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for the world you are someone only

Weiß Kreuz [NC-14]

Pairing: Schuldig + Ran 

[OOC][sap][lime - ja! Der fich schreibt mal nur lime!]

Disclaimer:
Tja, keiner von den beiden Helden gehört mir sondern ihrem Schöpfer – Kohle mach ich damit auch nicht ...
Inhalt: Ran ist dank eines verstauchten Fußes an das Bett gefesselt und Omi überlässt ihm seinen Computer 




For the world you are someone only – but for someone you are the world

„Aya bleib doch endlich mal liegen!“
Ken hatte sichtlich Mühe, den trotzigen Rothaarigen wieder unter die Decke zu schieben. „Du hast doch gehört, was der Arzt gesagt hat – der Knöchel braucht Ruhe.“ Ken schnaubte, als sein unwilliger Patient bereits wieder die Decke zurückschlug. „Ruhe – Aya. Weißt du was das bedeutet?“ Er funkelte ihn aus seinen braunen Augen an und durfte feststellen, dass das sein Gegenüber überhaupt nicht interessierte. „Nicht bewegen – liegen bleiben – nicht belasten.“ 

Ran schnaufte angesäuert. Konnten sie ihn nicht machen lassen? Er wusste doch schließlich am besten, was er seinem Körper zumuten konnte und was nicht. Als er allerdings die Verzweiflung in Kens Augen sah, wie er wieder einem Menschen, der es nur gut mit ihm meinte, weh getan hatte, schluckte er trocken. Schweigend sank der rote Schopf in die Kissen zurück und bemerkte mit leichter Freude, dass sich das Gesicht des Anderen wieder erhellte.
Der Nächste, der nur Rans bestes wollte, war Omi, der einen kleinen Klapptisch neben dessen Bett stellte und seinen Laptop draufpackte. Ran blickte ihn fragend an. 

„Hey, wir ham ne DSL und ne flat – jetzt wirst auch du dich mal mit den Tücken und Freuden des Internets bekannt machen.“
„Brauch ich nicht. Ich lese ein Buch und gut.“, entgegnete Ran mürrisch.
„Aber zu viel lesen macht doch Kopfaua!“, kicherte Omi, als er begann den Rechner zu verkabeln und hochzufahren.
„Und die ganze Zeit auf ne Mattscheibe glotzen nicht oder wie?“, zeterte der Rotschopf als ihm bewusst wurde, dass seine Freunde die ihnen endlich gebotene Chance nutzten, ihn mal so richtig von allen Seiten zu bemuttern. Und er konnte nicht mal weglaufen! Wie gemein!
Mehr aus Gewohnheit hatte Omi sich sofort in den Chat eingeloggt und checkte die Liste. Na ja, keiner seiner Bekannten war da .... 

„Okay, und jetzt erhol dich und hab ein bisschen Spaß. Aber hack dich nicht ins Pentagon – da verwischen sich die Spuren immer so schwer.“ Ein Kissen flog in Richtung Omi und der schloss schnell die Tür und so landete der weiche Daun auf dem Boden.
Omi hatte den Rechner auf einem Hochtisch abgestellt, wie Ran sie schon im Krankenhaus bei Aya-chan gesehen hatte. Man konnte sie in der Höhe verstellen und über das Bett des Patienten schwenken – Patient! Er war kein Patient. Er war beim Sprung aus dem Fenster in der letzten Nacht etwas unglücklich umgeknickt und sein Knöchel schmerzte jetzt. Aber er war weder todkrank noch schwanger noch sonst irgendwie außer Stande, sein Leben zu fristen. 

Mehr aus Langeweile verfolgte er das Geschehen auf dem Monitor. Immer wieder blinkte im aktiven Fenster unten eine Zeile auf – ein Name vor einem Doppelpunkt, und wenn man das hinter dem Doppelpunkt nacheinander las, hätte es fast ein Gespräch sein können ...
Mittlerweile machte es fast Spaß, den Leuten zuzusehen, wie sie sich Beleidigungen, Zweideutigkeiten und Komplimente um die Ohren warfen. Und eine stach besonders heraus – sie nannte sich >Stranger< und hatte es irgendwie drauf, den Leuten immer das unter die Nase zu reiben, was sie gerade so richtig peinlich fanden. Diese >Stranger< musste eine bemerkenswerte Frau sein! 

Seit gut fünf Minuten fixierte Ran nun schon den kleinen roten Button – Login! Ob er es wagen sollte, sich anmelden und mitlabern? Nein, was sollte er schon sagen. Er kannte weder die Damen, die mit so glorreichen Namen wie Tigerlilly, Princess oder Daisy aufwarten konnten, noch kannte er die Herrlichkeiten die auf Diego, Bitch oder Kevin zu hören schienen. Doch dann konnte er nicht widerstehen – er wollte diese >Stranger< erleben, mal sehen, ob sie auch ihm etwas zu sagen hatte.
Und wenige Augenblicke später konnte er lesen: Someone entered chat ...
Und auch gleich wurde er als der Neue auf das herzlichste begrüßt und kam mit dem Tippen nicht hinterher. Nur >Stranger< begrüßte ihn nicht, sie hatte den Chat bereits verlassen. 

Enttäuscht saß Ran vor dem Rechner und minimierte das Fenster. Er machte sich auf die Suche nach e-books, wenn seine sogenannten Freunde ihm schon die Romane wegnahmen, musste er sich eben anderweitig Lesestoff besorgen.
Er hatte einen Krimi gefunden über das Leben eines Auftragsmörders und amüsierte sich sehr über die Vorstellungen des Autors, was ein solcher Mann alles erleben würde. Nur stand da nichts von einem Blumenladen oder einem Minderjährigen, der mit Perfektion tötete, nichts von einem Fußballspieler, der seinen besten Freund töten musste, nichts von einem Detektiv, der seiner Freundin als Feind gegenübertreten musste und auch nicht von einem Jungen, der aus Verzweiflung das Leben im Dunkel gewählt hatte, ein Doppelleben, verdeutlicht durch seine nächtlichen Attentate und seine täglichen Besuche bei seiner Schwester, dem einzigen Menschen, der ihm aus seinem früheren Leben geblieben war, als auch Botan getötet worden war. 

Ran setzte ein Lesezeichen und schloss das Fenster, ließ sich in die Kissen sinken und dachte nach. Seit zwei Jahren stand sein Leben Kopf, plagte ihn das Doppelleben, nie einem anderen sagen zu können, was er tat.
Ein Piepsen, was er während es Lesens nicht wahr genommen hatte, schreckte ihn jetzt auf, das Fenster des Chat pingte auf und er las: Stranger entered chat ...
Und ehe er noch gedacht hatte, hatten seine Finger auch schon getippt.

Someone: Ich habe auf dich gewartet, Stranger.

Ein virtuelles Zwinkern kam zurück und die Frage, wie man zu dieser Ehre käme.
Und Ran wusste nicht, was er sagen sollte. So ließ er die Finger wieder von der Tastatur. Doch Stranger gab nicht auf.

Stranger: Hey Someone? Was ist? Schüchtern?
Someone: aa ...
Stranger: Privatechat?
Someone: Okay

Und nach ein paar Klicken öffnete sich ein neues Fenster und er war plötzlich allein mit Stranger. Ran atmete tief durch, ehe seine Finger wieder über die Tastatur huschten.

Someone: Na ja, ich fand es einfach mal klasse, wie du bei jedem Kerl den Schwachpunkt gefunden und ihn zum Schweigen gebracht hast.
Stranger: Na komm, ein paar von denen haben doch auch wirklich ein Ding zu flitzen.

Ran musste kichern. Stranger hatte eine echt goldig blumige Aussprache.

Someone: Na für eine Frau ist das ja echt mutig.
Stranger: Frau? *lach*

Ran errötete, war Stranger etwa ...

Stranger: Hey Hübscher, das hier ist ein gay-chat.
Someone: Uups
Stranger: Wie uups? Wusstest du das nicht?

Ran überlegte, sollte er Stranger das sagen? Klar, er kannte ihn nicht – würde ihn nie treffen, da konnte man sich doch auch mal blamieren. Und so erzählte er geschwind, dass ein Freund ihm den Rechner ans Bett gebracht und hochgefahren hätte, weil er momentan nicht laufen dürfe. Stranger hatte ihn virtuell geknuddelt und gesagt, dass ein bisschen Liegen nicht so schlimm sei, so lange da einer am anderen Ende der Leitung wäre, mit dem man ein paar nette Worte austauschen konnte. 

Und schon nach drei Stunden waren sie in ein – für Ran erstaunlicherweise sehr privates – Gespräch vertieft. Es tat gut endlich, mal die Ängste loszuwerden, die Sorgen um seine kranke Schwester, die Ängste, seinen Mitmenschen nicht zu genügen, zu versagen, zu enttäuschen. Und seltsamerweise hatte Stranger nicht gelacht oder sich, wie vorhin über die anderen, lustig gemacht sondern versucht ihm zu helfen, ihm hier und da auch etwas derb den Kopf zurechtgerückt, als er in Selbstmitleid abzugleiten versuchte.
Ran konnte es nicht anders beschreiben – es war herrlich. Stranger war ein besonderer Mensch und er konnte dem Drang nicht widerstehen, mehr erfahren zu wollen.

Someone: Sag mal, wie schaust du eigentlich aus?
Stranger: Tja – Durchschnitt. Etwas europäisch sagt man mir nach, weiß der Geier warum. Grüne Augen, lange Haare.
Someone: Echt? Grüne Augen? Einer meiner Freunde hat auch grüne Augen – ich finde grüne Augen toll.

Ran geriet ins Schwärmen wie ein kleiner Schuljunge und kicherte in sich hinein.

Stranger: So, und wie schaust du aus, einsamer Wolf?
Someone: Einsamer Wolf?
Stranger: Na ja, du scheinst die Abgeschiedenheit zu mögen, sie geradezu zu suchen, verbellst jeden, der sich deiner Einsamkeit entgegenzustellen versucht.
Someone: Hm ... kannste recht haben. Aber ich komme mit mir selber nicht klar, wie soll ich da mit anderen klarkommen?

Diese Frage quälte ihn schon lange, um so erstaunter war er, als ausgerechnet Stranger dieser schwerwiegenden, alles in Ran ausfüllenden Frage kaum Beachtung schenkte.

Stranger: Was soll das? Du willst nur nicht, du hast Angst, dass ein Mensch dich mal so gut kennen wird, dass er ohne ein Wort von dir verstehen wird, was du willst. Du hast einfach nur Angst – kleiner feiger Wolf.
Someone: *grummel* ... hast mich wohl erwischt.
Stranger: Hm ... erwischt. Klingt als hätte ich dich gefangen – darf ich dich behalten?

Ran musste lachen. Was für ein seltsamer Kerl das doch war.

Someone: Hey, du weißt ja noch nicht mal, wie ich aussehe – was willst du da schon entscheiden, ob du mich behalten darfst?
Stranger: Someone, du bist oberflächlich! Ist denn das Aussehen alles, was einen Menschen liebenswert macht? Nicht vielleicht auch Schwächen, liebliche Macken oder eine verwandte Seele?

Ran stutzte. So viel Tiefe hätte er nicht erwartet, nicht nachdem was er heute Morgen im Chat von Stranger erlebt hatte. Wie konnte dieser Mann zum einen so grausam direkt und zum anderen so liebevoll verständlich sein? Er zitterte leicht, als ihn bewusst wurde, dass er – gegen all seiner Vorsätze – begann, sich zu fragen, wer dieser Andere, dieser Fremde, wohl war? Bei jedem neuen Pling, das eine weitere Zeile ankündigte, wieder neue Worte von Stranger die er aufsaugen konnte, durchfuhr ihn bereits eine Gänsehaut der Vorfreude. Und wieder ein Pling.

Stranger: Was ist denn, hab ich dich verletzt?
Someone: Nein .... du hast mich zum Nachdenken gebracht.
Stranger: Oh ... und jetzt tut dir der Kopf weh? *streichel*
Someone: Nein ... aber ... hm
Stranger: Was denn?
Someone: Kann ich nicht sagen.
Stranger: Dann schreib es auf.
Someone: Ha ha
Stranger: Komm schon, wir sind alleine.
Someone: Eben.
Stranger: Wie eben?
Someone: Ich bin hier alleine mit dir.
Stranger: Es ist schön, mit dir allein zu sein, Someone.
Someone: Es ist auch schön mit dir, und das ist das Problem.
Stranger: Wie? Ich bin ein Problem? *beleidigt guck*
Someone: Nein! *kopf tätschel*
Stranger: Was ist dann das Problem?
Someone: Bis eben war ich mir verdammt sicher, dass ich hetero bin.
Stranger: Wie bitte?
Someone: Na ja – ich sagte ja, dass ein Freund die Seite aufgeschlagen hat und ich eigentlich nur eingestiegen bin, weil ich dachte, du wärst eine Frau und ich ..... hm ....
Stranger: Und jetzt bist du enttäuscht, weil ich ein Kerl bin?
Someone: Ja ... nein ..... eigentlich nicht.
Stranger: Dann verstehe ich dein Problem nicht ....
Someone: Ich war noch nie ... verliebt ... und jetzt ..... och menno, das ist so schwer.
Stranger: Willst du mir sagen, dass ich dir sympathisch bin und du die Gefühle für einen anderen Kerl noch nicht einordnen kannst?
Someone: Tja, siehst du – aus genau dem Grund. Du scheinst zu wissen, was ich denke, kannst in Worte fassen, wo ich stolpere.
Stranger: Wir harmonieren eben ...

„Aya, essen.“ Ken polterte in das Zimmer und sah den Rotschopf vor dem Rechner hocken, mit hochrotem Kopf und einem leichten Lächeln auf den Lippen. Er stutzte, als er ihn noch einmal rief und noch immer keine Reaktion bekam. Langsam machte er sich Sorgen – Aya lächelnd und nicht blass vor einem Computer ... wenn das nicht das Ende der Welt war!
Doch Ran hatte ihn sehr wohl bemerkt.

Someone: Ich muss jetzt essen, bist du später noch da?
Stranger: Klar doch Hübscher, musst mir doch noch sagen, wie du ausschaust ^.^
Someone: Okay bis dann.
Stranger: Ich warte auf dich *knutsch*

Ran errötete – knutsch. Also bitte, Stranger!

***

Mittlerweile war der sechste Dezember und seit drei Tagen tat er nichts anderes, als mit Stranger zu chaten – morgens nach dem aufstehen, wenn man sich kleine Guten-Morgen-Küsschen hin und her schickte – abends vor dem Schlafengehen, wenn man sich noch kleine Liebeleien ins Ohr flüsterte. Sein ganzes Leben hatte sich darauf ausgerichtet, dass er Zeit finden würde, mit Stranger zu chaten.
Nun saß er wieder auf seinem Bett und knabberte Cracker, während er sich von Stranger die Aussicht aus seinem Fenster beschreiben ließ – das verschneite Tokio, die Lichter der pulsierenden Metropole. Ran schloss kurz die Augen und versuchte .... halt mal, Tokio?

Someone: Du kommst auch von hier?
Stranger: Hä? Wie von hier?
Someone: Tokio
Stranger: Öhm ... ja. Du wohnst auch hier...
Someone: Und da haben ich dich noch nie gesehen?
Stranger: Na ja – ist vielleicht auch besser so. Denn ich weiß mittlerweile, wer du bist.
Someone: Wie – du weißt wer ich bin?
Stranger: Der süße Rothaarige aus dem Blumenladen.
Someone: ???
Stranger: Du hast dich beschrieben und ich habe alle Läden abgeklappert [waren 137!!] und dich gesucht – erfolgreich. Du bist wirklich niedlich.

Ran stutzte, der Andere hatte ihn gefunden – gesucht und gefunden – und er war niedlich? Er lief langsam rot an und versuchte, seine Gedanken zu packen und zu verfassen.

Someone: Ich will dich auch sehen.
Stranger: Hab noch etwas Geduld. Bin momentan krank – kann nicht raus.
Someone: Was hast du?
Stranger: Ne fette Erkältung und eine rote Nase. Ich seh aus wie Rudolph das Rentier
Someone: Wie wer?
Stranger: Kennst du nicht die Rentiere vom Weihnachtsmann, Someone?
Someone: Nö.
Stranger: Och menno – du bist heute wirklich unromantisch.
Someone: Nur weil ich die Rentiere nicht kenne?
Stranger: Hm ... okay ....Haste schon Schuhe geputzt und vor die Tür gestellt? Der Nicolaus kommt doch heute Nacht.
Someone: Der was?
Stranger: Och Someone. So richtig viel mit Weihnachten und der Vorweihnachtszeit hast du nicht am Hut, oder?
Someone: Na ja – interessierte mich eben nicht.
Stranger: Und jetzt?
Someone: Wie – und jetzt?
Stranger: Interessiert es dich jetzt?
Someone: Ja ... irgendwie schon. Hab mir letztens vorgestellt, ich würde mit dir durch die verschneite Altstadt laufen und Zuckerwatte essen, ist das nicht albern?
Stranger: Nee, das ist sogar echt süß. Ich wollte nämlich auch mit dir auf einen Rummel gehen und eine Runde Kinderkarussell fahren.
Someone: Wie alt bist du?
Stranger: 24.
Someone: Oh, und da möchtest du Kinderkarussell fahren?
Stranger: Na ja – als Kind konnte ich das nicht – aber mit dir würde ich das gern tun, deine Hand halten, meine Nase in deinen Schal kuscheln.
Someone: Hör auf – sonst such ich dich noch und dann ist es mir egal, ob du aussiehst wie ein Rentier ...
Stranger: Bist echt ein Süßer.
Someone: Ma .... ich werd rot.
Stranger: Das steht dir sicher, bist doch immer so blass. Und dann passt du besser zu meiner roten Nase.
Someone: Oh ja .... das wäre ein Bild.
Stranger: Ich muss Schluss machen, mir tut der Kopf weh, Hübscher.
Someone: Okay, erhol dich und lass dich von mir knuddeln.
Stranger: Aber immer doch, in deinen Armen liege ich am liebsten.
Someone: ...
Stranger: Okay, stell deine Schuhe vor die Tür, ja?
Someone: Wie bitte?
Stranger: Mach einfach, dann kommt der Nicolaus und steckt was rein, bin ich mir sicher.
Someone: Okay ...... ^^
Stranger: Such dir aus, wo ich dich hinküssen darf.
Someone: Dazu muss ich mich erst ausziehen.
Stranger: Someone!
Someone: Okay ..... hier aufs Ohr ...
Stranger: *smack*
Someone: Danke – werd mich revangieren
Stranger: Vielleicht irgendwann.

Stranger has left chat.

Nun war er wieder allein, wie er es mittlerweile hasste, wenn Stranger nicht bei ihm war, wenn er allein auf dem Bett lag und in den Himmel starrte, das Fenster neben seinem Kopf als Tür zur Welt betrachtete und sich fragte, ob es wohl dieses Jahr weiße Weihnachten geben würde. Es hatte ihn nie interessiert, er fand Schnee einfach nur nervig, wenn er frisch auf den Wagen gefallen war und er eine Viertelstunde früher aufstehen musste, weil er den Wagen noch frei schippen musste. Und heute? Heute lag er auf dem Bett, den Kopf voll wohlig warmer Gedanken und begrüßte jede einzelne Schneeflocke, die auf seiner Fensterbank niederging, er jede von ihnen nach Stranger fragte, ob sie nicht wussten wo er war – wer er war – ob er ihn jemals sehen würde.
Mit dem Kopf voll Zuckerwatte schlief er schließlich ein.

~~~

Es war noch dunkel, als Ran erwachte und leise ins Bad schlich. Schnell huschte er über den Flur, erledigte was immer er im Bad zu tun gedachte und schlich zurück. Sein Blick fiel in dem spärlich beleuchteten Flur auf seine Schuhe, die er gestern auf Strangers Geheiß vor die Tür gestellt hatte und .... tatsächlich. Es lag etwas in den Boots. Ran bückte sich und griff nach etwas Plüschigem: es war so groß wie eine Hand, hatte rote Wuschelhaare und ein großes, rundes Schnäuzchen, kleine knuddelige Ohren und blickte ihn aus schwarzen Knopfaugen an. Es hatte Flügelchen und trug nichts außer Socken und einem Schal. Es war nicht zu übersehen, dass der Kleine ein Männchen war und ihn anlächelte. In seinen kleinen Händchen hielt er einen Zettel. „Bin ein Chibi – musst mich lieb haben.“ 

Ran grinste. Ob das Stranger gewesen war? Ob er ihm die Sachen gebracht hatte? Aber wie war er in das Haus gekommen? Die Türen waren verschlossen und die Fenster auch. Er griff nach der kleinen Schachtel mit den goldenen Sternen, die neben den Schuhen stand und öffnete sie. Nougat – eine ganze Schachtel voll Nougatpralinen und ein kleiner Zettel. „Sweets for my sweet – love Stranger. Don´t forget: for the world you are someone only – but for someone you are the world.“
Ran spürte die Hitze in sein Gesicht steigen, obwohl der Rest seines schmalen Körpers zitterte. Er stand nur in engen Shorts mitten auf dem Flur, der unbeheizt und zugig war, und lächelte vor sich hin.
Eilig griff er die Schachtel und das Chibi und ging wieder in sein Zimmer. 

Er setzte sich auf das Bett und setzte das kleine Plüschkerlchen auf die Decke. Noch immer grinste es ihn an und musterte ihn mit seinen schwarzen Knopfaugen. Er konnte nicht anders als seine Nase in das weiche Plüschhaar zu graben. Er schnupperte noch einmal. Unverkennbar – das war CK one – sein Lieblingsduft. Langsam wurde ihm Stranger unheimlich. Was wusste der Mann noch über ihn? Doch dann grub er wieder die Nase in das rote Haar des Chibis und kuschelte ihn mit unter die Decke, nicht dass sich der Kleine noch erkältete und dann – wie Stranger – mit einer roten Nase wie ein Rentier – wie hieß es doch gleich? Richard? – durch die Gegend laufen musste. 

Eine Nougatpraline kauend startete Ran den Computer, wusste ganz genau, dass Stranger noch schlief – war er doch nie vor 10 im Chat gewesen. Und so suchte Ran im world wide web und es dauerte auch nicht lange, bis er gefunden hatte, was er gesucht hatte. Eine e-card-Seite für .... Verliebte. Ran atmete noch einmal tief durch. Er hatte keine mail-Adresse von Stranger, aber er konnte ihm die Karte auch über den Chat schicken. Und so machte er sich daran, ein Motiv zu wählen und einen Text zu verfassen. 

Und es kostete ihn mehr als zwei Stunden, bis er endlich mit seinem Werk zufrieden war. Er hatte mit Yojis Digitalkamera, die zum Laden in der Küche an er Steckdose hing, ein Bild vom Chibi gemacht und von dem ganzen silberglänzenden Papier der Pralinen, die er schon gefuttert hatte, alles lag auf seinem nackten Bauch. Sogar den Bund der schwarzen Shorts, die etwas weiter unten hing als sonst, ein paar dunkle Haare erahnen ließ, hatte er noch mit auf das Bild bekommen. Ja mit dem Anblick war er zufrieden. 

Dann hatte er seine Bücher durchforstet. War ja klar, dass er nichts Romantisches im Haus hatte. Also hatte er sich ins Wohnzimmer geschlichen und nach einem Band gegriffen, den Yoji mal für den verklemmten Ken gekauft hatte. Gedichte zu jedem Anlass.
Er kam sich reichlich komisch dabei vor, sich durch triefend schmalzige Romantik zu stöbern und zu registrieren, dass es gar nicht so schmalzig war – ihm nicht schlecht wurde und er endlich ein passendes gefunden hatte. Er tippte die Zeilen unter das Bild und kennzeichnete es als Zitat. Dann fügte er noch ein paar eigenen Worte hinzu, zeugend von Dank und Überraschung und dem Versprechen auf Revange. 

Und keine Minute zu früh war er damit fertig, als ein leises Pling Stranger ankündigte, der ihm ein Lächeln und einen Guten-Morgen-Kuss schickte.
Ran antwortete erst einmal nicht sondern schickte nur das Bild und wartete auf eine Reaktion.

Stranger: Was würdest du sagen, wenn ich meine schmalen Finger in den Bund deiner Shorts schlagen würde, dir den Stoff von den Hüften ziehen würde, um dort einen Kuss zu platzieren?
Someone: Ich würde sagen: Wenn du jetzt aufhörst, stirbst du einen langsamen qualvollen Tod! Guten Morgen ...
Stranger: Echt leckerer Anblick. Wenn ich nicht schon verrückt nach dir wäre – jetzt würde ich es auf jeden Fall sein.
Someone: Du machst mich verlegen – und danke für das Chibi – der ist süß.
Stranger: Ja – hab auch so einen. Und der ist jetzt sicher einsam.
Someone: Dann sollten wir die beiden wohl wieder zusammen bringen?
Stranger: Sollten wir wohl – und du ....
Someone: Ja? und ich?
Stranger: Ach vergiss es – da waren die Finger wieder schneller als die Zensur im Kopf.
Someone: Schade ...
Stranger: Hm ...
Someone: Magst es mir nicht sagen?
Stranger: Weiß nicht – einerseits würde ich dich gern sehen, dich in den Arm nehmen und nicht nur über die Leitung küssen. Andererseits werden wir uns dann nie wieder sehen.
Someone: Wie bitte?
Stranger: Du kennst mich – Ran.

Ran stutzte, da kannte einer seinen Namen – den Namen, den er seit Jahren nicht mehr benutzte. Den aus seinem neuen Leben eigentlich doch keiner kennen konnte.

Stranger: Someone? Bin ich dir zu nahe getreten?
Someone: Nein – aber ich würde schon gern wissen, woher du mich kennst. So gut kennst, dass du einen Namen weißt, den ich schon länger nicht mehr benutze.
Stranger: Wenn du es weißt, wirst du das Fenster hier schließen und nie wieder den Kontakt zu mir suchen.
Someone: Was macht dich so sicher?
Stranger: Ich weiß es einfach.
Someone: Du traust mir nicht sehr viel Feingefühl zu?
Stranger: Doch – aber ich weiß es.
Someone: Woher?
Stranger: Kann ich dir nicht sagen.
Someone: Ich will dich sehen.
Stranger: Und ich will dich nicht verlieren Ran, ich liebe dich doch ....

Ran schluckte, musste die gelesenen Worte erst einmal verdauen. Stranger liebte ihn? Kannte ihn, wusste wer er war und liebte ihn trotzdem?

Stranger: Ran bitte sag jetzt was – irgendwas!
Someone: Ich mag dich auch echt gerne – ja doch, ich glaube ich habe mich auch verliebt.
Stranger: Das wäre schön – aber ......
Someone: Aber? Wie kannst du in dieser Situation ein >aber< schreiben?
Stranger: Du wirst mich hassen, wenn du weißt, wer ich bin.
Someone: So schlimm kann es ja nicht sein. Ich habe dich hier neu kennen gelernt – lieben gelernt – wer auch immer du sein magst, ich sehe dich anders.
Stranger: Bist du dir da so sicher? Sicher dass die Liebe den Schmerz besiegt?
Someone: Welchen Schmerz?
Stranger: Okay – du willst mich sehen – ich will klare Verhältnisse. Und wenn du mich dann nicht mehr sehen willst, so muss ich das akzeptieren .......
Stranger: Heute Abend – neun Uhr an dem Ententeich im Park hinter deiner Strasse.
Someone: Okay, ich freu mich drauf ...
Stranger: ich auch ...
Someone: ich küss dich so lange, damit die Zeit schneller vergeht.

Ohne eine Antwort war Stranger aus dem Chat verschwunden. Ran schloss den Laptop und legte sich wieder in die Kissen, eine Praline kauend und das Chibi an sich drückend. Was mochte Stranger nur gemeint haben – er würde ihn kennen?

~~~

Es war erst kurz nach Acht, als Ran sich Mantel und Schuhe überzog und leise aus dem Haus verschwand. Er hatte Gaijin, so hatte er das Chibi genannt, in seine Manteltasche gepackt und ging bedächtig durch die Straßen. Es hatte wieder zu schneien begonnen, ab und an leuchtete etwas vorweihnachtlicher Schmuck in den Schaufenstern der Geschäfte. Ran seufzte – was mochte ihn erwarten? Warum hatte Stranger nur diese Angst, dass Ran ihn nicht sehen wollen würde? 

Verträumt ließ der Rotschopf eine Schneeflocke auf der Hand schmelzen und umklammerte das Chibi in seiner Tasche fester. Doch dann fiel ihm auf, dass der Kleine dort sicher nicht atmen konnte. Also wurde das Chibi kurzerhand in den Mantelkragen geschoben, und nun lugte unter Rans rotem Schopf noch ein zweiter roter Schopf aus dem Mantel. Er lächelte dem kleinen Jungen zu, der das Chibi mit großen runden Kinderaugen anstrahlte und ging langsam weiter. Er durchschritt die verschneiten Wege und erfreute sich an den schwerbehangenen Bäumen – trotz der Dunkelheit glitzerte und strahlte der Park wie ein Meer aus Diamanten. Der Schnee unter seinen Schuhen knirschte leise. Und als Ran den Blick auf den Weg warf, fiel ihm auf, dass hier bereits jemand langgegangen war. Ob es Stranger gewesen war? Ob auch er nicht länger hatte warten können? 

Langsam drosselte er seinen Schritt, sein Herz raste in seiner Brust. Er konnte es nicht leugnen – er war aufgeregt. Tief durchatmend stapfte der Rotschopf weiter.
Sein Weg führte ihn an einen zugefrorenen See, davor standen Bänke unter Trauerweiden. Und auf einer der Bänke saß eine Gestalt – langer schwarzer Mantel, langes oranges Haar, ihm den Rücken zugewandt. Rans Puls beschleunigte, setzte aus nur um mit doppelter Intensität weiterzuhämmern.
Jetzt würde er ihn endlich sehen, in die Arme schließen und ... ja auch küssen können. Es sich nicht nur vorstellen müssen sondern es auch tun! Er schlich sich an und versuchte, keinen Lärm zu machen. Wenigstens das hatte er als withe hunter gelernt. Um so überraschter war er, als sich der Andere zwar nicht umwandte, ihn aber trotzdem begrüßte.
„Hi Someone – schön dass du gekommen bist.“ 

Ran lief es kalt den Rücken runter. „Hi –bin zu früh – konnte nicht mehr warten.“, platzte er heraus, als er auf die Bank zustolperte und sie umrundete.
„Und?“
Die weiche Stimme legte sich auf Ran wie der weiche Schnee auf das Land, wie schwerer süßer Wein tropfte sie in seine Seele. „Bist du jetzt enttäuscht?“, wollte Stranger wissen, als er endlich den Kopf Ran zuwandte und Verwaschengrün auf Leuchtendviolett traf.
„Schuldig.“, flüsterte Ran und wich zurück. Nein, das durfte nicht sein! Warum von allen Menschen auf dieser gottverdammten Erde ausgerechnet er?
Der Orangehaarige setzte sich gerade auf und schlug ein Bein über das andere, als er Rans Kampf bemerkte, wie der Junge versuchte die Beherrschung zu wahren, wie er versuchte das Bild eines grausamen Mörders mit dem liebevollen Mann aus dem Chat zu vereinbaren. 

„Ich sagte ja, das wird unser letzter Chat gewesen sein.“, flüsterte Schuldig, als er aufstand und sich zum Gehen wandte. „Ich hab mich trotzdem gefreut, dass du gekommen bist Ran. Denn ich liebe dich wirklich.“
Alles was Ran wahrnahm war das sich entfernende Knirschen von frischem Schnee unter schweren Schritten. Er dachte nicht mehr, als er hinter Schuldig herlief, die Arme von hinten um ihn schlang und er leise „Geh nicht.“ flüsterte.
Schuldigs Herz hämmerte gegen sein Brust dass er sich wunderte, warum Ran nicht von der Intensität erschüttert wurde. Doch der hatte viel zu sehr gegen sein eigenes Herz anzukämpfen, das im Hals pochte, ihm zeigte, dass es ihm egal war, wer dieser Mann war, so lange er nur Stranger behalten konnte, ihn nicht aufgeben musste. 

Schuldig drehte sich in der engen Umarmung. „Bist du dir sicher?“, hauchte er, als er seine Nase in Rans Haar vergrub, wie er es schon so lange wollte. Wie er es sich schon so lange ersehnt hatte.
„Privat scheinst du ein netter Kerl zu sein.“ Ran bewegte den Kopf und blickte Schuldig an, dann erst erblickte er ein Chibi – blonde Haare – das auch in einem Mantelkragen saß und ihn angrinste. Schnell hatte er sich Gaijin geschnappt und setzte ihn nun zu dem anderen, seine Finger schob er vorsichtig durch den Wollschal und zuckte zurück, als er die heiße Haut darunter streifte. „Jetzt ist er nicht mehr einsam.“
„Nein, das ist er nicht.“ 

Erst jetzt fiel Ran auf, dass Schuldig einen seltsamen Zweig bei sich hatte. Er musterte das Gewächs genauer und Schuldig hob den Stängel an, als er Rans interessierten Blick spürte.
„Was ist das?“, wollte der Rotschopf wissen.
„Ein Mistelzweig.“ Er blickte Ran in die Augen. „Aber bei deiner Anti-Weihnachtseinstellung kannst du damit genauso wenig anfangen wie mit Rudolph dem Rentier und dem Nicolaus, hm?“ Schuldig lächelte sanft, und Ran stockte der Atem. Noch nie hatte er den Anderen so gesehen – so sanft und liebevoll.
„Und warum hast du ihn mitgebracht?“, wollte der Rotschopf leise wissen. Und Schuldig schlang wieder die Arme um Ran, der noch immer an ihn gekuschelt im Schnee stand. Der Wind zog an ihren Kleidern, wehte dem Kleineren das orange Haar ins Gesicht, und der zog den Duft nach Lilien tief in sich ein. 

„Das ist ein Brauch aus der alten Welt. In Europa sagt man: Wer sich zur Weihnachtszeit unter einem Mistelzweig küsst, wird glücklich werden.“ Schuldig hielt die Luft an, als er in Rans leuchtende Augen sah, als er spürte, wie der Junge die Hand mit dem Zweig langsam über sie beide führte. 

„Worauf wartest du noch?“, flüsterte Ran, als er mit der anderen Hand Schuldigs Gesicht umfing und seine Lippen auf das andere Paar senkte. Und Schuldig schloss die Augen, fühlte sich schwerelos und versank ganz in der Nacht, in den tanzenden Schneeflocken und der Wärme, die der, den er liebte, ihm entgegenbrachte. Konnte die Welt noch schöner sein? dachte er, als er beiden Hände auf Rans Rücken legte und – nur allein mit ihm – verloren in der Dunkelheit und dem Glitzern der Winterträume sich diesem einen Kuss hingab.
Er schmolz unter dieser Berührung wie die Eiskristalle auf Rans geröteten Wangen, als die Zeit stehen zu bleiben schien.

~~~~ Ein Ende ist immer auch ein Anfang ~~~~