
Ich erschreckte mich leicht, als ich Rens tiefe Stimme hörte. Warum tauchte der Typ immer hinter mir auf, das war ja nicht zum Aushalten!


Mayumi goss uns beiden Kaffee ein und stellte mir die Milch in.
„Ist wohl gestern spät geworden, Junge?“, fragte Rens Großvater freundlich.
„Ja“, entgegnete Ren monoton.
Eines war mir schon aufgefallen seit ich hier war: Rens Stimme klang immer gleichgültig, ohne Emotionen und trotzdem spürte man, in welcher Stimmung er war. Im Moment wirkte er gelassen, während er vor ein paar Minuten, oben im Zimmer, eher ärgerlich gewirkt hatte. Aber das wäre ich auch gewesen, wenn mir jemand einfach eine verpasst. Doch wie schon gesagt, er hatte es verdient.

Mayumi setzte sich mit an den Tisch, Konrad war wahrscheinlich schon weg oder er schlief noch. Ich fand es toll, dass sie mir gleich das Du angeboten hatten, da ein Sie über zwei Monate nur schwer zu halten war und ich doch irgendwann Du gesagt hätte.

„Du hättest Shinja ruhig mitnehmen können“, sagte Mayumi plötzlich.
„Ging nicht, er...hat schon geschlafen“, dabei sah mich Ren aus dem Augenwinkel an.
Dieser Arsch, er wusste, dass ich nicht geschlafen hatte, das sah ich ihm an. Aber wohin hätte er mich eigentlich mitnehmen sollen? Etwa zu seiner Freundin? Ne, da hätte ich kein Bock drauf gehabt.

Mayumi trank noch einem Schluck, ehe sie weiterredete.
„Dann nimmst du ihn halt beim nächsten Mal mit. Ich bin mir sicher, dass Shinja gerne die anderen kennen lernen möchte.“
Äh, falsch! Ich wollte ganz bestimmt nicht die Freunde von Ren kennen lernen, denn die, die ich gestern getroffen hatte, waren mir suspekt genug gewesen, da brauchte ich nicht noch einen Haufen von denen zu sehen.

„Von mir aus. Aber er soll gefälligst auf sich alleine aufpassen, bin ja nicht sein Kindermädchen!“, erwiderte Ren gelassen und doch wusste ich, dass er sauer war.
Aber Moment, was sollte das denn heißen? War das jetzt schon beschlossene Sache, das ich mitging, wohin auch immer? Und wer fragte mich nach meiner Meinung? Die hatten doch glatt einfach über meinen Kopfhinweg bestimmt, was ich machen sollte. Oh nein, nicht mit mir!

Doch ehe ich irgendeinen Einwand erheben konnte, zerrte mich Ren schon wieder am Arm vom Stuhl, drückte mir meinen Rucksack in die Hand und schleifte mich schon wieder zur Tür hinaus. Seine Mutter sah uns nur kopfschüttelnd nach und seine Großeltern lächelten, obwohl es schon eher wie ein Grinsen aussah. Außerdem würde ich bestimmt blaue Flecken bekommen, wenn der Idiot weiter so fest zudrückt. Ab morgen würde ich allein zur Schule gehen, vorausgesetzt ich fand den Weg dorthin.

~*~*~*~*~*~

Gerade noch rechtzeitig ergatterte ich einen Sitzplatz in der U-Bahn und der Mittelschüler, der neben mir saß, machte Ren bereitwillig Platz, als der ihn böse anfunkelte. Er rutschte etwas näher an mich heran, weil eine dicke Frau sich noch breiter machen musste. Anscheinend wollte selbst Ren sich nicht mit der anlegen. Andererseits schien er immer nur das Nötigste zu
sagen, denn so oft hatte ich in auch noch nicht sprechen hören. Ob er irgendwann auch mal fröhlich klang oder ehrlich lächelte?

Ich schüttelte meinen Kopf wegen dieser unsinnigen Gedanken. Natürlich sah Ren mich gleich merkwürdig an und hob skeptisch eine seiner Augenbrauen. Jetzt hielt er mich bestimmt für total bekloppt. Doch ich hielt seinem Blick stand, alles andere wäre Aufgeben und das wollte ich nicht.

Aber etwas verwunderte mich, er stank schon wieder nicht nach Rauch, dabei hatte er doch an einem Glimmstängel auf dem Weg zur U-Bahn gezogen und selbst meine Klamotten rochen deswegen leicht danach. Wie schaffte er das nur?

„Glotz mich nicht so an!“, sagte er barsch.
Irgendwie bekam ich das nicht ganz mit und sagte einfach, was ich dachte. Großer Fehler!
„Warum riechst du nicht nach Rauch?“
Erst überrascht, dann hinterlistig sah Ren mich an und mir lief es eiskalt den Rücken runter. Warum fixierte der mich denn jetzt so mit seinen hellblauen Augen?
„Tja, vielleicht schmeck ich ja nach Rauch. Willst du nicht mal kosten?“, flüsterte Ren rau.
Er hob mein Kinn an und hielt es so fest, dass ich meinen Kopf nicht wegdrehen konnte. Mit weit aufgerissenen Augen sah ich, wie er immer näher kam und Panik stieg in mir auf. Der wollte mich doch nicht etwa hier küssen? Ich konnte aus dem Augenwinkel sehen, dass uns einige skeptisch ansahen. Warum brachte ich denn keinen Ton raus und schrie ihn an, dass er das lassen sollte?

Ich machte mich schon darauf gefasst, am nächsten Tag mit einer Tüte über dem Kopf herumzulaufen, als mal wieder alles anders kam, als ich es gedacht hatte.
„Nein, du hast nichts im Auge. Wer weiß, was es war?“, sagte Ren ruhig und ließ mein Kinn wieder los.
Ich drehte mich schnell von ihm weg und sah auf den Boden. Mein Herz schlug wild gegen mein Brustkorb und sich gar nicht mehr beruhigen wollte. Eine einzige Frage wiederholte sich immer wieder in meinen Gedanken: Warum hatte er das gemacht?

~*~*~*~*~*~

Vor der Schule warteten bereits wieder Rens Freunde. Wie sie hießen, wusste ich nicht und mir war es auch ziemlich egal. Was mich verwunderte war, dass Kanoe bei ihnen stand und mich zu sich winkte, als ich stur an der Gruppe vorbei laufen wollte.

„He, Shinja, komm doch her. Mein Bruder wird dir schon nichts tun”, rief sie.
Na toll, jetzt wussten diese Heinis auch noch wie ich hieß und die ganze Schule mit dazu. Mir war gestern gar nicht aufgefallen, was für ein lautes Organ dieses Mädchen hatte.

Ergeben, da ich mich eh nicht hätte wehren können, trottete ich zu der Gruppe und dieser komische blonde Junge legte auch gleich wieder seinen Arm um meine Schulter. Mir juckte es schon in den Fingern, ihm eine reinzuhauen, aber das musste nicht unbedingt sein. Aber ich war trotzdem vorsichtig und bereit, jederzeit zum Schlag auszuholen.

Freundlich wie auch schon am Tag zuvor sah er mich an.
„Hör mal Kleiner, das von gestern tut mir Leid. Ich hab’s nicht so gemeint, ich wollt dich nur ein bisschen erschrecken.“
Erleichtert atmete ich aus, trotzdem fragte ich mich, ob ich ihm glauben sollte. Doch diese Frage nahm mir der schwarzhaarige Junge ab.

Gelassen stieß er den Rauch aus seinen Lungen und sah den Blonden kritisch an.
„Von wegen, das hast du ganz ernst gemeint. So wie ich dich kenne, würdest du den Kleinen am liebsten gleich flachlegen.“
„Red nicht so ne gequirlte Scheiße!“, fauchte der Junge neben mir wütend.
Alles in mir zog sich zusammen. Wem von den beiden sollte ich denn nun glauben?

Ich stieß den Blonden von mir weg und sah hilflos in die Runde. Kanoe sagte nichts und grinste sich einen ab. Na toll! Den Junge mit der Glatze schien das alles nicht zu interessieren und Ren sah einfach nur teilnahmslos zu, während die zwei anderen sich ankeiften. Klasse, auf so einen Cousin konnte ich echt verzichten!

Gerade als ich Ren mürrisch ansah, richtete er seine eisblauen Augen auf mich, doch er grinste schon wieder nicht. Warum tat er es nicht und warum sah er mich so merkwürdig an? Ich konnte seinen Blick einfach nicht deuten, aber es machte mir etwas Angst, in seinen Augen nicht lesen zu können, was er fühlte.

Als er mich anscheinend genug angestarrt hatte, wendete er sich wieder den anderen zu.
„Der Kleine kommt übrigens heute mit“, sagte er mit fester Stimme, die keine Widerrede duldete.
Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit des Blonden wieder voll auf mich und er grinste breit.
„Das ist ja schön. Übrigens, meine Name ist Kazuya, aber du darfst mich gerne Ya-chan nennen, Süßer!“
Für diese Bemerkung kassierte er von Kanoe wieder eine Kopfnuss.
„Hör auf damit, Nii-san! Kannst du nicht einmal damit aufhören, alles anzubaggern, dass zwei Beine hat und nicht bei drei auf den Bäumen ist?“
„Und kannst du nicht mal aufhören, mir ständig den Schädel einzuschlagen, schließlich bin ich immer noch älter als du.“
„Davon merkt man aber nichts“, entgegnete der Glatzkopf, dessen Stimme ich zum ersten Mal hörte und die noch kälter klang als Rens, wenn das überhaupt möglich war.
Kazuya funkelte ihn nur böse an.

Der Schwarzhaarige kam auf mich zu und zum erstenmal erkannte ich, dass der Ohrring ein Drache mit ausgestreckten Flügeln war. Etwas überrascht war ich, als er mir freundschaftlich die Hand reichte, die ich auch zögernd annahm.
„Mein Name ist Akio.“
„Shinja“, antwortete ich.
„Und das ist Eichi“, er zeigte auf den Glatzkopf. „Aber er redet nicht viel.“
Grüßend hob Eichi die Hand und ich tat es ihm gleich. Das waren wirklich merkwürdige Typen, die Ren da als Freunde hatte. Aber er war ja auch nicht besser.

~*~*~*~*~*~

Die Schule war endlich vorbei, ich dachte schon, das hätte nie ein Ende. Aber wie hieß es doch so schön: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Egal!

Ich ging also den Gang entlang und neben mir lief, wer hätte es gedacht, Kanoe. Ich fragte mich langsam, ob dieses Mädchen keine Freunde hatte, denen sie auf die Nerven gehen konnte. Doch ich verkniff es mir, sie zu fragen, denn wenn es wirklich so war, würde sie vielleicht anfangen zu heulen und ich hasste heulende Menschen. Keine Ahnung warum, aber selber weinte ich auch nicht. Als Kind hatte ich oft geweint, meist wegen Kleinigkeiten. Aber irgendwann hatte mein Vater dann gesagt, dass ich mich wie ein verzogenes Mädchen benehmen würde und er mich in Kleider stecken würde, wenn ich nicht damit aufhörte. Und wer hätte es gedacht, es hatte geholfen. Es hatte sogar so gut geholfen, dass ich nicht mal auf der Beerdigung meines Großvaters ein Träne vergossen hatte. Weder davor noch danach und mein Vater hatte geheult wie ein Schlosshund. Aber es war ja auch sein Vater gewesen.

Wie schon gesagt lief Kanoe neben mir und sah mich skeptisch an.

„Und du bist dir sicher, dass du mit ihnen weggehen willst?“
„Nein, und das werde ich Ren auch noch sagen.“
„Und warum hat er dann gesagt, dass du mitgehen würdest?“
„Weil seine Mutter gemeint hat, er soll mich mitschleppen. Aber ich hab keine Lust auf diese Idioten und schon gar nicht auf deinen Bruder.“
Das letzte Wort betonte ich besonders, vielleicht bemerkte sie ja, dass sie mich nervte.
„Kann ich verstehen.“
„Wie hältst du das nur mit denen aus?“
„Was? Du denkst, ich würde zu ihnen gehören? Gott bewahre, nein, ich war nur heute bei ihnen, weil ich wusste, dass du mit Ren kommen würdest.“
Was sollte das denn jetzt heißen? Hatte die sich in mich verknallt oder was wollte sie? Anscheinend hatte sie wirklich keine Freunde.

Gerade so, als ob sie meine Gedanken lesen könnte, wurde sie leicht rot.
„Das soll jetzt nicht heißen, dass ich irgendwas von dir will, außer vielleicht mit dir befreundet sein“, lächelte sie.
Ich blieb stehen und sah sie an, doch dann ging ich, ohne sie weiter zu beachten weiter und sagte nur noch: „Vergiss das lieber. In zwei Monaten bin ich weg und komme nie wieder.“

~*~*~*~*~*~

Bestimmt hatte es hart und kalt geklungen und das sollte es auch. Ich wollte mit niemandem befreundet sein. Wollte einfach nur meine acht Wochen hier absitzen und dann auf nimmer Wiedersehen verschwinden.

Ich hörte Schritte hinter mir, während ich über den Hof lief, aber das war ja nichts Ungewöhnliches, schließlich liefen hier massenweise Menschen durch die Gegend.
„Das war ganz schön hart, was du da eben gesagt hast“, vernahm ich ein dunkle Stimme.
„Es entspricht der Wahrheit“, entgegnete ich, ohne mich umzudrehen.
Es erstaunte mich, dass ich überhaupt nicht erschrak, als Ren mal wieder plötzlich hinter mir auftauchte. Anscheinend gewöhnte man sich doch an alles.

„Übrigens werde ich ganz bestimmt nicht mitkommen“, stellte ich gleich klar.
„Das wirst du aber müssen.“
„Ach ja, und warum?“
„Weil Mayumi es gesagt hat und ich ihr diesen Wunsch erfüllen werde, dass bin ich ihr schuldig“, grinste Ren.
Ich blieb stehen und sah ihn nun doch überrascht an und sprach das aus, was mir durch den Kopf ging.
„Warum nennst du deine Mutter beim Vornamen?“
Ich sah richtig, wie sich Rens Gesicht wieder verhärtete und er mich missbilligend ansah.
„Das geht dich nichts an!“, knurrte er gefährlich.
Dann ging er weiter und ich hielt es für besser, meine Klappe zu halten. Trotzdem würde ich nicht mitkommen, egal was er tat!

~*~*~*~*~*~

Kaum dass wir das Haus betraten, merkte ich, dass niemand außer uns da war. Trotzdem suchte ich alles ab, in der Hoffnung, doch jemanden vorzufinden. Doch keiner war da, obwohl es bereits halb sechs war. Weder Rens Großeltern noch Mayumi waren da und Konrad kam sowieso erst sehr spät. So gesehen war das nichts Schlimmes, andererseits war ich jetzt mit Ren ganz alleine und so langsam machte mir dieser Fakt Angst.

Wie schon so oft ging Ren als erster die Treppe hinauf und tat so, als wäre ich gar nicht da. Aber mir konnte das nur recht sein. Je weniger er mich wahrnahm, desto einfacher ließ es sich hier aushalten.

Ich beschloss, erst einmal in die Küche zu gehen und mir ein paar Sandwiches zu machen, denn mein Magen meldete sich schon seit einiger Zeit kräftig, in dem er laut knurrte.


~*~*~*~*~*~

Mit den fertigen Broten auf dem Teller betrat ich das Zimmer, in dem ich nun schlief, und setzte mich auf mein Bett. Ren zog sich inzwischen schon wieder um. Desinteressiert aß ich das erste Stück und musste mich seltsamerweise zusammenreißen, um Ren nicht schon wieder zu beobachten. Ich wurde etwas rot, als ich an das letzte Mal dachte, denn das Bild davon hatte ich immer noch klar vor Augen, wo es eigentlich nicht sein sollte.

Heftig schüttelte ich den Kopf, um dieses verfluchte Hirngespinst los zu werden. Als mich Ren jedoch plötzlich ansprach, verschluckte ich mich fast an einem Bissen.
„Willst du mich denn nicht anstarren wie das letzte Mal?“, fragte er mit dem Rücken zu mir gewandt.
„Du hast das bemerkt?“
Schnell schlug ich meine Hand vor den Mund. Mist, großer Fehler, sehr großer Fehler und viel zu unüberlegte Handlung. Scheiße, wenn man erst spricht und dann denkt. Warum konnte ich auch nicht meinen Mund halten?

„Nein, eigentlich wollte ich dich nur ärgern.“
Verflucht, voll in die Falle getappt. Warum passierte das immer mir? Und warum musste sich dieses Arsch jetzt umdrehen und auf mich zukommen? Und warum grinste der schon wider so komisch? UND VERDAMMT NOCH MAL, WARUM WAR MIR PLÖTZLICH SO HEISS IM GESICHT??

Ich schluckte hörbar, als er sich zu mir runterbeugte, mir den Teller aus der Hand nahm und ihn irgendwo hinstellte. Seine blauen Augen sahen mich durchdringend an und ich hatte Angst, dass er sehen könnte, wie schnell mein Herz schlug, als er immer näher kam.
„Aber da wir gerade dabei sind, hat dir denn gefallen, was du gesehen hast?“, raunte er.
„Ich hab überhaupt nichts gesehen!“
„So, und warum wirst du dann rot wie eine überreife Tomate?“
Verdammt, musste mich meine Gesichtsfarbe denn ausgerechnet jetzt gegen mich verschwören?

Ich merkte nur noch, wie Ren immer näher kam und ich plötzlich auf dem Rücken lag und er meine Hände neben meinem Kopf festhielt. Wie er es geschafft hatte, danach zu greifen, wusste ich nicht, aber ich wusste, dass mir diese Pose überhaupt nicht gefiel.

Ich wollte strampeln, um ihn so von mir runter zu bekommen, doch er hatte sich auf meine Beine gesetzt, sodass ich mich nicht bewegen konnte. Ich saß wie eine Maus in der Falle. Ich wollte nicht zeigen, dass ich langsam Panik bekam und sah ihn böse an.
„Lass mich...hick... los!“
Na das war ja wohl nix. Hatte denn heute alles und jeder was gegen mich?

Ein Anflug eines Lächeln bildete sich auf Rens Lippen, war aber sogleich wieder verschwunden und machte diesem aufgesetzten Grinsen Platz.
„Na, so aufgeregt, Kleiner?“
„Lass...hick...den Quatsch!“
Doch Ren ging überhaupt nicht mehr darauf ein, sondern schob meine Arme mit sanfter Gewallt über meinen Kopf, sodass er sie mit einer Hand festhalten konnte und fing an, meine Schuluniform aufzuknöpfen.
„Sag mal, bei dir hakt’s wohl. Ich steh nicht auf Männer!“
Mit einem Mal war mein Schluckauf verschwunden, klar, bei dem Schock.

Ren sah mich an und grinste wieder.
„Na und?“
Ich konnte es nicht fassen, dem war das scheißegal, dass er gerade seinen eigenen Cousin vergewaltigte. Ruckartig zog er mir die Jacke aus, so dass ich keine Zeit hatte, meine Arme
von ihrem Platz zu nehmen, und begann dann, das darunter liegende Hemd aufzuknöpfen. Ich drehte und wendete mich wie ein Bekloppter, doch Ren ließ einfach nicht locker und die Panik stieg immer mehr, sodass sie nun auch meine Augen und meine Stimme erreichte.
„Bitte, Ren, hör auf!“, flehte ich, doch er überhörte mich einfach und entfernte das Hemd genauso schnell wie die Jacke zuvor.
Dann ließ er von meinem Oberkörper ab und ich dachte schon, er würde aufhören, doch stattdessen fummelte er an meinem Hosenknopf herum.
„Verdammt noch mal, hör auf, ich will das nicht!“
Ich wusste langsam nicht mehr, was ich tun sollte. Bis zu einem bestimmten Punkt hatte ich ja immer noch die Hoffnung gehabt, alles wäre ein makaberer Scherz, doch diese Hoffnung verflog, als ich merkte, dass er mir die Hose von den Beinen ziehen wollte.

Da er dafür aber von mir runter musste, fing ich an, nach ihm zu treten, denn eine andere Möglichkeit sah ich nicht mehr.
„Halt endlich still!“, fauchte Ren.
Doch ich dachte nicht daran, denn er hielt immer noch meine Handgelenke fest und meine Beine waren das Einzige, mit dem ich mich wehren konnte. Doch es half mir nicht viel, denn schon nach ein paar Minuten lag auch meine Hose neben dem Bett.

Plötzlich stand Ren auf und ließ mich los. Nur in Boxershorts lag ich nun auf dem Bett, während er sich weiter anzog. Mein Herz raste und meine Atmung war nicht viel langsamer. Als ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte, setzte ich mich hin und sah in verwundert und wahrscheinlich auch verstört an.
„Glotz nicht so und zieh dich endlich an, sonst kommen wir zu spät!“, zischte er gefährlich.
Nun peilte ich gar nichts mehr. Was sollte das? Erst sah es so aus, als wollte er was von mir und nun stellte sich heraus, dass er mich nur ausgezogen hatte, damit ich mich umzog?

Wütend schrie ich ihn an.
„Was sollte der Scheiß eben?“
„Du sollst dich anziehen und mitkommen.“
„Ich will aber nicht!“
„Du wirst aber müssen, denn das war nur ein kleiner Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn du nicht machst, was ich sage!“
Ich zog die Decke näher an mich und verkrallte mich darin, während ich starr auf die weiße Bettwäsche sah.
„Du Arsch!“, flüsterte ich leise, aber so, dass er es hören konnte.
„Heul doch.“
„Ich heule nie!!“, schrie ich und stockte.
Ren kniete vor mir und sah mich mitleidig an, etwas, dass ich noch nicht gesehen hatte. Vorsichtig, gerade so, als würde ich unter seiner Berührung zerbrechen, legte er eine Hand auf meine Wange und streichelte sie mit dem Daumen leicht. Ganz im Gegensatz zu seinen Augen, war seine Hand warm und ich lehnte mich unbewusst etwas gegen sie.
„Wäre vielleicht aber mal ganz gut.“
Erschrocken sah ich ihn an und wusste einfach nicht, was auf diesen fürsorglichen Worten antworten sollte. Ren war in diesem Augenblick ein einziges Rätsel für mich.



04. Nightmare Club

Nun war es also doch passiert und ich wusste nicht, wie ich mich von Ren dazu hatte überreden lassen können. Fest stand, dass ich mich sehr unwohl in meiner Haut und in diesen Klamotten fühlte. Ohne dass ich es gemerkt hatte, hatte Ren einfach in meinem Koffer herum gewühlt, meine weißen Jeans herausgesucht und mir ein ebenso weißes Hemd von sich gegeben. Eigentlich seltsam, denn ich hatte gedacht, er hätte nur schwarze Sachen.

Jedenfalls stand ich nun als krasses Gegenteil neben Ren und wir schienen noch auf jemanden zu warten. Bestimmt auf seine seltsamen Freunde und wenn ich Glück hatte, dann würde ich noch mehr von solchen Idioten treffen. Wie verdammt noch mal, hatte Ren es geschafft, mich hierher zu schleifen? Ach ja, er hatte mir gedroht und das sehr überzeugend!

Wir standen schon eine Weile, doch statt der Jungs kam ein aufgedonnertes Mädchen auf uns zu. Sie trug ein leichtes Top unter der kurzen Jacke und der Minirock war mehr als mini. Als sie dann vor uns stand, strahlte sie Ren an und ich konnte erkennen, dass sie sehr viel Lidschatten und Rouge aufgelegt hatte und die knallroten Lippen waren unübersehbar. Sie sah für mich aus wie irgendeine Nutte (auch wenn die nur ihren Job machten) und ich hatte das Gefühl, als ob ich mich gleich übergeben müsste.

Sie begrüßte meinen Cousin mit einem Kuss auf die Wange, wobei sie einen roten Abdruck hinterließ und ihn Ren auch gleich wieder vorsichtig aus dem Gesicht wischte. Dann sah sie mich an und musterte mich herablassend, wobei sie etwas das Gesicht verzog. Was war denn mit der los? Hatte ich irgendetwas im Gesicht außer meiner Nase oder glaubte sie, ich wäre irgendeine ansteckende Krankheit? Das konnte ja noch ein toller Abend werden.


~*~*~*~*~*~

Drinnen steuerten die beiden gezielt auf einen Tisch zu, während ich ihnen hinterher trottete. Ich sah mich nicht wirklich um, dazu hatte ich noch genügend Zeit oder ich würde nach einer Stunde wieder gehen. Obwohl, ich kannte den Weg nicht, also würde ich wohl oder übel auf Ren warten müssen. Und wehe, der verdrückte sich dann einfach und ließ mich alleine sitzen!

An dem Tisch saßen bereits Akio, Eichi und Kazuya. Wahnsinn, ich hatte mir ihre Namen gemerkt. Hoffentlich vergaß ich die bald wieder!

Mit einem mulmigen Gefühl setzte ich mich in die Sitzecke des Clubs, genau zwischen Kazuya und Ren, neben dem dieses Mädchen Platz nahm. War anscheinend seine Freundin, aber es war nicht das Mädchen auf dem Foto, das in Rens Zimmer stand. Die wäre mir jetzt lieber gewesen, denn sie hatte einen netten Eindruck gemacht, auch wenn es nur ein Foto gewesen war.

Ich sah mich etwas um, weil ich nichts Besseres zutun hatte. So gesehen wirkte der Laden gar nicht so übel. Eine Bar, an die man sich setzen konnte und die so aussah, als ob man alles bekommen könnte. Zwischen uns und der Bar war eine ausreichend große Tanzfläche, auf der sich schon ein paar Leute tummelten, aber es war noch früh, wahrscheinlich würde es später erst richtig losgehen. Und die Musik war auch nicht zu verachten, allerdings für meinen Geschmack zu laut.

Ren stieß mich leicht an, damit ich wieder auf ihn aufmerksam wurde.

„Übrigens, hier hat jeder Zutritt, also wundere dich nicht, wenn sich plötzlich zwei Jungen befummeln oder es so aussieht, als würden sie sich gleich auffressen“, sagte er gelassen, wobei er trotzdem die Musik übertönte.
Erschrocken sah ich ihn an, was schnell zu einem wütenden Blick wurde.
„Und das sagst du mir erst jetzt!?“
Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich niemals mitgekommen.

Anscheinend musste ich sehr dämlich ausgesehen haben, denn das Mädchen, von dem ich immer noch nicht den Namen wusste. Sah mich ganz entgeistert an.
„Du bist ja ein Junge.“
„Natürlich bin ich ein Junge!“
„Entschuldige, ich hab gedacht, du wärst ein Mädchen, deswegen war ich so unfreundlich.“
Na klasse, hatte die echt gedacht, ich wäre ein Mädchen. Hatte die etwa geglaubt, ich würde ihr Ren ausspannen? Den konnte sie gerne behalten und selbst wenn ich ein Mädchen gewesen wäre, hätte ich nichts mit diesem Arsch anfangen können!

Grummelnd rutschte ich noch mehr in mich zusammen und wahrscheinlich war ich auch leicht rosa um die Nase. Die anderen sahen mich alle grinsend an, außer Ren und Eichi. Gut, Eichi kannte ich nicht, aber ich war mir sicher, dass Ren eigentlich auch grinsen müsste, wie sonst auch, aber er tat es nicht.

Kazuya legte mal wieder einen Arm um meine Schulter und sah mich freundlich an.
„Nimm es nicht so schwer, das ist nun mal der Preis, wenn man so süß ist wie du!“
Ich stöhnte gequält. Der Typ war echt ein guter Schauspieler, aber wenn man wusste, was er wirklich wollte, war er leicht zu durchschauen.

„Nimm deine Hand da weg oder du hast Morgen fünf Zähne weniger!“, zischte ich, als Kazuyas Hand sich selbstständig machte und begann den obersten Knopf des Hemdes zu öffnen. Das wäre ja das Letzte, wenn ich mich jetzt auch noch von dem angrabschen lassen würde.

Kazuya tat jedoch nicht das, was ich wollte. So packte ich seine Finger und bog sie in Richtung seiner Handaußenfläche.
„Ich hab gesagt, du sollst das lassen!“
Er verzog schmerzlich das Gesicht und nahm seinen Arm wieder von mir. Etwas stolz war ich ja schon, immerhin hatten nun auch die anderen gesehen, dass ich nicht so harmlos war, wie ich aussah. Zumindest hoffte ich das.

Meine Aufmerksamkeit wurde auf drei Jungen gelenkt, die auf uns zukamen und mit Biergläsern beladen waren. Sie stellten jedem von uns sechs eines hin und setzten sich dann. Misstrauisch beäugte ich das Glas. Ich machte mir nichts aus Bier und warum ging die Anzahl der Biergläser auf? Sie kannten mich nicht, genauso wenig wie ich sie oder wussten sie, dass Ren zwei Leute mitbringen würde?

Apropos, ich wusste immer noch nicht, welche Rolle das Mädchen an Rens Seite spielte. Sie hielt mit ihm nicht Händchen, lehnte sich nicht an ihn oder tat etwas anderes, was Verliebte taten. Sie redete lediglich mit den anderen, nur Eichi, Ren und ich waren still. Aber ich hörte ja noch nicht einmal zu, denn was interessierte mich schon, welche Band als nächstes im Stadion spielte. Scheiße, ich hörte ja doch halb zu!

Langsam fragte ich mich, warum ich überhaupt darüber nachdachte, wer sie war? Ich fand sie nicht besonders anziehend, was nicht heißen sollte, dass sie nicht hübsch war, die pechschwarzen Haare standen ihr wirklich gut, nur war sie halt viel zu aufgedonnert und nicht mein Typ. Aber warum dachte ich dann darüber nach, es konnte mir doch egal sein, ob sie Rens Freundin war und es war mir ja auch egal, oder doch nicht?

Während ich so meinen Gedanken nachhing, drehte ich das Glas in meiner Hand unaufhörlich.
„Glaubst du, wenn du es die ganze Zeit anstarrst, leert es sich von selbst?“, fragte Ren kühl.
Wie ich diese monotone und gleichgültige Stimme hasste. Grimmig sah ich in aus dem Augenwinkel an.
„Natürlich nicht!“, zischte ich genervt. „Aber ich mag kein Bier!“
„Willst du lieber Wasser trinken?“
„Ja“, gab ich zurück.
War mir doch egal, was er jetzt von mir dachte, aber was Antialkoholisches wäre mir lieber, denn ich vertrug nicht viel und wer wusste schon, ob die mich nicht sturzbesoffen machen wollten.

„Na, meinetwegen. Natsuki, lass mich mal raus.“
Brav stand diese auf und machte Ren Platz.
„Wohin gehst du denn Ren?“, fragte sie süßlich.
„Zur Bar.“
Ich wusste es doch, er sagte nur das Nötigste. Aber holte der jetzt echt für mich ein Wasser oder doch nur was für sich?

~*~*~*~*~*~

Wir warteten schon seit 10 Minuten auf Ren und als Natsuki fragte, wo er denn bleibe, meinte Akio, dass das immer lange dauerte ehe man dran kam. Ich bekam irgendwie ein schlechtes Gewissen, denn vielleicht stand er sich wegen mir die Beine in den Bauch.
„Oder er hat wieder eine aufgerissen“, ergänzte Kazuya grinsend.
Und plötzlich war dieses dumpfe Gefühl weg. Letzteres schien mir dann doch wahrscheinlicher.

Natsuki sah den Blonden böse an. War anscheinend sauer, die Gute. Aber was interessierte mich das? Sollte sie doch denken, dass sie Chancen bei Ren hatte oder sie für ihn die Einzige war. Ich erinnerte mich wieder an Rens zerkratzten Rücken. Ob das Natsuki gewesen war?

Ein lautes Klirren vor mir ließ mich aufschrecken. Ren saß wieder neben mir und hatte ein Glas vor mich gestellt. Ich betrachtete die klare Flüssigkeit, sie sah ganz nach Wasser aus. Ich nahm einen großen Schluck, denn ich hatte wirklich Durst. Doch kaum lief das vermeintliche Wasser meine Kehle hinunter, verfluchte ich diesen Arsch, dem ich eigentlich hatte danken wollen.

Mein Rachen brannte und ich fing an zu husten.
„Das ist ja Alkohol“, krächzte ich, während die anderen sich fast vor Lachen kringelten.
„Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich dir Wasser bringe?“
Uh, wie ich ihn hasste. Wie konnte ich auch nur einen Moment glauben, Ren wäre ‚nett’.
„Ich hol mir selber was. Lass mich durch!“, schnauzte ich ihn an.
Obwohl ich Natsuki nicht mal angesehen hatte, sprang sie sofort auf, doch Ren blieb einfach cool sitzen und lehnte sich gelassen an.
„Ich hab gesagt, du sollst Platz machen!“
„Steig doch drüber.“
Bitte was? Ich sollte über den drüberklettern? Hatte der sie noch alle? Das sah doch total bescheuert aus und das machte noch mehr Umstände, als wenn er einfach aufstehen würde.

Ich knurrte ihn an, aber er reagierte nicht. Ich konnte förmlich spüren, wie die anderen grinsten. Gut, die Situation war schon irgendwie komisch, aber nicht, wenn man Teil des Scherzes war! Warum machte er das denn, was hatte er davon?

Missmutig, weil ich endlich was Ordentliches zu trinken brauchte, versuchte ich, über ihn drüber zu steigen. Doch es ergab sich eine komische Lage. Als ich mein rechtes Bein auf den Boden stellen wollte, geriet ich leicht ins Wanken und musste kurz stehen bleiben, damit ich mein Gleichgewicht wieder finden konnte. So stand ich plötzlich breitbeinig vor Ren und starrte ihn einfach nur an. Ich wusste nicht mehr, wie meine Augen seine gefunden und warum sie das getan hatten, aber ein merkwürdiges Gefühl überkam mich, so wie Ren da vor mir saß.

Schnell, um diese blöde Lage zu verkürzen, machte ich mich daran, endlich weiter zu gehen und verschwand dann schnurstracks in der Masse. Ich spürte, dass mein Gesicht leicht gerötet war, denn ich glaubte, Ren hätte mir kurz über den Oberschenkel gestrichen. Aber das konnte doch gar nicht sein?

~*~*~*~*~*~

Ich leerte bereits mein zweites Glas Cola. Eigentlich hatte ich Lust, mich wirklich vollaufen zulassen, aber das brachte nur einen Kater am nächsten Morgen und wer wusste schon, was ich tat, wenn ich wirklich zu war. Nur einmal war ich wirklich betrunken gewesen und da sollte ich im Rausch einen Striptease gemacht haben. Aber das glaubte ich nicht, denn am Morgen war ich komplett angezogen gewesen.

Ich trank noch den letzten Schluck und bestellte noch eine Cola, als mich eine raue und schon recht lallende Stimme ansprach.
„Na Süßer, so allein?“
Ich sah den Mann abwertend an. War das so einer, von denen Ren gesprochen hatte?
„Nein!“, entgegnete ich nur bissig.
„So, und wo ist dann dein Freund?“, grinste er triumphierend.
Ich wollte ihm gerade erklären, dass ich nicht auf Männer stand, als sich zwei starke Arme um meine Taille schlangen und ich an einen größeren Körper gezogen wurde.
„Der ist hier“, entgegnete ein kalte Stimme.
Schnaubend tappte der angetrunkene Man weg und die Arme gaben mich wieder frei. Überrascht drehte ich mich um.
„Eichi...?“
„Du solltest besser auf dich aufpassen.“
„Was verstehst du denn...“
Ich brach ab. War das jetzt fair ihn anzugreifen, obwohl er mir gerade geholfen hatte, wenn auch etwas seltsam?

„Danke“, flüsterte ich.
Ob er es gehört hatte wusste ich nicht, aber ich hatte es gesagt.
„Komm mit, die andern wundern sich schon, wo du bist.“
„Ich hab aber keine Lust für euch den Clown zu machen, besonders nicht für Ren!“
„Ren hat vielleicht einen eigenartigen Humor, aber er ist in Ordnung. Außerdem kann man sich auf ihn verlassen und wenn du in Schwierigkeiten bist, dann ist er da, um dir zu helfen.“
„Du sprichst ja doch ganz schön viel“, grinste ich, denn ich konnte es mir einfach nicht mehr verkneifen.
„Mit dir kann man sich ordentlich unterhalten, genau wie mit Ren.“
Verwundert sah ich in an. Er hatte mich und meinen Cousin in einem Satz erwähnt und dann sollten wir auch noch etwas gemeinsam haben?

„Komm schon!“
Ohne Widerworte ging ich Eichi hinterher, wieder zu den anderen. Er war zwar sehr kühl und undurchschaubar, aber ich mochte ihn irgendwie. Er war ganz anders als Ren und das war gut so.

~*~*~*~*~*~

Gelangweilt saß ich alleine in der Sitzecke und beobachtete die anderen, wie sie tanzten. Kazuya tanzte ausschließlich hübsche Jungen an, die kleiner waren als er. Woher der immer wusste, welcher von denen schwul war, war mir ein Rätsel. Akio tanzte schon seit einer Weile mit ein und demselben Mädchen. Mich überraschte, dass Eichi auch mittanzte und gar keine so schlechte Figur machte. Ich musste mich immer halbtot lachen, wenn ich Natsuki dabei beobachtete, wie sie versuchte, sich Ren zu nähern und er dann immer zufällig wieder etwas wegrückte. Aber wenn man das so sah, konnte man gar nicht glauben, dass er das mit Absicht tat, denn jeder Schritt saß und es sah wirklich gut aus, zumindest besser, als ich gedacht hatte. Sogar manche Jungen oder Männer sahen sich nach ihm um. Unbewusst drängte sich mir die Frage auf, ob Ren nicht schwul war. Warum ich mich das erst jetzt fragte, wusste ich nicht.

Chancen weiter darüber nachzudenken hatte ich auch nicht, denn Ren sah mich mit seinen eisblauen Augen durchdringend an. Schnell wand ich meinen Blick ab und verfluchte mich gleich dafür. Ich tat ja gerade so, als hätte ich etwas Verbotenes getan und wäre dabei erwischt worden.

Als mir bewusst wurde, wie dämlich ich mich benahm, drehte ich mich wieder um und sah auf die Tanzfläche. Noch immer sah Ren mich an. Es war zwar unangenehm, aber ich hielt seinem Blick stand. Doch ich bemerkte nach einiger Zeit, dass ich ihn nicht nur aus Trotz starr ansah, sondern, dass mich seine Augen gefangen genommen hatten. Es war merkwürdig, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren, sie hielten mich eisern fest. Warum zogen mich diese kalten Augen nur so an?

Ich bemerkte gar nicht, dass diese Augen immer näher kamen und plötzlich stand Ren vor mir. Die Musik dröhnte in meinen Ohren, doch ich sah nur in seine Augen. Eisblaue Augen, die um so vieles wärmer schienen als bisher.

Wie in Trance nahm ich war, dass mich Ren leicht am Handgelenk auf die Tanzfläche zog und ich ging ihm freiwillig hinterher. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und stand einfach nur steif zwischen all den sich bewegenden Körpern.
„Du musst schon tanzen!“, flüsterte mir Ren zu.
Erst als ich wieder diese emotionslose Stimme hörte, wurde mir klar, wo ich gerade wirklich war.
„Ich kann nicht tanzen“, flüsterte ich zurück, da ich immer noch nicht wirklich begriff, wie ich hier her gekommen war.
„Ach was, jeder kann tanzen, selbst ein Zwerg.“
„Ich will aber nicht!“, fauchte ich und verließ schnaubend die Menge.

An meinem Platz nahm ich mir das Glas, das Ren mir gebracht hatte und kippte es mir hinter die Binde. Es war mir scheißegal, was es war und dass es brannte. Ich war sauer auf Ren und auf mich. Wie hatte das nur passieren können? Warum hatte ich nicht gleich etwas unternommen? Wieso war ich nur mitgegangen?

Ich stellte das leere Glas hin und schnappte mir das Bier, das noch keiner angerührt hatte und stürzte es ebenfalls hinunter. Ich wusste, dass ich nicht viel vertrug und das ich es bereuen würde, aber es war mir einfach egal.

Ich stand auf und ging schon etwas schwankend wieder zur Bar, um mir einen Alkopop zu holen. Irgendwo hatte ich mal gehört, dass die ganz schön reinhauen sollten, wenn man sie zu schnell trank.

~*~*~*~*~*~

Als ich wieder zu der Sitzecke ging, sah ich schon von weitem, dass Ren und Co. wieder da waren und noch irgendwelche anderen. Ich setzte mich irgendwo hin, wo Platz war und machte die Flasche auf, die ich auch gleich ansetzte. Ich konnte sehen, dass die anderen mich seltsam ansahen, schließlich hatte ich vor nicht allzu langer Zeit gesagt, dass ich keinen Alkohol trinken würde.

Als ich fast keine Luft mehr bekam, setzte ich die Flache wieder ab. Sie war nur noch zur Hälfte voll oder auch leer, je nach dem, wie man es sah.
„Sag mal, Kleiner, hast du das etwa auch getrunken?“
Ren zeigte auf die leeren Gläser, die noch voll gewesen waren, bevor er tanzen gegangen war.
„Ja, na und? Morgen ist doch eh Wochenende!“
Ich setzte die Flache wieder an und trank sie ganz leer. Mir war schon etwas schwummrig, aber was sollte es? Ab diesem Moment sind nur Bruchstücke in meinem Gehirn hängen geblieben, wie der weitere Abend verlief.

Ich strich vor Langeweile mit den Händen über die Flasche , als würde ich ihr ein Kondom überziehen. Bei dem Gedanken fing ich an zu grinsen, ehe ich leicht kicherte und immer schneller über das Glas fuhr.

Plötzlich hielt eine große Hand meine fest und böse sah ich den Störenfried an, der mich daran hinderte, meine Tätigkeit weiter auszuführen.
„Wir sollten gehen.“, sagte Ren kühl und sein Blick duldete keine Widerworte.

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Das nächste, an was ich mich erinnere ist, dass wir nach Hause gingen oder besser gesagt, Ren ging und trug mich huckepack. Mir war furchtbar schwindelig und übel. Trotzdem kicherte ich immer wieder vor mich hin. Besonders wenn uns Menschen entgegen kamen und uns seltsam ansahen, wurde es schlimmer.

Meinen Kopf hatte ich auf Rens Schulter gelegt, wahrscheinlich wollte ich alles sehen.
„Mir ist so schlecht“, jammerte ich mal wieder.
„Wehe du reiherst mir über die Schulter, dann lass ich dich sofort fallen.“
„Mach ich schon nicht.“
„Du hättest nicht so viel trinken sollen.“
„Ist dir doch eh egal“, war das Letzte, was ich sagte und dann war ich vielleicht eingeschlafen oder ich hatte einfach nur einen Blackout.

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Am nächsten Morgen wachte ich auf und war zum ersten Mal froh, dass Rens Zimmer so dunkel gestrichen war und so gut wie jedes Licht verschluckte.

Mein Schädel hämmerte, aber wenigstens war mir nicht übel. Zumindest etwas Gutes.

Gequält richtete ich mich auf und bemerkte, dass ich meinen Schlafanzug anhatte. Hatte Ren mich etwa umgezogen?

Schamesröte überzog mein Gesicht. Vorsichtig lugte ich unter meine Schlafanzughose und sah zum Glück meine Boxershorts darunter. Wäre ja noch schöner, wenn er die auch noch ausgezogen hätte, dann hätte ich im aber meine Meinung gesagt. Aber heute nicht, dazu tat mir der Kopf zu weh. Ich hatte einen ordentlichen Kater.

Die aufgehende Tür lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich. Ren stand darin und sah mich abwartend an. In der Hand hielt er ein Glas Wasser und eine Tablette.
„Hast du auch Kopfschmerzen?“, fragte ich.
Abwertend grinsend kam er auf mich zu und kniete sich neben mich.
„Die ist für dich.“
Damit reichte er mir die Tablette, die ich auch gleich in den Mund nahm und griff gierig nach dem Wasser, um das blöde Ding endlich los zu werden. Verwundert sah ich hin an, als ich sie geschluckt hatte. Machte er sich etwa Sorgen?

Er schien meine Gedanken lesen zu können und grinste noch mehr.
„Die ist von Mayumi.“
Da, er tat es schon wieder. Kein normales Kind nannte seine Eltern beim Vornahmen.

Ich erschreckte, als ich Rens Hand plötzlich auf meiner Wange spürte und seinem warmen Atem an meinem Ohr.
„Die Nacht mit dir war sehr schön. Ich hätte nie gedacht, dass du solche Laute von dir geben kannst.“
Meine Augen weiteten sich mit jedem Wort mehr und ich starrte ungläubig die schwarze Wand an. Mein Gesicht brannte und mir war schrecklich heiß. Das konnte doch nicht sein, das durfte einfach nicht sein! So betrunken war ich doch auch nicht gewesen!

Ren entfernte sich wieder von mir. Ich wollte etwas sage, am liebsten schreien, aber ich brachte keinen Ton heraus. Ausdruckslos sahen mich seine blauen Augen an.
„Das hätte ich gerne gesagt, aber es ist nichts passiert“, dann stand Ren auf und ging, ließ mich mit einer Unmenge an Fragen zurück.

Seinen letzten Satz musste ich erst einmal verdauen. Es war also nichts passiert und was er gesagt hatte, war nur gelogen. Aber was meinte er mit: ‚Das hätte ich gerne gesagt,..’? Wollte er etwa wirklich mit mir... Aber das ging doch nicht. Für mich zumindest nicht. Wir waren beide Jungen und dann auch noch verwandt. Warum tat er das? Seit ich bei Mayumi angekommen war, tat Ren nichts anders als mich zu verwirren und der Kuss, warum konnte ich ihn einfach nicht vergessen? Warum konnte ich nichts von dem vergessen, was er mir gesagt hatte oder mit mir getan hatte? Fragen, so viele Fragen, aber würde ich jemals eine Antwort darauf bekommen?