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Distantly Relation Teil 9 - 10

09. Der letzte Tag

Verschlafen stellte ich mich vor den Spiegel im Bad. Ren war noch nicht wach und ich wollte ihn auch nicht wecken, weil er den letzten Abend so nett gewesen war. Als ich jedoch in den Spiegel sah, hätte ich in erwürgen können.
„REN!“
Meinen markerschütternden Schrei hörte man im ganzen Haus und keine zwei Sekunden später stand Ren abgehetzt in der Tür.
„Shinja, was ist?“, fragte er besorgt.
„Was hast du dir dabei gedacht?“, schnauzte ich ihn an und zeigte auf einen roten, unübersehbaren Fleck auf meinem Hals.

Doch anstatt dass sich Ren bei mir entschuldigte, grinste er nur überheblich. Er schien sich regelrecht darüber zu freuen, mir so einen Knutschfleck verpasst zu haben.
„Ich weiß gar nicht was du hast, Shin-chan, gestern hat es dir gefallen.“
Er trat auf mich zu und fuhr sanft mit der Hand über sein Machwerk.
„Gestern ist gestern und heute ist heute!! Und heute gefällt es mir nicht!“, entgegnete ich mit leicht geröteten Wangen.
„So, und nun geh, ich will duschen.“

Bestimmend schob ich ihn zur Tür, doch ehe er draußen war, hatte er die Tür erwischt und zugemacht, sodass ich ihn mit dem Rücken an das Holz presste.
„So, du willst duschen? Da komm ich doch gerne mit.“
„WAS? Vergiss es, das hab ich dir schon mal gesagt!“
„Aber, Shin-chan, heute ist doch dein letzter Tag hier.“
„Nein, morgen ist der letzte Tag und nun geh endlich raus!“
„Soll das heißen, dass du morgen mit mir duschst?”
Skeptisch sah ich ihn an. War das sein Ernst? Glaubte der echt, dass ich das machte? Allerdings würde er nicht verschwinden, solange ich nicht zusagte. Aber wer behauptete denn, dass ich mich daran halten musste?!

Ergeben seufzte ich.
„Na schön, meinetwegen morgen. Aber nun geh!“
„Schon gut.“
Beschwichtigend hob Ren die Hände. Ehe er jedoch das Bad verließ, gab er mir noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Lächelnd wuschelte er mir noch durch die Haare und ging. Etwas entgeistert sah ich ihm nach. Es war das erste Mal, dass er mich nicht richtig küsste und trotzdem löste diese kurze Berührung eine unglaubliche Hitze in mir aus.

Schnell zog ich mich aus und stieg unter die Dusche. Etwas kühleres Wasser würde mir jetzt sehr gut tun.

~*~*~*~*~*~

Frisch geduscht und putzmunter trottete ich die Treppe hinunter. Heute war mein letzter Tag in diesem Haus. Ich würde es wirklich vermissen. Ob meine Eltern wohl noch anrufen würden, denn schließlich hatte ihr einziges Kind Geburtstag. Ich bezweifelte es.

Kaum hatte ich den ersten Schritt in die Küche getan, da hallte mir auch schon ein Ständchen entgegen.
„Happy Birthday to you! Happy Birthday to you! Happy Birthday, lieber Shinja! Happy Birthday to you!”
Völlig geplättet stand ich da. Um den Küchentisch hatten sich alle versammelt, selbst Mayumis Mann, Konrad, war noch da. Auf dem Tisch stand eine kleine Torte und ein Päckchen.

Verblüfft sah ich sie alle nacheinander an.
„Was...woher wisst ihr...?“
„Sagen wir mal so, eine besorgte Vogelmutter hat es uns gezwitschert“, grinste Ren.
Bestimmend schob er mich zum Tisch.
„So, nun puste die Kerzen aus und wünsch dir was.“
Ich holte einmal tief Luft, dann pustete ich mit geschlossenen Augen was meine Lungen her hielten.
*Ich wünsche mir, dass ich endlich weiß, was ich fühle.*

Immer noch leicht verwirrt öffnete ich das Päckchen, das eindeutig für mich war, allein schon deshalb, weil mein Name darauf stand. Ungläubig sah ich den kleinen viereckigen Kasten an, der sich darin befand. Ein Handy, meine Verwandten schenkten mir wirklich ein Handy. Das hatte ich mir schon so lange gewünscht.
„Oh, wow, danke. Aber, dass muss doch irre teuer gewesen sein!“
„Keine Sorge“, beruhigte mich Konrad. „ Deine Eltern haben uns Geld überwiesen und so haben wir es uns geteilt.“
Das war einfach der Hammer. Ich platzte fast vor Glück und das zeigte ich auch, indem ich jedem um den Hals fiel und mich so bei ihnen bedankte. Gerade wollte ich auch Ren umarmen, doch konnte ich mich noch bremsen und gab ihm einfach die Hand. Gut, im Nachhinein sah das bestimmt blöde aus, und genauso hatte er auch geguckt, aber ich konnte ihn doch nicht einfach vor den anderen um den Hals fallen. Zumal ich ihm ja versprochen hatte, keinem etwas von unseren, sagen wir mal, Angewohnheiten zu erzählen. Mal abgesehen davon, dass ich selber auch nicht wollte, dass jemand etwas merkte.

~*~*~*~*~*~

Der Weg zur Schule war recht angenehm. Ren und ich redeten mehr als je zuvor und uns beiden schien das ganz gut zu tun. Außerdem sah ich so öfter sein Lächeln. Ich freute mich wirklich, dass ich Rens andere Seite kennen gelernt hatte und er richtig herzlich lachen konnte, nicht so abwertend, wie am Anfang. Zwar wusste ich immer noch nicht, warum er in der Schule so bissig war, aber vielleicht war das seine Art, sich die ganzen Mädchen vom Leib zu halten? Ich bezweifelte nämlich keineswegs, dass alle Mädchen auf Ren fliegen würden, wenn er nett und freundlich wäre. Auch Kanoe würde sich da nicht mehr wehren können.

Ich grinste etwas, schließlich wusste ich, dass Kanoe ‚den kalten und gefühllosen Ren’ nicht leiden konnte. War schon lustig, dass ich mich doch mit ihr angefreundet hatte, auch wenn ich das am Anfang gar nicht gewollt hatte. Aber ich hatte einiges nicht gewollt. In Bezug auf Ren besonders. Noch immer fragte ich mich, ob ich nun wirklich auf Jungs stand oder nur Ren das in mir auslöste, weil ich ja schon irgendwie eine gewisse Nähe spüren wollte.

In diesen Wochen war mir klar geworden, dass ich keine wirklichen Freunde hatte, mich eigentlich immer einsam gefühlt hatte, dass ich Geborgenheit suchte und das man sich nicht dagegen wehren konnte, jemanden zu mögen. Doch hatten sich auch viele Fragen ergeben, wer ich wirklich war, was ich wirklich wollte und wirklich fühlte. Ich hatte Ren versprochen, darüber nachzudenken, doch ich wusste es einfach nicht. Ich war jetzt 17 Jahre alt und wusste immer noch nichts mit meinen Gefühlen anzufangen. Das war doch ziemlich schwach, oder?

~*~*~*~*~*~

Als ich Kanoe gesagt hatte, dass das mein letzter Tag wäre, war sie ganz traurig geworden. Sie hatte mir sogar ihre Handynummer gegeben, damit ich sie anrufen konnte, wenn etwas war. Ich bezweifelte zwar, dass ich das je tun würde, da man sich auf diese Entfernung ja doch aus den Augen verlor, aber ich war sehr glücklich über ihre Geste.
Richtig erstaunt war ich aber, als auch Rens Freunde mich verabschiedeten. Damit hatte ich nicht gerechnet. Akio hatte mir die Hand gegeben und mir dabei einen seiner Ohrringe in die Hand gedrückt. Als ich ihn fragte warum, hatte er einfach nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, dass ich mal wiederkommen sollte. Eichi war wie immer emotionslos, wuschelte mir aber freundschaftlich durch die Haare. Ich wusste auch so, was er mir damit sagen wollte.
Das Krasseste kam aber von Kazuya, der mir einfach frech einen Kuss auf die Wange drückte und sagte, ich solle ihn ja nicht vergessen. Ren sah ihn dabei ziemlich giftig an, doch ehe er irgendwas tun konnte, hatte Kanoe ihrem Bruder schon eine Kopfnuss verpasst und ihn belehrt, dass er seine Finger von mir lassen sollte.
Tja, ich würde sie wirklich alle vermissen, egal wie schräg sie waren, denn irgendwie war ich es ja jetzt auch.

~*~*~*~*~*~

Gemeinsam ging ich mit Ren wieder nach Hause. Nach Hause, vor zwei Monaten fand ich es noch schrecklich so zu denken, aber jetzt machte es mich glücklich. Ich hatte wirklich so etwas wie ein zweites Zuhause gefunden. Zwei neue Eltern, neue Großeltern und einen großen Bruder, im übertragenen Sinne natürlich, denn ich vermisste meine Eltern. Ich fand es schade, dass wir so weit auseinander wohnten und ich so lange nichts von diesen lieben Verwandten gewusst hatte. Aber ich war mir sicher, dass ich wieder kommen konnte.

Wir waren an der Kreuzung angekommen, die zur U-Bahnstation führte, aber ich hatte keine Lust U-Bahn zu fahren.
„Du, Ren?“
„Hm?“
„Könnten wir heute vielleicht nach Hause laufen?“
„Was, aber da brauchen wir ja ewig lange!“
„Wir müssen ja nicht alles laufen, nur ein Stück....bitte!“
Mit den süßesten Hundeaugen, die ich bieten konnte, sah ich in an. Ich hoffte, dass es funktionierte, schließlich wusste ich ja, dass er meinen Augen nicht widerstehen konnte. War vielleicht etwas fies, ihn so auszunutzen, aber so konnten wir schließlich noch etwas Zeit gemeinsam verbringen.

~*~*~*~*~*~

Ren führte mich durch einen Teil der Stadt, den ich noch nicht kannte, direkt auf einen Park zu. Ich war total begeistert von der Farbenpracht der Blätter. Es war schon Mitte Oktober und in dieser Zeit waren die Kronen der Bäume am Schönsten. Überall leuchtete es braun, rot und gelb, vereinzelt sah man sogar noch ein grünes Blatt.
Viele Pärchen spazierten hier und mir drängte sich die Frage auf, ob Ren mich mit Absicht hierher geführt hatte. Ein bisschen blöd kam ich mir ja schon vor, so zwischen all den Verliebten, besonders, weil der, dem ich keine Antwort geben konnte, mit mir hier war.

Auf einer Brücke hielt Ren an und lehnte sich auf das Geländer. Ich tat es ihm gleich und sah ins Wasser. Ein paar Fische schwammen gegen den Strom. Viele von ihnen gaben plötzlich auf, aber es gab auch welche, die sich der Strömung stellten. Zu welchen ich wohl gehörte? Zog ich einfach den Schwanz ein, weil ich Angst hatte herauszufinden was ich für Ren empfand oder stellte ich mich der Herausforderung, indem ich mir darüber Gedanken machte?

Die sanfte, tiefe Stimme Rens brachte mich wieder in die Wirklichkeit.
„Weißt du, Shin-chan, eigentlich wollte ich dir auch etwas schenken, deswegen war ich vorgestern auch noch mal weg, aber ich hab nichts gefunden. Leider.“
Lächelnd und mit leicht geröteten Wangen sah ich weiter den Fischen zu.
„Du musst mir doch nichts schenken, wirklich nicht. Mich wundert es sowieso, dass deine Eltern mir etwas schenken, obwohl sie mich vor 10 Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern.“
„Ich kann mich schon an dich erinnern.“
„Wirklich?“, fragte ich überrascht, das hatte ich nicht gedacht.
„Natürlich, einen kleinen Jungen mit rosa Haaren vergisst man nicht“, grinste Ren. „Damals bist du mir immer nachgelaufen und hast gebettelt, dass ich mit dir spiele.“
„Und, hast du?“
„Nein, ich hab dich viel lieber geärgert und dich zappeln lassen. Heute lässt du mich zappeln.“
Die letzten Worte hallten bitter in meinen Ohren wieder. Er machte mir also doch Vorwürfe. Na Klasse, jetzt hatte ich ein noch schlechteres Gewissen.

„Ren...es tut mir doch Leid.“
„Nein, mir tut es Leid! Ich hätte das nicht sagen sollen, es ist einfach nur...ich hab mich schon lange nicht mehr so gut und ausgeglichen gefühlt. Du tust mir einfach gut, Shin-chan!“
Aufmunternd lächelte er mich an und sah dann wieder von der Brücke ins Wasser.
„Was magst du eigentlich an mir?“, fragte ich ihn, denn ich verstand nicht, dass ihn das so verbitterte.
„Aber das hab ich dir doch schon gesagt.“
„Du hast nur von meinem Aussehen gesprochen, aber da muss doch noch mehr sein, oder?“
„Ja natürlich, aber ich kann es nicht wirklich sagen. Es ist einfach deine ganze Art, selbst wenn du zickig bist, gefällst du mir. Ich kann nicht wirklich sagen, was es ist.“
„Mh...“
Ich wollte Ren gerade wieder ansehen, als plötzlich irgendetwas Silbernes von ihm aus in die Tiefe viel. Reflexartig versuchte ich danach zu fassen und lehnte mich immer weiter über die Brüstung. Ein starker Arm hielt mich augenblicklich an den Hüften fest und zog mich wieder nach oben.

Verärgert sah Ren mich an.
„Sag mal, spinnst du Shinja, du wärst beinahe da runter gefallen! Was sollte das?“
Ich bekam nicht wirklich etwas mit, sondern starrte auf meine Faust.
„Ich hab es“, flüsterte ich leise.
„Was?“
„Dein Kreuz.“
Ich öffnete meine Hand und hielt es ihm entgegen. Ungläubig fasste er sich an den Hals, aber dort war nichts mehr von dem dreifach gebundenen Lederband zu sehen oder zu fühlen. Plötzlich zog Ren mich an sich und umarmte mich.
„Ich hab gedacht, dir passiert etwas.“
„Ren...“
Ich schmiegte mich an ihn und legte meinen Kopf an sein Herz.
„Danke, dass du mich gehalten hast.“
Dann trennte ich mich wieder von ihm und besah mir den silbernen Anhänger. Ich hatte eine Idee.

Ich machte den Knoten des Lederbandes auf, welches ich immer um mein linkes Handgelenk trug und fädelte das Kreuz darauf. Auf den Zehenspitzen stehend band ich die neue Kette um Rens Hals.
„So, nun hast du immer etwas von mir bei dir“, grinste ich vergnügt.
Lässig, als wäre nichts gewesen, ging ich an ihm vorbei.
„Komm schon, Ren, sonst wird Mayumi sauer!“

~*~*~*~*~*~

Wir hatten bereits Abendbrot gegessen und so saß ich vor dem Fernseher. Allerdings konzentrierte ich mich nicht wirklich auf die Sendung. Mayumi und Konrad waren Essen gegangen und Rens Großeltern waren irgendwelche Freunde besuchen. Wir waren also ganz allein, aber Ren saß nicht mit bei mir. Er war ins Bad gegangen und hatte gebadet. Ob er schon fertig war? Ich beschloss nachzusehen.

Ich machte den Fernseher aus, kam sowieso nur Schrott, und ging die Treppe hoch.

~*~*~*~*~*~

Vor der schwarzen Tür blieb ich jedoch unentschlossen stehen. Sollte ich, sollte ich nicht? Was, wenn Ren sich gerade umzog? Ich rang mit mir selber und dabei merkte ich nicht, wie er sich mir näherte.

Ich erschrak, als sich unerwartet eine Hand auf meine Schulter legte.
„Warum gehst du denn nicht rein?“
„Ähm...ich...ich hab gerade nachgedacht.“
„Das hab ich gemerkt“, lachte Ren verhalten und ging dann ins Zimmer.
Ich tat es ihm gleich, konnte meinen Blick aber nicht von ihm wenden, schließlich lief er nur mit einem Handtuch um den Hüften rum.

Seufzend ließ ich mich auf mein Bett nieder, vermiet es ihm dabei zuzusehen, wie er sich anzog. Allerdings hielt ich das nicht lange durch. Ich musterte ihn von oben bis unten, als er gerade die Jeans zumachte. Ob er noch irgendwo hinwollte? Vielleicht ging er ja zu jemand anderem, schließlich sahen wir uns bestimmt nicht so schnell wieder und er konnte mir ja nicht ewig nachhängen. Konnte also gut sein, dass er sich jemand Neuen suchte. Aber dieser Gedanke tat sehr weh, besonders in meiner Brust.

Entschlossen stand ich auf und ging auf ihn zu. Ohne Vorwarnung legte ich meine Arme um seinen Bauch und drückte mich an seinen nackten Rücken. Er roch so gut nach diesem typischen Männerduschgel. Zwar benutzte ich es auch manchmal und mein Vater auch, aber bei ihm war es richtig berauschend. Ich hätte ewig so stehen können, wollte ihn gar nicht mehr los lassen. Immer mehr schmiegte ich mich an ihn, sog diesen Duft regelrecht in mich auf, um ihn dann in meiner Erinnerung abzuspeichern.

Völlig abwesend sprach ich ihn plötzlich an, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagte.
„Schlaf mit mir.“
„Was?“
Schlagartig drehte Ren sich um, hielt mich an den Schultern fest und sah mich eindringlich an.
„Hast du überhaupt eine Ahnung, was du da gerade gesagt hast?“
„Ja.“
„Wie soll ich das denn verstehen? Gestern wolltest du nicht und heute plötzlich doch?“
„Du hast doch gesagt, dass du mir etwas schenken willst. Dann schenk mir doch einfach mein ‚erstes Mal’.“
„Aber das...“
„Bitte, Ren. Ich will es wirklich und außerdem bin ich mir sicher, dass du mir nicht wehtun wirst.“
„Ich weiß nicht. Das geht nicht einfach so auf Kommando, da muss....“
Ich unterbrach Rens Redefluss, in dem ich ihn einfach zu mir runterzog und ihn fordernd küsste. Es war eine übereilte Aktion, aber ich wusste, dass ich es wollte, dass ich es mit ihm erleben wollte und mit niemandem sonst.

Auch Ren schien das zumerken, denn er erwiderte meinen Kuss und schob mich zu den Betten hin, ohne sich von mir zu lösen. Ich spürte die weiche Matratze an meinem Rücken und Rens Zähne, die spielerisch an meinen Lippen knabberten. Sanft drang er mit seiner Zunge in meinen Mund, als ich leise in den Kuss stöhnte. Es war so angenehm, ihn zu spüren, auch wenn die Sachen etwas störten. Zumindest mein T-Shirt, denn er hatte nur die Jeans an.

Seine Hände fuhren sanft an meinen Seiten endlang, bevor sie am Saum des Shirts ankamen und darunter schlüpften. Eine leichte Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus und ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Seine Hände waren etwas kühl, aber sehr angenehm auf meiner erhitzten Haut. Überhaupt war mir ziemlich heiß. Und mir wurde noch viel heißer, als Ren plötzlich anfing an meinem Hals zu knabbern und zu saugen. Es war einfach unbeschreiblich.

Ich keuchte erschrocken auf, als ich Rens forsche Hände auf meiner Brust spürte, die unentwegt darüber streichelten. Was machte er nur mit mir? Ich konnte überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen, so benebelt war ich schon. Ich fragte mich, ob das immer so war…

Sanft zog er mir das Shirt über den Kopf und hauchte federleichte Küsse auf jedes Stück freigelegte Haut. Als er an meinem Schlüsselbein angekommen war, küsste er sich weiter nach oben und verschloss meine Lippen wieder mit seinen. Ohne seine Aufforderung öffnete ich wieder meinen Mund und sofort war seine Zunge auch wieder bei meiner und neckte sie vorwitzig. Nur zu gern ging ich auf dieses Spiel ein.

Allerdings löste er sich für meinen Geschmack wieder viel zu schnell von mir und küsste sich seinen Weg wieder nach unten. Immer wieder musste ich leise stöhnen und seufzen. Als er sich jedoch an meiner Hose zu schaffen machte, hielt ich seine Hände fest. Wie schon beim ersten Mal sah Ren mich verwundert und fragend an.
„Soll ich aufhören?“
Ich überlegte. Wollte ich denn, dass er aufhörte oder war es einfach nur ein Reflex gewesen? Ich konnte nicht leugnen, dass mir seine Berührungen gefallen hatten, was mir meine schon recht enge Hose bestätigte.

„Nein, ich will es! Es ist nur...so ungewohnt.“
„Bist du dir sicher, Shin-chan?“
„Ja, bitte mach weiter, ich halte dich nicht mehr ab.“
„Vergiss nicht, ich höre jederzeit auf, wenn du nicht mehr willst.“
Ich nickte stumm und ließ mich wieder in die Kissen fallen, versuchte mich zu entspannen. Ren würde mir nicht weh tun, dass hatte ich selber gesagt und ich vertraute ihm…

Vorsichtig hob er mein Becken an, damit er mir die Hose von den Hüften streifen konnte.
Ich zitterte am ganzen Leib, als er mir das Kleidungsstück gleich mit der Unterwäsche herunterzog, doch er küsste mich zärtlich und flüsterte mir kleine Liebesbeteuerungen ins Ohr. Das beruhigte mich sehr und ich konnte ihn weitermachen lassen.
Als er mich komplett entkleidet hatte, setzte er sich kurz neben mich und starrte mich aus seinen eisblauen Augen an.
„Weißt du eigentlich, wie schön du bist, Shin-chan?“, hörte ich ihn murmeln und mir schoss die Röte ins Gesicht.
Was sagte der denn da? So etwas wollte ich jetzt nicht hören, das war mir peinlich. Schließlich lag ich komplett nackt unter ihm und er hatte immer noch seine Jeans an, obwohl sich unter dem Stoff schon eine beträchtliche Beule abzeichnete.


Beschämt wand ich meinen Blick ab und er lachte leicht.
„Was ist denn?“, hauchte er in mein Ohr. „Schämst du dich, weil du so etwas in mir auslöst?“
Ich konnte nur nicken und kam mir dabei unendlich blöd vor.
Ren beugte sich hinunter und hauchte mir Küsschen auf die Lippen, bis ich den Mund wieder aufmachte und er hineintauchen konnte.
Wir verloren uns in einem weiteren Zungenspiel, das irgendwann wegen Luftmangel unerbrochen werden musste.
Mittlerweile war mir ziemlich heiß… Er war so zärtlich und lieb zu mir, dass ich fast zu weinen begann.
Mit einer Hand streichelte Ren durch mein Harr, die andere wanderte liebkosend über meinen Körper, bis sie an meinem Schritt angelangt war.
Er küsste mich wieder sanft, dann fordernder und ließ meine Nervosität verschwinden, bis ein denken vollkommen ausgeschaltet war.

Ich bekam nicht mehr viel mit, wusste nur noch, dass es ein wunderschönes Erlebnis war, dass ich nie wieder vergessen würde.
Nie wieder...

~*~*~*~*~*~

Noch etwas müde und geschafft wachte ich am nächsten Morgen auf. Mein Hintern schmerzte etwas, aber ich kuschelte mich trotzdem an den starken Körper neben mir. Ren schlief noch und so verbrachte ich die Zeit damit, etwas zu dösen und ihn hin und wieder anzusehen. Es dauerte jedoch nicht lange und auch er war wach.
„Guten Morgen, Shin-chan!“, sagte er glücklich und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn.
Ich schmiegte mich noch mehr an ihn und streichelte leicht über seinen Oberkörper, während er mich sanft im Nacken kraulte.

Plötzlich wurde ich etwas traurig, weil mir etwas eingefallen war und natürlich blieb Ren das nicht verborgen.
„Hey, was hast du? Bereust du es?“, fragte er besorgt.
„Nein, überhaupt nicht. Aber in weniger als sechs Stunden muss ich schon am Bahnhof sein.“
Ren zog mich noch weiter zu sich und strich mir über die Haare.
„Na, dann haben wir ja noch eine Stunde.“
„Bist du sicher?“
„Ja, man braucht von hier drei Stunden bis zum Bahnhof. Du hast also noch genügend Zeit.“
Er hatte Recht. Ich würde noch etwas liegen bleiben und seine Nähe genießen und vielleicht sogar mit ihm duschen, wie er es sich gewünscht hat. Mal sehen.

~*~*~*~*~*~

Zwei Stunden später stand ich abmarschbereit vor den anderen.
„Vielen Dank noch mal, dass ich hier wohnen durfte.“
„Du kannst jeder Zeit wieder kommen, Shinja“, sagte Mayumi und umarmte mich herzlich.
Auch ihre Mutter tat es ihr gleich und steckte mir noch eine Tafel Schokolade zu.
„Als Notproviant“, flüsterte sie.
Rens Vater und Großvater gab ich die Hand, weil ich nicht wusste, ob sie es leiden konnten, wenn ich sie umarme. Allerdings taten sie es selber und klopften mir aufmunternd auf den Rücken. Der Einzige, der nicht da war, um sich von mir zu verabschieden, war Ren. Es tat sehr weh, dass er mich anscheinend nicht mehr sehen wollte.

Mayumi regte sich darüber auf, dass ihr Sohn keinen Anstand hätte, aber ich versicherte ihr, dass es nicht so schlimm war, obwohl das natürlich eine glatte Lüge war.
„Wer hat hier keinen Anstand“, ertönte es plötzlich etwas säuerlich von der Treppe.
Ren kam hinunter. Er kam auf mich zu und drückte mir etwas in die Hand.
„Das hast du oben vergessen.“
„Mein Handy, ich hab gedacht, ich hätte es in die Tasche gesteckt.“
„Nein, es lag noch auf dem Boden.“
„Danke, Ren.“
„Schon gut.“
Ohne mich weiter anzusehen, ging er in den Flur und zog sich Schuhe und Jacke an.
„Also, ich geh dann mal“, verkündete er monoton.
„Und, wohin?“, fragte sein Vater.
„Ich bring Shinja zum Bahnhof, bei seinem Orientierungssinn kommt er noch zu spät.“
Für diesen Satz hätte ich Ren um den Hals fallen können, aber ich verkniff es mir. Stattdessen beeilte ich mich, mich auch fertig zu machen.

~*~*~*~*~*~

Auf dem Weg sprachen wir nicht viel, aber das war auch nicht nötig. Wir beide hingen unseren Gedanken nach und sie waren bestimmt ähnlich. Allerdings ging mir diese Stille dann doch auf die Nerven.
„Danke, dass du mich zum Bahnhof bringst.“
„Mach ich gern, du hast ja wirklich einen miesen Orientierungssinn.“
„Das weiß ich selber“, entgegnete ich gespielt bissig.
Ren lächelte einfach so vor sich hin und je länger ich in ansah, desto mehr wurde mir bewusst, wie sehr ich ihn wirklich vermissen würde. Es waren nicht die anderen, die eine Hälfte von mir dazu bewogen hier zu bleiben, es war ganz allein Ren. Nur wegen ihm wollte ich hier bleiben. Die anderen würden mir zwar auch fehlen, aber Ren am allermeisten.

~*~*~*~*~*~

Wir standen auf dem Bahngleis, der Zug war schon da, ich musste nur noch einsteigen. Aber ich konnte nicht. Ich wollte hier bleiben, hier bei ihm und nie wieder von ihm weg. Er hatte Gefühle in mir geweckt, die ich bis dahin überhaupt nicht kannte. Mir Dinge gezeigt, von denen ich nie zu träumen gewagt hätte. Ja, ich wusste nun endlich, was ich fühlte.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sah ihm fest in die Augen.
„Ren, ich...“
In dem Ren mir einen Finger auf den Mund legte, brachte er mich zum Schweigen. Verständnislos sah ich ihn an, als er den Kopf schüttelte.
„Heb dir das lieber für jemanden auf, der es wert ist.“
Ruckartig drehte Ren sich um und ging. Er ging einfach so, ohne mir auf Wiedersehen zu sagen, ohne mir noch einmal einen kleinen Kuss zu geben. Einfach so verschwand er in der Menschenmenge.

„REN...“, schrie ich ihm nach, aber er hörte mich nicht, wollte mich vielleicht nicht hören.
„...du bist es doch wert...“

~*~*~*~*~*~

Ich war doch in den Zug gestiegen. Abwesend sah ich aus dem Fenster, in Gedanken hing ich immer noch der Szene auf dem Bahnhof nach. Warum hatte er sich nicht von mir verabschiedet und warum sagte er, er wäre es nicht wert? Wollte er mich am Ende doch nur ins Bett kriegen? Nein das glaubte ich nicht. Vielleicht hatte er sich einfach nicht von mir verabschieden können, denn ich hätte es im Nachhinein auch nicht gekonnt.

In dem Spiegelbild des Fensters konnte ich sehen, dass ich schon wieder weinte. Er hatte es mir beigebracht, wieder zu weinen und bei dieser Erinnerung flossen nur noch mehr Tränen. Leicht schluchzend klammerte ich mich an meinen Rucksack. Ich vermisste ihn schon jetzt so schrecklich.



10. Sehnsucht

Seit einen Monat war ich nun schon wieder zu Hause. Meine Eltern hatten mich vom Bahnhof abgeholt und mich freudig in die Arme geschlossen. Alles hatten sie mir erzählt. Wie es dem kranken Onkel ging, dass er sich gefreut hatte, sie zu sehen, es aber bedauert hatte, dass ich nicht mit war und was sie alles gemacht hatten. Die Amis sollten ganz merkwürdige Gewohnheiten haben. Sie kauften so gut wie nur Fast Food und kochten wenig selbst. Außerdem sollten sie recht dick sein. Selbst der Onkel hatte sich an dieses Leben angepasst.

Natürlich fragten sie auch, wie es mir so ergangen war. Ich erzählte ihnen so gut wie gar nichts, nur dass es mir gefallen hatte, die Schule ganz OK gewesen war und ich mich mit Ren vertragen hatte, aber sonst nichts. Doch nach den ersten zwei Tagen glaubten sie mir das sichtlich nicht mehr.

~*~*~*~*~*~

Die Schule war langweilig. Ich erwischte mich sogar am ersten Tag dabei, wie ich auf dem Schulhof nachsah, ob nicht irgendwo eine kleine Gruppe stand und ein Mädchen einem blonden Jungen eine Kopfnuss verpasste.
Im Unterrichtsstoff hinkte ich etwas hinterher und allen bisherigen ‚Freunden’ kehrte ich den Rücken. Ich sagte ihnen, dass sie immer nur kamen, wenn sie was wollten und dass ich auf solche Schleimscheißer verzichten konnte.

Ich sah mich nicht nach Mädchen um, das wollte ich auch gar nicht. Aber Jungen betrachtete ich auch nicht. Allerdings hatte ich mich mit dem Außenseiter der Klasse, Ryo, angefreundet, der sich vor einem Jahr geoutet hatte. Er war schwul und verbarg das auch überhaupt nicht. Er war der Einzige gewesen, der mich auf meine meist niedergeschlagene Laune ansprach und gefragt hatte, ob ich nicht Liebeskummer hätte und ob er mir helfen könnte. Seitdem hingen wir fast immer zusammen herum. Dass ich jetzt auch als schwul galt, war mir reichlich egal. Dann war ich es halt, schließlich trauerte ich ja auch einem Jungen nach.

Ja, einem Jungen, aber nicht irgendeinem. Pausenlos dachte ich an Ren und ließ alle Ereignisse noch einmal Revue passieren. Ich vermisste ihn schrecklich. Sein Lächeln, seine Stimme, einfach alles. Ich wollte ihn wieder sehen, nur sehen.

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Ryo und ich gingen zusammen nach Hause. Wir hatten annähernd denselben Weg.
Vor einem Schmuckgeschäft blieb ich stehen und sah sehnsüchtig in die Auslagen. Ein kleiner, silberner Kreuzanhänger hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Er erinnerte mich stark an Rens Kreuz und ich war sogar gewillt, ihn mir zu kaufen.

Ryo stand neben mir und sah ebenfalls hinein.
„Der Anhänger ist echt schön. Willst du ihn dir kaufen?“, fragte er ruhig.
„Nein, ich glaube nicht. Es gibt einen viel Schöneren, aber den werde ich nie haben können.“
Seufzend ging ich weiter, ohne auf Ryo zu warten. Er schien zu merken, dass ich allein sein wollte, denn er lief mir nicht nach. Ich hörte ihn nur noch von weitem ‚Tschüss’ rufen.

~*~*~*~*~*~

An einer Kreuzung blieb ich stehen. Die Ampel stand auf Rot. Ungläubig sah ich in die Menschenmasse mir gegenüber. Konnte das sein? Mitten unter ihnen stand Ren und grinste mich wissend an, wobei seine eisblauen Augen glänzten. Ich kniff die Augen mehrmals zusammen und als ich ihn wieder ansehen wollte, war er weg.

Traurig senkte ich den Kopf. Es war nicht das erste Mal, dass ich Ren plötzlich sah. Eigentlich sah ich hin fast ständig und manchmal hatte ich sogar seine Stimme im Ohr. Was ich auch tat, ich konnte ihn einfach nicht vergessen. Er hatte mein ganzes Leben umgekrempelt und dann war er einfach so gegangen ohne sich von mir zu verabschieden.

~*~*~*~*~*~

Gedankenverloren saß ich in meinem Zimmer und spielte etwas mit dem Handy. Ich wollte endlich mal die ganzen Nummern löschen, die ich nicht brauchte, die aber von Anfang an gespeichert waren.
Also ging ich das ganze Telefonbuch von A bis Z durch. Eine Restaurantnummer, die brauchte ich nicht. Schlüsseldienst war vielleicht noch ganz nützlich. Ren...Ren?

Ungläubig sah ich auf das Display, da stand wirklich Ren. Aber wie konnte das sein? Ob er sie mir drauf gespeichert hat? Bestimmt! Wahrscheinlich kurz bevor ich abgefahren war. Ich war mir doch sicher gewesen, das Handy eingepackt zu haben, aber er hatte es dann von oben geholt. Ich war mir sicher, dass er es da gemacht hatte.

Ich konnte Ren also nun anrufen und endlich wieder seine Stimme hören. Ich bräuchte nur auf den grünen Telefonhörer zu drücken und wäre mit ihm verbunden. Trotzdem zögerte ich. Was, wenn er mich gar nicht hören wollte? Wenn er mich schon vergessen hatte? Aber dann hätte er mir doch nicht seine Nummer geschrieben. Nur Mut!

Ich drückte also den Knopf und hielt den Hörer ans Ohr. Das Freizeichen ertönte. Eine ganze Weile geschah nichts, dann wurde abgenommen. Ich hörte laute Musik im Hintergrund und seine Stimme.
„Ja?“, fragte er.
Allein der klang seiner Stimme ließ einen Schauer über meinen Rücken laufen.
„Hallo, wer ist denn da?“
Was, er wusste nicht, wer hier war? Hatte er es denn nicht gelesen?

Schnell legte ich wieder auf. Er wusste nicht, wer ich war? Er hatte mich wirklich schon so schnell vergessen?
Eine kleine Träne lief meine Wange hinunter, die ich aber gleich wieder wegwischte. Das konnte doch nicht sein. Aber vielleicht hatte er ja in der Eile nicht darauf geachtet, wessen Nummer da stand.

Mit neuer Hoffnung, dass er mich vielleicht zurückrufen würde, wenn er erst einmal sah, dass ich es gewesen war, machte ich mich daran, mal wieder meine Hausaufgaben zu machen. Allein seine Stimme gehört zu haben machte mich unheimlich glücklich und ich fühlte mich leicht wie eine Feder. Alles ging mir so einfach von der Hand wie lange nicht mehr.

~*~*~*~*~*~

Jedoch verblasste dieses Gefühl wieder und mir wurde immer schwerer ums Herz. Nicht einmal hatte er angerufen oder eine SMS geschrieben. Was war denn nur los? Interessierte es ihn nicht, wer ihn angerufen hatte oder interessierte ich ihn nicht mehr? Immer mehr drängte sich mir der Gedanke auf, dass Ren die ganze Zeit nur mit mir gespielt hatte. Und ich war auch noch so dumm gewesen und war darauf reingefallen. Wie hatte ich nur so ein Idiot sein können?

Täglich rang ich mit mir ob ich ihn noch einmal anrufen sollte oder nicht. Jedes Mal entschied ich mich für Nein. Auch aß ich sehr wenig, wenn sogar gar nichts. In der Schule wurde ich immer schlechter, sprach keinen Ton mehr. Auch Ryo drang nicht mehr zu mir durch, der Einzige, der annähernd verstand, wie es mir ging. Ich vernachlässigte meine Eltern, meinen einzigen Freund, einfach alles und das nur wegen ihm.

~*~*~*~*~*~

Unentschlossen sah ich wieder auf das Handy in meiner Hand. Rens Nummer sprang mir förmlich ins Gesicht. Ich musste nichts weiter tun als den kleinen Knopf zu drücken und wäre sofort mit ihm verbunden, könnte ihn hören und ihm alles sagen. Doch wie immer konnte ich mich nicht entscheiden. Ich wollte ihm nicht alles am Telefon sagen. Ich wollte ihn und die Reaktion auf meinen Worte sehen, aber das ging nicht.

Meine Ma rief mich zum Essen. Eigentlich hatte ich keinen Hunger, aber ich sah ihr täglich an, was sie sich für riesige Sorgen machte und auch mein Vater war da nicht anders. Allerdings sprachen sie mich nicht darauf an, sondern benahmen sich wie immer oder versuchten es zumindest. Ich hatte wirklich Glück solche Eltern zu haben.

Mehr schlecht als recht kaute ich an den Glasnudeln, die ich eigentlich gerne aß und die meine Ma extra für mich gemacht hatte.
„Darf ich euch mal was fragen?“, brach ich das unangenehme Schweigen, das schon seit Tagen beim Essen auftauchte.
„Aber natürlich, mein Schatz.“
Ich sah meiner Mutter die Freude an, dass ich mal wieder mit ihnen reden wollte, schließlich hatte ich das schon lange nicht mehr getan.

„Würdet ihr mich immer noch lieben und hier haben wollen, wenn ich anders wäre als andere?“
Verständnislos sahen meine Eltern mich an.
„Wie meinst du das?“, fragte mein Vater.
„So wie ich es sage, wenn ich zum Beispiel drei Augen oder fünf Arme haben würde oder schwul wäre.“
Das Letzte hatte ich nur so nebenbei gesagt, als wäre es nicht wichtig, aber innerlich war ich total aufgeregt. Ich hatte es ihnen gesagt. Mir hätte es auch früher auffallen sollen, aber damals wollte ich es nicht einsehen, doch es war so: Ich war schwul. Für mich hatte ich es akzeptiert, denn durch Ren war es mir nicht fremd, doch was würden meine Eltern sagen, besonders mein Vater?

„Gibt es denn einen Grund, warum du so denkst?“, fragte Ma vorsichtig.
Mein Vater sagte dazu erst einmal nichts, sondern saß mir mit einem nachdenklichen Gesicht gegenüber.
Auf die Frage nickte ich leicht verlegen, aß aber weiter. Wenn ich nur an Ren dachte, schoss mir das Blut in den Kopf. Ich vermisste ihn so sehr, dass ich jede Nacht von ihm träumte. Nicht selten wurde dabei das Bettlaken in Mitleidenschaft gezogen.

„Wenn das so ist“, begann mein Vater, was mich schwer schlucken ließ, „dann können wir nichts dagegen machen und was sollten wir auch dagegen tun.“
Ich sah ihn an, weil ich nicht gedacht hätte, dass er es so einfach hinnahm.
„Lohnt es sich denn wenigstens, dass du so bedrückt bist?“, fragte er lächelnd.
Na hallo, was waren das denn für neue Töne? Aber ich musste nicken. Auch wenn es mir sehr schlecht ging und ich am liebsten den ganzen Tag geheult hätte, war ich mir sehr sicher, dass es sich lohnte, das alles auf sich zu nehmen. Ren bedeutete mir unheimlich viel, mehr noch als jeder sonst.

~*~*~*~*~*~

Tief Luft holend drückte ich auf den grünen Telefonhörer. Vor Aufregung zitternd hörte ich dem Freizeichen zu, bis plötzlich abgenommen wurde.
„Hallo?“
Da war sie wieder, diese tiefe, ruhige Stimme. Mein Herz schlug schneller und ein dicker Kloß steckte mir im Hals. Ich wollte etwas sagen, aber es ging nicht.
„Hallo, wer ist denn da?“
Was? Er erkannte mich schon wieder nicht. Er wusste nicht, dass ich am anderen Ende war. Was war da nur los, wieso wusste er nicht, wer ich war?
„Wenn das einer dieser bescheuerten Telefonstreiche sein soll... Ich hab keinen Bock mehr, ich leg jetzt auf.“
Gerade als ich zum Sprechen ansetzte, hatte er aufgelegt.

Niedergeschlagen ließ ich mich auf mein Bett fallen und fing an zu weinen. Warum wusste er es nicht? Sah er denn nie auf sein Display oder hatte er meine Nummer gar nicht gespeichert?
Dabei hatte er mich doch noch nach ihr gefragt, als ich das Handy bekommen hatte.

Schniefend wischte ich mir die Tränen weg und rief Ryo an. Ich brauchte jetzt einfach jemanden, mit dem ich reden konnte.
„Moshi Moshi, Ryo desu!“, meldete er sich.
„Ryo, ich bin’s Shinja.“
„Ach du, dass wusste ich nicht. Wieso unterdrückst du denn deine Nummer?“
„Bitte was?“
„Sag bloß, das weißt du nicht. Ich hab nur deine Nummer gesehen, aber nicht deinen Namen.“
Das war also des Rätsels Lösung. Ren tat das nicht absichtlich, er hatte nur meine Nummer nicht sehen können. Kein Wunder, dass er nicht zurück gerufen hatte.

Ryos Stimme hallte plötzlich wieder durch den Hörer.
„Aber sag mal, Shinja, geht’s dir nicht gut? Du klingst so verheult.“
„Hab auch geheult, aber es hat sich schon wieder erledigt.“
„Ach so. Und warum hast du angerufen?“
„Ich wollte eigentlich mit dir reden, aber das Problem hat sich gerade von selbst geklärt. Trotzdem danke.“
„Wofür?“
„Erzähl ich dir ein anderes Mal. Bis morgen!“
„Ja, bis morgen!“
Ich hatte Ryo bestimmt ziemlich verwirrt, aber nun war ja alles klar. Indirekt hat mir das Gespräch mit ihm ja doch geholfen.

Ich beschloss, meine Nummer weiter zu unterdrücken, so konnte ich Ren immer anrufen und wenn ich kein Wort herausbrachte, war es nicht so schlimm. Außerdem machte mich allein seine Stimme zu hören schon überglücklich.

~*~*~*~*~*~

Wie schon sooft in den letzten Tagen rief ich Ren an, ohne das er wusste, dass ich es war. Allerdings klang er jedes Mal gereizter. Verständlich. Wenn mich jeden Tag ein Fremder anrufen würde, würde ich auch die Krise kriegen. Aber ich würde dann nicht mehr abnehmen, aber das tat Ren jedes Mal.

„Verdammt noch mal, hör auf, hier ständig anzurufen.“, zischte er gefährlich.
Mich störte das nicht, ich hörte ihn und egal wie, es war immer schön.
„Ren...“, sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihm.
Doch im selben Moment schlug ich mir die Hand vor den Mund. Ich hatte ganz vergessen, dass der am anderen Ende es ja mit bekam. Auf die Frage, ob er es gehört hatte, bekam ich prompt eine Antwort.
„Shinja?“
Erschrocken legte ich schnell auf. Nervös legte ich das Telefon zur Seite. Keine fünf Sekunden später klingelte es. Vorsichtig lugte ich darauf. Ich hatte eine SMS bekommen. Sie war von Ren:
‚Shin-chan, hast du mich gerade angerufen? Wenn ja, dann sag es doch!’
Nein, ich konnte ihm nicht sagen, dass ich es war, aber ich konnte ihn auch nicht anlügen, also tat ich gar nichts.

Zehn Minuten später kam noch eine Nachricht.
‚Shin-chan, hast du meine SMS bekommen? Melde dich doch!’
Ich rang mit mir, sollte ich oder sollte ich nicht? Die Fragerei machte mich müde und so schlief ich ein, ohne ihm geantwortet zu haben.

~*~*~*~*~*~

In den nächsten Tagen war ich derjenige, der mit Telefonanrufen bombardiert wurde. Immer wieder rief Ren mich an und jedes Mal ließ ich es einfach klingeln. Was war nur mit mir los? Der, nachdem ich mich seit nun mehr zwei Monaten verzehrte, meldete sich bei mir und ich war zu feige, um die Gespräche anzunehmen. Aber warum sollte ich, ich hätte eh keinen Ton heraus gebracht.

Schon so oft sagte ich mir, dass ich nicht mit ihm sprechen wollte, weil ich ihn sehen wollte und nicht nur hören. Dass das eine fette Ausrede für meine Feigheit war, war mir klar, aber irgendwie musste ich es mir selbst ja glaubhaft erklären.

~*~*~*~*~*~

Irgendwann hörte es auf und Ren rief nicht mehr bei mir und ich nicht bei ihm an. War mir eigentlich ganz recht so. Trotzdem hatte das Ganze einen bitteren Beigeschmack. Er fehlte mir so sehr. Warum war ich nur so ein verdammter Idiot?

Mein Handy klingelte. Nichts ahnend stand ich auf und ging ran. Wer dran war, wusste ich nicht, derjenige hatte seine Nummer unterdrückt. Das machte Ryo öfters, um mich zu ärgern.
„Ja bitte?“, meldete ich mich höflich.
„Shinja“, hörte ich Rens Stimme.
Ich wollte wieder auflegen, ich wollte nicht mit ihm sprechen, doch er hielt mich davon ab.
„Bitte, leg nicht auf, hör mir einfach nur zu.“
Ich stoppte in meinen Bewegungen. Ja, zuhören konnte ich ihm und tat ich gern.
„Hast du mich vor ein paar Wochen ständig angerufen?“
Ich nickte leicht, war mir aber im Klaren, dass er es nicht sehen konnte.
„Aus deinem Schweigen entnehme ich mal, dass es so war. Warum? Wieso hast du nicht mit mir gesprochen?“
„Ich konnte nicht“, überwand ich mich leise zu sagen.
„Warum denn?“
„Ich hab gedacht, du hättest mich vergessen, weil du mich nicht erkannt hast. Ich hab gedacht, dass du nur mit mir gespielt hast. Das du meinen Namen nicht sehen konntest, hab ich er später gemerkt.“
„Aber, Shin-chan...“
„Ich vermisse dich so sehr. Ich will dich nicht nur hören, ich will dich sehen. Ich will, dass du vor mir stehst. Ich brauche dich so sehr.“
Während ich sprach, flossen immer mehr Tränen über meine Wangen und ich bekam kaum noch ein Wort heraus.
„Ich liebe dich, Ren, und ich will immer bei dir sein. Nur bei dir...“
Ich erschrak, als ich plötzlich das Besetztzeichen hörte. Ren hatte einfach aufgelegt, nachdem ich ihm endlich gesagt hatte, was ich für ihn empfand, nachdem ich ihm endlich die Antwort gegeben habe, die er sich so gewünscht hatte.

Hemmungslos fing ich an zu weinen. Hatte ich etwas falsch gemacht? Hätte ich es etwa nicht sagen sollen? War seine Liebe zu mir schon längst verblasst oder empfand er überhaupt nichts mehr für mich? Warum tat er mir das an, war es doch nur ein Spiel gewesen und diese drei Worte hatten zu seinem Sieg noch gefehlt? Ich wusste es einfach nicht und mit rot geweinten Augen und unübersehbaren Tränenspuren auf den Wangen schlief ich ein.

~*~*~*~*~*~

Am nächsten Morgen, es war Wochenende, klingelte es an unserer Haustür. Verschlafen quälte ich mich aus dem Bett. Meine Eltern waren nicht da, sie waren gestern Abend weggefahren und würden das ganze Wochenende bei Freunden verbringen.

Müde zog ich mir einen Bademantel über und tapste die Treppe nach unten. Als es abermals klingelte, wurde ich wütend. Welcher Arsch klingelte denn so früh bei uns?
„Ist ja gut, ich komme schon.“
Unweigerlich erinnerte mich dies an Ren. Er hatte bei unserem ersten Treffen etwas Ähnliches gesagt, da war er auch erst aufgestanden.

Grummelnd öffnete ich die Tür und sah den Störenfried finster an. Jedoch klappte mir die Kinnlade runter, als ich sah, wer da stand. Mit allem hätte ich gerechnet, aber damit nicht.
„Morgen, Shin-chan, hab ich dich geweckt?“
„Ren...“
Wieder stiegen Tränen in meine Augen, aber dieses Mal aus Freude. Stürmisch fiel ich ihm um den Hals und küsste ihn zaghaft, da ich mir immer noch nicht sicher war, ob sich nicht doch etwas geändert hatte. Doch als Ren seine Arme um mich legte und näher zu sich zog, war aller Zweifel vergessen.

Seufzend löste ich mich wieder von ihm. Wie hatte ich diese zärtliche Berührung vermisst, ich konnte es nicht beschreiben, denn mein Herz sprang quer durch meinen gesamten Brustkorb, so glücklich war ich in diesem Moment.
Fest sah ich Ren in diese wunderschönen eisblauen Augen, die liebevoll zurücksahen.
„Ich liebe dich, Ren!“
„Ich dich auch, Shin-chan!“



~*~Owari~*~