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Streng vertraulich Teil 1 - 5


Kapitel 1


Heero hob die Hand und klopfte an der Tür. Obwohl es eigentlich gar keinen Grund dafür gab spürte er jetzt wo es tatsächlich soweit war doch eine leichte Nervosität. Aber das war verständlich, immerhin hatte er so etwas noch niemals gemacht und eigentlich auch gar keine Ahnung was ihn erwarten würde. Da war es wohl nur allzu klar dass er ein wenig nervös war.

"Herein!" rief eine Frauenstimme von Innen und Heero öffnete die Tür. Im Inneren des kleinen Büros saß eine Frau in Schwesterntracht an einem Schreibtisch. Sie trug eine Brille, hatte ihre langen Haare zu zwei Schnecken um den Kopf gewunden und sah ihm mit strengem Blick fragend entgegen.

Heero schluckte kurz. "Mein Name ist Heero Yuy," sagte er. "Ich bin hier wegen-"

"Ah ja," unterbrach die Frau ihn. "Unser neuer Praktikant."

Heero nickte leicht.

"Wir haben Sie schon erwartet. Ich werde nur schnell oben Bescheid sagen dass Sie hier sind und dann kommt jemand und holt Sie ab," sagte die Frau und griff nach dem Hörer des Telefons. Sie wechselte ein paar kurze Worte mit irgendjemandem am anderen Ende, dann legte sie auf und bedeutete Heero sich doch solange hinzusetzen, während er wartete.

Heero kam ihrer Aufforderung nach und setzte sich auf den Rand eines der Stühle. Er fühlte sich im Moment nicht sonderlich wohl in seiner Haut - so ging es ihm immer wenn er sich in einer ihm ungewohnten Situation und Umgebung wieder fand - und das zeigte sich deutlich in seiner angespannten Körperhaltung. Auch wenn Heero bezweifelte das es irgendjemandem aufgefallen wäre - die meisten Menschen waren der Meinung, er wäre stets völlig ruhig und gefasst, ja beinahe emotionslos. Das stimmte nicht, Heero war ebenso nervös und aufgeregt wie jeder andere auch, nur war eben seine Körperbeherrschung besser als die der meisten Menschen und so zeigte er seine Gefühle nur selten nach außen hin.

Glücklicherweise musste Heero nicht lange warten, schon Minuten später öffnete sich die Tür und eine weitere Frau in Schwesterntracht betrat den Raum. Sie war kleiner als Heero - vielleicht 1,60 Meter - hatte kurzes, dunkelblondes Haar, eine Menge Lachfältchen um die freundlichen Augen und ein fröhliches Lächeln im Gesicht.

"Ah, Helen, da bist du ja," begrüßte die Frau hinter dem Schreibtisch den Neuankömmling. "Das hier ist Heero Yuy, dein neuer Praktikant." Sie deutete auf Heero.

Die Frau - Helen - sagte "Danke, Une," drehte sich um und kam lächelnd auf Heero zu. "Heero, schön dich kennen zu lernen," sagte sie und streckte Heero die Hand entgegen. Heero erhob sich und schüttelte ihre Hand. "Ich bin Schwester Helen," fuhr Helen fort, "die Stationsleiterin von Station 15."

Heero nickte ihr zu und murmelte ein paar Begrüßungsworte.

Helen legte den Kopf schief und lächelte zu Heero auf. "Dann wollen wir dich erst einmal einkleiden, und dann zeige ich dir die Station, in Ordnung?"

Heero nickte. Schwester Helen drehte sich um und verließ das kleine Büro forschen Schrittes, und Heero folgte ihr. Gemeinsam liefen sie den Gang entlang wieder hinaus in die große Eingangshalle des Krankenhauses und dann weiter zum Treppenhaus.

"Also Heero," sagte Schwester Helen während sie die Treppen ins Untergeschoß hinabliefen, "wie lange wirst du denn jetzt hier bei uns bleiben?"

"Sechs Wochen," antwortete Heero.

"Ah ja. Sechs Wochen," antwortete Schwester Helen, "das ist lang genug um sich wirklich ein Bild machen zu können. Wir haben hier auch viele Praktikanten die gerade mal eine Woche bleiben - und wirklich, was kann man in einer Woche schon mitkriegen?" Sie lächelte Heero freundlich zu.

"Nicht viel, denke ich," murmelte Heero. Genau wie mit ungewohnten Situationen hatte er auch mit ihm fremden Menschen ebenso seine Schwierigkeiten. Er war einfach nicht die Sorte Mensch, die sofort mit jedem Fremden einfach so ins Gespräch kommen konnte.

Doch Schwester Helen schien sich nicht daran zu stören, sondern plauderte fröhlich weiter mit Heero, deutete auf verschiedene Stationen an denen sie vorbeikamen und erklärte Heero, dass er sich deren Standorte am besten gleich merken könnte, da er wahrscheinlich die meisten Botengänge in den nächsten sechs Wochen übernehmen würde.

Heero nickte dazu - es machte Sinn den Praktikanten dafür herzunehmen - und versuchte sich den Grundriss des Gebäudes so gut wie möglich einzuprägen. Dann war Schwester Helen schließlich an ihrem Ziel angekommen. 'Wäschekammer' stand an der Tür, an die sie kurz klopfte und dann öffnete.

Im Inneren der Wäschekammer waren sämtliche Wände mit Regalen ausgekleidet, in denen sich weiße Uniformen stapelten. Hosen, Hemden, Kittel in allen Größen. Der zuständige Pfleger kam ihnen entgegen und begrüßte sie. Dann wurde Heero nach seiner Kleidergröße gefragt, und anschließend wurde ihm ein Stapel Hosen und Oberteile in die Hand gedrückt. So voll beladen folgte er Schwester Helen schließlich wieder hinaus zum Treppenhaus.

Doch diesmal nahmen sie nicht die Treppe, sondern Schwester Helen drückte den Knopf für den Aufzug. "Es ist auch so schon heiß genug, da müssen wir uns nicht auch noch zusätzlich abplagen und zu Fuß bis in den zweiten Stock laufen, oder?" sagte sie zwinkernd.

Heero konnte ihr hinter seinem Wäschestapel nur zustimmen. Es war Ende Juni, und das Wetter draußen konnte nur als scheußlich bezeichnet werden. Zumindest wenn man arbeiten musste und nicht faul irgendwo im Schwimmbad rumhängen konnte. Die Sonne schien, es hatte über 30 Grad, und es herrschte eine derart drückende, feuchtschwüle Hitze dass einem schon vom Atmen allein der Schweiß ausbrach.

"So, und das hier ist Station 15," sagte Schwester Helen als der Aufzug im zweiten Stock hielt und sie und Heero ausstiegen. Heero warf einen Blick um seine Uniformen herum und sah mehrere breite Gänge die durch je zwei große Glastüren vom Flur und dem Treppenhaus abgetrennt waren. Schwester Helen führte ihn direkt zu einem dieser Gänge.

"Hier auf Station 15 haben wir hauptsächlich Patienten mit Problemen an der Wirbelsäule," erklärte Helen. "Ab und zu ist auch der eine oder andere Patient mit Hüft- oder Beingeschichten dabei, aber eher selten. Die sind normalerweise auf Station 16." Sie blieb vor einer Tür direkt am Anfang der Station stehen. "Aber zieh dich zuerst einmal um. Da drinnen sind unsere Spinde, such dir einfach einen leeren Spind aus. Ich warte hier so lange."

Heero nickte stumm und betrat den Raum. Wie Schwester Helen gesagt hatte befanden sich einige Spinde darin, und Heero nahm einfach den ersten leeren den er finden konnte. Erleichtert legte er die Uniformen hinein - warum nur hatte der Mann unten in der Wäschekammer ihm so viele davon gegeben? - zog seine Jeans und sein T-Shirt aus und schlüpfte in eine der weißen Hosen und Hemden. Dann trat er wieder hinaus auf den Gang.

Schwester Helen lächelte ihm entgegen. "Fertig? Dann komm mit." Sie drehte sich um und ging auf die Mitte des breiten Ganges zu, wo Heero so eine Art Tresen erkennen konnte. Zu beiden Seiten des Tresens und auch an der gegenüberliegenden Wandseite befanden sich Türen, die zu den Patientenzimmern führten, wie Heero anhand der Namensschilder erkennen konnte.

Der Tresen auf den sie beide zusteuerten entpuppte sich als der Eingang des Schwesternbereichs, der aus bestand einem kleinen Büro, einem Aufenthaltsraum, einer winzigen Küche und einer Toilette bestand. Und wie Heero von Schwester Helen erfuhr, hatten die Patienten keinen Zutritt zu diesem Bereich, etwas dass einige der besagten Patienten nicht immer zu begreifen schienen.

"So," sagte Schwester Helen als sie zusammen mit Heero den Aufenthaltsraum betrat. "Das hier ist Heero, unser Praktikant für die nächsten sechs Wochen," stellte sie Heero vor. "Und das hier sind Alex, Sylvia, Mary, Ben und Hilde," nannte sie die Namen der um den großen Tisch im Aufenthaltsraum sitzenden Personen. Heero nickte jedem stumm zu.

"Ich hoffe du hast nichts dagegen dass wir uns hier alle völlig unabhängig von Alter und Rang duzen, Heero," sagte Helen. "Nur die Ärzte sind ein etwas anderes Kaliber, einige von ihnen haben ebenfalls nichts dagegen geduzt zu werden, andere wiederum bestehen darauf mit 'Sie' und 'Doktor' angeredet zu werden. Aber das wirst du auch noch merken," fügte sie mit einem Zwinkern hinzu.

"Hey Heero," sagte das schwarzhaarige Mädchen das ihm mit 'Hilde' vorgestellt worden war. "Wir haben gerade Frühstückspause, willst du auch etwas essen?"

Heero schüttelte den Kopf. "Nein danke, ich hab gerade erst gefrühstückt," erwiderte er.

Hilde legte den Kopf schief. "Wie sieht's mit Kaffee aus?" fragte sie, hob die Thermoskanne die sie in der Hand hielt und schüttelte sie leicht.

Heero nickte. Gegen Kaffee hatte er jetzt wirklich nichts einzuwenden. Er nahm sich eine der Tassen die in der Mitte des Tisches standen und hielt sie Hilde hin, die ihm auch prompt eingoss. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Platz zurück und Heero folgte ihrem Beispiel und suchte sich ebenfalls einen Platz am Tisch.

Schwester Helen hatte sich inzwischen ebenfalls wieder niedergelassen und unterhielt sich jetzt angeregt mit der Frau die sie als Mary vorgestellt hatte. Heero lehnte sich leicht zurück und ließ seinen Blick über die Runde wandern. Glücklicherweise trugen alle hier Namensschilder. Heero hätte sonst sicherlich Schwierigkeiten am Anfang gehabt - er hatte ein wirklich schreckliches Namensgedächtnis, normalerweise brauchte es einige Zeit bevor er sich neue Namen merken konnte.

Außer den Namen standen außerdem auch noch die genauen Berufsbezeichnungen auf den Namensschildern und so studierte Heero die hier Anwesenden neugierig. Außer ihm selbst waren noch zwei weitere Männer anwesend - Alex und Ben. Beide waren älter als er, sicherlich Ende 30, und beide trugen die Berufsbezeichnung 'Krankenpfleger'.

Die Frauen waren sich vom Alter her nicht so ähnlich. Die jüngste schien Hilde zu sein, Heero schätzte sie auf sicherlich drei bis vier Jahre jünger als er selbst. Und ihre Bezeichnung bestätigte diese Einschätzung auch - 'Schwesternschülerin' stand auf ihrem Namensschild. Die nächste war Sylvia, die Heero auf ungefähr Ende Zwanzig, Anfang Dreißig schätzte. Sie war blond, hübsch und offensichtlich schwanger.

Als letztes blieben nur noch Mary und Helen übrig, die ungefähr gleich alt zu sein schienen. Auf Marys Schild stand 'Krankenpflegehelferin', im Gegensatz zu Sylvias und Helens Schildern auf denen 'Krankenschwester' stand. Heero grübelte einen Moment was wohl der Unterschied zwischen den beiden wäre, kam aber zu keinem Ergebnis.

Inzwischen war die Frühstückspause offenbar zu Ende, denn die Schwestern und Pfleger standen auf und begannen das benutzte Geschirr wegzuräumen. Heero folgte ihrem Beispiel und half ihnen dabei.

Als der Aufenthaltsraum wieder ordentlich war, wandte sich Schwester Helen wieder an ihn. "So Heero, am besten kommst du einfach mit mir mit. Wenn du Fragen hast, dann frag uns, ansonsten machst du einfach das was wir dir sagen."

Und genau so sahen die nächsten sechs Stunden dann für Heero auch aus. Wie sie es gesagt hatte folgte Heero Schwester Helen einfach auf Schritt und Tritt. Er lernte welche Formulare bei der Aufnahme neuer Patienten auszufüllen waren, wie man den Blutdruck maß, wo man den Puls fand, wie man frisch an der Wirbelsäule operierte Patienten richtig drehte, schob gebrauchte Betten aus den Zimmern der soeben entlassenen Patienten um sie anschließend durch saubere Betten zu ersetzen und erledigte jede Arbeit die ihm aufgetragen wurde.

Dabei ging es gar nicht so hektisch zu wie Heero sich das erst vorgestellt hätte. Natürlich gab es Phasen wo es fast zu wenig Schwestern und Pfleger zu geben schien, um all die Aufgaben und Wünsche der Patienten zu erledigen. Doch dazwischen gab es auch immer wieder Momente, in denen es völlig ruhig war. Kein Klingeln der Patienten, kein Bett das geschoben werden musste, kein Botengang der zu erledigen war. In diesen Momenten saßen die Schwestern und Pfleger im Aufenthaltsraum und im Büro, gaben Aufträge an das Labor und die orthopädische Werkstatt in den Computer ein, vervollständigten die Patientenkurven und füllten die Medikamentenschächtelchen der Patienten für den nächsten Tag auf.

Heero hatte während solcher Momente nichts zu tun. Aber dadurch das alles einfach noch so neu und ungewohnt für ihn war langweilte er sich dennoch nicht. Es war wirklich interessant zu beobachten was all diese verschiedenen Zeichen in den Kurven zu bedeuten hatten. Und er lauschte interessiert den Gesprächen der anderen.

Eines der Hauptgesprächsthemen waren natürlich die Patienten. Obwohl natürlich jeder von ihnen der Schweigepflicht unterlag was Patientendaten anging, so galt das natürlich nicht für Gespräche untereinander. Sie gehörten schließlich zum Pflegepersonal. Und auch wenn Heero mit den meisten Namen der Patienten noch nicht viel anfangen konnte - einfach weil er die Patienten noch nicht kannte - so konnte er sich dennoch bereits eine recht klare Meinung über sie bilden.

Es gab Patienten die mitarbeiteten, sich an die Anweisungen des Personals hielten und kurz gesagt einfach eine Freude waren. Und dann waren da die anderen. Diejenigen die sich auffällig verhielten - sei es weil sie sich nicht an die Anweisungen hielten, oder weil sie nicht mitarbeiteten oder manchmal schlicht und einfach auch weil sie Nervensägen waren. So grausam das auch klang.

Denn das Personal hatte wirklich eine Menge zu tun - hier auf Station 15 kamen im Moment immerhin nur sechs Schwestern und Pfleger und ein ungeübter Praktikant auf ungefähr 30 Patienten. Da waren solche Wünsche wie 'Ich möchte geduscht werden und etwas frisches anziehen weil ich beim Essen etwas gekleckert habe' wirklich entnervend - vor allem wenn der Patient erst am selben Morgen geduscht und neu eingekleidet worden war. Wenn dann diese Forderungen auch noch im 5-Minuten-Takt wiederholt wurden, dann konnte man sicherlich verstehen warum das Personal davon mehr als genervt war.

Alles in allem musste Heero sagen, dass sein erster Tag im Praktikum doch sehr schnell verging. Er hatte gar nicht gemerkt dass schon beinahe sechs Stunden vergangen waren, als um halb eins die Spätschicht eintraf. Offenbar war Nachmittags nicht ganz so viel los, denn die Spätschicht bestand nur aus drei Leuten statt aus sechs. Und die Frühschicht schien auch heilfroh zu sein, endlich nach Hause zu können.

Da Heero seinen Dienst erst um acht Uhr begonnen hatte, statt wie die Frühschicht schon um sechs Uhr, musste er noch zwei Stunden bleiben. Nach der Dienstübergabe - die jedes Mal bei Schichtwechsel stattfand und bei der der neuen Schicht alles über die Patienten mitgeteilt wurde, was während der vorherigen Schicht angefallen war - verabschiedete er sich von Schwester Helen und den anderen.

Schwester Peggy, Schülerin Jenny und Pfleger Tom - so die Namen der Spätschicht - setzten sich in den Aufenthaltsraum und studierten erstmal die Kurven der Patienten. Da Heero im Moment nichts zu tun hatte, schloss er sich ihnen einfach an.

"Also Heero," sagte Tom, ein etwas älterer Mann in den Fünfzigern, schließlich als er mit seinen Kurven fertig war, "Wie findest du das Praktikum bis jetzt?"

Heero zuckte mit den Achseln. "Hektisch," war die schlichte Antwort.

Tom lachte kurz auf. "Das glaub ich dir. Aus welchem Grund machst du denn das Praktikum hier?"

"Ich mache zur Zeit eine Ausbildung zum MTA, und wir müssen im ersten Ausbildungsjahr ein sechswöchiges Krankenpflegepraktikum absolvieren. Und deshalb bin ich jetzt hier." [1]

"Ah ja," nickte Tom. "Und wenn du hier fertig bist? Hast du dann noch Unterricht oder Ferien?"

"Ferien," antwortete Heero. "Für mich sind die Prüfungen in diesem Jahr schon alle gelaufen."

"Du Glücklicher," stöhnte Jenny. "Ich hab meine erst noch vor mir."

"Na, so schlimm sind sie auch nicht," warf Peggy ein.

"Jaja, du hast gut reden. Du hast sie ja auch schon hinter dir," empörte sich Jenny, doch Heero konnte sehen dass die Empörung nicht ernst gemeint war. Peggy verdrehte daraufhin auch nur die Augen.

"Ts, hier wird man aber auch nie ernst genommen," schnaubte Jenny und stand auf. "Komm Heero, wir kümmern uns jetzt mal um die Wäschesäcke."

Heero stand ebenfalls auf und folgte Jenny nach draußen. Am vorderen und am hinteren Ende der Station stand jeweils ein Wagen mit vier bunten Stoffsäcken - rot, grün, gelb und blau.

"Die Wäsche wird hier schon sortiert bevor sie nach unten gebracht wird," erklärte Jenny. "Hier in die blauen Säcke kommt die Bezüge von den Bettdecken und den Kissen. In die grünen Säcke kommen Durchzieher und Bettlaken. In die gelben Säcke kommen kleine Sachen, so wie die Bezüge von den kleinen Kissen, Tücher, Schlabberlatz und so weiter. Und in den roten Sack kommen Handtücher und Waschlappen. Einmal jede Schicht müssen die Wäschesäcke ausgeleert werden."

Heero nickte und zog sich - Jennys Beispiel folgend - ebenfalls Handschuhe an und half ihr die Wäsche aus einem Wagen in die Säcke des anderen Wagens zu stopfen. Wozu sollte man schließlich zwei halbvolle Säcke jeder Farbe zusammenschnüren, wenn man auch nur einen ganz vollen Sack nehmen konnte?

Nachdem sie alle Säcke umgefüllt hatten schoben sie den Wagen mit den vollen Säcken aus der Station hinaus in den Flur. Dort, hinter einem Vorhang wurden die vollen Wäschesäcke abgeladen und dann später vom Wäschepersonal abgeholt.

Heero war gerade dabei den blauen Sack vom Wagen zu nehmen und zu verschnüren als plötzlich mehrere Stimmen und Gelächter zu hören waren. Vor allem eine Stimme stach besonders hervor - ein heller Tenor, die Stimme eines jungen Mannes.

"Oh, oh, schnell," rief Jenny hektisch, ließ ihren Wäschesack fallen und beeilte sich um den Kopf aus dem Vorhang hervorzustecken. Heero tat es ihr nach - schließlich hatte man ihm ja gesagt er sollte einfach alles tun was ihm gezeigt wurde, und wenn er ehrlich war dann war er auch neugierig was denn diese Reaktion ausgelöst hatte.

Doch alles was Heero noch sehen konnte waren die Rücken von mehreren in weiße Kittel gekleideten Personen, die gerade eine der Stationen betraten. Soweit er es sehen konnte waren es alles Männer. Halt nein, einer der Ärzte - denn es konnte sich nur um Ärzte handeln - hatte einen langen Zopf. Offenbar war auch eine Frau dabei, auch wenn Heero vorhin keine Frauenstimme vernommen hatte.

"Oh verdammt," seufzte Jenny und richtete sich enttäuscht wieder auf. "Zu spät, sie sind schon vorbei."

Heero sah sie fragend an und Jenny grinste. "Das war gerade Dr. Giardia, unser Chefarzt, zusammen mit seinem Ärztestab. Und dazu gehört auch der wohl schneckigste Assistenzarzt aller Zeiten. Doktor Duo Maxwell," sie seufzte übertrieben theatralisch und fächelte sich mit einer Hand Luft zu. "Ich sag's dir Heero, in diesem Krankenhaus laufen wirklich eine Menge gutaussehende Ärzte rum. Es ist eine wahre Freude." Sie zwinkerte ihm zu.

Heero zuckte mit den Achseln. Er hatte wirklich kein Interesse an Ärzten, egal ob sie nun gutaussehend waren oder nicht. Alles was er wollte war seine Ausbildung so schnell wie möglich und mit den besten Noten zu beenden. Und da es dieses Praktikum mit einschloss, würde er auch hier sein Bestes geben.

"Oh, und natürlich haben wir auch ein paar gutaussehende Ärztinnen," rief Jenny und grinste noch breiter.

Heero schnaubte nur. An Ärztinnen war er noch viel weniger interessiert, aber er hatte jetzt keine Lust über seine sexuelle Orientierung zu reden. Schweigend erledigten sie ihre Aufgabe und kehrten wieder in den Aufenthaltsraum zurück. Die nächste halbe Stunde verging wieder mit Geplauder - diesmal nicht über die Patienten sondern über die Ärzte.

Und genau wie Jenny war auch die etwas ältere Peggy der selben Meinung. Es schienen tatsächlich eine Menge gutaussehender Ärzte in diesem Krankenhaus rumzulaufen, auch wenn beide nicht immer gleicher Meinung waren was den 'Schneckigkeitsfaktor' (wie sie es nannten) dieser Ärzte betraf. Nur in einer Sache waren sie sich einig - Platz 1 der Rangliste der bestaussehndsten Ärzte führte mit weitem Abstand ganz eindeutig dieser Dr. Maxwell an, von dem Jenny schon draußen auf dem Gang gesprochen hatte.

Und dann war es endlich vier Uhr und auch Heero konnte nach Hause gehen. Er verabschiedete sich von Peggy, Jenny und Tom und ging sich umziehen. Nachdem er die gebrauchte Uniform in den dafür vorgesehenen Wäschesack warf (braun, die Wäsche des Personals wurde getrennt von der der Patienten gewaschen) verließ er den Umkleideraum und machte sich auf den Weg zum Treppenhaus.

Gerade als er die Station verlassen wollte ertönte auf einmal ein heller Signalton, der sich in kurzen Abständen wiederholte. Heero warf einen kurzen Blick über seine Schulter und sah wie Peggy, Jenny und Tom aus dem Schwesternzimmer gestürzt kamen und auf ein Zimmer zurannten, über dem ein rotes Licht hektisch leuchtete.

Bevor Heero noch irgendetwas anderes tun konnte wurde er von irgendetwas angerempelt und beinahe über den Haufen gerannt. "Tschuldigung!" hörte er eine Stimme rufen und als er sich wieder gefangen hatte konnte er gerade noch für eine winzige Sekunde zwei Ärzte, die ebenfalls auf das Zimmer mit dem Alarm zurannten und dann darin verschwanden. Einer davon war der, den Jenny ihm als den Chefarzt Dr. Giardia genannt hatte, die andere Person war die weibliche Ärztin mit dem langen Zopf, der hinter ihr herwippte. Heero runzelte die Stirn. Seltsam, er hätte schwören können dass die Stimme, die sich eben bei ihm entschuldigt hatte die selbe Stimme gewesen war, die vorhin im Flur gelacht hatte - nur zu wem hatte sie gehört? Doch wohl kaum zu Dr. Giardia - der Mann war sicherlich schon weit über Fünfzig, und das war die Stimme eines jungen Mannes gewesen.

Doch dann zuckte Heero mit den Schultern und wandte sich endgültig ab. Es hatte schließlich keinen Sinn lange darüber nachzugrübeln. Müde lief er die Treppe hinunter, durch die Eingangshalle und hinaus auf die Straße. Dieser erste Tag hatte Heero doch mehr erschöpft als er erwartet hätte, und so wollte er eigentlich nur noch nach Hause und sich ausruhen. Schließlich hatte er morgen Frühschicht - und die begann um sechs Uhr. Heero seufzte kurz - er war wirklich kein Frühaufsteher - und machte sich dann auf den Weg zur U-Bahn.


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[1] MTA = Medizinisch Technischer Assistent (kurz, das sind diejenigen, die in den Laboren die ganzen Blut-, Gewebe- und was es sonst noch so -proben gibt untersuchen) [zurück]


Kapitel 2

Müde öffnete Heero die Tür zu seinem Haus. Komisch, als er das Krankenhaus verlassen hatte, hatte er sich noch nicht halb so erschöpft gefühlt wie jetzt. Aber während der Fahrt mit der U-Bahn hatte er mit einem Schlag das Gefühl gehabt als wären alle Energiereserven verbraucht. Er hätte auf der Stelle und im Stehen einschlafen können.

"Ich bin wieder da!" rief er in die Stille des Hauses, erwartete aber nicht wirklich eine Antwort. Sein Onkel war zwar da, aber er hatte schon kaum auf Heeros Anwesenheit reagiert als es ihm gesundheitlich noch besser gegangen war. Und jetzt wo er krank war - wie krank genau wusste Heero nicht, sein Onkel hatte es ihm nicht verraten - ignorierte er Heero sogar noch mehr.

Heero seufzte, schloss die Haustür hinter sich und schleppte sich in die Küche. Eigentlich war er todmüde und würde am liebsten direkt ins Bett fallen - aber andererseits hatte er auch wirklich Hunger. Und außerdem war es erst kurz vor fünf Uhr - wenn er jetzt sofort schlafen ginge, dann könnte er Nachts nicht schlafen können und würde am nächsten Tag garantiert nicht rechtzeitig aus dem Bett kommen.

Heero stöhnte kurz auf als ihm einfiel, dass er am nächsten Morgen schon um halb fünf aufstehen müsste. Das würde er nicht überleben, da war er sich sicher. Absolut! Welcher Mensch, der noch bei klarem Verstand war stand freiwillig um eine solche Uhrzeit auf? Doch es half alles nichts, er würde das jetzt durchziehen müssen. Schließlich war es seine eigene Entscheidung gewesen.

Mit einem weiteren Seufzer öffnete Heero den Kühlschrank in der Hoffnung dort irgendwas zu finden, das sich schnell zubereiten und verspeisen ließ. Doch wie befürchtet fand er nicht wirklich etwas. Heero lehnte seinen Kopf müde gegen die offene Kühlschranktür. Theoretisch könnte er jetzt losgehen und etwas zu Essen einkaufen, aber dafür müsste er sich jetzt wieder aus dem Haus kämpfen. Und dazu hatte er jetzt wirklich keine Energie. Also griff er sich nur einen Joghurt und schloss die Tür wieder hinter sich. Anschließend schrieb er einen kurzen Einkaufszettel für Martha, die Haushälterin die dreimal die Woche vorbeikam und dafür sorgte dass das Haus und Heeros Onkel nicht völlig verwahrlosten.

Mit dem Joghurt und einem Löffel in der Hand schlurfte Heero in sein Zimmer. Glücklicherweise lag sein Zimmer ebenerdig im hinteren Teil des Hauses. Und da das Haus an einem Hang stand bedeutete dies, dass Heeros Zimmer fast wie ein Kellerzimmer in der Erde des Hügels lag.

Das Haus in dem Heero mit seinem Onkel lebte war alt und hatte demzufolge noch die dicken Mauern der alten Bauweise. So hatte die sommerliche Hitze es schwer wirklich ins Innere des Hauses zu gelangen. Doch irgendwann fühlte sich auch hier die Luft wie in einem Backofen an - und da Heeros Onkel kein Geld für neumodischen Schnickschnack wie eine Klimaanlage ausgeben wollte war Heeros Zimmer das einzige dass im Hochsommer erträgliche Temperaturen besaß, da es durch die umliegenden Erdschichten hervorragend isoliert war.

Mit einem erleichterten Seufzer warf Heero sich auf sein Bett, öffnete den Joghurt und begann ihn genüsslich zu essen. Auf seinem Schreibtisch gegenüber stand sein Notebook, und Heero überlegte, ob er nicht kurz online gehen sollte. Das würde ihn sicherlich lang genug beschäftigt halten, so dass er nicht einschlafen würde.

Noch bevor er zu einer Entscheidung kommen konnte klingelte plötzlich sein Mobiltelefon. Heero stellte den inzwischen leeren Joghurtbecher zur Seite, krabbelte von seinem Bett und begann in seinem Rucksack zu wühlen.

Nur Sekunden später hatte er sein Handy in der Hand und nahm das Gespräch an. "Hallo?"

"Hey Heero, erzähl, wie war's?"

Heero seufzte und rollte kurz mit den Augen. "Auch dir einen schönen Tag, Quatre. Danke, mir geht es gut, und dir?"

"Ja, ja, ja, mir geht's gut, jetzt erzähl!" Quatre ignorierte einfach Heeros Sarkasmus genau wie immer. Was wahrscheinlich der Grund war, warum Quatre immer noch mit Heero befreundet war - die meisten anderen Leute hielten es nicht lange aus. Sie fanden Heero zu sarkastisch, zu kalt und einfach zu langweilig.

"Wie soll es schon gewesen sein? Anstrengend."

"Anstrengend? Das ist alles?" Quatre klang enttäuscht. "Ich will Einzelheiten!"

"Was für Einzelheiten?" fragte Heero. "Du weißt dass ich dir nichts über die Patienten erzählen darf, und ich glaube nicht dass du hören willst wie ich den ganzen Tag Betten geschoben und Waschschüsseln gereinigt hab."

"Als ob mich die Patienten interessieren!" rief Quatre. "Was ist mit deinen 'Kollegen', den Schwestern und Pflegern? Sind sie nett? Und was ist mit den Ärzten? Ist was schnuckliges dabei?"

"Quatre!" Heero rollte erneut mit den Augen. "Kannst du an nichts anderes denken? Ich hab keine Ahnung ob die Ärzte gutaussehend sind oder nicht, ich hab sie heute kaum gesehen!" Und doch kam Heero genau in diesem Moment die Ärztin mit dem unglaublich langen Zopf in den Sinn. Und das war wirklich seltsam - nicht dass er nach Quatres Andeutungen an die Ärzte denken musste, sondern dass er sich ausgerechnet an diese Ärztin so genau erinnerte. Ärztin wie in weiblicher Arzt. Und das war etwas völlig neues für Heero. Aber so seltsam es auch war dass er plötzlich Interesse an einer Frau hatte, irgendetwas an ihr hatte seine Aufmerksamkeit erregt, und dass obwohl er sie kaum richtig gesehen hatte...

"Natürlich kann ich an nichts anderes denken," unterbrach Quatre fröhlich Heeros Gedankengang. "Ich bin schließlich jung, ich will nicht ewig Single bleiben. Und außerdem muss ich an meine Zukunft denken. So ein netter, gutaussehender, Arzt mit einem dicken Gehalt wär mir da als Versorger schon recht."

"Quatre, du bist einer der reichsten Männer der Welt!" rief Heero. "Ich glaube kaum dass du auf das Gehalt eines Arztes angewiesen bist um gut leben zu können! Außerdem, solange sie noch jung und gutaussehend sind verdienen Ärzte auch noch nicht so viel. Ich kann mir nicht vorstellen dass das Gehalt eines Assistenzarztes dir zusagen würde."

"AHA!" rief Quatre. "Dann gibt es dort also gutaussehende Ärzte! Zumindest gutaussehende Assistenzärzte!"

"Quatre, wie um alles in der Welt hast du das jetzt aus meiner Aussage vorhin geschlossen?" fragte Heero. Er war wirklich neugierig wie Quatre darauf gekommen war.

"Ganz einfach, wenn es dort keinen Assistenzarzt gäbe der dich interessiert, dann hättest du ihn überhaupt nicht erwähnt," war Quatres Erklärung.

"Aber ich hab doch gar keinen Arzt erwähnt!" versuchte Heero zu erklären.

"Papperlapapp. Wer ist es? Wie sieht er aus? Wie heißt er? Ich will Einzelheiten! Muss man dir denn alles aus der Nase ziehen?"

"Quatre, hast du nichts anderes zu tun?" fragte Heero genervt. "Musst du nicht Schweden kaufen oder so was?"

"Also wirklich Heero," erwiderte Quatre mit einem Kichern. "Schweden war doch schon letzte Woche dran. Diese Woche konzentriere ich mich auf einen der kleinen Kontinente. Ich glaube Australien würde mir ganz gut gefallen."

Heero war sprachlos. Klar, Quatre war geradezu unanständig reich, und seit sein Vater vor zwei Jahren gestorben war und Quatre die Leitung des Familienunternehmens übernommen hatte war sein Vermögen auch ständig angewachsen. Aber eigentlich hatte Heero es eher als Scherz gemeint. Quatre würde doch nicht wirklich Australien kaufen wollen... oder?

"Das war ein Scherz!" kam es über das Telefon. "Heero, du bist eindeutig nicht auf der Höhe. War der Tag so anstrengend? Und kein einziger hübscher Arzt um es dir leichter zu machen!" Quatre seufzte theatralisch.

"Quatre, du weißt genau dass ich nicht dort bin um irgendwelche Ärzte aufzureißen!" erwiderte Heero. "Ich bin dort um das Praktikum zu absolvieren, das ich zufällig für meine Ausbildung brauche. Falls du das vergessen haben solltest!"

"Wie könnte ich das vergessen?" seufzte Quatre. "Du redest ja von nichts anderem mehr. Ich hatte wirklich gehofft dass dir endlich mal jemand begegnet der dich ein wenig von deiner selbstgewählten Mission ablenkt."

"Ablenkung ist das letzte was ich gebrauchen kann," erwiderte Heero. "Das weißt du, Quatre."

"Ich weiß, Heero." Quatre seufzte erneut. "Ich weiß dass du seit dem Tod deiner Eltern praktisch kein anderes Ziel mehr hast. Aber du musst auch irgendwann mal ausspannen, Heero. Du bist erst 22 Jahre alt, du musst auch mal Spaß haben!"

"Spaß kann ich haben wenn ich fertig bin," erwiderte Heero.

Quatre schwieg einen Moment. Dann fragte er, "Wie geht es deinem Onkel?"

Heero schnaubte. "Ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich habe J vielleicht für ganze fünf Minuten gesehen seit ich wieder hier bin."

"Aber du bist doch schon seit zwei Tagen wieder daheim, Heero," sagte Quatre.

"Exakt. Du kennst doch J."

"Ist es immer noch so schlimm?" fragte Quatre.

"Keine Ahnung. Ich schalte inzwischen auf Durchzug wenn J wieder Mal anfängt mir Vorhaltungen zu machen," erwiderte Heero.

Quatre seufzte. "Er sollte lieber froh und stolz auf dich sein, Heero. Du fängst etwas mit deinem Leben an statt dich einfach nur auf dem Geld deiner Familie auszuruhen und deine Zeit zu verplempern."

"Aber genau das ist es was ich laut Onkel J tue," auch wenn Heero schon lang aufgegeben hatte die Zuneigung seines Onkels erlangen zu wollen, so konnte er dennoch nicht den kleinen Stich Bitterkeit unterdrücken, den er bei diesem Gedanken verspürte. "Ich verplempere meine Zeit. Er hätte es lieber gesehen wenn ich Anwalt oder irgendetwas in der Richtung geworden wäre. Oder wenigstens Betriebswirtschaftslehre studiert hätte. Irgendwas ‚anständiges' wie er sich ausdrückt. Offenbar hält er Kriminologie nicht für anständig. Zumindest nicht für mich. Allerdings glaube ich, dass er mir mein Studium inzwischen nicht mehr so übel nimmt - im Vergleich zu dem was ich jetzt tue. Er meinte, dass ich selbst mit meinem Kriminologieabschluss noch was anfangen könnte - und zumindest wäre es nicht ganz so schandhaft wie die Ausbildung zum MTA."

"Du hast recht," sagte Quatre mit ärgerlicher Stimme. "Er hat sich überhaupt nicht verändert. Er hat überhaupt keine Ahnung was dich angeht! Du hast das Kriminologiestudium in Rekordzeit und mit den besten Noten abgeschlossen! Und du bist auch in der MTA-Ausbildung der Klassenbeste! Und ich bin sicher, du wirst später aussuchen können welche Jobangebote du annehmen willst - die werden sich alle um dich reißen! J ist ein Idiot!"

Heero lächelte leicht. Das war einer der Gründe warum Quatre sein bester Freund war. Egal wie sehr er ihn auch manchmal ärgerte und auf die Nerven ging - auf Quatre konnte Heero sich jederzeit verlassen. Es gab keinen treueren Freund, der ihn einfach so akzeptierte wie er war und gegen alles und jeden verteidigte.

"Und überhaupt, hat er sich schon irgendwie dankbar gezeigt dass du extra zurückgekommen bist, nur weil er krank ist?" Quatre steigerte sich immer mehr in seine Aufregung hinein. "Immerhin kann ich gut verstehen dass du dein Studium und deine Ausbildung so weit wie möglich von ihm entfernt absolvieren wolltest. Und trotzdem hast du alles stehen und liegen lassen um ihm beizustehen!"

"Na ja, das ging auch nur weil wir uns selbst aussuchen konnten wo wir das Krankenpflegepraktikum absolvieren wollen," warf Heero ein. "Nächstes Jahr wäre es nicht so einfach für mich gewesen wieder zurückzukommen."

"Na und? Du hättest genauso gut auch dort bleiben können!" Quatre ließ den Einwand gar nicht erst gelten. "Und jetzt bist du wieder hier und er redet nicht mal mit dir! Womöglich ist er am Ende gar nicht krank!"

"Das glaub ich nicht, Quatre," sagte Heero. "Ich hab ihn zwar nur kurz gesehen, aber er sah wirklich nicht gut aus. Ich hab mir sogar für einen Moment Sorgen gemacht um ihn - ungefähr bis zu dem Augenblick als er angefangen hat an mir rumzumeckern."

"Wenn es ihm wirklich so schlecht geht sollte er vielleicht in ein Krankenhaus."

Heero schnaubte. "Da kennst du J aber schlecht. Er hasst alle Ärzte, Krankenhäuser und was es da noch alles gibt. Was es für mich natürlich auch nicht gerade einfacher macht. Ich glaube J würde nicht Mal dann einen Arzt rufen wenn er im Sterben liegen würde."

Quatre seufzte. "Dein Onkel ist ein sturer Kerl. Genau wie du übrigens. Das habt ihr beide gemeinsam."

Heero schüttelte kurz den Kopf. Der Gedanke, dass er mit seinem Onkel irgendetwas gemeinsam haben sollte war wirklich erschreckend.

"Wie auch immer," fuhr Quatre fort. "Da du jetzt ja endlich wieder Mal hier bist, lass wieder öfter von dir hören! Ich hab schließlich ein Unternehmen zu leiten, ich hab keine Zeit dir ständig hinterher zu telefonieren!"

Heero schnaubte. "Dafür dass du keine Zeit dafür hast, hast du mir aber ganz schön regelmäßig hinterher telefoniert." Zwei bis dreimal die Woche, um genau zu sein.

"Ja und? Du darfst trotzdem ab und zu auch mal selbst zum Hörer greifen. Das ist nicht gefährlich und tut auch nicht weh, glaub mir," Quatres Grinsen war deutlich zu hören. "Ich würde dich wirklich gerne mal wieder sehen. Ich weiß ja kaum noch wie du aussiehst."

Heero lächelte. "In Ordnung. Wir werden uns irgendwann mal treffen und was Essen gehen oder so. Aber erst muss ich mich an meine schrecklichen Arbeitszeiten gewöhnen."

"Wie schrecklich sind sie denn?" fragte Quatre neugierig.

"Ich darf um halb fünf aufstehen," war alles was Heero sagte.

Quatre keuchte. "Halb fünf? DU? Das will ich sehen! Du bist doch eher der Typ der um die Zeit nach einer langen Nacht am Notebook erst schlafen geht! Du wirst das Praktikum nie überleben!"

"Vielen Dank, Quatre," erwiderte Heero trocken. "Das hilft mir jetzt wirklich."

"Na ist doch so! Und hör auf mir die Zunge rauszustrecken!"

Heero zog seine Zunge schuldbewusst wieder in den Mund zurück. Woher hatte Quatre das jetzt gewusst? Wie schaffte er es nur immer wieder Heeros Handlungen so exakt vorauszusagen?

"Na gut, dann sollten wir jetzt vielleicht mal wieder Schluss machen," sagte Quatre. "Wo du doch sicherlich früh schlafen gehen willst, damit du morgen aus dem Bett kommst."

"Ok," erwiderte Heero. "Ich ruf dich an - übermorgen oder so."

"Das will ich für dich hoffen, sonst komm ich persönlich vorbei," sagte Quatre. "Machs gut Heero, und schlaf gut."

"Mach ich," sagte Heero. "Bye Quatre."

"Bye."

Heero deaktivierte die Verbindung und legte sein Handy neben das Notebook auf den Schreibtisch. Eigentlich hatte er noch nicht schlafen gehen wollen, aber das Telefonat eben hatte ihn nur noch müder gemacht.

Gähnend schlurfte er ins Bad, nahm eine rasche Dusche und schlüpfte dann schnell in frische Boxershorts und ein T-Shirt. Mit seiner üblichen Schlafkleidung ausgestattet kletterte Heero schließlich in sein Bett und zog die Decke über sich. Das letzte was durch seine Gedanken huschte bevor er schließlich einschlief war ein langer, hin und her schwingender kastanienbrauner Zopf.



Kapitel 3

Ein nervtötender Signalton ertönte und riß Heero grob aus dem Schlaf. Mit einer Hand tastete er blind nach seinem Wecker, ohne dabei den Kopf in die entsprechende Richtung zu drehen. Als er den Wecker endlich fand, stellte er den Alarm sofort aus, doch es war bereits zu spät. Er war schon wach.

Obwohl Heero normalerweise keinerlei Probleme damit hatte sich wieder umzudrehen und weiterzuschlafen, so hinderte ihn eine einzige Tatsache daran, genau das jetzt zu tun: er mußte sofort aufstehen wenn er rechtzeitig im Krankenhaus sein wollte.

Widerwillig setzte Heero sich in seinem Bett auf und streckte sich ausgiebig. Draußen war es noch immer dunkel und noch nicht einmal die Vögel schienen schon wach zu sein. Zumindest konnte er kein Gezwitscher hören. Ungerechtigkeit, sogar die Vögel durften länger schlafen als er!

Mit einem Seufzer kletterte Heero schließlich vollends aus dem Bett und schlurfte müde in sein Bad. Obwohl er gestern geradezu unverschämt früh schlafen gegangen war fühlte er sich jetzt wie gerädert. Er konnte die Tatsachen drehen und wenden wie er wollte, er war eben kein Morgenmensch.

Nachdem er im Bad fertig war kleidete Heero sich rasch an, schnappte sich seinen Rucksack und eilte dann aus dem Haus. Auf ein Frühstück verzichtete er - selbst wenn sich etwas essbares im Kühlschrank befunden hätte, so früh am Morgen bekam er einfach keinen Bissen hinunter. Außerdem konnte er entscheidende 15 Minuten länger schlafen wenn er auf ein Frühstück verzichtete.

Obwohl es erst fünf Uhr in der Früh war hatte es draußen schon knackige 20 Grad Celsius, wie Heero mit einem kurzen Blick auf das Thermometer feststellte als er das Haus verließ. Das versprach wieder ein extrem heißer Tag zu werden, und Heero wäre am liebsten wieder umgekehrt um sich in seinem kühlen Zimmer zu verkriechen.

Aber leider ging das ja nicht, und so beeilte er sich zur nächsten U-Bahn Haltestelle zu kommen. Da sein Haus in einer der besseren Gegenden der Stadt lag bedeutete es dass er doch ein ganz schönes Stück zu laufen hatte. Vielleicht sollte er ab morgen mit dem Fahrrad zur U-Bahn fahren.

Die U-Bahnfahrt selbst dauerte nicht lange, und da so früh am Morgen noch nicht allzu viele Menschen unterwegs waren hatte Heero auch keine Schwierigkeiten einen Sitzplatz zu finden.

Endlich an seiner Haltestelle angekommen stieg Heero schnell aus und lief in Richtung des Krankenhauses. Das Gebäude war fast vollständig dunkel, nur hier und dort war eines der Fenster erleuchtet. Zumindest war das auf dieser Seite des Gebäudes so, auf der anderen Seite war wahrscheinlich sehr viel mehr los - immerhin befand sich dort die Notaufnahme.

Heero betrat den dunklen Eingangsbereich, lief auf die Aufzüge zu und fuhr nach oben in den zweiten Stock. Bis jetzt war ihm noch niemand begegnet, doch als er den Umkleideraum betrat sah er, daß er doch nicht der einzige unterwegs war. Alex stand bereits dort und war fast fertig mit dem Umziehen.

"Guten Morgen," begrüßte Alex Heero.

"Morgen," murmelte Heero als Antwort und zog sich dann auch schweigend um. Nachdem er seinen Rucksack im Spind eingeschlossen hatte folgte er Alex in den Aufenthaltsraum des Pflegepersonals.

Am großen Tisch saßen bereits Helen, Sylvia, Mary und zwei weitere Frauen, die Heero nicht kannte. Auf dem Namensschild der jüngeren der beiden stand 'Schwesternschülerin Susi', auf dem Schild der älteren 'Krankenschwester Tina'.

Heero nickte allen grüßend zu und setzte sich auf einen der Stühle am Tisch. In der Mitte des Tisches lag ein Stapel Blätter, und Heero sah dass Alex sich sofort eines der Blätter nahm. Nach einem kurzen Blick in die Runde erkannte Heero, daß jeder der anderen ein solches Blatt vor sich liegen hatte, und nachdem Heero sich ebenfalls eines genommen hatte konnte er auch erkennen worum es sich handelte.

Es waren offenbar Ausdrucke der Stationsbelegung. Am äußersten linken Rand standen die verschiedenen Zimmernummern, und jeweils dahinter die Namen der Patienten die in diesen Zimmern lagen.

Während Heero noch neugierig die Namen überflog stürmte Hilde in den Aufenthaltsraum, schnappte sich das letzte der ausgedruckten Blätter und ließ sich mit einem lauten Schnaufer in einen der Stühle fallen.

"In Ordnung," sagte Helen, "dann sind wir ja alle da. Fang an, Tina." Sie nickte der älteren Frau zu, die sämtliche Patientenkurven vor sich liegen hatte und wirklich müde aussah.

Heero wurde klar, dass Schwester Tina offenbar die Nachtschicht gehabt hatte, denn sie fing nun mit der Patientenübergabe an. Wie Heero es schon am frühen Nachmittag des Vortags beobachtet hatte wurde in kurzen Stichpunkten erzählt was die Patienten Nachts so getrieben hatten - man sollte doch wohl annehmen daß sie Nachts schlafen würden, aber weit gefehlt. Einige der Patienten schienen selbst Nachts im Minutentakt zu klingeln. Heero fragte sich wirklich, was diese Leute wohl taten wenn sie zu Hause waren. Ob sie da wohl auch so schwierig waren? Oder behielten sie sich sowas nur für das Krankenhaus vor?

Wie auch immer, glücklicherweise schienen die Patienten zumindest in der halben Stunde der Übergabe nichts vom Pflegepersonal zu wollen, denn keiner von ihnen klingelte und so war die Besprechung bereits nach 25 Minuten beendet.

Nach der Übergabe starteten die Schwestern und Pfleger wie immer zur Weckrunde. Heero schloss sich einfach Schwester Helen an und folgte ihr von Zimmer zu Zimmer. Helen wußte bei jedem Patienten die eine oder andere kleine Geschichte zu erzählen und so dauerte es eine ganze Weile bis sie ihre Runde beendet hatten.

Heero half Helen so gut er es konnte - was hauptsächlich bedeutete, daß er derjenige war der loslief wenn es galt eine neue Waschschüssel zu holen, oder frische Wäsche aus den Schränken im Flur weil es im Zimmer keine mehr gab. Außerdem ließ Helen ihn jedesmal den Blutdruck, die Temperatur, den Puls und die Sauerstoffsättigung messen.

Heero lächelte die erste Patientin bei der er es machen sollte leicht nervös an. Temperatur, Puls und Sauerstoffsättigung waren kein Problem, das erledigten die entsprechenden Geräte die er einfach nur ins Ohr, beziehungsweise den Finger des Patienten halten mußte. Was ihn nervös werden ließ war die Messung des Blutdrucks. Sicher, Helen hatte ihm am Vortag gezeigt wie er den Blutdruck zu messen hatte, aber Heero hatte es erst zwei Mal selbst gemacht und war sich einfach noch nicht sicher. Bei einem der Patienten vom Vortag war es ihm sogar unmöglich gewesen den Puls zu hören.

Doch diesmal lief alles glatt, und Heero verlor etwas von seiner Nervosität. Und je öfter er es machte - und Helen ließ ihn die Messungen bei wirklich jedem Patienten ihrer Runde durchführen - desto sicherer wurde er.

Als sie sich schließlich alle zur Frühstückspause trafen war Heero froh daß er sich endlich einmal hinsetzen konnte. Den erschöpften Seufzern nach zu urteilen schien es den anderen genauso zu ergehen.

Der Rest des Tages lief im Großen und Ganzen genauso ab wie am Vortag. Wieder hatte Heero eine jede Menge Betten zu schieben, Botengänge zu erledigen, Waschschüsseln zu reinigen und Wäschesäcke zu leeren. Und wieder war Heero mehr als erschöpft als er zu Hause ankam.

Glücklicherweise war die Haushälterin am Vormittag dagewesen und so fand Heero diesmal etwas zu Essen im Kühlschrank. Sein Onkel jedoch ließ sich nicht blicken - keine große Überraschung hier. Heero beschloss auch heute früh schlafen zu gehen.

Die nächsten Tage verliefen im selben Rhythmus und Heero wurde schnell klar, daß ihm als Praktikanten im Grunde genommen sämtliche Aufgaben aufgetragen wurden, die die anderen selbst nicht gerne erledigten. Aber das war in Ordnung, schließlich gab es ansonsten auch nicht viel was er machen konnte - weil ihm einfach die Ausbildung oder die Erlaubnis dazu fehlte.

Am Donnerstag hatte Heero sich schon halbwegs an die Abläufe gewöhnt. Gleich nach der Übergabe zu Beginn seiner Schicht wurden die Patienten geweckt, diejenigen die bettlägerig waren wurden gewaschen, diejenigen die an diesem Tag zur OP vorgesehen waren darauf vorbereitet.

Nach der Frühstückspause wurden die Betten von den an diesem Tag entlassenen Patienten durch saubere Betten ausgetauscht, neue Patienten aufgenommen und alles nachgeholt, was man vor der Frühstückspause nicht geschafft hatte.

Heero merkte schnell, welche der Patienten zu der 'nervigen' Sorte gehörten. Das waren die, die ständig und ohne einen triftigen Grund klingelten und dadurch das Klink-Personal unnötig streßten. Die besten Patienten waren im Grunde diejenigen, deren Namen man gar nicht kannte.

Als Heero sich deshalb am späten Freitag Vormittag im Schwesternzimmer auf einen der Stühle fallen ließ, war er mehr als genervt. Eine der Patientinnen nervte ganz besonders - offenbar hatte die Frau erwartet nach der OP sofort wieder wie eine Zwanzigjährige herum springen zu können. Aber da selbst eine Frau die tatsächlich zwanzig Jahre alt wäre nach einer Bandscheiben-OP nicht in der Lage war sofort wieder wie ein Reh durch die Gegend zu springen, konnte eine siebzigjährige Frau das wohl erst Recht nicht.

Aber selbst eine Frau diesen Alters hätte inzwischen schon wieder in der Lage sein sollen sich den Tee selbst einzuschenken - die OP war immerhin schon eine Woche her. Doch die Patientin - Mrs. Noventa - weigerte sich einfach in irgendeiner Weise mitzuarbeiten und klingelte stattdessen lieber im fünf-Minuten-Takt.

Heero seufzte. Es war wieder ein unerträglich schwüler Tag, genau wie schon die ganze Woche über. Alles was er wollte war für ein paar Minuten hier sitzen zu können und etwas Wasser zu trinken. War das denn zu viel verlangt? Aber vielleicht hatte er ja etwas Glück und die Klingel wäre mal für einige Minuten still.

"Hi. Gibt's hier noch Kaffee?"

Heero blickte auf. Einer der Ärzte hatte gerade das Zimmer betreten. Aus irgendeinem Grund hatte Heero bis jetzt noch nicht viel von den Ärzten gesehen - der OP-Plan dieser Woche war offenbar sehr eng gesteckt gewesen und so waren die Ärzte nur selten auf Station gewesen.

Der Arzt der gerade eine der Kaffeekannen prüfend schüttelte schien noch sehr jung zu sein - und verdammt attraktiv wie Heero feststellte. Er war ungefähr so groß wie Heero selbst, hatte kastanienbraunes Haar und violette Augen. Heeros Mund wurde trocken und er starrte den jungen Mann an. Jenny hatte Recht gehabt - wenn die restlichen Ärzte in diesem Krankenhaus auch nur halb so gut aussahen wie dieser hier, dann - wow!

Der junge Arzt schenkte sich inzwischen eine Tasse Kaffee ein, zwinkerte Heero kurz zu und ließ sich dann auf einen der freien Stühle fallen. Er fügte Zucker und Milch hinzu, nahm dann einen ersten Schluck und schloß seufzend die Augen.

Heero riß sich gewaltsam von diesem Anblick los. Schnell senkte er seinen Blick, nahm einen Schluck Wasser und versuchte sein bestes um nicht rot anzulaufen. Er war wirklich nicht besser als Hilde, die ständig über diesen Dr. Maxwell redete - sie kannte praktisch kein anderes Gesprächsthema und hechelte diesem Arzt geradezu hinterher. Heero hatte das bis jetzt eher erbärmlich gefunden - und jetzt saß er hier und machte genau das selbe!

"Uff!" Die Tür öffnete sich und Helen betrat den Aufenthaltsraum. Sie ließ sich ebenfalls am Tisch nieder und griff nach ihrer eigenen Tasse. "Duo!" rief sie als sie den Arzt bemerkte. "Trinkst du uns etwa schon wieder den Kaffee weg?"

Der junge Arzt öffnete die Augen. "Hallo Helen," grüßte er die Krankenschwester. "Ihr seid doch selbst schuld - euer Kaffee schmeckt wesentlich besser als der den wir im Ärztezimmer haben."

Helen lächelte. "Und ich hatte schon gedacht wir sind dich endlich los - immerhin warst du seit Tagen nicht mehr hier um uns den Kaffee zu klauen!"

Der junge Mann grinste und seufzte dann theatralisch, "Ich hatte ne absolut anstrengende Woche. G hat mich kaum aus dem OP rausgelassen - er ist ein richtiger Sklaventreiber."

Helen lachte. "Weißt du, wenn ich nicht genau wüßte wie gern du operierst würde ich dir das vielleicht sogar abnehmen."

Das Grinsen des Arztes wurde noch breiter. "Verdammt, und ich dachte ich würde wenigstens von dir ein wenig Mitleid bekommen!"

Helen schüttelte den Kopf. "Du bist ein Kindskopf. Es ist kaum zu glauben das Dr. Giardia es bis jetzt mit dir ausgehalten hat - er ist sonst geradezu dafür bekannt seine Assistenzärzte öfter zu wechseln als manche Leute ihre Unterwäsche."

"Tja, was soll ich sagen!" rief der junge Arzt, lehnte sich zurück und verschränkte seine Arme im Nacken. "Es muß wohl an meinem umwerfenden Charme liegen!"

Heero ließ seinen Blick zwischen den beiden hin und her wandern. Es war offensichtlich dass dieser junge Arzt nicht zu denen gehörte, die auf eine förmliche Anrede und den Doktortitel bestanden. Er und Helen schienen ein sehr freundliches Verhältnis zu haben, die beiden scherzten miteinander als würden sie sich schon lange kennen.

Während Helen und der Arzt weiter miteinander herumalberten versuchte Heero unauffällig das Namensschild des jungen Mannes zu lesen. Er konnte es nicht leugnen, er war neugierig. Obwohl er es nicht vorgehabt hatte, so fühlte er sich doch zu diesem jungen Arzt hingezogen - so stark wie noch niemals zuvor zu irgendjemand. Heero war verwirrt - und ein wenig erleichtert.

Denn zu seinem Schreck hatte Heero in den letzten Tagen immer wieder an diese Ärztin denken müssen - die mit dem langen Zopf. Zu den seltsamsten Gelegenheiten war sie ihm in den Sinn gekommen, und Heero war inzwischen mehr als verwirrt gewesen.

Heero hatte schon immer gewußt daß er schwul war. Seit er in die Pubertät gekommen war hatte er sich zu seinem eigenen Geschlecht hingezogen gefühlt. Er hatte niemals irgendwelche Zweifel über seine sexuelle Orientierung gehabt. Da war es doch nur zu verständlich daß ihn diese Gedanken verunsichert hatten.

Doch offenbar schien noch alles mit ihm in Ordnung zu sein. Dieser junge Arzt war eindeutig männlich, attraktiv, und sämtliche Hormone in Heeros Körper waren mit einem Schlag erwacht und rasten durch seine Blutbahn, seit dieser Duo im Zimmer war. Ein beruhigendes Gefühl.

Hm, Duo, Duo... Wo hatte er diesen Namen schonmal gehört? Es war ein äußerst ungewöhnlicher Vornamen, und dennoch kam er Heero bekannt vor. Vielleicht hatte ja irgendeine der Schwestern schonmal von ihm gesprochen? Wäre gar nicht so unwahrscheinlich, so gutaussehend wie dieser junge Arzt war.

Heero beugte sich ein wenig vor, um das Namensschild besser sehen zu können, und las dann was darauf stand. 'Dr. Duo Maxwell, Ass. Arzt' stand darauf. Also das war der berühmt-berüchtigte Dr. Maxwell von dem all die Schwesternschülerinnen so begeistert schwärmten! Heero mußte ihnen Recht geben - er war tatsächlich ein absolutes Schneckchen, und Heero hätte absolut nichts dagegen sich von ihm einmal untersuchen zu lassen.

Heero schüttelte innerlich den Kopf über sich selbst. Verdammt, was dachte er denn da? Er hatte doch überhaupt keine Zeit für so etwas, er mußte sich auf seine Ausbildung konzentrieren. Das war das einzige was im Moment wichtig war. Er hatte keine Zeit für ein Techtelmechtel.

Und mal ganz davon abgesehen, dieser Duo Maxwell wäre wahrscheinlich sowieso nicht an ihm interessiert. So wie er mit Helen und den beiden inzwischen ebenfalls eingetroffenen Schülerinnen Hilde und Jenny flirtete war er mit Sicherheit hetero.

Was aber nicht bedeutete, dass Heero nicht trotzdem seinen Anblick genießen konnte. Immerhin, schauen tat ja schließlich keinem weh, oder?

"So, ich fürchte ich muß jetzt wieder mal los," sagte Maxwell in diesem Moment und erhob sich. "Doc G kriegt sonst noch nen Anfall. Meine Damen, vielen Dank für den Kaffee," er lächelte Helen, Hilde und Jenny breit an und verbeugte sich leicht. Dann warf er Heero einen kurzen Blick zu, drehte sich um und verschwand aus dem Zimmer.

Heero starrte ihm geschockt hinterher. Nicht etwa wegen des Blickes den Dr. Maxwell ihm zugeworfen hatte - auch wenn das doch überraschend gekommen war - sondern wegen dessen Frisur. Heero hatte es vorher gar nicht bemerkt, aber Duo Maxwell hatte unglaublich langes Haar, das er in einem Zopf trug, der bis zu seinem Hintern reichte!

Heero fühlte wie sein Gesicht rot anlief. Diese Ärztin, die ihm vor Tagen aufgefallen war und die ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen war, war gar keine Ärztin! Sondern ein Arzt! Wie in männlicher Arzt! Heero kam sich im Moment ziemlich dämlich vor. Was für ein Glück dass er niemandem davon erzählt hatte - Quatre hätte sich mit Sicherheit halb tot gelacht hätte er davon gewußt.

Aber wer konnte denn auch ahnen daß ein Mann derart langes Haar haben konnte? Das war doch äußerst ungewöhnlich, und so war es wohl kaum verwunderlich daß Heero ihn zuerst für eine Frau gehalten hatte, oder?

Wie auch immer, zumindest machte es jetzt Sinn daß ihm diese 'Ärztin' nicht aus dem Sinn gegangen war. Offenbar hatte sein Körper erkannt daß es sich um keine Frau gehandelt hatte und dann versucht es ihm durch sein Unterbewußtsein mitzuteilen. Nur hatte Heero diese Botschaft eben nicht verstanden.

"Oh wow," seufzte Hilde in diesem Moment und starrte verträumt die Tür an. "Er ist einfach wunderbar!"

Jenny, die neben ihr saß, rollte nur mit den Augen. "Großer Gott, Hilde, reiß dich zusammen!"

"Was willst du damit sagen?" Hilde richtete ihren Blick auf Jenny.

Jenny rollte erneut mit den Augen. "Das du ihm vielleicht nicht ganz so offensichtlich hinterher hecheln solltest."

"Ich hechel ihm überhaupt nicht hinterher!" empörte sich Hilde.

"Doch das tust du," war Jennys Urteil. "Und langsam wird es wirklich peinlich." Sie seufzte kurz und beugte sich leicht zu Hilde vor, als sie deren verletzten Gesichtsausdruck sah, "Sieh mal Hilde, ich geb ja zu dass Dr. Maxwell absolut schnucklig ist. Und ich hab auch nichts dagegen mit ihm zu flirten und ihn anzugaffen wenn er in der Nähe ist. Aber du übertreibst das Ganze ein wenig, Hilde. Du wirst ihn noch vertreiben wenn du ihn weiterhin so belagerst, und dann haben wir gar nichts mehr zum anschmachten."

"Nur zu deiner Information," sagte Hilde mit eiskalter Stimme, "Ich belagere Dr. Maxwell keinesfalls. Duo und ich sind für einander bestimmt, du wirst schon sehen! Ich krieg ihn schon noch dazu mit mir auszugehen! Und wag es ja nicht dich zwischen uns zu stellen!"

"Kinder!" rief Helen und hob die Hände. "Nicht schon wieder. Keinen Streit, bitte!"

Heero warf ihr einen neugierigen Blick zu. Offenbar schien die Diskussion der beiden Schülerinnen nichts neues zu sein, und obwohl Helen für einen Moment so aussah als wollte sie noch mehr sagen, seufzte sie nur und schüttelte stumm den Kopf.

Heero seufzte leise. Er hatte also recht gehabt. Duo Maxwell schien offensichtlich hetero zu sein, und so wie es aussah warfen sich ihm die Frauen geradezu an den Hals. Heero brauchte sich also gar nicht erst Hoffnungen zu machen. Nicht daß Heero sich überhaupt Hoffnungen machen wollte. Er hatte schließlich keine Zeit für so was.

Die Glocke läutete und Heero erhob sich seufzend von seinem Platz. Es war mal wieder soweit, offenbar wollte Mrs. Noventa wieder Tee eingeschenkt bekommen. Schnell verbannte er Duo Maxwell in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses und stürzte sich wieder in seine Arbeit.

Kapitel 4

Das Wochenende nach seiner ersten Woche im Krankenhaus kam Heero viel zu kurz vor. Er hätte niemals gedacht dass es möglich war so müde zu sein, aber offenbar verlangten ihm die Frühschichten im Krankenhaus doch eine ganze Menge ab.

Trotz allem schaffte er es sich mit Quatre zu treffen, so wie er es versprochen hatte. Nicht dass er sich aus diesem Versprechen irgendwie hätte rauswinden können. Wenn nötig hätte Quatre ihm einfach aufgelauert und dann mit sich geschleift. Wäre nicht das erste Mal gewesen. Und wenn Heero ehrlich war, dann hatte er das Wiedersehen mit Quatre wirklich sehr genossen. Er hatte seinen alten Freund doch sehr vermisst - mehr als er jemals gedacht hätte.

Aus diesen Gründen verging das Wochenende viel zu schnell, und schon war es wieder Montag und Heero hatte eine weitere arbeitsreiche Woche vor sich. Doch etwas war anders diese Woche - er hatte kein einziges Mal Früh-, sondern jeden Tag Spätschicht. Und das hieß, Heero musste erst um halb zwei Uhr Nachmittags im Krankenhaus erscheinen. Was ihm wirklich mehr als recht war. Auch wenn es bedeutete dass er erst um halb zehn Uhr Abends mit der Arbeit fertig sein würde, so war es ihm doch viel wichtiger dass er am Morgen ausschlafen konnte.

Und auch in anderen Dingen war die Spätschicht angenehmer als die Frühschicht. Sie war nicht ganz so stressig. Zumindest kam es Heero so vor. Es gab kaum Betten zu schieben - die meisten Patienten gingen und kamen am Vormittag - niemand musste im Bett gewaschen werden (auch das wurde stets Morgens erledigt) und die Arztvisite war ebenfalls schon vorüber.

Doch es gab auch einen Nachteil. Da die Spätschicht erst um halb zwei begann, bekam Heero auf diese Weise kaum etwas von den Ärzten zu sehen. Deren normale Schicht endete um vier Uhr Nachmittags, und die letzten zwei Stunden davon verbrachten sie selten auf Station. Und das bedeutete, dass Heero die ganze Woche über nicht einen einzigen Blick auf Dr. Maxwell werfen konnte.

Der Gedanke verstörte Heero. Nicht dass er Dr. Maxwell attraktiv fand - damit hatte er schließlich kein Problem - sondern dass er so sehr darüber enttäuscht war weil er ihn eine ganze Woche lang nicht sah. Immerhin, er kannte diesen Mann doch gar nicht! Alles was er von ihm wusste war dass er ein hübsches Gesicht und einen tollen Körper hatte! Mehr nicht! Also warum verspürte er dann jedes Mal dieses Flattern im Bauch wenn auch nur der Name des jungen Arztes erwähnt wurde?

So kannte Heero sich gar nicht. Er war eigentlich eher der ausgeglichene, besonnene Typ, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen konnte. Man hatte ihm sogar schon vorgeworfen, dass er eiskalt wäre und keinerlei Gefühle hätte. Doch niemand hätte jemals behaupten können, dass Heero Yuy sich wie ein kopfloser Teenager benahm. Doch genau das war die treffende Bezeichnung für sein Verhalten.

Und so kam es, dass Heero seiner dritten Praktikumswoche geradezu entgegenfieberte, obwohl er dann wieder in der leidigen Frühschicht arbeiten musste. Und noch dazu sieben Tage am Stück, da er von Montag bis Sonntag durchgehend eingeteilt war und sein ‚Wochenende' dann erst am darauffolgenden Montag und Dienstag hatte. Aber solange es bedeutete dass er Duo Maxwell wiedersehen würde, würde Heero sich nicht beschweren.

Oder zumindest nicht allzu sehr. Das waren die Gedanken die Heero durch den Kopf gingen, als er am Montag Morgen gegen halb sechs in der U-Bahn saß und gegen den Schlaf ankämpfte. Verdammt, egal wie früh er am Vortag auch schlafen ging, er war trotzdem jedes Mal todmüde am nächsten Morgen. Halb fünf war einfach keine Uhrzeit zu der normale Menschen wach sein sollten, entschied Heero. Zumindest nicht wenn sie vorher geschlafen hatten. Wenn sie natürlich die Nacht durchgemacht hatten war es etwas anderes.

Heero seufzte. Es hatte keinen Sinn hier rumzujammern. Er hatte nur noch vier Wochen vor sich, das würde er auch noch schaffen. Und so stürzte sich Heero mit soviel Elan wie er zu dieser frühen Stunde aufbringen konnte in seinen Arbeitstag.

Noch immer hielt sich diese furchtbare Hitzewelle über der Stadt, und Heero lief der Schweiß nur so den Rücken hinab. Doch immerhin bewahrheitete sich seine Hoffnung mehr von den Ärzten zu sehen. Oh ja, er bekam die Ärzte zu sehen, wenn auch meistens nur im vorüberhasten. Doch das war noch immer besser als gar nichts - zumindest sagte Heero sich das.

Denn bis Dienstag Mittag war Heero zu einem für ihn doch sehr enttäuschenden Schluss gekommen. Duo Maxwell flirtete mit allem und jedem. Nicht dass das so schlimm gewesen wäre, im Gegenteil. Offenbar schien es zu Dr. Maxwells Charakter zu gehören. Sein flirten war nicht unbedingt sexuell, sondern vielmehr seine Art und Weise mit den Menschen umzugehen. Er flirtete mit allen - Schwestern, Pflegern, Ärzten, Patienten, jung, alt, hübsch, hässlich, Frauen und Männern.

Nur mit Heero nicht.

Egal wann Heero ihm auch begegnete, bei welcher Gelegenheit sie sich auch sahen, ob sie sich im Gang über den Weg liefen oder im Schwesternzimmer gegenübersaßen und Kaffee tranken, das höchste was Duo Maxwell jemals getan hatte war Heero zuzunicken. Was für sich schon ein richtiger Fortschritt war, denn normalerweise ignorierte er ihn einfach.

Heero war mehr als verwirrt. Zunächst hatte er noch gedacht dass er sich sicherlich irren musste - immerhin, warum sollte Dr. Maxwell ihn denn schon ignorieren? Er kannte ihn ja noch nicht einmal, warum also sollte der junge Arzt eine Abneigung gegen Heero haben?

Doch leider war es mehr als offensichtlich - es schien offenbar sogar schon Schwester Helen aufgefallen zu sein, die Heero verwundert gefragt hatte, ob er irgendwie mit Dr. Maxwell aneinander geraten war. Heero hatte es natürlich verneint. Er hatte alles in allem keine zwei Worte mit Duo Maxwell gesprochen.

Also hatte Heero sich leider doch nicht geirrt. Und diese Feststellung tat weh. Heero war nun wirklich nicht eingebildet, er hielt sich selbst nicht für besonders attraktiv oder Aufsehen erregend - ganz im Gegenteil zu dem umwerfenden Dr. Maxwell. Aber er war immerhin immer der Meinung gewesen, dass sein Äußeres doch durchaus passabel und angenehm war. Nichts wovor man schreiend davonlaufen musste.

Und überhaupt, Dr. Maxwell flirtete sogar mit dem alten Hausmeister, der mindestens 60 Jahre alt sein musste und eine gewisse Ähnlichkeit mit Gollum hatte. Daran konnte es also nicht liegen. Doch woran sonst? Heero konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.

Nicht dass Heero es unbedingt darauf angelegt hatte, mit Duo Maxwell zu flirten. Nein, er hatte sich vorgenommen sich neutral zu verhalten, und genau das tat er auch. Er grüßte den jungen Arzt höflich und verhielt sich ihm gegenüber genau wie jedem anderen Arzt. Und deshalb war diese Sonderbehandlung von Seiten des Langhaarigen mehr als ungerecht in Heeros Augen.

Doch daran konnte er nichts ändern, und als Heero deshalb am Mittwoch zur Arbeit ging, nahm er sich vor, sich das Verhalten des jungen Arztes einfach nicht zu Herzen zu nehmen. Am besten ignorierte er ihn von nun an ebenso.

Heero war gerade dabei frische Betten in die Zimmer zu schieben, als er zwei laute Stimmen aus einem der Zimmer hörte. Die eine Stimme gehörte einer jungen Frau, die andere einem jungen Mann. Offenbar schienen die beiden sich lautstark zu streiten. Heero konnte nicht umhin neugierig zu werden. Immerhin, worüber würde man sich in einem Krankenhaus schon so laut streiten? Was für ein Glück dass dieses Bett für genau dieses Zimmer bestimmt war. So konnte Heero dort einfach hineingehen, ohne neugierig zu wirken. Heero öffnete die Schiebetüren und ging hinein, um das alte Bett herauszuschieben.

"... du sehr genau weißt, Milliardo!" rief die junge Frau und blickte streng auf den Mann hinab, der in einem der Betten lag. Sie war groß, gutaussehend, hatte langes, dunkelblondes Haar und trug ein teures, maßgeschneidertes Kostüm.

"Ich habe dir immer und immer wieder gesagt, dass diese Art von - Freizeitbeschäftigung - nicht angemessen ist für ein Mitglied unserer Gesellschaftsschicht. Was werden nur all meine Freunde sagen wenn sie es erfahren? Der gute Name unserer Familie wird darunter leiden müssen. Ist dir das völlig egal?"

"Wie besorgt du doch um den guten Namen unserer Familie bist, Relena!" antwortete der junge Mann bissig. Er lag - bereits in eines der Krankenhausnachthemden gekleidet - auf dem Rücken im Bett. Seine Haare waren zu einer dieser modischen kurzen Frisuren geschnitten, die nach nichts besonderem aussahen, aber dennoch eine Menge Geld kosteten. Doch statt dunkelblond wie die Haare seiner Schwester war seine Haarfarbe ein helles silberblond.

"Hauptsache der gute Name ist intakt. Da ist es doch völlig egal das dein einziger Bruder vielleicht nie wieder laufen kann, oder? Das ist schließlich nebensächlich! Und wahrscheinlich kann man mich sowieso sehr viel besser wegsperren wenn ich in einem Rollstuhl sitze, nicht wahr? Dann kann ich der Familie zumindest keine Schande mehr machen!"

"Jetzt wirst du absurd, Milliardo," antwortete die junge Frau und hob herausfordernd das Kinn. "Natürlich kümmert es mich, wie es dir geht. Aber ich muss auch an unseren Ruf denken, etwas dass du offensichtlich niemals tust. Und was deinen Zustand angeht, mach dir keine Sorge. Ich habe veranlasst dass du vom Chefarzt persönlich behandelt wirst. Du bist in den besten Händen. Allerdings," sie sah sich stirnrunzelnd im Zimmer um, "ich kann wirklich nicht verstehen warum du hier in diesem Vierbettzimmer liegst. Ich hatte doch ausdrücklich auf einem Einzelzimmer bestanden! Ich werde gleich einmal losgehen und mit Doktor Giardia darüber reden!" Und mit diesen Worten stöckelte die junge Frau aus dem Zimmer.

Heero warf dem jungen Mann einen mitfühlenden Blick zu während er das frische Bett in das Zimmer manövrierte. Er selbst hatte zwar keine Schwester, dafür aber einen Onkel der nicht einverstanden war mit dem was er tat. Und der diesen Zustand auch ständig lautstark bemängelte. Er konnte gut verstehen was dem jungen Mann gerade durch den Kopf gehen musste.

Der junge Mann seufzte, dann sagte er plötzlich, "Entschuldige bitte die Szene eben."

Heero drehte den Kopf in seine Richtung und zuckte kurz mit den Schultern. "Schon gut. Ist kein Problem. Ich weiß wie - hm, anstrengend - überfürsorgliche Verwandte sein können."

Der junge Mann lachte kurz auf. "Ja, anstrengend ist das richtige Wort. Ich hätte vielleicht sogar eher nervig gesagt." Er grinste Heero kurz an. "Ich bin Milliardo," sagte er dann und streckte Heero die Hand entgegen.

"Heero," antwortete Heero und schüttelte die ausgestreckte Hand.

"Ich hoffe nur meine Schwester kann den Chefarzt nicht davon überzeugen mir ein Einzelzimmer zu geben," seufzte Milliardo. "Ich hasse Einzelzimmer. Ich werde mich dort nur tödlich langweilen."

"Naja, ich kann dir zwar keine Garantie geben," antwortete Heero, "aber so wie der Belegungsplan im Moment aussieht hat sie wohl keine große Chance. Es sei denn sie lässt ein paar andere Patienten rauswerfen."

Milliardo schnaubte. "Das würd ich ihr glatt zutrauen."

Heero starrte ihn ungläubig an. "Das meinst du doch nicht ernst, oder?"

"Oh doch. Wenn meine Schwester sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, kann man sie nicht so schnell wieder davon abbringen."

Heero schüttelte den Kopf. Sicherlich übertrieb Milliardo da nur - oder? Er warf dem blonden Mann einen kurzen Blick zu, doch Milliardo hatte inzwischen die Augen geschlossen und das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, die auf Schmerzen hindeutete.

"Alles in Ordnung?" fragte Heero besorgt nach.

"Ja - soweit man das in diesem Fall sagen kann," antwortete der Blonde und öffnete die Augen wieder. "Ich hatte einen Motorradunfall. Motocross. Ich bin über einen Hügel gesprungen, doch irgendwie hat es nicht so funktioniert wie es sollte. Ich hab mich in der Luft gedreht, bin vom Motorrad gefallen - und das Ding ist genau auf meinem Rücken gelandet. Ich hatte zwar einen Schutzharnisch an, aber so ein Motorrad wiegt ja trotzdem ne ganze Menge."

"Autsch," machte Heero besorgt.

Milliardo grinste schief. "So schlimm ist es nicht. Zumindest soweit man das bis jetzt sagen kann. Anscheinend wurde das Rückenmark nicht verletzt, nur die Wirbel sind angebrochen. Dr. Giardia meinte, dass es ohne Probleme behoben werden könnte. Es ist nur lästig weil ich nur auf dem Rücken liegen darf bis zur OP."

"Naja, aber besser als die Alternative," antwortete Heero.

"Ja... wenn mich nur meine Schwester in Ruhe lassen würde," seufzte Milliardo. "Dann wär das alles hier viel leichter zu ertragen. Aber wie ich sie kenne wird sich mich jeden einzelnen Tag hier besuchen und mir einen Vortrag über das Ansehen der Familie Peacecraft halten."

"Hn," machte Heero und unterdrückte schnell ein Grinsen. Irgendwie mochte er den jungen Mann. Vielleicht lag es daran, dass Milliardo genau wie Heero selbst nicht viel auf den Familiennamen oder das Geld, das dahinter steckte, gab. Denn natürlich hatte Heero schon von der Familie Peacecraft gehört. Wenn er sich nicht täuschte, dann hatte Quatre ihm sogar schon mal etwas vom rebellischen Sprössling der Peacecrafts erzählt. Immerhin bewegten sie sich in den selben Kreisen.

"Hah, ich weiß was!" rief Milliardo plötzlich und grinste Heero breit an. "Wie wär's wenn du mich einfach heimlich in ein anderes Zimmer, oder noch besser gleich auf eine andere Station verlegst! Ich wette meine Schwester würde ein paar Tage brauchen um mich zu finden!"

Heero schnaubte. "Tut mir leid dich zu enttäuschen, aber das Verlegen von Patienten gehört nicht zu meinen Befugnissen."

"Ach verdammt!"

"Milliardo!"

Heero drehte sich schnell zu der schrillen Frauenstimme um, die von der Tür her gekommen war. Milliardo hingegen stöhnte nur lauf auf und legte einen Arm über seine Augen.

"Musst du immer diese vulgäre Sprache benutzen?" rief Milliardos Schwester missbilligend und näherte sich dem Bett. "Du hast genauso wie ich nur die allerbeste Erziehung genossen, ich kann wirklich nicht verstehen warum du auf diesen Straßenjargon bestehst!"

Heero warf einen Blick in das hübsche Gesicht von Milliardos Schwester und schüttelte leicht den Kopf. Es war wirklich kaum zu glauben dass diese beiden Geschwister sein sollten. Sie waren sich so gar nicht ähnlich - weder vom Aussehen noch vom Charakter her.

"Ich habe Dr. Giardia nirgends finden können," verkündete Milliardos Schwester soeben empört. "Und keine der Schwestern konnte mir Auskunft über seinen Verbleib geben. Ich muss schon sagen, dieses Krankenhaus wird wirklich schlampig geführt! Und als ich auf deiner Verlegung in ein Einzelzimmer bestanden habe, da hat mir diese Oberschwester den Wunsch einfach abgeschlagen! Kannst du dir das vorstellen?"

Heero unterdrückte erneut schnell ein Grinsen. Oh ja, er konnte sich das sehr gut vorstellen. Schwester Helen war auf so was gar nicht gut zu sprechen. Sie hasste es wenn Patienten oder deren Angehörige versuchten sie herum zu kommandieren. Zu schade. Heero hätte es gern gesehen wie Schwester Helen diese hochnäsige Person in ihre Schranken verwiesen hätte. Das letzte Mal war es mehr als amüsant gewesen.

Aber scheinbar war Heero nicht schnell genug gewesen - oder er hatte heute seine Mimik nicht so gut im Griff, denn offenbar hatte Milliardos Schwester irgendetwas bemerkt.

"Was grinsen Sie denn hier?" rief sie, stemmte ihre Hände in die Seiten und blickte Heero empört an. "Sollten Sie nicht lieber irgendwas tun statt hier herumzulungern und private Gespräche zu belauschen? Sicherlich gibt es irgendwo noch eine Menge Bettpfannen die Sie leeren können."

"RELENA!" rief Milliardo und nahm den Arm wieder von seinem Gesicht, um seine Schwester empört anzublicken. "Was soll das?"

"Schon gut," erwiderte Heero, immer noch mehr amüsiert als beleidigt. "Ich muss sowieso gehen. Wir sehen uns später sicher noch, Milliardo."

Damit drehte Heero sich um und verließ das Zimmer. Das letzte was er noch hörte war Relenas schrille Stimme, die über das impertinente Personal in diesem Krankenhaus schimpfte.



Kapitel 5
„Hey Heero!“
Heero, der gerade den Gang entlang zum Aufzug lief, blieb stehen und blickte durch die offene Tür in das Krankenzimmer, aus dem ihm die Stimme entgegenrief.
„Milliardo,“ erwiderte Heero den Gruß und betrat das Zimmer. „Ich wusste gar nicht dass du schon wieder zurück bist.“ Es war Freitag, genau ein Tag nach Milliardos Operation, und Heero hatte nicht erwartet dass dieser so schnell von der Intensivstation wieder hier nach oben auf Station 15 verlegt wurde.
„Bin vor ner Viertelstunde wieder hochgekommen,“ erwiderte Milliardo.
„Gott sei Dank!“ sagte Heero aus tiefstem Herzen als er an Milliardos Bett stehenblieb.
„Oh, Heero, ich wusste gar nicht dass du mich so vermisst hast!“ Milliardo grinste ihn an.
„Nicht nur ich,“ erwiderte Heero. „Die ganze Station hat dich schmerzlichst vermisst.“
Milliardo zog eine Augenbraue hoch. „Ok, jetzt hast du mich neugierig gemacht. Wieso bin ich auf einmal so beliebt hier?“
Heero schauderte. „Deine Schwester. Sie hat die gesamte Station in den Wahnsinn getrieben.“
Milliardo warf seinen Kopf zurück und stöhnte auf. „Bitte sag mir dass das nicht wahr ist!“
„Es ist wahr.“
„Aber ich hab ihr doch gesagt dass sie nicht herkommen muss solang ich nicht wieder auf Station bin!“ Milliardo schüttelte den Kopf. 

„Offenbar hast du es ihr nicht deutlich genug gesagt – auf jeden Fall hat sie gestern alle halbe Stunde angerufen. Als wir schließlich nicht mehr ans Telefon gegangen sind ist sie dann persönlich hier aufgetaucht. Schwester Helen konnte nur mit Mühe und Not davon abgehalten werden ihr den Hals umzudrehen.“ Heero grinste bei der Erinnerung an diesen Zwischenfall.
Milliardo starrte ihn aus großen Augen an. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“
„Ich fürchte schon.“
Milliardo seufzte. „Es tut mir leid. Du weißt gar nicht wie sehr.“
„Schon gut,“ Heero winkte ab. „Ich fand’s ganz amüsant.“
„Ich schätze ich sollte mich wohl auch bei Schwester Helen entschuldigen, oder?“
„Kann zumindest nicht schaden,“ Heero zuckte mit den Schultern. „Ich hätte niemals gedacht dass eine so kleine, zarte Frau derart rabiat werden kann.“
„Oh Mann, und ich hab das verpasst!“ Milliardo seufzte theatralisch.
Heero lachte auf. „Und wie fühlst du dich?“ fragte er dann.
„Klasse,“ strahlte Milliardo. „Ich könnte Bäume ausreißen so gut geht’s mir.“ Er legte eine kurze Pause ein und schien zu überlegen. „Gut, ich gebe zu das könnte eventuell an den Schmerzmitteln liegen, aber im Moment geht’s mir echt gut. Ich könnte Bäume ausreißen.“
Heero schnaubte. „Bin mal gespannt ob du immer noch so große Töne spuckst sobald die Schmerzmittel reduziert werden.“
„Solang ich dann nur wieder stehen und gehen kann ist mir das recht,“ erwiderte Milliardo.
„Was sagt Dr. Giardia?“
„Ich hab Glück gehabt,“ sagte Milliardo. „Die Wirbel waren nur angebrochen und das Knochenmark war nicht verletzt. Dr. Giardia hat die Wirbel versteift, und in ein paar Tagen bin ich wieder auf den Beinen.“
„Das ist gut,“ erwiderte Heero.
„Also, was hab ich – außer meiner Schwester – sonst aufregendes verpasst während ich nicht hier war?“
„Nicht viel,“ sagte Heero. „Einer deiner Zimmergenossen ist inzwischen entlassen worden und ein neuer dazugekommen. Sie spazieren grade draußen auf dem Gang herum. Ansonsten ist alles gleich.“
„Das mein ich nicht!“ Milliardo zwinkerte ihm zu. „Erzähl mir lieber alles über den Stationsleckerbissen Dr. Maxwell!“
Heero starrte Milliardo an. Oh nein. Nicht er auch noch! War denn JEDER hinter diesem Dr. Maxwell her? Das war doch schon nicht mehr normal, oder? Benutzte dieser Kerl etwa Pheromone statt eines Aftershaves oder wie?
„Oh komm schon Heero, das muss dir doch auch aufgefallen sein!“
„Was aufgefallen?“ versuchte Heero sich dumm zu stellen.
„Na wie gut er aussieht!“ Milliardo seufzte. „Ich wünschte wirklich, meine Schwester würde nicht darauf bestehen dass ich vom Chefarzt behandelt werde. Ich würde mich so viel lieber von Dr. Maxwell untersuchen lassen.“
„Nein,“ sagte Heero steif. „Das ist mir nicht aufgefallen.“
Milliardo warf ihm einen scharfen Blick zu. „Das kann ich kaum glauben, so wie du ihn immer ansiehst.“
Heero spürte wie er rot wurde. „Ich weiß nicht was du damit meinst!“
„AHA!“ Milliardo grinste. „Du findest ihn also auch toll! Ich wusste es!“
„Und wenn es so wäre, was dann?“
Milliardo zuckte mit den Schultern. „Nichts. Ich beneide dich nur. Ich meine, ich seh ihn höchstens mal bei der Visite, und dann ist er immer total professionell. Keine Möglichkeit mal ein wenig mit ihm zu flirten oder so. Aber du, du siehst ihn ständig, während der Kaffeepausen und so weiter. Erzähl mir, wie ist er so?“
Heero zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“
„Keine Ahnung?“ Milliardo starrte ihn ungläubig an. „Heero, komm schon, spann einen schwer verletzten Mann wie mich nicht auf die Folter!“
„Ich spann dich nicht auf die Folter,“ erwiderte Heero. „Ich hab wirklich keine Ahnung. Dr. Maxwell spricht nicht mit mir.“
„Ehrlich?“ Milliardo runzelte die Stirn. „So gar nicht?“
„Wir haben in den Wochen die ich schon hier bin vielleicht ganze fünf Worte gewechselt, und es hat sich jedes Mal um irgendwas berufliches gehandelt.“
„Sprechen wir über den selben Dr. Maxwell?“ fragte Milliardo ungläubig. „Ich mein, ich bin ja noch nicht so lange hier wie du, aber nach allem was ich mitgekriegt hab hört der Typ nie auf zu reden!“
„Tja, das gilt offenbar nur bei anderen,“ antwortete Heero schnippisch und ein wenig verletzt. „Mich ignoriert er jedenfalls. Scheinbar kann er mich aus irgendeinem Grund nicht leiden.“
„Aber warum? Hast du ihm irgendwas getan?“
„Nein!“ rief Heero frustriert aus. „Wie könnte ich ihm was getan haben? Er ignoriert mich, geht mir aus dem Weg wo nur möglich, und das seit dem Tag seit wir uns kennen gelernt haben! Ich hatte gar keine Möglichkeit ihm irgendwas zu tun!“ Die Tatsache dass Heeros Hirn ihn sofort mit allen möglichen Bildern versorgte, was er denn alles gern mit Dr. Maxwell tun würde – das meiste davon nicht jugendfrei – half nicht wirklich.
„Hm,“ machte Milliardo und runzelte die Stirn. Dann fokussierte sein Blick sich auf einmal auf etwas hinter Heero, seine Augen weiteten sich und ein schelmischer Blick schimmerte darin. Und noch bevor Heero in irgendeiner Weise darauf reagieren konnte, rief Milliardo schon, „Hey, Dr. Maxwell, haben Sie mal einen Moment Zeit?“
„Klar,“ erwiderte eine Heero nur allzu gut bekannte Stimme.
Heero versteifte sich und starrte Milliardo so böse an, dass ihm fast die Augen aus dem Kopf fielen, doch dieser ignorierte ihn einfach.
„Worum geht es denn, Mr. Peacecraft?“ fragte Dr. Maxwell und trat an Milliardos Bett heran – so weit von Heero weg wie nur möglich, auf der anderen Seite des Bettes.
„Ich hab doch gesagt Sie können mich Milliardo nennen,“ erwiderte Milliardo und schenkte Dr. Maxwell ein breites Lächeln. „Ich hatte mich gefragt wie lange es noch dauert bis ich wieder aufstehen kann.“
„Sie sind ganz schön ungeduldig, wie?“ antwortete der junge Arzt. „Die Schwestern auf der Intensivstation haben mich schon gewarnt – Sie müssen ihnen ganz schön auf die Nerven gegangen sein dass sie Sie so schnell loswerden wollten.“
Milliardo grinste und wackelte mit den Augenbrauen. Dr. Maxwell schmunzelte und fuhr dann fort, „So schnell wie Sie das gern hätten geht das nicht. Als nächstes bekommen Sie erst mal einen Rumpfgips – da morgen aber schon Samstag ist und die orthopädische Werkstatt am Wochenende geschlossen hat, fürchte ich dass das vor Montag nichts wird. Das bedeutet also leider absolute Bettruhe für die nächsten zwei Tage.“
Milliardo stöhnte theatralisch – zum zweiten Mal, wie Heero sarkastisch feststellte. Offenbar hatte der Blonde ein Talent für derartige Seufzer, er brachte sie wirklich sehr überzeugen rüber.
„Nun gut,“ sagte er schließlich. „Ich werd’s wohl überleben. Gott sei Dank hat Heero am Wochenende Dienst, so dass ich wenigstens jemand zum reden hab.“
Dr. Maxwell warf einen schnellen Seitenblick auf Heero – den ersten überhaupt seit er den Raum betreten hatte – dann konzentrierte er sich wieder auf den Mann im Bett. „Das ist schön,“ sagte er.
„Oh ja,“ nickte Milliardo. „Ich wüsste wirklich nicht was ich ohne Heero tun sollte. Ich hätte mich wahrscheinlich schon zu Tode gelangweilt. Er ist wirklich toll.“
Heero starrte Milliardo beschwörend an. Was sollte das werden? Ein Verkaufsgespräch?
„Tatsächlich?“ Dr. Maxwell sah aus als müsse er ein Lächeln unterdrücken. „Hat er Sie mit dem neuesten Klatsch auf dem Laufenden gehalten? Ich schwöre, dieses Krankenhaus ist schlimmer als jedes Boulevardblatt. Ich hoffe doch, ihr habt wenigstens mich aus allem rausgehalten.“
„Oh natürlich nicht, wir haben wirklich gerade über Sie geredet als Sie hereinkamen!“
Heero war kurz davor den Mann im Bett zu treten. Er war sich sicher, wenn er ihn noch ein wenig härter anstarrte, dann würde Milliardo sicherlich anfangen zu brennen. Wie konnte der Blonde ihn nur so in Verlegenheit bringen?
Dr. Maxwell schien von Milliardos Aussage ebenso überrascht zu sein wie Heero. Er hob den Kopf und sah Heero erstaunt an. „Tatsächlich?“ wiederholte er.
Heero konnte zwar aus den Augenwinkeln erkennen, dass der junge Arzt ihn ansah, doch er weigerte sich den Kopf zu drehen und den Blick zu erwidern. Stattdessen konzentrierte er sich auf den Versuch, Milliardo telepathisch zu töten und nicht rot zu werden.
„Oh ja,“ erwiderte Milliardo auf die Frage des Arztes. Er sah sehr zufrieden mit sich selbst aus, wie Heero bemerkte während er all seine mentale Kraft auf den Blonden konzentrierte. Verdammt, es funktionierte nicht! Somit konnte Telepathie von seiner Liste mit Fähigkeiten gestrichen werden. Zu schade.
„Hat er Ihnen auch von der kleinen Episode mit Ihrer Schwester erzählt?“
Hah! Das hatte das selbstzufriedene Grinsen erfolgreich von Milliardos Gesicht gewischt! Heero wünschte nur, er hätte es geschafft und nicht Dr. Maxwell.
„Ja,“ stöhnte der Blonde. „Ich hoffe nur Schwester Helen wird sich mit einer einfachen Entschuldigung zufrieden geben, denn im Moment bin ich einfach nicht in der Lage vor ihr im Staub zu kriechen.“
Dr. Maxwell lachte auf. „Oh ich denke schon. Sie hat sich gestern recht schnell wieder beruhigt nachdem ich sie von Ihrer Schwester weggezerrt habe. Ich fürchte nur, Miss Peacecraft hat keinen sonderlich guten Eindruck unseres Krankenhauses gewonnen. Sie schrie irgendwas dass sie sich beschweren würde oder so.“
„Wirklich?“ Milliardo klang erschrocken. „Das sie sich beschweren will hat Heero gar nicht erzählt.“
Heero zuckte kurz mit den Schultern. „Ich hab es nicht mitbekommen.“ Mrs. Noventa hatte ausgerechnet in diesem Moment wieder geklingelt und Heero war nichts anderes übrig geblieben als hinzugehen und nachzusehen, was die Frau wieder wollte. So hatte er offenbar das Beste verpasst.
„Hoffentlich macht Relena Ihnen keine Schwierigkeiten,“ sagte Milliardo besorgt.
Dr. Maxwell zuckte nur mit den Schultern. „Keine Sorge, selbst wenn sie zu Doc G geht, er weiß was er von einer solchen Beschwerde zu halten hat.“
So ging das noch eine ganze Weile weiter. Heero stand schweigend daneben und beobachtete, wie Milliardo mit Dr. Maxwell schäkerte. Und die ganze Zeit über fühlte er selbst sich wie das fünfte Rad am Wagen. Und dennoch... er konnte es nicht über sich bringen einfach zu gehen. Irgendein masochistischer Charakterzug zwang ihn dazu da zu bleiben und sich von Dr. Maxwell ignorieren zu lassen.
Heero schüttelte gerade mental den Kopf über sich selbst als plötzlich eine weitere Stimme ertönte:
„Milliardo, gut dass du wieder hier bist!“ Relena Peacecraft, Milliardos Schwester stöckelte ins Zimmer.
Milliardo unterdrückte ein Stöhnen. „Hallo Relena,“ grüßte er sie.
„Du wirst nicht glauben was ich mir hier alles bieten lassen musste!“ schnaubte sie als sie am Fußende des Bettes ankam.
„Wirklich?“ fragte Milliardo sarkastisch. „Danke der Nachfrage übrigens. Mir geht’s ganz gut nach der OP. Und die Aussichten sind ebenfalls sehr gut. Es ist einfach toll wie sehr du dich um mich sorgst!“
Relena runzelte die Stirn. „Wovon sprichst du? Ich weiß natürlich dass es dir gut geht. Ich habe bereits mit Dr. Giardia gesprochen. Aber darum geht es hier nicht. Das Personal in diesem Krankenhaus ist einfach unmöglich! Ich wünschte wirklich du würdest dich in das Privatkrankenhaus verlegen lassen von dem ich gesprochen habe. Ich bin sicher, die Pflege dort wäre sehr viel angemessener als hier.“
„Also, Miss Peacecraft,“ meldete Dr. Maxwell sich zu Wort. „Das Personal in diesem Krankenhaus ist äußerst kompetent, und wir haben den besten Ruf auf dem Gebiet der Orthopädie. Ihr Bruder ist hier in den allerbesten Händen, das kann ich Ihnen versichern.“
Relena sah den jungen Arzt stirnrunzelnd an. „Kenne ich Sie von irgendwoher?“
Dr. Maxwell trat einen Schritt zurück und grinste die junge Frau an. „Äh, nein, ich denke nicht.“
„Doch, jetzt weiß ich es wieder!“ Relena starrte den jungen Arzt böse an. „Sie waren gestern dabei als diese verrückte Schwester mich angegriffen hat!“
Heero unterdrückte heldenhaft sein Gelächter als ihm die gestrige Szene wieder in den Sinn kam, doch offenbar gelang ihm das nicht hundertprozentig, irgendein Geräusch musste ihm entschlüpft sein, denn plötzlich fand er sich in Relenas Fokus wider.
„Und was lachen Sie hier bitteschön?“ fauchte sie. Dann wandte sie sich wieder an ihren Bruder, „Also wirklich Milliardo, ich denke nicht dass ich das noch sehr viel länger ertragen kann! Ich bin es nicht gewohnt derart behandelt zu werden!“
Heero entschied dass dies der günstigste Augenblick wäre, um sich zurückzuziehen. Vorsichtig, um ja nicht Relenas Aufmerksamkeit zu erregen, ging er rückwärts auf die Tür des Zimmers zu. Offenbar hatte Dr. Maxwell die selbe Idee gehabt, denn Heero fand sich plötzlich neben dem jungen Arzt wieder, der auf die selbe Art und Weise auf die Tür zurobbte und Relena dabei nicht aus den Augen ließ.
„Heh!“ rief Milliardo, der anscheinend Heeros und Dr. Maxwells taktischen Rückzug endlich bemerkt zu haben schien. „Ihr könnt mich hier doch nicht mit ihr allein lassen!“
Heero warf einen Blick auf den jungen Arzt, der diesen Blick erwiderte. Wie auf Kommando drehten die beiden sich gleichzeitig um und stürzten aus dem Raum. Sie rannten den Gang entlang und machten nicht halt bis sie im Schwesternzimmer angekommen waren.
„Ist sie uns gefolgt?“ keuchte Dr. Maxwell und lehnte sich an die Wand neben der Tür.
Heero steckte den Kopf zur Tür hinaus und spähte vorsichtig um die Ecke. „Nein,“ antwortete er. „Ich glaube sie begnügt sich mit Milliardo als Opfer.“ Er richtete sich auf und blickte zu Dr. Maxwell hinüber.
Der junge Arzt erwiderte den Blick, und dann fing er plötzlich laut an zu lachen. Das Gelächter war so ansteckend, dass selbst Heero sich nicht zurückhalten konnte und mit einstimmte.
„Hast du seinen Gesichtsausdruck gesehen?“ Dr. Maxwell hielt sich die Seiten vor Lachen.
Heero nickte, war zu einer Antwort aber nicht in der Lage. Er hatte schon lange nicht mehr so lang und laut gelacht. Es tat gut mal wieder so richtig aus sich heraus zu gehen.
„Mann, mit so einer Schwester gestraft zu sein!“ Dr. Maxwell schüttelte den Kopf und schauderte dann sichtbar.
„Ja, da kann man wirklich froh sein ein Einzelkind zu sein,“ bestätigte Heero.
Dr. Maxwell sah ihn an und nickte. Und zum ersten Mal seit sie sich kannten versuchte er nicht Heeros Blick auszuweichen oder so schnell wie möglich das Zimmer zu verlassen.
„Was meinst du wie lange wir uns hier verstecken müssen bevor sie wieder geht?“
Heero schnaubte. „Hah, Sie haben es gut!“ sagte er. „Sie müssen nicht raus wenn einer der Patienten klingelt!“
Dr. Maxwell grinste. „Stimmt!“
Heero warf ihm einen bösen Blick zu. „Das ist kein Grund so selbstzufrieden zu sein.“
„Tschuldige,“ antwortete der junge Arzt, sah aber nicht wirklich zerknirscht aus. „Aber im Moment scheint es eher ruhig zu sein. Vielleicht hast du ja Glück.“
„Ich hoffe Sie haben recht.“
Dr. Maxwell legte den Kopf schief. „Mein Name ist Duo. Und du musst mich nicht Siezen. Ich komm mir doof vor wenn ich von jemand gesiezt werde der genauso alt ist wie ich.“
Heero starrte ihn überrascht an. Das hörte sich ja wie ein Friedensangebot von Seiten des jungen Arztes an. Und Heero wäre ein Narr wenn er es nicht annehmen würde! „Mein Name ist Heero,“ erwiderte er deshalb.
„Ich weiß,“ lächelte Duo. „Also, Helen hat mir erzählt du machst eine Ausbildung als MTA?“
Heero nickte, und so begann seine allererste wirkliche Unterhaltung mit Dr. Duo Maxwell.