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Streng vertraulich Teil 6 - 9

Kapitel 6

Die nächste Woche verging für Heeros Geschmack viel zu schnell. Was vielleicht daran lag, dass er Duo Maxwell nicht ganz so oft zu sehen bekam wie er es gern gehabt hätte. Am Wochenende hatte er zwar Frühschicht im Krankenhaus, aber leider hatte Duo keinen Dienst. Montag und Dienstag hatte dann Heero frei, und so gut kannte er Dr. Maxwell noch nicht dass er diesem seine Handynummer oder gar Adresse gegeben hätte. Eigentlich hatte es bis jetzt noch nicht mehr als ein erstes, normales Gespräch mit dem gutaussehenden Arzt gegeben, aber für Heero bedeutete es eine Menge.

Denn zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass es sich wirklich gut mit Duo Maxwell reden ließ. Heero selbst war nicht wirklich der größte Redner, er brauchte immer lange bis er sich bei einem Menschen wohl genug fühlte um mit diesem über mehr als nur Belanglosigkeiten sprechen zu können. Aber seltsamerweise war das in Duos Gegenwart anders.

Vom ersten Moment ihres Gesprächs an hatte Heero sich wohl gefühlt. Es war als würden sie beide sich schon ewig kennen, als wären sie die ältesten und besten Freunde. Heero hatte so etwas noch niemals erlebt, und er hatte die ganzen vier Tage in denen er Dr. Maxwell nicht gesehen hatte einem Wiedersehen entgegen gefiebert. Was wenn er sich das nur eingebildet hatte? Was wenn diese Vertraulichkeit nur ein Ergebnis der Umstände gewesen war? Was wenn Dr. Maxwell ihn wieder ignorieren würde?

Doch Heero hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Als ihm Duo am Mittwoch auf dem Flur begegnete, lächelte er ihn strahlend an und begrüßte ihn freundlich. Heero musste sich stark zusammenreißen um nicht den Rest des Tages mit einem fetten Grinsen im Gesicht herumzulaufen. Schließlich war es peinlich genug dass Hilde dem jungen Arzt immer hinterher schmachtete. Heero wollte ihr da nicht wirklich Konkurrenz machen.

Leider blieb es für den Rest der Woche bei derart kurzen Begegnungen. Sowohl Dr. Maxwell als auch Heero hatten die nächsten drei Tage viel zu tun – Dr. Maxwell weil sein Chef Dr. Giardia in dieser Woche einen wirklich engen OP-Plan hatte, und Heero weil es seit Tagen an Pflegepersonal mangelte. Zwei der Pfleger waren im Urlaub, und wie es der Teufel wollte meldeten sich drei weitere Leute krank. Normalerweise gab es für solche Fälle die so genannten ‘Springer’. Das waren Krankenschwestern und Pfleger die nicht einer bestimmten Abteilung zugeteilt waren, sondern die immer gerade dort einsprangen wo es an Personal mangelte.

Doch offenbar sah es in den anderen Abteilungen auch nicht besser aus als auf Station 15 – etliche Leute waren im Urlaub und/oder krank. Die Springer – genau wie alle anderen auch – hatten alle Hände voll zu tun. So fand sich zu Heeros Leidwesen für den Rest der Woche nicht ein ruhiger Moment, in dem er mit Duo länger hätte reden konnte. Und dennoch schaffte Duo es jedes Mal ein Lächeln und ein paar freundliche Worte für Heero übrig zu haben, wann immer sie sich auch begegneten – sei es auf dem Flur wenn sie auf dem Weg zu ihren jeweiligen Aufgaben aneinander vorüber hasteten, oder im Schwesternzimmer zwischen zwei Schlucken Kaffee.

Und so ging Heero mit einem wirklich warmen Gefühl in sein nächstes Wochenende. Er hatte den Eindruck, als ob sein Gesicht sich permanent zu einem Lächeln verzogen hätte. Sogar Quatre schien etwas aufzufallen, als sie sich am Sonntag trafen.

„Also,“ begann Quatre nachdem sie sich beide einen Kaffee geholt und sich an einem Tisch in der Ecke der Bäckerei niedergelassen hatten. „Erzähl.“

Heero blickte seinen besten Freund ein wenig verwundert an. „Was soll ich erzählen?“

„Na warum du so glücklich bist!“ Quatre zappelte ein wenig ungeduldig auf seinem Stuhl herum. „Du strahlst geradezu! Sei mir nicht böse, aber so etwas kenne ich bei dir eigentlich nicht!“

Heero blinzelte und begann dann zu lächeln. Er konnte es nicht verhindern, dieses Lächeln stahl sich einfach von allein auf sein Gesicht jedes Mal wenn er an Duo dachte.

„Oh mein Gott!“ Quatre blickte ihn geschockt an. „Heero! Ist das... ist das ein... Lächeln???“

Heero streckte ihm die Zunge raus. „Haha. Tu nicht so als hätte ich noch nie gelächelt.“

„Glaub mir Heero, SO hast du noch nie gelächelt!“ Quatre blickte ihn forschend an. „Zumindest nicht mehr seit deine Eltern...“ Quatre brach ab und senkte schnell den Blick. Nach einer kurzen Sekunde des Schweigens hob er ihn wieder und sah Heero direkt an. „Also, raus mit der Sprache. Wer ist es?“

„Wer ist wer?“ versuchte Heero Quatre von der Spur abzubringen.

„Oh bitte!“ Quatre rollte mit den Augen. „Ich erkenne einen liebeskranken Blick wenn ich ihn sehe! Ich will alles über ihn wissen! Wie sieht er aus? Wie heißt er? Wann kann ich ihn kennen lernen?“

„Quatre!“ stoppte Heero den Enthusiasmus seines Freundes bevor dieser außer Rand und Band geraten konnte. „Es ist nicht so wie du denkst. Erstens bin ich nicht verliebt, und zweitens wirst du ihn gar nicht kennen lernen!“ Als Quatre ihn nur weiter abschätzend ansah fügte Heero hinzu, „Und wage es ja nicht mich im Krankenhaus zu besuchen oder dich mit einer vorgeschobenen Verletzung einzuschleichen!“

„AHA!“ rief Quatre triumphierend. „Ich wusste es! Ein schnuckliger Arzt! Los Heero, ich will alle Einzelheiten!“

Heeros Augen weiteten sich als er erkannte dass er Quatre mehr verraten hatte als er wollte, doch er fing sich schnell. „Quatre, bitte! Es ist wirklich nicht so wie du denkst! Wir sind nur Freunde.“

„Freunde.“

„Eigentlich nicht mal das. Eher flüchtige Bekannte.“

„Bekannte.“

„Ja!“ Heero sah Quatre ein wenig genervt an, dann seufzte er. „Quatre, wirklich. Da ist nichts zwischen ihm und mir. Und bitte, bitte, ich flehe dich an, als dein Freund, komm nicht vorbei und mach es für mich komplizierter als es schon ist. Das wird nur peinlich. Und zwar für mich.“

„Hm.“ Quatre sah ihn eine Weile prüfend an, dann nickte er schließlich widerwillig. „Also gut. Dann werde ich also nicht vorbeikommen.“

Heero atmete erleichtert auf. Er hätte es Quatre glatt zugetraut eine Verletzung vorzutäuschen um Duo zu begutachten. Oder noch schlimmer, das ganze Krankenhaus einfach aufzukaufen. Quatre wäre zu beidem fähig, da war sich Heero sicher.

„Das erklärt aber immer noch nicht warum du so – strahlst!“ Quatre legte den Kopf leicht schief. „Ich meine, wenn ihr nur Freunde seid...“

Heero wand sich ein wenig auf seinem Stuhl.

„Oder kann es sein dass du zwar interessiert bist, aber er nicht? Oder dass du das zumindest denkst, weil du mal wieder nicht den Mut hast zu fragen. Vielleicht sollte ich doch...“

„Quatre,“ ermahnte Heero. „Nicht. Ich bin mir ziemlich sicher dass er hetero ist. Außerdem bin ich schon froh dass er überhaupt mit mir spricht. Bitte belass es dabei, ok?“

Quatre gab klein bei – was eher selten war, aber offenbar schien er zu spüren wie ernst es Heero war – und sie beiden wendeten sich wieder anderen Themen zu.

Der Beginn von Heeros fünfter Praktikumswoche verlief ungefähr genauso wie die vorangegangene. Noch immer war das Personal knapp, und noch immer hatten er und Duo – das erste Gespräch ausgenommen – nicht mehr als ein paar Worte gewechselt.

Aber alles in allem musste Heero sagen, dass die letzten zwei Wochen die besten seines Praktikums gewesen waren. Nicht nur dass Duo Maxwell offenbar seine Abneigung gegen Heero überwunden hatte und auf dem besten Weg war, ein sehr guter Freund zu werden, auch Heeros Bekanntschaft mit Milliardo Peacecraft hatte ihm die Arbeit des Öfteren leichter gemacht.

Offenbar hatte Milliardo sich Heero als seine Schulter zum Ausheulen auserkoren, denn der Blonde nutzte jede Gelegenheit um Heero sein Leid zu klagen. Und Heero konnte ihn nur zu gut verstehen. Auch wenn es in seinem eigenen Fall sein Onkel und nicht die Schwester war, so hatten diese beiden doch etwas gemeinsam – sie beide wollten ihre ‘Schützlinge’ in eine Form pressen die diesen nicht zusagte.

Vielleicht lag es auch daran dass Heero ihn so gut verstehen konnte. Oder daran dass Relena Peacecraft inzwischen berühmt-berüchtigt war auf Station 15. Jedenfalls erzählte der Blonde Heero eine Menge aus seinem Leben, und Heero hörte ihm zu so oft er es konnte.

Am schlimmsten schien es immer nach einem von Relenas Besuchen zu sein. Der sonst so fröhliche Milliardo konnte dann regelrecht in ein depressives Tief fallen. Nicht selten sagte Heero sich, dass er es mit seinem Onkel vielleicht gar nicht so schlecht getroffen hatte – es ging ja offenbar noch viel schlimmer.

Anscheinend war es auch an diesem Montag so – als Heero das Vierbettzimmer betrat fand er nur Milliardo vor. Obwohl der Blonde schon seit Freitag letzter Woche eines der Plastikkorsetts trug und wieder ziemlich mobil war, lag er nur stumm auf seinem Bett und starrte trübsinnig an die Decke.

„Hey Milliardo,“ begrüßte Heero ihn.

„Hm,“ machte der Blonde nur, blickte aber weiter starr an die Decke.

„Ich nehme mal an, deine Schwester war gerade hier,“ sagte Heero mit einem Blick auf die leeren Betten während er die Schränke überprüfte ob noch alles vorhanden war. Milliardos Mitpatienten hatten es sich angewöhnt das Zimmer und meist auch die Station fluchtartig zu verlassen wenn Relena zu Besuch kam.

„Ja,“ kam die dumpfe Antwort.

„So schlimm?“ fragte Heero und trat besorgt an Milliardos Bett heran.

„Schlimmer,“ antwortete Milliardo. Dann wandte er den Kopf und sah Heero endlich an. „Ich weiß einfach nicht was ich noch tun soll. Ich kann ihr gar nichts recht machen. Egal was ich auch tue, sie hat immer etwas an mir auszusetzen. Und ständig versucht sie mir mein Leben vorzuschreiben. Weißt du was sie sich diesmal ausgedacht hat?“

Heero schüttelte den Kopf.

„Sie hat mir eine Liste von potentiellen Ehefrauen mitgebracht!“ Milliardo deutete mit dem Kopf auf einen ziemlich zerknüllten Zettel der auf seinem Nachtkästchen lag. „Alle kommen sie natürlich nur aus den besten Familien. Und alle sind sie mit Relena befreundet. Gott, eine von denen ist schlimmer als die andere!“

„Ehefrauen?“ Heero runzelte die Stirn. „Aber ich dachte du wärst... du stehst auf Männer.“ Zumindest hatte Heero ganz den Eindruck gewonnen aufgrund der Art und Weise wie Milliardo über Duo gesprochen hatte. Hatte er sich womöglich geirrt?

„Tu ich auch!“ bestätigte Milliardo jedoch Heeros Einschätzung. „Das Problem ist nur – meine Schwester weiß es nicht.“

„Oh.“

„Ganz genau. Oh.“ Milliardo seufzte. „Eigentlich ist es albern, ich bin der ältere von uns beiden und dennoch... dennoch kusche ich vor ihr. Ich verstehe es einfach nicht.“

„Vielleicht... vielleicht möchtest du sie einfach nicht verletzen?“ schlug Heero vor. Auch wenn seiner Meinung nach schon ein Vorschlaghammer nötig war um Relena Peacecraft zu verletzen, so war sie dennoch Milliardos Schwester.

„Ja... Ich versteh nur nicht warum sie sich so verändert hat,“ sagte Milliardo. „Sie war früher nicht so. Sie war freundlich, hilfsbereit und offen. Meine kleine Schwester.“ Milliardo lächelte leicht. „Aber dann... Ich weiß auch nicht. Ich schätze all diese Privatschulen sind ihr irgendwann zu Kopf gestiegen. Und jetzt, nach dem Tod unserer Mutter hat sie es sich in den Kopf gesetzt unserer Familie wieder zu ihrem alten Glanz zu verhelfen. Ihr scheint diese Art Leben zu gefallen. Nur mir nicht. Manchmal... manchmal würde ich am liebsten davonlaufen und nie wieder zurückkommen.“ Milliardo seufzte erneut schwer.

„Warum tust du es dann nicht?“

„Was?“ Milliardo sah Heero verwundert an.

„Naja, ich meine, warum nimmst du dir nicht einfach mal eine Auszeit?“ Heero zuckte mit den Schultern. „Such dir etwas was dir wirklich gefällt und tu das. Vielleicht irgendwo wo du nicht im direkten Einflussbereich deiner Schwester bist. Bei mir hat es geholfen – mein Onkel und ich, wir kommen beide nicht miteinander klar. Also hab ich mir einen Ausbildungsplatz gesucht der weit genug von hier weg ist. Ich kann zwar nicht sagen dass sich unsere Beziehung verbessert hätte, aber sie hat sich zumindest auch nicht verschlechtert.“

„Hm,“ sagte Milliardo und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Das ist gar nicht einmal eine so schlechte Idee...“

Heero lächelte den Blonden kurz an, dann verabschiedete er sich und verließ das Zimmer. So gerne er auch noch geblieben wäre und mit Milliardo geplaudert hätte, er hatte noch eine Menge zu tun.

Als Heero den Aufenthaltsraum betrat um einen Schluck Wasser zu trinken, fand er dort Schwester Helen vor, die gerade die Patientenkurven schrieb.

„Oh Heero, gut dass du da bist,“ sagte Helen als sie aufblickte. „Ich wollte dich etwas fragen.“

„Was denn?“ fragte Heero.

„Du weißt ja sicherlich dass wir im Moment etwas knapp an Personal sind,“ begann Helen. „Ich würde das normalerweise keinen Praktikanten bitten, aber würde es dir viel ausmachen ab morgen statt in der Frühschicht in der Nachtschicht zu arbeiten? Du wärst auch nicht allein, ich hab ab morgen ebenfalls die Nachtschicht, aber ich kann sonst keinen der anderen dazu einteilen. Ich könnte es zur Not zwar auch allein machen, aber...“

„Kein Problem,“ erwiderte Heero. „Ich bin sowieso kein Morgenmensch. Diese Frühschichten machen mich ganz fertig.“

„Hervorragend!“ strahlte Schwester Helen. „Ich werd gleich nachher den Dienstplan ändern. Sieh zu dass du morgen tagsüber genügend Schlaf bekommst, die Nachtschicht ist hart.“

Heero nickte kurz, dann trank er sein Wasser aus und machte sich wieder an die Arbeit.



Kapitel 7

Am Dienstag Abend fand sich Heero um halb neun Uhr Abends zu seiner ersten Nachtschicht im Krankenhaus ein. Es war für ihn wirklich ungewohnt so spät zu kommen. Das Krankenhaus war bereits ruhig – wenn auch nicht ganz so ruhig wie Morgens um sechs Uhr – nur noch Patienten und das Personal liefen ab und an durch die Gänge, die Besucher waren inzwischen alle nach Hause gegangen.

Auch im Aufenthaltsraum war es ein ganz anderes Gefühl zu so später Stunde praktisch auf der ‚anderen’ Seite der Patientenübergabe zu sitzen. Nachdem Heero und Schwester Helen über sämtliche Kapriolen der schon länger anwesenden und die Besonderheiten der neuen Patienten aufgeklärt worden waren, verließen die anderen Schwestern und Pfleger einer nach dem anderen den Aufenthaltsraum. Und so fand sich Heero schließlich mit Schwester Helen allein wieder.

Doch viel Zeit hatten die beiden nicht zum rumsitzen, denn so kurz vor dem Schlafengehen hatten eine Menge der Patienten wieder den einen oder anderen Wunsch. Dann waren da noch die Patienten, die sich wegen ihrer Operation an der Wirbelsäule nicht allein im Bett drehen konnten und/oder durften, und die von Heero und Helen in eine bequeme und dennoch Rückenschonende Position gebracht werden mussten.

Als die beiden schließlich in den Aufenthaltsraum zurückkehrten und Heero einen Blick auf die Uhr warf, musste er mit Erstaunen feststellen, dass es bereits kurz nach Mitternacht war. Er hatte wirklich gar nicht gemerkt wie schnell die Zeit vergangen war.

Die nächste halbe Stunde verlief jedoch eher zäh. Heero hatte nicht wirklich viel zu tun. Schwester Helen schrieb Patientenkurven, doch als Heero ihr angeboten hatte, ihr zu helfen, hatte sie lächelnd abgelehnt. Heero seufzte leise. Vielleicht hätte er sich ja etwas zu lesen mitbringen sollen.

„Heero,“ sagte Schwester Helen in diesem Moment.

Heero drehte seinen Kopf und blickte sie an.

„Wenn du willst kannst du dir draußen auf den Gängen ein wenig die Beine vertreten.“ Schwester Helen lächelte leicht. „Du musst nicht hier rumsitzen wenn du nichts zu tun hast.“

„Aber was ist wenn einer der Patienten klingelt?“

Helen zuckte mit den Schultern. „Solange du hier auf diesem Stockwerk bleibst hörst du es wenn jemand klingelt. Geh ruhig, ich brauch dich im Moment nicht. Und ich will ja auch nicht dass du mir hier vor Langeweile einschläfst.“ Sie zwinkerte Heero kurz verschmitzt zu.

Heero nickte kurz, dann erhob er sich und ging aus dem Aufenthaltsraum. Der Gang draußen war dunkel, die Lichter die den ganzen Tag brannten waren schon seit Stunden ausgeschaltet, und so sah die ganze Station auf einmal ganz anders aus als sonst. Sehr friedlich, im Gegensatz zu der üblichen Hektik tagsüber.

Langsam schlenderte Heero den Gang entlang, hinaus auf den Flur und an den Aufzügen vorbei. Er warf einen Blick in die anderen Stationen an denen er vorüber kam, betrat sie aber nicht.

Schließlich fand er sich wieder auf Station 15 ein – und ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass er mit seinem ‚Spaziergang’ ganze fünf Minuten totgeschlagen hatte. Wenn das so weiterging konnte das wirklich noch eine lange Nacht werden!

Heero wollte gerade wieder den Aufenthaltsraum betreten, als er bemerkte dass die Tür zum Ärztezimmer leicht offen war und ein Lichtschimmer zu sehen war. Neugierig ging Heero die paar Schritte weiter und warf einen Blick in das Zimmer.

Das Arztzimmer war erstaunlich klein, eine Wand zierte ein Aktenschrank, an der anderen Wand stand ein Untersuchungstisch und direkt am Fenster stand ein Schreibtisch. Und dort saß, nur von einer kleinen Schreibtischlampe beleuchtet, Duo Maxwell über irgendwelchem Patientenakten gebeugt. Den langen Zopf hatte er über eine Schulter nach vorne gezogen und fuhr sich mit dem Zopfende immer wieder über das Kinn während er konzentriert die vor ihm liegenden Papiere studierte.

Heero blieb eine Sekunde lang völlig steif stehen. In Gedanken hatte er sich schon damit abgefunden, dass er Duo diese Woche wohl gar nicht sehen würde. Doch wie es der Zufall so wollte hatte Duo offenbar ebenfalls Nachtschicht. Heero spürte wie sein Herz anfing schneller zu klopfen. Nervös biss er sich auf die Unterlippe. Sollte er etwas sagen? Er würde sich wirklich gern mit Duo unterhalten, andererseits sah Duo furchtbar beschäftigt aus. Was wenn –

Heero schüttelte leicht den Kopf und gab sich einen Ruck. Schnell, bevor er es sich doch noch erfolgreich ausreden konnte, räusperte er sich und sagte dann, „Hi.“

Duo drehte seinen Kopf zur Seite und blickte überrascht zur Tür. Als er Heero erkannte erstrahlte ein Lächeln sein Gesicht. „Heero!“ rief er. „Was machst du denn hier?“

Heero zuckte mit den Schultern. „Ich hab Nachtschicht. Schwester Helen hat mich gestern gefragt ob ich für den Rest der Woche die Nachtschicht übernehmen würde, und ich hab zugesagt.“

„Das ist ja klasse,“ sagte Duo und strahlte noch mehr. „Ich hab ebenfalls den Rest der Woche Nachtschicht! Komm rein!“ Duo winkte ihn mit einer Handbewegung zu sich.

Heero zögerte kurz. „Ich will dich nicht stören...“ begann er und deutete auf die Akten die vor Duo auf dem Schreibtisch lagen.

„Das hier?“ Duo runzelte die Stirn und sah auf die Papiere hinab. „Ach, das ist nicht wichtig. Ich hab’s mir nur durchgesehen damit ich was zu tun hab. Ehrlich, ich hab schon befürchtet dass ich mich zu Tode langweilen werde. Was für ein Glück dass du da bist!“

Heero lächelte kurz, dann nahm er Duos Einladung an und setzte sich auf den einzig freien Stuhl, der neben dem Schreibtisch stand. „Geht mir genauso. Sind die Nachtschichten immer so?“

„Schön wär’s.“ Duo schüttelte den Kopf. „Oft genug geht es mehr als hektisch zu, glaub mir. Vor ein paar Wochen war’s besonders lustig, als der Jahrmarkt in der Stadt war. Da war die Notaufnahme dermaßen überlaufen dass sie die Patienten in alle möglichen Stationen ausquartiert haben. Du glaubst gar nicht was wir da für Sachen zu sehen bekommen.“

„Was denn zum Beispiel?“ fragte Heero neugierig.

„Naja,“ begann Duo, „da war der eine Typ der beim reihern vom Balkon von eben jenem runterfallen ist. Glücklicherweise war es nur der erste Stock, so dass ihm nicht viel passiert ist. Das typische Glück der Sturzbetrunkenen. Oder die Kids die heulend hier ankamen – offenbar hatten sie mit einem ihrer Kumpels gewettet, dass dieser kein ganzes Bierglas verspeisen würde. Tja, die Wette hatten sie leider verloren, und ihr Freund landete in der Notaufnahme.“

„Oh Mann!“ Heero schüttelte fasziniert den Kopf.

„Ja,“ sagte Duo fröhlich. „Fast wie auf der Uni. Da hatte ich auch so ein paar Mitstudenten, die ebenfalls ständig so was ähnliches veranstaltet haben. Ich erinner mich noch an den Kerl, der während einer Studentenparty in einer der riesigen Eingangshallen der Vorlesungssäle völlig betrunken auf das Geländer gestiegen ist um eine Rede zu halten und dann natürlich prompt rückwärts runtergefallen ist. Ziemlich tief sogar. Der lag dann da relativ lang sehr unbeweglich, während alle anderen Studenten oben standen und nur mit großen Augen runtergestarrt haben. Wir dachten echt der Kerl wäre tot. Aber nach ein paar Schrecksekunden rappelt er sich wieder auf und torkelt fröhlich wie eh und je die Treppen wieder rauf um weiter zu feiern.“ Duo gluckste leise vor sich hin.

„Und hast du selbst ebenfalls so was in der Art gemacht?“ fragte Heero grinsend.

„Selbstverständlich nicht!“ sagte Duo gespielt empört. „Nur damit du es weißt, ich war ein Ausbund an Tugend und von jeher ein gutes Beispiel für die anderen.“ Er blickte sich übertrieben misstrauisch um. „Nur sag’s nicht Helen,“ flüsterte er schließlich verschwörerisch in Heeros Richtung.

Heero konnte nicht anders, er lachte auf. „Warum denn nicht?“

„Weil sie sonst bloß wieder anfängt all meine Missetaten aufzuzählen die ich begangen hab seit ich im Kindergarten war,“ erwiderte Duo grinsend. „Und wenn sie mich wirklich demütigen will, dann holt sie die Fotos heraus.“ Duo erschauderte übertrieben.

Heero blinzelte Duo überrascht an. „Ich wusste gar nicht dass du und Schwester Helen euch schon so lange kennt.“

„Doch, tun wir.“ Duo nickte. „Sie hat mich praktisch großgezogen.“

Jetzt wurde Heero neugierig. „Wirklich? Warum?“

Duo zögerte, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und kaute dann nervös auf seiner Unterlippe.

„Schon gut,“ machte Heero. „Du musst es mir nicht erzählen wenn du nicht willst.“

Duo lächelte ihn leicht an. „Danke. Ich erzähle es sonst nicht gern, weil es ziemlich privat ist. Aber ich denke, ich möchte es dir erzählen. Wenn du es hören willst.“

„Natürlich.“ Heero nickte Duo ernst zu.

„Helen hat mich nicht wirklich erzogen, nicht so wie das zumindest klingt,“ begann Duo mit gesenktem Blick. „Ich hab nie bei Helen gelebt oder so was. Helen ist eigentlich eine Freundin meiner Mutter. Meinen Vater hab ich nie kennen gelernt, er hat Mom sitzen gelassen noch bevor ich geboren wurde. Ich weiß nicht ob meine Mutter erst deswegen so depressiv wurde, oder ob sie es schon immer war, aber sie hat es jedenfalls nicht wirklich auf die Reihe bekommen sich um ein kleines Kind zu kümmern.“

Duo sah Heero kurz an, dann sah er wieder hinab auf seine Hände. „Helen ist Moms beste Freundin und gleichzeitig meine Patin. Sie hat im Grunde die Mutterrolle übernommen und hat all das für mich getan, was Mom eigentlich hätte tun sollen. Sie hat mich zum Kindergarten gebracht und wieder abgeholt. Sie war an meinem ersten Schultag dabei, und genauso als ich den Abschluss gemacht hab. Und sie ist im Grunde auch dafür verantwortlich dass ich Arzt geworden bin.“

„Wie das?“ fragte Heero.

Duo zuckte mit den Schultern. „Sie hat mich als kleines Kind so oft mit ins Krankenhaus genommen, ich bin praktisch mit dem Geruch von Desinfektionsmitteln groß geworden.“ Duo grinste leicht. „Helen ist vor Stolz fast geplatzt als ich hier im Krankenhaus als Assistenzarzt angefangen hab.“

„Und was ist mit deiner Mutter?“ fragte Heero leise.

Duo wurde wieder ernst und blickte Heero fast traurig an. „Sie lebt noch immer in der kleinen Wohnung, in der sie schon gewohnt hat als mein Vater sie verlassen hat. Ich glaube, ganz tief drinnen hofft sie immer noch dass er eines Tages zurückkommt. Das ist alles was sie interessiert. Ich hab da wohl irgendwie immer nur gestört.“

Heero streckte seine Hand aus, legte sie auf Duos Hand, die auf dem Schreibtisch lag und drückte sie leicht. „Das tut mir leid.“

Duo zog eine Grimasse. „Muss es nicht. Ich hab mich damit abgefunden. Aber lass uns lieber von etwas anderem reden. Wieso erzählst du mir nicht einfach ein paar Dummheiten aus deiner Jugend?“

Heero starrte hinab auf seine Hand, die noch immer auf Duos Hand lag. Aus irgendeinem Grund hatte Heero sie nicht sofort zurückgezogen nachdem er Duo tröstend gedrückt hatte – und dennoch hatte Duo seine Hand nicht weggezogen. Hatte das etwas zu bedeuten oder hatte Duo nur einfach vergessen dass Heeros Hand noch auf seiner lag?

„Heero?“

Heero blickte ruckartig auf. „Oh... ja... tut mir leid, aber aus meiner Jugend gibt es leider nicht sehr viel lustiges zu erzählen. Ich kann mich nicht erinnern dass die Partys auf meiner Uni so abgelaufen sind wie bei dir.“

„Du hast studiert?“ fragte Duo überrascht.

„Hm,“ machte Heero, dann runzelte er die Stirn. „Eigentlich kann ich mich gar nicht erinnern, ob ich überhaupt auf irgendwelchen Partys war.“

„Was hast du denn studiert?“ fragte Duo, noch immer überrascht.

„Kriminologie,“ erwiderte Heero.

„Aber...“ Duo runzelte leicht verwirrt die Stirn. „Warum machst du dann diese Ausbildung hier? Das passt doch irgendwie so gar nicht zusammen.“

Heero zögerte kurz. Sollte er Duo die ganze Geschichte erzählen oder nur die Standardantwort, die er normalerweise erzählte, wenn er nach seiner Berufswahl gefragt wurde? Dann jedoch entschied er sich für die ganze Geschichte – immerhin, Duo hatte sich ihm ebenfalls anvertraut und ihm von seiner Mutter erzählt. Und wie schon bei ihrem letzten Gespräch hatte Heero auch diesmal dass Gefühl, als würde er Duo schon seit Ewigkeiten kennen. Als könnte er ihm alles anvertrauen. Und genau das tat er dann auch.

„Als ich 15 Jahre alt war,“ begann Heero, den Blick starr auf Duos Zopf gerichtet der noch immer über die Schulter nach vorne hing, „bin ich eines Tages von der Schule nach Hause gekommen und fand die Haustür offen. Obwohl wir in einer relativ sicheren Gegend gewohnt haben, haben meine Eltern dennoch niemals die Tür offen gelassen, aber ich bin trotzdem nicht misstrauisch geworden. Ich hab die Tür einfach weiter aufgestoßen, bin hineingegangen und hab nach meinen Eltern gerufen. Und als ich keine Antwort bekommen hab, hab ich angefangen nach ihnen zu suchen. Beide Autos standen vor der Tür, sie mussten also zu Hause sein.“

Heero machte eine kurze Pause und holte tief Luft. Plötzlich spürte er wie seine Hand beruhigend gedrückt wurde, und als er seinen Blick senkte, bemerkte er, dass Duo seine Hand mit der Handfläche nach oben gedreht hatte und jetzt Heeros Hand festhielt. Den Blick nicht von ihren beiden Händen nehmend fuhr Heero leise fort:

„Ich hab sie dann im Wohnzimmer gefunden. Mein Vater lag halb auf meiner Mutter, die Arme um sie geschlungen so als wollte er sie noch im Tod beschützen. Da war Blut... überall. Es war mehrmals auf sie geschossen worden, selbst als sie schon am Boden lagen. Das Blut hat überall hingespritzt... die Wände, die Möbel...“ Heero schloss gepeinigt die Augen und versuchte die Bilder zu verdrängen, die bei dieser Erinnerung unwillkürlich wieder in ihm hochkamen.

„Was ist dann passiert?“ fragte Duo schließlich leise, als Heero nicht weitersprach.

Heero öffnete die Augen und blickte Duo vorsichtig an. Wenn er jetzt Mitleid auf dem Gesicht des Langhaarigen entdecken würde, Heero wüsste nicht ob er dann weiterreden könnte. Doch stattdessen konnte er nur ehrliche Anteilnahme und Mitgefühl auf Duos Gesicht entdecken, und so schenkte er dem Langhaarigen ein zittriges Lächeln.

„Ich weiß nicht wie, aber irgendwie hab ich die Polizei gerufen,“ erzählte Heero. „Ich war im Schock. Ich konnte einfach nicht verstehen... konnte mir nicht erklären wer meinen Eltern das angetan haben könnte. Und wie es sich herausstellte, ging es der Polizei nicht anders. Es gab keine Verdächtigen. Niemand der meinen Eltern gedroht hatte. Keiner der sie abgrundtief gehasst hatte. Nichts.“

Heero seufzte kurz, dann fuhr er fort, „Wahrscheinlich hätte man den Täter heute noch nicht gefunden, wenn nicht die Ermittler vom CSI gewesen wären. Sie waren es die den Täter letztendlich überführt haben. Sie haben die winzigen, fast nicht vorhandenen Spuren gefunden, analysiert und dann den Täter geschnappt. Es war einfach nur ein Drogensüchtiger, der Geld für seinen nächsten Schuss gebraucht hat. Anscheinend hat er angenommen, dass in unserem Haus was zu holen wäre. Und als meine Eltern ihn erst überrascht und dann nicht kooperiert haben, ist er in Panik verfallen und ist durchgedreht.“

Duo drückte Heeros Hand noch einmal beruhigend, und Heero erwiderte den Druck.

„Das war das Schlimmste an der ganzen Sache,“ fuhr Heero mit zitternder Stimme fort, „dass es so sinnlos war. Einfach nur ein Zusammenspiel von ‚zur falschen Zeit am falschen Ort’. Ich hab mich noch nicht einmal von ihnen verabschiedet,“ setzte Heero flüsternd hinzu. „An jenem Morgen. Ich hatte verschlafen und musste rennen, um nicht zu spät zur Schule zu kommen. Ich hab sie nicht einmal gesehen.“

Für ein paar Minuten saßen sie nur schweigend da. Duo hielt noch immer Heeros Hand, und Heero konnte die Wärme die davon ausging fast am ganzen Körper spüren. Er hätte niemals gedacht, dass so eine kleine Geste soviel ausmachen konnte. Obwohl sich nur ihre Hände berührten fühlte Heero sich dennoch sicher und getröstet.

„Jedenfalls,“ sagte Heero schließlich um das Gespräch wieder zum eigentlichen Thema zurückzuführen, „das ist der Grund warum ich das hier mache. Ich will zur Crime Scene Investigation. Ich will Spuren suchen und Verbrecher überführen. Ich will dafür sorgen, dass die Familien der Opfer wissen, wer und warum ihnen das angetan hat. Ich will dass, was die Ermittler mir damals gegeben haben, weitergeben. Macht das irgendwie Sinn für dich?“ Heero blickte Duo fragend an.

Duo schenkte Heero ein warmes Lächeln. „Das macht sogar hervorragend Sinn, Heero. Das ist ein gutes Ziel.“

„Es ist natürlich nicht ganz so toll wie das was du machst,“ erwiderte Heero. „Leben retten und so.“

„Hey,“ Duo lächelte breit. „Ich rette Leben solang’s noch was zu retten gibt. Und wenn ich nichts mehr tun kann, dann bist du an der Reihe. Ist doch gute Arbeitsteilung, oder?“

„Stimmt,“ Heero spürte, das auch er wieder befreiter atmen und lächeln konnte. Es hatte ihm wirklich gut getan dass er Duo die ganze Geschichte erzählt hatte. Und statt ihn mit Plattitüden abzuspeisen hatte Duo ihm einfach nur zugehört und seine Hand gehalten. Das bedeutete Heero mehr als er jemals gedacht hätte.

Inzwischen hatte Duo es geschafft das Gespräch wieder etwas weniger ernsten Themen zuzuwenden, und Heero merkte, dass er sich trotz des emotional aufwühlenden Gesprächs vor ein paar Minuten wirklich großartig fühlte. Duo schaffte es wirklich immer Heero aus sich hervorzulocken und mit ein paar wenigen Worten und einem Lächeln in gute Laune zu versetzen. Natürlich, dass Duo noch immer Heeros Hand festhielt störte dabei auch nicht wirklich.



Kapitel 8

Die nächsten vier Nächte verliefen im Grunde ganz genauso. Heero versorgte zusammen mit Schwester Helen die Patienten für die Nacht, und danach zog Helen sich in das kleine Büro zurück um Patientenkurven zu schreiben, während Heero sich auf die Suche nach Duo machte.

Meistens fand er den jungen Arzt im Ärztezimmer, und wenn nicht dann kehrte er einfach ins Schwesternzimmer zurück wo er meist nicht lange zu warten brauchte bevor Duo auf der Suche nach ihm auftauchte. Heero wusste hinterher oft gar nicht zu sagen worüber sie sich denn eigentlich die ganze Nacht lang unterhalten hatten, nur dass es nicht einen einzigen Moment gegeben hatte in dem er sich unwohl gefühlt hätte oder nicht gewusst hätte was er sagen sollte.

Und diese Tatsache an sich war schon bemerkenswert genug. Das Duo Heeros Gesellschaft ebenso zu genießen schien wie umgekehrt schien dagegen kaum noch erstaunlich zu sein.

Sie redeten über alles mögliche - Filme, Bücher, Musik, was davon gefiel, was man nicht ausstehen konnte. Im Grunde fast belanglose Themen, und doch hatte Heero das Gefühl als wären diese Gespräche mehr als nur oberflächliches Geplänkel. Er fühlte sich Duo so nahe wie selten einem anderen Menschen gegenüber.

Vielleicht lag das ja an jenem ernsten Gespräch dass sie beide in der ersten Nacht gehabt hatten. Sie beide hatten dem anderen gegenüber mehr offenbart als jemals einem anderen zuvor. Zumindest war es bei Heero so. Womöglich erzählte Duo ja jedem den er kennen lernte sofort seine Lebensgeschichte. Aber Heero hatte eigentlich nicht den Eindruck dass es so wäre.

Möglich also dass dies der Grund dafür war warum sich Heero Duo so nahe fühlte. Und auch wenn es mehr als aufwühlend gewesen war über seine Vergangenheit zu sprechen, so bereute Heero es dennoch nicht. Es hatte sich gut angefühlt sich einem anderen Menschen so zu öffnen. Ein geradezu befreiendes Gefühl.

Trotzdem war Heero erleichtert dass sich die Themen ihrer nächsten Gespräche nicht wieder um derart tiefschürfende Dinge drehten. So befreiend es auch gewesen war, so wollte Heero dennoch nicht jede Nacht seine Seele offenbaren und bloßlegen.

So war er Duo mehr als dankbar dass dieser in den folgenden Nächten eine eher eine Atmosphäre lockerer Kameradschaft schuf. Es machte es für Heero um einiges leichter. Aber dennoch konnte er nicht umhin ein winziges Gefühl des Verlustes zu spüren. Denn so aufwühlend die erste Nacht auch gewesen war, so hatte Heero Duos Hand halten dürfen. Etwas was sich seitdem leider nicht wiederholte hatte.

Heero schüttelte jedes Mal erstaunt über sich selbst den Kopf wenn er daran zurückdachte. Eigentlich war es doch so etwas simples, die Hand eines anderen zu halten. Die harmloseste aller Arten von Körperkontakt. Und doch... Heero konnte gar nicht erklären warum dieser simple Händedruck von Duo so etwas besonderes gewesen war. Und wie sehr er es sich wünschte es noch einmal wiederholen zu können.

Doch da sich ihre Gespräche nun mal um weniger erschütternde Dinge drehten fand Heero einfach nicht den Mut dazu. Immerhin, er konnte es rechtfertigen Duos Hand zu halten wenn dieser ihm gerade sein Herz ausschüttete, aber ja wohl kaum wenn der Langhaarige nur darüber lamentierte dass seine Lieblingsserie im Fernsehen gerade abgesetzt worden war, oder?

Als es dann endlich Wochenende - ein bisschen zeitversetzt für Heero, der den Sonntag und Montag frei hatte weil er am Samstag gearbeitet hatte - hatte Heero viel nachzudenken. Er hätte sich gern mit Quatre getroffen um mit diesem über alles zu sprechen - Duo, seine Gefühle für den Langhaarigen - aber leider war sein bester Freund zur Zeit geschäftlich irgendwo im Ausland unterwegs, und über das Telefon wollte Heero auch nicht sein Herz ausschütten.

Als Heero schließlich am Dienstag Abend wieder pünktlich zur Nachtschicht im Krankenhaus eintraf war seine Stimmung ziemlich tief. Duo hatte diese Woche wieder normale Arbeitszeiten während Heero noch zweimal Nachtschicht und anschließend zweimal Spätschicht hatte. Die Chancen den Langhaarigen vor Ende seines Praktikums noch einmal wieder zu sehen waren mehr als gering. Kein Wunder also dass Heero schlechter Laune war.

Noch einsilbiger als sonst versorgte Heero zusammen mit Helen die Patienten und saß dann schweigend neben ihr im Schwesternzimmer und überlegte, wie er wohl die Nacht totschlagen sollte jetzt wo er niemanden zum sprechen hatte.

Heero seufzte und rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen wie Helen ihm immer wieder verwunderte Blicke zuwarf, und er konnte es ihr nicht verdenken. Auch wenn er nie sonderlich gesprächig war so hatte er heute kaum mehr als „Hn“ von sich gegeben wenn ihn jemand angesprochen hatte. Das war selbst für ihn ungewöhnlich.

„Heero?“ fragte Helen schließlich.

Heero drehte den Kopf um sie anzusehen.

„Was ist los?“ Die ältere Frau legte den Kopf schief um ihn anzusehen.

Heero zuckte kurz mit den Schultern. „Nichts,“ seufzte er schließlich. Er wusste ja selbst nicht wieso er so schlecht gelaunt war. Es war ja schließlich nicht so als hätte Duo ihm ewige Freundschaft geschworen oder so etwas. Sie waren nur Kollegen - im weitesten Sinne - die sich die langweilige Nachtschicht mit ein paar Gesprächen um die Ohren geschlagen hatten. Nur weil Heero etwas mehr für den Langhaarigen empfand als nur Freundschaft musste das umgekehrt noch lange nicht so sein.

„Hm,“ machte Helen nachdenklich. „Kopf hoch. Du hast es ja bald geschafft. Noch eine Woche und dann hast du Ferien, nicht wahr?“

Heero nickte stumm.

„Wird sicherlich schön sein endlich mal wieder ausschlafen zu können und nicht die ganze Zeit hier im Krankenhaus zu verbringen, hm?“ fragte Helen lächelnd. „Ich selbst kann’s auch kaum noch erwarten. Nur noch morgen, und dann hab ich auch Urlaub.“

Heero lächelte schwach, antwortete aber nicht darauf. So unglaublich es klang, die Aussicht nie wieder Morgens um 5 Uhr aufstehen zu müssen munterte ihn nicht einmal halbwegs auf. Die Aussicht hingegen, Duo nie wieder zu sehen... Jep, das war definitiv der Grund für Heeros depressive Stimmung.

Auf einmal öffnete sich die Tür zum Aufenthaltsraum, und als Heero den Kopf drehte um zu sehen wer da kam stockte ihm der Atem.

„Hier bist du also!“ verkündete Duo in Heeros Richtung als er in dem Aufenthaltsraum spazierte. „Ist noch Kaffee da?“ Er hob die Thermoskanne hoch und schüttelte sie prüfend.

Heero starrte den Langhaarigen mit offenem Mund an. Duo war mit Sicherheit die letzte Person die er hier erwartet hatte.

„Was machst du denn hier?“ stammelte Heero schließlich während Duo sich auf einen der Stühle fallen ließ und sich Kaffee in eine Tasse goss.

Duo hob eine seiner Augenbrauen und warf Heero einen amüsierten Blick zu. „Ich arbeite hier,“ antwortete er, dann nahm er einen Schluck.

Heero spürte wie er rot wurde. „Ich weiß,“ zischte er und warf Duo einen bösen Blick zu. „Ich meine, du hast doch heute gar keine Nachtschicht.“

Duo zuckte mit den Schultern. „Ich hab getauscht.“

Heero starrte sein Gegenüber verblüfft an. Duo hatte die Schichten getauscht? Warum? Konnte es sein...? Heero wagte kaum den Gedanken zu Ende zu denken. Konnte es sein dass der Langhaarige ihre gemeinsamen Gespräche genauso sehr genoss wie Heero selbst? Hatte er extra die Schichten getauscht nur um Heero zu sehen?

Aus den Augenwinkeln konnte Heero sehen wie Helen ihm und Duo neugierige Blicke zuwarf, und so räusperte er sich nur und sagte, „Ah.“

Und dann passierte es zum allerersten Mal seit Heero Duo kannte. Er wusste einfach nicht was er sagen sollte. Die nächsten paar Minuten zählten sicherlich zu den unangenehmsten die Heero jemals verbracht hatte. Auf der einen Seite des großen Tisches, Heero direkt gegenüber, saß Duo und blickte ihn unverwandt an während er langsam seinen Kaffee trank. Rechts von Heero, an der Stirnseite des Tisches saß Helen und ließ ihren Blick abwechselnd von Heero zu Duo und wieder zurück wandern. Als ob sie einem Tennismatch zusehen würde. Und dann war da noch Heero selbst, der unruhig auf seinem Stuhl umherrutschte und am liebsten aufgestanden und hinausgerannt wäre.

Als schließlich das Signal ertönte das anzeigte dass einer der Patienten nach einer Schwester klingelte sprang Heero beinahe erleichtert auf und wollte schon hinausstürmen. Doch Helen kam ihm zuvor.

„Lass nur,“ sagte die ältere Frau mit einem amüsierten Glitzern in den Augen und stand auf. „Ich geh schon.“ Und mit diesen Worten war sie aus dem Schwesternzimmer verschwunden, und zwar so schnell dass Heero nur blinzelnd an seinem Platz stehen und ihr hinterher starren konnte.

Schließlich ließ Heero sich wieder langsam auf seinen Stuhl sinken. Er wusste nicht wieso er sich auf einmal so nervös in Duos Gegenwart fühlte. Eigentlich sollte er doch froh sein dass er den anderen nun doch noch sehen würde - aber allein die Möglichkeit dass Duo vielleicht wegen ihm die Schichten gewechselt haben könnte ließ Heero geradezu erstarren.

„Heero?“ fragte Duo und riss Heero so aus seinen Gedanken. „Ist was los?“

Heero lächelte nervös. „Nein,“ antwortete er. „Wieso sollte was los sein?“

Duo zuckte mit den Schultern. „Naja, du bist so still. Du bist doch nicht irgendwie böse auf mich, oder?“

Heero hob abrupt den Kopf und starrte sein Gegenüber an. Duos Blick ruhte immer noch auf ihm, doch nun zeigte er eindeutig leicht Besorgnis.

„Nein, natürlich nicht!“ rief Heero. „Wieso sollte ich denn böse auf dich sein?“

Duo sah ihn noch einen Moment forschend an, dann lächelte er breit. „Gut,“ sagte er, dann stellte er seine Tasse mit einem Ruck ab. „Ich weiß ja nicht wie’s dir geht, aber ich hab unglaubliche Lust auf Schokolade,“ verkündete der Langhaarige dann.

Heero blinzelte. „Schokolade?“ fragte er etwas überrumpelt.

Duo nickte enthusiastisch. „Ja. Und ich weiß genau dass ihr hier immer irgendwo welche habt.“

Heero blinzelte erneut. „Äh...“

„Wahrscheinlich hat Helen sie irgendwo versteckt,“ sagte Duo nachdenklich. „Sie behauptet immer ich würde ihr noch mal die Haare vom Kopf fressen. Völlig unsinnig natürlich. Es sei denn ihre Haare wären aus Schokolade.“ Duo grinste.

Heero konnte nicht anders als diese Grinsen zu erwidern. Auf einmal war die seltsame Stimmung von vorhin wie weggewischt, und als Duo ihn aufforderte ihm beim suchen zu helfen ließ Heero sich nicht lange bitten.

So kam es dass sie beide nur kurz darauf in der engen Küche standen und einen Schrank nach dem anderen öffneten, immer auf der Suche nach etwas Süßem.

„Und Heero?“ sagte Duo während er sich durch den Kühlschrank wühlte. „Hast du die Nachtschichten noch nicht satt?“

Heero schüttelte den Kopf, erinnerte sich jedoch dann daran dass der Langhaarige das wahrscheinlich nicht sehen konnte, und so antwortete er, „Nein. Ich bin ein Nachtmensch. Ich hasse allerdings die Frühschichten.“

„Kann ich gut verstehen,“ kam Duos gedämpfte Antwort. „Aber was ist mit deiner Freundin? Die wird sicherlich nicht sonderlich begeistert davon sein dass du die ganze Nacht über arbeitest und dann tagsüber schläfst.“

Heero zog seinen Kopf aus dem Schrank unter der Spüle in dem er gerade gewühlt hatte und warf Duo einen forschenden Blick zu. Doch der Langhaarige hatte seinen Kopf immer noch in den Tiefen des Kühlschranks verborgen und so konnte Heero nicht sagen ob Duo nur Konversation betrieb oder ob mehr hinter dieser Frage steckte.

„Ich bin zur Zeit Single,“ antwortete Heero schließlich, richtete sich auf und lehnte sich mit der Hüfte an die Spüle. „Es gibt niemanden den es stören könnte wann ich arbeite oder schlafe.“

„Hm,“ war Duos einzige Antwort darauf. Dann richtete er sich plötzlich auf und machte den Kühlschrank wieder zu. „Da drin ist auch nichts,“ verkündete er. „Verdammt, wo kann Helen sie nur versteckt haben?“ Er ließ seinen Blick suchend in der Küche umherschweifen. „Hast du da oben schon nachgesehen?“ fragte Duo schließlich und deutete auf den Schrank über der Spüle.

Heero schüttelte leicht den Kopf, den Blick nicht eine Sekunde von Duo nehmend. Er war in Gedanken noch immer damit beschäftigt ob Duo ihn tatsächlich nach seinem Beziehungsstand ausgehorcht hatte oder ob er sich das nur einbildete. So kam es dass Heero nicht sofort reagierte und aus dem Weg ging als Duo nach der Tür des Hängeschranks griff.

Mit einem Mal waren ihre beiden Körper praktisch von Kopf bis Fuß aneinandergepresst. Heero erstarrte. Er wagte es nicht sich zu rühren, ja er wagte es kaum zu atmen. Auf einmal war die Nervosität von vorher wieder da, und zwar mit voller Wucht. Duo so nahe zu spüren war - atemberaubend.

Erst nach einer ganzen Weile registrierte Heero dass auch Duo sich nicht gerührt hatte. Sie beide standen sicherlich schon seit einer Minute so eng aneinander gepresst da, und doch war der Langhaarige nicht sofort zurückgewichen wie es eigentlich normal gewesen wäre. Mit einer Hand hielt Duo noch immer die Tür des Schränkchens fest, die andere lag auf der Spüle so dass Heero fast in einer Art Umarmung gefangen war. Überrascht blickte Heero auf.

Sein Blick traf auf ein paar violette Augen, die ihn unverwandt anblickten. Duos Gesicht war ihm so unglaublich nahe, dass Heero praktisch nichts anderes außer dessen Augen wahrnehmen konnte. Ihm stockte der Atem.

„Heero,“ murmelte Duo, senkte die Augenlider leicht und kam ihm noch näher.

Heero schluckte trocken und schloss die Augen. ‚Oh Gott, er wird mich gleich küssen!’ dachte er. Er konnte Duos Atem auf seinen Lippen spüren und er wusste, nur noch Sekundenbruchteile und dann -

Ein schriller Signalton ließ sie beide zusammenzucken und abrupt die Augen wieder aufreißen. Einen winzigen Moment lang starrten sie sich nur blinzelnd an, dann fing Duo an zu fluchen. Er griff nach seinem Pager der an seinem Gürtel steckte, warf einen schnellen Blick darauf, fluchte erneut und trat dann einen Schritt zurück.

Heero musste sich schnell an der Spüle festhalten um nicht zusammenzusacken. Auf einmal fühlte er sich unglaublich schwach in den Knien.

„Ich muss weg,“ sagte Duo, blieb jedoch zögernd in der Tür stehen. „Wir... wir reden morgen weiter, ok?“

Heero nickte schwach, und dann war Duo verschwunden.

****************************************************************

Heero hätte hinterher nicht mehr sagen können was er den Rest der Nacht über getan hatte. Er wusste es nicht. Er handelte völlig automatisch, antwortete wenn man ihn ansprach, aber das war auch alles. Wie in Trance ging er nach Ende der Schicht nach Hause, in sein Zimmer und legte sich ins Bett. Und obwohl er todmüde war konnte er nicht schlafen.

All seine Gedanken drehten sich wieder und wieder um diesen einen Moment in der Küche. Hatte Duo ihn wirklich küssen wollen - oder hatte Heero sich das nur eingebildet? Doch egal wie intensiv Heero darüber auch nachdachte, er kam zu keinem Ergebnis.

Und so kam es dass er am selben Abend nach der obligatorischen Runde mit Schwester Helen vor dem Arztzimmer stand und mit sich rang, ob er hineingehen sollte oder nicht.

Doch schließlich gab Heero sich einen Ruck und streckte die Hand zum Türgriff aus. Wenn auch nur die geringste Chance bestand dass Duo sich ebenso zu ihm hingezogen fühlte wie umgekehrt, so musste er dem nachgehen. Sonst würde er sich für den Rest seines Lebens fragen was er verpasst hatte.

Vorsichtig öffnete Heero die Tür und spähte hinein. Doch obwohl die kleine Schreibtischlampe leuchtete, war der Raum vollkommen leer. Nicht sicher ob er erleichtert sein sollte oder nicht weil Duo nicht da war ging Heero langsam hinein. Bei der Untersuchungsliege blieb er zögernd stehen. Sollte er hier auf Duo warten oder nicht? Wer wusste schließlich schon wo der Langhaarige gerade war und wie lange er noch wegbleiben würde?

Das Geräusch der Tür die ins Schloss fiel riss Heero aus seinen Gedanken und ließ ihn aufblicken. Offenbar war Duo irgendwann während Heero noch überlegte ob er warten sollte oder nicht zurückgekommen und stand nun mit dem Rücken an die geschlossene Tür gelehnt da und blickte ihn an. Heeros Herzschlag beschleunigte sich.

Eine ganze Weile standen sie einfach nur da und starrten sich stumm an. Schließlich stieß Duo sich von der Tür ab und kam langsam auf Heero zu. Er blieb erst stehen als sie sich fast berührten. Heero schluckte trocken.

Duo legte den Kopf leicht schief und sah Heero unter gesenkten Lidern an. „Also,“ murmelte er. „Wo waren wir stehen geblieben? Ah, ich weiß.“ Und mit diesen Worten vergrub Duo seine Hände in Heeros Haaren und presste seine Lippen auf Heeros Mund.

Mit einem Aufstöhnen schlang Heero seine Arme um Duos Mitte und presste sich enger an den Langhaarigen. Gott, wie sehr hatte er sich dies hier gewünscht? Erst jetzt, in diesem Moment als er Duos Lippen tatsächlich auf seinen spürte gestand Heero sich ein wie verrückt er nach Duo war. Am liebsten hätte er den Langhaarigen hier und jetzt zu Boden geworfen und sich auf ihn gestürzt. Stattdessen machte er das nächstbeste.

Mit seiner Zunge bat er um Einlass, und als Duo bereitwillig den Mund öffnete tauchte Heero sofort hinein. Wenn er gekonnt hätte wäre er gleich ganz in Duo hineingekrochen. Duo schmeckte so gut, er fühlte sich so unglaublich gut in Heeros Armen an dass Heero nie wieder aufhören wollte den anderen zu küssen.

Heeros Hände fuhren Duos Rücken auf und ab, streichelten und massierten die Muskeln die sich unter der Haut und dem T-Shirt bewegten, während seine Zunge genau dasselbe in Duos Mund machte. Sie rieb sich an ihrem Gegenstück, fuhr die Zähne entlang und streichelte die empfindliche Oberseite des Mundinnenraums. Heero konnte spüren wie Duo erschauerte.

Mit einem Mal wanderten Duos Hände nach unten, über Heeros Rücken zu seinem Po, kneteten ihn kurz und dann, mit einem Ruck hob Duo ihn hoch und setzte ihn auf der Liege ab.

Heero keuchte überrascht auf, und diesen Moment nutzte Duo sofort aus und schob seine Zunge nun in Heeros Mund. Heero stöhnte auf, schlang seine Beine um Duos Mitte um diesen so noch näher an sich zu ziehen und gab sich ganz den Liebkosungen des Langhaarigen hin.

Die beiden waren so sehr vertieft in ihren Kuss dass sie gar nicht merkten wie die Tür des Arztzimmers sich leise öffnete, und nach einem langen Moment ebenso leise wieder schloss. Aber selbst wenn sie es bemerkt hätten, hätten sie sich wohl nicht stören lassen. Dazu war dieser Kuss - wenn das was sie da taten überhaupt noch die simple Bezeichnung ‘Kuss’ verdient hatte - viel zu intensiv, viel zu heiß und erregend.

„Heero,“ murmelte Duo an Heeros Lippen, bevor er sie erneut verschloss. Heero vergrub seine Hände in Duos Haaren und rieb sich aufreizend an dessen Körper. Duo stöhnte auf und schob seine Hände unter Heeros Shirt erst den Rücken hinauf, dann wieder hinab, nur um sie dann ein Stück unter Heeros Hosenbund zu schieben.

Heero erschauerte als er Duos Hände auf seiner nackten Haut spürte, wie sie ihn streichelten und sich langsam nach unten vorarbeiteten. Oh Gott, das fühlte sich einfach unglaublich an! Heero hätte niemals gedacht dass er durch einen einfachen Kuss so erregt sein könnte! Obwohl, dieser Kuss war nun wirklich alles andere als einfach, das musste Heero zugeben.

Obwohl Heero durchaus seinen Anteil an Beziehungen gehabt hatte - zugegeben, nicht allzu viele und keine hatte besonders lang gehalten, aber er war definitiv kein Neuling auf diesem Gebiet - so konnte doch nichts was er früher erlebt hatte mit dem hier mithalten. Es war tatsächlich so als wäre dies hier sein allererster Kuss. All die anderen verblassten im Gegensatz zu dem hier. Jede einzelne von Duos Berührungen war um so vieles erregender und besser als all die anderen zuvor. Heero konnte es sich nicht erklären.

Und wenn er ehrlich war, dann wollte - und konnte! - er das zumindest im Moment auch gar nicht. Alles wozu er in der Lage war, war sich auf Duos Berührungen zu konzentrieren. Irgendwo im Hintergrund konnte er ein Geräusch wahrnehmen, aber er war viel zu sehr in der Lust gefangen als dass er es wirklich registriert hätte.

Bis Duo irgendwann „Verdammt!“ murmelte und seinen Mund von Heeros löste. Heero blinzelte und schnappte keuchend nach Luft. Langsam klärte sein Verstand sich wieder, und das Geräusch das er eben nur am Rande wahrgenommen hatte wurde lauter und drängte sich in den Vordergrund. Es war Duos Pager.

„Irgendwer da oben scheint mich wirklich zu hassen!“ schimpfte Duo vor sich hin während er an seinem Gürtel herumfummelte um das kleine Gerät davon zu lösen. Als er es schließlich schaffte warf er einen kurzen Blick darauf und seufzte.

„Ich muss weg,“ murmelte er, den Kopf an Heeros Stirn gelehnt.

Heero nickte, noch immer leicht benommen.

Duo sah ihn aus violetten Augen, in denen immer noch die Lust schimmerte, an. „Wann arbeitest du morgen?“

„Spätschicht,“ antwortete Heero und erwiderte den Blick.

„Ich bin morgen Nachmittag im OP,“ sagte Duo, „aber ich verspreche dir ich komme danach kurz vorbei. Wir müssen dringend reden. Warte auf mich, ok?“

Heero nickte. „Ok,“ flüsterte er. Dann gab er Duo noch einen raschen, flüchtigen Kuss, öffnete die Beine um den anderen freizugeben und sah zu wie der Langhaarige das Arztzimmer verließ.



Kapitel 9

Als Heero am nächsten Mittag das Krankenhaus betrat konnte er ein leicht flatterndes Gefühl in der Magengegend nicht unterdrücken. Er war noch niemals zuvor in seinem Leben so aufgeregt gewesen. Und so gespannt! Er konnte es kaum noch erwarten Duo wieder zu sehen. Und die Tatsache dass Duo ihm versprochen hatte am Abend vorbeizuschauen sobald er aus dem OP kam zeigte ihm, dass es der Langhaarige wohl auch nicht erwarten konnte.

Doch obwohl er so nervös war wie nie zuvor schien es offenbar keinem sonst aufzufallen. Zumindest machte niemand irgendwelche Andeutungen, und das war genug für Heero. Während der Übergabe saß er äußerlich ruhig neben den anderen, bekam aber kaum etwas mit. Seine Gedanken drehten sich immer wieder um Duo und was dieser wohl mit ihm besprechen wollte.

Heero jedenfalls hatte vor klarzumachen, dass er selbst an mehr als nur einer kurzen einmaligen Knutscherei interessiert war. Dazu waren seine Gefühle für Duo viel zu intensiv. Heero wollte eine Beziehung. Und er hoffte wirklich sehr, dass es dem Langhaarigen ebenso ging.

Zwar war das Praktikum schon so gut wie vorbei, aber gleich anschließend begannen die Sommerferien, und Heero hatte schon beschlossen, dass er diese nun entgegen seiner ursprünglichen Pläne doch hier bei seinem Onkel verbringen würde. So hätte er die Gelegenheit Duo in den nächsten sechs Wochen regelmäßig zu treffen und in Ruhe zu sehen, wohin ihre Beziehung führen würde. Und wenn er danach wieder zurück zur Schule müsste, nun, dann würden sie sicherlich schon eine Lösung finden. Immer vorausgesetzt, dass Duo ebenfalls an einer Beziehung interessiert war.

Heero schrak aus seinen Gedanken als der Signalton ertönte, der die Patientenklingeln repräsentierte. Ein schneller Blick in die Runde zeigte ihm, dass die Patientenübergabe offensichtlich bereits beendet war, denn außer ihm waren nur noch Hilde, Tom und Sylvia da.

„Ich geh schon,“ sagte Heero und stand auf. Wie es sich herausstellte war der Grund für das Klingeln nicht wirklich schwerwiegend - Mrs. Noventa wollte schon wieder Tee eingeschenkt haben - und so war Heero nur Minuten später wieder im Aufenthaltsraum.

Heero ließ sich auf einem Stuhl nieder und griff nach einer Tasse. Dann schenkte er sich Kaffee ein und nahm seufzend einen Schluck. Als er anschließend aufblickte traf sein Blick direkt auf Hilde, die ihm gegenübersaß und ihn unverwandt anstarrte.

Heero blinzelte. Dann warf er schnell ein paar Blicke zur Seite, um zu sehen ob Hilde vielleicht etwas anderes anstarrte, doch außer ihnen beiden war niemand mehr da. Offenbar starrte Hilde tatsächlich ihn an. Seltsam.

„Hilde?“ fragte Heero.

„Heero,“ erwiderte die junge Frau, hörte jedoch nicht auf ihn anzustarren.

„Was ist los?“ Heero war jetzt mehr als irritiert. Hildes Stimme hatte merkwürdig kalt geklungen.

Eine ganze Weile blieb Hilde still, dann antwortete sie, „Nichts. Was sollte denn los sein?“

Heero zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Wieso starrst du mich so an?“

„Tu ich das?“ fragte Hilde, Stimme und Blick noch immer gleich starr. „Du musst dich irren.“

Heero ruckte nervös auf seinem Stuhl umher, sagte aber nichts mehr. Er hatte keine Ahnung was mit Hilde los war - dazu kannte er sie einfach nicht gut genug - aber diese Situation war ihm wirklich mehr als unangenehm. Und so dauerte es nicht lang bis Heero aus dem Schwesternzimmer flüchtete und sich draußen im Flur in die Arbeit stürzte. Er war gerade dabei die Wäschesäcke zu leeren - ungefähr eine Stunde nach der unangenehmen Episode im Schwesternzimmer - als Tom den Kopf aus dem Büro steckte und nach Heero rief.

Heero ließ die Wäschesäcke dort stehen wo sie waren und ging zu Tom hinüber. Glücklicherweise befand sich außer dem stellvertretenden Stationsleiter selbst niemand sonst im Büro, so dass Heero einer erneuten Begegnung mit Hilde ausweichen konnte.

„Was ist?“ fragte Heero als er das Büro betrat.

„Telefon für dich,“ sagte Tom und deutete auf den abgehobenen Hörer der neben ihm auf dem Schreibtisch lag.

„Für mich?“ fragte Heero erstaunt und griff danach. Wer würde ihn schon hier anrufen? Und warum? „Hallo?“ sagte er als er den Hörer schließlich ans Ohr hielt.

„Heero?“ fragte eine ihm bekannte Stimme am anderen Ende. Es war die Stimme der Haushälterin seines Onkels, jedoch hatte Heero die Frau noch niemals so aufgeregt erlebt.

„Martha?“ erwiderte Heero besorgt. „Was ist los?“

„Oh es ist wirklich schrecklich!“ rief die ältere Frau. „Dein Onkel…“ Sie schluchzte auf.

„Was ist mit meinem Onkel?“

„Er ist tot.“

„Was?“ fragte Heero ungläubig. Onkel J, tot?

„Ja,“ erwiderte Martha und schluchzte erneut. „Ich habe ihn vorhin gefunden als ich die Einkäufe gebracht habe. Ich habe sofort den Notarzt gerufen, aber es war bereits zu spät. Er war schon tot.“

Heero schluckte trocken. „Ich… ich… ich versuche so schnell wie möglich nach Hause zu kommen,“ versprach er der aufgeregten Frau, dann legte er auf.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte Tom besorgt als ihm Heeros Gesichtsausdruck auffiel.

„Nein,“ Heero schüttelte den Kopf. „Mein… mein Onkel ist gestorben… er war mein einziger Angehöriger… ich… wäre es möglich…“

Der stellvertretende Stationsleiter nickte sofort verständnisvoll. „Natürlich, Heero,“ sagte er. „Du kannst sofort gehen wenn du willst. Und ich glaube, du hast sowieso nur noch einen Tag Praktikum hier, oder?“

Heero nickte schwach.

„Also wegen mir brauchst du morgen nicht mehr hierher zu kommen. Du hast jetzt sicherlich jede Menge zu erledigen, das ist Stress genug.“

„Danke,“ erwiderte Heero wie betäubt, dann drehte er sich um und ging langsam ins Schwesternzimmer hinüber. Sein Onkel J war tot. Heero konnte es einfach nicht glauben. Obwohl sein Onkel seit Jahren krank gewesen war und ständig rumgejammert hatte, hatte Heero es trotzdem niemals so wirklich ernst genommen. Irgendwie hatte er erwartet, dass sein Onkel ihn noch um einiges überleben würde. Und schließlich war er tatsächlich noch nicht so alt gewesen.

Noch immer wie betäubt packte Heero seine Sachen und wollte schon das Schwesternzimmer verlassen als es ihm siedendheiß einfiel. Duo! Er hatte völlig vergessen dass Duo später am Abend ja vorbeikommen und mit ihm reden hatte wollen! Nur dass Heero dann gar nicht mehr da sein würde!

Schnell schnappte Heero sich einen Stift und ein Blatt Papier und schrieb eine kurze Notiz an Duo, dann ging er hinüber ins Arztzimmer und legte den Zettel in Duos Fach. Auf dem Weg vom Arztzimmer zum Umkleideraum begegnete ihm Hilde auf dem Flur, die ihn erneut so seltsam anstarrte, doch Heero bekam das nur am Rande mit. So schnell es ging zog er sich um, packte seine Sachen und rannte aus dem Krankenhaus.

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Hilde starrte noch immer auf die Tür nachdem Heero schon lang verschwunden war. Dann drehte sie sich langsam um und blickte hinüber zur Tür des Ärztezimmers aus der Heero soeben gekommen war. Ein weiterer Blick den Gang hinauf und hinab bestätigte ihr, dass niemand außer ihr dort stand. Dann drehte sie sich um, lief zum Ärztezimmer und huschte schnell hinein, damit niemand sie dabei sah.

Erst als die Tür hinter ihr zufiel erlaubte sie es sich die Wut, die sie schon seit gestern Nacht empfand auch nach außen hin zu zeigen. Sie ballte beide Fäuste, schloss die Augen und biss die Zähne fest aufeinander, um nicht laut aufzuschreien.

Hilde holte mehrmals tief Luft und zählte langsam bis zehn. Erst dann traute sie sich die Augen langsam wieder aufzumachen und ihren Kiefer zu entspannen. Ihr Blick fiel wie von selbst auf die Liege die an der Seite stand und sofort stieg die Wut wieder in ihr hoch. Sie ballte ihre Fäuste noch fester, so dass sich die Fingernägel in ihre Handballen bohrten bis Blut kam.

Oooooh, wie konnte er nur? Hilde versuchte erneut ihre Fassung wiederzuerlangen. Wie konnte er ihr das nur antun? Wie hatte er nur diesen… diesen… diesen… Hilde rang um Atem.

Gestern Abend um diese Zeit war sie noch voller freudiger Erwartung gewesen. Gestern Abend um diese Zeit hatte sie einen kleinen Picknickkorb gepackt, mit ihrer leckeren selbst gemachten Lasagne und anderen Leckereien. Und ein paar Stunden später hatte sie sich auf den Weg ins Krankenhaus gemacht.

Wie sie am Vormittag zuvor herausgefunden hatte, hatte Duo Maxwell aus irgendeinem Grund die Schichten getauscht und die Nachtschicht übernommen. Und da war Hilde eine brillante Idee gekommen. Sie wusste wie langweilig diese Nachtschichten werden konnten. Und deshalb würde sie Duo mit einem kleinen Picknick überraschen. Warum nur war sie nicht schon früher darauf gekommen?

Jedenfalls hatte sie freudig alles vorbereitet und war dann gut gelaunt ins Krankenhaus gefahren. Dort angekommen hatte sie sich leise auf ihre Station geschlichen - sie hatte gewusst dass Schwester Helen Dienst hatte, und Hilde war sich sicher dass Helen nicht viel von Hildes Plan halten würde. Schwester Helen hätte sie sicherlich unverblümt rausgeschmissen.

Doch Hilde hatte es geschafft unbemerkt am Schwesternzimmer vorbei zu schleichen. Dann hatte sie das Ärztezimmer erreicht und vorsichtig die Tür geöffnet. Nur um dann ihrem größten Albtraum gegenüberzustehen. Duo Maxwell, der Mann denn sie liebte, stand dort drin und küsste jemand anderes! Und als wäre das nicht schlimm genug, so war diese andere Person auch noch ein Mann!

Hilde schloss erneut die Augen. Wie konnte er nur? Hilde wusste selbst nicht wie sie es gestern Nacht geschafft hatte die Tür ebenso leise wieder zu schließen statt einfach an Ort und Stelle einen Wutanfall zu bekommen. Wahrscheinlich war es nur wegen des großen Schocks den sie erlitten hatte. Wie konnte Duo ihr das nur antun?

Nein! Hilde öffnete die Augen und blickte sich entschlossen um. Nicht Duo hatte ihr das angetan. Niemals! Sie und Duo waren füreinander bestimmt, das fühlte sie. Das wusste sie! Es war ganz allein die Schuld von Heero, diesem Praktikanten! Was bildete der sich eigentlich ein? Kam hierher und meinte, sofort sämtliche Männer anmachen zu müssen und zu versuchen, sie mit seinem perversen Lebensstil anzustecken!

Aber das würde sie nicht zulassen! Hilde stieß sich von der Tür ab und blickte sich suchend um. Was hatte Heero wohl hier drin gemacht? Sie hatte gehört wie Tom Heero freigegeben hatte. Sie war in der kleinen Küche gewesen und hatte sich schnell hinter der Tür versteckt als Heero von Tom gerufen worden war.

Warum also war Heero zuerst hierher gekommen bevor er seine Sachen geholt hatte? Hilde dachte kurz nach. Hatte sie nicht einen Zettel in Heeros Hand gesehen bevor er hier hineingekommen war? Eins war jedenfalls sicher, als er das Ärztezimmer verlassen hatte, hatte er keinen Zettel mehr bei sich getragen.

Hilde ging hinüber zu den Fächern der Ärzte. Wenn Heero eine Nachricht für Duo hinterlassen hatte, dann hatte er sie sicherlich in dessen Fach gelegt. Und nur ein Blick in das Fach des langhaarigen Arztes bestätigte ihren Verdacht. Dort, ganz oben auf all den anderen Blättern, Zeitschriften und ähnlichem lag ein einzelner, zusammengefalteter Zettel mit Duos Namen drauf.

Hilde nahm ihn heraus und öffnete den Brief.



***********

Duo,

es tut mir leid dass ich nicht hier war als du gekommen bist. Aber mein Onkel bei dem ich hier lebe ist gestorben und ich musste unerwartet nach Hause.

Wegen gestern Nacht… Ich würde wirklich gern sehen ob das was wir da begonnen haben eine Zukunft hat. Ob wir beide eine Zukunft haben. Also, wenn du genau wie ich diesen Funken zwischen uns gespürt hast, wenn du einer Beziehung eine Chance geben möchtest, dann ruf mich bitte an. Meine Handynummer steht unten auf dem Zettel.

Heero

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Hilde stieß einen unterdrückten Fluch aus. Wie konnte er es nur wagen? Und diesmal war es Heero den sie meinte. Schlimm genug dass er sich Duo in der Nacht derart aufgedrängt hatte, aber ihm jetzt auch noch so einen unverschämten Brief zu hinterlassen! Hilde schüttelte den Kopf. Nicht mit ihr.

Mit einer einzigen schnellen Handbewegung knüllte sie den Brief zusammen und ließ ihn in ihrer Hosentasche verschwinden. Sie würde diesen Abfall auf dem Nachhauseweg am Ende ihrer Schicht entsorgen. Nicht dass Duo doch noch durch Zufall irgendwie darauf stoßen würde. Und dann vor der peinlichen Aufgabe stünde, diesem Heero bescheid zu stoßen. Nein, das würde Hilde ihm ersparen. Schließlich liebte sie ihn, und wenn man jemanden liebte, dann sorgte man dafür, dass dem geliebten Menschen nichts Unangenehmes zustieß.

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Duo blickte von dem Zettel mit der Adresse auf zu dem Haus das zu dieser Adresse gehörte. Es war größer - sehr viel größer - als er es sich vorgestellt hatte.

Als er vor inzwischen beinahe zwei Wochen endlich aus dem OP gekommen war, war es bereits sehr viel später gewesen als er am Vortag angenommen hatte. Doch obwohl es schon so spät gewesen war, war er trotzdem zu Station 15 geeilt um Heero wie versprochen zu sehen. Schließlich hatten sie einiges zu besprechen - nur Gutes wie Duo gehofft hatte. Immerhin, dieser Kuss den sie beide in der Nacht zuvor geteilt hatten - Duo wurde noch immer ganz heiß wenn er nur daran dachte.

Und das war auch der Grund warum er unbedingt mit Heero darüber hatte reden wollen. Er hatte wissen wollen, ob der andere ebenso empfand oder ob Heero nur auf einen kurzen Flirt ausgewesen war. Duo hoffte wirklich sehr dass es ersteres war. Denn er selbst empfand sehr viel mehr als nur eine flüchtige Anziehung für Heero.

Jedes Mal wenn er ihn sah wurden seine Knie weich und er bekam dieses flaue Gefühl im Magen. Aber es war nicht nur Heeros gutes Aussehen, das ihn so sehr anzog. Es war auch sein Charakter, sein Wesen. Wenn diese unglaublich blauen Augen ernst auf ihm ruhten, und Heero ihm zuhörte, mit ihm sprach - dann hatte Duo das Gefühl der wichtigste Mensch für den Japaner zu sein. Und obwohl Heero selbst schon schreckliches in seinem Leben durchgemacht hatte - oder vielleicht gerade weil - tat er Duos eigene Geschichte nicht als unbedeutend ab. Und er hatte es geschafft, selbst aus seiner eigenen Tragödie etwas Gutes und Wichtiges hervorzubringen. Duo bewunderte das.

Und deshalb hatte er die gesamte Station nach Heero abgesucht, ihn jedoch nicht gefunden. Schließlich war er dann ins Ärztezimmer gegangen und hatte dort eine der Schwestern nach Heero gefragt. Sylvia, so hieß die Schwester, hatte ihm dann erzählt, dass Heero überraschend nach Hause gemusst hatte. Irgendein Todesfall. Leider hatte sie ihm nichts Genaueres sagen können, nur dass Heero wohl nicht wieder zurückkommen würde, da sein Praktikum ohnehin nur noch einen Tag andauern würde.

Duo war wie vor den Kopf geschlagen gewesen. Wie in Trance war er ins Ärztezimmer gegangen und hatte sich auf den Schreibtischstuhl dort fallen lassen. Heero würde nicht wiederkommen? Aber… aber er hatte doch noch unbedingt mit Heero reden wollen! Eigentlich hatte er schon gestern Nacht mit ihm reden wollen, war jedoch von diesem dämlichen Pager unterbrochen worden.

Ein rascher Blick in sein Fach zeigte Duo, dass Heero ihm wohl keine Nachricht hinterlassen hatte wie er für einen kurzen Moment gehofft hatte. Aber vielleicht hatte er einfach keine Zeit dafür gehabt. Sylvia hatte irgendetwas von einem Todesfall gesagt. Vielleicht war es ja irgendjemand aus Heeros Familie. Duo wusste zwar dass Heeros Eltern beide tot waren, aber bei irgendwem musste Heero ja wohl gelebt haben nachdem sie gestorben waren. Vielleicht seine Großeltern oder so.

Kein Wunder also dass Heero nicht daran gedacht hatte ihm irgendeine Nachricht zu hinterlassen. Wahrscheinlich würde Heero sich hier bei ihm melden sobald die erste Aufregung wegen der Beerdigung und so weiter vorbei war. Schließlich wusste er ja, wo Duo war. Aber Duo hatte trotzdem nicht vorgehabt solang untätig hier herumzusitzen und nichts zu tun. Heero war als Praktikant in diesem Krankenhaus gewesen, also mussten sie unten in der Verwaltung auch irgendwo seine Adresse haben.

Doch all sein Charme und seine Überredungskunst hatten ihm in diesem Fall nichts genutzt. Une, der Verwaltungsdrachen, war mehr als strickt gewesen. Die Herausgabe einer Adresse widerspräche sämtlichen Regeln. Sie würde es nicht tun. Adressen von Beschäftigten des Krankenhauses, und dazu zählten auch Praktikanten, wie sie mit einem strengen Blick in Duos Richtung hinzufügte, wären streng vertraulich.

Duo hatte geseufzt und war hinausgegangen. Aber Unes Ablehnung hatte noch lange nicht bedeutet, dass er aufgegeben hatte. Wenn sie ihm die Adresse nicht geben wollte, würde er sie sich eben besorgen ohne dass Une es mitbekam.

Leider war das leichter gesagt als getan. Wenn Duo es nicht besser wüsste würde er schwören dass Une in ihrem kleinen Büro in der Verwaltung wohnte. Sie war praktisch ständig dort! Wie der Spitzname den sie trug saß sie auf den Adressen und fauchte jeden an der ihnen auch nur zu nahe kam. Es hatte über eine Woche gedauert bis Duo sich unbemerkt in Unes Büro schleichen und Heeros Adresse abschreiben hatte können.

Und das führte ihn hierher. Zu diesem Moment in dem er vor einem riesigen Haus - fast schon Anwesen - in einem der exklusivsten Stadtteile stand und zweifelnd die Adresse auf seinem Zettel mit der Adresse des Hauses verglich. Vielleicht hatte er ja irgendetwas falsch abgeschrieben? Irgendwie hatte er bei seinen Gesprächen mit Heero nie den Eindruck gewonnen, dass dieser stinkreich war. Er hatte sich Heero immer in einer kleinen Einzimmerwohnung - ähnlich seiner eigenen - vorgestellt. Dieses riesige Monstrum schien so gar nicht zu dem ruhigen jungen Mann zu passen.

Duo blickte noch einmal auf das Namensschild neben dem großen Eingangstor. ‘Petersen’ stand da, sonst nichts. Das war eindeutig nicht Heeros Name. Duo schüttelt erneut den Kopf. Irgendwas war da nicht richtig. Doch dann gab er sich einen Ruck und drückte trotzdem auf die Klingel. Jetzt hatte er sich schon die Mühe gemacht und war soweit rausgefahren, jetzt konnte er auch klingeln und nach Heero fragen. Und wenn sich herausstellte dass die Leute hier nichts von Heero wussten, dann musste er eben noch einmal in Unes Büro einbrechen und diesmal Heeros korrekte Adresse holen.

Doch auch nach wiederholtem Klingeln rührte sich nichts im Haus. Duo überlegte schon ob er einfach aufgeben und wieder gehen sollte als er plötzlich angesprochen wurde.

„Hallo!“ rief ihm ein Mann zu, der offenbar gerade zusammen mit seiner Frau aus dem Tor des Nachbarhauses gekommen war. „Suchen Sie jemanden?“

Duo nickte. „Ja,“ antwortete er. „Ich suche einen Heero Yuy. Mir wurde gesagt er würde hier wohnen.“

„Da drin?“ fragte er und deutete stirnrunzelnd auf das große Haus.

Duo nickte.

„Heero Yuy sagen Sie?“ fragte der Mann noch einmal nach.

Duo nickte erneut.

„Sagt mir nichts, der Name,“ erwiderte der Mann. „Aber wir sind auch erst vor einem halben Jahr hierher gezogen, wir kennen noch nicht alle Nachbarn beim Namen.“

„Vielleicht wenn ich ihn Ihnen beschreibe,“ sagte Duo. „Er hat mein Alter, ist ungefähr so groß wie ich und hat schokoladenbraunes Haar und dunkelblaue Augen.“

„Schatz,“ warf auf einmal die Frau ein die bis jetzt stumm dabeigestanden hatte. „Das ist doch das Haus vom alten J. Petersen.“

„Oh ja, stimmt,“ erwiderte der Mann. „Ich erinnere mich. Der alte Petersen ist doch vor ungefähr zwei Wochen gestorben.“

Duo nickte aufgeregt. Ja, das passte zusammen, Heero hatte schließlich sein Praktikum wegen eines Todesfalls abgebrochen, das hatte Sylvia ihm erzählt.

„Ich meine mich an einen jungen Mann zu erinnern auf den Ihre Beschreibung passt,“ sagte die Frau. „Er ist seit ungefähr einem Monat bei Petersen ein und ausgegangen. Ich glaube er hat da zur Untermiete gewohnt oder so - jedenfalls habe ich ihn niemals zuvor dort gesehen.“

„Oh,“ machte Duo enttäuscht. „Danke,“ sagte er dann zu dem Paar, drehte sich um und blickte noch einmal zum Haus hinauf. Dann sah er hinab auf den Zettel in seiner Hand und knüllte ihn dann wütend zusammen. Er hatte offenbar die richtige Adresse gehabt. Heero hatte hier gewohnt. Und als sein Vermieter gestorben war, war Heero einfach weiter gezogen, ohne auch nur einen Gedanken an ihn, Duo zu verschwenden. Es waren inzwischen fast zwei Wochen vergangen, wenn Heero also an einer Beziehung zu Duo interessiert gewesen wäre, dann hatte er mehr als genug Zeit gehabt sich bei Duo zu melden. Schließlich wusste er wo Duo zu finden war.

Aber das hatte Heero nicht getan. Und das zeigte deutlich, dass der Japaner offensichtlich nichts anderes als einen kurzen, unbedeutenden Flirt im Sinn gehabt hatte. Auf jeden Fall nichts ernstes, nichts was irgendwelche Gefühle mit einbezog. Offenbar war alles was Duo die ganze Zeit zu spüren gedacht hatte, dieser gewissen Funke, das alles war nur einseitig und wahrscheinlich sowieso nicht existent gewesen. Verlorene Zeit und Liebesmüh.

Mit einer wütenden Handbewegung warf Duo den zerknüllten Zettel von sich, drehte sich um und machte sich zurück auf den Weg nach Hause. Zurück auf den Weg in sein gewohntes Leben.



ENDE TEIL 1



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Anmerkung: Ich hab keine Ahnung welche Ausbildung in den USA nötig ist um beim CSI zu arbeiten. Außerdem habe ich keine Ahnung, ob es in Deutschland bei der Polizei überhaupt eine ähnliche Abteilung wie das CSI gibt. Nehmt einfach an dass die Geschichte in einer nicht allzu fernen Zukunft spielt und sich das deutsche mit dem amerikanischen System inzwischen total vermischt hat. Das ist halt das Schöne an der dichterischen Freiheit! :-)