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Maxwells Fluch Teil 0 - 4


Prolog

„Hey Duo, wenn du mich suchst, ich bin jetzt hinten bei den älteren Beständen!“

„Ist gut, Hilde!“ Duo blickte sich nicht um als er Hilde antwortete sondern ging weiter zum Hauptgebäude des Schrottplatzes, wo sich auch das Büro befand. Das Geschäft lief gut, und so schön das auch war so bedeutete es leider auch mehr Papierkram. Papierkram von dem Hilde es irgendwie immer schaffte ihn Duo anzuhängen, wie er mit einem leichten Grummeln überlegte.

Seit dem Ende des Krieges vor fast einem halben Jahr arbeiteten Hilde und Duo jetzt schon zusammen auf dem alten Schrottplatz den Hilde von ihrem Großvater geerbt hatte, und wie schon gesagt, die Geschäfte liefen wirklich hervorragend. Schrott war vor allem nach dem Krieg eine Ware die überall zu finden war – und auch überall gebraucht wurde. Ohne Zweifel, das Leben meinte es gut mit Duo – zum ersten Mal seit langer Zeit, wie es schien.

Duo summte leise eine Melodie vor sich hin während er das Büro betrat und anfing die Papiere zu sortieren. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er einen Platz den er sein eigen nennen konnte – ok, fast sein eigen, da der Schrottplatz ihm und Hilde zu gleichen Teilen gehörte nachdem Duo ihr zu Anfang mit seinen im Krieg von OZ abgezapften finanziellen Mitteln unter die Arme gegriffen hatte. Aber das war nicht wichtig, wichtig war nur dass er endlich wieder ein Zuhause hatte. Und Freunde. Ein Zuhause und Freunde, was brauchte man schließlich mehr?

Und es waren nicht irgendwelche Freunde, nein es waren die besten die man finden konnte. Immerhin hatten Duo und die anderen Gundam Piloten zusammen einen Krieg durchgemacht, so etwas schweißte zusammen. Im Grunde betrachtete Duo die anderen mehr wie seine Familie. Das einzige was Duo etwas störte war die Tatsache, dass er die anderen nicht so häufig sah wie er es sich wünschte.

Wufei war sofort nach Ende des Krieges den Preventern beigetreten. Und für ihn schien es auch die richtige Wahl zu sein, er wirkte stets sehr zufrieden mit sich und seiner Tätigkeit wann immer Duo auch mit ihm sprach. Nur gab es natürlich gerade jetzt für die Preventer sehr viel zu tun – und so hatte Wufei nur selten Zeit für einen Besuch bei Freunden.

Quatre und Trowa waren nach dem Krieg zusammen nach L4 gegangen. Was Duo nicht wirklich erstaunt hatte – wo doch die Gefühle der beiden füreinander schon im Krieg mehr als offensichtlich gewesen waren. Quatre leitete nun WEI, und Trowa hatte die Aufgabe des Sicherheitschefs der Firma übernommen. Bei all der Hektik die die beiden zur Zeit hatten um die Firma wieder auf Vordermann zu bringen fielen Besuche auf L2 auch eher spärlich aus.

Und Heero – Heero war sofort nach Ende der Kampfhandlungen verschwunden. Auch das hatte keinen wirklich überrascht, weder Duo noch die anderen. Quatre schien zwar etwas besorgt zu sein weil Heero sich seitdem kein einziges Mal bei einem von ihnen gemeldet hatte, aber der Rest machte sich nicht wirklich Sorgen. Heero würde schon wieder auftauchen wenn dieser es für richtig hielt.

Natürlich könnte Duo selbst losfliegen und seine Freunde besuchen, aber da ging es ihm genau wie Quatre und Trowa – er und Hilde hatten soviel zu tun mit dem Schrottplatz, vor allem Anfangs um die Geschäfte ins Laufen zu bringen, dass für einen längeren Urlaub einfach keine Zeit blieb. So war der einzige ständige Kontakt den Duo hatte Hilde, mit der er zusammen lebte und arbeitete und Howard, der mit den Sweepern in unregelmäßigen Abständen auf L2 vorbeischaute.

Aber das war ok, die Geschäfte würden schließlich nicht immer so stressig laufen, und früher oder später würden sie alle genug Zeit haben um sich regelmäßiger zu treffen. Duo war zufrieden mit seinem Leben, und das war ein Gefühl dass er schon lange nicht mehr gehabt hatte.

Duo war gerade dabei den Computer hochzufahren um mit der Buchhaltung zu beginnen, als er plötzlich einen fürchterlichen Lärm von draußen hörte. Es klang als wäre ein kleineres Flugzeug mitten in ihrem Hof abgestürzt – laut genug war der Krach und die Erschütterung die diesem folgte auf jeden Fall gewesen.

Mit einem Satz sprang Duo auf und stürzte aus dem Gebäude hinaus auf den Hof. „Hilde!“ rief er und sprintete so schnell er konnte um das Bürohäuschen herum auf den Hinterhof – und blieb dann völlig geschockt mitten im Schritt stehen.

Was noch vor wenigen Minuten ein Innenhof mit mehreren relativ ordentlichen Schrotthaufen gewesen war, war nun ein einziges Chaos. Als wäre eine Bombe explodiert. Offenbar war einer der Schrotthaufen ins Rutschen geraten und hatte dadurch auch andere Haufen zum Einsturz gebracht.

„Hilde!“ schrie Duo erneut und fing an zu husten, als er den aufgewirbelten Staub in die Kehle bekam. Mit klopfendem Herzen setzte er sich wieder in Bewegung. Hilde war irgendwo da drin! Eigentlich hatten sie beide gemeinsam diese Schrotthaufen durchsehen wollen, um sie zu katalogisieren und nicht mehr zu verwertende Teile wegzuwerfen. Doch dann hatte Hilde Duo angefleht doch für sie den Papierkram zu erledigen, und Duo hatte wie immer nachgegeben.

Hastig begann Duo Schrottteile zur Seite zu schieben und sich vorzuarbeiten. Immer wieder rief er Hildes Namen, doch er bekam keine Antwort. Die oft scharfen und rostigen Teile rissen ihm die Hände und Arme auf, doch Duo bemerkte es nicht einmal. Alles woran er denken konnte war Hilde, die irgendwo da unter dem Schrott begraben lag und dass er sie retten musste. Hilde durfte einfach nichts geschehen sein! Es konnte nicht sein! Wenn ihr etwas passiert war, dann würde es Duos Schuld sein, und er würde es sich sein Leben lang nicht verzeihen können.



Kapitel 1

Quatre trat unruhig von einem Bein auf das andere und seufzte leicht. Er konnte es nicht verbergen, er fühlte sich nicht wirklich wohl hier. Orte wie diese riefen einfach zu schlechte Erinnerungen in ihm wach. Aber Duo brauchte seine Freunde jetzt, und das war alles was zählte.

Trowa, der neben Quatre stand, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Quatre sah kurz zu ihm auf und lächelte schwach. Dann wandte er sich ab und sah wieder hinüber zu Duo, der ein Stück weiter weg mit gesenktem Kopf an Hildes Grab stand.

Als Duo sie beide vor einer Woche angerufen und von Hildes schrecklichem Unfall berichtet hatte, hatte Quatre es fast nicht glauben können. Hildes Tod schien so – sinnlos. Wie konnte das Schicksal so grausam sein und sie einen Krieg überleben lassen, nur um sie dann unter einem Haufen Schrott sterben zu lassen? Quatre seufzte erneut.

Duo hatte sehr gefasst gewirkt am Vidphone, etwas dass Quatre mehr beunruhigte als wenn Duo völlig aufgelöst gewesen wäre. Doch Duos starrer Gesichtsausdruck, die roten Augen die eher nach Schlafmangel als nach Tränen aussahen und seine tonlose Stimme hatten ihm mehr verraten wie sehr der ehemalige Deathscythe Pilot von Hildes Tod getroffen war.

Und so hatte Quatre keine Sekunde gezögert, hatte sofort alles stehen und liegen gelassen und war zusammen mit Trowa nach L2 gekommen. Er hatte gehofft dass Duo sich ihm vielleicht eher öffnen würde wenn er persönlich da wäre statt nur am Vidphone. Doch nichts dergleichen war geschehen. Duo hatte sie genauso gefasst begrüßt wie er über das Vidphone gewirkt hatte, und in all der Zeit hatte Quatre ihn nicht ein einziges Mal weinen gesehen.

Quatre seufzte ein drittes Mal. Er wünschte er wüsste wie er Duo helfen könnte, aber ihm fiel nichts ein. Und Duo schien sich auch gar nicht helfen lassen zu wollen – weder beim Arrangieren der Beerdigung noch beim Verkauf des Schrottplatzes. Das ganze war so schnell über die Bühne gegangen und der Schrottplatz so billig verkauft worden, dass es Quatre klar war, dass Duo vor all den Erinnerungen fliehen wollte. Gleich nach der Beerdigung würde Duo seine letzten Habseligkeiten zusammensuchen und den Schrottplatz seinen neuen Besitzern überlassen.

Erneut sah Quatre hinüber zu Duo. Die Beerdigung hatte heute Morgen stattgefunden, und es war eine sehr schlichte Zeremonie gewesen. Außer Duo, Quatre und Trowa waren nur ein paar wenige Nachbarn der beiden da gewesen. Offenbar hatte auch Hilde keine weitere Familie mehr gehabt, niemand der ihr hinterher trauerte. Niemand außer Duo.

Entschlossen setzte Quatre sich in Bewegung und ging zu Duo hinüber. „Duo?“ fragte er leise, als er neben seinem Freund angekommen war.

Duo blickte auf und sah ihn aus diesen leblosen Augen an, die Quatre in den letzten Tagen fast zu hassen gelernt hatte.

„Komm,“ sagte Quatre und legte einen Arm um Duos Schulter. „Lass uns gehen.“

Duo ließ sich widerstandslos von Quatre vom Grab wegführen. Den gesamten Weg vom Friedhof zurück zum Schrotthandel schwieg Duo und starrte nur aus dem Fenster von Quatres Limousine. Und auch während er seine wenigen Sachen, die er noch besaß zusammenpackte sprach Duo kein Wort.

Quatre beobachtete ihn dabei eine Weile stumm, dann fragte er, „Weißt du schon was du jetzt machen willst?“

Duo hob den Kopf und blickte Quatre an, und zum ersten Mal seit Hildes Tod sah Quatre wieder ein wenig Emotion in ihnen. Duo warf ihm einen fast hilflosen Blick zu und schüttelte den Kopf.

„Du könntest mit mir und Trowa nach L4 kommen,“ schlug Quatre vor. „Du weißt wir hätten dich gern bei uns, und du könntest dort in Ruhe überlegen was du tun willst.“

„Danke,“ sagte Duo leise und senkte seinen Kopf wieder, um die letzten Klamotten einzupacken. „Aber Howard kommt morgen mit den Sweepern vorbei. Ich hab ihm versprochen mitzukommen. Er war sehr traurig weil er es nicht rechtzeitig zur Beerdigung schaffen konnte. Er hat Hilde sehr gern gehabt.“

„Wir alle haben Hilde gern gehabt,“ antwortete Quatre leise. „Auch wenn wir sie nicht so gut gekannt haben wie du. Du musst sie schrecklich vermissen.“

Duo antwortete nicht darauf, aber Quatre konnte sehen wie er seine Fäuste ballte und seine Fingernägel fest in die Handballen presste.

„Duo?“ fragte Quatre besorgt.

Duo blickte nicht auf, und Quatre dachte schon er hätte ihn nicht gehört oder wollte ihm vielleicht nicht antworten, doch dann öffnete Duo doch den Mund. „Es ist meine Schuld,“ flüsterte er.

„Was?“ fragte Quatre.

„Es ist meine Schuld dass Hilde tot ist,“ wiederholte Duo etwas lauter.

„Das ist doch Unsinn Duo,“ erwiderte Quatre. „Es war ein Unfall. Es war nicht deine Schuld.“

„Doch das war es,“ beharrte Duo stur.

„Wieso denkst du das?“ fragte Quatre.

Duo sah auf. „Du weißt warum,“ sagte er.

Quatre blinzelte verblüfft. „Du meinst doch nicht etwa... Duo, glaubst du etwa immer noch an diese alberne Sache mit –“

„Das ist keine alberne Sache!“ unterbrach Duo ihn und etwas ähnliches wie Wut blitzte kurz in seinen Augen auf. „Das ist mein Leben!“

„Duo, ich wollte nicht andeuten...“ stotterte Quatre. „... ich wollte nicht sagen dass dein Leben albern ist! Wirklich! Aber... Du musst doch zugeben dass es einfach zu phantastisch und unglaubwürdig klingt, oder?“

Duo sah ihn eine Weile an, dann seufzte er. „Schon gut. Ich verstehe warum du mir nicht glaubst.“

„Duo, ich –“

„Schon gut,“ wiederholte Duo sich. „Belassen wir es dabei, in Ordnung?“

Zögernd nickte Quatre. Er hatte in dem Moment gewusst dass er einen Fehler gemacht hatte als er seinen Mund geöffnet und das Wort ‚albern’ gesagt hatte, aber da war es bereits zu spät gewesen. Und jetzt wollte Duo nicht mehr darüber reden, und es gab nichts was Quatre dagegen tun konnte. Duo konnte sehr stur sein wenn er wollte.

Und so blieb Quatre nichts weiter übrig als Duo dabei zu helfen seine wenigen Habseligkeiten hinunter zum Wagen zu tragen und ihn in das Hotel mitzunehmen in dem auch Quatre und Trowa wohnten, und mit Duo auf Howards Ankunft zu warten.

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Die nächsten Wochen und Monate verliefen recht holprig. Quatre hörte nicht auf sich um Duo Sorgen zu machen, und Duo – nun, er plauderte zwar annähernd fröhlich mit Quatre am Vidphone, aber der Blonde wusste genau, dass es sich nur um Duos übliche, aufgesetzte Maske handelte. Und obwohl Duo sich redlich Mühe gab, so hatte Quatre noch kein einziges, echtes Lächeln auf dessen Gesicht entdecken können. Dazu war die Trauer um Hilde einfach noch zu frisch.

Quatre seufzte und lehnte sich in seinem Bürosessel zurück. Wenn Duo wenigstens anfangen würde über den Verlust zu reden. Aber kaum sprach man den ehemaligen Deathscythe Piloten darauf an, wechselte dieser schnell – und gekonnt – das Thema. Oder hörte gleich ganz auf zu reden. Quatre wusste nicht was davon schlimmer war.

Müde rieb er sich mit einer Hand den Nacken. Der heutige Tag war wirklich anstrengend gewesen – ständig war irgendjemand gekommen oder hatte angerufen und etwas von ihm gewollt. Wenn Trowa ihm gegen Mittag nicht ein Sandwich gebracht und ihn gezwungen hätte es zu essen, hätte Quatre nicht einmal dafür Zeit gefunden.

Seit dem Ende des Krieges hatte Quatres Arbeitspensum stetig zugenommen. Eigentlich hatte er ja gedacht dass es im Laufe der Zeit einfacher würde und die Arbeitslast etwas abnehmen würde, aber scheinbar passierte genau das Gegenteil. Und so blieb immer weniger und weniger Zeit für seine Freunde.

Und vor allem Duo. Seit Hildes Tod vor über vier Monaten hatte Quatre regelmäßig mit Duo telefoniert. Anfangs hatte er seinen Entschluss sich besonders um Duo zu kümmern auch durchhalten können und Duo jeden Tag angerufen. Doch diese Anrufe waren immer spärlicher geworden, erst jeden zweiten Tag, dann nur noch zweimal die Woche. Und wenn Quatre genau nachdachte, dann war ihr letztes Telefonat schon über eine Woche her! Das musste er schleunigst ändern!

Entschlossen wandte Quatre sich seinem Vidphone zu. Er würde sich jetzt einfach die Zeit nehmen und ein paar Minuten mit seinem besten Freund plaudern. Vor allem weil er das Gefühl hatte dass es Duo langsam wieder besser zu gehen schien. Auch wenn er noch immer um Hilde trauerte, so war er zumindest nicht mehr so völlig erstarrt. Schien sich nicht mehr so völlig in sich selbst zurückgezogen zu haben, wie er es noch auf der Beerdigung und im ersten Monat danach gewesen war.

Quatre gab Howards Nummer ein und wartete bis die Verbindung sich aufbaute. Nach einer ganzen Weile wurde schließlich am anderen Ende abgenommen und das Gesicht von George, Howards Rechter Hand, erschien auf dem Bildschirm.

„Hallo George,“ grüßte Quatre heiter, bevor ihm der Gesichtsausdruck des anderen Mannes auffiel. Georges sonst so fröhliches Gesicht wirkte eingefallen, er hatte tiefe Ringe unter den Augen und einen gequälten Blick. „George, was ist passiert?“ rief Quatre besorgt.

„Hallo Quatre,“ erwiderte George die Begrüßung müde. „Hat Duo es dir denn nicht erzählt?“

„Nein, was denn erzählt?“ Quatre war jetzt mehr als besorgt.

„Howard ist tot.“

„WAS?“ Quatre starrte den anderen Mann fassungslos an.

George nickte nur.

„Wie... wann... was ist geschehen?“ stotterte Quatre hilflos. Howard war tot! Das konnte nicht sein! Er hatte ihn doch erst Anfang letzte Woche noch gesprochen, kurz bevor er mit Duo telefoniert hatte!

„Ein Unfall,“ antwortete George. „Er und Billy waren vor sechs Tagen mit einem der Shuttles unterwegs um etwas Schrott von dem wir gerüchteweise gehört hatten von einem der Saturnmonde zu bergen. Ich weiß nicht genau was passiert ist, aber Billy muss irgendwie die Kontrolle über das Shuttle verloren haben. Sie sind mit einem der Monde kollidiert. Sie waren sofort tot.“

„Oh Allah!“ hauchte Quatre. „Das ist ja furchtbar! Wie geht es Duo? Kann ich mit ihm sprechen?“

„Duo?“ George runzelte die Stirn. „Ist er denn nicht bei dir?“

„Was?“ Quatre schüttelte den Kopf. „Wie kommst du darauf?“

„Er war völlig zerstört nach Howards Tod,“ antwortete George mit besorgtem Gesichtsausdruck. „Der arme Junge hat den Absturz praktisch life über Radar mitbekommen. Er war nicht zu beruhigen. Er ist uns an Ort und Stelle zusammengebrochen. Als wir ihn endlich wieder ein wenig beruhigt hatten, hat er sofort seine Sachen gepackt. Er hat gesagt, er wolle zu dir gehen um dort über Howards Tod hinwegzukommen. Er wollte nicht einmal bis zu den Trauerfeierlichkeiten warten. Das war vor fünf Tagen. Ist er etwa nicht bei dir angekommen?“

„Nein,“ Quatre schüttelte den Kopf. „Das ist er nicht. Hör zu George, ihr alle habt mein und Trowas herzlichstes Beileid, aber ich kann jetzt nicht länger mit dir reden. Ich muss Schluss machen.“

„In Ordnung,“ nickte George. „Meld dich bei uns wenn du etwas von Duo hörst, ja? Wir alle machen uns große Sorgen um ihn.“

„Mach ich,“ antwortete Quatre und schloss die Verbindung. Eine Sekunde lang blieb er einfach nur regungslos sitzen wo er war während die Gedanken durch sein Hirn rasten. Howard war tot! Und Duo war verschwunden, nachdem er den anderen Sweepern gesagt hätte, er würde zu Quatre gehen. Wo er aber nie angekommen war. Fünf Tage hätten mehr als ausgereicht damit Duo es bis L4 schaffte. Und selbst wenn er aufgehalten worden wäre, so hätte er Quatre sicherlich kontaktiert und ihm bescheid gesagt. Aber das hatte er nicht getan. Irgendetwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung, Quatre konnte es spüren.

Mit einem entschlossenen Ruck sprang Quatre aus seinem Sessel und hastete durch die Verbindungstür nach nebenan, in Trowas Büro. „Trowa!“ rief er.

Trowa blickte alarmiert auf, offenbar verriet ihm schon Quatres Tonfall das etwas nicht stimmte. Hastig und so kurz wie möglich berichtete Quatre ihm was er soeben erfahren hatte. Trowa keuchte auf und sein sichtbares Auge weitete sich.

„Wir müssen etwas tun!“ rief Quatre und lief auf und ab. „Ich mach mir wirklich große Sorgen. Wir müssen Duo irgendwie finden! Ich bin mir sicher dass er unsere Hilfe braucht!“

Trowa nickte, doch bevor er etwas sagen konnte fuhr Quatre schon fort, „Aber wie? Verdammt, wir beide haben zu viel zu tun und nicht genügend Zeit um nach Duo zu suchen! Und ich wüsste nicht einmal wo ich anfangen sollte! Vielleicht könnte Wufei und die Preventers –“

„Heero,“ warf Trowa ruhig ein und unterbrach Quatres Redeschwall.

„Was?“ Quatre blieb stehen und sah zu Trowa hinüber.

„Heero könnte nach Duo suchen,“ wiederholte Trowa.

„Heero?“ Quatre legte den Kopf schief. „Ich weiß nicht. Selbst wenn wir wüssten wo Heero jetzt ist, glaubst du wirklich dass er Duo finden könnte? Er kennt ihn doch gar nicht gut genug.“

„Ich glaube, Heero wäre genau der richtige für den Job,“ erwiderte Trowa. „Die Preventer sind nicht wirklich für vermisste Personen zuständig – und es ist ja auch nicht so als müsste Duo sich bei irgendwem melden. Er kann tun und lassen was er will. Und außerdem könnte es Duo ganz und gar nicht recht sein dass die Preventer in seinen Privatangelegenheiten rumschnüffeln, falls wir Wufei und die Preventer tatsächlich dazu kriegen nach ihm zu suchen. Heero könnte das ganze sehr viel diskreter erledigen. Und Heero kennt Duo besser als du denkst. Ich weiß zwar nicht wo genau er sich aufhält, aber er hat mir eine Emailadresse für den Notfall gegeben.“

Quatre starrte Trowa eine Weile stumm an. „Na worauf wartest du dann noch? Hilde ist tot, Howard ist tot, und Duo ist verschwunden! Das ist definitiv ein Notfall! Kontaktiere Heero und sag ihm, dass wir ihn brauchen!“



Kapitel 2

Heero verließ das Shuttleterminal und blickte hinauf in den klaren Abendhimmel. Er war beinahe wieder da wo er vor fast sechs Monaten mit seiner Suche begonnen hatte.

Vor nicht ganz einem halben Jahr hatte Heero sich gerade in einer kleinen Stadt nicht weit von hier niedergelassen. Nach dem Krieg hatte er einfach nicht gewusst wohin. Die anderen Gundam Piloten hatten scheinbar keine Probleme gehabt sich in das Zivilleben wieder einzugliedern, doch Heero war das nicht so einfach gefallen.

Und statt sich an die anderen um Hilfe zu wenden, hatte er beschlossen es lieber selbst zu versuchen. Also hatte Heero sich aufgemacht um erst einmal die Welt und den Frieden kennen zu lernen, für die er ein ganzes Jahr seines Lebens gegeben hatte – rechnete er seine Ausbildung durch Odin und J dazu, sogar sein ganzes Leben. Und vielleicht, so hatte er gehofft, würde er dabei auch seinen eigenen Platz in diesen so neuen Zeiten finden.

Es war ihm jedoch noch nicht gelungen als ihn Trowas Email erreichte. Trotzdem hatte Heero keine Sekunde gezögert diesem Hilferuf nachzukommen. Immerhin, es ging um Duo, und das reichte für Heero aus um alles stehen und liegen zu lassen um herauszufinden, was geschehen war. Der quirlige Deathscythe Pilot hatte für Heero schon immer eine besondere Stellung unter all den Piloten eingenommen.

Trowas Bericht war erschreckend gewesen. Der Schock den die Nachricht von Hildes und Howards Tod auslöste wurde schnell durch die Sorge um Duo überdeckt. Wo befand sich der Langhaarige? Warum war er überhaupt geflohen? Was war da nur geschehen, dass Duo in sein altes Motto ‘wegrennen und verstecken’ zurückgefallen war? Heero würde nicht eher ruhen, bis er es herausgefunden hatte.

Nur war er in dieser Sache in all den Wochen nicht einen Schritt weitergekommen. Mit Quatres und Trowas Hilfe hatte Heero eine Spur nach der anderen verfolgt, war bis in die hintersten Winkel des Sonnensystems gekommen, hatte eine abgelegene Kolonie nach der anderen durchsucht. Vergeblich. Duo hatte seine Spuren gut verwischt. Möglicherweise sogar zu gut.

Doch Heero war noch nicht bereit aufzugeben. Gerade eben verfolgte er die Spur eines gewissen Max Hayes’. Er versprach sich zwar nicht wirklich viel davon, aber der Name war Duos eigenem immerhin ähnlich genug, so dass dieser auf die Anrede auch unbewusst reagieren und auf diese Weise keinen Verdacht erregen würde, und gleichzeitig unterschiedlich genug, um seinen Verfolgern keinen Hinweis zu geben.

Heero verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. Das war ein Trick den ihm Duo selbst verraten hatte, als sie beide sich noch gemeinsam in etlichen Schulen versteckt hatten. Es wäre fast zu schön wenn Heero Duo jetzt aufgrund dessen finden könnte.

Und selbst wenn nicht – er hatte noch viele andere Spuren die er verfolgen konnte. Und wenn sich diese erschöpft hatte und er Duo immer noch nicht gefunden hatte – nun, dann würde er sich eben neue Möglichkeiten ausdenken! Duo war ihm zu wichtig, und wenn es sein musste würde er ewig weitersuchen.

Heero seufzte. Das war eine weitere Sache über die er sich klar hatte werden wollen während er durch die Welt zog. Dieser besondere Platz den Duo einnahm – Heero konnte einfach nicht begreifen wieso das so war. Es war nicht so als würde ihm Duo von all den Piloten am nähesten stehen. Wenn Heero einen besten Freund benennen müsste, so würde seine Antwort ohne zu zögern Trowa lauten. Er und der schweigsame Heavyarms Pilot hatten sich während Heeros Genesungszeit nach seiner Selbstzerstörung in Wing angefreundet, und diese Freundschaft war stetig gewachsen.

Und doch würde Heero ohne zu zögern Duos Sicherheit jederzeit über Trowas stellen. Er seufzte erneut und schüttelte den Kopf. Er war noch nicht bereit diese Gefühle mit einem Namen zu versehen, aber er hatte immerhin erkannt, dass es tiefer ging als nur reine Freundschaft. Wie tief genau – nun, das würde Heero zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden. Jetzt galt es zunächst einmal Duo zu finden.

Mit einem letzten Blick in den Himmel machte Heero sich auf den Weg. Es war zwar erst Ende September, aber dennoch konnten die Abende in diesem Teil der Welt inzwischen recht kühl werden. Heero hatte nur eine leichte Jacke an – immerhin, er kam gerade aus den Kolonien, dort hielt man die Temperaturen meist in angenehmeren Gradbereichen. Mit hochgezogenen Schultern, die Hände in die Taschen gesteckt marschierte Heero zielstrebig durch die Straßen.

Er kannte die Gegend in der die gesuchte Adresse lag, wenn auch nur vom Hörensagen. Es war nicht gerade eine der besten Gegenden, wenn auch nicht gerade die schlechteste. Früher einmal war es ein wirklich gutes Wohngebiet gewesen, aber wie so vieles war es vor und während des Krieges heruntergekommen, und jetzt lebten dort hauptsächlich Diejenigen, die es sich nicht leisten konnten woanders zu leben, aber noch genug hatten um nicht auf der Straße zu landen.

Heero blieb vor einem großen, grauen Mietshaus mit abgebröckeltem Putz stehen und blickte erstaunt daran empor. Er hatte gar nicht gemerkt wie schnell die Zeit vergangen war, so sehr war er während des halbstündigen Fußmarsches in Gedanken vertieft gewesen. Wie so oft in den letzten Wochen hatte er über Duo und dessen Gründe für das Untertauchen nachgegrübelt – nicht dass er jemals zu einem Ergebnis gekommen wäre, aber das hinderte ihn nicht daran es wieder und wieder zu tun.

Die Eingangstür des Mietshauses war nicht abgeschlossen, und so trat Heero ein ohne irgendwo zu klingeln. Schnell stieg er die Treppen hinauf in den dritten Stock in dem Hayes’ Wohnung lag. Er lief den schmalen Gang entlang bis er vor Appartement 3b stand und klopfte an. Als niemand antwortete klopfte Heero noch einmal. Diesmal meinte er ein Geräusch von Innen zu hören und lehnte sich vor um an der Tür zu lauschen. Stille.

Heero zögerte kurz. Hatte er sich das Geräusch nur eingebildet? Erneut hob er die Hand und klopfte, diesmal sehr viel lauter und länger als die beiden Male zuvor. Diesmal gab es eine Reaktion, allerdings nicht aus der Richtung aus der Heero gehofft hatte. Stattdessen öffnete sich die gegenüberliegende Tür zu 3a und ein alter, verlebt wirkender Mann steckte den Kopf heraus.

„Was soll der Lärm hier draußen?“ fauchte er und funkelte Heero von unten herab böse an.

„Entschuldigen Sie, Sir,“ sagte Heero höflich und gab sich alle Mühe so harmlos wie möglich zu wirken – was nicht gerade einfach war. Irgendwie schien man ihm den ehemaligen Soldaten wohl anzusehen, was bei seiner Suche oft nicht gerade hilfreich gewesen war. „Ich bin auf der Suche nach Max Hayes. Mir wurde gesagt er würde hier wohnen.“

„Jaja, das stimmt schon,“ grummelte der alte Mann. „Sind Sie von der Polizei?

„Wissen Sie ob er zu Hause ist?“ ignorierte Heero die Frage.

„Klar isser zu Hause. Wo soll er wohl sonst sein? Nen Job hat er ja nicht,“ der Mann machte ein abfälliges Gesicht. „So wie der rumläuft würde es mich nicht wundern wenn er Drogen nimmt. Denken Se dran ihn auf Drogen zu testen wenn Se ihn festnehmn!“

„Ich werde daran denken,“ erwiderte Heero so höflich wie möglich. Es brachte schließlich nichts mit dem Kerl zu argumentieren – und solang er ihn für einen Polizisten hielt wäre er vielleicht kooperativer.

„Wird auch Zeit dass endlich mal jemand den Kerl festnimmt,“ schimpfte der Alte weiter, doch Heero hörte ihm nicht länger zu. So wie es aussah erwies sich auch diese Spur als falsch. Heero konnte sich einfach nicht vorstellen dass Duo Drogen nehmen würde, schon gar nicht wenn er auf der Flucht und irgendwo untergetaucht war. Wer auf der Flucht war musste ständig hellwach und aufmerksam sein – und Drogen bewirkten genau das Gegenteil.

Heero murmelte ein undeutliches Danke und wandte sich von dem alten Mann wieder ab um noch ein letztes Mal an die Tür zu klopfen. Sollte wieder keiner öffnen würde er wieder gehen.

Der Alte verstand offenbar Heeros Hinweis und begann seine Tür zu schließen – nicht ohne dabei weiterhin auf den Bewohnung von 3b zu schimpfen. „Wegen Typen wie diesen ist unsere Gegend so verkommen... hab’s ja schon immer gesagt... langhaariger Freak...“ Die Tür fiel mit einem Knall ins Schloss.

Heeros erstarrte mitten in der Bewegung, die Hand noch immer zum Klopfen erhoben. Was hatte der Kerl da gerade genuschelt? Langhaariger Freak? War das ein purer Zufall oder konnte es womöglich etwa doch Duo sein? Heero riss sich aus seiner Erstarrung und klopfte energisch an die Tür. Keine Reaktion, aber das überraschte Heero nicht wirklich.

Doch statt zu gehen wie er eigentlich vorgehabt hatte zog er einen Dietrich aus der Tasche. Da Max Hayes nicht zu Hause war, würde Heero dessen Wohnung durchsuchen um zu überprüfen, ob der ‘langhaarige Freak’ mit einem gewissen Duo Maxwell identisch war oder nicht.

Nach einer Minute – länger als Heero in seiner Ungeduld lieb war – hatte er die Tür endlich offen. Zufrieden steckte er den Dietrich wieder weg. Das war ebenfalls etwas dass er von Duo gelernt hatte – auch wenn Heero damit natürlich nicht halb so gut und schnell war wie der Langhaarige selbst, so konnte er dennoch die meisten Schlösser problemlos öffnen.

Vorsichtig öffnete Heero die Tür und ließ sie langsam nach Innen schwingen. Schließlich wollte er von einem eventuell doch anwesenden Bewohner nicht niedergeknüppelt werden, nur weil dieser ihn für einen Einbrecher hielt. Was er ja theoretisch auch war, aber das war jetzt nicht der Punkt.

Doch niemand erwartete ihn mit einer schlagbereiten Pfanne, die Wohnung war wie erwartet leer. Zumindest der Teil den Heero sehen konnte. Die Wohnungstür öffnete sich direkt in ein kleines Wohnzimmer. Vorsichtig trat er ein und zog die Tür leise hinter sich ins Schloss. Einen Moment stand Heero einfach nur so da und lauschte, dann bewegte er sich langsam vorwärts.

Das kleine Wohnzimmer war kärglich eingerichtet, ein altes Sofa das aussah als käme es direkt vom Sperrmüll stand in der Mitte des Zimmers, zusammen mit einem kleinen Tischchen das wirkte, als hätte jemand es aus Obstkisten zusammengezimmert. Ein paar schiefe Regale zierten die Wände, doch die meisten davon wahren leer. Nur ein alter Fernseher und ein Vidphone standen darin. Nirgendwo hingen Bilder oder dergleichen und die Vorhänge waren zugezogen. Was bei der Schäbigkeit des Zimmers wohl auch besser war.

In der hinteren rechten Ecke, hinter einer gemauerten Raumabteilung, befand sich eine kleine Kochnische, wie Heero feststellte als er sich weiter in den Raum bewegte. Allerdings sah sie aus als wäre sie schon lange nicht mehr benutzt worden. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine Tür in der Wand, die jedoch geschlossen war. Heero nahm an dass sie ins Schlafzimmer führte.

Ein weiterer Blick durch den Raum zeigte, dass Heero hier keine Fragen auf seine Antworten finden würde. Also ging er langsam auf die Tür zu und öffnete sie leise. Wie er gedacht hatte befand sich dahinter ein winziges Schlafzimmer. Ein altes, circa 1,40 m breites Bett stand darin, mit einer klumpigen Matratze und quietschenden Bettfedern. Darauf würde Heero wetten. Außer dem – doch relativ großen – Bett stand nur eine wacklige Kommode im Raum.

Ein kurzer Blick durch das Zimmer zeigte, dass auch dieses leer war. Eine weitere Tür befand sich an der linken Wand, wahrscheinlich führte sie in ein Badezimmer. Heero ging darauf zu, um sich davon zu überzeugen, dass auch dieses leer war, bevor er sich an die Durchsuchung der wohl eher spärlichen Besitztümer des Bewohners von 3b machen würde.

Doch als er die Tür öffnete, musste er feststellen, dass die Wohnung nicht so verlassen war wie er gedacht hatte. Auf dem Boden in einer Ecke des Bads saß eine zusammengesunkene Gestalt. Eine Gestalt, die Heero auf den ersten Blick erkannte.

„Duo!“ rief er und machte einen Schritt auf den zu Boden gesunkenen Piloten zu. Duo reagierte nicht auf Heeros Ausruf. Besorgt kniete Heero neben Duo nieder und berührte ihn an der Schulter.

Aber Duo rührte sich immer noch nicht. Heero rief erneut seinen Namen und schüttelte ihn etwas fester, doch alles was er an Reaktion bekam war ein undeutliches Murmeln.

Besorgt blickte Heero sich um. Was war mit Duo los? Dann bemerkte er, dass Duo etwas in der Hand hielt. Vorsichtig löste Heero das Döschen aus Duos Griff und las die Aufschrift. Schlaftabletten!

Heero erbleichte. „Duo!“ rief er jetzt lauter und schüttelte den ehemaligen Deathscythe Piloten ein zweites Mal.

„Was’n’los,“ nuschelte Duo, öffnete jedoch nicht die Augen.

„Duo, kannst du mich hören?“

„Geh weg.“ Eine schlaffe Hand schlug halbherzig nach Heero, hatte jedoch nicht genügend Kraft um irgendwas auszurichten. „Müde.“

„Duo, ich muss wissen wie viel du davon genommen hast!“ Heero beugte sich verzweifelt vor um Duo, dessen Kopf ständig zur Seite rollte, ins Gesicht zu sehen.

„Hm?“

„Wie viel hast du davon genommen?“

„Noch fü’f M’nut’n.“

Heero blickte hinab auf das komplett leere Pillendöschen und faste einen Entschluss. „Ich bring dich ins Krankenhaus.“

„Nein!“ Duo zuckte zusammen und versuchte von Heero wegzukommen, doch seine Bewegungen waren viel zu schwach und unkoordiniert um irgendwelche Ergebnisse zu zeigen. „Nicht Krank’nhaus!“

„Duo, es muss sein!“ Heero legte eine Hand an Duos Wange und versuchte dessen Kopf so zu drehen, dass er dem Langhaarigen ins Gesicht sehen konnte. „Dir muss der Magen ausgepumpt werden!“

„Nein!“ rief Duo erneut und fing noch stärker an zu zappeln. Und obwohl seine Bewegungen noch immer unkoordiniert waren, waren sie nun schon etwas kräftiger und Heero bekam Angst, dass es der aufgebrachte Deathscythe Pilot irgendwann schaffen würde, sich selbst zu verletzen.

„Ok, in Ordnung!“ sagte Heero deshalb. „Kein Krankenhaus.“

Sofort hörte Duo auf sich zu wehren und sank wieder schlaff an die Wand. Heero biss sich auf die Unterlippe und dachte nach. Irgendwie musste er den Langhaarigen dazu bringen seinen Magen zu leeren. Nur so konnte er eine möglicherweise tödliche Überdosis vermeiden.

Mit einem entschlossenen Nicken stand Heero auf und eilte in die winzige Kochzeile. Was für ein Glück dass J’s Ausbildung nicht nur den Gebrauch von Waffen beinhaltet hatte, sondern auch wie man sich in Notsituationen ohne ein Krankenhaus oder einen Arzt behalf. Besonderes Augenmerk hatte auf dem Versorgen von Verletzungen und dem Entfernen unerwünschter Drogen aus dem Körper gelegen. Was jetzt Heeros Glück war, so musste er nicht lange nachdenken was er zu tun hatte. Auch wenn es nicht so aussah als hätte Duo hier jemals etwas gekocht, so musste er dennoch irgendwo Salz haben, oder? Zur Not würde Heero sogar rüber zu Duos griesgrämigen Nachbarn gehen und ihn um etwas Salz bitten.

Doch das war gar nicht nötig, denn ganz hinten in der Ecke eines der Küchenschränke fand Heero noch ein ganzes Paket Salz. Schnell suchte er nach einem Kochtopf der halbwegs sauber aussah und setzte Wasser zum kochen auf. Dann kippte er das Salz hinein.

Als sich das Salz schließlich vollständig aufgelöst hatte, nahm Heero den Topf vom Herd, griff nach dem leeren Marmeladenglas das er vorhin entdeckt hatte – ein anderes Trinkgefäß hatte er nirgends finden können – und eilte zurück ins Bad.

Duo saß noch genauso da wie er ihn verlassen hatte. Heero kniete sich erneut neben ihm, legte ihm einen Arm um die Schulter, stützte seinen Kopf und begann damit, ihm ein Glas Salzwasser nach dem anderen einzuflößen. Es dauerte nicht lang, und Duo begann sich zu übergeben.

Die nächsten Minuten hielt Heero Duo fest, der über die Kloschüssel gebeugt die erbärmlichsten Geräusche von sich gab. Jedes Mal wenn der Würgereiz wieder aufhörte, flößte Heero ihm ein weiteres Glas Salzwasser ein und dass ganze begann von neuem. Heero hörte erst auf als er sicher war, dass Duos Magen komplett leer war.

Nicht dass es dazu viel gebraucht hätte. Nach dem was Heero gesehen hatte war Duos Magen sowieso nicht sonderlich gefüllt gewesen. Das meiste was hochkam war Flüssigkeit.

Nachdem er ihm das Gesicht sauber gewischt hatte, hob Heero einen am ganzen Körper zitternden Duo hoch und trug ihn hinüber ins Schlafzimmer. Der Langhaarige war erschreckend leicht, wie Heero feststellte, und als er Duo auf dem Bett abgelegt hatte, entdeckte er auch warum.

Duo war nur noch Haut und Knochen. Als Heero ihm den Pullover auszog der bei der vorigen Magenentleerungsaktion einiges abbekommen hatte, hielt er vor Schreck die Luft an. Er konnte jede einzelne von Duos Rippen sehen. Überall spannte sich die Haut, so als hätte Duo schon seit Wochen nichts mehr gegessen, und sie hatte einen kränklichen, grauen Farbton.

„Oh Duo,“ seufzte Heero und schüttelte leicht den Kopf. Dann ging er hinüber zu der wackligen Kommode und suchte ein paar halbwegs saubere Kleidungsstücke heraus, die er Duo dann überstreifte. Anschließend zog er ihm noch die Decke hoch bis ans Kinn.

Duo lag völlig gelöst und friedlich im Bett. Heero hatte sich davon überzeugt dass der Langhaare wirklich nur schlief, aber sowohl sein Puls als auch seine Atmung waren normal. Heero würde ihn in den nächsten Stunden jedoch genau überwachen, und sollte er auch nur das geringste Anzeichen sehen, dass es Duo schlechter ginge, so würde er ihn sofort in ein Krankenhaus bringen. Völlig egal was Duo davon hielt.

Mit einem Seufzer ließ Heero sich schließlich auf das Bett neben Duo fallen. So blieb er dann eine ganze Weile sitzen und starrte einfach nur auf den schlafenden Piloten hinab. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er Duo tatsächlich gefunden hatte!

Vorhin, während all seiner Sorge um den Langhaarigen hatte er einfach keine Zeit gehabt um darüber nachzudenken, aber seine Suche war tatsächlich zu Ende! Er hatte Duo gefunden! Nur in welchem Zustand?

Heero seufzte und streckte eine Hand aus wie um Duo über das Gesicht zu streicheln, ließ sie dann jedoch tatenlos wieder fallen. Was war hier nur los? Warum war Duo so unterernährt? Wobei ‘unterernährt’ fast noch zu harmlos war, ‘magersüchtig’ traf es schon eher. Wieso lebte er in einer solchen Absteige? Von ihnen allen hatte Duo es sich am besten darauf verstanden OZ um deren Geld zu bringen – selbst Heero mit all seinen Hacker- und Computerkenntnissen hatte da nicht mithalten können. Duo musste also genügend Geld haben um sich eine saubere und anständige Bleibe leisten zu können. Warum also ein solch heruntergekommenes Loch?

Aber was die wichtigste aller Fragen war – was war nur so schrecklich dass Duo sich das Leben nehmen wollte? Denn eine auf einen Schlag geleerte Dose mit Schlaftabletten konnte nur eines bedeuten. Was war nur mit Duo geschehen in den Monaten in denen sie sich nicht gesehen hatten? Heero erkannte ihn kaum wieder. Es war wirklich kein Wunder dass der alte Mann aus 3a Duo für einen Drogensüchtigen hielt. Er sah durchaus so aus, auch wenn Heero sich vorhin davon überzeugt hatte, dass Duo keine Einstichstellen an den Armen hatte.

Mit einem weiteren Seufzer zog Heero die Beine auf das Bett und lehnte sich an den Kopfteil. Er versuchte es sich so gemütlich wie möglich zu machen – seine Vermutung was die klumpige Matratze anging war richtig gewesen, auch wenn er sich hinsichtlich der quietschenden Bettfedern geirrt hatte. Es versprach eine lange Nacht zu werden. Aber das war kein Problem, schließlich gab es auch eine Menge worüber Heero nachdenken musste. Vor allem musste er sich darüber im klaren werden, wie er weiter vorgehen sollte. Er hatte gedacht, Duo zu finden wäre das größte Problem. Doch er hatte sich getäuscht, so wie es aussah lagen die größten Probleme offenbar erst noch vor ihm.



Kapitel 3

Heero öffnete die Tür zu Duos Appartement und stellte die Einkaufstüten und seine Tasche direkt daneben ab. Dann schloss er die Tür hinter sich wieder. Bevor er die Einkäufe in die winzige Küchenzeile brachte um sie dort zu verstauen warf er noch einen kurzen Blick ins Schlafzimmer um sich zu vergewissern dass Duo noch dort war.

Doch er hätte sich keine Sorgen machen müssen, Duo lag noch genauso da wie Heero ihn verlassen hatte und schlief tief und fest. Leise schloss Heero die Schlafzimmertür wieder und begann damit die Lebensmittel einzuräumen.

Nachdem Heero die ganze Nacht sitzend neben Duo verbracht hatte, war er gegen Morgen endlich davon überzeugt gewesen dass es Duo gut ging. Oder zumindest, dass dieser keine Nachwirkungen der Überdosis zu zeigen schien. Sein Schlaf war zwar tief und fest, doch allen Anzeichen nach natürlich.

Und so hatte Heero beschlossen, dass er es wagen könnte die Wohnung kurz zu verlassen um nicht nur die Tasche mit den wenigen Kleidungsstücken und seinem Notebook zu holen, die er am Shuttleterminal in einem Schließfach deponiert hatte, sondern auch um einzukaufen.

Duo war eindeutig unterernährt, wie Heero am Vorabend festgestellt hatte. Und Heero hatte entschieden, dass er dagegen dringend etwas unternehmen musste. Der ehemalige Deathscythe Pilot war schon immer sehr schlank gewesen und hatte dazu geneigt mit jeder ausgelassenen Mahlzeit Gewicht zu verlieren, aber Heero konnte sich trotzdem nicht vorstellen was Duo dazu bewogen haben könnte, sich dermaßen zu vernachlässigen.

Aber das war etwas das Heero ändern konnte und würde. Und wenn er Duo zwingen müsste zu essen, dann würde er es eben tun. Die durchwachte Nacht hatte einen Entschluss in Heero reifen lassen: er würde so lange bei Duo bleiben, bis es diesem wieder gut ging – völlig egal ob Duo ihn hier haben wollte oder nicht. Und Heero wäre derjenige der entscheiden würde, wann Duo sich wieder erholt hätte.

Doch zuerst gab es noch etwas anderes was er zu erledigen hatte. Sobald die Lebensmittel weggeräumt waren ging Heero hinüber zum Vidphone und gab Quatres Privatnummer ein. Er musste nicht lange warten bis am anderen Ende abgenommen wurde.

„Heero!“ rief Quatre sobald er sah wer dran war.

„Quatre,“ grüßte Heero. „Ich hab ihn gefunden.“

„Du hast ihn gefunden?“ Quatres Augen leuchteten auf und er lächelte Heero breit an. „Aber das ist ja wunderbar! Tro!“ rief er nach hinten, „Heero hat Duo gefunden!“

Einen Moment später erschien auch Trowa auf dem Bildschirm. „Hallo Heero,“ grüßte er seinen Freund.

„Trowa,“ nickte Heero.

„Wo ist er? Wann können wir ihn sehen? Wieso holst du ihn nicht ans Vidphone?“ Quatre schien nahezu vor Aufregung zu vibrieren.

Heero verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Das ist keine gute Idee.“

Quatre runzelte die Stirn. „Was meinst du damit? Was ist los?“

Heero seufzte leise. Er hatte nicht vor Quatre von Duos Selbstmordversuch zu erzählen – das würde den Blonden nur zu sehr aufregen. Und außerdem fand Heero, dass es nur Duo etwas anging, und erst wenn Duo es wollte würde er andere darin einweihen. Aber irgendwie musste er es schaffen Quatre die Situation zu erklären.

„Duo...“ Heero seufzte erneut. „Es geht ihm nicht gut, Quatre. Er ist unterernährt und wirkt sehr heruntergekommen – so als hätte er sich selbst aufgegeben.“

Quatres Gesicht zeigte deutlich seine Bestürzung bei Heeros Worten. „Unterernährt? Heero, das ist furchtbar! Ich werde mich in das nächste Shuttle setzen und sofort zu euch kommen. Wo genau seid ihr?“

„Das wirst du nicht, Quatre,“ sagte Heero bestimmt. Er kannte Quatre und hatte mit so etwas in der Art schon gerechnet.

„Warum nicht?“ Quatre funkelte ihn böse an. „Duo ist mein bester Freund! Du glaubst doch wohl nicht dass ich einfach so daneben stehe und nichts tue wenn es ihm so schlecht geht?“

„Das wollte ich damit nicht sagen,“ versuchte Heero den Blonden zu beruhigen. „Aber Quatre, wir hatten eine Abmachung. Wir haben gemeinsam beschlossen dass ich allein nach Duo suchen und versuchen sollten, ihn zur Rückkehr zu überreden.“

„Aber –“ begann Quatre.

„Heero hat Recht,“ unterbrach Trowa ihn. „Du selbst hast gesagt dass Duo offenbar einen Grund haben muss warum er untergetaucht ist statt zu uns zu kommen. Es war dein Vorschlag dass Heero mit ihm allein sprechen soll, damit Duo nicht von uns allen drei gleichzeitig bestürmt wird.“

„Aber da wusste ich noch nicht dass es Duo so schlecht geht!“ protestierte Quatre.

Trowa schüttelte leicht den Kopf. „Ich bin sicher dass Heero sich um Duo kümmern und dafür sorgen wird, dass es ihm wieder besser geht, nicht wahr?“ Er blickte Heero fragend an und Heero nickte sofort bestätigend.

„Siehst du?“ wandte Trowa sich wieder an Quatre. „Wenn wir beide jetzt losstürmen um Duo zu helfen wird er vielleicht nur wieder die Flucht ergreifen. Lass Heero die Sache handhaben.“

Quatre sah zwar ganz und gar nicht glücklich darüber aus, gab jedoch klein bei. „In Ordnung,“ seufzte er. „Aber du hältst uns auf dem Laufenden, Heero, verstanden?“

Wieder nickte Heero, dann gab er Trowa und Quatre die Nummer von Duos Vidphone und beendete das Gespräch. Nachdem er einen weiteren Blick in das Schlafzimmer geworfen hatte – Duo schlief noch immer – verstaute Heero die Tasche mit seiner Kleidung und dem Notebook unter dem Sofa. Er machte sich nicht die Mühe sie auszupacken. Irgendwie hatte er so das Gefühl als wäre das besser so.

Dann wandte er sich der Küchenzeile und den Lebensmitteln zu. Obwohl es Heero eigentlich widerstrebte Duo aus dem offensichtlich so dringend benötigten Schlaf zu holen, so fand er dennoch dass dieser nun lang genug geschlafen hatte. Über dreizehn Stunden sollten ausreichen.

Nach kurzem überlegen beschloss Heero Omeletts zu machen. Kochen war eines der Dinge die Heero gelernt hatte in der kurzen Zeit die er seit dem Krieg umhergezogen war. Er war es einfach leid gewesen von Fertiggerichten zu leben, und er hatte auch nicht jeden Tag in ein Restaurant gehen wollen. Also war kochen lernen die logische Alternative gewesen. Und ohne sich selbst loben zu wollen war Heero doch recht gut darin. Welche Ausrede Duo auch immer benuten würde um nicht zu essen, dass es nicht schmeckte würde jedenfalls nicht ziehen.

Schnell rührte Heero sämtliche Zutaten zusammen, gab etwas Öl in eine Pfanne und begann damit die Omeletts goldgelb zu braten. Schon bald zog ein köstlicher Duft durch die kleine Wohnung und Heero war sich sicher, dass Duo nicht widerstehen würde können. Außerdem lagen Omeletts nicht allzu schwer im Magen, was wichtig war wenn man schon längere Zeit nicht mehr viel gegessen hatte.

Und tatsächlich, nur Minuten später hörte Heero Geräusche aus dem Nebenzimmer, dann öffnete sich die Tür und Duo kam herausgeschlurft. Er wirkte noch völlig verschlafen, die Haare waren total zerzaust und wenn Heero nicht gewusst hätte wie seine Anwesenheit aufgenommen würde hätte er bei diesem Anblick gelächelt.

Allerdings erwiesen sich seine Instinkte in dieser Angelegenheit als richtig, denn als Duo ihn in der kleinen Küchenzeile stehen sah stockte er mitten im Schritt und starrte Heero aus großen Augen an. Für eine Sekunde meinte Heero so etwas wie Überraschung und noch irgendetwas anderes in Duos Augen aufblitzen zu sehen, doch dieser Ausdruck verschwand so schnell dass Heero nicht sicher war ob er sich das nicht nur eingebildet hatte.

„Guten Morgen,“ grüßte Heero so als wäre nichts ungewöhnliches daran dass er mit einem Kochlöffel bewaffnet in Duos Küche stand. Angriff war schließlich die beste Verteidigung, oder?

Duo starrte ihn weiter mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck an, der Heero selbst alle Ehre gemacht hätte. „Was machst du hier?“ fragte er schließlich mit flacher Stimme.

Heero zuckte mit den Schultern. „Frühstück,“ war seine knappe, absolut wahrheitsgemäße wenn auch ausweichende Antwort.

Duo verengte die Augen zu gefährlichen kleinen Schlitzen, sagte aber nichts dazu. Heero beschloss diese Schweigsamkeit auszunutzen, füllte einen leicht angeschlagenen Teller mit dem Omelett und drückte ihn Duo einfach in die Hand.

„Iss,“ sagte er als der Langhaarige ihn nur weiter böse anstarrte.

Nach einigen weiteren Sekunden des Schweigens schien Duo zu dem Entschluss gekommen zu sein dass das Omelett zu gut aussah um es zu verschwenden. Denn er griff nach der Gabel die Heero ihm geduldig hinhielt und begann dann – immer noch schweigend – das Omelett zu essen. Die Tasse Kaffee die Heero ihm hinhielt nahm er genauso stumm entgegen.

Heero aß seine eigene Portion ebenfalls schweigend und beobachtete Duo dabei unauffällig. Duo hatte sich verändert – und nicht nur weil er abgenommen hatte. Nein, es war viel mehr. Duo wirkte – härter. Älter. Verbitterter. Heero schüttelte innerlich den Kopf.

Allein das Schweigen dass im Moment wie Blei in der Luft hing. Alles in allem hatte Duo gerade mal vier Worte gesprochen. Duo, für den Reden früher fast so wichtig wie Atmen gewesen war. Zumindest hatte es den Anschein gemacht so viel wie Duo immer geplappert hatte. Und wo war das Lächeln geblieben? Wo war der Duo der selbst in den schlimmsten Tagen des Krieges noch etwas aufmunterndes und optimistisches zu sagen wusste?

Heero war es natürlich bewusst dass auch Duo während des Krieges nicht immer nur fröhlich und glücklich gewesen war. Es war ihm ziemlich schnell klar gewesen dass diese Fröhlichkeit nur eine Maske war mit der sich Duo schützte, so wie seine eigene Emotionslosigkeit. Aber Duo war es immer so wichtig gewesen mit seinen eigenen Problemen nicht auch noch andere zu belasten – deshalb auch die ewige Fröhlichkeit statt böser Worte. Offenbar schien das nicht mehr zuzutreffen – und Heero fragte sich unwillkürlich warum.

Duo hatte inzwischen seinen Teller geleert und ihn in der Spüle abgestellt. Dann drehte er sich ohne ein Wort zu sagen um, verschwand wieder im Schlafzimmer und warf die Tür mit einem Knall hinter sich zu. Heero schüttelte erneut den Kopf – diesmal auch äußerlich – reagierte aber ansonsten nicht darauf. Er hatte nicht vor Duo zu folgen – jetzt eine Aussprache zu erzwingen wäre sicherlich sinnlos.

Und es bestand auch keine Gefahr dass Duo sich von Heero unbemerkt aus dem Staub machen könnte. Das kleine Bad hatte kein Fenster, und das Schlafzimmerfenster war, den rostigen Nägeln zufolge, schon vor langer Zeit zugenagelt worden – Heero hatte das überprüft bevor er zum Einkaufen gegangen war. Der einzige Weg hinaus wäre also an Heero vorbei.

Nachdem Heero das Geschirr gespült hatte holte er sein Notebook hervor und schloss es ans Internet an. Duo hatte offenbar vor in seinem Zimmer zu schmollen – oder was auch immer er dort drinnen machte. Heero konnte keinen einzigen Laut von dort hören, so sehr er auch die Ohren spitzte. Jedenfalls hatte Heero nicht vor für den Rest des Tages Däumchen zu drehen.

Er hatte noch genügend Programme für die Sicherheitsfirma für die er ab und an arbeitete zu schreiben. Nicht dass er das Geld wirklich benötigte, aber wenn er gar nichts täte würde er sicherlich vor Langeweile sterben. Außerdem wollte er seine Emails überprüfen – seit seiner Suche nach Duo hatte er alles andere einfach sträflich vernachlässigt.

Und dann gab es da noch die Sache mit Duos Selbstmordversuch. Heero wollte zu diesem Thema so viel wie möglich recherchieren. Er musste herausfinden wie genau er am besten mit Duo umgehen sollte. Schließlich wollte er nicht dass sich der Zwischenfall von gestern Abend wiederholte. Aus diesem Grund hatte Heero am Morgen sowohl das Bad als auch das Schlafzimmer gründlich durchsucht bevor er die Wohnung verlassen hatte. Es gab dort nichts mehr womit Duo sich etwas antun konnte – es sei denn er würde sich etwas besonders kreatives wie Ertränken in der Toilettenschüssel einfallen lassen.

Der Rest des Tages verlief sehr ruhig. Heero verbrachte ihn hauptsächlich an seinem Notebook während Duo sich im Schlafzimmer einschloss. Mittags kochte Heero etwas zu essen, und als Duo sich diesmal nicht durch die Essensdüfte hervorlocken ließ stellte Heero einen Teller und ein Glas Orangensaft vor die Schlafzimmertür und klopfte kurz an. Dann ging er zurück zum Sofa und zu seinem Notebook. Zu seiner Befriedigung konnte er jedoch aus den Augenwinkeln sehen wie sich kurz danach die Tür einen Spalt öffnete und Duo den Teller hineinzog.

Das selbe Spiel wiederholte sich am Abend, und obwohl Duo immer noch nicht wieder aus dem Schlafzimmer hervorgekommen war, war Heero doch recht zufrieden mit sich. Immerhin hatte er den Langhaarigen dazu bekommen drei volle Mahlzeiten zu sich zu nehmen.

Als es dunkel wurde beschloss Heero schlafen zu gehen. Er war sich sicher dass er jede Minute Schlaf die er kriegen konnte noch benötigen würde – wenn er Duo tatsächlich so gut kannte wie er dachte. Er fuhr das Notebook hinab und verstaute es sorgfältig wieder in der Tasche. Dann streckte er sich auf der Couch aus ohne sich vorher auszuziehen. Und in der nächsten Sekunde war er auch schon eingeschlafen.

Heero wurde von einem leisen Kratzen geweckt. Reglos blieb er auf dem Sofa liegen um sich zu orientieren. Ein schneller Blick auf seine Uhr mit fluoreszierenden Zeigern zeigte ihm dass es kurz nach drei Uhr Nachts war. Ein weiterer schneller Blick durch den Raum ließ Heero kurz lächeln. Mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung stand er auf und ging auf den Lichtschalter zu der sich an der Wand direkt neben der Eingangstür befand.

Nachdem sich Heeros Augen an das Licht der einzelnen Glühbirne gewöhnt hatte richtete er seinen Blick auf Duo, der erstarrt mitten im Raum stand und überrascht in das Licht blinzelte. In der Hand hielt er eine Tasche in der sich wahrscheinlich seine Habseligkeiten befanden.

„Wohin gehst du?“ fragte Heero.

Duo richtete seinen Blick auf Heero. „Weg,“ sagte er kurzangebunden.

Heero nickte kurz, dann ging er an Duo vorbei zum Sofa, bückte sich und holte seine Tasche hervor. Er schulterte sie und sagte dann, „In Ordnung, wir können gehen.“

„Wir?“ fragte Duo und verengte seine Augen wieder zu diesen kleinen gefährlichen Schlitzen. „Du kommst nicht mit, Yuy. Ich gehe allein.“

Heero zog eine Augenbraue hoch. „Versuch doch mich aufzuhalten.“

„Falls du dich nicht erinnerst, ich hab dich nicht selten beim Nahkampftraining geschlagen,“ erwiderte Duo kühl. „Wenn du nicht freiwillig hier bleibst mach ich es wieder.“

Heero zuckte mit den Schultern, auch wenn es durchaus den Tatsachen entsprach. Obwohl Heero selbst körperlich sehr viel stärker war als Duo, so hatte dieser ihn nicht selten mit einigen wirklich brillanten Tricks besiegen können die er wohl während seiner Zeit auf der Straße gelernt hatte. „Das war früher. Da warst du in einem hervorragenden körperlichen Zustand. Ich glaube kaum dass du jetzt eine Chance gegen mich hättest. Ich komme also mit, ob es dir gefällt oder nicht.“

Duo biss bei diesen Worten so fest die Zähne aufeinander dass Heero meinte sie knirschen zu hören. Dann ließ er seinen Blick abwechselnd zwischen Heero und der Tür hin und her wandern, so als überlegte er ob er es wohl schaffen könnte Heero abzuhängen. Heero zog wieder nur skeptisch die Augenbraue hoch.

Schließlich schien Duo einzusehen dass er keine Chance hatte. Er ließ die Schultern hängen, drehte sich um und stapfte zurück ins Schlafzimmer. Und wie bei seinem letzten Abgang knallte er auch diesmal die Tür ins Schloss.

Heero blieb noch einen Augenblick stehen und lauschte, aber als er aus dem Schlafzimmer keine Geräusche hörte die darauf hindeuteten dass Duo versuchte das Fenster aufzubrechen, löschte er schließlich das Licht und streckte sich wieder auf der Couch aus. Ein winziges Lächeln spielte um seine Lippen. Er war wirklich gespannt was Duo als nächstes versuchen würde. Es stand fest, völlig egal wie viele Probleme die nächsten Tage auch bringen würden, eines würden sie jedenfalls nicht sein: langweilig.



Kapitel 4

Der Morgen kam viel zu schnell für Heeros Geschmack. Aber das war nicht wirklich verwunderlich, schließlich hatte er in den letzten Nächten nur sehr wenig Schlaf bekommen. Ganz anders als Duo der ja die vorherige Nacht bis weit in den Morgen durchgeschlafen hatte. Was wahrscheinlich auch der Grund dafür war warum Heero bereits um sieben Uhr von Geräuschen aus dem Schlafzimmer geweckt wurde.

Gähnend kämpfte er sich von der Couch und schlurfte hinüber zu der kleinen Küchenzeile um Kaffee zu kochen. Er hatte keine Ahnung was Duo jetzt wieder vorhatte, aber offenbar hatte er im Moment nicht die Absicht sich heimlich hinaus zu schleichen – dazu machte er viel zu viel Lärm.

Als sich die Tür zum Schlafzimmer öffnete und Duo herauskam hatte Heero den Kaffee bereits fertig. Duo griff wortlos nach der Tasse die Heero ihm hinhielt und setzte sich auf den einzigen Stuhl in der Küchenecke um den Kaffee zu trinken. Da Heero keine Zeit gehabt hatte ein großes Frühstück vorzubereiten schüttete er einfach Müsli in eine Schale, gab Milch darüber und schob es zu Duo hinüber.

Genau wie am Vortag protestierte Duo nicht sondern fing einfach an zu essen. Heero beobachtete ihn einen Moment, und da es nicht so aussah als würde Duo im nächsten Moment aufspringen und zur Tür hinaus stürmen entschied er, dass er es wohl wagen konnte das kleine Bad aufzusuchen um sich ein wenig frisch zu machen. Außerdem hatte er es inzwischen auch wirklich dringend nötig.

So schnell es ging erledigte Heero im Bad was er zu erledigen hatte, hielt dabei jedoch ständig ein Ohr in Richtung Küche offen. Auch wenn er nicht wirklich glaubte dass Duo einfach so verschwinden würde, so konnte er es dennoch nicht hundertprozentig ausschließen. Duo konnte unberechenbar sein wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlte.

Glücklicherweise benötigte Heero nicht lange – rasieren konnte er sich die meiste Zeit sparen da sein Bartwuchs nicht wirklich nennenswert war – und so war er nur Minuten später zurück in der Küche. Duo war tatsächlich noch dort wo er ihn zurückgelassen hatte und kaute noch immer an seinem Müsli. Heero unterdrückte einen erleichterten Seufzer. So albern es auch klang, irgendwie hatte er befürchtet dass Duo es doch geschafft hatte sich davonzustehlen.

Schließlich schien Duo mit Essen fertig zu sein, denn er stand auf, verschwand kurz im Schlafzimmer und kam dann mit einer Jacke wieder hervor. Ohne Heero zu beachten ging er auf die Wohnungstür zu. Alarmiert machte Heero einen Schritt auf ihn zu.

„Wo willst du hin?“ fragte er.

Duo blieb stehen und starrte Heero über seine Schulter böse an. „Arbeiten,“ antwortete er kurz angebunden, dann drehte er sich wieder um und ging weiter.

Heero lief zum Sofa, schnappte sich schnell seine eigene Jacke und folgte Duo hinaus auf den Flur. Auf der Treppe holte er ihn ein und stieg neben ihm die Stufen hinab.

Duo warf ihm einen Blick aus den Augenwinkeln zu, dann fragte er, „Was soll das werden?“

„Ich komm mit,“ antwortete Heero.

Duo drehte kurz den Kopf, um Heero direkt anzustarren, dann blickte er wieder geradeaus. „Fein,“ schnaubte er schnippisch.

Schweigend – wie eigentlich alles was zur Zeit mit Duo zu tun hatte wenn er diesen nicht direkt ansprach – lief Heero neben Duo die Straße entlang. Aus der Aussage des Nachbarn hatte er geschlossen dass Duo keinen Job hatte. Möglicherweise war dies hier also nur ein Trick um Heero irgendwie loszuwerden. Andererseits hatte der Nachbar sich auch im Bezug auf die Drogen geirrt, da wäre es nicht allzu abwegig wenn er sich auch hier irren würde. Und auch wenn Heero das Gefühl hatte diesen neuen, veränderten Duo überhaupt nicht zu kennen, so konnte er dennoch nicht glauben dass Duo sein bedeutendstes Lebensmotto niemals zu lügen aufgegeben hatte.

Dennoch würde er Duo nicht eine Sekunde aus den Augen lassen, bis er sich absolut sicher wäre dass dieser nicht länger vor ihm fliehen wollte. Wenn nötig würde Heero ihm auf Schritt und Tritt folgen.

Nach ungefähr fünfzehn Minuten zügigen Laufens schien Duo endlich an seinem Ziel angekommen zu sein. Ohne stehen zu bleiben oder sonst irgendwie zu zögern ging Duo direkt auf die Seitentür eines Lagerhauses zu und betrat es. Heero folgte ihm.

Im Inneren ging Duo direkt auf eine kleine Tür an der Seite zu, die in einen engen Umkleideraum führte, in dem ein paar Spinde standen. Duo öffnete einen der Spinde, hängte seine Jacke hinein und holte ein paar Arbeitshandschuhe hervor. Dann ging er wieder zurück in die große Halle, in der auch schon andere Männer fleißig am Arbeiten waren.

„Hayes!“ bellte eine Stimme kaum dass Duo mit Heero auf den Fersen die Lagerhalle betreten hatte. Als Heero sich umblickte entdeckte er einen großen, kräftigen Mann in einem rot karierten Holzfällerhemd und einem Zigarrenstummel im Mundwinkel, der direkt auf sie beide zusteuerte.

„Wo warst du gestern?“ fuhr der Mann Duo an nachdem er sich vor ihm aufgebaut hatte.

„Krank,“ antwortete Duo monoton.

Der Mann beäugte ihn einen Moment, dann knurrte er, „Ruf nächstes Mal gefälligst an wenn du wieder krank bist!“

Duo zuckte mit den Schultern und schob sich an dem Mann vorbei. Heero setzte sich ebenfalls in Bewegung um Duo zu folgen, wurde jedoch von dem Mann aufgehalten.

„Wer bist du denn?“ fragte er Heero, dann rief er über seine Schulter in Duos Richtung, „’N Freund von dir?“

„Nein,“ gab Duo kalt zurück ohne sich umzusehen. Dann machte er sich daran mit zwei anderen Männern etliche Kisten von einem LKW abzuladen.

Heero starrte mit brennenden Augen in Duos Richtung. Er hatte all seine Selbstbeherrschung aufbieten müssen um nicht zusammenzuzucken bei Duos kalten Worten. Er hatte es ja schon immer befürchtet, aber es jetzt so gefühllos aus Duos Mund zu hören...

„Hm,“ machte der Mann und sah Heero prüfend an. „Suchst nen Job?“

Heero riss seinen Blick von Duo los und sah den Mann an. „Hn,“ machte er nichtssagend.

„Siehst kräftig aus,“ sagte der Mann. „Wenn du willst kannste hier anfangen.“

Heero überlegte einen Moment, dann nickte er. Wenn er Duo im Auge behalten wollte wäre es sicherlich von Vorteil den selben Job zu haben. So könnte er wirklich jede Minute an dem Langhaarigen dran bleiben.

„Sehr gut,“ der Mann wirkte zufrieden. „Mein Name ist Barnes. Wir geh’n nur schnell die Papiere ausfüllen, dann kannste gleich loslegen.“

Heero warf noch einen schnellen prüfenden Blick auf Duo, dann folgte er Barnes. Es gefiel ihm zwar nicht den Langhaarigen allein zu lassen, aber es ließ sich im Moment wohl nicht vermeiden. Wenn er Glück hatte würde Duo gar nicht bemerken dass er fort war und deswegen auch keinen erneuten Fluchtversuch starten.

Nachdem er für Barnes die Papiere ausgefüllt hatte erhielt er ein paar Arbeitshandschuhe und wurde hinaus zu den anderen Arbeitern geschickt. Mit einem Auge immer auf Duo machte Heero sich an die Arbeit. LKWs entladen war zwar eine anstrengende, aber nicht gerade geistig herausfordernde Arbeit, und so fingen seine Gedanken schon bald an zu wandern.

Heero erinnerte sich noch gut an das erste Mal als er Duo getroffen hatte. Das war ja auch schwer zu vergessen, schließlich hatte Duo zweimal auf ihn geschossen. Aber Heero bezweifelte dass er die Begegnung vergessen hätte selbst wenn Duo ihn nicht angeschossen hätte. Vom ersten Moment an hatte der Langhaarige ihn fasziniert.

Natürlich war Heero dass damals nicht so klar gewesen wie heute. Damals hatte er nur gewusst, dass sich seine Gedanken ungewöhnlich häufig mit dem Piloten von Deathscythe beschäftigten. Nach ihrer turbulenten ersten Begegnung hatten ihr beiden Mentoren J und G scheinbar beschlossen, dass ihre Talente am besten genutzt würden, wenn sie ihre Aufträge gemeinsam erfüllten.

Und so hatten sich Heero und Duo nicht selten auf der selben Mission wiedergefunden. Sie hatten sich gemeinsam auf irgendwelchen Schulen versteckt, hatten oft das Zimmer geteilt, und hatten ob sie es wollten oder nicht mehr über den anderen erfahren als ihnen lieb war.

Zumindest war es Heero so gegangen. Anfangs hatte er noch versucht Abstand zu dem scheinbar ewig fröhlichen Duo zu halten, aber Duo schien damals das genaue Gegenteil im Sinn zu haben. Ständig hatte er versucht Heero aus dem Zimmer zu locken, hatte ihn in irgendwelche Freizeitaktivitäten mit einbezogen, oder ihm die Ohren voll gequasselt wenn sie beide allein in ihrem Internatszimmer waren.

Und Heero hatte gemerkt, dass er anfing die Gesellschaft des anderen zu genießen. Er suchte nicht mehr nach Ausreden wenn Duo ihn zu einem Basketballspiel einlud sondern kam einfach widerspruchslos mit. Er versteifte sich nicht mehr oder versuchte den anderen abzuschütteln wenn Duo ihm freundschaftlich einen Arm um die Schulter legte. Und er vermisste das stetige Geräusch von Duos Stimme wenn der andere mal nicht da war.

In der Sekunde als Heero das klar geworden war, hatte er gewusst dass er etwas unternehmen musste. Es war wie ein kleiner Schock gewesen, die Erkenntnis dass Duo Maxwell irgendwie seine Abwehr überwunden und sich in sein wohlgeordnetes Leben geschlichen hatte. Heero hatte eins erkannt: Duo Maxwell war eine Ablenkung. Und Ablenkungen konnte er nicht gebrauchen, nicht während des Krieges. Denn da waren Ablenkungen nur eines: tödlich.

Und so hatte er das einzig richtige in seinen Augen getan: er hatte J kontaktiert und gefordert dass dieser ihn von nun an nur noch auf Solomissionen schicken sollte. Keine gemeinsamen Aufträge mehr mit Pilot 02. Doch J’s Antwort auf diese Anfrage war nicht das was Heero erwartet hatte. Nur wenige Stunden nach dem ersten Schock an jenem Tag bekam er bereits den zweiten.

Denn in J’s kurzer Antwort stand nur zu lesen, dass Pilot 02 bereits die selbe Bitte geäußert hatte und sowohl J als auch G beschlossen hatten, dieser Bitte nachzugeben. Heero hatte sicherlich zehn Minuten erstarrt vor seinem Notebook gesessen und blind auf den Bildschirm gestarrt.

Seine Gedanken hingegen waren in diesen Minuten wild in Heeros Kopf umhergerast. Duo wollte keine Missionen mehr mit ihm gemeinsam erledigen? Aber warum? Heero konnte es nicht verstehen. Völlig egal dass er selbst noch Augenblicke zuvor genau das selbe gewollt hatte, jetzt zu erfahren dass Duo nicht mehr länger mit ihm zusammen arbeiten wollte hatte wehgetan. Ungefähr genauso weh wie Duos Aussage von vorhin dass sie beide keine Freunde wären.

Vor allem ergab das überhaupt keinen Sinn. Heero hatte damals zwar nicht allzu viel Erfahrung mit menschlicher Interaktion gehabt, aber er war sich sicher, dass er sich in seiner Interpretation von Duos Handlungen nicht geirrt hatte. Duo hatte eindeutig seine Freundschaft gesucht, da war sich Heero sicher. Also warum nun diese 180 Grad Drehung? Egal wie lange Heero auch darüber nachgrübelte, es war und blieb ihm ein Rätsel.

Ein Rätsel das Heero beschlossen hatte zu entschlüsseln. Und so hatte er sich daran gemacht, so viel wie möglich über den Piloten von Deathscythe herauszufinden wie er nur konnte. Vor allem während der Rekonvaleszenz nach seiner Selbstzerstörung, als er sich mit Trowa im Zirkus versteckt hatte und er nicht viel anderes zu tun hatte als die Decke des Trailers anzustarren. Nachdem Trowa ihm sein Notebook geliehen hatte, hatte Heero sich sofort an seine selbst gewählte Aufgabe gemacht.

Doch obwohl Heero sich wirklich intensiv in seine Suche vertieft hatte, viel hatte er nicht herausgefunden. Selbst nachdem er sich in G’s Datenbanken eingehackt hatte, waren noch mehr Fragen offen geblieben als dadurch beantwortet wurden. Offenbar wusste selbst Duos Mentor nicht mehr über ihn als Heero selbst. Alles was Heero herausgefunden hatte war dass Duo sich als blinder Passagier auf ein Schiff der Sweeper geschlichen hatte und erst Wochen später bemerkt worden war. Und auch das eher aus reinem Zufall und weniger weil er nachlässig geworden war.

Dieses Talent bei einem noch so jungen Menschen hatte G offenbar derart beeindruckt, dass er Duo angeboten hatte ihn auszubilden. Und Duo hatte das Angebot angenommen. Über seine Zeit vor dem Sweepern hatte Duo sich ausgeschwiegen. Alles was G noch herausgefunden hatte, war dass Duo offenbar einen großen Teil seiner Kindheit auf den Straßen von L2 verbracht hatte. Das war alles.

Da Heero auf diesem Wege offensichtlich nicht weiterkommen konnte, hatte er schließlich beschlossen sich an die Quelle selbst zu wenden. Jedes Mal wenn er danach irgendwie mit Duo zusammentraf hatte er versucht, die Freundschaft die sie beide am Anfang des Krieges verbunden hatte wieder aufzubauen. Doch obwohl Duo sich stets freundlich gegeben hatte und Heero nie irgendwie zurückgestoßen hatte, hatte Heero ständig einen gewissen Abstand zwischen ihnen beiden gespürt. Von Duo war eine gewisse Kühle ausgegangen, so als wollte er nicht mehr mit Heero zu tun haben als unbedingt notwendig. Heero war für ihn ein Kamerad, ein Alliierter im Krieg, aber mehr auch nicht. Definitiv kein Freund.

Heero seufzte tief und warf einen weiteren Blick in Duos Richtung während er weiter eine Kiste nach der anderen durch das Lagerhaus trug. Obwohl er doch inzwischen wirklich genügend Zeit gehabt hatte um sich an den Gedanken zu gewöhnen, tat es doch immer noch so weh wie damals. Duo war der erste der jemals Heeros Barrieren durchbrochen hatte, der erste der jemals mit Heero befreundet hatte sein wollen – und dann, als Heero bereit gewesen war diese Freundschaft auch zuzulassen, hatte Duo sich von ihm abgewandt als wäre Heero nicht gut genug für ihn.

Mit mehr Wucht als nötig schubste Heero die Kiste die er gerade transportiert hatte auf ihren Platz. Mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten blieb er vor der Kiste stehen und beäugte sie böse. Bevor er sich stoppen konnte holte er mit einem Fuß aus und gab ihr einen wütenden Tritt.

„Hey Yuy!“

„Was?“ fauchte Heero und drehte sich um, um denjenigen der es gewagt hatte ihn anzusprechen mit seinem besten Deathglare zu verbrennen.

„Du hast jetzt Pause,“ antwortete Barnes, der anscheinend völlig unbeeindruckt von Heeros Blick war.

Heero runzelte die Stirn, dann schüttelte er sich leicht. Ein schneller Blick auf die Uhr bestätigte ihm, dass es tatsächlich schon Mittag war. Er hatte ganze vier Stunden gearbeitet, ohne es zu bemerken. Ein weiterer Blick durch die Halle zeigte ihm, dass die anderen Arbeiter entweder schon gegangen waren oder gerade dabei waren zu gehen.

Das hieß, alle außer einem. Denn wie Heero sehen konnte schien Duo nicht die geringsten Anstallten zu machen seine Arbeit zu unterbrechen. Heero runzelte die Stirn als er sah wie Duo versuchte eine Kiste die für ihn allein viel zu schwer war herumzuschieben.

„Was ist mit ihm?“ fragte er Barnes und deutete mit dem Kopf auf Duo.

Barnes folgte Heeros Blick. „Hayes? Der macht nie Pause. Hab schon oft versucht ihn wegzuschicken, is aber zwecklos. Der is’n Arbeitstier.“

Heeros Stirnrunzeln vertiefte sich noch. Wenn Duo tatsächlich täglich so hart arbeitete wie heute, aber auf seine Mittagspause verzichtete und dann auch noch Abends kaum etwas aß – worauf seine mager eingerichtete Küche hindeutete – dann war es kein Wunder dass er so unterernährt war. Aber schließlich hatte Heero beschlossen es zu ändern, und genau das würde er jetzt tun.

Mit entschlossenen Schritten ging er zu Duo hinüber und packte den Langhaarigen am Oberarm. Duo drehte sich um, und als er Heero sah verschloss sich sein Gesichtsausdruck sofort. Hastig entwand er dem ehemaligen Wing Piloten den Arm und trat einen Schritt zurück.

„Was willst du?“ fauchte er Heero an.

„Du hast jetzt Mittagspause,“ erklärte Heero ruhig.

„Ich mach keine Pause,“ antwortete Duo und wandte sich ab um sich erneut mit seiner Kiste abzumühen.

„Doch, ab jetzt schon,“ erwiderte Heero, packte Duo erneut am Arm und zerrte ihn einfach hinter sich her zu dem kleinen Raum mit den Spinden.

„Was glaubst du eigentlich was du hier tust?“ zischte Duo erbost während er versuchte seinen Arm aus Heeros Griff zu winden. Doch Heero verstärkte seinen Halt um Duos Handgelenk einfach und zerrte ihn weiter hinter sich her.

„Dafür sorgen dass du was zu essen bekommst,“ antwortete Heero kühl. „Und wenn du nicht gerade scharf darauf bist hier eine Riesenszene zu veranstalten dann kommst du besser einfach mit mir mit,“ fügte er mit einem kurzen Blick über seine Schulter hinzu. „Denn glaub mir, im Moment hast du nicht geringste Chance mir zu entkommen.“

Duo starrte ihn einen Moment böse an, dann stoppte er seine Versuche sich Heero zu entwinden und ließ sich widerstandslos in den Umkleideraum führen, wo Heero ihn dann in seine Jacke steckte und anschließend wieder am Handgelenk packte und mit ihm auf die Straße trat.