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Sammy und Danny Teil 10 - 16

10 – Eine lange Nacht

Lange saß Sammy auf seinem Bett, gegen die Wand gelehnt, ein Kissen in seinem Rücken und Dannys Teddy in seinen Armen. Sein Blick war auf die Kerze gerichtet, die er angezündet hatte nachdem Danny aus dem Zimmer gegangen war und die nun als einzige Lichtquelle im Raum sacht vor sich hinflackerte. Der Wecker auf dem Nachttisch tickte leise und zeigte bereits kurz vor ein Uhr morgens an. Wenn Sammy nicht bald schlief, dann würde er nicht aus dem Bett kommen, wenn der Wecker unbarmherzig klingelte, denn im Gegensatz zu Danny musste er selbst am Morgen noch einmal in die Schule. Seine Ferien hatten noch nicht begonnen.

Müde rieb Sammy sich über die Augen, doch er konnte einfach nicht einschlafen. Die Gedanken, die wild und unkontrolliert in seinem Kopf umher wirbelten, waren einfach zu aufwühlend und ließen sich nicht abstellen. All die letzten Monate waren zu einem dunklen Fleck verschmolzen und hielten ihn nun wach, genau wie auch schon die Nächte zuvor, denn wenn er einschlief kamen die Träume und sie ließen ihm keine Ruhe. So gerne wäre er zu Danny gegangen und hätte sich unter dessen Bettdecke versteckt, wie er es früher immer getan hatte, wenn er einen Alptraum hatte. Aber das konnte er nun nicht mehr tun. Dafür waren sie zu alt und Danny würde auch nicht verstehen, was ihn so sehr aufwühlte. Diesmal konnte er nicht einfach zu seinem Bruder gehen und an ihn gekuschelt alles vergessen, was ihm Angst machte.

Immer wieder sah er Katharinas Gesicht vor sich und er versuchte das geschehene objektiv zu betrachten, redete sich ein, dass das alles doch so schlimm nicht gewesen war, das es schlimmeres gab, doch sein Kopf wollte das einfach nicht einsehen und sperrte sich dagegen. Denn egal wie Sammy es drehte, er fühlte sich benutzt und schmutzig. Nicht auf die herkömmliche Art wie wenn man nach dem Arbeiten oder Sport voller Dreck und verschwitzt war, sondern anders. Er konnte es nicht beschreiben und er wollte es auch nicht. Er wollte es nur endlich vergessen. So tun als wäre es nicht passiert.

Unterdrückt seufzend ließ er sich zur Seite fallen und zog seine Decke über sich. So müde wie er sich fühlte, musste der Schlaf doch irgendwann kommen. Nach der Sache mit Katharina hatte er den Rotwein und die Schlaftabletten nicht mehr angerührt, denn er blieb lieber die ganze Nacht wach als dass er noch einmal so vollkommen wehrlos war. Sein Vorrat war eh alle gewesen. Schließlich holte ihn der Schlaf doch, aber die gefürchteten unruhigen Träume kamen mit ihm und so schreckte er sehr schnell wieder hoch, nur um sich dann erschrocken in die hinterste Ecke seines Bettes zu drücken als er mit vom Schlafsand verklebten Augen sah, dass noch jemand im Zimmer war.

Danny erwachte Mitten in der Nacht ziemlich orientierungslos und blinzelte in die Dunkelheit. Es dauerte einen Moment bis ihm wieder einfiel wo er war. Unwillig grummelnd tastete er nach seiner Armbanduhr und drückte auf den kleinen Schalter, der die digitalen Ziffern beleuchtete, als er sie endlich fand. 2:47 Uhr morgens. Was für eine gottlose Zeit. Gähnend rieb Danny sich über die Augen und lauschte in sich hinein um heraus zu finden, was ihn geweckt hatte. An einen Alptraum konnte er sich nicht erinnern und auch sonst schien es im ganzen Haus still, aber irgendetwas hatte ihn eindeutig aus dem Schlaf geholt. Sein Blick wanderte zu der Wand, die an Sammys Zimmer grenzte. Ob er einen ruhigeren Schlaf hatte?

Noch bevor er es wirklich wahr genommen hatte, war Danny aufgestanden und auf dem Weg zur Tür. Nur einen Moment wollte er Sammy sehen, im Schlaf beobachten damit er sich endlich wieder zu Hause fühlen konnte. Zögerlich tappte er über den dunklen Flur und schlich sich dann in das Nachbarzimmer. Doch nicht die erwartete Dunkelheit und Stille kamen ihm entgegen, sondern das Licht einer großen Kerze und das unruhige Rascheln von Stoff erfüllten den Raum und ließen Danny einen Augenblick stocken, doch dann trat er ein und schloss die Tür hinter sich geräuschlos.

Still stand er im Raum und beobachtete seinen nur wenig jüngeren Bruder wie er sich in unruhigem Schlaf im Bett bewegte. Die Decke war halb verknotet und ein ganzes Stück herunter gerutscht und im flackernden Kerzenlicht konnte er Sammys zerstruwelte Strähnen erkennen, die ihm wirr in die Stirn hingen. Unter den Augen lagen tiefe Schatten und das dämmrige Licht ließ Sammy nur noch magerer erscheinen. Leise murmelte er unverständliche Dinge vor sich hin. Das kannte Danny von seinem Bruder bisher auch nicht, er hatte nie im Schlaf gesprochen.

Vorsichtig trat Danny näher und ließ sich auf den Stuhl am Schreibtisch sinken, den Blick dabei nicht vom Bett abwendend. Was für Gedanken mochten dass nur sein, die Sammy so sehr beschäftigten, dass sie ihn nicht ruhig schlafen ließen? Er kam nicht dazu weiter darüber nachzugrübeln da Sammy plötzlich hoch schreckte. Als Danny sah wie sein Bruder sich ängstlich in die Ecke drückte, beugte er sich vorsichtig näher.

„Sammy, pscht, ich bin’s, Danny. Du hast nur geträumt...“

Sammy hörte im ersten Moment nur das Rauschen seines Blutes in den Ohren, spürte seinen schnellen Puls in den Adern, bevor Dannys Worte zu ihm durchdrangen. Er blinzelte und sah zu seinem Zwilling hinüber. Der saß in Shorts und Shirt auf seinem Stuhl, kaum eine Armlänge von ihm entfernt wenn er sich nach vorne beugte, mit einem besorgten Gesichtsausdruck. Das war sein Danny, sein Bruder, der sich dann um ihn sorgte, wenn er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.

Langsam wisch die Spannung aus Sammy und er sank in sich zusammen. „Was... was tust du hier?“ Stammelte er unterdrückt. Seinen Teddy zog er unbewusst näher an sich, nachdem er ihn unter der Decke gefunden hatte. Danny beobachtete dies und es ließ ihn schmunzeln.

„Ich...“ Er zuckte mit den Schultern und rieb sich über die Augen. Die Müdigkeit kam zurück. „Ich bin aufgewacht und wollte...“ Danny schluckte. Sollte er das wirklich aussprechen? „Ich wollte dich sehen und dir wenigstens beim Schlafen zuschauen, wenn du schon nicht mit mir reden willst.“ Wisperte er schließlich leise und ließ den Kopf hängen. Es war sinnlos, Sammy wollte ihn ja doch nicht mehr bei sich haben. Er hatte alles falsch verstanden und sich da einfach nur was eingeredet...

„Das stimmt nicht... ich... ich wollte...“ Sammy ließ den Kopf ebenfalls hängen und zog seine Bettdecke höher. Er konnte es einfach nicht sagen, es ging nicht. „Ich sollte schlafen, ich muss noch mal zur Schule, ich hab noch sechs Stunden Unterricht bevor meine Ferien beginnen.“

Danny nickte und stand auf, doch er ging nicht, wie Sammy erwartete, sondern hob die Decke an und schlüpfte mit drunter. „Was tust du da?“ Fragte Sammy erschrocken und zog sich an die Wand in seinem Rücken zurück. Die Bettdecke zog er dabei mit, so das Danny nun ohne da lag.

„Schlafen?“ Erwiderte der ältere Zwilling mit einer Gegenfrage und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln.

„Aber...“

„Du hattest unruhige Träume und früher hast du dann immer ganz ruhig geschlafen, wenn du danach zu mir ins Bett gekommen bist. Hat sich das geändert?“ Wisperte Danny und schnitt Sammys Widerspruch so ab. Er hoffte, dass sein Bruder ihn jetzt nicht aus dem Bett warf, denn dann würde er wieder alleine in dem fremden Zimmer nebenan liegen.

Doch Sammy schwieg, überrascht von Dannys Worten, die seine eigenen Gedanken wiedergaben. Es dauerte einen Moment, doch dann rutschte er wieder näher und gab seinem Zwilling auch etwas von seiner Decke ab. „Machst du die Kerze aus?“ Fragte er nach einer Weile des angespannten Schweigens und konnte dann Dannys Nicken an seiner Schulter spüren, bevor es ganz dunkel wurde im Raum.

„Schlaf jetzt.“ Flüsterte Danny und zog Sammy vorsichtig näher.

Mit dem Teddy zwischen ihnen fielen beide in einen ruhigen Schlaf, während sich ihr Atem mischte und ihre Herzen einen gleichen Rhythmus fanden.

***

11 – Der Regen

Blinzelnd öffnete Danny am Morgen seine Augen. Es war noch immer dunkel im Zimmer auch wenn er schon ein paar Konturen wahrnehmen konnte, weil der bevorstehende Sonnenaufgang sein erstes graues Licht durch das Fenster schickte. Es wunderte ihn wenig, dass er nach so wenig Schlaf von alleine wach wurde, denn seine innere Uhr war schließlich noch auf Schulzeit gestellt. Vorsichtig streckte er seine Glieder durch um sich dann zu orientieren. Er lag in Sammys Bett und dieser hatte sich ein wenig näher gekuschelt, so dass Danny nun den warmen Atem seines Zwillings durch sein Shirt spüren konnte. Der Teddy drückte gegen seinen Bauch und sein oberes Bein lag leicht angewinkelt über denen von Sammy. Zufrieden lächelnd schloss er seine Augen erneut, denn er wollte den Frieden, der mit dem drohenden Klingeln des Weckers gestört werden würde, noch ein wenig genießen.

Sammy regte sich im Schlaf, drückte sich noch ein wenig näher und wurde dann wieder ruhiger. Erst der Wecker ließ ihn hochschrecken und holte ihn aus seinen verwirrenden Träumen. Er konnte sich nur noch an Fragmente erinnern und wollte auch lieber nicht weiter über die nächtlichen Hirngespinste nachdenken, denn sie würden ihn nur noch mehr verwirren. Das wusste er. Unwillig schlug er auf den Wecker und nahm nun erst richtig wahr, dass jemand neben ihm im Bett lag, was normalerweise nicht der Fall sein sollte. Im goldenen Licht des Morgens erkannte er Dannys friedvolles Gesicht. Das schrille Läuten schien ihn nicht im mindesten hoch geschreckt zu haben.

Sammy schüttelte den Kopf und strich seinem Bruder eine kleine vorwitzige Strähne aus der Stirn noch bevor er bemerkte, was er da eigentlich tat. Erst eine kräftige Hand, die plötzlich sein Gelenk festhielt und strahlende Augen machten es ihm bewusst.

„Du bist wach?“ Fragte Sammy erschrocken und wenig intelligent und versuchte sich aus dem Griff zu lösen. Denn auch wenn die Berührung angenehm war, löste sie gleichermaßen Unbehagen in ihm aus. Nach kurzem Zögern und einem forschenden Blick ließ Danny ihn los und schloss seine Augen wieder, denn die Unsicherheit in den Zügen seines Bruders machte ihn selbst unsicher.

„Ich bin seit Sonnenaufgang wach, ich habe nur noch ein wenig gedöst.“ Schweigen entstand nach den leisen Worten und Sammy wurde nervös auch wenn Danny ihn nun nicht mehr ansah. Doch er spürte nun noch etwas anderes. Nachhaltig wurde ihm bewusst, wie nah sie eigentlich beieinander lagen und das ihre Beine miteinander verflochten waren. Hastig schob er die Decke von sich, kletterte umständlich über Danny hinweg und fiel dann fast schon aus dem Bett. „Bleib liegen und schlaf weiter. Es ist noch früh.“ Meinte er etwas rau, schnappte sich seine Sachen und verschwand dann hastig aus dem Zimmer um ins Bad zu flüchten.

‚Das war so nicht geplant, du musst Abstand halten. Das war so nicht geplant...’ Murmelte er immer wieder vor sich hin und konnte doch nicht glauben, dass er nach so langer Zeit wieder so nah bei Danny hatte sein können. Dass er hatte spüren dürfen, wie dessen Wärme ihm einen Augenblick lang den Anschein von Sicherheit vorgaukelte. Und jeder Gedanke, der in diese Richtung ging, machte es ihm nur noch unverständlicher, wie er bei ihrem Wiedersehen so abweisend hatte sein können. Doch es musste sein, denn Danny würde bestimmt nicht mehr so nah bei ihm sein wollen, wenn er erfuhr, was zwischen ihm und Katharina geschehen war. Davon war er noch immer fest überzeugt. Nachhaltig versuchte er sich zur Ruhe zu bringen und zu konzentrieren, denn er durfte jetzt nicht in trüben Gedanken und Träumereien versinken. Er würde zu spät zur Schule kommen.

Danny blieb noch eine ganze Weile liegen und genoss die Wärme und den Geruch von Sammys Bett. Es war einfach zu angenehm auch wenn Sammy selbst nun fehlte. Er hatte sich schon vor einer Stunde verabschiedet um in die Schule zu gehen. Danny selbst hatte für den Tag nichts geplant außer sich mit Freunden zu treffen, doch die drückten genau wie sein Bruder gerade die Schulbank. Erst als Frau Winter gegen zehn Uhr ins Zimmer kam und den Kopf darüber schüttelte, dass sie Danny im Bett seines Bruders fand, wühlte er sich aus der warmen Decke und tapste ins Bad. „Seit ihr nicht langsam zu alt dafür um in einem Bett zu schlafen?... Maria ist im Haus. Sie hat ein leckeres Frühstück gemacht. Ich bin dann mit ein paar Freundinnen unterwegs. Macht keinen Blödsinn.“ Rief sie ihm durch die geschlossene Badtür zu und Danny verdrehte grinsend die Augen. „Klar Mom. Viel Spaß.“

Während des Zähneputzens entschloss er sich dazu, gegen Mittag zur Schule zu gehen um seine Freunde zu begrüßen und Sammy abzuholen. Vielleicht hatten David und ein paar der anderen ja Lust zum Essen mitzukommen, vielleicht auf ne selbstgemachte Pizza. Er brauchte Maria nur vorwarnen und von der Schule aus dann anzurufen um die genaue Anzahl der Gäste durchzugeben.

Die rüstige Haushälterin zeigte sich von der Idee in der Tat begeistert und begann auch sofort aufzuzählen was man alles brauchen würde und was im Haus war.

Das Ergebnis war ein größerer Einkaufsbummel von Danny, der erst kurz vor Mittag vollgepackt wieder nach Hause kam, wo Maria ihn auch schon strahlend erwartete. „Du solltest dich beeilen. In fünf Minuten fährt ein Bus zur Schule, dann musst du den Weg nicht laufen... überlass mir das Auspacken, na los, husch husch und vergiss nicht anzurufen.“ Scheuchte sie ihn lachend aus dem Haus und Danny beeilte sich tatsächlich nach einem Schmatzer auf ihre rosige Wange zur Bushaltestelle zu kommen. Er hatte Glück und so saß er nur wenig später in der Linie, die auch in der Nähe seiner alten Schule hielt.

Während er einige Zeit später am Schultor auf Sammy und die anderen wartete, beobachtete er misstrauisch den Himmel, der sich mit Wolken zugezogen hatte und der nun stark nach Regen aussah. ‚Na hoffentlich hält das, bis wir wieder zurück sind.’ Dachte er skeptisch und warf einen Blick auf seine Uhr. Noch zehn Minuten bis Stundenschluss. Ob David Zeit hatte? Er hätte ihm wenigstens eine SMS schicken sollen, denn die Gefahr war wirklich groß, dass er und die Anderen ihre Zeit schon verplant hatten.

Schließlich war das laute Läuten der Pausenklingel zu hören und schon kurz darauf strömten die ersten Schüler aus dem Gebäude. Es dauerte auch nicht lange, bis Danny die bekannten Gesichter von David, Markus und ein paar anderen Jungen in der Menge entdeckte. Grinsend kam er ihnen entgegen. „Hey Jungs.“ Begrüßte er sie strahlend, während er sich wirklich freute, seine alten Freunde mal wieder zu sehen.

„Mensch Danny, du bist wieder im Land? Is ja klasse.“ Markus schlug ihm zur Begrüßung ein klein wenig zu stark auf die Schulter, aber das war man von dem kräftigen Jungen ja gewohnt und so verzog er nur gespielt leidend das Gesicht, während alle anderen lachten. „Habt ihr jetzt schon was vor? Ich wollt euch zu Pizza einladen. Die Haushälterin meines Dads macht die beste Selbstgemachte, die ihr je gegessen habt.“

Markus und David stimmten sofort zu und auch die anderen waren einverstanden. So zückte Danny sein Handy und rief zu Hause an. Sein Blick schweifte dabei über die Schüler auf dem Hof und entdeckte Sammys blonden Schopf. Als er gerade nach ihm rufen wollte, hob Maria ab. „Hier bei Winter.“

„Maria, hier ist Danny. Wir werden zu siebt sein und kommen in etwa ner halben Stunde. Ist das okay?“ Meinte Danny hastig und ließ dabei seinen Bruder, der mit seinem Fahrrad langsam über den Hof trottete, nicht aus den Augen.

„Sieben mal Pizza für ausgehungerte Jungs in einer halben Stunde. Geht klar.“

„Du bist super Maria, Danke, bis dann... bin gleich wieder da Jungs... Sammy! Warte mal!“ Kaum hatte er aufgelegt, rannte Danny seinem Bruder nach.

Erstaunt sah Sammy auf, als er eine ihm wohl bekannte Stimme seinen Namen rufen hörte. Er drehte sich um und sah erfreut wie Danny auf ihn zu gelaufen kam. „Hey, was machst du hier?“ Meinte er ein wenig unsicher, da er nicht recht wusste, wie er sich verhalten sollte. Der Moment in dem er heute Morgen neben Danny aufgewacht war, kam ihm wieder vor Augen, was ihn unterdrückt lächeln ließ.

„Dich abholen und die Jungs auf Marias super leckere Pizza zu uns einladen. Du hast doch Appetit auf Pizza oder?“ Erwiderte Danny fröhlich, während er vage in Richtung von David und den anderen deutete. „Wir müssen den Anfang der Ferien feiern und ich hab ne Menge von London zu erzählen.“

Sammy entdeckte seine Klassenkameraden, die langsam auf sie zukamen, und sank ein wenig in sich zusammen. Mit denen zusammensitzen und Pizza essen, wenn Danny noch daneben saß? Es würde ja schon eine Qual für ihn werden, wenn sie zusammen allein waren und er ihm doch nicht so nah sein konnte, wie er gerne wollte. Aber mit den anderen?

Abwehrend schüttelte Sammy den Kopf. „Sorry, ich muss noch einiges in der Stadt erledigen, ich komm dann später nach. Viel Spaß.“ Und noch bevor Danny etwas sagen konnte, wandte Sammy sich ab und verließ auf seinem Rad das Schulgelände in Richtung Stadtzentrum.

„Lass ihn, der spinnt total seitdem du weg warst.“ Meinte Marcus als er sah, wie Danny seinem Bruder nach laufen wollte. „Der kommt dann schon. Lass uns gehen, ich hab Kohldampf.“

„Den hast du doch immer.“ Meinte einer der anderen trocken. Danny lachte nur halbherzig mit ihnen, denn er machte sich Sorgen um Sammy und dessen Verhalten. Doch schnell wurde er von seinen Gedanken abgelenkt, denn er wurde auf dem Weg zu ihrem Haus mit Fragen über London nur so bombardiert.

In der Nähe der Stadtbibliothek schloss Sammy sein Rad an einen Fahrradständer und lief dann zum nächsten Bäcker. Er hatte keinen Zweifel daran, dass Danny seine Lüge bemerkt hatte, doch damit wollte er sich jetzt nicht auseinander setzen. Sein größtes Problem waren im Moment eher sein, trotz vernünftigem Frühstück, leise knurrender Magen und der kalte Wind, der die grauen Wolken am Himmel immer dichter zusammen trieb. Im Bäcker entschloss er sich nach einigem hin und her schließlich für ein Schokocroissant und ein belegtes Brötchen. Nachdem er bezahlt hatte, stellte er sich mit seiner Beute an einen der runden Stehtische und beobachtete durch das große Schaufenster nachdenklich das Treiben auf der Straße. Jetzt konnte er auf keinen Fall schon zurück. Wer wusste schon, wie lange David und Co da bleiben würden. Er würde seine Zeit also hier totschlagen müssen, aber draußen in der Kälte wollte er auch nicht herum laufen. Da blieben nur zwei Möglichkeiten. Stadtbücherei oder Buchladen. Da war es auf jeden Fall warm, einigermaßen ruhig und gemütlich und er hatte eine Beschäftigung.

Als er seine kleine Mahlzeit schließlich beendete, war seine Wahl auf die Bücherei gefallen, denn da gab es jede Menge Sitzgelegenheiten und Niemand würde sich daran stören, wenn er stundenlang dort herum hing.

Eine ganze Weile später fand er sich zwischen den Regalen der Jugendliteratur wieder, da er in der Abteilung für Bildbände, seine Lieblingsecke, nichts Neues hatte entdecken können. Zwischen den Jugendkrimis und anderen spannenden Büchern vergaß er ziemlich bald die Zeit und für eine Weile konnte er Danny und alles andere vergessen. Erst das laute Geräusch vom Regen, der energisch gegen die Fenster geweht wurde, ließ ihn wieder in die Realität zurückkommen.

Breit gähnend schielte er auf seine Uhr und erschrak, da es schon kurz vor sechs war. Die Bibliothek würde bald schließen und langsam sollte er wirklich nach Hause fahren. Er merkte sich die Seite des Buches das er gerade las, nahm seinen Rucksack und ging dann zur Anmeldung um das Buch auszuleihen. Dann stand er auf der Straße und starrte missmutig die großen Pfützen auf dem Asphalt an, die der starke Regen bereits gebildet hatte und die noch immer größer wurden. Aber durch den strömenden Regen musste er jetzt durch, denn er konnte nicht mit dem Bus fahren und sein Rad in der Stadt lassen, da konnte er sich auch gleich für immer von seinem Drahtesel verabschieden.

Gedankenversunken stand Danny mit David im Flur vor der Haustür und hörte seinem Freund nur halbherzig zu. Die anderen Jungs hatten sich schon vor einer ganzen Weile verabschiedet, nur der Dunkelhaarige war noch eine Weile geblieben. „Hey Danny, du hörst mir gar nicht zu, oder?“ Fragte David und stupste Danny gegen die Schulter um dessen Aufmerksamkeit zu bekommen. „Entschuldige, was hast du gesagt?“ Fragte der ein wenig verwirrt und sah schuldbewusst zu seinem größeren Mitschüler.

„Schon gut, war nicht so wichtig... Du machst dir Gedanken wegen Sammy, nicht wahr?“ Wollte dieser ernst wissen. Bevor Danny nach London gegangen war, hatte David ihn eigentlich nie so weggetreten erlebt.

„Ist es so offensichtlich? Sammy ist so anders geworden, seit ich mit Mom nach London gegangen bin. Ich frag mich ob irgendwas passiert ist oder ob er einfach nur keine Zeit mehr mit mir verbringen will, aber das ist unwahrscheinlich. Oh, ich weiß einfach nicht mehr, was ich denken soll... Tut mir leid, das interessiert dich wahrscheinlich gar nicht.“

„Hey, wir sind Freunde und wenn es mich nicht interessieren würde, dann hätte ich nicht gefragt.“ Meinte David und konnte es kaum mit ansehen, wie niedergeschlagen sein Kumpel wirkte. „Was deinen Bruder betrifft; ob etwas passiert ist, kann ich leider nicht sagen... da weiß ich auch nicht mehr als du. Dir wird da wohl nur die Wahl bleiben, Sammy direkt zu fragen und zu hoffen, dass er dir antwortet. Versuch nicht zuviel darüber nach zudenken, er ist schließlich genauso alt wie du und kann auf sich aufpassen, oder?“

Danny zuckte mit den Schultern und schenkte David ein unsicheres aber dankbares Lächeln. Er hatte ja selbst schon daran gedacht, sich nicht zu sehr darum zu kümmern, aber das fiel ihm um so schwerer da er nun wieder hier in Deutschland war und erst einmal nicht wirklich etwas zu tun hatte, was ihn ablenken könnte. Außerdem liebte er seinen Bruder, da war es nur normal, dass er sich Sorgen machte.

„Also gut, ich muss dann los. Ich mag zwar nicht in den Regen, aber es schaut nicht so aus, als würde es bald wieder aufhören und wenn ich mich beeile, bekomme ich den Bus noch.“

„Okay, wir telefonieren, ja?“

„Klar.“ David war in seine Straßenschuhe geschlüpft und öffnete schwungvoll die Haustüre, während er sich die Jacke überzog und nach seiner Schultasche griff. Als er aufsah, bekam er fast einen Herzinfarkt weil nur wenige Zentimeter vor ihm ein klitschnasses tropfendes Etwas stand und ziemlich finster guckte. „Meine Güte Sammy, willst du mich umbringen?“ Fragte er rau und griff sich theatralisch an seine Brust. Dann sprintete er aber mit einem „Bye.“ auch schon los, denn die Bushaltestelle, die hier in der Nähe war, hatte kein Wartehäuschen, was bedeutete, er würde sehr sehr nass werden, wenn er den Bus verpasste.

Sammy faste sich als erstes nach dem David weg war. Er drückte die Tür hinter sich ins Schloss. Schloss somit das miese Wetter aus, und zog schweigend die nassen Schuhe und die Jacke aus. Auf dem langen Weg war er bis auf die Haut durchnässt wurden und so fror er nun erbärmlich. Der warme Hausflur machte ihm das nur noch deutlicher, weshalb er nun unweigerlich begann mit den Zähnen zu klappern und auch wieder stärker zitterte.

„Wo warst du so lange?“ Wollte Danny harsch wissen und erschrak sich dabei selbst über den harten Unterton in seiner Stimme. So hart hatte er das gar nicht sagen wollen.

Sammy war nicht weniger verwundert. „In der Stadt, das hatte ich dir doch gesagt.“ Erwiderte der jüngere Zwilling schließlich und versuchte sich an Danny vorbei zu drängen um endlich eine dringend benötigte heiße Dusche und trockene Klamotten zu bekommen. Doch Danny hielt ihn ohne darüber nach zudenken am Arm fest, was Sammy mit großen Augen aufsehen ließ. „Lass mich los. Ich muss mich duschen und umziehen sonst hole ich mir ne Erkältung.“ Meinte er ausdruckslos und versuchte das stärker werdende Zittern, das nicht mehr allein von der Kälte herrührte, zu unterdrücken.

Danny brauchte einen Moment, dann ließ er los und sah betroffen zu Boden. „Entschuldige, ich wollte nicht so grob sein. Ich weiß nicht...“ Er stockte und fuhr sich durch die Haare um zu zeigen, dass er nicht wusste, was er sagen sollte.

„Vergiss es einfach.“ Brummte Sammy und ging zur Treppe um hinauf zugehen. Auf der untersten Stufe hielt er noch mal kurz inne. „Ich war in der Bibliothek und hab überm Lesen die Zeit vergessen. Zufrieden?“ Dann war er verschwunden und Danny stand regungslos mit sich allein im düsteren Flur, da das Licht, das mit einem Bewegungsmelder gekoppelt war, von allein ausging.

***

12 – Das Schweigen

Erschöpft schloss Sammy die Tür des Badezimmers hinter sich zu und ließ sich dann an ihr herunter sinken. Er hatte das Gefühl, dass er unaufhörlich immer weiter in ein schwarzes Loch gezogen wurde. Es machte ihn schier wahnsinnig, als würde er innerlich zerrissen. Wo konnte er nur alles ungeschehen machen und da weiter machen, wo sie aufgehört hatten, bevor Danny nach London gegangen war. Es schien aussichtslos, denn man konnte die Zeit nicht zurück drehen und es blieb ihm nur die Hoffnung, dass er die Woche mit Danny überstand ohne vollkommen durchzudrehen.

Müde strich er sich die nassen Haare aus dem Gesicht und stand wieder auf um endlich seine Klamotten los zu werden. Erst als er unter dem warmen Wasserstrahl der Dusche stand, ließ sein Zittern merklich nach. Die Wärme kehrte in seine Glieder zurück und er begann sich zu entspannen. So war es auf jeden Fall schon mal angenehmer und vielleicht konnte er so seine Gedanken auch mal wieder klar bekommen.

Sammy wusste nicht, wie lange er unter der Dusche stand, umgeben von nach Mandelseife duftenden Dampfschwaden, aber als sein Magen aufknurrte, weil er nach dem Mittag beim Bäcker nichts mehr bekommen hatte, verließ Sammy die Dusche um sich schnellstmöglich auf Essenssuche zu begeben. Als er allerdings in das warme Frotteetuch gewickelt vor dem Spiegel stand, fiel ihm auf, dass er in seiner Eile unter die Dusche zu kommen, vergessen hatte, sich frische, trockene Sachen aus seinem Zimmer zu holen und nackt würde er bestimmt nicht durchs ganze Haus wandern. Hilflos knurrte er sein Spiegelbild an bevor er das Handtuch fester um seinen Körper wickelte und dann hinaus auf den Flur trat um ungesehen in sein Zimmer zu schleichen.

Dort war es kalt und dunkel, weshalb Sammy als erstes die kleine Schreibtischlampe einschaltete und dann die Heizung aufdrehte. Im Schrank fand sich schnell frische Unterwäsche und ein bequemer Trainingsanzug, der ihn warm halten würde. Mit extra dicken Stricksocken an seinen Füßen lief er ins Bad zurück um sein hinterlassenes Chaos zu beseitigen. Danach schlich er sich ins Erdgeschoss um den Kühlschrank zu plündern, dabei lag das Haus wie ausgestorben. Herr Winter schien noch auf Arbeit zu sein, wo sich Katharina mal wieder rumtrieb interessierte Sammy nicht im geringsten solange sie nicht in seiner Nähe war. Frau Winter schien noch unterwegs zu sein, auch ihm hatte sie am Morgen gesagt, dass sie den Tag mit Freundinnen verbringen würde. Maria verließ das Haus ja schon immer am Nachmittag und Danny war wahrscheinlich mittlerweile in seinem Zimmer.

Dass er sich in der letzten Vermutung jedoch irrte, stellte er sehr schnell fest, als er in der Küche das Licht einschaltete und dort ein ziemlich betrübt guckender Blondschopf am Tisch saß. Erschrocken atmete er durch und ging dann schweigend zum Kühlschrank um dessen Inhalt näher zu untersuchen.

Danny hatte sich nach einigen Minuten von seinem Platz im Flur lösen können, nur um dann in der dunklen Küche seinen Posten zu beziehen. Dort saß er fast eine dreiviertel Stunde, wenn er der Digitalanzeige der Microwelle glauben konnte, und lauschte gedankenverloren und Möhre knabbernd den Geräuschen seines Bruders.

Das Anhaltende Rauschen des Wassers.

Das Öffnen und Schließen der Türen

Die gedämpften Schritte auf der Holztreppe.

Sammy schien das einzige Leben in dem großen, leeren und dunklen Haus zu sein.

Als das Licht in der Küche schließlich anging, erschrak Danny nicht wirklich, da die Geräusche ihm verraten hatten, dass Sammy in seine Richtung kam. Allerdings blinzelte er etwas um sich an das plötzliche Licht zu gewöhnen, dann beobachtete er seinen kleineren Zwilling. „Deine Pizza von heute Mittag steht in der Microwelle, wenn du sie nicht isst, dann sollst du sie in den Kühlschrank tun, sagt Maria.“ Erwähnte Danny ruhig. Wollte Sammy ihn jetzt nur noch anschweigen? Das konnte der doch nicht machen. Mit den Augen verfolgte er, wie Sammy den Kühlschrank schloss, die Pizza aus der Micro holte und sie teilte bevor er die eine Hälfte wieder hinein tat und die andere Hälfte abgedeckt zum Kühlschrank brachte.

Dann war es bis auf das leise Summen der Microwelle wieder still in der Küche. „Sammy! Red mit mir.“ Bettelte Danny schließlich und ließ seinen Kopf theatralisch und verzweifelt auf seine auf dem Tisch verschränkten Arme sinken.

„Wie war der Nachmittag mit den anderen?“ Bekam er eine etwas verspätete Reaktion, die ihn beinahe dazu gebracht hätte laut auf zuschreien. Stattendessen bingte nur die Microwelle um zu verkünden, dass das Essen fertig war. So blieb Danny seine Antwort auf diese simple Frage schuldig, während Sammy wortlos mit seinem Essen davon rauschte.

Und wieder drückte Sammy eine Tür - seine Zimmertür - hinter sich ins Schloss ohne Danny dadurch wirklich ausschließen zu können. Dieser war schließlich die ganze Zeit in seinen Gedanken und ließ sich nicht so leicht vertreiben.

Mit etwas Musik im Hintergrund setzte Sammy sich an seinen Schreibtisch und futterte seine dampfende Pizza. Bei Marias Kochkünsten konnte man aber auch nicht nein sagen, egal wie sehr man wollte. So hatte er schon vor einer ganzen Weile wenigstens seinen Appetit wieder bekommen, denn sonst hätte er schon wieder weiter abgenommen.

Bald schon schob er gähnend den leeren Teller von sich und sah auf sein Bett. Er war einfach nur noch müde und außerdem hatte er leichte Kopfschmerzen. Ob das von dem Wetter kam? Hoffentlich hatte er sich nicht doch etwas eingefangen. Das konnte er jetzt am wenigsten gebrauchen. Er zog sich sein Schlafzeug über, kroch unter seine Bettdecke und kramte noch ein Buch hervor um wenigstens noch eine Weile zu lesen.

Als Frau Winter später von ihrem ereignisreichen Tag zurückkehrte und nach ihren Söhnen sah, fand sie Sammy bei brennendem Licht über einem Buch eingeschlafen, während Danny im dunklen Zimmer nebenan die Decke anstarrte und ziemlich bedrückt wirkte als sie ihm eine Gute Nacht wünschte. Sie spürte, dass zwischen ihren Söhnen eine unangenehme Spannung herrschte, doch noch wollte sie sich nicht einmischen, denn bis jetzt hatten sie ihre Probleme immer selbst gelöst und kamen dann schon von alleine zu ihr, wenn sie es nicht alleine schafften.

***

13 – Etwas Wärme

Müde zog Sammy sich seine Decke über den Kopf und versuchte weiter zu schlafen. Er fühlte sich wie überfahren und das Licht in seinem Zimmer, das von draußen durchs Fenster herein drang, war laut der Meinung seiner tränenden Augen viel zu hell. Schniefend vergrub er sein Gesicht in seinem Kopfkissen. Offensichtlich hatte er sich da gestern doch was eingefangen. Er hasste sein Leben, eindeutig.

In dem Moment ging seine Tür auf und Frau Winter steckte ihren Kopf ins Zimmer. „Sammy, Schatz, bist du wach? Wie lange willst du noch im Bett bleiben. Es ist schon kurz vor elf. Willst du nicht langsam mal aufstehen?“

„Ich sterbe.“ Erwiderte Sammy heiser und wagte es gar nicht erst, den Kopf unter der Decke hervor zu stecken, auch wenn es da langsam etwas stickig und sehr heiß wurde. Schließlich kniff er seine Augen zusammen und schlug das Federbett doch zurück. Ersticken war kein schöner Tod.

Frau Winter war besorgt näher getreten, als sie die raue Stimme ihres Sohnes gehört hatte und befühlte nun auch gleich seine Stirn. „Meine Güte, du glühst ja. Wie hast du das denn hinbekommen?“ Fragte sie besorgt und ließ als erstes das Rollo ein wenig herunter, weil sie gesehen hatte, wie Sammy seine Augen zusammen kniff.

„Bin gestern in den Regen gekommen.“ Erwiderte er leise und musste heftig niesen. Eindeutig, er würde sterben. Sammy vergrub sich wieder tiefer in seiner Decke und jammerte vor sich hin. Jetzt wo der Winter zu Ende war und die Ferien begannen, wurde er krank. Die Welt war einfach nur grausam. Frau Winter hatte das Zimmer kurz verlassen und kam mit einem Thermometer wieder. „Armes Baby, da musst du jetzt durch... Arm hoch.“

„Ich bin kein Baby.“ Brummte Sammy schwach, hob aber brav den Arm und platzierte dann das Thermometer in der Achselhöhle. „Wenn’s piept, raus nehmen. Du weißt ja wie das funktioniert. Ich hol dir was zu trinken und ruf schon mal den Hausarzt, wahrscheinlich ist es nur ne kleine Grippe. Du bewegst dich nicht aus dem Bett, klar?“

„Ja, Mom.“ Jammerte Sammy und versank im Selbstmitleid. Wieso immer er? Was hatte er denn so schlimmes verbrochen? Das Thermometer piepte und zeigte knapp über 38°C an, na so schlimm war das ja gar nicht, aber warum schwirrte sein Kopf dann trotzdem so?

Es dauerte keine fünf Minuten, da stand auch schon Maria im Zimmer. Ein Tablett mit dampfendem Tee und Zwieback in Händen und einem sehr besorgten Gesichtsausdruck. Das war eines der Dinge, die er am wenigsten am Kranksein mochte. Man hatte nie seine Ruhe um sich selbst zu bemitleiden, ständig kam da jemand und störte einen. Aber Maria konnte man einfach nicht böse sein. „Guten Morgen Maria.“ Begrüßte er sie leise und lächelte schwach. Sein Blick fiel dabei allerdings auf den Zwieback und die Skepsis in seinen Augen sagte eindeutig: den rühr ich nicht an und wenn ich verhungern muss. Das Zeug hatte er noch nie gemocht. Wieso schleppte Maria den denn an? Außerdem hatte er eher Probleme mit dem Hals als mit dem Magen, da musste er doch nicht so was essen.

Maria strahlte ihn an und stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab. „Mein Gott, was machst du aber auch für Sachen. Aber wir kriegen dich ganz schnell wieder gesund. Wirst schon sehen.“ Sammy ahnte Schlimmes. Hoffentlich kamen jetzt nicht irgendwelche Rezepte aus Großmutters Zeit, denn die schmeckten unter Garantie immer noch scheußlicher als die Medizin aus der Apotheke, zumindest hatten er und Danny diese Erfahrung mit Marias Kenntnissen gemacht, als sie noch klein waren.

Frau Winter kam wieder ins Zimmer, als Maria gerade Sammys Bettzeug ein wenig aufschüttelte damit er es auch wirklich bequem hatte. „Der Arzt wird in etwa einer Stunde mal vorbei schauen. Wie hoch?“ Vom Schreibtisch nahm sie das Thermometer. „38,7°C.“

Sie kam näher und strich Sammy, der ein wenig kraftlos gegen die Wand lehnte, während Maria hantierte, über die Stirn. „Geht noch. Ist natürlich schade, dass du ausgerechnet jetzt krank wirst. Euer Vater, Katharina und ich wollten doch nachher mit euch in ein Restaurant gehen und ganz groß essen.“

Sammy verzog das Gesicht. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, dass er krank geworden war. So sehr es in Restaurants auch immer schmeckte, genauso steif war es da auch meistens. Zumindest kannte er es so von denen, wo sie immer hingegangen waren. Und auf eine gewisse Gesellschaft konnte er nun wirklich verzischten. „Ihr könnt doch auch ohne mich gehen.“ Schlug er vor und ließ sich zurück in sein Kissen sinken. Zum Glück war Maria Samstags immer nur bis zum Mittag da. Ihre Fürsorge in allen Ehren, aber das war auf Dauer einfach anstrengend.

„Ich weiß nicht, ich lass dich hier bestimmt nicht allein, so krank wie du bist.“ Protestierte Frau Winter und schüttelte den Kopf.

„Dann bleib ich eben hier und pass auf und ihr geht alleine essen.“ Danny stand plötzlich in der Tür, während Maria dezent den Raum verließ, da sie merkte, dass sie hier erst einmal nicht mehr gebraucht wurde.

„Aber das sollte doch ein Familienessen werden.“ Meinte Frau Winter verstimmt.

„Mit Katharina?“ Brummte Sammy leise vor sich hin.

„Wie bitte?“

„Ach nichts. Ihr könnt ruhig alle gehen. Meine Güte, ich hab nur ne Grippe oder so. Ich werde nicht gleich um kommen, wenn ihr mich zwei Stunden alleine lasst.“ ‚Auch wenn es sich so anfühlt.’ „Ich schlaf halt einfach in der Zeit. Wenn man krank ist, braucht man ja bekanntlich Ruhe. Und wenn ich wieder gesund bin, holen wir es Ende der Woche nach, okay?“

Frau Winter blickte noch immer skeptisch. So richtig wollte ihr der Vorschlag nicht gefallen. Sie hatte ihren Sohn ja schließlich auch eine ganze Weile nicht gesehen, was ihr jetzt um so mehr leid tat und ein wenig wollte sie die Zeit schon nutzen. „Ich weiß nicht. Warten wir erst einmal ab, was Doktor Berenz und euer Vater sagen. So lange werd ich Maria bitten, doch etwas zum Mittag zu kochen und für dich gibt’s Hühnerbrühe... trink deinen Tee bevor er kalt wird.“ Sie goss Sammy eine Tasse ein und verließ dann nach einem letzten prüfenden Blick das Zimmer. „Und bleib nicht zu lange bei deinem Bruder, Danny, nicht das du dich noch ansteckst.“

„Ja, Mom.“ Während die Schritte ihrer Mutter auf der Treppe verklangen, beobachtete Danny misstrauisch, wie sich Sammy aus seinem Bett wühlte. „Was wird das?“

„Muss mal.“ Kam die gebrummte Antwort. Ein wenig wackelig stiefelte Sammy an seinem Bruder vorbei Richtung Bad. ‚Verdammt, wieso dreht sich nur alles so?’ Sein Kopf fühlte sich vollkommen deplaziert an und irgendwie ging er wie auf Watte. Er taumelte und fand sich im nächsten Moment in den Armen seines Bruders wieder. „Du brauchst nicht zufällig ein klein wenig Hilfe?“ Fragte der größere Junge und stellte Sammy wieder aufrecht hin. „Du hättest dir wenigstens Hausschuhe anziehen sollen. Mom zieht dir die Ohren lang, wenn sie das sieht.“

Sammy, der viel zu schwach war um zu protestieren, brummte nur leise vor sich hin und ließ sich bis ins Bad helfen, wo er dann Danny die Tür vor der Nase zuknallte und abschloss, bevor dieser ihm noch folgen konnte. Pinkeln konnte er schließlich noch alleine.

Am Nachmittag lag Sammy schließlich mehr als gelangweilt in seinem Bett und starrte seine Zimmerdecke an. Im Hintergrund lief leise Musik. Der letzte Rest Tee in seiner Kanne war mittlerweile kalt und daneben standen diverse Medikamentenpackungen auf dem Tisch. Lesen konnte er nicht, da er sich nicht lange genug konzentrieren konnte und die Buchstaben auch ständig vor seinen Augen verschwammen. Andere Beschäftigungen blieben ihm nicht. Der Arzt hatte ihnen am Mittag tatsächlich bestätigt, dass es nur eine kleine Grippe war und er in kürzester Zeit wieder fit sein würde, wenn er auch ja alle Medikamente schluckte, die er ihm verschrieben hatte und Bettruhe hielt. Sammy verzog das Gesicht. Kranksein war einfach doof.

Wohl schon zum hundersten Mal wälzte er sich nun auf die Seite und grummelte vor sich hin. Sein Fieber war, nach dem es ein wenig hoch gegangen war, dank der Tabletten wieder gesunken, so dass er jetzt nur noch etwas erhöhte Temperatur hatte, trotzdem fühlte er sich hundsmiserabel. Sein Hals kratzte und irgendwie tat ihm alles weh. Dass er sich davon nicht ablenken konnte, machte es nur noch schlimmer. Seufzend zog Sammy seinen kleinen Teddy, der irgendwie unters Kissen geraden war, hervor und kuschelte sich an ihn. Vielleicht würde er ja einschlafen, wenn er die Augen nur lange genug zu ließ, wenigstens dösen, denn dann würde die Zeit ja auch rum gehen.

Doch es dauerte keine zehn Minuten, da warf er sich schon wieder herum, denn dank des doofen Tees drückte seine Blase schon wieder. Mit schwummrigem Kopf richtete er sich auf um dann wackelig in Richtung Bad zu tapsen. Seit wann war dieser dämliche Flur eigentlich so lang? Und warum war es hier so elendig kalt?

Schwankend erreichte Sammy sein Ziel und erleichterte sich. Als er seine Hände wusch, warf er einen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. Er sah einfach nur schrecklich aus. Sein Gesicht war blass bis auf seine dunkelroten, heißen Wangen und unter seinen Augen waren dunkle Schatten. Seine Haare waren wirr und sein Blick trüb. Er schwappte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und wankte dann zurück zu seinem Zimmer. Noch immer drehte sich alles um ihn herum.

„Solltest du nicht im Bett liegen?“ Sprach plötzlich eine ruhige Stimme neben ihm und Sammy wandte sich ihr zu. Danny stand in seiner offenen Tür und sah ihn besorgt an. Sammy setzte zu einer patzigen Antwort an, brachte aber nur einen Hustenanfall hervor, der seine letzten Kräfte aufbrauchte. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Danny fing ihn auf noch bevor er zu Boden gehen konnte und zog ihn an seinen Körper. Vorsichtig hob er ihn auf seine Arme und stellte nun zum ersten mal fest, wie leicht Sammy doch war. Schnell brachte er ihn in sein Zimmer zurück und legte ihn auf dem Bett ab. Besorgt tastete Danny nach dem Puls seines Bruders. Der schien okay zu sein. „Idiot, wieso rufst du nicht, ich hätte dir geholfen.“ Brummte er leise vor sich hin und strich Sammy sanft über die erhitzten Wangen. „Schlaf ruhig ein wenig. Ich bin gleich zurück.“

Danny schnappte sich das Tablett mit dem kalten Tee und lief hinunter in die Küche. Im Wohnzimmer hörte er den Fernseher laufen und seine Mutter telefonieren. Als sie auflegte und in die Küche kam, stellte er gerade den Wasserkocher an um frischen Tee anzusetzen. „Ah, du bist es Schatz. Wie war’s bei David?“

„Hey Mom. Es war lustig. Wir haben ein paar neue Spiele am PC gezogt.“ Danny hatte den Nachmittag bei David verbracht und war auch erst kurz bevor er Sammy über den Weg gelaufen war, zurück gekommen.

„Ich wollte gerade nach deinem Bruder sehen.“

„Sammy schläft, ich mach ihm frischen Tee.“ Er kramte Teebeutel aus dem Vorratsschrank. „Und wie schaut es aus? Werdet ihr nachher essen gehen?“ Fragte Danny, während der Wasserkocher vor sich hin rauschte.

„Ich weiß nicht, ich will Sammy nicht allein lassen... Aber das eben am Telefon war Tante Sonja. Sie fragte ob wir heute nicht alle schick essen gehen wollen. Unter der Woche müssen doch alle arbeiten.“ Seufzte Frau Winter und holte sich eine Tasse aus dem Schrank, sie würde sich einen Kaffee aufsetzen.

„Dann geht doch ruhig. Ich hab doch gesagt, dass ich hier bleibe. Sammy schläft im Moment und viel anderes kann er auch nicht tun. Außerdem hast du auch nicht ewig Urlaub, wenn wir wieder in London sind, musst du wieder den ganzen Tag arbeiten. Erhol dich doch mal ein wenig und genieß das Essen hier. Du hast selbst gesagt, in London ist es auf die Dauer nicht genießbar.“

Frau Winter musste schmunzeln. „Ich hab das Gefühl, du willst uns los werden.“ Meinte sie mit gehobener Augenbraue und lachte als sie Dannys ertappten Blick bemerkte. „Ist schon klar. Du hast dich mit Sammy gestritten, oder? Zwischen euch herrscht so eine Spannung.“ Meinte sie dann wieder ernster.

Danny nickte resigniert, schüttelte dann aber den Kopf. „Nicht gestritten, ich weiß nicht. Er redet nicht mit mir. Das hat schon angefangen bevor wir wieder her kamen. Ich weiß doch auch nicht was ich machen soll.“

„Es tut mir leid, ich hätte euch letzten August nicht trennen dürfen. Nachdem ihr immer zusammen wart, war das wohl doch eine zu lange Zeit auf ein mal. Aber ihr werdet erwachsen und könnt nicht ewig zusammen sein, eure Wege werden sich trennen und ihr beide werdet euch nicht mehr alles sagen, auch wenn das schade ist.“ Frau Winter strich ihrem Sohn sanft über die Stirn. „Lass Sammy ein wenig Zeit, wenn er nicht von alleine mit dir reden will, machst du es nur schlimmer, wenn du ihn zwingen willst.“

Danny nickte betreten und wandte sich ab um das kochende Wasser in die Teekanne um zugießen. Frau Winter konnte ja nicht wissen, wie sehr ihre Worte Danny trafen.

„Gut, ich werd dann mal Sonja anrufen und ihr sagen, dass wir mit essen gehen, sie wird sich freuen. Du passt mir so lange auf deinen Bruder auf.“ Sie schaltete noch die Kaffeemaschine ein und ging wieder ins Wohnzimmer zurück, wo sich Katharina und sein Vater irgend einen alten Film ansahen.

Zwei Stunden später verließen die Winters mit Katharina das Haus und Danny seufzte auf. Er kannte seine Tante Sonja. Die würde garantiert noch einige andere Leute mit anschleppen und überm stundenlangen Quatschen würde keiner vor Mitternacht nach Hause kommen. Er wusste einfach, warum die Schwester seiner Mutter auf einigen Familienfeiern gern und auf anderen weniger gern gesehen wurde. Sie war ein richtiger Stimmungsbringer.

Doch jetzt hatte er ein anderes Problem. Sammy. Der schlief noch immer unruhig in seinem Bett, machte aber keine Anstalten aufzuwachen. Vielleicht war das auch ganz gut im Moment, dachte Danny und betrat wieder den Raum um das Fenster, das er ein paar Minuten zum Durchlüften geöffnet hatte, zu schließen. Draußen war es bereits dunkel und im Zimmer brannte nur die kleine Schreibtischlampe. Sammy versank förmlich unter der Decke. Er wirkte erschöpft und verletzlich. Nie war in Danny der Wunsch, Sammy zu beschützen, größer gewesen, aber er wusste einfach nicht wie oder vor was.

Schnell holte Danny sein Kissen und ein Buch aus seinem Zimmer, dann kletterte er vorsichtig über Sammy hinweg, lehnte sich mit dem Kissen in seinem Rücken gegen die Wand und zog den Kopf seines Bruders in seinen Schoß. Vielleicht wollte Sammy nicht mit ihm reden, aber er durfte ihm diese Nähe nicht nehmen, denn sie brauchten sich gegenseitig, das wusste Danny in dem Moment, als sich sein Herz beim Geruch seines Bruders etwas beruhigte und dieser sich von selbst noch ein wenig näher kuschelte. Es war wahrscheinlich nur Einbildung, aber sein Schlaf schien nun ruhiger.

In Erinnerungen versunken strich Dany Sammy immer wieder durch die blonden Locken und döste darüber schon bald selbst ein. Das Buch war vergessen und die Musik spielte im Hintergrund noch immer leise in einer Endlosschleife.

Als Danny in sein Bett gekommen war, war Sammy aus seinen unruhigen Fieberträumen erwacht. Wie hätte er auch nicht aufwachen sollen, wenn die Matratze unter ihm so schwankte und Danny war schon immer etwas ungeschickter im Schleichen und ähnlichem gewesen. Doch Sammy hatte nicht die Kraft und den Mut die Augen zu öffnen und in die grünen Iriden seines Bruders zu sehen. Er würde ihn doch nur wieder von sich weisen müssen. Aber wenn er sich schlafend stellte, dann konnte er die Nähe genießen, denn er brauchte sie, verdammt noch mal. Nichts war für ihn beruhigender als die warmen Hände Dannys, die sanft durch seine Haare krauelten oder der sanfte Geruch, der seinen Bruder immer zu umgeben schien. So kuschelte er sich wie von allein näher und versank wieder in seinen Träumen.

***

14 – Rede mit mir!

Leise brummend versuchte Danny sich im Schlaf zu drehen, denn er lag ziemlich unbequem, wie ihm seine verspannten Schultern unterbewusst mitteilten. Doch irgendwie ging das nicht und so glitt er langsam aus seinen wirren Träumen in die Realität zurück. Sein Körper meldete ihm, dass sein rechter Arm eingeschlafen war, sein Rücken war verspannt und an seiner Seite befand sich eine enorme Wärmequelle. Blinzelnd öffnete er seine Augen um diese Informationen mit seiner Umgebung in Einklang zu bringen. Ein blonder Schopf lag auf seiner Schulter und drückte so seine Blutzirkulation ab, was den eingeschlafenen, unangenehm kribbelnden Arm erklärte. Er selbst lag irgendwie total verdreht an die Wand gedrückt, was wohl die Spannung in seinem Rücken verursachte und die enorme Wärme erklärte sich von selbst, wenn man sah, wie eng sich sein Bruder unter der Decke an ihn drückte.

Danny fiel wieder ein, dass er die letzte Nacht wohl hier eingeschlafen sein musste und jetzt benutzte Sammy ihn als Kopfkissen und Teddybärersatz. Sich seiner Lage bewusst, versuchte er sich bequemer hin zulegen ohne seinen Bruder zu wecken. Als er das geschafft hatte, ohne dass Sammy Anzeichen des Aufwachens zeigte, meldete ihm sein Körper eine neue Erkenntnis. Die Hitze, die von Sammys Bein ausging, das aus unerklärlichen Gründen zwischen seinen eigenen lag, war doch recht interessant.

Danny lief bis in die Haarspitzen rot an. ‚Alles, nur das nicht.’ Dachte er resigniert. Er wollte schon aus dem Bett flüchten, als die Zimmertür aufging. Frau Winter blieb abrupt stehen und ließ beinahe das Tablett mit frischem Tee, das sie bei sich hatte, fallen. „Das glaub ich ja nicht. Jetzt schlägt’s aber dreizehn. Raus aus dem Bett, aber sofort. Du legst es wohl drauf an, dich anzustecken?“ Schimpfte sie ungehalten und stellte das Tablett auf Sammys Schreibtisch ab. Alle Fürsorge in Ehren, aber das ging doch eindeutig zu weit und helfen tat es auch keinem.

„...nich scho laut...“ Kam es leise und rau unter der Bettdecke hervor genuschelt. Sammy ruckelte herum, rollte sich dann von seinem Bruder weg, da es ihm da eindeutig zu warm geworden war, und wurde dann wieder ruhiger. Danny unterdes starrte seine Mutter noch immer wie vom Blitz getroffen an und rührte sich nicht.

„Worauf wartest du noch? Raus aus dem Bett...“ Sie wurde vom Klingeln des Telefons eine Etage tiefer unterbrochen. „Wenn ich zurück bin, hast du das Feld geräumt. Und damit das klar ist, solltest du dich angesteckt haben, kannst du sehen, wie du klar kommst.“ Danny schluckte schwer als er die letzten Worte aus dem Flur hörte und sah dann wieder hinab zu Sammy, der selig weiter zu schlafen schien. „Ist mir egal, ob ich mich angesteckt habe. Das war es wert.“ Meinte er leise und strich seinem Bruder noch durch die chaotischen Haare bevor er aus dem Zimmer flüchtete, in der Hoffnung, dass keiner sein kleines morgendliches Problem bemerkte. Verdammte Pubertät. Das würde er jetzt erst einmal unter der Dusche erledigen müssen. Unter dem warmen Wasser bekam er vielleicht auch endlich wieder einen klaren Kopf, denn irgendwie fuhren seine Gedanken Achterbahn.

Sammy ließ sich von der Unruhe in seinem Zimmer nicht weiter stören und versuchte weiter zu schlafen. Er hatte so einen schönen Traum gehabt, konnte sich aber nur noch daran erinnern, dass er etwas mit Danny zu tun und dass es in seinem Bauch ganz doll gekribbelt hatte. So sehr er es aber versuchte, der Schlaf kam nicht zurück und der schöne Traum schon gar nicht.

„Guten Morgen Sammy, bist du wach?“ Frau Winter war wieder ins Zimmer gekommen und bemerkte zufrieden, dass Danny nicht mehr anwesend war. Manchmal verstand sie ihre Jungs einfach nicht. Aber ihre eigene Mutter hatte ihr schon immer angedroht, dass die Pubertät die schlimmste Zeit sein würde und irgendwie hatte die junge Frau den Verdacht, dass das stimmte.

„Schatz, du musst deine Medizin nehmen.“ Meinte sie ruhig nachdem ihr von Sammy ein leises Brummen geantwortet hatte. „Komm schon, in fünf Minuten kannst du weiter schlafen.“ Sie schob ihren Sohn sanft ein Stück weiter Richtung Wand und setzte sich dann auf die Bettkante, das Fieberthermometer in der Hand.

Eher widerwillig ließ Sammy seine Temperatur messen, dann schluckte er brav die zwei Tabletten, die ihm hingehalten wurden.

So vergingen die Ferientage langsam. Immer wenn Danny glaubte, Sammy würde schlafen, legte er sich zu ihm ins Bett und genoss dessen Nähe. Er achtete aber immer darauf, dass ihre Mutter nichts bemerkte. Wie durch ein Wunder hatte er sich nicht angesteckt, nur ein leichtes Halskratzen hatte er sich eingefangen.

Ein paar mal war er auch bei Sammy gewesen, wenn dieser wach war, doch dann wurde er immer mit Schweigen oder bösen Worten wieder vertrieben. Wenn das passierte ging Danny David oder einen der anderen Jungs besuchen und versuchte irgendwie auf andere Gedanken zu kommen, denn sonst konnte er im Haus nicht viel tun. Die Erwachsenen waren schließlich auch die meiste Zeit auf Arbeit beziehungsweise irgendwo mit bekannten und Freunden unterwegs.

Sammy auf der anderen Seite befand sich noch immer in einem riesen Zwiespalt was seinen Bruder betraf. Oft täuschte er nur vor zu schlafen. Ungeduldig wartete er dann darauf, dass Danny zu ihm kam und ihn fest hielt oder ihm durch die Haare krauelte. Wann immer dies geschah, zeigte er seinem Bruder nie, dass er doch wach war oder gerade wurde. Auch fand er es deprimierend den ganzen Tag im Zimmer fest zusitzen, wo das Wetter draußen doch besser wurde und die Sonne die Luft langsam angenehm aufwärmte. Er war zwar in den letzten Monaten eher zu einem Stubenhocker geworden, aber es gab da immer einen großen Unterschied zwischen freiwillig oder gezwungenermaßen im Haus fest zusitzen. So sank seine Laune proportional zu seinem Fieber.

Schließlich, am Donnerstag vor dem Osterwochenende, erteilte Frau Winter ihm die Erlaubnis für eine Weile raus zugehen. Die frische Luft würde ihm gut tun und seine Temperatur war immer hin wieder auf einen Normalwert gesunken, so dass er nun hauptsächlich mit einer laufenden Nase, Husten und Kraftlosigkeit zu kämpfen hatte. Während Frau Winter dafür sorgte, dass sich ihr Sohn auch warm genug anzog, denn es war trotz des schönen Wetters noch immer reichlich kühl, schloss Danny sich seinem Bruder schweigend an. Er hatte ihrer Mutter versprochen, dass er mitgehen würde, denn alleine wollte sie Sammy nicht gehen lassen.

Sie atmeten beide erleichtert auf, als die Haustür hinter ihnen ins Schloss fiel und die Stimme einer sehr besorgten Frau Winter verstummte. Doch dann überkam sie beide ein beklemmendes Gefühl und sie liefen schweigend und ziellos die Straße hinab. Jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Da das Haus ihres Vaters in einer eher ruhigen Nebenstraße lag, fuhren kaum Autos vorbei und auch andere Passanten trafen sie wenig um diese Zeit. Nur Sammys leises Husten oder Schniefen unterbrach ihre Ruhe in unregelmäßigen Abständen.

„Hier in der Nähe ist ein kleiner Park, oder? Lass uns dort hingehen.“ Schlug Danny schließlich vor als er das Schweigen nicht mehr aushielt. Es machte ihn noch wahnsinnig. Wieso konnten sie sich nicht unterhalten, selbst Belanglosigkeiten hätten ihm im Moment schon gereicht.

Doch Sammy antwortete nicht. Er nickte lediglich schwach und folgte seinem Bruder in die Richtung, die dieser einschlug. In dem Park war er schon ein paar mal gewesen und er fand ihn wirklich schön, denn dort gab es einen kleinen Teich mit Schwänen, Fischen und Enten. Es war ein friedlicher Ort wie er fand.

Tatsächlich schien die frische Luft Sammy gut zu tun, trotzdem spürte er, als sie im Park ankamen, dass er noch nicht vollkommen auf den Beinen war, denn er fühlte sich noch immer sehr schwach. Ein bisschen aus der Puste ließ er sich auf einer der Holzbänke am Wegrand nieder. Er fühlte sich, als hätte er einen Marathon hinter sich. Wenn es einem als altem Mann genauso ging, dann wollte er nicht alt werden. Leicht über seine eigenen Gedanken belustig, hielt er sein Gesicht der nachmittäglichen Sonne entgegen um ihre Wärme zu genießen, sich der Gegenwart seines Zwillings jedoch immer bewusst.

Danny hatte sich neben seinen Bruder gesetzt und beobachtete ihn. Seine Wangen waren nun genauso rot wie die von den vielen Taschentüchern gereizte Nase, doch darunter war seine Haut blass und seine Augen schienen noch immer müde. Besorgt legte Danny ihm eine Hand auf die Stirn, die andere auf seine eigene, nicht dass Sammy doch wieder Fieber bekam. Aber die Temperatur schien in Ordnung.

„Was soll das?“ Brummte Sammy rau als er nach einigem Zögern Dannys Hand von sich schob.

„Ich wollte nur sicher gehen, dass du nicht wieder Fieber bekommst... Wir sollten langsam zurück, du solltest es nicht gleich übertreiben. Mom lyncht mich sonst.“ Erwiderte Danny langsam und wandte dabei seine Aufmerksamkeit auf einen Spaziergänger mit seinem Hund, denn Sammys dunkler Blick aus mattgrünen Augen verursachte ihm Unbehagen. Wenn er zu Hause auszog, würde er sich auch einen Hund zulegen, dass hatte er schon immer vorgehabt.

Sammy holte ihn unsanft aus seinen Überlegungen in die Gegenwart zurück.

„Geh doch zurück, ich bleib noch hier.“ Er stand auf und lief tiefer in den Park hinein, denn irgendwo im Zentrum lag der Teich. Danny sprang auf und kam ihm nach. Langsam ging ihm die Geduld aus und Sammys Verhalten machte ihn einfach nur noch wütend. Was sollte dieses Gehabe? „Sag mal geht’s noch? Was zum Teufel hab ich dir eigentlich getan?“

Sammy lief nur stur weiter, kein Wort kam über seine Lippen.

„Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.“ Er packte seinen Bruder am linken Handgelenk und brachte ihn somit abrupt zum stehen. „Erklär mir endlich was los ist. Was hast du nur? Ich versteh dich nicht mehr.“

Doch Sammy schüttelte nur den Kopf. „Lass los.“ Presste er leise hervor und versuchte sich aus Dannys Griff zu lösen. Aber vergeblich. Danny hatte nicht vor los zulassen bevor er nicht eine Antwort bekommen hatte. „Nein, erst wenn du mir gesagt hast, was los ist.“

„Du sollst mich los lassen.“ Sammy war lauter geworden, musste aber einsehen, dass er nicht genug Kraft hatte um gegen seinen Bruder anzukommen. Selbst wenn er gesund gewesen wäre, hätte er keine Chance gehabt. Zu allem Überfluss wurde ihm schon wieder schwummrig und plötzlich gaben seine Beine einfach unter ihm nach.

Danny fing ihn erschrocken auf und zog ihn mit sich zur nächsten Bank. „Ich werde dich nicht mehr los lassen, hörst du? Rede endlich mit mir!“ Murmelte er leise während Sammy schwer atmend an ihn gelehnt da saß und versuchte sich zu erholen. Die wenigen Passanten, die sie eigenartig ansahen, vertrieb er mit einem bösen Blick. Er konnte es jetzt nicht brauchen, dass sich jemand einmischte.

„...gegangen...?“ Sammy hatte so leise gesprochen, dass Danny nichts verstanden hatte. Zögerlich begann er ihm durch die blonden Locken zu streichen. „Ich hab dich nicht verstanden, das war zu leise.“

„Ich sagte, warum bist du ohne mich nach London gegangen? Wieso hast du mich alleine gelassen?“ Sammy war lauter geworden und nun konnte Danny hören, dass nicht allein der Husten seine Stimme verzerrte. Als Sammy ihm das Gesicht zuwandte, konnte er Tränenspuren auf den geröteten Wangen sehen.

„Ich... es tut mir leid. Ich werd dich nie wieder alleine lassen.“

Sammy wandte sein Gesicht wieder ab. „Lüg nicht. In ein paar Tagen sitzt du bereits wieder im Flieger nach London und ich bin wieder alleine hier.“ Er hielt das einfach nicht mehr aus. Irgendwann hatte er ja nachgeben müssen. Aber er konnte Danny noch immer nicht sagen, was passiert war. Es ging nicht.

„Aber...“ Danny wusste nicht was er sagen sollte. War es das allein? War Sammy sauer auf ihn, weil er nach London gegangen war? Aber das konnte es doch nicht sein, denn immerhin hatte Sammy sich zu Weihnachten noch gefreut, dass sie sich zu Ostern wieder sehen würden. Weihnachten, war da nicht noch was gewesen? „Du möchtest mir vielleicht nicht sagen, was passiert ist, dass du dich so abweisend verhältst, aber vielleicht erzählst du mir jetzt, was du mir zu Weihnachten sagen wolltest.“

Sammy zuckte kurz zusammen und zögerte einen Augenblick zu lang mit seiner Antwort, so das sie beide wussten, dass seine folgenden Worte nicht die Wahrheit waren. „Hab ich vergessen, war wohl nicht so wichtig.“

Danny nickte traurig und starrte auf seine Hände. Da konnte er wohl nichts machen. „Aber,“ Er beugte sich etwas näher zu Sammy. „Da gibt es etwas, das ich dir wohl schon zu Weihnachten hätte sagen sollen.“ Er legte seine Hand sanft an Sammys erhitzte Wange und brachte seine Lippen ganz nah an dessen Ohr. Einen Moment zögerte er noch, doch dann atmete er tief durch und meinte leise: „Ich liebe dich.“

***

15 – Seifenblasen

„Ich liebe dich.“

Sammy erstarrte als er die Worte vernahm, die er sich so ersehnt hatte, die er selbst gerne aussprechen wollte. Er schwieg. Danny konnte das nicht ernst meinen. Es wäre zu schön um wahr zu sein. Sicher hatte er sich das nur eingebildet oder die Worte hatten für seinen Bruder nicht die gleiche Bedeutung, wie für ihn selbst. Unwillig schob er Danny von sich und stand wieder auf. Es wurde Zeit dass sie wieder zurück gingen.

„Sammy?“ Danny schien eine Antwort zu erwarten und als Sammy ihn ansah, wirkte er verunsichert. Seltsam, früher war es so selten gewesen, dass er Unsicherheit zeigte, doch nun, seit er aus London zurück war, schien das zu einer Gewohnheit geworden zu sein, zumindest in Sammys Gegenwart.

„Du bist mein Bruder, klar liebst du mich.“ Sammy wandte sich wieder ab und lief den Weg zurück, den sie gekommen waren. Diesmal würde er sich nicht die Blöße geben, kraftlos zusammenzubrechen, sondern es alleine schaffen.

Danny sprang auf und lief seinem Bruder hinterher. Nein, so einfach würde er ihn nicht davon kommen lassen. Nach einem kurzen Blick, mit dem er sich versicherte, dass niemand in der Nähe war, packte er ihn am Arm und drehte ihn zu sich um, dann zwang er Sammy ihn anzusehen. „Du hast mir nicht richtig zu gehört. Ich. Liebe. Dich. Verstehst du denn nicht?“

Sammy schnaubte verächtlich und senkte seinen Blick. „Klar doch, was auch sonst.“

„Nein, Sammy, ich...“ Doch Danny wurde grob unterbrochen, als er die drei Worte erneut wiederholen wollte.

„Hör auf! Hör endlich auf! Wieso sagst du so etwas? Ist das ein schlechter Scherz? Wieso tust du mir das an?“ Sammys Stimme war immer lauter geworden und erschrocken bemerkte Danny die Tränen, die seinem Bruder erneut über die Wangen liefen. „Wieso?“ Wisperte Sammy gebrochen und sank ungeachtet seiner Umgebung in die Knie. Er hielt das nicht mehr aus. Er hielt es einfach nicht mehr aus. Was hatte er denn getan, dass er so leiden musste?

Danny war ebenfalls in die Knie gegangen und legte seine Arme um seinen Zwilling. Verwirrt zog er ihn an sich. „Weil es mein Ernst ist. Weil es die Wahrheit ist. Deshalb hab ich es gesagt. Es tut mir leid. Ich hätte meinen Mund halten sollen aber ich konnte nicht mehr. Seit ich zurück bin, weist du mich scheinbar grundlos von dir und das ertrage ich nicht mehr. Jetzt hast du wenigstens einen Grund mich zu hassen, denn ich weiß, dass ich dich so nicht lieben sollte...“

Sammys Tränen liefen immer weiter. „Wie könnte ich dich hassen, wenn ich dich genauso liebe?“ Seine raue brüchige Stimme war so leise gewesen, dass Danny es kaum verstehen konnte, doch er hatte die Worte gehört und er hatte das Gefühl, als hätte sein Herz einen momentlang ausgesetzt.

„Meinst... meinst du das wirklich?“ Wollte er wissen.

Sammy, der sein verheultes Gesicht in Dannys Jacke versteckte, nickte nur und versuchte sich wieder zu beruhigen. Er war so fertig. „Könnten *hick* könnten wir zurück gehen? *hick* Ich bin so kaputt.“ Zu allem Übel hatte er nun auch noch Schluckauf bekommen und so fiel es ihm ziemlich schwer wieder auf die Beine zu kommen als Danny nickte und ihm aufhalf. Verlegen sah Sammy sich um und hoffte, dass sie keiner so gesehen hatte, denn er hatte sich doch ziemlich gehen lassen.

„Wir sollten was wegen deinen Augen machen. Die sind ganz rot. Mom wird sich sorgen machen, wenn sie es sieht... Nicht reiben, dann wird’s nur schlimmer.“ Danny hielt sanft Sammys Handgelenk fest und hielt ihn so davon ab sich über die verheulten Augen zu reiben. Mit der freien Hand wischte er vorsichtig über die feuchten Wangen. Sammy verfolgte jede Bewegung aufmerksam mit seinen Blicken und ließ Danny einfach gewähren. Er hatte recht, man konnte bestimmt sehen, wie sehr er geheult hatte, aber vielleicht konnten sie es auf das kühle Wetter und seine Grippe schieben.

Zaghaft löste Sammy sich von seinem Bruder. „Lass uns gehen.“

„Wir sind wieder da.“ Danny war hinter Sammy in den Hausflur getreten und drückte die Tür ins Schloss. Wenige Augenblicke später stand auch schon ihre Mutter vor ihnen. „Schön das ihr zurück seit, ich dachte schon, ihr würdet gar nicht mehr wieder kommen.“

Danny grinste. „Wir waren doch gerade mal ne anderthalbe Stunde weg. Wir sind im Park gewesen und haben dort die Zeit vergessen.“

„Gut, dann geht euch mal aufwärmen, ich setz euch derweilen Tee auf.“

„Mom, ich geh baden, okay?“ Sammy hatte seine Jacke beiseite gehängt und ging schon zur Treppe.

„Okay, aber denk dran, dass du noch nicht wieder gesund bist. Mach das Wasser nicht zu heiß und bleib nicht zu lange drin, sonst sackt dir der Kreislauf weg.“ Frau Winter war von der Idee weniger begeistert, aber sie konnte sich vorstellen, dass es ihm gut tun würde.

„Ja Mom.“ Dann war Sammy auch schon verschwunden und kurze Zeit später war im ersten Stock Türenklappen zu hören.

„Ich werd auch hoch gehen und aufpassen, dass er nicht in der Wanne ersäuft. Er is nämlich ziemlich müde. Wo sind Dad und Katharina eigentlich?“ Wollte Danny wissen als er seiner Mutter kurz in die Küche folgte um sich einen Apfel aus dem Obstkorb zu nehmen.

„Auf Arbeit, weißt du doch. Nimm Sammy auch einen Apfel mit, der braucht die Vitamine jetzt.“

„Klar, mach ich.“ Danny verschwand mit einem zweiten Apfel während Frau Winter den Wasserkocher einschaltete. Sie würde das Tablett mit dem Tee dann einfach bei Sammy ins Zimmer stellen. Anscheinend hatten sich ihre Söhne wieder etwas vertragen, denn sie hatte keine Spannung mehr zwischen den beiden spüren können.

Als Danny die Treppen herauf kam, hörte er das Rauschen des Wassers, die Badtür stand offen. Zögerlich lief er den Flur hinunter und blieb dann im Türrahmen zum Bad stehen. Sammy saß seitlich auf dem Wannenrand und spielte mit dem glitzernden Schaum, der sich langsam auftürmte, während sein gedankenverlorener Blick ins Nichts zu gehen schien. „Woran denkst du?“ Wollte Danny leise wissen und obwohl er es hatte vermeiden wollen, erschrak Sammy zutiefst.

„Ich... Nichts.“ Erwiderte er unsicher. Ungeschickt fing Sammy den Apfel auf, den Danny ihm zuwarf. Eigentlich hatte er gar keinen Appetit darauf, vielleicht würde er ihn später essen, wenn er erst einmal in der Wanne war. Beide schwiegen sie, was Sammy schließlich unangenehm wurde. „Ist noch was? Sonst würde ich dann gerne in Ruhe baden.“ Er war wieder etwas distanzierter geworden, denn die Worte, die sie vor einer halben Stunde im Park ausgetauscht hatten, kamen ihm nun surreal vor und machten ihn unsicher. Wie sollte er sich denn jetzt verhalten? Er musste erst einmal seine Gedanken klären.

„Schließ die Badtür bitte nicht ab, wenn was ist können wir dir sonst nicht helfen.“ Danny wartete das widerwillige Nicken seines Bruders ab, dann zog er die Tür hinter sich zu und ging in sein eigenes Zimmer. Er musste sich erst einmal umziehen. Irgendwas weites, bequemes, dass so richtig schön warm machte. Kurze Zeit später saß er auf seinem Bett und starrte immer wieder zur Tür. Unruhe erfüllte ihn und er hatte das Gefühl, dass er wahnsinnig würde, wenn er nicht sofort wieder zu Sammy ging und mit ihm redete. Aber über was? Und Sammy würde das bestimmt nicht gefallen. Frustriert sprang er auf und lief auf und ab. Durch die Türen konnte er hören, wie das Wasser abgestellt wurde. Jetzt würde Sammy bestimmt in einem Berg aus weißem Schaum versinken, mit geschlossenen Augen und einem Ausdruck der Entspannung im Gesicht. Oder?

Danny fluchte ungehalten vor sich hin, zog das Shirt und den Pulli, die er angezogen hatte, wieder aus und lief dann mit freiem Oberkörper ins Bad. Sie waren Brüder, früher hatten sie doch auch miteinander gebadet und im Moment war ihm kalt, da durfte er das.

Als Sammy erschrocken aufblickte, drehte sich der Schlüssel in Dannys Rücken gerade mit einem leisen Klicken und sperrte so alles andere aus. Auch die Stimme, die Danny gehässig mitteilte, dass es auch noch ein zweites Bad mit Dusche gab, wenn ihm wirklich so kalt war, blieb draußen.

„Was ist?“ Wollte Sammy unsicher wissen und versank unmerklich ein wenig tiefer in der vollen Wanne. Der Blick seines Bruders verwirrte ihn.

Danny blieb ihm eine Antwort schuldig. Schweigend zog er Hose, Socken und Slip, die er eben erst frisch angezogen hatte, aus und kam auf Sammy zu. Dieser schluckte trocken und wandte den Blick ab. Nur zu gut hatte er sehen können, dass ihre Körper nichts mehr von ihrem Zwillingsaussehen übrigbehalten hatten. Danny war größer, kräftiger, schöner... selbst an diesem einen Punkt, der seine Gedanken verwirrte und ihn unerwünscht rot anlaufen ließ.

Wenige Augenblicke später saß Danny seinem Bruder gegenüber in der geräumigen Wanne und versank genau wie dieser bis zum Kinn im Schaum. Was hatte er sich nur dabei gedacht hier her zu kommen? Deutlich spürte er, wie sich Sammys Beine gegen die seinen drückten ohne das es beabsichtigt war.

„Hättest du nicht warten können, bis ich fertig bin mit baden?“ Brummte Sammy, als er endlich seine Stimme wieder gefunden hatte. Seinen Blick hielt er dabei gesenkt.

„Mir war kalt.“

„Es gibt hier mehr als ein Bad.“

Danny schwieg. Was sollte er auch darauf antworten? Dass er Sammy bei sich spüren wollte? Dass er es nach ihrem Gespräch im Park nun nicht einmal mehr fünf Minuten ohne ihn aushielt? Wie lachhaft. Dann würde er nur wieder zu hören bekommen, dass er ja doch in ein paar Tagen zurück nach London flog und Sammy würde ihn lautstark, oder noch schlimmer schweigend rausschmeißen. Bestimmt.

„Redest du jetzt nur noch mit mir, wenn es dir passt?“ Wollte Sammy unwirsch wissen und spielte mit dem Schaum, der sich leise knisternd auflöste und langsam weniger wurde. Sein Blick war dabei auf seine Hände konzentriert und so erschrak er, als sich plötzlich eine Hand um seine Handgelenke wand und eine zweite ihn bei der Hüfte faste, so das er, begleitet von Protesten und überschwappendem Wasser, Augenblicke später mit dem Rücken an Dannys Brust gelehnt da saß.

Überdeutlich hörte er sein Blut in seinen Ohren rauschen, weshalb Dannys Stimme nur gedämpft zu ihm durchdrang. „Sei still. Schweig einfach, so wie du es getan hast, seit ich wieder hier bin.“

Sammy verstummte betroffen und versuchte sich nicht all zu sehr auf den größeren Körper hinter sich zu konzentrieren, doch seine Sinne waren absolut auf ihn fixiert.

Die kräftige Brust an seinem Rücken...

Der heiße Atem in seinem Nacken...

Die Hände, die streichelnd auf seinen Unterarmen lagen...

Es war, als stünde sein Körper unter Strom...

Eine Spannung, die sich durch jede einzelne Faser zog und in seinem Magen einen schweren Knoten bildete.

Danny löste seine Hände einen Moment von ihm, dann legte er seine Arme um Sammys Oberkörper und legte sein Kinn auf dessen linker Schulter ab. Fest zog er ihn an sich. „Verzeih mir, dass ich mich dir so aufdränge, aber bitte lass mich nur so lange hier mit dir in meinen Armen sitzen, wie der Schaum braucht um sich aufzulösen.“ Er schloss seine Augen, atmete tief den Geruch des warmen Wassers und von Sammys Haut ein und verharrte einfach nur so. Er hatte genug Grenzen und Warnschilder für einen Tag überrannt, das wusste er. Doch allein Sammys Nähe konnte jetzt den Aufruhr in ihm stillen.

In Sammy arbeitete es. Wieso konnte er Danny nicht von sich schieben? Das hier war doch falsch, oder? Das sollten sie nicht tun, nicht mit den Gedanken, die dahinter lagen, nicht wahr? Aber es war so angenehm. Es ließ sein rasendes Herz langsamer schlagen, bis das Rauschen aus seinen Ohren verschwunden war, und hüllte ihn in ein wohlig warmes Gefühl der Geborgenheit.

Mit einem unhörbaren Seufzen gab Sammy nach. Seine Glieder entspannten sich und seine Augen fielen zu als er sich Dannys Umarmung ergab und für einen kleinen Augenblick vergaß, wer und was sie waren.

***

16 – Achterbahnfahrt

„Sammy? Sammy! Bist du etwa immer noch in der Wanne“ Energisch klopfte Frau Winter an der Tür, probierte auch die Türklinge. „Wieso hast du abgeschlossen?“

„Sorry Mom, Angewohnheit. Ich bin nicht mehr im Wasser, ich kämpfe nur noch mit meinen Haaren. Bin gleich fertig.“ Log Sammy. Seine Stimme war noch immer heiser, weshalb das leichte Zittern in seinen Worten unterging. Er löste sich vorsichtig von seinem Bruder um keine unnötigen Geräusche zu machen, die ihn verraten würden und schob sich wieder zum anderen Ende der Wanne. Seine Haare wollte er wenigstens noch waschen.

Danny war davon weniger begeistert, aber er stand gerade ein wenig zu sehr neben sich als das er hätte protestieren können. Er war so in seinen Gedanken gewesen, dass ihn die Stimme ihrer Mutter vollkommen aus dem Konzept gebracht hatte.

„Gut, beeil dich bitte etwas, du solltest schon längst wieder in deinem Bett sein. Du musst dich noch erholen. Hast du deinen Bruder gesehen? Ich kann ihn nirgends im Haus finden.“ Wollte Frau Winter schließlich wissen. Sie hatte sich gegen die Wand neben der Tür gelehnt und strich sich müde über die Augen.

„Danny ist hier.“

„Danny?! Was...?“

„Ich bade Mom.“ Erwiderte Danny bevor Frau Winter aussprechen konnte. Er warf kurz einen finsteren Blick zu Sammy, denn der hätte das ja nun wirklich nicht sagen müssen, und stand dann auf. Es wurde Zeit, dass sie aus dem Wasser kamen. Sie sahen eh schon aus wie Backpflaumen und kalt wurde es auch langsam.

„In fünf Minuten steht ihr angezogen unten in der Küche.“

„Ja Mom.“ Kam es im Duett zur Antwort, dann waren Schritte auf dem Flur zu hören und es wurde wieder still. Es war eine schwere, unangenehme Stille.

„Du hättest nicht sagen müssen, dass ich hier bin. Jetzt kann ich mir bestimmt wieder ne Predigt anhören, das wir zu alt sind um zusammen zu baden.“ Meinte Danny während er sich in ein Handtuch wickelte und seine verstreuten Sachen zusammensammelte.

„Sie hat es sowie so gewusst, mach keinen Aufstand. Mal abgesehen davon, dass sie bestimmt denkt, dass wir nach einander gebadet haben, was ist schon dabei?“ Sammy tauchte unter und kam dann prustend wieder hoch nur um das Gesicht seines Bruders wenige Zentimeter über seinem eigenen zu sehen. Unbehaglich wandte Sammy seinen Blick ab. „Ich hab deine Bitte erfüllt, jetzt lass mich in Ruhe. Ich bin noch nicht fertig.“

Danny schnaubte leise auf. „Du sagst, du liebst mich so wie ich dich und dann stößt du mich ständig wieder von dir. Entscheide dich bald mal. Ich weiß, dass das etwas kompliziert ist, aber bei dir hab ich das Gefühl als hätte ich es mit zwei verschiedenen Menschen zu tun und ich habe auch meine Grenzen.“ Er wandte sich ab und versuchte wieder ruhiger zu werden nachdem er sich so in Rage geredet hatte. Schweigend verließ er das Bad.

Als die Tür hinter seinem Bruder zu war, schlug Sammy verzweifelt mit der Faust aufs Wasser und schluchzte auf. Das war so unfair. Er war doch nicht derjenige, der nach London gezogen war, der ihn alleine gelassen hatte. Der zurück kam und dachte, alles wäre Friede, Freude, Eierkuchen.

Als Sammy schließlich in der Küche auftauchte, warteten Danny und ihre Mom schon auf ihn. Gähnend ließ er sich auf einen Stuhl sinken und sah fragend auf. „Also, was gibt’s?“ Wollte er leise wissen.

„Vorhin hat Melanie angerufen und gefragt, ob ich nicht mit ihr ins Theater gehen wolle. Die Karten sind wohl schon reserviert.“ Erklärte Frau Winter zögerlich und hielt sich dabei an einer Tasse Kaffee fest.

„Wo ist das Problem?“ Wollte Sammy erneut gähnend wissen und ließ den Kopf auf den Tisch sinken. Baden konnte ja so verdammt müde machen.

„Ich war doch schon die letzten Abende ständig aus und eigentlich sind wir doch her gekommen, damit wir als Familie mal wieder was unternehmen können.“

Während Danny sich ausschwieg, schüttelte Sammy den Kopf. „Quatsch, ihr seit hier, weil ihr Urlaub habt. Danny hat seine Freunde getroffen und du triffst deine. Dad is eh zu sehr mit seiner geliebten Arbeit und Katharina beschäftigt und ich bin zu krank und müde als irgendwas anderes zu tun, als im Bett rum zu liegen. Du würdest dich hier nur langweilen. Also geh ins Theater und hab Spaß. Kannst uns ja dann morgen beim Mittagessen davon erzählen.“ Sammy stand auf, ging um den Tisch und drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange. „Ich geh jetzt jedenfalls ins Bett. Gute Nacht und viel Spaß.“ Dann war er verschwunden.

„Was ist nur mit deinem Bruder los, Danny?“ Wollte Frau Winter verwirrt wissen. Langsam machte sie sich ernste Sorgen. Ob es wirklich so gut gewesen war, Sammy hier zurück zulassen?

„Das würde ich auch gerne wissen Mom.“ Erwiderte Danny abwesend.

„Na gut, das klären wir ein andermal. Ich werd mich fertig machen. Melanie will mich dann mit dem Auto abholen. Machst du euch bitte Abendessen und sorgst dafür, dass Sammy auch noch etwas isst?“

„Klar, werd ich machen.“

„Danke Schatz.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand erst einmal im Bad.

Danny blieb allein in der Küche zurück und dachte nach. Jetzt war er wieder einen Abend mit Sammy allein. Der Hausherr samt Anhang würde sich eh nicht vor zehn blicken lassen, soviel hatte er in den letzten Tagen schon mitbekommen. Schöne Familienidylle, die sie da hatten. Kein Wunder, dass Sammy hier total vereinsamte, wenn er die meiste Zeit in diesem riesigen Haus allein war. Aber das war doch kein Grund sich so komisch zu verhalten. Irgendwas musste doch passiert sein, oder? Wenn er nur wüsste was.

Um sich abzulenken, begann Danny in den Schränken herum zu wühlen essbares zusammen zu suchen. Brot, Wurst, Käse, Butter. Wo hatte Maria denn Gurke und Tomate versteckt? Jepp, Abendessen machen, war tatsächlich nicht das Problem. Das Problem bestand dann wohl eher darin Sammy dazu zu bringen auch zu essen, denn so wie sein Bruder ihn vorhin kurz angesehen hatte, bezweifelte Danny jetzt, dass er auch nur in seine Nähe lassen würde.

Tja, aber wenn er es nicht versuchte, konnte das auch nix werden.

Als es an der Tür klingelte, schnitt Danny gerade Gurke und Tomate um die belegten Brote, die er auf zwei Tellern angerichtet hatte, noch zu garnieren. Später würde er alles auf einem Tablett hinauf bringen.

„Machst du bitte auf, Danny? Ich komme gleich runter.“

„Klar Mom.“ Danny steckte sich eine Gurkenscheibe in den Mund und ging zur Haustür. Die blonde, dezent gestylte Frau, die dort stand, kannte er vom sehen her. „Mom kommt gleich runter. Wollen sie rein kommen?“ Fragte er noch bevor die Frau etwas sagen konnte und war schon wieder halb auf dem Weg in die Küche.

Kurze Zeit später schaute Frau Winter noch einmal vorbei. „Ich bin jetzt weg. Vertragt euch.“

„Klar... Siehst gut aus. Viel Spaß.“

„Danke. Gute Nacht.“ Sie warf ihm einen Luftkuss zu und war verschwunden.

Das Zuschlagen der Haustür klang für Danny wie ein Donnerschlag, hatte etwas so entgültiges. Wie ein Versprechen auf ein Unheil. Er schüttelte die wirren Gedanken ab, schalt sich einen Idioten und schnappte sich das vollgestellte Tablett.

„Also, auf in den Kampf.“

Sammy lag musikhörend auf seinem Bett und starrte an die Decke, als es an seiner Tür kurz klopfte und dann seine Mom ins Zimmer kam. „Hey, ich bin dann weg.“ Meinte sie leise und kam noch etwas näher. „Ist alles okay bei dir?“ Wollte Frau Winter schließlich wissen als Sammy nur kurz nickte.

„Alles okay. Wieso?“ Fragte dieser und stellte die Musik mit der Fernbedienung etwas leiser.

„Wir machen uns Sorgen um dich. Du hast dich so zurück gezogen.“

Sammy hob fragend die Augenbrauen. „Was meinst du? Ich habe eine Grippe, da kann man nun mal nicht wie wild durch die Gegend springen.“

„Sammy?!“ Mahnte Frau Winter ihren Sohn dunkel. Als dieser schwieg, wusste sie, dass er verstanden hatte, worauf sie hinaus wollte. Sammy verschränkte die Arme vor der Brust und sah wieder an die Decke.

„Wir werden uns morgen unterhalten. Das ist schon lange überfällig... Danny macht gerade Abendbrot für euch zwei. Iss bitte etwas und trink von deinem Tee solange er noch nicht vollkommen kalt geworden ist.“ Sie deutete auf die Kanne auf dem Schreibtisch, die sie da hingestellt hatte, als ihre Söhne noch im Bad waren. Dann hauchte sie ihrem Sohn noch einen Kuss auf die Stirn und ging.

Sammy brummte leise vor sich hin, dass er sehr gut alleine klar kam, schließlich war er kein Kleinkind mehr. Dann stellte er seine Musik wieder lauter, starrte erneut an die Decke und versank in chaotischen Gedanken.

So entging ihm völlig, dass es einige Zeit später erneut an seiner Zimmertür klopfte und Danny herein kam. Dieser balancierte das Tablett mit dem Essen auf den Händen und drückte mit einem Fuß die Tür hinter sich wieder zu. Einen Moment lang blieb er so stehen und betrachtete seinen Bruder. Die blonden Strähnen, die sich leicht lockten und wie eine Korona um seinen Kopf lagen. Der unfokussierte Blick zur Decke. ‚Wie ein träumender Engel.’ Danny biss sich auf die Unterlippe um nicht aufzulachen. Das er so etwas dachte, war schon fast ein wenig gruselig. Er war schließlich kein kleines verliebtes Schulmädchen.

Danny stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab und zog mit dieser Bewegung endlich Sammys Aufmerksamkeit auf sich. Der Blick, der ihn traf, war einen momentlang erschrocken, dann wurde er distanziert.

Schweigend setzte Danny sich auf den Stuhl am Schreibtisch und begann zu essen. Eine neue Taktik. Statt Sammy mit Fragen zu bedrängen, einfach ignorieren. ‚Streicht das „einfach“’ Dachte Danny verbissen und hatte wirklich Probleme nicht immer wieder zu Sammy hinüber zusehen. Dieser beobachtete seinen Bruder misstrauisch, denn er hatte gedacht, dass er gleich wieder sonst was zu hören bekommen würde, doch stattdessen herrschte nur Schweigen. Das störte Sammy zutiefst.

Gelangweilt richtete er sich ein Stück auf und warf er einen näheren Blick auf den Teller, der wohl für ihn bestimmt war.

Na das war ja wohl gleich mal gar nicht mehr fair. Wie sollte man denn bitte schön stur bleiben, wenn einem die Schnitten mit dem Lieblingskäse vor die Nase gestellt wurden. Düster brummelte Sammy vor sich hin und griff schließlich zu. Wenn er hungerte, kam er schließlich auch nicht weiter. Im Moment jedenfalls nicht und irgendwie knurrte sein Magen ja schon. Er mümmelte gerade genüsslich auf seinem Brot herum als ihn leises Lachen aufsehen ließ.

Danny sah ihn mit einem breiten Grinsen im Gesicht an und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sammys düsteren und verwirrten Blick, sah dieser als Aufforderung endlich zu sprechen. „Du kannst diesem komischen Zeug noch immer nicht widerstehen, stimmt’s? Das war schon so als wir noch klein waren. Wenn irgendwas war, hat man dich mit dem Käse noch immer rumbekommen.“

„Na und?“ Wollte Sammy wissen und kam sich irgendwie veralbert vor. Er mochte diesen leckeren Butterkäse nun mal. Was gab es daran auszusetzen?

„Würde das jetzt auch funktionieren? Wenn ich dir versprechen würde, dir noch mehr von dem Zeug zu holen, würdest du mir verraten, was passiert ist, dass du so... na ja, du weißt schon.“ Danny machte eine weitschweifende Geste und hatte plötzlich doch nicht mehr ganz so viel Vertrauen in seine Idee.

Sammy war einen Moment sprachlos ob des Gedankenganges seines Bruders, doch das blieb nicht lange so. „Du spinnst, ehrlich. Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“ Es klang eher resigniert als irgendetwas anderes und Sammy merkte es auch selbst. Seufzend ließ er den Kopf hängen. Da waren sie also wieder an dem gleichen Punkt angelangt um den sie sich schon seit Tagen drehten. „Wieso kannst du es nicht einfach auf sich beruhen lassen?“ Wollte Sammy leise wissen und wusste die Antwort doch eigentlich schon.

Genervt schaltete er die Musik leiser, da die Lautstärke im Hintergrund nun doch störte, wenn sie sich unterhielten.

„Weil dich etwas belastet. Es beeinträchtigt dein Verhalten mir gegenüber. Es distanziert dich von mir und das kann ich nicht zulassen. Bitte Sammy, bitte.“ Danny war vom Stuhl gerutscht und kniete nun vor dem Bett auf dem Boden und sah zu Sammy hoch.

Der schüttelte nur immer wieder den Kopf, denn er wusste, dass Danny Recht hatte und das wollte er nicht. Er wollte, dass das alles nicht passiert wäre und sie sich im letzten August nicht hätten trennen müssen. Kraftlos sank Sammy schließlich in sich zusammen und gab auf. Es war ja doch zwecklos.

„Es ist so dumm. Ein so dämlicher Grund...“ Hauchte er geschlagen und sah zu Danny, der ihn nur schweigend ansah und wartete. Er spürte, dass er Sammy jetzt nicht mehr drängen durfte, sondern dieser von allein weiterreden musste, was dieser dann auch stockend und kaum verständlich tat.

„Es... ich... wegen Katharina.“

***