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Maxwells Fluch Teil 8 - 11

Kapitel 8 

Heero erwachte am nächsten Morgen mit einem warmen, zufriedenen Gefühl wie er es schon lange nicht mehr verspürt hatte. Eigentlich konnte Heero sich überhaupt nicht daran erinnern so etwas schon einmal gefühlt zu haben. Ohne die Augen zu öffnen seufzte er leicht und ruckelte noch näher an die Wärmequelle heran die neben ihm lag.

Erst Minuten später registrierte Heero wer diese Wärmequelle war. Die Erinnerung an den letzten Abend mit all seinen Höhen und Tiefen brachte ihn dazu ruckartig die Augen zu öffnen und sein Blick fiel direkt in Duos Gesicht. Genauer gesagt, in Duos waches Gesicht.

Der Langhaarige lag ganz ruhig neben Heero und blickte ihn ernst an. Heero blinzelte kurz, dann erwiderte er Duos Blick leicht lächelnd. „Guten Morgen,“ sagte er.

Duo antwortete nicht gleich sondern blickte Heero nur weiter ruhig an. Schließlich öffnete er doch den Mund. „Du bist noch hier,“ sagte er leise.

Heero nickte leicht. „Natürlich. Ich habe es dir schließlich versprochen.“

Duo blinzelte und eine Vielzahl von Emotionen huschte über sein Gesicht - viel zu schnell als dass Heero eine davon erkennen konnte. Irgendwann presste Duo die Augen zusammen und holte tief Luft. „Geh,“ sagte er schließlich mit immer noch leiser Stimme.

Heero blinzelte bestürzt. Duo wollte dass er ging? Doch dann erinnerte er sich an seine Gedanken vom Vortag, seine Theorie was Duos Verhalten ihm gegenüber anging und er fasste sich ein Herz. „Nein,“ erwiderte er fest.

Duo öffnete die Augen und blitzte Heero beinahe so wütend an wie vorher. Doch noch bevor er seinen Mund öffnen und wieder in seine alten Feindseligkeiten verfallen konnte sprach Heero schnell weiter. „Tu es nicht, Duo,“ sagte er ruhig.

Duo runzelte überrascht die Stirn. „Was nicht?“

„Du hattest Recht, weißt du.“

Duo blinzelte verwirrt. „Recht womit?“

Heero lächelte leicht. „Ich habe es wirklich nicht verstanden. Aber jetzt tue ich es. Ich weiß was du mit all dem bezwecken willst,“ erklärte er. „Und es nützt nichts mehr. Du wirst mich nicht vertreiben können, egal was du mir auch an den Kopf wirfst.“

Duo runzelte die Stirn und öffnete den Mund doch Heero ließ ihn wieder nicht sprechen. „Du willst mich schützen, hab ich Recht?“ fragte Heero leise.

Als Duos Augen sich vor Erstaunen weiteten lächelte Heero leicht. Er hatte also tatsächlich Recht gehabt. Er hatte gar nicht gemerkt wie sehr er deswegen unter Anspannung gestanden hatte. Aber jetzt, nachdem Duos überraschte Augen ihm die Bestätigung gaben die er sich so sehnlichst gewünscht hatte fiel ihm ein riesiger Stein vom Herzen.

„Duo...“ begann Heero ermutigt durch die Gewissheit dass er sich nicht geirrt hatte, doch dann biss er sich auf die Zunge. Er wusste nicht genau wie er dieses Thema angehen sollte. Doch er musste es ansprechen wenn er wirklich genau verstehen wollte was in Duo vorging. „Glaubst du wirklich dass ein Fluch auf dir liegt?“

Duo sah ihn einen Moment stumm an, die Augen immer noch weit aufgerissen. Dann seufzte er tief. „Was soll ich denn sonst denken?“

Heero erwiderte Duos Blick ernst. „Mir wurde beigebracht dass es für alles eine logische Erklärung gibt. Dass es für alles eine Lösung gibt, man muss nur danach suchen.“

„Und welche logische Erklärung findest du für mein Leben?“ flüsterte Duo und presste die Augen zusammen. „Welche Lösung erklärt warum jeder Mensch der mir nahe stand sterben musste? Schicksal? Pech?? Zufall???“ Duo öffnete die Augen wieder und lachte bitter. „Heero, denk doch mal nach. Im letzten halben Jahr sind vier Menschen gestorben die ich kannte, zwei davon standen mir sehr nahe. Und ein fünfter wurde so schwer verletzt dass er ebenfalls in Lebensgefahr schwebt. Hältst du das alles wirklich für ZUFALL???“

„Ich...“ begann Heero, verstummte dann jedoch. Duo hatte da nicht ganz Unrecht, das war etwas worüber er genauer nachdenken musste. Doch das musste warten bis später.

„Und selbst wenn es sich nur um Zufälle handelt,“ sprach Duo weiter, „Ich will kein Risiko eingehen. Ich... ich kann nicht noch einen Freund verlieren. Ich dachte wirklich ich könnte endlich ein normales Leben führen, aber scheinbar hab ich mir zuviel erhofft. Das hier ist etwas was ich tun MUSS, Heero.“

„In Ordnung,“ erwiderte Heero. „Dann bleiben wir eben hier. Solang bis du dich anders entscheidest. Und sieh mich nicht so an. Ich weiß was du sagen willst, aber ich werde nicht gehen.“

„Ich...“ begann Duo und schluckte trocken. „Aber du MUSST gehen.“

„Nein.“ Heero schüttelte den Kopf.

„Bitte!“ flehte Duo. „Heero, bitte!“ Er griff nach Heeros T-Shirt und seine Hand krampfte sich um den Stoff.

„Duo, ich lass dich nicht allein!“ Heero streckte seine Hand aus und legte sie auf Duos Unterarm. „Und das willst du doch auch gar nicht. Allein sein. Das hast du gestern gesagt.“

Duo biss sich auf die Unterlippe. „Ich weiß dass ich das gesagt habe,“ antwortete er schließlich leise. „Aber ich kann das nicht von dir verlangen. Ich...“

„Doch, Duo,“ unterbrach Heero ihn. „Schließlich zwingst du mich nicht hier zu bleiben, oder? Ich WILL dir helfen.“

„Aber was wenn dir was passiert?“ Duo biss sich erneut auf die Lippe. „Was wenn der Fluch dich auch trifft? Das könnte ich nicht ertragen...“ Duos Stimme war nur noch ein Flüstern.

Heero streckte beide Arme aus und zog Duo dicht an sich. „Das wird er nicht. Mir wird nichts passieren. Du weißt doch, ich bin nicht so leicht zu töten.“

„Aber...“ murmelte Duo an Heeros Schulter.

„Duo,“ unterbrach Heero ihn. „Willst du wirklich dass ich gehe? Dass ich dich allein lasse? Sei bitte ehrlich. Wenn es wirklich das ist was du willst und nicht nur dein Wunsch mich zu schützen, dann werde ich es tun. Also, willst du es?“

Für einen langen Augenblick blieb Duo stumm und rührte sich auch sonst nicht. Dann jedoch schlang er die Arme um Heero, klammerte sich mit aller Kraft an ihm fest und flüsterte, „Nein.“

Heero stieß die Luft die er gespannt angehalten hatte wieder aus. Für eine Sekunde hatte er befürchtet, dass Duo ja sagen und ihn endgültig fortschicken würde. Doch nun hatte er die Chance bekommen auf die er so lange gewartet hatte. Nun würde er endlich seine Freundschaft mit Duo ins Reine bringen können.

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Heero schloss leise die Schlafzimmertür hinter sich, dann trat er rasch an das Vidphone heran. Duo war irgendwann wieder eingeschlafen, die Hände noch immer in Heeros T-Shirt geklammert. Heero vermutete, dass der Langhaarige schon eine ganze Weile vor ihm wach gewesen war, und zusammen mit der doch recht emotionalen Aussprache war es so kein Wunder dass Duo vollkommen erschöpft war.

Schnell wählte er die Nummer aus dem Kopf, dann wartete bis am anderen Ende abgenommen wurde.

„Preventers, Agent Chang,“ meldete sich eine bekannte Stimme.

„Wufei,“ nickte Heero als das Gesicht seines Freundes auf dem Vidphone erschien.

„Heero!“ Wufei starrte ihn überrascht an. „Warum rufst du an?“

„Ich nehme an du hast von Quatre gehört,“ sagte Heero.

Wufei nickte grimmig. „Ja. Die Preventer untersuchen den Fall. Quatre ist immerhin ein wichtiger Mann der Kolonien. Dieser Anschlag kann alle möglichen Ursachen haben - politische, geschäftliche. Private.“

Heero nickte. „Das dachte ich mir. Deshalb rufe ich an.“ Heero zögerte einen Moment, dann gab er sich einen Ruck. „Weißt du wie es ihm geht? Ist er schon aus dem OP raus?“

Wufei sah ihn einen Moment prüfend an. „Wieso rufst du nicht Trowa an und fragst ihn direkt?“

Heero seufzte und sah zur Seite. „Ich denke nicht dass Trowa im Moment mit mir sprechen würde.“

Wufei schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht genau was zwischen euch vorgefallen ist - Trowa hat sich ebenfalls ausgeschwiegen - aber ihr solltet das klären.“ Dann seufzte er und fuhr fort, „Quatre hat die OP soweit gut überstanden. Im Moment liegt er noch im Koma. Erst nachdem er aufgewacht ist werden wir wissen ob es irgendwelche permanenten Schäden gibt oder nicht.“

„Danke.“ Heero senkte den Kopf kurz. Wufeis Nachricht über Quatres Zustand war zwar nicht so gut, aber bei weitem auch nicht so schlimm wie sie hätte sein können.

„Aber zurück zu dem Grund weshalb ich anrufe,“ sagte Heero schließlich und blickte Wufei wieder direkt an. „Du hast doch sicherlich die Leitung der Untersuchung, oder? Habt ihr schon etwas herausgefunden?“

Wufei zögerte kurz. „Du weißt dass ich dir keine Auskunft geben darf, Heero. Aber ja, ich habe die Leitung der Untersuchung des Anschlags. Commander Une hat darauf bestanden, genauso wie ich selbst.“

Heero warf Wufei einen sarkastischen Blick zu. „Du weißt doch sicherlich dass ich jederzeit an die Informationen kommen kann wenn ich es will, oder?“

Wufei seufzte. „Heero... ach verdammt. Ist die Leitung sicher?“

Heero nickte. Das war das erste was er getan hatte bevor er dieses Vidphone das erste Mal benutzt hatte - ein Überbleibsel aus dem Krieg das Heero sich noch nicht abgewöhnt hatte.

„In Ordnung,“ sagte Wufei. „Wir haben noch nicht viel. Außer dass es ein Profi war. Die Bombe war äußerst geschickt angebracht und wäre außer bei der allerpenibelsten Durchsuchung nicht gefunden worden. Außerdem war die Bombe selbst ein kleines Kunstwerk. Ich kenne kaum jemanden der so etwas bauen könnte. Die Liste der Verdächtigen ist äußerst kurz.“

Heero nickte. „Das dachte ich mir. Wer immer der Kerl ist, er muss gut sein wenn er an Trowa und den Manguanacs vorbeigekommen ist.“

„Heero, ich -“

„Wufei,“ unterbrach Heero ihn. „Ich habe eine Bitte an dich.“

„Worum geht es?“

„Ich weiß es klingt vielleicht seltsam, aber könntest du vielleicht die Berichte von Hildes und Howards Tod noch einmal durchgehen?“ Heero sah Wufei ernst an. „Such nach Unregelmäßigkeiten, Dingen die nicht erklärbar sind, die nicht zusammen passen, irgendwas.“

Wufei warf ihm einen eigenartigen Blick zu. Dann sagte er, „Heero... es ist seltsam dass du mich das fragst... denn genau das habe ich bereits getan.“

„Was?“ Heero runzelte die Stirn. „Aber warum?“

Wufei seufzte. „Es wird dir nicht gefallen.“

Heeros Stirnrunzeln vertiefte sich. „Sag schon.“

„Die kurze Liste von Verdächtigen von der ich vorhin sprach,“ antwortete Wufei. „Es gibt einen Namen der ganz weit oben steht.“

„Und wer ist das?“

„Duo.“

Heero erstarrte. „Nein,“ schüttelte er den Kopf.

„Heero, ich weiß was du denkst, aber -“ begann Wufei.

„Nein,“ unterbrach Heero ihn. Er fühlte wie eine eisige Hand nach ihm griff. Wufei verdächtigte Duo? Das war absurd. Das war ungeheuerlich. Das war... „Das ist unmöglich.“

„Heero -“

„Nein!“ Heero sandte Wufei einen Deathglare zu. „Duo kann es nicht gewesen sein. Ich bin ihm seit vier Wochen nicht für eine Minute von der Seite gewichen. Er hatte gar nicht die Möglichkeit dazu. Geschweige denn von einem Motiv.“

„Duo ist bei dir?“ fragte Wufei überrascht.

Heero nickte kurz. Offenbar hatten weder Quatre noch Trowa Wufei erzählt dass Heero in seiner Suche erfolgreich gewesen war.

„Das ist gut,“ fuhr Wufei fort. „Hör zu Heero -“

„Ich werde ihn dir nicht ausliefern,“ unterbrach Heero ihn kalt.

„Verdammt noch mal Heero, lass mich gefälligst endlich mal ausreden!“ rief Wufei aufgebracht. „Ich will nicht dass du ihn auslieferst!“

Heero blinzelte verblüfft.

„Denkst du wirklich dass ICH glaube dass Duo der Täter ist?“ Wufei lehnte sich vor und Heero konnte sehen dass der Preventer von dieser Annahme verletzt war. „Diese Liste ist nicht auf meinem Mist gewachsen, Heero! Aber ich bin nun mal leider nicht der einzige Preventer der an Quatres Fall arbeitet. Dazu ist die Sache viel zu groß. Und als die Namen von denjenigen genannt wurden die in der Lage wären eine solche Bombe zu bauen war Duos Name nun einmal dabei.“

„Aber er war es nicht,“ wiederholte Heero stur.

„Ich weiß!“ rief Wufei frustriert. „Und ich tue wirklich alles um das zu beweisen. Doch darum geht es im Moment nicht.“

„Ach?“ machte Heero. „Worum denn dann bitteschön?“ Er konnte sich im Moment wirklich nichts wichtigeres vorstellen als Duos Name von diesen Verdächtigungen reinzuwaschen.

„Hast du es schon vergessen?“ Wufei starrte ihn ungläubig an. „Du selbst hast mich doch vorhin darauf angesprochen. Du wolltest dass ich mir die Berichte von Hildes und Howards Tod ansehe. Nun, das hab ich. Und ich glaube nicht dass es Unfälle waren.“

Heero merkte auf. „Was?“

Wufei nickte grimmig. „Bei Hildes Tod kann ich nicht wirklich sicher sein. Die Todesursache war ein Genickbruch, aber den kann sie sich auch bei dem Sturz vom Schrotthaufen zugezogen haben bevor sie unter dem Schrott begraben wurde. Das ganze ist nur - zu glatt, wenn du verstehst was ich meine.“

Heero nickte. Er verstand sehr gut was Wufei meinte.

„Bei Howard jedoch,“ fuhr Wufei fort, „war eindeutig Sabotage am Werk.“

„Was?“ fragte Heero. „Warum erfahre ich das erst jetzt? Bis jetzt war niemals von Sabotage die Rede.“

„Es hat eine ganze Weile gedauert bis es festgestellt worden ist,“ antwortete Wufei. „Und danach ist der Fall an die Preventer übergeben worden - nicht an mich, leider - weshalb nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Die Sabotage war sehr geschickt durchgeführt. Die Steuerung des Shuttles mit dem Howard und sein Pilot verunglückt sind ist manipuliert worden. Die beiden haben den Asteroiden gar nicht ausweichen können.“

„Verdammt,“ murmelte Heero.

„Das kannst du laut sagen,“ erwiderte Wufei. „Bei Hildes Tod hat die Polizei eine mögliche Beteiligung von Duo untersucht. Immerhin, er war der Nutznießer von ihrem Tod, er hat ihren Anteil des Schrottplatzes geerbt. Aber nachdem er den Schrottplatz zu einem Bruchteil seines eigentlichen Wertes verkauft hat ist diese Theorie ziemlich schnell in sich zusammengefallen. Hildes Tod sah aus wie ein Unfall, Duo hatte kein Motiv, also wurde der Fall abgeschlossen.“

„Duo hat mir gar nicht erzählt dass er verdächtigt worden ist,“ sagte Heero.

„Ich bezweifle dass er es weiß,“ antwortete Wufei. „Die Ermittlungen wurden derart schnell abgeschlossen dass Duo wahrscheinlich nichts davon mitbekommen hat. Bei Howards Tod sah es zunächst ein wenig anders aus. Duo hat dadurch nichts gewonnen, also wurde in seine Richtung nicht ermittelt. Jetzt mit dem Anschlag auf Quatre jedoch...“ Wufei seufzte. „Duos Beteiligung an Howards Tod wird noch einmal geprüft.“

Heero schnaubte abfällig. „Oh bitte,“ sagte er. „Wir beide wissen genau, wenn Duo wirklich für all das verantwortlich wäre, dann hätte niemand jemals herausgefunden dass es Sabotage war. Wenn er vorgehabt hätte Quatre mit einer Bombe zu töten, dann wäre dieser jetzt tot.“

„Ich stimme dir zu,“ sagte Wufei. „Aber bis ich das beweisen kann muss ich die Ermittlungen nun mal auch in diese Richtung führen. Aber Heero, ich mache mir keine Sorgen was das angeht. Früher oder später werde ich beweisen dass Duo nichts mit all dem zu tun hat. Aber das lässt dann eine andere Frage offen.“

„Wer steckt dann dahinter?“ stellte Heero genau diese Frage.

Wufei nickte. „Ganz genau. Ich nehme mal an, du hast dir schon so einige Gedanken gemacht, sonst hättest du mich nicht darum gebeten Hildes und Howards Tod noch einmal unter die Lupe zu nehmen.“

„Ja,“ sagte Heero. „Es war etwas was Duo gesagt hat. Er meinte, es könnte doch kein Zufall sein dass vier Leute die er kennt in so kurzer Zeit gestorben sind.“

„Woran denkst du?“ fragte Wufei.

„Das jemand hinter Duo her ist,“ erwiderte Heero grimmig. „Was wenn diese Anschläge nicht Hilde oder Howard gegolten haben, sondern Duo? Was wenn es nur zufällig die beiden erwischt hat?“

Wufei legte den Kopf schief und dachte eine Sekunde nach. „Das deckt sich mit meiner Theorie. Bis auf die Tatsache dass ich nicht denke, dass der Täter nur hinter Duo her ist. Das würde sonst den Anschlag auf Quatre nicht erklären. Aber was wenn er hinter uns Gundam Piloten her ist? Irgendjemand aus dem Krieg, ein Gegner, ein Opfer, ein Überlebender der sich jetzt an uns rächen will.“

Heero überlegte einen Moment. An diese Möglichkeit hatte er noch gar nicht gedacht. Er hatte sich nur Sorgen um Duo gemacht, an seine eigene Sicherheit hatte er keinen einzigen Gedanken verschwendet.

„Deshalb bin ich froh dass Duo bei dir ist,“ fuhr Wufei fort. „Quatre und Trowa stehen im Moment unter strenger Bewachung sowohl durch die Manguanacs als auch die Preventer. Ich bin ebenfalls geschützt - Une hat mich im Preventers Hauptquartier einquartiert und mir wurde befohlen nirgends allein hinzugehen. Duo und du, ihr seid beide untergetaucht. Von dir wusste ich durch Quatre und Trowa dass es dir gut geht. Nur über Duo wusste ich nichts. Ich denke ihr solltet solange untergetaucht bleiben bis die ganze Sache geklärt ist und wir den Mistkerl geschnappt haben. Solang keiner weiß wo ihr seid kann er euch nichts antun.“

„In Ordnung,“ nickte Heero. Das deckte sich hervorragend mit seinen Plänen. Er hatte sowieso nicht vorgehabt irgendjemandem zu sagen wo er und Duo sich aufhielten - nicht wenn diese Idioten bei den Preventers nichts besseres zu tun hatten als ausgerechnet Duo für den Hauptverdächtigen bei all diesen Anschlägen zu halten. Heero konnte sich nur zu gut vorstellen was es Duo antun würde wenn er erführe dass man ihn in Verdacht hatte. Das würde er nicht zulassen.

„Ich werde selbst ein paar Ermittlungen durchführen,“ wandte Heero sich wieder an Wufei. „Wenn ich was rausfinde sage ich dir bescheid.“

„Gut,“ nickte Wufei. „Ich würde dich ja auf dem Laufenden halten, aber es ist besser wenn ich nichts habe womit man dich aufspüren könnte - keine Telefonnummer, keine Emailadresse.“

„Ich werde mich bei dir melden,“ beantwortete Heero die unausgesprochene Aufforderung und beendete das Gespräch. Danach saß er noch lange Zeit vor dem ausgeschalteten Vidphone und dachte nach.



Kapitel 9

Als sich die Tür zum Schlafzimmer schließlich öffnete saß Heero bereits seit über einer Stunde über sein Notebook gebeugt. Nachdem er eine Ewigkeit, wie es schien, nachgedacht hatte, war er zu dem Entschluss gekommen dass er genauere Informationen benötigte. Und so wie er es Wufei vorhin schon gesagt hatte, hatte er sich kurzerhand Zugriff zum Preventers Network verschafft und sich die Akten zu den jeweiligen Fällen besorgt.

Heero hob den Kopf und schmunzelte leicht als er sah wie Duo gähnend und mit zerzausten Haaren aus dem Schlafzimmer geschlurft kam. Der Langhaarige wirkte einfach zu niedlich in diesem Zustand. Wie ein unschuldiges Kind und so gar nicht wie der junge Mann der in seinem Leben schon mehr gesehen und getan hatte als die meisten dreimal so alten Menschen.

„Guten Morgen,“ sagte Heero.

Duo hob ruckartig den Kopf und starrte Heero eine Sekunde lang ausdruckslos an, und Heero begann schon zu befürchten, dass sich trotz der Gespräche und der Fortschritte, die sie beide in den letzten Stunden gemacht hatten, nichts geändert hätte. Doch dann erhellte sich Duos Gesichtsausdruck und ein zögerndes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.

„Guten Morgen,“ antwortete Duo, das Lächeln noch immer auf den Lippen.

Heero stieß die angehaltene Luft wieder aus. Wenn Duo jetzt wieder in seine ablehnende Verhaltensweise zurückgefallen wäre, er hätte nicht gewusst was er tun sollte. Doch glücklicherweise war das nicht geschehen, und so stand Heero auf und ging hinüber zur Küchenzeile.

„Hast du Hunger?“ fragte er.

Duo, der ihm langsam gefolgt war, grinste leicht. „Wann hab ich das nicht?“

Heero lächelte, froh über diesen riesigen Fortschritt in Duos Verhalten, dann machte er sich daran das Frühstück zuzubereiten. Zur Feier des Tages - er konnte es nicht ändern, aber Heero war einfach nach feiern zumute jetzt da Duo ihn endlich akzeptierte - beschloss Heero, erneut die Omeletts zu machen, die er an seinem ersten Morgen hier zubereitet hatte. Nach einem kurzen Zögern schloss sich Duo ihm an und half ihm so gut das in der winzigen Küche ging. So hatten sie das Frühstück innerhalb kürzester Zeit fertig und da in der Küche nicht genügend Platz war setzten sie sich zum Essen auf das Sofa.

„Mhm, das schmeckt einfach lecker,“ sagte Duo während er die Omeletts geradezu hinunter schlang. „Wo hast du gelernt so gut zu kochen? Das wollte ich dich schon lange fragen.“

Heero lächelte leicht während er sein Omelett wesentlich langsamer zu sich nahm. „Ich hatte es satt von Mikrowellengerichten zu leben,“ antwortete er. „Also hab ich ein paar Kochkurse belegt. Und nachdem ich das Prinzip begriffen hatte war der Rest einfach.“

Duo hob den Blick und starrte Heero mit schiefgelegtem Kopf an.

„Was ist?“ fragte Heero ein wenig verunsichert.

„Ich versuch mir nur gerade dich in einem Kochkurs vorzustellen,“ antwortete Duo.

Heero zuckte mit den Schultern. „So schwierig war es gar nicht. Der Leiter des Kurses war sogar ziemlich begeistert von meinen Fähigkeiten mit dem Messer,“ fügte er mit einem Schmunzeln hinzu.

„Glaub ich gern,“ grinste Duo. „Ob er wohl noch immer so begeistert gewesen wäre wenn er gewusst hätte warum du so gut mit einem Messer umgehen kannst?“

„Wahrscheinlich nicht,“ antwortete Heero mit einem traurigen kleinen Lächeln. „Deshalb hab ich auch nicht meinen richtigen Namen angegeben. Ich wollte der Reaktion der Leute aus dem Weg gehen.“

Duo nickte verstehend und rührte mit der Gabel in den Omelettresten auf seinem Teller. „Heero,“ sagte er schließlich leise. „Kann ich dich was fragen?“

„Natürlich,“ nickte Heero.

„Warum...“ Duo hob den Kopf und blickte ihn direkt an. „Warum bist du nach dem Krieg einfach verschwunden? Ohne einem von uns zu sagen wohin oder uns einfach mal zu kontaktieren?“

Jetzt war es an Heero den Kopf zu senken und mit der Gabel in seinem Essen zu rühren. „Ich... ich wusste einfach nicht was ich tun sollte nach dem Krieg,“ antwortete er schließlich. „Der Rest von euch... Ihr schient so genau zu wissen was aus euch werden sollte, was ihr mit dem Rest eures Lebens anfangen wolltet. Ich wusste das nicht. Ich weiß es eigentlich immer noch nicht. Ich hab nie etwas anderes gelernt als Soldat zu sein - und jetzt bin ich nutzlos. Ich wollte einfach... Ich hab einfach Zeit gebraucht um mich selbst zu finden. Auch wenn das albern klingt.“

„Das klingt nicht albern,“ antwortete Duo. „Ich versteh dich gut. Mir ging es nicht anders.“

Heero runzelte die Stirn. „Aber was war mit Hilde und dem Schrottplatz?“

Duo seufzte. „Ich hatte nicht vor ewig Schrotthändler zu bleiben,“ sagte er. „Ich wusste nach dem Krieg nicht wohin, und Hilde-“ Duos Stimme stockte bei dem Namen, „hat mir einen Platz zum bleiben angeboten, solang bis ich mir im klaren darüber wäre, was ich denn von meinem Leben wollte. Ich hab ihr unter die Arme gegriffen so gut es ging, finanziell und indem ich auf dem Schrottplatz geholfen habe. Wir haben beide von dieser Abmachung profitiert, Hilde weil sie einen leichteren Start hatte und ich, weil ich einen Platz zum bleiben hatte. Aber früher oder später hätte ich mich für irgendeinen anderen Job entschieden, das wussten wir beide.“

„Oh,“ machte Heero. Er hatte nicht gewusst dass Duo sich nach dem Krieg ebenso verloren gefühlt hatte wie er selbst. Wenn er es gewusst hätte, dann hätte er vielleicht... nun, irgendwas. Vielleicht wenn sie sich gemeinsam auf die Suche nach irgendeiner Aufgabe gemacht hätten...

„Aber das ist jetzt sowieso alles egal,“ fügte Duo düster hinzu und unterbrach so Heeros Gedankengang.

Heero hob den Kopf. „Duo,“ sagte er zögernd. „Ich muss dir etwas sagen.“

Duo hob den Kopf und blickte ihn an. „Was denn?“ fragte er, und seine Stimme klang äußerst angespannt.

„Es ist wegen Hildes und Howards Tod,“ antwortete Heero. „Du hattest Recht. Das waren keine Zufälle.“

„Was?“ Duo blickte ihn verwirrt an. „Was meinst du damit?“

„Naja, du hast doch gesagt, dass es kein Zufall sein könne dass in so kurzer Zeit so viele Menschen die du kennst tödlich verunglücken,“ erwiderte Heero. „Und das hat mir zu denken gegeben. Ich hab Wufei angerufen und ihn gebeten, sich die Unfallberichte von Hildes und Howards Tod noch einmal anzusehen.“

„Was... was willst du damit sagen?“ stammelte Duo und zitterte leicht.

Heero holte tief Luft. „Bei Hilde sind wir uns nicht sicher, aber Howards Tod war eindeutig kein Unfall. Jemand hat nachgeholfen.“

„WAS?“ Duo hatte offenbar völlig vergessen dass er noch einen Teller auf den Knien hatte, denn er sprang auf und starrte ungläubig auf Heero hinab. Glücklicherweise war der Teller inzwischen leer und aus massiven Porzellan, so dass er nicht zerbrach. „Jemand... jemand hat Howard - umgebracht?“ Duo zitterte jetzt am ganzen Körper.

Heero stellte seinen Teller auf dem Wohnzimmertisch ab, stand auf und legte seine Arme auf Duos Schultern. „Duo,“ sagte er beruhigend. „Setz dich bitte.“ Er drückte den Langhaarigen wieder auf das Sofa hinab. Dann setzte er sich neben Duo und sah ihm ernst in die Augen. „Ja, Duo. Irgendjemand hat Howard umgebracht. Das Shuttle mit dem er unterwegs war wurde manipuliert. Howard hatte keine Chance.“

Obwohl Duo sich widerstandslos von Heero hatte hinsetzen lassen, hatte sein Zittern nicht nachgelassen. Mit jedem von Heeros Worten wurde es immer stärker, und schließlich zitterte er so stark, dass Heero richtig Angst bekam. Schnell streckte er die Arme aus, zog den Langhaarigen an sich und streichelte ihm beruhigend den Rücken auf und ab. Duo schlang ebenfalls beide Arme um Heeros Taille und krallte sich regelrecht an ihm fest.

Nach einer Zeit die Heero wie die Ewigkeit vorkam sprach Duo schließlich wieder. „Warum?“ sagte er, das Gesicht an Heeros Schulter vergraben. Als Heero nicht gleich antwortete, hob Duo den Kopf und blickte Heero aus wütenden Augen an. Ganz entgegen Heeros Befürchtung hatte Duo offenbar nicht geweint, denn seine Augen waren weder rot und verquollen, noch konnte Heero irgendwelche Tränenspuren entdecken.

„Warum sollte irgendjemand Howard töten wollen?“ wiederholte Duo seine Frage.

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Heero. „Wir wissen noch nicht einmal, ob wirklich Howard das Ziel dieses Anschlags gewesen ist.“

„Was?“ fragte Duo verblüfft und lehnte sich zurück, um Heero besser sehen zu können. „Was meinst du damit?“

Heero seufzte und ließ Duo zögernd los. „Wufei und ich haben eine Theorie. Wir sind der Meinung dass all diese ‚Unfälle’ und Anschläge zusammenhängen. Wir denken dass dort draußen irgendjemand ist, der es auf uns alle abgesehen hat.“

„Auf... auf uns abgesehen?“

Heero nickte. „Wufei ist der Meinung dass irgendjemand aus dem Krieg noch eine alte Rechnung mit uns zu begleichen hat. Und dass wer auch immer es ist uns einen nach dem anderen aus dem Weg schaffen will.“

„Aber... aber warum dann Hilde?“ fragte Duo und schüttelte den Kopf. „Warum Howard?“

Heero zuckte mit den Achseln. „Hilde und Howard haben uns beide geholfen. Sie haben mit uns zusammengearbeitet. Möglich dass das als Grund ausgereicht hat. Oder...“

„Oder was?“ fragte Duo als Heero zögerte.

„Oder diese beiden Anschläge galten nicht Hilde und Howard sondern...“

„Sondern mir.“ Duo starrte Heero mit weit aufgerissenen Augen an. „Sie galten mir.“

„Das ist nicht sicher, Duo,“ warf Heero schnell ein. „Und selbst wenn, es ist trotzdem nicht deine Schuld.“

Duo nickte, sagte aber nichts. Nach einiger Zeit räusperte er sich schließlich. „Und was sollen wir jetzt tun?“

„Wufei und die Preventer sind an dem Fall dran,“ erwiderte Heero. „Bis sie genaueres wissen werden Quatre, Trowa und Wufei streng bewacht. Und wir beide bleiben am besten hier. Hier kennt uns keiner, und niemand weiß wo wir sind. So sind wir am sichersten. Du hast - unbewusst - genau das richtige getan als du geflohen bist.“

Duo nickte wieder und kaute nervös auf seiner Unterlippe herum. „Hast du... hast du schon von Quatre gehört?“

Heero nickte. „Er hat die OP soweit gut überstanden. Sobald er aufwacht wissen wir mehr.“

Duo lächelte Heero leicht an. „Danke,“ flüsterte er.

Heero erwiderte das Lächeln. Er konnte gut nachvollziehen wie erleichtert Duo über diese Nachricht sein musste. Ihm selbst war es vor wenigen Stunden nicht anders gegangen.

Schließlich räusperte Duo sich und sagte, „Also, was genau werden wir jetzt tun?“

Heero runzelte die Stirn. „Das habe ich doch schon gesagt. Wir beide bleiben bis auf weiteres hier, bis sich die Situation geklärt hat.“

Duo hob eine Augenbraue. „Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen wollen, dass wir nur hier rumsitzen und Däumchen drehen werden, oder? Dieser Mistkerl hat vier Menschen - vier Freunde - getötet und einen schwer verletzt. Und er hat es auf uns abgesehen. Der Heero den ich kenne würde niemals einfach so dasitzen und warten bis der Killer zu ihm kommt.“

Heero spürte wie sein Gesicht warm wurde. Er hätte nicht gedacht, dass Duo ihn so gut kannte. „Nun, ich hab tatsächlich nicht vor einfach abzuwarten,“ antwortete er Duo. „Ich hab mir hier die Akten der Fälle besorgt. Ich dachte, es könnte nicht schaden wenn wir beide sie durchgehen. Vielleicht fällt uns ja etwas auf was die Preventer übersehen haben.“

Duo verzog seinen Mund zu einem spöttischen Grinsen. „Wufei hat dir tatsächlich einfach so die Akten überlassen?“

Heero grinste. „Ich habe nie gesagt dass ich die Akten von Wufei habe.“

Duo lachte auf, und bei diesem Geräusch konnte Heero ein glückliches Lächeln nicht unterdrücken. Es war einfach wunderbar Duo wieder lachen zu hören - Duo war einfach nicht geschaffen für Traurigkeit, Kummer und Ärger. Nein, zu Duo gehörten nur Gefühle wie Glück, Freude und Heiterkeit, und Duos Lachen war für Heero das schönste Geräusch der Welt.

Begleitet von Duos leisem Glucksen druckte Heero die Akten die er sich vorher besorgt hatte aus und reichte die Hälfte davon Duo. Schon bald saßen sie beide über die Papiere gebeugt da, die Stille nur ab und zu von Duos Gemurmel unterbrochen.

Da Heero es vermeiden wollte dass Duo herausfand, wen die Preventer verdächtigten, hatte er peinlich genau darauf geachtet, diesen Teil der Untersuchungsergebnisse nicht herunterzuladen. Aus dem selben Grund hatte er auch Duo die Akten des Anschlags auf Quatre gegeben und brütete selbst über den Fällen von Hildes und Howards Tod. Er befürchtete, dass es Duo zu sehr mitnehmen würde wenn er jetzt Autopsieberichte über zwei Menschen lesen müsste, die dem Langhaarigen offenbar sehr nahe gestanden haben.

Irgendwann seufzte Duo schließlich tief, warf die Papiere die er gerade studiert hatte auf den Wohnzimmertisch und lehnte sich ins Sofa zurück. Heero hob den Kopf und blickte ihn fragend an.

„Quatre hat verdammtes Glück dass er noch lebt,“ sagte Duo als er Heeros forschenden Blick bemerkt. „Diese Bombe ist das Werk eines verdammten Profis. Wahrscheinlich ist der Kerl im Moment ziemlich angepisst weil sein Ziel noch lebt. Ich wette er ist es ganz und gar nicht gewöhnt zu versagen.“

„Meinst du?“ fragte Heero.

„Das er ein Profi ist?“ Duo legte den Kopf schief und sah Heero mit einem schiefen Grinsen an. „Hundertpro. Was das andere angeht, das sind nur Vermutung. Ich geh nur davon aus wie ich mich fühlen würde an seiner Stelle.“

„Hn,“ machte Heero, bemühte sich aber seinem Gesicht nichts anmerken zu lassen. Duo kam der Theorie der Preventers viel zu nahe für Heeros Geschmack.

„Was ich nur nicht verstehe...“ murmelte Duo und fing an in den Blättern auf dem Tisch zu wühlen.

„Was ist?“ fragte Heero neugierig.

„Naja, die Preventers sollten doch aufgrund der Bombe zumindest ein paar Verdächtige haben,“ erwiderte Duo während er weiterwühlte. „Ich meine, dass Ding ist nicht etwas, was jedermann bauen könnte. Ehrlich gesagt wüsste ich außer mir selbst im Moment so auf die Schnelle niemanden der das könnte.“

Heero riss die Augen auf und starrte Duo entsetzt an. Verdammt, Duo kam der Theorie der Preventers definitiv viel zu nahe! Vielleicht hätte er dem Langhaarigen doch lieber die Akten zu Hildes und Howards Fall überlassen sollen!

In diesem Moment drehte Duo den Kopf um Heero anzublicken - anscheinend hatte er irgendeine Reaktion aus Heeros Richtung erwartet, und als diese nicht kam war er neugierig geworden - und Heero beeilte sich wieder einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Doch offenbar war er nicht schnell genug.

„Heero?“ fragte Duo besorgt und setzte sich aufrechter hin. „Was ist los?“

„Nichts,“ antwortete Heero.

„Das hat eben aber nicht nach ‚nichts’ ausgesehen,“ erwiderte Duo. „Weswegen warst du so entsetzt? Hab ich irgendwas gesagt?“

„Nein,“ sagte Heero und wich Duos Blick aus. „Wie kommst du darauf? Du irrst dich.“

Duo studierte Heero mit schiefgelegtem Kopf und besorgtem Blick. „Nein, ich irre mich nicht. Was ist los, Heero? Ich hab doch nur gesagt...“ Mit einem Mal wurde Duo stocksteif. Seine Augen weiteten sich und sein Gesicht verlor alle Farbe. „Oh mein Gott,“ flüsterte er und starrte Heero mit fassungslosem Blick an. „Das ist genau was die Preventer denken, nicht war? Sie denken dass ICH...“

„Duo...“ begann Heero, doch der Langhaarige schien ihn gar nicht zu hören.

„Sie denken dass ICH...“ Duo rang nach Atem. „... Quatre umbringen wollte. Dass ICH die Bombe gebastelt habe!“

Heero rutschte auf dem Sofa schnell näher an Duo heran. „Duo, bitte nimm dir das nicht so sehr zu Herzen,“ sagte er eindringlich.

Duo hob den Kopf und blickte Heero aus feuchtschimmernden Augen an. „Wie können sie das nur glauben?“ flüsterte er. „Wie können sie denken, ICH würde Quatre töten wollen?“

Heero packte Duo an den Schultern und schüttelte ihn leicht. „Duo, sie kennen dich nicht. Keiner der dich kennt könnte jemals annehmen, dass du Quatre etwas antun würdest! Du stehst zwar auf der Liste der Verdächtigen, aber Wufei weiß dass du nichts damit zu tun hast! Er ist gerade dabei das zu beweisen! Das dauert bestimmt nicht mehr lange, du wirst schon sehen!“

Duo starrte Heero noch eine Weile mit einem derart hilflosen Blick an, dass Heero am liebsten losgezogen wäre und jemandem wehgetan hätte dafür dass Duo jetzt so leiden musste. Vorzugsweise diesen Idioten bei den Preventers die darauf bestanden dass Duo ein Verdächtiger war. Doch dann schluckte Duo zweimal trocken, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und seufzte tief.

„In Ordnung,“ sagte er schließlich, und obwohl seine Stimme noch immer leicht schwankte schien sich der Langhaarige doch soweit gefasst zu haben.

„Wirklich?“ fragte Heero und blickte ihn besorgt an.

Duo nickte. „Ich bin ok,“ versicherte er Heero. „Lass uns weitermachen. Wir haben noch viel zu tun. Es gibt da einen Mistkerl zu schnappen.“ Und damit wandte er sich wieder den Akten zu.



Kapitel 10

„Er ist methodisch,“ sagte Duo, während er hinter dem Sofa auf und ab lief. „Methodisch, und sehr, sehr clever.“

„Hn,“ machte Heero nur, um Duo nicht in dessen Gedankengang zu stören. Sie beide hatten stundenlang die Akten vorwärts und rückwärts gewälzt, bis Duo es schließlich nicht länger ausgehalten hatte still rumzusitzen und aufgesprungen war um im Zimmer umherzugehen.

„Außerdem scheint er ziemlich geduldig zu sein,“ fuhr Duo fort. „Ich meine, er hat jedes Mal mehrere Monate gewartet bevor er sich dem nächsten zugewandt hat. Und vielleicht, wenn Quatre nicht überlebt hätte oder die Sabotage an Howards Shuttle nicht aufgefallen wäre, vielleicht hätte dann niemals jemand einen Zusammenhang zwischen all den Fällen gesehen.“

Heero nickte, machte aber immer noch keinen Versuch Duo irgendwie zu unterbrechen. Im Grunde war das ja auch nicht wirklich ein Gespräch, Duo erwartete gar keine Antworten, sondern er dachte einfach nur laut nach. Heero kannte das noch von früher aus dem Krieg, als sie sich noch zusammen in irgendwelchen Internaten versteckt hatten. Duo hatte damals oft laut nachgedacht - oder gelernt. Es hatte Heero praktisch die Wände hinauf getrieben, aber Duo hatte darauf bestanden dass er so besser denken könne.

„Andererseits scheint er auch schlampig zu sein.“

„Schlampig?“ warf Heero jetzt doch ein. Er hatte diesen Einwand einfach nicht vermeiden können, dazu kam Duos Aussage einfach viel zu überraschend und schien so gar nicht seiner vorherigen Zusammenfassung des Täters zu entsprechen. Immerhin, wie passte ‘methodisch und sehr, sehr clever’ mit ‘schlampig’ zusammen?

Duo blieb in seinen Wanderungen stehen und warf Heero einen Blick zu. „Ja,“ nickte er schließlich.

„Wieso schlampig?“ fragte Heero erneut nach.

Duo zuckte mit den Schultern. „Naja, so raffiniert und geschickt die Bombe an Quatres Limousine auch war - und sie war tatsächlich eine kleine, technische Meisterleistung - so war der Zündmechanismus doch mehr als ungenau. Ich meine, immerhin hat Q ja überlebt, nicht wahr? Klar, für uns ist das gut, aber für unseren Bombenbastler ist das sicherlich sehr frustrierend.“

Als Heero nicht gleich verstehend nickte kam Duo zu ihm rüber und setzte sich wieder auf das Sofa. „Sieh mal,“ fing er an und wühlte in den Papieren. „Er hat einen Zeitzünder benutzt. Er hat offenbar grob die Zeit überschlagen die es braucht den Wagen von der Garage vors Haus zu fahren und jemanden einsteigen zu lassen. Und er hat den Zeitzünder entsprechend programmiert. Aber in dieser Berechnung gibt es einfach viel zu viele Variablen.“

Heero griff sich das Blatt das Duo ihm hinhielt und studierte die Auswertungen der Bombe - beziehungsweise was von ihr übrig geblieben war.

„Was wenn Rashid durch irgendwas aufgehalten worden wäre?“ fuhr Duo fort. „Was wenn Q sich verspätet hätte? Was wenn jemand ganz anderes mit dem Wagen gefahren wäre? Eine von Q’s Schwestern zum Beispiel? Was wenn Rashid den Wagen angelassen, und es sich dann doch anders überlegt hätte? Dann wäre das Ding leer explodiert. Und auch so muss der Bombenleger irgendetwas nicht mit einkalkuliert haben, denn Quatre ist ja immerhin noch am Leben.“

„Er hat sich vorher noch von Trowa verabschiedet,“ warf Heero ein.

„Oh,“ machte Duo, dann huschte ein schnelles Lächeln über sein Gesicht. „Nun, das erklärt dann alles.“

Heero nickte. Genau wie Duo wusste er, dass sich Abschiede zwischen den beiden Turteltauben durchaus hinziehen konnten. Etwas, das ihr mysteriöser Bombenleger offenbar nicht wusste.

„Jedenfalls beweist das nur meine Meinung,“ sagte Duo. „Das war schlampig.“ Duo schüttelte den Kopf missbilligend, so als wäre dadurch sein Ehrempfinden als Bombenexperte verletzt worden.

„Wie hättest du es denn gemacht?“ fragte Heero neugierig.

Duo zuckte mit den Schultern. „Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ich hätte vielleicht einen Sensor unter der Rückbank angebracht, der die Bombe aktiviert sobald sich jemand drauf setzt. Vielleicht noch gekoppelt mit einem Sensor an der Wagentür, damit das Auto auch wirklich geschlossen ist und mein Opfer drin sitzt wenn die Bombe hochgeht. Aber selbst diese Methoden sind noch viel zu unsicher. Was wenn Q die Limousine zum Flughafen geschickt hätte um irgendjemanden abzuholen? Nein, wenn ich wirklich hundertprozentig sicher sein will dass ich mein Opfer auch erwische, dann muss ich in der Nähe bleiben und die Bombe per Fernzünder zünden, sobald ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass das Opfer auch wirklich im Wagen sitzt. Und wenn der Kerl wirklich so gut ist wie seine Bombe es erscheinen lässt, dann muss er das auch wissen.“

„Hn,“ machte Heero und klopfte nachdenklich auf seine Unterlippe. „Das bedeutet also, unser Bombenleger war aus welchen Gründen auch immer nicht in der Nähe als die Autobombe hochging.“

„Dasselbe gilt für Howards Shuttle,“ sagte Duo leise und schloss kurz die Augen. „Gut, bei Raumschiffen die im Weltall unterwegs sind gibt es nicht so viele Möglichkeiten dass dein Opfer überlebt wie auf der Erde - immerhin genügt bereits ein winziges Loch in der Außenhülle. Aber dennoch hat er das Shuttle zwar manipuliert, konnte jedoch nicht sicher sein dass Howard auch wirklich das Shuttle benützt. Er hätte im letzten Moment auch aufgehalten werden und stattdessen George oder irgendeinen anderen Sweeper schicken können. Dann hätte es nicht den erwischt, denn er erwischen wollte. Und wenn er tatsächlich hinter mir her war statt hinter Howie... Nun, dann ist genau das auch eingetreten.“ Duo presste die Augen zusammen und seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Du kannst nicht wissen ob der Kerl eigentlich dich wollte,“ erwiderte Heero und legte seine Hand auf eine von Duos Fäusten. Auch wenn er selbst immer noch der Meinung war, dass diese Anschläge eigentlich Duo gegolten hatten, so wollte er dennoch nicht, dass Duo deswegen Schuldgefühle hatte und sich Vorwürfe machte.

Duo öffnete die Augen wieder und starrte hinab auf Heeros Hand, die auf seiner eigenen lag. Doch obwohl Heero spürte dass eine verräterische Röte in sein Gesicht kriechen wollte, zog er sie nicht weg. Duo wirkte zwar leicht überrascht, machte aber keine Anstalten die Hand irgendwie wegzuziehen, und so wollte Heero den Kontakt so lang wie möglich erhalten.

Schließlich hob Duo den Kopf und lächelte Heero leicht an. Doch statt Heero darauf anzusprechen warum dieser noch immer seine Hand hielt - wie Heero es schon halb erwartet und befürchtet hatte - fuhr er dort fort wo er aufgehört hatte.

„Wie gesagt, sowohl bei Q als auch bei Howard war der Kerl nicht in der Nähe als es passiert ist,“ sagte Duo. „Und das lässt eine Frage offen...“

„... Was zur Hölle war so wichtig dass er nicht in der Nähe war um selbst dafür zu sorgen dass seine Opfer ausgeschaltet werden?“ vervollständigte Heero Duos Satz.

Duo nickte. „Was war so wichtig dass er beide Male die unsichereren Methoden benutzt hat statt auf Nummer Sicher zu gehen?“ Duo schüttelte den Kopf. „Wenn ich auf Rache aus wäre, wenn ich diejenigen töten wollte die mir einen geliebten Menschen genommen oder irgendwie sonst ein Unrecht getan haben, dann würde ich verdammt noch mal sicherstellen, dass ich die Mistkerle auch erwische. Damit sie bezahlen für das was sie getan haben. Jeder einzelne von ihnen. So dass sie nicht noch einmal unschuldige Menschen umbringen können.“ Duos Hand, die noch immer von Heeros bedeckt war ballte sich erneut zu einer Faust.

Heero sah ihn besorgt an. Duos Blick wirkte mit einem Mal ganz unfokussiert und in die Ferne gerichtet, so als würde er etwas sehen was nur er wahrnehmen konnte. Heero hatte das Gefühl als würde Duo von etwas ganz anderem reden als von ihrem Täter.

Doch was immer es auch war woran Duo gerade dachte, es beunruhigte Heero. Duo sah auf einmal so - hart und kalt aus. „Duo?“ sagte Heero zögernd um den anderen der offenbar in Gedanken weit weg war nicht aufzuschrecken. „Alles in Ordnung?“

Duo zuckte zusammen, blinzelte ein paar Mal so als wäre er gerade aufgewacht und müsse sich erst einmal mit seiner Umgebung vertraut machen, dann richtete er seinen Blick wieder auf Heero. „Ja,“ sagte er schließlich mit einem Seufzer, öffnete die Faust wieder und drehte seine Hand mit der Innenseite nach oben, um Heeros Hand zu drücken.

„Was war da eben los?“ fragte Heero leise, ein wenig abgelenkt von dem wunderbaren Gefühl von Duos Hand in seiner. So hatte er Duo noch niemals zuvor berührt, da war er sich sicher. Er würde sich daran erinnern wenn dem so wäre.

„Ich...“ Duo seufzte erneut. „Ich erzähl es dir ein anderes Mal, ok? Jetzt haben wir andere Dinge worüber wir uns Sorgen machen müssen.“

Heero sah ihn einen Moment prüfend an, dann nickte er. „In Ordnung.“

Duo lächelte ihn an und drückte noch einmal Heeros Hand. „Ok,“ sagte er dann forsch und schüttelte sichtbar die düsteren Gedanken ab, die ihn offenbar noch vor einer Sekunde geplagt hatten. „Wo waren wir? Ah ja, dass ich an Stelle des Täter sichergehen würde, dass ich mein Opfer auch wirklich erwischt habe.“

Heero nickte. „Ja. Aber offenbar hat der Bombenleger das nicht getan. Entweder ist ihm das alles nicht so wichtig - und das glaube ich nicht, sonst wäre er nicht seit Monaten hinter uns her - oder aber...“

„... oder aber die Anschläge sind gar nicht die Hauptsache,“ vervollständigte Duo diesmal Heeros Satz. „Die Anschläge sind nur ein Teil des Plans, wichtig zwar aber nicht der wichtigste.“

Heero nickte. Duo hatte vollkommen Recht, das war das einzige was Sinn machte. Und diese Tatsache machte ihm Angst. Denn wenn die Anschläge nur Nebensache waren... Heero konnte nicht einmal anfangen sich auszumalen, was dann das Kernstück des Plans sein könnte.

„Ich denke...“ sagte Duo zögernd. „Ich denke... Wir müssen unbedingt herausfinden warum der Kerl nicht anwesend war bei den Anschlägen. Wir müssen herausfinden was ihm wichtiger war als seine ‘Feinde’ sterben zu sehen. Irgendwie... ich weiß auch nicht wieso... irgendwie glaube ich, dass wenn wir das wissen, dann wissen wir auch wer der Kerl ist und was genau er vorhat.“

Heero warf Duo einen fragenden Blick zu. Er stimmte zwar zu dass sie herausfinden müssten, was so wichtig war für den Bombenleger, aber wieso sollten sie dann wissen, um wen es sich handelte?

Duo zog einen Mundwinkel hoch als er Heeros Blick bemerkte. „Ist nur so ein Gefühl. Du weißt doch - kennt man den Täter, kennt man auch das Motiv. Das funktioniert aber auch umgekehrt - kennt man das Motiv, dann weiß man wer der Täter ist.“

Heero nickte verstehend. Das machte Sinn. Und bei Gott, er wollte wirklich so schnell wie möglich herausfinden wer der Täter war. Das ‘wie’ war ihm dabei nicht einmal so wichtig. Ihm war im Grunde egal warum der Kerl das tat - alles was Heero wollte war ihn zu finden und unschädlich zu machen, so dass er nicht länger eine Gefahr für Duo darstellte. Über die Motive konnten sich dann die Gerichte streiten - falls Heero überhaupt genügend von dem Mistkerl, der es gewagt hatte seinen Duo zu bedrohen, übrig ließ um ihn ins Gefängnis zu stecken.

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Der Rest des Tages - oder zumindest das was davon noch übrig war - verlief genauso. Heero und Duo studierten eingehend die Akten, sprachen ihre jeweiligen Theorien mit dem anderen durch, machten sich was zu Essen, und kehrten dann wieder zur Arbeit zurück. Doch so wirklich kamen sie beide nicht voran. Noch immer hatten sie nicht den geringsten Hinweis auf ihren mysteriösen Täter finden können.

Irgendwann gähnte Heero und reckte sich, so gut es in seiner sitzenden Position auf dem Sofa ging. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es schon spät war, und da er und Duo übereingekommen waren, so wenig wie möglich aufzufallen, würden sie am nächsten Morgen wieder wie üblich zur Arbeit erscheinen müssen. Glücklicherweise war heute ein Sonntag gewesen, so dass sie beide unbesorgt zu Hause bleiben hatten können ohne dass Barnes ihnen aufs Dach stieg.

„Müde?“ fragte Duo, der auf dem Boden vor dem Sofa saß und zu Heero hinaufsah.

Heero nickte.

„Ich auch,“ seufzte Duo.

„Wir sollten sowieso besser Schluss machen,“ erwiderte Heero. „Wir sind seit Stunden nicht weitergekommen, und ich bezweifle dass wir heute noch irgendetwas neues herausfinden werden. Schon gar nicht aus den Berichten die wir den ganzen Tag gewälzt haben.“

„Du hast Recht,“ nickte Duo und fing nun auch an zu gähnen. „Wir müssen morgen wieder früh raus, wir sollten besser schlafen gehen.“

„Hm,“ machte Heero und rieb sich den steifen Nacken. Stundenlang über irgendwelche Blätter gebeugt dazusitzen war nicht wirklich gut für die Körperhaltung.

Duo stand auf und legte die Blätter die er in der Hand gehalten hatte auf den schiefen Wohnzimmertisch. „Willst du zuerst ins Bad oder soll ich?“ fragte er Heero.

„Geh du,“ erwiderte Heero und beugte sich über den Tisch um die losen Blätter einzusammeln. „Ich räum das hier noch schnell auf.“

„Ok,“ sagte Duo und bewegte sich in Richtung seines Schlafzimmers. An der Tür blieb er kurz stehen und sah fast unschlüssig zu Heero zurück, so als wollte er noch etwas sagen. Doch als Heero sich aufrichtete und ihn fragend anblickte verschwand der Langhaarige schnell und wortlos durch die Tür.

Heero runzelte kurz die Stirn, machte sich dann aber wieder an seine Aufgabe. Schnell hatte er sämtliche Blätter eingesammelt und zu einem ordentlichen Stapel geschlichtet. Sortieren würde er sie allerdings erst morgen - dazu war er im Moment einfach viel zu müde.

Danach ging er zu dem kleinen Regal in der Ecke in dem er tagsüber das Bettzeug verstaute und holte das Kissen und die Decke hervor, um sie auf dem Sofa auszubreiten.

„Heero?“ ertönte auf einmal Duos zögerliche Stimme, und als Heero sich umdrehte, sah er dass der Langhaarige wieder in der Schlafzimmertür stand. Er trug bereits seine Schlafbekleidung - Boxershorts und T-Shirt - und sah ihn mit einem unschlüssigen Gesichtsausdruck an.

„Ja?“ antwortete Heero.

„Ich...“ begann Duo, brach kurz ab und setzte dann erneut an. „Ich... Das Bad ist jetzt frei.“

Heero nickte ihm dankend zu und schob sich an Duo vorbei durch die Tür - sehr darum bemüht den Langhaarigen dabei nicht zu berühren. Nicht dass Heero etwas dagegen gehabt hätte an Duo entlang zu streifen - das war ja gerade das Problem. Er wünschte es sich schon zu sehr. Es war schon schlimm genug Duo so spärlich bekleidet zu sehen - ihn in diesem Zustand auch noch zu berühren aber sonst nichts unternehmen zu können... Heero seufzte innerlich.

Er hatte gerade die rettende Tür zum Badezimmer erreicht als ihn Duo erneut ansprach. „Heero?“

Heero blieb stehen und sah über seine Schulter zu Duo zurück. Duo hatte seinen Zopf in der Hand und spielte nervös damit rum, und auch seine Stimme hatte einen unsicheren Unterton gehabt.

„Ich...“ fing Duo an, „... ich... wie wäre es... vielleicht... also ich meine... Du musst nicht auf dem Sofa schlafen!“

Jetzt drehte Heero sich doch vollständig um. „Was meinst du damit?“ fragte er stirnrunzelnd.

„Naja,“ druckste Duo ein wenig rum. „Ich weiß dass das Ding nicht sehr bequem ist. Ich wundere mich, dass du es bisher überhaupt so lang dort ausgehalten hast. Ich dachte, wenn ich dich nicht vertreiben kann gibt dir sicherlich das Sofa den Rest.“ Er grinste Heero kurz an, was diesen zum Schmunzeln brachte.

„Ich hab schon auf schlimmeren Untergründen geschlafen,“ erwiderte Heero mit einem Schulterzucken.

„Ja aber das heißt doch nicht dass du es auch musst wenn es eine Alternative gibt,“ erwiderte Duo ernst.

Heero neigte den Kopf fragend zur Seite. Eine Alternative.

Duo machte eine ausholende Geste zum Bett hin. „Es ist groß genug.“

Heero erstarrte. Nicht ein Muskel rührte sich in seinem Körper, er hatte die Luft angehalten und blinzelte nicht einmal. Hatte Duo da wirklich gerade angedeutet...?

„Was ist?“ fragte Duo und sah Heero fragend an. „Wir haben doch auch früher schon ein Bett geteilt.“

Ja, aber das war noch im Krieg gewesen, als von Schlaf sowieso kaum die Rede sein konnte weil sie ständig auf der Hut sein mussten und Heero außerdem auch noch gar nicht gewusst hatte, was er für Duo empfand. Jetzt jedoch... Heero schluckte trocken.

„Hältst du das für eine gute Idee?“ fragte er und war erstaunt über den heiseren Klang seiner Stimme.

Duo zuckte mit den Schultern und blickte überall hin, nur nicht zu Heero. „Das Bett ist groß genug für zwei... Und du wirst besser schlafen können... Und...“ Er brach ab und biss sich nervös auf die Unterlippe.

„Und?“ wiederholte Heero auffordernd.

„Und ich auch,“ war Duos leise Antwort.

Eine Weile herrschte Schweigen, dann sagte Heero ebenso leise wie Duo zuvor: „Duo? Hast du Schwierigkeiten beim Schlafen?“

Duo nickte leicht. „Alpträume,“ flüsterte er so leise dass Heero es beinahe nicht gehört hätte. „Seit...“ Duo brach ab, doch er musste es auch gar nicht aussprechen. Heero war auch so klar dass der Langhaarige offenbar seit Hildes Tod unter Alpträumen litt. Auf einmal erinnerte er sich auch wieder an das Gespräch wegen der Schlaftabletten. Duo hatte gesagt dass er die Tabletten genommen hatte, weil er Schwierigkeiten beim Schlafen gehabt hatte.

„Letzte Nacht hatte ich keine Alpträume,“ gestand Duo gerade.

„In Ordnung,“ warf Heero ein. Duo brauchte gar nicht mehr zu erklären. Wenn er durch Heeros Anwesenheit besser schlafen könnte, dann würde Heero sich nicht quer stellen. „Wenn es dir wirklich nichts ausmacht dann nehme ich dein Angebot gerne an,“ fügte er noch hinzu, und als Duo erleichtert aufatmete und Heero ein zögerndes Lächeln und ein „Das tut es nicht!“ schenkte, war es beschlossene Sache.

Mit einem kurzen Nicken verschwand Heero schließlich doch in dem kleinen Bad. Während er seine Zähne putzte und sich umzog versuchte er sein wild klopfendes Herz zu beruhigen. Duo wollte nur dass er bei ihm blieb, weil er sich sicherer fühlte und keine Alpträume hatte wenn Heero in der Nähe war. Sonst nichts. Garantiert hegte der Langhaarige keine romantischen Absichten, also sollte Heero sich besser mal keine großen Hoffnungen machen.

Nachdem er mit seiner Abendtoilette fertig und seine Gedanken wieder soweit beruhigt hatte dass er Duo gefasst gegenübertreten konnte, öffnete Heero die Tür und schlüpfte zurück ins Schlafzimmer.

Duo hatte bereits die Lichter gelöscht und lag schon im Bett. Er hatte sich auf der dem Bad gegenüberliegenden Seite des Bettes zusammengerollt und wandte Heero den Rücken zu.

Heero stieß einen lautlosen Seufzer aus, dann ging er zur freien Seite des Bettes und schlüpfte schnell unter die Decke, bevor er es sich noch anders überlegen konnte.

„Gute Nacht, Heero,“ sagte Duo leise.

Heero drehte den Kopf und starrte auf Duos Rücken. „Gute Nacht, Duo,“ erwiderte er schließlich. Und nur wenige Minuten später konnte er anhand von Duos tiefen und regelmäßigen Atemzügen hören, dass der Langhaarige bereits eingeschlafen war. Heero war jedoch der Überzeugung, dass er selbst bei weitem nicht so schnell einschlafen würde. Nicht mit Duo der ihm so nahe war. Heero seufzte erneut. Das würde eine wirklich lange Nacht werden.



Kapitel 11

Heero öffnete die Augen langsam und blinzelte ein paar Mal um sich an das trübe Licht zu gewöhnen, das durch das Fenster ins Schlafzimmer strömte. Entgegen seiner Befürchtung war er am Vorabend offenbar doch eingeschlafen. Anscheinend hatte seine Erschöpfung irgendwann die Oberhand gewonnen und ihn Duos Anwesenheit im selben Bett vergessen lassen.

Oder wenn auch nicht vergessen, dann zumindest ignorieren.

Heero seufzte. Trotz allem hatte Duo recht gehabt, Heero hatte hier im Bett sehr viel besser geschlafen als in all den Nächten auf dem Sofa zusammengenommen. Vielleicht würde es ja doch nicht so schlimm werden sich das Bett mit Duo zu teilen. Alles worauf Heero achten musste, war nichts dummes zu tun und sich nichts anmerken lassen.

Nichts dummes wie zum Beispiel sich Nachts eng an Duo zu schmiegen.

Heero riss die Augen panisch auf und starrte auf das Stück T-Shirt direkt vor seinen Augen. Er kannte dieses T-Shirt. Duo hatte es angehabt als er gestern Abend ins Bett gegangen war. Und das bedeutete - das bedeutete, dass es bereits zu spät war. Heero hatte bereits etwas sehr dummes getan.

Vorsichtig stieß Heero den Atem aus und hob leicht den Kopf. Obwohl er praktisch vollkommen um Duo gewickelt war, hatte der Langhaarige sich von den ruckartigen Bewegungen der letzten Minuten nicht stören lassen und lag immer noch ruhig schlafend da. Heero betrachtete ihn einen Moment lang beinah sehnsüchtig, dann machte er sich daran, sich langsam und vorsichtig aus Duos Armen zu befreien.

Denn es war sicherlich eine Sache, mit Duo das Bett zu teilen, nachdem dieser es ihm angeboten hatte. Aber etwas vollkommen anderes aufzuwachen und festzustellen, dass Heero sich Nachts an ihn geschmiegt hatte und ihn nun mit einer Morgenerektion, die sich in seine Seite bohrte, begrüßte. Heero war sich sicher, dass das weit über Duos Gastfreundlichkeit hinausgehen würde.

Als er sich schließlich befreit hatte, stürzte er so schnell es ging in das winzige Badezimmer. Dort angekommen klammerte Heero sich keuchend am Waschbeckenrand fest und starrte sich im Spiegel an. Noch immer wurde das Vorderteil seiner Boxershorts durch eine mordsmäßige Erektion ausgebeult, eine Tatsache die durch Duos Nähe vorhin nicht gerade verbessert worden war. Heero unterdrückte ein leises Stöhnen.

Oh Gott, er würde das niemals überleben. Duos Geruch, ach was allein die Erinnerung an Duos Geruch reichte schon aus um ihn hart werden zu lassen. Aber er konnte jetzt auch nicht mehr zurück. Duo hatte ihn um Hilfe gebeten, hatte ihn gebeten ihm durch seine Anwesenheit bei den Alpträumen zu helfen, und Heero würde jetzt diesen Freundschaftsdienst - den ersten um den Duo ihn jemals gebeten hatte - nicht verweigern, nur weil er selbst sich ein wenig unwohl fühlte.

Heero seufzte auf und strich sich fahrig über das Gesicht. Er richtete sich auf und zog sich seine Boxershorts und das T-Shirt aus das er als Schlafanzugersatz getragen hatte. Dann stieg er schnell in die enge Duschkabine und drehte das Wasser auf. Mit zusammengebissenen Zähnen um möglichst alle Geräusche zu unterdrücken ließ Heero eine Hand tiefer wandern und schloss sie um seinen Penis. Er hielt es zwar nicht wirklich für passend zu masturbieren während Duo im Zimmer nebenan schlief - noch dazu wenn Duo der Grund für seinen Zustand war - aber er wusste, er würde seine Erektion nicht einfach ignorieren können. Nicht wenn Duo ihm so nahe war.

Während seine Finger seine Länge entlangfuhren und Bilder von Duo an seinem inneren Auge vorüberhuschten lauschte Heero mit einem Ohr irgendwelchen Geräuschen, die zeigen würden dass Duo aufgewacht war. Nicht auszudenken wenn der Langhaarige ihn jetzt erwischen würde.

Nachdem Heero fertig war sackte er mit einem Geräusch das einem Schluchzer gleichkam an die Wand der Duschkabine. Nach einem langen Moment der ihm wie eine kleine Ewigkeit vorkam richtete Heero sich schließlich auf und begann sich zu waschen. Ihnen stand ein harter Tag bevor wenn sie nicht auffallen wollten.

Als Heero in ein Handtuch gewickelt aus dem kleinen Badezimmer trat - er hatte vorhin in der Eile ganz vergessen Kleidung mit hineinzunehmen - stellte er fest dass Duo irgendwann während er geduscht hatte wohl doch aufgewacht sein musste, denn der Langhaarige stand an der wackligen Kommode und kramte in einer der Schubladen.

Heero stoppte mitten im Schritt. Wann war Duo genau aufgewacht? Hatte er etwas mitbekommen? Hatte er etwas gehört? Doch dann beruhigte sich Heeros Herzschlag wieder. Er wusste genau dass er keine Geräusche gehört hatte während er... während er beschäftig gewesen war. Duo musste also aufgewacht sein nachdem Heero fertig gewesen war und aufgehört hatte nach etwaigen Geräuschen zu lauschen.

Offenbar hatte Duo das Öffnen der Tür gehört. „Guten Morgen Heero,“ sagte er und drehte sich um. „Wie hast du geschl...“ Duos Stimme war immer leiser geworden und schließlich völlig verstummt. Er starrte Heero an, der immer noch nur in ein kleines Handtuch gewickelt im Türrahmen des Bades stand.

Heero schluckte. „Ich...“ begann er. „Tut mir leid, ich hab vergessen Kleidung mit hineinzunehmen,“ stammelte er. Bisher hatte er immer daran gedacht Kleidung zum Wechseln mitzunehmen wenn er geduscht hatte. Soweit er sagen konnte hatte Duo ihn noch kein einziges Mal nahezu unbekleidet gesehen seit er ihn hier aufgespürt hatte.

Duo antwortete ihm nicht sondern starrte ihn nur weiter an. Heero folgte seinem Blick und merkte, dass Duos Aufmerksamkeit offenbar den Narben auf Heeros Oberkörper galt. Heero merkte wie er rot wurde. Bisher hatten ihn seine Narben noch nie groß gestört - schließlich war er ein Soldat gewesen, und er hatte die Selbstzerstörung seines Gundams überlebt. Es konnte doch wohl niemand annehmen dass das geschehen war ohne dass er die eine oder andere Narbe zurückzubehalten hatte, oder?

Aber als er jetzt Duos Augen so auf sich spürte konnte Heero nicht umhin sich zu fragen was Duo dachte wenn er die Narben sah. Hielt er sie für hässlich? Abstoßend? Schließlich konnte Heero Duos unlesbaren Blick nicht länger ertragen und floh aus dem Zimmer. Im Wohnzimmer angekommen eilte er schnell zu seiner Tasche in der er noch immer sämtliche Habseligkeiten aufbewahrte und zog sich frische Sachen hervor.

Nachdem er sich hastig angezogen hatte merkte Heero, wie er langsam wieder ruhiger wurde. Sicherlich würde Duo, der selbst die eine oder andere Narbe aus dem Krieg zurückbehalten hatte ihn nicht verabscheuen, oder? Nein, so oberflächlich war Duo nicht.

„Hey Heero,“ ertönte Duos leise Stimme, und als Heero sich umdrehte sah er dass der Langhaarige fast zögernd in der Tür des Schlafzimmers stand. Glücklicherweise - für Heeros Seelenfrieden - hatte Duo sich inzwischen auch angezogen.

„Ja?“ fragte Heero, als es schien dass Duo ohne Aufforderung nicht weiterreden würde.

„Wenn du willst kannst du deine Sachen ins Schlafzimmer bringen. In der Kommode ist genug Platz.“

Heero zögerte für eine Sekunde, aber im Grunde gab es da nicht wirklich viel zu überlegen. Es war nur logisch wenn seine Kleidung im selben Zimmer war in dem er auch schlief. Und außerdem war es ein weiteres Zeichen dafür dass Duo ihn endlich in seinem Leben akzeptierte.

„Danke,“ sagte er deshalb, packte seine Tasche und trug sie hinüber ins Schlafzimmer.

Als er wieder ins Wohnzimmer zurückkam entdeckte er Duo in der kleinen Küchenzeile. Und zum ersten Mal seit Heero den Langhaarigen hier aufgespürt hatte war dieser derjenige der Heero eine Schale mit Müsli zuschob. Heero lächelte Duo dankbar an, dann begann er schweigend zu essen.

Doch im Gegensatz zu den letzten Wochen war dieses Schweigen angenehm. Es war die komfortable Stille unter Freunden, wenn man sich so gut kannte dass man nicht jede Sekunde mit Worten füllen musste um kein unangenehmes Gefühl aufkommen zu lassen.

Genauso blieb es auch den Rest des Tages. Obwohl sie weder auf dem Weg zu und von der Arbeit noch währenddessen viel sprachen - unter anderem weil die anderen Lagerarbeiter sie hätten hören können - war die aggressive Feindseligkeit der letzten Tage und Wochen verschwunden.

Was nicht hieß dass Heero sich vollkommen entspannen konnte. Denn noch immer wussten sie nicht wer hinter den Anschlägen steckte. Obwohl sowohl Heero als auch Duo die Akten wieder und wieder wälzten - und sich jeden Tag die Updates bei den Preventern besorgten - sie kamen zu keinem Ergebnis. Heero hatte zwar im Internet diskret den einen oder anderen Fühler ausgestreckt, aber bisher noch keine Antworten erhalten. Und weder Heero noch Duo konnten sich an irgendjemandem aus dem Krieg erinnern der auf die Beschreibung des Attentäters passte.

Doch das war noch nicht einmal das größte Problem für Heero. Oder besser gesagt, vielleicht nicht unbedingt das dringendste. Denn drei Tage später war es ihm klar, dass egal wie fest er sich Abends vor dem Schlafengehen auch vornahm diesmal auf seiner Seite des Bettes zu bleiben, er erwachte trotzdem jeden Morgen fest an Duo gepresst.

Heero wusste nicht ob er lachen oder weinen sollte. Einerseits machte es ihn unbeschreiblich glücklich dass Duo ihm offenbar so sehr vertraute dass der Langhaarige sich im Schlaf sogar unbewusste noch enger an Heero anschmiegte. Andererseits jedoch wusste Heero nicht, wie lange er das noch ertragen konnte ohne durchzudrehen. Das einzige was Heero halbwegs beruhigte war die Tatsache dass er bisher jedes Mal vor Duo erwacht war und der Langhaarige deshalb zumindest nichts von alledem wusste. Denn Heero befürchtete, dass Duo dann vielleicht so geschockt sein würde dass er letzten Endes doch noch fliehen würde.

Als Heero deshalb in der vierten Nacht plötzlich aus dem Schlaf schreckte und merkte, dass Duo nicht mehr neben ihm lag, war er für eine Sekunde der festen Überzeugung dass genau das geschehen war. Duo war Nachts aufgewacht, hatte gemerkt dass Heero sich an ihn presste und war erschrocken geflohen. Für eine Sekunde rasten Heeros Gedanken, Panik brach aus und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

Doch dann bemerkte er dass Licht unter der Tür zum Badezimmer hervorschimmerte, und als ein paar Augenblicke später die Toilettenspülung rauschte ließ Heero sich erleichtert in die Kissen zurückfallen. Duo war nicht geflohen. Duo war nur im Bad um aufs Klo zu gehen. Heero war so erleichtert dass er gar nicht merkte dass Duo inzwischen wieder aus dem Bad gekommen war und auf leisen Sohlen auf seine Seite des Bettes gegangen war. Doch statt sich wieder hinzulegen und weiterzuschlafen kniete Duo sich auf das Bett und starrte auf Heero hinab.

Heero, der sich inzwischen schon wieder so entspannt war dass er kurz vor dem Einschlafen war, bemerkte erst gute fünf Minuten später dass Duo sich immer noch nicht hingelegt hatte. Doch sein sich im Halbschlaf befindendes Gehirn reagierte nicht wirklich schnell auf diese Erkenntnis und so blieb er einfach mit geschlossenen Augen liegen.

Noch bevor Heero sich entscheiden konnte ob er die Augen doch aufmachen sollte oder nicht legte Duo sich hin. Doch statt Heero wie sonst immer den Rücken zuzudrehen blieb er mit zugewandtem Gesicht zu Heero liegen. Ja er schien sogar sehr viel näher zu sein als sonst, denn Heero konnte Duos Atem auf seinem Arm spüren, den er auf dem Kissen neben seinem Kopf liegen hatte.

Heero spürte wie sich sein Mund zu einem leichten Lächeln verzog. In diesem Zustand, zwischen schlafen und wachen, waren sämtliche Hemmungen und Sorgen, was Duo denken könnte auf einmal verschwunden. Heero konnte sich nicht einmal erinnern warum er sich nicht an Duo schmiegen sollte.

Duo seufzte auf, dann streckte er eine Hand aus und strich Heero eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Warum bist du hier, Heero?“ flüsterte er so leise, dass Heero es fast nicht gehört hätte.

Heeros Lächeln vertiefte sich. Immer noch mit geschlossenen Augen streckte er seinen Arm aus, schlang ihn um Duos Mitte und zog den Langhaarigen an sich. Und obwohl er spüren konnte wie Duo sich vor Überraschung versteifte, ließ Heero ihn trotzdem nicht los.

„Wo sollte ich denn sonst sein?“ murmelte er als Antwort, dann vergrub er sein Gesicht in Duos Haaren und seufzte zufrieden auf. Das letzte was er noch registrierte während er langsam wieder in den Schlaf hinüberdriftete war dass Duo nach einem Moment des Zögerns schließlich auch seine Arme um Heero schlang und sich mit aller Kraft an ihm festklammerte.

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Als Heero am nächsten Morgen erwachte fand er sich allein im Bett. Zum ersten Mal seit er das Schlafzimmer mit Duo teilte war der Langhaarige vor ihm aufgewacht. Das Rauschen der Dusche machte auch schnell klar, wo Duo sich gerade befand. Heero setzte sich auf und blinzelte.

Er war sich nicht ganz sicher ob die Episode aus der Nacht nur ein Traum oder die Wirklichkeit gewesen war, aber er musste davon ausgehen dass er auch diesmal an Duo geschmiegt gewesen war als der Langhaarige aufgewacht war. Erstens lag er nicht mehr auf seiner Seite des Bettes, und zweitens war das bis jetzt jeden Morgen so gewesen.

Und entweder hatte es Duo nicht gestört oder er hatte beschlossen zu warten bis Heero wach war bevor er ihn damit konfrontierte. Heero hoffte sehr dass es ersteres war.

Denn auch wenn es erst wenige Tage her war dass er mit Duo ein Bett teilte, er wollte es nicht mehr missen. Selbst wenn es bedeutete dass er jeden Morgen körperlich frustriert erwachte und sich selbst Abhilfe schaffen musste. Aber das Gefühl von Duo in seinen Arme war einfach zu wundervoll als dass er es missen wollte - völlig egal dass der Langhaarige nicht dasselbe darin sah wie Heero.

Als sich die Tür zum Bad schließlich öffnete und Duo herauskam hielt Heero vor Erwartung die Luft an, darauf vorbereitet irgendwelche Vorwürfe zu hören oder Duo wieder in sein kühles Verhaltensmuster zurückfallen zu sehen.

Doch stattdessen wünschte Duo ihm lächelnd einen guten Morgen, bevor er dann in die Küche ging. Heero ließ die Luft erleichtert wieder entweichen. Wie es schien war seine Freundschaft mit Duo noch intakt.

Wie schon die letzten drei Tage nahmen sie ihr Frühstück in kameradschaftlichen Schweigen ein, nur unterbrochen von ein oder der anderen Bemerkung die Arbeit oder die Kollegen betreffend.

Im Lagerhaus angekommen machten Heero und Duo sich sofort an die Arbeit. Doch Heero konnte sich nicht wirklich darauf konzentrieren. Gut, nicht dass es wirklich nötig gewesen wäre, aber an diesem Tag wanderten seine Gedanken noch mehr umher als sonst.

Immer wieder musste er an die vorherige Nacht denken. Hatte er nur geträumt dass er Duo an sich gezogen und der Langhaarige die Umarmung erwidert hatte oder nicht? Duo hatte am Morgen keinerlei Anzeichen dafür gezeigt, dass er sich in Heeros Gegenwart unwohl fühlte. Aber das musste nicht unbedingt bedeuten dass Heero sich das alles nur eingebildet hatte.

Schließlich wäre es nicht das erste Mal gewesen dass Heero Duo im Arm gehalten hätte, oder? Und Duo hatte die letzten beiden Male auch nicht dagegen protestiert. Gut, er war bei beiden Gelegenheiten emotional aufgewühlt gewesen und hatte sich wohl eher aus Trost an Heero geklammert, aber es zeigte doch zumindest, dass es Duo nichts ausmachte oder?

Heero seufzte frustriert auf und half zwei anderen Arbeitern eine besonders schwere Kiste zu transportieren. Das alles führte zu nichts. Wenn er wirklich herausfinden wollte, ob Duo... ob Duo jemals irgendetwas für ihn empfinden könnte, das über Freundschaft hinausging... Das einfachste wäre sicherlich, den Langhaarigen zu fragen.

Nur war das natürlich leichter gesagt als getan. Heero war noch niemals in seinem Leben schüchtern oder gar scheu gewesen, er hatte stets ein gesundes Selbstvertrauen in sich und seine Fähigkeiten gehabt. Er war niemals zu ängstlich gewesen seine Meinung zu sagen, egal wem. Doch wenn es um Duo und seine Gefühle für den Langhaarigen ging... dann fühlte Heero eine noch nie gekannte Unsicherheit. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel in diesem Fall. Zu einfach konnte Duo mit nur einem Wort Heeros Herz brechen.

Heero wusste nicht genau wann er zu der Erkenntnis gekommen war, aber irgendwann in den letzten Tagen, zwischen Duos Zusammenbruch nach dem Anschlag auf Quatre und jetzt, hatte er erkannt dass er den Langhaarigen liebte. Er liebte Duo. Und dieser Emotion die ihm schon seit dem Krieg keine Ruhe gelassen hatte endlich einen Namen gegeben zu haben... Heero hatte gar nicht gewusst was für ein befreiendes Gefühl das sein konnte.

Nicht dass er dadurch weniger unsicher gewesen wäre oder gewusst hätte wie er Duo seine Gefühle zeigen konnte, aber allein endlich zu wissen dass es so war machte ihn froh. Er liebte Duo, und er wollte ihn glücklich machen. Und um das zu schaffen würde Heero herausfinden wer hinter den ganzen Anschlägen steckte und den Kerl zur Strecke bringen damit Duo sich nicht länger verstecken musste. Damit Duo ein normales Leben führen konnte.

Mit einem Keuchen setzte Heero die Kiste ab die er mit den beiden Männern getragen hatte, drehte sich um und ging wieder zurück zu dem LKW, den seine Gruppe gerade entlud. Duo, der im Inneren des Anhängers stand und kleinere Kisten hinausreichte, blickte auf, und als er Heero sah lächelte er ihm zu.

Heero lächelte zurück und öffnete den Mund, um Duo etwas zuzurufen als die Augen des Langhaarigen auf einmal riesengroß wurden. „Heero, pass auf!“ schrie Duo und sprang von der Ladefläche des LKWs.

Heero folgte Duos entsetztem Blick zu einem Punkt direkt über sich und das nächste was er sah war eine riesige Kiste die genau auf ihn herabstürzte.