Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Split > Sammy und Danny > Sammy und Danny Teil 17 - 20

Sammy und Danny Teil 17 - 20

17 – Bleib bei mir

Sammy holte zögerlich Luft und begann noch mal neu, während er auf seine Finger starrte, die nervös die Bettdecke malträtierten.

„Ich... das braucht ne längere Erklärung... Als du nach London gegangen bist, da wusste ich nicht... da bin ich abgerutscht. Ich hab mich so allein gefühlt, da war niemand außer Maria und die hab ich ja nur mittags gesehen. Ich hab dich so vermisst. Und dann zu Heiligabend, da wollte ich dir sagen, dass... dass ich dich liebe, aber du hast mich davon abgehalten. Eigentlich hatte ich für den Abend nen billigen Rotwein besorgt, aber ich hab ihn erst viel später aufgemacht. Ich konnte nicht schlafen... lag nächtelang wach und irgendwo hatte ich mal gehört, dass Rotwein beim Einschlafen helfen soll und da hab... bei Katharina im Badschrank hatte ich Schlaftabletten gefunden...

Ich hab es ausprobiert. Morgens hab ich mich nicht wirklich erholt gefühlt, aber es wirkte, ich lag nicht mehr die ganze Nacht wach und musste über Dinge nachdenken... über dich und mich.

Aber irgendwann hab ich aufgehört. Ich wusste, dass ich auffliege, wenn ich zufiele Tabletten nehmen würde und die paar, die ich hatte, waren alle.

An... an dem Abend hatte ich nur noch einen Schluck Wein getrunken, mehr nicht... irgendwas weckte mich und... und...“

Sammy stockte und atmete wieder zittrig durch. Da war doch nichts dabei. Wo war das Problem, es auszusprechen?

„Ich... Katharina war in meinem Bett und hat... sie hat mich ausgezogen und gestreichelt und... sie wollte... sie hat...“ Er brach entgültig ab. Es ging nicht. Er konnte es nicht aussprechen, er war einfach zu schwach. Ein Feigling.

Nur zögerlich wagte Sammy es aufzusehen. Das Entsetzen im Gesicht seines Bruders ließ ihn den Blick wieder senken. Jetzt würde Danny ihn nie wieder umarmen und ihm sagen, dass er ihn liebte. Bestimmt nicht. So einen schwachen Bruder brauchte niemand.

Etwas tropfte auf seine Hände und verwirrt merkte Sammy, dass er begonnen hatte zu weinen und die Tränen seine Wangen schon lange überschwemmten.

Als Danny schließlich sprach, sank Sammy nur weiter in sich zusammen.

„Aber... wieso hast du nicht schon eher etwas gesagt?“ Von all den Fragen die Danny im Kopf herum schwirrten, drängte sich diese ihm am meisten auf. „Sie hat dich missbraucht!“ Fuhr Danny schließlich auf und schlug die Fäuste aufs Bettlaken. Sammy keuchte erschrocken auf, dann presste er sich die Hände auf die Ohren. Er wollte nichts hören. Er hätte nichts sagen sollen. Wieso hatte er nicht den Mund halten können?

Sammys Reaktion schürte die Wut, die sich in Danny während der Erzählung angestaut hatte nur noch mehr. Doch äußerlich beruhigte er sich wieder. „Sammy? Sammy, sieh mich an.“ Bat er leise und berührte ihn vorsichtig am Arm. Sammy zuckte zusammen und sah vorsichtig auf.

Er hatte solche Angst. Vor Dannys Reaktion, vor seinen Gefühlen, vor allem. Seine Augen waren voll von dieser Angst.

Danny konnte es deutlich sehen, doch er wiederholte seine Frage. „Sammy, warum hast du mir nicht schon viel eher davon erzählt? Wieso hast du das für dich behalten.“

„Ich hatte Angst...“ Meinte Sammy kleinlaut und Danny schüttelte den Kopf. „Aber ich werde nicht zu lassen, dass Katharina das noch einmal tut. Sie wird...“

„...vor dir und deiner Reaktion.“ Unterbrach Sammy seinen Bruder und beendete so seinen eigenen Satz. „Du wirst mir nicht mehr sagen, dass du mich liebst und du wirst mich nicht mehr in den Arm nehmen, weil du dich vor mir ekelst. Du wirst nach London fliegen und nicht mehr zu mir zurückkommen. Jemanden wie mich, will doch keiner.“

„Sammy, du Dummkopf!“ Danny sprang auf und setzte sich zu seinem Zwilling aufs Bett nur um ihn dann fest in seine Arme zu ziehen. „Wie kommst du nur auf so bescheuerte Gedanken? Jetzt, wo ich das weiß, lasse ich dich erst recht nicht mehr alleine. Ich liebe dich, egal was passiert. Es tut mir leid, so leid, dass ich dich allein gelassen hab. Verzeih mir.“

Sammy klammerte sich wie ein Ertrinkender in die Umarmung und begann erneut zu weinen. Endlich war es nicht mehr nur sein Geheimnis und obwohl er vollkommen fertig war und sich irgendwie ausgebrannt fühlte, spürte er Erleichterung in sich.

Sammys knurrender Magen ließ sie schließlich aufsehen und zögerlich breitete sich ein Grinsen in ihren Gesichtern aus.

„Du warst noch nicht fertig mit essen.“ Etwas zögerlich löste Danny sich und wollte sich wieder auf den Stuhl setzen um selbst weiter zu essen, als ihn eine Hand am Ärmel festhielt.

„Bleib hier. Nicht weggehen.“ Nuschelte Sammy verlegen.

„Ich wollte mich nur wieder an den Tisch setzen.“

„Nein, bleib hier.“ Sammy zog etwas stärker, so dass Danny sich wieder aufs Bett fallen lassen musste. „Bleib die ganze Nacht bei mir. Ich will nicht mehr alleine schlafen.“

Auf Dannys Lippen erschien ein sanftes Lächeln und er nickte sacht. „Okay, ich bleib bei dir, die ganze Nacht.“

Sie hatten beide ihre Teller geleert und noch etwas Tee getrunken. Sammy hatte eine seiner großen Kerzen angezündet, so dass das Zimmer nun vom warmen Licht erfüllt wurde.

„Was wirst du wegen Katharina tun?“ Wollte Danny nach einer Weile wissen. Er lag auf der Seite, mit dem Rücken zur Wand und Sammy lag neben ihm, sein Gesicht an dessen Brust versteckt. Seine Hände spielten sacht mit Sammys blonden Locken.

Dannys Worte ließen Sammy ein wenig zusammen zucken. Er hatte eigentlich vorgehabt das ganze einfach nur zu vergessen. Zögerlich sah er auf. „Nichts, es wird nicht mehr vorkommen.“

„Aber sie...“ Sammy unterbrach seinen größeren Bruder sofort. „Danny, was denkst du, wer mir glauben würde? Vor allem wenn ich sage, dass ich Alkohol und Tabletten geschluckt habe. Was auf jeden Fall raus kommen würde, denn Katharina wird alles abstreiten. Lass es auf sich beruhen, bitte. Ich will das nur vergessen.“ Sammy drängte sich etwas näher an seinen Bruder und schloss seine Augen. Er war müde von dem vielen Reden. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Und Dannys Finger lullten ihn irgendwie ein.

„Ich werd diese Hexe nicht mehr ansehen können ohne ihr die Pest und schlimmeres an den Hals zu wünschen und das Dad das zugelassen...“

„Danny, er wusste es nicht. Er ist nun mal mit seiner Arbeit verheiratet. Gib ihm nicht die Schuld. Das hab ich bereits hinter mir. Genau wie ich dir auch die Schuld gegeben habe...“ Sammy wollte nicht, dass Danny sich da in etwas verrannte. Er hatte selbst einsehen müssen, dass Schuldzuweisungen unangebracht waren, zumindest in diesem Ausmaß.

„Du hast mir...? Aber wieso?“ Fragte Danny ungläubig und schob Sammy ein Stück von sich um ihm ins Gesicht sehen zu können.

„Du hast mich hier alleine gelassen und ich war wegen dir so deprimiert, dass ich nicht schlafen konnte und deshalb hab ich ja auch erst den Wein getrunken und die Tabletten geschluckt. Aber es ist nicht deine Schuld, genau sowenig wie es Dads oder Moms Schuld ist. Mom ist schließlich die jenige, die nach London wollte.“ Sammy hatte nur noch gewispert und schaffte es nicht seinen Zwilling anzusehen, denn er schämte sich für diese Gedanken. Er konnte andere nicht für seine Schwächen und eigenen Entschlüsse verantwortlich machen. Was für eine erwachsene Einsicht, meinte eine zynische Stimme in seinem Kopf.

„Es tut mir so Leid.“ Danny zog seinen Bruder in seine Arme und versteckte sein Gesicht in dessen Halsbeuge während er immer wieder diese Worte murmelte.

Sammy wusste erst nicht so recht was er tun sollte. Er fühlte sich ein wenig überfahren von Dannys Reaktion, doch er merkte, dass Danny sich im Moment nicht davon abbringen lassen würde, sich immer wieder zu entschuldigen und so erwiderte er einfach nur die Umarmung so fest er konnte und wartete, dass er sich beruhigen würde. Seltsam, da versuchte er seinen Bruder zu trösten und eigentlich sollte es doch anders herum sein. Während Danny sich beruhigte, hatte er selbst Zeit alles um sich herum genauer wahr zunehmen.

Die kleine Flamme der Kerze, die den Raum in ein schwaches flackerndes Licht tauchte.

Der warme Körper, der sich so weich an ihn schmiegte.

Dannys Geruch, der so unverwechselbar er selbst war.

Die helle, zarte Haut an Dannys Hals, der nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war.

Das Ganze war wie einem seiner Träume. Vorsichtig presste er seine Lippen an Dannys Hals und hauchte einen Kuss auf die verführerische Haut. Ein warmes Kribbeln rann von seinen Lippen durch seinen Körper und ließ ihn innerlich aufgewühlt zurück.

„Sammy? Was tust du?“ Wollte Danny leise wissen, bewegte sich aber nicht. Um nichts in der Welt würde er diese Nähe jetzt aufgeben.

„Ich... das war nur...“ So abrupt aus seiner eigenen Welt gerissen, konnte Sammy nur unsicher stammeln. Er hatte sich gehen lassen. Hatte er etwas falsch gemacht? Aber es hatte sich doch so gut angefühlt.

Danny lächelte beschwichtigend und legte Sammy einen Finger auf die Lippen. „Ich weiß, was das war und es ist gut.“ Er beugte sich wieder etwas näher. „Ich weiß, dass ich das nicht fragen sollte, aber darf ich dich richtig küssen?“ Er nahm seinen Finger wieder weg und sah seinen Bruder erwartungsvoll an. Das hier hatte er schon die ganze Zeit tun wollen.

Sammy war erst zu überrascht um etwas zu sagen oder zu tun, doch dann nickte er unsicher. „Aber du wirst dich anstecken, ich bin noch immer nicht wieder gesund.“

„Ist nich so schlimm, dann hab ich verlängerte Ferien.“ Lachte Danny nur leise und küsste seinen Zwilling vorsichtig. Als sich ihre Lippen berührten, konnten sie beide dieses Kribbeln spüren, dass Sammy bereits kannte.

Neugierig leckte Danny über Sammys trockene Lippen und kostete dessen Geschmack. Er schmeckte nach dem Käse, den er zuvor gegessen hatte, nach Pfefferminz und nach irgendwas Süßem zugleich.

Sammy öffnete seinen Mund und ließ seine Zunge scheu die seines Bruders begrüßen. Es war ein eigenartiges Gefühl, aber auch aufregend und warm. Vorsichtig lockte Sammy, ohne dass er eigentlich wusste was er da genau tat, die fremde Zunge in seine Mundhöhle und ließ sie alles erkunden. Es jagte immer wieder warme Schauer über seinen Rücken.

Sanft begannen sie sich zu streicheln, schoben Stoff beiseite und erfühlten die warme Haut des jeweils anderen.

Danny ließ sich von seinen Gefühlen überrollen. Er drängte Sammy auf den Rücken und kam über ihn um ihren noch ungeschickten Kuss zu vertiefen. Es war wie ein Rausch, der ihn davon spülte und ihn alles andere vergessen ließ. Ungeduldig wanderten seine Hände nun über den Oberkörper des Kleineren und versuchten alles auf einmal zu erspüren.

Doch Sammy hatte plötzlich Bilder vor seinen Augen, die er nicht sehen wollte und von denen er wusste, dass es nur Erinnerungen waren. Trotzdem hatte er auf einmal Angst. Oder eher ein Gefühl des Ekels und der Abneigung. Panisch schob er seinen Bruder von sich. Dann rollte er sich hektisch atmend zusammen, drehte Danny beschämt seinen Rücken zu und versuchte sich wieder zu beruhigen.

„Sammy?“ Fragte Danny verwirrt.

„Tut... tut mir leid. Ich hab nur... hab mich nur erschrocken.“ Brachte er stockend hervor.

Danny legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. „Entschuldige, ich hab mich vergessen.“ Er wollte aufstehen und gehen, doch Sammy hielt ihn fest. „Nein! Nicht, das war nicht deine Schuld, also geh nicht gleich wieder. Du hast doch gesagt, dass du bei mir bleibst.“

Danny nickte und ließ sich wieder zurück sinken. Sammy rückte näher und legte seinen Kopf an dessen Brust. „Es ist so schwierig nicht dran zu denken. Dabei ist es doch schon Wochen her und da war ja eigentlich nichts weiter dabei.“ Nuschelte Sammy in Dannys Shirt. Er hoffte, dass der größere Junge wusste was er meinte, denn er wollte es nicht erklären müssen.

Danny strich seinem Bruder sanft durch die Haare und hielt ihn einfach fest. „Aber es hat dich erschrocken und verwirrt, oder? Du verdrängst was geschähen ist, anstatt es richtig zu verarbeiten.“

„Als ob das so einfach wäre. Du hast ja keinen Schimmer. Dir ist das ja nicht passiert.“ Erwiderte Sammy düster. Danny hatte ja keine Ahnung wie sehr ihn Katharinas Berührungen angeekelt hatten. „Ich bin müde.“ Er rutschte ein wenig von Danny weg und schloss seine Augen.

Danny seufzte leise und stimmte dem Kleineren innerlich zu. Er wusste wirklich nicht, wie es in diesem aussah, was dieser dachte oder fühlte, aber er wünschte es sich so sehr. Irgendwie musste er ihm doch helfen können. Zögerlich hauchte er Sammy einen Kuss auf die Stirn und zog dann die Decke noch ein Stück höher. Er steckte zwar noch in seinen Klamotten, aber sie waren bequem genug, dass man in ihnen schlafen konnte. Wilde Gedankengänge hielten ihn jedoch noch lange wach, doch irgendwann ließen Sammys gleichmäßige Atemzüge auch ihn einschlafen.

***

18 – Bitteres Erwachen

Als Sammy am Freitagmorgen kurz nach Sonnenaufgang erwachte, fühlte er sich das erste Mal seit Tagen wieder erholt und wirklich gesund. Er blinzelte träge in das schwache Licht und sortierte erst einmal seine Glieder. Wenig verwundert stellte er fest, dass er regelrecht an Danny klebte. Das erklärte, warum ihm so verdammt warm war.

Als er seinen Blick hob, konnte er das entspannte Gesicht des Größeren über sich sehen. Danny hatte das Kissen unter sich fest umarmt und schien einen schönen Traum zu haben, denn seine Lippen waren zu einem zaghaften Lächeln verzogen. Sacht strich Sammy ihm über die Wange. Es war, als wären sie nie getrennt gewesen und für einen Moment wünschte er sich, dass die Zeit stehen bleiben würde. Er könnte für immer Dannys Nähe spüren und bräuchte nur hier liegen und nichts tun. Sammy lachte leise auf, als er sich bei diesen kindischen Gedanken ertappte und erhob sich vorsichtig. Es war noch zu früh um den Tag zu beginnen, aber irgendwie drängte es ihn förmlich aus dem Bett. Nicht nur weil der Tee vom Vorabend wieder raus wollte.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, löste Sammy sich von seinem Bruder und ging ins Bad. Diesmal machte ihm der Blick in den Spiegel irgendwie nichts aus. Er grinste sein Spiegelbild nur blöd an, erleichterte sich und begann Zähne zu putzen. Hoffentlich wachte Danny noch nicht auf. Vielleicht konnte er ihn ja später wecken, mit Kuss und so.

Sammy wurde rot. Was dachte er denn da? Wie ein kleines, verliebtes Mädchen. Aber irgendwie war das gar nicht schlimm. Zufrieden mit sich selbst, spülte er seinen Mund aus, schlich zurück ins Zimmer um sich schnell etwas anderes anzuziehen, ihr benutztes Geschirr zu holen und sich zu vergewissern, dass Danny noch schlief. Dann ging er in die Küche.

Am Küchentisch saßen Herr Winter und Katharina beim Frühstück, Herr Winter hinter einer Zeitung versteckt. Der Anblick dämpfte Sammys Stimmung doch um einiges. War er tatsächlich so früh aufgestanden, dass die noch nicht einmal bei der Arbeit waren?

„Guten Morgen.“ Grüßte er unbestimmt in den Raum, bevor sich noch jemand beschwerte, dass er unhöfflich wäre und stellte sein Geschirr bei der Spüle ab.

„Guten Morgen. Schon so zeitig auf?“ Herr Winter senkte die Zeitung und sah verwundert auf. „Bist du nicht noch krank?“

„Bin gestern zu zeitig schlafen gegangen und ich bin wieder gesund, wenn man die leicht raue Stimme und die laufende Nase nicht mit rechnet. Schläft Mom noch?“ Wollte Sammy wissen, während er in den Schränken wühlte. Er hatte mal wieder Hunger auf Cornflakes.

„Ich denke schon. Wir sind dann gleich weg. Kannst du ihr bitte sagen, dass wir heute Abend pünktlich gegen sechs wieder da sind? Da du ja wieder gesund bist können wir ja das gemeinsame Abendessen außerhalb nachholen.“ Herr Winter trank seinen Kaffee aus und stand auf. Es wurde Zeit, dass er los ging.

„Klingt nach nem Plan. Ich richte es ihr aus.“ Nuschelte Sammy wenig begeistert. Er hatte endlich alles zusammen, was er brauchte, aber er würde nicht anfangen zu essen, bevor Katharina das Haus ebenfalls verlassen hatte. Die sah ihn schon wieder die ganze Zeit so komisch an. Das konnte er spüren. Er schüttelte sich widerwillig und begann das benutzte Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, um sich abzulenken.

Als die Erwachsenen endlich aus dem Haus waren, setzte sich Sammy mit seinen Flakes an den Tisch und löffelte die Schüssel gedankenverloren leer. Gesättigt räumte er alles weg und machte sich wieder auf den Weg in sein Zimmer. Auf dem Flur im ersten Stock kam ihm seine Mutter entgegen. „’Morgen Mom. Siehst müde aus, wieso bist du schon auf?“ Meinte er grinsend während er beobachtete wie sie sich flüchtig über die Augen rieb.

„Guten Morgen, Schatz. Das gleiche könnte ich dich auch fragen. Nur siehst du um Längen munterer aus als ich mich fühle. Du bist wieder gesund, ja?“

„Jepp, was der Herr des Hauses zum Anlass nimmt, heute Abend außerhalb essen zu gehen. Ich soll dir ausrichten, dass er pünktlich gegen sechs zurück sein wird.“

„Und unsereins wird natürlich nicht gefragt.“ Brummte Frau Winter und sprach somit aus, was Sammy dachte. Das war wohl auch einer der Gründe, warum ihre Eltern sich scheiten lassen hatten. Ihr Dad hatte gewisse Dinge einfach für selbstverständlich gehalten ohne einen der anderen Beteiligten nach deren Meinung zu fragen.

Sammy nickte nur grinsend. „Ich werd mich noch ein wenig hinlegen, hab ja sonst nix zu tun.“

Frau Winter nickte nur, hielt dann Sammy aber noch einmal zurück, als dieser ins Zimmer gehen wollte. „Du weißt nicht zufällig wo dein werter Bruder abgeblieben ist? Denn in seinem Zimmer ist er nicht.“

Sammy zog den Kopf ein wenig ein als er den düsteren Ton hinter den Worten bemerkte. Sein Schweigen war dann aber auch Antwort genug.

„Gegen zehn möchte ich euch beide unten in der Küche zum Frühstück haben. Wir drei werden uns dann mal ausgiebig unterhalten.“ Das war eindeutig ein Befehl, der keine Widerworte duldete und so schluckte Sammy sich seinen Kommentar, dass er schon gegessen hätte, herunter und nickte nur stumm.

Um einiges weniger gut gelaunt als noch zuvor schlurfte Sammy in sein Zimmer zurück und schloss seufzend hinter sich die Tür. Danny lag noch immer im Bett und schlief, was ihn traurig Lächeln ließ. Ihre Mutter hatte ihn ebengerade unterschwellig doch sehr effizient daran erinnert, dass es für ihn kein Happy End geben konnte. Allein der Kuss vom Vorabend hätte nie passieren dürfen. In einer hastigen Geste fuhr er sich mit den Fingern über die Lippen und spürte ein Kribbeln, als ob er die Lippen seines Zwillings noch immer dort fühlen könnte.

Kraftlos ging Sammy zum Bett, kroch zu Danny unter die Decke und begann an dessen Brust zu weinen. Das war alles einfach nicht fair. Zum tausendsten Male fragte er sich, was er eigentlich getan hatte, dass er so dafür leiden musste. Wieso musste er sich auch ausgerechnet in seinen geliebten Bruder verlieben?

Danny kämpfte unterdessen gegen das Erwachen an, doch schließlich merkte er, dass etwas nicht stimmte und so öffnete er widerwillig seine Augen. Alles was er im ersten Moment sah, waren blonde Strähnen, die ihn sacht an Kinn und Hals kitzelten. Als er sich gewahr wurde, dass er bei Sammy im Bett lag und sich erinnerte, was am Abend zuvor passiert war, grinste er verhalten. Verspielt pustete er in die hellen Strähnen um zu testen ob Sammy bereits wach war. Das unterdrückte schluchzen, dass er als Reaktion bekam, gefiel ihm überhaupt nicht und wieso war sein Shirt über dem Herzen eigentlich so seltsam feucht?

„Sammy? Stimmt was nicht?“ Fragte Danny verwirrt und wusste dabei nicht, ob er Sammy von sich schieben sollte um ihm ins Gesicht sehen zu können oder ob er ihn eher fester an sich ziehen sollte. Sammy, der sich auf einmal fest an ihn klammerte, nahm ihm die Entscheidung ab. „Alles okay.“ Nuschelte er nur erstickt und Danny hatte Mühe nicht verächtlich aufzulachen. So benahm Sammy sich neuerdings, wenn alles okay war? Was machte er dann erst, wenn es ihm schlecht ging?

Danny strich seinem kleinen Bruder beruhigend über den Rücken und hielt ihn an sich gedrückt. „Was ist los? Sag’s mir.“ Wollte er leise wissen, doch Sammy wich der Frage aus.

„Mom hat gesagt, dass sie um zehn mit uns frühstücken will. Du kannst also noch liegen bleiben. Es müsste noch genügend Zeit sein.“ Er schniefte leise und versuchte die verräterischen Tränen irgendwie zu stoppen.

„Oh Sammy, was soll ich nur mit dir machen. Wie soll ich dir denn helfen, wenn du mir nicht sagst, was los ist. Ich will doch, dass es dir gut geht.“

„Du kannst mir aber nicht helfen. Lass mich einfach.“ Sammy löste sich von Danny und drehte ihm den Rücken zu. Mit seinen Gefühlen musste er einfach alleine klar kommen. Anders ging es nicht.

Danny seufzte leise und sah einen Moment ratlos auf Sammys Rücken, dann erhob er sich und kletterte über ihn hinweg aus dem Bett. „Sammy, dreh mir bitte nicht immer den Rücken zu, wenn etwas ist, dein Schweigen ist schon schlimm genug.“ Er drückte ihm den kleinen Teddy, den er unterm Kissen gefunden hatte, in die Arme und ging dann zur Tür. „Ich bin im Bad, wenn du mich suchst...“ Dann war Danny verschwunden.

Sammy starrte seinen Teddy traurig an, dann schloss er seine Augen wieder und zog sich die Decke über den Kopf. Er wollte nichts mehr sehen oder hören.

Als Danny im Bad fertig war und sich in seinem Zimmer auch frische Sachen angezogen hatte, ging er runter in die Küche. Maria würde erst später kommen, soweit er wusste, aber seine Mutter war da und las am Tisch in der Tageszeitung. „Guten Morgen Mom. Und, wie war dein Theaterbesuch?“

„Guten Morgen Danny. Mein Abend war wirklich interessant und eurer?“ Sie nippte an einer Tasse Kaffee und sah nur kurz auf bevor sie sich wieder einem Artikel widmete.

Danny stutzte. Was war das denn für ein Unterton? „Oh, wir sind zeitig ins Bett. Im Fernseher kam eh nichts gutes, soweit ich mich erinnere.“

„Ach so, und was genau hatte ich darüber gesagt, dass ihr in EINEM Bett schlaft?“ Sie sah nun auf und legte die Zeitung beiseite. „Glaubst du wirklich, ich merke es nicht, wenn du die Nacht nicht in deinem eigenen Bett verbringst? Kannst du mir mal verraten was das soll?“

„Mom, Sammy ist doch wieder gesund...“

„Du weißt ganz genau, dass ich das nicht meine.“ Unterbrach Frau Winter ihren Sohn knapp. „Da du schon wach bist, können wir auch jetzt schon frühstücken. Hol deinen Bruder. Ich habe mit euch zu reden.“ Sie stand auf und begann für sie den Tisch zu decken.

Danny verließ schweigend die Küche um Sammy zu holen. Hatte der vielleicht deshalb geweint? Weil er heute Morgen schon Ärger bekommen hatte und wusste, was auf sie zu kam? Danny seufzte leise und betrat das Zimmer. Von seinem Bruder waren nicht mehr als ein paar blonde Strähnen zu sehen.

„Sammy, kommst du? Wir wollen essen.“ Er bekam keine Antwort. Vorsichtig kniete Danny sich vor das Bett und zog ein wenig an der Decke. Sammy schien zu schlafen, denn er regte sich nicht und sein Gesicht war entspannt, wenn auch noch immer von der Anstrengung des Weinens gerötet. „Hey, Kleiner, aufwachen.“ Danny strich ihm über die Wange und beobachtete lächelnd wie Sammy langsam wach wurde.

„Was?...“

„Du bist wieder eingeschlafen, was? Mom hat das Frühstück vorverlegt. Komm, steh auf.“

Sammy zog sich die Decke wieder über den Kopf, als ihm einfiel, worum es beim Frühstück gehen würde. Darauf hatte er wirklich keine Lust und Kraft hatte er dafür auch keine.

„Ach komm schon. So schlimm wird es schon nicht. Willst du mich etwa alleine dem Löwen zum fraß vorwerfen?“ Fragte Danny lachend und zog etwas kräftiger an der Decke. Er hatte selber etwas Angst. „Komm jetzt, bevor Mom uns holen kommt. Das könnte unangenehm werden.“

Sammy brummte unwillig, stand aber auf. Er wagte es nicht den Blick zu heben, trotzdem konnte Danny sehen, wie verheult seine Augen aussahen. „Geh noch mal ins Bad, dir die Augen mit kaltem Wasser ausspülen und versuch nicht ganz so finster zu schauen. Du wirkst, als wärest du auf dem Weg zu deiner eigenen Hinrichtung.“

Der Kommentar ließ Sammy aufsehen, brachte ihn aber nicht zum lachen. Man konnte deutlich sehen, dass der Vergleich mit der Hinrichtung seiner Meinung nach verdammt passend war.

Kurz darauf betraten sie hintereinander die Küche. Auf dem für drei Personen gedeckten Tisch fehlten nur noch Kleinigkeiten. „Na los, nun setzt euch schon.“ Frau Winter goss ihnen Tee ein und holte noch Wurst aus dem Kühlschrank.

Schweigend kamen ihre Söhne der Aufforderung nach. Sie setzten sich einander gegenüber, während Frau Winter am Kopfende des Tisches Platz nahm. Sie hatte sich noch einmal Kaffee nachgegossen und während sie an ihrer Tasse nippte, beobachtete sie ihre beiden Sprosse. Sammy hatte sich seinen Tee genommen und starrte schweigend in die Tasse, Danny schmierte sich eines der aufgewärmten Brötchen mit Nutella und hielt seinen Blick dabei ebenfalls gesenkt.

„Iß bitte etwas Sammy.“

„Ich hatte vorhin schon Cornflakes, bin satt.“ Das stimmte zwar nicht ganz, aber ihm war der Appetit vergangen und er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, wenn er auch nur einen Toast anrührte.

„Also gut, dann nicht. Ihr wisst beide warum ich heute mit euch zusammen frühstücken wollte. Es gibt zwei Gründe. Womit sollen wir anfangen?“ Unangenehmes Schweigen antwortete ihr und eigentlich hatte sie auch keine Antwort erwartet.

„Gut, fangen wir mit dir an Sammy. Dein Verhalten und auch deine schulischen Leistungen in den letzten Monaten waren inakzeptabel. Du hast die Schule geschwänzt, deine Noten waren schlechter denn je. Maria meinte immer wieder, dass du nicht richtig essen würdest und dass du so dünn und im Gegensatz zu Danny kaum gewachsen bist, ist ja wohl Beweis genug, dass sie nicht übertrieben hat. Seit wir wieder hier sind, habe ich gemerkt wie distanziert du dich verhältst. Kannst du mir bitte einen vernünftigen Grund für das alles nennen?“

Die Stimme Frau Winters war ruhig geblieben, doch trotzdem wusste Danny, dass Sammy ihr keine vernünftige Antwort geben würde. Noch immer kannte er ihn gut genug um zu wissen, dass dieser sich jetzt angegriffen und in die Enge getrieben fühlte. Und wenn das geschah, so wusste Danny, schaltete der Jüngere auf stur.

„Was willst du denn hören? Ich bin in der Pubertät? Mir fehlt eine Respektsperson?“ Sammy schob seine Tasse von sich verschränkte die Arme.

„Red bitte vernünftig mit mir, das tue ich schließlich auch.“ Mahnte Frau Winter so ruhig sie konnte.

„Was sonst? Bekomm ich Hausarrest? Darf ich dann nicht mehr fernsehen? Weniger Taschengeld? Es hat dich die ganze Zeit nicht interessiert, was mit mir los ist. Du bist nach London gegangen und hast mich hier allein gelassen. Du hast meinen einzigen Freund mitgenommen.“

„Ist es das? Weil ich wegen meiner Arbeit nach London gezogen bin?“ Fragte Frau Winter verwundert, die anfänglichen Worte überhörte sie fürs erste. „Sammy, wir haben uns letztes Jahr ewig darüber unterhalten. Du warst doch einverstanden bei eurem Vater zu bleiben...“

„Einverstanden? Ich hatte keine Wahl. Ich konnte diese verdammte Sprache nicht, also konnte ich nicht mit. Dad ist mit seiner Arbeit verheiratet. Der hat mir lediglich eine gescheuert als die von der Schule es endlich schafften ihn zu erreichen und ihm mitteilten, dass ich schon seit einiger Zeit fehlte. Und Katharina ist eine hinterhältige Schlampe, die ist nur wegen Dads Geld hier. Allein wenn ich sie sehe, könnte ich jedes Mal kotzen. Ich halte es in diesem verdammten Haus nicht mehr aus.“ Sammy hatte sich in Rage geredet und war aufgestanden. In ihm brodelte es und am liebsten hätte er irgendetwas zerstört. Doch noch war sein Denken zu sehr von Verstand gelenkt, als das er einfach die Tasse oder den Teller nahm und sie zu Boden schmiss.

Frau Winter sah ihren Sohn nur entsetzt an als dieser so aufbrauste. Das hatte sie noch nie erlebt. „Sammy, mäßige deinen Ton und setz dich bitte wieder. So redet man nicht über andere. Und wenn es dich wirklich so sehr stört, hier zu sein, dann hätten wir doch darüber reden können...“

„Reden. Ich hab keinen Bock mehr zu reden. Geht wieder nach London und lasst mich in Ruhe.“ Sammy rannte aus der Küche und kurz darauf war die Wohnungstür zu hören. Frau Winter wollte ihm schon nach, doch Danny hielt sie auf. „Wenn du ihm jetzt nachläufst Mom, wird es nur schlimmer. Lass ihn sich beruhigen. Sein schlechtes Gewissen wird so groß werden, dass er von allein zurückkommt.“

Auf den verärgerten Blick seiner Mutter lächelte er nur schwach. „Er ist mein Bruder und zumindest im Augenblick weiß ich was er denkt, auch wenn ich ihn nicht mehr so gut kenne wie früher.“

Frau Winter atmete tief durch und nahm einen tiefen Schluck ihres Kaffees. „Ich gebe ihm bis heute Abend Zeit. Ich hoffe, dass du Recht behältst.“ Sie machte eine kleine Pause. „Da war noch eine zweite Sache, über die ich mit euch reden wollte.“

„Ich weiß.“ Erwiderte Danny. „Bevor du etwas sagst, lass mich zuerst. Auch wenn du es nicht glauben wirst, aber Sammy und ich sind alt genug um zu wissen, was falsch und was richtig ist. Trotzdem tun wir, was wir tun. Nichts was du oder irgendjemand anderes sagt oder tut, wird uns davon abhalten.“ Er fühlte sich in dem Moment so sicher und er wusste, dass seine Worte für sie beide galten.

„Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie ihr euch zerstört. Es ist verboten und es geht einfach nicht.“ Seine Mutter sah entschlossen aus und Danny wusste, dass sie es ernst meinte, doch er schüttelte nur traurig den Kopf. „Du kannst nichts tun um es zu ändern. Dafür ist es zu spät.“ Er stand auf und begann den Tisch abzuräumen, jetzt würde eh keiner mehr essen.

„Danny, das kann einfach nicht dein Ernst sein.“

„Doch, ist es. Du kannst nichts tun. Du hast uns bereits getrennt und du hast gesehen, was es bei Sammy angerichtet hat. Er ist am Ende. Ich bitte dich mach es nicht noch schlimmer...“

Frau Winter schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das wird nie gut gehen.“

„Wer weiß.“ Danny hatte keine Kraft um noch weiter darüber zu reden. „Ich werd zu David gehen, er wollte mir noch ein paar neue Spiele zeigen. Du kennst ja seine Nummer, ruf an, wenn Sammy zurück ist, ja?“ Er umarmte seine Mutter kurz, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und ließ die geschockte Frau dann allein. Er konnte nichts tun, was die Situation irgendwie geändert hätte.

Als er sich im Flur anzog, konnte er leises Schluchzen aus der Küche hören und er brauchte all seine Selbstbeherrschung um nicht auch zu weinen. Dieser Morgen war einer der schlimmsten seines ganzen jungen Lebens, stellte er bitter fest, bevor er die Haustür laut hinter sich ins Schloss zog.

***

19 – Schwere Gedanken

Sammy lief den ganzen Tag umher. Er hatte weder Geld noch Schlüssel mitgenommen also konnte er nicht mit dem Bus fahren oder unbemerkt zurück ins Haus schleichen. Er ging in den Park. in dem er am Nachmittag zuvor mit Danny gewesen war, dann folgte er wahllos den Straßen ins Stadtzentrum und irgendwann fand er sich in der Bibliothek wieder. Seltsam, dass es ihn immer zu den Büchern zog wenn er aufgewühlt war.

Er ging die Regalreihen ab, suchte sich einen Stapel Bildbände zusammen und verschanzte sich damit in einer ruhigen Ecke. Die Ruhe, ein Buch zu lesen, hatte er jetzt nicht, aber er konnte gedankenverloren durch die dicken Bücher blättern, sich die Bilder ansehen und träumen. Davon, dass alles was seit letztem August passiert war, nicht wirklich war und dass Danny immer bei ihm sein und ihn festhalten würde.

So verging die Zeit ohne das er über seine wirklichen Probleme nachdachte oder gar eine Lösung für sie fand, doch er konnte sich beruhigen, seine Gedanken wieder klarer werden lassen.

Sein knurrender Magen erinnerte Sammy schließlich daran, dass er irgendwann auch wieder nach Hause musste und der Weg war doch ziemlich weit. Den Bus zu nehmen, traute er sich nicht, denn er wollte nicht beim Schwarzfahren erwischt werden.

Er brachte die Bücher an ihren Platz zurück und machte sich auf den Weg. Es dauerte etwas über eine Stunde bis er wieder vor dem kalten Haus stand, dass er mittlerweile so verabscheute. Es barg kaum schöne Erinnerungen für ihn und schon lange wünschte er sich in ihre alte Wohnung zurück.

Wie Sammy an der nur wenige Querstraßen entfernten Kirche hatte sehen können, war es kurz nach vier Uhr. Kein Wunder das sein Bauch solchen Lärm schlug, sein Frühstück war schließlich spärlich gewesen und das Mittagessen ausgefallen.

Nur widerwillig klingelte Sammy an der Haustür, musste dann aber auch nicht lange warten bis ihm geöffnet wurde.

„Hey Mom.“ Murmelte Sammy kleinlaut und sah dabei auf seine Schuhspitzen. Er konnte Menschen mit denen er eine Auseinandersetzung - welcher Art auch immer - hatte, einfach nicht ins Gesicht sehen.

„Ich hab mir Sorgen gemacht.“ Meinte Frau Winter ruhig. Sie hatte sich überlegt, was sie sagen wollte, sollte, wenn Sammy wieder da war, aber ihr war nichts eingefallen und der geschlagene Anblick, den Sammy bot, nahm ihr auch allen Wind aus den Segeln. Den ganzen Tag hatte sie darüber nachgedacht, was sie tun könnte, doch sie war zu keinem Schluss gekommen. Sollte sie toben und drohen oder es ignorieren und so tun, als wüsste sie von nichts?

Im Moment blieb ihr wohl tatsächlich nur das Abwarten und Hoffen, dass ihre Jungs wieder zu Verstand kamen. Es würde schwer genug werden, wenn sie am Montag wieder nach London flogen und Sammy wieder allein hier war. „Na los, komm schon rein. Du musst am verhungern sein.“

Sammy nickte und folgte seiner Mutter ins Haus. Danny kam die Treppen herunter geeilt, wurde aber auf den letzten Stufen langsamer als er seinen Bruder im Flur sah. „Sammy!“

„Hey.“ Erwiderte dieser leise und ging dann mit gesenktem Blick in die Küche. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Linseneintopf, wahrscheinlich schon lange kalt.

„Ich wusste nicht, wann du zurückkommst.“ Meinte Frau Winter leise. Eine unangenehme Anspannung lag in der Luft, doch diesmal war sein Hunger zu groß, als das es Sammy den Appetit hätte nehmen können. Er stellte den Teller in die Mikrowelle und schaltete sie ein. Während das Summen des Gerätes den Raum erfüllte, herrschte ansonsten Schweigen. Danny stand unruhig im Durchgang zum Flur, Frau Winter wischte unnötigerweise die Arbeitsplatte sauber um sich zu beschäftigen und Sammy stand neben der Mikrowelle und badete in den Schuldgefühlen wegen seines heftigen Ausbruchs am Morgen, wie sein Bruder bereits vorrausgesagt hatte.

Als es leise ‚Bing’ machte, holte Sammy den dampfenden Teller aus der Mikro und setzte sich damit an den Tisch. Er konnte die Blicke der anderen beiden unangenehm auf sich spüren, während er aß, doch er versuchte es so gut er konnte zu ignorieren.

Nach einer Weile brach Frau Winter das allgemeine Schweigen. „Ihr wisst, dass das Thema noch nicht abgeschlossen ist. Weder dein Verhalten Sammy, noch euer... euere Gefühle füreinander.“ Dannys Haltung wurde angespannter und Sammy hielt einen Moment inne, bevor er ruhig weiter aß. „Jedenfalls werde ich euch zwei im Auge behalten und ich hoffe, ihr denkt noch einmal ganz genau darüber nach, was ihr da eigentlich tut...“

Danny sah zu seinem Zwilling, der ungerührt seinen Teller leerte, dann wandte er sich ab und ging wortlos hinauf in sein Zimmer. Er hatte bereits beim Frühstück gesagt, was er zu sagen hatte. Sammy wollte ihm nachlaufen, blieb aber sitzen. „Ist es so schlimm, dass ich Danny immer in meiner Nähe haben will und ohne ihn nicht weiß, was ich tun soll? Können wir das nicht alles einfach vergessen?“ Wollte er leise wissen.

Frau Winter sah ihn ausdruckslos an. „Das geht nicht und das weißt du auch.“

„Was geht nicht? Sprich es doch endlich aus. Ich liebe Danny, ja verdammt.“ Brauste Sammy verzweifelt auf und atmete dann tief durch. Er wollte nicht noch einmal so ausrasten wie am Morgen, dazu hatte er nicht die Kraft. „Ich kann es nicht ändern. Ich hab’s versucht, aber dieses Gefühl will nicht weggehen.“ Er wischte sich fahrig über die Augen und stand auf.

Frau Winter wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Sie beobachtete nur starr wie Sammy seinen Teller wegräumte und dann die Küche verließ.

Danny hatte es nicht lange in seinem Zimmer ausgehalten. Er war ins Zimmer seines Bruders gegangen und lag dort nun auf dem Bett, hörte Musik und atmete dessen Geruch ein, der unverkennbar in seiner Bettwäsche hing.

„Was glaubst du, was sie jetzt tun wird?“ Wollte er wissen als Sammy das Zimmer betrat und sich auf den Stuhl am Schreibtisch setzte.

Sammy zuckte mit den Schultern und begann mit einem Stift herumzuspielen. „Keine Ahnung. Ist auch nicht wichtig, oder? Ich meine, in ein paar Tagen sind wir eh wieder getrennt, da hat sich das vorerst erledigt... Was werden wir jetzt tun?“ Fragte er kraftlos zurück und sah zu Danny, der nun seinerseits mit den Schultern zuckte.

„Weiß nicht.. Lass uns nicht weiter darüber nachdenken. Komm her.“ Er rutschte ein Stück weiter an die Wand und klopfte dann leicht vor sich auf die Bettdecke. Sammy nickte zögerlich und legte sich zu seinem Bruder. Er kuschelte sich an ihn und schloss die Augen. „Was hast du den ganzen Tag gemacht?“ Fragte er nach einer Weile, denn er wollte einerseits Dannys Stimme hören und andererseits das Schweigen vertreiben, dass ihn zwangsläufig doch wieder in unnütze Gedankengänge abdriften ließ.

„Tja, eigentlich nicht viel. Nachdem du weg warst, bin ich zu David und hab ihn aus dem Bett geklingelt. Du hättest mal seinen Blick sehen sollen, als ich schon kurz nach zehn vor seiner Tür stand. Er schläft doch in den Ferien sonst bis Mittag. Wir haben dann einige Stunden mit seiner Playstation verbracht und Pizza gegessen. Es hat mich von düsteren Gedanken abgehalten aber irgendwann hab ich es bei ihm nicht mehr ausgehalten und bin wieder her gekommen. Ich hab mir Sorgen um dich gemacht.“ Danny erzählte bereitwillig, wonach Sammy ihn gefragt hatte, denn auch ihm war das Schweigen trotz der Musik im Hintergrund ein wenig unangenehm.

Sammy hatte begonnen mit dem Saum an Dannys Shirt zu spielen ohne es wirklich zu bemerken. „Tut mir leid, ich hab heute Morgen einfach nicht mehr nachgedacht. Nicht mal Geld oder Schlüssel hab ich mitgenommen. Blöd nicht?“

Danny lächelte traurig und schüttelte den Kopf. „Nein, du warst einfach nur durcheinander. Das ist okay. Aber was hast du dann den ganzen Tag gemacht?“ Er zog Sammy etwas fester an sich um dessen Wärme zu spüren und sich zu vergewissern, dass er wirklich bei ihm war, denn unterbewusst hatte Danny die ganze Zeit Angst gehabt, dass Sammy etwas passiert wäre.

„Ich bin durch den Park gelaufen und dann in die Stadt. Wenn mich etwas durcheinander bringt, lande ich irgendwie immer in der Bibliothek oder im Buchladen. Ich hab mir in der Bibo einen Stapel Bildbände zusammen gesucht und mich dann mit denen in eine ruhige Ecke verzogen. Der Hunger hat mich wieder her getrieben und wenn ich ehrlich bin, dann hat mich der eine Teller Eintopf nicht wirklich satt gemacht.“

„Wieso isst du dann nicht mehr?“

„Hat Mom dir nichts gesagt? Dad will dann mit uns essen gehen. Da ist es besser, wenn ich Hunger habe sonst schaff ich diese riesen Portionen wieder nicht.“ Sammy sah auf und grinste etwas unglücklich. „Eigentlich hab ich absolut keine Lust heute Abend weg zugehen, aber sonst haben wir ja keine Gelegenheit mehr als Familie etwas zu unternehmen.“

Danny überlegte. „Vermisst du Dad?“ Wollte er dann wissen.

„Ich wohne seit Monaten mit ihm unter einem Dach.“ Erwiderte Sammy etwas verwirrt.

„Das meine ich nicht, sondern dass er bei uns wohnt und Dinge mit uns unternimmt. Du hast ja selbst gesagt, dass du von ihm nicht viel hattest in den letzten Monaten.“

„Ach so, ich weiß nicht. Es wird halt einfach nicht mehr wie früher werden und es ist gut, dass er nicht mehr bei uns wohnt. Die Streitereien vor der Scheidung waren furchtbar.“ Sammy überlegte. So sehr hatte er darüber nicht nachgedacht, aber irgendwie vermisste er einen richtigen Dad schon. Jemand der Sachen mit ihnen unternahm und so. Aber ihr Dad war für den Job einfach gänzlich ungeeignet, das hatte er bewiesen.

„Würdest du einen neuen wollen?“ Fragte Danny leise und Sammy sah ihn groß an.

„Meinst du diesen Typ aus London, Peter?“ Danny nickte.

„Ich kenne ihn noch nicht. Du magst ihn oder?“ Danny nickte wieder.

„Vielleicht sollten wir erst einmal unsere anderen Probleme lösen bevor wir uns damit beschäftigen und eigentlich ist das Moms Sache.“

„Da hast du recht.“ Sanft streichelte Danny über Sammys Wange. „Wir könnten uns ja ein wenig von diesen ganzen Gedanken ablenken.“

„Und wie?“ Wollte Sammy wissen, obwohl er bereits wusste, worauf sein Bruder hinaus wollte. Er drehte sich auf die Seite und strich über dessen stoffbedeckte Brust.

„Frag nicht.“ Danny beugte sich vor und berührte Sammys Lippen sacht mit seinen eigenen. Eine stumme Frage nach Zustimmung, dann wurde aus der Berührung ein sinnlicher Kuss und aus dem vorsichtigen Streicheln ihrer Hände ein neugieriges Erforschen des jeweils anderen. Diesmal ließ sich Danny nicht von seinen Gefühlen überwältigen.

Laute Stimmen auf dem Flur vor der Tür ließen sie schließlich hektisch auseinander fahren und Sammy stand innerhalb weniger Augenblicke vor seinem Bett als es auch schon an der Tür klopfte. Herr Winter sah nur kurz herein. „Los Jungs, macht euch fertig. In zehn Minuten gehen wir essen.“

„Okay.“ Sammy warf einen verwirrten Blick auf seine Uhr, während seine Hände zittrig sein Shirt glatt streiften. Tatsächlich, es war bereits kurz nach sechs. „Oh Mann, wir haben total die Zeit vergessen.“

„Er is ja wirklich pünktlich.“ Danny wühlte sich aus dem Bett und hauchte Sammy einen flüchtigen Kuss in den Nacken, dann war er auch schon verschwunden. Sammy sah ihm irritiert hinterher und plötzlich breitete sich ein absolut dämliches Grinsen, dass er beim besten Willen nicht unterdrücken konnte, auf seinem Gesicht aus. Dannys Berührungen machten ihn kribbelig und eine Zeitlang konnte er so alles andere vergessen.

Einige Minuten später waren alle im Flur versammelt, fertig zum Ausgehen. Danny stutzte. Was machte Katharina denn hier? „Sollte das nicht ein Familienessen werden?“ Fragte er argwöhnisch und ließ Katharina dabei nicht aus dem Blick. Diese aufgetakelte Tussi konnte er im Moment überhaupt nicht ersehen. Er fragte sich noch immer wie Sammy es nur so lange mit ihr unter einem dach aushielt, nach allem was passiert war.

Herr Winter zog sich seine guten Schuhe an. „Ja, wieso?“

„Was macht die dann hier?“ Danny deutete auf die junge Frau, was an sich schon eine unhöffliche Geste war. Er hatte sich vorgenommen, keinen Hehl mehr daraus zumachen, dass er sie nicht mochte. Herr Winter sah irritiert auf. „Also bitte...“ Doch er wurde unterbrochen. „Entweder sie bleibt hier oder ich.“

„Wir.“ Ergänzte Sammy. Er war seinem Bruder dankbar, das der was gesagt hatte, denn er selbst hatte nicht den Mut allein gegen Katharina zu rebellieren. Aber den Abend mit der an einem Tisch zu verbringen, nachdem der Tag auch so schon so nervenaufreibend gewesen war, schien ihm fast unmöglich.

„Ich glaub, ich hör wohl nicht richtig. Das habt ihr...“ Doch er wurde erneut unterbrochen, diesmal von seiner Ex-Frau. „Doch, du hast schon richtig gehört. Deine Söhne haben recht. Entweder sie oder wir. Den einen Abend wirst du es auch mal mit uns allein aushalten.“

Herr Winter schien etwas erwidern zu wollen, schwieg aber nur vollkommen sprachlos. Meuterte seine Familie gerade etwa? Solch ein Benehmen hatte er auch noch nicht erlebt.

Doch zumindest diesmal schien Katharina zu merken, dass sie unerwünscht war, denn sie zog sich zurück. „Schon gut Schatz. Ich werd es mir vor dem Fernseher gemütlich machen. Mach du dir einen schönen Abend mit deinen Jungs. So oft habt ihr dazu auch keine Gelegenheit.“ Sie schlang demonstrativ ihre Arme um seinen Hals, küsste ihn kurz auf den Mund und verschwand dann die Treppen hoch, wahrscheinlich um sich etwas bequemeres für den Abend anzuziehen, denn der Fummel, den sie an hatte, wirkte doch ziemlich unbequem.

Einen Moment herrschte eine angespannte Stille, dann seufzte Herr Winter und schnappte sich die Autoschlüssel von der Spiegelkommode neben sich. „Das diskutieren wir ein andermal. Lasst uns losfahren.“

Im Auto herrschte eine etwas unangenehme Stimmung, trotz das sich die Erwachsenen über Belanglosigkeiten unterhielten, während Sammy und Danny auf dem Rücksitz schwiegen, sich nur hin und wieder fast schon scheue Blicke zu werfend. So waren sie alle erleichtert als sie vor dem kleinen Restaurant in der Stadt hielten. Sammy stellte verwundert fest, dass ihr Vater ausnahmsweise mal eine gute Wahl getroffen zu haben schien, denn es war in der Tat auch von innen klein, gemütlich und wirkte nicht ganz so steril wie die anderen teuren Restaurants in denen sie sonst immer aßen.

„Ein Kollege hat es mir empfohlen. Er hat eine ganze Weile davon geschwärmt.“ Meinte Herr Winter skeptisch. Er würde sich ein Urteil für später nach dem Essen aufheben.

Sie legten ihre Jacken an der Garderobe ab, wurden von einem Kellner an einen reservierten Tisch geleitet und bekamen die Menükarten. Sie gaben ihre Getränkewünsche auf, die kurz darauf auch schon gebracht wurden.

„Erzähl doch mal Danny, wie ist die Schule in London so? Wir sind noch gar nicht dazu gekommen uns richtig zu unterhalten.“ Herr Winter wandte sich seinem Sohn zu, nachdem der Kellner die Menükarten wieder eingesammelt hatte und ihre Bestellungen aufgegeben waren. So erzählte Danny alles was ihm einfiel, auch wenn er das Gefühl hatte, dass es ihren Dad nicht wirklich interessierte. Aber irgendwie musste die Zeit bis das Essen kam ja rumgebracht werden. Mittlerweile hielt er den Abend wirklich für eine blöde Idee, aber der Tage hatte ja schon vollkommen falsch begonnen, wieso hätte es da jetzt besser werden sollen.

Sammy, der neben ihm saß und dessen Hand er unterm Tisch unbemerkt ergriffen hatte, schien der einzige zu sein, den es wirklich interessierte. Danny konnte spüren, wie unwohl sich sein Bruder fühlte, auch wenn das Ambiente des Restaurants angenehmer war, als bei den Lokalen, bei denen sie sonst immer gewesen waren, wenn sie mit ihrem Vater essen gingen.

Als das Essen endlich kam, hatten sie zum Glück alle einen Grund nicht reden zu müssen. Ihre Teller waren nicht nur kunstvoll garniert, sondern es schmeckte auch ausgesprochen lecker, weshalb sich die Stimmung nach und nach wenigstens ein wenig entspannte und etwas Small Talk entstand. Beim Dessert, Eis mit frischen Früchten, schlug das allerdings wieder um, denn Herr Winter hatte etwas wichtiges zu sagen.

„Es gibt noch einen wichtigen Grund, warum ich mit euch essen gehen wollte, denn ich habe euch etwas zu sagen. Da Sammys schulische Leistungen in diesem Jahr schlechter denn je waren und sein Zeugnis alles andere als zufriedenstellend ausfallen wird, sollte er die Versetzung überhaupt schaffen, habe ich mich ein wenig erkundigt und bin zu dem Schluss gekommen, dass du das Jahr wiederholen solltest.“

Sammy wollte sofort protestieren, aber Herr Winter war noch nicht fertig.

„Und zwar auf einem Internat am Bodensee. Deine Unterlagen sind bereits dorthin geschickt worden.“

„Das ist ein schlechter Scherz, oder?“ Drückte Danny seinen Unglauben aus, während Sammy neben ihm nun vollkommen geschockt schwieg.

Frau Winter war nicht weniger entsetzt. „Timothey, das kann nicht dein Ernst sein! Wie kannst du so etwas einfach allein entscheiden, ohne uns zu fragen?“ Sie hatte Mühe ruhig zu bleiben. Auch wenn die ganze Idee durchaus in Erwägung zu ziehen gewesen wäre, so war es absolut inakzeptabel, dass ihr Ex-Mann solch eine Entscheidung einfach allein getroffen hatte. Vor allem weil ihre Söhne eigentlich bei ihr lebten und sie das Sorgerecht hatte. Das würde sie bestimmt nicht auf sich beruhen lassen.

„Ich dachte, ich würde euch einen Gefallen damit tun. Du und Danny, ihr könntet weiterhin in London bleiben, schließlich gefällt es euch dort doch und ihr habt dort viel mehr Möglichkeiten um voran zu kommen. Und Sammy kann sich dann endlich auf die Schule konzentrieren und seinen Abschluss vielleicht doch noch mit wirklich guten Ergebnissen machen.“

Danny schnaubte verächtlich. „Als ob du dabei an uns denken würdest. Du willst Sammy doch nur los werden. Ich wette die Idee kam von Katharina, stimmts? Du wirst Sammy in kein Internat stecken, das lass ich nicht zu... Mir ist der Appetit vergangen.“

„Mäßige deinen Ton. Und bevor du dich so aufregst, sollte Sammy erst einmal sagen, was er davon denkt.“ Die Stimme von Herrn Winter hatte einen mahnenden Unterton, während er finster zu seinen Söhnen Blickte. Da wollte er nur helfen und sie unterstützen und was war der Dank? Er wurde von allen angegriffen.

Sammy wusste im Moment überhaupt nicht, was er dazu sagen sollte. Er sollte in ein Internat? Noch länger von Danny getrennt, selbst wenn dieser aus London zurück kam? Das ging nicht, das würde er nicht aushalten. Nicht noch einmal.

Er schob seinen fast leeren Teller von sich und stand auf. „Mir ist schlecht.“ Dann ging er einfach in Richtung Garderobe davon. Danny stand ebenfalls auf. „Das hast du erstklassig hinbekommen.“ Er wandte sich ab und lief seinem Bruder nach.

Herr Winter hätte ihnen verärgert nach gerufen, doch sie hatten so schon die neugierigen und missbilligenden Blicke einiger Gäste auf sich und so hob er sich das für später auf, warf ihnen nur finstere Blicke nach.

„Du solltest zahlen. Ich werde ihnen nachgehen und aufpassen, dass sie nicht auf die Idee kommen, zu Fuß nach Hause zu laufen. Das haben die zwei glatt drauf. So gesund ist Sammy nun auch noch nicht wieder.“ Kopfschüttelnd lief Frau Winter ihren Söhnen nach als bereits ein Kellner auf ihren Tisch zu kam.

„Sammy, Danny, wartet!“ Sie erwischte die Beiden gerade noch, als sie an dem kleinen Parkplatz des Restaurants vorbei liefen. „Hier geblieben ihr zwei. Wir fahren alle zusammen zurück.“

Nur widerwillig kamen die beiden Jungs der Aufforderung nach.

„Sammy, hör mir zu.“ Frau Winter sah ihrem Sohn in die Augen, die dieser abwenden wollte. „Wir bereden das alles noch einmal in Ruhe und wenn du dann nicht willst, dann wird dich auch keiner zwingen. Diesmal ist euer Vater wirklich zu weit gegangen. Es mag sein, dass ich in Erwägung gezogen habe, euch weiterhin zu trennen und dass ein Internat in der Tat eine Möglichkeit wäre, aber ich weiß, dass ihr mich dafür hassen würdet und das ist das Letzte was ich möchte. Wir werden gemeinsam eine Lösung finden. Verstanden? Gut.“ Sie atmete tief durch und versuchte etwas ruhiger zu werden.

Sammy hatte nur genickt und ließ sich in die Arme seiner Mutter ziehen. Was blieb ihm im Augenblick auch anderes zu tun oder zu sagen?

Die Rückfahrt war von eisigem Schweigen begleitet und nur Dannys Hand, die sanft die seine hielt, hielt Sammy davon ab einfach los zuheulen. Er konnte einfach nicht mehr, war am Ende seiner seelischen Kräfte.

Als sie wieder zu Hause ankamen, verschwanden die Zwillinge sofort in Sammys Zimmer. Auf der Treppe konnten sie bereits ihre Eltern streiten hören.

„Ihr habt mich ganz schön blamiert.“ Warf Herr Winter seiner Exfrau vor.

„Das hast du dir ja wohl selbst zuzuschreiben. Wie konntest du das nur tun? Das hättest du hier mit uns klären sollen. So eine Entscheidung alleine zu treffen. Das ist genau der Grund, warum ich mich hab scheiden lassen. Du nimmst nie Rücksicht auf andere.“

„Klar, gib mir nur die Schuld...“ Danny drückte die Tür ins Schloss und schaltete die Stereoanlage ein. So mussten sie den Streit nicht mit anhören. „Fast so schlimm wie damals, nicht?“ Wisperte Danny.

Sammy nickte resigniert. „Sie werden sich alles mögliche an den Kopf werfen und am Ende wird keiner mehr wissen, warum sie sich eigentlich gestritten haben. Ich hatte schon fast vergessen wie es damals war.“

Sie saßen nebeneinander auf dem Bett und starrten auf den Boden. „Danny... ich will nicht in irgend so ein doofes Internat. So weit weg von dir. Das halt ich nicht aus. Es ist ja jetzt schon die Hölle, wenn du nicht hier bist. Und dann sind da auch so viele fremde Leute...“

„Keine Angst, das werd ich auch nicht zulassen.“ Danny legte seine Arme um Sammy und zog ihn fest an sich. Bereitwillig lehnte Sammy sich in die Umarmung und schloss die Augen. Wenn er fest daran glaubte, dann würde alles gut werden, nicht wahr?

„Geht dann bitte schlafen und zwar jeder in seinem eigenen Bett.“ Die Jungs schraken auf als sie die Stimme ihrer Mutter hörten. Sie stand in der Tür, ihr Gesicht wirkte müde. Man konnte sehen, wie sehr sie die Ereignisse das Tages mitgenommen hatten.

„Mom... es ist doch noch nicht mal neun.“ Erwiderte Danny vorsichtig. Er wollte sich nicht von seinem Bruder lösen und müde war er auch noch nicht. Sie waren schon in den letzten Tagen immer so zeitig schlafen gegangen, das war doch nicht normal für Jungs in ihrem Alter, nicht wenn man Ferien hatte.

„Dann bleibt meinetwegen noch auf. Aber solltest du diese Nacht nicht in deinem eigenen Bett schlafen, gibt es morgen gewaltigen Ärger. Haben wir uns verstanden?“

„Ja, Mom.“

„Mom?“ Sammy sah auf als Frau Winter das Zimmer verlassen wollte.

„Ja Schatz?“

„Wir haben dich lieb. Lass dich von Dad nicht ärgern.“

„Ich hab euch auch lieb. Und keine Angst, wir kriegen das schon hin. Gute Nacht.“ Sie lächelte müde und verließ dann das Zimmer.

Danny rutschte auf dem Bett bis an die Wand, legte sich hin und zog dann Sammy zu sich. „Komm her, leg dich zu mir. Versuch das alles ne Weile zu vergessen.“

Sammy kuschelte sich nur zu gern an seinen Bruder. „Wenn das nur so einfach wäre.“ Er schlang einen Arm um dessen Oberkörper, vergrub sich an seiner Brust und atmete dessen angenehmen Geruch ein. „Du, bitte weck mich, wenn ich einschlafen sollte. Ich möchte nicht, dass du einfach weg bist.“

„Okay Sonnenschein.“

„Sonnenschein?“ Fragte Sammy skeptisch, nun doch einen belustigten Unterton in seiner Stimme.

„Jepp, Sonnenschein. Denn wenn du glücklich bist, dann strahlst du wie eine Sonne, mein Sonnenschein.“ Erwiderte Danny todernst. Seine Finger hatten wieder einmal begonnen durch Sammys blonde Mähne zu streichen. Die längeren Strähnen boten sich dazu gerade zu an und Danny konnte einfach nicht anders. Sammy sah aber auch zum anbeißen aus, wenn sie vollkommen durcheinander in sein Gesicht fielen. Wieder einmal überlegte Danny, ob er seine eigenen Haare nicht auch ein wenig wachsen lassen sollte, aber ob es ihm genauso gut stehen würde? Irgendwie bezweifelte er das.

Es dauerte nicht lange und Sammy war unter seinen Streicheleinheiten tatsächlich eingeschlafen. Doch Danny brachte es nicht übers Herz ihn zu wecken. Er blieb ruhig liegen, hielt seinen Bruder einfach nur fest und versank in schweren Gedankengängen.

Als er spürte, dass auch er langsam wegdriftete, löste er sich vorsichtig von Sammy, hauchte ihm einen sehnsüchtigen Kuss auf die leicht geöffneten Lippen und deckte ihn noch sorgfältig zu, bevor er sich aus dem Raum schlich. In seinem eigenen Zimmer war es kühl und das Bett war nicht halb so gemütlich wie Sammys, außerdem roch es nicht nach ihm. Trotzdem ging Danny kurz ins Bad, zog sich um und legte sich dann hin. Irgendwann würde der Schlaf schon kommen.

...bestimmt.

...hoffentlich.

***

20 – Der Abschied

Es war Montagmorgen und Danny hatte das dringende Bedürfnis sich wieder hinzulegen, denn der Tag konnte nur miserabel werden. Er saß am Küchentisch, schaufelte Cornflakes in sich hinein und rekapitulierte das Wochenende.

Am Samstagmorgen war er neben Sammy aufgewacht, der in der Nacht doch noch wach geworden und absolut nicht davon begeistert gewesen war, dass Danny gegangen war ohne ihn zu wecken. Kurzerhand hatte er sich zu ihm ins Zimmer geschlichen. Sammy schaffte es auch noch den ganzen Vormittag zu schmollen, bevor er sich an seinen Bruder hängte und ihn nicht mehr aus den Augen ließ.

Danny fand es einerseits witzig und freute sich über jeden Moment, den Sammy bei ihm war, doch andererseits machte es ihn traurig, denn es tat ihm weh, zu sehen, wie sehr der Jüngere versuchte all ihre Probleme, die sie früher oder später einholen würden, zu verdrängen.

Ostern an sich, das Danny bei all dem emotionalen Tumult, unter dem sie alle im Moment standen, vollkommen aus den Augen verloren hatte, verlief absolut nach Routine. Da keiner von ihnen gläubig war, fiel alles was mit Kirche zu tun hatte eh weg. Sammy und er durften im Garten nach ihren Geschenken suchen, was Danny mittlerweile doch recht kindisch fand aber Sammy hatte seinen Spaß. Zum Mittag gab es einen großen Braten und am Samstagnachmittag hatten sie aus Tradition Oma Hilde, die eine Autostunde entfernt in einer Kleinstadt wohnte, zum Kaffeetrinken besucht.

Am Abend waren sie auf das Thema Internat zurück gekommen, was die friedliche Stimmung des Tages vollkommen ruiniert hatte. Während das am Anfang noch sachliche Gespräch zwischen den erwachsenen Winters wieder mal in einen handfesten Streit ohne Ergebnis ausgeartet war, hatte Sammy nach einem überzeugten „Ich will nicht!“ zu diesem Thema nichts mehr zu sagen. Katharina hatte versucht den Streit zu schlichten, was ihr nicht wirklich gelang und Danny hatte alle Mühe gehabt ihr nicht irgendwelche dummen Sprüche wegen ihrer Einmischung an den Kopf zu werfen.

Der Sonntag war in Schweigen verlaufen und nur Sammy quasselte auf einmal wie ein Wasserfall die unmöglichsten Dinge vor sich hin, allerdings nur, wenn er mit Danny alleine war. Dieser hörte aufmerksam zu und hielt Sammy die ganze Zeit fest bei sich, denn er konnte deutlich spüren, dass Sammy Angst hatte, wieder allein hier zu sein. Im Endeffekt hatten sie wieder zusammen in einem Bett geschlafen, denn es war ihre letzte Nacht, da war es ihnen egal, was sie für Ärger bekommen würden. Heute Morgen hatte er sich unbemerkt aus dem Zimmer schleichen können, ohne das Sammy wach wurde.

„Danny, hast du schon alle Sachen gepackt?“

Danny schreckte aus seinen Gedanken als er die Stimme seiner Mutter aus dem Flur hörte. „Ja Mom.“

Er leerte seine Schüssel und stellte sie in die Spüle. Bald würde er Sammy wecken müssen, denn in einer Stunde würden sie zum Flughafen fahren und Sammy würde es ihm nie verzeihen, wenn er ohne Abschied ging. Doch andererseits fürchtete er sich davor, auf Wiedersehen zu sagen.

Danny seufzte leise und lief die Treppen hinauf in den ersten Stock. Es brachte nichts es noch länger auf zu schieben. Trotz seines Gedanken, wurden seine Schritte immer schwerer und langsamer, so das er schließlich nur ganz leise ins Zimmer schlich und hinter sich die Tür schloss.

Sammy hatte sich im Bett breit gemacht, seinen kleinen Teddybär im Arm, schlief er noch immer friedlich und Danny hatte einen Moment lang den absurden Wunsch Sammy schlafen zu lassen. Ihn so lange schlafen zu lassen, bis er selbst aus London zurück sein würde. Er schüttelte irritiert den Kopf und kniete sich dann vor das Bett.

„Hey Sammy, wach auf Kleiner, wir müssen bald los.“ Er strich ein paar der blonden Strähnen aus Sammys Stirn, was diesen zu einem unwilligen Nasekräuseln verleitete. „Komm schon Sonnenschein, du reißt mir den Kopf ab, wenn ich dich diesmal nicht wecke.“ Da sie beschlossen hatten, mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren, konnte Sammy sie nicht begleiten.

Sammys Augenlider flatterten sacht bevor er seinem Bruder einen verschwommenen Blick zuwarf. „Danny?“ Fragte er leise, während seine Augen nur langsam klarer wurden und sein Gesicht die Entspannung des Schlafes verlor.

„Hey, wir fahren bald.“

Sammys Augen wurden groß. „Nein, nicht!“

Plötzlich hatte Danny die Arme seines Bruders fest um den Hals geschlungen und er hatte alle Mühe, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er konnte das Zittern in dem schlankeren Körper spüren und auch, wie seine Halsbeuge ein wenig feucht wurde, als Sammy sein Gesicht an ihn drückte.

„Oh Sammy, ich kann es nicht ändern, das weißt du. Beruhige dich doch.“ Danny strich ihm immer wieder durchs Haar, während er selbst mit einem Kloß in seinem Hals kämpfte. Genau diese Tränen hatte er vermeiden wollen, denn er konnte es nicht ertragen, sie zu sehen. Umständlich schaffte er es ins Bett zu klettern, ohne das Sammy ihn los ließ. Dort blieb er ruhig sitzen und hielt seinen Zwilling einfach nur im Arm.

Er wäre ewig so geblieben, hätte er die Wahl gehabt, doch irgendwann wurde seine Aufmerksamkeit zur Zimmertür gezogen. Frau Winter stand schweigend dort und beobachtete sie ruhig. Als sie Dannys Blick auf sich spürte, straffte sie ihre Gestalt und räusperte sich kurz.

„Das Taxi wird bald da sein und es ist besser wir fahren so früh wie möglich los, wer weiß wie der Verkehr auf den Straßen aussieht auch wenn Feiertag ist.“ Sie kam näher und hockte sich nun ihrerseits vor das Bett. „Sammy, bitte reiß dich etwas mehr zusammen. Du bist kein kleines Kind mehr. Es sind doch nur noch drei Monate, dann ist das Schuljahr zu Ende und Danny und ich kommen wieder zurück nach Deutschland. Das ist doch nun wirklich kein Problem.“

Sammy versuchte sie finster anzusehen um ihr zu zeigen, was er von ihren Worten hielt, doch mit seinen verheulten Augen brachte er das nicht zustande. Er schniefte nur unwillig und drückte sich wieder an Danny.

„Sammy, jetzt werd doch vernünftig.“ Frau Winter hatte alle Mühe ruhig zu bleiben, denn auch wenn sie wusste, was Sammy dazu verleitete so zu reagieren, so fehlte ihr noch immer ein wenig das Verständnis. Und so einfach konnte sie es auch nicht akzeptieren.

Danny strich seinem Bruder beruhigend durch die Haare. „Drei Monate ist gar nicht so lang. Wir können ganz lange telefonieren...“ Er ignorierte die gehobene Augenbraue ihrer Mutter. „...und Mails schreiben und wenn du dich auf die Schule konzentrierst, vergeht die Zeit wie im Flug und gleichzeitig kannst du dich verbessern und dann können wir im nächsten Jahr wieder in eine Klasse gehen.“

Sammy schniefte und lockerte seine Umarmung ein ganz klein wenig. „Aber ich will trotzdem nicht, dass du gehst.“ Erwiderte er leise. Trotz Dannys Worten kamen ihm die drei Monate, die vor ihnen lagen, wie die Ewigkeit vor.

Frau Winter schüttelte den Kopf und stand auf als es an der Haustür klingelte. „Das wird das Taxi sein. Verabschiede dich jetzt Sammy.“ Sie verließ das Zimmer um dem Taxifahrer die Tür zu öffnen, denn Timothey und Katharina schliefen noch, soweit sie wusste. Sie hatten sich schon am Abend zuvor von ihnen verabschiedet falls sie sich am Morgen nicht mehr sahen.

„Komm schon Kleiner, lass mich gehen.“ Danny hauchte seinem Bruder einen Kuss auf die Stirn und löste vorsichtig dessen Arme von sich. Sammy wehrte sich dagegen, er wollte nicht loslassen, doch schließlich gab er nach, denn ihm wurde bewusst wie er sich hier benahm. Was sollte Danny denn mit einem heulenden Baby wie ihm anfangen? „Tut mir leid, es ist nur so schwer.“ Er rutschte ein wenig zurück, drückte seinen Teddy wieder an sich und wischte sich über die Augen.

„Ist schon okay. Und jetzt lächle wieder, für mich, ja? Ich möchte nicht, dass das letzte was ich von dir für die nächsten drei Monate sehe, Tränen sind.“ Sammy nickte heftig und versuchte Dannys Bitte zu erfüllen, auch wenn sein Lächeln dabei ziemlich wacklig wirkte.

„Gut so und jetzt komm mit runter. Du solltest dich auch von Mom richtig verabschieden.“

Sie standen auf und Sammy zupfte seine Sachen ein wenig zurecht. Sie waren vollkommen verrutscht. Umziehen würde er sich jetzt noch nicht, denn es war noch früh und so würde er sich wieder hinlegen, wenn wieder Ruhe im Haus einkehrte. Vielleicht konnte er noch etwas schlafen, allerdings hatte er da wenig Hoffnung drauf.

Als sie zusammen die Treppe herab kamen, holte der Taxifahrer gerade die Koffer um sie in den Kofferraum zu bringen. Frau Winter war in der Küche und trank ihren Kaffee aus. Als sie ihre Jungs sah, lächelte sie kurz. „Habt ihr euch verabschiedet?“

Sammy nickte knapp. Kurz sah er zu seinem Bruder, dann ging er zu ihrer Mutter und umarmte sie. „Aber von dir hab ich mich noch nicht verabschiedet.“ Meinte er leise.

„Schon gut Schatz, dafür machst du es ja jetzt.“ Frau Winter legte ihre Arme um Sammy und drückte ihn fest an sich. „Meine Güte, was soll ich mit euch zwei nur machen? ... Als ihr noch klein ward, war es ein ganzes Stück einfacher mit euch.“ Sie seufzte unterdrückt und strich Sammy durch die blonden Locken. „Du solltest dir mal wieder die Haare schneiden lassen. Sie sind lang geworden.“ Bemerkte Frau Winter lächelnd als sie sich von ihrem Sohn löste.

„Aber Mom, die Locken stehen Sammy.“ Protestierte Danny, der alles schweigend beobachtet hatte, sofort.

Sammy musste lachen als er das hörte, wurde aber ein klein wenig rot auf den Wangen wegen des Komplimentes. Er sagte aber nichts weiter dazu, denn im Moment gefielen ihm seine Haare so wie sie waren und so schnell wollte er nicht wieder zum Friseur.

„Also gut, wir müssen los, der Taxifahrer wartet, aber das Flugzeug nicht.“ Sie lächelte, stellte ihre leere Kaffeetasse, die sie noch immer in der Hand gehalten hatte, in die Spüle und ging in den Flur um sich Schuhe und Jacke anzuziehen. „Hast du auch alles, Danny?“ Fragte sie noch einmal nach, während sie dem Taxifahrer durch die offene Haustür andeutete, dass sie gleich kommen würden.

Danny nickte nur und schlüpfte ebenfalls in seine Schuhe und Jacke. Sammy stand nervös neben ihm, unbewusst Knoten in seine Finger machend. „Schreibst du ne Mail, sobald ihr angekommen seit?“ Wollte er leise wissen und sah sich schon selbst den ganzen Mittag über vor dem PC hocken, aller fünf Minuten seinen Posteingang überprüfend.

„Klar, werde ich machen. Vielleicht werde ich auch anrufen. Mal sehen. Auf jeden Fall melde ich mich.“ Danny nahm sich seinen kleinen Rucksack, den er als Handgepäck auch im Flugzeug bei sich haben würde und wartete, bis ihre Mutter sich noch einmal von Sammy verabschiedet hatte. Sie drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wange und wuschelte ihm noch mal durchs Haar. „Pass auf dich auf und Grüß Maria von mir. Wir sehen uns ja in spätestens drei Monaten wieder.“ Dann nahm sie ihre Handtasche und ging schon mal zum Wagen. „In zwei Minuten fahren wir.“ Rief sie noch über die Schulter zurück.

Danny grinste schief, zog Sammy zu sich in den Schatten der Haustür und drückte seine Lippen sanft auf die seines Bruders. „Das wollte ich schon die ganze Zeit machen.“ Flüsterte er einige Augenblicke später als er sich wieder löste. „Und an der Stelle machen wir auch weiter, wenn ich wieder zurück bin. Klar?“

Sammy nickte energisch und drückte Danny noch einmal fest, bevor er ihn los ließ und zurück trat. „Geh, sonst fahren sie ohne dich...“

„Und das wollen wir nicht.“ Beendete Danny den Satz und schüttelte schwach den Kopf. „Bis dann. Wir sehen uns.“ Abrupt drehte er sich von Sammy weg, rannte zum Taxi und sah erst zurück, als er auf der Rückbank saß und angeschnallt war.

Sammy sah ihnen nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte und die kalte Luft, die unter seinen Schlafanzug kroch, sich bemerkbar machte. Müde ging er wieder auf sein Zimmer und vergrub sich mit seinem Teddy unter der großen Bettdecke um nach einigen Minuten doch wieder wegzudösen.

*

>Von: sammy_twin@xxx.de

An: danny_twin@xxx.de

Betreff: ...<

Sammy stockte. Was sollte er als Betreff schreiben? Er war so durcheinander, aufgewühlt. Wie sollte er sich nur konzentrieren. Er rieb sich über die brennenden Augen und schrieb weiter. Den Betreff ließ er dabei aus.

>Danny, ich... oh, Danny, ich halte das nicht mehr aus. Ich vermisse dich so sehr. Ich hab’s versucht, wirklich versucht, doch die letzten zwei Monate sind so quälend langsam vergangen und so sehr ich es mir auch einrede aber ich schaffe diesen letzten Monat nicht mehr, es ist zu viel...<

Leise schniefte Sammy, dann rieb er sich erneut über die Augen. Sie mussten vollkommen rot und verquollen sein, so wie es sich anfühlte und nach den vielen Stunden in denen er immer wieder in Tränen ausgebrochen war, wäre das auch kein Wunder. Er musste weiter schreiben, nicht nachdenken, sonst würde er nur alles löschen und diese Mail würde nie zu Stande kommen, aber er musste das hier schreiben.

>Ich hab die ganze Zeit mit Schulaufgaben verbracht aber die Lehrer sagen, es wird nicht reichen. Sie wollen mich trotzdem das Jahr wiederholen lassen. Und Katharina, sie... sie hat nichts mehr getan aber ich halte ihre Gegenwart kaum noch aus. Wieso sieht keiner, was für eine falsche Schlange sie ist? Und, und das schlimmste ist, dass Dad wieder von dem Internat angefangen hat. Er will, dass wir es uns am Wochenende gemeinsam ansehen. Danny ich will das nicht!<

Mit Schrecken dachte er ans Abendessen zurück, bei dem sie Ausnahmsweise einmal zu dritt gegessen hatten, und Herr Winter ihm sein Vorhaben erzählt hatte, deutlich machend, dass er keine Widerrede dulden würde. Und alles in Katharinas Gegenwart.

>Es tut mir so leid, ich möchte das alles nicht mehr. Komm endlich zurück zu mir. Ich brauche dich... bitte. Ich werde schlafen, wie Dornröschen. Und auf dich warten und von dir träumen bis du kommst und mich weckst mit einem Kuss. Wir fanden das immer so kitschig, wenn Mom uns Märchen erzählt hat, aber ich will auch gerettet und geküsst werden, von meinem Prinz.

Wir sehen uns bald, nicht wahr?

Ich warte auf dich.

Dein Sammy<

Er klickte auf den Senden-Button und fuhr den Computer herunter, noch bevor er einen Augenblick Zeit hatte, seine Worte zu lesen und über sie nachzudenken.

In wenigen Sekunden würde die Mail bei Danny angekommen sein, doch wann würde dieser sie lesen? Bestimmt nicht sofort, denn es war schon nach Mitternacht, wohl frühestens kurz vor dem Frühstück. Danny hatte ihm geschrieben, dass er morgens extra eher aufstand um noch Zeit zum Lesen von eventuellen Mails zu haben. Wo Danny doch eigentlich jede Minute im Bett genoss.

Sammy hatte wieder mal eine seiner Kerzen angezündet und als der Monitor erlosch, war sie die einzige Lichtquelle. Er liebte dieses warme, flackernde Licht. Es beruhigte ihn.

Sein Blick fiel auf den Joghurt, den er sich aus der Küche geholt hatte. Und auf das kleine Gläschen mit den vielen Schlaftabletten aus dem Bad. Daneben hockte der kleine Teddybär von Danny.

Ja, er würde schlafen bis Danny kam und Teddy würde so lange auf ihn aufpassen.

***

Epilog– Etwas Neues beginnen

Kleine schwere Wolken zogen über den ansonsten klaren blauen Himmel und verdeckten hin und wieder die Sonne. Eine leichte Brise streifte durch die Äste und Zweige der Bäume und machte die sommerliche Hitze erträglich.

Danny stand im Schatten einer alten Kastanie und beobachtete die kleine Gruppe von Leuten, alle in schwarz oder andere dezent dunkle Stoffe gekleidet. Genau wie er selbst.

Er blickte zum Himmel hinauf und verfolgte mit den Augen einen Moment lang eine Wolke, die entfernt wie ein großer Wal aussah.

Dies war seine erste Beerdigung und irgendwie war es eigenartig, dass es weder regnete noch richtig kalt war, wie sie es immer im Fernsehen zeigten. Es passte nicht zu der gedrückten Stimmung. Und all die leuchtenden Farben der Natur stachen sich mit den dunklen Anzügen und Kleidern.

Ein paar Leute hatten Reden gehalten und dann war der Sarg in das dunkle Erdloch hinunter gelassen worden. Danny hatte als einer der ersten seine Blume auf den geschlossenen Sargdeckel fallen lassen. Dann hatte er sich von den anderen entfernt, denn er brauchte einen Moment für sich.

Ein schwerer Kloß bildete sich in seinem Hals als ihm plötzlich wieder einfiel, wie er eines Morgens in London eine Mail von Sammy bekommen hatte, wie sie ihn den ganzen Vormittag beschäftigt hatte ohne dass er jemandem davon erzählte und wie seine Mutter schon am Mittag vor den Toren der Schule stand um ihn abzuholen. Obwohl er noch Unterricht gehabt hätte, obwohl sie bis zum Abend arbeiten musste.

Vorwürfe hatte er sich gemacht, dass er nicht sofort jemandem von der Mail erzählt hatte. Noch immer schmerzte es und er würde die letzten Monate wohl nie vergessen, obwohl er alles nur noch wie durch Watte mitbekommen hatte.

Dannys Augen begannen leicht zu brennen als sich eine sanfte Hand in seine eigene schob. Er musste nicht zur Seite sehen um zu wissen wer da bei ihm so abseits all der anderen stand.

„Es tut weh, der Gedanke, dass ich wegen dir hier stehen könnte.“ Brachte er stockend hervor und blickte nun doch neben sich, um sich zu vergewissern, dass da wirklich Sammy neben ihm in den flackernden Schatten der Bäume stand. Das Bild war so unrealistisch.

„Ich weiß.“ Gab Sammy leise zurück und kam noch ein wenig näher. „Ich weiß und ich bereue jeden Augenblick den du wegen mir in den letzten zwei Monaten traurig und verletzt warst.“

Danny vergaß einen Moment lang, dass sie hier auf der Beerdigung ihres Opas waren und das ihre Gedanken allein diesem gelten sollten. Er zog Sammy in seine Arme und legte sein Gesicht in dessen Halsbeuge. Sein kleiner Bruder, war nun doch um einige Zentimeter gewachsen. Seine Stimme klang ein wenig rauer und auch sonst sah er richtig gesund aus, schlanker als Danny selbst war er jedoch immer noch. Nichts schien mehr darauf hinzudeuten, was seit August des letzten Jahres alles passiert war. Aber es hatte seinen kleinen Schatz verändert. Die Worte eben hatten es deutlich gemacht.

„Nein, du brauchst das nicht zu bereuen. Du solltest nur aus allem was passiert ist, lernen. Du warst nicht der einzige, der Fehler und Dummheiten begangen hat, aber du hast am meisten unter allem gelitten.“ Danny zog seine Arme noch fester um seinen Bruder. Im Moment störte es keinen, dass sie sich umarmten, denn alle würden nur denken, dass sie sich gegenseitig Trost spendeten. Und das stimmte ja auch irgendwie.

„Ein wenig wird mir Opa schon fehlen, auch wenn wir ihn in den letzten Jahren kaum gesehen haben.“ Sammy wechselte das Thema während er über Dannys Schultern zu ihren Eltern hinüber sah. Da ihre Großeltern väterlicherseits in einer anderen Stadt lebten, hatten sie sie nur selten gesehen.

„Ja, ein wenig, er war witzig, früher... Aber er war schon so lange krank und Oma selbst hat ja auch gesagt, dass es eine Erlösung war.“ Danny drehte sich ein wenig und sah auch wieder zu dem offenen Grab hinüber. „Sie scheinen fertig zu sein. Komm, lass uns wieder rüber gehen. Mom meinte, wir würden noch alle zusammen Mittagessen. Ich hab heute Morgen nichts runter bekommen bevor wir los gefahren sind und jetzt knurrt mir der Magen.“

„Das nennt man Leichenschmaus Danny und ich hab genauso Hunger.“ Sammy löste sich von seinem Bruder und lief neben ihm wieder zu ihren Verwandten, die sich mittlerweile etwas verteilt hatten und langsam Richtung Ausgang des Friedhofs strömten.

Einen Teil ihrer getrübten Stimmung ließen sie unter den schattigen Bäumen zurück.

***

>Liebes Tagebuch... wie das klingt , aber ich weiß nicht, wie ich sonst beginnen soll und deshalb muss es erst einmal so gehen.

Wir sind vor einer Stunde erst von Opas Beerdigung zurück gekommen und Danny ist in die Badewanne gegangen.

Dad hat uns nur bei unserer Wohnung abgesetzt, bevor er wieder nach Hause gefahren ist.

Mom hat sich umgezogen und ist jetzt zu ihm gefahren, um zu reden. Ich weiß nicht recht was ich davon halten soll. Ob sie wieder zusammen kommen? Das ist kindisch. Ganz bestimmt nicht.

Jedenfalls hab ich erst mal ein wenig Zeit zum schreiben.

Ich fange wohl ganz am Anfang an oder eher da wo es wirklich wichtig ist.

Ich hätte mich vor zwei Monaten beinahe umgebracht, mit einer Überdosis Schlaftabletten. Aber ich hab die Hälfte der Tabletten wieder ausgekotzt, hab Tabletten ja als Kind nie wirklich vertragen, und den Rest haben sie mir im Krankenhaus rausgeholt nachdem ich mit meiner Kotzerei mitten in der Nacht das ganze Haus aufgeweckt hatte. Es war einfach nur scheußlich.

Dad war erst ziemlich sauer und dann hat er sich Vorwürfe gemacht. Das wollte ich nicht, aber wenigstens hat er seine Idee mit dem Internat aufgegeben.

Sie haben mich eine Weile im Krankenhaus behalten, dann bin ich in so eine therapeutische Einrichtung gekommen und ich musste stundenlang mit so einer Psychologin reden. Es hat wirklich gedauert bis sie mir geglaubt haben, dass ich mich nicht umbringen wollte, sondern dass es nur ein Versehen war, oder eher eine bescheuerte Dummheit.

Doktor Behring, so heißt diese Psychologin, hat mich wirklich stundenlang reden lassen. Erst wollte ich nicht, aber dann konnte ich gar nicht mehr aufhören zu reden. Ich schwöre, irgendwas war in der Schokolade, die sie mir jedes Mal angeboten hat.

Ich hab ihr von Katharina erzählt, ich konnte nicht anders. Schließlich war sie ja auch ein Grund für das was passiert ist. Aber wegen der ärztlichen Schweigepflicht und so durfte sie zum Glück niemandem was sagen.

Katharina muss ich zum Glück nie wieder sehen, denn Dad hat herausgefunden, dass es ihre Tabletten waren und dann hat er sie auch noch mit einem anderen erwischt. Er hat sie endlich rausgeschmissen, geschieht ihr recht.

Und ich hab Doktor Behring von Danny erzählt. Also nicht, dass ich ihn liebe und das wir uns geküsst haben, sondern wie sehr ich an ihm hänge und dass ich ihn einfach so furchtbar doll vermisst habe. Sie meinte, dass es okay wäre aber ich müsse lernen, meinen Bruder los zu lassen, dass ich ein unabhängiges Individuum bin und dass ich auch Schritte in meinem Leben ohne ihn machen müsste. Blablabla.

Nach dem Gespräch mochte ich sie schon weniger, aber sie war schließlich mein Ticket zurück nach Hause. Man hatte mir nämlich gesagt, dass ich erst wieder nach Hause dürfte, wenn sie das Okay dazu gab. Und nach Hause bedeutete zurück zu Danny, denn der war da schon aus London zurück und wieder bei Danny zu sein, war ja alles was ich wollte. Deshalb war ja das ganze eigentlich erst passiert.

Er konnte mich da wo ich war, leider nicht so oft besuchen, wie wir es gern gehabt hätten.

Na ja, und vor einigen Tagen konnte ich endlich nach Hause... und da bin ich.

Eigentlich sollte ich überglücklich sein, aber irgendwie...

Wir hatten noch nicht viel Zeit um wirklich allein miteinander zu sein. Also so, dass wir nicht Angst haben mussten, dass gleich jemand dazwischen platzt und mit Opas Tod waren wir auch alle viel zu sehr abgelenkt.

Und jetzt hab ich irgendwie Angst. Es hat sich einiges verändert und ich zweifle daran, dass wir da weiter machen können, wo wir zu Ostern aufgehört haben. Das wäre zu einfach, oder?

Ich weiß auch nicht so recht...

...

Danny ist ins Zimmer gekommen, ich schreibe später weiter...<

Sammy klappte das kleine Büchlein mit dem dunkelblauen Samteinband zu, legte es in seinen Nachttisch und setzte sich auf. Er war vorhin selbst schon kurz unter der Dusche gewesen, trug nun ob der Hitze des Sommers nur eine Shorts und ein leichtes Trägershirt. Seine Haare waren zerstruwelt und noch etwas feucht.

Danny stand in der Zimmertür und sah nicht viel anders aus. Seine blonden Strähnen waren lediglich etwas kürzer und sein Körper war auch nicht ganz so sehnig wie der von Sammy.

„Was machst du?“ Wollte Danny wissen, obwohl er das blaue Buch genau erkannt haben musste und kam näher.

„Schreiben.“ Entgegnete Sammy und stand auf. „Ich hab durst. Es ist so warm hier drin, aber Fenster aufmachen würde nicht helfen. Soll ich dir auch was aus der Küche holen?“

„Brauchst du nicht, ich komme mit.“

Etwas nervös ging Sammy vor, denn es war das erste mal seit langem, dass sie vollkommen allein waren, ohne dass gleich jemand stören würde. „Mom ist zu Dad gefahren, sie wollte mit ihm essen gehen, reden.“ Erklärte er Danny warum von ihr nichts zu hören war. „Glaubst du, sie kommen wieder zusammen?“ Fragte er dann etwas zögerlich, während er ihnen beiden Saft aus dem Kühlschrank in Gläser schenkte.

„Nein, ich denke nicht. Sie haben sich zwar seit wir wieder hier sind ein paar mal getroffen, aber Mom hängt ziemlich an Peter. Sie wird Dad einfach nicht allein lassen wollen im Moment. Die Beerdigung hat ihn ziemlich mitgenommen. Er war so still.“

Sammy nickte nur und nippte schweigend von seinem Saft.

„Komm mit in mein Zimmer. Ich hab mir in London ein paar CDs geleistet, die ich dir unbedingt mal zeigen möchte. Ein paar der Sachen kennst du wahrscheinlich auch schon.“ Danny nahm den Saft, den Sammy zurückgestellt hatte, wieder aus dem Kühlschrank und nahm auch sein Glas mit als er vorging. Dann mussten sie später nicht extra noch mal in die Küche.

Ihre Zimmer lagen direkt nebeneinander und waren von außen durch einen kleinen Balkon verbunden. In den letzten Monaten hatte sich nicht viel in ihrer Wohnung verändert. Den größten Teil ihrer Sachen und Möbel hatten sie im Keller gelagert, während hier Fremde gewohnt hatten und nachdem sie nun zurück waren, war wieder alles wie vorher eingerichtet. Nur die Wände waren neu gestrichen wurden und Danny hatte ein paar neue Dinge rum stehen, die er aus London mitgebracht hatte.

Sammy zögerte einen Moment in der Tür, bevor er diese hinter sich ins Schloss drückte und sich auf Dannys Bett setzte, da der Stuhl am Schreibtisch von einem Stapel Klamotten belegt war.

Sein Glas hatte er neben dem seines Bruders auf dem Nachttisch abgestellt.

Danny legte eine CD in seine kleine Anlage und kam dann zu ihm. Er setzte sich neben dem Jüngeren aufs Bett, rutschte aber weiter hinter, sodass er mit dem Rücken gegen die Wand lehnen konnte.

Schweigend lauschten sie auf die Klänge des ersten Songs. „Ist das nicht dieser James Blunt. Der klingt gut. Seine Stimme gefällt mir und die Songs sind super.“ Meinte Sammy und drehte sich halb zu seinem Bruder.

„Jepp, ist er. In London laufen seine Songs auf allen Radiosendern und hier ist er ja nun auch schon eine ganze Weile ziemlich bekannt... Komm her zu mir, du bist so weit weg.“ Danny klopfte direkt neben sich aufs Bett um seine Bitte noch zu unterstreichen.

Sammy nickte etwas schüchtern und rutschte weiter zurück, augenblicklich schlang sich Dannys Arm um seine Schultern. Die Wärme seines Bruders war angenehmer als die sommerliche Hitze und sorgte dafür, dass Sammy sich entspannte und ruhiger wurde.

Vielleicht konnten sie ja doch dort weiter machen, wo sie Ostern aufgehört hatten.

„Weißt du noch, was du gesagt hast, bevor ihr wieder nach London geflogen seit? Ich meine...“ Sammy starrte auf seine Finger und stockte. Wie sollte er das in Worte fassen?

„Du meinst, dass wir da weiter machen, wo wir aufgehört haben?“ Erwiderte Danny nachdem er sicher war, dass Sammy nicht von allein weiter sprechen würde.

Ein heftiges Nicken antwortete ihm, aber sagen tat Sammy nichts.

„Und soll ich das denn?“

„Hm?“ Sammy sah verständnislos auf. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, seine unruhigen Finger zu beobachten, so drang der Sinn der Worte nicht ganz zu ihm durch.

Danny lächelte sacht und legte seine freie Hand auf Sammys Wange. So sehr hatte sich dieser wohl doch nicht verändert. Er war noch immer unkonzentriert und unsicher, wenn man sich mit ihm über Themen unterhielt, die ihm peinlich waren. Aber unsicher war Danny ja auch irgendwie. „Soll ich denn da weiter machen, wo wir aufgehört haben?“

Sammys verunsicherter Blick traf den seines Bruders. Die Hand an seiner Wange wurde ihm mit einem mal noch um vieles bewusster und ein aufgeregtes Kribbeln machte sich bei ihm breit. Unbeholfen lehnte er sich näher und schloss seine Augen. Er wusste, dass Danny seine stille Zustimmung deuten würde.

Dannys Hand an seiner Wange strich zu seiner Schläfe hinauf, glitt durch seine blonden Strähnen und kam im Nacken zur Ruhe. Die andere Hand gesellte sich dazu und gemeinsam zogen sie ihn langsam näher. Schließlich trafen sich ihre Lippen so zaghaft wie bei ihrem ersten Kuss und einen Moment schien die Zeit stehen zu bleiben, bevor sie mit Lichtgeschwindigkeit weiter lief.

Plötzlich hielt sich Sammy mit aller Kraft an seinem Bruder fest, der Kuss wurde intensiver und Dannys Griff in seinem Nacken wurde fester. Sein Atem wurde schneller und sein Herz raste, so dass das Blut in seinen Ohren rauschte. Alle Gedanken waren auf einmal verschwunden und alles was noch zählte war Danny.

Diesem ging es nicht anders. Die Energie, die wie ein Sturm durch ihn tobte, schaltete alles andere aus. Um zu atmen, trennte er sich immer nur kurz von den weichen Lippen seines Bruders, bevor er sie wieder beschlagnahmte. Bald war ihm dieser Kontakt aber nicht mehr genug. Er rutschte noch näher zu Sammy und ließ dabei seine Zunge fragend über dessen warme Lippen gleiten. Seine Hände rutschten vom Nacken auf den schmalen Rücken.

Sammy hieß die forschende Zunge willkommen. Es war berauschend, wie stark die Gefühle für Danny in ihm auf einmal hoch kochten. Trotzdem spürte er, wie unbequem ihre Position, so verdreht auf dem Bett sitzend, für sie beide war. Er löste sich widerwillig einen Moment von seinem Bruder und sah in ein paar glänzende grüne Augen. „Kannst du... kannst du dich hin legen?“ Fragte er zittrig und wischte sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. Auf seiner Haut hatte sich ein leichter Schweißfilm gebildet und auch Dannys Haut glitzerte ein wenig als er nickte und sich richtig hinlegte, Sammy dabei auf sich ziehend.

„Wir sollten langsamer machen, es ist einfach zu warm.“ Dannys Atem ging etwas schwerer und seine Hände strichen nun nur noch träge über Sammys Rücken.

„Ja, aber... willst du nicht...?“ Sammy wusste selber nicht recht, wonach er da fragte, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass er da gerade irgendetwas unterbrochen hatte.

Danny lachte leise und schüttelte den Kopf. „Oh Sammy, du solltest wirklich damit anfangen, auszusprechen was du denkst.“ Er tippte dem wenig Jüngeren gegen die Stirn. „Ich kann deine Gedanken nicht lesen... aber um deine Frage zu beantworten, was auch immer du fragen wolltest, mit dir möchte ich alles tun, aber wir haben dafür alle Zeit der Welt, oder nicht?“

Sammy nickte, obwohl er sich irgendwie veräppelt vorkam. Was konnte er denn dafür, wenn er seine Gedanken so schlecht in Worte fassen konnte?

„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass wir in drei Tagen Geburtstag haben?“ Wollte Danny plötzlich wissen. Das Gesicht, das Sammy auf seine Frage hin machte, war Antwort genug und es kostete Danny eine Menge Beherrschung nicht zu lachen. „Ich weiß noch gar nicht, was du dir dieses Jahr wünschst.“

„Dich.“ Platzte es aus Sammy heraus.

„Mich?“

Erschrocken hielt Sammy sich eine Hand vor den Mund. Hatte er das eben laut gesagt? Im gleichen Moment zeichnete sich ein Bild vor seinen Augen, Danny in Geschenkpapier eingewickelt und mit Schleifchen. Er musste laut lachen.

„Ja, dich, das weißt du doch.“ Meinte er dann entschlossen und schaffte es sogar einen Moment Dannys forschendem Blick stand zuhalten.

„Okay, dann wünsch ich mir aber einen Sammy zum Geburtstag. Und jetzt lass uns schmusen. Wir müssen einige Monate nachholen, wenn ich mich richtig erinnere.“

Sammy nickte zustimmend und machte es sich richtig bequem auf seinem Bruder. Bald konnte er auch wieder die vertrauten kraulenden Hände in seinem Nacken und auf seinem Rücken spüren, was ihn vollkommen entspannen ließ.

Jepp, sie hatten eine Menge nachzuholen und sie hatten alle Zeit der Welt dafür.

Also kein Grund zur Eile.

Eins nach dem anderen.

***



Ende