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Wenn die Hölle sich mit Eis bedeckt - Angst vor Gefühlen

Weiß Kreuz [NC-14]
 
Pairing: Yohji + Aya 

[ lime][depri][light violance][OOC]

Disclaimer:
Tja, keiner von den Helden gehört mir sondern ihren Schöpfern [Takehito Koyasu – sagte man mir ganz im vertrauen ^^] – Kohle mach ich damit auch nicht ... Sonst hätte ich die Süßen schon längst adoptiert! 

Kommentare/Inhaltsangabe:
Wie weit man geht, wenn man nicht zu seinen Gefühlen stehen kann ...



Wenn die Hölle sich mit Eis bedeckt


„Wo warst du nur mit deinen Gedanken?“ Yohjis Stimme klang ärgerlich. Noch immer schleifte er Aya hinter sich her. „Stehst nur dumm da und lässt dir das Haus auf die Schulter fallen. Hast du vielleicht noch andere solcher Hobbys? Könnte ja auch eins dabei sein, das mir ...“
„Halt endlich den Mund, Yohji ... mein Kopf schmerzt schon genug.“ Ayas Stimme war schwach, leise. Erschrocken schaute Yohji zu dem Bündel, dass in seinem Arm hing. „Komm schon Großer, reiß dich zusammen. Das wird wieder.“
Endlich erreichten auch Aya und Yohji den Laden, wo sie schon Ken und Omi erwarteten.
„Aya-kun ... was ist passiert?“ Omi hüpfte aufgedreht und voller Sorge immer wieder um die beiden herum.
„Alles halb so schlimm. Ich lebe noch.“
„Richtig – noch. Und damit das auch so bleibt, verschwinden wir jetzt im Bad. Das muss verbunden werden.“ Yohjis Stimme klang so energisch, dass Aya nicht widersprechen wollte. Er war zu schwach, um sich jetzt mit einem Yohji rumzustreiten, der durch das Adrenalin in seinen Adern noch immer gepuscht wurde. Er wusste, dass er verlieren würde. Also ergab sich der Rotschopf in sein Schicksal.
Energisch schob Yohji seinen Freund durch die Tür in das Bad und warf eilig seine Jacke zur Seite, dann zog er Aya vorsichtig den Mantel aus.
Ein leises schmerzverzerrtes Zischen ließ ihn inne halten, als Aya erschrocken die Luft durch die Zähne zog. Er hatte damit gerechnet, dass es weh tun würde. Aber so sehr?
„Aya ... geht es noch?“
„JA, ich lebe noch. Das sagte ich bereits.“ Seine Stimme klang leicht aggressiv. Endlich hatte Yohji den blassen Jungen von Mantel und Shirt befreit. Und was er sah, ließ ihn leise aufstöhnen. Es war nicht die Wunde, die ihn einen Seufzer entgleiten ließ, sondern Ayas Körper. Er war nicht auffallend muskulös aber wunderschön, musste Yohji zugeben. Er spürte, wie Aya ihn im Spiegel beobachtete und versuchte, sein Augenmerk auf die offene Wunde an der Schulter zu legen. Sie blutete immer noch stark. „Yohji, träum nicht. Du saust gerade dein weißes Shirt mit meinem Blut ein.“
„Oh ja, du hast recht.“ /Klasse Kudou, bist` n Held!/ unter Grummeln und Fluchen zog er sich das nun versaute Hemd aus und warf es zu Ayas Sachen auf den Badboden. Die mussten eh gewaschen werden. Alles war voll Blut. /Das dürfte schwierig werden, die Flecken wieder rauszubekommen./

Yohji begann, die Wunde zu reinigen. Und es wunderte ihn sehr, dass Aya sich nicht rührte. Er zuckte nicht. Er beschwerte sich nicht. Langsam sah Yohji zu ihm auf, folgte seinem Blick und bemerkte, dass Aya gebannt auf ihr Spiegelbild starrte. Sein Blick ruhte auf Yohjis Rücken. Yohji spürte die violetten Augen, die er so sehr liebte, auf sich ruhen. Blicke, von denen er wünschte, ihnen würden Hände folgen. Schnell wandte er sich wieder ab, denn ihm stieg die Röte ins Gesicht.
Um die Schulter zu verbinden, ging Yohji um Aya herum, der immer noch gebannt auf dem Hocker saß und ihn beobachtete.
/Jetzt oder nie ... Kudou!/
Langsam begann Yohji, über die nackte Haut des Rotschopfes zu streicheln. Nur die Fingerspitzen tanzten auf der weichen Haut – /wie Schokoladenkrümel auf der Sahne/ dachte Yohji, als er seine braunen Finger auf Ayas weißer Blässe sah. Er tastete sich von der Schulter zum Nacken, weiter über die Brust. Yohji spürte, wie Aya plötzlich verkrampfte und zusammenzuckte. Scheu war er bereit, die Hände wegzunehmen, als sein Blick auf den Spiegel fiel. Er konnte deutlich sehen, dass sich Ayas Gesicht langsam entspannte. Aya schien zu genießen, was Yohji mit ihm tat, denn er schloss vertrauend die Augen.
/Nani?/
Yohji konnte kaum glauben, was er dort sah. Ayas Vertrauen spornte Yohji an. Langsam ließ er der Bahn der Finger eine feucht glänzende Spur seiner Zunge und Lippen folgen. Er küsste Aya sanft den Nacken, der sich dem Kuss entgegenlehnte, und Yohji wurde mutiger. Sacht biss er in die weiche Haut, küsste dann weiter den Hals hinunter. Aya schien sich immer weiter zu entspannen. Sanft lehnte er sich gegen Yohjis Bauch.
/Wie weit wird er mich wohl gehen lassen?/
Flink glitt Yohji um Aya herum, nahm das blasse Gesicht zwischen seine weichen Hände und ließ seine Lippen sacht über die Wange gleiten. Suchend tastete er sich zu Ayas schmalen Lippen vor. Als er sie fand, legte er seine sacht darüber, strich verspielt immer wieder mit der Zunge über Ayas Unterlippe. Nach kurzem Zögern öffnete Aya seine Lippen und ließ Yohjis sanft streichelnde Zunge sein Innerstes erkunden. Als sich die Spitzen ihrer Zungen berührten, durchzuckte beide ein gewaltiger Stromschlag. Yohji glaubte vor Glück die Sinne schwinden zu spüren.
Doch Aya weckte diese Intensität aus seiner Trance.

/Was tue ich hier?/
Mit einem kräftigen Schlag wehrte sich Aya plötzlich gegen Yohjis Zudringlichkeit.
/Raus ... ich muss hier raus/ ...
/Warum habe ich das zugelassen? Wollte ich das etwa? Das kann nicht sein!/
Ohne ein weiteres Wort verschwand er panisch in seinem Zimmer. Yohji, von der Kraft des Jungen total überrascht, geriet ins Schwanken und schlug hart mit dem Arm gegen das Waschbecken.
„Tja, da bin ich wohl zu weit gegangen.“ Traurig rappelte Yohji sich auf. Sein Blick fiel wieder auf den Spiegel, der nun nur noch das leere Bad reflektierte. Und Yohji hätte schwören können, dass es in seinem Herzen genau so leer war. Schweigend löschte er das Licht im Bad und ging, an Ayas geschlossener Tür vorbei, in sein Zimmer.

/Warum hab ich das getan?/ In Ayas Kopf drehte sich alles.
/Wie konnte das nur geschehen? Er hat meinen Zustand ausgenutzt! Oder habe ich ihn es ausnutzen lassen? Ich habe seine Hände doch gespürt. Und es war so gut .../ Aya erschrak über sich selbst.
/NEIN! ... was denke ich denn da. Das war ganz bestimmt NICHT gut und damit basta!/ Noch immer lag Aya auf dem Bett. Die Wunde an seiner Schulter pulsierte heftig, der Schmerz nahm immer weiter zu. Doch noch mehr schmerzten Aya die Stellen auf seiner Haut, die Yohjis Lippen berührt hatten. Die Nervenenden unter der blassen Haut schickten noch immer heiße Blitze durch seinen Körper.
/Es war falsch!/ versuchte er, sich immer wieder einzureden. „Warum hast du das getan, Yohji?“
Aya erwischte sich dabei, wie er immer wieder die gleiche Frage stellte, nur um doch keine Antwort darauf zu finden. Warum hatte Yohji ihn geküsst? Wollte er ihn veralbern?
/Er scherzt ja öfter mal, aber so was Geschmackloses? Das wäre nicht einmal Yohjis Stil .../ Langsam glitt Aya in einen traumlosen Schlaf. Der harte Tag forderte letztlich doch seinen Tribut.

Als Yohji am nächsten Morgen das Bad betrat, hatte sich bereits jemand dazu entschlossen, die blutverschmierten Sachen zu entsorgen und die restlichen Spuren der gestrigen „Not-OP“ zu beseitigen. Er blickte in den Spiegel und war sich sicher, dass er gar nicht so schlecht aussehen konnte, wie er sich gerade fühlte. Er hatte nicht geschlafen, jeder einzelne Gedanke kreiste um Aya – um seine Haut, seine Augen, seine Lippen.
„Sieh es ein Kudou – du hast es versaut.“ Noch immer stützte er sich auf das Waschbecken und starrte in den Spiegel. /Wie er sich jetzt wohl verhalten wird? Ob er mich .../
„Schau nicht so selbstverliebt in den Spiegel, das Frühstück wartet.“ Omis spöttische Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Alles klar, ich dusche und dann komm ich runter.“ Schnell schloss Yohji die Badtür, es musste ja nicht jeder mitkriegen, dass das heute ganz sicher nicht sein Tag war.
Das warme Wasser auf seiner Haut tat gut, und doch erwischte er sich dabei, wie er sich wünschte, dass diese Tropfen Hände wären. Seine Hände – Ayas Hände, die ihn überall streicheln, ihn sacht umfangen, ihn einfach nur festhalten. „Komm schon, er will nicht und gut. Akzeptiere es.“

Zehn Minuten später trat Yohji in die Küche, in der die anderen bereits ihr Frühstück in sich hinein schaufelten. Ken und Omi wollten in die Stadt, sie redeten und planten, was den alles zu machen wäre. „Ohayoo Yohji-kun.“, grinste Omi, als der Älteste das Zimmer betrat. Aya versank hinter seiner Zeitung und entgegnete nichts. Trotzdem ließ es sich Yohji nicht nehmen, auch ihm einen Guten Morgen zu wünschen.
Irgendwann erhob sich Aya und stellte seinen Teller in die Spüle. Yohji musste zugeben, dass er trotz seiner Verletzung verdammt gut aussah, sich anmutig bewegte – fast geschmeidig glitt er lautlos. Die schwarze Jeans war eng, aber nicht zu eng. Sie ließ sehen, ahnen – aber nicht zu viel. Das blaue Shirt setzte sich krass von seinen roten Haaren ab. Yohji musste zugeben, dass er auch heute Morgen wirklich niedlich war. Aya schickte sich an, die Küche zu verlassen.
„Was hast du heute vor?“
„Ich fahre ins Krankenhaus“, war die knappe Antwort. Yohji, der am anderen Ende der Küche an einen Schrank gelehnt stand und die Tasse Kaffee immer wieder in seinen Händen drehte, widersprach ihm. „Aya, mit der Schulter solltest du nicht selber fahren.“ Langsam drehte sich Aya zu ihm um. Seine Augen funkelten kalt.
„Wenn ich deine Meinung hören will, Kudou, dann frage ich dich schon. Keine Sorge!“ Ayas Stimme klang so aggressiv, dass Ken und Omi fragend zwischen den beiden Älteren hin und her schauten. Ihnen war es, als könnte man die Funken sehen, die aus violetten und grünen Augen abgefeuert wurden und sich in der Mitte des Tisches ein Duell zu liefern schienen.
„Mach doch was du willst. Ist doch dein Leben.“
„Ganz genau und in dem ist kein Platz für dich. Klar?“ Mit diesen Worten verschwand er durch die Tür.
Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, verließ auch Yohji die Küche.
„Was war das denn für eine Aktion?“ Omi konnte immer noch nicht fassen, was hier eben abgegangen war. „Keine Ahnung, aber ich glaube, wir haben was verpasst. Da bin ich mir sicher.“ Ken schaute mindestens genau so verdutzt wie der Jüngste.
„Wir sollten Yohji fragen.“
„Das solltet ihr lassen!“, hörten sie Yohji aus dem Wohnzimmer knurren. Er erhob sich aus der Couch und ging hinauf in sein Zimmer.
/Warum bin ich so enttäuscht? Ich wusste doch, dass er so reagieren wird. Hatte ich mir wirklich zu viel erhofft? Habe ich das Feuer schon zu lange in mir geschürt?/ Yohji lag auf seinem Bett, die Sonne schien durch das Fenster und tauchte das Zimmer in angenehm warme Farben.
Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. „Wir gehen schon in den Laden. Komm dann gleich nach, ja?“ Omis Stimme klang sanfter als vorher. /Haben sie sich etwa ihre Gedanken gemacht? Ich hab jetzt keine Lust, darüber zu reden. Die werden mich löchern .../ Aber Yohji wusste, das er nicht darum herum kam, auch seinen Beitrag im Blumenladen zu leisten.

Es ging bereits auf Mittag zu, als Aya wieder durch die Tür trat. Ohne ein weiteres Wort band er sich seine Schürze um und machte sich daran, die welken Blüten auszuschneiden. Er stolperte über einen Eimer, der mitten im Weg stand. Yohji war gerade dabei gewesen, den Boden zu wischen.
„Urusai! Baka! ... Kudou, räum deinen Mist weg.“ Yohji, der beim Klang seines Namens gepaart mit Ayas herausfordernder Stimme neugierig geworden war, schaute durch die Tür zum Hinterraum, er wusste nicht, was er nun wieder angestellt hatte. „Nani?“ Grün traf auf Violett.
„Nani mich nicht an ... laß deinen Mist nicht im Weg rumstehen.“ Nun wurde es auch Yohji zu dumm, er wollte sich nicht den ganzen Tag von diesem Kerl anmachen lassen.
„Ey, mach einfach deine Augen auf.“ /deine wunderschönen Augen/ „Und lass deine Laune nicht an mir aus. Geh joggen oder was weiß ich, aber motz mich nicht permanent dusslich voll.“
„Ach halt doch den Mund ...“ Aya riss sich die Schürze vom Leib und mit einem lauten Knall flog die Ladentür hinter ihm zu.

Die Mittagssonne schien ihm warm auf die Schultern, als er auf die Straße trat.
/Yohji – warum kann ich nicht normal mit dir umgehen? Warum habe ich solche Angst in deiner Nähe?/
Langsam machte sich Aya auf den Weg. Seine Schritte führten ihn in einen nahe gelegenen Park, wo er sich gedankenverloren auf eine Bank fallen ließ, die durch die Sonne angenehm temperiert war. Sein schmaler Körper sog die Wärme süchtig auf.
/Yohji ..../
Immer wieder kreisten seine Gedanken um das karamellfarbene, leicht lockige Haar, das noch viel toller aussah, wenn es in feuchten Strähnen in das schöne Gesicht hing, halb diese Edelsteine von Augen verdeckend.
„Nein, ich kann mich doch nicht in einen Mann verlieben.“ Aya öffnete leicht die Augen. Doch je intensiver die Gedanken um Yohji kreisten, um so intensiver wurde in Aya der Drang, sich dem nicht zu ergeben. In ihm wuchs der Gedanke, diesen Playboy, der nur mit ihm gespielt hatte, zu verletzen. Er sollte leiden, wie auch er selbst litt.
/Das kann doch nicht sein. Aya, du bist nicht normal ... tu was dagegen/
Noch immer saß er träge in der Sonne, als er für sich beschloss, endlich einmal mit einem netten Mädchen auszugehen. Immer wieder kamen Mädchen in den Laden, die ihn anstarrten, die ihn fragten. Heute wollte er nicht vor ihnen flüchten sondern ihnen zusagen. Dann wollte er schon sehen, ob seine Gedanken dann immer noch um diesen Playboy kreisen würden.
Mit einem zufriedenen Lächeln machte sich Aya wieder auf den Weg zurück. Die Schule war gerade aus, und so war der kleine Laden voll mit Schulmädchen. „Na bitte, das sollte sich doch sicher eine nette Bekanntschaft machen lasen.“ Doch wenn er ehrlich war, war Aya bei dem Gedanken gar nicht wohl.

Langsam zwängte er sich durch die Massen und band sich wortlos wieder seine Schürze um.
„Und ... Aya-kun? Alles wieder in Ordnung?“ wollte Omi wissen, doch der Rotschopf entgegnete nichts. Er stellte sich hinter die Kasse und zwang sich, seinen Blick nicht auf Yohji ruhen zu lassen.
Der stand lachend und flirtend in einer Runde von vier Mädchen. /Es war also wirklich nur ein Scherz von ihm./ Die Sonne ließ sein Haar glänzen, sie zauberte im Spiel der Muskeln Schatten, die über Yohjis ganzen Körper zu wandern schienen, und dann diese sinnlichen Lippen die ein Lächeln formten, dem man nur schwer widerstehen konnte.
Aya senkte seinen Blick auf das Auftragsbuch, als er plötzlich eine leise Stimme neben sich vernahm.
„Konnichi wa Aya-kun!“ Makino war an ihn herangetreten, wie sie es immer wieder gern tat. Sie mochte Aya wirklich, und auch wenn er sie immer wieder höflich aber doch bestimmt abgewiesen hatte, wollte sie nicht aufgeben. Sie wusste, dass er keine Freundin hatte. Was sollte sie also davon abhalten, es immer wieder zu versuchen? Aya staunte immer wieder über ihre Ausdauer. Es war ihm immer unbehaglich gewesen, sie abweisen zu müssen. Und auch heute, wo er gern mit ihr ausgehen wollte, fühlte er sich nicht besser.
„Oh Makino-chan, schön das du wieder einmal da bist.“ Seine freundliche Art verwunderte das Mädchen schon etwas, das sich eigentlich schon wieder darauf eingestellt hatte, dass der rothaarige Junge ihr den Rücken zuwand und im Gewächshaus verschwand. Und nun stand er vor ihr und schaute sie freundlich an. Was war nur mit Aya-kun geschehen? Makino errötete leicht.
„Aya kun, ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber ich würde trotzdem gern einmal mit dir ausgehen.“ Sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Doch als ein sanftes „Warum nicht“ an ihr Ohr klang, musste sie aufsehen. „Nani?“
„Ich sagte, ich würde gern mit dir ausgehen.“ Makinos Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, und genau so ungläubig wie sie schaute auch Ken aus dem Hinterzimmer, der nicht glauben konnte, dessen Zeuge er gerade geworden war.
„Gut, ich bin dann heute Abend um acht bei dir, Aya-kun. Mata ne ...“ Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Laden. Noch immer starrte Ken auf den Rotschopf, der sich nun wieder seinen Auftragsbüchern zuwand.
„Träumst du?“, scherzte Omi, als er den verwirrten Ken im Hinterzimmer stehen sah.
„Ja, das tue ich garantiert.“
„Nani?“
„Aya hat ein Date.“
„Nani?“ Diesmal kamen die ungläubigen Worte von Yohji, der hinter Omi in das Zimmer getreten war. Ken berichtete immer noch geschockt, was sich eben vor seinen Augen abgespielt hatte.
Yohjis Blick verfinsterte sich. /Aya-chan ... koi ... warum tust du das? Und warum tust du es ausgerechnet jetzt?/
„Ey Yohji-kun – eifersüchtig?“ Omis glucksende Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Yohji spürte, wie ihm die Röte in das Gesicht schoss und Ken begann zu lachen.
„Baka!“, fluchte er und verschwand auf der Treppe nach oben.

Seit sie den Laden geschlossen hatten, war Aya in seinem Zimmer verschwunden. Die Tür öffnete sich nur, als er flink im Bad verschwand. Yohji konnte ihn hören, hörte das Wasser rauschen und wusste, dass dort unter dem warmen Schauer das stand, was er so begehrte. Er drehte die Stereoanlage lauter, um sich von diesen Gedanken abzulenken. Doch seine Hose strafte ihn im gleichen Augenblick lügen. Und jeder weitere Gedanke, der um Ayas Körper kreiste, ließ ihn aufstöhnen.
Um sich abzulenken, erhob er sich, stieg langsam die Treppe hinunter und setzte sich zu Omi und Ken auf die Couch, die gerade gebannt ein Spiel der J-League verfolgten. Abwechselnd warfen die beiden Jüngeren Schimpfwörter und Flüche aus, von denen Yohji nicht einmal wusste, das sie sie kannten. Es amüsierte ihn, sie zu beobachten. Die Türklingel riss ihn aus seinem kurzen Augenblick der Freude.
„Aya-kun ... beeil dich. Makino-chan ist da“, schrie Omi nach oben, während er zur Tür ging, um Ayas Verabredung hereinzubitten.
„Komban wa!“, ließ sich eine zarte Mädchenstimme vor der Tür her vernehmen. Und als Omi zurück in das Wohnzimmer kam, wurde er von Makino begleitet.
Verlegen schaute sie sich in der geselligen Runde um. „Ist Aya-kun noch nicht fertig?“
„Doch.“ Eine tiefe weiche Stimme ließ alle aufschauen. Aya kam gerade die Treppe herunter. Yohji starrte ihn an, er sah noch besser aus als heute morgen. Die alte Jeans war einer schwarzen Satinhose gewichen, die sanft über die Beine strich und eng um die Hüften lag. Langsam glitt Yohjis Blick höher. Das ebenfalls schwarze Shirt lag eng um den flachen Bauch. Bei jeder Bewegung war das Muskelspiel darunter nicht zu übersehen.
/Warum tust du mir das an ... koi?/
Noch immer konnte Yohji den Blick nicht von Aya lassen, der ihn dabei beobachtete, wie er ihn beobachtete, bis seine sanfte Stimme ihn aus seinen Gedanken riss. „Was ist los Kudou? Sehe ich nicht gut genug aus? Stehen mir die Klamotten nicht?“
/Shimatta ... er muss bemerkt haben, dass ich ihn beobachtet habe./ Langsam öffnete Yohji den Mund, aber es kamen keine Worte. Erst als die zuschlagende Tür ihn aus seiner Trance weckte, kam ein „Nein, du bist wunderschön!“ über seine Lippen. Doch der, der es hören sollte, war bereits mit seiner Verabredung durch die Tür in der Dunkelheit verschwunden.
/Koi ... ich hoffe, der Abend wird für dich keine Enttäuschung. Ich glaube nicht, dass du das verkraften .../
„Yohji, was redest du da?“ Dieses Mal war es Omis Stimme, die ihn aus seinen Gedanken holte. Im ersten Moment wusste der Playboy gar nicht, war das jüngste Weiß-Mitglied von ihm wollte. „Hä?“
„Warum sagst du, dass Aya wunderschön ist? So was hast du doch noch nicht ein einziges Mal über eine deiner Bekanntschaften gesagt. ... willst du uns nicht irgend etwas sagen?“
Yohji schaute ihn nur traurig an. „Ich habe ihn verschreckt, er kommt nicht zu mir zurück. Dass er sich mit dieser Frau dort quälen will, ist mein Fehler.“ Omi verstand kein Wort. Und ein verzweifelter Blick zu Ken verriet ihm, dass es um den 18-jährigen nicht besser stand.
Omi verschwand in der Küche und kam wenig später mit einem Tablett, einer Kanne Pfirsichtee und drei Schalen wieder.
„Wir sollten reden!“, stellte er lakonisch fest und ließ sich wieder in die weichen Kissen sinken, nachdem er jedem eine Schale voll heißen Tee in die Hand gedrückt hatte. „Du musst nicht, wenn du nicht willst“, fügte er dann schnell an, seine großen Augen fest auf Yohji geheftet. „Aber ich werde dir zuhören, und Ken sicher auch, wenn du das willst.“
„Hast ja recht Kleiner, ist vielleicht das beste.“
/wie fang ich nur an ... wo fang ich nur an/
Doch da kam ihm Ken zur Hilfe. „Du hast dich in Aya verliebt und es ihm auch gesagt. Deswegen auch diese ganzen seltsamen Reaktionen; dass er dich anschreit wegen Kleinigkeiten, dass er plötzlich eine Freundin sucht. Hab ich recht?“ Yohji konnte nur noch nicken. „Ja, fast. Ich habe es ihm nicht gesagt, ich habe ...“ Langsam schlürfte er an seinem Tee. Er schmeckte bitter. Omi hatte sicher wieder mit dem Zucker gespart.
„Was hast du?“ Der Kleine rutschte ungeduldig auf seinem Platz hin und her. Er merkte nicht einmal, dass ihm dabei heißer Tee auf das nackte Knie tropfte. „Als wir gestern von der Mission gekommen sind ... da hab ich ihn doch im Bad verbunden.“ Yohji starrte auf einen Punkt in der Ecke des Raumes. „Ich habe erst gespürt, wie er mich beobachtete, dann habe ich es im Spiegel gesehen. Ich konnte es nicht richtig deuten, und dann ... also ich hab ihn gestreichelt .... und geküsst und er ... er schloss die Augen und ließ sich gegen mich sinken. ... Aya-chan wirkte so entspannt. Er war so süß, wie er mit geschlossenen Augen und rotem Gesicht gegen meinen Bauch gelehnt vor mir saß.“ Yohjis Stimme war fast erstorben, so leise hatte er gesprochen. „Und dann habe ich ihn richtig geküsst.“
„Nani?“ Omi war aufgesprungen, er hatte die Anspannung nicht mehr ausgehalten. „So richtig? Mit der Zunge?“ Ungläubig schaute er auf den Playboy. Yohji nickte nur stumm, dann begann er in seine Schale mit Tee zu starren.
Endlich schaltete sich auch Ken ein. „Du liebst ihn wirklich, nicht wahr?“ Seine Stimme war sanft, beruhigend. Yohji konnte nur nicken. „Ja, ich liebe ihn.“
„Und ich hab mich schon gefragt, warum du abends nicht mehr ausgehst. Aber damit hatte ich nicht gerechnet.“
„Wirst du es ihm sagen?“ Yohji und Ken schauten mit aufgerissenen Augen auf den jüngsten. „Hast du nicht zugehört? Er will mich nicht.“
„Na ja, ich kann ihn aber auch verstehen. Schau mal, Yohji-kun. Er kennt dich nur mit Frauen in den Armen. Und plötzlich küsst du ihn. Ich glaube, er denkt, dass du ihn veralbern wolltest und ist deswegen so verletzt. Wenn es ihm egal wäre, hätte er dich ignoriert, so wie er es immer tut. Aber er sucht ja geradezu nach Fehlern, es ist mir, als würde er dich unentwegt beobachten, nur um etwas zu finden, womit er dir weh tun kann. Und das hat er jetzt mit Makino gefunden. Eure Blicke, bevor er ging, sagten alles.“
„Was meinst du, Omi?“
„Ganz einfach, diese Frau ist ein Hilfeschrei. Rede mit ihm. Das kann nicht ewig zwischen euch stehen. Wir sind ein Team, da muss man sich auf den Anderen verlassen können. Klar?“ Ungläubig schaute Yohji ihn an. „Weißt du Omi, manchmal frage ich mich, wer von uns beiden das Kind ist.“ Endlich war auf seinem Gesicht wieder ein Lächeln zu sehen, während Omi rot wurde und sprachlos in seine Kissen zurück sank.

Seit Minuten saßen sie schweigend nebeneinander. Aya starrte auf die Straße, konzentrierte sich auf den Verkehr. Er fühlte sich unbehaglich. Und als er Makinos Blicke auf sich spürte, förderte das nicht gerade seine Laune.
/Warum tue ich das? Wem will ich was beweisen? Die einzige, die hier verletzt wird, ist Makino-chan./
„Aya-kun, wohin fahren wir eigentlich?“ Ihre schüchterne, zitternde Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Keine Ahnung, worauf hast du Lust?“
„Wie wäre es mit einem Café, ich geh gern ins „Chez Pierre“ ...“ sie verstummte. Aya antwortete ihr nicht. „Wir können auch etwas anderes machen. Kino? Museum? Schlag was vor.“
„Das Café ist okay.“ sagte er knapp. Er würde einen Kaffee mit ihr trinken, ein bisschen smalltalk halten und sie dann nach Hause schaffen. Das ist nicht gerade ein Abend, wie er ihn sich gewünscht hatte. Aber er hatte sich darauf eingelassen, er hatte Makino ermutigt, da musste er jetzt durch.
Der Kellner geleitete sie zu einem Tisch am Fenster, mit dem Blick zur Straße. Aya setzte sich so, dass er mit einem leichten Dreh nach links auf die Straße schauen konnte. Und er tat es lange. Makino hatte bereits bestellt, der Kellner hatte die Bestellung prompt gebracht. Und als Aya wieder auf den Tisch blickte, lachte ihn ein großer Kakao mit Sahne an. Kleine Schokoflocken schwangen sacht auf der weißen Sahne.
/Wie Yohjis Finger auf meiner Haut/
„Aya-kun, du siehst so rot aus. Ist dir nicht gut?“
„Doch doch. ... sag Makino, gefällt es dir hier?“
„Ja sehr, weil ich doch mit dir ...“ sie verstummte und senkte beschämt den Kopf. Dann legte sie ihr Hand auf Ayas. „Danke, dass du mit mir ausgegangen bist.“
„War mir eine Freude.“ Doch das Lächeln wirkte nicht so ehrlich, wie er es sich eigentlich gewünscht hätte. „Aya-kun, du siehst krank aus. Wir sollten den Abend schneller beenden und du solltest dich ausschlafen.“
/Danke, warum auch immer du das jetzt gesagt hast Makino-chan. Ich danke dir dafür./
„Wenn du das sagst.“
Sie bezahlten und ging zurück zum Wagen. Plötzlich blieb Makino stehen, stellte sich auf die Zehenspitzen und suchte mit ihrem Mund Ayas Lippen. /Kein bisschen wir Yohji/ dachte Aya. Er vermisste den Stromstoß, den Yohjis Zunge in ihm ausgelöst hatte. Und auch die Stellen, die Makino mit ihren Fingern an seinem Hals berührte, brannten nicht wie Yohjis Berührungen. Er empfand nichts. Der Kuss – die eklig fordernde Zunge in seinem Mund – widerte ihn an. Er wollte nicht, dass Makino Stellen berührte, die Yohjis Finger gestreichelt hatten. Er wollte nicht, dass sie die brennenden, zuckenden Erinnerungen abebben ließ. Sie sollte das lassen. Sanft aber bestimmt schob er sie von sich weg. „Iya da!“
„Gomen Aya-kun.“ Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie sich neben ihn in den Sportwagen setzte. Sie waren fast zu Hause, als Aya plötzlich zu reden begann.
„Makino, es tut mir leid. Ich glaube, ich weiß jetzt, dass ich jemand anderes liebe. Ich war nur nicht stark genug, mir das einzugestehen. Es tut mir so leid.“
„Das muss es nicht – Aya-kun. Ich habe mir immer gewünscht, einmal mit dir auszugehen. Du hast es für mich wahrgemacht. Mehr habe ich auch gar nicht erwartet.“
„Arigatou“ war alles, was Aya noch sagen konnte. Dann stieg sie aus und ging ins Haus.
/Warum kann ich nicht aufhören, an dich zu denken? Was hast du mir nur angetan, Kudou Yohji?/ Langsam setzte sich das Auto in Bewegung, und war hinter der nächsten Kurve verschwunden.

Sein Date hatte nicht sehr lange gedauert. Und so saßen die anderen drei Mitbewohner noch auf der Couch, als er versuchte, sich durch die Tür und den Flur in sein Zimmer zu schleichen. Omi war nicht entgangen, dass sich ein Schlüssel im Schloss gedreht hatte. Er ging auf den Flur, um nachzusehen. Den anderen beiden musste es entgangen sein, denn Yohji verzog keine Mine, dass Aya wieder da war.
„Aya-kun“ flüsterte Omi. Erschrocken wand Aya sich um. „Scht! Die beiden müssen nicht merken, dass du schon wieder da bist.“ Aya schaute ihn dankend an und wollte in sein Zimmer verschwinden. Aber Omi hielt ihn fest. „Aya-kun, warum bist du schon wieder da? War sie nicht dein Typ?“
„Nein, war sie nicht.“ Mehr bekam er nicht zur Antwort.
/Omi, wie soll ich dir denn erklären, dass die Küsse eines Mannes mich mehr erregen als die einer Frau?/ Aya schloss die Augen und spürte, wie sich Omis Griff lockerte.
„Quäl dich bitte nicht so, das ist nicht gut.“
„Omi, das geht euch nichts an.“ Seine Stimme wurde lauter. Nun war er auch im Wohnzimmer zu hören. „Aya, bist du wieder da?“
/Shimatta ... Yohji. Der ist der letzte, der mich jetzt so sehen sollte. Den Triumph gönne ich ihm nicht./ Schnell wand sich der Rotschopf um, und im gleichen Moment war er schon die Treppen hinauf, und man hörte im Wohnzimmer eine Tür zufliegen. „Ja, Aya ist wieder da.“ Yohji nickte bestätigend. Sein Blick verfinsterte sich. Omi kam wieder in das Wohnzimmer, wo Yohji jetzt nicht mehr gebannt auf die Mattscheibe starrte, woran bis eben noch sein ganzes Interesse hing. Er sah nachdenklich aus.
„Yohji-kun. Er sieht nicht gut aus, scheint nicht so gut gelaufen zu sein.“
„Eigentlich sollte es mich freuen, aber ich kann es nicht. Er leidet, das ertrage ich nicht.“
Bitter klang Yohjis Stimme im Raum. /Koi ... quäl dich nicht so sehr. Rede, egal mit wem, aber rede ... /

Aya lag auf seinem Bett, noch immer trug er Mantel und Boots.
/Warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?/
Langsam rann eine Träne aus dem Augenwinkel über die Schläfe auf das Kissen.
/Aber sie sind doch die einzigen Menschen, die ich noch habe ... und Aya-chan. Wenn ich mich ihnen anvertraue, lachen sie mich aus. Oder sie werden mich meiden aus Angst, ich könnte auch sie angraben, da bin ich mir sicher. Das ist doch auch pervers, Fujimiya .../ Langsam, ganz langsam gruben sich seine Nägel in die Handballen. Schmerz – immer mehr Schmerz machte sich in seinem Körper breit und verdrängte die Gedanken an das karamellfarbene Haar und die grünen, lächelnden Augen. Genau so sollte es sein.
Dass Blut auf den Boden tropfte, entging ihm.

Resigniert saß Omi wieder im Wohnzimmer.
„Jetzt reicht es mir. Ich kann da nicht länger zusehen. Ich werde zu ihm gehen und mit ihm reden. Dann werden wir sehen, was passiert.“ Yohji war aufgesprungen und ging langsam auf die Treppe zu. Er wusste nur zu gut, wie sensibel Aya sein konnte. Er kannte seinen Drang zur Selbstzerstörung, wie er immer die Schuld bei sich suchte, immer nach Perfektion strebte, sich niemanden anvertrauen wollte. Er konnte doch den, den er liebte, nicht so leiden sehen.
Langsam stieg Yohji die schmalen Stufen hinauf. Unmerklich bremste er ab, als er sich Ayas verschlossener Tür immer weiter näherte. Doch dann riss er die Tür auf und stand ohne Vorwarnung in dem verdunkelten Zimmer, wo ein verdutzter Aya ihn aus glühenden Augen anschaute. Schnell schloss Yohji hinter sich ab und blieb an der Tür stehen.
„So, und jetzt reden wir!“ Seine Stimme klang sanft.
„Was willst Du, lass den Scheiß!“ Aya wusste nicht, was das sollte. Yohji schloss sie beide ein und wollte reden? Was stimmte an dieser Situation nicht?
„Warum quälst du dich so?“ Es war dunkel im Zimmer; dass sein flehender Blick auf Aya ruhte, entging dem.
„Wovon redest DU?“ Aya tat, als würde er nichts verstehen. Aber er glaubte, Yohjis Blicke, diesen funkelnden Smaragden nicht standhalten zu können. Er senkte den Kopf und wand sich ab.
„Warum bist du mit ihr ausgegangen?“
„Weil ich sie liebe!“ war die knappe Antwort, und Yohji war es, als wollte Aya nicht ihn sondern sich selbst überzeugen.
„JA Aya, siehst auch sehr verliebt aus!“ kam die zynische Antwort des Playboys. Er wollte Aya nicht verletzen, er wollte doch nur, dass er endlich ehrlich zu sich selber war.
„Dein Blick, wenn du sie siehst, ähnelt nicht im entferntesten dem, den ich sah, als wir im Bad waren.“
/Warum tust du das, Yohji? Was willst du?/ Aya fühlte sich von diesem wunderschönen Wesen in die Enge getrieben. Er hatte nicht die Chance, ihm und seinen Blicken, seinen Worten und seiner Wahrheit zu entkommen. Verdammt ja, er hatte ja recht, er liebte Makino nicht, aber warum musste er immer wieder auf die Sache im Bad anspielen? Und warum musste er das in diesem Ton sagen?
Aya spürte, dass ihm die Kontrolle dessen aus den Händen glitt. Er war nicht mehr in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Alles drehte sich, der Raum roch nach Yohji, nach seinem Haar, nach seiner Haut, und er spielte wieder mit ihm. Wieder spielte er nur mit ihm, er brach ihm das Herz und genoss es. Und das auf seinem eigenen Territorium. Langsam ballte sich Ayas Hand zur Faust. Und einen Augenblick später sah Yohji genau diese Hand auf sich zusausen. Ayas Faust traf Yohjis Wange hart.
/Was tue ich dir nur an, Yohji? Warum zwingst du mich dazu? Was willst Du von mir? Geh doch einfach./ Aya schloss die Augen, er wollte die Enttäuschung nicht sehen.
„Ja, schlag mich nur. Denn du weißt, dass es wahr ist.“ Noch immer klang die Stimme des Playboys sanft – nicht erregt oder aggressiv.
„Ich bin nicht pervers, Kudou - ich steh nicht auf Männer, klar?“ Ayas Stimme zitterte.
„Wem willst du etwas vormachen, hm? ... Mir? ... Oder Ken? ... Omi vielleicht? Oder einfach nur dir selber? Hasst du dich selbst so sehr, dass du dich so belügen musst, dass du dich vor dir selbst rechtfertigen musst?“ Ein zweites Mal traf Ayas Faust Yohji. Doch noch immer stand Yohji entschlossen, mit dem Rücken an der Tür, vor Aya, der sich bereits wieder abwand.
/Warum nur Yohji?/
„Aya, sag es mir. Verschwindet er?“
„Nanda?“ Aya schaute sich überrascht zu Yohji um. Was sollte das jetzt?
„Verschwindet all dein Schmerz, wenn du mich schlägst?“ Langsam hob Yohji die Hand und strich sanft mit der flachen Hand über Ayas Wange. „Wenn es so ist, dann schlag mich ruhig weiter.“ Yohji konnte durch seine Hand spüren, wie Aya unter ihm zitterte.
„Yohji ... warum tust du mir das an?“
„Weil ich zu wissen glaube, was du wirklich willst. Wehr dich nicht dagegen. Belüg dich nicht. Lügen verletzen uns nur.“ Noch immer ruhte Yohjis Hand auf der hellen Haut.
Yohji glaubte, dass Aya begann, sich wieder zu beruhigen. Aber plötzlich stieß er sich von Yohji weg und seine Stimme wurde unvermittelt lauter. „Du weißt also, was gut für mich ist? Was will ich? Sag es mir Kudou ... Klar, pervers sein will ich und dich küssen oder was? Reichen Deine Huren nicht? Müssen es jetzt auch noch Kerle sein? Und fass mich nie wieder an – Raus!“ Die letzten Worte waren mehr ein Flüstern – aber sie verletzten Yohji am meisten. Waren das Tränen, die Yohji in seinen Augen sah, bevor er den Kopf senkte?
/Aya ... hör endlich auf damit. Ich ertrage das nicht länger .../ Yohji überlegte eine Weile. Sein Blick ruhte noch immer auf der zitternden Gestalt vor ihm. Der lange Mantel hing an ihr und bewegte sich sacht unter der hektischen Bewegung des schmalen Körpers. Langsam musste er sich eingestehen, dass er hier im Moment nichts ausrichten konnte. Ohne ein Geräusch drehte er den Schlüssel im Schloss und öffnete leise die Tür. Noch im Hinausgehen wand er sich noch einmal zu der zitternden Gestalt um.
„Wenn du reden willst – ich bin für dich da ...“
„Wenn die Nacht zum Tag wird und die Hölle sich mit Eis bedeckt, dann und nicht eher werde ich zu dir kommen“, schnitt Aya ihm das Wort ab.
Mit festem Schwung schloss er die Tür hinter Yohji.

Yohji war schon lange gegangen, aber sein Geruch und seine Stimme lagen immer noch in der Luft. Aya atmete sie tief ein. Er wollte jede letzte Erinnerung an ihn bewahren. Langsam sank er auf die Knie und schlang die Arme um den schmalen Körper.
„Warum habe ich ihn so behandelt? Warum habe ich ihn geschlagen?“ Aya stellte sich immer wieder die gleiche Frage. Geistesabwesend hob er eine Hand an die Wange, auf der noch vor Minuten Yohjis Hand geruht hatte. Noch immer glaubte Aya, die zuckenden Blitze der Berührung unter der Haut spüren zu können. Er wollte dieses Gefühl nicht verlieren. Plötzlich sank er in sich zusammen und kam auf dem Boden zu liegen. Seine Hand ruhte immer noch auf Yohjis zarter Berührung.
„Yohji ... warum hast du mich soweit getrieben? Ich wollte dich nicht verletzen, und ich wollte dich ganz sicher nicht aus meinem Leben streichen ...“ Seine Stimme klang sehr leise, aber ihm war, als hätte er seine Gedanken laut in die Nacht geschrieen. „Yohji ... ich wollte dein Gesicht so sanft berühren, deine Haut schmecken, deine sinnlichen Lippen kosten ... aber warum will ich das?“ Langsam öffnete er die Augen. „Aya-chan, ist es jetzt soweit? Hat mich die Einsamkeit verrückt werden lassen?“ Langsam senkten sich wieder die Augenlider, und Aya schlief, noch immer auf dem Boden liegend und seine Wange haltend, ein.

Heute hatten ihn die anderen schlafen lassen. Sie hatten ihn nicht geweckt. Das stellte Aya fest, als sein Blick auf den Wecker fiel, der bereits weit nach 10 Uhr anzeigte.
/Sie nehmen also Rücksicht auf mich. Hat Yohji ihnen schon alles erzählt? Na klasse, das kann ein Tag werden./ Dann fiel es ihm wieder ein, was wenn Makino heute wieder in den Laden kam? Wenn sie über gestern reden wollte? Was sollte er ihr sagen? Und was, wenn die anderen zuhörten?
„Nicht gerade motivierende Gedanken“, tadelte sich Aya. /Aber ich werde wohl trotzdem in den Laden gehen. Sie brauchen mich./

„Yohji?“ Ken rief ihn jetzt sicher schon zum vierten Mal, aber der Kerl reagierte einfach nicht. Langsam ging er auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Ken konnte spüren, wie Yohji unter der unerwarteten Berührung zusammenzuckte. „Yohji, du sollst die Primeln wässern ... nicht ertränken.“ Mit flinken Fingern nahm er ihm die Gießkanne aus der Hand. „Yohji, du bist doch mit den Gedanken ganz wo anders. Was ist los? War euer Gespräch gestern so schlecht gelaufen? Du hast ja nichts erzählt.“
„Na ja, wenn du die Tatsache, dass er mir eine verpasst hat und mich nie wieder sehen will, als schlecht gelaufen bezeichnen kannst, dann ist das Gespräch wirklich schlecht gelaufen.“ Ken schaute ihn aus weit aufgerissenen Augen an. „Er hat dich geschlagen?“ Yohji schaute aus dem Fenster. Aus Kens Mund klangen die Worte zu hart. /Geschlagen .../ Aber genau das hatte Aya getan. „Hey, so geht das nicht weiter mit euch.“
„Komm Ken, ich hab ihn mehr als provoziert. Das muss ich zugeben. Ich hab uns eingeschlossen, vor der Tür gestanden und ihm das letzte bisschen Schutz von seiner Seele gerissen. Er hatte keine andere Wahl...“
„Quatsch nicht, klar hätte ...“ Doch Yohji ließ Ken nicht ausreden. „Hör zu, du kennst Aya. Ich bin in sein Reich eingedrungen, ohne ihn zu fragen. Ich habe ihn mit Sachen konfrontiert, die ihn verwirrten. Ich habe ihm in diesem Moment alles genommen gehabt, was ihn einmal Sicherheit geboten hatte. Es ist okay, dass er es getan hat. Ich hätte es ja gern selber getan, so wie ich mich habe reden hören. Ken ... ich habe ihn verloren. Ich habe ihn verletzt und hab dann viel zu schnell aufgegeben, anstatt ihn zu trösten. Sein Vertrauen ...“ Yohji sprach nicht weiter, er spürte den Kloß im Hals immer dicker werden. Ein Schluchzen entwich seiner Kehle und er konnte es nicht verhindern. „Gomen – Ken, ich muss hier raus.“ Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg in die Hinterräume.
Kaum hatte Yohji die Tür hinter sich ins Schloss geworfen, kam Aya in den Laden geschlurft. Er grüßte nicht, er beachtete Ken nicht einmal. Er band sich seine Schürze um und verschwand im Gewächshaus.
/Klasse – warum immer ich? Omi ist in der Schule, ein unglücklich verliebter Yohji schmollt im Hinterzimmer und ein tief verletzter Aya geht die Blumen im Gewächshaus ärgern. Hoffentlich ersäuft er sie nicht auch wie Yohji eben die armen .../ Siedendheiß fiel Ken ein, dass immer noch der halbe Laden unter Wasser stand. Schnell bewaffnete er sich mit Eimer und Lappen und wollte wischen, als Aya plötzlich wieder in der Tür stand. „Es ist nichts weiter zu tun. Soll ich das machen?“ Ken richtete sich auf und schaute Aya an. „Gern, wenn du das willst. Ich bin dir dankbar.“
„Wie ist das passiert?“ Dieser Frage wäre Ken gern ausgewichen. Aber Yohji hatte bereits die Hinterzimmertür geöffnet.
„Es war meine Schuld, hab ein bisschen viel gegossen.“ Aya schaute verdutzt in die Richtung, aus der die vertraute Stimme kam. Yohji stand noch immer im Rahmen der Tür, die Augen trüb und schaute ihn fragend an. „Wenn du die Sauerei verzapft hast, dann mach sie auch wieder weg und lass das nicht Ken machen. Der hat anderes zu tun.“ Aya sah Yohji nicht in die Augen, er konnte es nicht. Nie wieder sollte grün auf violett treffen, nachdem er ihn so geschlagen hatte. Doch Aya spürte die Blicke des anderen auf sich ruhen, denn seine Haut brannte, wo Yohjis Blick sie traf. Schnell machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder im Gewächshaus. „Hey, Yohji – nimm es nicht so schwer. Es ist alles noch frisch. In ein paar Tagen hat er sich wieder gefangen.“
„Wenn sich in ein paar Tagen die Hölle mit Eis bedeckt ....“ murmelte Yohji geistesabwesend. Ken verstand kein Wort.
/Aya, ich weiß dass du mir nicht verzeihen kannst, was ich getan habe... aber bitte. Verschließ dich nicht ... rede doch endlich und sei ehrlich zu dir selbst/
Nach ein paar Minuten war der Boden wieder trocken, als hätte es die Flutkatastrophe, hervorgerufen durch Enttäuschung und Angst, nie gegeben.

Es war bereits ein Uhr durch, als Omi durch die Ladentür kam. „Tadaimaaaaaaaaaaa, Ken-kun!“ verkündete er gutgelaunt. „Nani?“ Omi stoppte, als er Ken allein im Laden sah. „Wo ist der Rest?“
„Yohji sitzt tief genickt in der Küche, den konnte ich hier unten einfach nicht mehr gebrauchen. Er hat die Primeln ersäuft.“ Omi musste lachen, denn Ken verdrehte die Augen ganz seltsam.
„Und Aya sitzt wahrscheinlich im Gewächshaus. Vielleicht versucht er dort das gleiche. Oder er prügelt dort auf die Kakteen ein, wie er es gestern mit Yohji getan hat.“
„Er hat was getan?“ Omi starrte Ken aus suppentellergroßen Augen an. „Yohji spielt es herunter, sicher er liebt ihn und gibt sich die Schuld, dass es soweit kam. Aber warum nur kann ich das nicht glauben, Omi?“
„Ken, gib den beiden Zeit. Das Letzte, was sie jetzt brauchen, ist dass wir voreilige Schlüsse ziehen und uns einmischen. Ich geh auch hoch, ich hab Hunger. Ist noch was da?“
„Sicher, versuch´s mal im Kühlschrank ...“

Yohji saß noch immer allein am Tisch in der Küche. Vor ihm stand seine Tasse Kaffee, die bereits kalt war, und er hatte sie noch nicht einmal halb geleert.
/Warum nur? Bilde ich mir das ein, oder meidet er mich noch mehr als gestern?/
Verloren rührte er mit dem Löffel in der kalten braunen Brühe. Er sah nicht auf, als sich Schritte der Küche näherten.
Aya hatte der Hunger gepackt und machte sich nun auf, sich etwas zu suchen, was diese Tatsache hätte ändern können. In der Tür blieb er abrupt stehen. Er sah Yohji in seinem Kaffee rühren, er schien ihn nicht einmal zu bemerken.
/Wie hell sein Haar in der Sonne glänzt .../ Aya konnte es nicht vermeiden, dass sein Blick auf Yohji ruhte, jedes Detail dieses Bildes in sich aufnahm. Er wirkte so anders als sonst. Das war nicht der lebensfrohe Yohji, der jeden mit einem Scherz auf den Lippen zum lachen brachte. Da saß ein gebrochener Mann und Aya wusste, dass er ihm das letzte Nacht angetan hatte.
Sein Blick ruhte nun auf dem blauen Fleck, der sich auf dem rechten Jochbein gebildet hatte. Er war nicht groß, er war nicht auffällig. Aber Aya sah ihn, und die Tatsache, dass er es war, der dieses schöne Gesicht so zugerichtet hatte, schmerzte ihn sehr. Langsam ging er auf Yohji zu, der langsam den Kopf hob. Erst jetzt hatte er registriert, dass er nicht allein war.
„Aya .... ich hab dich gar nicht kommen hören.“ Noch immer klang Yohjis Stimme sanft, so wie letzte Nacht auch. /Wie kann er nur immer noch so nett sein, nachdem, was passiert ist?/
„Macht nichts. Bin eh gleich wieder weg.“ Aya versuchte, seine Stimme hart klingen zu lassen.
„Das musst du nicht, setzt dich doch.“
„Nein danke. Ich kann auf deine Gesellschaft sehr gut verzichten. Ist wohl mein Glück, dass die Küche keine Tür hat, die du zuschließen kannst.“ Er sah, wie Yohji unter diesen Worten zusammenzuckte. Warum hatte er das gesagt? Er wollte das nicht. Er wollte nicht, dass Yohji litt – nicht mehr. Yohji sollte doch wieder lachen.
Aya machte auf dem Absatz kehrt. /Dann gibt’s eben jetzt nichts zu essen, aber ich halte es hier keine Sekunde länger aus. / Beim hinausgehen rannte er direkt in Omi rein. „Gomen“ murmelnd verschwand er in Richtung seines Zimmers.
„Was war das denn, Yohji-kun?“
„Omi bitte, nicht jetzt. Das war erst mal zu viel für mich.“ Omi hatte Yohji schon oft mal traurig oder missgelaunt gesehen. Das hielt meistens nur drei oder vier Stunden an. Aber was er hier sah, ähnelte nicht im entferntesten seinem Freund. „Das kann einfach nicht gut gehen. Da steht uns wohl noch einiges bevor.“ Kauend setzte er sich an den Tisch, während oben nach einander zwei Türen zuflogen. Dann war Stille im Haus.

Aya lag auf dem Boden, ein sanfter Bass hämmerte stetig aus der Stereoanlage. Langsam begann der gestrige Abend wieder vor seinem Geist abzulaufen.
/Warum schlage ich jedes Mal erst alles kurz und klein und laufe dann vor den Trümmern weg?/
Er sah, wie Yohji ihn angestarrt hatte, er sah wie Makino ihn gegenüber saß und seine Hand hielt.
/Warum konnte ich es nicht genießen? Yohji ist doch auch immer überglücklich, wenn er von einer Verabredung kam. Aber er hatte seit Wochen keine mehr gehabt .../ Und wieder begannen Ayas Gedanken um Smaragde in Karamell zu kreisen.
Warum konnte er Makino nicht küssen? Warum ekelte ihn jede ihrer Berührungen? Warum war es mit Yohji um so vieles besser gewesen? Der Kuss leidenschaftlicher, die Berührungen intensiver?
Langsam glitt Aya in einen sachten Schlaf. Wieder hatte er das Gesicht des Mädchens vor Augen, was er so schamlos benutzt hatte, nur um zu merken, dass er dem, was in ihm wuchs, nicht entkommen konnte.
Langsam begann sich Makinos Gesicht zu verändern. Was war das? Wurden die Haare heller? Sie sahen aus wie leckerer Karamellpudding. Auch ihre Augen wurden heller. Das hörte erst auf, als sie Smaragden gleich unter einem gelockten Meer von Karamell hervorschienen. Aya erkannte das Gesicht. Denn er kannte es sehr gut. Es war das Gesicht, dass er so gern ansah, was er so verletzt hatte, auf das er gern wieder ein Lächeln gezaubert hätte, hätte er die Möglichkeit gehabt. Langsam kam das Gesicht auf ihn zu. „Ai shiteru, koi“ hauchte es, als es seine Lippen auf Ayas senkte.
Keuchend wachte Aya auf.
/Warum? ... kann es sein, dass ich ihn wirklich liebe?/
/Nein! ....... das kann nicht sein. Bin ich etwa wirklich pervers?/

Es war noch dunkel in seinem Zimmer, als Aya aus einem traumlosen Schlaf erwachte. Seine Augenlider hoben sich schwer, doch er zwang sich, dem neuen Tag entgegen zu treten, was immer er auch heute für ihn bereit halten würde.
Träge schwang er sich aus dem Bett und schlurfte zur Tür. Sacht strich der letzte Nachtwind durch den Spalt des geöffneten Fensters, dann verschwand er genau so leise, wie er gekommen war, und Aya war wieder allein. Leise öffnete er die Tür und wollte auf den Flur treten, als er eine zweite Gestalt über den nur spärlich beleuchteten Korridor huschen sah. Die schulterlangen Locken lagen wild um den Kopf, die Shorts hing locker um die Hüften, und beim stolpern fluchte Yohji leise. Schnell schloss Aya wieder die Tür hinter sich.
„Was will er denn schon um diese Zeit hier draußen?“ Aya spürte sein Herz schneller schlagen, als er noch immer mit dem Rücken an der Tür lehnte. „Ob er auch nicht schlafen kann?“
Aya hörte, wie langsam die Badtür in das Schloss geschoben wurde, wenige Augenblicke später rauschte Wasser.
Aya schloss die Augen, konzentrierte sich auf das Geräusch und ließ die Erinnerungen zu, die aufzusteigen begannen. Er sah wieder Yohjis breiten Rücken, der sich über ihn beugte, die schmalen, kräftigen Finger, die über seinen Hals strichen und das karamellfarbene Haar, dass seine Brust entlang wanderte. Der Spur, die Yohjis Lippen auf seinem Körper geprägt hatten, folgten nun Ayas Finger.
/Das kann doch nicht sein! .../, dachte Aya entsetzt, als er spürte, dass sich sein Körper sehr wohl bei diesem Gedanken fühlte. Die engen Shorts spannten mittlerweile und stöhnend schlurfte Aya wieder zurück zum Bett. „Wenn ich nicht ins Bad kann, dann kann ich auch noch ne Weile hier liegen bleiben“ beschloss er für sich und ließ sich wieder in die Kissen gleiten. Er zog die Decke über die nackte Brust – doch seine Hände wanderten abwärts.
/Doshite Yohji? ... doshite?/ war der letzte klare Gedanke, den er fassen konnte, bevor sein Körper sich seinem Geist entzog ...
Schwer keuchend kam Aya wieder zu sich. „Na ja, nun lohnt sich das Duschen wenigstens.“ Missmutig erhob er sich – langsam konnte Yohji doch im Bad fertig sein. In ein viel zu großes Shirt gehüllt betrat Aya wieder den Flur. Er schlich an Yohjis Tür vorbei und versuchte, ein paar Geräusche zu erhaschen. Doch das Zimmer war still.
/Yohji ist kein Morgenmensch, vielleicht ist er noch einmal ins Bett gekrochen?/ Aya überlegte, ob er einfach die Tür öffnen und nachsehen sollte. Entschloss sich dann aber doch, es zu lassen und weiter in das Bad zu schleichen. Aya stand eine ganze Weile vor der Tür und versuchte auch hier, verräterische Laute zu ergründen, zeugend, dass dieser Raum nicht leer war. Doch es rauschte kein Wasser, das Radio lief nicht und es fluchte keiner über die frühe Morgenstunde. Entschlossen öffnete Aya die Tür und schob sich durch den entstandenen Spalt eilig durch die Tür, ehe er sie genau so geräuschlos wieder hinter sich schloss. Als wäre es um Leben und Tod gegangen, lehnte sich Aya erschöpft gegen die Tür und schloss die Augen.
„Ohayoo Aya, bin gleich fertig – dann hast du das Bad für dich.“ Yohjis leise, leicht zitternde Stimme erschreckte Aya. Er riss die Augen auf und schaute sich um. Ihm gegenüber stand der Playboy, immer noch nass vom duschen, nur mit einem blauen Handtuch um die Hüften geschlagen. Seine feuchte Haut glänzte im Schein der schummrigen Badlampe. Noch immer war Aya nicht in der Lage, etwas zu entgegnen. Mit großen aufgerissenen Augen starrte er auf den Körper, der ihm vor wenigen Minuten in seinem Geiste alles abverlangt hatte. Und bei diesem Gedanken stieg Aya die Röte ins sonst so blasse Gesicht. Suchend, seinen Blick noch immer auf Yohjis breite Brust gebannt, tasteten die Finger seiner rechten Hand nach der Klinke in seinem Rücken – nach dem Weg in die Freiheit. Als er sie gefunden hatte, riss er die Tür auf, noch im hinausstürmen stammelte er „Gomen ... gomennasai ...“ dann zog er die Tür hinter sich ins Schloss.
Ohne einen weiteren Gedanken verschwand Aya wieder in seinem Zimmer. Das Bild, was sich ihm eben geboten hatte, wollte sich einfach nicht mehr von seinem Geist lösen: Yohji, nass und fast nackt. Das war zu viel für Aya, er spürte, dass sein Körper immer noch heftiger auf die Realität reagierte als auf seine Vorstellungen. Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenzucken. „Aya, das Bad ist jetzt frei.“ Dann hörte er Schritte sich entfernen.
Vorsichtig streckte Aya den Kopf aus seiner Tür. Noch immer war der Gang nur spärlich beleuchtet, doch dieses Mal war er leer. Dafür hörte er Yohji leise in der Küche singen. Eilig überwand Aya die Distanz zwischen seinem Raum und dem Bad und schloss die Tür hinter sich. Prüfend ließ er den Blick schweifen – aber er war allein. /Schade!/ dachte Aya bei sich, denn noch immer spürte er die Härte unter seinem Shirt.
/Um diesen Anblick verkraften zu können, werde ich wohl mehr als einmal kalt duschen müssen!/
Eine halbe Stunde später, in Jeans und ein neues Shirt gehüllt, schlenderte Aya die Stufen zur Küche hinab.
/Yohji wird noch da sitzen. Was mach ich, setz ich mich dazu?/
Langsam schritt Aya auf den offenen Raum zu, wo wirklich Yohji über einer Zeitung saß und gedankenverloren in einer grünen Tasse rührte. Ohne aufzusehen richtete er das Wort in den Raum. „In der Kanne ist noch Kaffee, kannst ihn trinken. Bin gleich weg – kannst dich also setzen.“ Aya stand noch immer in der Tür. Zögerlich schritt er auf die Kanne zu, die neben der Spüle stand. Er stand mit dem Rücken zum Tisch und versuchte, mit immer noch zitternden Händen den Kaffee schadlos in die Tasse zu gießen.
„Du kannst ruhig hier bleiben, sind ja genug Stühle da.“ /Hab ich das jetzt etwas gesagt?/ fragte Aya sich, doch er drehte sich nicht zu Yohji um. Er wusste genau, dass ein Paar der schönsten grünen Augen, die er je gesehen hatte, fragend auf ihn ruhen würden, denn er konnte sie spüren – die brennenden, fordernden Blicke.
„Bist du dir da sicher? Ich meine, ich hab echt kein Problem damit, dich all ...“
„Yohji, ich möchte nicht, dass du gehst. Bleib doch.“ Aya spürte die Röte in sein Gesicht schießen. Waren das wirklich seine Worte, die da aus seinem Munde sprudelten. Warum sagte er so was, nachdem er ihn gestern so gequält hatte? Was würde Yohji wohl von ihm denken?
Doch weiter kam Aya mit seinem Gedanken nicht, denn ein ziemlich verschlafener Ken tapste auf nackten Füßen quer durch die Küche, die Augen noch schmal, weil das grelle Licht ihn blendete. Eine Hand kratzte seinen Bauch, die andere lag schützend über den gequälten Augen. „Kaffee ...“, war alles was er sagte.
„Oh, auch dir einen „Guten Morgen“, Ken. Danke der Nachfrage, ich habe sehr gut geschlafen und selbst?“ Ken schaute ihn aus seinen Schlitzen an. „Keine Scherze ... nicht jetzt ... Kaffee ...“
In der Zwischenzeit nutzte Aya die willkommene Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen. Yohji registrierte es mit Bitterkeit. So gab er es auf, aus Ken ein nettes Wort heraus zu bringen und wand sich wieder seiner Zeitung zu.
Es dauerte eine viertel Stunde und eine dreiviertel Tasse schwarzen, heißen Kaffee, bis Ken wirklich zu sich gekommen war. „War das nicht Aya, der vorhin wieder verschwand?“ Yohji schaute nicht von seiner Zeitung auf und brummte nur unbehaglich. Er wollte jetzt bestimmt nicht darüber reden. Doch Ken ließ nicht locker.
„Was ist denn nun schon wieder passiert? Habt ihr euch schon geschritten, bevor der Tag richtig begonnen hat?“ stichelte Ken, doch Yohji blieb eisern, er grinste nur leicht in sich hinein.
„Komm schon, oder muss ich erst Omi holen, der es aus dir herauskitzelt?“
„Laß gut sein ...“ kicherte Yohji, der nicht mit Kens Hartnäckigkeit um diese Uhrzeit gerechnet hatte.
„Ich hab echt schlecht geschlafen“ begann Yohji, als Ken ihm ins Wort fiel. „Das erklärt, warum du um diese Zeit bereits hier unten hockst und Kaffee in dich hineinschüttest“ feixte der Fußballspieler.
„Na ja, jedenfalls bin ich ins Bad und wollte in Ruhe duschen. Ich hätte nicht gedacht, dass um die Zeit noch einer auf die Idee kommt. Als ich gerade fertig war, stürzte Aya zu Tür rein, als wäre der Teufel hinter ihm her. Keuchend und mit geschlossenen Augen lehnte er an der Tür. Als ich ihn ansprach machte er den Eindruck, als hätte ich ihn aus etwas geweckt.“
„Aya kommt also zu dir ins Bad ...“, rekapitulierte Ken leise. „Ja, ...“, grinste Yohji.
„Aber der Hammer war eigentlich sein Blick. Er starrte mich die ganze Zeit an. Sein Gesicht sah nicht gerade böse aus, eher ... na ja, als hätte man ihn bei Sachen erwischt, die besser niemand gesehen hätte.“ Noch immer grinste Yohji. „Na ja, leider war er dann ziemlich schnell wieder verschwunden mit einem hochroten Kopf. Er sah so süß aus, in diesem viel zu großen Shirt, unter dem sich seine Libido sichtlich freute, mich zu sehen.“
Ken schaute Yohji erschrocken an, als er seinen Kaffee quer über den Tisch gespuckt hatte.
„Was meinst du damit Yohji, willst du etwa sagen, dass er ... also dass er ...“
„Sprich es aus Ken, er hatte einen Ständer und das sicher nicht, weil er sich so über die Blümchentapete im Bad freute.“ Mit hochrotem Kopf war Ken aufgestanden und hatte einen Lappen geholt. Langsam ließ er ihn über den Tisch gleiten und beseitigte die Spuren seiner Überraschung.
„Hm ... seltsam.“
„Es wird noch seltsamer, warte es mal ab. Ich sitze hier, und er kommt in die Küche, ich biete ihm Kaffee an und sage, dass ich gleich gehe, er könne sich also setzen. Da sagt Aya, ich solle bleiben, er will nicht, dass ich gehe.“ Ken starrte den Playboy mit großen Augen an. „Mensch Yohji, mach es nicht so spannend, was ist dann passiert?“ Yohji schaute ihn grinsend an.
„Dann patschte so `n Tränentier in Snoopy-Schlafshorts hier rein und brüllte nach Kaffee – gab ihm also die Chance zur Flucht. Danke Ken!“
„Konnte ich ja nicht ahnen, dass ihr hier gerade auf Freiersfüßen wandelt!“ rechtfertigte sich Ken gerade, als Omi mit einem „Wer freit hier wen?“ in die Küche geschossen kam.
„Ohayoo, Kleiner.“ grinste Ken und ließ es sich nicht nehmen, zu ergänzen „Weißt du, gestern schreien die beiden Verliebten sich an und heute duschen sie zusammen und trinken friedlich Kaffee.“ Omi schaute von einem grinsenden Ken zu einem entsetzten Yohji. „Ey Ken, was soll der Scheiß? Schließlich hast du mir gerade die Tour versaut.“ Wütend stand Yohji auf und ging aus der Küche, ließ einen tränenlachenden Ken und einen verwirrt dreinschauenden Omi zurück.
Langsam stieg Yohji die Stufen zum Laden hinunter.
/Dann verbring ich eben hier noch ein paar ruhige Minuten, bis der Trouble losgeht./ dachte er bei sich, als er sich, immer noch mit Zeitung und Kaffeetasse bewaffnet, auf den Stuhl neben der Kasse fallen ließ.
/Was hätte er wohl nach diesen Worten getan? Hätte er sich zu mir gesetzt? Hätte er mir etwas anderes sagen .../
„Gomen ... Yohji, war nicht so gemeint. Ich fand es nur tierisch witzig.“
„Schön, dass du dich amüsiert hast, Ken.“ antwortete Yohji in einem Ton, den man bei dem Playboy nur selten hörte. Er klang irgendwie wirklich traurig, nicht beleidigt oder gescherzt – er schien wirklich traurig.
„Hör zu, ich mach dir `n Vorschlag. Omi verschwindet gleich in die Schule, ich überlasse den Laden dir und Aya und ich verschwinde im Gewächshaus. Mach was draus – okay?“
„Das ist schwieriger, als du glaubst. Du kennst Aya und du weißt doch, auch was passiert, wenn man ihn drängt. Er muss es von sich aus wollen, so wie heute morgen ...“
„Hey, mehr als entschuldigen kann ich mich nicht Yohji, es tut mir wirklich leid, ich konnte doch nicht ahnen, dass ...“ Kens heisere Schreie wurden unterbrochen.
„Was tut dir leid, Ken?“ Ayas Stimme hinter ihren Rücken ließ sie beide zusammenfahren. „Ach nichts Aya, ich wollte nur Bescheid geben, dass ich noch einiges im Gewächshaus zu tun habe. Euch beiden gehört heute Morgen der Laden.“ Grinsend verschwand Ken im Hinterzimmer, aus dem Aya gerade hervorgetreten war. Yohji sah, wie Aya wieder die Röte in das blasse Gesicht schoss. „Na ja, wir werden uns schon arrangieren, nicht wahr Aya?“ versuchte er die Stille zu brechen. Doch der Rotschopf drehte sich um und wand sein ganzes Interesse den langstieligen Rosen zu, die in der Ecke standen und Wasser bedurften.
/Das wird ein langer Tag Aya, mach es uns beiden nicht so schwer./ Noch immer ruhte Yohjis Blick auf Ayas schmalem Rücken, der Rücken nach dem seine Lippen sich sehnten, der Rücken, in den er seine Nägel schlagen wollte, während Aya ihn nahm.
/Man Kudou – dafür wirst du mindestens dreimal kalt duschen müssen./, grinste er in sich hinein. Nur Aya entging die Röte in Yohjis Gesicht bei diesem Gedanken.
Nach und nach füllte sich der kleine Raum mit Schulmädchen, die hier und da in Grüppchen kicherten, sich wunderten, dass nur zwei der vier Jungs da waren. Im stillen Einvernehmen hatte Aya die Kasse und die Auftragsbücher übernommen, während sich Yohji flirtend um die Kundschaft kümmerte.
Er stand in einer Gruppe von drei Mädchen, die gerade zu kichern begannen, als Yohji sich zu Aya umdrehte und sich ihr Blicke trafen. Grün traf auf Violett, und sie spürten die Blitze, die diese Begegnung auslöste. Beschämt blickte Aya wieder suchend auf seine Bücher, während Yohji dazu überging, Aya in der Scheibe zu beobachten, ihn dabei zu erforschen, wie er Yohji beobachtete.
/Na bitte Aya, langsam wird es ja wieder/, dachte er erfreut, als plötzlich eine leise Stimme ihn aus seinen schönsten Gedanken holte. „Yohji-kun, was ist nur mit Aya-kun los? Gestern wollte er unbedingt mit mir ausgehen, und heute würdigt er mich keines Blickes mehr.“ Erschrocken schaute Yohji sich zu Makino um, die mit roten Augen vor ihm stand. /Armes Ding, aber ich bin der letzte, den du um Rat bitten solltest./
„Ich verstehe, du bist sein Freund und kannst ihn nicht verraten. Das verstehe ich.“ Ihr Blick senkte sich, und Yohji schaute hilfesuchend zu Aya. Der stand hinter der Kasse und beobachtete sie gespannt. Was war das nur, was seine Augen reflektierten? Yohji konnte diesen Blick nicht deuten. „Makino – es hat eben nicht sollen sein.“ Doch das Mädchen war bereits durch die offne Tür verschwunden.
Die große Pause musste vorbei sein, denn plötzlich fand Yohji sich wieder allein mit Aya wieder. Der stand noch immer gedankenverloren über das Auftragsbuch gebeugt. Und Yohji entging nicht, dass es immer noch auf der gleichen Seite aufgeschlagen war, wie heute Morgen.
/Aya, Aya – du bist mit den Gedanken nicht bei der Arbeit. Was geht wohl in deinem hübschen Köpfchen vor?/ Grinsend beobachtete er den Rotschopf weiter. Dann ging er langsam auf ihn zu und lehnte sich gegen die Theke. Erschrocken fuhr Aya hoch. „Was ist los?“
„Nichts. Ich wollte nur sehen, wie weit du bist.“ Eine Hand legte sich um den Stift in Ayas Hand. Finger berührten sich, Nerven explodierten, Blut pulsierte. Ayas Augen ruhten noch immer auf der Hand, die wie Cappuccino auf seiner schneeweißen Haut zum liegen kam.
„Gib mal her das Ding, ich muss noch was eintragen“, zeriss Yohji die Stille nüchtern und spürte, wie sich Ayas Hand unter der seinen bewegte.
/Wow – fühlt sich das gut an./ In Yohjis Kopf kreisten die Gedanken, Sätze zerrissen zu bedeutungslosen Worten, Empfindungen zerbarsten in Leidenschaft. Langsam ließ er seinen Daumen über Ayas Handrücken gleiten, ehe er Stift und Buch an sich nahm und Aya allein mit seiner schmalen leeren Hand zurückließ.
/Yohji, warum tust du so was? Spiel nicht mit mir .../ Noch immer ruhte Ayas Blick auf seiner nun einsamen Hand. Langsam stieß er sich von der Theke ab und ging in das Hinterzimmer.
„Aya?“ Er drehte sich langsam um. Yohji stand noch immer an der Theke, doch hatte sich sein Blick von den Büchern gelöst und lächelte ihn nun sanft entgegen.
„Sag Ken bitte, dass ich was zu essen kaufen gehe. Schließt in einer halben Stunde den Laden und kommt in die Küche. Okay?“ Aya nickte nur, als er leicht aufatmend in Richtung Gewächshaus tigerte.

Ken sah, wie Aya auf das Gewächshaus zukam. /Was will er denn hier, hat er Yohji satt?/ Doch weiter kam er nicht, denn da wurde auch schon langsam die Tür aufgezogen und ein paar rote Strähnen bahnten sich ihren Weg durch das Grün. „Yohji ist los was zu essen holen, wir sollen in einer halben Stunde in der Küche sein, sagt er.“ Ken schaute ihn nur fragend an. „Hat Yohji das gesagt?“
„Ja, warum?“
„Na ja, ihr redet wieder miteinander ohne euch gleich an die Kehle zu springen?“ Aya wurde leicht rot und wand sich zum gehen. „Aya, bitte bleib.“ Der Rotschopf drehte sich verdutzt um. „Nanda?“
„Mal ehrlich, du hasst Yohji nicht wirklich, ne?“ Aya spürte, wie ihm wieder die Röte ins Gesicht schoss. Schnell schüttelte er den Kopf und war durch die offene Tür verschwunden. Ken musste leise lachen.
/Hab ich es mir doch gedacht. Ihm geht es nicht anders als Yohji auch./ Mit dieser Erkenntnis ließ sich sicher noch einiges tun.

Aya schloss die Tür zum Laden ab. Dann folgte er Ken in die Küche, aus der vor wenigen Minuten Yohji mit dem Worten „Alles, was Hunger hat, herkommen!!!“ zum sammeln gerufen hatte.
Nun saßen die drei Jungs um den Tisch, jeder stocherte in seinen Nudeln. Ken saß an der langen Seite, Aya und Yohji hatten, an den Stirnseiten sitzend, gegenüber Platz genommen. Ken fand, dass er den besten Platz im ganzen Raum hatte, denn er konnte die verlorenen Blicke sehen, die sich die beiden zuwarfen. Yohji ließ sich, entgegen seiner Gewohnheit, die Haare ins Gesicht fallen, nur damit keiner merken sollte, dass sein Blick nicht auf dem Rot der Tomatensoße lag sondern auf dem Rot von Ayas Haaren.
/Und der stellt sich auch nicht geschickter an/ überlegte Ken so bei sich.
/Dein Pony ist einfach nicht lang genug, um die Wege deiner Augen zu verbergen./ grinste Ken in sich rein, als er das Schauspiel weiter beobachtete. Ein unerwartetes „Na Jungs, wie lief es eigentlich im Laden!?“ ließ die beiden Augenpaare, die sich seit Minuten taxierten, aufschrecken und sich Ken zuwenden.
„Hm?“ brummte Aya, und Yohji gab ein kleinlautes „Wie jetzt?“ zum Besten. Ken schaute erst zu Yohji, dann zu Aya. „Ich wollte nur wissen, ob da unten alles seinen Gang geht.“
„Ach so, alles klar – ja. Alles bestens!“ bestätigte Yohji und stocherte weiter Spaghetti auf seine Gabel.
/Na warte, Freundchen/ dachte sich Ken. „Was hast du denn gedacht, wovon ich rede?“ fragte er, als hätte er keine Ahnung. Yohji schaute reflexartig zu Aya, suchte in dessen Gesicht nach Anhaltspunkten, ob er vielleicht ahnte, worum es hier gehen konnte. Doch als er sah, wie der Rotschopf nun langsam aber stetig die weißen Fäden in sich hineinschaufelte, atmete er erleichtert auf.
„Ach nichts, Ken“ grinste nun auch Yohji. „Na dann ist ja gut. Ich dachte schon, mir wäre was entgangen.“ Ken stand auf, und stellte dann seinen leeren Teller in die Spüle.
„Wenn ihr mich sucht, ich kümmere mich um die Kakteen im Gewächshaus, die scheinen seelische Probleme zu haben“ lachte er laut, als er aus der Küche verschwand.
Schweigendes Mampfen machte sich breit, nur unterbrochen von suchenden Blicken, die dann das Schaufeln und Kauen für Sekunden unterbrachen. Endlich erhob sich auch Yohji und packte seinen Teller in die Spüle. Dann ging er ohne ein Wort.
Aya spülte schnell die drei Teller, als er im Nacken zwei warme, schmale Finger spürte und Yohjis Parfum roch. Langsam glitten die zwei Finger seinen Rücken hinab an der Wirbelsäule entlang – langsam, endlos langsam spürte Aya Yohjis Berührung, nur durch das Shirt von seiner verlangenden Haut getrennt.
Plötzlich waren die Finger verschwunden, und als er sich suchend umschaute, war auch Yohji bereits durch die Tür verschwunden.
Als Aya in den Laden kam, war Yohji bereits damit beschäftigt, die Azaleen von ihrer vergangenen Blütenpracht zu befreien. Er kniete vor den Töpfen, und Aya betrat ganz leise den Laden, um ihn nicht zu stören. Hinter der Theke blieb er stehen, legte die Unterarme auf ihr ab und legte das Kinn darauf. So sog er alles in sich auf, was er sah.
Die Sonne schien auf das helle Haar und ließ es wie Gold glänzen, es rahmte das zarte und doch maskuline Gesicht ein, aus dem Edelsteine suchend auf Wanderschaft gingen. Was immer sie auch finden mochten, Aya hoffte, dass es sein Herz war, was sie fanden.
Er genoss es, Yohji bei jeder Bewegung zu beobachten. Und er musste sich an diesen Morgen erinnern, die feucht glänzende Haut in der dämmrigen Badezimmerbeleuchtung, die weitläufige Brust und die bronzene Haut, die sich über Muskeln und Sehnen spannte. Sein Blick verlor sich, als er über den angespannten Körper von Yohji strich und feststellte, dass diese engen Klamotten wirklich das richtige Arrangement für dieses Geschöpf boten.
Selbst als Yohji aufstand, um die braunen Blüten in einen Eimer zu werfen, genoss Aya noch immer diesen Anblick, der anmutige Gang und die leuchtenden Augen erinnerten ihn an einen Panther – schön und gefährlich.
Auch Yohji waren Ayas suchende, beobachtende Blicke nicht entgangen. Doch er wollte den Rotschopf nicht verschrecken. So beließ er ihn in dem Glauben, dass er nicht wüsste, was Aya dort tat. Doch dann setzte er sich plötzlich auf, und schenkte Aya, wonach er sich so gesehnt hatte: ein Lächeln und einen tiefen, offenen Blick aus Smaragden.
Aya fühlte sich ertappt. Schnell richtete er sich auf und stammelte. „Also, ich habe nur ... ich wollte nicht ... also es ist ...“ Doch Yohji erhobt sich langsam, ging auf Aya zu und lehnte sich auch gegen die Theke. Sacht legte er seine Hand auf die des Jungen. Er spürte, wie Aya wieder unter ihm zitterte. „Laß gut sein, Aya. Ich weiß Bescheid.“ Schockiert schaute der Rotschopf ihn an. „Was weißt du?“ Doch als Antwort schenkte der Mann ihm nur ein bezauberndes Lächeln und verschwand im Hinterraum.
/Yohji – was weißt du? Sag es doch endlich? Was weißt du? Was willst du?/ Aya schaute ihm fragend nach.

Der Abend zog sich träge dahin. Ken war bereits ins Bett gegangen, denn das Schauspiel zwischen den beiden Ältesten war nicht mehr zu ertragen. Omi war schnell seinem Beispiel gefolgt, als er spürte, dass keiner der Übrigen im Wohnzimmer wirklich reden wollte.
Aya und Yohji saßen noch immer vor der Matscheibe und starrten gebannt auf eine bunte Werbesendung. Keiner traute sich, sich zu bewegen oder gar umzuschalten.
Eine Explosion ließ sie zusammenfahren. Türen öffneten sich, alle rannten auf das Dach und schauten. Am Horizont – am Stadtrand erhellte ein riesiges Inferno die dunkle Nacht. Eine Chemiefabrik war explodiert.
„Was hat es denn da zerlegt?“ Omi wand sich verwundert an Ken.
„Ich würde mal sage, die „Hölle“ steht in Flammen?“
„Nani?“ Verwunderung sprach aus seinen großen Augen. Ken wollte Abhilfe schaffen.
„Die Sakumari-Fabrik .... jeder nennt sie nur die „Hölle“, weil dort mit gefährlichen Stoffen gehandelt wird. Sollen wohl schon einige dort draufgegangen sein.“ Ken klang ziemlich unbeteiligt, fand Omi.
„Und das weiße Zeug dort, was wie Schnee aussieht?“
„Trockeneis – baka“ Ken grinste, aber Omi war beleidigt. Doch das legte sich schnell, als er mit einem Grinsen feststellte „ ... wenn die Hölle sich mit Eis bedenkt ... das hat mal einer in einem Film gesagt.“ Aya zuckte bei diesen Worten zusammen, Yohji schaute ihn an. Der Rotschopf spürte, wie Yohjis Blicke seine Haut streiften. „Na und um das ganze abzurunden, macht es die Nacht taghell“ kicherte Ken weiter. „Aber Tag hin oder her, ich verschwinde wieder ins Bett. Kommt ihr auch?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wand Ken sich um, kratzte sich gedankenverloren unter dem Shirt den Bauch und ging dies Stufen hinab, dicht gefolgt von einem gähnenden Omi.
Aya und Yohji blieben allein zurück, noch immer starrte Aya in die Weite, spürte die fragenden Blicke, wie sie seine Haut verbrannten.
„Und Aya, ist das ein Zeichen?“ Yohjis Stimme war plötzlich sehr dich an Ayas Ohr, der heiße Atem ließ ihn erschauern. Wieder legte er seine Hand auf Ayas blasses, trauriges Gesicht. Und diesmal ließ er es geschehen. Er entspannte sich unter der liebevollen Berührung, das spürte Yohji.
„Wirst du dein Versprechen halten und zu mir kommen?“ Langsam schloss Aya die Augen und ließ seinen Kopf gegen Yohjis Schulter sinken. „Du hast ja recht, ich weiß doch auch nicht, was mit mir los ist. Makino ...“
„Scht“ Tränen liefen über Ayas Gesicht /gomen nasai koi/ und Yohji wischte sie sacht weg, als er das blasse Gesicht zwischen seine warmen Hände schloss. Langsam und sacht küsste er Aya, so lange hatte er darauf gewartet, das endlich tun zu dürfen. Und Aya erwiderte den Kuss.
„Quäl dich nicht mehr koi. Ich ertrage es einfach nicht, dieses engelsgleiche Gesicht im Schmerz verzerrt sehen zu müssen.“ Aya nickte nur stumm und lächelte.

~~~ Ende ~~~