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Maxwells Fluch Teil 12 - 14

Kapitel 12 

Heero reagierte völlig instinktiv. Die blitzschnellen Reflexe - ein Ergebnis von J’s knochenhartem Training und was auch immer der Doktor sonst noch mit Heero angestellt hatte um ihn zu körperlichen Höchstleistungen anzutreiben - trugen ihn aus der Gefahrenzone noch bevor sein Gehirn überhaupt richtig registriert hatte was da geschah.

Gerade eben stand er noch aufrecht und sah die Kiste wie in Zeitlupe direkt auf sich zukommen und im nächsten Moment rollte er schon über den Betonboden, die Arme schützend um den Kopf gelegt während Holzsplitter um ihn herum flogen.

„Heero!“

Heero hob vorsichtig den Kopf. Auf einmal waren überall Leute, die Männer die in der ganzen Halle verteilt gearbeitet hatten stürmten auf die Unfallstelle zu und ihre Stimmen bildeten ein wirres Durcheinander.

„Hey Mann, alles in Ordnung?“ fragte einer der Lagerarbeiter der direkt neben Heero in die Hocke gegangen war.

Heero hatte kaum Zeit zu nicken, denn im nächsten Moment war Duo auch schon an seiner Seite, das Gesicht zu einer bleichen Maske verzogen und packte ihn an den Schultern.

„Heero!“ rief der ehemalige Deathscythe Pilot erneut und ließ seine Augen besorgt über Heeros Körper wandern. „Ist dir was pass- Oh Gott, du blutest!“

Heero folgte mit der Hand Duos panischem Blick zur linken Seite seines Halses und spürte dort tatsächlich etwas warmes, klebriges. Als er die Finger wieder zurückzog, betrachtete er für einen Moment das Blut daran, dann gab er sich einen mentalen Ruck.

„Ist nur ein Kratzer,“ versicherte er Duo und legte ihm beruhigend eine Hand - natürlich nicht die blutige - auf den Oberarm. Und mehr war es tatsächlich nicht - offenbar hatte ihn einer der kleineren umherfliegenden Holzsplitter erwischt, doch das war alles. Dank seiner schnellen Reaktion war er nicht mehr nah genug an der Kiste gewesen um von größeren Stücken getroffen zu werden.

Duo schüttelte hektisch den Kopf und öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch die laute Stimme ihres Vorarbeiters unterbrach ihn.

„Verdammt noch mal!“ rief Barnes und stapfte wütend durch die Menge an Schaulustigen die um Heero herumstand. „Was zum Teufel ist hier passiert?“

„Die Kiste is runtergefallen, Boss,“ antwortete einer der Arbeiter und deutete auf die besagte Kiste die zerstört an der Stelle lag an der Heero sich soeben noch befunden hatte. „Hat Yuy dabei fast zerquetscht. Hab noch nie jemanden gesehen der sich so schnell bewegt.“ Der Mann schüttelte ungläubig den Kopf.

Barnes betrachtete die zersplitterte Kiste einen Moment finster, dann wandte er sich an Heero. „Alles in Ordnung?“ fragte er.

Heero nickte, und weil er plötzlich merkte dass er noch immer auf dem Boden saß, streckte er Duo eine Hand entgegen und ließ sich von dem Langhaarigen hochziehen. „Mir ist nichts passiert,“ versicherte er Barnes.

Barnes nickte ihm einmal knapp zu, dann wandte er seinen Blick nach oben, wo die Kiste bis vor kurzem noch auf ihrem Regal gestanden hatte. „Wie zur Hölle konnte das passieren?“ verlangte er dann lautstark zu wissen. „Welcher von euch hirnlosen Idioten hat die Kiste nicht richtig befestigt?“ Er ließ seinen Blick scharf über die Menge wandern. Wie nicht anders zu erwarten meldete sich keiner.

„Hab ich es nicht immer und immer wieder gesagt?“ Barnes Gesicht lief gefährlich rot an. „Herrgott noch mal, diese Sicherheitsbestimmungen sind nicht nur zum Spaß da! Ich will jetzt auf der Stelle wissen wer dafür verantwortlich ist! Wer hat die Kisten dort raufgestellt?“

„Das war ich,“ meldete sich nun doch einer der Arbeiter. „Aber Boss, ich schwöre dass ich die Kiste festgemacht habe! Ich weiß auch nicht wie das passieren konnte!“

„Müller,“ sagte Barnes und sah den Mann aus zusammengekniffenen Augen an. „Das hätte ich mir ja denken können. Ist ja schließlich nicht das erste Mal dass bei dir was schief läuft.“

„Aber Boss!“ protestierte der mit Müller angesprochene Mann laut. „Das war nicht meine Schuld, ehrlich!“

Barnes schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich hab dir schon beim letzten Mal gesagt, dass du dir keine weiteren Fehler erlauben darfst. Pack deine Sachen. Du bist gefeuert.“

„WAS?“ Müller starrte Barnes ungläubig an. „Verdammt noch mal, ich hab die beschissene Kiste ordnungsgemäß befestigt! Du kannst mich doch nicht einfach so feuern!“

„Doch das kann ich,“ erwiderte Barnes. „Ich hätte dich schon vor Wochen feuern sollen, aber ich hatte Mitleid mit dir. Nur kann ich diesen Fehler leider nicht übersehen. Es tut mir leid.“

Müller starrte Barnes böse an, fluchte laut, bedachte Heero ebenfalls mit einem hasserfüllten Blick und rannte dann aus der Halle.

Barnes sah ihm kopfschüttelnd hinterher, dann wandte er sich an die umstehenden Männer. „Was ist? Was gafft ihr hier so? Habt ihr nichts zu tun? An die Arbeit!“

Als Heero dem Beispiel der anderen Männer folgen und wieder zurück an die Arbeit gehen wollte, merkte er plötzlich dass Duo ihn noch immer am Arm gepackt hatte und ihn nicht losließ.

„Boss,“ wandte Duo sich an Barnes noch bevor Heero irgendwas sagen konnte. „Yuy ist verletzt. Ich bringe ihn besser nach Hause.“

Barnes drehte sich zu ihnen um. „So verletzt sieht er gar nicht aus,“ sagte er.

Duos Blick verengte sich. „Er blutet. Und vielleicht hat er eine Gehirnerschütterung. Er kann unmöglich einfach weiterarbeiten. Was wenn ihm etwas passiert?“

Barnes maß sowohl Duo als auch Heero mit einem abschätzenden Blick. „Dafür dass er angeblich nicht dein Freund ist machst du dir ganz schön Sorgen um ihn, Hayes,“ sagte er schließlich.

„Ich...“ fing Duo an, klappte dann jedoch den Mund zu und lief rot an. Heero betrachtete ihn erstaunt. Er hatte es noch niemals erlebt dass Duo um Worte verlegen gewesen wäre.

„Schon gut,“ Barnes winkte ab. „Bring ihn von mir aus nach Hause. Ihr habt den Rest des Tages frei. Aber wenn Yuy nichts ernstes hat, will ich euch beide morgen wieder hier sehen, ist das klar?“

Duo nickte, dann ging er in Richtung des Umkleideraumes. Heero, den er noch immer am Arm gepackt hatte zog er einfach hinter sich her. Heero versuchte zu protestieren - schließlich war die kleine Verletzung wirklich nicht mehr als ein Kratzer, und eine Gehirnerschütterung hatte er garantiert auch nicht. Er hatte in seinem Leben schon genügend Gehirnerschütterungen gehabt um zu wissen wie sich das anfühlte.

Doch Duo hörte ihm gar nicht zu. Stattdessen steckte er Heero in dessen Jacke, zog seine eigene über und zog Heero dann einfach hinter sich her aus dem Lagerhaus.

Heero überlegte einen Moment, ob er sich vielleicht ernsthaft sträuben sollte, doch dann wurde ihm die Ironie der Situation bewusst. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit war es genau umgekehrt gewesen. Da war er derjenige gewesen der einen sich sträubenden Duo durch die Straßen gezerrt hatte. Also entschied Heero sich dazu, Duo nicht allzu viel Gegenwehr entgegenzusetzen.

Als sie schließlich Duos kleine Wohnung erreicht hatten, zog Duo Heero ins Schlafzimmer, setzte ihn auf dem Bett ab und verschwand dann im Bad. Heero sah ihm beinahe amüsiert hinterher. Vielleicht sollte er Duo ja darauf aufmerksam machen dass sie beide heute praktisch die Rollen geteilt hatten. Heero war sich sicher dass Duo die Ironie zu würdigen wüsste.

Doch als Duo dann schließlich aus dem Bad zurückkam, den Erste Hilfe Kasten unter den Arm geklemmt, konnte Heero zum ersten Mal seit dem Lagerhaus einen guten Blick auf das Gesicht des Langhaarigen werfen.

Duos Gesicht war vollkommen bleich, sein Mund war zu einem dünnen Strich verzogen und seine Augen... Seine Augen waren nicht mehr violett sondern dunkel, fast schwarz. Wie zwei Seen ohne Grund. Und völlig unlesbar. Heero erschrak.

„Duo?“ fragte er besorgt und stand auf, um einen Schritt auf den Langhaarigen zuzumachen, doch Duo stoppte ihn mit einer Hand und schubste ihn einfach zurück aufs Bett.

„Sitzen bleiben hab ich gesagt,“ sagte Duo knapp, dann ließ er sich neben Heero nieder und öffnete den Verbandskasten. Mit kurzen, fast ruckartigen Bewegungen holte er ein steriles Tuch und Desinfektionsmittel hervor und begann damit den Kratzer an Heeros Hals zu versorgen.

Heero versuchte den Kopf zu drehen um einen Blick auf Duo werfen zu können, doch der Langhaarige schob sein Kinn einfach immer wieder zur Seite wenn es ihm den Blick auf die Wunde verdeckte. Schließlich gab Heero es auf und ließ zu dass Duo den Kratzer erst desinfizierte und anschließend mit einem Pflaster versorgte.

Als Duo dann endlich von Heero abließ und sich daran machte, den Verbandskasten wieder zu schließen, drehte Heero sofort den Kopf um den Langhaarigen prüfend anzusehen. Duo hatte den Kopf gesenkt und schien völlig darin aufzugehen das Verbandszeug ordentlich in den Kasten zurückzulegen.

„Duo?“ fragte Heero erneut. „Was ist los?“

Duo hob mit einem scharfen Ruck den Kopf. „Was los ist?“ fragte er fast ungläubig. „Wie kannst du das fragen? Ich hab dich heute fast verloren! Diese Kiste... wenn sie dich getroffen hätte... ich...“ Duo schluckte, und auf einmal schwammen seine Augen in Tränen.

„Duo!“ Heero packte den anderen erschrocken an den Schultern. „Nicht! Mir ist doch nichts passiert, Duo. Es geht mir gut!“

Der Langhaarige wischte sich mit einer unwilligen Bewegung über die Augen. Dann schüttelte er den Kopf. „Als diese Kiste... ich hab dich schon darunter gesehen... ich... ich hätte dich beinahe getötet!“ Duo fing leicht an zu zittern.

Jetzt war Heero wirklich erschrocken. „Duo, das war doch nicht deine Schuld! Dieser Müller hat die Kiste nicht richtig befestigt und sie ist runtergefallen. Es war ein Unfall!“

Duo zitterte immer mehr. „Nein! Es war der Fluch der wieder zugeschlagen hat, Heero!“

„Oh Duo,“ seufzte Heero und zog den Langhaarigen in seine Arme. Mit einer beruhigenden Geste fuhr er ihm immer wieder den Rücken auf und ab. Duos Behauptung der Fluch wäre an dem dummen Unfall von heute schuld hatte ihn überrascht. Er hatte angenommen dass Duo durch die Tatsache dass ein Attentäter hinter Hildes und Howards Tod und dem Anschlag auf Quatre steckte nicht mehr glauben würde ein Fluch würde seine Freund töten. Aber offenbar hatte er sich geirrt.

Duo klammerte sich mit aller Kraft an Heero fest, und da es nicht so aussah als würde er sich bald beruhigen legte Heero sich auf das Bett und zog den Langhaarigen einfach mit sich. Heero wusste inzwischen, dass Duo immer so reagierte wenn die Sprache auf den Fluch gebracht wurde, und er wusste auch dass er warten müsste bis der Langhaarige sich wieder gefangen hatte bevor er mit ihm reden konnte. Und so hielt er Duo die nächsten Minuten einfach nur im Arm und streichelte ihm beruhigend über den Rücken. Als das Zittern endlich nachließ lehnte Heero sich ein wenig zurück um Duo ins Gesicht sehen zu können.

„Duo?“ fragte er leise. „Erzähl es mir.“

Duo hob den Kopf und blickte Heero leicht fragend an. „Was soll ich dir erzählen?“ fragte er ebenso leise.

„Was ist geschehen dass du so felsenfest davon überzeugt bist ein Fluch würde auf dir lasten?“ Heero erwiderte Duos Blick ernst. „Was ist denen die du geliebt hast zugestoßen?“

Duo sah Heero eine ganze Weile nur stumm an, dann vergrub er sein Gesicht wieder in dessen Halsbeuge. Das Schweigen dauerte so lang an, dass Heero schon fast dachte Duo würde nicht darüber reden wollen, doch dann begann der Langhaarige doch stockend und mit gedämpfter Stimme zu erzählen:

„Das erste woran ich mich erinnern kann - ich bin allein durch die Straßen von L2 gezogen, immer auf der Suche nach etwas zu Essen und einem Unterschlupf für die Nacht. Ich muss etwa zwei oder drei Jahre alt gewesen sein, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Ich weiß nicht wie lange ich so allein auf der Straße gelebt habe, aber irgendwann hat mich dann Solo in seine Gang aufgenommen.

„Solo war einige Jahre älter als ich, er war der älteste der Gang. Die meisten anderen Kinder war in meinem Alter oder sogar noch jünger. Solo war etwas besonderes, das wussten wir alle. Sogar sein Anblick war ungewöhnlich - er hatte zwei verschiedene Augen - eines war blau, das andere grün. Er hat sich um uns gekümmert, er wusste wo es die besten Plätze zum schlafen gab und wo wir immer etwas zu essen fanden. Wir waren vielleicht nicht immer satt, aber auf jeden Fall haben wir nicht mehr gehungert.

„Solo hat auf uns aufgepasst, hat dafür gesorgt dass keiner von uns sich verkaufen musste um zu überleben wie so viele andere Kinder auf L2. Er hat uns beigebracht wie man unauffällig die Taschen von unachtsamen Leuten leert und wie man die Händler auf dem Marktplatz am besten ablenkt um sich mit Taschen voller Obst und Gemüse aus dem Staub zu machen.

„Ich hab mich zum ersten Mal in meinem Leben behütet und beschützt gefühlt. Die Gang war wie eine Familie für mich. Bis die Seuche auf L2 ausgebrochen ist. Erstaunlicherweise hat es ziemlich lange gebraucht bis die Kinder von Solos Gang sich angesteckt haben, aber als es dann soweit gewesen war, hat es uns umso schlimmer getroffen. Die Kinder sind eins nach dem anderen einfach gestorben, und es gab nichts was wir dagegen tun konnten. Die einzigen die scheinbar nicht von der Krankheit betroffen gewesen waren, waren Solo und ich.

„Bis zu dem Tag an dem Solo auch krank geworden ist.“

Duo legte eine kurze Pause ein und Heero fing wieder an ihm beruhigend über den Rücken zu streicheln. Er konnte schon ahnen wie Duos Geschichte weitergehen würde, doch er würde den Langhaarigen nicht unterbrechen. Es war sicherlich gut wenn er das alles endlich einmal rauslassen würde.

„Ich hab wirklich alles versucht,“ erzählte Duo weiter. „Ich bin sogar losgerannt und wollte in eines der Krankenhäuser einbrechen um Medikamente zu besorgen. Aber ich war noch zu klein, sie haben mich geschnappt und wieder auf die Straße gesetzt. Und obwohl ich noch ein paar Versuche gestartet hab bin ich an dem Wachmann nicht vorbeigekommen.

„Als ich an dem Abend zurück in unser Versteck gekommen bin waren sie alle tot.“ Duos Stimme war inzwischen so leise dass Heero in kaum noch hören konnte. „Sie lagen einfach nur so da, völlig still. Ich hab versucht sie aufzuwecken, aber es ging nicht. Dann hab ich Solo gefunden. Zuerst hab ich gedacht er wäre auch tot, aber er hat noch gelebt. So gerade noch. Er war völlig schwach, schon lang im Fieberdelirium. Ich glaube er hat mich nicht einmal erkannt. Ich konnte nichts tun außer seinen Kopf in meinen Schoß zu legen damit er nicht auf dem harten Boden liegen musste.

„Ich weiß nicht wie lange ich dort saß und auf Solo hinabgestarrt habe, aber irgendwann hat er aufgehört zu wimmern und zu stöhnen und war ebenso still und leblos wie all die anderen.“ Ein kurzes Zittern überlief Duos Körper und Heero zog ihn noch fester an sich.

„Ich kann mich nicht erinnern wie ich aus dem Versteck rausgekommen bin,“ redete Duo weiter. „Das nächste was mir wieder bewusst wurde war wie ich wieder allein durch die Straßen gezogen bin. Ich nannte mich ‘Duo’, zum Gedenken an Solo und die anderen. Monatelang hab ich mich von allen Gangs oder ähnlichem ferngehalten - ich wollte nur allein sein und in Ruhe gelassen werden. Irgendwann hab ich dann gemerkt dass der Schmerz langsam nachgelassen hat.“

Duo lehnte sich zurück und sah Heero an. „Dann eines Tages wollte ich wie üblich einen der Fußgänger beklauen, einen älteren Mann der mir wie ein leichtes Opfer vorkam. Der Mann hat mich erwischt. Ich war sechs oder sieben und hielt mich für den besten Taschendieb weit und breit - ich schätze ich hab mich wohl geirrt.“ Duos Mund verzog sich bei der Erinnerung zu einem wehmütigen kleinen Lächeln.

„Doch statt mich der Polizei auszuliefern wie ich schon befürchtet hatte, hat er mich einfach mit zu sich nach Hause genommen,“ fuhr Duo schließlich fort. „Wie es sich herausstellte handelte es sich bei dem Mann um Vater Maxwell, ein Priester der ein Waisenhaus leitete. Und in diesem Waisenhaus hab ich das wohl friedvollste Jahr meines Lebens verbracht.

„Zum ersten Mal hatte ich etwas das einer richtigen Familie so nahe wie nur irgend möglich kommt. Vater Maxwell war tatsächlich wie ein Vater für uns Waisenkinder, und Schwester Helen, die Nonne die ihm half war wie eine Mutter. Ich hab noch niemals zuvor eine Mutter gehabt, und es war ein wirklich wundervolles Gefühl. Schwester Helen hat mir auch gezeigt wie ich meine Haare in einen Zopf flechten kann damit sie nicht ständig durch die Gegend fliegen.“ Wieder legte sich ein wehmütiges Lächeln auf Duos Gesicht.

„Ich war glücklich. Auch wenn keine der Familien mich adoptieren wollte - das höchste Ziel der anderen Kinder - war ich glücklich. Ich hätte auch gar nicht von Schwester Helen und Vater Maxwell weggewollt. Ich wollte für den Rest meines Lebens bei ihnen bleiben.

„Doch leider kam etwas dazwischen. Eine Gruppe Rebellen auf der Flucht vor der Allianz hat in unserer Kirche Zuflucht gesucht. Sie haben Vater Maxwell, Schwester Helen und uns Kinder als Geiseln genommen. Sie wollten auf diese Weise eine Mobile Suit und was weiß ich noch alles aus der Allianz rauspressen. Und in meiner Selbstüberschätzung, die selbst ein Jahr in Schwester Helens Obhut nicht austreiben konnte, beschloss ich selbst loszuziehen um den Rebellen eine Mobile Suit zu besorgen. Damit sie wieder verschwinden und uns in Ruhe lassen würden.

„Vater Maxwell hat versucht mich aufzuhalten, aber ich war nicht davon abzubringen. Ich hab mich aus der Kirche geschlichen und bin so schnell ich konnte zum nächsten Stützpunkt gerannt. Ich dachte wirklich dass diesmal das Glück auf meiner Seite war, denn ich hatte damals keine Ahnung wie man eine Mobile Suit steuert. Ich weiß nicht wie ich vorgehabt hab das Ding zu den Rebellen zu schaffen, aber wie gesagt, das Glück schien auf meiner Seite zu sein.

„Denn offenbar waren die Mobile Suits gerade zum Transport vorbereitet worden. Oder sie wurden gerade abgeladen. Ist ja auch egal. Jedenfalls sah ich einen LKW auf dessen Ladefläche eine einzelne Mobile Suit geschnallt war. Obwohl ich erst ungefähr acht war, wusste ich doch wie man ein Auto fährt. Der LKW war gar nicht so verschieden davon. Ich bin in das Fahrerhäuschen gesprungen, hab den Motor angelassen und bin einfach durch das offene Tor des Stützpunkts gefahren.

„Die Soldaten waren glaub ich viel zu verblüfft von dem Anblick um angemessen zu reagieren. Bis sie aus ihrer Erstarrung erwacht sind und angefangen haben auf mich zu schießen war ich schon lang aus dem Stützpunkt raus und unterwegs zurück zur Kirche.

„Doch ich war zu spät.“ Duo schluckte und schloss die Augen. „Als ich dort angekommen bin, war sowohl das Waisenhaus als auch die Kirche nur noch Ruinen. Rauchende, brennende Ruinen. Ich bin aus dem Fahrzeug gesprungen und bin wie ein Wahnsinniger durch die Trümmer gerannt auf der Suche nach Überlebenden. Ich hab nur Schwester Helen gefunden. Zum ersten Mal seit ich sie kannte hatte sie ihre Schwesternhaube nicht auf.

„Sie hatte blondes Haar. Die ganze Zeit während ich dort neben ihr kniete und verzweifelt versuchte die Blutungen zu stoppen konnte ich nur denken ‚Wie kommt es dass ich bis heute nicht wusste dass sie blonde Haare hat?’“ Duo schüttelte leicht den Kopf und öffnete die Augen wieder um Heero direkt anzusehen.

„Sie ist dort gestorben, in meinen Armen.“

„Oh Duo,“ flüsterte Heero bekümmert und bevor er es verhindern konnte legte seine Hand sich an Duos Wange und sein Daumen strich beinahe zärtlich über Duos Gesicht.

„Ich war wieder allein,“ flüsterte Duo. „Allein und wieder auf der Straße, und das nur weil ich die Allianz durch den Diebstahl der Mobile Suit so sehr provoziert habe dass sie das Waisenhaus zerstört haben. Also beschloss ich die Kolonie zu verlassen. Es gab einfach zu viele schlechte Erinnerungen dort für mich. Ich dachte, dass es wo anders vielleicht besser werden würde. Und solange ich nur einfach niemanden mehr an mich heranlassen würde, würde auch niemand mehr sterben müssen.

„Ich hab mich auf dem erstbesten Schiff versteckt das so aussah als würde es lange unterwegs sein. Eine ganze Weile konnte ich auch unentdeckt bleiben, bis Howard mich schließlich erwischt hat. Was danach kam weißt du. G hat mich ausgebildet um Deathscythe zu steuern. Und für eine Zeit hab ich wirklich gedacht... ich dachte ich könnte ein normales Leben führen. Ich dachte ich hätte den Fluch hinter mir gelassen. Ich war jahrelang mit Howard, G und den Sweepern zusammen, und bis auf die normalen kleineren Arbeitsunfälle ist niemandem etwas passiert. Niemand ist gestorben.

„Dann kam der Krieg, und ich lernte dich und die anderen kennen. Und obwohl ich es nicht wollte seid ihr meine Freunde geworden. Und wieder - obwohl wir uns im Krieg befanden, inmitten der schlimmsten Kampfhandlungen, haben wir alle fünf den Krieg überlebt. Ich... ich dachte wirklich es wäre vorbei,“ bekräftigte Duo erneut. „Wenn ich gewusst hätte... ich hätte euch niemals in Gefahr gebracht wenn ich es gewusst hätte. Ich wäre schon viel früher gegangen.“

Heero schüttelte den Kopf. „Nein, Duo. Ich weiß du wirst es nicht glauben, nicht glauben können, aber es ist wirklich nicht deine Schuld. Solo und die anderen Kinder sind gestorben weil ein paar Menschen zu gierig waren und die lebensnotwendigen Medikamente nicht kostenlos an die Bedürftigen ausgeben wollten. Und was das Maxwell-Massaker angeht - Duo, ist dir denn noch gar nicht aufgefallen dass das zeitlich gar nicht zusammenpasst?“

Duo runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Naja,“ begann Heero, „die Soldaten die dich wegen des Diebstahls verfolgt haben hätten unmöglich vor dir am Waisenhaus ankommen können. Und selbst wenn sie Hubschrauber oder ähnliches benutzt hätten, sie hätten doch gar nicht gewusst wo sie hinsollten. Alles was sie gesehen haben war ein Kind das eine ihrer Mobile Suits klaut. Sie hätten unmöglich wissen können dass du aus dem Waisenhaus gekommen bist. Sie hätten nach dir dort ankommen müssen.“

Duo sah ihn weiter mit gerunzelter Stirn an. „Aber...“

„Ich glaube das folgendes passiert ist,“ fuhr Heero fort. „Die Soldaten die die Rebellen verfolgt haben, haben sie schließlich eingeholt. Und es war ihnen egal dass ein Priester, eine Nonne und Dutzende von unschuldigen Kindern im Gebäude waren. Es war nicht deine Schuld, Duo. Im Gegenteil, wenn du nicht losgezogen wärst um die Mobile Suit zu stehlen, dann wärst du jetzt auch tot. Es ist nicht deine Schuld.“

Duo starrte ihn weiter nur an, und so sehr Heero sich auch anstrengte er konnte nicht sehen dass er Duo überzeugt hatte. „Du bist nicht verflucht, Duo,“ bekräftigte er.

„Ich wünschte ich könnte das glauben,“ erwiderte Duo traurig. „Aber selbst wenn es nicht meine Schuld ist, Tatsache ist dass Menschen die mir zu Nahe kommen immer etwas schlimmes zustößt. Sie werden verletzt. Sie sterben.“

„Nein,“ Heero schüttelte stur den Kopf und zog Duo wieder fester an sich. „Du wirst es sehen, Duo,“ sagte er, das Gesicht in Duos Haare gepresst. „Wir werden diesen Attentäter finden der für den Tod von Hilde, Howard und Rashid verantwortlich ist, und danach wird alles wieder in Ordnung sein. Keiner deiner Freunde wird mehr sterben. Das verspreche ich dir.“

Duos Arme schlossen sich um Heero, und während der Langhaarige sich erneut fast verzweifelt an Heero klammerte, hoffte Heero mit ganzem Herzen dass er dieses Versprechen auch wirklich halten könnte.



Kapitel 13

Heero erwachte mit einem Ruck, setzte sich auf und blickte sich einen Moment lang orientierungslos um. Dann holten die Ereignisse des Tages ihn in Form von gezerrten Muskeln ein und Heero unterdrückte ein Stöhnen. Offenbar war die kleine Schnittwunde am Hals doch nicht alles was er von seinem Beinahezusammenstoß mit der Kiste zurückbehalten hatte.

Vorsichtig, um seine protestierenden Muskeln nicht zu sehr zu beanspruchen kämpfte Heero sich unter der Bettdecke hervor und setzte sich an den Rand des Bettes. Offenbar musste er irgendwann nach Duos Aussprache eingeschlafen sein. Das letzte woran er sich erinnerte war dass Duo hier mit ihm auf dem Bett gelegen hatte, doch nun war Heero allein im Schlafzimmer.

Bei der Erinnerung an Duos Lebensgeschichte schloss Heero kurz die Augen. Er hatte nicht geahnt wie viel schlimmes der ehemalige Deathscythe Pilot in seinem doch recht kurzen Leben schon durchgemacht hatte. Sicher, Heeros eigene Kindheit war auch nicht gerade angenehm gewesen - weder J noch Odin vor ihm waren das was man ‘gute Vaterfiguren’ nannte. Nicht dass einer von ihnen unnötig grausam gewesen war oder sowas - aber sie hatten beide in Heero nur eine Art Werkzeug gesehen das sie zu ihrem Zweck formen und gestalten konnten. Im Gegensatz zu Duo hatte Heero niemals jemanden gehabt den er liebte oder von dem er geliebt wurde. Nicht bevor er Duo getroffen hatte, und selbst da konnte er von zweiterem nur träumen.

Doch andererseits hatte Heero auch niemals die schreckliche Erfahrung durchmachen müssen einen geliebten Menschen sterben zu sehen. Als Odin damals gestorben war hatte Heero zwar ein vages Gefühl der Trauer empfunden, aber niemals diese alles verschlingende Verzweiflung die Duo ihm beschrieben hatte. Heeros Leben war vielleicht nicht das einfachste gewesen, aber er hatte niemals diese schrecklichen Tiefen erlebt die Duo in seinem durchgemacht hatte. Andererseits hatte er auch niemals die Höhen erlebt die Duo gekannt hatte - Heero konnte nicht wirklich entscheiden was davon besser war.

Sich reckend und streckend stand Heero schließlich ganz vom Bett auf und machte sich auf die Suche nach Duo. Im Wohnzimmer fand er ihn schließlich - was sicherlich nicht allzu verwunderlich war, wie Heero sich mit einem innerlichen Schmunzeln schnell klarmachte. Bei der Größe von Duos Appartement gab es nicht wirklich viel Möglichkeiten sich zu verstecken.

Duo saß auf der Couch und hob den Kopf als Heero aus dem Schlafzimmer kam. „Hey,“ sagte der Langhaarige, legte den Stapel Blätter den er in der Hand hielt zur Seite und lächelte Heero zu. „Wie fühlst du dich?“

„Ganz gut,“ antwortete Heero. „Bisschen steife Muskeln, aber sonst ok.“ Als Duos Blick leicht besorgt wurde fügte Heero noch hinzu, „Es geht mir gut, Duo, wirklich. Mir ist nichts passiert als die Kiste runtergefallen ist.“

„Ok,“ sagte Duo mit einem zittrigen Lächeln.

„Wie lang hab ich geschlafen?“ fragte Heero.

„Ungefähr einundhalb Stunden,“ antwortete Duo und fuhr dann fort, „Ich hab was zu Essen gemacht, hast du Hunger?“

„Du hast was zu Essen gemacht?“ wiederholte Heero verwundert. „Wirklich?“

„Hmpf,“ machte Duo und stemmte die Arme in die Seite. „Ich bin nicht vollkommen unfähig in der Küche!“ sagte er gespielt empört, stand auf und ging hinüber in die Küchenzeile.

Heero folgte Duo lächelnd. „Ich hab tatsächlich Hunger,“ sagte er. „Was hast du gemacht?“

„Nudelsuppe,“ antwortete Duo und stellte die Herdplatte auf der ein kleiner Topf stand auf eine mittlere Stufe um besagte Suppe aufzuwärmen. Dann schaute er über die Schulter zu Heero zurück. „Ich geb zu das ist so ziemlich das einzige was ich kochen kann,“ sagte er mit einem schiefen Lächeln.

Heero schnupperte. „Riecht gut,“ sagte er und lächelte Duo an. „Danke.“

Duo erwiderte das Lächeln strahlend und wandte sich wieder dem Topf zu. Als die Suppe schließlich warm war füllte er zwei Teller und brachte sie ins Wohnzimmer. Heero folgte ihm mit dem Besteck.

Während sie die Suppe löffelten - die wirklich lecker war wie Heero schon mit dem ersten Löffel feststellte und es Duo auch sagte - nahm sich Duo wieder den Stapel Papier zur Hand den er vorher weggelegt hatte.

„Was machst du da?“ fragte Heero.

Duo sah auf. „Oh, das sind nur die neuesten Berichte über den Anschlag auf Quatre. Ich... hm...“ Duo sah zur Seite und wurde leicht rot. „Ich hab sie mir vorhin besorgt. Ich weiß du hast es nicht gern wenn jemand dein Notebook anfasst, aber du hast geschlafen und ich hatte nichts zu tun und ich dachte...“

„Duo,“ unterbrach Heero Duos atemlose Tirade innerlich amüsiert. Duo schien noch immer von Heeros mehr als besitzergreifendem Verhalten im Krieg auszugehen. Es stimmte, damals hätte Heero äußerst böse reagiert wenn er Duo dabei erwischt hätte wie dieser sein Notebook nicht nur anfasste, sondern sich offensichtlich auch Heeros Passwort hackte. Doch nun störte es ihn nicht im geringsten - im Gegenteil, er fand es sehr interessant dass Duo ihn offenbar gut genug kannte um sein Passwort in einer derart kurzen Zeit zu knacken.

„Es stört mich nicht dass du mein Notebook benutzt hast,“ beruhigte Heero ihn deshalb. „Im Gegenteil, fühl dich frei es jederzeit zu verwenden wenn du dazu Lust hast.“

Erneut schenkte Duo ihm ein strahlendes Lächeln und Heero musste nun wirklich schmunzeln. Baka. Hatte er wirklich gedacht Heero würde jetzt ausflippen nur weil Duo sein Notebook benutzt hatte?

„Und, steht irgendwas neues in den Berichten?“ fragte Heero und beugte sich interessiert zu Duo hinüber.

Duo schüttelte den Kopf und reichte Heero einen Teil des Stapels. „Nicht wirklich. Die Hälfte der Preventers ist damit beschäftigt jeden Winkel der Angelegenheit auszuleuchten. Offenbar teilen nicht alle Wufeis Theorie dass irgendein Verrückter hinter uns Gundam Piloten her ist. Es gibt die Vermutung dass irgendwelche politischen Extremisten dahinter stecken. Es hat wohl irgendwelche Drohungen gegeben wegen den Verhandlungen die Quatre führen wollte, und jetzt wird untersucht ob das der Grund für den Anschlag war. Allerdings hat sich noch keine extremistische Gruppe gemeldet und die Verantwortung für diesen Anschlag übernommen. Das passt nicht wirklich, denn solche Leute wollen ja schließlich Aufmerksamkeit erregen.“

Heero nickte stumm und überflog die Blätter die er in der Hand hielt. Duo hatte Recht, eine Terrorgruppe hätte sich längst gemeldet und ihre ‘Botschaft’ - was genau sie mit diesem Anschlag bezwecken wollten - in die Welt hinaus verkündet. Aber das überraschte Heero nicht wirklich, schließlich stimmte er völlig mit Wufei darin überein dass es irgendetwas speziell mit ihnen zu tun hatte.

„Und die andere Hälfte der Preventers,“ fuhr Duo fort und ließ bedrückt die Schultern hängen, „ist immer noch auf der Suche nach mir.“

„Duo...“ begann Heero, wurde jedoch von Duo unterbrochen.

„Vielleicht sollte ich mich stellen.“

„Was?“ Heero richtete sich auf und starrte Duo entsetzt an. „Das wirst du nicht!“

„Warum nicht?“ Duo zuckte mit den Schultern und warf Heero einen hoffnungslosen Blick zu. „Offenbar denkt die halbe Welt dass ich der Attentäter bin...“

„Aber du bist es nicht!“ sagte Heero äußerst bestimmt. Er packte Duo an den Schultern und zwang den Langhaarigen ihn direkt anzusehen. Er wusste zwar nicht warum Duos Stimmung auf einmal so pessimistisch, ja beinahe depressiv war, aber er würde es nicht zulassen dass der Langhaarige darin versank.

„Duo, hör mir zu,“ sagte Heero und sah Duo tief in die Augen. „Wenn du dich jetzt ‘stellst’, dann bewirkst du überhaupt nichts damit. Außer dass die Preventers dann vielleicht damit zufrieden sind den ‘Täter’ geschnappt zu haben und so den wahren Schuldigen entkommen lassen.“

Duo warf Heero einen überraschten Blick zu, so als wäre er selbst noch nicht auf diese Idee gekommen.

„Außerdem bist du auch ein Opfer,“ fuhr Heero fort. „Im Moment weiß der Attentäter nicht wo du bist, also bist du in Sicherheit. Und ich werde garantiert nicht zulassen dass du dich in Gefahr begibst indem du dich diesen Idioten bei den Preventers auslieferst! Hast du verstanden?“

Duo starrte ihn aus riesigen Augen beinahe perplex an und nickte leicht.

„Ich hab dir versprochen dass wir das in Ordnung bringen,“ sagte Heero ernst. „Und ich halte meine Versprechen, genau wie du. Wir finden diesen Kerl, du wirst sehen. Ok?“

Duo nickte wieder leicht, die Augen noch immer erstaunt weit aufgerissen und sagte mit kleiner Stimme, „Ok.“

„Gut.“ Heero nickte bestimmt und ließ Duo wieder los. „Dann zeig mir jetzt was es für Fortschritte gab und vielleicht wissen wir dann schon mehr.“

Mit einem kleinen Lächeln kam Duo Heeros Forderung nach und gemeinsam beugten sie sich über die Akten.

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Am nächsten Morgen machten sie sich wie gewohnt auf den Weg zur Arbeit. Nicht dass einer der beiden wirklich Lust dazu hatte, aber noch mussten sie möglichst unauffällig bleiben und das bedeutete pünktlich im Lagerhaus zu erscheinen. Oder Barnes würde ihnen das Fell über die Ohren ziehen.

Heero trottete stumm neben Duo her und ließ seine Gedanken wandern. Das Aktenwälzen am Vortag hatte sie nicht wirklich weiter gebracht. Die Preventers hatten kaum neue Erkenntnisse geschöpft in der Zeit seit sie mit den Untersuchungen begonnen hatten. Und da Heero und Duo sich mit Informationen aus zweiter oder sogar dritter Hand zufrieden geben mussten - keiner der beiden hatte schließlich die Möglichkeit loszuziehen und Leute direkt zu befragen - kamen sie nicht voran.

Heero musste zugeben dass ihn die Situation frustrierte. Er war einfach nicht der Typ der sich ruhig in eine Ecke setzte, die Hände in den Schoß legte und abwartete, was da auf ihn zukam. Nein, er zog es vor ein Problem anzugehen und es dann so schnell wie möglich zu lösen. Aktion war seine Stärke.

Und auch Duo war nicht gerade der zurückhaltende Typ. Sie beide waren am Vorabend wie zwei gefangene Tiger im Käfig auf und abgewandert. Heero hatte an Duos angespannter Körperhaltung gemerkt dass der Langhaarige am liebsten losgezogen wäre um etwas - egal was! - zu tun. Die Untätigkeit würde sie beide mit der Zeit sicherlich in den Wahnsinn treiben, da war Heero sich sicher.

„Heero!“ sagte Duo auf einmal und riss Heero damit aus seinen Gedanken. „Hörst du das? Da muss irgendwas passiert sein!“

Heero horchte auf. Tatsächlich, irgendwo in der Nähe konnte er Sirenen hören und die lauten Rufe von aufgebrachten Menschen. Heero beschleunigte die Schritte um zu Duo aufzuholen der schon voraus geeilt war.

Als sie noch einen halben Block vom Lagerhaus entfernt waren konnte Heero endlich erkennen was da los war. Eigentlich wunderte er sich wieso es ihm nicht schon früher aufgefallen war. Über der gesamten Straße hing eine schwere, schwarze Rauchwolke, das Blaulicht der Feuerwehr blitzte hindurch und Feuerwehrmänner liefen aufgeregt durcheinander.

„Oh mein Gott!“ rief Duo und wollte schon losstürmen - um zu helfen, zu erfahren was da los war oder beides. Heero konnte ihn gerade noch am Handgelenk packen und zurückhalten.

„Hey!“ rief Duo und blickte stirnrunzelnd über seine Schulter zu Heero zurück. „Was soll das? Lass mich los, ich muss wissen was da los ist! Das ist unser Lagerhaus!“

„Ich weiß,“ erwiderte Heero. „Aber du kannst da nicht rübergehen.“

„Und warum nicht?“ Duos Augen begannen gefährlich zu blitzen und Heero beeilte sich zu antworten.

„Weil dort drüben auch Polizei ist.“ Er deutete auf die Polizisten die zunächst unter all den Feuerwehrmännern gar nicht aufgefallen waren. „Hast du schon vergessen? Die Preventers sind auf der Suche nach dir, und sie haben mit Sicherheit dein Fahndungsbild auch an die Polizei weitergegeben. Und du bist leider viel zu leicht zu erkennen.“ Heero zog leicht an Duos Zopf und ließ ihn dann wieder auf den Rücken des Langhaarigen zurückfallen.

Duo starrte Heero betroffen an. „Du hast Recht,“ sagte er. „Verdammt. Wie sollen wir dann rausfinden was da los ist?“

„Ich geh rüber,“ sagte Heero. „Ich werde nicht gesucht, und da ich mich in den letzten Monaten ziemlich bedeckt gehalten habe sollte sich inzwischen auch keiner mehr an mein Gesicht erinnern.“ Mit Schaudern dachte Heero daran zurück wie sie alle gleich nach Ende des Krieges von Reportern geradezu überfallen worden waren. Das war etwas was er nicht wirklich wiederholen wollte.

„Aber...“

„Duo,“ unterbrach Heero ihn und sah ihm ernst ins Gesicht. „Versprich mir dass du hier bleibst und auf mich wartest. Versprich mir dass du dich nicht anschleichen wirst um auf eigene Faust herauszufinden was passiert ist. Bitte.“

Duo schob die Unterlippe vor und schmollte, doch als er bemerkte dass Heero es ernst meinte sagte er schließlich, „Na schön.“

Heero blickte Duo weiterhin geduldig an und rührte sich nicht vom Fleck.

Nach einer Weile seufzte Duo tief und sagte, „Ich verspreche dass ich hier auf dich warten und mich nicht vom Fleck rühren werde. Zufrieden?“

Heero lächelte leicht. „Ja. Danke.“

Duo zuckte beinahe verlegen mit den Schultern. „Schon gut. Geh schon und finde raus was los ist.“

Heero nickte, wartete bis Duo einen Schritt in die kleine Gasse neben dem Häuserblock machte, dann drehte er sich um und ging die Straße entlang auf das Lagerhaus und das Chaos davor zu.

Eine ganze Weile stand Heero nur am Rand des Geschehens und beobachtete stumm. So wie es aussah hatte das Lagerhaus gebrannt - oder brannte teilweise wohl noch wenn man von den Feuerwehrmännern ausging die noch immer mit Schläuchen auf den Schultern geschäftig dort ein- und ausgingen. Dann entdeckte er seinen Chef Barnes ein gutes Stück näher bei den Feuerwehrautos und entschloss sich ein paar Fragen zu stellen.

„Hey Barnes,“ grüßte Heero den Mann als er heran war.

Barnes drehte sich um und sah Heero flüchtig an, bevor er sich wieder zurück zum Lagerhaus drehte und den Rauch grimmig betrachtete. „Yuy,“ antwortete er auf Heeros Gruß.

„Was ist da los?“ fragte Heero.

„Es brennt,“ beantwortete Barnes die Frage ohne sich umzudrehen.

Heero rollte kurz mit den Augen. Das konnte er selbst sehen. „Weiß man schon warum?“ hakte er deshalb nach.

„Nein,“ Barnes schüttelte den Kopf. „Aber soll ich dir was sagen?“ Nun drehte Barnes sich doch um und sah Heero an. „Es wundert mich nicht wirklich.“

„Tatsächlich?“ Heero zog eine Augenbraue fragend hoch.

Barnes nickte grimmig. „Ich hab dem Besitzer wieder und wieder gesagt dass die Sicherheitsvorrichtungen da drin völlig veraltet und zum großen Teil nicht funktionsfähig sind. Aber hat er was dagegen gemacht? Nein, natürlich nicht, das würde ja Geld kosten.“ Barnes schüttelte den Kopf. „Der Mistkerl kann froh sein dass das Feuer ausgebrochen ist als grad keiner drin war - war ein verdammtes Glück, das sag ich dir.“

„Hn,“ machte Heero nachdenklich. Dann fügte er hinzu, „Wann können wir wieder da drin arbeiten?“

Barnes schnaubte abfällig. „Nicht so bald könnt ich mir vorstellen. Ich hab keine Ahnung wie lang die Untersuchungen der Feuerwehr dauern werden und ob der Besitzer das Lagerhaus dann überhaupt wieder aufbauen wird.“ Barnes sah Heero wieder ernst an. „Tut mir echt leid, vor allem für alle die hier gearbeitet haben. Ich weiß dass viele den Job brauchen. Ich werd tun was ich kann damit der Besitzer das Lagerhaus nicht stilllegt, aber ich kann nichts versprechen.“

„Hn,“ machte Heero wieder und zuckte mit den Schultern. Möglich dass es für die anderen Lagerarbeiter schlecht aussah, aber weder er noch Duo waren des Geldes wegen auf diesen Job angewiesen. Ehrlich gesagt würde es Heero gar nichts ausmachen wenn er die nächsten Wochen nicht jeden Tag früh aufstehen und dann harte körperliche Arbeit verrichten müsste. Er hatte genügend andere Dinge über die er sich Sorgen machte.

In diesem Moment kam einer der Feuerwehrmänner aus dem Gebäude, nahm seinen Helm ab und ging direkt auf Barnes zu.

„Mr. Barnes,“ sagte der Feuerwehrmann und winkte einen der höherrangigen Polizisten in Zivil herbei. Heero machte einen Schritt zurück um sich im Hintergrund zu halten - er wollte zwar wissen was der Feuerwehrhauptmann zu sagen hatte, aber trotzdem nicht auffallen.

„Es sieht nicht gut aus,“ fuhr der Feuerwehrmann fort als der Polizist heran war. „Das Feuer ist aus und wir haben uns schon einen ersten Überblick verschafft. Ohne eingehenden Untersuchungen kann ich es zwar nicht hundertprozentig sicher sagen, aber für mich sieht das aus wie Brandstiftung.“

Barnes fing lang und lautstark an zu fluchen. Der Polizist hörte Barnes mit leicht geneigtem Kopf zu, dann fragte er, „Haben Sie eine Ahnung wer das getan haben könnte? Irgendwelche Störenfriede, Leute die unzufrieden waren?“

Barnes zögerte einen langen Moment, dann seufzte er. „Ich hab gestern einen meiner Männer entlassen müssen. War unzuverlässig und hat zu viele Unfälle verursacht. Erst gestern hat er beinahe einen der anderen Männer schwer verletzt weil er eine Kiste nicht ordnungsgemäß befestigt hatte. Er war ganz schön angepisst - entschuldigen Sie den Ausdruck.“

Der Polizist nickte. „Hat er irgendwelche Drohungen ausgestoßen? Was genau hat er gesagt? Ich brauche seinen Namen und seine Adresse.“

Barnes zögerte erneut. „Hören Sie Inspektor...“

„Jones,“ warf der Inspektor ein.

„Inspektor Jones,“ nickte Barnes dankend. „Das hier passt nicht zu Müller. Er hat zwar eine große Klappe und gibt viel von sich wenn der Tag lang ist, aber ich kann mir nich vorstellen dass er so was tut. Das ist nur Gerede aber nichts dahinter.“

„Ich muss trotzdem mit diesem Müller reden,“ fuhr der Inspektor fort.

Heero wandte sich ab. Er hatte genug gehört. Schnell aber unauffällig machte er sich auf den Weg zurück zu Duo. Dort angekommen packte der Langhaarige ihn an der Jacke kaum das er an der kleinen Gasse vorbeikam und zerrte ihn hinein.

„Verdammt, warum hat das so lange gedauert?“ zischte Duo ärgerlich. „Also, was ist los?“

„Ging nicht schneller,“ entschuldigte Heero sich. „Sie vermuten Brandstiftung.“

„Brandstiftung?“ Duo starrte Heero verblüfft an. „Aber warum sollte jemand das Lagerhaus absichtlich anzünden? Ich kann mir nicht vorstellen dass man für das heruntergekommene Ding noch viel von der Versicherung kassieren kann.“

Heero zuckte mit den Schultern. „Denk ich auch nicht. Bis jetzt vermuten sie dass Müller der Schuldige ist.“

„Müller?“ Duo blinzelte ein paar Mal.

Heero nickte. „Ja, der den Barnes gestern wegen der Sache mit der Kiste entlassen hat. Anscheinend war der Typ so richtig sauer.“

„Oh,“ machte Duo. „Hm. Ist jemand verletzt worden?“

„Nein,“ schüttelte Heero den Kopf. „Nur das Lagerhaus ist verbrannt. Ich denke, die Untersuchungen werden eine ganze Zeitlang in Anspruch nehmen. Und Barnes weiß auch nicht ob der Besitzer es wieder aufbauen lassen will. Ich fürchte wir sind damit arbeitslos.“

Duo zuckte mit den Schultern. „Was soll’s. So toll war der Job auch nicht. Und es ist auch nicht so als würden wir das Geld brauchen. Eigentlich ist das ganz gut, so können wir uns mehr auf die Sache mit dem Attentäter konzentrieren. Vielleicht kommen wir dann endlich mal voran.“

Heero nickte und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg zu Duos Appartement.



Kapitel 14

Die nächste Woche verlief ziemlich ereignislos. So ereignislos dass sowohl Heero als auch Duo schnell das Gefühl bekamen die Decke würde ihnen auf den Kopf fallen.

Da sie beide nun nicht mehr früh aufstehen mussten um zur Arbeit zu gehen, verschob sich ihr Tagesablauf schnell nach hinten. Heero, der niemals verstanden hatte was so toll daran sein sollte Morgens lang zu schlafen stellte bald fest, dass dies etwas war woran er sich schnell gewöhnen könnte. Vor allem wo es doch bedeutete dass er so länger an Duo gekuschelt im Bett liegen bleiben konnte.

Nicht dass es bedeutete dass Heero tatsächlich länger schlief. Nein, noch immer wachte er verhältnismäßig früh auf. Aber da sie am Vortag meist bis weit in die Nacht hinein wach geblieben und die Akten des Falles gewälzt hatten, bedeutete es dass Duo Morgens sehr viel länger schlief. Und Heero genoss einfach das Gefühl einfach so dazuliegen und den schlafenden Duo im Arm halten zu können, ohne dass dieser irgendetwas dagegen einwenden konnte. Nicht dass Duo das jemals getan hätte.

Noch immer hatte Duo kein Wort über jenen Zwischenfall vor ein paar Nächten verloren von dem Heero immer noch nicht sicher war, ob er es nicht doch nur geträumt hatte. Und deshalb ging er lieber gar nicht erst das Risiko ein dass Duo protestieren könnte. Sobald er Morgens merkte dass Duo anfing aufzuwachen, löste er sich vorsichtig aus dessen Armen und verschwand im Bad.

Doch das Problem seiner nicht-erwiderten Gefühle war nicht der Grund warum Heero nach fünf Tagen kurz davor war die Wände hochzugehen. Obwohl er sich jeden Tag ein Update der Akten direkt aus dem Preventers Netzwerk holte - noch immer ohne dass es bei den Preventers irgendjemand gemerkt hätte, Heero nahm sich fest vor Commander Une später auf diese Sicherheitslücke hinzuweisen - brachte das nicht viel. Die Preventers, genauso wie auch Heero und Duo, kamen nicht voran.

Seit dem Anschlag auf Quatre, der ja nun doch schon fast zwei Wochen zurücklag, hatte es keinerlei erneute Versuche gegeben. Möglich dass es daran lag dass sowohl Quatre, als auch Trowa und Wufei rund um die Uhr beschützt wurden und der Attentäter keine Möglichkeit fand. Jedenfalls waren sie von einer Verhaftung noch meilenweit entfernt.

Dennoch vertieften sich Heero und Duo jeden Tag pflichtschuldigst in die Akten und brüteten stundenlang über jeder neuen Information, sei sie auch noch so klein. Doch natürlich kamen sie nicht voran - wie auch? Es gab nichts was sie voranbringen konnte.

„Dieser Idiot!“

Heero blickte von seinem Papierstapel auf und sah zu Duo hinüber. Im Gegensatz zu Heero, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, hatte Duo es sich zur Gewohnheit gemacht im Wohnzimmer auf und ab zu marschieren während er die Akten las. Doch gerade jetzt hatte der Langhaarige in seinen Wanderungen innegehalten und starrte ungläubig und wütend zugleich auf ein Blatt das er in der Hand hielt.

„Was ist los?“ fragte Heero als außer dem vorherigen Ausruf nichts weiter von Duo kam.

Duo hob den Kopf. „Wufei!“ rief er verärgert. „Dieser verfluchte Idiot!“

Heero runzelte die Stirn. „Was hat er gemacht?“

„Er benutzt sich als Köder!“

„Was?“ Heero sprang vom Sofa auf.

„Hier!“ Duo deutete mit seinem Finger auf den entsprechenden Abschnitt und Heero beugte sich über dessen Schulter um ihn zu lesen.

„Offenbar ist er genauso frustriert wie wir weil es keine Fortschritte gibt!“ fasste Duo zusammen. „Deshalb ist er wieder aus dem Preventers Hauptquartier ausgezogen! Und läuft überall ohne Begleitschutz rum! Als lebende Zielscheibe! Er will den Kerl provozieren!“

Heero überflog den Abschnitt ein zweites Mal. Doch Duo hatte Recht, genau das hatte Wufei getan. Und noch dazu mit Commander Unes Erlaubnis und Ermunterung wie es schien.

„Hn,“ machte Heero. Er war nicht weniger wütend auf Wufei als Duo. „Er macht das schon seit drei Tagen wie ich sehe,“ sagte er.

„Was?“ rief Duo.

„Hier,“ diesmal deutete Heero auf einen Abschnitt der Akte, ein gutes Stück weiter unten. Offenbar war Duo noch nicht so weit gekommen.

„Warum lesen wir dann erst heute davon?“ Duo wedelte aufgebracht mit der Akte umher.

Heero zuckte mit den Schultern. Er hatte keine Ahnung warum diese spezielle Information erst jetzt in den Akten aufgetaucht war - außer Wufei hatte sie nicht beunruhigen wollen. Der Chinese wusste dass Heero sich jederzeit Zugriff zu den Akten verschaffen konnte - und es auch tat.

„Was denkt er sich nur dabei?“ Duo hatte sein umherwandern wieder aufgenommen und fuchtelte noch immer aufgebracht mit den Armen umher. „Da draußen ist jemand der nur darauf wartet uns zu töten und er fordert es auch noch heraus!“

„Hn,“ machte Heero erneut. „Wahrscheinlich ist er genauso frustriert wie wir beide,“ sagte er schließlich. „Ich schätze er dachte, jeder Angriff ist besser als gar nichts. Aber offenbar ist bisher noch nichts dergleichen passiert.“

„Ja verdammt noch mal, was hat er denn erwartet?“ Duo vibrierte inzwischen am ganzen Körper vor Wut. „Wer auch immer der Attentäter ist, er ist garantiert vollkommen durchgeknallt! Wer weiß schon nach was für einem Schema der Kerl vorgeht? Vielleicht ja nach unseren Codenummern oder nach dem Alphabet oder er hat für uns alle Horoskope erstellt oder weiß der Geier was! Ich würd ihm am liebsten in den Hintern treten für diese Aktion!“

„Sollen wir ihn anrufen?“ fragte Heero. „Dann kannst du ihm direkt sagen was du davon hältst.“

Duo stoppte mitten im Schritt und sah Heero überrascht an. „Ich...“ begann er, dann brach er ab und kaute kurz auf seiner Unterlippe. „Ich weiß nicht,“ sagte er schließlich unsicher.

Heero stieß einen kurzen, enttäuschten Seufzer aus. Duo war so aufgebracht gewesen - ganz wie der Duo, den er vom Krieg her kannte. Der, der sich von nichts unterkriegen ließ und niemals eine Gelegenheit verstreichen ließ seine Meinung lautstark kundzutun.

Und Heero gegenüber benahm sich Duo inzwischen auch die meiste Zeit über so. Solange Heero die Sprache nicht auf den Fluch oder ihre Freunde brachte, benahm sich Duo so wie Heero ihn kannte. Doch noch immer gab es Augenblicke in denen der Langhaarige plötzlich wieder wortkarg und in sich verschlossen war. Und noch immer weigerte er sich einen der anderen zu kontaktieren.

„Tut mir leid, Ro,“ murmelte Duo leise und warf Heero einen schmerzvollen Blick zu. „Aber ich - kann einfach nicht.“

Heero machte einen Schritt auf Duo zu. „Ist schon ok,“ sagte er beruhigend und legte eine Hand auf Duos Schulter. „Dann eben ein anderes Mal.“

Duo nickte leicht und ließ den Kopf hängen. Heero drückte seine Schulter beruhigend, doch Duo wandte sich nur ab, setzte sich mit angezogenen Beinen auf das Sofa und schlang die Arme um die Knie. Heero konnte deutlich sehen, dass Duo sichtlich enttäuscht von sich selbst war.

Heero schüttelte leicht den Kopf und ging hinüber in die kleine Küchenzeile. Duo war aufgebracht, was bedeutete dass sie im Moment sowieso nicht weiter die Akten studieren würden. Also könnte Heero genauso gut auch etwas zu essen machen. Hinterher wäre Duo sicherlich wieder ruhig genug um sich dem Fall zu widmen.

Doch als Heero den kleinen Kühlschrank öffnete, musste er feststellen, dass er leer war. Keiner von ihnen hatte in den letzten Tagen ans Einkaufen gedacht, so dass es eigentlich kein Wunder war dass nichts zu essen im Haus war.

„Duo?“ sagte Heero während er sich seine Jacke schnappte. Als der Langhaarige den Kopf hob um ihn anzusehen, fuhr Heero fort, „Es ist nichts mehr zu essen da. Ich geh einkaufen. Willst du mitkommen?“

Duo schüttelte nur düster den Kopf, dann ließ er ihn wieder auf seine angezogenen Knie sinken.

Heero seufzte leise, dann öffnete er die Wohnungstür. Als er den Gang hinunter lief hörte er wie eine andere Wohnungstür leise geöffnet wurde, und nachdem Heero um die Ecke verschwunden war, ebenso leise wieder geschlossen wurde.

Heero schnaubte kurz und schüttelte den Kopf. Duos alter Nachbar von gegenüber, der der Heero gegenüber vor so vielen Wochen behauptet hatte dass Duo Drogen nähme, konnte seine Neugier offenbar nicht lassen.

Seit Heero bei Duo eingezogen war, beobachtete der alte Mann ihr Kommen und Gehen äußerst akribisch. Zwar hatte er bisher noch keinen Kommentar von sich gegeben, aber Heero rechnete inzwischen täglich damit.

Doch eigentlich hatte er keine Lust sich über die Neugier des Nachbarn Gedanken zu machen. Er hatte wichtigeres zu tun. Während er aus dem Wohnhaus auf die Straße trat und gemächlich in die Richtung des nächsten Supermarktes wanderte, grübelte Heero darüber nach wie er Duo dazu bringen konnte endlich wieder Kontakt zu seinen Freunden aufzunehmen.

Es war Heero klar dass es Duo nicht leicht fallen würde. Zu sehr war der Langhaarige immer noch in dem Glauben gefangen er würde seinen Freunden nur Unglück bringen. Das saß so tief dass man es nicht einfach nur mit einem beruhigenden Tätscheln und einem „Das wird schon wieder!“ aus der Welt schaffen könnte.

Doch Heero wusste auch wie sehr es Duo schmerzte keinen Kontakt zu seinen Freunden zu haben. Er konnte sehen dass der Langhaarige hin und her gerissen war von dem Bedürfnis seinen Freunden in dieser schweren Zeit beizustehen und dem Bedürfnis sie durch sein Fernbleiben zu schützen.

Heero schüttelte erneut den Kopf. Sie mussten diesen verdammten Mistkerl endlich schnappen. Solange dieser Attentäter auf freiem Fuß war würde Duo niemals davon zu überzeugen sein, dass er keine Gefahr für seine Freunde darstellte. Im Grunde konnte Heero Wufeis Vorgehensweise sogar zustimmen. Er hätte sich ja selbst als Köder zur Verfügung gestellt, wenn er dadurch nicht Duo in Gefahr gebracht hätte.

Aber offenbar hatte Duo Recht mit seiner Behauptung dass der Attentäter wohl eine ganz eigene Vorgehensweise hatte. Denn obwohl Wufei sich praktisch wie auf dem Präsentierteller anbot, hatte der Mann noch nicht wieder zugeschlagen. Möglich dass es noch zu früh für einen weiteren Anschlag war. Der Kerl hatte bisher immer ein paar Monate dazwischen verstreichen lassen, gut möglich also dass es auch diesmal so war.

Doch Heero glaubte es eigentlich nicht. Der Attentäter hatte mehrfach bewiesen dass er nicht dumm war. Er musste wissen dass seine Anschläge inzwischen kein Geheimnis mehr waren, dass die Preventers inzwischen an dem Fall dran waren. Und selbst wenn es nur wenig Indizien gab die ihnen weiterhalfen, früher oder später würden sie den Kerl finden. Heero war sich da sicher.

Wenn der Attentäter in seiner Mission also noch Erfolg haben wollte, so konnte jetzt nur noch Schnelligkeit helfen. Er würde seine Ziele so rasch wie möglich eins nach dem anderen ausschalten müssen. Sonst würden die Preventers - oder Heero selbst - ihn schnappen.

Warum also hatte er noch nicht versucht Wufei zu töten? Heero blieb mitten im Schritt stehen. Was wenn... Duos Aussage über das Schema des Attentäters ging Heero nicht mehr aus dem Sinn. Was wäre wenn...

Noch bevor Heero es sich anders überlegen konnte zog er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und wählte eine Nummer. Während er ungeduldig wartete dass am anderen Ende abgehoben wurde ging er noch einmal kurz seine Theorie durch. Es wäre zumindest einen Versuch wert.

„Ja?“ meldete sich plötzlich eine Stimme im Telefon und riss Heero so aus seinen Gedanken.

„Trowa?“ fragte Heero, obwohl er seinen Freund sofort erkannt hatte. „Ich bin’s, Heero.“

Für eine ganze Weile herrschte Schweigen am anderen Ende, dann fragte Trowa eisig, „Was willst du?“

Heero holte tief Luft. „Trowa, hör zu, es tut mir leid dass ich nicht für dich da war als du mich gebraucht hast. Ich weiß du denkst ich hätte dich und unsere Freundschaft im Stich gelassen. Vielleicht glaubst du es nicht, aber Duo hat mich nötiger gebraucht als du. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte, und ich bin nicht einmal sicher dass es an mir ist sie dir zu erzählen, aber -“

Trowa unterbrach ihn. „Heero,“ sagte er, dann seufzte er tief. „Hör zu, ich will jetzt wirklich nicht über Duo reden, ok?“

„Trowa,“ begann Heero erneut, doch wieder wurde er von Trowa unterbrochen.

„Ich glaube nicht dass ich ihm so schnell verzeihen kann, also versuch es erst gar nicht,“ sagte der ehemalige Heavyarms Pilot. „Und im übrigen, wenn Duo sich entschuldigen will, dann soll er gefälligst selbst anrufen und nicht dich vorschicken.“

„Ich habe nicht angerufen weil ich mich für Duo entschuldigen will,“ erwiderte Heero, dessen Tonfall nun ebenfalls etwas kühler geworden war. „Ich wollte mich eigentlich nur bei dir dafür entschuldigen dass unser letztes Telefonat so kurz und unfreundlich geendet hat. Und ich wollte mich erkundigen wie es Quatre geht.“

Wieder herrschte für einen Moment Schweigen über die Leitung, dann seufzte Trowa. „Quatre geht es gut,“ antwortete er schließlich. „Er ist inzwischen aus dem Koma aufgewacht, und seine Verletzungen verheilen den Umständen entsprechend ganz gut. Er ist natürlich am Boden zerstört wegen Rashids Tod, und er macht sich noch immer Sorgen wegen Duo, und das obwohl ich ihm von Duos Reaktion erzählt habe. Es hat ihn nicht gestört, im Gegenteil, er ist sogar noch besorgter geworden,“ fügte Trowa bitter hinzu. „Wenn er nicht noch zu schwach und krank dafür gewesen wäre, dann wäre er garantiert ins nächste Shuttle gesprungen und zu euch geflogen.“

„Hn,“ machte Heero nur. Irgendetwas sagte ihm, dass Quatre womöglich von Duos Fluch wusste. Wie sonst ließ sich dessen Reaktion erklären? „Ich bin froh dass es Quatre wieder besser geht,“ sagte er. „Trowa, ich weiß nicht ob Wufei es dir erzählt hat, aber Duo und ich arbeiten ebenfalls an dem Fall um den Attentäter zu schnappen.“

„Er hat es erwähnt,“ war Trowas knappe Antwort.

„Ich hab nachgedacht,“ sagte Heero. „Es wäre gut möglich dass der Attentäter so etwas wie eine Abschussliste hat. Und zwar nicht nur in dem Sinne wen er alles töten will, sondern auch in welcher Reihenfolge.“

„Willst du damit sagen, du weißt wer von uns der nächste ist?“

„Nein,“ gab Heero zu. „Duo meinte er könnte nach unseren Codeziffern oder dem Alphabet vorgehen. Aber in beiden Fällen wäre ich dann entweder vor Duo oder vor Quatre an der Reihe gewesen. Und bisher gab es noch keinen einzigen Anschlag auf mein Leben. Aber das ist im Grunde gar nicht das worüber ich mit dir sprechen wollte.“

„Was wolltest du dann?“ Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs klang Trowas Stimme nicht mehr kalt und abweisend, sondern leicht neugierig. Offenbar konnte auch er sich dem Kitzel der Jagd nicht ganz entziehen.

„Naja, der Grund warum er sich noch keinem anderen zugewandt hat - und das obwohl Wufei sich als Zielscheibe präsentiert,“ erwiderte Heero, „könnte durchaus sein, dass er seine Reihenfolge aus welchem Grund auch immer einhalten möchte.“

Entsetztes Schweigen am anderen Ende. „Willst du damit sagen dass er immer noch hinter Quatre her ist?“ kam es schließlich mit erstickter Stimme.

„Es ist nur eine Möglichkeit!“ beeilte Heero sich zu versichern. „Ich bin mir sicher dass ihr noch immer sämtliche Sicherheitsvorkehrungen um Quatre aufrecht erhaltet, oder?“

„Ja,“ Trowas Stimme klang noch immer schwach, so als müsse er den Schock erst noch verarbeiten.

„Ich dachte mir,“ fuhr Heero fort, „dass wir den Kerl vielleicht ein bisschen aus der Reserve locken sollten. Solange Quatre so stark bewacht wird, kann er es nicht wagen ihn noch einmal anzugreifen. Wenn ich Recht habe dann wird mein Plan bewirken dass der Attentäter sich jemand anderem zuwendet - vielleicht sogar tatsächlich Wufei, da der ja im Moment so leicht zu finden ist. Wenn ich unrecht habe - nun, schaden wird es auf keinen Fall.“

„Und wie lautet dein Plan?“

„Oh,“ machte Heero, dann lächelte verlegen, froh dass Trowa ihn über das Mobiltelefon nicht sehen konnte. Er hatte doch tatsächlich vergessen zu erwähnen wie sein Plan aussieht. „Ganz einfach, Quatre muss sterben,“ erklärte Heero. „Bringt ihn in irgendein Privatkrankenhaus oder eines seiner Anwesen, ohne dass jemand es mitbekommt. Und lasst dann über die Presse verlauten dass er an seinen Verletzungen gestorben ist. Wer auch immer der Attentäter ist, und nach welchem Schema auch immer er vorgeht, solange er denkt dass Quatre tot ist, ist Quatre außer Gefahr. Und vielleicht verleitet das den Kerl tatsächlich dazu einen Fehler zu machen.“

Trowa schien einen Moment lang über Heeros Vorschlag nachzudenken, dann antwortete er langsam, „Das ist gar keine so schlechte Idee. Ich gebe zu, ich würde besser schlafen können wenn ich wüsste dass Quatre außer Gefahr ist.“

„Wirst du es machen?“ drängte Heero.

„Ja,“ war Trowas Antwort. „Une wird die Idee gefallen. Ich weiß sogar schon welcher der Ärzte da mitspielen würde. Ich weiß selbst nicht wieso ich noch nicht auf diese Idee gekommen bin. Ich...“ Trowa zögert für einen Moment, dann fügte er hinzu, „Danke, Heero.“

Heero lächelte in den Hörer, obwohl Trowa es nicht sehen konnte. „Kein Problem. Wir sind schließlich immer noch Freunde, oder?“

„Ja,“ antwortete Trowa leise. „Das sind wir.“

Heero wechselte noch ein paar Worte mit Trowa, dann legte er auf. Mit dem zufriedenen Gefühl endlich etwas unternommen zu haben machte er sich auf den Weg in den Supermarkt.