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D.A. Maxwell, Privatdetektiv Teil 6 - 9

Kapitel 6

Mit quietschenden Reifen hielt Heero vor dem Eingang des First Regent. Es war mitten in der Nacht, deshalb hatte er nach dem verhängnisvollen Anruf auch so schnell hierher kommen können. Während er ausstieg schüttelte er seinen Kopf. Er konnte immer noch nicht begreifen, was Wufei ihm vor knapp 20 Minuten am Telefon erzählt hatte. Die Juwelen von Claire de la Maire waren gestohlen worden. Die Juwelen für deren Sicherheit sie verantwortlich waren!

„Ungerechtigkeit!“ rief in dem Moment Wufei und sprach Heero damit aus tiefster Seele. Sie hatten doch alles so perfekt abgesichert, wie hatte es da ein Dieb schaffen können sich Zugang zu verschaffen? Heero wusste es nicht, aber er würde es so schnell wie möglich klären. Das waren sie ihrem Auftraggeber schuldig, das waren sie sich selbst schuldig! Wenn bekannt würde dass ihnen praktisch unter ihrer Nase diese wertvollen Juwelen gestohlen worden waren, dann könnten sie sich von ihrem guten Ruf erst einmal verabschieden.

„Na, dann lass uns mal reingehen,“ sagte er zu Wufei gewandt.

Sein Partner nickte nur und gemeinsam gingen sie in das Foyer des Hotels. Jeder von ihnen hatte dabei einen Untersuchungskoffer dabei. Sie wollten so viel wie möglich an Spuren sichern.

Kaum hatten sie die Empfangshalle des Hotels betreten, da rannte auch schon ein völlig aufgelöster Manager auf sie zu. Edward Huntington III schien den Diebstahl der Exponate nicht sonderlich ruhig aufzunehmen. Aber wirklich verdenken konnte Heero ihm das nicht. „Da sind Sie ja endlich! Es ist eine Katastrophe! Eine unglaubliche Katastrophe! Was werde ich jetzt Claire de la Maire erzählen? Oh diese Schmach! Ich werde zum Gespött des Country Clubs!“

Heero rollte innerlich mit seinen Augen. Sie hatten im Moment wirklich größere Probleme als den Country Club. Aber er hielt ihrem Auftraggeber zugute, dass er wahrscheinlich unter Schock stand und deshalb so einen Unsinn von sich gab.

„Ist die Polizei schon eingetroffen?“ fragte er in möglichst beruhigendem Ton. Während der Unterhaltung waren sie drei gemeinsam in Richtung des Ausstellungsraumes gegangen.

Huntington schüttelte den Kopf. „Nein, bisher noch nicht. Die Alarmanlage ist nicht mit der Polizei verbunden. Als ich und das Wachpersonal von den Alarm hörten, sind wir sofort in die Ausstellungsräume und haben uns den Schaden angesehen. Sämtliche Juwelen von Claire de la Maire sind verschwunden! Es ist eine Katastrophe!“

Wufei seufzte und Heero konnte es ihm nicht verdenken. Also waren Huntington und eine unbezifferte Anzahl von anderen Leuten durch den Tatort gewandert und hatten diesen kontaminiert. Das würde die Spurensuche sicherlich nicht leichter gestallten. „Und wieso haben Sie nicht gleich die Polizei gerufen?“ hakte Heero noch einmal nach. Das wäre doch normal bei einem Einbruch gewesen, oder?

Huntington sah ihn und Wufei fast strafend an. „Ich nehme doch an, dass Sie die Juwelen wiederfinden und den Dieb schnappen werden. Immerhin bezahle ich Sie. Ich finde es sowieso empörend, dass ich schon wieder Ihren Chef nicht habe erreichen können. Er hatte mir versichert sich rund um die Uhr um die Juwelen zu kümmern. Und jetzt sind sie weg und er antwortet nicht auf meine Anrufe!“

Jetzt war es an Heeros Stelle zu seufzen. Er wusste ganz genau, wieso Huntington D.A. Maxwell nicht hatte erreichen können. Und so wie die Lage aussah, konnte es gut angehen, dass der Typ der sich gestern als ihr Chef ausgegeben hatte auch der Dieb war. Was hieß hier gut angehen? Er war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Weil wieso hätte er es sonst tun sollen?

„Mr. Huntington, ich versichere Ihnen, dass D.A. Maxwell bereits an der Aufklärung des Falles arbeitet. Er hat uns instruiert hier alles genau zu untersuchen und in der Zwischenzeit will er ein paar andre Fährten verfolgen. Wir tun unser bestes,“ erklärte jetzt Wufei mit ernstem aber beruhigendem Tonfall. Er klang sehr professionell.

Auf jeden Fall schien er damit Huntington etwas beruhigen zu können. „Es freut mich das zu hören. Ich kann kaum klar denken wegen dieser Geschichte. Es ist eine Katastrophe! Werden Sie jetzt den Ausstellungsraum untersuchen?“

Heero sah kurz zu Wufei, der leicht nickte. „Natürlich werden wir das Mr. Huntington. Aber wenn wir mit der ersten Untersuchung fertig sind, dann sollten Sie doch die Polizei rufen.“

Huntington erbleichte. „Nein, keine Polizei. Ich will nicht, dass irgendwas von dem hier Publik wird.“

Heero zählte langsam bis zehn. Wieso nur war ihr derzeitiger Auftraggeber so uneinsichtig? Es würde später schon noch schlimm genug werden, wenn die Polizei mitbekam, dass Huntington sie als erstes an den Tatort gelassen hatte. Ganz egal, dass sie die Sicherheitsexperten waren die für die Exponate verantwortlich waren. Die Polizei schätzte es gar nicht, wenn ‘Amateure’ - und dafür hielten sie auch Detektive - sich an ihren Tatorten zu schaffen machten. Und sie hatten mit ihrer Meinung sicher normalerweise auch Recht. Es gab zu viele Menschen die nicht wussten worauf sie zu achten hatten und ohne es zu wollen Spuren kaputt machten.

Aber wenn Huntington aus Publicitygründen erst gar nicht die Polizei einschalten wollte, dann würden sie später richtig Probleme haben. Deshalb sagte Heero das einzige von dem er wusste, dass es ihren Auftraggeber zur Vernunft bringen würde. „Mr. Huntington, natürlich werden wir unser Möglichstes tun um dieses Verbrechen aufzuklären und die Juwelen zurück zu bekommen. Aber es besteht leider - die zwar sehr geringe - Möglichkeit, dass wir es nicht schaffen. In dem Fall wird die Versicherung für den Verlust der Juwelen aufkommen müssen. Und das werden sie nicht, wenn die Polizei nicht informiert wurde.“

Huntington wurde jetzt richtig bleich. „Oh. Mein. Gott,“ stammelte er. „Sie haben Recht. Ich werde die Polizei sofort anrufen. Oh und Mr. Wyndam-Price von der Versicherung auch. Die sollen sich gleich ein Bild von der Katastrophe machen.“

Obwohl er gerade unter starkem Stress stand und eigentlich mit etwas anderem beschäftigt war, freute es Heero zu hören, dass Huntington auch gleich Duo anrufen wollte. So wie er den Versicherungsagenten kannte, würde dieser auch sofort zum Tatort eilen. Die Aussicht Duo heute Nacht noch zu treffen war zumindest ein kleiner positiver Aspekt dieser verfluchten Nacht.

Nachdem Huntington aufgeregt davon geeilt war, begannen Heero und Wufei so schnell wie möglich mit ihren Untersuchungen. Sie wussten, dass sie nicht sonderlich viel Zeit hatten. Außerdem war ihnen klar dass sie am Tatort nichts verändern durften. Deshalb suchten sie auch nicht erst nach Fingerabdrücke oder so - davon mal abgesehen dass ein professioneller Juwelendieb sowieso keine Abdrücke hinterlassen würde. Stattdessen versuchten sie zu ergründen, wie es dem Dieb gelungen war ihre Alarmanlage lange genug zu umgehen, dass er sich die Juwelen hatte schnappen können. Normalerweise hätte der Alarm losgehen müssen sobald der Dieb den Ausstellungsraum betrat. Danach hätten sich die Türen automatisch schließen müssen, was ein Entkommen unmöglich machte.

Aber scheinbar war zum einen der Alarm erst sehr viel später losgegangen, zum anderen hatten die automatischen Türen versagt. Jetzt mussten sie anhand der Logs ihres Sicherheitssystems herausfinden wer sich wann Zugang verschafft hatte. Was ihnen bei der ersten Untersuchung auch auffiel war, dass es dem Dieb auch gelungen war die Überwachungskameras außer Gefecht zu setzten. Heero knurrte bei der Erkenntnis. Da hatte sich jemand fast einen Spaß daraus gemacht ihre Sicherheitsvorkehrungen ad absurdum zu führen. Und das schlimme war, bei den ganzen Manipulationen schien es sich bei dem Dieb um jemanden zu handeln, der genauestens über alles Bescheid wusste.

Sie hatten alle relevanten Daten kopiert und verstaut und räumten jetzt für die Polizei das Feld. Vor dem Ausstellungsraum hatte sich inzwischen eine kleine Menschenmenge angesammelt - die Wachleute und ein paar weitere Hotelangestellte. Mitten drin natürlich Edward Huntington III der ganz aufgeregt war und von einer Ohnmacht in die andre zu fallen schien. Und neben ihm stand ein Mann in grauem Anzug mit schütterem Haar. Heero fiel fast der Unterkiefer runter als er den gemeinen Betrüger erblickte. Der traute sich ja was.

„Heero, was hast du?“ zischte Wufei, der wohl bemerkt hatte dass Heero plötzlich sehr aufgeregt war.

Aber Heero wollte jetzt nichts sagen, dazu gab es zu viele Ohrenzeugen. Aber er ging so schnell wie möglich auf Huntington und den Betrüger zu, er würde den Typen jetzt stellen und wenn alles glatt lief, dann hätten sie auch bald die Juwelen wieder. Schließlich musste der Typ der Dieb sein. Warum sonst hätte er sich als D.A. Maxwell ausgeben sollen?

Doch kaum hatte er die beiden Männer erreicht, als Huntington zu ihm aufsah und sagte, „Oh Mr. Yuy, ich habe gerade schon mit Mr. Wyndam-Price gesprochen. Und er hat einige Fragen den Diebstahl betreffend.“

„Mr. Wyndam-Price?“ wiederholte Heero verwirrt. Er hätte jetzt erwartet, dass Huntington ihm von seinem Chef vorschwärmte.

„Oh stimmt ja,“ sagte Huntington aufgeregt. „Sie haben den Versicherungsvertreter ja nie persönlich kennen gelernt. Ihr Chef hat mir erklärt dass sie ihn vor zwei Tagen nicht haben finden können, deshalb hat Mr. Maxwell ja dann auch persönlich mit ihm geredet.“

„Gestern in der großen Halle. Es war eine Ehre den berühmten D.A. Maxwell kennen zu lernen,“ fügte in dem Moment der Mann im grauen Anzug hinzu.

Plötzlich fügten sich alle Puzzelteile in Heeros Kopf zu einem Bild zusammen. Wenn der Typ hier tatsächlich der Versicherungsvertreter Wyndam-Price war - und davon ging er aus da Huntington den Mann ja schon mehrmals gesprochen hatte und deshalb wohl besser kannte - dann gab es nur eines was Duo sein konnte.

Die Erkenntnis traf Heero wie ein Schlag. Er fühlte sich betrogen wie noch nie in seinem Leben. Selbst als seine Kollegen sich damals wegen der falschen Beschuldigungen von ihm abgewandt hatten, hatte er sich nicht so hintergangen gefühlt.

Er hatte Duo vertraut, hatte sich ihm geöffnet. Und dieser hatte nur mit ihm geflirtet um an Informationen heran zu kommen! D.A. Maxwell, Wyndam-Price das alles waren nur Rollen die Duo - wenn das überhaupt sein Name war - angenommen hatte um an so viel Informationen wie möglich zu kommen. Dieser gemeine Dieb hatte das alles nur getan um die Juwelen zu bekommen!

Heero fühlte sich aber nicht nur betrogen und verraten, sondern auch schlicht und ergreifend dumm. Wieso nur war er so schnell auf Duo hereingefallen? Hatte sich von ihm einlullen lassen und ohne groß dessen Identität zu verifizieren hatte er ihm Details der Sicherheitsmaßnahmen verraten die diesen Diebstahl erst möglich machten. Er hatte sich wie ein dummer, unerfahrener Anfänger verhalten. Aber er würde diesen Fehler wett machen, so wahr er Heero Yuy war. Und wenn er den Langhaarigen in die Finger bekäme, dann würde der aber was erleben!



Kapitel 7

Relena beobachtete besorgt wie Heero im Büro ihres ‘Chefs’ auf und ab lief. Sein ganzer Körper schien vor Wut zu beben, doch bis jetzt hatte er noch kein Wort von sich gegeben.

„Tu etwas!“ flüsterte Relena drängend und stupste Wufei, der neben ihr stand und Heero ebenfalls beobachtete, in die Seite.

„Und was soll ich tun?“ flüsterte Wufei zurück.

„Woher soll ich das denn wissen?“ zischte Relena. „Was ist denn überhaupt los mit ihm?“

„Keine Ahnung,“ antwortete Wufei. „So ist er schon die ganze Zeit, seit wir im Hotel angekommen sind.“

„Ich hätte nicht gedacht daß er sich diesen Diebstahl so zu Herzen nehmen würde!“ Relena schüttelte den Kopf. Sicher, ihre Detektivagentur war ziemlich erfolgreich, aber das bedeutete nicht, daß sie noch niemals einen Fall nicht gelöst hatten. Eine hundertprozentige Erfolgsquote gab es nicht, aber sie waren mit über 90 Prozent ziemlich nah dran.

Doch noch niemals hatte Heero sich derart benommen, nur weil ein Fall nicht geklärt werden konnte. Dies erstaunte Relena auch besonders, da dieser Fall zwar im Moment nicht sonderlich gut aussah, aber bei weitem noch nicht verloren war. Sie konnten die Juwelen noch immer zurückbekommen. Zumindest wenn Heero sich endlich fangen und auf das Wesentliche konzentrieren könnte.

Offenbar hatte auch Wufei endgültig genug, denn er ging jetzt auf Heero zu, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn leicht.

„Heero, das reicht jetzt,“ sagte Wufei bestimmt und sah Heero direkt ins Gesicht. „Was. Ist. Los?“

Heero starrte Wufei einen Moment lang stumm an, dann seufzte er auf. „Ich hab es vermasselt,“ sagte er schließlich.

„Heero, wovon sprichst du?“ fragte Wufei. „Du bist doch wohl kaum Schuld daran daß jemand die Juwelen gestohlen hat. Unsere Sicherheitsvorkehrungen waren hervorragend. Aber das bedeutet natürlich nicht dass sie nicht trotzdem überlistet werden können. Schließlich hat jedes System irgendeine Schwachstelle. Trotzdem werden wir den Dieb schon schnappen.“

„Du verstehst nicht,“ sagte Heero und schüttelte den Kopf. Er sah zu Relena hinüber und dann wieder zu Wufei zurück. „Ich habe einen Fehler gemacht. Einen dummen, schwachsinnigen Anfängerfehler.“

„Was für einen Fehler?“ fragte Relena und kam ebenfalls näher.

Heero sah sie wieder an, dann ließ er seufzend die Schultern hängen. „Wufei, Relena - es ist meine Schuld dass die Juwelen gestohlen wurden.“

„Wieso ist das deine Schuld?“ hakte Relena nach.

„Der Wyndam-Price den wir heute Nacht getroffen haben ist nicht derselbe Wyndam-Price den ich vorher kennengelernt habe,“ erwiderte Heero.

„Was willst du damit sagen?“ fragte Wufei. „Dass dieser Kerl heute Nacht ein Hochstapler war?“

„Nein,“ Heero schüttelte den Kopf. „Ich bin mir sicher dass das der richtige Versicherungsagent gewesen ist.“

„Oh. Verdammt.“ Wufei fluchte.

„Was?“ Relena schaute verwirrt von einem zum anderen. „Was?“

Heero sah sie an. „Das bedeutet dass der Versicherungsagent den ich kennengelernt und mit dem ich über alle Sicherheitsmaßnahmen gesprochen habe nicht echt war. Er war ein Schwindler. Er hat mich reingelegt um an Informationen zu kommen.“

„Oh,“ Relena nickte verstehend.

„Aber das ist noch nicht einmal das schlimmste,“ fuhr Heero fort. „Er hat sich offenbar gleichzeitig bei Huntington als D.A. Maxwell ausgegeben.“

„Was?“ Wufei runzelte verwirrt die Stirn. „Aber... ich dachte du hättest den Kerl gesehen der sich als Maxwell ausgegeben hat. Wieso hast du ihn nicht gleich erkannt?“

Heero verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln. „Ich schätze das war unser Pech. Und sein Glück. Als Huntington mir Maxwell gezeigt hat, stand der Betrüger mit dem echten Wyndam-Price zusammen. Ich habe gedacht... ich habe angenommen... ich hab die beiden verwechselt!“ Heero schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

Relena sah Wufei an, der ihren Blick erwiderte. Heero hatte die beiden verwechselt? Oh je. Ausgerechnet Heero. Er würde sich diesen Fehler niemals vergeben können, dazu war er zu perfektionistisch.

„Dann haben wir bisher also nach dem falschen Hochstapler gesucht,“ sagte Wufei ruhig.

Heero nickte.

„Nun, das können wir nicht mehr ändern,“ fuhr Wufei ebenso ruhig fort. „Aber das ist kein Grund den Kopf hängen zu lassen, Heero. Jetzt wissen wir wenigstens genau daß wir den richtigen suchen, und du weißt auch wie er aussieht. Wir werden ihn finden.“

Heero öffnete die Augen und hob den Kopf. „Du hast Recht, das werden wir,“ sagte er und ein entschlossenes Funkeln erschien in seinem Blick.

„Also, wie sieht er aus?“ fragte Relena und schnappte sich schnell einen Notizblock um sich die Einzelheiten zu notieren.

„Meine Körpergröße, violette Augen und langes, bis zum Hintern reichendes kastanienbraunes Haar das er in einem Zopf trägt,“ zählte Heero auf.

Relena hob eine Augenbraue. Heero hatte tatsächlich angenommen dass jemand der SO aussah ein Versicherungsagent war?

Auch Wufeis Augenbrauen reichten fast bis an seinen Haaransatz. „Nun,“ sagte er langgezogen. „Zumindest ist der Kerl so auffällig, daß er leicht zu finden sein dürfte.“

„Es wird sogar noch besser,“ sagte Heero. „Ich habe einen Namen. Er hat mir gesagt er würde ‘Duo’ heißen - das ist nicht der richtige Vorname von Wyndam-Price. Möglich daß es tatsächlich der Name des Diebes ist.“

„Hervorragend,“ nickte Wufei. „Keine Sorge Heero, wir kriegen den Kerl. Auf jeden Fall.“

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Duo betrat sein kleines Hotelzimmer, warf die Tür hinter sich ins Schloss und ließ sich seufzend rücklings auf das Bett fallen. Frustriert verschränkte er die Arme unter seinem Kopf und blickte zur Decke hoch.

Seit seinem Einbruch in die Ausstellung waren 36 Stunden vergangen, aber noch immer war er keinen Schritt weitergekommen. Obwohl er fast die ganze Zeit auf den Beinen gewesen und inzwischen todmüde war hatte er noch nicht den geringsten Hinweis auf den Dieb gefunden, der ihm zuvorgekommen war.

Duo gähnte und ruckelte sich auf dem schmalen Bett zurecht. Er hatte jeden Hehler aufgesucht, jede Bar in deren Hinterzimmern dunkle Geschäfte abgewickelt wurden, hatte Gesprächen gelauscht und die Fühler ausgestreckt, doch nichts. Niemand hatte offenbar versucht die Juwelen zu verkaufen. Ja, es hatte sogar niemand irgendetwas davon gehört, daß sie überhaupt gestohlen werden sollten!

Duo schüttelte den Kopf. Er verstand das nicht. Um so etwas durchzuführen brauchte man Ausrüstung und Informationen. Und selbst wenn der Dieb genauso wie Duo selbst nicht aus der Gegend stammen und seine eigene Ausrüstung mitgebracht haben sollte, so müsste es trotzdem Gerüchte über ihn geben. Und wie zum Teufel war der Kerl an all die nötigen Informationen gelangt? Duo selbst war mehr als vorsichtig gewesen und hatte lange die Gegend sondiert bevor er so völlig überraschend in seine Doppelrolle als Wyndam-Price und Maxwell geschlüpft war. Er war sich fast hundertprozentig sicher daß es niemand anderen gegeben hatte der auf Informationen aus gewesen war.

Ein Klopfen ertönte an der Tür und Duo hob erstaunt den Kopf. Wer konnte das denn sein? Ganz sicherlich nicht der Zimmerservice, Duo bezweifelte daß es etwas derartiges in diesem doch eher schäbigen Hotel überhaupt gab.

„Wer ist da?“ rief er, stand auf und ging zur Tür hinüber.

„Ich bin von der Rezeption, Sir,“ antwortete ihm eine unbekannte, männliche Stimme. „Es wurde eine Nachricht für Sie abgegeben.“

Duo runzelte kurz die Stirn. Eine Nachricht? Hatte etwa einer seiner Informanten endlich etwas erfahren? Duo streckte die Hand aus und öffnete die Tür.

Vor der Tür stand ein junger, chinesischer Mann, etwa in Duos Alter. Er hatte schulterlanges schwarzes Haar das er zu einem kurzen Pferdeschwanz im Nacken trug. Duo blinzelte ihn verblüfft an. Das war nicht der Kerl den er vorhin unten an der Rezeption gesehen hatte. Doch noch bevor er irgendetwas sagen konnte, trat ein weiterer Mann neben den Chinesen und Duo machte einen schockierten Schritt zurück.

„Hallo Duo,“ sagte Heero kalt, legte eine Hand auf Duos Brustkorb und schob ihn vor sich her ins Zimmer. Der junge Chinese folgte ihm und schloss die Zimmertür sorgfältig hinter sich.

Duo schluckte, doch dann hatte er sich wieder gefasst. Sicher, Heero hier wiederzusehen war ein Schock, doch da müsste schon mehr kommen um Duo völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen.

„Heero,“ sagte langgezogen und lächelte träge. „Was für eine Überraschung. Wie hast du mich gefunden?“

„Simple, solide Detektivarbeit,“ erwiderte Heero kühl. „Ich wette du hättest niemals gedacht mich wiederzusehen, nicht wahr?“

„Nun...“ begann Duo während er überlegte ob er die Wahrheit sagen sollte, wurde jedoch von dem Chinesen unterbrochen.

„Wo sind sie?“ fragte der junge Mann.

Duo runzelte die Stirn. „Wo ist was?“ fragte er zurück.

Heeros Gesicht verzog sich zu einer wütenden Maske. „Versuch nicht uns zum Narren zu halten! Noch einmal fall ich nicht auf dich rein!“ fauchte er. „Wir wissen daß du die Juwelen der Ausstellung gestohlen hast.“

„Oh?“ machte Duo und zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Tatsächlich? Und wie wollt ihr das beweisen?“

Heero ballte die Fäuste. „Du vergisst wohl daß du dich mir gegenüber als Wyndam-Price ausgegeben hast. Nur daß ich inzwischen den richtigen Wyndam-Price kenne.“

„Genug.“ sagte der Chinese. „Heero, es bringt nichts mit ihm zu argumentieren. Lass ihn uns einfach der Polizei übergeben.“

„Du hast Recht, Wufei,“ erwiderte Heero. Dann wandte er sich wieder Duo zu. „Das Spiel ist aus. Also, wo sind die Juwelen?“

Duo sah abwechselnd von Heero zu dessen Kollegen - denn darum mußte es sich bei dem jungen Chinesen handeln. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ich hab sie nicht.“

Heero verengte seine Augen gefährlich. „Lüg mich nicht an. Du bist ein Dieb. Du bist nur aus einem Grund hier. Du hast dich nur aus einem Grund als Wyndam-Price ausgegeben. Du bist nur aus einem Grund mit mir...“ Heero brach ab und warf Wufei einen schnellen Blick zu, dann räusperte er sich. „Du bist wegen den Juwelen hier. Du hast dir die Informationen beschafft und sie dann gestohlen.“

Duo sah ihn prüfend an. Offenbar hatte Heero seinem Kollegen Wufei nichts von ihrem Date erzählt. Interessant. „Ich bin ein Dieb, das stimmt.“ Duo verzog seinen Mund zu einem amüsierten Grinsen als er die überraschten Gesichtsausdrücke von Heero und Wufei sah. Offenbar hatten die beiden nicht damit gerechnet daß Duo es einfach so zugeben würde. „Aber ich lüge nicht. Zumindest was diese Sache betrifft. Ich habe die Juwelen nicht.“

Heeros Gesichtsausdruck wurde wieder wütend und er machte einen drohenden Schritt auf Duo zu, doch Duo hob schnell eine Hand um ihn aufzuhalten. „Ich gebe sogar zu, daß ich neulich in die Ausstellungsräume eingebrochen bin. Das kann ich euch gerne sagen, es gibt sowieso keine Beweise dafür. Aber der Schmuck war bereits weg als ich dorthin gekommen bin. Irgendjemand ist mir zuvorgekommen. Das musst du mir glauben.“

„Glaubst du wirklich dass wir dir dieses Märchen abnehmen?“ rief Heero aufgebracht.

„Heero,“ unterbrach Wufei seinen Kollegen erneut. „Streit nicht mit ihm rum. Er hat zugegeben in die Ausstellungsräume eingebrochen zu sein. Und auch wenn er behauptet, es würde keine Beweise dafür geben, ich bin sicher die Polizei wird schon irgendwas finden.“ Er griff in die Jackentasche und holte ein Handy heraus. „Ich ruf jetzt die Polizei, soll die sich darum kümmern.“

Duo beobachtete wie der Chinese sein Klapphandy öffnete und die Nummer der Polizei eintippte. Ein Grinsen legte sich auf seine Lippen, was ihm wiederum zwei irritierte Blicke von den beiden anderen einbrachte.

„Ich glaube nicht dass ihr das wirklich tun wollt,“ sagte Duo und lehnte sich entspannt an die Kommode die hinter ihm stand.

„Ach ja?“ fragte Heero und sah ihn misstrauisch an. „Und warum nicht?“

Duo zuckte mit den Achseln. „Es wird sicherlich schwierig werden der Polizei zu erklären warum ihr beide euren ach so berühmten Chef verhaften lasst.“

Wufei starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an, dann nahm er das Handy wieder herunter und klappte es zusammen.

„Was willst du damit sagen?“ fragte Heero gepresst.

„Oh bitte, Heero,“ antwortete Duo kopfschüttelnd. „Ich war ehrlich mit euch beiden. Da kann ich kann doch wohl dasselbe im Gegenzug erwarten, oder?“ Als keiner der beiden darauf antwortete, seufzte Duo auf. „Ich weiß dass es euren Chef nicht gibt. Der berühmte D.A. Maxwell ist nichts als Schwindel. Ich hab zwar keine Ahnung warum ihr das macht, aber ihr habt sicherlich einen verdammt guten Grund. Nur darf das offenbar die Öffentlichkeit nicht erfahren, oder?“

Noch immer schwiegen sowohl Heero als auch sein Kollege und starrten ihn nur konzentriert an. Dann öffnete Wufei den Mund. „Willst du uns etwa erpressen damit wir dich laufen lassen?“ fragte er drohend.

Duo hob abwehrend die Hände. „Oh nein, ihr versteht mich ganz falsch!“ sagte er. „Das will ich ganz und gar nicht. Aber euer Auftraggeber, Edward Huntington III. kennt mich als D.A. Maxwell. Und wenn ich jetzt verhaftet werde, wird entweder euer Schwindel auffliegen, oder euer Ruf dermaßen geschädigt werden daß ihr ebenfalls aus dem Geschäft fliegt. Ihr könnt es euch aussuchen.“

„Verdammt!“ fluchte Heero und auch sein Kollege gab eine Menge offenbar chinesischer Flüche von sich. Dann ging Heero hinüber zum Bett und setzte sich hin. „Er hat Recht,“ sagte er niedergeschlagen.

„Was sollen wir jetzt machen?“ fragte Wufei leise. „Wir können ihn nicht der Polizei übergeben.“

„Wir können ihn aber auch nicht einfach so laufen lassen!“ erwiderte Heero. „Er hat die Juwelen gestohlen! Wir müssen sie zurückbringen, sonst ist unser Ruf ebenfalls dahin!“

„Ich hab schon mal gesagt, ich habe die Juwelen nicht,“ warf Duo ruhig ein. „Glaubt ihr wirklich ich wäre noch hier wenn ich den Schmuck hätte?“

Der Chinese sah ihn prüfend an, dann nickte er langsam. „Er hat Recht, Heero. Wenn er den Schmuck hätte, wäre er wohl schon längst über alle Berge. Außerdem, einer unserer Informanten meinte doch, daß dein Freund hier ebenfalls die Fühler nach dem Schmuckdieb ausgestreckt hat. Das macht nur Sinn wenn er selbst die Juwelen nicht hat.“

„Dann sollen wir ihn tatsächlich einfach laufen lassen?“ rief Heero ungläubig. „Wufei, er ist ein Dieb! Er hat es selbst zugegeben! Und wenn ihm nicht jemand zuvorgekommen wäre, dann hätte er den Schmuck auch gestohlen! Das können wir nicht einfach so ignorieren!“

„Wie wäre es mit einem Kompromiss?“ schlug Duo vor. „Ich helfe euch den Dieb zu finden, und ihr lasst mich dafür unbehelligt ziehen.“

„Ich wüßte nicht wozu wir deine Hilfe benötigten,“ antwortete Wufei.

„Ach nein?“ fragte Duo gedehnt. „Ich kann mir nicht vorstellen dass euer Auftraggeber sich damit zufrieden gibt, dass nur ihr beide euch um den Fall kümmert. Ich wette er besteht auf euren Chef.“

Heero fluchte erneut leise vor sich hin, doch Wufei blickte Duo aufmerksam an. „Das stimmt,“ sagte der junge Chinese schließlich.

„Nun, dann ist es ganz einfach!“ Duo grinste. „Ich spiele weiterhin euren D.A. Maxwell und lenke euren Auftraggeber, die Versicherung und die Polizei ab, während ihr beide euch um den wahren Dieb kümmern könnt! Das ist doch ein perfekter Plan, oder?“

Wufei starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Und was springt für dich dabei heraus? Ich kann nicht wirklich glauben dass du das nur aus reiner Herzensgüte machen willst.“

Duo zuckte mit den Achseln. „Ganz einfach. Ich habe keine Lust euch ständig an den Fersen heften zu haben. Ich helfe euch, ihr lasst mich anschließend in Ruhe.“ Duo verengte die Augen gefährlich. „Außerdem mag ich es ganz und gar nicht wenn mir irgendjemand die Tour vermasselt. Ich will den Kerl genauso gern schnappen wie ihr beide.“

Sowohl Heero als auch Wufei sahen ihn eine ganze Weile stumm an, dann drehte Wufei sich zu Heero. „Es ist deine Entscheidung,“ sagte der junge Chinese.

Heero sah zu Wufei, dann wieder zu Duo. Schließlich seufzte er tief. „In Ordnung,“ sagte er. „Ich weiß daß ich es noch bereuen werde, aber ich schätze wir haben keine andere Wahl. Machen wir es so.“



Kapitel 8

„Mr. Huntington!“ rief Duo, erhob sich von seinem großen Ledersessel, umrundete den riesigen - schon fast krankhaft ordentlichen - Schreibtisch und ging mit ausgestreckter Hand auf den angesprochenen Mann zu.

„Mr. Maxwell!“ rief Huntington, ergriff Duos Hand und schüttelte sie aufgeregt. „Es ist schrecklich! Der Verlust! Diese Schmach! Die Presse! Die Tragödie!“

Duo verzog sein Gesicht zu einer mitfühlenden Maske. „Ich verstehe vollkommen was sie meinen, Mr. Huntington,“ versuchte er den aufgeregten Mann zu beruhigen. „Aber machen Sie sich keine Sorgen, wir verfolgen bereits eine heiße Spur. Wir werden Ihren Juwelendieb finden.“

Etwas weniger aufgeregt als noch zuvor ließ Huntington sich zu einem der Besucherstühle vor dem Schreibtisch führen. Duo nahm wieder auf dem Sessel dahinter Platz.

Relena, die das ganze von der Tür aus beobachtete schüttelte verblüfft den Kopf. „Er macht das wirklich gut,“ raunte sie Heero zu der neben ihr stand und ebenfalls das Geschehen im Inneren des Büros ihres ‘Chefs’ beobachtete. „Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich auch glauben er wäre D.A. Maxwell.“

Heero knurrte nur, wandte sich ab und stapfte zu Relenas Schreibtisch hinüber. Mit einem letzten Blick auf ihren ‘Chef’ folgte Relena ihm.

„Hast du schon etwas herausgefunden?“ fragte Heero sie.

„Nein,“ Relena schüttelte den Kopf. „So ungewöhnlich der Name ‘Duo’ auch sein mag, aber nur damit allein wird die Suche ewig dauern - wenn wir überhaupt was finden. In der Polizeidatenbank war nichts über ihn, offenbar wird er nirgends gesucht und ist auch bisher noch niemals geschnappt worden. Noch nicht einmal verdächtigt worden ist er. Ich hab sein Bild trotzdem an etliche Agenturen im ganzen Land geschickt. Vielleicht weiß ja doch jemand etwas über ihn.“

Heero knurrte erneut und warf sich dann ganz offensichtlich frustriert auf Relenas Sessel.

„Heero,“ begann Relena zögernd. „So gut ich deinen Wunsch, alles über unseren ‘Chef’ wissen zu wollen ja verstehe - aber meinst du nicht auch wir sollten uns jetzt erst einmal auf den Diebstahl konzentrieren? Das ist im Moment sicherlich wichtiger.“

„Hn,“ machte Heero, widersprach ihr aber nicht. Was ein deutliches Zeichen dafür war dass Relena Recht hatte, Heero es aber aus irgendeinem Grund nicht zugeben wollte. Relena verengte die Augen nachdenklich. Irgendetwas ging hier vor, und zwar mehr als den Anschein hatte.

Es war logisch dass Heero sich Sorgen machte. Ihre ganze Zukunft lag schließlich in den Händen eines Mannes, der sich nicht nur als Betrüger sondern auch als Dieb erwiesen hatte. Nur weil dieser Duo diesmal ausnahmsweise die Juwelen nicht gestohlen hatte - und Relena stimmte da Wufei und Heero zu dass ihr ‘Chef’ ansonsten schon längst verschwunden wäre - hieß das noch lange nicht dass sie ihm vertrauen konnten.

Im Gegenteil, Relena war sich sicher dass sie diesen Duo im Falle des Wiederauftauchens der Juwelen genauestens im Augen behalten müssten. Sie hielt ihn für dreist genug ihnen erst dabei zu helfen den Schmuck zurück zu bekommen, nur um ihn ihnen dann genau unter der Nase wegzustehlen.

Aber das alles erklärte immer noch nicht, warum Heero so furchtbar schlecht gelaunt war. Gut, er war von Duo reingelegt worden, sehr erfolgreich sogar. Aber das war noch lange kein Grund für Heeros Laune. Er benahm sich fast so als wäre allein schon Duos Hiersein eine persönliche Beleidigung. Als hätte der Dieb alles nur gemacht um Heero eins auszuwischen.

Würde es sich um jemand anderen handeln hätte Relena jetzt gesagt, er schmollte.

Aber das hier war Heero. So lange Relena Heero jetzt schon kannte hatte sie ihn noch niemals schmollen gesehen. Ja sie hatte nicht einmal gedacht dass dieser dazu fähig war! Also was zum Teufel ging hier vor?

Nachdenklich lief sie vor ihrem Schreibtisch auf und ab und warf abwechselnd Duo und Heero Blicke zu. Wenn sie es genau bedachte dann hatte Heero sich schon länger seltsam verhalten. Schon seit Tagen. Er war ungewöhnlich fröhlich, war nicht erreichbar gewesen und lief durch die Gegend als würde er auf Wolken schweben. Wenn Relena es nicht besser wüsste würde sie sagen er wäre verliebt...

Relena stockte mitten im Schritt. Oh Gott! Ungläubig starrte sie zu Duo ins Büro wo dieser immer noch Edward Huntington III beschwichtigte. Dann drehte sie ihre Kopf zu Heero dessen Blick finster auf ihrem ‘Chef’ lag und sah ihn entgeistert an. „Oh. Mein. Gott!“ hauchte sie fassungslos.

Heero drehte den Kopf und sah zu Relena hinüber. „Was?“ fragte er mit einem irritierten Stirnrunzeln.

Relena beugte sich vor und stützte sich auf ihrem Schreibtisch ab. „Du hast eine Affäre mit - unserem ‘Chef’!“

„Was?“ fauchte Heero und warf einen schnellen Blick zu Duo. „Nein! Hab ich nicht! Wie kommst du darauf?“

„Das ist das einzige was Sinn macht!“ antwortete sie leise, aber dennoch triumphierend.

Heeros Blick schoss hektisch durch den Raum. „Ich weiß nicht wovon du sprichst,“ wehrte er ab.

Relena lehnte sich zurück, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Oh, sie kannte Heero gut, in mancher Hinsicht sogar besser als Wufei der doch seit Jahren Heeros Partner und bester Freund war.

Heero hatte ihr vor einigen Jahren in einer äußerst schlimmen Situation geholfen, und seitdem stand sie ihrer Meinung nach in seiner Schuld. Heero würde das niemals so sehen, das wusste Relena, aber sie sah es anders. Im Grunde stand sie sogar doppelt in seiner Schuld - nach dieser Sache damals hatte sie sich unsterblich in Heero verliebt. Und warum auch nicht? Er sah äußerst gut aus, war der stille, faszinierende Typ Mann den so viele Frauen anziehend fanden und er war damals der Held gewesen, der Relena gerettet hatte. Kein Wunder also dass sie sich auf der Stelle in ihn verliebt hatte.

Es wäre die perfekte Romanze gewesen wenn da nicht diese störende Kleinigkeit wäre: sie hatte leider das falsche Geschlecht.

Relena rechnete es Heero hoch an wie er sich damals ihr gegenüber verhalten hatte. Statt ihr brutal das Herz zu brechen oder sie ewig hinters Licht zu führen hatte er Rücksicht auf ihre Gefühle genommen und ihr offen und ehrlich von seiner sexuellen Orientierung erzählt. Ohne irgendwelche Ausschmückungen, scheinheilige Mitgefühlsbezeugungen oder Entschuldigungen. Und zu Recht, schließlich gab es für ihn auch nichts zu entschuldigen. Er konnte nichts für Relenas Gefühle, und er hatte ihr niemals etwas vorgemacht.

Und auch wenn Relena zunächst äußerst enttäuscht gewesen war, hatte sie sehr schnell gemerkt, dass ihre Gefühle für Heero offenbar nicht so tief gingen wie sie zunächst gedacht hatte. Kein gebrochenes Herz, kein verletzter Stolz. Sie und Heero waren schnell Freunde geworden danach, und Relena hatte es sich zur persönlichen Mission gemacht den perfekten Partner für ihn zu finden. Sozusagen um einen Teil ihrer Schuld abzubezahlen.

Nur das Heero sich bisher äußerst erfolgreich gegen all ihre Kuppelversuche gewehrt hatte. Ja, sie hatte noch nicht einmal sagen können wie der Typ Mann überhaupt aussah den Heero anziehend fand. Bis jetzt. Offenbar stand Heero auf schlanke, durchtrainierte, charmante Kerle mit meterlangen, zimtfarbenen Haaren und ungewöhnlichen Augen.

„Oh doch, das weißt du,“ beantwortete sie Heeros Frage grinsend. „Also, schieß los. Ich will alles wissen.“

Heero wand sich für einige Momente, dann seufzte er tief. „Ok... du hast nicht unrecht. Aber ich hab oder hatte keine ‘Affäre’. Es war nur ein Date. Mehr nicht. Und da dachte ich noch er wäre Wyndam-Price.“

„Nur ein Date?“ Relena hob fragend eine Augenbraue.

„Und... ein Kuß,“ murmelte Heero mit abgewandtem Blick.

„Hui, Heero,“ Relenas Grinsen wurde immer breiter. „Du hast ihn geküsst? Beim ersten Date? Wow, ich hätte nie gedacht dass du der Typ dafür bist.“

„Haha,“ machte Heero und starrte Relena böse an. „Es hat nichts zu bedeuten. Er hat mich nur benutzt.“

„Hm,“ machte Relena. Heero hatte mit seiner Einschätzung nicht ganz unrecht. Andererseits, ein Date war sicherlich nicht nötig gewesen um von Heero Einzelheiten zur Sicherheit zu erfahren. Eins war mal klar, sie würde diese erste Gelegenheit Heero zu verkuppeln garantiert nicht einfach so verstreichen lassen. Wer wusste schließlich was sich aus dieser Situation noch entwickeln würde?

„Relena...“ Heero warf ihr einen fast flehenden Blick zu. „Bitte erzähl Wufei nichts davon, ok? Er weiß nicht wie sehr ich mich bei dieser Sache blamiert habe, und er muss es auch nicht wissen.“

Relena lächelte mitfühlend. „In Ordnung, Heero. Ich werde nichts sagen.“ Heero hielt große Stücke auf Wufei und dessen Meinung. Auch wenn Relena nicht glaubte dass Wufei es Heero vorwerfen oder sich gar lustig über ihn machen würde, so würde sie Heeros Wunsch dennoch respektieren. Und so wie sie Wufei kannte bestand auch nicht die Gefahr dass dieser etwas merken würde. In diesen Dingen war Wufei ein typischer Mann.

„Wo wir gerade von ihm sprechen,“ Relena runzelte die Stirn. „Wo ist Wufei überhaupt?“

Heero, dessen Blick ungewollt wieder zurück ins Büro gewandert war, antwortete leicht abwesend, „Er wollte irgendetwas nachprüfen. Eigentlich,“ nun war es an Heero die Stirn zu runzeln. Seine Aufmerksamkeit galt nun wieder ganz Relena und der Unterhaltung die sie führten. „Eigentlich wollte er längst wieder zurück sein.“

Als hätte Wufei draußen auf dem Flur gelauert und nur auf sein Stichwort gewartet kam er gerade um die Ecke und marschierte forschen Schrittes direkt auf die gläsernen Eingangstüren der Detektei D.A. Maxwell zu. Er betrat den Eingangsbereich und schloss sich Heero und Relena an Relenas Schreibtisch an.

„Und, wie hält er sich?“ fragte Wufei schließlich und spähte in das Büro zu Duo und Mr. Huntington.

„Gut,“ antwortete Relena als Heero keine Anstallten machte es zu tun. „Besser als gut. Eigentlich sogar hervorragend. Huntington frisst ihm praktisch aus der Hand.“

Wufei beobachtete das Schauspiel im Büro noch ein paar weitere Sekunden, dann schnaubte er abfällig. „Unglaublich dass Huntington ihm das abkauft.“

„ICH würde es ihm abkaufen,“ erwiderte Relena. „Und ich kenne die Wahrheit.“

„Sei froh dass Huntington es ihm abkauft,“ setzte Heero mürrisch hinzu. „Sonst hätten wir weitaus mehr Probleme.“

Wufei knurrte und schnaubte erneut abfällig.

„Hast du was rausgefunden?“ fragte Heero schließlich.

„Ja,“ nickte Wufei. „Sieht so aus als hätte unser ‚Chef’ die Wahrheit gesagt. Keiner unserer Informanten hat was über jemanden gehört der die Juwelen stehlen wollte. Aber das muss nichts heißen, sie wussten auch nichts über unseren ‚Freund’,“ Wufei nickte in Duos Richtung. „Möglich dass der richtige Dieb zu gut ist um irgendwie aufzufallen. Aber was viel wichtiger ist, keiner der Hehler wusste etwas über den Diebstahl. Offenbar sind die Juwelen bisher noch nicht zum Kauf angeboten worden.“

„Das heißt dass unser Dieb entweder einen privaten Sponsor hat,“ überlegte Heero laut, „oder dass er die Juwelen selbst behalten will.“

„Oder er ist geduldig genug um jahrelang zu warten bis die Juwelen nicht mehr ganz so heiß sind,“ fügte Wufei hinzu.

„Dann bringt es uns also im Moment nicht viel diese Spur weiterzuverfolgen,“ sagte Heero. „Wir werden natürlich trotzdem ein Auge darauf behalten, aber ich denke nicht dass wir so weiterkommen. Ich denke, wir sollten eher das andere Ende der Angelegenheit verfolgen.“

Wufei nickte. „Wir müssen rausfinden wer ein Motiv hatte. Ein obsessiver Fan oder ein Sammler. Und wer die Gelegenheit hatte. Wer kannte die genauen Sicherheitsbedingungen. Ich denke, diese Liste wird ziemlich kurz sein, und von da können wir dann weiterarbeiten.“

„Aber woher sollen wir wissen wer von denen ein Fan ist?“ warf Heero stirnrunzelnd ein. „Ich kenn mich bei all den Stars nicht aus - du etwa?“

Wufei schüttelte den Kopf.

„Geht doch einfach zur Quelle,“ warf Relena ein.

„Zur Quelle?“ Wufei sah sie fragend an.

Relena zuckte mit den Schultern. „Wenn ihr etwas über die Fans von Claire de la Maire wissen wollt, dann fragt sie selbst. Glaubt mir, wenn es sich um einen verrückten Fan handelt, dann hat der sie garantiert schon Mal persönlich angesprochen oder angeschrieben.“

Heero und Wufei sahen sich verblüfft an.

Relena verzog ihren Mund zu einem spöttischen Lächeln. Das war ja so klar. Keiner ihrer beiden Helden war auf diese Idee gekommen. Und so was schimpfte sich Detektiv. Männer!

„Und selbst wenn sie nichts über einen verrückten Fan weiß, schaden kann es auf keinen Fall,“ fügte Relena noch hinzu.

„Sie hat Recht,“ sagte Heero.

„Soll ich versuchen einen Termin mit Claire de la Maire zu arrangieren?“ fragte Relena amüsiert.

„Ja,“ nickte Wufei. „So bald wie möglich.“ Dann wandte er sich an Heero. „Wer von uns beiden soll das Interview mit Claire de la Maire führen?“

„Habe ich da gerade den Namen Claire de la Maire gehört?“

Wufei und Heero erstarrten mitten in der Bewegung und drehten sich dann gleichzeitig um. Relena drehte ebenfalls den Kopf und sah zu ihrem ‚Chef’ hinüber, der sich soeben zu Wort gemeldet hatte.

„Also?“ Duo schien geradezu zu vibrieren als er da vor den beiden Detektiven stand und auf den Zehen wippte. „Wann gehen wir zu Claire de la Maire?“

„Wir?“ Wufei richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „WIR gehen nirgendwo hin. DU bleibst hier und tätschelst die Hand unseres Klienten. HEERO und ICH führen die Ermittlungen.“

„Oh komm schon!“ sagte Duo und zog einen Flunsch. „Huntington braucht mich nicht, er ist so damit beschäftigt über die Katastrophe zu jammern dass er wahrscheinlich noch nicht einmal bemerkt hat dass ich nicht mehr da bin.“ Duo deutete auf die halbgeschlossene Bürotür hinter ihm.

„Vergiss es,“ fauchte Heero. „Unsere Abmachung beinhaltet nicht...“

„Ach was, Abmachung,“ unterbrach Duo. „Ihr könnt wohl kaum ohne euren berühmten Boss bei der berühmten Schauspielerin Claire de la Maire auftauchen. Außerdem...“ Duo lächelte süffisant, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit einer Hüfte an Relenas Schreibtisch. „... weiß einer von euch beiden überhaupt das geringste über Claire de la Maire?“

Wufei und Heero sahen sich an, schwiegen aber.

„Na?“ hakte Duo nach. „Seit wann sie im Geschäft ist? Welche Filme sie gedreht hat? Wofür sie berühmt ist? Wie sie aussieht?“

Immer noch Schweigen. Relena unterdrückte schnell ein Grinsen. Oh ja, sah so aus als hätte ihr ‘Chef’ gewonnen.

„Ihr braucht mich!“ sagte Duo triumphierend.

Sowohl Heero als auch Wufei knurrten auf diese Aussage hin, widersprachen aber nicht. Sah ganz so aus, als würde der berühmte D.A. Maxwell der nicht minder berühmten Claire de la Maire einen Besuch abstatten.



Kapitel 9

Duo vibrierte vor Aufregung. Er würde gleich die berühmte Claire de la Maire kennen lernen. Am liebsten würde er sich allein schon bei dem Gedanken daran die Hände reiben - denn aus so einer Bekanntschaft ließ sich für ihn eigentlich immer etwas herausschlagen - aber da er gerade hinter dem Steuer saß würde dass wohl nicht so sonderlich gut ankommen.

Vor allem nicht bei seinem überaus gereizten Beifahrer. Duo warf bei diesem Gedanken einen kurzen Blick zur Seite. Heero sah wirklich etwas genervt aus. Der junge Mann müsste endlich mal was zur Entspannung machen, sonst würde sich das Stirnrunzeln noch permanent einprägen. Und Duo wusste auch schon genau was er Heero zur Entspannung empfehlen würde. Aber irgendwie war Heero zurzeit nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen. Warum auch immer.

Obwohl, ganz tief drin war sich Duo schon bewusst, dass Heeros Anspannung eventuell etwas mit seinem versuchten Diebstahl zu tun haben könnte. Aber andererseits verstand Duo die ganze Aufregung nicht. Klar er hatte die Gunst der Stunde mit der Verwechslung weidlich ausgenutzt und alles Mögliche an Informationen aus Heero und Huntington herausgekitzelt. Aber im Grunde genommen hätte er das gar nicht wirklich nötig gehabt. Schließlich war er ein Meister seines Faches. Wahrscheinlich sogar der beste. Die Juwelen wären sowieso seine gewesen.

Wenn, ja wenn dieser unverschämte andere Dieb ihm nicht so dreist in die Quere gekommen wäre. Wie konnte er es nur wagen? Da war es doch nur zu natürlich, dass Duo jetzt half diesen zu fassen und die Juwelen wieder zu besorgen. Zum einen konnte er damit vielleicht Heero zu einem weiteren Date überreden - was dem jungen Mann wohl auch bei seinem Anspannungsproblem helfen würde - zum anderen konnte sich dadurch vielleicht eine neue Möglichkeit ergeben doch noch an die Juwelen heran zu kommen. Er konnte also nur gewinnen. Zufrieden mit sich und der Welt summte Duo vor sich hin.

Schließlich lag die ganze Geschichte jetzt schon recht lange zurück. Und hatte er sich nicht freiwillig angeboten Heero zu helfen? Da konnte der andere seinen Unmut doch wohl langsam mal überwinden. Oder?

„Könntest du das eventuell endlich unterlassen?“ herrschte Heero ihn an.

„Was?“ fragte Duo verdutzt während er in eine Seitenstraße abbog. Diese neumodischen Navigationssysteme waren einfach klasse.

„Na dieses Summen,“ kam es kalt zurück.

„Wieso? Stört es dich etwa?“ Duo grinste seinen Begleiter breit an.

„Ja. Das macht mich nervös.“

„Du bist viel zu angespannt Heero. Da musst du unbedingt mal etwas gegen tun. Ich bin gerne bereit dir dabei zu helfen,“ erklärte Duo mit einem leicht anzüglichen Grinsen.

„Oh ja, du wirst mir garantiert dabei helfen,“ gab Heero zurück.

Duo hob fragend die Augenbraue.

„Wenn ich dich erst einmal hinter Schloss und Riegel habe dann wird es mir sehr viel besser gehen!“

Autsch, das hatte gesessen. Wieso musste Heero nur so ein schlechter Verlierer sein? Duo schüttelte den Kopf. Aber wahrscheinlich lag das auch wieder an dem Verspannungsproblem. Wurde wirklich Zeit, dass er das nächste Date mit Heero haben würde. Bei dem Gedanken grinste Duo breit. Aber um die Stimmung nicht noch mehr zu beeinträchtigen ließ er das summen. Das konnte er später noch nachholen.

Nur Sekunden später kamen sie mit dem Auto an einem großen Torbogen an. Duo ließ das Fenster herunterfahren und betätigte den Rufknopf.

„Ja?“ ertönte eine leicht metallische Stimme.

Duo setzte sein bestes Lächeln auf, zwar gab es keine Kamera, aber er wusste genau dass das Lächeln sich positiv auf seine Stimme auswirken würde. Er würde noch sympathischer wirken als er sowieso war. Das war eine seiner leichtesten Übungen, schließlich war er verdammt gut in seinem Job. „D.A. Maxwell und Assistent. Wir haben einen Termin bei Claire de la Maire,“ erklärte er, während ein Seitenblick ihm zeigte dass Heero bei der Erwähnung dass er sein Assistent war grün um die Nase wurde. Duo musste schwer an sich halten um nicht doch wieder zu summen. Das hier machte erstaunlich viel Spaß.

„Sie können reinkommen“, erklärte die metallische Stimme und wenige Augenblicke später öffnete sich auch schon das Tor. Duo legte den ersten Gang ein und fuhr die lange Auffahrt zum Anwesen der berühmten Schauspielerin hoch.

Während der Fahrt bemühte er sich alles genau einzuprägen, wer wusste schon wozu das gut wäre? Die parkähnliche Anlage - es einen Garten zu nennen wäre viel zu profan gewesen - war riesig und äußerst gut gepflegt. Claire de la Maire schien viel grün um sich herum zu mögen. Und einen großen Abstand zu den nächsten Villen. Das hier war Luxus pur und Duo liebte es jetzt schon.

Endlich hatten sie den wirklichen Hauseingang erreicht. Schnell stiegen sie beide aus dem Auto aus. Beim schließen der Fahrertür ließ Duo noch einmal anerkennend seine Finger über das Metall fahren. Da hatten Heero und dieser Wuffels ein wirklich nettes Wägelchen für ihren imaginären Chef besorgt. Ein Sportcabrio. In schwarz. Es war wie für Duo gemacht und ertappte sich nicht zum ersten mal bei der Überlegung, wie er wohl das Auto behalten könnte. Vielleicht als Prämie, weil er so brav bei der Wiederbeschaffung der Juwelen geholfen hatte? Um das mit all seinen anderen Plänen zu verbinden würde er noch einige gute Ideen benötigen. Aber Duo wuchs mit seinen Aufgaben.

„Nun mach schon,“ herrschte ihn Heero leicht genervt an.

Duo seufzte. Vielleicht würde er doch sehr schnell was gegen dieses Anspannungsproblem unternehmen müssen. Wäre sicherlich auch besser für das Arbeitsklima. Auf jeden Fall hatte Duo keine Lust darauf etwas zu entgegnen und betätigte einfach die Klingel.

Schon wenige Augenblicke später wurde die große Eingangstür von einem älteren Mann geöffnet der sie von oben herab betrachtete. Der Butler - denn um etwas andres konnte es sich bei diesem Mann nicht handeln - begutachtete sie noch ein wenig und gab Duo dabei das Gefühl nicht ganz in der gleichen Liga zu spielen, ein Gefühl das er nur äußerst selten hatte. Dann öffnete der Mann seinen Mund und sagte mit feinstem britischen Akzent, „Madame erwartet Sie bereits im grünen Salon. Bitte folgen Sie mir.“

Unbewusst warfen Duo und Heero sich einen Blick zu. Dann zuckten sie beide gleichzeitig mit den Schultern und gingen einfach hinter dem Butler her. Duo betrachtete die Einrichtung äußerst interessiert. Überall standen die kostbarsten Antiquitäten. Hier würde sich ein weiterer Besuch durchaus lohnen.

Plötzlich hatte er einen verdammt spitzen Ellenbogen in der Rippe. „Pass auf deine Finger auf,“ warnte Heero eindringlich.

Duo rollte nur mit den Augen. Als ob er jetzt etwas stehlen würde. Hielt Heero ihn etwa für einen blutigen Anfänger? Jetzt würde der Verdacht doch sofort auf sie beide fallen. Aber zu einem späteren Zeitpunkt, dann wenn ihr Besuch schon längst in Vergessenheit geraten war, dann würde er nichts gegen eine Einkaufstour in diesem schönen Anwesen haben. Nur musste das Heero nicht unbedingt wissen. Der schien irgendwie sehr merkwürdig zu sein, was das betraf. Wahrscheinlich wieder dieses Anspannungsproblem.

Nach einem - für das Gebäude - angemessen langem Weg, schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben, denn der Butler öffnete zwei große Flügeltüren und verkündete: „Madame, ihre Besucher sind da.“ Dann ließ er sie beide in den Raum treten und schloss die Türen hinter ihnen.

Duo blickte sich kurz um, scheinbar war dies der ‘grüne Salon’ weil überall Grünpflanzen standen. Ansonsten gab es nicht viel grün in dem großen Raum. Dafür aber kostbare Möbel, Bilder und Teppiche. Duo kam sich wie im Schlaraffenland vor.

Dann kam ihnen wie aus dem nichts eine Frau entgegen. Eines musste man lassen, Claire de la Maire wusste immer noch, wie sie einen perfekten Auftritt hinlegte. Mit der Haltung der Filmgöttin die sie war, kam sie auf sie zu und nahm Duo - und wahrscheinlich auch Heero - mit ihrem Lächeln gefangen.

Vor fast vierzig Jahren war sie das erste Mal auf der Leinwand aufgetaucht und hatte dann für mehr als zwei Jahrzehnte das Filmgeschäft beherrscht. Mit ihren langen rabenschwarzen Haaren und einer Ausstrahlung die förmlich ‘Sex’ schrie war sie fast über Nacht zu einer der größten Schauspielerinnen aufgestiegen und war für lange Zeit an der Spitze geblieben.

Sie hatte immer die erfolgreichen, wunderschönen Frauen gespielt und war dadurch nicht nur der Traum vieler Männer geworden, sondern wurde gerade auch von vielen Mädchen angehimmelt. Sie hatte niemals die ‘Damsel in distress’ gespielt - vielleicht hätte ihr auch niemals jemand diese Rolle abgenommen.

Es hatte viele Skandale in ihrem Leben gegeben, sie war niemals verheiratet gewesen - hatte sogar Heiratsanträge von einem Herzog, einem Prinz und einem Scheich abgelehnt. Trotzdem hatte sie einen Sohn und das zu einer Zeit als das selbst für Schauspielerinnen noch unschicklich war. Und dennoch hatte sich dies niemals negativ auf ihre Karriere ausgewirkt. Jeder Skandal, jede neue Klatschgeschichte hatte sie nur noch glamouröser dastehen lassen. Sie war wirklich eine der letzten Hollywood Diven.

Und sie hatte von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Zwar war ihr Haar jetzt von grauen Strähnen durchzogen und ihre Kleidung war ihrem Alter entsprechend weniger freizügig, und trotzdem wirkte sie wie eine Königin. Vielleicht gerade deshalb. Sie war kein dummes Ding mehr, sondern eine erfahrene Frau und Duo kam sich gerade wie ein kleiner Schuljunge vor, der für seine Lehrerin schwärmte.

Duo wunderte sich wirklich, wie Claire de la Maire das nur schaffte.

Doch dann nahm sie seine rechte Hand in ihre Hände und drückte kräftig zu. „D. A. Maxwell. Es ist mir eine Ehre Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Für einen ziemlich langen Augenblick wusste Duo nicht was er sagen sollte. Doch dann setzte sein Instinkt wieder ein. Er lächelte genüsslich, hob ihre Hand zu seinem Mund zu einem Handkuss und erklärte, „Enchante Madame. Aber die Ehre liegt ganz bei mir.“

„Charmeur,“ erklärte sie lachend. Dann drehte sie sich zu Heero um und sagte, „Und wenn ich mich nicht irre, dann haben wir hier Ihren reizenden Assistenten Heero Yuy. Ich bin ja so aufgeregt Sie beide kennen zu lernen.“

Heero schien wieder ungesund grün um die Nase zu sein, aber er schaffte es irgendwie eine halbwegs freundliche Begrüßung von sich zu geben.

„Setzen wir uns doch,“ forderte die Schauspielerin sie auf und führte sie zu einer großen Sofalandschaft. Nachdem sie alle bequem saßen, schenkte Claire de la Maire ihnen sogar noch einen Tee ein um dann relativ schnell zum Punkt zu kommen. „Gibt es schon Neuigkeiten?“

Duo schüttelte verneinend den Kopf. „Leider haben sich bisher alle Spuren als unbrauchbar erwiesen. Und ich möchte auch mein tiefstes Bedauern über diesen Raub ausdrücken. So etwas hätte nicht unter unserer Aufsicht passieren dürfen.“ Kam es Duo nur so vor, oder hatte Heero gerade ein Schnauben von sich gegeben?

Die Frau winkte ab. „Ich bin mir absolut sicher, dass Sie alles nur menschenmögliche getan haben. Huntington hatte mich über alle Einzelheiten ins Bild gesetzt und ich glaube nicht dass Sie irgendetwas hätten tun können um diesen dreisten Raub zu verhindern. Und ich bin mir genauso sicher, dass Sie die Juwelen wieder beschaffen werden. Immerhin kenne ich den guten Ruf Ihrer Firma nur zu Genüge.“

„Danke,“ freute sich Duo bescheiden. Und ja, Heero war wieder grün angelaufen.

„Außerdem finde ich es sehr aufregend, dass Sie ausgerechnet bei meinem Fall endlich Ihr Inkognito haben fallen lassen. Ein paar Freundinnen und ich verfolgen Ihre Fälle nun schon seit längerem und wir haben eine Wette laufen wann man endlich den berühmten D. A. Maxwell zu Gesicht bekommt. Das dies nun ausgerechnet bei meinem Fall geschehen ist, lässt mich ja fast die ganzen Unannehmlichkeiten vergessen. Das war wirklich ein grandioser Publicity Trick von Ihnen, mein Lieber.“ Claire de la Maire lächelte vergnügt.

„Wie meinen?“ stotterte Duo.

„Naja mir war von vornherein klar, dass es einen besonderen Grund geben muss, warum man immer nur einen Ihrer Assistenten zu Gesicht bekommt. Ich hatte für einen Augenblick sogar mit der Idee gespielt, dass es Sie in Wirklichkeit gar nicht geben würde. Aber jetzt sehe ich die ganze Brillanz des Plans. Dadurch dass Sie sich so zurückgehalten haben, wurden Sie das große Rätsel und nichts liebt man in dieser Stadt mehr als ein gutes Rätseln. Es gab tausende Spekulationen und in fast allen wurde D. A. Maxwell als ein Mann mittleren Alters - wahrscheinlich sogar Pfeife rauchend - dargestellt. Und sehen Sie sich jetzt an. Ein junger, gut aussehender Mann - wenn ich einmal so frei sein darf. Wenn Sie von Anfang an in die Öffentlichkeit gegangen wären, dann hätte Ihnen niemals jemand etwas zugetraut.

Anders als in der Filmbranche zählt in Ihrer Profession die Erfahrung. Etwas das man einem so jungen Mann sicherlich abgesprochen hätte. Aber jetzt, jetzt sind Sie ein Star. Und jeder wird sich darum reißen dem berühmten D. A. Maxwell einen Fall übertragen zu können. Welche PR Agentur hat sich das ausgedacht? Die muss ich sofort engagieren.“

Duo wollte schon protestieren, als ihm aufging, dass diese Idee von der Schauspielerin gar nicht mal so schlecht war. Auf jeden Fall eine weitaus bessere Erklärung als die Wahrheit. „Sie haben mich erwischt,“ sagte er deshalb leichthin. „Aber es gab keine Agentur, darauf bin ich von allein gekommen.“

Heero schien sich wieder am Tee zu verschlucken. Vielleicht sollte er besser nicht so heiße Getränke zu sich nehmen, überlegte Duo.

„Oh, dann scheinen Sie ja ein Naturtalent zu sein was PR angeht. Vielleicht haben Sie Ihre Berufung verfehlt.“

Jetzt setzte Heero seine Tasse relativ laut auf den kleinen Tisch vor sich ab. „Ms. De la Maire, sind Sie sicher, dass Sie nicht selbst für das Verschwinden der Juwelen verantwortlich sind?“

Eine perfekte Augenbraue wurde hochgezogen, „Was meinen Sie?“

„Nun, Sie scheinen sich so besonders mit PR auseinander zu setzen. Wäre es nicht eine wunderbare PR für Sie, wenn Ihre Juwelen kurz vor dieser Galaausstellung gestohlen würden? Davon einmal abgesehen dass die Versicherung Ihnen sicher ein erkleckliches Sümmchen zahlen wird.“

Ein schallendes Lachen durchhallte den Raum. „Mein Lieber, ich habe Gagen erhalten, von denen Sie nur träumen können. Und anders als viele meiner Kollegen habe ich mein Geld niemals einem schwierigen Agenten anvertraut damit er es veruntreuen kann, und ich habe es auch nicht mit beiden Händen zum Fenster heraus geworfen. Im Gegenteil meine Investitionen waren so erfolgreich dass ich jetzt so reich bin, dass Sie mich beinahe Dagobert Duck nennen könnten. Auf das Geld der Versicherung bin ich beileibe nicht angewiesen. Ganz davon abgesehen, dass ich die Juwelen schon vor einer Woche an die Stiftung die die Benefizgala abhält übertragen habe - natürlich inklusive der Versicherung. Ich wollte dass die Juwelen zum größtmöglichen Preis verkauft werden damit das Geld dem guten Zweck zu Gute kommen kann. Da die Versicherung nur den rein nominellen Wert abdeckt und nicht was meine Juwelen in einer Versteigerung bringen würden, werde ich wohl der Stiftung auch noch einen größeren Scheck ausstellen. Also so gesehen ist dieser Diebstahl ein großes Verlustgeschäft für mich.“

„Aber dass es eine unbezahlbare Publicity ist, werden Sie nicht bestreiten, oder?“

„Und wieso sollte ich die nötig haben?“ Das Lächeln der Schauspielerin wurde noch größer.

Heero räusperte sich. „Nun ich habe ein wenig nachgeforscht. Der letzte große Film mit Ihnen in der Hauptrolle ist schon fast zehn Jahre her. Vielleicht wollen Sie sich wieder ins Gespräch bringen.“

Sie lachte wieder. „Köstlich. Mein Lieber, die Hauptrollen die ich früher hatte, waren die als begehrenswerte Frau. Jetzt bin ich eher die Schwiegermutter. Darüber könnte ich lange lamentieren oder einfach hinnehmen dass man als 60jährige einfach kein Sexobjekt mehr ist. Aber dass ich nicht mehr die großen Hauptrollen bekomme stört mich gar nicht. Wenn Sie etwas tiefer geforscht hätten, dann hätten Sie bemerkt dass ich alles andere als untätig bin. Ich habe viele - zugegebenermaßen kleinere - Rollen in Independent Filmen gespielt. Ich stehe seit über einem Jahr auf der Bühne und feiere einen Erfolg nach dem anderen mit einem großartigen Stück das mein Sohn mir auf den Leib geschrieben hat. Es ist so erfolgreich, dass sich die großen Filmstudios vor zwei Monaten eine Bieterschlacht gegeben haben um die Rechte daran zu sichern, wobei sie auch mich wieder in der Hauptrolle sehen wollen. Und vor zwei Wochen habe ich erfahren dass ich für eine der Nebenrollen eine Oskarnominierung bekommen werde. Wirklich, Publicity habe ich zur Zeit mehr als genug.“

„Hn,“ sagte Heero.

Duo versuchte so gut es ging die Wogen zu glätten. „Verzeihen Sie diese Fragen. Aber es ist halt so, dass wir uns den Diebstahl anders fast gar nicht erklären können. Die Juwelen sind nirgendwo zum Kauf angeboten worden. Es ist fast so als wenn niemand sie gestohlen hätte. Oder als wenn der Dieb sie für sich selbst behalten möchte. Was uns zu unserer nächsten Idee bringt. Vielleicht war es ja ein fanatischer Fan von Ihnen?“

Claire de la Maire lehnte sich entspannt im Sofa zurück. „Das kann ich nicht glauben. Die Zeit der durchgedrehten Fans ist vorbei. Vor dreißig Jahren vielleicht, aber nicht mehr heute. Sicher ich hab sehr treue Fans, wie zum Beispiel Huntington, er leitet meinen größten Fanclub seit mehr als 35 Jahren. Aber einen Stalker der Sachen von mir stielt um mir nah zu sein, das hatte ich schon Ewigkeiten nicht mehr. Und warum sollte der es ausgerechnet auf die Juwelen abgesehen haben? Die waren doch sowieso zum Kauf angeboten, und um an persönlichere Dinge von mir zu gelangen hätte er hier einbrechen müssen.“

Die Schauspielerin schien es Heero tatsächlich nicht übel genommen zu haben dass er sie verdächtigt hatte. Die Frau hatte einfach Klasse.

„Wie ist es mit Ihrem Sohn?“ hakte Heero nach. Duo hätte ihm gerne einen warnenden Tritt gegen das Schienbein gegeben aber das hätte jetzt doof ausgesehen.

„Nein, James hat auch keinen Grund. Als ich ihm von meiner Absicht die Juwelen zu spenden berichtet hab, hatte er nur eine einzige Bedingung, nämlich dass ich die Geschenke seines Vaters behalte. Aber es stand sowieso außer Frage dass ich die verkaufen würde. Also kein Problem. Und das Geld braucht er auch nicht. Er wird sowieso alles erben, ist aber selber inzwischen stinkreich. Seine Manuskripte sind sehr gefragt.“

„Also können wir ihn auch getrost von der Liste streichen,“ erklärte Duo schnell bevor Heero noch weiter nachhaken konnte. Er würde ihm noch mal beibringen müssen wann man indiskrete Fragen stellen konnte und wann nicht. „Wie sieht es sonst aus? Irgendwelche Probleme wegen der Auktion? Ein paar Neider oder alte Feinde?“

Claire de la Maire überlegte für einige Momente. „Da ist eine Kleinigkeit, aber ich weiß nicht ob das überhaupt etwas zur Sache beiträgt,“ begann sie.

„Nur zu, im Moment kann uns alles weiter bringen.“

„Nun, Huntington und ich hatten einen kleinen Streit wegen der Auktion. Wenn man das überhaupt einen Streit nennen kann. Es war eher eine Meinungsverschiedenheit. Er wollte dass ich die Juwelen nur gemeinsam verkaufe. Er meinte dass wir so einen größeren Gewinn für die Stiftung herausbekommen würden, da die Juwelen als gesamte Sammlung von Claire de la Maire wertvoller sind, als einzeln. Aber das wollte ich nicht. Es war mir etwas zu unsicher, denn wer kann mir garantieren dass es tatsächlich genügend Leute gibt die eine so große Summe für meinen alten Tand ausgeben wollen. Und ich wollte auch möglichst vielen Fans die Gelegenheit geben etwas zu kaufen. Huntington war strickt dagegen. Hat auch 3 Tage nicht mehr mit mir geredet. Aber dann ist er zur Besinnung gekommen und hat sich entschuldigt. Und er hat dann auch die gesamte Organisation der Gala übernommen. Praktisch als Wiedergutmachung.“

„Das ist ja sehr interessant,“ erklärte Heero und lächelte geheimnisvoll.

Duo war für eine Sekunde verwirrt, was hatte Claire de la Maire denn so interessantes erklärt? So wie er Huntington kennen gelernt hatte konnte der den friedfertigsten Menschen in den Wahnsinn treiben, was war daran ungewöhnlich?

„Ich denke wir haben alles erfahren was wir wollten,“ sagte Heero jetzt bestimmt und stand auf.

Duo tat es ihm nach. Er lächelte die Schauspielerin an. „Vielen Dank für Ihre Hilfe und für Ihre Gastfreundschaft.“

Claire de la Maire gab daraufhin beiden Männern die Hand. „Ich hoffe Sie finden die Juwelen so schnell wie möglich. Es wäre schön, wenn die Auktion wie geplant von statten gehen könnte. Die Stiftung wird es Ihnen danken. Und für mich persönlich war es sehr interessant den berühmten D. A. Maxwell bei der Arbeit zu beobachten. Das wird mir sicher bei meiner nächsten Rolle als Detektivin helfen. Oh und wenn ich Sie demnächst zu einer kleinen Bridgerunde mit meinen Freundinnen einladen könnte. Mit D. A. Maxwell als Begleitung werde ich der Star des Abends.“

Duo beugte sich herunter und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. „Es wird mir eine Ehre sein,“ sagte er während Heero wieder unhöflich schnaubte. Duo liebte es neue, reiche Leute kennen zu lernen. Daraus konnte sich immerhin eine günstige Gelegenheit ergeben.

Während Heero ihn praktisch aus dem Haus herausbugsierte merkte sich Duo alle Einzelheiten der Sicherungsanlage. Wer wusste schon wozu das noch gut sein konnte?