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Distantly Relation Teil 5 - 8

05. Küsse

Drei Wochen, drei verdammte Wochen wohnte ich jetzt schon bei der Kusine meiner Mutter, Mayumi, und ich lebte immer noch. Keine Ahnung, wie ich das geschafft hatte. Wahrscheinlich, weil ich Ren so gut es ging aus dem Weg ging, was natürlich nicht einfach war, weil wir unter einem Dach wohnten und in dieselbe Schule gingen.. Aber es funktionierte trotzdem. Ich betrat sein Zimmer nur noch um zu schlafen, ging nicht mehr mit ihm und den anderen weg und jeden Morgen fuhr ich allein mit der U-Bahn zur Schule. Glücklicherweise ließ er mich auch in Ruhe, machte keine merkwürdigen Andeutungen mehr oder verwirrte mich sonst irgendwie.

Klar fiel mein Verhalten Mayumi und ihrem Mann auf, aber sie sagten nichts, genauso wenig wie Rens Großeltern. Mit seiner Großmutter verbrachte ich die meiste Zeit. Ich weiß auch nicht warum, aber sie war nett. Wir spielten dann irgendwelche Kartenspiele und sie gewann ständig, oder ich machte meine Hausaufgaben und sie strickte dabei. Leider verrieten die Großeltern mir nicht, wie sie hießen und meinten, ich solle sie mit Großmutter oder Großvater anreden oder mit Oma oder Opa, je nachdem, was mir lieber war. Tja, und mir blieb nichts anderes übrig, als mir eines davon rauszusuchen, schließlich musste ich sie ja irgendwie anreden.

~*~*~*~*~*~

Doch jetzt saß ich gerade im langweiligsten Matheunterricht, den ich je gehabt hatte. Sie waren immer noch bei dem, was wir schon hatten, also musste ich nicht aufpassen.

Kanoe und ich hatten die Plätze getauscht, sodass ich jetzt am Fenster saß und sie im Gang. Ich hatte mich bei ihr entschuldigt für das, was ich gesagt hatte, bevor ich mit Ren weggegangen war. Sie meinte, es sei nicht so schlimm und sie könnte verstehen, dass ich wieder zu meinen Freunden wollte. Ich ließ sie in dem Glauben, denn ich konnte ihr ja schlecht sagen, dass ich sauer war, weil ich nicht in die Staaten durfte. Der Ärger hatte aber nachgelassen, nach dem Ren nicht mehr mit mir redete und ich mich bei den Kuhlmanns schon fast wie zu Hause fühlte.

Gedankenverloren wie schon so oft, sah ich aus dem Fenster. Das Klassenzimmer befand sich im zweiten Stock. Eine der 12. Klassen hatte gerade Sport. Ob das Rens Klasse war? Ich sah etwas genauer hin, doch ich konnte keinen grauen Schopf in der Menge finden. Also sah ich auf die Hundertmeterstrecke, wo gerade fünf Jungen im Ziel ankamen. Unter ihnen auch ein Grauhaariger, der im Gegensatz zu den anderen ziemlich gelassen wirkte: Ren. War ganz schön ungewohnt, ihn in einem weißen T-Shirt und kurzen blauen Hosen zu sehen. Verdammt, der Typ könnte alles anziehen und sah immer noch gut aus.

Erschrocken über meine eigenen Gedanken, bemerkte ich nicht, dass ich nicht der einzige war, der etwas beobachtete. Als ich mich dann wieder gefangen hatte, hielt ich noch einmal nach Ren Ausschau, doch ich musste gar nicht lange suchen. Er stand immer noch genau da, wo er gewesen war und sah mich an. Aber nicht etwa gleichgültig oder hinterhältig, eher grimmig und ein wenig wütend. So sah er mich schon seit ein paar Tagen an, wenn wir uns denn mal sahen. Das gefiel mir gar nicht, denn von Mal zu Mal wurde es schlimmer. War er etwa sauer, weil ich nicht mehr mit ihm sprach? Ach Quatsch, das wäre wahrscheinlich das Letzte.

Schnell drehte ich mich wieder weg und starrte die Tischplatte an. Sie hatte wirklich eine interessante Musterung.
„Was ist denn da draußen?“, flüsterte Kanoe neugierig
„Ren.“
Abschätzend sah sie mich von der Seite an, aber ich ging nicht darauf ein. Ich hatte mal wieder schneller gesprochen als ich hatte denken können. Trotzdem fragte ich mich, was mit Ren los war. Er grinste nicht, veralberte mich nicht und war grantig zu allem und jedem. Vielleicht sollte ich doch mal mit ihm reden. Nicht wegen mir oder ihm, sondern wegen Mayumi, Konrad und Rens Großeltern. Keiner von ihnen wusste, was mit ihm los war und jeder Versuch von Mayumi, sich vernünftig mit Ren zu unterhalten, wurde von ihm eiskalt abgeblockt. Das hatte Mayumi einfach nicht verdient.

~*~*~*~*~*~

In der Pause saß ich wie immer auf meinem Platz, wo sollte ich auch sonst hin? Drei Mädchen kamen auf mich zu und sahen mich erwartungsvoll an.
„Was?“, fragte ich unfreundlich.

„Du kommst doch immer mit Ren Kuhlmann in die Schule, richtig?“

„Ja und?“

„Seit ihr zwei...zusammen?“
Geschockt sah ich die Mädchen an, ehe ich sie wütend anschrie.
„Spinnt ihr, den würde ich nicht mal nehmen, wenn ich ein Mädchen wäre!“
Das war ja das Letzte. Warum schien eigentlich jeder zu glauben, dass ich was von Ren, dass ich etwas von einem Jungen wollte??
„Na, ein Glück. Aber warum kommt ihr denn dann immer zusammen?“

„Erstens, wir kommen nicht immer zusammen und zweitens, weil wir unter einem Dach wohnen und Cousins sind. Zufrieden?“
„Das...das ist ja toll. Könntest du ihm dann bitte diese Briefe geben?“
Jedes der drei Mädchen zückte einen Liebesbrief hinter ihrem Rücken hervor und hielt ihn mir mit geröteten Wangen unter die Nase. Tja, und was machte ich Depp, ich nahm sie an und versprach, sie Ren zugeben. Tolle Entscheidung!

~*~*~*~*~*~

Ich wartete am Tor auf Ren. Eigentlich gingen wir ja getrennte Wege, aber ich hatte etwas eher Schluss und hier war der beste Platz, um ihm diese vermaledeiten Briefe zu geben, ohne das er mich blöd anmachte. Ganze fünfmal hatten mich diese Mädchen daran erinnerte, Ren unbedingt die Schriften zu geben und ich wollte sie jetzt endlich loswerden.

Wenn man vom Teufel spricht? Ren kam aus der Eingangstür. Konnte aber auch daran liegen, dass vor zwei Minuten zum Stundenende geläutet hatte. Eins von beidem wird’s schon gewesen sein.

Etwas verwundert sah er mich schon an, als er mich am Tor erblickte, aber mir war es egal und er sah auch gar nicht mehr so grimmig aus. Zielstrebig kam er auf mich zu. Leider nicht nur er, sondern auch Kazuya, der regelrecht auf mich zugestürmt kam, so große Schritte, wie der machte.

Freudig grinsend sah er mich an.
„Na, Süßer, hast du auf mich gewartet?“
„Glaubst du das wirklich?“
„Ja.“
„Dann bist du echt....“
„....unwiderstehlich.“
„Eher unheimlich dämlich!“
Wie ein begossener Pudel sah mich der Blonde an. Er sollte echt aufhören, immer so dämlich zu grinsen und die Anmachsprüche weglassen, dann würde er vielleicht jemanden finden. Aber wer sagte mir, dass er was Festes suchte und nicht nur nen schnellen Fick wollte?
Egal, ging mich nichts an.

Ren stand neben uns und hatte alles mitgehört. Ich hatte geglaubt, ein flüchtiges Grinsen gesehen zu haben, aber so eiskalt wie seine Miene jetzt war, musste ich mich wohl getäuscht haben.
„Musst du nicht nach Hause, Kazuya?“
Holla, seine Stimme war ja noch kälter als sonst. Klang schon fast so wie Eichis. Obwohl, bei ihm war immer noch ein sanfter Unterton dabei, dass machte das Ganze etwas angenehmer, fand ich. Apropos, wo war er eigentlich? Mit ihm hätte ich mich gerne unterhalten.

Wie ein geprügelter Hund machte sich Kazuya vom Acker. Allerdings konnte ich noch sehen, wie er schon wieder einen anderen Jungen anmachte und zwar einen aus meiner Klasse und der lächelte auch noch zurück!!!!! Damit stand für mich fest, die Welt war nicht mehr so wie wir sie kannten, denn ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet der Klassensprecher auf Jungs stand. Tja, so konnte man sich irren oder auch nicht, denn was Kazuya betraf, schien der ja wirklich nur mal schnell in die Kiste zu wollen.

„Gehen wir?“, riss mich Rens Stimme aus meinen eigentlich sinnlosen Gedanken.
„Hä....äh, ja.“

~*~*~*~*~*~

Irgendwie war es mir unangenehm, so schweigend neben Ren herzulaufen, schließlich hatten wir fast zwei Wochen lang kein Wort miteinander gesprochen.
Plötzlich vielen mir die Briefe ein.

Ich kramte in meinem Rucksack und fischte sie heraus.
„Hier, soll ich dir geben!“
Wortlos nahm er sie an sich und betrachtete sie eine Weile.
„Von wem?“
„Keine Ahnung, aber ich bin froh, dass ich sie los bin, die Weiber haben mich pausenlos daran erinnerte, dass ich ja nicht vergessen soll, sie dir heute noch zu geben.“
Ren hatte mir zugehört und grinste, dass wusste ich einfach, auch ohne dass ich hinsah. Was dann jedoch passierte, fand ich nicht so toll.

Wir kamen an einer Kreuzung vorbei und Ren schmiss die Briefe einfach ungelesen in den Mülleimer.
„Eh, sag mal, spinnst du?“
„Warum, sind doch nicht von dir.“
„Ja, aber ... das geht doch nicht. Du hättest sie wenigstens vorher lesen können!“
„Steht doch eh immer dasselbe drin, wie toll sie mich fänden und das sie unsterblich in mich verknallt sind. Bla, bla, bla. Hätte ich jeden Brief behalten, wäre mein Zimmer überfüllt.“
Gut, klar, war schon irgendwo einleuchtend, aber...
„Es ist trotzdem nicht fair.“

~*~*~*~*~*~

Argh, schon wieder schwiegen wir und wieder grabscht mir irgendwer am Hintern rum. Das war doch nicht zum Aushalten, daran würde ich mich nicht mal gewöhnen, wenn ich achtzig Jahre hintereinander mit der U-Bahn fahren müsste.

Ren hatte bemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmte.
„Was?“, fragte er monoton.
„Hand.“, erwiderte ich.
Er verstand sofort, was ich meinte. Er packte wie schon einmal das Handgelenk des Mannes, denn es war auf Garantie ein Mann, der mal wieder männlich von weiblich nicht unterscheiden konnte, und drückte einfach immer fester zu, sah dabei aber stur gerade aus.
Als die nächste Haltestelle kam, drückte sich ein Mann hastig an mir vorbei und flüchtete gerade zu aus dem Abteil. Ich sah Ren an, der ihm grinsend hinterher sah. Also war das der U-Bahn-Grabscher gewesen.

~*~*~*~*~*~

Unruhig wippte ich hin und her. Obwohl nun soviel im Zug geplappert wurde, ging mir die Stille zwischen mir und Ren auf die Nerven. Ich wollte doch mit ihm reden, ihm sagen, dass er aufhören sollte, zu seiner Familie so barsch zu sein. Aber dazu musste ich erst einmal ein Gespräch anfangen.
„Sag mal, die Kratzer auf deinem Rücken, stammten die von Natsuki?“, fragte ich leise.
Mist, falsches Thema. Warum musste ich Depp auch immer das sagen, was mir als erstes einfiel?

Misstrauisch sah Ren mich an, schien auch ziemlich verwirrt zu sein, dass ich ihn ausgerechnet das fragte.

„Warum willst du das wissen?“
„Wollt nur ein Gespräch anfangen.“
„Und dann willst du so etwas wissen?“
„Dann lass es halt!“, fauchte ich und sah in die andere Richtung.
Meine Güte, mir war selber klar, dass es ne dumme Frage gewesen war und dass ich ihn wahrscheinlich auf falsche Gedanken brachte, denn welcher normale Junge fragte schon einen anderen, mit wem der geschlafen hatte. Gut, sie fragten schon, aber nicht so, indem sie auf irgendwelche Spuren hinwiesen, die eigentlich keiner sehen konnte.

„Sei nicht gleich beleidigt.“
„Ich bin nicht beleidigt!“
Scheiße, warum hörte sich dass dann aber genau so an?
„Ver...vergiss einfach, dass ich gefragt habe.“
Ok, meine Stimme klang schon wieder normaler, aber warum stotterte ich?
Ehe Ren jedoch etwas erwidern konnte, hielt die Bahn.
„Wir müssen hier raus“, sagte ich gleichgültig und zog den Älteren am Ärmel hinter mir her.
Hatte ich Angst ihn zu verlieren, oder was? Und warum ließ der sich das einfach so gefallen?

„Du kannst mich wieder loslassen, Shinja.“
Wie auf Kommando ließ ich von ihm ab und ging einfach weiter. Zum einen, weil ich keinen Bock hatte, mitten auf der Straße stehen zu bleiben und zum anderen, weil mir doch tatsächlich die Röte ins Gesicht stieg.

~*~*~*~*~*~

Murrend setzte ich mich auf das Bett. Das ganz war alles absolut nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber, wie hatte ich es mir eigentlich vorgestellt?

Die Tür ging auf und Ren betrat, mal wieder nur mit einer Hose bekleidet, das Zimmer.
„Na so was, was machst du denn um diese Uhrzeit hier? Hast mich wohl doch vermisst?!“
„Hab ich gar nicht!!!!“, motzte ich ihn an, was ihn nur noch mehr grinsen ließ.

„So, und warum hast dann plötzlich ein Gespräch angefangen?“, fragte er mich eindringlich.
Das er fragte, fand ich ja nicht schlimm, aber musste er sich dabei so weit vorlehnen, dass sich unsere Gesichter fast berührten?

Ich rückte zurück, um wenigstens etwas Abstand zu haben.
„Das...das hatte nen ganz anderen Grund.“
Scheiße, warum stotterte ich schon wieder? Verdammt, machte mich der Typ nervös, vor allem, weil ich bei ihm einfach nie wusste, wie er reagieren würde.

„Und...welcher...Grund....war...das?“
Menno, warum musste der jedes Wort einzeln betonen und dann auch noch so...so lasziv.
Ein dicker Klos steckte mir im Hals, aber ich musste ihm antworten. Ich musste ihm sagen, warum ich nach zwei Wochen wieder mit ihm spreche.
„Weil...weil“
*Los, Shinja, du packst das!*, redete mir mein Gewissen gut zu
„Weil du zu Mayumi so barsch bist!“
Ren war zurückgewichen, denn ich hatte ihm meine Worte regelrecht ins Gesicht geschrieen. Das selbstsichere Grinsen war aus seinem Gesicht gewichen und er sah mich wieder so kalt an wie in den letzten Tagen.

„So, findest du, dass ich barsch bin?“
„Nein...ich meine...ja...also...“
„Was?“
„Kannst...kannst du dich nicht irgendwo hin setzen?“
Es machte mich noch nervöser, wenn er so vor mir stand, immerhin war er ja so schon fast 1,80m groß.
„Warum?“
„Darum...bitte.“
Nur widerwillig setzte Ren sich auf sein Bett, sah mich aber immer noch eindringlich an.
„Rede.“
„Also, was ich meinte war...dass du in letzter Zeit nicht sehr nett zu deiner Familie bist und besonders nicht zu Mayumi. Sie macht sich doch nur Sorgen um dich, weil du immer so zerknirscht bist, seitdem wir in diesem komischen Club waren. Ich weiß, mich geht das alles gar nichts an, weil ich in ein paar Wochen sowieso wieder weg bin, und mich behandelst du ja auch nicht anders, aber Mayumi hat das, finde ich, nicht verdient. Verstehst du, was ich meine?“

Ich sah Ren an und versuchte aus seiner Miene zu entziffern, ob er verstanden hatte, was ich meinte. Doch seine ausdruckslosen Augen verrieten mir, dass er nichts verstand.
Geknickt ließ ich den Kopf hängen. Plötzlich kam ich mir so dumm vor. Warum hatte ich all diesen Müll gesagt, es ging mich doch wirklich nichts an, was in dieser Familie passierte? Oder war es vielleicht gerade das, dass sie ein entfernter Teil meiner Familie waren und ich anfing, mich bei ihnen wohl zu fühlen?

Sanft wurde mein Kinn angehoben und ich sah wieder in diese eisblauen Augen, die auf einmal so anders wirkten. So, genau so hatte er mich auch angesehen, als er mich zur Tanzfläche geschliffen hatte.

Und wieder kam er immer näher.
„Ich werde dich jetzt küssen, also wehr dich, sonst ist es zu spät“, flüsterte er rau gegen meine Lippen.
*WEHR DICH!!!!!*, schrie alles in mir, aber ich konnte nicht.
Leicht legten sich seine Lippen auf meine. Es war ganz anders als beim ersten Mal. Verdammt, warum dachte ich denn jetzt so etwas? Ich sollte ihn eher von mir stoßen!

Ich drückte meine Hände gegen seine Schultern, doch seine Arme hatten sich schon um meinen Körper gelegt und hielten mich eisern fest, ließen mich einfach nicht los. Trotzdem war der Kuss immer noch zart, fast flüchtig. Mein Verstand klinkte sich aus und ich schloss ergeben meine Augen. Was sollte es, küsste mich halt ein Junge, mein Cousin, ein Blutsverwandter. War ja nicht so schlimm.

Ja, hatte ich denn jetzt voll einen an der Hack? Dass ging doch nicht! Ich durfte doch nicht so einfach aufgeben, schließlich konnte ich mich mit Händen und Füßen wehren und meinen Kopf konnte ich auch noch wegdrehen.

Ich tat was ich dachte und löste den Kuss. Mir war es vorgekommen wie Stunden, aber es waren sicher nur ein paar Sekunden gewesen.
„Lass das.“
*Wahnsinn, jetzt hast du’s ihm aber gegeben, jetzt lässt er dich bestimmt in Ruhe.*
~Halt die Klappe.~
Scheiß zynisches Gewissen. Was konnte ich denn dafür, dass mir nichts Besseres eingefallen war?

Beschämt wand ich mein gerötetes Gesicht von Ren ab. Ich wollte ihn nicht sehen, wollte nicht wissen, was er jetzt dachte. Außerdem war es mir peinlich, dass ich es für einen winzigen Moment genossen hatte, in seinen Armen zu liegen und von ihm geküsst zu werden.
Verdammt, hör auf so einen Scheiß zu denken!

Apropos, Ren hielt mich ja immer noch fest.
„Bitte, Ren, lass mich los“, flehte ich und drückte mich etwas von ihm weg.
„Na schön.“
Augenblicklich ließ er mich los und ich fiel auf den Rücken, wie ein Käfer. Gelassen stand Ren auf und ging zu seinem Schrank. Was war das denn gewesen? Wieso hatte ich denn so lange gebraucht, um ihn endlich wegzustoßen und warum hatte er mich wieder geküsst?
„Verdammt!“

Entgeistert sah mein Cousin mich an.
„Was ist?“
„Was ist? WAS IST?? Mein Cousin hat mich zum zweiten Mal ohne Grund geküsst und du fragst: Was ist?“
„Ich hab dich vorher gewarnt. Ach, übrigens, ja.“
„Hä...was ja?“
„Du hast mich doch gefragt, ob die Kratzer von Natsuki sind und da antwort ist: Ja.“
Jetzt war ich platt. Nicht nur, dass er sich das gemerkt hatte, nein, das hieß, dass er auf Mädchen stand. Aber warum machte er dann solchen Scheiß?

Ren saß wieder auf der schwarzbezogenen Matratze und sah mich fragend an.
„He, Kleiner, kannst du mir nen Gefallen tun?“
„Kommt drauf an was.“
„Sag niemanden, was ich gemacht habe. Ma würde mich umbringen, wenn sie wüsste, dass ich es wieder getan habe.“
„Gut, aber nur, weil ich nicht will, dass Mayumi böse wird und wenn du versprichst, mich nie wieder zu küssen!“
„Von mir aus“, entgegnete Ren monoton.
Er stand wieder auf und ging. Eigentlich wollte ich ihn noch fragen, warum er das überhaupt gemacht hat, doch er war schon weg. Langsam verstand ich gar nicht mehr. Er benahm sich wie vorher und nannte Mayumi wieder Ma, aber warum? Lag es daran, weil ich ihm gesagt hatte, wie bescheuert er sich benahm oder weil ich überhaupt wieder mit ihm sprach? Fragen, nichts als Fragen. So endete irgendwie jede Begegnung mit Ren für mich in einem einzigen Wirrwarr.



06. Ein klarer Verstand ist manchmal sehr hinderlich

Verärgert grummelnd kroch ich am nächsten Morgen weiter unter die Decke, um den nervigen Sonnenstrahlen zu entkommen, die sich doch allen Ernstes einen Weg in Rens Zimmer gebahnt hatte. Ja, seit einer Weile war mir jeden Morgen bewusst, wo ich war und irgendwie hatte ich mich auch schon an die total schwarze Umgebung gewöhnt.

Allerdings war an diesem Morgen etwas seltsam. Meine Decke war wärmer als sonst, richtig angenehm sogar. Und weil es doch so schön war, kuschelte ich mich noch mehr in sie oder eher an sie? Warum rutschte ich denn mehr nach rechts, anstatt nach unten? Ach so, die Wärmequelle befand sich rechts von mir.......RECHTS VON MIR? Rechts war doch nur noch der kalte Fußboden.

Ruckartig öffnete ich meine Augen und sah etwas an, dass die Farbe von Haut hatte. Verwundert blickte ich auf, denn ich hatte das Gefühl, dass da noch mehr war, und blickte direkt in zwei eisblaue Augen. Ren lag neben mir!!!!!
„WAS MACHST DU IN MEINEM BETT?“, schrie ich.
„Dir auch einen guten Morgen und nein, dies ist nicht dein Bett. Siehst du den schwarzen Stoff?“
Ich betrachtete die Decke, das Laken und das Kopfkissen genauer und es blieb trotzdem Schwarz. Scheiße, ich lag wirklich in Rens Bett. Aber wie war ich hierher gekommen?

„Warum hast du mich zu dir gezogen?“
„Hab ich nicht. Ich war selbst überrascht, als du plötzlich neben mir lagst. Außerdem wärst du sowieso wach geworden, wenn ich dich rübergezogen hätte“, entgegnete Ren gleichgültig.
„Von wegen, ich schlafe sehr tief und kriege nie was mit!“
„So, gut zu wissen, dann kann ich dich ja doch noch flachlegen, ohne das du es merkst.“
Oje, da war ich ja wieder voll ins Fettnäpfchen getreten. Außerdem machte es mir Angst, wie Ren grinste und ich lag immer noch in greifbarer Nähe.
„Das...das kannst du nicht machen, dass hast du mir versprochen!“
„Falsch, Kleiner, ich hab gesagt, dass ich dich nicht mehr küssen werde, aber nicht, dass ich dich nicht anfasse.“
Scheiße, daran hätte ich wohl denken sollen. Argh, warum passiert so was immer mir? Er könnte jetzt einfach über mich herfallen. Keiner der anderen würde es merken, da war ich mir sicher, schließlich schrie ich ihn öfters an. Ich saß ganz schön in der Tinte und zwar metertief.

Sanft stupste Ren meine Nase an und brachte mich so wieder in die Realität. Aber ich wünschte mir, er hätte es nicht getan, denn ich sah etwas, das konnte ich gar nicht glauben: Er lächelte. Gut, nur leicht und zurückhalten, aber sichtbar. Das sah allemal besser aus als das dämliche Gegrinse.
„War nur Spaß.“
Total belämmert sah ich ihn an, ehe ich ihn wütend anschrie.
„Du hast sie nicht mehr alle!“
Gelassen stand Ren nun auf und streckte sich etwas. Von den Kratzern war auf seinem Rücken nichts mehr zu sehen und neue waren auch nicht da.

Ich erschrak etwas, als Ren sich plötzlich umdrehte und schon wieder so .... ja fast liebevoll lächelte.
„Kazuya hat Recht, du bist wirklich süß und außerdem könnte ich dir sowieso nie weh tun.“
Hä, was war denn das? Sollte das so ne Art Entschuldigung sein?
„Ich geh als Erster ins Bad.“
„Was....halt!“
Ich sprang aus dem Bett und stürmte Ren hinterher. Was ich vorher gedacht hatte, war plötzlich wie weggeblasen, jetzt gab es Wichtigeres.

Leider kam ich zu spät und Ren hatte schon die Badezimmertür von innen verriegelt. Wütend klopfte ich gegen sie.
„Verdammt, Ren, mach auf, du brauchst immer ewig, bis du fertig bist! Ren!“
Ich hörte das Klicken des Türschlosses, sah, wie sich die Tür etwas öffnete, eine starke Hand mich am Arm packte und ins Bad zog. Im nächsten Moment fand ich mich gegen die Tür gepresst wieder und spürte Rens weiche Lippen, die sich sanft aber bestimmt auf meine drückten. Menno, was hatte ich den nur getan, dass er mich schon wieder küsste? Aber irgendwie war es auch gut und mein Verstand sagte mir mal wieder: „Ade“.

Genießend schloss ich meine Augen und entspannte mich etwas. Auch Ren schien das zu bemerken, denn sein Griff um meine Schultern lockerte sich. Alles in mir kribbelte. Ich hatte es zwar nicht gesagt und hätte es auch nie zugegeben, aber Ren war der Erste, der mich bis jetzt geküsst hatte. Nicht nur, weil er ein Junge war, sondern allgemein. Aber irgendwie macht es mir gar nichts aus, meinen ersten Kuss von einem Jungen zu bekommen, aber noch hatte er mich nicht richtig geküsst und dazu kam es auch nicht mehr.

Gerade, als ich anfing, Gefallen daran zu finden, löste sich Ren von mir und sah mich betreten an.
„Entschuldige, aber ich konnte einfach nicht widerstehen.“
Perplex schaute ich ihn an und war mit einem Mal wütend auf ihn.
„Hä...sag mal, was willst du eigentlich? Auf der einen Seite schläfst du mit einem Mädchen und auf der anderen Seite küsst du einen Jungen, schon zum dritten Mal! Kannst du dich mal entscheiden?“
Ok, man merkte, mein Verstand war immer noch nicht da, sonst hätte ich nicht so übertrieben empfindlich reagiert und so einen Scheiß gelabert. Was meine Ausbruch sollte, kapierte ich sowieso nicht.

Leicht überlegen grinsend sah mich Ren an. Das gefiel mir schon wieder gar nicht.
„Ich muss mich nicht entscheiden, ich mag beides“, sagte er und seine tiefe Stimme jagte mir eiskalte Schauer über den Rücken.
„Aber das ist egal, denn ich habe schon etwas Perfektes gefunden.“
Verständnislos sah ich in an. Was meinte er mit: Ich habe schon etwas Perfektes gefunden?

„Und was?“, fragte ich, denn dieser Satz hatte meine Neugier geweckt.
„Sieh in den Spiegel, dann weißt du es.“
Naiv, wie ich manchmal war, tat ich, was er sagte und erblickte mein eigenes Spiegelbild.
Ich sah, wie Ren von hinten auf mich zutrat und seine Arme um meine Schultern legte. Aber ich blieb einfach stehen, ich konnte noch immer nicht fassen, dass er mich damit meinte.
„Warum?“
„Da fragst du? Sieh dich doch an. Du bist hübsch, hast feminine Züge und wirkst trotzdem wie ein gewöhnlicher Junge.“
Ja, das sah ich und das war es, was ich hasste, diese andere, fast weibliche Seite an mir.

„Ich geh jetzt besser!“
Ich wand mich aus seiner Umarmung und wollte die Tür aufmachen, als Ren sie mit der Hand auch schon wieder zudrückte.
„Warum hast du dich nicht gewehrt?“
Sein warmer Atem strich an meinem Hals vorbei und ich bekam weiche Knie. Aber eine Antwort konnte ich ihm nicht geben.
„Ich weiß es nicht. Tut mir Leid.“
„Warum entschuldigst du dich?“
„Weil du doch etwas ganz anderes hören willst, oder?“
„Stimmt, aber ich kann dich ja schlecht zwingen.“
Damit entfernte sich mein Cousin wieder und machte sich daran unter die Dusche zu steigen. Ich meinerseits, verließ so schnell wie möglich das Bad und flüchtete in mein Bett.

Ich verkroch mich unter der Decke und versuchte zu verstehen, was in diesen gerade mal fünf bis acht Minuten passiert war. Warum, warum hatte ich mich nicht gewehrt? Gut, es hatte mir schon gefallen und das Ren mir Komplimente gemacht hatte, war auch nicht unbedingt schlecht. Doch das ich ausgerechnet das sein sollte, was Ren als perfekt empfand, damit hatte ich nicht gerechnet. Vor allem nicht, weil wir Cousins waren. Vielleicht, war es ja gerade dieser Punkt, dass wir Blutsverwandte waren, der mir nicht gefiel? Konnte es vielleicht sein, dass ich mehr für Ren empfand, als meine Verstand zuließ?

Egal, ich sollte aufhören, mir darüber Gedanken zu machen. Ich musste mir nur immer wieder sagen, dass es nur noch ein paar Wochen waren, bis ich wieder nach Hause fahren konnte und dann würde ich mir eine Freundin suchen. Eine, die meine femininen Züge nicht bemerkte.

~*~*~*~*~*~

Nein! Nein!! Nein!!! Nein!!!! Das konnte doch alles nicht wahr sein!!!!!!!!!!!!! Was war das nur für ein beschissener Start in den Tag? Es waren kaum zwei Stunden vergangen, seit ich aufgestanden war und gleich viermal einen Schock bekommen hatte: Erst lag ich in Rens Armen, dann meinte er, ich sei süß, dann gab er mir einfach einen Kuss, sagte ich wäre das Perfekte, was er gesucht hatte und nun auch noch das!

Erst dachte ich ja, ich hatte Glück, weil in der U-Bahn einen Platz bekommen hatte, aber dass ich die ganze Zeit auf meine Hände sehen musste, die in meinem Schoß lagen, war zum Kotzen. Und der Grund dafür war Ren, denn wenn ich normal geradeaus sah, dann hatte ich seinen Schritt im Blick. Warum musste sich dieser Trottel vor mich stellen, hätte der nicht irgendwo anders hingekonnt?

Schon seit wir fuhren hatte ich einen knallroten Kopf, denn wie war es doch: Wenn man irgendwo nicht hinsehen sollte, dann tat man es doch. Und ich musste mich natürlich an diese dumme Regel halten.
Ich hoffte nur, dass die Leute neben mir und Ren so beschäftigt waren, dass sie es nicht mitbekamen.

Unerwartet kniete sich Ren vor mich und sah mich lächelnd an.
„Besser so?“
Oh Mann, wenn der immer so lächeln würde, dann könnte er echt jede und jeden haben. Er sah einfach nur unheimlich gut aus und... Halt, Moment, meine Gedanken gingen in die falsche Richtung. Los Shinja, konzentrier dich wieder auf deine Hände.

„J..ja, ja.“, stotterte ich.
‚Nein, nein.’, war aber meine eigentliche Antwort. Denn das war auch nicht besser. Ich hatte Rens Gesicht vor mir und seine Hände lagen auf meinen Knien, damit er nicht umkippte und Halt hatte. Ich hätte heute Morgen nicht aufstehen sollen. Allerdings würde ich dann immer noch in Rens Armen liegen und das war auch nicht das, was ich unbedingt wollte.

Ich war so in meinen Gedanken versunken, dass ich gar nicht merkte, wie Ren sich mir genähert hatte und mich schon wieder küssen wollte. Wenn er das zu Hause tat, war das ja schon schlimm, aber hier, in aller Öffentlichkeit, war es eine Katastrophe.

„Wenn du das machst, sag ich es Mayumi“, zischte ich.
„So, würdest du das tun?“, erwiderte er herausfordernd.
„Ja, das würde ich!“
„Das glaub ich dir nicht“, grinste Ren, entfernte sich aber trotzdem von mir.
Gut, er hatte Recht, ich würde es Mayumi nicht sagen. Und zwar aus dem Grund, weil es sie nichts anging. Das war eine Sache zwischen mir und meinem Cousin, irgendwie würde ich das schon regeln, auch wenn es im Moment nicht danach aussah.

~*~*~*~*~*~

Mir war der Weg bis zur Schule viel länger vorgekommen als sonst und außerdem fühlte ich mich gar nicht gut. Mir war manchmal plötzlich schwindlig. Aber genauso schnell wie es gekommen war, war es auch schon wieder weg. Was war bloß mit mir los?

Wie jeden Tag warteten schon Rens Freunde auf ihn. Gerade wollte ich weitergehen, als er mich am Ärmel festhielt und mich mit einer Kopfbewegung aufforderte, mit ihm zu kommen. Ich tat es, gegen ihn hatte ich eh keine Chance.
Ergeben stapfte ich hinter ihm her, ich fühlte mich so schwach.

So stand ich also bei den anderen und wurde mal wieder von Kazuya blöd angemacht. Aber ich hatte keinen Nerv auf seine Anmachsprüche zu reagieren, also ließ ich ihn einfach quatschen. Ren hielt sich natürlich aus allem raus. Klasse, küssen konnte er mich, aber um mir mal diese Nervensäge vom Hals zu schaffen, dafür war er sich anscheinend zu schade.

Besorgt sah mich der Blondschopf an, als ich nicht so reagierte wie immer.
„He, Süßer, was is’n los?“
„Ich...fühl mich nicht gut.“
Nun sahen mich auch die anderen genauer an. Mussten die mich denn so anstarren?

Plötzlich wurde mir wieder schwindlig. Ich schüttelte leicht den Kopf, aber es ging einfach nicht weg. Immer verschwommener nahm ich alles war, merkte, wie alles um mich herum schwarz wurde und ich nach vorne kippte. Doch bevor ich aufschlug, war ich schon nicht mehr bei Bewusstsein.

~*~*~*~*~*~

Quälend langsam öffneten sich meine Augen. Wie durch einen Nebel konnte ich eine Person erkennen, die mich anzusehen schien. Was war nur passier? Ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Vielleicht lag ich ja immer noch im Bett?

„Ren?“, hörte ich mich leise flüstern.
Der Nebel über meinen Augen löste sich und ich war nicht minder überrascht, als ich statt kalter, eisblauer Augen braune sah und statt hellgrauen Haaren einen blanken Schädel.
„Eichi!? Was machst du hier, was ist passiert?“
„Du bist umgekippt. Ren hat dich gerade so noch davor bewahrt Bekanntschaft mit dem Pflasterstein zu machen und hat dich dann hier ins Krankenzimmer gebracht.“
„So ist das.“
„Ich soll dir von ihm ausrichten, dass er nachher mal vorbeischaut.“
Prüfend sah Eichi mich an. Was war denn? Hatte ich irgendwas im Gesicht?

„Du kannst Ren doch nicht leiden?“
Ich nickte. So war es, ich mochte ihn nicht, redete es mir zumindest immer ein.
„Und warum hast du dann seinen Namen gesagt, als du mich gesehen hast?“
Ich schwieg. Das stimmte, ich hatte gedacht, es währe Ren oder hatte ich es mir eher gewünscht? Vielleicht, weil er der Einzige war, den ich kannte und dem ich auch ein bisschen vertraute. Aber irgendwie musste ich ihn ja schon mögen, sonst hätte ich mich nicht von im küssen lassen und es auch genossen. Das war alles so verwirrend, es wurde Zeit, dass ich wieder nach Hause kam.

Erschrocken sah ich auf, als Eichi eine Hand auf meine Schulter legte.
„Schon gut, du musst nicht antworten. Anscheinend musst du selber erst einmal Ordnung in dein hübsches Köpfchen bringen.“
Hu, was sollte das denn jetzt? Fing Eichi jetzt auch noch an mit mir zu flirten? Aber er hatte Recht, ich musste selber erst einmal Ordnung in das ganze Chaos bringen, das Ren verursacht hatte.

Schwungvoll wurde die Tür aufgerissen und sofort erkannte ich Ren, der nicht gerade sehr freundlich aussah. Warum war der denn so sauer, etwa weil Eichis Hand immer noch auf meiner Schulter lag? Also bitte, ich war doch nicht sein Eigentum.

Auch Eichi schien bemerkt zu haben, was der Auslöser für Rens zornigen Blick war und ging, aber nicht ohne mir vorher noch gute Besserung zu wünschen. Hui, und was sah ich denn da, Eichi lächelte ja etwas. Hatten heute alle ausdruckslosen Menschen beschlossen, ihr ehrliches Lächeln wieder auszugraben oder lag das an mir? Ne, bestimmt nicht!

Ren kam auf mich zu und setzte sich auf den Stuhl, der neben dem Bett stand. Mittlerweile hatte ich mich aufgerichtet, so dass ich jetzt im Bett saß. Abwartend sah ich meinen Cousin an. Sollte er ruhig mit reden anfangen, schließlich war er ja gekommen, ich hatte ihn nicht darum gebeten.

„Na, wie geht’s dir, Kleiner?“, fragte Ren sanft.
Oh Mann, dass haute mich um. Warum war der denn jetzt so freundlich und nicht so kalt wie sonst? Machte der sich wirklich Sorgen um mich? Seine Augen gaben mir die Antwort. Er musste mich ja wirklich gern haben, denn Augen waren ja der Spiegel der Seele und diese zeigten mir Sorge, Hoffnung... und Liebe? Nein, so ein Quatsch, sie sahen mich abwartend an. Stimmte, ich sollte ihm mal langsam auf seine Frage antworten.

„Ganz gut.“
„Das ist schön.“
Vorsichtig streichelte er meine Wange und sah mich eindringlich an. Diese Augen machten mich einfach wahnsinnig, sie zeigten jede Sekunde etwas anderes, aber sie waren wunderschön. Sie waren im Moment so sanft und liebevoll, so ganz anders als sonst. Aber auch Ren war heute anders als in den vergangenen Wochen.

Unbewusst lehnte ich mich etwas gegen seine Hand und merkte gar nicht, wie sich unsere Gesichter immer näher kamen, erst als ich wieder Rens Lippen spürte, wurde es mir bewusst. Seine Augen waren immer noch geöffnet, gerade so, als wolle er sehen, wenn mir etwas nicht gefiel.

Aber ich konnte ihn einfach nicht mehr ansehen, also schloss ich meine Augen und ließ es geschehen. Ich war willenlos, diese einfache Berührung raubte mir wieder den Verstand und das war vielleicht ganz gut so.

Zärtlich bewegte Ren seine Lippen gegen meine und ein unbeschreibliches Kribbeln breitete sich wieder in mir aus. Es war alles so neu und aufregend und in gewisser Hinsicht war ich Ren für diese neuen Gefühle und Erfahrungen dankbar.

Er knabberte etwas an meiner Unterlippe und strich dann versöhnlich mit seiner Zunge darüber, ehe er meine Lippen leicht anstupste. Plötzlich war mein Verstand wieder da. Was sollte ich denn jetzt machen? Ihn einfach von mir wegstoßen oder darauf eingehen? Immerhin wäre das dann mein erster Zungenkuss gewesen, mit einem Mann, und außerdem konnte jeden Moment jemand herein kommen.

Doch Ren nahm mir die Entscheidung ab. Er griff an meinen Kiefer und drückte ihn mit dem Daumen leicht nach unten, sodass sich meine Lippen wie von selbst öffneten und drang mit seiner Zunge in meine Mundhöhle ein. Erschrocken wollte ich zurückweichen, doch Ren hatte mich wieder in einem eisernen Griff, sodass es keine Chance gab zu entkommen.

Behutsam fuhr er meine Zahnreihen nach und erkundete alles ausgiebig. Ich ließ ihn machen, was sollte ich auch anderes tun?
Auffordernd tippte er immer wieder meine Zunge an. Sollte ich jetzt etwa auch noch mitmachen?
Ren drängelte immer weiter und schließlich bewegte ich probeweise meine Zunge. Sofort verflocht mich der freche Eindringling in ein ausgiebiges Zungenspiel und nach anfänglicher Schüchternheit gefiel es mir richtig gut, sogar so gut, dass ich meine Arme um Rens Nacken schlang und ihn näher zu mir zog.

Doch wenn es am Schönsten war, musste man meistens aufhören und in unserem Fall lag es an Luftmangel, zumindest war es bei mir so.
Mit hochroten Wangen löste ich mich von Ren, der Kuss hatte mir ganz schön eingeheizt, war ja auch mein erster richtiger Kuss gewesen.

Etwas belustigt sah Ren mich an und ich kam mir plötzlich sehr blöd vor.
„Was ist?“, fauchte ich leicht, aber Ren lächelte einfach weiter.
„Die roten Wangen stehen dir, Shin-chan.“
„Nenn mich nicht so!“
„Warum nicht, hab ich denn jetzt nicht das Recht dazu?“, grinste Ren anzüglich.
Oh, oh, das verhieß nichts Gutes. Was hatte der Typ nur vor?

„Was denn...für ein Recht?“
„Das Recht des Ersten.“
„Hä...“

„Das war doch dein erster Kuss und normalerweise schenkt man nur dem den man liebt seine Unschuld in dieser Hinsicht. Also habe ich das Recht dazu, dir einen Kosenamen zu geben.“
Scheiße, dachte Ren jetzt etwa, dass ich etwas für ihn empfand? Bitte nicht! Ich wusste doch auch nicht, warum ich es zugelassen hatte. Es war einfach nur schön und neu gewesen, mehr nicht.

„Ren, du verstehst da was falsch“, versuchte ich mich zu retten. „Ich liebe dich nicht.“
„Ich weiß, das war doch auch nur ein Witz. Du solltest nicht alles so ernst nehmen.“
Ein Witz, EIN WITZ?! Das er mich geküsst hat war ein Witz? Er hatte mir meinen ersten Kuss gestohlen und dann war alles nur ein Witz? Darüber konnte ich überhaupt nicht lachen und das machte ich ihm auch deutlich, in dem ich ihm eine saftige Ohrfeige verpasste.

„DU ARSCH!“, schrie ich ihn an und verließ wütend das Krankenzimmer.

~*~*~*~*~*~

Schnaubend lief ich den Gang entlang, als es mir wie Schuppen von den Augen viel. Ich hatte Ren eine Ohrfeige verpasst. Kein Kinnhaken oder etwas ähnliches, sondern ein Ohrfeige, wie ein Mädchen, dessen Gefühle verletzt worden war. Oh Gott, konnte ich noch tiefer sinken? Was machte Ren nur mit mir, dass ich mich bei ihm immer so schwach fühlte, als müsste man mich beschützen? Wieso, wieso war das alles nur so? Warum hatten mich meine Eltern unbedingt hierher schicken müssen? Warum fühlte ich mich so...zerrissen?

Etwas Nasses lief unbemerkt über meine Wangen. Ungläubig fuhr ich mit meinen Fingern die Spur nach und betrachtete nun meine feuchten Fingerspitzen. Ich weinte, nach sieben Jahren. Ren hatte mich zum Weinen gebracht.

Unaufhörlich flossen meine Tränen weiter und ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Mit einem Mal schlugen alle Gefühle der letzten Jahre auf mich ein.
Ich drehte mich um und rannte wieder zum Krankenzimmer, niemand durfte mich so sehen.

~*~*~*~*~*~

Ich riss die Tür auf und schloss sie geräuschvoll hinter mir. Ren saß immer noch auf dem Stuhl und sah mich verwundert an. Klar, wäre ich auch gewesen, wenn plötzlich ein heulender Junge vor mir stand, der mir vor vielleicht drei Minuten wütend ein Ohrfeige verpasst hatte.
Aber im Moment war mir alles egal.

Ich lief auf Ren zu und warf mich ihm regelrecht in die Arme, um mich bei ihm auszuheulen.
Sanft streichelte er mir über Kopf und Rücken. Es war so angenehm, jemanden zu haben, der einen tröstete. Dass es Ren war, war mir gleich. Ich genoss einfach seine Nähe. Ja, so war es, ich genoss es, bei ihm zu sein. Egal wie sehr er mich ärgerte und wütend machte, so war ich doch insgeheim gerne bei ihm.

Ich war nicht aufs Klo gerannt, um mich dort zu verkriechen, sondern hierher, in der Hoffnung, dass Ren immer noch da war. Und ich war nicht enttäuscht worden.

„Ich sagte doch, dass du weinen sollst, also wein dich aus“, flüsterte er mir sanft ins Ohr und ich tat, was er sagte.
Ich vergrub mein Gesicht noch mehr in seiner Schuluniform und heulte vor mich ihn. Mit jeder Träne fühlte ich mich etwas besser und mein Herz übernahm das Denken. Ich erinnerte mich an meinen Opa und es tat mir Leid, dass ich damals nicht um ihn geweint hatte, dabei hatte ich ihn doch so lieb. Ja, lieb, aber hatte ich Ren auch lieb? Liebte ich ihn vielleicht, weil ich zu ihm gerannt war? Ich wusste es nicht, aber das ich etwas für Ren empfand, war mir jetzt klar, nur ob es wirklich Liebe war, musste ich erst noch heraus finden.



07. Rens Geheimnis

Seitdem ich mich bei Ren ausgeheult hatte, verstand ich mich mit ihm viel besser. Auch küsste er mich öfter, als ich gedacht hatte, aber nie in der Öffentlichkeit. Wenn man uns gesehen hätte, hätte man uns vielleicht für ein Paar gehalten, aber dem war nicht so. Und ehe ich mich versah, waren es nur noch 14 Tage, bis ich wieder nach Hause fahren musste.

Doch im Gegensatz zu meiner Ankunft wollte nur noch ein Teil von mir weg, ein anderer wollte da bleiben. Ich musste zugeben, dass ich alle sehr...na ja, lieb gewonnen hatte. Selbst Rens Kumpels mochte ich und gegen Kazuyas Baggerversuche konnte ich mich ganz gut wehren, da brauchte ich keinen Ren.

~*~*~*~*~*~

Trotzdem ging ich mit ihm noch mal in den Nightmare Club. Ich fand es schon nicht mehr so schrecklich wie beim ersten Mal und wir waren ganz alleine da, ohne die anderen. Ren hatte versprochen, alles zu bezahlen, da er mich ja eingeladen hatte.

„So, ich geh jetzt an die Bar und hol was zu trinken. Lauf nicht weg, ja?“, zwinkerte Ren mir zu.
Ich nickte. Wo sollte ich auch hin, ich hätte mich doch nur wieder verlaufen. Ich war schon gespannt, was Ren mir mitbrachte. Vielleicht einen Softdrink, das Teil, dass ich vorher getrunken hatte, hatte echt gut geschmeckt.

~*~*~*~*~*~

Ich saß nun schon eine Weile allein und wartete. War ganz schön öde so ohne jemanden. Ich kam mir vor wie auf einem Präsentierteller. Von allen Seiten wurde ich angeglotzt. Als wäre ich sehr beschäftigt, stopfte ich mein Hemd in die Hose. Es war dasselbe Hemd, das ich auch schon bei meinem ersten Besuch hier angehabt hatte. Überhaupt hatten Ren und ich wieder das Gleiche an wie beim ersten Mal. Das weiße Hemd roch leicht nach ihm und gab mir ein kleines Gefühl von Schutz. Eigentlich bescheuert!

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass sich mir jemand gegenüber setzte. Ich glaubte, dass es Ren war und lächelte meinen Gegenüber an. Wie überrascht war ich aber, als ich einen braungebrannten, muskulösen Schönling vor mir sah! Igitt, der Typ wirkte schon beim bloßen Anblick aalglatt. Der wollte doch auch nur das eine. Warum geriet ich eigentlich immer an solche Affen? Hatte ich vielleicht ein imaginäres Schild um meinen Hals hängen, das nur Idioten sahen, und auf dem stand: „Fick mich, egal, wie scheiße du bist!“? Ich war mir ziemlich sicher, dass dem nicht so war.

„Na Süße, so allein?“, fragte er mit einem schmierigen Lächeln.
Na toll, da hielt mich schon wieder einer für ein Weib! Aber das war es doch! Wenn ich ihm jetzt sagte, dass ich eine Junge war, dann würde er sich bestimmt verpissen.

Mit einem vernichtenden Blick, so gut ich das eben konnte, sah ich ihn an.
„Ich bin kein Mädchen, sondern ein Junge.“
Ja, Stimme war auch etwas tiefer gestellt, jetzt musste er doch einfach abdampfen. Doch stattdessen lächelte er immer noch.
„Ist auch nicht schlimm, du bist süß, das reicht. Hast du heute schon was vor?“
„Ja, ich bin mit meinem Freund hier.“
Das hatte ich jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Egal, war ja nur zur Ausrede gut und Ren hörte es ja nicht.

„Ist doch egal, vergiss ihn, ich biete dir was Besseres!“
„Das glaube ich nicht“, hörte ich eine kalte, monotone Stimme.
Es kam mir schon wie eine Ewigkeit vor, seitdem ich diese Stimme von Ren gehört hatte.
„Du hast doch gehört, dass mein ‚Freund’ mit mir da ist, da braucht er so einen wie dich nicht. Verschwinde!“
Mit einem stechenden Blick sah er den anderen an, der vor sich hinfluchend verschwand. Ich atmete erleichtert aus, während sich Ren neben mich auf die Bank setzte. Die Getränke hatte er an die Kante gestellt, sodass ich nicht herankam. Es waren ein Bier und eine Cola. Cool, Ren nutzte die Situation nicht aus, das fand ich echt anständig von ihm. Wusste er doch, dass ich Alkohol nicht vertrug.

Ren schien meinen Blick bemerkt zu haben und lächelte amüsiert.
„Tja, heute wirst du keine Chance haben, dich vollaufen zu lassen.“
„Ist auch besser so, sonst musst du mich wieder heim schleppen“, grinste ich zurück. „Gibst du mir mal bitte die Cola, Ren?“
„Hol sie dir doch.“
„Hä?“
Was war denn jetzt los, warum sah er mich denn so herausfordernd an?
„Musst nur über mich drüberklettern.“
Ach, so lief der Hase, ich sollte mich also wieder zum Affen machen, damit der Herr was zu lachen hatte. Vergiss es, nicht mit mir, dieses Mal würde ich mich nicht so blöd anstellen!

Ich war schon mit einem Bein drüber und verlor nicht das Gleichgewicht, als Ren mich an der Hüfte packte und fest hielt. Überrascht sah ich ihn an.
„Na, kommt dir die Situation bekannt vor?“, fragte er belustigt.
Klar kam mir die Situation bekannt vor, so etwas vergisst man nicht, auch wenn man danach wie ich betrunken gewesen ist.

„Weißt du, eigentlich wollte ich das schon damals machen, aber da waren mir einfach zu viele Zuschauer hier.“
Wieder lächelte Ren und zog mich auf seinen Schoß, wo ich mich auch bereitwillig niederließ, denn meine Position war nicht gerade angenehm. Ich hatte noch nie auf Rens Schoß gesessen. Ich kam mir vor wie ein Kleinkind, allerdings machte hoffentlich niemand das mit einem Minderjährigen, was Ren nun tat.

Verlangend presste er seine Lippen auf meine und verlangte sofort Einlass, welchen ich ihm auch gewährte. Schon lange musste Ren nicht mehr betteln, damit ich nachgab. Man konnte nicht sagen, dass ich süchtig nach Rens Lippen war oder nach seinen Küssen, aber wenn ich sie spürte, dann wollte ich sie auch schmecken. Jedes Mal nahm er mich gefangen und in dieses Momenten war mir alles egal. Doch wenn er anfing, mich zu streicheln, blockte ich ab. Das war etwas, was er nicht durfte, meinen Körper erkunden.

So hatte er seine Arme locker um meine Taille geschlungen, während ich mich mehr an ihn lehnte. Seine Zunge neckte meine und jedes Mal, wenn ich darauf eingehen wollte, zog er sie frech wieder weg, nur um mich im nächsten Moment wieder zu ärgern. Ich genoss diese Spielchen, denn sie lenkten mich davon ab, darüber nachzudenken, was wir hier gerade taten.

Aus Gründen des Luftmangels, mussten wir uns wieder trennen und ein leises, enttäuschtes Seufzen kam über meine Lippen.
„Ich habe dich sehr gern, Shinja“, lächelte Ren, während er mir leicht durch die Haare fuhr.
Ich wich seinem Blick aus und sah zu Seite. Natürlich wusste ich, wie gern mich Ren hatte, das zeigte er mir schließlich jeden Tag. Aber was empfand ich?

Eine große Hand legte sich sanft auf meine Wange und drehte mich wieder zu Ren, dessen Daumen über meine Lippen strich.
„Ist schon gut, du musst mir nicht antworten.“
Ach, er wusste gar nicht, wie gerne ich ihm geantwortet hätte, aber meine Worte hätten ihn nur verletzt und das wollte ich nicht. Ich hatte ihn ja auch gern, das stand außer Frage, aber nicht so, wie er mich gern hatte. Für mich blieb er mein Cousin, ganz egal, wie oft ich seine Lippen spürte und wie wohl ich mich bei ihm fühlte. Ich konnte es einfach nicht vergessen.

Ich schmiegte mich in seine Hand und lächelte dankbar, ehe ich meine Arme um seinen Nacken schlang und mein Gesicht in seiner Halsbeuge vergrub. Warum Ren es immer so akzeptierte, wusste ich nicht. Vielleicht, weil er schon längst wusste, was ich für ihn fühlte. Aber ich wusste es zu diesem Moment einfach nicht, nicht mit Sicherheit. Ich konnte die Worte: „Ich bin in Ren verliebt.“, nicht einmal denken.

~*~*~*~*~*~

Schon eine Weile saß ich auf seinem Schoß, kümmerte mich nicht darum, was andere dachten. Warum auch, in diesem Club war unser Anblick keine Seltenheit. Ich spürte immer mal wieder, wie Ren etwas von seinem Bier trank, meine Cola hatte ich noch nicht angerührt.

„Ren,“, murmelte ich gegen seinen Hals und war mir sicher, dass er es hörte, „ich möchte nach Hause.“
„Was, jetzt schon, es ist doch gerade mal 22.00 Uhr?“
„Ich weiß.“
„Na schön, aber trink wenigstens noch die Cola, ich hab nicht umsonst so lange angestanden.“
Gehorsam setzte ich mich wieder neben ihn, ohne ihn dabei aber anzusehen, und trank das Glas schnell leer. Jetzt war es mir peinlich, dass ich so lange auf seinem Schoß gesessen hatte, aber es hatte gut getan, sich wieder wie ein Kind zu fühlen und das Gefühl zu haben, dass es jemanden gab, der einen beschützte. Früher wollte ich immer die Mädchen aus dem Kindergarten und der Schule beschützen, um mir selber zu beweisen, dass ich groß war und nicht so ein Schwächling, wie alle immer dachten. Doch in Wahrheit war ich derjenige, der beschützt werden musste.

~*~*~*~*~*~

Als wir durch die Straßen liefen, kam mir einiges bekannt vor. Auf diesem Weg hatte Ren mich Huckepack genommen, weil ich so betrunken gewesen war. Nicht gerade ruhmreich, diese Geschichte.

Als wüsste Ren, woran ich gerade dachte, grinste er mich an, so wie er es in den ersten Wochen immer getan hatte.
„Na, Kleiner, soll ich dich wieder tragen?“
Ich wurde etwas rot, schließlich konnten uns auch andere Passanten hören.
„Nein danke, ich kann selber laufen.“

Schweigend liefen wir weiter. Ich wollte schon mit ihm reden, aber ich wusste nicht worüber, also fing ich einfach irgendwo an.
„Weißt du, als meine Eltern sagten, ich solle zu irgend so einer Kusine, da war ich gar nicht begeistert. Aber deine Ma ist wirklich nett, genau wie dein Vater und deine Großeltern.“
„Ja, Mayumi ist echt in Ordnung. Sie macht sich um alles und jeden Sorgen und .... Was ist?“
Ren sah mich verständnislos an, kein Wunder, wenn ich ihn scheinbar grundlos anstarrte, als sei er das achte Weltwunder.
„Du hast schon wieder Mayumi gesagt, warum?“
Seine Gesichtszüge wurden plötzlich wieder härter und von dem Ren, den ich in den letzten Tagen kennen gelernt hatte, war nichts mehr übrig.
„Das geht dich nichts an“, herrschte er mich an.
Er beschleunigte seine Schritte, sodass ich ihm fast schon hinterher rennen musste.

~*~*~*~*~*~

Wütend stieß Ren die Haustür auf und stapfte die Treppen hoch. Wesentlich gedämpfter als er schloss ich die Tür wieder und ging ihm nach.
„Ren, was ist denn los? Was hab ich denn getan?“
Als Antwort erhielt ich nur ein lautes Knallen der Tür. Was war denn nur los? Warum konnte er mir denn nicht sagen, warum er Mayumi beim Vornamen nannte?

Rens Großmutter trat aus der Küche, mit einem Bademantel bekleidet und Lockenwicklern in den Haaren. Normalerweise hätte ich jetzt geschmunzelt, aber mir war nicht danach.
„Was ist denn los?“, fragte sie mich.
„Ich weiß auch nicht, ich hab Ren nur gefragt, warum er Mayumi manchmal beim Vornamen nennt und daraufhin wurde er plötzlich wütend.“
„Tja, da hast du eine wunde Stelle bei ihm getroffen.“
„Was, aber wieso denn?“
„Möchtest du, dass ich es dir erzähle?“
„Ja, bitte, ich möchte Ren besser verstehen.“
Kam das wirklich von mir? Ich wollte Ren besser verstehen? Aber warum denn, in zwei Wochen war ich doch eh weg.

„Gut, dann setzen wir uns besser ins Wohnzimmer.“
Rens Großmutter ging voraus und setzte sich auf das cremefarbene Sofa. Mit ihrer Hand klopfte sie neben sich auf das Polster, ich sollte mich zu ihr setzen. Das tat ich auch, schließlich ließ es sich so besser reden.
„Am Besten, ich fange ganz von Vorne an. Rens Vater stammt ja, wie du weißt, aus Deutschland, wo er auch studierte. Während seines Studiums verliebte er sich in eine Japanerin, welche für ein Jahr in Deutschland war.“
„Und das war Mayumi?“
„Nein, sie hieß Reika Isawa und war sehr schön. Da war es nicht verwunderlich, dass sich beide ineinander verliebten und viel Zeit zusammen verbrachten. Doch jedes Jahr geht vorbei und so musste Reika wieder nach Japan. Konrad schmiss sein Studium und flog ihr hinterher, ihre Adresse hatte er. Hier fing er ein neues Studium an und heiratete Reika. Nur ein paar Monate nach der Hochzeit kam Ren auf die Welt.“
Geschockt sah ich die ältere Frau an. Dass konnte doch nicht sein!
„Soll das heißen...?“
„Ja, Mayumi ist nicht Rens leibliche Mutter.“
Das musste ich erst einmal verarbeiten. In meinem Kopf drehte sich alles. Mayumi war nicht Rens Mutter, aber die Kusine meiner Mutter, das hieß, dass Ren und ich nicht miteinander verwandt waren. Wir waren keine Cousins.

„Na, Shinja, bist du jetzt zufrieden?“, fragte eine kalte Stimme in den Raum hinein.
Erschrocken drehte ich mich zur Wohnzimmertür um, an der Ren sich gelassen anlehnte. Allerdings sah sein Gesicht nicht so aus wie seine Körperhaltung. Er sah mich abschätzend und missbilligend an. Was hatte ich denn nun schon wieder falsch gemacht?

„Du bist echt feige, dass du einfach meine Großmutter ausquetscht.“
„Nein, Ren“, mischte sich Frau Takeuchi ein, „Ich hab es ihm erzählt, er hat mich um nichts gebeten. Wenn du sauer auf jemanden sein willst, dann auf mich und nicht auf Shinja.“
„Macht doch, was ihr wollt.“
Ren machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder hinauf. Wie ein begossener Pudel saß ich auf dem Sofa und sah meine Hände an. Sanft legte sich eine Hand auf meine Schulter.
„Geh schon“, sagte Rens Großmutter freundlich.
Ohne mich dafür zu bedanken, dass sie mir das alles erzählt hatte, stand ich auf und lief rauf in Rens Zimmer.

~*~*~*~*~*~

Vorsichtig machte ich die schwarze Türe auf und wieder zu. Ren stand am geöffneten Fenster und rauchte. Ich hatte noch nie gesehen, dass Ren in seinem eigenen Zimmer rauchte.
Er sah mich nicht an, als er mich ansprach.
„Na, ist dir die Lust vergangen Detektiv zu spielen?“
„Warum hast du es mir nicht gesagt?“
„Was?“
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass wir nicht verwandt sind?“
Ren drehte sich zu mir um und musterte mich von oben bis unten.
„Hätte das denn etwas geändert?“, fragte er kühl.
Betreten sah ich zu Boden. Gute Frage, hätte es etwas geändert? Wäre alles von Anfang an anders gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass er eigentlich ein Fremder ist? Ich wusste keine Antwort.

„Siehst du.“
Diese kalten Worte lösten etwas in mir aus. Entschlossen sah ich in an.
„Probier es aus.“
Ich schloss meine Augen und wartete auf das, was kommen würde. Ich konnte immer noch nicht glauben, was ich gesagt hatte und was ich gerade tat. Ich lud Ren geradewegs dazu ein mich zu küssen. War ich denn nun total verrückt geworden? Andererseits wollte ich selber auch wissen, ob es nun anders war als sonst.

Unerwartet kniff mich Ren leicht in die Nase. Ich quietschte leise, schließlich tat das schon etwas weh, und sah ihn verständnislos an. Doch anstatt böse zu gucken, lächelte er lieb und seine Augen strahlten so viel Wärme aus. Er zog mich in seine Arme und flüsterte leise: „ Du bist dumm, Shinja, so dumm.“
Ich kuschelte mich automatisch an ihn und nahm den Geruch von Nikotin wahr, der an seiner Kleidung haftete, aber es störte mich nicht.
„Mag sein, aber kannst du nicht vielleicht weiter erzählen? Ich möchte es so gern wissen, bitte.“
Ich sah zu ihm auf und hoffte, dass er mir diese Bitte erfüllte, schließlich wusste ich es jetzt eh schon, dann konnte er mir auch noch mehr erzählen. Das schien auch Ren einzusehen.
„Gut, deinen Augen kann ich eh nichts abschlagen.“
Ich wurde leicht rot. So etwas hatte noch nie jemand zu mir gesagt.

Er löste sich von mir und setzte sich auf sein Bett, ich setzte mich gleich neben ihn.
„Nach meiner Geburt lebte meine Mutter nur noch zwei Jahre. Sie hatte sich eine Lungenentzündung zugezogen, an der sie gestorben ist. Mein Vater war ein einziges Wrack, doch er richtete sich schnell wieder auf, weil er mich hatte und weil meine Augen ihn an meine Mutter erinnerten. Das hat er mir zumindest erzählt.“
Plötzlich fiel es mir wieder ein. Ich stand auf und ging auf den Schrank zu, in dem der helle Bilderrahmen mit dem jungen Mädchen, nein, mit der jungen Frau stand. Und als ich mir ihr Bild wieder ansah, da wusste ich, an wen sie mich erinnert hatte: An Ren. Ich hatte ihn damals nur kurz gesehen und schon da war mir die Ähnlichkeit zwischen Ren und der blonden Frau aufgefallen.

Ich nahm den Rahmen mit und setzte mich wieder zu Ren, lehnte mich etwas gegen seine Schulter.
„Das ist sie, oder?“
„Ja, das ist sie. Siehst du das Kreuz, das um ihren Hals hängt?“
„Ja.“
„Das ist das Einzige, was mir von ihr geblieben ist.“
„Ach so, dann hast du es von ihr.“
„Soll ich weiter erzählen, Shin-chan?“
„Ja, bitte.“
Dass er mich schon wieder mit diesem Spitznamen anredete, übersah ich heute mal.
„Wie gesagt, raffte sich mein Vater schnell wieder auf. Allerdings hatte er nicht viel Zeit für mich, weil er immer noch studierte und noch einen Nebenjob hatte, um das Geld für uns aufzubringen. Also verpflichtete er eine Art Tagesmutter für mich, die sich rund um die Uhr um mich kümmerte. Sie war sehr oft bei uns und mein Vater verliebte sich wieder. Aber ich war nicht ganz unschuldig daran, denn ich nannte diese Tagesmutter ‚Mama’. Na, kannst du dir denken, wer das war?“
„Mayumi?“
„Richtig. Mein Vater und sie wollten mir abgewöhnen, sie immer ‚Mama’ zu nennen, aber es gelang ihnen nicht, so wuchs ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr in dem Glauben auf, dass Mayumi meine Mutter sei. Dass ich den Nachnamen meines Vaters hatte und beide nicht verheiratet waren, kümmerte mich nicht, aber als ich zehn war, da fragte ich die beiden, warum das so war. Sie erzählten mir alles und mein Vater gab mir das Kreuz meiner Mutter und ein Foto von ihr. Am Anfang nahm ich es einfach so hin, doch je älter ich wurde, desto schwerer fiel es mir, Mayumi noch mit ‚Mama’ anzureden. Wenn ich das tue, habe ich immer das Gefühl, ich würde meine Mutter verraten, schließlich hat sie mich ja auf die Welt gebracht und ich bin ihr Kind und nicht das von Mayumi.“

Nachdenklich sah ich die Frau auf dem Foto an. Sie sah so freundlich aus, als könne sie nie etwas Böses tun oder auch nur denken.
„Ich denke, deine Mutter ist dir deswegen nicht böse. Ich glaube sogar, dass sie sehr froh ist, dass sich Mayumi um dich gekümmert hat und dich zu einem ordentlichen Menschen erzogen hat. Sie ist Mayumi bestimmt dankbar und ihrem Mann nicht böse, dass er sich eine andere Frau gesucht hat“, lächelte ich ihn an.
Er hatte so traurig geklungen, dass es mir selber weh tat. Jetzt konnte ich ihn etwas verstehen, warum er so reagierte, wenn man ihn darauf ansprach.

Ich sah mir wieder das Bild an.
„Zwar wirkst du im ersten Moment sehr kühl und scheinst dir einfach alles zu nehmen, was du willst, aber eigentlich bist du gar nicht so übel, wenn man dich erst einmal kennt.“
Ich spürte, dass ich wieder rot wurde, aber diese Worte waren in diesem Moment so einfach über meine Lippen gekommen, dass ich sie einfach nicht mehr hatte unterdrücken können.

Sanft nahm Ren mir den Bilderrahmen aus der Hand und drehte mein Gesicht zu seinem.
„Du bist einmalig“, hauchte er, ehe er mich sanft küsste.
Ich ging darauf ein und schlang meine Arme um seinen Nacken. Wieder breitete sich dieses Kribbeln in meinem gesamten Körper aus. Ich spürte die Matratze an meinem Rücken und Rens Gewicht auf mir. Aber ich empfand es nicht als unangenehm, so eingekesselt zu sein.

Rens Zunge stieß ungeduldig gegen meine Lippen und leckte ab und an über diese. Doch ich wollte nicht so schnell nachgeben, worauf ich ein leicht verärgertes Grummeln von Ren hörte. Das klang wirklich süß, aber ich wollte den Spieß mal umdrehen.

So stieß ich mit meiner Zunge einfach gegen seine, um ihm zu signalisieren, dass ich auch gerne wissen würde, wie er schmeckte. Ich spürte, dass Ren leicht in den Kuss hineinlächelte und er mir bereitwillig Einlass gewährte. Etwas schüchtern erkundete ich das neue Gebiet. Er schmeckte etwas herb, aber auch süß, einfach nur toll und überhaupt nicht nach Rauch. Wie machte er das nur?

Doch ehe ich weiter forschen konnte, drängte er mich wieder zurück und wir trugen einen kleinen Zungenkampf in meiner Mundhöhle aus. Dass er dabei als Sieger hervorging, war schon von Anfang an klar gewesen.

Ich seufzte enttäuscht, als Ren sich wieder von mir trennte.
„Man könnte glatt meinen, du hättest es genossen“, grinste er.
„Na und?“, schmollte ich zurück.
Ren lächelte wieder und legte sich neben mich. Er zog mich an sich, ehe er die Decke über uns beide zog.
„Schlaf gut, Shin-chan!“, flüsterte er und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Du auch.“
Ich schloss meine Augen, aber einschlafen konnte ich nicht. Ren hatte mich gern, mehr als nur gern, und er war nicht mein Cousin. Änderten diese Dinge denn etwas? Der Kuss hatte sich genauso schön angefühlt wie die anderen zuvor, doch dieses Mal hatte er nicht so einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Ich fühlte mich wesentlich leichter und sicherer als sonst. Anscheinend änderte es doch einiges. Aber liebte ich Ren nun oder einfach nur das, was er mit mir tat? Warum konnte ich darauf immer noch keine Antwort finden?



08. Seltsame Spuren

Ich wachte auf und sofort fiel mir wieder etwas ein. Es waren nur noch 3 Tage, dann musste ich wieder nach Hause fahren.
Verstohlen sah ich Ren an, der in seinem Bett lag und schlief. Am Abend zuvor war er noch irgendwo gewesen, aber er hatte mir nicht gesagt wo und er hatte mich auch nicht gefragt, ob ich mitkommen wollte. Ich hatte gewartet, bis er wiedergekommen war, doch auch da hatte er mir nichts erzählt. Ich hatte geglaubt, dass er mir nun mehr vertrauen und keine Geheimnisse mehr vor mir haben würde, aber da hatte ich mich geirrt.

Seufzend drehte ich mich auf die andere Seite. Was hatte ich denn erwartet? Warum sollte er mir vertrauen? Wir waren nicht zusammen, hatten keine Beziehung oder etwas Ähnliches. Außerdem war es auch nur bei Küssen geblieben, mehr war nicht gewesen. Aber mehr wollte ich auch gar nicht, es reichte mir.

Ich spürte eine warme Hand, die sich auf meine Schulter legte.
„Na, schon wach?“, fragte Ren.
Seine Stimme war noch etwas rau, aber angenehm. Ich mochte seine tiefe Stimme, sie tat mir regelrecht wohl. Ich konnte sogar behaupten, dass ich sie immer erkennen würde.

Er gab mir einen kleinen Kuss in den Nacken. Es kitzelte etwas, doch gleichzeitig jagte es mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Ren machte das nun schon seit drei Tagen so, wenn ich mich nicht gleich zu ihm umdrehte. Allerdings sagte er diesen Morgen etwas, was er in der ganzen Zeit, die wir uns nun kannten, noch nie gesagt hatte, nicht einmal zum Spaß.

„Du beschwerst dich doch immer, dass ich so lange im Bad brauche?“
„Ja, und?“, nuschelte ich gleichgültig.
„Was hältst du davon, wenn wir zusammen duschen?“, hauchte er in mein Ohr.
Ich war wie erstarrt. Ich konnte die Wärme an meinem Rücken spüren, die von seinem Körper ausging und noch immer streifte sein warmer Atem mein empfindliches Ohr und meinen Hals. Meine Gesichtsfarbe machte in diesem Moment bestimmt jeder überreifen Tomate Konkurrenz, die daraufhin grün vor Neid werden würde. Diese dämliche Frage brachte mich total aus dem Konzept und das Schlimmste war, dass ich mir automatisch vorstellte, wie Ren unter der Dusche stand. Wie das Wasser sich seinen Weg über den straffen Rücken und die ausgeprägten Bauchmuskeln suchte, hin zu....Nein, das war die falsche Richtung.

Mir wurde bei diesen Gedanken nur noch heißer im Gesicht. Ich konnte Ren nicht ansehen. Also zog ich schnell die Decke über den Kopf. Mir war es so peinlich, was ich gedacht und was sich meine dämliche Fantasie zusammen gereimt hatte. Ich wollte am liebsten im Boden versinken. Und dass Ren immer noch in meiner Nähe war, trug auch nicht gerade dazu bei, dass sich meine Gesichtsfarbe wieder normalisierte.

Ich hörte ihn gedämpft durch die Decke lachen.
„Schon gut, war nur ein Vorschlag, aber beschwer dich dann nicht.“
Ich merkte, wie er aufstand und zu Tür ging, die sich dann auch gleich wieder schloss. Ich wartete noch etwas, schließlich sollte man nicht zu voreilig sein. Aber ich hörte nichts mehr. Ganz vorsichtig lugte ich unter der Decke hervor und sah zur Tür. Mir blieb fast das Herz stehen, als Ren immer noch vor der verschlossenen Tür stand.
„Erwischt.“, grinste er siegessicher.

Ehe ich mich versah, saß er schon über mir und kitzelte mich durch. Das war einfach nicht fair, woher wusste er, wo ich kitzlig war? Ich wand mich unter ihm vor Lachen. Immer wieder versuchte ich einen Gegenangriff zu starten, doch jedes Mal erstickte Ren diese Aktion im Keim, weil er immer wieder meine Hände zu fassen bekam und diese mit einer Hand festhalten konnte. Wirklich, das war echt nicht fair. Aber wenigstens hatte ich jetzt einen roten Kopf, weil mich das Lachen so anstrengte.

Unerwartet ging die Zimmertür auf und sowohl Ren als auch ich hielten in unserer Bewegung inne. Skeptisch sah Mayumi uns an.
„Was macht hier denn da?“
„Äh...“
„Shinja wollte nicht aufstehen und das ist die einzige Möglichkeit, um ihn wach zu kriegen.“
Wieder fing Ren an mich zu kitzeln. Gott, war der heute gemein.

Mayumi musste leicht schmunzeln. Auch sie schien es zu freuen, dass Ren und ich uns nun besser verstanden.
„Gut, aber wenn ihr noch pünktlich zur Schule kommen wollt, dann solltet ihr euch beeilen und am besten zusammen das Bad benutzen“, sagte Mayumi und ging dann.
Ich sah Ren an und ein breites Grinsen strahlte mir entgegen.
„VERGISS ES!“

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Ich stand vor dem Spiegel und putzte mir die Zähne, während Ren sich duschte. Er hatte von Betteln bis Zwingen alles versucht, um mich zu überreden, doch mit ihm unter die Dusche zu steigen, aber es hatte ihm nichts gebracht. Ich würde heute mal auf die Dusche verzichten. Allerdings taten sich andere Schwierigkeiten auf. Ich hatte es bis jetzt verhindern können, Ren nackt zu sehen, andererseits wanderten meine Blicke immer wieder zur Dusche ihn. Warum musste das denn nur so eine blödes milchiges Glas sein, wo man alle Umrisse erkennen konnte? Ich hätte wetten können, dass Ren sich mit Absicht so unter der Dusche aalte.

Ich zwang mich, mein eigenes Spiegelbild wieder anzusehen. Eigentlich war es total bescheuert. Ren war doch auch ein Junge, warum wurde ich dann rot, wenn ich allein schon an seinen Oberkörper dachte? Das war total dämlich, aber anscheinend musste ich mich damit abfinden, dass mich Ren unheimlich anzog. So was war mir noch nicht einmal bei einem Mädchen passiert.

Die Tür der Dusche öffnete sich einen Spalt breit.
„Shinja, gibst du mir mal das Handtuch?“
Grummelnd stapfte ich mit der Zahnbürste im Mund und seinem Handtuch in der Hand auf die Dusche zu. Kaum hielt ich es ihm entgegen, da nahm er es sich auch gleich. Durch das Glas konnte ich sehen, dass er es sich um die Hüften schlang und keine Sekunde später kam er dann aus der Dusche. Schnell ging ich wieder zum Waschbecken, den Anblick konnte ich einfach nicht ertragen. Diese nassen Haare, die ihm mehr als sonst ins Gesicht hingen und die leicht glänzende Haut machte mich wahnsinnig.

Konzentriert und etwas übertrieben gründlich putzte ich mir weiter die Zähne. Langsam beruhigte ich mich wieder. Glücklich, dass es mir wieder gut ging, sah ich mein Spiegelbild an. Leider hatte ich vergessen, das ich durch den Spiegel fast das ganze Bad sehen konnte und damit auch Ren. Mir fiel die Zahnbürste aus dem Mund, denn ich konnte seine ganze Rückseite betrachten. Mein Gesicht wurde flammendrot, als ich daran dachte, dass Ren sich plötzlich umdrehen könnte und ich dann alles sehen würde.

Zum Glück tat er das nicht. Er zog sich erst frische Boxershorts an, ehe er seine Haare trocken rubbelte. Mein Blick haftete an seinem Rücken. Ich konnte jeden einzelnen Muskel sehen, wenn er sich bewegte. Doch plötzlich zog etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich: Acht feine Kratzer, die man aber gut erkennen konnte. Mit einem Mal wurde mir schlecht und ich musste mich am Wachbecken festhalten. Diese Kratzer, sie waren den anderen so ähnlich. Das konnte doch nur heißen, dass Ren gestern bei einem Mädchen oder einem Jungen gewesen war und mit ihr oder ihm.... Ich konnte es nicht einmal zu Ende denken.
*Warum bist du denn jetzt so geschockt?*, fragte mich meine kleine innere Stimme.
*Hast du geglaubt, nur weil er dich mag und küsst, wird er enthaltsam?*
Ja, das hatte ich wirklich gedacht. Ich war so naiv.
*Er ist auch nur ein Mann und muss seine Triebe ausleben und außerdem lässt du ihn ja nicht ran, da muss er sich einfach woanders Abhilfe schaffen.*
Es stimmte, ich ließ ihn nicht an mich heran, selber Schuld. Aber wie hatte ich denn glauben können, dass er wegen mir nicht mehr mit anderen schlief? Ich fühlte mich so elend, enttäuscht, hilflos und verletzt.

Zitternd griff ich nach dem Becher und spülte mir noch den Mund aus, bevor ich fluchtartig das Bad verließ. Schnell zog ich mich um, wollte Ren keine Zeit geben, mit mir zu reden. Als er das Zimmer betrat, war ich bereits fertig und stürmte an ihm vorbei die Treppe hinunter. In der Küche trank ich hastig meinen Kakao, ehe ich das Haus verließ und zur U-Bahn lief, ohne Ren.

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Ich stieg ein und blieb an der Zugtür stehen. Mein Blick war gesenkt und ich sah mir die Schuhe der Personen an, die noch mit mir in diesem Abteil waren. Die ganze Zeit dachte ich nach, über mich, über Ren, über uns beide. Was war das eigentlich, was wir hatten? Eine Beziehung war es nicht, so was war nur, wenn man sich gegenseitig sagte, dass man sich liebte. Aber das war nicht der Fall. Ren hatte nur gesagt, dass er mich sehr gern hat und nicht, dass er mich liebte. Und ich, ich hatte auch nichts dergleichen gesagt. Aber warum reagierte ich dann trotzdem so auf Ren? Diese vielen Fragen stellte ich mir jedes Mal und nie fand ich ein Antwort.

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Gelangweilt saß ich in der Japanischstunde. Ich konnte mich einfach nicht auf den Unterricht konzentrieren, denn die ganze Zeit spukt mir Rens Rücken im Kopf herum. Mich ging es doch gar nichts an, mit wem er was tat, ich war doch nur irgendwer, den er vor 10 Jahren das letzte Mal gesehen hatte und den er ab und zu mal küsste. Mehr doch nicht.

Schon seit dem Morgen ging ich ihm aus dem Weg. Er hatte mich gefragt, was mit mir los sei, aber ich hatte gesagt, dass ich mich nur daran erinnert hätte, was er zu mir gesagt hatte, als wir zum ersten Mal gemeinsam in die Schule gegangen waren: Das ich mich von ihm fernhalten sollte. Zwar war das ne beschissene Lüge, weil ich in der Zwischenzeit schon viel zu oft mit bei seinen Freunden gestanden hatte und so gut wie jeder in meiner Klasse wusste, dass wir Cousins waren, was nun ja auch nicht mehr ganz stimmte.

Freudig vernahm ich das Pausenklingeln und senkte mein Haupt sogleich auf die Tischplatte. Noch mal so eine Stunde, ob ich das aushielt...
Ich stutzte leicht, als ein Schatten auf mich fiel. Verstohlen sah ich nach oben. Ich wand meinen Blick aber sofort wieder ab, als ich merkte, dass es Ren war. Alle Mädchen waren nun wieder im Klassenzimmer und schmachteten Ren an.
„Wir müssen reden!“, sagte er kühl, worauf einige Mädchen anfingen zu seufzen.
„Können wir das nicht zu Hause?“
„Nein, jetzt!“
Seine Stimme duldete keine Widerworte, aber ich tat es trotzdem.
„Tut mir leid, keine Zeit.“
Grob packte mich Ren am Arm und zog mich nach oben. Trotzig sah ich ihm in die Augen, aber er schien das gar nicht zu realisieren, denn er schleifte mich aus dem Klassenzimmer und die dämlichen Weiber mussten ihm auch noch Platz machen.

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Ehe ich mich versah, stand ich an der Wand eines leeren Klassenraumes. Ren hatte sich mit den Händen neben meinem Kopf abgestützt und sah mich eindringlich an.
„Was ist mit dir los?“
„Gar nichts.“
„Das glaub ich nicht. Los, sag mir was ich getan habe!“
„Ist doch egal.“
„Aber mir ist es nicht egal, Shin-chan!“
Rens Gesichtszüge hatten sich plötzlich verändert. Er wirkte so bedrückt und irgendwie verletzt, aber das war ich auch. Er näherte sich meinem Gesicht immer mehr. Zuerst wollte ich es zulassen, wollte seine sanften Lippen wieder auf meinen spüren. Ich legte meine Hände auf seinen Rücken, wollte ihn zu mir ziehen, als er plötzlich das Gesicht verzog. Schlagartig ließ ich ihn los und schubste ihn von mir weg, dann verließ ich fluchtartig das Zimmer. Ich konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, dass Ren den Tag davor mit jemandem geschlafen hatte und mich nun einfach küssen wollte, als wäre nichts gewesen.

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Stumm saß ich in Rens Zimmer. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, das Licht anzuschalten, mir gefiel diesen dunkle Zimmer schon sehr gut. Was wohl morgen passieren würde? Morgen war mein Geburtstag und den Tag darauf musste ich wieder nach Hause fahren. Schon vor dem Mittag. Wahrscheinlich würde ich im Streit mit Ren auseinander gehen, obwohl ich das gar nicht wollte. Ich mochte Ren mehr als ich sonst jemanden gemocht habe, aber ich konnte ihn einfach nicht fragen, was gestern Abend geschehen war und ich nahm auch nicht an, das er es mir sagen würde.

Seufzend ließ ich mich in mein Kissen sinken. Ich war nun schon fast 17. Wann Ren wohl Geburtstag hatte? Ob meine Eltern mich anrufen würden, oder ob sie warten würden, bis ich wieder zu Hause war? Die ganzen zwei Monate hatte ich nicht mit ihnen gesprochen. Logisch, so ein Telefonat von Japan nach Amerika war auch nicht gerade billig. Ich vermisste meine Eltern und irgendwie freute ich mich schon, sie wieder zu sehen. Vielleicht würde ja auch alles wieder normal werden, wenn ich Ren nicht mehr sah? Vielleicht würde ich wieder normal werden, denn im Moment, war ich überhaupt nicht normal. Ich ließ mich von einem Jungen küssen und benahm mich in seiner Gegenwart wie ein Mädchen. Ren hatte einen schlechten Einfluss auf mich, dass wusste ich jetzt.

Solche und ähnliche Gedanken spukten noch eine Weile in meinem Kopf herum, bis Ren sichtlich sauer das Zimmer betrat. In der Hand hielt er eines seiner vielen schwarzen Hemden, allerdings besah er sich die Rückseite. Erschrocken setzte ich mich auf.
„So ein blödes Mistvieh!“, knurrte er.
Verwundert sah ich ihn an.
„Mistvieh?“
„Ja, so ne dämliche Katze ist mir gestern Nacht auf den Rücken gesprungen und hat nicht nur mein Hemd, sondern auch meinen Rücken zerkratzt.“
Er streckte mir das Hemd ausgebreitet entgegen und ich sah vier Schlitze auf jeder Hälfte. Erleichtert atmete ich aus.
„Ach so, und ich hab gedacht...“
„Was hast du gedacht?“
„Äh, gar nichts.“
Schlagartig lief ich rot an. So ein Mist, jetzt hätte ich es doch beinahe gesagt.

Ren sah mich erst verduzt und dann wissend an. Hatte ich mich etwa verraten?
„Ach so, du hast gedacht, die Kratzer stammen von einer Frau, deswegen warst du den ganzen Tag so komisch. Du warst eifersüchtig!“
Ich wurde noch roter. Ich fühlte mich ertappt, obwohl das absoluter Blödsinn war.
„Ich war überhaupt nicht eifersüchtig.“
„Nein, natürlich nicht.“
„War ich nicht!“
„Wirklich?“
„Wirklich!“
„Na dann.“
Ren kniete sich vor mich und grinste mich lasziv an. Das verhieß nichts Gutes.

Sanft drückte er mich wieder in die Kissen und verschloss dabei meinen Mund mit seinem. Zärtlich knabberte er an meiner Ober- und Unterlippe, ehe seine Zunge sanft an meine Lippen stupste. Zaghaft gewährte ich ihm Einlass. Sofort suchte seine Zunge die meine und liebkoste sie liebevoll. Ich war wie berauscht von diesem Kuss. Er war so anders als all die anderen, viel sanfter und viel bedeutungsvoller.

Plötzlich ließ Ren von meinen Lippen ab und wand sich meinem Hals zu. Ich keuchte erschrocken, als er mir leicht in den Hals biss, etwas daran saugte und dann beschwichtigend mit seiner Zunge darüber leckte.
Seine Hände waren auf Wanderschaft gegangen und hatten sich unter mein T-Shirt verirrt, wo sie unablässig meinen Oberkörper streichelten. Ich seufzte wohlig, denn es war ein sehr angenehmes Gefühl, so verwöhnt zu werden.

Dieses Gefühl verschwand jedoch schlagartig, als seine Hand meinen Hosenknopf öffnen wollte. Ich stemmte meine Hände, die bis eben noch auf seinem Rücken gelegen hatten, gegen seine Schultern, um Abstand zwischen uns zu gewinnen.
„Ren, hör auf!“, bat ich flehend und entzog mich seinen Berührungen.
Verwundert sah Ren mich an, schien nicht zu verstehen, warum ich plötzlich nicht mehr wollte.
„Tut mir leid, aber ich kann einfach nicht....es fühlt sich nicht richtig an.“
Enttäuscht und scheinbar auch leicht säuerlich stand Ren auf.
„Bitte, sei mir nicht böse, aber das ist schon mehr als nur ein Kuss und ich kann das nicht, solange ich nicht.....“
„Solange du nicht was?“
Ich zuckte leicht zusammen. Er war wütend, das merkte ich und es machte mir Angst. Nur stotternd antwortete ich ihm und langsam bildeten sich Tränen in meinen Augen, ich wusste nicht einmal warum.
„S-solange...ich...nicht weiß...was ich für dich fühle! Was du für mich fühlst! Ich bin so schrecklich durcheinander, ich weiß schon nicht mehr, was ich denken soll. Als ich her kam, wollte ich nur weg, weg von allem, weg von dir! Aber jetzt, jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Einerseits will ich wieder Heim, andererseits möchte ich aber auch hier bleiben. Das, was du von mir verlangst, das kann ich einfach nicht, wenn ich mir nicht im Klaren über meine Gefühle bin. Ich weiß nicht, ob ich....“
Mein Hände krallten sich in die Bettdecke, während unaufhaltsam immer mehr Tränen ihren Weg darauf fanden. Ich fühlte mich so elend. Vor ein paar Sekunden hatte ich noch ein wahres Hochgefühl gehabt und nun lag es ganz tief im Keller. Ich hatte solche Angst, dass Ren mich nie gemocht hatte, dass er alles nur gesagt und getan hatte, damit ich mit ihm schlief, dass ich nicht bemerkte, wie er sich mir wieder näherte und mich in seine Arme zog.

Sanft strich er mir durch die Haare und wippte leicht hin und her.
„Shhh...ganz ruhig. Ist nicht schlimm und ich bin dir auch nicht böse. Das könnte ich gar nicht, weil ich...weil ich dich dafür viel zu sehr liebe.“
Überrascht sah ich ihn an, meinen Tränenfluss war schlagartig versiegt. Ich konnte einfach nicht glauben, was ich gehört hatte.
„Was?“
Liebevoll lächelte Ren mich an, während er sanft meine restlichen Tränen wegwischte.
„Ich liebe dich, Shinja. Am Anfang habe ich dich für einen kleinen Trottel gehalten, aber dann als du in der Bar vor mir gestanden hast, mit diesen leicht geröteten Wangen, da warst du plötzlich mehr als nur ein Verwandter.“, sagte Ren sanft und zum ersten Mal sah ich so etwas wie leichte Verlegenheit bei ihm.
Mein Herz schlug Purzelbäume und hämmerte gegen meinen Brustkorb. Er hatte es gesagt.
Endlich wusste ich, was Ren für mich empfand und ich...ich...ich wusste es immer noch nicht.

Mein zuvor noch glücklicher Ausdruck verschwand und entschuldigend sah ich Ren an. Ich konnte es nicht, ich konnte ihm nicht die selben Worte entgegenbringen. Es waren nur drei einfach Worte und doch fiel es mir so schwer, sie auszusprechen.

Etwas enttäuscht sah Ren mich an, lächelte dann aber wieder leicht.
„Versteh schon, quäl dich nicht damit. Wenn du es nicht sagen kannst, dann kann man nichts dagegen machen. Schade.“
„Ren?“
„Nein, ist schon OK. Wir sollten jetzt runter gehen, Ma wartet sicher schon mit dem Essen.“
Damit ließ Ren mich los und ging aus dem Zimmer. Traurig saß ich nun alleine auf meinem Bett und fing wieder an zu heulen. Ich kam mir so schäbig vor. Ren offenbarte mir, was er wirklich für mich empfand und ich stieß ihn undankbar vor den Kopf, indem ich nichts erwiderte.

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Es war schon spät in der Nacht, aber ich konnte nicht schlafen. Ich sah zu Ren hinüber, der mir den Rücken zugewandt hatte. Ich erinnerte mich wieder an die erste Nacht, die ich hier verbracht hatte. Damals habe ich auch mit dem Rücken zu ihm gelegen und er hatte gesagt, das er mich vergewaltigen würde. Zu der Zeit hatte ich Angst vor Ren gehabt, doch wenn er dasselbe jetzt noch einmal sagen würde, ich würde ihm den Vogel zeigen und nicht weiter darauf reagieren. Ren war nun mal so. Von Außen wirkte er hart und unnahbar, aber in Wahrheit war er sehr sanft und verletzbar. Immer wieder machte mir mein Gewissen klar, dass ich Ren mochte, sogar sehr mochte, aber nie sagte es, dass ich ihn liebte und auch mein Herz schien stumm zu sein oder es konnte sich nicht gegen meinen Verstand behaupten.

Da Ren immer mit freiem Oberkörper schlief, konnte ich die Kratzer, die eine Katze und nicht eine Frau ihm zugefügt hatte, gut erkennen und dieser Anblick ließ alles in mir kribbeln.
Vorsichtig schlug ich die Decke zu Seite und krabbelte leise auf ihn zu. Ich legte mich zu ihm und sah einfach nur eine Weile auf die nackte Haut. Ganz zaghaft fuhr ich mit meinen Fingern über die weiche Haut und ein leises Seufzen drang an mein Ohr, was mich schmunzeln ließ. Sanft küsste ich die Wunden und kuschelte mich dann an ihn.
„Bitte, Ren, verzeih mir, ich verspreche dir, dass ich gut darüber nachdenken werde, was ich fühle, und dir eine Antwort gebe, bevor ich wieder nach Hause fahre“, flüsterte ich gegen seinen Rücken. Nur ungern löste ich mich von ihm, aber es war nicht richtig, wenn ich jetzt bei ihm schlief, ihm aber nicht antworten konnte.

Ich gab ihm noch einen flüchtige Kuss in den Nacken, ehe ich mich wieder in mein Bett trollte. Zu gern hätte ich noch seine Wärme und die sehnigen Muskeln unter meinen Fingern gespürt, aber es war besser so. Zum Überlegen kam ich jedoch nicht mehr, denn kaum hatte ich mich rumgedreht, da war ich auch schon eingeschlafen. Daran, dass ich am nächsten Tag Geburtstag hatte, hatte ich nicht mehr gedacht.