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Maxwells Fluch Teil 5 - 7

Kapitel 5 

Heero blieb einen Moment stehen und sah rechts und links die Straße hinauf. Er kannte sich hier in der Gegend nicht aus und hatte keine Ahnung in welcher Richtung er etwas zu Essen finden würde. Aber dann entschied er, dass es egal war; früher oder später würde er schon auf einen Imbiss oder ähnliches stoßen.

Kurz entschlossen wandte er sich nach links und marschierte am Lagerhaus entlang die Straße hinab. Seine Hand war noch immer um Duos Handgelenk geschlossen, und so zog er den Langhaarigen einfach hinter sich her. Jetzt wo sie beide außerhalb der Sicht- und Hörweite der anderen Arbeiter waren hatte Duo wieder angefangen sich zu sträuben, und Heero würde nicht das Risiko eingehen dass der ehemalige Deathscythe Pilot ihm entwischte nur weil er ihn für einen Moment losgelassen hatte.

„Verdammt noch mal, Yuy, lass mich los!“ fauchte Duo während er mit seiner freien Hand versuchte Heeros Finger von seinem Handgelenk zu lösen. „Ich kann alleine gehen!“

Heero schnaubte nur. Er war sich ziemlich sicher, dass Duo in dem Moment in dem er ihn losließe die Beine in die Hand nehmen und fliehen würde. Und Heero hatte nicht die geringste Lust hinter dem Langhaarigen die Straße hinabzuhetzen nur um ihn wieder einzufangen. Zumal das doch sehr seltsam aussehen würde.

Und selbst wenn Duo nicht sofort wegrennen würde, Heero hätte ihn trotzdem nicht losgelassen. Dazu genoss er das Gefühl den anderen zu berühren viel zu sehr. Wenn er es wagen könnte seine eigene Hand nur ein kleines Stücken weiter hinabgleiten zu lassen, dann würde er statt dem Handgelenk Duos Hand umfassen können. Doch dann würde Duo unter Garantie flüchten, selbst wenn er dazu wie ein gefangenes Tier sein eigenes Handgelenk durchnagen müsste. Heero musste all seine Beherrschung aufbieten um den Griff um Duos Handgelenk nicht in etwas anderes ausarten zu lassen.

Glücklicherweise – oder auch nicht, je nachdem aus welcher Sicht man es betrachtete – hatte Heero offensichtlich die richtige Richtung eingeschlagen, denn nur Minuten später entdeckte er ein kleines Diner. Nach einer Sekunde des Zögerns entschied Heero, dass es so gut wie jede andere Möglichkeit wäre. Fastfood war zwar nicht unbedingt das gesündeste Essen weit und breit, aber es würde definitiv dabei helfen dass Duo schnell wieder etwas Fleisch auf die Knochen bekam.

Nachdem Heero das Diner mit Duo im Schlepptau betreten hatte, wählte er einen Tisch hinten in der Ecke. Nicht nur dass sie beide dort relativ ungestört wären, es war auch eine alte Angewohnheit aus dem Krieg immer mit dem Rücken zur Wand zu sitzen. So konnte man seine Umgebung gut im Auge behalten ohne befürchten zu müssen, dass sich jemand von hinten anschlich.

Obwohl Heero normalerweise den Platz direkt an der Wand gewählt hatte, um die Tür in seinem Blick zu haben, schob er Duo auf diesen Platz und setzte sich ihm gegenüber. Zwar behagte es ihm nicht wirklich mit dem Rücken zum Restaurant zu sitzen, aber mit Duos Neigung zu fliehen wollte er lieber zwischen diesem und dem Fluchtweg sitzen.

Duo schien sich inzwischen dazu entschlossen zu haben zu schmollen statt zu fliehen. Zumindest sah es ganz danach aus. Statt nach der Speisekarte auf dem Tisch zu greifen saß er mit abgewandtem Kopf da und starrte stumm zur Seite. Heero seufzte und griff selbst nach der Speisekarte.

Wie erwartet gab es hier das typische Essen das man in einem Diner erwarten konnte. Heero entschied sich sowohl für Duo als auch für ihn selbst einen großen Burger mit einer Portion Pommes zu bestellen. Es war zwar nicht sein liebstes Gericht, aber er konnte sich erinnern dass Duo immer für diese Art Essen geschwärmt hatte.

Nachdem die Bedienung das Essen gebracht hatte griff Heero zu und biss in seinen Burger. Entgegen seiner Befürchtung schmeckte es tatsächlich gut, und da er auch ziemlich hungrig war griff er herzhaft zu. Er war so sehr in sein Essen vertieft dass er erst einige Minuten später bemerkte, dass Duo seinen Teller noch gar nicht angerührt hatte.

Mit einem weiteren Seufzer legte Heero den Burger auf den Teller zurück. „Willst du nichts essen?“ fragte er.

Duo schüttelte den Kopf.

„Warum nicht?“ fragte Heero

Duo zuckte mit den Schultern und blickte gelangweilt auf den Tisch. „Vielleicht hab ich keinen Hunger.“

„Das glaub ich nicht,“ erwiderte Heero scharf. „Du hast den ganzen Morgen hart gearbeitet. Du musst etwas essen. Und du wirst es auch, selbst wenn ich dich dazu zwingen muss.“

Duo starrte ihn eine Zeitlang teils überrascht, teils wütend an, aber als Heero den Teller näher an ihn ranschob griff er langsam danach. Zögernd fing er an zu essen, so als wäre er nicht sicher ob er hungrig wäre oder nicht. Doch nach ein paar Bissen schien er sich entschieden zu haben, denn mit einem Mal fing er fast hastig an den Burger zu verschlingen.

Heero sah ihm eine Weile dabei zu, dann widmete er sich wieder seinem eigenen Teller. Obwohl Heero früher angefangen hatte als Duo war dieser doch eher fertig mit dem Essen. Was wahrscheinlich daran lag dass Duo seinen Burger so schnell runterschluckte dass er es beinahe einzuatmen schien. Als Heero endlich den letzten Bissen runterschluckte und aufblickte, bemerkte er dass Duo ihn mit einem unlesbaren Ausdruck in den Augen ansah.

„Was ist?“ fragte Heero überrascht.

„Warum bist du hier?“ Zum ersten Mal seit Heero Duo aufgespürt hatte klang dessen Stimme nicht wütend oder herausfordernd, sondern nur ruhig und leicht neugierig.

Heero zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns Sorgen um dich gemacht,“ war seine einfache Antwort.

„Ihr habt euch Sorgen gemacht?“

„Was dachtest du denn?“ Heero schenkte ihm einen leicht ungläubigen Blick. „Du verschwindest nach Howards Tod einfach so ohne jemandem etwas zu sagen oder dich sonst irgendwie zu melden. Du tauchst unter ohne eine Spur zu hinterlassen. Wundert es dich wirklich dass Quatre mich gebeten hat nach dir zu suchen?“

„Quatre. Ich verstehe.“ Duo senkte den Blick und starrte auf die Tischplatte hinab.

Heero runzelte die Stirn und warf ihm einen verwirrten Blick zu, dann fuhr er fort, „Du hast sogar die Sweeper belogen als du ihnen erzählt hast du würdest zu Quatre gehen. Das passt überhaupt nicht zu dir.“

Duo hob den Blick und sah Heero überrascht an. „Ich hab nicht gelogen,“ antwortete er schließlich. „Ich hatte wirklich vor zu Quatre zu gehen. Aber dann...“ Duo zögerte einen kurzen Moment. „... hab ich’s mir anders überlegt.“

Heero legte den Kopf schief. „Du hast es dir anders überlegt? Einfach so?“

Duo starrte ihn stumm an, den unlesbaren Ausdruck wieder in den Augen, doch er antwortete nicht. Heero seufzte lautlos. Das hier war die erste Unterhaltung mit Duo, die diesen Namen auch verdiente. Er hatte wirklich gehofft dass Duo sich ihm endlich etwas öffnen und er ein paar Antworten bekommen würde. Doch offenbar hatte er sich zu früh gefreut.

„Kann ich dich etwas fragen?“ sagte Heero schließlich.

Duo warf ihm einen ironischen Blick zu. „Kann ich dich denn daran hindern?“

„Warum –“ Heero zögerte kurz; eigentlich war es hier sicherlich nicht der richtige Platz Duo darauf anzusprechen, aber wer wusste schon ob und wann der Langhaarige jemals wieder mit ihm reden würde. „Warum wolltest du dich umbringen?“ setzte Heero deshalb leise hinzu.

„Ich wollte was?“ Duo starrte ihn aus großen Augen völlig verblüfft an.

„Dich umbringen.“

„Wie zur Hölle kommst du auf diese absurde Idee?“ Duos Gesicht zeigte noch immer nichts anderes als Verblüffung.

Heero runzelte die Stirn. „Versuch mich nicht für dumm zu verkaufen, Duo,“ erwiderte er barsch. Er könnte es verstehen wenn Duo nicht hier darüber reden wollte, aber so zu tun als wüsste er nicht wovon Heero redete... „Ich hab dich schließlich gefunden, schon vergessen? In deinem Bad. Du hattest die leere Schlaftablettendose noch in der Hand.“

Duo starrte ihn einige Moment lang mit offenem Mund an, dann schloss er ihn mit einem hörbaren Geräusch, schloss kurz die Augen und schüttelte leicht den Kopf. „Ich hab nicht versucht mich umzubringen,“ sagte er schließlich.

Heero legte den Kopf leicht schief. „Und was war das dann?“ fragte er noch immer nicht überzeugt.

Duo sandte ihm einen bösen Blick zu. „Es geht dich zwar nichts an, aber wenn du es wissen willst, ich war müde und hab seit Tagen schon nicht mehr richtig geschlafen, also hab ich ein oder zwei Tabletten genommen.“

„Das Döschen war leer,“ erinnerte Heero den Langhaarigen.

„Verdammt noch mal, Yuy!“ Duo hatte sich so weit vorgelehnt dass er beinahe mit seinem gesamten Oberkörper auf dem Tisch lag. „In der verfluchten Dose waren vielleicht noch zwei oder drei von den Dingern drin! Wenn ich mich wirklich hätte umbringen wollen, dann hätte ich das schon längst getan, und zwar lange bevor ihr mich aufgespürt hättet!“

Heero lehnte sich leicht zurück und musterte Duo forschend. Duo wirkte ehrlich überrascht und zornig. Er konnte nirgends auch nur die geringste Spur von Schuldbewusstsein oder Lüge entdecken. Er hatte mit einer Vehemenz gesprochen, die Heero mehr als die Worte selbst überzeugten. Es mochte ja vielleicht naiv sein, aber Heero glaubte ihm.

„In Ordnung,“ sagte er deshalb und nickte. „Ich bin froh,“ setzte er noch hinzu und lächelte schwach.

Duo starrte ihn an und antwortete nichts darauf.

Heero erwiderte den Blick. Er wusste nicht wie er weitermachen sollte. Das Duo nicht selbstmordgefährdet war erleichterte ihn sehr, aber dennoch gab es noch so viele andere Dinge die Heero wissen musste. Nur – würde Duo ihm antworten? Nachdem er – schon wieder – so wütend auf Heero war? Heero kaute nervös auf seiner Unterlippe.

Irgendwann gab Heero sich schließlich einen Ruck und wandte sich erneut an Duo. „Warum lässt du dich so gehen? Du bist völlig abgemagert, haust in einer billigen Absteige und hast einen schlecht bezahlten Job.“

Als Duo nicht gleich antwortete fuhr Heero fort, „Du hast das doch gar nicht nötig. Du hast Geld genug um dein Leben lang gut zu leben. Was ist der Grund?“

Duo zuckte kurz mit den Achseln. „Ich sitz nicht gern herum und dreh Däumchen.“

Heero schüttelte den Kopf. Das machte immer noch keinen Sinn. Duo war zu so viel mehr fähig als Kisten in einem Lager herumzuschieben. Er konnte alles reparieren was einen Motor hatte, war ein Ass am Computer, kannte sich mit Kampftechniken aus, hatte einen überragend hohen IQ – kurz, Heero war der Meinung, was auch immer Duo tun wollte, er wäre dazu in der Lage es auch zu tun. Er verstand es absolut nicht – das einzige was vielleicht Sinn ergeben würde wäre –

„Ist es wegen Howards und Hildes Tod?“ fragte Heero leise.

So unglaublich es klang, aber Duos Gesichtsausdruck verschloss sich noch mehr als zuvor. „Ich will nicht darüber reden.“

„Aber –“

„Ich sagte ich will nicht darüber reden!“ Duo hatte sich in seinem Sitz aufgerichtet und funkelte Heero drohend an.

„In Ordnung,“ gab Heero nach. Offenbar hatte er einen wunden Punkt getroffen. Quatre hatte damals nachdem Trowa ihn kontaktiert hatte so etwas in der Art angedeutet, dass Duo Hildes Tod noch nicht verarbeitet hatte, und wie es aussah hatte Duo in dieser Hinsicht keine Fortschritte gemacht.

Heero unterdrückte ein Seufzen. Er hatte immer schon vermutet – und befürchtet – dass Duo und Hilde mehr wären als nur Freunde. Duos Reaktion auf ihren Tod schien seinen Verdacht nur zu bestätigen. Es tat weh Duos Schmerz zu sehen – denn auch wenn er sich weigerte darüber zu reden, so konnte Heero dennoch erkennen wie sehr Howards und Hildes Tod den Langhaarigen mitgenommen hatte.

Aber konnte das allein wirklich die Erklärung für all dies sein? War Duo wirklich nur geflohen und hatte sich vor seinen Freunden versteckt, weil er mit seiner Trauer nicht zurechtkam? Heero war zwar kein Psychologe, aber irgendwie machte auch das nicht wirklich Sinn. Wäre es nicht natürlicher sich seinen Freunden zuzuwenden statt vor ihnen wegzurennen? Vor allem Duo, dem der Kontakt zu den Menschen die ihm etwas bedeuteten immer wichtig gewesen war.

Heero versuchte das Gespräch wieder in Gang zu bringen, doch anscheinend hatte er Duo mit seiner letzten Frage zu sehr in die Defensive gedrängt, denn der Langhaarige ignorierte Heero jetzt wieder als wäre dieser gar nicht anwesend.

Schließlich gab Heero es auf und folgte Duo ebenso schweigend zurück ins Lagerhaus. Und obwohl er es schaffte Duo die ganze Zeit über im Auge zu behalten, arbeitete er den Rest des Tages genauso hart wie am Vormittag. Und genau wie am Vormittag er geistig nicht bei der Arbeit.

Immer wieder musste er an das Gespräch mit Duo denken. Seine Gedanken kreisten wieder und wieder um die eine große Frage: was hatte Duos Verhalten nur zu bedeuten? Doch wie schon zuvor kam Heero auch diesmal zu keinem Ergebnis.

Der Feierabend kam schneller als er gedacht hatte, und nachdem Heero Duo wieder fast mit Gewalt von der Arbeit wegzerren hatte müssen lief er schweigend und müde neben dem Langhaarigen her zurück zu Duos Wohnung.

In der Wohnung angekommen verschwand Duo ohne ein Wort in seinem Schlafzimmer, und als Heero etwas später das Abendessen fertig hatte und es dem Langhaarigen bringen – und bei der Gelegenheit vielleicht ein erneutes Gespräch versuchen wollte – lag Duo angezogen auf seinem Bett und schlief tief und fest.

Heero seufzte und stellte den Teller neben dem Bett ab. Eine Weile betrachtete er den Langhaarigen einfach nur im Schlaf, dann machte er sich daran Duo die Kleidung auszuziehen um es ihm etwas bequemer zu machen. Bis auf die Boxershorts landete alles auf einem Haufen auf dem Boden. Heero wusste nicht ob Duo es vielleicht vorzog im Schlafanzug oder gar nackt – Heero spürte wie er rot wurde bei dem Gedanken – zu schlafen, aber er wagte es nicht den Langhaarigen noch weiter auszuziehen.

Dabei fürchtete er sich weniger vor Duos Reaktion am Morgen wenn dieser feststellen würde dass Heero ihn entkleidet hatte, sondern vor seiner eigenen. Sicher, er hatte Duo schon vor zwei Tagen fast komplett ausgezogen, aber da war er viel zu besorgt um den ehemaligen Deathscythe Piloten gewesen um an irgendetwas anderes zu denken als Duos Gesundheit.

Doch jetzt war es etwas anderes. Die letzten zwei Tage hatten ihm sehr bewusst gemacht dass er definitiv nicht nur freundschaftliche Gefühle für Duo hegte, trotz – oder vielleicht gerade wegen – Duos abweisender Haltung.

Heero wünschte nur dass es nicht so hoffnungslos wäre. Duo hatte sehr deutlich gemacht was er von Heero hielt, und das tat weh. Und so blieb Heero nur eines was er tun könnte – sobald er herausgefunden hätte was hier los war und es Duo wieder besser ginge, würde er genau das tun was Duo von ihm wollte: ihn wieder in Ruhe lassen.

Denn noch schlimmer als Duo niemals wiederzusehen wäre hier bei ihm zu bleiben und jeden Tag dessen abweisende Haltung zu sehen. Das wäre grausam nicht nur Heero sondern auch Duo gegenüber.

Heero stieß den Atem aus den er in den letzten Minuten unbewusst angehalten hatte. Es brachte nichts jetzt darüber zu grübeln. Er konnte Duo nicht zwingen etwas zu empfinden das er nicht tat. Alles was er tun konnte war seine eigenen Gefühle so tief zu vergraben dass er die nächsten Tage und Wochen mit Duo verbringen konnte ohne daran zu zerbrechen.



Kapitel 6

Wenn Heero angenommen hatte, dass sich sein Verhältnis zu Duo im Laufe der Zeit bessern würde, so musste er bald feststellen, dass er sich geirrt hatte. Über die nächsten Tage hinweg verfiel Duo wieder in das gleiche Verhaltensmuster zurück das er an den Tag gelegt hatte, seit Heero ihn gefunden hatte. Nein, das stimmte nicht ganz. Eigentlich wurde es noch viel schlimmer.

Oh, Duo ignorierte Heero immer noch wo es nur ging, doch statt wie vorher einfach nur einsilbig zu antworten wenn Heero ihn ansprach wurde er nun auch zusehends unfreundlicher. Und hatte Heero schon kaum gewusst wie er mit einem wortkargen Duo umgehen sollte, so war er von einem unfreundlichen, ja geradezu feindseligen und bösartigen Duo geradezu überfordert.

Heero wusste einfach nicht was er dem ganzen entgegensetzen sollte – außer selbst unfreundlich zu werden. Doch was würde das ganze bringen? Nicht viel, da war sich Heero ziemlich sicher. Er wusste zwar immer noch nicht warum Duo sich so verhielt, aber er war sich ziemlich sicher was dieser damit bezwecken wollte.

Er wollte Heero provozieren.

Wollte ihn dazu bringen seine Beherrschung zu verlieren, sich mit ihm zu streiten und vielleicht sogar irgendwann wütend davon zu stürmen. Nur um diese Gelegenheit dann sofort zur Flucht zu nützen. Doch auch wenn die gemeinen Worte die Duo ihm nun fast täglich an den Kopf warf Heero teilweise wirklich weh taten, so war er dennoch nicht bereit aufzugeben.

Denn zu seiner Sorge um Duo und seiner Neugier, was das alles zu bedeuten hatte, hatte sich nun auch Heeros Stolz und seine Sturheit eingeschaltet. Duo wollte ihn also vergraulen, wie? Sie würden ja noch sehen wer von ihnen beiden den längeren Atem hatte! Heero jedenfalls schwor sich, dass er derjenige sein würde der aus diesem Kampf der Willenskräfte als Sieger hervorgehen würde. Und wenn es das Letzte wäre was er täte!

Doch trotz dieses Entschlusses musste Heero bald feststellen, dass seine Ausdauer anfing zu bröckeln. Die ganze Situation zehrte einfach mehr an seinen Kräften als er gedacht hätte. Die tägliche harte Arbeit, Duos Unfreundlichkeit, die fast schlaflosen Nächte – Heero schreckte beim kleinsten Geräusch hoch aus Angst dass Duo sich wieder aus dem Staub machen wollte – und dann noch die Tatsache, dass er Duo praktisch ständig im Auge behalten musste.

Denn Duo hatte es noch lange nicht aufgegeben vor Heero zu fliehen. Im Gegenteil. Innerhalb der ersten Woche ertappte Heero ihn noch zwei weitere Male bei einem Fluchtversuch, und beim letzten hatte Heero ihn eher aus Zufall entdeckt und Duo war bereits so weit gekommen, dass Heero buchstäblich das Herz in die Hose gerutscht war. Und um weitere solcher Situationen zu vermeiden hatte Heero beschlossen Duo von nun an auf Schritt und Tritt zu folgen.

Und genau das tat er auch.

Er schaffte es seinen Boss Barnes dazu zu überreden, ihn Duos Gruppe zuzuteilen. Duo warf ihm zwar einen derart bösen Blick zu dass Heero sich wohl sofort in Staub aufgelöst hätte wäre er nicht selbst der Meister der Deathglares, aber Heero entschloss sich das einfach zu ignorieren. Er zerrte Duo noch immer jeden Tag gegen Mittag aus dem Lagerhaus um etwas zu essen, doch im Gegensatz zum ersten Mal fing Duo keine weiteren Unterhaltungen mehr mit ihm an. Er benahm sich eher so, als wäre Heero irgendein Fremder, der nur zufällig am selben Tisch saß und aß.

Das einzige was dann schließlich doch noch eine Reaktion aus Duo lockte – wenn auch keine positive – war die Tatsache, dass Heero ihm sogar auf die Toilette folgte. Oh, nicht dass er mit in die Kabine verschwand oder so. Aber er vergewisserte sich immer dass es dort keine Fenster gab, die groß genug waren dass Duo hindurchschlüpfen konnte, und er wartete stets vor der Tür bis Duo wieder herauskam. Ja, er ging sogar so weit andere Leute, die vor Duo die Toilette verließen sehr genau zu mustern, ob sie nicht vielleicht Duo in einer sehr cleveren Verkleidung waren.

Alles in allem eine mehr als untragbare Situation.

Offenbar schien nach knapp zwei Wochen auch Duo zu diesem Entschluss gekommen zu sein. Denn als sie nach der Arbeit schweigsam – wie immer – auf dem Weg nach Hause nebeneinander herliefen, blieb Duo drei Blocks vor seinem Wohnhaus plötzlich einfach mitten auf der Straße stehen. Heero registrierte es nicht sofort und lief noch zwei Schritte weiter, bevor er auch stehen blieb und sich zu Duo umdrehte.

„Was ist?“ fragte Heero den Langhaarigen, der mit geballten Fäusten und gesenktem Kopf einfach nur dastand.

„So kann das nicht weitergehen,“ sagte Duo ruhig und hob den Blick um Heero direkt anzusehen.

„Was kann so nicht weitergehen?“

„Das fragst du noch?“ Duo schüttelte ungläubig den Kopf. „Du folgst mir praktisch auf Schritt und Tritt, ich kann nirgends mehr auch nur ein Sekündchen Privatsphäre haben! Noch nicht einmal auf dem Klo! Ich warte jeden Tag dass du mit in die Kabine kommst und mir auch noch beim Halten und Abschütteln helfen willst!“

„Wenn es sein muss werde ich auch das tun,“ erwiderte Heero so ruhig wie möglich – auch wenn das mentale Bild das Duo gerade heraufbeschworen hatte ihn alles andere als kalt ließ.

Duos Augen schienen bei dieser Antwort praktisch aus dem Kopf zu fallen. „WAS?“

Heero zuckte gelassen die Schultern. „Du hast in den letzten Tagen mehrmals versucht zu fliehen. Das gefällt mir gar nicht, also werde ich alles tun um dich daran zu hindern.“

Duo starrte ihn einen Moment lang fassungslos an, dann explodierte er. „Verdammt noch mal Yuy, für wen hältst du dich eigentlich??? Ich lass mir von niemandem vorschreiben was ich zu tun habe!!! Und wenn ich nichts mit dir zu tun haben will, dann ist es mein gutes Recht dich abschütteln zu wollen!!! Ich bin nicht dein Gefangener, und du kannst nicht über mich bestimmen, hast du das verstanden???“

„Natürlich,“ erwiderte Heero. „Du brüllst ja schließlich laut genug, ich bin sicher sogar dein Nachbar aus 3a hat dich noch verstanden. Und ich will dich auch nicht gefangen halten oder dir irgendetwas vorschreiben. Aber ich bin auch nicht dumm. Ich weiß dass hier irgendwas nicht stimmt. Irgendwas ist hier im Busch, und du weißt auch was es ist – sonst wärst du nicht einfach so ohne ein Wort untergetaucht. Und auch wenn du nicht mein Freund bist, so bin ich dennoch deiner. Und ich mache mir Sorgen um dich. Ich will dir helfen, diese Sache – was auch immer es ist – wieder in Ordnung zu bringen, damit du wieder dein normales Leben führen kannst. Wenn das alles hier überstanden ist lass ich dich auch wieder allein, da dir meine Anwesenheit ja offenbar dermaßen zuwider ist. Aber vorher nicht.“

Duo blickte Heero eine Weile stumm an, und sein Blick zeigte dass er von Heeros kleiner Ansprache doch etwas überrumpelt war. „Du kannst mir nicht helfen,“ sagte er schließlich.

„Woher willst du das wissen?“ fragte Heero. „Sag mir was los ist. Diese ganze Situation,“ Heero machte eine weit ausholende Geste, „ich verstehe sie einfach nicht. Das hier bist doch nicht du. Warum tust du das alles? Wieso versteckst du dich hier?“

Duo schüttelte den Kopf. „Du hast recht, du verstehst es nicht. Das hier BIN ich! Das hier IST mein normales Leben! Akzeptier es!“

„Das werde ich nicht!“ Heero spürte wie auch er langsam wütend wurde. „Du kannst behaupten was du willst, aber ich werde das nie akzeptieren! Ich will dass du mir sagst was los ist! Ich will dass wir diese ganze Sache hier klären! Ich will dass du wieder lachst! Ich will dass du mir die ganze Zeit damit auf die Nerven gehst dass ich nicht so ungesellig sein soll! Ich will dass du wieder ständig redest, die Luft wieder mit scheinbar sinnlosem Geplapper füllst und dennoch soviel interessantes und sinnvolles von dir gibst, wenn man sich nur die Mühe macht dir zuzuhören! Ich will dass du wieder so voller Lebensmut und Energie bist dass du nicht einmal für eine Sekunde stillhalten kannst! Ich will den alten Duo zurück!“

Für eine ganze Weile standen sie sich stumm gegenüber, beide schwer atmend und mit geballten Fäusten. Schließlich seufzte Duo. „Den alten Duo gibt es nicht mehr. Vielleicht hat es ihn nie gegeben.“

„Das glaube ich nicht.“ Heero schüttelte den Kopf.

Wieder sah Duo ihn nur stumm an, so als würde er irgendetwas suchen. Dann schüttelte er den Kopf und seufzte erneut. „Wie auch immer. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Ich ertrag es nicht länger.“

„Dann mach mir einen Vorschlag den ich akzeptieren kann,“ sagte Heero und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und ‚Verschwinde und lass mich einfach in Ruhe’ ist NICHT akzeptabel.“

Duo schüttelte wieder den Kopf, und Heero hätte schwören können dass die Mundwinkel des Langhaarigen zuckten, so als müsse Duo mit aller Macht ein Lächeln zurückhalten.

„In Ordnung,“ sagte Duo schließlich. „Wenn ich dir verspreche, dass ich nicht mehr versuchen werde zu fliehen, hörst du dann auf mich derart zu überwachen?“

Heero blickte ihn prüfend an. Duo wirkte absolut offen und ehrlich. „Das kann ich akzeptieren,“ nickte Heero schließlich.

„Gut.“ Duo nickte ebenfalls. „Ich verspreche dass ich nicht wieder versuchen werde zu fliehen.“

„Und ich verspreche dass ich dich nicht mehr jede Sekunde überwachen werde,“ erwiderte Heero. „Aber ich werde auch nicht einfach gehen und dich allein lassen,“ fuhr er fort. „Auch wenn du es nicht willst, ich bleibe hier bis ich weiß was hier los ist.“

„Tu was du nicht lassen kannst,“ sagte Duo. „Ich kann dich ja sowieso nicht davon abhalten.“ Damit drehte er sich um und marschierte weiter die Straße hinauf. Und Heero folgte ihm.

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Die nächsten Tage über lockerte Heero seine fast lückenlose Überwachung Duos, und genau wie der Langhaarige versprochen hatte versuchte er nicht wieder zu fliehen. Heero merkte wie ein Teil seiner Anspannung nachließ und ihm wie eine große Last von den Schultern fiel. Aber dennoch war die Situation noch alles andere als gelöst oder gar entspannt.

Denn bis auf die ausbleibenden Fluchtversuche hatte sich erneut nichts an Duos Verhalten ihm gegenüber geändert. Noch immer sprach er kaum mit Heero, aß stumm seine Mahlzeiten – meist allein in seinem Schlafzimmer – und schien Heeros Anwesenheit zwar zu akzeptieren, aber nicht willkommen zu heißen.

Es schien als habe Duo mit seiner Behauptung dass es den alten Duo nicht mehr gäbe recht gehabt.

Aber Heero war noch lange nicht bereit es zu akzeptieren. Vielleicht würde er es auch niemals sein. Er konnte sich einfach nicht vorstellen dass der Duo den er während des Krieges kennen gelernt hatte komplett eine Täuschung gewesen sein sollte. Oh sicher, die ewige Fröhlichkeit war zum Teil nur Schau, die davon ablenken sollte was sonst noch alles in Duo steckte. Aber dennoch war von Duo immer eine derartige Lebensfreude ausgegangen, dass man sie beinahe spüren konnte. Doch das war nun nicht mehr so, und Heero fragte sich unwillkürlich wer oder was dafür verantwortlich sein könnte dass dieses Leuchten erloschen war.

Doch trotzdem spielte sich eine Art von Routine zwischen den beiden ein. Sie standen Morgens auf, Heero machte Frühstück das sie dann gemeinsam aßen. Danach gingen sie zur Arbeit, Mittags schleifte Heero Duo wieder zum Essen, und Abend gingen sie dann gemeinsam wieder zurück zu Duos Wohnung. Heero bereitete dann etwas zu essen vor, was sie wieder gemeinsam verspeisten. Danach sah Heero meist ein wenig fern – und ab und zu gesellte Duo sich sogar dazu da er mit jedem Tag ein bisschen weniger erschöpft zu sein schien und deshalb länger wach blieb.

Die Nächte liefen auch immer nach dem selben Schema ab. Heero hatte sehr schnell feststellen müssen, dass er nicht besonders gut schlafen konnte. Was nicht einmal an dem wirklich schrecklichen Sofa lag – Heero hatte schon auf weitaus schlimmeren Untergründen geschlafen. Ihm ging nur einfach viel zu viel im Kopf herum – und wenn er sich nicht gerade mit Duos Problemen herumschlug, so spukte der Langhaarige selbst durch seine Gedanken.

So war es also kein Wunder dass Heero zuerst gar nicht merkte dass die Stimmen gar nicht aus dem Fernseher kamen sondern dass Duo sich mit jemandem am Vidphone unterhielt als er eines Abends vom Einkaufen zurückkam. Diese Aufgabe war an Heero hängen geblieben da Duo sich offensichtlich nicht darum kümmern wollte – wann immer Heero ihm vorgeschlagen hatte mitzugehen, hatte Duo abgewunken. Also erledigte Heero alles so schnell wie möglich und eilte dann sofort zurück zu Duos kleinem Appartement.

„... und wieso glaubst du dass mich das interessieren würde?“ ertönte Duos kühle, fast gelangweilte Stimme gerade als Heero die Tür zur Wohnung öffnete.

„Was? Aber... Duo, er ist dein bester Freund...“ Erst als Heero schon die kleine Küchenecke betreten hatte, registrierte er dass er die andere Stimme tatsächlich kannte.

„Hör zu, ich weiß ja nicht wie du auf diese Idee kommst, aber das alles ist mir ziemlich egal. Tu mir einen Gefallen und ruf nie wieder an.“ Mit diesen Worten deaktivierte Duo die Verbindung und wandte sich ab in Richtung seines Schlafzimmers.

„Duo?“ fragte Heero und machte einen Schritt auf den Langhaarigen zu. „War das nicht Trowa?“

Duo drehte seinen Kopf und blitzte Heero böse an. „Allerdings. Ich möchte nur wissen, woher er meine Nummer hat.“

„Ich hab sie ihm gegeben,“ antwortete Heero. „Was wollte er?“

„Wie nett,“ ätzte Duo. „Wem sonst hast du meine Nummer denn noch gegeben? Darf ich als nächstes mit einem Anruf der Preventers rechnen?“

Heero sah Duo leicht verwundert an. „Ich hab deine Nummer nur an Quatre und Trowa weitergegeben. Die beiden machen sich Sorgen um dich. Was wollte Trowa jetzt denn?“

Duo starrte ihn eine Sekunde lang an. „Nichts wichtiges,“ sagte er schließlich, dann verschwand er endgültig in seinem Schlafzimmer.

Heero runzelte leicht die Stirn. Er konnte nicht glauben dass Trowa hier anrufen und mit Duo sprechen würde, wenn es nicht um etwas wichtiges gehen würde. Schließlich hatten sowohl Quatre als auch Trowa sich zurückhalten wollen bis Heero herausgefunden hätte was hier los war. Entschlossen ging Heero zum Vidphone und gab die Nummer von Quatres Anwesen ein. Doch dort meldete sich niemand, und so versuchte er es zuerst mit Quatres und dann mit Trowas Mobiltelefonen. Bei Trowas Handy hatte er Glück. Schon nach dem zweiten Klingeln wurde am anderen Ende abgenommen.

„Was ist? Gibt es noch eine Gemeinheit die du vergessen hast mir an den Kopf zu werfen.“ Trowa klang äußerst wütend.

„Trowa?“ unterbrach Heero seinen Freund.

„Oh... du bist es Heero.“

„Was ist los?“ fragte Heero besorgt. Trowa hörte sich auf einmal sehr erschöpft an.

„Ach, hat Duo es dir etwa nicht erzählt?“ machte Trowa spöttisch.

„Nein.“

„Quatre...“ Trowa gab einen gequälten Laut von sich und holte dann zitternd Luft. „Es gab einen Anschlag. Vor zwei Stunden. Eine Autobombe. Quatre... er ist schwer verletzt. Er ist gerade im OP.“

Heero hörte Trowa mit wachsendem Entsetzen zu. „Eine Autobombe? Oh Gott! Wie konnte das denn passieren?“

„Ich weiß es auch nicht.“ Trowas Stimme klang äußerst gequält. „Ich bin schließlich für die Sicherheit zuständig. Ich hätte es merken müssen! Ich hätte diese Bombe finden müssen! Es ist alles meine Schuld!“

„Trowa!“ rief Heero. “Beruhige dich! Erzähl mir von Anfang an was passiert ist.”

Trowa holte tief Luft und versuchte sich zusammen zu reißen. „In Ordnung. Quatre hatte einen Termin mit ein paar wichtigen Geschäftsleuten und Politikern. Es ging um die Erweiterung und den Ausbau der Kolonien. Und weil es ein so wichtiges Treffen war, wollte er die große, offizielle Limousine nehmen. Statt des eher unauffälligen Wagens den er sonst benutzte. Rashid hat die Limousine vorgefahren, und Quatre hat sich von mir verabschiedet und ist zum Wagen gegangen. Er war gerade dabei einzusteigen als die Bombe explodiert ist. Wenn er auch nur eine Sekunde schneller gewesen wäre, wenn er schon im Wagen gesessen und die Tür geschlossen hätte...“

Trowa brach ab und holte erneut zitternd Luft. „So ist er von der Druckwelle der Explosion weggeschleudert worden, was ihm das Leben gerettet hat. Rashid hatte nicht soviel Glück.“ Trowa gab erneut einen gequälten Laut von sich. „Es ist kaum etwas von ihm übrig geblieben.“

Eine Sekunde lang schwieg Trowa, dann fuhr er fort, „Ich hätte den Wagen vorher überprüfen sollen. Aber ich habe mich damit zufrieden gegeben dass er ja auf dem Winner-Anwesen in der Garage gestanden hat und dass die Manguanacs unter meiner Anleitung für die Sicherheit zuständig sind. Hab mich damit zufrieden gegeben dass nichts und niemand an den Manguanacs vorbeikommt. Und jetzt ist Rashid tot und Quatre...“

„Wie geht es ihm?“ fragte Heero schnell um Trowa ein wenig von seiner Schuldzuweisung abzulenken. Ihm war natürlich klar dass es nicht so einfach wäre Trowa davon zu überzeugen, dass es nicht seine Schuld gewesen war, aber gerade jetzt hatte Trowa genug anderes worum er sich kümmern musste.

„Ich weiß es nicht.“ Trowa hörte sich sehr elend an. „Wie gesagt, er ist gerade im OP. Ich bin auch hier im Krankenhaus, aber bis jetzt hat mir noch keiner der Ärzte irgendwas sagen können – oder wollen.“

„Trowa... aber wieso hast du das nicht auch Duo erzählt?“

„Ich HABE es ihm erzählt!“ Trowa klang nun wieder sehr wütend, genauso wütend wie am Anfang ihres Gesprächs. „Nur interessiert es den Mistkerl offenbar nicht! Und er behauptet, Quatres bester Freund zu sein! Ich hab nicht die geringste Spur Mitgefühl oder Entsetzen oder gar Sorge in seiner Stimme gehört! Im Gegenteil, er war eiskalt und hat gesagt, ich soll ihn nicht weiter belästigen!“

„Was?“ Heero keuchte entsetzt auf. „Das kann ich nicht glauben!“

„Glaub es ruhig!“ gab Trowa wütend zurück. „Wenn ich dran denke was Quatre alles unternommen hat um ihn wieder zu finden! Der Bastard ist es nicht wert dass man sich um ihn sorgt! Das kannst du ihm gerne von mir ausrichten! Und wenn du willst kannst du auch wieder zurückkommen! Mir ist es inzwischen ziemlich egal warum er abgehauen ist oder wie es ihm geht. Und Quatre hat im Moment ebenfalls andere Sorgen!“

„Trowa,“ unterbrach Heero die Schimpftirade seines Freundes. „Hör zu, ich muss Schluss machen. Ruf mich an sobald du was Neues weißt, ok?“

„Mach ich.“ Trowa seufzte. „Ich wünschte wirklich du wärst hier, Heero. Ich fühl mich ziemlich allein, ich könnte einen Freund jetzt gebrauchen.“

„Trowa...“ Heero zögerte. „Ich kann hier noch nicht weg... Versteh doch...“

„Oh.“ Trowas Stimme sank um mehrere Grade. „In Ordnung. Du musst schließlich wissen was dir wichtiger ist.“ Mit diesen Worten deaktivierte Trowa die Verbindung.

Heero starrte noch eine Sekunde auf das Vidphone, dann drehte er sich entschlossen um und stürmte in Duos Schlafzimmer. Er riss die Tür auf ohne anzuklopfen, baute sich dann am Fußende des Bettes auf und starrte böse auf Duo hinab, der mit unter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Bett lag und nach oben starrte.

„Wieso hast du mir gesagt dass Trowa nichts wichtiges wollte?“

„Weil es nichts wichtiges war,“ antwortete Duo ohne seinen Blick von der Zimmerdecke zu nehmen.

„Wie kannst du so was sagen?“ rief Heero. „Quatre wurde fast getötet, Rashid IST tot, und du nennst das nichts wichtiges?“

Duo zuckte nur mit den Schultern.

„Duo...“ Heero schüttelte den Kopf. „Quatre ist doch dein bester Freund, interessiert es dich denn überhaupt nicht dass er fast ums Leben gekommen ist? Dass er jetzt schwer verletzt im Krankenhaus liegt und keiner weiß wie es ihm geht?“

„Ich hab es dir schon einmal gesagt, und ich sage es dir gerne noch mal,“ erwiderte Duo, noch immer ohne Heero anzusehen. „Du verstehst das nicht.“

„Allerdings, das verstehe ich nicht!“ rief Heero aufgebracht. „Ich weiß zwar nicht was hier los ist, aber niemals hätte ich gedacht dass du so ein eiskalter Bastard sein könntest! Seit wann sind dir andere Menschen so völlig egal? Seit wann sind dir deine FREUNDE so völlig egal? Was versuchst du hier zu beweisen?“

Duo setzte sich mit einem Ruck auf. „Ich versuche hier gar nichts zu beweisen, Yuy!“ gab er beißend zurück. „Du hast nicht die geringste Ahnung was los ist, und du hast nicht das geringste Recht über etwas zu urteilen was du nicht verstehst! Und du brauchst grad etwas sagen, du bist doch derjenige der niemals irgendwelche Gefühle zugelassen hat, weil es ja die Mission gefährden könnte! Du bist doch derjenige der den Begriff ‚eiskalter Bastard’ erst definiert hat!“

„Mag sein!“ brüllte Heero zurück. „Aber im Gegensatz zu dir hab ich mich seit dem Krieg weiterentwickelt, und zwar zum besseren! Was ich von dir nicht behaupten kann! Und wenn ich nicht die geringste Ahnung hab was hier los ist, wieso klärst du mich nicht einfach auf? Damit ich weiß worüber ich hier urteile!“

„Fein! Von mir aus!“ Duo sprang vom Bett auf und stampfte auf Heero zu. „Wenn du es unbedingt wissen willst, ich bin verflucht!“

Heero stutzte kurz. „Du bist was?“ fragte er überrascht.

„Verflucht!“

Heero blinzelte. Irgendwie... war das nicht ganz das was er erwartet hatte. „Verflucht?“ wiederholte er.

„Ja!“ Duo stand jetzt direkt vor ihm und starrte ihn wütend an.

„Was genau... meinst du damit?“

„Das jeder, aber auch wirklich jeder Mensch, der mir jemals irgendetwas in meinem Leben bedeutet hat sterben musste.“

Heero blinzelte erneut.

Duo schnaubte. „Schau nicht so. Ich weiß wie das klingt. Aber es ist wahr. Die Gang mit der ich durch die Straßen gezogen bin als ich noch ein Kind war. Das Waisenhaus das mich aufgenommen hat. Hilde. Howard. Alle tot und zerstört. Und jetzt Quatre, mein bester Freund. Nur knapp dem Tod entronnen.“

„Aber... du kannst doch nicht wirklich glauben, dass du daran schuld bist, oder?“ Heero schüttelte leicht den Kopf.

„Und was soll ich bitteschön sonst glauben?“ Duo piekste Heero mit dem Zeigefinger in die Brust. „Wenn jeder, dem ich zu Nahe komme stirbt?“

„Sicherlich nicht dass du verflucht bist,“ antwortete Heero und piekste zurück.

„Aber das bin ich,“ antwortete Duo ruhig. „Eine Zeitlang hab ich gehofft dass es vorbei wäre... das der Fluch irgendwie gebrochen wäre... aber es war nur eine leere Hoffnung. Eine kurze Pause. Die Ruhe vor dem Sturm. Alles was ich jetzt noch tun kann, ist mich so fern wie möglich von meinen Freunden zu halten. Und möglichst keine neuen Bekanntschaften mehr zu schließen. Damit ich nicht noch mehr Menschen das Leben koste.“

Heero schüttelte erneut kurz den Kopf. „Dann war das alles vorhin am Vidphone... Was du zu Trowa gesagt hast...“

Duo nickte. „Ja. Gott, als Trowa von Quatres Verletzung berichtet hat wäre ich am liebsten ins nächste Shuttle gesprungen und nach L4 geeilt.“ Duo verzog gequält das Gesicht. „Aber ich kann nicht. Ich kann nicht riskieren dass Quatre oder Trowa doch noch getötet werden, nur weil sie meine Freunde sind. Sie werden zwar ziemlich wütend auf mich sein, aber es ist besser so. So bleiben sie wenigstens am Leben.“

Heero starrte Duo einen Moment lang stumm an. Das war also der Grund für Duos Verschwinden. Er dachte, er würde seinen Freunden nur Unglück bringen, würde sie töten, und so war er verschwunden um sie zu schützen. Und als er von Quatres Verletzung gehört hatte, hatte er das einzige getan von dem er geglaubt hätte, dass es seinen Freund schützen würde – selbst wenn es bedeutete, dass er diesen Freund dadurch verlieren würde.

Die Erkenntnis, was Duo für einen Freund – etwas das er in Heero offenbar überhaupt nicht sah – alles zu tun bereit war versetzte Heero einen Stich. Und machte ihn gleichzeitig auch wütend. „Dann brauchst du dir um mich ja keine Sorgen zu machen!“ fauchte er.

Duo warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Du wolltest schließlich niemals mein Freund sein, nicht wahr?“ fuhr Heero beißend fort. „Gratuliere! Du hast endlich jemand gefunden, dem dein Fluch nichts anhaben kann!“ Und mit diesen Worten drehte Heero sich um und stürmte erst aus dem Schlafzimmer und dann aus der Wohnung.



Kapitel 7

Heero rannte. Er wusste zwar nicht wohin oder warum, aber er rannte. In ihm gab es nur einen Gedanken, er musste so schnell wie möglich weg. Weg von Duo, weg von all den Gefühlen die ihn zu zerreißen drohten bevor er noch irgendetwas wirklich dummes tun konnte.

Irgendwann kam Heero schließlich in einer Art kleinem Park an und wurde langsamer. Das Wetter war scheußlich, wie schon seit Wochen, und so waren glücklicherweise kaum andere Menschen im Park unterwegs. Keuchend blieb Heero unter einem Baum stehen und sank langsam auf die Knie.

Es tat weh. Es tat so unglaublich weh. Warum nur konnte alles was Duo betraf ihn noch immer so tief treffen, selbst nachdem Heero sich in den letzten Wochen wieder und wieder gesagt hatte, dass es keinen Sinn hatte seine Gefühle an den Langhaarigen zu hängen? Dass Duo niemals etwas ähnliches – oder überhaupt was – für ihn empfinden würde und er sich besser schnell damit abfand bevor er noch verletzt wurde?

Doch offenbar hatte es nichts genützt, und außerdem war es wahrscheinlich auch sowieso zu spät gewesen. Er war verletzt worden, mit jedem gemeinen Wort das Duo geäußert hatte, mit jedem bösen Blick den er ihm zugeworfen hatte. Heero hatte alles stumm geschluckt, hatte alles in sich eingeschlossen in der Hoffnung dass es dann nicht so weh tun würde. Doch stattdessen hatte sich alles einfach nur angesammelt und aufgestaut, um sich dann mit einem riesigen Knall zu entladen.

Heero unterdrückte ein Schluchzen und presste die Handballen gegen seine Augen. Er hätte niemals gedacht, dass ausgerechnet der kurze Blick auf den alten Duo vorhin so schrecklich für ihn sein würde. Er hatte gedacht, wenn er nur den alten Duo irgendwie wieder hervorlocken könnte, dann würde alles schon wieder gut werden.

Doch genau das Gegenteil war passiert. Dieser winzige Einblick auf die Loyalität, das Mitgefühl und die Aufopferungsbereitschaft, die Duo seinen Freunden gegenüber bewies hatte sich wie ein Messer in Heeros Herz gebohrt. Gott, was würde er nicht alles geben um auch nur einen Bruchteil dieser Dinge von Duo zu bekommen?

Doch es war sinnlos das Unmögliche zu wünschen. Duo wollte nicht sein Freund sein, hatte es wohl nie sein wollen und alles was Heero damals am Anfang des Krieges in Duos Handlungen gesehen hatte war offenbar nur Einbildung gewesen.

Heero rieb sich erschöpft über die Augen, dann hob er den Kopf und starrte blicklos vor sich hin. Vielleicht sollte er tun was Trowa gesagt hatte. Vielleicht sollte er das nächste Shuttle nach L4 nehmen um seinen Freunden in dieser schweren Situation beizustehen. Vielleicht sollte er dorthin gehen wo es Menschen gab, die in ihm einen Freund sahen und die ihn willkommen heißen würden. Immerhin, hatte er denn überhaupt noch einen Grund hier zu bleiben?

Er wusste jetzt was hinter Duos Verhalten steckte. Wusste, warum dieser ohne ein Wort untergetaucht war und niemanden kontaktiert hatte. Und was auch immer Heero sich in all den Monaten seiner Suche ausgemalt hatte, auf diese Antwort wäre er niemals gekommen. Aber wie phantastisch das alles auch klang, Duo schien offenbar nicht in irgendeiner Gefahr zu stecken oder in irgendeine ungute Sache verwickelt zu sein. Alles was Duo mit seinem für ihn so untypischen Verhalten bezwecken wollte war, seine Freunde zu schützen.

Ein Personenkreis, zu dem Heero offenbar nicht zählte.

Heero biss sich hart auf die Lippe und schloss die Augen. Gott, warum nur tat es jedes Mal so weh wenn er daran dachte? Wieso konnte er es nicht endlich hinter sich lassen? Schließlich konnte er Duo nicht zwingen ihn zu mögen. Konnte ihn nicht zwingen sich die selben Sorgen um seine Sicherheit und sein Leben zu machen wie um Quatres.

‚Aber genau das tut er doch!’ warf eine leise Stimme in seinem Kopf ein, doch Heero schob sie beiseite.

Wenn Duo bereit war in einer heruntergekommenen Wohnung zu hausen, einen schlecht bezahlten Job zu machen und seine eigene Identität zu verleugnen, weil er der Meinung war dass würde Quatre helfen, dann gab es nichts was Heero dagegen tun konnte. Heero war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt etwas dagegen tun wollte.

Es war Duos Entscheidung. War es von Anfang an gewesen. Was hatte Heero sich eigentlich dabei gedacht als er beschlossen hatte, Duos Leben für diesen ‚in Ordnung’ zu bringen? Was hatte er sich davon erhofft? Dass Duo ihm dann dankbar wäre? Dass Duo dann vielleicht endlich bereit wäre, einen Freund in ihm zu sehen? Oder vielleicht sogar mehr als das?

Heero schnaubte verbittert. Er war ein Narr gewesen so etwas zu hoffen. Duo hatte jedes Recht ihn zu verabscheuen. Heero wäre es an dessen Stelle nicht anders gegangen. Wenn ihn einer der anderen vor ein paar Monaten als er noch dabei gewesen war sich selbst zu finden aufgespürt und sich ihm ungewollt an die Fersen geheftet hätte, Heero wäre noch viel wütender geworden als Duo.

Also blieb jetzt wirklich nur noch eine Möglichkeit – er würde tun was Duo von Anfang an von ihm verlang hatte. Er würde gehen und den anderen in Ruhe lassen. Duo wollte offenbar keine Gesellschaft, und Heero hatte nicht das Recht sie ihm aufzuzwingen. Wenn Duo allein sein wollte, so sollte er es sein.

‚Und warum hat er dann deine Nähe gesucht wenn er allein sein will?’ fragte diese irritierende innere Stimme erneut.

‚Das hat er nicht,’ antwortete Heero barsch.

‚Und wie würdest du es dann nennen? Er hätte seine Abende auch weiterhin in seinem Schlafzimmer verbringen können statt sich zu dir ins Wohnzimmer zu gesellen.’

Heero schnaubte. ‚Er ist nur herausgekommen weil er sich gelangweilt hat. Selbst das ödeste Fernsehprogramm ist besser als die Wände anzustarren. Interpretier nicht mehr hinein als da war.’

‚Tatsächlich?’ fragte die kleine Stimme, die – wie Heero fand – ein klein wenig wie Quatre klang. ‚Und warum ist er dann auch geblieben wenn der Fernseher gar nicht lief? Wieso ist er geblieben während du an deinem Notebook gearbeitet hast? Warum hat er dir beim kochen geholfen?’

‚Halt die Klappe!’ fauchte Heero, dann blinzelte er ein paar Mal verwirrt und schüttelte leicht den Kopf. Fing er jetzt etwa schon an, Selbstgespräche zu führen? Großer Gott, der Stress in den letzten Tagen musste ihm wirklich den Rest gegeben haben.

‚Ich hab Recht, weißt du?’ flötete die Stimme triumphierend.

Heero seufzte. Er konnte es nicht leugnen. Duo HATTE all das getan was seine innere Stimme behauptete. Er war bei Heero im Wohnzimmer geblieben, selbst wenn Heero beschäftigt gewesen war. Und er hatte ihm beim kochen geholfen. Die Tatsache dass Duo all das völlig schweigend gemacht hatte änderte nichts daran.

Aber wenn seine innere Stimme also Recht hatte und Duo tatsächlich seine Nähe gesucht hatte – was hatte das dann zu bedeuten? Hatte es überhaupt etwas zu bedeuten? Oder hatte Duo sich einfach nur mit Heeros Anwesenheit abgefunden und sich ihr angepasst?

‚Das stimmt nicht, und das weißt du auch!’ warf die Stimme wieder ein.

‚Oh halt endlich die Klappe!’ Heero schüttelte erneut heftig den Kopf. ‚Was soll es denn sonst bedeuten? Oder vielleicht hat er ja auch gedacht, dass es ungefährlich ist sich mit mir abzugeben weil ihm ja nichts an mir liegt und mir deshalb nichts zustoßen kann.’

‚Idiot!’ Wenn sie wütend war klang die innere Stimme sogar noch viel mehr nach Quatre als vorher. Heero lief ein leichter Schauder über den Rücken. ‚Denk doch mal nach! Du weißt jetzt was Duos seltsames Verhalten für einen Grund hat! Er will seine Freunde schützen! Also warum wohl hat er sich dir gegenüber so verhalten? Weil er DICH schützen will!’

Heero stutzte. Konnte seine innere Stimme Recht haben? Verhielt sich Duo ihm gegenüber so feindselig weil er auch ihn schützen wollte? Konnte das sein? Leichte Hoffnung regte sich schon in Heero, doch dann schüttelte er den Kopf. Nein. So war es nicht.

Wenn Duo sich erst so verhalten hätte seit Heero ihn aufgespürt hätte, dann hätte diese Theorie einen Sinn gemacht. Aber Duo mied Heero schon sehr viel länger, schon seit Mitte des Krieges. Sein Verhalten Heero gegenüber hatte nichts mit Freundschaft zu tun sondern nur mit Abneigung.

Es sei denn... Heero richtete sich aufgeregt auf und biss sich auf die Lippe. Es sei denn... dass Duo ihn schon damals hatte schützen wollen. Wäre das möglich? Könnte das sein? Heero spürte wie sein Herz anfing schneller zu klopfen. Duo hatte vorhin gesagt, dass dieser Fluch jeden getötet hatte der ihm jemals etwas bedeutet hatte. Das bedeutete, dass Duo die Idee, seine Freunde zu schützen nicht erst vor kurzem gekommen war.

Was wenn er sich nur von Heero zurückgezogen hatte weil er befürchtet hatte, dass Heero etwas zustoßen könnte? Was ja immerhin gar nicht so abwegig gewesen war, immerhin hatten sie sich mitten in einem Krieg befunden, da hätte jedem von ihnen jederzeit etwas zustoßen können. Und immerhin, als Heero Wings Selbstzerstörung ausgelöst hatte, hatte es für einige Zeit ja auch so ausgesehen, als wäre genau das geschehen.

Heero keuchte auf als ihm bewusst wurde wie es für Duo ausgesehen haben musste. Obwohl der andere zu diesem Zeitpunkt schon begonnen hatte sich von Heero zurückzuziehen, so war es doch erst eine Woche nachdem Heero von J erfahren hatte, dass Duo keine Missionen mehr mit ihm durchführen wollte. Wenn Duo tatsächlich versucht hatte, Heero zu schützen, so musste er geglaubt haben versagt zu haben. Musste gedacht haben, dass der Fluch einen weiteren Freund getötet hatte.

Mit einem Satz sprang Heero auf die Beine und begann erneut zu rennen. Doch diesmal rannte er in die Richtung zurück aus der er gekommen war. Er musste so schnell wie möglich zurück zu Duo. Er hatte keine Ahnung ob seine Vermutung dass Duo ihn nur schützen wollte richtig war oder nicht – aber selbst die winzige Möglichkeit das es so sein könnte reichte ihm schon.

Denn wenn er Recht hatte, dann hatte er Duo vorhin unglaublich verletzt. Nachdem er den Langhaarigen seit Wochen gelöchert hatte, dass dieser ihm doch endlich erzählen sollte was los war, damit Heero ihm helfen konnte, hatte Duo sich ihm zum ersten Mal geöffnet. Und was hatte Heero getan? Statt sich wie ein Freund zu verhalten und für Duo da zu sein, hatte er ihn angebrüllt und dann einfach stehen gelassen. Schöner Freund war er!

Gott, wenn er doch nur über seine eigenen verletzten Gefühle hätte hinwegsehen können! Wenn er doch nur nachgedacht hätte bevor er gesprochen hätte! Mit Schrecken erinnerte Heero sich an Duos Gesichtsausdruck nachdem Heero ihm diese Gemeinheiten an den Kopf geworfen hatte. Schock, Kummer und Schmerz war deutlich in den großen, violetten Augen zu lesen gewesen, aber Heero war es zu diesem Zeitpunkt egal gewesen.

Nein, nicht egal. Eher das Gegenteil. Es war ihm sogar recht gewesen. Denn Duo hatte ihn verletzt, hatte ihm weh getan, und so hatte Heero ihm diese Verletzung zurückzahlen wollen, hatte ihm genauso wehtun wollen. Und es war ihm gelungen, oh ja. Heero biss sich auf die Lippen und rannte noch ein wenig schneller.

Heero war so in seine Gedanken und Selbstvorwürfe vertieft, dass er noch weniger auf seine Umgebung achtete als auf dem Hinweg. Blind für alles andere rannte er so schnell wie möglich zu Duo zurück. Er achtete nicht auf andere Fußgänger, die ihm Schimpfworte zuriefen wenn er sie anrempelte, und auch das Auto dass ihn nur knapp verfehlte als er eine Straße überquerte bemerkte er kaum. Das alles konnte jetzt kaum unwichtiger für ihn sein.

Endlich, nach weitaus mehr Zeit als ihm lieb war, erreichte Heero Duos Wohnhaus und eilte hinauf in den dritten Stock. Er riss die Türe zu Duos Appartement auf und hetzte hinein. Ein schneller Blick durch das Wohnzimmer zeigte ihm, dass Duo dort nicht war.

Mit zwei großen Schritten war Heero bei der Schlafzimmertür und riss nun auch diese auf. Alles was er in diesen Sekunden denken konnte war, ‚Bitte, bitte, bitte!’ Bitte lass Duo noch da sein. Bitte lass ihn nichts dummes getan haben. Bitte.

Doch Heero hatte Glück. Duo war noch genau da wo er ihn zurückgelassen hatte. Er war an der Wand entlang nach unten gerutscht und saß nun mit ausgestreckten Beinen am Boden, doch ansonsten hatte er sich nicht vom Fleck gerührt. Heero atmete erleichtert auf und kniete sich neben den Langhaarigen.

„Duo?“ fragte Heero besorgt als Duo nicht auf sein Erscheinen reagierte. Ein Blick in Duos Gesicht zeigte ihm dass der Langhaarige mit ausdrucksloser Miene ins Leere starrte, ohne auch nur im Geringsten auf Heeros Anwesenheit einzugehen. Erschrocken griff Heero nach Duos Schultern und schüttelte ihn leicht. „Duo?“

Endlich, nach einem langen Moment der Heero fast wie eine Ewigkeit vorkam, blinzelte Duo und wandte seinen Blick langsam in Heeros Richtung. „Heero?“ fragte er langsam, fast so als könnte er nicht glauben wen er da vor sich sah.

Heero nickte. „Ja.“

Duo starrte ihn noch eine Sekunden lang regungslos an, dann stieß er sich plötzlich vom Boden ab, warf sich auf Heero und schlang seine Arme um dessen Hals. „Du bist zurückgekommen,“ flüsterte Duo so leise, dass Heero es fast nicht hören konnte.

Heero nickte erneut und schloss seine Arme ebenfalls um Duo. „Es tut mir so leid,“ antwortete er. „Es tut mir leid was ich zu dir gesagt habe, Duo. Ich habe es vorher nur nicht verstanden.“

Der Langhaarige fing in Heeros Armen an zu zittern und klammerte sich noch fester an ihn. „Geh nicht weg,“ flüstert Duo mit verzweifelter Stimme. „Lass mich nicht allein! Ich hasse es allein zu sein, aber ich bin immer nur allein! Ich will nicht mehr so allein sein!“

Heero schloss die Augen und drückte Duo an sich. „Ich lass dich nicht allein. Ich verspreche es. Es tut mir so leid, Duo.“

Immer wieder murmelte Heero beruhigende Worte, streichelte Duo über den Rücken und wiegte ihn vor und zurück. Und dann, nach einer guten halben Stunde ließ das Zittern endlich nach. Als Heero hinab auf Duo sah, bemerkte er dass der Langhaarige eingeschlafen war.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, stand Heero mit Duo auf seinen Armen auf und ging hinüber zum Bett. Dort legte er den Langhaarigen auf der Matratze ab, und da Duo selbst im Schlaf seinen Klammergriff nicht gelockert hatte blieb Heero nichts anderes übrig als sich einfach mit dazu zu legen.