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Sammy und Danny Teil 1 - 9


***

1 – Erste Gedanken

„Danny! Danny! Sie mal, eine Kröte.“ Dem gerufenen Jungen wurde eine dicke fette grünbraune Kröte vors Gesicht gehalten. „Du musst sie küssen, dann wird aus ihr ein Prinz wie in Moms Geschichten.“ Doch Danny schüttelte den Kopf, so dass seine lockigen blonden Haare wild tanzten. „Sammy, das ist nur eine Geschichte.“ Er schob die kleine Hand, auf der die Kröte saß, mit der seinen von sich. „Außerdem müsste ich ja eine Prinzessin sein, damit die Kröte ein Prinz wird.“ Meinte er mit einem glockenhellen Lachen. Sammy setzte die Kröte schmollend zurück auf den schlammigen Boden und lief dem nur wenig größeren Jungen nach, immer am dichtbewachsenen Ufer des kleinen Sees entlang.

„Danny?“ Fragte Sammy leise und versuchte mit dem anderen Jungen Schritt zu halten.

„Was denn Sammy?“

„Hast du schon mal geküsst?“

„Natürlich. Mom, Oma und die ganzen Tanten.“ Danny verzog das Gesicht bei dem Gedanken an die Tanten, die am Wochenende immer zum Kaffeetrinken kamen, nur tratschten und viel zu viel Parfüm trugen.

Danny schüttelte energisch den Kopf. „Das doch nicht. Ich meine so richtig, auf den Mund.“ Er spitzte die Lippen zu einem Kussmund und deutete mit dem Finger darauf.

„Ach so... nein.“ Gab Danny zu. Abrupt blieb er stehen. An so etwas hatte er noch nicht mal gedacht. Bei den Erwachsenen sah das schließlich immer so eklig aus.

„Willst du mal?“ Wollte Sammy schüchtern wissen und verknotete nervös seine Finger in einander.

„Weiß nicht.“ Meinte Danny schulterzuckend, doch Sammy ließ ihn nicht weiter reden, sondern nahm all seinen Mut zusammen, trat einen Schritt auf ihn zu und drückte seine Lippen ein wenig unbeholfen auf die des anderen. Schnell trat er wieder zurück. Es hatte sich warm und weich und trocken angefühlt und gar nicht so eklig wie es immer bei den Erwachsenen aussah. Verlegen drehte Sammy sich weg und sah auf die spiegelnde Oberfläche des Sees.

Kurze, blonde, lockige Haare, grüne Augen, eine niedliche kleine Stupsnase – so bezeichneten es die ungeliebten Tanten zumindest immer – und zwei dunkle Leberflecken auf seiner linken Wange bildeten sein Spiegelbild. Eine kleine Hand schob sich in die seine und neben ihm erschien ein zweites Gesicht in der Wasseroberfläche. Die gleichen Merkmale. Es war nicht zu übersehen, dass sie Brüder waren, eineiige Zwillingsbrüder.

***

Verwirrt schreckte Sammy aus seinem Traum auf. Nach einem kurzen Blick um sich, stellte er fest, dass er mal wieder im Unterricht eingeschlafen war. Seufzend rieb er sich über die Augen und versuchte zu verstehen was Herr Heinze da schon wieder von sich gab. Doch schnell gab er es wieder auf. Er war nie der Beste in der Schule gewesen, aber in letzter Zeit ging es rapide abwärts mit ihm. Seit Tagen. Seit Wochen. Seit Danny nicht mehr da war. Deprimiert schloss er seine Augen und sah wieder die bunt leuchtenden Bilder aus seinem Traum. In letzter Zeit hatte er ihn immer öfter gehabt. Es war der Sommer in dem sie sieben geworden waren, der Sommer in dem sich ihre Eltern getrennt hatten. Alles war, wenn auch mit Tränen, im Einvernehmen aller Beteiligten geschehen und Sammy und Danny waren bei ihrer Mutter geblieben. Ihren Vater besuchten sie hin und wieder. Nie waren sie getrennt gewesen, niemals.

Doch dieser Sommer, der Sommer ihres vierzehnten Geburtstags sollte das ändern. Ihre Mutter wollte beruflich für ein Jahr nach London ziehen und ihre Söhne mitnehmen. Sammy und Danny waren auch einverstanden gewesen, doch nach einigen Gesprächen mit den Schulen, hatte sich heraus gestellt, dass Sammys Englischkenntnisse eher weniger glänzend waren und auch seine anderen Noten waren eher beschämend. Wäre er mit nach London gegangen, hätte er das Schuljahr wiederholen müssen, wenn sie zurück kamen, denn er hätte es da drüben nie und nimmer geschafft. Anders hingegen Danny. Er hatte in allen Fächern glänzende Noten und sein Englisch reichte aus um stundenlange Konversation zu führen.

Nacht um Nacht hatten sie sich unterhalten und das ewig ausdiskutiert, bis Danny schließlich festentschlossen verkündet hatte, dass er alleine mit ihrer Mutter nach London gehen würde. Es war ja nur ein Jahr, sie würden nicht ewig getrennt sein. So war es dann auch gekommen.

Danny zog Mitte August mit Frau Winter nach London und Sammy blieb in Deutschland, im Haus ihres Vaters. Da wohnte er nun jetzt schon seit fast acht Wochen und wusste noch immer nichts mit seiner Freizeit anzufangen. Er konnte sich an eine Zeit ohne Danny nicht erinnern. Dieser war immer an seiner Seite gewesen und sie hatten immer alles zu zweit gemacht. Ohne ihn fühlte er sich unvollständig und einsam.

Nach der ersten großen Telefonrechnung vom August hatte Sammy sofort Telefonverbot bekommen, zumindest wenn es darum ging stundenlang nach London zu telefonieren. Die Mails von Danny waren nach den ersten vier Wochen immer kürzer geworden und nun bestanden sie auch nur noch aus den Standartzeilen: „Wie geht’s dir? Mir geht’s gut. Schönes Wetter.“ Sammy war ehrlich gefrustet, da er von Tag zu Tag spürte wie sich sein Bruder immer mehr von ihm entfernte und dies machte ihn wahnsinnig.

Wieder einmal erklang das erlösende Pausenklingeln, welches das Ende seines Schultages verkündete, doch erlösend war dieses Klingeln für Sammy schon lange nicht mehr. Ob er seine Zeit in der Schule absaß oder im Haus seines Vaters im Bett, machte für ihn keinen Unterschied mehr.

Er packte seine Tasche und schlängelte sich mit gesenktem Blick durch seine Mitschüler, die ohne seinen Bruder eh kaum Notiz von ihm nahmen. Danny war immer der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit und Sammy nur ein Anhängsel, doch er war glücklich mit dieser Situation gewesen. Er liebte seinen Bruder über alles und wenn andere sich um ihn sammelten und um seine Aufmerksamkeit kämpften, dann wusste er sich in seinen Gefühlen bestätigt. Die beständige Eifersucht hatte er zu ignorieren gelernt, denn Danny mochte es nicht, eingeengt zu werden.

Nachdem er ins Freie getreten war, ging Sammy zu den Fahrradständern, schloss sein Rad auf und fuhr damit nach Hause. Einen Blick für seine Umgebung hatte er dabei nicht. Die immer gleich aussehenden Straßen, Häuser und Baumalleen zogen an ihm vorbei wie Schatten bis er schließlich in eine etwas feinere Gegend kam. Hier wohnten die Besserverdienenden. Die viel Platz im Haus hatten, einen großen Garten mit Wachhund und mitunter sogar eine Putzfrau. Doch in diesen Häusern gab es keinen Danny, der die Räume mit Leben füllte, keine strahlend grünen Augen, die ihn ärgerten. Am Haus seines Vaters angekommen, schob Sammy mit einer Hand das kleine Hintertor auf, schob sein Rad hindurch und lehnte es an der Rückwand der Garage an. Er kramte seinen Schlüssel aus dem Rucksack und betrat das Haus dann durch die Hintertür. Die große Küche war hell und geräumig, genau wie der Rest des großen Hauses. Sammy hatte sich schon immer gefragt, wozu sein Vater und dessen Geliebte, die er einfach nicht ausstehen konnte, soviel Platz brauchten. Das Haus war doch eindeutig viel zu groß für die beiden.

Maria, die Haushälterin kam gerade aus dem Flur und begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Hallo Sammy, wie war dein Tag? Ich hoffe doch, du hast viel Hunger mitgebracht?“ Sammy zwang sich zu einem Lächeln und setzte sich auf den Barhocker am Küchentresen. Er mochte die kleine schlanke Frau sehr, auch das was sie kochte schmeckte immer köstlich, aber sie beide wussten, dass er wie immer keinen Hunger hatte. Schon vor einiger Zeit hatte er den Appetit verloren und aß nur noch ihr zu liebe und damit er nicht vollkommen abmagerte. Ein paar Kilo hatte er in den letzten zwei Monaten nämlich schon verloren.

„Es war wie immer, Maria. Schule ist einfach langweilig. Und auf dein leckeres Essen hab ich immer Hunger. Es riecht nach Eintopf.“ Sie strahlte ihn herzlich an und brachte ihm auch schon einen Teller mit dem leckeren Möhreneintopf. Sie machte die Portion nie zu groß, damit er es nicht so schwer hatte aufzuessen. In ihren Augen konnte er sehen, dass sie verstand, wie sehr er unter der Trennung von seinem Zwilling litt, sie kannte die beiden schließlich schon seit ein paar Jahren.

Schweigend löffelte Sammy den Teller leer, stellte ihn dann in die Spüle und drückte Maria noch einen Kuss auf die Wange bevor er in den zweiten Stock ging um sich dort in seinem Zimmer zu verstecken. Ja, das tat er.

Er versteckte sich.

Vor der Schule.

Vor der Welt.

Vor dem Leben.

Vor allem möglichen, denn sein Bruder war nicht hier um ihn zu beschützen.

Seufzend ließ Sammy sich auf sein Bett fallen. Noch hundertdrei Tage, dann würde Danny über Weihnachten zu ihm kommen. So war es ausgemacht worden. Er zählte jeden verdammten Tag bis dahin. Nur schwerfällig stand er wieder auf um Hausaufgaben zu machen. Er wollte nicht unnötig sechsen fangen für unerledigte Sachen. Die würde er nicht ausgleichen können mit den schlechten Noten die er in den Klausuren fing. Und wenn er das Jahr wiederholen musste, würde er nicht mehr mit Danny in eine Klasse gehen können. Nein, trotz aller Abneigung gegen die Schule, konnte er sich das nicht erlauben.

***

2 – Das Versprechen

Sammy lag in seinem halbdunklen Zimmer auf dem Bett und beobachtete die schweren Regentropfen jenseits der Fensterscheibe. Es regnete in Strömen da draußen, obwohl es langsam Zeit wurde, dass die Schneeflocken vom Himmel tanzten. Es war eisigkalt, aber nicht kalt genug für die bizarren Eisgebilde. Auch im Zimmer war es kühl und trotz voll aufgedrehter Heizung, wollte ihm nicht wärmer werden. Gestern war der zweite Advent gewesen und seine Situation hatte sich seit dem September noch nicht gebessert, eher im Gegenteil. In der Schule rutschte er immer mehr ab und mittlerweile rechnete er jeden Tag mit einem Elternbrief im Briefkasten. Dannys Nachrichten waren noch spärlicher geworden und abgenommen hatte Sammy auch weiter. Wenn er es wagte sich im Spiegel zu betrachten – was er selten tat, da er dann nicht nur sich, sondern auch seinen Bruder sah, was ihn nur noch verzweifelter werden ließ -, konnte er bereits die Rippen unter seiner Haut sehen und sein Gesicht wirkte nicht mehr so weich wie noch vor ein paar Monaten. Jeden Tag sah er sich jetzt dem traurigen Blick Marias ausgesetzt und vor ein paar Tagen war seinem Vater schließlich auch aufgefallen, dass Sammy nicht all zu gesund aussah. Während Herr Winter sich allerdings mit der Erklärung „pubertäre Veränderungen“ hatte beruhigen lassen, hatte Maria gedroht, mit seiner Mutter zu reden. Sie kannte den Grund für sein Abnehmen und die Depressionen und sie wollte nicht mehr länger zusehen, wie Sammy sich nur selbst quälte.

Sammy rollte sich auf dem Bett zusammen, zog die Decke über sich und schloss die Augen. Wenn es doch nur nicht so verdammt kalt und düster wäre. Aber er hatte einen Lichtblick. In fast zwei Wochen war Heiligabend und schon ein paar Tage zuvor wollte Danny nach Hause kommen. Endlich. Schwach begann Sammy zu lächeln. Wenn Danny kam, würde alles wieder gut werden.

Sammy war kurz davor einzuschlafen als es leise an der Tür klopfte. „Sammy, bist du wach? Telefon für dich, es ist Danny.“ Schlagartig war der blonde Junge wach, sprintete zur Tür und riss sie auf. Maria lächelte wissend und hielt ihm das schnurrlose Haustelefon hin. „Danke.“ Wisperte er kurz bevor er wieder im Zimmer verschwand und die Tür hinter sich abschloss.

„Danny?“ Fragte Sammy unsicher. Er hatte schon wieder eine Weile nichts von seinem Bruder gehört und telefoniert hatten sie seit August gar nicht.

„Hey, kleiner Bruder.“ Begrüßte Danny den nur wenige Minuten Jüngeren leise. „Wie geht’s dir denn?“ Wollte er wissen. Eigentlich wollte er keinen Smalltalk halten, doch irgendwie traute er sich nicht wirklich zu sagen, was der eigentliche Grund für seinen Anruf war.

„Ich vermisse dich, ich kann es kaum noch erwarten bis du endlich wieder hier bist.“ Platzte Sammy auch sofort heraus. Er wollte ihn nicht nerven, aber konnte das einfach nicht mehr für sich behalten. „Wieso hast du dich nicht gemeldet? Du hattest mir versprochen, dass du mir ganz oft schreibst und jetzt bekomm ich kaum noch von dir zu hören und wenn, dann sind es nichtssagende Phrasen.“ Sammy wollte sich endlich Luft machen, wenn auch kraftlos, sprach er das aus, was er sich die ganze Zeit nicht in Mails zu schreiben getraut hatte.

„Es tut mir leid.“ Wisperte Danny kaum hörbar. Er hatte Sammy soviel erzählen wollen über die Wochen. Das er neue Freunde gefunden hatte, wie aufregend es in London war, wie anders die Schule hier lief. Doch immer wenn er dann in einem der Internetcafés gesessen hatte, ständig irgendwelche Leute hinter sich, die ihm über die Schulter gucken konnten, war er zu nervös gewesen, um etwas vernünftiges zu schreiben. So war jedes mal das gleiche dabei raus gekommen. Doch nun gab es etwas, das er auf keinen Fall per Mail klären konnte.

„Sammy, ich muss dir was sagen.“ Nachdem Sammy ihm schon solche Vorwürfe gemacht hatte, fiel es ihm jetzt um so schwerer zu sagen, was er sagen musste. „Mom, hat da so einen Auftrag bekommen und der muss in den nächsten Wochen erledigt werden. Sammy wir kommen zu Weihnachten nicht nach Hause...“

„Nein, du kommst.“

„Sammy, es tut mir leid...“

„Nein, du hast es versprochen.“

„Sammy, bitte...“ Dannys Stimme war kaum noch zu hören.

„NeinneinneinneinNEIN, du hast es versprochen. Du hast gesagt wir sehen uns an Weihnachten wieder. So lange wäre das nicht, hast du gesagt. Du hast es versprochen. Wieso tust du mir das an?“ Man konnte die Tränen in Sammys Stimme hören und auch die Wut über das gebrochene Versprechen.

„Sammy, jetzt wirst du kindisch. Ich konnte doch nicht wissen, dass Mom so nen wichtigen Auftrag bekommt.“ Danny versuchte vernünftig zu bleiben, auch wenn es ihm sehr schwer fiel. Er hatte es nie mit ansehen können, wenn sein kleiner Bruder traurig war oder sogar weinte. Er war doch schließlich der Sonnenschein von ihnen beiden, auch wenn es die anderen nicht zu bemerken schienen. Er selbst wusste, was für ein Strahlen in Sammy steckte. Doch im Moment wollte Sammy ihm nicht zuhören.

„Wieso kommst du dann nicht alleine? Es ist Moms Auftrag, nicht deiner. Du kannst dich doch in ein Flugzeug setzen und wie geplant herfliegen.“

„Sei doch vernünftig Sammy. Dann ist Mom doch vollkommen allein hier und...“

„Und was ist mit mir?“

„Du kannst doch mit Dad feiern und seiner Freundin, Katharina und wenn...“

„Ich will aber, verdammt noch mal, nur dich und niemand anderes.“ Sammy hatte mit tränenerstickter Stimme ins Telefon geschrieen. Als ihm bewusst wurde, was er da gesagt hatte, erschrak er zutiefst. Nein, das hatte er doch nicht sagen wollen.

Auch Danny hatte sich erschrocken. „Sammy, ich...“

„Vergiss was ich gesagt hab, bleib doch in deinem verdammten London.“ Und dann legte Sammy einfach auf. Er konnte es nicht fassen. Vier elende Monate hatte er hinter sich gebracht, allein dafür gelebt und durchgehalten, seinen Bruder wieder zusehen und nun sagte dieser einfach ab. Eine Weile lang starrte er das Telefon in seiner Hand nur fassungslos an, bis ein Klingeln ihn aus seiner Trance schreckte. Auf dem Display erschien eine ewig lange Nummer und Sammy wusste, dass es nur Danny sein konnte. Er drückte den Anruf weg und schaltete das Telefon aus. Jetzt würde es irgendwo anders im Haus klingeln. Falls da jemand abnahm war es auch egal, er war jeden Falls nicht mehr zu sprechen.

***

3 – Die Post

„Wo ist der Brief?“ Herr Winter stand abwartend vor seinem Sohn, die Hände in die Hüften gestützt. Er sah wütend aus und Sammy wusste auch ganz genau warum. Abstreiten nutzte also gar nichts. Sagen wollte er allerdings auch nichts und so schwieg er einfach.

„Ich habe dir eine Frage gestellt.“ Doch Sammy starrte nur weiter die Fliesen unter seinen Füßen an und versuchte nicht an die letzten Tage zu denken. Seit dem Anruf von Danny vor zwei Wochen hatte er nichts mehr von diesem gehört. Von Tag zu Tag fühlte er sich schlechter und bereits in der Woche nach dem Anruf hatte er begonnen die Schule zu schwänzen. Und den Brief mit dem offiziellen Stempel der Schule hatte er am Dienstag abfangen können. Hatte sein dämlicher Klassenlehrer aber auch ausgerechnet heute, am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien, anrufen müssen?

Sammy zuckte erschrocken zusammen als eine Ohrfeige seine Wange traf. Er war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht mehr auf seinen Vater geachtet hatte. „Timothey!“ Konnte er Katharinas schrille Stimme neben sich hören. Was mischte diese dämliche Kuh sich denn da jetzt auch noch ein? Sie hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. „Beruhige dich doch. Der Junge ist einfach in einem schwierigen Alter.“ Sammy trat einen Schritt zur Seite, er wollte nicht, dass diese aufdringliche Frau ihn berührte wie sie es in letzter Zeit immer wieder tat. Herr Winter atmete unterdessen kurz durch und fasste sich wieder. „Ich hab jetzt noch ein Geschäftsessen vor mir. Wir unterhalten uns morgen über das Gespräch, dass ich heut mit deinem Lehrer hatte. Auf jeden Fall hast du schon einmal Stubenarrest und Fernsehverbot und zwar bis auf weiteres.“ Er richtete sein Hemd kurz und verließ dann mit Katharina das fiel zu kalte Wohnzimmer.

Maria war zum Glück um diese Zeit nicht mehr im Haus. Sie hätte sich nur wieder unnötig um ihn gesorgt und das hätte Sammy jetzt nicht ertragen. Er ging in sein Zimmer und ließ sich dort auf sein Bett fallen. Das Brennen in seiner linken Wange ignorierte er, es würde von alleine wieder nachlassen. Von draußen drang fast kein Licht herein, da es schon lange dunkel war. Nach einer Weile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und er konnte vage Silhouetten ausmachen. Schrank, Stuhl, Schreibtisch und ein Päckchen, das schon seit dem Vormittag auf der sehr breiten Fensterbank lag. Es war aus London. Als der Paketdienst es am Vormittag gebracht hatte, war außer ihm selbst niemand im Haus gewesen und so hatte er es nach einigem Zögern selbst angenommen. Bis jetzt hatte er sich aber noch nicht durch ringen können, es zu öffnen.

Langsam verstrich die Zeit und nach einer schieren Ewigkeit, konnte er im Erdgeschoss das klappen der schweren Haustüre hören und einige Augenblicke später auch das immer leiser werdende Motorengeräusch des sich entfernenden BMWs seines Vaters. Wieder war er allein in dem viel zu großen, viel zu kalten Haus.

Langsam stand er von seinem zerwühlten Bett auf, schaltete das kleine Nachtlicht auf seinem Beistelltischchen ein und schlurfte dann zum Fenster. Sein Blick war die ganze Zeit auf das kleine Päckchen gerichtet und es wirkte fast, als würde er sich an ein Tier anschleichen, vor dem er selbst angst hatte. Sammy schüttelte entschlossen den Kopf, schnappte sich das gelbe Ungeheuer und schaltete dann auf dem Rückweg zum Bett noch seine Anlage an. Aus dem Schreibtisch holte er sich ein kleines Messer und machte es sich dann auf dem Bett gemütlich. Nach und nach durchtrennte er die Klebesiegel. Danny war mit so etwas schon immer sehr sorgfältig gewesen. Er hatte es einmal gesehen, als sie ein Päckchen an Oma und Opa zum Geburtstag geschickt hatten.

Vorsichtig, als könnte ihn jeden Moment etwas anspringen, klappte er den Deckel auf. Ein violetter Brief mit seinem Namen in einer geschwungenen Schrift lag oben auf. Als er den Umschlag heraus nahm, konnte er verschiedene Packungen voll Süßigkeiten erkennen und mittendrin lag ein etwa zwanzig Zentimeter großer brauner Teddybär, der ihn mit schwarzen Knopfaugen anblickte. Sammy klappte den Deckel irritiert wieder zu, schob den Karton zur Seite und nahm sich den Brief vor. Er war ziemlich dick. Wie viel Danny auf einmal zu schreiben hatte. Der Umschlag war nicht zugeklebt und als Sammy daran roch, konnte er den dezenten Zimtgeruch war nehmen, der seinen Bruder von jeher zu umgeben schien, oder bildete er sich das nur ein? Er öffnete ihn, zog drei von beiden Seiten dicht beschriebene Blätter hervor und entfaltete sie. Die Schrift war stellenweise ziemlich krakelig und war durchgestrichen worden, was Sammy so von seinem Bruder gar nicht kannte. Nun doch neugierig begann er zu lesen.



Hallo Sammy,

ich sitze schon seit ein paar Stunden hier und versuche dir zu schreiben, aber irgendwie klingt alles so lächerlich. Verzeih, wenn meine Schrift unleserlich werden sollte und ich zu viel durchstreiche, aber wenn ich weiterhin bei dem kleinsten Verschreiber neu beginne, ersticke ich nicht nur bald in zerknülltem Papier sondern werde auch nie mit diesem Brief fertig.

Es ist drei Tage her, dass wir telefoniert haben und ich hab seit dem keine Nacht ruhig geschlafen. Ich bitte dich, sei mir nicht böse. Aber ich habe wirklich keine Möglichkeit nach Deutschland zu kommen. Vielleicht glaubst du es mir nicht, aber ich vermisse dich auch. Mir fällt ständig der leere Platz neben mir auf, an dem normalerweise du sein solltest. Im Moment kann ich es aber wirklich nicht ändern, so sehr ich auch wollte.

Mom hat jemanden kennen gelernt, einen Typen namens Peter. Eigentlich ist er ganz okay, aber ich weiß nicht, ob mir der Gedanke gefällt, dass sie hier bleiben würde, wenn aus der Sache wirklich was werden sollte. Nicht, dass du jetzt denkst, wir wären wegen Peter hier geblieben. Das mit dem Auftrag stimmt wirklich. Und egal was passiert, wenn das Schuljahr hier rum ist, komme ich zurück.

Wie mangelhaft mein Englisch ist, ist mir erst hier klar geworden. Es hat sich mittlerweile entwickelt, aber am Anfang hatte ich wirklich zu kämpfen um zu verstehen was die alle redeten. Genau wie in Deutschland nicht alle Hochdeutsch sprechen, sprechen auch hier nicht alle reines Englisch. Es gibt so viele Dialekte. Die Schule an der ich bin, ist sehr angenehm. Es gibt eine Menge Freizeitangebote und langweilig kann es hier einem auch nicht werden.

Du weißt, dass einkaufen normalerweise nicht mein Ding ist, aber was es hier alles im Einkaufszentrum gibt ist Wahnsinn. Ich habe in meiner Klasse eine Menge Freundschaften geschlossen und nun nehmen mich ein paar der Jungs öfters mal mit ins Kino oder einfach nur so zum abhängen mit ins Zentrum, wenn denn neben der Schule genug Zeit dafür ist.

Das Wetter hier ist sehr ungemütlich und auch wenn es in Deutschland zur Zeit nicht anders sein dürfte, zieh ich den deutschen Winter doch dem britischen vor. Liegt denn bei euch schon Schnee? Man hat mir bereits gesagt, dass ich mir hier London da nicht so viel Hoffnung machen soll. Aber vielleicht hab ich ja Glück...

Sammy... ich habe vor einer Weile auch mit Maria telefoniert. Sie hat mir gesagt wie schlecht es dir geht und wie sehr du abgenommen hast. Sei ihr nicht böse, sie macht sich Sorgen. Und ich tu dies nun auch. Verdammt, iss doch richtig. Ich möchte nicht zurück kommen und nur noch einen Strich als Bruder haben und ungesund ist das auch. Ich weiß, ich klinge viel schlimmer als Mom *seufz*

Deshalb hab ich dir auch den ganzen Süßkram besorgt. Wenn du schon nichts vernünftiges isst, dann nasch wenigstens die Schokolade. Ich weiß, nicht gerade die beste Logik, aber wenn ich mir von Maria erzählen lassen muss, dass du so deprimiert bist ohne das ich etwas davon weiß, dann mach ich mir noch mehr Sorgen.

Ich denke, den Teddy im Paket hast du bereits bemerkt. Mir ist nichts besseres eingefallen. Er hat mir so sehr gefallen, da musste ich ihn einfach kaufen. Nimm ihn mit in dein Bett und wenn du dich allein fühlst, dann umarm ihn an meiner Stelle...

Du hattest mir am Telefon vorgeworfen, dass meine Mails so kurz wären und nur noch aus Phrasen bestehen würden... es ging nicht anders. Für die Mails muss ich immer in ein Internetcafé gehen und da hatte ich einfach nie die Ruhe um dir alles zu schreiben. Ständig waren da Leute um einen und da konnte ich einfach nicht mehr schreiben. Es tut mir Leid. Vielleicht lässt sich das ändern.

Sammy, ich vermisse dich und hoffe, dass es bald eine Möglichkeit gibt, bei der wir uns wieder sehen. Sei nicht traurig, ich denk an dich. Jetzt werde ich jeden Tag auf eine Mail von dir hoffen, von deinem Telefonverbot weiß ich ja.

Ich wünsch dir ein schönes Fest und grüß Dad von mir.

In Liebe, dein Danny

P.S.: Falls du dich über meine Art zu schreiben wunderst, ich denke, das liegt einfach an der Weihnachtsstimmung, die Mom hier so krampfhaft zu verbreiten versucht... aber ohne dich geht das einfach nicht richtig. *g*



Langsam ließ Sammy den Brief sinken. Die blaue Tinte begann bereits zu verlaufen, da er die Tränen nicht mehr zurück halten konnte. Er konnte es einfach nicht glauben. Danny vermisste ihn tatsächlich. Er hatte an ihn gedacht und machte sich Sorgen. Sammy zog den Teddy aus dem Päckchen und sah ihn unsicher lächelnd an. Die Tränen ließen sich nicht mehr stoppen, aber das machte nichts. Jetzt hatte er etwas woran er sich festhalten konnte. Zugegeben Weihnachten und Silvester würden verdammt deprimierend werden und auch die Wochen danach würden nicht einfacher sein. Aber die Zeit würde vergehen und Danny, der ihn nicht vergessen hatte, würde wieder zu ihm zurück kommen. Gleich morgen würde er ihm eine extra lange Mail schreiben und ihm alles erklären. Dass es ihm leid tat wegen dem Telefonat und dass er ihm nicht böse war und wie sehr er ihn vermisste.

Vorsichtig stellte Sammy das Päckchen neben dem Bett ab, zog sich schnell für die Nacht um und kuschelte sich dann mit dem Teddy im Arm unter die Decke. Vielleicht mochte er jetzt wie ein kleiner Junge aussehen, mit dem Kuscheltier im Arm. Doch es war egal, denn niemand war hier und selbst wenn. Der Teddy war Danny und den würde er nie wieder los lassen.

***

4 – Eine Antwort

Von: sammy_twin@xxx.de

An: danny_twin@xxx.de

Betreff: Antwort auf deinen Weihnachtsbrief

Danny,... ich weiß nicht recht, was ich dir jetzt schreiben soll.

Dein Päckchen ist gestern hier angekommen und ich hatte ehrlich Angst es zu öffnen. Es stand den ganzen Tag im Zimmer auf der breiten Fensterbank, auf der man so schön sitzen kann. Erst am Abend hab ich deinen Brief gelesen. Der Teddy weicht mir seit dem nicht mehr von der Seite. Er sitzt gerade neben der Tastatur und schaut mir zu.

Ich wünschte so sehr, du wärest hier... aber ich bin dir nicht böse. Ich weiß, dass du nichts dafür kannst, dass du in London fest hängst. Es tut mir so leid, dass ich dich am Telefon angeschrieen, einfach aufgelegt habe... aber ich vermisse dich so sehr und ich wollte nicht wahr haben, dass du nicht hier sein kannst. Die Tage plätschern nur vor sich hin, vollkommen trostlos. Mittlerweile hat es geschneit, aber der Schnee bleibt kaum liegen.

Kannst du wenigstens Ostern kommen? Oder gibt es bei euch Winterferien? Ich... tut mir leid, ich möchte nicht nerven, aber...

Mom hat also jemanden kennen gelernt. Na ja, wurde auch langsam mal Zeit... aber ausgerechnet in London? *kopfschüttel*

Mach dir keine Sorgen um mich... so lange du nur wieder kommst, ist alles in Ordnung. Du kennst doch Maria, sie übertreibt hin und wieder. Aber danke für die Süßigkeiten. Sie werden hier bestimmt nicht umkommen.

Sag mal, wie ist die Musik da drüben eigentlich? *lach* Oder hörst du die ganze Zeit nur deine CDs? Hier ist zur Zeit nur ziemlicher Schrott in den Charts... wie immer eigentlich.

Dad und Katharina werden über Weihnachten wegfahren, in den Süden. Stell dir das mal vor, Heiligabend am Strand. Total daneben, oder was denkst du?

Das wird lustig, ein riesiges leeres Haus, ein bunter Tannebaum, das Weihnachtsprogramm und ich... wirst du an Heiligabend mal anrufen? Ich möchte deine Stimme hören und wissen wie es dir geht. Außerdem weiß ich dann, dass du meine Mail auch bekommen hast.

Eigentlich wollte ich dir noch soviel mehr schreiben, aber du weißt, dass reden nicht gerade meine Stärke ist... und eigentlich weißt du ja, was ich dir sagen will, oder? Ich vermisse dich und werde wieder beginnen die Tage zu zählen bis du bei mir bist.

Ich wünsch dir ein paar schöne Tage und grüß Mom von mir.

Bis bald,

dein dich vermissender Sammy *drück*



***

5 – Der Heiligabend

Leise erklang das Bingen der Mikrowelle. Sammy holte den Teller mit seinem aufgewärmten Essen heraus und setzte sich ins Wohnzimmer. Rotkraut, Klöße, Braten und Soße. Maria hatte ihm das Essen am Vortag gekocht nachdem er ihr Angebot, doch den Heiligabend mit bei ihrer Familie zu verbringen, abgelehnt hatte. Er hätte nicht gewusst, was er den ganzen Abend bei ihr hätte tun sollen und den Anruf von Danny wollte er ja auch nicht verpassen.

So saß er nun vollkommen allein hier, der Fernseher zeigte irgendeinen schon zum hundersten Male wiederholten Weihnachtsfilm, sein Essen dampfte vor sich hin und in der Ecke beim Fenster stand der eher mickrige künstliche Weihnachtsbaum. Neben ihm auf dem Tisch lag das Telefon. Wann Danny wohl anrufen würde? Es war bereits kurz nach sieben, wobei in London war es dann ja erst sechs.

Sammy wünschte sich selbst einen guten Appetit und aß dann von dem leckeren Weihnachtsessen. Maria hatte sich da mal wieder selbst übertroffen. Zum Nachtisch stand auch noch eine Überraschung für ihn im Gefrierfach. Er hatte seine Neugier bis jetzt tatsächlich zügeln können. Er würde später noch herausfinden, was Maria wieder für ihn gezaubert hatte.

Er hatte die Hälfte schon hinter sich und spürte bereits, dass er nicht alles schaffen würde, als das Telefon neben ihm klingelte. Sofort ließ er Gabel und Messer auf den Teller sinken und nahm ab, ohne noch auf die Nummer zu sehen. „Danny?“ Fragte er ein wenig aufgeregt.

„Nein, ich bin’s.“ Erklang die Stimme von Herr Winter.

Sammy verdrehte die Augen und seufzte. „Was gibt’s denn?“ Wollte er genervt wissen. Hatten die in ihrem Hotel nicht genug Beschäftigung oder warum musste er unbedingt die Leitung blockieren.

„Na hör mal, es ist Heiligabend. Da darf man seinem Sohn ja wohl mal noch ein Frohes Fest wünschen.“ Sammys Vater klang unsicher. Mittlerweile hatte er doch ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil er seinen Sohn vollkommen allein gelassen hatte. Dabei war das alles nicht so geplant gewesen.

„Von Fest kann ja hier wohl kaum die Rede sein, aber trotzdem danke... ich wünsch dir auch ein schönes Weihnachtsfest. Kommt man bei 30°C und Meer eigentlich in Weihnachtsstimmung?“ Wollte Sammy skeptisch wissen. Er konnte immer noch nicht begreifen wieso man zu Weihnachten in den Süden fuhr. Davor vielleicht oder auch danach um dem kalten Winter zu entkommen, aber doch nicht genau über die Feiertage.

„Na ja, es geht so. Aber ich denke, das nächste Jahr bleiben wir lieber zu Hause oder es geht irgendwo hin wo es richtig viel Schnee gibt... liegt denn wenigstens Schnee bei euch?“

„Jepp, ein wenig. Wer weiß wie schnell der wieder weg ist.“

„Sammy, wenn wir zurück sind, dann bekommst du deine Geschenke, okay? Wir feiern nach und wir gehen irgendwohin essen. Du darfst raussuchen.“ Bot Herr Winter an. Ihm tat es immer mehr leid, dass er Sammy allein gelassen hatte. Ursprünglich hatte Frau Winter ja auch mit Danny kommen sollen, aber als sie so kurzfristig absagte, hatten sie den Flug schon nicht mehr stornieren wollen. Sammy konnte auch mal ein paar Tage alleine auskommen und Maria, die gute Seele, gab es ja auch noch.

Sammy antwortete nicht und so entstand ein unangenehmes Schweigen, nur vom Rauschen in der Leitung unterbrochen. „Du wartest auf einen Anruf von Danny?“ Fragte Herr Winter schließlich nach dem er sich geräuspert hatte.

„Ich darf ihn ja nicht anrufen. In der letzten Mail hab ich ihn drum gebeten sich heute mal zu melden. Also...“ Ein wenig abgelenkt, stocherte Sammy mit der Gabel in seinem kalt werdenden Essen herum.

“Na gut, dann werd ich mal Schluss machen. Hier ist es noch nicht mal Mittag und wir wollen dann noch an den Strand. Ich soll dich von Katharina grüßen.“

„Ja. Ich wünsch noch ein paar schöne Tage. Tschüß.“

„Tschüß.“

Sammy legte auf und atmete erst einmal tief durch. Wow, was für ein eigenartiges Gespräch. Es ging einmal nicht um sein Versagen in der Schule oder andere Fehltritte. Anscheinend hatte sein Dad wirklich ein schlechtes Gewissen bekommen.

Sammy legte das Telefon beiseite und aß weiter. Das Essen war zwar schon kalt, aber er wollte jetzt nicht aufstehen und es noch einmal aufwärmen. Er stellte den Fernseher auf einen Musiksender, drehte etwas lauter und leerte seinen Teller ohne es wirklich mitzubekommen. Die Zeiger der Wanduhr schienen nur so vor sich hinzuschleichen und fast schon rückwärts zu gehen.

Der blonde Junge brachte sein benutztes Geschirr in die Küche, räumte es in die Spülmaschine und blieb schließlich mit den Blicken an der Theke hängen. Er hatte nicht geglaubt, dass er es schaffen würde, doch am Vormittag hatte er sich tatsächlich eine Flasche Billigrotwein besorgt. Zusammen mit einem Haufen anderer belangloser Dinge war er im Stress des weihnachtlichen Einkaufes tatsächlich an der alten Kassiererin vorbeigekommen. Die Flasche stand nun unschuldig und rotschimmernd dort und wartete darauf geöffnet zu werden.

Sammy wusste nicht, warum er sie gekauft hatte. Der Gedanke war einfach ganz plötzlich gekommen. Er konnte das Zeug ja mal probieren. Außerdem hatte er mal irgendwo gelesen, dass ein Glas vor dem Schlafengehen recht hilfreich sein sollte. Der Versuch war es wert. Das erneute Telefonklingeln hielt ihn davon ab nach der Flasche zugreifen und sich ein Weinglas zu suchen. Schnell sprintete er ins Wohnzimmer zurück, stellte den Fernseher leiser und nahm das Gespräch an.

„Ja?“ Fragte er unsicher, denn er wollte nicht schon wieder so einen Ausrutscher wie bei seinem Vater haben.

„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass man sich so nicht am Telefon meldet?“ Vernahm er eine etwas belustigt klingende Frauenstimme.

„Mom?“

„Na, das klingt ja nicht gerade begeistert. Freust du dich nicht, dass ich anrufe?“ Meinte Frau Winter ein wenig beleidigt.

„Doch... doch! Ich freu mich. Aber...“ Sammy stammelte herum. Was sollte das denn? Wieso riefen hier denn alle möglichen Leute an, bloß nicht sein Danny? Seufzend versuchte er seine Enttäuschung zu unterdrücken und konzentrierte sich auf das Gespräch mit seiner Mutter. „Es ist schön, dass du dich meldest. Wie geht es dir denn?“ Er hatte seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihr geredet. Aber es hatte ihn nicht wirklich gestört, da er nie gewusst hätte, was er besonderes erzählen könnte.

„Oh mir geht es ganz gut. Aber ich denke Danny hat dir schon alles erzählt, wegen Peter und dem Auftrag.“ Meinte sie sanft lachend. So kannte Sammy sie, immer fröhlich und manchmal ein wenig zu unschuldigdenkend gegenüber anderen. „Aber eigentlich interessiert es mich eher, wie es dir geht. Ich hatte gehört, dass es Probleme in der Schule gibt.“

Sammy schüttelte den Kopf und seufzte unterdrückt. „Mir geht’s gut. Das in der Schule ist nichts weiter. Ich hatte nur ein paar mal keine Lust meine Hausaufgaben zu machen und in den letzten Arbeiten hab ich leider nicht so gut abgeschnitten. Du kennst das ja, aber das gibt sich im neuen Jahr wieder, versprochen.“ Sammy entfernte sich da zwar ein ganz klein wenig von der reinen Wahrheit, aber er wollte das jetzt nicht wirklich ausbreiten. Entweder er bekam das auf die Reihe oder er würde noch früh genug Ärger bekommen. Aber das musste jetzt nicht an Heiligabend sein.

„Eigentlich bin ich ja sauer, dass ihr nicht hier seit, unabhängig von den Gründen.“ Brummelte Sammy schließlich in den Hörer und war gespannt, was seine Mom da eigentlich dazu zu sagen hatte.

„Da hast du wohl auch allen Grund zu. Es ist das erste Mal, dass du ohne uns feiern musst. Es tut mir wirklich, wirklich leid, aber ich konnte es nicht ändern. Verzeihst du mir?“ Fragte sie und Sammy hatte das dumme Gefühl, dass sie nicht wirklich ahnte, wie schlimm es für ihn war, alleine in diesem riesigen Haus zu sitzen. Aber brachte es etwas, ihr das zu erklären? Er entschied für sich mit einem nein und seufzte nur wieder. „Aber kommt, so bald es geht ja?“ Überging er schließlich eine direkte Antwort.

„Klar, ich werd schauen, wann Dannys nächste Ferien sind und so bald ich frei bekomme, geht’s nach Deutschland, ja?“ Stimmte Frau Winter zu. Auch wenn es ihr in London gefiel, so gab es in Deutschland im Moment einfach noch Leute mit denen sie gerne Mal etwas unternahm und die sie doch ein wenig vermisste. Sie hatte die Sache mit dem Auftrag aber auch nach mehrmaligem hin und her überlegen nicht verschieben können.

„Ähm, ist Danny in der Nähe.“ Fragte Sammy schließlich zögerlich. Er wollte endlich mit seinem Bruder reden.

Frau Winter lachte leise auf. „Der steht die ganze Zeit neben mir und fuchtelt so komisch herum. Weißt du, was er will?“ Fragte sie unschuldig und Sammys Herz machte einen kleinen Sprung. Also hatte Danny daran gedacht?

„Kann ich mit ihm reden?“ Wollte Sammy wissen. Er wollte endlich die Stimme seines Bruders hören.

„Ich glaube, wenn ich jetzt nein sage, dann werde ich gelyncht. Danny erdolcht mich bereits mit Blicken. Eigentlich wollte ich dir auch nur ein paar schöne Tage wünschen und sagen, dass dein Geschenk unterwegs ist.“ Meinte sie nun ein klein wenig ernster.

„Das wünsch ich dir auch, Mom, und viel Erfolg mit deinem großen Auftrag.“ Erwiderte Sammy ein wenig schuldbewusst, denn in der ganzen Zeit hatte er nicht daran gedacht, auch seiner Mutter ein paar Weihnachtsgrüße zukommen zulassen.

„Ich geb’ dir jetzt deinen Bruder. Lass es dir gut gehen.“

„Ja, Mom.“ Einen Moment lang war nur das Rauschen der Leitung und ein paar Hintergrundgeräusche zu hören, dann erklang Dannys Stimme. „Hey, warte einen Moment, ich geh nur eben in mein Zimmer, dann können wir ungestört reden... ... ... so, da bin ich.“

Sammy wartete ab und lächelte schließlich als er im Hintergrund das Schließen einer Tür hörte. „Hey.“ Erwiderte er dann sanft, während sein Herz noch immer aufgeregt hüpfte. Einen Moment herrschte Schweigen, dann übernahm Danny wieder das Wort.

„Sorry wegen Mom eben. Als ich sie gefragt habe, ob ich dich anrufen kann, hat sie darauf bestanden zuerst mit dir zu reden.“

„Is schon okay.“ Erwiderte Sammy. „Ich hab schließlich ne Weile nicht mit ihr gesprochen und an eine Weihnachtskarte oder so hab ich auch nicht gedacht... vielleicht sollte ich wenigstens eine Neujahrskarte schicken, wobei ich nicht weiß, ob sie rechtzeitig da ist.“ Überlegte er laut.

„Mach das. Sie wird sich bestimmt riesig freuen, auch wenn die Karte nicht pünktlich käme.“ Unterstützte Danny seine Gedanken auch gleich. Aber dann wechselte er das Thema, schließlich hatte er eine Mail zu beantworten. „Also, über deine Mail hab ich mich gefreut. Ich hatte schon Angst bekommen, dass du mein Päckchen nicht erhalten hättest oder so. Deine Antwort hat so lange gedauert.“

„Hey! Was kann ich denn für die lahme Post.“ Lachte Sammy ein wenig unsicher.

„Der Teddy ist bei dir also in sicheren Händen, ja?“ Hakte der ältere der beiden Zwillinge nach.

„Jepp, er macht mir mein Bett streitig und liegt den ganzen Tag faul rum, aber er ist total verschmust.“ Alberte Sammy ein wenig herum. Er liebte dieses Stofftier jetzt schon über alle Massen nur weil es von Danny kam, na ja, und weil es eben so schön weich war.

„Das freut mich zu hören... tja...“ Wieder entstand ein Schweigen, welches nicht vollkommen unangenehm war.

„Sammy, du...“

„Danny, ich...“

Sie hatten beide gleichzeitig sprechen wollen, als sie es bemerkten, lachten sie beide nervös.

„Du zuerst, Danny.“ Forderte Sammy und verlor bereits den Mut, für das was er hatte sagen wollen.

„Aber... na gut, also, was ich sagen wollte, ist...“ Er druckste ein wenig herum und konnte nicht so recht Worte finden, für das, was er Sammy mitteilen wollte. Sonst war er immer so redegewandt, aber bei seinem Bruder konnte er manchmal ziemlich ins stottern kommen. Außerdem hatte er im Moment auch ein wenig Angst vor der Reaktion seines Bruders.

„Ich hab vor ein paar Tagen ein Date gehabt... sozusagen.“ Begann er schließlich doch leise. „Sie war hübsch und wir haben uns schon seit ein paar Wochen gut verstanden. Na ja, wir haben uns geküsst oder eher sie mich...“

„Danny, ich...“ Nein, Sammy wollte das nicht hören, er wollte nichts davon wissen, wie sein Bruder andere küsste, etwas für andere empfand. Das konnte er ihm doch nicht antun.

„Sammy lass mich ausreden.“ Unterbrach der Ältere seinerseits seinen Bruder, um nun ein wenig schneller weiter zusprechen. „Sie hat mich geküsst, aber es hat mir nicht gefallen... ich musste an damals denken... du weißt, an den Sommer in dem sich Mom und Dad getrennt haben... am Teich.“ Danny brach ab und atmete durch. Erinnerte Sammy sich da wirklich noch dran? Für ihn war es bestimmt nichts gewesen. Absolut unwichtig.

„Du meinst den Kuss?“ Fragte Sammy mit unsicherer Stimme und unterbrach Dannys zweifelnde Gedanken somit. Konnte Danny sich da wirklich noch dran erinnern? Und wieso dachte er ausgerechnet daran, wenn er jemand anderes küsste?

„Ja, den meine ich... also.“ Danny kam wieder ins stottern. Es war so verdammt schwer zu erklären. „Es hat sich nicht so angefühlt das... auch wenn das damals an sich nicht mal als richtiger Kuss zu werten war, wir waren da nur Kinder... ich hatte einfach immer das Gefühl, dass ein Kuss sich genau so anfühlen müsste, warm, weich und auf keinen Fall so feucht...“ Erneut atmete er tief durch, denn seine Stimme begann schon wieder zu stocken. „Der Kuss von dem Mädchen war überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, wie es sich bei dir angefühlt hat.“

Sammy war einfach nur sprachlos. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. So sehr hatte er sich gewünscht, dass er Danny sagen konnte, wie sehr er ihn mochte, dass dieser es vielleicht erwidern würde und nicht nur den kleinen Bruder in ihm sah, das Anhängsel, als das er sich immer gab.

Nun sagte Danny ihm, dass er die gleiche Erinnerung hütete wie er selbst und er wusste einfach nicht ob er schreien oder weinen sollte, schweigen oder ihm alles sagen.

„Sammy?“ Unsichere Frage mit flehender Stimme.

„Ich... ich weiß nicht, was ich darauf jetzt sagen soll...“

„Es tut mir leid... vergiss was ich gesagt habe, ich hätte einfach den Mund halten sollen... ich hatte nur das Gefühl, es dir sagen zu müssen.“

„Nein Danny, ich werde nicht vergessen was du eben gesagt hast. Die ganze Zeit hab ich doch nur darauf gewartet, dass du mir zeigst, dass ich nicht nur ein kleiner Bruder für dich bin. Das bin ich doch nicht, nicht wahr?“ Sammy hielt sich an einem der Dekokissen vom Sofa fest und wartete auf die Antwort seines Bruders. Würde er jetzt wirklich alles zurücknehmen? Ihn wieder allein in seine Angst zurück schicken?

„Nein, du bist nicht mein kleiner Bruder. Du bist meine zweite Hälfe, mein besseres Ich, dass mich meistens davor bewahrt, große Fehler zu begehen.“ Danny wollte noch etwas sagen, doch da klopfte es an seiner Zimmertür und im nächsten Moment steckte Frau Winter ihren Kopf zur Türe herein. „Willst du nicht langsam mal Schluss machen?“ Wollte sie mit gehobener Augenbraue wissen, wobei sie bedeutsam auf die Uhr an ihrem Handgelenk zeigte.

„Mom es ist Weihnachten. Sammy ist vollkommen allein, lass mich doch noch eine Weile mit ihm reden.“ Danny versuchte gleichzeitig seinen Bettelblick als auch einen entschlossenen Ton. Es schien zu wirken. „Na gut, aber übertreib es nicht.“

„Dir wird schon nicht langweilig Mom, du hast doch Peters Gesellschaft.“ Frau Winter hob drohend den Zeigefinger. „Na, nicht frech werden.“ Mahnte sie und ging dann wieder zurück ins Wohnzimmer, wo eine Flasche guter Rotwein und ein charmanter Gast auf sie warteten.

Danny nahm die Hand, die er auf den Hörer gelegt hatte wieder herunter und seufzte. „Sorry, Mom hat mich auf die enorme Telefonrechnung aufmerksam gemacht, die wir wohl bekommen werden, wenn ich nicht bald auflege.“

„Tja, dann solltest du...“ Begann Sammy enttäuscht. Er sah ebenfalls auf die Uhr und war nur wenig darüber verwundert wie schnell die Zeit im Gespräch mit seinem geliebten Bruder vergangen war.

„Ich möchte aber noch nicht auflegen, ich möchte noch ein wenig mit dir reden... außerdem waren wir unterbrochen worden. Ich hatte dir gesagt, was ich sagen wollte, jetzt bist du dran.“

Sammys Herz setzte einen Moment vor Schreck aus. Wollte Danny das wirklich hören? Er blickte verlegen zu dem künstlichen Weihnachtsbaum und biss sich dabei nachdenklich auf die Unterlippe. „Ich hab in letzter Zeit auch öfter an den Sommer damals gedacht. Ständig träume ich davon und es ist jedes Mal als wäre es erst gestern gewesen... Ich weiß, dass ich das nich darf, aber ich...“

„Nein... sag so was nich am Telefon.“ Unterbrach Danny den Jüngeren nun doch wieder. Er wusste, hoffte es zu wissen, was dieser sagen wollte. „Sag es mir, wenn wir uns wiedersehen, okay?“

Sammys Atem stockte und einen Moment lang konnte er nichts anderes tun, als zu nicken. Schließlich wisperte er ein gebrochenes ‚Ja’.

„Gut. Und jetzt mach dir noch nen angenehmen Abend, ja?“

„Okay... Danny, ich vermiss dich.“

„Das musst du nicht. Schau einfach in den Spiegel und ich bin bei dir so wie du bei mir bist.“ Danny erinnerte sich damit schmerzlich selbst daran, dass sie Brüder waren, aber das konnten sie nicht ändern. Er wollte das auch nicht ändern.

„Grüß Mom noch mal von mir.“ Wisperte Sammy sanft, während er das Kissen nur noch mehr an sich drückte.

„Mach ich. Bis bald, Sammy, ich werd dir wieder schreiben.“

„Bis bald.“ ... und dann war die Leitung unterbrochen

Sammy legte das Telefon beiseite und stand auf um sich in der Küche etwas zu trinken zu holen, das Kissen unbewusst noch immer an sich gedrückt. Auf der Theke stand noch immer die Rotweinflasche. Er ignorierte sie und holte sich stattdessen Saft aus dem Kühlschrank. War da nicht auch noch eine Überraschung für ihn im Tiefkühlfach gewesen? Eine von Marias süßen Spezialitäten war jetzt genau das Richtige um seine momentane Einsamkeit zu vergessen.

Eines durfte er aber nicht vergessen, nämlich die Rotweinflasche später noch in seinem Zimmer zu verstecken.

***

6 – Die Dunkelheit

„Ich muss noch zu einem Termin. Es kann spät werden. Katharina kommt dann aber auch bald nach Hause.“ Herr Winter schloss die Knöpfe seines Mantels, nahm sich die Hausschlüssel von der Ablage im Flur und verschwand dann durch die Eingangstür.

Sammy sah ihm kurz nach und zuckte nur mit den Schultern. Das war er ja bereits gewohnt. Es war ja nichts seltenes, dass sein Vater am späten Nachmittag oder Abend noch zu einem Geschäftsessen ging. Der Mann war ja wirklich mit seiner Arbeit verheiratet, da wunderte ihn die Trennung seiner Eltern vor sieben Jahren wirklich nicht mehr. Wie Katharina das nur aushielt... wobei, wenn die ging, dann würde es ihn am allerwenigsten stören. Blöde Schnepfe. Ständig sah sie ihn so komisch an und wie ein kleines Kind behandelte sie ihn auch.

Sammy zeigte seinem Spiegelbild im Flur die Zunge, schlurfte dann in die Küche und überlegte, was er sich zu Essen machen sollte. Ein wenig Hunger hatte er ja schon, auch wenn es erst kurz vor sechs war. Neugierig plünderte er erst einmal den Kühlschrank. Maria hatte sich gefreut als er kurz nach Weihnachten plötzlich wieder wirklichen Appetit gezeigt hatte. Er hatte das verlorene Gewicht zwar noch nicht wieder zugenommen, doch wenigstens nahm er nicht mehr ab. Sammy war darüber selbst ganz froh, denn er wollte Maria, die gute Seele, nicht unnötig sorgen und er wusste auch nicht, ob es Danny gefallen würde, wenn sie sich das nächste mal sahen und er nur noch ein Gerippe war.

Doch im Moment wollte er nicht an so etwas denken, nur ans Essen, denn sein Magen knurrte laut und verlangend. Im Hand umdrehen belegte er sich ein paar Toastscheiben mit Gurke, Schinken, Salat und Mayo, holte sich noch einen Karamellpudding, stellte alles zusammen auf einen großen Teller und balancierte seine wertvolle Fracht dann rauf in sein Zimmer. Nachdem er noch eine etwas ruhigere CD in seine Anlage gelegt hatte, machte er es sich auf dem Bett bequem und aß in Ruhe.

Jenseits des Fensters war es bereits dunkel, obwohl es noch so zeitig war. Diese Jahreszeit war einfach zu deprimierend, mit dem ganzen Nebel und Regen und der Kälte und der Dunkelheit.

Als sein Teller schließlich leer war, stellte Sammy ihn beiseite und sah sich um. Die Hausaufgaben hatte er schon gemacht, die Matheklausur war unterschrieben. Also nix mehr zu tun. Er fühlte sich noch immer ziemlich k.o. wie schon die letzten zwei Wochen und seine Augen brannten auch ein wenig. Unentschlossen ging er ins Bad und zog sich fürs schlafen gehen um. Morgen würde er vielleicht endlich wieder mehr Energie haben.

Als er wieder in seinem Zimmer war, kramte er ein wenig unter seinem Bett herum bis er schließlich fand wonach er gesucht hatte. Die Rotweinflasche von Weihnachten und eine kleine unscheinbare Bonbondose mit dem Aufdruck einer Winterlandschaft. Schon seit einigen Tagen lagen diese Dinge in ihrem Versteck unter dem Bett und Sammy war froh darum.

Der Wein und die Tabletten, die sich in der Dose befanden und die er aus Katharinas Vorrat geklaut hatte, halfen ihm beim einschlafen. Die letzte Zeit hatte er einfach nicht mehr richtig schlafen können, selbst wenn er sich noch so erschöpft gefühlt hatte und selbst wenn er dann einschlief, waren da unangenehme Träume und keine Erholung.

Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass Rotwein beim einschlafen helfen sollte. Die Schlaftabletten waren eher Zufall gewesen. Er wunderte sich noch immer, wozu Katharina so was brauchte, aber eigentlich war es ihm egal.

Sammy zündete zwei dicke rote Kerzen auf seinem Schreibtisch an, löschte das Licht der Stehlampe und öffnete die bereits halb leere Flasche. Der Wein war süß und hinterließ so einen eigenartigen Geschmack, der ihm nicht wirklich gefiel. Er nippte ein paar mal an der Flasche und betrachtete nebenbei die kleine Dose, die in seiner linken Hand lag. Der Teddy, den er zu Weihnachten von Danny bekommen hatte, saß neben ihm gegen ein Kissen gelehnt und beobachtete ihn schweigend.

Vorsichtig öffnete Sammy das Döschen in dem einmal Hustenbonbons gewesen waren und das auch immer noch danach roch. Zwei kleine Tabletten waren noch darin. Es waren vier gewesen, mehr hatte er nicht nehmen können ohne dass es gleich aufgefallen wäre. Langsam nahm er eine heraus und legte sie neben sich auf die Bettdecke, danach schloss er das kleine Döschen wieder und legte es zur Seite. Eine ganze Weile sah er die kleine weiße Tablette, die da nun neben ihm auf der Decke lag an. Nur die zwei hin und wieder flackernden Kerzen spendeten ihm dämmriges Licht um zu sehen, was er da tat. Sammy wusste, dass er es eigentlich nicht tun sollte. Dumm war er schließlich nicht. Aber es half ihm...

Tief atmete er noch einmal durch, dann legte er sich die Tablette auf die Zunge und spülte sie schnell mit Wein herunter. Medikamente hatte er noch nie gemocht. Noch ein paar Schlucke mehr, dann verschloss Sammy die Flasche wieder und verstaute sie mit der noch übrigen Tablette wieder unter dem Bett. Müde rollte der blonde Junge sich unter der Decke zusammen und starrte den Teddy an, der nun nur noch wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Nach und nach spürte er wie Wein und Tablette zu wirken begannen. Seine Glieder wurden angenehm schwer und seine Lider sanken wie von selbst über seine müden Augen. Er zog den Teddy an seine Brust, wünschte seinem Bruder in Gedanken eine Gute Nacht und begab sich in die Arme des schon bekannten traumlosen Schlafes.

Doch dieser Schlaf brachte Träume mit sich.

Eine Weile war es still und dunkel im Raum, doch bald konnte er jemanden in seinem Zimmer wahrnehmen, schwach nur, aber da war eindeutig jemand. Er kam näher und blieb schließlich vor seinem Bett stehen. Sammy glaubte es wäre Danny, doch schnell merkte er, dass es jemand anderes war. Die Nähe seines Bruders fühlte sich nämlich anders an, wie Geborgenheit und Wärme.

Sammy wollte, dass wer immer auch bei ihm war verschwand, doch er bekam kein Wort über die Lippen. Wie von weitem konnte er seinen Namen hören, immer wieder, doch er konnte es nicht zu ordnen und er war zu träge um wirklich zu reagieren.

Mit Verspätung meldete ihm sein umnebeltes Hirn eine Berührung, die sich unangenehm kühl anfühlte, an seiner Hand. Er brachte kaum mehr als ein abwehrendes Zucken der Finger zustande, als sich die Berührung auch schon ausbreitete. Über seinen Arm, seine Schulter, seinen Hals. Der Stoff seines Schlafshirts schien einfach zu verschwinden und die Berührungen wurden immer mehr.

Nein, das sollte aufhören.

Dieser Traum war nicht schön.

Wenn er von Danny träumte, war es schön, aber das nicht.

Er wollte aufwachen. Doch stattdessen spürte er nur viel zu warme und viel zu feuchte Lippen auf den eigenen. Und wie lange Haare über sein Gesicht streiften. Der schwere Nebel, der seine Reaktionen ausschaltete und ihn alles wahrnehmen ließ als wäre er unter Wasser, verschwand einfach nicht und so konnte er nur tatenlos zusehen, wie etwas seinen Körper vereinnahmte. Überall war diese Hitze und Feuchtigkeit.

Schließlich, nach einer quälend langen Zeit, hörte der böse Traum endlich auf und er glitt in den erwarteten schweren traumlosen Schlaf.

***

Als Sammy erwachte, spürte er bleierne Müdigkeit doch irgendetwas hatte ihn aus seinem Schlaf gestört. Ihm fröstelte, so dass er eine leichte Gänsehaut hatte. Außerdem konnte er auch nach mehrmaligem umher tasten seinen Teddy nicht finden. Mühsam öffnete er die Augen und sah sich in seinem Zimmer um. Es war noch dunkel im Raum und er hatte absolut keine Ahnung wie spät es eigentlich war.

Murrend schaltete er das Nachtlicht ein und sah auf den Wecker. Drei Uhr Morgens. Verdammt war das früh. Er rappelte sich ein wenig auf, weil er durst hatte und spürte leichte Kopfschmerzen. Trotzdem kam nach und nach die Erinnerung an den letzten Abend zurück, an den Traum konnte er sich jedoch nicht mehr erinnern. Verdammt, warum wirkte die doofe Tablette nicht länger?

Sammy fröstelte erneut und bemerkte endlich das Fehlen seines Schlafshirts. Er hatte sich doch eines angezogen gehabt, oder? Nach kurzem Suchen fand er es in einem unordentlichen Haufen neben dem Bett liegen, hob es auf und zog es sich schnell über. Auch der Teddy lag am Boden.

Sammy angelte ihn sich und sah ihn fragend an. „Was hab ich im Schlaf nur gemacht?“ Wollte er brummig wissen. Er fühlte sich ziemlich schlapp. Außerdem hatte er das Gefühl, bis vor kurzem noch vollkommen verschwitzt gewesen zu sein. Seine Haut war jedenfalls von einem unangenehmen getrockneten Schweißfilm überzogen. Er beschloss am Morgen, wenn er aufstand, erst einmal zu duschen.

Kurz stellte er den Wecker auf eine etwas frühere Zeit, damit er dann beim Duschen nicht hetzen musste, und löschte das Licht wieder. Eine Weile starrte er noch in die Dunkelheit bevor er mit dem Teddy im Arm wieder einschlief.

Einige Stunden später wachte er erneut auf. Diesmal war es der Wecker, der ihn aus wirren Träumen riss, deren Inhalt er bereits wieder vergaß. Murrend schlug er den Wecker k.o. und drehte sich auf die andere Seite. Er wollte noch nicht aufstehen. Doch er musste zur Schule und er wollte nicht austesten, ob sein Dad seine angekündigte Strafe durchziehen würde, sollte er noch einmal unentschuldigt fehlen. Mit der Fernbedienung schaltete Sammy seine Anlage ein und ließ sich von dem viel zu munter wirkenden Nachrichtensprecher voll quatschen. So lief er wenigstens nicht Gefahr wieder einzuschlafen. Schließlich konnte er sich selbst dazu überreden aufzustehen, schaltete das Licht ein und suchte sich frische Klamotten zusammen. Das war wohl das deprimierenste am zeitigen aufstehen, es war noch immer dunkel wenn er das Haus verließ und es würde auch noch ein paar Wochen dauern, bis sich das änderte.

Sammy schleppte sich ins Bad, streckte seinem müden Konterfei im Spiegel die Zunge heraus und ging dann erst einmal duschen. Das lauwarme Wasser und das leckerduftende Duschbad schafften es endlich seine Lebensgeister vernünftig zu wecken und so sah er nicht mehr ganz so erschlagen aus, als er erneut vor dem Spiegel stand, diesmal eine schäumende Zahnbürste im Mund. Nachdenklich fuhr er sich durch die nun dunklen nassen Strähnen seines Blondschopfes. Er würde auf jeden Fall einen Fön nehmen müssen, sie würden nicht von alleine trocknen bis er das Haus verließ. Es war noch viel zu kalt draußen um mit nassen Haaren vor die Tür zu gehen. Wobei, wenn er krank wurde, dann hatte er wenigstens eine Entschuldigung für sein Fehlen. Kopfschüttelnd verwarf er diesen Gedanken wieder und wühlte stattdessen den Fön hervor. Kranksein war keine angenehme Sache, nicht solange kein Danny in der Nähe war, der einen gesund pflegte.

Den Fön in der linken Hand, die Zahnbürste in der Rechten beobachtete Sammy sich im Spiegel. Ob er die Haare mal schneiden lassen sollte? Sie waren schon ziemlich lang geworden, bis auf die Schultern hingen sie ihm. Wie er Danny kannte, hatte dieser sie sich mittlerweile bestimmt ein oder zweimal schneiden lassen. Wenn sie sich wiedersahen, würde es bestimmt einige Unterschiede in ihrem Aussehen geben, dann würde man sie nicht mehr nur an der Kleidung und am Verhalten auseinanderhalten können.

Sammys Blick fiel auf seine Armbanduhr, die zwischen seinen Klamotten auf der Ablage lag. Verdammt, es war schon zwanzig nach sieben. Er musste sich beeilen. Im Handumdrehen hatte er den Mund vom Zahnpastaschaum ausgespült, den Fön beiseite gelegt und war in seine Sachen geschlüpft. In seinem Zimmer überprüfte er noch einmal schnell ob er auch alles zusammen hatte und sprintete dann mit der Schultasche über der Schulter die Treppen hinunter nachdem er Licht und Anlage ausgeschaltet hatte.

In der Küche saß Herr Winter, las Zeitung und schlürfte Kaffee. „Morgen.“ Brummte Sammy und machte sich schnell eine kleine Schüssel Cornflakes, während er seinen Vater, der seine Anwesenheit mit einem Morgengruß zur Kenntnis genommen hatte, nicht weiter beachtete. Während er immer wieder Blicke auf die Küchenuhr warf, löffelte Sammy sein spärliches Frühstück und überlegte, ob er noch etwas zu Essen mit zur Schule nehmen sollte oder ob er es bis zum Mittag aushalten konnte. Es würde ohne gehen, beschloss er schließlich, stellte die leere Schüssel in die Spüle und verließ eilig das Haus.

Das Vorklingeln ertönte bereits als Sammy von einem plötzlichen kalten Regenguss durchgefroren mit seinem Rad auf dem Schulhof ankam und mit ein paar anderen Nachzüglern das Schulgebäude betrat. In der ersten Stunde hatten sie Erdkunde bei Herrn Hauber. Der kam selbst immer zu spät so atmete Sammy erst einmal durch bevor er die Stufen in den dritten Stock in angriff nahm und in sein Klassenzimmer ging. Kurz hatte er die Aufmerksamkeit aller, die den Lehrer erwarteten, auf sich, dann wurde er wieder ignoriert. Unbehelligt kam er so an seinen Platz um sich für den Rest des Schultages nicht mehr von dort weg zu bewegen, sollte es nicht unbedingt nötig sein.

In Geschichte schrieben sie einen Blitztest, der Sammy aufstöhnen ließ, da er von dem aktuellen Thema nicht den blassesten Schimmer hatte. In Mathe bekamen sie einen Test wieder, den er mit einer Vier überstanden hatte. Na wenigstens etwas. So verging die Zeit. Er hatte noch immer eiskalte Füße weil der Regen durch seine Schuhe gedrungen war und draußen war es einfach nur grau, was ziemlich erdrückend wirkte. Schließlich hatte er nur noch eine größere Pause und eine weitere Stunde Deutsch vor sich als kurz nach dem Pausenklingeln plötzlich jemand neben seinen Tisch trat.

„Hey Sammy.“ Der angesprochene Junge sah ein wenig irritiert auf. Vor ihm stand David, einer von Dannys besten Kumpeln. Der hing viel zu oft in der Nähe seines Bruders, wie Sammy fand. „Hast du mal was von deinem Bruder gehört? Er hat sich eine Weile nicht bei mir gemeldet.“ Fragte der ziemlich kräftige Junge auch gleich, den Blick dabei irgendwo hinter dem jüngeren Zwilling fixiert. „Und?“ Erwiderte Sammy desinteressiert und kramte in seiner Tasche herum um den Deutschhefter hervor zu holen.

„Was, und?“ Wollte David ein wenig irritiert wissen.

„Wenn Danny dir was zu sagen hat, dann wird er dir schon schreiben. Das hat absolut nichts damit zu tun, ob ich selbst mit ihm schreibe und ob er sich bei mir meldet.“ Meinte Sammy leise und hoffte, dass der dunkelhaarige Junge ihn bald in Ruhe lassen würde.

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann gab David ein unwilliges Schnauben von sich. „Idiot. Es ist schade, dass du nicht wenigstens ein wenig wie dein Bruder bist, dann könnte man vielleicht mit dir klar kommen.“ Und dann war er auch schon weg.

Sammy sah ihm stirnrunzelnd nach. ‚Mehr wie Danny’. Wie viel mehr denn noch? Sie waren Zwillinge, verdammt noch mal. Zittrig biss sich der blonde Junge auf die Unterlippe. Der Gedanke tat auf einmal so weh. Schon dass sie beide Jungen waren, war ein Problem, aber als Zwilling würde er Danny niemals so lieben können, wie er es wollte. Sammys Blick verschwamm ein wenig und er musste sich wirklich zusammenreißen um nicht los zuheulen. Mit wenigen Handgriffen packte er seine Sachen zusammen und stürmte aus dem Raum. Im Erdgeschoss kam er am Lehrerzimmer vorbei und verlangte dort nach Frau Schubert, seiner Deutschlehrerin, die zum Glück auch tatsächlich da war. Schnell erklärte er, dass es ihm nicht gut ging, dass es ihm heute Morgen schon ein wenig schlecht gewesen war und zeigte ihr auch kurz seine Hausaufgaben als Beweis, dass es keine Ausrede war, weil er diese vielleicht vergessen hätte.

Frau Schubert blickte erst ein wenig skeptisch, stimmte dann aber zu, dass er wirklich nicht gut aussah. Sie entschuldigte ihn für die Deutschstunde, mahnte ihn aber, alles nach zu holen und unbedingt ein ärztliches Attest zu besorgen, sollte er auch morgen fehlen. Alle Lehrer wussten über Sammys längeres unentschuldigtes Fehlen bescheid und achteten deshalb hin und wieder besonders auf ihn.

Sammy bedankte sich bei ihr und fuhr dann nach Hause. Es regnete schon wieder und so fror er nun wirklich als er endlich ankam. Maria schickte ihn sofort unter die heiße Dusche als sie sein blasses Gesicht und die leicht bläulichen Lippen sah, während sie selbst ihm eine heiße Suppe machte.

Im Bad stand er eine halbe Ewigkeit unter dem heißen Wasser und versuchte wieder warm zu werden. Hatte er sich jetzt tatsächlich irgendwas eingefangen? Hoffentlich nicht, denn er wollte nicht extra zu einem Arzt gehen.

Als sein Körper sich endlich nicht mehr wie ein Eisblock anfühlte, drehte er das Wasser ab, schnappte sich eines der riesigen bequemen Frottétücher und begann sich trocken zu rubbeln. In das Tuch gehüllt, tappte er dann schnell in sein Zimmer sich dort einen dicken und weichen Jogginganzug aus dem Schrank zu holen. Einige Zeit später stand er wieder bei Maria in der Küche und ließ ihre besorgten Fragen über sich ergehen. Ob es ihm besser ginge? Ob sie den Hausarzt rufen sollte?

Sammy beruhigte sie so gut er konnte, meinte, dass er einfach nur die heiße Dusche gebraucht hatte, damit es ihm wieder besser ging und schlürfte dann geräuschvoll seinen Möhreneintopf. Den mochte er besonders.

Gegen Spätnachmittag hörte Sammy die Haustür ins Schloss fallen. Maria war schon vor zwei Stunden gegangen nicht aber ohne ihm noch eine Kanne heißen Tees hoch zu bringen. Mittlerweile war die Kanne nur noch halbvoll und bereits abgekühlt. Er hörte Stimmen die Treppe herauf kommen, also waren sein Vater und Katharina zurück. Seufzend drehte er seine Anlage etwas lauter und loggte sich ins Internet ein. Vielleicht gab es da ja was Interessantes, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte. Als er seine Mails prüfte, schlich sich ein glückliches Strahlen auf sein Gesicht. Danny hatte ihm mal wieder geschrieben. Wenn man der KB-Angabe glauben schenkte, dann war die Mail nicht sehr lang, doch das störte Sammy nicht weiter, Hauptsache war, dass er überhaupt von seinem Bruder hörte.

In der Betreffzeile stand nur ein simples „Hey Kleiner“. Ungeduldig wartete Sammy bis sich die Mail geöffnet hatte und begann dann zu lesen.

Hallo Kleiner *umarm*,

trotz des miesen Wetters hier werde ich ständig von den anderen in die Stadt geschleppt oder zu irgendwelchen Partys weshalb ich kaum Zeit finde dir zu schreiben, aber diesmal hab ich sie abgewimmelt und mich endlich mal wieder auf meinen Hintern gesetzt um dir zu schreiben. *entschlossen ärmel hochkrempel*

Und weißt du was? Ich hab auch gleich ne absolut klasse Nachricht. Wir kommen nach Hause, die Flugtickets sind bereits bezahlt. Is das nich geil? Endlich sehen wir uns wieder. Bis Ostern müssen wir uns noch gedulden, aber das ist ja dieses Jahr schon Ende März, also höchstens noch sechs bis sieben Wochen. Ich hoffe, du freust dich genauso sehr wie ich.

Ich bin noch immer am Grübeln was ich dir von hier mitbringen könnte.

Mom lässt dich grüßen, sie hat noch immer ein schlechtes Gewissen wegen Weihnachten. *seufz*

Sorry, dass die Mail nicht länger ist, aber ich hoffe, die gute Nachricht entschädigt es. *zwinker*

Hab dich lieb, Kleiner

Bis bald

Danny

Mittlerweile hatte Sammys Strahlen ungeahnte Ausmaße angenommen und den Drang, wild durchs Zimmer zu tanzen konnte er nur unterdrücken, weil er sich dabei dann doch ein wenig blöd vorgekommen wäre. Danny würde endlich wieder zu ihm kommen. Er schnappte sich den Teddy vom Bett und drückte ihn fest an sich. Wo war nur sein Kalender? Er musste wieder damit beginnen, die Tage weg zustreichen...

***

7 – Die Entdeckung

Langsam fuhr Sammy die Allee entlang um nach Hause zu kommen. Was für ein langer Tag. Er war vollkommen geschafft und ausgelaugt. Hoffentlich hatte Maria ihm was zu essen warm gestellt. Um die Zeit würde sie wohl schon nicht mehr da sein. Dass sie Dienstags aber auch immer so lange Unterricht haben mussten. Ein müdes Lächeln schlich sich auf Sammys Gesichtszüge. Na ja, so schlecht war der Tag ja nicht gewesen. Jeweils in Deutsch und Biologie hatte er einen Test mit einer drei zurück bekommen und in Englisch hatte er sich mündlich sogar eine zwei geholt. Wobei er noch immer nicht wusste, wie er das zustande bekommen hatte.

Gedankenverloren ließ sich der blonde Junge den kühlen Februarwind um die Nase wehen bis er zu Hause an kam. Seit einem halben Jahr wohnte er nun schon hier und doch war es irgendwie noch immer seltsam fast jeden Tag diese Strecke zu fahren und dieses Gebäude sein zu Hause zu nennen. Das würde sich wohl auch nie wirklich richtig anfühlen, denn im Grunde freute er sich schon darauf, wieder in die Wohnung zurück zu dürfen, in der er mit seiner Mom und Danny lebte.

Er schnappte sich seine Schultasche und betrat das Haus wie immer durch die Hintertür. In der Küche stand ein Topf auf dem Herd und daneben lag eine Nachricht von Maria. Sammy nahm den Deckel vom Topf und schnupperte. Nudeleintopf, extra fettarm, extra viel Nudeln. „Maria, du bist die Beste.“ Murmelte er vor sich hin und nahm sich bereits einen Teller aus dem Schrank noch bevor er überhaupt die Jacke ausgezogen hatte. Er hatte jetzt wirklich Kohldampf und dieser Eintopf war genau das richtige. Einen Teller voll stellte er in die Mikrowelle und während er wartete, dass sein Essen wieder heiß wurde, schob er den lauwarmen Eintopf vom Herd. Wenn er richtig kalt war, würde er ihn in den Kühlschrank stellen, damit er nicht schlecht wurde. Darum hatte Maria ihn in ihrer Nachricht gebeten.

Während die Mikrowelle noch vor sich hinsummte, schaffte er es, sich endlich aus seiner Jacke zu schälen. Schnell brachte er sein Schulzeug nach oben, holte dann auch noch den Teller mit dem heißen Eintopf und einen Löffel und machte es sich dann in seinem Zimmer gemütlich.

Nebenbei sah er auf seine Armbanduhr. Kurz nach vier. Nun, Mittag konnte man das nicht mehr nennen, aber das war auch kein Problem. Dann würde er später eben nicht soviel essen. Ein Vorteil hatte es ja, wenn er so lange in der Schule festsaß, er hatte dann nicht so viel freie Zeit, die er totschlagen musste. Während Sammy aß, überlegte er auch schon, was er noch tun konnte. In Mathe waren noch Aufgaben auf bis zum nächsten Tag und eigentlich wollte er mal wieder in Stadt in den Buchladen, vielleicht gab es ja mal wieder was Interessantes. Er hatte sich schon seit einer ganzen Weile keine Bücher mehr gekauft und dabei mochte er es doch wirklich zu lesen. Es war ein schöner Zeitvertreib. Erst würde er die Aufgaben machen, denn wer wusste, ob er noch Lust dazu hatte, wenn er vom Buchladen zurück kam und ein spannendes Buch gefunden hatte.

Eine Stunde später war er endlich auf dem Weg in die Stadt. Mit dem Rad fuhr er die bereits dunklen Straßen entlang und überlegte, ob er vielleicht auch noch etwas anderes außer einem guten Buch brauchen konnte. Vielleicht was Süßes? Der Vorrat, den Danny ihm geschickt hatte, war ja schon vor einigen Tagen ausgegangen und etwas Schokolade konnte ja nie schaden. Also machte er zu erst am Supermarkt halt, schloss sein Rad ab und wühlte sich dann durch die Massen an Einkaufenden.

Wo war denn nur... ach ja. Ein mal links, zwei mal rechts, eine halbe Drehung und schon stand er vor den Süßwaren. Dass Supermärkte aber auch immer so verwirrend sein mussten. Wegweiser am Boden wären doch mal keine dumme Idee, dann konnte man sie wenigstens nicht übersehen.

Ein Weile stand er dort und besah sich das Angebot. Schokoriegel, Tafeln, Pralinen. Die Qual der Wahl, absolut gemein. Am Ende entschied er sich für eine Tüte Schokobons und für Choclait Chips. Die liebte er. Auf dem Weg zur Kasse, seine Beute in der Hand, stolperte er in einen größeren Jungen. „Entschul...“ David! Auch das noch. Der konnte ihn doch nicht leiden. Verstohlen senkte Sammy den Blick und wollte weiter gehen. Der Tag war bisher so gut verlaufen, das sollte sich jetzt nicht ändern. Doch weit kam er nicht, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte.

„Sammy? Warte doch mal.“ David ließ seine Einkaufsliste in der Hosentasche verschwinden und schob seinen Einkaufswagen ein wenig zur Seite, damit er niemandem im Weg stand. Er hatte sowie so noch mal mit Sammy reden wollen, doch in der Schule war das nicht möglich gewesen, da dieser ihn und auch alle anderen mied.

„Was willst du?“ Fragte Sammy abweisend und sah dabei nicht auf.

„Danny hat mir wieder geschrieben.“ Meinte David locker.

„Schön für dich.“

„Ich wollte nur sagen, dass es mir leid tut, was ich neulich gesagt habe. Ihr zwei seit zwar Zwillinge, aber das muss nicht heißen, dass ihr identisch seid. Es ist auch gut, dass ihr so verschiedene Charaktere habt, aber... ein wenig von Dannys Offenheit könnte dir nicht schaden. Du grenzt dich immer so aus und Danny macht sich einfach Sorgen um seinen kleinen Bruder.“

Sammy hob den Blick und sah David finster an. „Und das hat er dir erzählt, damit du mir eine Predigt halten kannst, ja?“

„Nein. Aber ich kenne Danny auch schon seit ein paar Jahren und ich kann zwischen den Zeilen lesen. Du bist für ihn mit das Wichtigste auf der Welt und er leidet, wenn es dir nicht gut geht...“

Sammy unterbrach Davids Rede abrupt und drehte sich schon halb in Richtung Kassen. „Es geht dich nichts an, was ich tue oder lasse und was Danny darüber denkt. Das ist ganz allein unsere Sache. Lass mich einfach in Ruhe, dann ist alles in Ordnung.“ Ein wenig wütend ließ Sammy den etwas sprachlosen David stehen und bezahlte so schnell er konnte seine Einkäufe bevor er zu seinem Rad ging und erst einmal tief durchatmete. Er überlegte, ob er seinen Buchladenbesuch nicht verschieben sollte, fuhr dann aber doch noch in die Stadt, weil er sich bereits darauf gefreut hatte und sich von David nicht den Tag vermiesen lassen wollte.

Als Sammy kurz vor sieben schließlich wieder nach Hause kam, war er ganz froh, dass er noch in der hiesigen Buchhandlung gewesen war, denn er hatte sich nach einigem hin und her doch zwei ziemlich spannend klingende Fantasieromane und einen Fotoband mit sehr kunstvollen Landschaftsfotografien geleistet.

Als er das Haus betrat, war es wie immer ziemlich still, doch aus dem Wohnzimmer erklangen Stimmen und das schwache Licht von dort flimmerte, der Fernseher. Sammy zog sich die Schuhe aus und sah dann nach, wer da war. Katharina saß alleine auf dem großen Sofa und zog sich irgendeine dieser lächerlichen Frühabendsoaps rein. Sie hatte ihn anscheinend bemerkt, denn sie blickte auf, als er herein sah. „Hallo Sammy, dein Dad ist kurzfristig für zwei Tage verreist. Er kommt erst Donnerstagabend wieder.“

„Ja, klar.“ Brummte der blonde Junge und wandte sich zum gehen. Er konnte Katharinas Gegenwart in letzter Zeit immer weniger ertragen. Sie hatte etwas an sich, dass ihn förmlich von ihr wegtrieb. Jetzt sollte er auch noch zwei Tage mit ihr alleine hier wohnen. Super. Zum Glück war es Mitten in der Woche, da konnte er ihr ganz einfach aus dem Weg gehen. Ihre Frage, wo er denn so spät herkäme, ignorierte er.

In der Küche bereitete er sich ein paar belegte Brote, holte sich noch einen Vanillequark aus dem Kühlschrank, nahm seine Einkäufe auf und balancierte alles zusammen dann hoch auf sein Zimmer. Sammy stapelte alles auf seinem Schreibtisch und schaltete aufatmend seine Anlage ein. Während im Hintergrund Guano Apes lief, sortierte er alles. Schokobons und Choclait Chips aufs Regal über dem Bett, die Fantasieromane daneben, der Fotoband aufs Bett, weil er ihn sich als erstes in Ruhe ansehen wollte, und das Essen blieb wo es war.

Nachdenklich vertilgte er die Brote und auch den Quark. Ob David Danny sagen würde, was heute passiert war? Danny würde es bestimmt nicht gefallen, wenn er erfuhr, dass sich sein kleiner Bruder mit seinem besten Freund gestritten hatte. Aber Sammy glaubte nicht, dass David es für sich behalten würde, wieso auch? Seufzend raufte er sich die blonden wirren Strähnen und überlegte, ob er Danny nicht vielleicht zu erst davon erzählen sollte. Doch er verwarf den Gedanken, er würde einfach hoffen, dass es Danny egal war und er nicht weiter darauf eingehen würde.

Sammy sah auf die Uhr, zwanzig nach sieben. Er hätte gerne mal wieder eine seiner Abendserien gesehen, doch er wusste gar nicht ob sie überhaupt noch lief und er würde sich auch auf keinen Fall runter zu Katharina setzen, geschweige denn mit ihr um das Fernsehprogramm streiten. Das konnte er sich getrost sparen. Mit dieser Feststellung aß er das letzte bisschen Brot und ließ sich dann auf sein Bett sinken um ein wenig in dem Bildband herum zu blättern. Er liebte es, sich Bilder in Hochglanz anzusehen und diese Landschaftsfotografien, die vor Farben nur so leuchteten und die bizarrsten Motive zeigten, hatten ihm schon immer gefallen. Auch in dem neu erworbenen Buch waren wieder wunderschöne Abbildungen und Sammy bereute den Kauf keinesfalls.

Auf einem der Bilder war ein Weinberg in tiefes Sonnenuntergangsrot getaucht, was Sammy daran erinnerte, dass er auch noch einen Rest Rotwein unter seinem Bett hatte. Tabletten hatte er keine mehr, aber an den Geschmack des Weines hatte er sich mittlerweile gewöhnt, weshalb es gar nicht mehr so schlimm war und wenn er den Rest noch austrank, dann konnte er auch nicht mehr in Versuchung geraten.

So zog er die Flasche unter dem Bett hervor und öffnete sie. Ein Rotweinglas wäre jetzt passend, dachte Sammy, doch es würde auch so gehen. Während er sich weiter durch den wirklich dicken Bildband blätterte und die Erklärungen zu den Fotografien las, wurde die Flasche nach und nach leerer.

Es reichte nicht, um ihn betrunken zu machen, zumal er jetzt einen vollen Magen hatte, aber es machte ihn wirklich müde und er war am Nachmittag schon so kaputt gewesen. Als er sein Gähnen schließlich nicht mehr unterdrücken konnte, stellte er die leere Flasche beiseite und klappte das Buch zu, nachdem er eines seiner vielen bunten Lesezeichen zwischen die Seiten gelegt hatte. Sammy stiefelte ins Bad, erleichterte sich und hüpfte dann kurz unter die Dusche. Das Zähneputzen konnte den leichten Weingeruch in seinem Atem auch nicht vollkommen überdecken, doch bis zum Morgen würde er von alleine weggehen und nur einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen. Nachdem er fertig war, brachte er noch sein benutztes Geschirr in die Küche und schlich sich dann wieder in sein Zimmer. Er stellte den Wecker auf eine Stunde später, da er Mittwochs erst zur zweiten Stunde zum Unterricht da sein musste. Vom Regal holte er sich einen der neuen Fantasieromane und las noch so lange darin, bis er seine Augen wirklich nicht mehr aufhalten konnte.

Tiefer Schlaf hatte sich seiner bemächtigt und wollte ihn auch so schnell nicht aus seiner Umarmung lassen, als Sammy seinen Namen irgendwo von ganz weit her hörte. Er bewegte sich unruhig im Schlaf und drehte sich auf die Seite, erwachte jedoch nicht. Erst als ein ungewohntes Gefühl in sein Unterbewusstsein drang und sich seine Aufmerksamkeit erkämpfte, begann er zu erwachen. Wiederwillig öffneten sich seine Lider und blinzelten den Schlafsand von den Pupillen. Dunkelheit herrschte im Zimmer, bis auf einen Streifen Licht, der vom Flur durch die halboffen stehende Tür drang. Sein Blick fiel schließlich auf einen Schatten, der über ihn gebeugt war, dessen Gewicht er nun deutlich auf seinen Oberschenkeln wahrnehmen konnte. Und er konnte etwas weiches, feuchtes an seinem Bauch spüren. Einen Moment dauerte es noch, bis sein müder Geist die Situation zu einem Gesamtbild zusammenfassen konnte, dann keuchte Sammy erschrocken auf und zog seine Beine ruckartig an sich. Die Person, von der unerwarteten Bewegung erschrocken, landete auf dem Boden und war nun im Licht, das vom Flur herein fiel, deutlich zu sehen. Katharina! Sammy zog die Bettdecke, die unbeachtet am Fußende des Bettes gelegen hatte, zu sich und wickelte sich in sie ein, nachdem er sein nach oben geschobenes Shirt wieder gerichtet hatte.

Katharina schwieg einen Augenblick und stand dann vom kalten Boden auf. Sie strich sich ihre Haare zurecht und schien zu überlegen, was sie sagen sollte. „Ich dachte, du hättest wieder meine Schlaftabletten geschluckt und würdest nicht mal bei einem Hausbrand aufwachen, wie schon die letzten Male, aber da hab ich mich wohl getäuscht.“

Sammy sah sie entsetzt an. Sie hatte es bemerkt? War schon einmal bei ihm gewesen? Was hatte sie...? Er traute sich nicht den Gedanken zu Ende zu denken und schlug sich die Hand vor den Mund.

„Du hast mich wohl für dumm gehalten, dass ich es nicht bemerke, aber da muss ich dich enttäuschen, für mich war es kaum zu übersehen, dass jemand an meinen Sachen gewesen ist. Und dass du dich auch noch mit billigem Rotwein betrinkst. Also wirklich, in deinem Alter.“ Katharina schüttelte den Kopf und ihre Stimme klang herablassend. Da sie nun mit dem Rücken zur Tür stand, konnte Sammy von ihrem Gesicht nicht mehr viel sehen. Doch das wollte er auch nicht. Eigentlich wollte er nur noch, dass sie ging. Sein Schweigen schien sie nicht zu stören, doch er brauchte auch nichts zu sagen, denn sie wandte sich von alleine zum gehen. „Noch etwas.“ Sie drehte sich noch einmal in der Tür um, bevor sie sie vollkommen hinter sich schloss. „Das sollte unser kleines Geheimnis bleiben, sonst erfährt dein Daddy von dem Wein und den Tabletten, was du sicher nicht willst. Danach würde dir sowie so keiner mehr glauben.“

Dann war es still und dunkel im Zimmer und Sammy fiel erschöpft in sein Kissen zurück. Er blinzelte ein paar Mal energisch, doch sein Blick, der nur die kleine rote Standby-Leuchte seiner Stereoanlage im Dunkeln erfassen konnte, verschwamm immer mehr bis er die Augen schloss und die Tränen einfach nur lautlos über seine Schläfen glitten.

Wenn Danny bei ihm gewesen wäre, wäre das bestimmt nicht passiert. Wieso war Danny nicht bei ihm? Danny durfte das nicht wissen, er würde ihn nie wieder ansehen oder in den Arm nehmen. Er würde ihn verachten, weil er so schwach war und es zugelassen hatte. Das er es nicht bewusst mitbekommen hatte, zählte nicht, denn daran war er ja selbst schuld gewesen.

Irgendwann schlief Sammy vollkommen erschöpft wieder ein.

***

8 – In London

Schwungvoll erschlug Danny den Wecker auf dem Nachttisch neben seinem Kopf und gähnte erst einmal ausgiebig. Draußen war es bereits hell, doch das machte es nicht leichter so zeitig aufzustehen. Doch es musste sein. Er schwang sich aus dem Bett, holte sich frische Wäsche aus dem Schrank und stiefelte ins Bad um sich für die Schule fertig zu machen. Noch zwei Tage, dann würden die Ferien beginnen und sie würden endlich nach Deutschland fliegen. Irgendwie freute er sich da riesig drauf. Endlich würde er seine Freunde wieder sehen, David hatte ihm schon geschrieben, dass er erwartet wurde und Sammy... Dannys Blick wurde nachdenklich. Vor ein paar Wochen waren Sammys Mails plötzlich spärlicher geworden und nun hatte er sich schon seit zwei Wochen nicht mehr gemeldet. Danny fragte sich, ob er nicht mal anrufen sollte und nachfragen, ob alles in Ordnung war, doch in einigen Tagen würden sie sich wieder sehen und dann würde er sehen was los war.

Im Zimmer fiel sein Blick auf den Computer, doch er ahnte, wenn er ihn jetzt einschaltete, dann würden eh nur wieder Spam-Mails im Postfach sein, keine Nachricht von Sammy. Außerdem würde er beim Frühstücken dann wieder so hetzen müssen. Seufzend ging er in die Küche und begrüßte seine Mutter, die dort am Frühstückstisch saß und sich leise mit ihrem Freund unterhielt. Danny fand ihn wirklich nett und für ihn war es mittlerweile okay, dass seine Mom sich endlich mal wieder verliebt hatte. So glücklich hatte sie lange nicht ausgesehen. Na gut, die Nachricht, dass sie nach London konnte, hatte sie auch ziemlich glücklich gemacht.

„Guten Morgen, Schatz. Lass dir Zeit mit dem Essen, Peter wird dich nachher fahren.“ Meinte Frau Winter, schenkte ihm ein sanftes Lächeln und griff nach der Tageszeitung.

„Oh, danke.“ Danny füllte sich eine Schüssel mit Cornflakes und setzte sich mit an den Tisch. Auf das Essen in Deutschland freute er sich auch schon. Wirklich überzeugt war er von der hiesigen Küche nämlich nicht. Da war er immer ganz froh, wenn Frau Winter oder er selbst kochten. Wobei Peters Künste, in deren Genuss sie auch schon einige Male kommen durften, auch nicht zu verachten waren.

Nachdem seine Schüssel geleert war, schmierte er sich noch ein paar Toastscheiben, die dann in Folie verpackt in seinem Rucksack verschwanden. Peter war mittlerweile auch aufgestanden. Er verabschiedete sich noch mit einem Kuss von Dannys Mom und verließ dann gemeinsam mit Danny die Wohnung. Mit dem Auto war es zur Schule nur etwa zehn Minuten, doch die nutzten sie immer zum quatschen, denn es war nicht das erste Mal, dass der großgewachsene Mann ihn fuhr.

„Du freuen dick schon auf zu Hause?“ Fragte Peter mit einem schweren Akzent. Während Frau Winter durch ihn ihr Englisch noch verbessert hatte, lernte er von ihnen nämlich Deutsch und Danny gab zu, dass Peter schon eine Menge gelernt hatte. Auf jeden Fall verstand man ihn besser als noch am Anfang.

„Ja, sehr. Da warten eine Menge Freunde und Sammy auf mich.“ Gab Danny offen zu.

„Ja, dein Twinbrother. Ick würde ihn kennen lernen gerne, aber ick kann nicht mit euch fliegen, muss arbeiten.“

Danny nickte. „Ja, leider. Mom hätte sich gefreut und Sammy würde dich bestimmt auch gerne mal treffen. Aber vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Es würde dir auf jeden Fall bei uns in Deutschland gefallen.“

„Ja, Deutschland ist schön. Ick war schon da, vor einer Weile.“ Peter bog um eine Ecke und hielt dann vor dem Schultor. „Have fun.“

Danny lachte, nickte seinem Fahrer kurz zu und stieg dann aus. Am Tor erwarteten ihn auch schon ein paar seiner neuen Freunde. Am Anfang des Schuljahres war er voller Neugier aufgenommen wurden und nun hatte er wirkliche Freunde unter seinen Klassenkameraden gefunden. Er begrüßte die Leute strahlend und machte sich dann mit ihnen auf den Weg ins Schulgebäude. An der Tür zum Klassenzimmer wurde er von Mary abgefangen, das Mädchen mit dem er einmal ausgegangen war. Sie hatte so einen starken Dialekt, dass Danny manchmal Probleme hatte sie zu verstehen, erst hatte er es witzig gefunden, doch nach dem Kuss fand er es nur noch nervig, wie auch das Mädchen an sich.

Ihm waren immer mehr Details an ihr aufgefallen, die ihm nicht gefielen. Ihre Stimme kam ihm viel zu hoch vor, plötzlich fand er, dass sie sich viel zu auffällig kleidete und sie war auch in letzter Zeit so aufdringlich und anhänglich. Manchmal glaubte er, er würde es sich nur einbilden, doch das war egal. Ihre Gegenwart war einfach nicht mehr angenehm.

Es hatte eine Weile gebraucht, bis er verstanden hatte, warum das so war, doch mittlerweile gestand er es sich ein. Sie war nicht wie Sammy, sie war nicht er. Niemand konnte seinen Platz in seinem Leben einnehmen. Das war ihm bewusst geworden seit er so lange von seinem Bruder getrennt war und es war wirklich schwierig mit dem Gedanken klar zu kommen. Dass er an Weihnachten Sammy die Sache mit dem Kuss erzählt hatte, erstaunte ihn selbst und es war eine wirkliche Überwindung gewesen. Er hatte fast ein wenig Angst vor dem Wiedersehen mit Sammy. Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf das, was Mary ihm da sagen wollte.

„... könnten wir nicht noch mal mit einander ausgehen?...“ Ah ja, die gleiche Leier schon seit Wochen. Gab die denn nie auf?

„Mary, ich hab dir gesagt, dass ich kein Interesse mehr habe. Außerdem fliege ich übermorgen nach Hause, ich habe keine Zeit.“ Meinte Danny genervt, ließ sie stehen und ging an seinen Platz, vom wissenden Grinsen einiger seiner Freunde begleitet. In der ersten Stunde hatten sie Mathe. Die Fachbegriffe unterschieden sich im Englischen nicht großartig vom Deutschen und gerechnet wurde eh überall gleich. Wenn er doch einmal etwas nicht verstand, dann schrieb er es sich auf und fragte entweder einen Klassenkameraden oder nach der Stunde den Lehrer, aber Probleme mit der Verständigung hatte er nun schon längst nicht mehr.

So verging der Schultag ziemlich ereignislos und auch der folgende Tag war nichts besonderes, bis auf die Halbjahreszeugnisse natürlich. Trotz dass es ziemlich kühl war, feierten sie den Beginn der Ferien im kleinen Kreise in einer Cafeteria mit Eis und bevor Danny sich verabschiedete, versprach er, dass sie sich nach den Ferien wieder sehen würden. Ein paar Monate musste er schließlich noch hier bleiben.

***

9 – Das Wiedersehen

Vorsichtig streckte Danny seine Glieder von sich und gähnte verhallten. Obwohl der Flug von London nach Deutschland nicht mal ganz eine Stunde gedauert hatte, war es doch ziemlich nervig die ganze Zeit ruhig zu sitzen und außerdem war es auch schon ganz schön spät. Aber sie würden zum Glück gleich landen, dann konnte er sich endlich wieder vernünftig bewegen. Ob Sammy wohl am Flughafen sein würde? Danny hoffte es. Mom hatte schließlich gesagt, dass sie abgeholt werden würden und damit meinte sie wohl ihren Ex-Mann und dessen Anhang. Danny verzog das Gesicht. Ihm gefiel die Neue seines Vaters überhaupt nicht. Sie war irgendwie künstlich, total falsch.

Danny ließ seinen Sicherheitsgurt einrasten, als das Zeichen zum Anschnallen über ihm aufleuchtete und lehnte sich zurück. Hoffentlich würde das Druckgefühl in den Ohren nicht wieder so stark sein wie beim Start. Er mochte dieses Gefühl überhaupt nicht. Doch die Landung verlief glatt und Danny atmete auf als sie über die Landebahn zu ihrem Gateway rollten. Langsam stiegen sie aus und als er und seine Mom mit ihrem Gepäck endlich in der Ankunftshalle standen und nach ihrem Empfangskomitee Ausschau hielten, wurde der Wunsch nach einem bequemen Bett in Danny immer größer.

Schließlich entdeckte der blonde Junge seinen großgewachsenen Vater am Rande der Menschenmassen. „Mom, da drüben sind sie.“ Er deutete in die entsprechende Richtung und lief dann zu ihnen.

„Da seit ihr ja.“ Herr Winter umarmte seinen Sohn kurz und gab dann auch seiner Frau die Hand. „Hallo Tim... Wo ist Sammy denn?“ Stellte Frau Winter nach einem suchenden Blick die Frage, deren Antwort auch Danny brennend interessierte, denn er konnte seinen Bruder nirgendwo sehen.

„Er ist zu Hause geblieben.“ Herr Winter blickte ein wenig ratlos. „In letzter Zeit benimmt er sich richtig eigenartig. Ich hoffe ja, dass er jetzt wieder ein wenig normaler wird, wo ihr da seit. Ich weiß einfach nicht, was ich noch mit ihm machen soll.“

Auf der Fahrt zum Haus war Danny eher schweigsam, während sich seine Eltern ausgiebig über London unterhielten. Verstohlen warf er einen Blick zu Katharina, die ziemlich gelangweilt blickend neben ihm auf der Rückbank saß. Besonders begeistert schien sie von ihrem Besuch ja nicht zu sein. War ja aber auch klar. Sie war bestimmt nicht sonderlich erfreut über die Aussicht, dass die Ex ihres Freundes jetzt eine Woche mit im Haus wohnen würde. Sie wollten wegen der einen Woche nicht extra in ihre alte Wohnung. Außerdem ging das auch gar nicht, denn sie hatten sie zwischenvermietet.

Danny wandte sich ab und sah aus dem Fenster, erkannte aber außer ein paar vorbei huschenden Lichtern nicht viel, da es schon lange dunkel draußen war. Warum war Sammy denn nicht mit am Flughafen gewesen? Dass es bereits kurz vor zehn war, konnte wohl kaum der Grund sein. Vor ein paar Wochen hatte er es kaum erwarten können ihn wieder zu sehen und nun meldete er sich nicht mehr, kam nicht. Danny spürte das Gefühl der Enttäuschung in sich wachsen. Das war einfach unfair. Endlich gestand er sich ein, wie sehr er seinen Bruder brauchte und dann zog dieser sich zurück. Hoffentlich ging es ihm gut. Ob er vielleicht krank war? Egal was. Danny wollte Sammy endlich sehen, damit sie das klären konnten.

Als sie eine halbe Stunde später endlich vor dem großen Haus seines Vaters hielten, sprang Danny sofort aus dem Auto. Er ignorierte das Rufen seiner Eltern nachdem sie die Haustür aufgeschlossen hatten und rannte direkt die Treppen hinauf. „Sammy? Sammy, wir sind da! Wo bist du?“ Er öffnete zuerst die falsche Tür, fand aber schließlich das Zimmer seines Bruders und stürmte ohne zu klopfen hinein.

Dort saß Sammy auf dem Stuhl am Schreibtisch, ein großes Buch vor sich aufgeschlagen und Schreibzeug daneben. Mit großen Augen hatte er sich zu seinem Bruder umgedreht und sah ihn nun stumm an.

„Sammy?“ Fragte Danny unsicher und kam näher. Doch er bekam keine Antwort, sein Zwilling sah ihn nur weiter schweigend an. Fast wie eine Puppe so steif saß er da. Ihr Wiedersehen hatte Danny sich nun wirklich anders vorgestellt. Ein wenig lebendiger auf jeden Fall und freudiger.

„Hallo Danny.“ Brachte Sammy schließlich leise heraus und stand auf. Er konnte es nicht glauben, sein Bruder war endlich wieder hier. Er hatte es sich so gewünscht und seit dem Vorfall vor ein paar Wochen doch solche Angst davor gehabt. Und nun wusste er nicht was er tun sollte. Er wollte zu ihm gehen, ihn an sich ziehen und nie wieder los lassen. Aber er konnte nicht denn er hatte Angst, dass er spüren würde wie schmutzig Sammy war. Dass Danny so anders aussah schreckte ihn nur noch mehr zurück, denn das war nicht mehr der Danny, den er in Erinnerung hatte. Dieser neue Danny wirkte für ihn fremd.

Er war eindeutig um einige Zentimeter gewachsen wo Sammy selbst noch immer genauso groß war wie im letzten August, seine Haare waren kurzgeschnitten wo seine eigenen nun doch länger und lockiger geworden waren und er wirkte auch ein ganzes Stück kräftiger wo Sammy selbst wieder weiter abgenommen und magerer geworden war . Sammy überlegte, was er am besten tun konnte um das unangenehme Schweigen zu brechen, doch Danny ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck überbrückte er die wenigen Schritte Abstand zwischen ihnen und schlang einfach seine Arme ihn. Es war, als hätte er seine nassen Finger an ein offenes Stromkabel gehalten. Sein Körper verspannte sich und begann zu zittern und seine Wahrnehmung reduzierte sich allein auf die Wärme, die Dannys Körper darstellte.

So lange her. So wunder schön. So gern hätte er seine Arme um den großen kräftigen Körper gelegt und sich einfach nur angelehnt. Doch Sammy konnte das nicht zulassen, Danny würde merken was mit ihm passiert war, er durfte ihn nicht berühren. Zittrig schob er seinen verwirrten Bruder von sich und zwang sich zu einem Lächeln, von dem er wusste, dass es nichts als eine hässliche Grimasse war.

„Hey, schön, dass ihr wieder hier seit. Ist Mom noch unten?“ Fragte er leise und merkte wie seine fremdklingende Stimme von Wort zu Wort sicherer wurde. Danny kam nicht zu einer Antwort, denn in dem Moment kam auch schon Frau Winter herein geplatzt. „Sammy!“ Rief sie freudig und umarmte ihren Sohn schwungvoll. Sammy schloss seine Augen und erwiderte die Umarmung zaghaft. „Hey, Mom, wie war euer Flug?“

„Gut, aber das ist jetzt erst einmal egal. Wie geht es dir denn? Du siehst ja richtig dünn aus. Man hört ja die unmöglichsten Sachen von dir.“ Die energische Frau hielt ihren Sohn an den Schultern von sich, betrachtete ihn und zog ihn dann wieder in eine Umarmung, so dass Sammy gar nicht zum Antworten kam.

Herr Winter stand in der Tür und beobachtete das ganze eine Weile schweigend, bis sich die gröbste Aufregung gelegt hatte. „Ihr werdet schon im Flugzeug gegessen haben, aber wenn ihr noch Hunger habt, stehen im Kühlschrank frischer Salat und Nudelsuppe für die Microwelle mit freundlichen Grüßen von Maria.“

„Das klingt gut. Danny, hast du Hunger?“

„Nein Mom, ich bin nur müde.“ Erwiderte Danny kopfschüttelnd und sah zu Boden. Er war enttäuscht und wollte jetzt eigentlich nur noch allein sein um sich mit Sammy zu unterhalten.

„Gut, dann mach dich im Bad frisch und lass dir von Sammy zeigen, wo du schlafen sollst. Wir unterhalten uns dann morgen bei einem großen Frühstück ausgiebig, ja Schatz?“ Wandte sie sich wieder an Sammy und als dieser nickte, umarmte sie ihn noch einmal kurz und ging dann mit ihrem Ex-Mann hinunter in den großen Wohnraum, wo sie sich zu dritt noch bei einem Glas Rotwein unterhalten würden.

Sammy spürte den fragenden Blick seines Bruders auf sich, doch er wandte sich ab und räumte Buch und Schreibzeug auf dem Schreibtisch zusammen. „Willst du zu erst ins Bad oder soll ich? Deine Sachen liegen im Zimmer nebenan schon bereit.“

„Ich geh zuerst.“ Meinte Danny resigniert und verließ dann schon fast fluchtartig das Zimmer. Nein, so hatte er sich das nicht vorgestellt. Nicht nach ihrem Gespräch zu Weihnachten und nicht nach all der Zeit, die sie getrennt gewesen waren. Tief in Gedanken versunken, fand er das Zimmer in dem er die nächste Woche schlafen würde und kramte sein Wasch- und Schlafzeug aus der Tasche, die irgendjemand mit hoch gebracht haben musste.

Der heiße Strahl der Dusche schaffte es nicht, seine Gedanken zu vertreiben, doch er machte ihn träge und ließ seine Müdigkeit überhand nehmen, sodass er schnell unter der Dusche hervor kam, sich in seine Schlafsachen wickelte und tief in dem fremden, kalten Bett vergrub. Sein letzter Gedanke bevor er einschlief galt Sammy, der nur durch eine simple Wand von ihm getrennt, in einem anderen Zimmer schlief und ihn nicht zu sich ließ.

***