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Email f?r dich Teil 4 - 6

Kapitel 4

Nagi kicherte immer noch, als er endlich oben in seinem Zimmer ankam. Schnell zog er sich das verschmutzte T-Shirt über den Kopf und warf es auf den Boden. Ran würde sicherlich wieder rummeckern, wenn er das sah, aber im Moment war das Nagi so was von egal. Er war in Gedanken noch zu sehr mit dem beschäftigt, was Schuldig ihm eben beim Frühstück telepathisch gestanden hatte.

Oh, das würde ja so gut werden! Nagi konnte es kaum noch erwarten. Blieb nur zu hoffen, das Schu Yoji diesen Befehl nicht gerade dann geben würde, wenn er selbst in der Schule hockte oder auf einem Hit war. Schließlich wollte er den Höhepunkt der Yoji-Kudou-Show um nichts auf der Welt verpassen! Schade nur, dass er das Ereignis nicht für die Nachwelt festhalten durfte.

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht öffnete Nagi seinen Kleiderschrank und begann ziellos darin rumzuwühlen. Schließlich entschloss er sich, heute sein Lieblings-T-Shirt anzuziehen – er war dank Schuldig wirklich prächtiger Laune, und das wollte er der ganzen Welt mitteilen.

Schmunzelnd warf Nagi einen Blick in den Spiegel. Er bezweifelte ja, dass irgendjemand aus ihrer Bande den Spruch auf seinem Shirt verstehen würde – nichtmal Schuldig, der ja Gedanken lesen konnte, hatte kapiert, warum dieser Spruch so lustig war. Und die Wahrscheinlichkeit, das einer der Weiß diesen Insider verstehen würde... Nagi verdrehte die Augen. Ja natürlich, und er war der Kaiser von China.

<Nagi... Hilfe!>

Schuldig? Nagi hob erstaunt den Kopf. Wieso rief Schuldig ihn um Hilfe? ‚Was ist los?’ fragte er verwundert.

<... Omi... Mangas... keine Luft...>

Schuldigs mentales Gestammel ergab für Nagi keinen Sinn – erlaubte dieser sich nun vielleicht einen Scherz auf Nagis Kosten? Andererseits, Schuldigs Gedankenstimme hörte sich so schwach an – so als wäre er kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.

<... schnell... bitte!>

Dieses letzte mentale Flehen überzeugte Nagi endgültig. Hastig öffnete er seine Zimmertür, rannte über den Flur, hechtete über den vor Kens Zimmertür am Boden sitzenden Farfie, stürmte die Treppe hinab – und blieb dann entsetzt auf dem letzten Absatz stehen.

Dort unten, im Flur vor der Küche, lag Schuldig am Boden, Omi saß auf ihm und war gerade dabei, diesen zu erwürgen! Warum tat Bombay so etwas? Schwarz und Weiß sollten sich doch nicht mehr gegenseitig töten wollen, sondern friedlich miteinander arbeiten!

Nagi schüttelte fassungslos den Kopf, überlegte aber nicht mehr lange, sondern schleuderte Omi mit seinen Kräften von Schuldig herunter und presste ihn ca. einen halben Meter über dem Boden an die Wand.

„Aaah...“ schrie Omi erschrocken auf, „Was zum...?“ Suchend blickte er sich um. „Nagi! Was soll das? Lass mich sofort wieder runter!“ Verzweifelt zappelte Omi mit den Armen und Beinen, doch Nagis telekinetischer Griff war bombenfest.

Nagi ignorierte Omi einfach und lief stattdessen sofort zu Schuldig, der sich inzwischen mühsam aufgesetzt hatte und keuchend nach Luft rang.

<Danke, Chibi. Das war Rettung in letzter Sekunde!>

‚Hey, das war doch selbstverständlich! Du hättest für mich schließlich das selbe getan,’ erwiderte Nagi, froh darüber, das es Schuldig gut zu gehen schien. ‚Was war eigentlich los? Wieso wollte Bombay dich erwürgen? Und nenn mich nicht immer Chibi.’

<Ähm... ich hab wirklich nicht die geringste Ahnung, wieso er mich erwürgen wollte.>

Nagi blickte Schuldig misstrauisch an. Immer wenn der Orangehaarige so betont unschuldig tat, dann war er es unter Garantie nicht. Unschuldig nämlich.

‚Sicher, glaubt dir auch sofort jeder. Ist wohl eher einer deiner Scherze nach hinten losgegangen, wie?’ grinste Nagi Schuldig deshalb an.

Schuldig warf ihm einen schmollenden Blick zu. <Ja klar, mach dich nur ruhig lustig über mich Ärmsten, schwer verletzt und halbtot wie ich grad bin.>

„Hey!“ rief Omi von seinem Platz an der Wand den beiden Schwarz zu, die am Boden saßen und ihn – wie eine Fliege im Spinnennetz zappelnd – scheinbar völlig vergessen hatten. „Nagi! Lass mich sofort wieder runter!“

Nagi drehte seinen Kopf, stand auf und ging einen Schritt auf Omi zu. Was sollte er jetzt mit diesem machen? Er konnte ihn ja schließlich nicht ewig da an der Wand hängen lassen – das wäre viel zu anstrengend, mal ganz davon abgesehen, das Ran sich mit Sicherheit darüber aufregen würde, wenn Omi auf Dauer im Flur an der Wand kleben würde.

Während er Omi noch grübelnd und mit stechendem Blick musterte, fiel Nagi plötzlich etwas auf. Und zwar das T-Shirt, welches Omi trug. Genauer gesagt, die Aufschrift darauf. „Sam will kill me if I try anything“ stand da in freundlichen Buchstaben zu lesen. Nagi riss beide Augen und den Mund weit auf. Konnte es wirklich sein? Ungläubig lockerte er seinen telekinetischen Griff um Omi, der daraufhin sofort mit einem Plumps zu Boden fiel.

„Aua!“ rief Omi wütend aus und rieb sich die malträtierte Kehrseite. „Verdammt Nagi, hättest du mich nicht etwas sanfter runterlassen können? Ich hab Schuldig doch kaum angefasst, du hast also keinen Grund, mir wehzutun!“ Omi warf einen bösen Blick zum hauseigenen Telepathen, der immer noch keuchend auf dem Boden saß – und gerade seinen waidwundes-Reh-Blick zur Schau stellte. Omi kniff die Augen zusammen. Oh wenn er nur daran dachte, wie Schuldig ihn tagelang hatte zappeln lassen, dann könnte er am liebsten sofort wieder...

Mühsam riss Omi sich zusammen. Nein, er konnte Schuldig jetzt nicht töten. Ran wäre deswegen bestimmt stinksauer und würde Omi dann garantiert eine Woche lang keine Muffins mehr backen. Vielleicht sogar zwei Wochen lang! Nein, das konnte er nicht riskieren, das wäre es wirklich nicht wert.

<Hey! Ich bin empört – glaube ich – ja doch, definitiv! Ran wäre mit Sicherheit länger als nur zwei Woche auf dich sauer, wenn du mich tötest!>

Omi knurrte, ignorierte Schuldigs entrüstete telepathische Stimme aber. Stattdessen wandte er sich wieder Nagi zu. „Siehst du, was regst du dich denn so auf, er lebt doch noch!“

Doch Nagi antwortete nicht, sondern starrte ihn nur mit offenem Mund an. Nein, wenn Omi es genau nahm, dann starrte der kleine Telekinet eigentlich auf sein T-Shirt. Hastig senkte Omi den Blick – hatte er etwa sein Lieblingsshirt während dem kleinen Gerangel mit Schuldig beschädigt? Doch ein schneller Blick ließ ihn erleichtert aufatmen – dem Shirt war nichts passiert. Aber warum starrte Nagi dann so?

„Was ist los? Was hast du?“ fragte Omi und blickte Nagi irritiert an. Diese Kerle von Schwarz waren wirklich – seltsam. Wie war Persha nur auf die Idee gekommen, dass die beiden Gruppen gut zusammenarbeiten könnten? Wo doch Schwarz praktisch nur aus lauter Wahnsinnigen zu bestehen schien – und der „offizielle“ Irre noch am normalsten war?

<Hey!>

Kopfschüttelnd wollte Omi gerade den Kopf wenden, um Schuldig erneut wütend anzufunkeln – was hatte dieser auch schon wieder in seinem Kopf zu suchen? – als sein Blick an Nagis T-Shirt hängen blieb. Seine Augen wurden größer – mindestens genauso groß wie die von Nagi, der ihn immer noch völlig fassungslos anstarrte.

„’Killed by Orcs. Stupid Orcs.’“ las Omi halblaut Nagis T-Shirt-Aufschrift vor, dann rief er völlig ungläubig aus, „DU kennst die ‘Secret Diaries’???” [1]

Endlich schien Nagi aus seiner Starre aufzuwachen. „Ob ich die ‘Secret Diaries’ kenne? Ich kann die praktisch auswendig!“ rief er freudig aus und packte Omi an den Armen.

Schuldig saß am Boden und schaute völlig perplex auf die beiden Chibis. Eben noch hatten sie sich mit bösen Blicken beworfen, und im nächsten Moment hielten die beiden sich an den Händen, hüpften aufgeregt auf und ab und kreischten unverständliches Zeug über irgendeine Cassandra, perverse Hobbits (oder so ähnlich), Tagebücher, und das diese ja sooooooo genial wären. Kinder! So was sollte verboten werden. Schuldig rollte theatralisch mit den Augen.

Aber bevor er noch irgendeine spöttische Bemerkung in der Richtung machen konnte, stürmten die beiden Jüngsten des Haushaltes auch schon wie die Wahnsinnigen die Treppe hinauf, und in der nächsten Sekunde war das Zuschlagen einer Zimmertür zu hören. Und Schuldig saß noch immer mit offenem Mund im Flur auf dem Boden und hielt sich den schmerzenden Hals.

So fand ihn auch noch Yoji vor, als er einige Zeit später die Treppe hinabkam – immer noch leise über den ‚verdammten Irren’ rumfluchend, der schon wieder im Flur auf dem Boden rumsaß und harmlose Mitbewohner heimtückisch zum stolpern brachte – um in der Küche aufzuräumen. Von allen gemeinen Sachen, die Schuldig in den letzten zwei Wochen von ihm verlangt hatte, waren die Übernahme der Haushaltspflichten und Schichten im Blumenladen noch die harmlosesten – obwohl es ihn natürlich auch unendlich ärgerte, das Schuldig ihn praktisch als seinen persönlichen Sklave betrachtete.

Yoji blieb auf der untersten Treppenstufe stehen, verschränkte die Arme und zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

„Was ist?“ knurrte Schuldig drohend – ok, er versuchte drohend zu knurren, aber es kam nur ein drohendes Krächzen heraus.

Yojis Mundwinkel zuckten. „Wieso sitzt du hier im Flur auf dem Boden? Hat Ran dich etwa endlich in hohem Bogen rausgeschmissen und du musst dich jetzt noch von der harten Landung erholen? Oder möchtest du dich jetzt vielleicht auf Dauer häuslich auf dem Boden einrichten? Könnte für uns ein bisschen umständlich werden, wenn wir ständig über dich drübersteigen müssten – obwohl, wir könnten natürlich auch einfach auf dich draufsteigen.“ Yoji grinste jetzt breit – allein die Vorstellung, jedes Mal auf Schuldig zu treten, wenn er über den Flur wollte, war eine Wohltat.

Schuldig kniff die Augen zusammen. „Du solltest dich lieber mal um die Küche kümmern – es sei denn, du willst, das ich jedem hier im Haus ein kleines telepathisches Bild schicke!“ knurrte – äh krächzte Schuldig.

„Ist ja schon gut!“ Immer noch grinsend ging Yoji an Schuldig vorbei und betrat die Küche.

Schuldig starrte ihm böse hinterher. Das war wirklich nicht nett, jemanden zu treten, der buchstäblich schon am Boden lag! Stöhnend rieb er sich erneut den Hals. Mann, er hätte ja nie gedacht, das ausgerechnet Omi einen derart festen Griff haben könnte! Wenn Nagi nicht in letzter Sekunde eingegriffen hätte, dann wäre Schuldig jetzt ein ziemlich toter Telepath. Und Yoji wäre mit Sicherheit ohne weiteres auf seine arme, geschundene Leiche gestiegen! Schuldig konnte nicht anders als sich selbst zu bemitleiden.

Leise schniefend stand Schuldig endlich auf. Ob Ran wohl sehr traurig gewesen wäre, wenn Omis heimtückischer Angriff erfolgreich gewesen wäre? Bestimmt – schließlich liebte sein Kätzchen ihn ja heiß und innig! Ran wäre mit Sicherheit total am Boden zerstört – und das garantiert länger als nur zwei Wochen! Wie gemein von Omi, sowas zu sagen. Und wie absolut gemein von Yoji, zu behaupten, Ran hätte ihn rausgeworfen – sein Kätzchen würde ihm sowas nie nicht antun!

Immer noch schniefend machte Schuldig sich auf die Suche nach Ran. Er brauchte jetzt dringend ein paar Streicheleinheiten.

Farfarello zog seinen Kopf, den er zwischen den Geländerstreben hindurch gestreckt hatte, wieder zurück. Scheinbar war die Show jetzt vorbei. Als Omi vorhin so wutschnaubend an ihm vorbeigestürmt war und sich mit einem Aufschrei auf Schuldig gestürzt hatte, war Farfarello sofort klar gewesen, das der Telepath mal wieder was ausgefressen hatte. Und die Ergebnisse seiner Untaten waren meist sehr unterhaltsam zu beobachten – mal ganz davon abgesehen, das es darüber hinaus oft auch noch Gott verletzte!

Also hatte Farfie, auf dem Boden vor Kens Zimmertür sitzend, den Kopf durch das Geländer gesteckt und hatte praktisch in der ersten Reihe gesessen und miterlebt, wie Schuldig fast – vom halb so großen Omi – erwürgt wurde. Der Telepath hatte sich sogar von ihrem anderen Chibi helfen lassen müssen! Farfie kicherte leise vor sich hin. Vielleicht würde er Schuldig später noch damit aufziehen.

Jedenfalls schien die Rettungsaktion nicht ganz so verlaufen zu sein, wie Schuldig sich das sicherlich erhofft hatte – denn nur Minuten später waren Omi und Nagi händchenhaltend die Treppe hinauf, an Farfarello vorbei – beziehungsweise über ihn drüber – und in Nagis Zimmer gestürmt. Sie hatten ihn auf dem Boden wahrscheinlich gar nicht bemerkt – waren wohl zu sehr mit hysterischem Giggeln beschäftigt. Farfie seufzte. Und er wurde hier der „Irre“ genannt! Wie ungerecht.

Als ob der Rest des Haufens so normal wäre! Das beste Beispiel war ja wohl Yoji – zugegeben, die Frisur von vorhin war schon erschreckend gewesen, aber selbst Farfarello würde nicht so weit gehen, nur um Gott zu verletzen! Und was war mit Ran? So ganz normal konnte dieser auch nicht sein – auch wenn er nach außen hin immer so wirkte – denn schließlich gab er sich mit Schuldig ab! Farfarello schüttelte ungläubig den Kopf. Wahrscheinlich konnte Ran das nur überleben, ohne durchzudrehen, weil Schuldig dessen Gedanken nicht lesen konnte.

Doch genug mit den Gedanken über die geistige Gesundheit seiner Mitbewohner – jetzt hatte Farfarello wichtigeres zu erledigen. Zum Beispiel einen Blick in Kens Zimmer zu werfen. Seit Schuldig ihm und Nagi bei ihrem Einzug die Geschichte von der schauderhaften und arme-völlig-harmlose-und-gerade-nichts-bösartig-denkende Schuldigs angreifenden Vampir/Fledermaus/Turnhose erzählt hatte, konnte Farfie an nichts anderes mehr denken.

Er war beeindruckt! Er wollte dieses Wesen unbedingt sehen! Wie hatte Ken es überhaupt fertig gebracht, etwas so faszinierendes zu erschaffen? Und könnte er es wiederholen? Könnte er es Farfie vielleicht sogar beibringen, so das dieser selbst ein paar neue Lebensformen kreieren könnte? Allein die Vorstellung, wie sehr eine solche Handlung Gott doch verletzen würde, war geradezu atemberaubend!

Farfie konnte es kaum noch erwarten. Da gab es nur ein Problem. Farfarello war schüchtern. Ganz genau, der ‚irre Ire’, der keinerlei Bedenken hatte, seine Gegner mit Messern auseinanderzunehmen, war schüchtern. Das war schon immer sein Problem gewesen. Die anderen dachten immer, er wäre von Natur aus so schweigsam – weil er einfach nur dumm wäre oder nicht viel zu sagen hatte. Aber das stimmte nicht – er traute sich nur meistens nicht, mit anderen Leuten zu sprechen. Und schon gar nicht, wenn er sie so sehr bewunderte wie Ken!

Und so versuchte er es eben auf die subtile Art – er versuchte Ken eben immer möglichst nahe zu sein und wartete auf eine passende Gelegenheit, um diesem seine Bewunderung mitzuteilen. Oder vielleicht würde Ken ja auch von sich aus ein Gespräch mit Farfie anfangen! Das wäre sogar noch besser!

Aber irgendwie schien diese Taktik nicht so ganz aufzugehen, denn obwohl er Ken schon seit zwei Wochen auf Schritt und Tritt folgte und anhimmelte, machte dieser keinerlei Anstalten, mit Farfie zu sprechen. Im Gegenteil, Ken schien ihm sogar eher auszuweichen. Farfarello seufzte noch einmal tief auf. Vielleicht sollte er sich etwas ausdenken, dass Ken seine Bewunderung deutlicher zeigen würde.

Mit diesem Gedanken machte Farfie sich auf den Weg nach unten, auf der Suche nach etwas, dass das Interesse des begeisterten Fußballers erregen konnte.

Vorsichtig öffnete Brad seine Bürotür. War jetzt endlich wieder alles ruhig? Wie sollte er in diesem Haus voller Verrückter nur arbeiten? Ständig war irgendein Tumult. Aber so wie es aussah, waren jetzt alle irgendwo beschäftigt. Der Flur war leer – keine Leiche, scheinbar hatte Schuldig sich also befreien können. Aber das war sicherlich auch besser so. Was hätten sie schließlich mit der Leiche machen sollen? Und so wie er die anderen kannte, wäre das Beseitigen der besagten Telepathenleiche sicherlich wieder an ihm selbst hängen geblieben. Irgendwie wurden alle unangenehmen Aufgaben immer ihm und Ran zugeteilt – und im Falle des verfrühten Ablebens des hauseigenen Telepathen hätte wohl keiner von Ran erwarten können, auch noch bei der Beseitigung seines verstorbenen Liebsten mitzuhelfen.

Amüsiert über seine merkwürdigen Gedankengänge – was für ein Glück, das Schuldig das jetzt nicht mitbekommen hatte, der hätte sonst wieder ewig rumgenörgelt – verließ Brad sein Büro und schlenderte ins Wohnzimmer. Vielleicht könnte er dort im Fernsehen in Ruhe die Börsenkurse studieren. Vorhin beim Frühstück war er ja nicht dazu gekommen – dank Yoji.

Was hatte dieser sich nur dabei gedacht, seine Haare derart unsinnig zu frisieren? Brad hatte zwar die ganze Zeit über so getan, als würde ihn nicht interessieren, was in der Küche vor sich ging, aber in Wirklichkeit hatte er immer wieder heimliche Blicke hinter seiner Zeitung hervorgeworfen – meistens in Richtung des schmollenden Playboys. Und obwohl die Zöpfe absolut albern waren, musste Brad doch zugeben, das Yoji irgendwie – niedlich damit ausgesehen hatte.

Und während er damit beschäftigt war, Yoji heimlich anzustarren und in Gedanken mit sich selbst zu diskutieren, dass er diese Frisur garantiert – und Yoji schon gleich gar nicht – niedlich fand, war Brad leider nicht dazu gekommen, den Börsenbericht zu lesen. Und später hatte er es auch nicht mehr nachholen können, da ein Teil des Saftes, den Nagi so großzügig über Omi, Yoji und sich selbst verteilt hatte, eben auch auf Brads Zeitung gelandet war und damit den Wirtschaftsteil völlig ruiniert hatte.

Gut, vielleicht war Brad nicht ganz unschuldig am Ruin der Zeitung gewesen. Möglicherweise war er ein klitzekleines bisschen abgelenkt gewesen von der Vorstellung, aufzustehen und den Saft an Ort und Stelle von Yojis anbetungswürdigem Körper zu lecken. Eventuell war das auch der Grund dafür gewesen, das er gar nicht mitbekommen hatte, wie eine Ecke seiner Zeitung in seinen Kaffee tunkte. Oder das sie so lang in seinem Kaffee hing, das dieser genug Zeit hatte, um komplett von der Zeitung aufgesaugt zu werden.

Aber wie dem auch sei, sobald Brad aufgegangen war, was er da gerade gedacht hatte, hatte er sich sofort wieder hinter seiner Zeitung versteckt und gehofft, das niemand seinen glasigen Blick und seinen offenen Mund bemerkt hatte. Ein bisschen albern war er sich schon vorgekommen, als er sich die inzwischen tropfende Zeitung vors Gesicht hob und so tat, als würde er darin lesen, aber anscheinend hatte es niemand bemerkt. Warum nur warnten ihn seine Visionen nicht vor derartigen Szenen?

Im Wohnzimmer war glücklicherweise niemand außer ihm – halt doch, da hinten stöberte Farfarello in der untersten Schublade eines Schrankes herum. Was suchte dieser nur? Egal, lieber nicht nachfragen – Farfie würde ihn sonst nur wieder mit diesem Blick ansehen – so als würde er, Brad, ein kleines Hundebaby treten. Das ausgerechnet Farfarello zu so einem Blick fähig war, hätte Brad nie gedacht, aber so schaute dieser eigentlich immer, wenn man ihn ansprach. Aber anscheinend war Farfie schon fertig mit seiner Suche, denn er warf Brad nur einen kurzen Blick zu, stand dann auf und ging in die Küche – wo er, den Geräuschen nach zu urteilen, weiter in irgendwelchen Schränken rumwühlte.

Kopfschüttelnd setzte Brad sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher an. Langsam zappte er sich durch die Kanäle, auf der Suche nach einem Nachrichtensender. Eine zeitlang amüsierte er sich damit, blieb ab und zu bei einem Programm hängen und schaute sich die Sendung ein paar Minuten lang an, bevor er weiterschaltete. So bemerkt er gar nicht, das er inzwischen nicht mehr allein im Zimmer war und zuckte vor Schreck zusammen, als sich plötzlich jemand räusperte. Schnell drehte Brad den Kopf und sah, das Yoji in der Tür stand.

Fragend blickte er den Playboy an. Gott sei Dank hatte dieser inzwischen die rosa Schleifen aus seinen Haaren entfernt und trug diese wieder offen – das gefiel Brad sowieso viel besser. Und auch die Kleidung, die Yoji trug war besser als das, was Brad in den letzten Tagen zu sehen bekommen hatte – sie betonte dessen Körper so schön. Aber zurück zum Thema – Yoji stand mit verunsichertem Gesichtsausdruck in der Tür. Moment mal, verunsicherter Gesichtsausdruck? Wieso sollte Yoji denn verunsichert sein? Brad runzelte die Stirn. Doch im nächsten Moment verzog Yoji auch schon das Gesicht, straffte die Schultern und sah dann sehr entschlossen aus.

„Oh, Brad,“ hauchte Yoji und warf Brad einen lasziven Blick zu. „Was machst du gerade?“

Brad verschlug es die Sprache. Hatte Yoji gerade wirklich in diesem verführerischen Tonfall gesprochen, oder hatte er sich das nur eingebildet? Seit Schuldig vor zwei Wochen in Rans Bett sitzend behauptet hatte, das Yoji ihn, Brad, niedlich fand, hatte Brad immer wieder auf Anzeichen gelauert, ob diese Behauptung denn stimmen würde. Aber bis jetzt hatte er nichts dergleichen bemerkt. Und auch seine Visionen hatten ihm nichts gezeigt. Es war wirklich zum verzweifeln, in keiner einzigen seiner Visionen hatte er Yoji – oder irgendeinen Hinweis auf eine mögliche Beziehung zu diesem – entdecken können.

„Brad? Hörst du mir zu?“

Brad zuckte zusammen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Yoji. „Äh, ja natürlich, entschuldige. Ich war nur gerade in Gedanken ganz woanders. Ich suche nach dem Börsenbericht.“

„Tatsächlich?“ hauchte Yoji wieder, „Wie spannend! Was dagegen, wenn ich ihn mir mit dir zusammen ansehe?“

Jetzt fiel Brad endgültig der Unterkiefer herunter. Spannend? Der Börsenbericht? Nichtmal er fand den Börsenbericht spannend, er sah ihn sich nur an, weil es da schließlich um sein Geld ging. Aber bevor er auch nur irgendetwas zu diesem Thema sagen konnte, kam Yoji auch schon hüfteschwingend auf ihn zu.

Geschmeidig ließ Yoji sich ganz nah neben Brad auf das Sofa gleiten. Verführerisch lehnte er sich vor, schmiegte sich an Brads Arm und sah ihm tief in die Augen.

„Ähm, Yoji, was machst du da?“ fragte Brad nervös. Verdammt, wieso hatte ihn nicht eine Vision vor dieser Situation gewarnt?

„Ich sehe mir mit dir zusammen den Börsenbericht an,“ schnurrte Yoji und näherte sich immer mehr Brads Gesicht.

Brad schluckte. „Aber der Börsenbericht ist doch dort,“ sagte er und deutete in Richtung des Fernsehers.

„Tatsächlich?“ Yoji machte keinerlei Anstalten seinen Blick zum Fernseher zu wenden. „Eigentlich hab ich auch gar keine Lust auf den Börsenbericht. Wie wäre es, wenn wir stattdessen etwas unterhaltsameres machen würden?“ Und mit diesen Worten setzte sich Yoji breitbeinig auf Brads Schoss.

Brad war völlig erstarrt. Niemals hätte er das erwartet. Ok, gehofft vielleicht, davon geträumt auf jeden Fall, aber erwartet??? Yoji hatte zwar einen unglaublichen Ruf als Verführer, aber der bezog sich eigentlich nur auf Frauen. Und wenn Brad eins definitiv nicht war, dann eine Frau.

„Wie wäre es denn, wenn wir etwas Spaß hätten – gemeinsam?“ schnurrte Yoji jetzt wieder und näherte sich langsam und mit halbgeschlossenen Augen Brads Gesicht.

Immer noch völlig überrumpelt sah Brad, wie Yojis verführerischer Mund immer näher kam. Gleich, noch ein paar Sekunden, und er würde ihn küssen! Noch ein paar Sekunden und er würde sich selbst davon überzeugen können, ob Yoji seinem Ruf tatsächlich gerecht wurde! Erwartungsvoll schloss Brad die Augen.


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Kapitel 5

Langsam näherte Yoji sich Brads Gesicht. Was für ein Glück, das der Schwarz-Leader inzwischen die Augen geschlossen hatte, denn Yoji glaubte nicht, das er in der Lage wäre ihn zu küssen, wenn dieser ihn mit offenen Augen ansehen würde. Es war auch so schon schwer genug, da musste er nicht auch noch von Brads wunderschönen braunen Augen abgelenkt werden.

Moment mal. Brads ‚wunderschöne’ braune Augen? Was dachte er denn da? Yoji hielt völlig entsetzt inne und wich wieder ein Stück zurück. ‚Ich kann das nicht tun. Ich kann es einfach nicht!’ stöhnte er in Gedanken auf und machte sich daran, von Brads Schoß zu klettern.

<Häkeldeckchen!>

Yoji hielt mitten in der Bewegung inne. Gequält schloss er die Augen. ‚Schu... Bitte, das kannst du mir doch nicht antun! Muss ich wirklich?’ flehte er.

<Jep. Na los, zier dich nicht. Es wird dir bestimmt gefallen.>

‚Von wegen! Es wird mir garantiert nicht gefallen!’

<Uhum.>

Ergeben schloss Yoji die Augen. In Ordnung, wenn sein Peiniger darauf bestand, dann würde er diese schreckliche Sache eben so schnell wie möglich hinter sich bringen. Rasch, noch bevor er es sich anders überlegen konnte, presste er seine Lippen auf Brads Mund.

Es war nicht das was er erwartet hatte. Brads Lippen fühlten sich erstaunlich weich an. Samtig. Mit weit mehr Enthusiasmus als noch vor einer Sekunde machte Yoji sich daran, diese erstaunlich zarten Lippen gründlicher zu erforschen.

Vorsichtig streckte er seine Zunge aus und fuhr erst langsam die Oberlippe nach, bevor er die Unterlippe in seinen Mund saugte und zärtlich daran knabberte. Und endlich, nach Stunden wie es Yoji erschien, begann Brad den Kuss zu erwidern. Mit einem leisen Aufstöhnen öffnete dieser seinen Mund und gewährte Yojis Zunge Einlass.

Yoji ließ sich nicht lange bitten und drang sofort in das ihm unbekannte Reich ein. Genießerisch ließ er seine Zunge über die weichen Innenwände wandern, strich über Zähne und fand schließlich ihr Gegenstück. Brad blieb nicht lange untätig und begann sofort ein zärtliches Duell. Ein Duell bei dem sie beide zwar um die Vorherrschaft kämpften, und das doch keiner von ihnen verlieren konnte – nur gewinnen.

Aufstöhnend drückte Yoji sich noch enger an Brad und schlang ihm seine Arme um den Hals. Gierig vertiefte er den Kuss. Ihm war im Moment alles egal – Schuldig (der Mistkerl), die Drohung, die dieser wie ein Damokles Schwert über ihm hängen hatte, all das war in den Hintergrund gerückt – es gab nur noch Brad und dessen ach so talentierte Zunge, die geradezu Wunder vollbrachte.

Als er plötzlich Brads Hände auf seinem Hintern spürte, keuchte Yoji auf. Wimmernd rieb er sich an dem Körper unter ihm, spürte die harte Länge, die sich in seinen Po presste. Er versuchte Brad so nah wie möglich zu kommen. Er war ja so erregt!

Völlig geschockt hielt Yoji inne. Erregt? Er war erregt? Wie konnte das sein? Brad war doch ein Kerl, verdammt noch mal! Wie konnte ein Kerl ihn nur derart erregen? Und es ließ sich leider nicht abstreiten, seine eigene Erektion zeigte es nur allzu deutlich. Yoji Kudou war absolut heiß – auf Brad Crawford!?!

Völlig fassungslos riss Yoji sich von Brad los und rutschte panisch von dessen Schoß. Mit einem harten Plumps landete er mit dem Hintern auf dem Boden, aber das merkte er gar nicht.

„Nein!“ keuchte Yoji und blickte entsetzt zu Brad, der immer noch auf dem Sofa saß und mit glasigem Blick völlig weggetreten in die Gegend starrte.

„Ich kann das einfach nicht!“ rief Yoji, der endgültig seine Schmerzgrenze erreicht hatte. Schuldig hin oder her – er würde diese Erpressungen hier und jetzt beenden! „Na schön, dann häkele ich eben in meiner Freizeit! Und stricke ab und zu! Und Spitze klöpel ich auch! Aber das mach ich doch nur, um mich zu entspannen! Das ist doch nicht verwerflich, oder?“ Yojis laute Stimme war zum Ende hin immer hysterischer geworden.

Angespannte Stille antwortete ihm. Yoji schloss entsetzt die Augen. Eine solche Stille bedeutete meist eins – das der gesamte Haushalt anwesend war und gerade die Luft anhielt. Und richtig, als er die Augen wieder öffnete und sich umsah waren sie alle da. Ken, Omi, Nagi, Farfarello, Ran und natürlich Schuldig. Der Mistkerl. Und alle sahen sie Yoji mit diesem Gesichtsausdruck an. So als wäre er total verrückt.

Im nächsten Moment war dieser Gesichtsausdruck jedoch schon wieder verschwunden – was aber nur daran lag, das sich alle vor Lachen bogen. Sogar Ran hielt sich die Seiten. Verdammt, wieso mussten die auch ausgerechnet zum ungünstigsten Zeitpunkt hier im Wohnzimmer erscheinen? Ein Blick in Schuldigs grinsendes Gesicht machte Yoji allerdings sofort klar, warum jeder ausgerechnet jetzt hier aufgetaucht war. Dieser Mistkerl.

Yoji hätte sich in diesem Moment am liebsten im nächsten Mauseloch verkrochen. Mit hochrotem Kopf saß er im Wohnzimmer auf dem Boden, ließ das Gelächter seiner Kollegen über sich ergehen und überlegte fieberhaft, wie lange diese wohl schon hier anwesend waren – und wie viel sie wohl von seiner Knutscherei mit Brad mitbekommen hatten.

<Genug.>

‚Argh. Verschwinde aus meinem Kopf, Arschloch! Du kannst mich jetzt zu nichts mehr zwingen! Warte nur, bis ich Ran davon erzähle!’ Obwohl es wohl einer der peinlichsten Momente seines Lebens war, war Yoji doch unendlich froh das Schuldig nun keine Gewalt mehr über ihn hatte und diese schreckliche Zeit der Erpressungen ein Ende hatte.

<Ich hab dir doch gesagt, das es dir gefallen würde!> Schuldigs gedankliches Grinsen reichte von einem mentalen Ohr zum anderen.

‚Das hat es nicht! Und wehe, du behauptest irgendjemand gegenüber etwas auch nur andeutungsweise gegenteiliges! Dann bring ich dich um! Langsam und qualvoll!’

In diesem Moment fing Farfarello, der bis jetzt nur schweigend dem Gelächter gelauscht hatte, an zu sprechen. „Das verstehe ich vollkommen,“ versicherte er Yoji und nickte ihm wissend zu. „Ich selbst falte Seidenblumen, um mich zu entspannen.“

Abrupt verstummte alles Gelächter. Fassungslos starrten alle Anwesenden auf den Iren. Farfarello – faltete Seidenblumen??? Wenn das kein erschreckender Gedanke war!

Ran erschauderte. Es wurde echt immer bizarrer. Erst ertappten sie Yoji, den tollen Frauenheld, Tokios Playboy Nummer eins (wie er sich selbst gern nannte) bei einer intensiven Partie Zungenhockey mit – ausgerechnet! – Brad Crawford! Dann flippte besagter Playboy völlig aus und gestand seine handarbeitlichen Hobbys vor versammelter Mannschaft. Und als ob das nicht schon genug wäre, nein, Farfarello hatte ebenfalls ein Hobby! Und noch dazu eines, das nichts mit Messern zu tun hatte! Seidenblumen! Ausgerechnet!

Ein berechnender Glanz schlich sich plötzlich in Rans Augen. Seidenblumen, hm. Vielleicht könnten sie die ebenfalls im Blumenladen anbieten. Wenn sie ordentlich gefertigt waren, dann könnte man damit vielleicht sogar einen ansehnlichen Gewinn erzielen. Darüber würde er später noch einmal genauer nachdenken müssen. Jetzt hatte er aber dringenderes zu erledigen.

Mit in die Seiten gestemmten Händen wandte er sich Schuldig zu und blickte diesen aus funkelnden Augen an. Schuldig erwiderte den stechenden Blick möglichst unschuldig und versuchte, diesen Effekt durch heftiges Wimpernklimpern noch zu unterstreichen. Ran schnaubte nur abfällig.

„Also,“ sagte Ran und bohrte seinen Blick weiter in Schuldig.

„Also was?“ war die harmlose Antwort.

„Du hast was damit zu tun. Das weiß ich. Spucks schon endlich aus!“

„Wie kommst du denn darauf?“ Erneutes unschuldiges Wimpergeklimper.

Ran kniff die Augen zusammen, doch noch bevor er etwas erwidern konnte, ließ sich schon Yoji vernehmen.

„Natürlich hat er was damit zu tun! Der Mistkerl hat mich seit zwei Wochen erpresst! Er hat gedroht, meine Hobbys zu verraten, wenn ich nicht alles tue, was er sagt!“ Yojis Tonfall klang fast weinerlich.

Ran richtete seine Aufmerksamkeit sofort zum immer noch auf dem Boden sitzenden Playboy.

„Du meinst, all die seltsamen Dinge, die du in letzter Zeit gemacht hast, hat Schuldig dir befohlen? Das Tanzen im Regen? Die Rattenschwänze? Die schrecklichen Klamotten? Und... hm,“ Ran ließ seinen Blick zu Brad wandern, der immer noch wie im Delirium wirkte.

Yoji lief knallrot an, nickte enthusiastisch und fügte noch hinzu, „Und den Küchendienst und die Schichten im Blumenladen hab ich auch nicht freiwillig für ihn übernommen!“

Ran richtete seinen unheildrohenden Blick wieder auf Schuldig. „Ist das so?“ sagte er. Schuldig wand sich unter seinem Blick. Ran setzte ein böses kleines Lächeln auf, das Schuldig noch nervöser werden ließ.

„Ran?“ fragte er unsicher. „Was hast du vor? Kätzchen?“ Sicherheitshalber trat er einen Schritt zurück – wer wusste schon, was Ran sich gerade bösartiges ausgedacht hatte. Er ja leider Gottes nicht. Verflixt aber auch, wieso nur funktionierte seine Telepathie ausgerechnet bei Ran nicht?

„Oh ich glaub ich weiß die perfekte Strafe für dich, Schuldig,“ Rans unheilvolles Lächeln wurde noch um eine Spur gemeiner. Schuldig schluckte und trat einen weiteren Schritt zurück. Nur um sicher zu gehen.

„Du wirst – zusätzlich zu deinen eigenen – Yojis Schichten im Blumenladen für die nächsten zwei Wochen übernehmen.“

Schuldig starrte Ran nur an. Schichten im Blumenladen? Das war alles? Er hatte jetzt ja mindestens mit zwei Jahren Sexentzug gerechnet. Aber zwei Wochen Doppelschichten im Blumenladen, das würde er doch mit links schaffen!

„Was???“ rief Yoji empört aus. „Das ist alles? Mehr kriegt er nicht als Strafe? Das ist doch wohl nicht dein Ernst, Ran!“

„Oh glaub mir, Yoji, das ist Strafe genug,“ sagte Ran, ließ aber Schuldig nicht aus den Augen. Langsam wurde diesem so richtig mulmig zu Mute. Rans teuflischer Blick verhieß nichts gutes. Was konnte denn an den Schichten im Blumenladen so schrecklich sein?

„Ich bin sicher, die Mädchen werden dich mögen, Schu. Sehr sogar. Sie werden dich bestimmt zum Fressen gern haben. Und du weißt ja, das ist Kundschaft. Die darfst du nicht einfach abknallen oder durch Gedankenmanipulation vertreiben. Du musst höflich bleiben, egal was passiert,“ Rans Tonfall klang jetzt eindeutig sadistisch.

Yojis Gesicht hatte sich inzwischen auch zu einem wissenden – und boshaften – Grinsen verzogen. Schuldig blickte unsicher zwischen den beiden hin und her. Ein paar kreischende Schulmädchen konnten doch wohl kaum so teuflisch sein, wie Ran und Yoji es ihn gerade glauben machen wollten, oder? Oder??

Immer noch das boshafte Grinsen im Gesicht drehte Ran sich um und verließ das Wohnzimmer. Verunsichert blickte Schuldig vom sadistisch kichernden Yoji zu Ken, der mit eindeutig nervösem Blick zu Farfarello starrte, und weiter zu Omi, der ihn eindeutig mitleidig ansah. Schuldig schluckte.

Kopfschüttelnd blickte Omi Schuldig hinterher, der gerade ein flehendes „Ran!“ rufend seinem Liebsten hinterher stürmte. Da hatte der Telepath sich echt was eingebrockt. Und obwohl er Schuldig den Manga-Zwischenfall schon fast verziehen hatte, so hatte Omi doch noch genügend Groll für diesen übrig, um nicht zuviel Mitgefühl zu empfinden.

Er und Nagi waren gerade dabei gewesen, die Email-Adressen von Schwarz etwas zu „verbessern“. Brad war jetzt unter Der-Chef-bin-ich@Wahrsager.com zu erreichen, Schuldig hatte Katzenminze@Stirnbänder-sind-cool.net verpasst bekommen, Nagi wollte unbedingt Ich-lass-Sachen-schweben@baka.com haben, und Farfarellos ursprüngliche Email-Adresse war – genau wie die von Ken – nicht wirklich verbesserungsnötig gewesen. Ich-mag-Messer@MesserMesserMesser.org sagte doch wirklich alles aus, oder?

Jedenfalls hatten sie sich gerade halb totgelacht, als Schuldigs mentaler Ruf sie erreicht und ins Wohnzimmer bestellt hatte. Omi hatte erst nicht gehen wollen, aber Nagi hatte ihm eine tolle Show versprochen und ihn einfach hinter sich hergezerrt. Und Omi hatte es sich gefallen lassen – weniger weil er diese „tolle Show“ nicht verpassen wollte, sondern vielmehr um Nagi den Gefallen zu tun.

Aber der kleine Telekinet hatte tatsächlich Recht gehabt, die Szene im Wohnzimmer hätte Omi um nichts auf der Welt verpassen wollen! Es war doch wirklich eine Wohltat zu sehen, das er nicht Schuldigs einziges Opfer gewesen war – und das es ihn bei weitem nicht am schlimmsten erwischt hatte! Aber wer hätte auch gedacht, das ausgerechnet Yoji Spitze klöppeln würde? Allein bei der Vorstellung fing Omi schon wieder an zu kichern.

Sich die Seiten haltend lehnte er sich an Nagi, der ebenfalls wieder zu lachen angefangen hatte. Dabei fiel sein Blick auf Ken, der wirklich sehr nervös aussah. Was hatte dieser denn? Und wieso drückte er sich so an die Wand und schob sich daran entlang Richtung Tür? Glaubte Ken etwa wirklich, dass das unauffällig war?

Offenbar schon, denn er hörte nicht damit auf, sondern robbte langsam zum Wohnzimmerausgang, und ließ dabei Farfarello keine Sekunde aus den Augen. Omi grinste, stupste Nagi in die Seite und wies mit dem Kopf in Kens Richtung.

Nagi folgte seinem Blick und grinste ebenfalls. „Ob er wohl wegen Farfie so ängstlich ist?“ raunte er Omi zu. Mann, in diesem Haushalt hatte man echt immer was zu lachen – war wirklich ne tolle Idee von Brad gewesen, hier einzuziehen.

„Hey Ken!“ rief Omi in diesem Moment aus und erreichte, das Ken erschrocken zusammenzuckte und seinen gehetzten Blick in Richtung der Chibis lenkte.

„Was ist los?“ fuhr Omi grinsend fort. „Du wirkst so – nervös. Geht’s dir nicht gut?“ Hah, wenn das nicht scheinheilig klang!

„Haha, natürlich geht’s mir gut, wieso fragst du?“ antwortete Ken fahrig und richtete seinen wachsamen Blick wieder auf Farfarello. „Aber ich muss jetzt dringend weg! Fußball! Genau, ich muss jetzt Fußball spielen gehen!“ Und mit diesen Worten flüchtete er schnurstracks aus dem Raum.

Nagi und Omi fingen wieder an laut zu lachen. Farfie warf den Chibis nur einen leicht amüsierten Blick zu, bevor er Ken folgte. Omi hatte so das Gefühl, das dieser dem Iren nicht so einfach entkommen würde.

Yoji, der – immer noch am Boden sitzend – Kens Abgang ebenfalls amüsiert beobachtet hatte, stand endlich auf und ging zu den glucksenden Chibis hinüber. Die beiden schienen sich wohl gar nicht mehr beruhigen zu können. Seufzend packte er sie an den Schultern und schob sie vor sich her aus dem Wohnzimmer.

Wieso mussten ausgerechnet er und die beiden Jüngsten des neuen Teams den für diesen Nachmittag geplanten Hit übernehmen? Sprich, wieso musste ausgerechnet er hier den Babysitter spielen? Er hätte diese Ungerechtigkeit ja auch gern auf Schuldig (den Mistkerl) geschoben, aber leider waren dafür Ran und Brad verantwortlich.

Bei dem Gedanken an den kühlen Schwarz-Leader lief Yoji schon wieder rot an. Wie würde er diesem nur jemals wieder unter die Augen treten können? Wie sollte er diesem sein Verhalten nur erklären? Gut, Schuldig hatte ihn zwar ursprünglich zu diesem Kuss gezwungen, aber seinen mehr als erregten Zustand konnte er Schuldig (dem Mistkerl) wohl nicht in die Schuhe schieben. Oder etwa doch?

Yoji hielt kurz inne, verwarf diese Idee dann aber wieder. Brad würde ihm das wohl kaum abnehmen – schon gar nicht, wenn er Yojis Erregung bemerkt hatte. Und Brad musste sein Zustand aufgefallen sein – er hatte es gar nicht NICHT bemerken können! Was für ein Durcheinander!

Yoji seufzte. Was für ein Glück, das er jetzt erst einmal zu diesem Hit flüchten konnte. Alles in allem war es wohl doch nicht so schlecht, das ausgerechnet er dafür ausgewählt worden war. Außerdem schien die Aufgabe auch nicht allzu schwer zu sein. Sie sollten in das Lagerhaus am Hafen gehen (in das Schuldig vor gut zwei Wochen schon mal eingebrochen war) und dort sämtliche Reste der Marionetten-Droge vernichten, die sie finden konnten. Ein Kinderspiel.

Weshalb die beiden Anführer wohl auch die Kinder losschickten. Mit ihm, Yoji, als Aufpasser. Hatte er schon erwähnt, wie ungerecht das war? Grummelnd verschwand Yoji in seinem Zimmer – nachdem er die kichernden Chibis in ihren jeweiligen Zimmern abgeliefert und mit ein paar strengen Worten an die vor ihnen liegende Aufgabe erinnert hatte – und begann sich für den Hit vorzubereiten.

Und im Wohnzimmer, unbeachtet von allen anderen, saß Brad Crawford immer noch völlig weggetreten auf dem Sofa, den glasigen Blick ins Nichts gerichtet und versuchte zu begreifen, was da gerade zwischen ihm und Yoji passiert war.



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Kapitel 6


Yoji seufzte. Warum, oh warum nur war er mit dieser Mission geschlagen? Und warum nur konnten diese beiden unreifen Kleinkinder auf der Rückbank nicht endlich mit dem dämlichen Gekicher aufhören? Yoji warf einen bösen Blick im Rückspiegel auf die besagten Kleinkinder, doch weder Omi noch Nagi ließen sich davon groß stören. Sie bemerkten den Blick wahrscheinlich gar nicht. Und das, obwohl Yoji sich doch solche Mühe damit gegeben hatte, Rans berüchtigten Deathglare zu erlernen! Stundenlang hatte er ihn vor dem Spiegel geübt. Aber scheinbar umsonst.

Das war ja so was von ungerecht! Wenn Ran seinen Deathglare aufsetzte, dann war es völlig egal ob die Person, für die dieser Blick gedacht war, gerade hersah oder nicht. Das Opfer sank so oder so tödlich davon getroffen zu Boden. Naja, im übertragenen Sinne zumindest. Aber er, Yoji, wurde einfach ignoriert. Und dabei hatte er doch die Leitung dieser Mission! Das war einfach nicht fair!

Wenn er wenigstens wüsste, worüber die beiden Chibis so haltlos kicherten! Aber er verstand nicht einmal die Hälfte von dem, was die beiden sagten! Ständig bewarfen sie sich mit Sätzen wie “Not king yet“, “Still the prettiest” und “Does a guy have to get shot full of arrows around here to get any action?”, nur um gleich darauf in wildes Gelächter auszubrechen! Das sollte mal jemand verstehen!

Aber glücklicherweise würde das jetzt endlich ein Ende haben, denn sie waren gerade im Hafen angekommen. Yoji stieg aus und wartete, bis die beiden Teenager ebenfalls das Auto verlassen hatten. Dann machte er sich auf den Weg in Richtung des FlowerPower-Lagerhauses. Nagi und Omi, die – ENDLICH – mit dem Gekicher aufgehört hatten, folgten ihm.

„Ich hoffe doch, das ihr beiden euch wenigstens solang beherrschen könnt, bis wir den Auftrag erledigt haben!“ konnte Yoji es sich dennoch nicht verkneifen.

Omi warf ihm einen gespielt unschuldigen Blick zu. „Warum denn so schlecht gelaunt, Yoji?“

Yoji warf den beiden Chibis nur einen genervten Blick zu und knurrte leise.

„Muss wohl die Frustration sein,“ warf Nagi ein und grinste Yoji breit an.

Yoji knurrte etwas lauter und warf Nagi einen drohenden Blick zu. Doch erstaunlicherweise kam die nächste bösartige Bemerkung von Omi. Ausgerechnet Omi, dem lieben, kleinen, unschuldigen Omi!

„Oh ja, das verstehe ich – wo Yoji doch so schnöde mitten in seinem Schäferstündchen mit Brad unterbrochen wurde.“

Yoji warf Omi einen ungläubigen Blick zu. Hatte er das jetzt wirklich richtig gehört?

„Du weißt ganz genau, das Schuldig mich dazu gezwungen hat!“ verteidigte Yoji sich vehement.

„Ja klar,“ kicherte Omi, „So hat es sich auch wirklich angehört. All das Gestöhne. Hat dir bestimmt nicht das geringste bisschen Spaß gemacht.“

Yoji lief rot an und stotterte, „Das... das... ich meine...“, was Nagi dazu veranlasste, ebenfalls zu kichern.

„Ach verdammt!“ rief Yoji schließlich frustriert aus und stapfte einfach wütend davon, ohne weiter darauf zu achten, ob die beiden Chibis ihm noch folgten. Jetzt musste er sich sogar schon von den beiden Kleinen veralbern lassen! Oh, wie gerne würde er Schuldig (den Mistkerl) jetzt in die Finger kriegen! Der war schließlich an allem schuld! Und das Omi auf einmal so vorlaut war, daran war garantiert auch der Telepath schuld! Schlechter Einfluss und so. Yoji war sich sicher.

Aber er würde seine Rache bekommen! Irgendwann, wenn Schuldig (der Mistkerl) überhaupt nicht mehr damit rechnen würde, dann würde Yoji es ihm heimzahlen! Jawohl! Ganz in Gedanken mit den schönsten Racheplänen beschäftigt bemerkte Yoji gar nicht, das sie schon längst am Lagerhaus angekommen waren.

„Hey Yoji, wo willst du denn hin?“ rief Omi, und riss Yoji damit aus seinen Gedanken. Yoji blieb stehen, drehte sich um und lief die paar Schritte zum Eingang wieder zurück.

„Wahrscheinlich war er in Gedanken bei Brad und was er gerne mit ihm machen würde,“ mutmaßte Nagi. Natürlich half es nicht, das Yoji bei dieser Bemerkung erneut rot anlief. Nein, es sorgte nur dafür, das die beiden Chibis erneut in spöttisches Gekicher ausbrachen. Verdammt!

„Können wir uns vielleicht endlich mal auf die Aufgabe konzentrieren?“ Yoji war jetzt wirklich mehr als genervt. „Ich möchte heute irgendwann noch mal nach Hause kommen!“

Omi und Nagi bemühten sich beide, ernste Gesichter zu machen, und obwohl Yoji meinte, von Omi ein leise gemurmeltes „Klar, wahrscheinlich um mit Brad da weiterzumachen, wo er vorhin aufgehört hat,“ zu hören, so entschied er sich doch dazu, hoheitsvoll darüber zu stehen und es einfach zu ignorieren.

Nagi, der nach Omis letzter Aussage wirklich große Schwierigkeiten hatte, halbwegs ernst zu bleiben und nicht schon wieder in Gelächter auszubrechen – Yoji sah inzwischen WIRKLICH angepisst aus – öffnete das schwere Tor mit seinen Kräften lautlos. Seine beiden Kollegen schlüpften hindurch, und nachdem auch Nagi die Lagerhalle betreten hatte, ließ er das Tor ebenso lautlos wieder zufallen.

So weit, so gut. Jetzt mussten sie das Lagerhaus nur noch nach der Droge durchsuchen – und dabei nur nicht das Büro vergessen, schließlich war Schuldig dort damit in Kontakt gekommen – und dann konnten sie endlich wieder abziehen. Und Nagi und Omi konnten damit weitermachen, womit sie noch schnell begonnen hatten, bevor Yoji sie gepackt und zum Auto runtergeschleift hatte – nämlich sich gegenseitig ihre Lieblingsseiten im Netz zu zeigen.

Nagi konnte es kaum glauben, wie gut er sich mit Omi verstand. Endlich war da jemand, der wusste wovon er sprach! Der sich mit Computern ebenso gut auskannte wie er selbst! Der dieselben Interessen hatte! Und den gleichen Humor! Und der ebenso alt war wie er! Naja, gut, Omi war etwas älter, aber im Gegensatz zu all den anderen waren sie praktisch gleich alt.

Leise aber gründlich durchsuchten die drei die untere Lagerhalle. Wenn eine der Kisten zu schwer war, um sie zu verschieben, so half Nagi mit seinen Kräften aus, und bald hatten sie alles durchsucht. Doch von der Droge hatten sie erst mal nichts gefunden.

Rasch liefen sie die Treppe hinauf und durchsuchten auch die Lagerräume in den oberen Stockwerken und das Büro. Doch entweder war der eine Karton „Mehl“ – Nagi verdrehte jedes Mal die Augen, wenn er an Schuldigs Naivität dachte – alles gewesen, was sich jemals hier befunden hatte, oder Gänseblümchen hatte die Droge inzwischen fortschaffen lassen.

„Tja, sieht so aus als wären wir umsonst gekommen. Hier gibt es nichts mehr von der Droge,“ verkündete Yoji in diesem Moment leise. „Lasst uns verschwinden, bevor uns noch jemand hier erwischt.“

Gesagt, getan, rasch liefen die drei die Treppen wieder hinunter und wollten sich gerade wieder auf dem selben Weg wieder aus dem Lagerhaus schleichen, auf dem sie es betreten hatten, als sie aufgehalten wurden.

„Oh Shit,“ sagte Yoji und starrte die drei Gestalten, die ihnen den Weg versperrten, genervt an. „Primel, Dotterblume und Löwenzahn. Die haben uns gerade noch gefehlt.“

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Schuldig goss fahrig ein paar Blumen. Er half Ran jetzt seit ungefähr einer Stunde im Blumenladen aus, und bis jetzt war noch nichts wirklich furchterregendes geschehen – außer das er sich beinahe tödlich langweilte. Was ihn aber nur um so nervöser werden ließ. Was, oh was konnte an ein paar Schulmädchen nur so schrecklich sein, das Yoji zwei Wochen Extraschichten als gerechtfertigte Strafe für Schuldig ansah?

Nun ja, in ein paar Minuten würde er es ja wissen. Dann würde nämlich der erste Ansturm beginnen, da die Schule gleich enden würde. Normalerweise hätten Nagi und Omi ja auch Unterricht gehabt, aber deren Schule hatte ein kleines – ok, ein größeres – Ungezieferproblem und war deswegen diese Woche geschlossen. Was auch der Grund dafür war, warum die beiden mitten am Tag mit Yoji einen Hit erledigen konnten. Aber zurück zu Schuldigs augenblicklichem Problem.

Er hatte versucht, mit Ran vernünftig darüber zu reden. Doch Ran hatte nur geblockt und ihm weiter erklärt, wie man Sträuße richtig zu binden hatte. Als ob Schuldig das wirklich interessieren würde! Aber immer wenn er Ran gefragt hatte, was denn so schlimm an diesen Mädchen war, hatte Ran ihn nur ganz gemein angelächelt und war dann wieder zum jeweiligen Blumengesteck zurückgekehrt. Argh! Schuldig war kurz davor, vor Wut und Frustration in die Tischkante zu beißen. Oder die Flucht zu ergreifen. Je nachdem.

Gerade jetzt im Moment tendierte er eher zu letzterem. Aber wenn er sich jetzt verdrücken würde, dann würde Ran ihm das ewig vorhalten! Und Yoji erst! Nein, Schuldig würde sich nicht von ein paar kleinen Mädchen verscheuchen lassen! Er war ein ganzer Mann, und das würde er Ran und Yoji schon beweisen! Genau!

In diesem Moment ertönte das fröhliche Klingeln der Tür, und eine ganze Horde Mädchen in den verschiedensten Schuluniformen stürmte herein. Sofort verteilten sie sich im ganzen Laden, warfen Ran verliebte Blicke zu, erkundigten sich nach Yoji, Ken und Omi, und scharrten sich neugierig um Schuldig.

„Nur die Ruhe, Mädchen!“ rief Ran gerade und kämpfte sich einen Weg zu Schuldig frei, „Yoji, Ken und Omi sind heute nicht da. Aber wir haben einen neuen Mitarbeiter, Schuldig hier, und er wird sich mit Freuden um all eure Wünsche kümmern!“ Mit diesen Worten klopfte Ran Schuldig aufmunternd auf die Schultern, bevor er sich wieder zurück zum Tresen kämpfte.

Schuldig blickte ihm böse hinterher. Wie konnte Ran nur so gemein sein? Er sollte sich ganz allein um all diese Mädchen kümmern? Das war nicht fair. Und warum zum Teufel mussten die sich auch so eng um ihn scharren?

„Oh wirklich?“

„Schuldig-kun, kannst du mir beim aussuchen der Blumen helfen?“

„Schuldig-san, wirst du jetzt auch öfter hier sein, so wie Brad-san und Nagi-san?“

Schuldig konnte sich gerade noch beherrschen, sich die Hände vor die Ohren zu halten. Die Mädchen kreischten alle wild durcheinander und gaben ihm nicht den geringsten Freiraum. Und mussten die ihn alle an den Haaren ziehen? Das tat doch weh und war eindeutig verboten! Als ob die noch niemals rote Haare gesehen hatten! Ran hatte doch schließlich auch welche! Natürlich würde sich niemand trauen, an Rans Haaren zu ziehen – bei dem bösen Blick den dieser immer aufsetzte.

Allerdings schaute Ran gerade im Moment nicht ganz so böse – eher amüsiert und schadenfroh, wie Schuldig feststellte, als er Ran einen flehenden Blick zuwarf. Schuldig war wirklich versucht, seine Telepathie einzusetzen und all die Mädchen einfach aus dem Laden zu scheuchen. Nur leider hatte Ran ihm strickt verboten, sowas zu tun. Er durfte die Kundschaft nicht telepathisch manipulieren. Das könnte ihre Tarnung gefährden. Ran würde das bemerken – hatte dieser zumindest behauptet und ihm gleichzeitig furchtbare Strafen angedroht – und Schuldig wollte das Risiko lieber nicht eingehen und es austesten.

Überhaupt hatte Ran ihm einen Haufen Regeln für den Laden gegeben. Er durfte die Kundschaft nicht manipulieren, musste immer freundlich bleiben, sollte sich um die Blumen kümmern, und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hatte er auch noch seine Finger bei sich zu lassen. Was bedeutete, er durfte Ran nicht umarmen, oder küssen, oder sonst wie anfassen, solange sie sich im Laden befanden. Alles nur wegen der Kundschaft. Wie unglaublich fies und gemein! Wie sollte Schuldig es nur den ganzen Tag lang aushalten, mit Ran zusammen im Laden zu stehen, ohne diesen wenigstens ab und zu ein bisschen anzuflauschen?

Schuldig war so sehr damit beschäftigt, in Gedanken zu schmollen, das er all die Mädchen fast vergessen hatte. Doch er wurde sehr schnell wieder daran erinnert. Und zwar in Form einer Hand, die sich auf seinen Hintern legte. Schuldig riss die Augen weit auf und drehte sich hastig um. Hatte er das jetzt wirklich gespürt? Oder halluzinierte er schon?

Die Mädchen hinter ihm sahen ihn alle mit großen, unschuldigen Augen an. Schuldig schüttelte leicht den Kopf. Wahrscheinlich hatte er es sich nur eingebildet. Immerhin, diese Mädchen waren doch alle höchstens 15 oder 16 Jahre alt, die würden doch niemals... oder?

Hastig machte Schuldig sich daran, die Bestellungen der Mädchen zu erfüllen. Er musste weg von diesem irren Haufen! Er hatte das Gefühl, das die Mädchen ihn mit ihren hungrigen Blicken geradezu auszogen – und ein kurzer Blick in die Gedanken von einigen von ihnen bestätigte dieses Gefühl auch noch – und Schuldig bekam es langsam mit der Angst zu tun. So musste sich eine Gazelle in einem Löwenkäfig fühlen.

Da! Diesmal war Schuldig sich sicher! Irgendjemand hatte ihm den Hintern getätschelt! Das hatte er sich jetzt garantiert nicht eingebildet! Empört drehte er sich um, doch wieder erblickte er nur unschuldige Gesichter, die ihn bewundernd anstarrten. Schuldig warf einen gequälten Blick in Rans Richtung, doch der arbeitete fröhlich an irgendeinem Gesteck und ignorierte Schuldigs Not total.

Schuldig seufzte und wandte sich wieder den Blumen zu. Gott, das würden zwei laaaaange Wochen werden. Doch Schuldig hatte kaum damit begonnen, einen Strauß zusammenzustellen, als er erneut hochfuhr und erschrocken quiekte. Jemand hatte ihn in den Hintern gekniffen! Das konnte doch wohl nicht wahr sein!

Mit zusammengekniffenen Augen drehte Schuldig sich um. Er würde jetzt ein für alle Mal herausfinden, wer das war, und dann würde er dem ein Ende bereiten! Koste es was es wolle! Rasch und methodisch durchkämmte er telepathisch die Gedanken der anwesenden Mädchen und dann fand er sie. Aber das konnte doch gar nicht sein! Das Mädchen wirkte so unschuldig! Und so süß und brav! Als könnte sie keiner Fliege was zuleide tun! Aber ihre Gedanken... Jep, sie war es eindeutig. Und... oh Gott, sie wollte WAS mit seinem WAS tun?

Schuldig starrte das betreffende Mädchen ungläubig mit offenem Mund an. Das konnte doch nicht wahr sein! Wie konnte denn ein Mädchen in diesem unschuldigen Alter derartige Gedanken haben? Schuldig konnte nur fassungslos den Kopf schütteln. Aber scheinbar war das Mädchen keine große Ausnahme. Die anderen hier im Blumenladen waren nicht wirklich besser, nur nicht ganz so explizit und detailverliebt.

Moment mal, wenn diese Mädchen in Bezug auf Schuldig so dachten, hieß das dann, das sie auch... Schuldig ließ seinen Blick zu Ran schweifen. Es war ja eine Sache, wenn sie sowas über ihn dachten, aber wehe eine von denen wagte es auch nur, auf diese Art an SEINEN Ran zu denken!

Schuldig durchsuchte erneut die Gedanken der Mädchen. Da! Schon wieder dieselbe von vorhin! Und sie dachte an Ran! Und an Schuldig! Und Yoji!?! Omi? Nagi?? Brad??? Ken???? Sie alle zusammen????? Schuldig erbleichte. Das konnte doch nicht sein – hatten die denn überhaupt nichts anderes im Kopf? Und wenn sie schon sowas dachte, musste es dann ausgerechnet eine Orgie mit Brad und Yoji sein? Allein die Vorstellung... Schuldig schüttelte sich.

Als das Mädchen jedoch begann, Ran in Gedanken auszuziehen, hatte Schuldig genug. Niemand außer ihm durfte sein Kätzchen in Gedanken ausziehen, damit das mal klar war! Mit einem aufgebrachten Schnauben riss sich Schuldig die Schürze runter, warf sie zu Boden und stapfte zu Ran rüber.

Dieser konnte nur ein erschrockenes „Was zum...?“ rufen, bevor Schuldig ihn am Arm packte und aus dem Blumenladen zerrte.

„Schuldig, was soll das? Lass mich gefälligst sofort los!“ zeterte Ran, während er vergeblich versuchte sich aus Schuldigs Griff zu befreien. Doch Schuldig ignorierte Rans Befreiungsversuche einfach, blieb stehen und warf sich Ran kurzerhand über die Schulter, bevor er weiter in Richtung Treppe stapfte.

„Schuldig! Wir können den Blumenladen doch nicht einfach völlig unbeaufsichtigt lassen! Lass mich runter!“ Ran zappelte wild hin und her und versuchte Schuldig zur Umkehr zu bewegen.

Oh richtig, der Blumenladen. Nein, den konnten sie wirklich nicht unbeaufsichtigt lassen. Wer wusste was diese aufgebrachten Mädchen dort anrichten würden? Nicht das Ran ihm nachher noch vorwerfen konnte, er hätte dem Laden geschadet.

<Brad?>

Stille.

<Brad? Hallo? Jemand zu Hause? BRAD!>

‚Hm?’ kam die träge Antwort.

<Ich glaub es einfach nicht. Hockst du etwa immer noch völlig weggetreten im Wohnzimmer? Genug geträumt, Braddy, du musst mich und Ran im Blumenladen vertreten.>

‚Was? Im Blumenladen? Wieso vertreten? Ich bin doch gar nicht dran.’

<Mann, du musst ECHT weggetreten sein, wenn du dich nichtmal über „Braddy“ aufregst. Also entweder vertrittst du uns, oder der Laden bleibt eben leer. Könnte aber eventuell unsere Tarnung gefährden. Darfst du selbst entscheiden.>

Brad seufzte auf. Na gut, dann würde er eben endlich vom Sofa aufstehen und Ran und Schuldig im Blumenladen vertreten. Auch wenn er nicht wusste, wieso die beiden Vertretung nötig hatten. Aber er würde auf keinen Fall ihre Tarnung gefährden, also machte Brad sich auf den Weg. Nur um dann völlig geschockt in der Tür des Ladens stehen zu bleiben.

Schulmädchen. Überall lauter Schulmädchen. Verdammt. Wieso hatte er nicht daran gedacht? Und wieso nur hatte er sich von Schuldig so einfach dazu überreden lassen? Mit einem schweren Seufzer stürzte Brad sich ins Gefecht.





[1] Diese Tagebücher sind ein absolutes MUSS – zwar auf Englisch, aber auf jeden Fall zu empfehlen! http://homepages.nyu.edu/~amw243/diaries/