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Chibi love Teil 8 -10

08. Masakis Schwester


Unsanft wurde Hiro am nächsten Morgen geweckt.
„Hiro-san, ich will aufstehen!“, hörte er seinen Chibi wettern.
„Dann steh doch auf.“
„Das geht aber nicht!“
„Und warum nicht?“
„Weil du Idiot mich nicht loslässt.“

Verwundert öffnete er nun doch seine Augen und sah einen grummelnden Chibi vor sich. Was meinte er damit, dass Hiro ihn nicht los lassen würde?

Erst jetzt bemerkte er, wie nah der Kleine ihm eigentlich war und dass er ihn regelrecht an sich presste. Schnell entfernte er seine Hände von den schmalen Hüften und entließ den Kleinen aus der Umklammerung.

„Oh, entschuldige.“
Murrend und grummelnd verließ Masaki das Zimmer.
Takashi und Ryo grinsten ihn an. Die beiden schienen sich das Lachen sogar regelrecht zu verkneifen.
„Was ist?“, fragte er deshalb, weil er sich auf ihr Verhalten keinen Reim machen konnte.
„Sag mal, Hiro, hast du davon geträumt, ein Mädchen neben dir zu haben?“
„Nein, wieso?“
Takashis Grinsen wurde breit.

„Weil du unseren Chibi einfach nicht gehen lassen wolltest, sondern ihn wieder zurück ins Bett gezogen hast, als er aufstehen wollte.“

„Was? So ein Quatsch! Verarschen kann ich mich auch selber.“
„Nee, ne kalte Dusche würde dir jetzt besser tun“, riet Ryo und warf seinem Klassensprecher ein Handtuch ins Gesicht.



~*~*~*~*~*~



Als Hiro die Badtür öffnete kam ihm Noboru entgegen. Schnell stellte er fest, dass er und der Chibi unter der Dusche, die einzigen waren.

*Seltsam, wir sind immer allein...*

Langsam ging er auf die Dusche zu und lehnte sich an die abgrenzende Wand. Er musste jetzt wissen, ob Takashi ihn wirklich nur verarscht hatte.

„Sag mal, Chibi, hab ich dich wirklich am Aufstehen gehindert?“

„Ja, sogar dreimal. Jedes Mal wenn ich mich nur leicht aufgerichtet habe, hast du mich sofort wieder zurück gezogen. Hattest du Angst mich zu verlieren?“, scherzte Masaki.

„Keine Ahnung, ich weiß nicht mehr was ich geträumt habe.“

Seltsam, Hiro konnte immer noch nicht so recht glauben, dass er das wirklich getan haben sollte. Aber sein Chibi würde ihn doch nicht anlügen, oder doch?

Die Kabinentür wurde aufgeschoben und Masaki Kopf lugte heraus.

„Hiro-san, könntest du mir bitte mein Handtuch geben?“

„Warum, du kannst es dir doch selber holen.“

*Scheiße, nein, das hab ich jetzt nicht wirklich gesagt, oder?*

„Stimmt eigentlich.“

Der kleine Junge machte schon Anstalten, wirklich aus der Dusche zu treten, als Hiro ihn schnell davon abhielt.

„Warte, ich gebe es dir, sonst erkältest du dich noch.“

Verständnislos sah Masaki seinen Freund an, nahm dann aber dankend das Handtuch entgegen. Als er wieder heraustrat, hatte er das Handtuch um seinen ganzen Körper geschlungen. Es war so groß, dass es ihm bis über die Knie reichte.

*Zum Glück!*, dachte Hiro, als er sich den eingemummelten Chibi ansah.

Dieser stand zufrieden lächelnd vor ihm.

„Übrigens, guten Morgen, Hiro-san!“, dann verließ er den Raum.

Ebenfalls lächelnd sah Hiro ihm nach. Doch plötzlich verging ihm das Lächeln.

*Warum hab ich ihn eigentlich davon abgehalten, sich sein Handtuch selbst zu holen? Ich meine, was wäre denn dabei gewesen, schließlich ist er auch nur ein Junge. Andererseits...nein, nein, vergiss es, Hiro. Das hat damit nicht zu tun. Nur weil ich mit meinem Bruder verwandt bin, muss ich nicht die selben Vorlieben haben. Außerdem interessieren mich die anderen auch nicht und haben es nie. Basta!*



~*~*~*~*~*~



Auch ein anderer war in Gedanken versunken und steuerte scheinbar ziellos durch den Gang.

*Was ist denn nur mit Hiro-san los? Irgendwie benimmt er sich eigenartig, seit wir hier sind. Bekommt ihm vielleicht die Meeresluft nicht? Er ist ganz anders als in der letzten Woche. Allerdings kenne ich ihn ja noch nicht lange, woher will ich also wissen, dass er sich jetzt nicht so benimmt wie sonst und in der Woche als ich kam, komisch war? Mist, ich werde nicht mal aus meinen eigenen Gedanken schlau.*

„Na, du Zwerg, hast du dich verlaufen?“, fragte ein dunkle Stimme.
Masaki sah seinen Gegenüber an und seine Miene hellte sich gleich auf.
„Guten Morgen, Kôji-san, hast du gut geschlafen?“
„Ja, sehr gut! Und du?“, entgegnete der Strohblonde freundlich.
„Prima!“
*Schließlich durfte ich wieder bei Hiro schlafen*, fügte der Kleine noch grinsend in Gedanken hinzu.
„Das ist schön.“

Kôji wuschelte Masaki noch schnell durch die feuchten Haare, bevor er weiter seiner Wege ging.

*Komisch, bei Hiro fühlt sich das schöner an. ... Egal!*

Wieder gut gelaunt, ging er in sein Zimmer.



~*~*~*~*~*~



Wie schon zwei Tage zuvor saßen oder lagen alle Schüler am Strand. Ihr Lehrer hatte Wort gehalten.



Quietschfiedel kam der Chibi aus dem Wasser gerannt. Er ließ sich auf sein Handtuch plumpsen, welches natürlich neben Hiro lag. Masaki nahm die Sonnencreme aus seinem Rucksack und schmierte sich ein. Den Rücken jedoch konnte er nicht erreichen. Bittend sah er seinen Freund an, doch ob er das unter der dunklen Sonnenbrille erkennen konnte?

„Hiro-san, könntest du mir bitte den Rücken eincremen?“

„Nein, ich lieg grad so schön. Frag doch mal Himeko.“

„Na gut.“

Ein bisschen enttäuscht war Masaki schon, denn irgendwie hatte er sich darauf gefreut. Er konnte sich noch gut an das letzte Mal erinnern, es war beinahe so gewesen, als hätte Hiro ihn einwenig massiert und es hatte sich sehr angenehm angefühlt.

Aber da er nichts daran ändern konnte, stapfte er zu Himeko hin, die ihrem Kleinen natürlich diese Bitte erfüllte. Zwar fühlte er sich wohl bei Himeko, aber es war kein Vergleich mit dem Gefühl, was er immer hatte, wenn er bei Hiro war.



Dieser lag immer noch unbeweglich und mit hinter dem Kopf verschränkten Armen da. Schon die ganze Zeit starrte er einfach nur in den Himmel. Er hatte den Kleinen noch nicht einmal angesehen. Was war denn nur los? Fieberhaft überlegte Hiro, seit wann er sich so seltsam benahm und wieso. In der Schule glaubte er noch ganz normal gewesen zu sein und als sie hierher gefahren waren auch. Und dann? Er kam zu dem Schluss, dass er sich so verhielt, seitdem er mit dem Chibi zum ersten Mal hier am Meer gewesen war und ihn beobachtet hatte. Da hatte er doch schon so komische Gedanken gehabt. Und dann hatte er ihn auf einem Foto auch noch in einem Kleid gesehen und ihn für ein Mädchen gehalten. Vielleicht war das ja der Grund. Masaki hatte einfach mädchenhafte Züge an sich und seine schlanke Gestalt erinnerte Hiro auch an ein Mädchen, nur halt eben ohne Oberweite. Ja, so musste es sein.

„Woran denkst du, Hiro-san?“

Langsam drehte der Ältere seinen Kopf zu dem kleinen Jungen, der ihn gespannt ansah. Er sah richtig niedlich aus, wie er da so hockte und seine großen Augen auf ihm ruhen ließ.

„Ich hab mir gerade überlegt, nach was diese Wolke aussieht.“

Er zeigte auf den weißen Fleck, der direkt über ihm war. Masaki lehnte sich etwas runter, denn er wusste nicht, welche Hiro meinte.

„Welche denn?“

Hiro wurde etwas unbehaglich, als der Kleine immer näher kam.

„Na, die da!“

„Die sieht aus wie ein Bananensplitt!“

„Wie ein Bananensplitt? Was hast du denn für Ideen, Chibi?“

„Was kann ich denn dafür, sie sieht nun mal so aus!“

„Von wegen, du willst doch nur, dass ich dir ein Eis kaufe.“

„Gar nicht wahr! Ich hab dir schon mal gesagt, dass ich von niemandem Geld annehme...“, entrüstete sich der Kleine.

„Entschuldige bitte, ich hab’s nicht so gemeint“

„Ich weiß.“



„Ist es wegen deiner Schwester?“, fragte Hiro leise, damit die anderen es nicht hören konnten.

„Wie...wie kommst du denn da drauf?“

„Ich hab so ein Gefühl. Hab ich damit Recht?“

„Ja, aber ... ich erzähl dir irgendwann davon!“

„Indianerehrenwort?“

„Indianerehrenwort.“

Lange sah Masaki Hiro einfach nur an. Er konnte gar nicht oft genug sagen, wie sehr er die Augen des Älteren mochte. Irgendetwas lag in ihnen, dass ihn ungemein beruhigte.

Plötzlich wurde dieser schöne Moment unterbrochen, als eine kalte Stimme beide ansprach und Hiro automatisch den Kopf dieser zuwandte.

„Lieg hier nicht so faul rum, Maruyama, lass uns endlich spielen.“

„Was?“

Hiro schien nicht wirklich zu verstehen, was Kôji von ihm wollte.

„Ich hab ja gewusst, dass du sie nicht mehr alle hast, aber dass du so träge bist, hätte ich echt nicht gedacht.“

Noch immer rührte sich der Brünette nicht, wo war er nur mit seinen Gedanken?

„Hiro-san, er meint das Volleyballspiel“, half Masaki ihm weiter.

„Ach so. Ja gut, dann lass uns spielen.“

„Wurde ja auch Zeit, dass du in die Gänge kommst!“

Genervt rollte Kôji mit den Augen und sein Blick blieb schließlich an Masaki hängen, der ihn freundlich anlächelte.



Es war geradezu eine Wohltat zu sehen, wie verwundert Maruyama war, weil der Zwerg Kôji nicht einmal böse ansah. Es fiel dem Blonden zwar nicht besonders leicht freundlich zu sein, aber was tat man nicht alles, um andere zu quälen. Wobei es sich am Morgen gelohnt hatte. Der Gnom hatte wirklich niedlich ausgesehen, wie er da so in das Handtuch eingewickelt gestanden und ihn naiv angelächelt hatte.

„Übrigens, Zwerge können heute mitspielen.“

„Wirklich? Und du schießt den Ball auch nicht mit Absicht auf mich?“

„Nein.“

Zufrieden beobachtete Kôji, wie Hiro seinen kleinen Freund ansah und nicht wusste, was er von der ganzen Sache halten sollte.



Und das tat er wirklich nicht. Was war denn hier nur los? Erst smilte sein Chibi diesen Kerl an und der war noch nicht mal sauer, sondern sagte, dass dieser mitspielen könnte. Hatte er irgendetwas verpasst?

Der Kleine winkte Kôji noch leicht hinterher, ehe er sich wieder zu Hiro umdrehte und immer noch lächelte.

„Sag mal, Chibi, hab ich irgendetwas nicht mitbekommen?“

„Ja. Ich habe mit Kôji geredet und er hat versprochen, dass er mich akzeptiert und gemeint, dass wir vielleicht Freunde sein könnten.“

Misstrauisch musterte Hiro seinen Freund und sah ihm kritisch in die Augen. Aber anscheinend meinte dieser es wirklich ernst, also gab er es gleich auf, ihn zu belehren, dass man Kôji nicht vertrauen konnte. Sollte der Kleine ruhig selber lernen, dass es nicht gut war, jemandem einfach zu vertrauen, aber Hiro würde ihn trotzdem immer schön im Auge behalten.



~*~*~*~*~*~



Das Spiel verlief wie beim ersten Mal. Beide Mannschaften waren gleich stark und wenn eine dachte, sie läge endlich in Führung, da hatte die andere auch schon wieder aufgeholt. Von den Seiten wurde kräftig angefeuert und auch ein paar Außenstehende sahen sich an, was die Teenager da fabrizierten. Zwar meinten einige Erwachsene, es wären unprofessionell, aber sie gingen trotzdem nicht weg. Die Schüler störten sich nicht an den Besserwissern, sondern unterstützten ihre jeweilige Mannschaft.



Nur Masaki wusste nicht so recht, was er machen sollte. Er hatte beschlossen, doch nicht mitzuspielen und stand nun vor der quälenden Frage: Wen sollte er anfeuern? Natürlich wollte er Hiro anfeuern, doch das fand er dann Kôji gegenüber nicht ganz fair, denn irgendwie hatte er das Gefühl, das der Ältere ihn doch zu mögen schien. Es war natürlich riskant, so etwas gleich anzunehmen, aber der Kleine kam von diesem Gedanken einfach nicht ab.

Kurzerhand entschied er sich dann, beide anzufeuern, aber nur im Kopf, denn die anderen hätten bestimmt so komisch geguckt wie Hiro, als er ihm erzählt hatte, was passiert war.

*Aber ihm schien es gar nicht zu passen, dass ich mich mit Kôji vertragen habe, oder täusche ich mich da?*



„Ja, klasse gemacht, Kôji-san!“, entfuhr es dem Jungen, als er sah, wie der Ball in Hiros Feld fiel.

Entgeistert sah ihn dieser an. Erst sagte der Chibi gar nichts und dann beglückwünschte er auch noch ihre Gegner?

Auch alle anderen sahen den Kleinen misstrauisch an und einfeiner Rotschimmer legte sich auf seine Wangen. Anscheinend war es ihm sehr peinlich und auf seltsame Art und Weise verschaffte es Hiro Genugtuung. Außerdem verflog seine aufkommende Eifersucht, bei diesem niedlich Anblick. Leider hielt es nicht sehr lange, denn als er Kôji ansah, grinste der ihn nur herausfordernd an, anstatt überrascht zu sein. Jetzt stand es für Hiro außer Frage, dass dieser Kerl seinen kleinen, naiven Chibi nur etwas vorspielte.



~*~*~*~*~*~



Das Spiel endete wieder einmal unentschieden und man beließ es dabei. Es würde noch genug Gelegenheiten geben zu sehen, wer die Besseren waren.

Da es der letzte Tag der Klassenfahrt war, entschieden die Lehrer, dass sie noch länger am Strand blieben und nicht ein Schüler murrte. Nun ging die Sonne jedoch schon unter und wohl oder übel mussten sie doch alles zusammen packen.



Hiro stopfte gerade sein Handtuch in den Rucksack, als ihm der Rücksack seines Chibis neben seinem auffiel. Aber wo war der Kleine?

Suchend sah er sich um und entdeckte ihn, wie er am Strand stand und den Sonnenuntergang beobachtete.

Mit den beiden Rucksäcken bewaffnet trat Hiro neben den Kleineren, ohne ihn dabei anzusehen.

„Wir müssen los.“

„Ja.“

„Hast du genügend Muscheln für deine Schwester gefunden?“

„Ja“, antwortete der Chibi monoton.

Nun musste Hiro ihn doch ansehen. Ein bedrückter Ausdruck hatte sich auf das sonst so fröhliche Gesicht gelegt und die großen, grünen Augen sahen sehnsüchtig in die Ferne.

„Weißt du, was seltsam ist, Hiro-san?“, fragte der Kleine, wartete aber nicht auf Hiros Antwort. „Eigentlich müsste ich das Meer hassen, da es Schuld am Zustand meiner Schwester ist. Und trotzdem liebe ich es so sehr. Den Geruch, die Luft und die Geräusche, genauso wie sie es auch tut. Ist das nicht total verrückt, wir lieben etwas, was wir eigentlich hassen sollten, genau so wie unsere Eltern es tun.“

Durch die rötliche Färbung der Sonne, konnte Hiro ganz klar die Tränen erkennen, die sich in den Augenwinkeln des Kleinen gebildet hatten. Ehe sie jedoch hinunterlaufen konnten, wischte Hiro sie ihm sanft weg und schloss den kleinen Jungen in seine Arme. Sogleich drückte dieser sich an ihn und krallte sich in das T-Shirt.

„Nein, es ist nicht verrückt. Mach dir keine Sorgen, besonders nicht, wenn deine Schwester dem Meer auch nicht böse ist.“



„Es ist meine Schuld, alles meine Schuld“, schluchzte Masaki.

Er war froh, dass Hiro bei ihm war und ihn festhielt. Wieder waren diese schrecklichen Bilder vor seinem Auge, doch die tröstende Hand, die ihm über den Rücken strich und die beruhigenden Worte ließen sie langsam wieder verblassen.

„Ssshhh, ganz ruhig. Komm lass uns zu den anderen gehen und wenn wir wieder in unserer Unterkunft sind, kannst du mir alles erzählen, wenn du willst.“

Zögerlich nickte Masaki und ließ Hiro dann wieder los. Schnell wischte er sich die Tränen weg und nahm seinem Freund den Rucksack ab. Er lächelte ihn fröhlich an und rannte dann zu Himeko und Takashi, die schon auf sie warteten. Stolz zeigte er dem großen Jungen seine Tüte, in denen die Muscheln waren. In Wirklichkeit hätte er am liebsten einfach weiter geweint, aber er wollte den anderen keine Sorgen bereiten, so wie er es Hiro bereits antat.



~*~*~*~*~*~



Schweigend saßen Masaki und Hiro auf dessen Bett nebeneinander. Das Abendbrot ließen sie ausfallen, der Kleiner hatte eh keinen Hunger. Am liebsten würde er sich jetzt in Hiros Armen verkriechen, aber er konnte ihn ja nicht einfach so fragen, das gehörte sich einfach nicht.

„Willst du reden, Chibi?“, fragte Hiro sanft, da ihm diese Stille ziemlich auf die Nerven ging.

Schweigen. Kein Laut kam über seine Lippen.

„Schon gut, du musst natürlich nicht!“

„Nein!“, platzte es plötzlich aus dem Kleinen heraus und er wurde sofort rot. „Ich möchte es dir schon erzählen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“

„Warum solltest du das Meer hassen?“

„Wegen ihm kann meine Schwester nicht mehr laufen.“

Verwundert sah Hiro ihn an.

„Das verstehe ich nicht?“

Masaki holte einmal tief Luft und fing dann an, in einem ruhigen Ton zu erzählen.

„Vor sieben Jahren, waren meine Eltern mit uns ans Meer gefahren, weil ich es unbedingt sehen wollte. Wir hatten einen schönen Tag, auch wenn es kalt war. Meine Schwester und ich sammelten Muscheln, während uns unsere Eltern dabei zusahen.

Als wir dann am Abend nach Hause fuhren, redeten wir nur darüber, wie schön es gewesen war und lachten. Ein paar Mal sah mein Vater nach hinten, weil wir ihm irgendeine Muschel zeigen wollten. Dadurch bemerkte er zu spät den LKW, der ungebremst auf uns zufuhr. Mein Vater versuchte noch auszuweichen, aber es gelang ihm nicht und irgendwie wurden wir dann unter dem Laster begraben. Was dann passierte, weiß ich nicht mehr.

Das Nächste, an das ich mich erinnere ist, dass ich in einem Krankenhaus aufwachte und niemand bei mir war. Ich hatte keine Schmerzen und es waren auch keine Geräte an mir angeschlossen. Ich fühlte mich körperlich gesund, aber ich hatte Angst, weil niemand da war und sich freute, dass ich wach war.

Ich verließ mein Zimmer und schlich auf den Gang. Ein Zimmer weiter hörte ich meine Mutter weinen und meinen Vater reden. Ich öffnete die Tür nur einen Spalt und sah hinein. Meine Eltern saßen vor einem Bett, in dem meine Schwester lag. Ein Verband war um den Kopf meines Vaters gebunden und meine Mutter trug eine Binde um die Hand. Meine Eltern waren verletzt worden, genau wie meine Schwester. Sie war an irgendwelche Geräte angeschlossen, von denen ich bis heute nicht weiß, wofür sie gut waren.

„Wären wir doch nie zum Meer gefahren“, hatte ich meinen Vater bitter sagen hören.

„Warum musste Masaki nur so drängeln? Dieses verfluchte Meer, hätte er es doch nie gesehen.“

Meine Mutter weinte und mein Herz zog sich zusammen. Und mir wurde klar, dass ich daran Schuld war, dass es meiner Familie jetzt so schlecht ging.

„Nein, Mama, es war schon gut, dass Masaki-chan gedrängelt hat, es war schön es zu sehen.“

Ich konnte gar nicht glauben, dass meine Schwester mich in Schutz nahm. Ich konnte sehen, wie sie lächelte, wie sie mich anlächelte. Sie war die Einzige, die mich bemerkt hatte.

Ich wollte nicht weiter zuhören und rannte wieder in mein Zimmer. Meine Eltern wissen bis heute nicht, dass ich sie belauscht habe.

Ihnen ging es bald wieder besser, aber meiner Schwester nicht. Ihre Wirbelsäule war so beschädigt worden, dass auch das Rückenmark verletzt worden war und sie nun nie wieder laufen kann. Ein paar Monate vergingen und meine Eltern erfuhren von einer Spezialklink, wo man sich um solche Fälle kümmert und sie rund um die Uhr betreut. Meine Eltern waren sofort dafür meine Schwester dorthin zu schicken. Doch es ist sehr teuer, deswegen müssen wir auf vieles verzichten. Seit dieser Zeit habe ich meine Eltern auch nie wieder um etwas gebeten, sondern lieber für die Schule gelernt, damit ich später mal einen gut bezahlten Job bekomme und meinen Eltern alles zurückzahlen kann, was sie wegen meiner Schwester ausgeben mussten.

Zwar sagt auch meine Schwester, dass es nicht meine Schuld ist, aber ich habe trotzdem Schuldgefühle, vor allem, weil ich nur mit ein paar Kratzern davon gekommen bin.“



Aufmerksam hatte Hiro der Rede des Chibis zugehört, doch er wusste nicht, was er jetzt machen sollte. Besonders nicht, weil sein Kleiner einfach nur starr auf den Boden sah und sich nicht rührte. Er schien plötzlich überhaupt nicht mehr so naiv zu sein, sondern wesentlich reifer als Hiro es selber war.

Seinem Gefühl folgend zog er den Jungen einfach zu sich und umarmte ihn sanft. Erst glaubte er, etwas falsch gemacht zu haben, da dieser sich plötzlich verspannte, doch nach Sekunden schmiegte er sich an seine Brust. Anscheinend war es genau das gewesen, was der Kleine gebraucht hatte. Ganz langsam und vorsichtig legte sich Hiro ins Bett und zog seinen Chibi mit sich. Beruhigend streichelte er ihm durch das hellbraune Haar und kraulte ihn dann leicht im Nacken. Bei ihm hatte es immer geholfen, wenn er traurig gewesen war.



Eng presste Masaki sich an den einzigen Menschen, der ihn in diesem Moment beistand und dem er etwas erzählt hatte, das niemand sonst wusste. Er vertraute Hiro völlig. Woher er jedoch dieses Vertrauen schöpfte, wusste er nicht und im Moment war es ihm auch egal. Er hatte sich von einer schweren Last befreit und wurde nun von jemandem getröstet, den er sehr gern hatte.

Es dauerte nicht lange und Masaki war eingeschlafen.



Behutsam legte Hiro seinen Chibi neben sich und deckte sie beide zu. Dass sie nun in voller Montur schliefen, war ihm egal. Wie schon in den Nächten zuvor kuschelte sich der Kleine wieder an ihn und suchte seine Nähe. Lächelnd beobachtete Hiro dies und gab dem Jungen in seinen Armen einen flüchtigen Kuss auf die weichen Haare.

„Schlaf gut, Chibi, denn du hast an nichts Schuld.“



Keiner von ihnen bemerkte, wie Takashi ins Zimmer kam und die beiden kritisch musterte. Masaki hatte sich sehr dicht an Hiro gedrängt und ein entspanntes Lächeln lag auf beiden Gesichtern. Während der letzten Tage hatte Masaki nur einmal in seinem eigenen Bett geschlafen und morgen würden sie wieder fahren. Ob sich Hiro und Masaki dessen bewusst waren, bezweifelte Takashi sehr. Doch darüber wollte der blauhaarige Junge nicht mehr weiter nachdenken, er freute sich darauf, seinen kleinen Bruder wieder zu sehen.



09. Wieder allein

Am nächsten Morgen öffnete Masaki schlaftrunken seine Augen. Er spürte, dass etwas fehlte, etwas, das ihn wärmte und beschützte: Hiro.
Müde richtete sich der noch matte Körper auf und sah sich um. In einer Ecke standen zwei gepackte Koffer und das Bettzeug war von den gegenüberliegenden Betten abgezogen.

„Oh nein!“

Hastig sprang Masaki aus dem Bett und stieß mit jemandem zusammen.

„Na, Chibi, ausgeschlafen?“, fragte eine freundliche Stimme.

„Hiro-san, warum hast du mich nicht geweckt?“, rief der Jüngere entsetzt, „Ich muss doch noch meinen Koffer packen und mein Bett ab...“

Beschwichtigend legte Hiro seinen Zeigefinger auf die Lippen des Jungen vor sich.

„Bleib ganz ruhig und hör mir zu.“

Ein stummes Nicken bekam er als Antwort.

„Dein Bett hab ich schon gemacht, genauso wie ich auch schon deinen Koffer und deinen Rucksack gepackt habe. Da auf dem Tisch liegen deine Waschtasche und frische Sachen. Ich hab einfach die genommen, die ganz oben lagen. Also wirst du jetzt ins Bad gehen und dich schnell fertig machen, wir fahren in einer halben Stunde.“

„Was, schon?“

„Ich hab dir was vom Frühstück mitgebracht, das kannst du dann im Zug essen. Und jetzt beeil dich.“

Hastig schnappte sich Masaki seine Sachen und flitzte ins Bad.

Lächelnd machte sich Hiro daran, sein eigenes Bettzeug einzupacken.

~*~*~*~*~*~

Während sich Masaki unter der Dusche schnell wusch, dachte er mal wieder nach. Unter der Dusche ging das seltsamerweise immer sehr gut.
Er hatte seinem Freund von seiner Schwester erzählt. Zum ersten Mal hatte er einem Freund davon erzählt! Und dann hatte Hiro ihn auch wieder bei sich schlafen lassen, er hatte nicht einmal fragen müssen. Er hatte seine Sachen gepackt, ihn ausschlafen lassen und ihm sogar etwas zu essen aufgehoben.
Ja, Masaki war sehr froh, dass er in dieser Klasse war und das nicht nur wegen Hiro. Auch alle anderen waren nett zu ihm, selbst Kazuko war nicht mehr böse, weil Masaki Hiro mehr oder weniger in Besitz genommen hatte, als sie zusammen weg waren. Na ja, mehr oder weniger böse. Sie sah in zumindest nicht mehr so giftig an. Ein kleiner Erfolg.

~*~*~*~*~*~

Hiro stopfte gerade seine Sachen in seinen Koffer und fragte sich, wie seine Mutter das alles reinbekommen hatte, als Takashi eintrat und die Türe wieder schloss. Dann setzte er sich auf einen Stuhl und sah Hiro ernst an. Dem gefiel es gar nicht, wie sein Freund ihn musterte und er hatte das Gefühl, das dieses es auf ein Gespräch anlegte, das Hiro nicht gefallen würde.

„Du weißt schon, dass wir heute abfahren und du dann wieder zu Hause bist?“, erklang Takashis tiefe und ruhige Stimme.

„Klar weiß ich das, bin ja nicht blöd! Außerdem, warum sollte ich sonst meine Tasche packen?“

„Hast du auch schon mal dran gedacht, ob unserem Chibi das auch bewusst ist?“

„Ich denk schon. Was soll die blöde Frage?“

Beide sahen sich nun an, doch dann wand Hiro sich wieder seinem Koffer zu. Das er eigentlich schon fertig war, ließ er sich nicht anmerken.

„Du hast den Kleinen sehr gern, oder?“

„Natürlich hab ich ihn gern, jeder hat ihn gern.“

„Aber nicht jeder lässt ihn die ganze Woche in seinem Bett schlafen.“

„Na und, was geht es dich an! Ich kann tun und lassen was ich will! Außerdem hat er mich gefragt, nicht ich ihn“, fügte Hiro noch hinzu.

„Das weiß ich auch. Ich hab ihn weinen hören. Trotzdem Hiro, du solltest keine zu enge Bindung zu ihm aufbauen.“

„Und was ist, wenn er jemanden braucht, dem er vertrauen kann?“

„Dann sind auch noch wir anderen da. Ich habe ja nicht wirklich etwas dagegen, es ist nur...manchmal hab ich einfach das Gefühl, dass du ihn nur für dich beanspruchst und umgekehrt. So als ob ihr in eurer eigenen Welt leben würdet. Es ist einfach nicht gut, dass ihr...“

„Ich geh Masaki sein Handtuch bringen, er hat es vergessen.“

Damit nahm Hiro sich das Handtuch und ging, fast fluchtartig, aus dem Zimmer, um dem Gespräch mit Takashi zu entkommen.


~*~*~*~*~*~


„Bist du fertig, Chibi?“

Erschrocken zuckte Masaki zusammen, beruhigte sich aber gleich wieder, als er wusste, wessen Stimme er hörte.

„Ja.“

„Gut, dann komm raus, es wird schon spät.“

Kaum war Masaki aus der Duschkabine getreten, da wurde er auch schon in sein flauschiges, großes Handtuch gewickelt und kräftig über die nassen Haare gerubbelt. Es war zwar schön, wie Hiro ihn behandelte, aber es war Masaki auch irgendwie peinlich, denn er fühlte sich wie ein kleines Kind.


„Hiro-san, ich bin schon groß.“

„Entschuldige. Du bist so klein, da konnte ich einfach nicht widerstehen“, lächelte der Ältere und rubbelte noch mal, wie zur Bestätigung, mit dem kleiner Handtuch über den hellbraunen Schopf.

„Das ist nicht lustig. ...hn...Wenn ich so alt bin wie du, dann überrag ich dich, wart ab.“

„Träum weiter, Chibi.“

„Nenn mich nicht ‚Chibi’!“, fauchte besagter Chibi wütend.

Beschwichtigend tätschelte Hiro ihm den Kopf und grinste.

„Ist ja schon gut, Kleiner!“

„HIRO-SAN!!!“

~*~*~*~*~*~

Betreten sahen Hiro und Masaki zu Boden. Der Lehrer hatte sie ausgeschimpft, weil der Busfahrer wegen ihnen warten musste.

„Was habt ihr euch nur dabei gedacht?“, fragte ihr Sensei bereits zum dritten Mal und zum dritten Mal antworteten beide ihm Chor: „Tut uns leid!“

Nachdem dies auch geklärt war, stiegen alle in den Bus. Doch zur
Verwunderung aller setzte sich Hiro neben Takashi und überließ den Chibi sich selbst. Neben Himeko konnte er sich nicht mehr setzen, da saß schon Risa.
Am Ende saß er dann alleine, weit weg von seinen Freunden. Keiner verstand, warum Hiro sich plötzlich so kühl verhielt, aber es fragte auch niemand danach.


~*~*~*~*~*~


Auch während der Zugfahrt kümmerte sich Hiro nicht um Masaki. Er kam sich so verloren in diesem großen Zug vor.
*Warum? Warum ist Hiro plötzlich so komisch? Was hab ich denn gemacht? Heute
morgen war er noch so nett zu mir und jetzt nicht mehr. Ist er sauer auf mich, weil er wegen mir Ärger mit dem Lehrer bekommen hat? Hiro-san, warum magst du mich nicht mehr?*
Traurig kuschelte er sich in den Sitz und zog die Beine an. Den kleinen Hasen hatte er aus seiner Tasche genommen und drückte ihn nun fest an sich. Die Landschaft sauste an ihm vorbei. Zwar saß er jetzt auf der Meerseite, doch er verspürte nicht die geringste Lust, hinauszusehen.

„Hiro-san...“, schniefte er noch einmal, ehe er einschlief.


Vorsichtig setzte Takashi sich neben den Chibi, um ihn nicht aufzuwecken. Er wusste, was Hiro vorhatte. Er wollte den Chibi wieder auf Abstand bringen, doch ging er ziemlich ungeschickt vor. Sein Freund hätte es lieber langsam angehen lassen und sich nicht so abrupt auf Kühlschrank umstellen sollen. So tat er dem Kleinen nur unnötig weh, wie Takashi sehen konnte. Er bereute es, dass er am Morgen unbedingt mit Hiro reden wollte, damit hatte er alles
nur schlimmer gemacht.


~*~*~*~*~*~


Heil am Bahnhof angekommen stiegen alle Schüler aus und einige wurden schon von ihren Familien erwartet. Andere fuhren mit ihren Freunden mit oder gemeinsam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

„Oh nein“, flüsterte der Chibi plötzlich, als Himekos Großeltern und ihre Mutter sie abholten.

„Ich hab vergessen, meine Eltern anzurufen und jetzt wissen wie nicht, dass ich schon da bin und machen sich bestimmt große Sorgen. Ich muss sofort nach Hause.“

Masaki wollte sich seinen Koffer nehmen und loslaufen, als jemand sein Gepäck fest hielt. Erschrocken drehte er sich um und sah in Hiros emotionsloses Gesicht, auf das sich in wenigen Sekunden ein freundliches Lächeln legte.

„Ich bring dich nach Hause, Chibi.“

So richtig verstand der Kleine nicht, was jetzt wieder los war und warum Hiro wieder nett zu ihm war, doch das konnte er ihn auch immer noch später fragen.
Glücklich, weil wieder alles in Ordnung zu sein schien und er seinen Koffer nicht selber tragen musste, lief Masaki neben dem Älteren her.


~*~*~*~*~*~


Staunend stand Hiro vor einem großen Hochhaus, in dem sich die Wohnung seines Chibis befand. Er hatte ihn bis zur Tür begleitet und fuhr nun mit ihm gemeinsam im Aufzug in den 12. Stock. Eigentlich hatte er sich ja vorgenommen, auf Abstand zu gehen, aber als er dann die traurigen Augen gesehen hatte und sich daran erinnerte, was ihm Masaki am Abend zuvor
erzählt hatte, da warf er alle Vorsätze über Bord. Sollte Takashi doch reden, er würde seinem Chibi nicht noch mal die kalte Schulter zeigen, zumindest nicht ohne Grund.
Beide gingen einen langen Flur entlang und hielten dann vor der vorletzten Tür an. Hiro stellte den Koffer ab und sah den Kleineren vor sich an. Schon wieder hatten ihn diese apfelgrünen Augen gefangen genommen.


Masaki wusste nicht, was er machen sollte, denn eigentlich wollte er sich nicht von Hiro verabschieden, auch wenn sie sich am Montag wieder sehen würden.
Einem plötzlichen Impuls folgend stellte Masaki sich auf die Zehnspitzen und gab Hiro ein kleines Küsschen auf die Wange.

„Danke Hiro-san. Bis Montag“, lächelte er und schloss dann die Tür auf.


Hiro begriff nicht, was gerade passiert war und was er tat, doch hielt er plötzlich das schmale Handgelenk des Kleinern fest.

„Hast du Morgen schon was vor?“, fragte er, ohne wirklich darüber nachzudenken.

„Nein.“

„Dann lad ich dich ins Kino ein. Ich hol dich gegen 11.00 Uhr ab.“

„Ja, aber...“

„Ich lad dich ein, du musst nichts bezahlen. Ist ja schließlich meine Idee.“

„Ähm...ok, ich denke das geht.“

„Gut, dann bis Morgen.“

Und ehe der Chibi noch etwas sagen konnte, war Hiro schon wieder im Fahrstuhl verschwunden.

Lächelnd schloss Masaki die Tür hinter sich. Hiro hatte in ins Kino eingeladen, einfach so. Wenn er daran dachte, begann alles in ihm zu kribbeln. Ob das die Vorfreude war?


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Das Rauschen der Wellen, das Lachen von Kindern, erschrockene Schreie, quietschende Reifen, ein lauter Knall, monotones Piepen, erstickte Vorwürfe und einklemmende Schuldgefühle.

Hektisch richtete sich Masaki auf. Über sein Gesicht liefen Schweißtropfen. Schon wieder hatte er von dem Unfall geträumt, dabei hatte er gehofft, es würde weggehen, wenn er jemandem davon erzählte.

„Hiro-san...“, flüsterte er in die Dunkelheit, doch keine Antwort.


Der, der ihm in der letzten Woche diesen Alptraum genommen hatte, war nicht mehr bei ihm, nicht mehr in seiner Nähe, um ihn zu beschützen.
Geschlagen legte sich Masaki wieder hin und umschlang seinen eigenen Körper. Er hatte es vergessen. Vergessen, dass Hiro nicht immer bei ihm war, ihn nicht immer trösten konnte.
Er wollte jetzt nicht zu seinen Eltern, sie konnten ihm diese Träume nicht nehmen, dass wusste er jetzt. Er wollte nur zu seinem Freund, seinem Hiro.

„Hiro-san....“, flüsterte er noch einmal, ehe er wieder in einen traumlosen Schlaf fiel.





10. Eis, Kino und Hausaufgaben

Fluchend wühlte Hiro in seinen Sachen. Er zog ein blaues Shirt heraus, zog es an und betrachtete sich im Spiegel. Mürrisch zogen sich seine Augenbrauen zusammen.

„Ne, das auch nicht.“

Achtlos warf er es auf den Haufen, der schon auf seinem Bett lag. Für die Jeans hatte er schon lange gebraucht, aber ein passendes Oberteil zu finden, artete in eine Katastrophe aus.
Leise klopfte es an seine Tür.

„Herein.“

„Schatz, du musst aufstehen, wenn du....“

Seine Mutter verstummte, als sie die Unordnung sah.

„Was ist denn hier los?“

„Ich geh doch heute ins Kino.“

„So, und mit wem?“

„Mit Masaki.“

Verwundert sah Frau Maruyama ihren Sohn an, der halb im Schrank verschwand.

„Und warum machst du dann so eine Unordnung?“

Erstaunt über diese Aussage hielt Hiro inne.

*Stimmt, warum machte ich mir eigentlich solche Umstände?*

„Hast Recht, Ma. Was hältst du von dem?“, fragte er grinsend, zog sich aber das schwarzgraue T-Shirt an, ehe seine Mutter antworten konnte.

Eigentlich sah Hiro nur zufällig auf seine Uhr, aber es war gut so.

„Scheiße, ich komm` zu spät!“

Wie der Blitz hatte er sich all seine Sachen, die er brauchte, geschnappt und war davon gerannt.
Kopfschüttelnd sah seine Mutter ihm nach und beseitigte das Chaos in seinem Zimmer.


~*~*~*~*~*~


Munter kauend saß Masaki in seinem blauen Schlafanzug am Frühstückstisch, während sein Vater die Zeitung studierte und seine Mutter bereits ein weiteres Brötchen mit Nutella beschmierte und es ihrem Sohn auf den wieder leeren Teller legte.

„Hab ich das richtig verstanden, du wolltest heute ins Kino gehen?“, fragte Herr Saehara beiläufig seinen Sprössling.

„Ja, aber nur, wenn es euch nichts ausmacht.“

„Aber nicht doch Liebling, geh ruhig“, lächelte Masakis Mutter.

„Wann wollte dein Freund kommen?“

„Um 11 Uhr, warum?“

„Dann solltest du dich langsam fertig machen, du hast noch eine halbe Stunde.“

„Ach du Schreck! Danke, Mama!“

Hastig sprang Masaki auf und lief in sein Zimmer. Er nahm sich eine frische Jeans und ein rotes Hemd, das seine Mutter ihm schon hingelegt hatte. Dann flitzte er ins Bad, duschte, putzte sich die Zähne und zog sich an. Kaum war er mit allem fertig, da klingelte es auch schon.
Schnell öffnete er die Tür und sah einen schnaufenden Hiro an, der die Hände auf den Knien abstützte.

„Morgen,....Chibi!“, keuchte der Ältere.

„Guten Morgen, Hiro-san! Bist du alles hoch gerannt?“

„Ne, aber die Strecke davor. Bist du fertig?“

„Ja, will nur noch meinen Rucksack holen.“

Und schon war der kleine Wirbelwind verschwunden.


Lächelnd sah Hiro seinem Chibi nach. Das rote Hemd stand ihm gut und die etwas engere Jeans betonte seinen süßen Hintern.

*Scheiße, Hiro, was denkst du da schon wieder für einen Müll. Er ist ein KLEINER JUNGE!!!!*

Eine noch recht junge Frau kam auf ihn zu und musterte ihn freundlich lächelnd. Hiro schätzte sie höchstens auf Anfang 30. Und das sollte Masakis Mutter sein? Na ja, zumindest wusste er jetzt, von wem sein Chibi diese wunderschönen apfelgrünen Augen hatte, obwohl Masakis etwas intensiver auf ihn wirkten.

„Guten Tag. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich so nett um Masaki gekümmert haben, während der Klassenfahrt.“

Verlegen kratze sich Hiro am Kopf und grinste blöd.

„Ach was, kein Problem.“

*Hoffentlich hat er ihnen nichts davon erzählt, dass er jede Nacht bei mir geschlafen hat.*

„Hier.“

Frau Saehara hielt dem verwunderten Hiro 1500 Yen entgegen.

„Bitte kaufen Sie Masaki etwas davon und bezahlen Sie damit das Kino.“

„Aber, ich hab ihn doch...“

„Ich weiß, dass Sie ihn eingeladen haben, aber er bittet uns so selten um etwas und wenn wir ihm etwas kaufen wollen, lehnt er es ab. Wenn wir jetzt noch Nein zu dem Kinobesuch gesagt hätten, wäre er auch nicht gegangen. Ich möchte ihm etwas Gutes tun und wenn es nur so geht,
dann...“

„Einverstanden. Ich verstehe Sie. Ich werde alles für ihn von dem Geld kaufen, er wird nichts merken.“

„Danke.“

Glücklich lächelte Masakis Mutter Hiro an und kleine Tränen hatten sich in ihren Augen gebildet. Also hatte der Chibi noch etwas von seiner Mutter.
Besagter Jungem kam gerade fröhlich aus seinem Zimmer, zog Schuhe und Jacke an und stellte sich dann abmarschbereit neben seinen Freund.

„Wir können“, smilte der Kleine.

„Viel Spaß, Masaki-chan!“

Seine Mutter beugte sich zu ihm runter und gab ihm ein Küsschen auf die Wange.

„Mama“, protestierte er und ein leichtes Rot lag auf seinen Wangen.

Hiro grinste. War dem Kleinen scheinbar peinlich, dass seine Mama ihn
küsste.


Immer noch etwas errötet, lief Masaki neben Hiro zum Aufzug.

„Sag mal, Chibi, darf ich das jetzt auch immer machen, wenn wir uns verabschieden?“

„Hä, was denn?“

Masaki verstand nicht, was sein Freund meinte und warum der plötzlich den Kopf leicht wegdrehte, um seine Röte zu verstecken.

„Ach, vergiss es wieder!“


~*~*~*~*~*~


Kritisch sah Hiro seinen kleinen Freund an.

„Bist du sicher, dass du in dieses Film willst?“

„Ja.“

„Und warum keine Komödie?“
„Weil ich die Witze nicht verstehe.“

„Und warum nicht Since-Fiction?“
„Zu unrealistisch.“

„Liebesschnulze?“
„Schnulzig.“

„Action?“
„Zu brutal.“

„Ach, und Horror-Filme nicht?“

Wieso wollte sein Kleiner ausgerechnet in einen Horror-Film? Er würde sich doch nur zu Tode ängstigen. Beweisen musste er Hiro nicht, dass er mutig war, dass wusste der Brünette auch so.

„Wollen wir nicht lieber in einen Zeichentrickfilm gehen?“

„Da willst du doch selber nicht rein“, entgegnete der Chibi nüchtern.

„Na schön, dann sehen wir uns halt den Film an. Aber der beginnt 17 Uhr. Wir können ja schon mal die Karten holen und du rufst deine Eltern an, dass du später kommst.“

Gesagt, getan. Hiro kaufte die Karten, während Masaki von dessen Handy aus seiner Mutter Bescheid sagte, dass es spät werden würde und Hiro versicherte der Frau noch, dass er den Kleinen nach Hause bringen und auf ihn aufpassen würde. Dass Masaki es nicht unbedingt gefiel, wie ein kleines Kind behandelt zu werden, was er ja eigentlich auch war, übersah Hiro einfach mal.

„Und was machen wir jetzt so lange?“, fragte Masaki und stellte sich schon auf ein paar sehr langweilige Stunden ein.

„Wart’s ab.“


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Nach einer Stunde und einer etwas ungemütlichen Busfahrt, standen die Freunde vor einem Laden, über dem „Pinguin Eisbar“ stand und ein Pinguin einen Eisbecher in der Hand hielt. Mit großen Augen betrachtete der Kleinere die Leute durch die großen Fenster. Die Eisbar war ausschließlich von Jugendlichen besucht.

„Na komm, sonst läuft uns das Eis noch weg“, scherzte Hiro.

Er nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her. Keinem fielen die beiden Jungen auf, denn die meisten hatten mit sich selbst zu tun .
Er steuerte auf eine Ecke ganz hinten zu, von der man einen guten Überblick hatte, aber nicht gestört wurde. Sie war so etwas wie sein Stammplatz, denn er war früher oft mit Himeko hier gewesen. Unter anderem hatten sie sich auch hier zum ersten Mal geküsst.

*Und warum fällt mir das gerade jetzt ein?*


Schweigend setzte sich Masaki seinem Freund gegenüber, der plötzlich angefangen hatte, leise zu knurren. Hatte er etwas falsch gemacht?
Ganz vorsichtig tippte er die Hand an, die flach auf dem Tisch lag und Hiro sah den Kleiner verwundert an, der ihn etwas verschüchtert musterte.

„Was?“

„Warum hast du geknurrt?“

„Hab ich das? Tut mir Leid, galt nicht dir, Chibi.“

„Wem denn dann?“

Hiro griff schnell nach der Karte und hielt sie Masaki vor die Nase.

„Such dir was aus.“

Misstrauisch lugte Masakis grüne Augen hinter der Karte hervor und schienen Hiro durchbohren zu wollen.

„Warum weichst du vom Thema ab?“

„Sei nicht so misstrauisch. Es ist nicht wichtig.“

Mit der Antwort war der Kleine zwar nicht zufrieden, aber er sagte nichts weiter dazu.
Aufmerksam studierte er nun die Karte. Er war noch nie in einer Eisbar gewesen und so viele verschiedene Varianten hatte er auch noch nie gesehen. Doch anstatt zu gucken, welches Eis ihm schmeckte, suchte er nach dem Billigsten, das sich Mr. Clown nannte und für kleine Kinder war.


„Hast du schon was gefunden?“, wollte Hiro wissen.

Seine Wahl hatte schon festgestanden, als er nur die Idee gehabt hatte, hierher zu kommen, er würde sich wie immer einen Eiskaffe und einen Früchteeisbecher bestellen.
Masaki drehte die Karte um und zeigte mit seinem Finger auf das Bild, auf dem eine Kugel Vanilleeis einen Waffelhut aufhatte und die Augen Smartis waren.

„Ist das dein Ernst oder willst du’s nur, weil’s das Billigste ist?“

Ertappt wurde sein Chibi rot um die Nase und senkte betreten den Kopf.

„Ich will doch nur nicht, dass du wegen mir so viel Geld ausgeben musst“, flüsterte er kleinlaut.

„Na schön“

Hiro winkte einen Kellner zu sich, der auch prompt kam, doch wie er Masaki ansah, gefiel dem gar nicht. Doch was sollte er da jetzt groß machen?

„Also“, begann er, um die Aufmerksamkeit des jungen Kellners wieder auf sich zu lenken, „wir hätten gerne einen Eiskaffe, den Exotic Dream (Früchteeisbecher) und einen Bananensplit ohne Eierlikör.“

Der Mann schrieb alles fleißig mit und verschwand dann.

„Hiro-san....“

„Ach richtig, du wolltest ja was ganz anderes. Tja, zu spät!“

Hiro zwinkerte den Kleinen grinsend an und dessen Blick wechselte von überrascht in fröhlich. Hatte er doch gewusst, dass sein Chibi diesen Mr. Clown nicht haben wollte.


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Schweigend saßen beide da und löffelten an ihrem Eis. Immer wieder sah Masaki zu dem großen Becher, der mit vielen Früchten verziert war und sehr lecker aussah. Nicht, dass ihm sein Eis nicht schmeckte, er war Hiro ja dankbar dafür, aber er hätte zu gerne einmal bei dem anderen gekostet. Allerdings traute er sich nicht, zu fragen.

„Mund auf!“, hörte er seinen Freund, der ihm seinen Löffel vor die Nase hielt.

„Hä...?“

„Ich kann einfach nicht mit ansehen, wie du mein Eis anschmachtest. Also Schnabel auf und runter damit.“

Bereitwillig öffnete Masaki seinen Mund und ließ sich von Hiro füttern. Genüsslich ließ er sich das fruchtige Eis auf der Zunge zergehen. So eins hatte er noch nie gegessen.

„Wow, dass schmeckt ja richtig gut.“

„Freut mich. Willst du noch mal?“

Heftig nickte Masaki und machte wieder seinen Mund auf. Am Ende aß Masaki Hiro alles weg und der nahm dafür den kaum angerührten Bananensplitt.


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Hiro hatte sich bereits seinen zweiten Eiskaffe bestellt. Irgendwie mussten sie ja die Zeit totschlagen. Bis jetzt hatten sie sich gut unterhalten, aber ihnen gingen langsam die Gesprächsthemen aus.

„Hiro-san, lass uns die Hausaufgaben machen.“

„Du bist gut, Chibi, wie denn?“

„Na hier.“

Sein Chibi nahm den Rucksack auf seinen Schoß und zog doch wirklich den Mathehefter und einen Kugelschreiber hervor.

„Soll das ein Witz sein?“, fragte Hiro säuerlich, konnte er sich doch etwas Besseres vorstellen.

„Nein“, lächelte der Kleine.

„Streber. Nimmst du deinen Schulkram überall mit hin?“

„Ich bin kein Streber. Schule macht mir nun mal Spaß.“

„Schule kann Spaß machen?“

„Ja und seit ich dich kenne, freu ich mich auf jeden Tag“, gestand sein Chibi unschuldig.

Warum, warum musste der Kleine ihn wieder so süß anlächeln, dass er weiche Knie bekam? Verlegen widmete sich Hiro wieder seinem Kaffe und nuschelte:

„Red nicht so einen Unsinn!“


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Masaki hatte sich neben Hiro gesetzt, um ihm alles besser erklären zu können. Er hatte ihn doch überreden können, mit ihm die Hausaufgaben zu machen.

„Also, was ist die erste Ableitung von f(x)=(x²-4)· lnx.“

„Puh....f’(x)=2lnx + ½ ?“

„Nein, du Dummkopf! f’(x)=2x·lnx+(x²-4)· 1/x oder vereinfacht: 2xlnx+x-4/x.“

Grinsend sah Masaki seinen Freund an, der nur ratlos den Kopf schüttelte.

„Bis zur nächsten Prüfung krieg ich das nicht gebacken.“

„Soll ich dir Nachhilfe geben, Hiro-san?“

„Nein danke, von einem Chibi lass ich mir nicht gern was beibringen.“

„Du bist gemein!“

„War nicht so gemeint.“

Versöhnlich wuschelte Hiro dem Brünetten durch die Haare und der genoss es.


Hiro sah, dass es dem Kleinen zu gefallen schien und sah auf die Uhr.

„Oh, wir müssen los, sonst kommen wir noch zu spät.“


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Pünktlich standen sie vor dem Kino. Sie gaben ihre Karten ab, kauften
Popcorn und Cola, wogegen der Chibi etwas protestierte, schließlich sollte Hiro ja nichts für ihn ausgeben, und setzten sich auf ihre Plätze. Sie saßen in der letzten Reihe, hatte aber einen guten Überblick.

„Wenn du Angst haben solltest, Chibi, dann heul dich ja nicht bei mir aus, schließlich war es dein Idee“, sagte Hiro kühl.

„Ja, ja, Hiro-san, mach dir um mich keine Sorgen“, entgegnet der Kleiner schnippisch.

Das Licht ging aus und der Film begann. Es waren nicht viele im Saal, höchstens 13 Leute. Entweder hatten viele den Film schon gesehen oder sie kamen erst zu der letzten Vorstellung, damit es sie richtig gruselte?


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Hiro musste zugeben, dass der Film nicht schlecht gemacht war. Ein Verrückter war aus der Irrenanstalt entflohen und stach jeden nieder, der ihm über den Weg lief. Auch war die Musik sehr düster gehalten und das meiste spielte in der Nacht, weswegen man nicht viel sah, außer das Kunstblut, dass war immer sehr genau zu erkennen. Typisch Horrorfilm. Aber alles in allem war er ganz gut.
Hiro schielte immer mal wieder zu seinem Chibi. Am Anfang hatte er sich ja noch tapfer gehalten, aber da ging es ja noch nicht richtig los. Jedesmal spürte Hiro, wenn der Kleine zusammen zuckte und er sah, wie er sein Gesicht in den Händen vergrub. War wohl doch zu aufregend für ihn.
Ein kleines Schluchzen drang an sein Ohr und erweichte sein Herz auf Anhieb.

„Na, komm schon her.“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da war sein Chibi auch schon auf seinen Schoß gekrabbelt und vergrub sein Gesicht in Hiros Halsbeuge. Er konnte spüren, wie der T-Shirtkragen nass wurde.
Beruhigend strich er dem verängstigten Etwas auf seinem Schoß über den Rücken und den Kopf.

„Ssshhh....ist ja gut. Du brauchst keine Angst zu haben. Es ist nicht echt und ich bin ja hier.“

„Hiro-san...“, schluchzte der Chibi und sein stockender, warmer Atem streifte immer wieder Hiros empfindlichen Hals, das ihm heiß-kalte Schauer den Rücken runter liefen.

*Reiß dich zusammen, Hiro, es gibt jetzt Wichtigeres als solchen Unsinn!*

Schniefend sah Masaki ihm die Augen und Hiro hätte ihn am liebsten wieder ganz fest an sich gedrückt, als er in die großen, feuchten Augen sah. Aber noch etwas machte sich in ihm breit und er war nicht mehr Herr seines Handelns. So verschüchtert und ängstlich, wie der Chibi vor ihm saß, übte er eine unheimlich Anziehungskraft auf den Älteren aus.


Langsam kam Hiro Masaki immer näher und zog ihn etwas zu sich. Masaki konnte sich nicht bewegen, so als wäre alles in ihm gelähmt. Er spürte Hiros sanfte Lippen auf seinen und ein merkwürdiges Kribbeln breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Es war nur eine flüchtige Berührung, aber es fühlte sich besser an als alles zuvor.
Masaki wollte gerade die Augen schließen, um den Kuss zu genießen, doch da waren die weichen Lippen auch schon wieder verschwunden.
Hiro drückte ihn etwas von sich weg und sah betrübt nach unten.

„Entschuldige, Chibi.“

„Nein, es wa....“

Ein Schrei ließ ihn zusammen zucken und er vergrub sein Gesicht wieder bei Hiro und drückte sich ganz fest an ihn. Ohne weiter zu überlegen schlang dieser wieder seine Arme um den zitternden Körper und so verharrten sie, bis der Film zu Ende war. Der flüchtige Kuss geriet vorerst in Vergessenheit.


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Wie versprochen brachte Hiro Masaki nach Hause.

„Sag mal, Chibi, hast du deinen Eltern von der Klassenfahrt erzählt?“

„Ja.“

„Hast du ihnen auch erzählt, dass du bei mir geschlafen hast?“

„Nein, ich wollte ihnen keine Sorgen damit machen, dass ich immer noch von damals träume und außerdem geht es nur dich und mich etwas an.“

Hiro war froh, dass sein Chibi es genauso sah wie er und erwiderte das freundliche Lächeln.

„Erzähl deinen Eltern auch nicht unbedingt, dass du in einem Horrorfilm warst.“

„Warum, war doch meine Idee?“

„Schon, aber eigentlich hättest du noch gar nicht reingedurft und was das für Folgen hatte, haben wir ja gesehen.“

„Ja“, hauchte Masaki und fuhr sich geistesabwesend über die Lippen.

Auch Hiro fiel wieder ein, was passiert war und wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Schweigend gingen sie den restlichen weg gemeinsam.


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Immer noch stumm standen sie vor Masakis Wohnung. Beide wollten etwas sagen, wussten aber nicht was. Schließlich sagte Masaki das Einzige, was ihm einfiel:

„Bis Montag“, und verschwand durch die Tür, ehe Hiro reagieren konnte.


Über sich selbst wütend ging er wieder zum Fahrstuhl. Als er in ihm stand, schlug er mit der Faust gegen die Wand.

„Verdammt!“

Er wusste nicht, was er machen sollte. Was war nur in ihn gefahren? Der Kleine würde nie wieder mit ihm reden oder sich ihm gegenüber anders benehmen und das wollte er nicht. Er hatte sich so eine schöne Vertrauensbasis zu dem Chibi aufgebaut und nun hatte er wahrscheinlich alles kaputt gemacht, nur weil er seine Hormone nicht unter Kontrolle hatte.


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Geknickt öffnete Hiro am Montagmorgen die Tür zu seinem Klassenzimmer. Das ganze restliche Wochenende hatte er sich den Kopf zermatert, wie er sich bei seinem Chibi entschuldigen könnte.

„Guten Morgen, Hiro-san!“, rief eine helle Stimme quer durch den Raum.

Und als Hiro dann auch noch das fröhliche Lächeln auf den Lippen des Klassenmaskottchens wahrnahem, hellte sich seine Stimmung gleich mit auf. Anscheinend hatte er sich ganz umsonst Sorgen gemacht.