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Email f?r Dich Teil 1 - 3

Email für Dich --oder-- Ein schwarzweißer Tag

„Sprache“
‚Gedanken’
<Telepathie>

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Kapitel 1

„Schuldig!“ brüllte Ran durch das ganze Haus das die Wände wackelten. Na warte, wenn er den in die Finger bekommen würde! Was hatte der sich nur wieder dabei gedacht? Ach was fragte Ran sich das überhaupt, dieser Kindskopf hatte garantiert überhaupt nicht nachgedacht! Als ob es nicht auch so schon schwierig genug wäre, mit all den neuen Mitbewohnern klar zu kommen! Da musste es nicht auch noch sein, dass Schuldig ständig irgendwelche Albernheiten ausheckte!

Zwei Wochen war es jetzt her, seit Brad in Rans Zimmertür stehend verkündet hatte, das Schwarz und Weiß nun zusammenarbeiten würden, und am selben Tag war Schwarz dann auch schon hier im Weißhaus eingezogen. Die erste Frage, die sich natürlich gestellt hatte, war – wo sollten sie die Schwarz-Assassinen nur einquartieren? Sämtliche Zimmer im Haus waren bereits belegt.

Aber Brad hatte natürlich mal wieder vorgesorgt. Da er ja schon länger – Ran knurrte jedes Mal aufs Neue, wenn er daran dachte – gewusst hatte, dass beide Gruppen zusammenziehen würden, hatte er einfach das schmale Nebenhaus gekauft und seinen Wünschen entsprechend umbauen lassen. Und als die Zusammenlegung der Gruppen bekannt wurde, ließ er einfach in beiden Stockwerken Durchbrüche machen – dank dem Geld von Schwarz und Brads Unerbittlichkeit war das innerhalb von zwei Tagen erledigt – und auf einmal hatte das Weiß Hauptquartier drei Zimmer und ein Bad zusätzlich pro Stockwerk und vier neue Bewohner. Und seitdem regierte das Chaos.

Ran machte ein schnaubendes Geräusch. Man sollte doch wohl annehmen, das acht erwachsene Menschen in der Lage wären, wenigstens halbwegs miteinander auszukommen. Ok, eigentlich nur sechs Erwachsene, denn Omi und Nagi waren ja noch minderjährig, die konnte man wohl kaum als Erwachsene bezeichnen – vor allem weil sie sich auch in keinster Weise wie welche benahmen.

Allerdings, wenn man vom Benehmen ausging, dann konnte man Ken und Farfarello ebenfalls sofort von der Liste der Erwachsenen streichen. Und wenn er genau überlegte, auch Yoji benahm sich in letzter Zeit höchst merkwürdig, und nach dem was Schuldig sich gerade wieder mal geleistet hatte – Ran blieb völlig geschockt mitten im Flur stehen. Soeben war ihm mit erschreckender Klarheit bewusst geworden, das es im ganzen Haus eigentlich nur zwei Personen gab, die sich als Erwachsene bezeichnen ließen. Er selbst und Brad Crawford. Und Brad versteckte sich die meiste Zeit in seinem Arbeitszimmer, das er sich im Erdgeschoss eingerichtet hatte. Der Feigling.

‚Oh verdammt,’ stöhnte Ran innerlich auf, ‚ich hab mir einen Kindergarten eingehandelt. Was hab ich mir nur dabei gedacht?’ ‚Gar nichts hast du dir dabei gedacht,’ antwortete seine Innere Stimme, ‚dazu warst du zu sehr mit Schuldig beschäftigt.’ Schuldig! Genau! Ran fiel wieder ein, weshalb er ja eigentlich hier so wütend durchs Haus stapfte.

„Schuldig!“ brüllte er noch lauter und machte sich wieder auf die Suche. Oh wenn er diesen Kerl zu fassen kriegen würde! Ran war wirklich gespannt, wie Schuldig sich da wieder rausreden wollte.


‚Wieso brüllt Ran denn um diese Uhrzeit hier so rum?’ Vorsichtig streckte Ken den Kopf aus seinem Zimmer und sah sich um. Oh gut, keine Spur von Farfarello. Schnell huschte er aus seinem Zimmer und eilte Richtung Treppe, und warf dabei immer wieder ängstliche Blicke hinter sich. Leider achtete er nicht besonders auf den Weg vor ihm und stieß deshalb auch prompt mit jemandem zusammen.

„Ufff...“ ächzte Ken und ging zu Boden.

„Argh, geh runter von mir, Ken!“ rief Ran aufgebracht.

Ken rollte sich zur Seite. Was für ein Glück, für einen Moment hatte er schon befürchtet, er wäre mit Farfarello zusammengestoßen. Vielleicht wurde er ja schon langsam paranoid, aber er hatte das Gefühl, das der irre Ire ihn zu verfolgen schien. Egal wo er hinging, Farfarello war da und starrte ihn an. Und eines Nachts war er schlaftrunken auf dem Weg zur Toilette sogar auf den Iren draufgetreten – was hatte der auch mitten in der Nacht direkt vor seiner Zimmertür zu suchen? Wenn das nicht ausreichte, um einen nervös zu machen!

Seufzend sah Ken zu, wie Ran ärgerlich vor sich hinmurmelnd vom Boden aufstand und grummelnd seine Kleidung abklopfte. Was war nur mit Ran los? Wieso war er so wütend?

„Hast du Schuldig gesehen?“ fragte Ran und fixierte Ken mit einem stechenden Blick.

Ken wich leicht erschrocken zurück. „Uhm, nein, bin gerade erst aufgestanden.“ Plötzlich bemerkte er, dass er halb auf einem Blatt Papier saß. Neugierig zog Ken es hervor und begann zu lesen. Seine Augen wurden immer größer, und dann fing er an zu kichern. Ach deshalb war Ran also so wütend auf Schuldig!

„Gib das her!“ fauchte Ran und schnappte sich das Blatt Papier aus den Fingern eines breit grinsenden Ken. „Schuldig!“ brüllte er wieder und lief weiter den Flur hinab.

Schnell stand Ken auf und folgte Ran. Das würde er sich auf gar keinen Fall entgehen lassen!

Yoji, noch im Halbschlaf und nur mit Boxershorts und Schlabbershirt bekleidet, steckte seinen Kopf zur Zimmertür hinaus und sah gerade noch einen wirklich wütenden Ran vorbeirauschen.

„Was’n los?“ fragte er Ken, der Ran mit einem breiten Grinsen folgte. Ken blieb stehen, beugte sich vor und raunte ihm etwas zu. Ein ebenfalls breites Grinsen stahl sich auf Yojis Gesicht. Ooooohhhh, das war einfach zu gut! Schnell verließ er sein Zimmer und schloss sich Ken und dem stinkwütenden Ran an.

Und wie wütend Ran war. Er schien förmlich zu kochen! Yoji gluckste fröhlich vor sich hin. ‚Oh Schuldig, wenn Ran dich erwischt, dann bist du so was von fällig!’ dachte er schadenfroh. Es wurde aber auch langsam mal Zeit. Das liebeskranke Geturtel der Beiden war ja schon nicht mehr zu ertragen gewesen.

Und außerdem hatte Schuldig es verdient. Voll und ganz! Nach allem was er Yoji angetan hatte – und noch immer antat! Und Yoji konnte sich nicht wehren. Schuldig hatte ihn völlig in der Hand. Der Mistkerl. Hah, aber jetzt würde Ran ihn sich vorknöpfen und praktisch stellvertretend für Yoji Gerechtigkeit walten lassen! Yoji fühlte sich bei dieser Aussicht so gut wie seit zwei Wochen nicht mehr!

Inzwischen hatte sich auch Farfarello der kleinen Gruppe angeschlossen. Schweigsam – wie immer – folgte er Ran. Oder folgte er Ken? Yoji war aufgefallen, das Farfarello ein ganz besonderes Interesse am hauseigenen Fußballfanatiker entwickelt hatte. Er folgte ihm überall hin, warf ihm bewundernde Blicke zu und schlief auch noch auf dem Fußboden direkt vor Kens Zimmertür. Yoji konnte sich zwar keinen einzigen vernünftigen Grund für dieses Verhalten vorstellen, aber Farfarello war ja schließlich nicht umsonst der „irre“ Ire.

Aus welchem Grund auch immer Farfarello ihnen folgte, es war egal. Je mehr, desto besser. Ran würde es hassen, wenn alle im Haus den folgenden Streit mitbekommen würden, und er würde seine Wut mit Sicherheit an Schuldig auslassen. Dem Mistkerl.

Und wenn er schon dabei war... Während Ran auf seiner Suche nach Schuldig das Bad stürmte, klopfte Yoji mit einem bösartigen kleinen Grinsen an Omis Zimmertür. Je mehr, desto besser, richtig?

„Hey, Omi, aufwachen, das willst du dir garantiert nicht entgehen lassen!“

Müde kam Omi aus seinem Zimmer geschlurft. „Was ist denn los, Yoji?“ gähnte er und streckte sich, „Es ist noch so früh, wieso darf ich nicht weiterschlafen?“

Yoji packte Omi am Arm und schleifte ihn hinter sich her, während er ihm schnell und kurz alles erzählte.

Omi machte kugelrunde Augen. „Das hat Schuldig wirklich gemacht?“ kicherte er und beeilte sich, der inzwischen immer größer werdenden Gruppe zu folgen.

‚Was ist da los? Was soll der ganze Lärm?’ fragte Brad sich und erhob sich von seinem Schreibtisch. Seit Schwarz ins Katzenhaus gezogen war, hatte er es sich angewöhnt, möglichst früh aufzustehen und sich gleich in seinem Arbeitszimmer im Erdgeschoss zu verbarrikadieren. Das war sowieso die einzige Uhrzeit, in der er in Ruhe arbeiten konnte, weil da außer ihm – und Ran – keiner wach war.

Aber heute schien eine Ausnahme zu sein, denn seit einiger Zeit hatte er Ran schon nach Schuldig brüllen gehört, und jetzt kam auch noch immer lauter werdendes Fußgetrappel dazu.

Vorsichtig streckte Brad den Kopf zur Tür hinaus und konnte sehen, wie Ran wütend die Treppe hinabstapfte, und ihm dicht auf den Fersen, wie die Küken hinter der Glucke, drei grinsende Weiß, ein schweigsamer Farfarello, und sogar Nagi kam fröhlich die Treppe hinabgehüpft.

„Was ist denn los?“ fragte Brad und hielt Nagi an dessen Schlafanzug fest.

Nagi zuckte mit den Schultern. „Schuldig hat was ausgefressen, Ran ist deswegen sauer, und der Rest möchte den Streit nicht verpassen.“

Natürlich. Das hätte Brad sich ja eigentlich auch denken können. Schuldig hatte wieder mal was angestellt. Es hatte Brad sowieso gewundert, das es so lange gedauert hatte. Kurz fragte er sich, wieso er keine Vision davon gehabt hatte, aber dann beschloss er, dass er sich die Show dann eben life ansehen würde.


Inzwischen saß Schuldig – noch völlig ahnungslos – in der Küche und versuchte wach zu werden. Grübelnd blickte er in die vor ihm stehende Tasse Kaffee und überlegte, wie es soweit hatte kommen können. Er, Schuldig, war um diese unheilige, einstellige Uhrzeit wach. Freiwillig. Na ja, ok, halbwegs freiwillig. Was er nicht alles tat, nur um möglichst viel Zeit mit seinem Kätzchen verbringen zu können! Hoffentlich wusste Ran das überhaupt zu schätzen. Schuldig zuckte zusammen, als er Ran seinen Namen in voller Lautstärke durchs Haus brüllen hörte. Offenbar wusste er es nicht zu schätzen.

Seufzend trank Schuldig seinen Kaffee aus und wappnete sich innerlich auf was da auch immer kommen würde. Zum wahrscheinlich tausendsten Mal fragte er sich, warum er ausgerechnet Rans Gedanken nicht lesen konnte. Es wäre jetzt wirklich sehr nützlich gewesen, um rauszufinden, warum sein Schatz nach ihm schrie.

Im nächsten Moment wurde auch schon die Küchentür aufgestoßen und ein sehr wütender Ran kam hindurchgestürmt – gefolgt von sämtlichen restlichen Bewohnern des Hauses. Schuldig starrte die Meute erstaunt an.

<Was ist los, Nagi?> fragte er den Telekineten, der als einer der letzten die Küche betreten hatte.

‚Oh, aber Schuldig, ich will dir doch nicht die Überraschung verderben!’ antwortete Nagi mit einem kleinen Grinsen.

<Du bist gemein.>

„Schuldig, was hat das zu bedeuten?“ fragte Ran mit mühsam beherrschter Stimme und hielt Schuldig ein Blatt Papier entgegen.

Etwas ratlos griff Schuldig danach und warf einen Blick darauf. Es war der Ausdruck einer Email, wie er erkannte. Schnell begann er zu lesen:


**************

An: Gaensebluemchen@groessenwahnsinnige-Welteroberer.com
Von: Katzenminze@ich-hasse-Blumen.de
Betreff: Lebst du noch

Hey Gänseblümchen, altes Unkraut,

mir ist aufgefallen, dass du auf keine meiner Emails reagiert hast. Auf keine einzige der insgesamt 47 Stück. Das ist wirklich nicht nett. Wo ich mir doch solche Mühe gegeben hab. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Am Ende muss ich noch annehmen, das du mich gar nicht leiden kannst.

Aber ach was, das ist natürlich alles Unsinn! Ich weiß doch, dass du gar nicht genug von mir bekommen kannst, ne? So wie du auf meinen Hintern gestarrt hast. Wahrscheinlich sind die anderen Mails einfach nur verloren gegangen, deshalb schreib ich dir hier einfach noch mal alles rein, was ich dir so unbedingt sagen wollte:

Erstens. Ich muss mich wirklich über diese schrecklichen Fahrstuhlschächte beschweren. Nicht nur das die Dinger furchtbar eng sind, sie sind auch noch dunkel! Und schmutzig! Wann hat die das letzte Mal jemand sauber gemacht? Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwierig es ist, da bis in den 30. Stock hochzuklettern! Oh und wo ich schon dabei bin, wieso muss dein Büro ausgerechnet da ganz oben sein? Ja klar, ich weiß schon, Kompensation und so, aber auch wenn du nicht gerade der größte Mann bist, den ich jemals gesehen hab, sooooo klein bist du ja dann doch nicht. Oder möchtest du damit etwa eine ganz andere Größe kompensieren...?

Aber lassen wir das. Kommen wir lieber gleich zu Punkt zwei: das Versteck deines Safes in deinem Büro. Ts, ts, ts. Schlampig, schlampig, kann ich da nur sagen. Ich hab kaum ne Minute gebraucht, um ihn zu finden. Und mal ehrlich, wer versteckt denn noch einen Safe hinter irgendwelchen Bildern? Das solltest du wirklich bald ändern. Das nächste Mal wenn ich bei dir einbreche hätte ich gern ne Herausforderung.

Drittens. Ich will dir ja nicht auf den Schlips treten, aber hast du schon mal darüber nachgedacht, das der Name „Gänseblümchen“ die Gegner nicht wirklich in Angst und Schrecken versetzt? Genau so wenig wie „Primel“, „Dotterblume“ oder „Löwenzahn“. Der einzige halbwegs furchteinflössende Name ist noch „Warzenkaktus“. Ausgerechnet Blumen als Decknamen. Da könnt ihr euch ja auch gleich nach Katzenrassen benennen!

Viertens. Dieser Punkt ist mir wirklich sehr, sehr wichtig. Bei einem früheren Einbruch in eines deiner netten kleinen Lagerhäuser am Hafen hab ich mir leider mein Lieblingshemd ruiniert. Du kannst ja sicher verstehen, das mich das sehr mitgenommen hat. Ich habe dieses Hemd wirklich geliebt. Und da ich es mir an der Fassade DEINES Lagerhauses kaputt gemacht hab, ist es ja wohl auch nur recht und billig, wenn du es bezahlst. Die Rechnung findest du im Anhang. Außerdem wäre es wirklich nett, wenn du mir auch noch ein nicht zu kleines Schmerzensgeld für den mir dadurch entstandenen seelischen Schmerz zukommen lassen würdest.

Fünftens. Ich hab gehört, dass du dich ganz furchtbar darüber aufgeregt hast, dass wir dir die Formel für deine tolle Droge geklaut haben. Hast wohl ne Menge Sachen kaputt gemacht und wild rumgebrüllt. Das kann für den Blutdruck doch nicht gut sein. Vor allem in deinem Alter. Aber ich kann dich beruhigen. Die Droge hat sowieso nicht funktioniert. Und selbst wenn, wir haben jetzt das Gegenmittel, also ist sie eh nutzlos. Also, Kopf hoch!

Und damit du jetzt nicht denkst, ich wollte mich nur über dich aufregen, oder wäre dir irgendwie böse oder so. Nein, nein, das sind nur kleine Nebensächlichkeiten, denn im Grunde muss ich dir wirklich danken. Schließlich, wenn du nicht gewesen wärst, dann hätte ich jetzt nicht so viele nette Kätzchen zum spielen – und ein ganz besonderes Katerchen zum lieb haben. Also, danke, danke, danke!


Bis demnächst,
Katzenminze


PS: Der Fairness halber, und weil wir doch schon so gute Kumpels sind, sollte ich dich vielleicht vor unserer neuen Gruppe warnen – wir sind Bodenfrost und wir werden FlowerPower bald den Garaus machen, verlass dich drauf.

**************


Grinsend blickte Schuldig auf die Email. Jep, war alles genauso, wie er es geschrieben hatte. Sah ausgedruckt sogar noch besser aus, als auf dem Bildschirm. Immer noch grinsend hob er den Kopf.

„Und was ist daran jetzt so schlimm?“ fragte er Ran, „Falls du befürchtest, dass Gänseblümchen vielleicht unseren Aufenthaltsort rausfinden könnte, keine Sorge, Nagi hat mir geholfen, den Absender so zu verschlüsseln, dass die uns nie finden. Und es ist ja auch nicht so, als hätte ich irgendwelche Liebesbriefe oder sowas geschrieben.“

„Es ist mir völlig egal, ob du es verschlüsselt hast oder nicht,“ antwortete Ran wütend, „Und du kannst Gänseblümchen von mir aus auch so viele Liebesbriefe schreiben wie du willst. Das meine ich auch gar nicht. Mir geht es darum!“ Mit einem Ruck riss er Schuldig das Blatt wieder aus der Hand und deutete mit dem Finger auf den Punkt, der ihn so sehr ärgerte. „Was. Hat. Das. Zu. Bedeuten?“

Schuldig sah auf die Email und auf Rans Finger. Oh-oh. Auf einmal ergaben all die dreckig grinsenden Gesichter der Umstehenden Sinn. Ran zeigte auf die Zeile mit den Blindkopien. Schuldig hatte eine Blindkopie an sich selbst schicken wollen, schließlich hätte es ja gut sein können, dass er die Email noch einmal gebrauchen könnte, oder? Leider hatte er dabei wohl einen klitzekleinen Fehler gemacht, denn statt nur an sich selbst, hatte er Blindkopien an sämtliche Weiß- und Schwarz-Assassinen verschickt.

Was aber gar nicht das Problem war. Das Problem war Rans neue Email-Adresse. Die Schuldig vor kurzem geändert hatte. Ohne Rans Wissen. Und garantiert ohne dessen Einverständnis. Gebannt starrte Schuldig auf die Adresse, die ihm in unmittelbarer Zukunft sicher noch ne Menge Ärger einbringen würde:

Schus-Kaetzchen-Schaetzchen@ist-willig.de





Kapitel 2


„Also?“ Ran fixierte Schuldig mit stechendem Blick. „Ich warte!“ Ungeduldig tippte er mit einem Fuß auf den Boden.

„Öhm...“ Schuldig schluckte. Wie sollte er sich da jetzt wieder rausreden? Wo waren all die guten Ausreden, wenn man mal wirklich eine brauchte? Es war ihm wie eine wirklich hervorragende – und vor allem lustige – Idee vorgekommen, als er Rans Email-Adresse geändert hatte. Es hatte auf jeden Fall gegen die schreckliche Langeweile geholfen. Allerdings kamen ihm inzwischen doch arge Zweifel daran. Ran schien das irgendwie nicht ganz so lustig zu finden. Hm, merkwürdig. Ach na ja, was sollte es, er würde halt einfach alles auf eine Karte setzen.

„Das ist eine Email-Adresse, Ran,“ erklärte Schuldig freundlich mit geduldigem Tonfall. „Deine, so wie es aussieht,“ setzte er dann noch breit grinsend hinzu.

Rans Augen verengten sich noch mehr und tödliche Blitze schossen daraus hervor. „Tatsächlich?“ knurrte er Schuldig sarkastisch an. „Dann erklär mir doch bitte mal, wieso meine Email-Adresse neuerdings Schus-Kaetzchen-Schaetzchen@ist-willig.de lautet!“

Eine Sekunde lang herrschte Totenstille in der Küche, in der nur Schuldigs nervöses Räuspern zu hören war, dann brach die gesamte Bande in grölendes Gelächter aus.

Yoji lehnte an der Wand, hielt sich die Seiten und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. Ooooh, das war ja so gut! Und es wurde immer besser! Er hatte ja eigentlich gedacht, Schuldig hätte nur die Email an sich verbrochen, aber das hier! Das hier war großartig! ‚Oh Schuldig, du bist ja sowas von tot! Ran wird dir das niemals durchgehen lassen!’ jubelte er innerlich.

Ran fluchte stumm vor sich hin, als er seine Mitbewohner betrachtete. Sämtliche Mitglieder von Schwarz und Weiß konnten sich vor lauter Lachen gar nicht wieder einkriegen. Das hieß, alle außer Brad. Brad stand nur mit milde interessiertem Gesichtsausdruck daneben und wirkte so, als würde er ein paar wirklich seltsame Exemplare irgendeiner exotischen Tierart studieren. Also so wie er eigentlich immer schaute.

Aber zurück zum lachenden schwarzweißen Rest. Wann waren die denn in die Küche gekommen? Ran hatte das gar nicht bemerkt. Und hatten die etwa gehört, was er gerade gesagt hatte? Dem Gelächter nach zu urteilen wohl ja. Verdammt. Als ob es nicht auch schon schlimm genug war, dass Schuldig einfach seine Email-Adresse änderte – und Ran war natürlich sofort klar gewesen, dass Schuldig dahinter steckte – nein, es mussten auch noch alle mitkriegen! Die würden doch jetzt nie wieder Ruhe geben!

„Das ist nicht lustig!“ zischte Ran aufgebracht.

„Oh doch, das ist es,“ jappste Yoji, „Und wie!“

„Ach tatsächlich? Du findest das also lustig? Dann ist’s ja gut, dann wird dich DEINE neue Email-Adresse ja sicherlich auch nicht allzu sehr stören,“ antwortete Ran beißend.

Yoji hörte sofort auf zu Lachen. „MEINE neue Email-Adresse? Welche neue Email-Adresse? Was meinst du mit ‚neue Email-Adresse’?“

Wortlos und mit einem boshaften kleinen Grinsen reichte Ran ihm den Ausdruck, Yoji warf einen Blick darauf – und riss die Augen auf. Dieser Mistkerl! Dieser hinterhältige, verabscheuungswürdige Schwarz! Wie konnte er nur?

„Ich-poppe-alles@was-nicht-bei-3-auf-den-Bäumen-ist.net !?!“ rief Yoji laut aus und starrte Schuldig empört an.

Schuldig zuckte mit den Achseln. „Stimmt doch! Und wo ich doch sowieso schon dabei war...“ meinte er grinsend. „Aber mir persönlich gefällt die von Omi ja immer noch am allerbesten.“

Omi, der in erneutes Gelächter ausgebrochen war, als er Yojis Ausruf vernommen hatte, hörte sofort damit auf und schnappte sich den Ausdruck der Email. Und dann sah er es: „Slave&Master@for-girls-only.org“ Omi erbleichte. Oh nein! War das etwa eine Anspielung auf...? Wusste Schuldig etwa auch davon?? Hatte Ran es diesem etwa erzählt???

Oh nein, nein, nein, was sollte er nur tun? Wenn Schuldig es wusste, dann würden es bald alle wissen! Der konnte doch nichts geheim halten! Und was würden die dann nur von ihm denken? Dasselbe wie Ran? Was dachte Ran denn jetzt überhaupt über ihn?

Omi schluckte trocken. Wieso hatte Ran ihn eigentlich noch nicht darauf angesprochen? Seit dem – Zwischenfall – vor zwei Wochen wartete er jetzt schon darauf, das dieser ihn beiseite nehmen und mit ihm darüber reden würde, doch bis jetzt war noch nichts dergleichen geschehen. Warum tat Ran nichts? Omi wusste es nicht und das trieb ihn langsam aber sicher in den Wahnsinn.

„Was ist denn?“ fragte Ken und sah über Omis Schulter auf die ausgedruckte Email.

„Schuldig hat all unsere Email-Adressen geändert – zumindest die von Weiß!“ knurrte Yoji.

Ken sah noch einmal genauer hin. Ah ja, da war ja seine Email-Adresse. „FussballKen@turnbeutel-vergesser.com“

„Wieso geändert?“ fragte Ken verwundert, „Meine Email-Adresse ist doch noch genauso wie vorher.“ Stirnrunzelnd blickte er von der Email auf und traf auf die weit aufgerissenen, fassungslosen Blicke von Ran, Yoji und Omi.

„Du meinst, das war nicht Schuldig?“ vergewisserte Ran sich ungläubig.

„Turnbeutel-Vergesser?“ fragte Yoji völlig entgeistert.

Ken zuckte mit den Achseln. „Naja, das passiert mir wirklich oft, und da dachte ich, ich mach daraus was positives und verwende es als Email-Adresse.“

„Das glaub ich einfach nicht,“ stöhnte Ran und fasste sich an den Kopf. So etwas konnte wirklich nur Ken fertig bringen.

„Tja, was soll ich dazu groß sagen,“ grinste Schuldig, „Die war einfach schon perfekt, da hab ich nun wirklich nichts dran ändern müssen.“

Sofort richtete Rans Aufmerksamkeit sich wieder auf Schuldig. „Mach das wieder rückgängig, Schu!“ knurrte er.

Schuldig sah ihn mit großen weit aufgerissenen Augen an. „Aber wieso?“ fragte er übertrieben unschuldig, „Eure vorherigen Email-Adressen waren doch zum Gähnen langweilig. Die hier sind wenigstens lustig und passen hervorragend zu euch.“

Ran kniff die Augen zusammen. „Schuldig,“ drohte er, „mach es rückgängig, sonst...“

„Nein, ich will nicht!“ Schuldig verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte. „Ich hab mir solche Mühe gegeben, für jeden von euch die passende Email-Adresse zu finden, das mach ich jetzt nicht mehr rückgängig!“

Ran starrte ihn einen Augenblick lang weiter aus zusammengekniffenen Augen an, dann wandte er sich ab und rief, „Omi!“

Omi zuckte zusammen. Er war noch immer in Gedanken mit seinem Problem beschäftigt und hatte gar nicht hingehört. Der scharfe Tonfall, mit dem Ran seinen Namen rief riss ihn jedoch sofort aus seinen Überlegungen.

„Was?“ fragte er erschreckt und sah Ran aus großen, weit aufgerissenen Augen an. Hatte dieser etwa ausgerechnet diesen Augenblick gewählt, um Omi auf die – Sache anzusprechen?

Ran runzelte kurz die Stirn, als er Omis angstgeweiteten Blick bemerkte. Was war in letzter Zeit nur mit ihrem Chibi los? Er wirkte immer so verschüchtert und zuckte jedes Mal erschreckt zusammen, wenn Ran ihn ansprach. Vielleicht sollte Ran mal mit ihm reden und herausfinden, was los war. Allerdings würde er das auf später verschieben müssen – wenn er mit Schuldig fertig war.

„Kannst du diese Email-Adressen wieder in unsere ursprünglichen zurück ändern?“ fragte Ran und versuchte, seine Stimme nicht ganz so ärgerlich klingen zu lassen, wie er sich im Moment fühlte.

Omi schluckte und nickte dann. „K... klar kann ich das...“ stotterte er und verschwand dann blitzschnell aus der Küche, die ausgedruckte Email noch immer in der Hand.

Ran wandte sich an die restlichen Weiß und Schwarz Mitglieder, die immer noch in der Küche standen und ihn ansahen, als würden sie auf den zweiten Akt des Dramas warten.

„Was ist?“ zischte er sie alle an, „Habt ihr nichts zu tun?“ Rans Tonfall und Blick waren wie gewünscht so einschüchternd, das alle fluchtartig die Küche verließen. Zurück blieben nur Ran und Schuldig. Ran drehte sich um und fixierte erneut den noch immer am Küchentisch sitzenden Telepathen. Vielleicht würde sein Blick ja auch bei Schuldig funktionieren. Die anderen zumindest schienen einen gehörigen Respekt davor zu haben – sogar Brad wagte es nicht, sich mit ihm anzulegen, wenn er so schaute.

Allerdings schien Schuldig aus härterem Holz geschnitzt zu sein, denn obwohl Ran ihn schon seit einiger Zeit mit seinem besten Deathglare bedachte, schien dieser davon völlig unbeeindruckt zu sein. Statt tödlich verwundet vom Stuhl zu fallen grinste er nur fröhlich. Ran seufzte. Das brachte nichts. Zeit die Taktik zu wechseln.

„Warum hast du das gemacht?“ fragte Ran. Er war tatsächlich neugierig. Aus welchem Grund machte Schuldig nur so was unsinniges?

Schuldig zuckte nur mit den Achseln. „Du warst im Blumenladen beschäftigt, hast dich nicht um mich gekümmert und mir war langweilig. Außerdem wollte ich nur die Atmosphäre ein wenig auflockern.“

Ran schüttelte den Kopf und stemmte seine Hände in die Seite. „Du bist ein solcher Kindskopf! Was soll ich nur mit dir machen?“

Schuldig grinste erneut, packte Ran am Handgelenk und zog ihn auf seinen Schoß. „Ich wüsste schon, was du mit mir machen könntest,“ murmelte er und knabberte an Rans Ohrläppchen.

„Schu...“ stöhnte Ran auf und schlang beide Arme um Schuldigs Hals.

Schuldig lächelte und zog Ran noch enger an sich. Er kannte sein Kätzchen und wusste ganz genau, wie er es am besten wieder Milde stimmen konnte. Immer noch lächelnd ließ er vom Ohr ab und senkte seine Lippen stattdessen auf Rans sinnlichen Mund, der sich ihm auch sofort bereitwillig öffnete.

Langsam ließ Schuldig seine Zunge in die ihm ach so bekannte Höhle wandern und erforschte dort gründlich und aufs neue jeden einzelnen Millimeter, duellierte sich mit Rans Zunge um die Vorherrschaft und gab sich schließlich völlig den Empfindungen und Sensationen des Kusses hin. Hmmmm, sein Kätzchen schmeckte immer so unglaublich gut!

Gerade als Schuldig seine Hände unter Rans T-Shirt wandern lassen wollte, um fortzuführen, was sie mit diesem Kuss gerade begonnen hatten, löste dieser sich von Schuldig und stand auf.

„Wa...?“ Schuldig war noch immer äußerst erregt und verstand im ersten Moment gar nicht, was passiert war.

„Ich mache jetzt Frühstück,“ verkündete Ran und begann damit, genau das zu tun.

„Du machst jetzt Frühstück??? Jetzt???“ fragte Schuldig völlig verblüfft. „Aber...“

„Nein!“ unterbrach Ran ihn, „Die anderen müssten gleich mit dem Anziehen fertig sein und wieder runterkommen.“ Als er Schuldigs enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er mit einem kurzen, weichen Lächeln hinzu, „Aber merk dir genau, wo wir stehen geblieben sind. Wir können es ja später zu Ende führen.“

Sofort erhellte sich Schuldigs Gesichtsausdruck wieder und er strahlte Ran – heller als eine tausend Watt Birne – wieder an. Mit einer Hand umfasste er Rans Taille, zog ihn wieder runter auf seinen Schoß und verschloss seinen Mund nochmals mit einem glühenden Kuss.

Minuten später löste Ran sich atemlos von Schuldig, stand erneut auf und entfernte sich sicherheitshalber ein paar Schritte, damit dieser ihn nicht wieder so heimtückisch ablenken konnte.

„Ran...“ quängelte Schuldig, doch Ran schüttelte entschlossen den Kopf. „Später!“ rief er, öffnete den Kühlschrank und konzentrierte sich jetzt ganz auf die Zubereitung des Frühstücks.

Schuldig seufzte auf. Ok, dann würde er sich eben bis später gedulden. Und bis es soweit war, würde er sich halt anderweitig unterhalten müssen. Gemächlich stöberte er telepathisch nach etwas Zerstreuung.

Yoji war inzwischen in seinem Zimmer angekommen, zog sich an und malte sich Schuldigs Bestrafung in den schönsten Farben aus. Was Ran diesem wohl antun würde? Durch das Ändern der Email-Adressen hatte Schuldig sich doch garantiert mindestens eine Woche Sexentzug verdient, oder? Wenn es nach Yoji gegangen wäre, hätte er wahrscheinlich gleich nen ganzen Monat daraus gemacht, aber Ran war ja eh viel zu nachgiebig mit diesem Kerl. Was ihr Anführer nur an diesem dämlichen Telepathen fand?

<Das hab ich gehört.>

‚Schuldig!’ dachte Yoji erschrocken.

<Jep. Oder gibt’s hier noch nen anderen hauseigenen Telepathen, von dem ich nichts weiß?>

‚Witzig wie eh und je. Was willst du?’

<Na was werd ich wohl wollen?>

‚Schuldig, bitte! Du hast das doch jetzt wirklich schon weit genug getrieben! Kannst du mich nicht endlich in Ruhe lassen?’ Yoji war der Verzweiflung nahe. Er wusste einfach nicht, wie lange er das noch durchhalten konnte. Ihm war klar, dass er gerade dabei war, den Telepathen praktisch auf Knien anzuflehen, aber inzwischen war ihm sein Stolz schon egal. Er wollte nur endlich zufrieden gelassen werden. Außerdem – welche Wahl hatte er schon? Schuldig hatte ihn völlig in der Hand. Er musste seinem Erpresser gehorchen oder die Folgen würden unerträglich sein.

<Oh ich glaube nicht, das ich schon zu weit gegangen bin. Ich denke, ich kann dich noch ein ganzes Stück weitertreiben!>

Yoji konnte Schuldigs mentales Grinsen förmlich spüren. Ergeben seufzte er auf. ‚Also, was ist es heute?’ fragte er niedergeschlagen.

<Lass mich mal nachdenken...>

Als zehn Minuten später alle acht Bewohner des Hauses in der Küche versammelt waren, verschlug es sieben von ihnen regelrecht die Sprache. Yoji, der die Küche als letzter mit hochrotem Kopf betrat, bot einen höchst außergewöhnlichen Anblick. Tokios Playboy Nummer eins hatte seine langen blonden Haare zu zwei Rattenschwänzen direkt über den Ohren frisiert und mit je einer großen rosa Schleife verziert.







Kapitel 3


Yoji wand sich regelrecht unter den Blicken seiner Mitbewohner, die von ‚entgeistert’ bis ‚fassungslos’ rangierten. Nur Schuldig hatte ein Grinsen im Gesicht – ein wirklich breites Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte. Der Mistkerl.

‚Na warte,’ dachte Yoji zornig, ‚Das kriegst du zurück, Schuldig! Und wenn es Jahre dauert, ich zahl es dir heim!’

<Du kannst es ja gerne versuchen!> war die unbekümmerte Antwort.

Ran räusperte sich. „Ähm, Yoji...“ begann er, brach jedoch gleich darauf wieder hilflos ab.

„Was ist?“ zischte Yoji ärgerlich und blitze alle Anwesenden böse an. Wehe einer von ihnen würde auch nur irgendeine dumme Bemerkung machen!

„Uhm... Geht es dir auch wirklich gut?“ Ran sah Yoji wirklich besorgt an.

„Natürlich geht es mir gut!“ war die wütende Antwort. „Was soll die Frage? Und was schaut ihr alle so dämlich? Habt ihr keine anderen Hobbys?“

Hastig wandten alle ihre Blicke ab und beschäftigten sich intensiv mit ihrem Frühstück.

Ran seufzte auf und fragte sich zum wiederholten Male, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, Schwarz und Weiß zusammenzuschließen. Nicht nur das Omi seitdem so schreckhaft geworden war, nein auch Yoji schien die ganze Sache nicht so gut zu verkraften.

Aus den Augenwinkeln warf Ran einen heimlichen Blick auf den Weiß mit der albernen Frisur, der schlechtgelaunt am Tisch saß und in seinen Kaffee grummelte.

Yojis Benehmen in den letzten zwei Wochen nur ‚seltsam’ zu nennen wäre mit Sicherheit die Untertreibung des Jahrtausends. Der Playboy kleidete sich nicht mehr wie gewohnt – statt der üblichen Designerklamotten trug er neuerdings Sachen, die so aussahen, als kämen sie direkt aus der Altkleidersammlung – wo sie nur aufgrund ihrer unglaublichen Hässlichkeit gelandet sein konnten.

Und einmal hatte Ran Yoji sogar dabei erwischt, wie dieser direkt vor dem Blumenladen mitten im Regen, nur mit einer Pokemon-Boxershort bekleidet und einem riesigen Blumenkranz auf dem Kopf auf einem Bein im Kreis gehüpft war und lauthals ‚Alle meine Entchen’ gesungen hatte. Ran war damals kurz davor gewesen, die Männer in Weiß zu rufen.

Eine zeitlang danach schien Yojis Benehmen zum Glück wieder halbwegs normal zu werden – bis er dann heute mit diesen Rattenschwänzen in der Küche erschienen war. Ran schauderte. Er konnte ja akzeptieren, dass Yoji mal was neues ausprobieren wollte, aber hätte dieser sich nicht wenigstens eine Frisur aussuchen können, die ihm auch stand?

Nagi, der bis jetzt mit Mühe und Not sein Grinsen unterdrückt hatte, hielt den Anblick einfach nicht mehr länger aus. Schnell senkte er den Kopf so tief wie möglich über seine Müslischale.

Der große blonde Weiß sah aber auch zu komisch aus! Leise glucksend, um Yojis Aufmerksamkeit – schlechtgelaunt wie dieser war – nicht auf sich zu lenken, gestand Nagi sich ein, das er sich in diesem neuen Zuhause tatsächlich wohl fühlte.

Als Brad vor gut zwei Wochen verkündet hatte, dass sie von nun an nicht nur mit Weiß zusammen arbeiten, sondern auch noch zusammen leben würden, war Nagi überhaupt nicht erfreut gewesen. Im Gegenteil. Er hatte nicht mit Weiß zusammenziehen wollen! Sie waren doch ihre Feinde! Und außerdem hatten die noch nicht einmal irgendwelche besonderen Kräfte! Was bedeutete, er würde sich zurückhalten und ‚sanft’ mit ihnen umgehen müssen. Wie langweilig!

Nagi hatte natürlich gegen den Umzug protestiert, aber Brad hatte ihn einfach ignoriert, ihm gesagt, er solle nicht so bockig sein und ihm befohlen, seine Sachen zu packen. Es war ja so was von ungerecht! Nur weil er selbst noch minderjährig und Brad zufällig sein Vormund war, musste Nagi alles tun was dieser sagte. Wie gemein! Und außerdem war er nicht bockig!

Eigentlich hatte Nagi sich ja von Schuldig Unterstützung erhofft – das aus Farfies Richtung keine zu erwarten war, war ihm sofort klar gewesen, denn dem war es sowieso egal, in welchem Keller er eigentlich hauste. Aber Nagi hatte doch gedacht, das Schuldig genauso wenig Lust darauf haben würde, mit den ach so rechtschaffenen – sprich langweiligen – Weiß zusammenzuziehen, wie Nagi selbst.

Aber nein, Schuldig musste ja losziehen und eine Affäre mit dem Anführer von Weiß anfangen! Ausgerechnet! Nagi hätte nie gedacht, dass Schuldig am eiskalten Abyssinian gefallen finden würde – oder das dieser sich jemals mit einem Schwarz einlassen würde! Aber da sah man mal wieder, Gegensätze zogen sich scheinbar tatsächlich an.

Doch nicht nur diese Beziehung hatte Nagi vollkommen überrascht, sondern auch Ran selbst. Er war wirklich nett zu ihm gewesen, als Schwarz schließlich bei Weiß eingezogen war, hatte ihn freundlich begrüßt und sofort damit angefangen, ihn von vorne bis hinten zu bemuttern. Zuerst hatte ihn Rans Benehmen etwas erschreckt und vor allem verunsichert – er wusste einfach nicht, was er davon halten sollte. Aber dann war ihm aufgefallen, das Ran sich Omi gegenüber genauso verhielt, und Nagi hatte angefangen sich zu entspannen und es sogar etwas zu genießen.

Noch nie vorher war er von irgendjemand derart verwöhnt worden. Weder Brad noch Farfie oder Schuldig waren unbedingt der fürsorgliche Typ. Brad kümmerte sich zwar gut um ihn und schien ihn auch wirklich gern zu haben, aber er war nun mal von Natur aus eher kühl und reserviert. Farfie – nun, bei dessen Vorliebe für Messer und Schmerzen wollte Nagi lieber gar nicht erst von ihm ‚verwöhnt’ werden. Und Schuldig – Schuldig war eher sowas wie ein älterer Bruder, ein Kumpel mit dem man jede Menge Spaß haben konnte, der einen aber nicht wirklich liebevoll umsorgte.

Was Nagi wieder zu seinen ursprünglichen Gedanken brachte – Yojis unmögliche Frisur. Nagi war sich absolut sicher, dass Schuldig irgendetwas damit zu tun hatte. Dazu trug das ganze einfach zu sehr dessen Handschrift.

<Stimmt, aber verrats bloß keinem.>

‚Ich wusste es!’ kicherte Nagi leise vor sich hin. ‚Wie hast du ihn nur dazu gebracht?’

<Pssssst, Berufsgeheimnis!>

‚Oh bitte, Schuldig, sag’s mir!!! Ich werds auch nicht weitererzählen!’

<Tut mir leid, Nagi, aber wenn ich’s dir sagen würde, dann wäre der ganze Spaß schon vorbei – und sei ehrlich, du willst doch auch sehen, was der gute Yoji sonst noch so alles über sich ergehen lässt.> Schuldig grinste Nagi über den Tisch hinweg an.

Nagi schaute Schuldig mit großen Augen an und versuchte ein wildes Kichern zu unterdrücken. So wie er Schuldig kannte, stand Yoji das große Finale erst noch bevor.

‚Was hast du vor?’ fragte er gespannt, und Schuldig erzählte es ihm. Nagi musste unvermittelt losprusten.

Leider war er aber gerade dabei gewesen, einen großen Schluck Orangensaft zu trinken, als Schuldig ihm seine Pläne verraten hatte, und so kam es, das ein Großteil des besagten Saftes sowohl Omi, der Nagi direkt gegenüber saß, als auch den daneben sitzende Yoji traf. Da ihm außerdem das Glas aus der Hand rutschte – es war ein wirklich heftiger Lachanfall – wurde auch Nagi selbst von oben bis unten bekleckert.

Omi schaute erstaunt auf den jüngsten Schwarz, der ihm gerade jede Menge Saft aufs T-Shirt geprustet hatte. Nagi saß da und gab Geräusche von sich, die sich halb nach Husten und halb nach Lachen anhörten. Aber was könnte denn so lustig sein, dass Nagi derart heftig lachen musste? Hier gab es doch gar nichts zu lachen – das hieß, bis auf...

Vorsichtig warf Omi einen Blick auf den neben ihm sitzenden Yoji. Scheinbar hatte dieser auch etwas von Nagis Saftanfall abbekommen, denn Yoji saß völlig regungslos da, der Saft tropfte ihm aus den Zöpfen und er schoss tödliche Blicke in Richtung des gerade erstickenden Schwarz-Chibi. Oh-oh.

Doch bevor Yoji endgültig ausflippen konnte, ergriff auch schon Ran das Wort. „Nagi!“ rief er aus, „Was soll das?“

„Tut... tut mir leid...“ presste Nagi zwischen mühsam unterdrücktem Gekicher hervor, „Es war keine Absicht, wirklich.“

Ran seufzte nur und schüttelte den Kopf. „Geht euch umziehen, alle drei.“

Omi und Nagi gehorchten sofort und verschwanden aus der Küche, während Yoji langsam aufstand und Schuldig böse Blicke zuwarf. Doch dieser ließ sich davon gar nicht beirren, sondern zwinkerte Yoji nur fröhlich zu.

Yoji knurrte. Oh wenn er nur könnte wie er wollte, dann würde er spätestens jetzt diesem dämlichen Telepathen die Hände um den Hals legen und genüsslich zudrücken. Das wäre ein wirklich befriedigendes Gefühl. Da! Jetzt grinste dieser Idiot schon wieder so unverschämt! Argh, wieso nur hatte Ran ihn frei im Haus herumlaufen lassen, nachdem Schuldig bei ihnen eingebrochen war? Hätte er ihn nicht irgendwo im Keller einsperren können, wo er nichts anstellen konnte? Dann hätte Schuldig niemals Yojis Geheimnis herausfinden und ihn damit erpressen können.

<Falls es dich tröstet – ich hätte es auch so rausgefunden.>

‚Verdammt noch mal, kann ich denn nichtmal in meinem Kopf Ruhe vor dir haben? Verschwinde!’ Yoji konnte sich gerade noch zurückhalten, laut aufzustöhnen. ‚Kannst du nicht zur Abwechslung mal jemand anderen nerven?’

<Aber wieso denn? Wo es doch soviel Spaß macht gerade dich zu nerven!> Schuldig zwinkerte Yoji noch einmal zu.

‚Ich hasse dich. Und ich hasse Ran, weil er sich mit dir eingelassen und Schwarz erlaubt hat, hier einzuziehen. Und überhaupt hasse ich euch alle von Schwarz!’ Wenn Blicke töten könnten, dann hätte Yoji spätestens jetzt Schuldig mit einem solchen aufgespießt.

<Na, das ist so aber nicht ganz korrekt. Du hasst nicht alle von Schwarz.>

‚Was willst du damit sagen? Natürlich hasse ich euch alle!’

<Ts, ts, Brad wäre wirklich am Boden zerstört, wenn er das wüsste...>

Yoji wurde rot. ‚Was willst du damit andeuten? Das ich an Crawford interessiert bin? SPINNST DU? Er ist ein Kerl, verdammt noch mal! Ich steh auf Frauen! Ich bin ü-ber-haupt nicht an Brad interessiert, hast du das verstanden?’

Schuldig grinste wieder. <U-hu. Red es dir nur oft genug ein, dann glaubst du es vielleicht auch selbst.>

Ran blickte misstrauisch von Schuldig zu Yoji. Scheinbar, unterhielten die beiden sich gerade telepathisch – zumindest den wechselnden Gesichtsausdrücken nach zu urteilen. Und wie es aussah schien Yoji das Thema der Unterhaltung gar nicht zu passen, denn er blickte immer wütender drein und lief außerdem auch noch gefährlich rot an. Am besten unterbrach er den Schlagabtausch zwischen den beiden, bevor sie sich gegenseitig an die Gurgel gingen.

„Yoji!“ rief Ran und zog so dessen Aufmerksamkeit auf sich.

„Was?“ schnappte Yoji und funkelte seinen Anführer wütend an.

Ran zog nur eine Augenbraue hoch. „Willst du noch lange hier stehen bleiben und vor dich hintropfen? Geh hoch und zieh dich endlich um. Und vielleicht solltest du den Saft aus deinen Haaren spülen.“ ‚Und danach hoffentlich eine andere Frisur wählen,’ setzte Ran noch in Gedanken hinzu, sprach es aber nicht laut aus.

Mit einem letzten wütenden Blick in Schuldigs Richtung verließ auch Yoji endlich die Küche.

Ran drehte sich zu Schuldig und sah diesen aus zusammengekniffenen Augen misstrauisch an. Hatte er etwa irgendwas mit Yojis seltsamen Verhalten zu tun? Zuzutrauen wäre es Schuldig ja, aber wieso sollte Yoji da mitspielen? Ran wurde einfach nicht schlau daraus, aber er nahm sich vor, die ganze Sache im Auge zu behalten.

Schuldig sah ihn unschuldig an und klapperte mit den Wimpern. Belustigt schnaubte Ran auf. Glaubte Schuldig etwa wirklich, dass er ihm diesen betont harmlosen Blick abnehmen würde? Da war eindeutig was im Busch, und Ran würde herausfinden, was.

„Oh Schu...“ säuselte Ran und bewegte sich langsam auf diesen zu. Schuldig klimperte noch mehr mit den Wimpern und blickte ihn erwartungsvoll an.

„Schu...“ hauchte Ran wieder, trat hinter Schuldigs Stuhl, schlang ihm von hinten die Arme um den Hals und brachte sein Gesicht ganz nah an dessen Ohr.

„Ja...?“ Schuldig klang atemlos.

Ran knabberte kurz an Schuldigs Ohrläppchen und sagte dann, „Du bist heute dran, in der Küche aufzuräumen,“ bevor er ihn losließ und aus der Küche rauschte.

Schuldig saß völlig verdattert am Tisch. Sein Kätzchen konnte wirklich gemein sein! Er sah verdutzt um sich, doch keiner der noch Anwesenden schien Mitleid mit ihm zu haben. Farfarello zuckte nur mit den Schultern und schnappte sich noch einen Toast, bevor er Ken – der Rans Abgang genutzt hatte, um ebenfalls zu verschwinden – aus der Küche folgte, und Brad? Brad war die ganze Zeit kein einziges Mal hinter seiner Zeitung hervorgekommen.

Schuldig seufzte auf. Ok, hier würde er also kein Mitgefühl erwarten können. Naja, was sollte es, würde er sich eben anderweitig unterhalten. Aber erst musste die Küche aufgeräumt werden, Ran kannte da kein Pardon – am Ende würde dieser ihn noch mit Sexentzug bestrafen. Also am besten gleich an die Arbeit machen.

<Oh Yoji... Ich hätte da eine Aufgabe für dich...>

Unterdessen hatte Omi sich das klebrige, saftbespritzte T-Shirt ausgezogen und ein frisches übergeworfen. Sein Lieblingsshirt. Hoffentlich wurde ihm das nicht auch von irgendjemandem ruiniert. Der würde dann einen langsamen und qualvollen Tod sterben. Soviel war sicher.

Kurz fragte er sich, warum Nagi beim Essen eben so losgeplatzt war. Konnte es wirklich nur wegen Yojis Frisur gewesen sein? Zugegeben, diese Zöpfe sahen extremst lächerlich an diesem aus – und noch dazu die rosa Schleifen, wie albern! Omi kicherte leise vor sich hin. Rosa stand dem großen Weiß nun wirklich nicht!

Aber warum Nagi erst so spät losgelacht hatte... Schließlich war Yoji ja schon eine ganze Weile in der Küche gewesen. Hm, das gab erst mal keinen Sinn. Omi beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. Schließlich hatte er noch eine Aufgabe zu erfüllen. Ran hatte ihn gebeten, die Email-Adressen wieder rückgängig zu machen.

Omi setzte sich an seinen Schreibtisch und schaltete den Computer an. Während der Rechner hochfuhr, dachte Omi erneut über Schuldigs idiotischen Streich mit den Email-Adressen nach. Obwohl, wenn er ganz ehrlich war, hatte Schuldig recht. Die neuen Email-Adressen waren wirklich lustiger als die alten – außer seiner eigenen natürlich. Die war nur peinlich! Aber die von Yoji und Ran... Omi kicherte wieder vor sich hin.

<Freut mich das es dir gefällt!>

‚Schuldig!’ Omi schrak zusammen.

<Ja natürlich bin ich es! Wieso tut jeder immer so erstaunt, wenn er mich in seinem Kopf hört? Ist ja nicht so, als würden hier noch mehr Telepathen rumlaufen!>

‚Ich... ich bin nur erschrocken. Ich bin es halt nicht gewohnt, plötzlich jemanden in meinem Kopf zu hören!’ verteidigte Omi sich.

<Hm. Schon gut. Willst du die Email-Adressen wirklich wieder rückgängig machen? Du denkst doch selbst, dass sie gut sind.>

‚Ran hat mich darum gebeten, also mach ich sie auch rückgängig.’

<Hm.> machte Schuldig nur wieder, und war danach still.

Omi zögerte. Sollte er es wirklich wagen? Aber er musste es wissen. ‚Schuldig...?’ fragte er vorsichtig.

<Ja?>

‚Meine Email-Adresse... Wieso hast du sie ausgerechnet in Slave&Master@for-girls-only.org geändert?’ Omi hielt gespannt den Atem an. Hoffentlich war das alles nur ein Zufall. Hoffentlich hatte Schuldig nicht gewusst, was er da schrieb!

<Naja, weißt du...> ein mentales Grinsen erreichte Omi und ließ ihn böses ahnen <...nachdem ich deine Mangas gefunden hab, hat sich das doch angeboten...>

‚Was??? Du hast die Mangas gefunden??? Ich dachte, Ran...’ Omi brach verwirrt ab.

<Ups.>

Ups? Was meinte Schuldig mit ‚ups’? Und dann dämmerte es Omi endlich.

‚Das warst du??? Nicht Ran??? Du hast meine Mangas unter dem Bett gefunden und ins Regal gestellt? Und die ganze Zeit hab ich gedacht, das Ran...’ Omi riss die Augen weit auf. ‚Moment mal! Du bist ein Telepath! Du hast die ganze Zeit gewusst, was ich gedacht hab! Du hast es gewusst und mich einfach zappeln lassen! Hab ich recht?’

<Ähm...>

‚Argh, na warte! Du gemeiner Mistkerl! Ich bring dich um!’

Omi war wütend. Er war so wütend wie schon lange nicht mehr – eigentlich war er noch niemals so wütend gewesen. Die ganze Zeit hatte er sich umsonst Sorgen gemacht! Und das nur, weil dieser dämliche Telepath seinen Spaß haben wollte! Mit einem wütenden Aufschrei stürmte Omi aus seinem Zimmer und die Treppe hinab.

Schuldig, der gerade aus der Küche kam, hob abwehrend die Hände, als er Omi auf sich zustürmen sah.

„Heh, Omi, beruhig dich doch...“ war alles was er herausbrachte, doch der Weiß-Chibi schien ihn gar nicht zu hören. Mit einem aufgebrachten Knurren stürzte dieser sich auf Schuldig, der von der Wucht des Aufpralls einfach umgeworfen wurde und zu Boden ging.

Als Brad einige Augenblicke später aus der Küche kam, lag Schuldig am Boden, Omi saß auf ihm und war gerade dabei, diesen zu erwürgen. Mit einem leichten Kopfschütteln stieg Brad über den langsam blau anlaufenden Telepathen und verschwand in seinem Arbeitszimmer. Diese Kindsköpfe!