Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > ZaLa > Heeros Eleven > Heeros Eleven Teil 0 bis 6

Heeros Eleven Teil 0 bis 6


Prolog


„Es ist soweit.“

Heero stand von seiner Pritsche auf, strich sich noch einmal glättend über das graue Hemd seiner Uniform und folgte dann dem Wärter aus seiner Zelle.

Während er dem Wärter durch die Gänge des Gefängnisses folgte ging er noch einmal in Gedanken alle Sätze durch, die er sich schon seit Wochen zurechtgelegt hatte. Es durfte nichts schief gehen; alles hing davon ab dass er nun das Richtige sagen würde. Wenn alles nach Plan liefe dann wäre er morgen um diese Zeit schon frei und seinem eigentlichen Ziel einen großen Schritt näher.

Gekonnt ignorierte er die teils aufmunternden, teils einfach nur obszönen Zurufe seiner Mitgefangenen und setzte seinen inzwischen zur Perfektion ausgereiften unbewegten Gesichtsausdruck auf.

Der Wärter führte ihn durch verschiedene Flure, über einige Treppen und schließlich öffnete er die Tür die in den Raum führte, in dem der Bewährungsausschuss tagte.

Heero nickte dem Wärter zu, dann betrat er das Zimmer und die Tür fiel hinter ihm schwer ins Schloss. An der Wand zu seiner Rechten befand sich der Tisch, an dem die drei Mitglieder des Ausschusses saßen, und in der Mitte des Raumes, dem Tisch direkt gegenüber, stand ein einzelner Holzstuhl. Heero ging direkt darauf zu und setzte sich.

„Guten Morgen,“ begrüßte ihn das einzige weibliche Mitglied des Ausschusses.

„Guten Morgen,“ antwortete Heero nickend, lehnte sich entspannt im Stuhl zurück und faltete die Hände auf seinem Schoß.

„Geben Sie bitte Ihren Namen zu Protokoll,“ sagte die Frau.

„Heero Odin Yuy.“

„Danke.“ Wieder die Frau. Offenbar war sie die Sprecherin der kleinen Gruppe. „Mr. Yuy, bei dieser Anhörung soll geklärt werden, ob bei Ihnen nach einer Freilassung mit einer erneuten Straftat zu rechnen ist. Obwohl dies Ihre erste Verurteilung war, waren Sie noch in etliche andere Hochstapeleien und Betrügereien verwickelt, wenn auch niemals zuvor angeklagt. Wie äußern Sie sich dazu?“

Heero schaute kurz nach unten auf seine Hände, dann hob er den Blick wieder, sah die Frau direkt an und seufzte kurz. „Sie sagen ja selbst, ich war niemals angeklagt.“

„Mr. Yuy, was uns interessiert ist folgendes,“ zum ersten Mal ergriff einer der beiden Männer das Wort. „Haben Sie dieses Verbrechen aus einem bestimmten Grund begangen oder sind Sie diesmal nur aus einem bestimmten Grund gefasst worden?“

Heero zuckte andeutungsweise mit den Schultern, aber die Bewegung war so winzig das er nicht sicher war, ob die Jury-Mitglieder sie überhaupt bemerkt hatten.

„Meine Freundin hat mich verlassen, ich war aufgewühlt und war in einer selbstzerstörerischen Phase,“ antwortete Heero mit einem leichten Heben der Augenbrauen.

„Angenommen wir lassen Sie frei, glauben Sie, Sie kommen wieder in eine solche Phase?“ fragte wieder die Frau.

„Sie hat mich bereits verlassen,“ erwiderte Heero gelassen, „das wird sie nicht nur aus Spaß wieder tun.“

„Mr. Yuy, was glauben Sie würden Sie tun falls man Sie entlässt?“ fragte die Frau ernst.

Dazu fiel Heero wirklich eine Menge ein, aber alles was er nach außen hin zeigte war das winzige Heben eines Mundwinkels.




Kapitel 1


Heero trat aus dem Tor des North Jersey State Prison und blieb erst einmal stehen um tief Luft zu holen. Endlich. Freiheit. Er warf einen kurzen Blick auf seine Umgebung und lächelte leicht. Er hatte seine nächsten Schritte schon sehr sorgfältig geplant.

Sein erster Gang führte ihn zu seiner Bank, wo er sich einen Kontoauszug und etwas Geld von seinem Konto holte. Heero warf einen Blick auf den Auszug und konnte ein abfälliges Schnauben nicht unterdrücken. Die absolut lächerliche Summe die er für seine Arbeit der letzten Jahre im Gefängnis bezahlt bekommen hatte reichte gerade mal für die Anschaffung einer Zahnbürste. Nun gut, einer Designer-Zahnbürste, aber immerhin.

Danach besorgte er sich frische Kleidung, Rasierzeug und was man sonst noch so brauchte, mietete sich ein Motelzimmer und begann damit sich wieder in einen richtigen Menschen zu verwandeln. Es würde phantastisch sein endlich mal wieder eigene Klamotten auf der Haut zu spüren und den schrecklich kratzenden Drei-Tage-Bart abzunehmen. Von dem Luxus eines Badezimmers ganz für sich allein ganz zu schweigen.

Und so ließ er sich alle Zeit der Welt. Schließlich waren es noch Stunden bis zu seiner Verabredung am Abend. Und das heiße Wasser fühlte sich so gut an. Endlich mal eine Dusche für sich allein, ohne die obszönen Bemerkungen der anderen Gefangenen. Und genug heißes Wasser, so dass er sicherlich auch eine halbe Stunde unter dem Wasserstrahl stehen könnte, ohne dass dieser plötzlich eisig wurde.

Nachdem er sich gewaschen, rasiert und angezogen hatte fühlte Heero sich zum ersten Mal seit drei Jahren wieder wie ein Mensch. Er warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, fuhr sich mit den Händen durch seine immer unordentlich wirkenden Haare, verließ das Motel und machte sich auf den Weg nach Atlantic City.

Später am Abend betrat er schließlich die glitzernde Welt eines Casinos in Atlantic City. Entspannt ließ er seinen Blick umherwandern und genoss es wieder unter Menschen zu sein. Er schlenderte an den Einarmigen Banditen vorbei direkt nach hinten, ließ dabei seinen Blick kurz über den Bereich mit den Spielertischen wandern und wählte schließlich den seiner Meinung nach besten Black Jack Tisch aus.

Die Kartengeberin begrüßte ihn als er sich an ihrem Tisch niederließ und Heero nickte ihr zu. Er legte einige Scheine auf den Tisch und sagte, „Ein paar Chips, bitte.“

Die Kartengeberin zählte kurz das Geld und sagte dann, „Das sind 150. Fünfundzwanziger oder Zehner?“

„Fünfundzwanziger sind mir lieber.“

„Ok.“ Die Frau schob ihm sechs blaue Chips zu und Heero machte seinen ersten Einsatz.

„Viel Glück,“ sagte sie und begann die Karten auszuteilen.

Heero bedankte sich. Während die Frau weiterhin Karten auslegte warf Heero einen Blick hinter die Kartengeberin und sah eine große, blonde Frau mit zwei Zöpfen, die sich mit einem Mann unterhielt, der offenbar der Casinomanager war. Die Frau schien eine Angestellte des Casinos zu sein, denn sie trug dieselbe Uniform wie die Kartengeberin an Heeros Black Jack Tisch. Der Manager nickte kurz und die blonde Frau näherte sich daraufhin Heeros Tisch.

„Zwanzig. Der Geber hat Neunzehn,“ sagte die Dealerin an Heeros Tisch gerade und verkündete so Heeros Sieg.

„Schön,“ antwortete Heero, richtete die Aufmerksamkeit wieder auf das Spiel und legte die gewonnenen Chips zu den anderen auf seinem Haufen.

„Guter Anfang,“ gratulierte die Geberin ihm und Heero lächelte. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass die blonde Frau inzwischen fast heran war. Sie tippte Heeros Croupier kurz auf die Schulter und die Geberin sagte daraufhin, „Ok, ich mach dann jetzt Pause.“

„Ja,“ sagte Heero und reichte ihr einen der Chips als Trinkgeld. „Ich danke Ihnen vielmals.“

„Viel Glück,“ wünschte die Geberin ihm noch, dann verließ sie den Tisch.

Die blonde Frau wünschte ihrer Kollegin noch viel Vergnügen, dann nahm sie mit einem breiten Lächeln in Heeros Richtung den Platz als Croupier ein. „Alles klar, Sir?“

„Hallo Sally,“ sagte Heero.

Die Frau erstarrte mitten in ihrer Bewegung und das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht. Dann warf sie Heero einen kurzen Blick zu, befeuchtete sich die perfekt geschminkten Lippen und sagte dann sehr langsam und deutlich, „Ich bitte um Verzeihung, Sir. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.“

Heero lächelte daraufhin.

„Mein Name ist Maggie. Steht auch hier auf dem Schild,“ die Frau deutete auf ihr Namensschild und drehte es ein wenig, so dass Heero einen besseren Blick darauf werfen konnte.

Heero sah sie einen Moment lang abwägend an, grinste noch ein wenig breiter und sagte dann, „Ich hab mich wohl geirrt.“

„Macht ja nichts, Sir,“ versicherte ihm die Frau und lächelte leicht.

„Der Tisch ist ja sowieso kalt,“ sagte Heero plötzlich und begann seine Chips einzusammeln.

„Versuchen Sie’s doch mal in der Lounge vom Ceasar’s. Da geht’s um eins erst richtig los,“ sagte die Geberin hilfsbereit.

Heero zog eine Augenbraue hoch. „Ein Uhr?“

„Ja Sir,“ antwortete sie.

„Danke Maggie,“ sagte Heero mit einem amüsierten Unterton in der Stimme, drehte sich um und ging.

„Danke auch, Sir,“ erwiderte die blonde Frau und sah ihm hinterher.

****************************************************************

Heero saß in der Lounge des Ceasar’s, ein Glas guten Whiskey on the Rocks vor sich auf dem Tisch. In der Hand hielt er einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel. ‘Wahrzeichen von Las Vegas soll ausgelöscht werden’ las er zum wiederholten Male die Überschrift des Artikels während er wartete.

„Bringst du dich auf den neuesten Stand?“ fragte eine Stimme von hinten und Heero blickte auf. Die blonde Frau mit den Zöpfen, die ihm den Tipp mit der Lounge gegeben hatte, warf eine Zeitung auf den Tisch und setzte sich Heero gegenüber. Sie trug jetzt nicht mehr die Uniform des Casinos sondern offenbar ihre eigenen Sachen.

„Maggie,“ grüßte Heero und zog den Namen fragend in die Länge.

„Sehr erfreut,“ antwortete die Frau grinsend.

Heero erwiderte das Grinsen und griff nach seinem Glas.

„Sally Po hat Ärger mit dem Glücksspielausschuss,“ fügte die Frau hinzu und zuckte kurz mit den Schultern. „Grade rausgekommen?“

„Heut Nachmittag,“ antwortete Heero gelassen, hob sein Glas und prostete ihr leicht zu. „Wie geht es ihm?“ fragte er und nahm einen Schluck.

„Er soll angeblich Filmstars Kartenspielunterricht geben,“ antwortete Sally sarkastisch und zog ihre Augenbrauen hoch. „Wieso?“

Heeros Mundwinkel hoben sich leicht und er stellte das Glas wieder ab.

„Hast du etwa schon einen Plan?“ fügte Sally hinzu.

„Ich doch nicht,“ antwortete Heero, hörte jedoch nicht auf zu lächeln. „Ich hab gerade erst meine Bürgerrechte zurück.“ Er blickte Sally direkt in die Augen und jetzt verzog sich das Lächeln zu einem breiten Grinsen.

****************************************************************

Etwas später trat Heero aus dem Ceasar’s auf die Straße und blickte sich suchend um. Ein paar Meter die Straße hinauf konnte er eine Telefonzelle ausmachen und so drehte er sich in diese Richtung und lief direkt darauf zu. Er nahm den Hörer ab, warf Kleingeld in das Telefon und wählte die Nummer, die man ihm heute Nachmittag gegeben hatte. Dann lauschte er dem Tuten des Freizeichens.

„Officer Brooks?“ fragte er als am anderen Ende abgenommen wurde. „Hier spricht Heero Yuy. Ich sollte innerhalb von 24 Stunden bei Ihnen anrufen.“

Heero lauschte einen Moment. „Nein Sir, ich mach keinen Ärger, bestimmt,“ sagte er dann.

„Nein Sir, ich hab auch nichts getrunken,“ sagte er nach einem weiteren Moment.

Wieder lauschte er einige Sekunden den Worten des Officers.

„Nein Sir, ich würde nicht im Traum daran denken den Staat zu verlassen.“

Nachdem sein Bewährungshelfer ihm noch eine Menge weiterer Instruktionen erteilt hatte, beendete Heero das Gespräch und hängte den Hörer auf. Er trat einen Schritt zurück, sah sich um und grinste leicht. Dann winkte er einem Taxi, setzte sich hinein und ließ sich zum Flughafen bringen.




Kapitel 2


Duo stand auf dem Parkplatz vor dem billigen Club in einer der weniger guten Gegenden von Hollywood und wartete auf einen seiner Klienten. Obwohl ‘Klienten’ vielleicht nicht unbedingt das beste Wort dafür war. Vielmehr Opferlämmer. Die man gehörig ausnehmen konnte. Aber das mussten die anderen ja nicht unbedingt wissen, oder?

Er nahm einen weiteren Bissen von seinem Burito und leckte sich anschließend die Finger sauber. Wo blieb dieser Junge nur? Obwohl Duo gar nicht mal um so vieles älter war – eigentlich waren sie sogar alle im selben Alter, wie Duo mit Erstaunen feststellte – hatte er immer das Gefühl als würde er sich mit einer Horde Kindergartenkinder abgeben. War er jemals so unendlich jung und dumm gewesen? Duo bezweifelte es ehrlich.

„Hey Duo! Duo, wie sieht’s aus, Mann?“

Duo drehte den Kopf zur Seite und lächelte leicht, als Topher – sein derzeitiger ‘Schützling’ – auf ihn zukam. Duo beendete seine Mahlzeit und ging dann mit Topher zusammen auf den Club zu. Glücklicherweise waren sie nicht darauf angewiesen den Vordereingang zu benutzen – aus irgendeinem Grund schien es zur Zeit gerade schick zu sein, Partys in billigen Striplokalen zu feiern, und so strömte die High Society (oder wer sich dafür hielt) geradezu in diesen Club. Entsprechend lang war die Schlange vor dem Eingang.

Gefolgt von Topher wandte Duo sich der kleinen Seitengasse zu, in der sich der Hintereingang des Clubs befand. So mussten sie zwar durch die Küche gehen, kamen aber trotzdem sehr viel schneller – und ungestörter – hinein als durch den Vordereingang.

„Ich hab da mal ne Frage,“ sagte Topher als Duo die Tür öffnete und vor ihm in die Küche des Clubs trat, „Sind Sie eigentlich ne Aktiengesellschaft?“

Duo macht ein Geräusch das eine Mischung aus Lachen und abfälligem Schnauben war und schüttelte leicht den Kopf. Wie kamen diese Idioten immer nur auf diese Ideen?

„Schön, ok,“ sagte Topher, der ihm wie ein übereifriges Hündchen hinterherlief, das dringend die Aufmerksamkeit seines Herrchens erregen wollte, „wenn nicht dann denken Sie mal drüber nach. Ich hab mit meinem Berater geredet. Und er…“

„Bernie,“ warf Duo ein. Er hatte schon mehr als genug von Bernie gehört. Topher hatte offenbar die Absicht, jede einzelne von Bernies ‘Weisheiten’ mit Duo zu teilen – ob Duo es nun wollte oder nicht.

„Nein, nicht Bernie,“ antwortete Topher. „Mein Finanzberater. Eigentlich,“ Topher stutzte kurz, „heißen beide Bernie.“

Duo rollte mit den Augen.

„Jedenfalls sagte der mir, dass man das was wir tun… gewissermaßen… als Recherche für einen zukünftigen… Gig oder so was… voll von der Steuer absetzen könnte. Aber die Sache ist die,“ Topher packte Duo am Arm um ihn festzuhalten, „und das ist echt VOLL bescheuert, aber…“

Duo blieb stehen, warf seinen Zopf über die Schulter nach hinten und sah Topher nun direkt an.

„Ich müsste Sie per Scheck bezahlen,“ beendete Topher seine kleine Ansprache, blickte Duo erwartungsvoll an und kaute dabei cool auf einem Zahnstocher herum. Zumindest nahm Duo an das es cool wirken sollte.

Duo seufzte innerlich auf, trat etwas zurück um eine der Kellnerinnen des Clubs vorbeigehen zu lassen und verschränkte die Arme. Dann blickte er Topher einfach nur an.

„Mann,“ sagte Topher, verstummte aber wieder.

Duo blickte ihn weiterhin an. Mit einem sarkastischen Blick der besagte, „Sonst noch Wünsche?“

„Dann…“ fing Topher wieder an, änderte jedoch angesichts Duos Blick schnell was er sagen wollte, „Oder Sie kriegen einfach weiter Cash.“

Duo nickte anerkennend, drehte sich um und ging weiter durch die engen Gänge des Personals auf den öffentlichen Bereich des Clubs zu.

„Ja dann,“ Topher räusperte sich, „kriegen Sie einfach weiter Cash,“ wiederholte er sich und folgte Duo.

Der Clubraum war vollgestopft mit edel gekleideten Menschen, die Gläser mit alkoholischen Getränken hielten und versuchten sich über die laute Musik hinweg zu unterhalten. An einer Wand, direkt hinter der Bar, waren eine Art Schaukästen angebracht, in denen mehr oder weniger leicht bekleidete Frauen sich auf eine Weise verrenkten, die anatomisch eigentlich fast unmöglich sein sollten. Duo bahnte sich, gefolgt von Topher, seinen Weg durch die Menge zu dem kleinen privaten Zimmer im hinteren Teil des Clubs, das extra für ihn reserviert war. Es zahlte sich eben aus wenn man den Barmann kannte.

In dem Zimmer, das von der anderen Seite direkt an die Schaukästen anschloss, befand sich ein runder Tisch, und die anderen ‘Opferlämmer’ erwarteten sie bereits. Topher wurde lautstark von Shane, Josh und Barry begrüßt, während Holly sich wie immer etwas zurückhielt.

Duo schüttelte innerlich den Kopf. Obwohl die fünf Schauspieler genau wie er ebenfalls mindestens Mitte Zwanzig waren benahmen sie sich doch vielmehr wie die Teenager, die sie in diversen Fernsehserien und –filmen darstellten. Mit einem leisen Seufzer ließ er sich an dem runden Tisch nieder, mit dem Rücken zu den Schaukästen und dem Blick zur Tür des Zimmers. Zwei der Jungs nahmen jeweils neben ihm Platz, während Holly sich ihm direkt gegenüber setzte.

„Ok,“ sagte Duo und begann die Karten geschickt zu mischen, „wir beginnen mit Five Card Draw. Ihr wisst doch noch was Five Card Draw ist?“

„Oh ja.“

„Klar.“

„Total.“

„Logo.“

Duo schüttelte erneut innerlich den Kopf als Jungschauspieler 1-4 sofort zustimmten, und das mit einem Tonfall der klar machte, das die vier eigentlich nicht die geringste Ahnung hatten, wovon Duo gerade sprach. War es da ein Wunder dass es Duo oft schwer fiel diese Kids auseinander zu halten? Er musste sich manchmal gewaltig zusammenreißen um sich überhaupt an ihre Namen zu erinnern.

„Wer will geben?“ fragte Duo und blickte kurz in die Runde. „Josh?“

„Ja,“ antwortete Josh und griff sich den Kartenstapel, den Duo ihm hinlegte. Sofort begann er die Karten auszuteilen – rechts herum.

„Josh,“ sagte Duo mit leidender Stimme. Gott, wie oft hatte er das schon erwähnt? Merkten diese Kids sich denn nie etwas? Wie schafften sie es nur den Text für ihre Rollen auswendig zu lernen?

„Ja?“ merkte Josh sofort auf und sah Duo erwartungsvoll an.

„Links rum. Man gibt links rum.“

Josh schaute etwas betreten auf den Tisch hinab und Duo seufzte lautlos.

„Shane?“ richtete Duo seine Aufmerksamkeit schließlich auf einen der anderen, der schon die ganze Zeit ungeduldig mit seinen Karten auf den Tisch klopfte.

„Karte,“ sagte Shane bestimmt und blickte Josh auffordernd an, ohne jedoch eine seiner Karten beiseite zu legen.

Duo starrte ihn eine Sekunde lang ungläubig an, dann sagte er mit einem Kopfschütteln, „Das ist kein Black Jack.“

„Oh Alter!“ rief Topher aus und fing dann an zu lachen, so als könnte er nicht glauben wie jemand einen so dummen Fehler machen konnte. Die anderen schlossen sich ihm an, und Duo musste Shane zugute halten, dass er nicht etwa sauer oder beleidigt war, sondern gutmütig mit den anderen mitlachte. Immerhin etwas.

Duo richtete seine Aufmerksamkeit der anderen Seite des Tisches zu. Barry saß vornüber gebeugt da und starrte in seine Karten, als wollte er sie dadurch zwingen das Blatt zu werden das er haben wollte.

„Das Blatt anstarren nützt nichts,“ sagte Duo. Barry blickte auf und sah Duo um Hilfe bittend an. „Du hast was du hast,“ war der einzige Rat, den Duo ihm geben konnte.

„Ok, noch mal von vorne,“ seufzte Duo irgendwann später – Stunden später wie es ihm schien – sammelte die Karten ein und mischte erneut. Dann gab er den Stapel wieder an Josh, der sofort damit begann die Karten auszuteilen.

„Josh. Lins rum. Links. Links. Links.“ Vielleicht brachte es ja was, wenn man es nur oft genug wiederholte?

„Links rum,“ sagte Josh schnell und hob verteidigend die Hände. „Ja weiß ich. Ich krieg das hin.“

Duo rollte mit den Augen, sagte jedoch nichts dazu. „Die Dame setzt,“ sagte er schließlich und wandte sich an Holly. „Immer schön dranbleiben.“

„Hm,“ machte Holly, ließ ihre Hand einen Moment unentschlossen über ihrem Stapel Chips kreisen und entschied sich schließlich für einen Einsatz. „Blau,“ sagte sie und warf den Chip in die Mitte des Tisches.

„Blau,“ wiederholte Duo. „Das ist ein Fünfziger.“

„Soll ich – mitgehen?“ fragte Shane und hielt den Fünfziger kurz hoch, bevor er ihn auf Duos Nicken hin ebenfalls in die Mitte des Tisches warf.

„Shane geht mit,“ sagte Duo.

„Ich geh mit,“ wiederholte Shane stolz.

„Was soll’s,“ sagte Topher und warf auch einen Fünfziger-Chip in die Mitte. „Is doch eh bloß Kleingeld!“ Die fünf Kids am Tisch begannen zu lachen.

„Wie du setzt musst du entscheiden,“ wandte sich Duo an Topher, „Hauptsache die glauben das du deine Gründe hast.“

„Ja, danke Mann,“ sagte Topher, immer noch auf diesem nervigen Zahnstocher kauend.

Duo streckte die Hand aus und schob Tophers Blatt, das dieser mit weit ausgestreckten Händen vor sich hielt ein Stück zurück, näher an Topher ran. Wieso drehte der Junge nicht gleich einfach die Karten um, damit jeder sie sehen konnte?

„Schon klar, schon klar,“ sagte Topher und hielt seine Karten endlich so, dass niemand einen Blick hinein werfen konnte.

„Gut, wie viele?“ fragte Josh, der Kartengeber.

„Vier!“ sagte Barry bestimmt und legte vier seiner Karten ab.

Duo konnte ihn nur ungläubig anstarren. „Du nimmst keine vier,“ sagte er kopfschüttelnd. „Du willst passen.“

Barry starrte ihn an. „Ich will passen?“

„Genau.“

Barry warf einen unsicheren Blick in die Runde, dann beugte er sich leicht zu Duo. „Ist das gut?“

„Leg hin,“ sagte Duo, beugte sich vor, nahm Barry die letzte Karte aus der Hand und legte sie zu den anderen vier auf den Tisch.

„Was soll das?“ fragte Barry.

„Du bist raus,“ antwortete Duo.

„Ok, der Geber nimmt drei,“ murmelte Josh vor sich hin und das Spiel – wenn man es so nennen konnte – ging weiter.

Nachdem jeder – außer Barry – seinen Einsatz gemacht hatte und sehen wollte, drehte Shane hocherfreut seine Karten um.

„Shane, du hast drei Pärchen,“ sagte Duo.

„Ja,“ sagte Shane und sah noch einmal stolz auf sein Blatt hinab.

„Es gibt hier nur fünf Karten!“ sagte Duo eindringlich. „Wie kann man mit fünf Karten drei Pärchen haben?“

„Eine war vielleicht für mich,“ warf Holly ein.

„An mir lag’s nicht,“ sagte Josh, der Kartengeber.

„Leute! Leute! Leute!“ rief Topher über das nun entstandene Stimmengewirr.

Die vier anderen verstummten und sahen ihn an.

„Lauter rote!“ rief Topher triumphierend und legte sein Blatt offen auf den Tisch. Dann lachte er stolz und ließ sich von den anderen, die alle ganz begeistert davon zu sein schienen, gratulieren.

Duo saß auf seinem Platz und konnte nur resigniert auf Tophers Blatt starren. Lauter rote. In der Tat. Genauer gesagt, zwei Karos und drei Herzen. Duo griff sich sein Glas mit Whiskey, nahm einen Schluck und hielt es sich anschließend an die Schläfe. Vielleicht könnte das kühle Glas ja die aufkommenden Kopfschmerzen ein wenig betäuben.

****************************************************************

Etwas später saß Duo an der Bar, immer noch sein Glas Whiskey in der Hand und starrte blind auf die Tänzerinnen in ihren Glaskäfigen. Nach Tophers ‘Sieg’ eben hatten sich die Kids gar nicht mehr beruhigen können und so hatte Duo eine kurze Pause angeordnet. Und weiß Gott, er selbst hatte sie jetzt dringend nötig.

Wieder hielt er sich das Glas an die Schläfe, aber wie vorhin schon half es nicht im Geringsten gegen die Kopfschmerzen. Duo seufzte. Wie hatte er nur so tief sinken können?

Wie hatte sein Leben nur so den Bach runter gehen können? Oh nicht das die Kids nicht nett wären oder so was. Nein, Duo hätte sie sich sogar sehr viel arroganter und verwöhnter vorgestellt – die allgemeine Vorstellung die man von Hollywoodschauspielern eben so hatte. Aber trotzdem sehnte Duo sich geradezu danach sich endlich mal wieder mit einem Erwachsenen zu unterhalten! Die Tatsache dass die ‘Kids’ nicht einen Tag jünger waren als er selbst ignorierte Duo einfach mal. Es ging hier schließlich auch mehr um die geistige Reife.

Nein, es war einfach die Herausforderung die Duo fehlte. Diese Kids auszunehmen war fast schon zu einfach. Das war als würde man einem Baby den Schnuller klauen. Oder einem Hundebaby den Kauknochen. Viel zu einfach. Wann hatte er das letzte Mal eine wirkliche Herausforderung gehabt? Wie lange war es jetzt her?

Duo seufzte. Drei Jahre. Es war jetzt drei Jahre her. Genauer gesagt, drei Jahre, zwei Monate und sechs Tage. Aber wer zählte schon mit. Seit dieser Idiot… Duo riss sich gewaltsam aus diesen Gedanken. Es hatte keinen Sinn darüber nachzudenken. Es hatte schon damals keinen Sinn gehabt, und es hatte jetzt noch viel weniger. Aber nichtsdestotrotz konnte er den kleinen Funken Ärger nicht unterdrücken, den er immer verspürte wenn er daran dachte. Warum nur hatte er es gemacht? Warum hatte dieser Idiot nicht auf ihn gehört? Alles nur wegen…

„Wie läuft das Spiel?“ rief ihm der Barkeeper über die Musik zu und riss Duo so aus seinen Gedanken.

Duo nahm einen letzten Schluck Whiskey und reichte dann das Glas zum Auffüllen hinüber. „Sie stellen sich nicht besonders schlau an,“ antwortete er und nahm das volle Glas Whiskey entgegen.

Der Barkeeper sah ihn an als hätte er verstanden und fragte dann, „Was?“

Duo rollte mit den Augen. „Ich fange was mit deiner Frau an,“ rief er dann etwas lauter.

Der Barkeeper lächelte, nickte und sagte, „Klasse!“

Duo grinste breit, prostete dem Barkeeper zu und nahm einen Schluck. Vielleicht wenn er sich noch zwei oder drei von diesen hinter die Binde kippte, vielleicht wäre der Rest des Abends dann einfacher zu ertragen.

****************************************************************

Fünf Minuten später machte Duo sich wieder auf zurück in das Hinterzimmer. Die Kids müssten sich inzwischen auch wieder beruhigt haben, es konnte also weitergehen. Gerade als er sich unter einem Vorhang hindurchduckte hörte er eine neue Stimme. Eine bekannte Stimme. Eine nur allzu vertraute Stimme, deren Klang sein Herz sofort schneller schlagen ließ.

„Das ist schwer, oder? Den Sprung zu schaffen? Vom Fernsehen zum Film?“

Ungläubig betrat Duo das Zimmer vollends, doch nach außen hin ließ er sich nichts anmerken.

„Nich für mich, Alter,“ sagte Topher großspurig und lachte.

„Hört ihn euch an!“ sagte Barry und lachte mit.

„Oh hey, Duo“ rief Topher als er Duo endlich bemerkte. „Wir haben hier noch nen Spieler.“ Er deutete auf den Mann neben sich. „Wenn das für Sie klargeht.“

Doch Duo bekam Tophers Worte kaum mit. Seine gesamte Aufmerksamkeit war auf den Neuankömmling gerichtet, der gerade den Kopf hob und ihn mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck ansah. Dunkelbraunes, zerzaustes Haar und die unglaublichsten blauen Augen die Duo jemals gesehen hatte. Ohne den Blick von dem Neuankömmling zu nehmen nickte Duo leicht, sorgfältig darauf bedacht seinen eigenen Gesichtsausdruck ebenso unlesbar zu halten wie sein Gegenüber.

Zufrieden mit Duos Reaktion übernahm es Topher alle vorzustellen und schon bald saßen sie alle zu einer neuen Runde Poker um den Tisch. Diesmal entschied sich Duo auch mitzuspielen, statt wie zuvor einfach nur Beobachter zu sein.

„Was machen Sie beruflich, Mr. Yuy, wenn ich fragen darf,“ fragte Duo nebenbei nachdem er die Karten verteilt hatte.

„Warum sollten Sie nicht fragen dürfen?“ antwortete ihm dieser und blickte ihn direkt an. „Zwei Karten.“

Duo warf dem ihm direkt gegenüber sitzenden Mann einen kurzen Blick zu, dann gab er ihm die gewünschten Karten.

„Ich komm frisch aus dem Gefängnis,“ beantwortete der Neuankömmling schließlich Duos erste Frage.

Die fünf Jungschauspieler schienen bei diesen Worten kurz zu erstarren. „Echt?“ fragte Topher schließlich ungläubig.

„Wieso waren Sie im Gefängnis?“ fragte Josh, der nicht ganz so verblüfft zu sein schien wie Topher.

„Weil ich gestohlen hab,“ war die sachliche Antwort.

„Sie haben gestohlen?“ fragte Topher neugierig. „Was denn so? Juwelen…?“

„Aztekischen Kopfschmuck,“ warf Duo mit einem kurzen sarkastischen Blick auf sein Gegenüber ein. „Hochzeitsmasken.“

Shane nickte abwägend den Kopf. „Und? Bringt so was Kohle? Diese az-tek-ischen…“ Er stolperte über das offenbar schwierige Wort.

„Hochzeitsmasken,“ ergänzte der Neuankömmling. „Es geht.“

„Lass dir nichts erzählen,“ widersprach Duo und verteilte die geforderten Karten an die anderen Spieler. „Die bringen nen Haufen Kohle wenn du es schaffst sie zu verschieben.“ Er blickte seinem Gegenüber für eine Sekunde direkt in die Augen.

„Ich nehm eine,“ sagte Duo dann, nahm sich eine Karte und fuhr dann direkt an Shane gewandt fort, „Das schafft nur keiner.“

„Mein Hehler hat ziemlich zuversichtlich gewirkt,“ warf Yuy ein, die Augen niemals von Duo nehmend.

„Wer Bargeld klaut braucht keinen Hehler,“ griff Duo die alte Diskussion wieder auf und erwiderte den Blick.

„Manchen fehlt es eben an Weitsicht.“

„Vermutlich allen in Zellenblock E,“ erwiderte Duo und warf Heero einen herausfordernden Blick zu. Seltsam, auf einmal waren die Kopfschmerzen verschwunden.

Heero seufzte kurz, nahm die Herausforderung aber offenbar an. „Ich setze 500 Dollar.“

„Gut,“ sagte Duo, dann wandte er sich an die fünf Schauspieler, von denen er für einen kurzen Moment fast vergessen hatte, dass sie noch mit am Tisch saßen. „Wie heißt die wichtigste Lektion im Poker?“

„Setz nie auf den…“ begann Barry zögernd.

„Nein,“ wurde er von Topher unterbrochen, „Lass deine Gefühle zu Hause.“

„Ganz genau, Topher,“ lobte Duo und verspürte fast so etwas wie Stolz. Topher hatte ihm tatsächlich einmal zugehört – und es sich auch noch gemerkt!

„Neue Lektion,“ verkündete Duo laut in die Runde. „So nutze ich einen Bluff aus,“ er deutete kurz auf die 500 Dollar die Heero in die Tischmitte geworfen hatte. „Also bei soviel Geld so früh im Spiel würde ich sagen er hat höchstens ein paar Bildkarten auf der Hand.“ In dem Blick mit dem Duo Heero bedachte lag sowohl Herausforderung als auch Sarkasmus. Doch statt ihn zu erwidern senkte Heero den Blick auf den Tisch.

Duo sah ihn noch einen Moment lang an, dann wandte er sich ab. „Barry?“

Barry seufzte tief, spielte eine Weile unsicher mit den Karten in seiner rechten und den Chips in seiner linken Hand und sagte dann, „Ok, also… Ich steig aus.“ Damit legte er seine Karten mit dem Kartenrücken nach oben auf den Tisch und sah sich erwartungsvoll und vollkommen zufrieden mit sich selbst um.

„Ok,“ sagte Duo und wandte sich dem nächsten zu. „Josh?“

„Keine Sorge, ich bin dabei,“ antwortete Josh. „Ich bringe Ihre 500,“ er legte die Chips auf den Haufen in der Mitte, „und ich erhöhe um weitere 500 von meinem Haufen.“

„Das ist ein sehr stattlicher Einsatz, Josh,“ sagte Duo. „Aber pass auf, ihn zu früh hochzutreiben wäre ein Fehler. Wir wollen ihn bei der Stange halten.“ Wieder warf er Heero diesen halb herausfordernden, halb sarkastischen Blick zu, und diesmal erwiderte Heero ihn. Wenn auch immer noch mit völlig unlesbarem Gesichtsausdruck.

„Holly?“ wandte Duo sich schließlich an die einzig weibliche Mitspielerin.

„Ich geh mit,“ sagte sie.

„Du gehst mit?“ Duo zog eine Augenbraue hoch.

„Ja,“ sagte Holly und warf die erforderlichen Chips in die Mitte.

„Ich geh auch mit,“ sagte Duo und seine Chips landeten ebenfalls auf dem immer größer werdenden Haufen.

„Ich auch,“ Shane schloss sich ihnen an.

„Ihre 500,“ sagte Heero und warf die Chips in die Mitte, holte dann ein Bündel Geldscheine aus seiner Jackentasche und warf es ebenfalls auf den Tisch, „Und noch 2000.“

Duo stieß einen leisen Pfiff aus. „Leute, überlegt’s euch,“ gab er den vier anderen Mitspielern zu bedenken. „Ist ein Haufen Geld. Aber ich bleib drin,“ wieder warf er Heero einen herausfordernden Blick zu, „Er will sich bloß aus seinem Bluff rauskaufen.“

Für einen Moment starrten sie sich nur an, beide herausfordernd, beide leicht sarkastisch, dann riss sich Duo von Heeros Blick los.

„Josh?“

„Zwei,“ sagte Josh und legte die 2000 Dollar in Chips auf den Tisch.

Holly stöhnte, stieg jedoch nicht aus. „Ich geh mit,“ sagte sie und warf die Chips in die Mitte.

„Ich auch,“ sagten Shane und Topher und vergrößerten den Einsatz immer mehr.

„Dann lassen Sie mal sehen,“ sagte Duo und alle Augen richteten sich auf Heero.

Heero blickte die anderen kurz an, dann griff er nach seinen Karten. „Ich weiß ja nicht was vier Neunen wert sind, aber das Ass ist glaub ich recht hoch,“ sagte er, während er sein Blatt umdrehte.

„Alter,“ sagte Barry mit Bewunderung in der Stimme. Die anderen schwiegen. Und Heero sah Duo über den Tisch hinweg an, mit einem winzigen Lächeln im Gesicht, eigentlich nur ein leicht hochgezogener Mundwinkel.

„Danke für den Tipp mit dem Bluff,“ sagte Josh sarkastisch, doch Duo registrierte es nur am Rande.

Offenbar war den Kids nun das Geld ausgegangen – oder sie hatten keine Lust mehr – denn sie standen auf, schnappten sich ihre Jacken und verließen mürrisch das Hinterzimmer. Duo stand ebenfalls auf und folgte Topher durch den Club hinaus auf die Straße.

Vor dem Club wurde Topher sofort von einer Horde Fans angefallen, und Duo machte das er etwas Abstand gewann. Dann spürte er wie sich ihm jemand näherte, und als er den Kopf drehte erkannte er Heero, der die letzten Geldscheine wegsteckend lächelnd neben ihn trat.

Duo erwiderte das Lächeln, drehte sich um und ging zu seinem Wagen. Und ganz wie in alten Zeiten verstand Heero ihn auch ohne Worte und folgte ihm.


Kapitel 3


Duo saß am Steuer von Deathscythe, seinem geliebten, tiefschwarzen Cabrio und fuhr durch die nächtlichen Straßen von Hollywood. Er hätte ewig so weiter fahren können, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Zum ersten Mal seit drei Jahren fühlte sich alles wieder richtig an. Und das nur weil Heero neben ihm saß. Es schien als wenn die Welt plötzlich wieder klare Konturen und Farben hatte, alles war so gedämpft und irgendwie langweilig gewesen ohne Heero.

"Gott, bin ich gelangweilt," verkündete er dann auch, während er sich endlich innerlich auf ein Ziel geeinigt hatte und in die Richtung fuhr.

"Du siehst auch gelangweilt aus," bestätigte Heero.

Duo warf einen kurzen Blick zur Seite. Sein Freund saß völlig entspannt im Wagen, hatte seinen Ellenbogen auf die Tür gesetzt und lehnte sich mit seinem Kopf auf seine Hand. Der Fahrtwind spielte mit Heeros verwuseltem Haar. Duo saugte diesen Anblick fast gierig ein und speicherte ihn sorgfältig in seiner Erinnerung.

"Ich bin gelangweilt!" sagte Duo mit fester Stimme. Kein Wunder, in den letzten Jahren hatte es nichts gegeben, dass ihn aus dieser Langeweile hätte befreien können. Ohne Heero machte kein Job Spaß. Diese kleine Betrügerei heute Abend war zehnmal so interessant gewesen wie jeder andere Gig in den letzten drei Jahren.

Er fragte sich, wie es seinem Freund wohl im Gefängnis ergangen war. "Und wie war es im Bau? Sind meine Kekse angekommen?"

Duo stellte diese Frage bewusst flapsig. Er hoffte nur das Heero es ihm nicht vorhalten würde, dass er ihn nie besucht hatte. Kurz bevor Heero zu diesem verhängnisvollen - total schwachsinnigen - Job aufgebrochen war hatten Duo und Heero sich deswegen gestritten. Duo hielt es nicht für machbar und er hasste den Grund der Heero dazu antrieb. Mein Gott, man sollte doch annehmen das jemand so intelligentes wie Heero das auch sehen würde! Aber nein.

Sie hatten sich deswegen gestritten. Gestritten wie noch niemals zuvor ihn ihrem Leben. Und wenn man bedachte, dass sie sich kannten und zusammenarbeiteten seit sie beide ungefähr zehn waren, dann war das eine verdammt ernste Sache. Und so war Duo damals geflohen. Er wollte sich nicht mit Heero streiten und konnte einfach den Grund für diesen Streit nicht ertragen. Er war nach Europa gegangen, hatte versucht sich dort ein neues Leben aufzubauen.

Und Heero war geschnappt und relativ schnell verurteilt worden. Die Justiz hatte nur darauf gewartet ihm endlich etwas nachweisen zu können. Trotz all der bösen Worte zwischen ihnen wäre Duo sofort zu Heero geeilt um ihn zumindest so zu unterstützen. Aber er konnte nicht.

Er hatte es nicht gewagt. Er wusste dass er den Anblick eines gefangenen Heeros nicht ertragen könnte. Das hätte ihn fertig gemacht und ihn wahrscheinlich dazu gebracht etwas furchtbar dummes zu tun. Ihn wieder und wieder über seine Dummheit anzuschreien oder vielleicht sogar sein großes Geheimnis zu enthüllen. Duo schüttelte innerlich den Kopf. Und das hätte ihre Freundschaft für immer zerstört. Das konnte er einfach nicht riskieren. Ein Leben so völlig ohne Heero war farblos und langweilig. Das hatte er jetzt in den letzten Jahren auf schmerzliche Art und Weise erfahren müssen. Das würde er nicht zulassen. Er würde alles tun um ihre Freundschaft nicht zu zerstören.

Und so hatte er Heero während der letzten Jahre nicht besucht. Hatte Howards Warnung, das schließlich auch er auf diversen Verdächtigenlisten stand und er jetzt besser nicht auffallen sollte als Grund dafür vorgeschoben. Oh, er war mit Heero in Kontakt geblieben, so was in der Art. Er hatte ihm wieder und wieder Postkarten und kleine Päckchen geschickt. Aber alle ohne Absender, so dass Heero nie in der Lage gewesen war ihm zurückzuschreiben, falls der dazu je das Bedürfnis verspürt hatte. Duo hoffte nur inständig das Heero den vorgeschobenen Grund akzeptieren würde.

"Was glaubst du warum ich als erstes bei dir aufkreuze?" beantwortete Heero die Frage die Duo vor ein paar Sekunden gestellt hatte.

Duos Herz überschlug sich fast vor Freude. Heero schien ihm nicht böse zu sein. Und er war als erstes zu ihm gekommen. Das hieß, der andere wollte ihre alte Partnerschaft wieder. Duo summte fast vor Glück. Außerdem kannte er diesen Tonfall von Heero genau. Wenn er so sprach, dann hatte er einen neuen Plan. Duo konnte es gar nicht mehr erwarten davon zu hören.

Inzwischen hatten sie Duos Ziel erreicht. Das - nach seiner Meinung - beste chinesische Restaurant in der Stadt. Schnell parkte Duo Deathscythe und die beiden Männer gingen dann ohne weitere Worte hinein.

Sie ließen sich einen Tisch in einer abgeschiednen Ecke geben und bestellten schnell. Duo hatte nicht wirklich Hunger, dazu flogen die Schmetterlinge in seinem Bauch viel zu aufgeregt hin und her, aber er bestellte trotzdem sein übliches. Innerhalb weniger Augenblicke hatten sie beide dampfenden Tee vor sich stehen.

Duo hielt die Anspannung kaum noch aus. Er hatte zwar erst bis nach dem Essen warten wollen, doch er musste es jetzt wissen. "Dann erzähl mal," forderte er Heero auf.

Dieser saß ihm gegenüber, er beugte sich fast verschwörerisch nach vorne und sah Duo tief in die Augen. Duo hätte in diesem Blick versinken können, zwang sich aber sich zu konzentrieren. "Es ist knifflig."

Duo lachte beinah auf. Jeder große Plan von Heero war knifflig. Das machte die Sache ja immer so wahnsinnig interessant. Durch eine Geste forderte er Heero auf weiter zu reden.

"So was ist noch nie gemacht worden," Heeros Blick wurde immer intensiver, verbrannte Duo fast. "Es erfordert Planung und ne große Crew."

"Waffen?" fragte Duo besorgt.

"Nicht unbedingt. Schwerste Bewachung, aber die Beute...."

Duos Neugierde ließ ihn unruhig werden. Und es half auch nicht, das Heero sich so verklausuliert ausdrückte. Wenn Heero damit erreichen wollte das er Duos Aufmerksamkeit hatte, dann hatte er damit Erfolg. Duo wusste schon jetzt das er bei dem Gig mitmachen würde, egal worum es sich handelte. Aber er würde auch nicht aufhören zu fragen.

"Gegen wen geht's?"

Heero ließ sich nicht unterbrechen. "Achtstellig für jeden."

Wow. Das musste ja ein höllischer Raubzug sein. Duo spürte wie seine Hände vor Aufregung feucht wurden. "Gegen wen geht's?" wiederholte er, mit dringlicherem Tonfall.

Heero zog nur seine Mundwinkel zu seinem berühmt berüchtigten Grinsen hoch, ein Grinsen das Duo schon zu normalen Zeiten die Knie weich werden ließ. Dann hob er seine Tasse und trank einen kleinen Schluck. Danach sagte er mit einem Funkeln in den Augen, "Willst du mal wieder nach Vegas?"

Duo griff sich ebenfalls seine Tasse. "Sag bloß du willst ein Casino ausräumen?" fragte er mit belegter Stimme. Er nahm einen tiefen Schluck.

Heero schüttelte leicht den Kopf. Dann hob er seine Hand und zeigte Duo drei Finger.

Duos verschluckte sich fast, seine Augen fielen ihm beinah aus dem Kopf und er starrte ungläubig auf die drei Finger. Dann warf er einen fragenden Blick zu Heero. Der lächelte immer noch und nickte leicht, während das Strahlen in seinen Augen Duos Frage bestätigten.

Duos Herz raste. Heero wollte tatsächlich drei Casinos ausräumen? Auf einmal? Das war wahrscheinlich der aufregendste Raubzug aller Zeiten. Zumindest hatte Heero seine Zeit im Knast mit Planen verbracht. "Oooooohhhhhhhhh," gab Duo kopfschüttelnd als Kommentar zurück. Er setzte die Tasse ab, grinste sein breitestes Grinsen und starrte Heero erwartungsvoll an. Jetzt wollte er alles über diesen Raubzug erfahren.

****************************************************************

Zwei Stunden später stand Duo neben Heero in einem Büro und war über einen Grundriss gebeugt. Wie es der Zufall so wollte hatte das Architekturbüro das für den Bau ihres Zielgebäudes verantwortlich war hier seinen Hauptsitz. Das war sehr praktisch, so konnte Heero seine Idee genauer erläutern.

Duo beugte sich noch dichter über den Plan. Die Risszeichnung lag auf einem Leuchttisch, jede Kleinigkeit war genau zu erkennen. Es war ein Plan von einem Tresorraum. Duo strich sich überlegend über das Kinn während er versuchte alle Einzelheiten in sich aufzunehmen.

"Der Tresorraum im Bellagio," sagte Heero mit seiner absolut ruhigen Stimme.

"Hmmm," machte Duo und schaute noch mehr. "Pffffuuhhh," war sein nächster Kommentar.

"Und?" fragte Heero.

"Wenn ich das richtig deute - und davon gehe ich gern aus - dann ist das vermutlich der am schwersten zugängliche Tresorraum aller Zeiten."

Heero beugte sich auch weiter vor, stieß dabei mit Duos Schulter zusammen, was leichte Stromschläge bei dem Langhaarigen auslöste. Es war eine süße Qual dem anderen so nah zu sein. Sein Aftershave zu riechen, die Wärme seines Körpers zu spüren. Aber Duo rief sich selbst zur Ordnung und konzentrierte sich lieber wieder auf den Plan.

"Jep!" antwortete Heero in seiner gewohnt eloquenten Art.

"Du sagtest was von drei Casinos?" fragte Duo. Er sah hier nur einen Tresorraum.

Heero zeigte auf zwei Gänge die in den Tresorraum führten. "Diese Wege führen ins Mirage und ins MGM Grand. Diese beiden Casinos haben keinen eigenen Tresorraum. Jeder Cent von dort kommt hier an."

Duo fuhr die Wege auf dem Plan nach. "Das Bellagio, das Mirage und das MGM Grand. Das sind doch alles Läden von Treize Khushrenada," sagte er aufgeregt. Khushrenada war zurzeit DIE Größe in Las Vegas.

"In der Tat," erwiderte Heero.

Duo schüttelte den Kopf.

"Meinst du er hat was dagegen?" fragte Heero.

Duo blickte vom Plan auf und ertrank beinah wieder in Heeros kobaltblauen Augen. "Wäre doch möglich," gab er zu bedenken.

Heero grinste nur.

Einige Minuten später saßen Duo und Heero sich gegenüber. Duo hatte den Grundriss bis in jede Einzelheit studiert. Jetzt wollte Heero von ihm wissen was er von der Idee hielt.

So hatten sie immer gearbeitet. Einer hatte einen Plan, gab die groben Parameter an den anderen, der entwickelte seinen eigenen Plan. Und dann nahmen sie beide Ideen und packten sie zusammen zu einem endgültigen Plan. Jeder von ihnen hatte seine Stärken und Schwächen, aber zusammen waren sie unschlagbar.

"Du brauchst ein gutes Dutzend Leute, die eine Menge Jobs durchziehen," sagte Duo und rieb sich wieder mit der Hand über das Kinn. Er bemerkte wie Heero auf seine Hand starrte. Duo seufzte innerlich. Er wusste ja selbst das es nicht die intelligenteste Idee gewesen war dieses Tattoo machen zu lassen - noch dazu ein so großes das sich von seinem Unterarm bis auf seinen Handrücken zog wo es jeder sehen konnte. Aber er war betrunken gewesen und hatte über die Konsequenzen nicht nachgedacht. Zum Glück hatte Heero noch nichts zu dem Tattoo gesagt, obwohl der Blick allein Duo eigentlich schon völlig reichte.

"Und was für Leute?" hakte Heero nach.

Duo zuckte mit den Schultern. "Ganz spontan würde ich sagen, du suchst einen Bill Gates, einen Jim Brown, eine Miss Daisy, zwei Clowns und einen Joe Frasier. Nicht zu vergessen den wohl besten Alfred Hitchcock der Welt." Duo und Heero sahen sich beide lächelnd an. Sie wussten beide wer den letzten Job übernehmen würde.

"Und wer soll dir das ganze vorfinanzieren?" wollte Duo noch wissen.

Heero zeigte mit seinem Kopf zu dem Grundriss. "Wenn wir diese drei Casinos ausnehmen, dann finden wir Sponsoren," sagte er mit absolutem Selbstbewusstsein in der Stimme. "Khushrenada hat eine Lange Liste von Feinden."

Duo nickte. Das stimmte, Khushrenada hatte sich auf seinem Weg zur Spitze kaum Freunde gemacht. Aber er war auch als jemand bekannt der sein Eigentum mit aller Macht schützte und sehr rachsüchtig war. "Aber Feinde mit Kohle die nichts zu verlieren haben?" gab Duo zu bedenken.

Heero antwortete nicht sondern blickte ihn nur erwartungsvoll an. Einen Moment später kam Duo die Erleuchtung. "Ahhhh. Quatre."

"Quatre," bestätigte Heero.

Aber bevor Duo noch etwas erwidern konnte, war plötzlich ein lautes, "Hey!" zu hören und eine kräftige Taschenlampe leuchtete in ihre Richtung.

Duo und Heero hoben automatisch ihre Arme um die Augen abzudecken. "Hältst du sie bitte etwas runter, Oskar?" fragte Heero.

Der Wachmann knipste die Lampe aus. "Tschuldigung," sagte er und sah fast betreten drein. "Seid ihr hier oben durch? Habt ihr alles gefunden?"

Duo sah wie Heero den Plan zusammenrollte und hochhob. "Ja. Aber wir leihen uns die hier aus und machen davon ein paar Kopien, wenn das in Ordnung geht."

"Nehmt was ihr braucht," sagte Oskar.

Duo grinste. Es zahlte sich doch immer aus, die richtigen Leute zu kennen.

"Nett von dir," erwiderte Heero noch, dann drehte er sich um und ging in Richtung Fahrstuhl, dicht gefolgt von Duo.

Während sie auf den Fahrstuhl warteten war Duo tief in Gedanken versunken. Unruhig rieb er sich das Kinn.

Das schien auch Heeros Aufmerksamkeit zu erregen. "Was?" fragte er plötzlich.

Duo drehte sich zu seinem Freund um. Er wusste er würde bei diesem Coup mitarbeiten, er konnte gar nicht anders. Aber es gab noch Dinge die er vorher wissen musste. "Sag mir einen Grund."

Heero seufzte.

Doch Duo redete weiter. "Und komm mir nicht mit Geld." Das konnte kein Grund sein. Sicher Heero war wahrscheinlich nicht viel von seinem Vermögen übrig geblieben, nicht nachdem sich der Staat, die Anwälte und der Grund für ihren Streit sich daran bedient hatten. Aber wenn Heero wirklich dringend Kohle benötigte dann hätten sie nur ein paar von diesen kleinen Betrügereien wie heute Abend durchziehen müssen, das würde für die nächste Zeit reichen. Aber nein, Heero wollte nicht ein paar Tausender abgreifen, sondern den gefährlichsten Mann der Staaten um Abermillionen erleichtern.

"Die Frage ist also wieso?" fügte Duo noch hinzu.

Heero zuckte nur leicht mit den Schultern. "Die Frage ist 'Wieso nicht'?"

Duo starrte ihn nur an und schüttelte mit dem Kopf. Er würde hier warten bis er eine richtige Antwort bekam.

Und das schien auch Heero erkannt zu haben. Er rollte kurz mit den Augen und sagte dann. "Weil ich gestern aus dem Knast rausgekommen bin. Das waren volle drei Jahre meines Lebens. Und weil du es nötig hast Teenie-Stars am Tisch abzuzocken."

Duo grummelte bei der letzten Aussage stumm vor sich hin und wackelte mit dem Kopf.

"Und weil die Bank immer gewinnt!" Heero kam noch einen Schritt auf Duo zu, stand jetzt ganz dicht vor ihm. "Die Bank nimmt dich aus, wenn du zulange zockst. Es sei denn, du bekommst einmal ein absolutes Spitzenblatt. Dann kannst du den Spieß umdrehen."

Es war ja so klar das Heero sich auf Vergleiche aus dem Spiel zurückzog. Duo lächelte fast. Auf diese Art und Weise hatte Howard ihnen auch immer die Welt erklärt. Duo schaute Heero tief in die Augen. Dann sagte er, "Du hast diese kleine Ansprache vorher geübt, oder?"

Heero grinste leicht. "Ein kleines bisschen," gab er zu. "War ich zu schnell?"

"Nein, nein, nein," beruhigte Duo ihn. "Kam echt gut rüber. Echt klasse." Er verzog sein Gesicht zu seinem halb gequälten Grinsen. "Nur das mit den Teenies war hart."

In dem Moment kam der Fahrstuhl und öffnete sich. Duo und Heero traten fast im Gleichschritt ein. Heero drückte die Taste fürs Erdgeschoss, dann spielte er mit den zusammengerollten Plänen.

Duo grinste wieder. Er verschränkte seine Arme vor der Brust und sagte, "Ich bin ja mal gespannt was Quatre sagt." Die Fahrstuhltür schloss sich. 



Kapitel 4


"Ihr seid vollkommen durchgeknallt."

Duo unterdrückte schnell ein Lächeln und war froh das die Sonnenbrille die er trug seine Augen verdeckte. Sonst hätte Quatre das Lachen darin sicherlich gesehen. Es war ein wunderschöner Tag, die Sonne schien und es war warm - wie eigentlich fast immer in Las Vegas. Er, Heero und Quatre saßen draußen im Garten von Quatres riesigem Anwesen, nahe am Pool und genossen ein spätes Mittagessen. Und genau wie er es erwartet hatte fiel Quatres Reaktion auf Heeros Plan nicht sonderlich begeistert aus.

"Hört ihr mir zu? Ihr seid wahnsinnig," verstärkte Quatre seine Aussage auch noch. "Ich bin der größte Experte in Sachen Casinosicherheit den es gibt. Mein Vater war sozusagen der Erfinder. Und sie kann nicht überlistet werden." Quatre griff nach seiner Gabel und stocherte ungeduldig in seinem Salat herum, aß aber nichts davon. Heero und Duo sahen ihm gelassen dabei zu.

Offenbar hatte Quatre eine etwas andere Reaktion auf seine Absage von ihnen beiden erwartet, denn er begann jetzt damit ihnen die Gründe aufzuzählen. "Da sind Kameras, da sind Aufpasser, da sind Schleusen, da sind Timer, da sind Panzertüren," Quatre lehnte sich etwas vor und sah Heero und Duo abwechselnd intensiv über den Rand seiner Sonnenbrille an. "Da ist ne Privatarmee groß genug um in Paris einzumarschieren." Quatre nahm einen Bissen Salat. "Ok, blödes Beispiel."

"Es ist noch nie versucht worden," warf Heero ruhig ein. Aus den Augenwinkeln warf Duo ihm einen kurzen Blick zu. Heero sah einfach zum anbeißen gut aus, er hatte wegen des warmen Wetters die obersten Knöpfe seines Hemds geöffnet und auf eine Krawatte verzichtet. Und Duo konnte sich nur mit Mühe davon abhalten nicht ständig auf dieses Stückchen freier Haut zu starren, das dadurch zu sehen war.

"Ohoho, natürlich, noch nie versucht worden," ahmte Quatre sarkastisch Heeros Aussage nach. "Es wurde versucht," versicherte er ihnen nickend. "Ein paar Jungs wären sogar fast durchgekommen." Quatre legte die Gabel ab und lehnte sich beinahe entspannt in seinem Stuhl zurück. "Kennt ihr die drei erfolgreichsten Raubüberfälle in der Geschichte von Vegas?" fragte er schließlich.

Duo und Heero sahen ihn weiterhin nur ausdruckslos an. Die beiden kannten das Spiel - Quatre musste erst immer alle Contras aufzählen, die ihm in den Sinn kamen. Und so manches Mal hatten sie ihn auch tatsächlich nicht dazu überreden können, bei einem ihrer Pläne mitzuwirken. Doch Duo war sich sicher, dass der Köder für diesen Coup viel zu verlockend war, als das Quatre nein sagen würde.

"Auf Platz 3," erzählte Quatre, "die Bronzemedaille. So ein Schlipsträger greift sich im Horseshoe ne Geldkassette. Er ist zwei Schritte näher an die Tür rangekommen als jeder andere vor ihm bevor die Wachleute ihn geschnappt haben."

Erneut unterdrückte Duo schnell ein Lächeln. Quatre genoss seine kleine Geschichte so offensichtlich, da wollte er ihn nicht dabei unterbrechen.

"Zweiterfolgreichster Raubüberfall," Quatres Augen funkelten vor Vergnügen so stark, dass man es sogar durch die Gläser der Sonnenbrille sehen konnte. "Das Flamingo 71. Der Mann hat tatsächlich noch frischen Sauerstoff geschnuppert bevor sie ihn erwischt haben. Allerdings hat er die folgenden drei Wochen durch einen Schlauch geatmet, dank des Schlagstocks des Wachmanns der ihn aufgehalten hat. Dieser bescheuerte Hippie."

Duo blickte schnell nach unten auf den Tisch. Wenn Quatre noch lange so weitermachte, dann würde er sich bald nicht mehr halten können. Er wusste wirklich nicht wieso, aber Quatre hörte sich gerade genauso an wie sein Vater. Wahrscheinlich war dieser es, der Quatre die Geschichte der erfolgreichsten Raubüberfälle von Las Vegas erzählt hatte, und Quatre imitierte nun - bewusst oder unbewusst - genau dessen Sprechweise. Denn Duo war sich sicher, das vor allem der letzte Satz originalgetreu aus Ruben Winners Mund stammte.

"Und der Junge, der am dichtesten dran war einen Raubüberfall auf ein Las Vegas Casino zu Ende zu bringen scheiterte vor dem Caesar's, 87. Er kam, griff zu, sie siegten," Quatre machte mit seiner Hand die Geste einer abfeuernden Pistole. Er blickte Duo und Heero eine Sekunde erwartungsvoll an, so als müsste jetzt eine Reaktion kommen.

"Aber was rede ich?" sagte Quatre schließlich. "Ihr seid schließlich keine Amateure. Ihr seid die Besten. Ich bin sicher ihr schafft's bis raus vors Casino," erneut griff Quatre nach der Gabel um damit in seinem Salat zu spielen. "Doch falls die Herren den Einwand gestatten," jetzt wurde er eindeutig sarkastisch, "wenn ihr draußen seid vor der Tür seid ihr immer noch in der Wüste, verflucht noch mal!"

Duo und Heero hatten sich während des Ausbruches nicht gerührt. Mit unbewegtem Gesichtsausdruck sahen sie Quatre eine Sekunde lang an, dann sagte Duo plötzlich, "Du hast Recht." Dann drehte er den Kopf und wandte sich an Heero, "Er hat Recht."

"Quatre du hast Recht," wiederholte Heero Duos Aussage. "Unsere Augen waren größer als der Magen."

"Ja genau das war's," bestätigte Duo. "Pures Ego." Er wischte sich die Hände an seiner Serviette ab.

"Ja, ja, ja, bla, bla, bla," machte Quatre und stocherte weiter in seinem Salat herum.

"Danke für das Essen," sagte Heero, griff sich die Serviette und tupfte sich den Mund ab.

"Der Salat war köstlich," warf Duo ein während er sich erhob.

"Entschuldige die Störung," sagte Heero, erhob sich und reichte Quatre die Hand. Duo tat es ihm nach.

"Hört zu, wir kennen uns schon unheimlich lange," sagte Quatre in entschuldigendem Tonfall, "und ich steh in eurer Schuld wegen dem Ding mit dem Kerl in dem Ding. Das vergess ich euch nie."

"War uns ein Vergnügen," winkte Heero ab.

"Ich war nie auf den Bahamas," warf Duo ein. Sie hatten sich schließlich damals darauf geeinigt nicht wieder darüber zu sprechen. Bei jedem anderen hätten sowohl Heero als auch Duo eine Gefälligkeit als Gegenleistung erwartet, aber Quatre war eine Ausnahme.

Heero und Duo hatten Quatre vor etwas mehr als 10 Jahren kennen gelernt. Damals hatten die beiden sich in eine dieser reichen Eliteschulen eingeschlichen - irgendsoein Internat auf das die Reichen und Mächtigen ihre Sprösslinge schickten, damit diese den nötigen Schliff bekamen. Die eigentlich Ausbildung war dabei noch nicht einmal das wichtigste, es ging mehr darum wichtige Beziehungen zu knüpfen. Und darum, den Nachwuchs loszusein und sich nicht selbst um dessen Erziehung kümmern zu müssen.

Wie auch immer, Heero und Duo hatten sich als Kinder reicher Eltern ausgegeben und in diese Schule eingeschlichen. Und dort hatten sie sofort angefangen die reichen Bälger auszunehmen. Das war beinahe noch einfacher gewesen als die Teenie-Schauspieler beim Poker abzuzocken. Doch dann hatten sie einen Fehler gemacht. Sie hatten sich Quatre als eines der möglichen Opfer ausgesucht.

Quatre hatte so unendlich naiv gewirkt mit seinen blonden Locken, den unschuldigen blauen Augen und dem kindlichen Gesicht. Noch naiver als all die anderen verwöhnten Kids. Doch dieses Äußere täuschte. Quatre hatte ihr kleines Spiel in Null Komma Nichts durchschaut gehabt. Duo und Heero waren wie erstarrt gewesen - das war ihnen noch niemals zuvor passiert, und sie hatten sich bis dahin für unverwundbar gehalten.

Doch statt entsetzt zu sein hatte Quatres Reaktion nur aus Belustigung bestanden. Und statt sie auffliegen zu lassen hatte er sie dazu überredet, ihn bei ihrem kleinen 'Spiel' mitmachen zu lassen. Gut, eigentlich hatte er sie eher dazu erpresst, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Denn in diesen Wochen in denen die drei zusammengearbeitet hatten um Quatres Klassenkameraden auszunehmen, da waren sie Freunde geworden. Echte Freunde.

"Gebt Rashid eure Adressen," rief Quatre ihnen hinterher. "Ich hab noch ein paar Möbel rumstehen die ich euch schicken will."

Duo drehte den Kopf und deutete mit der Hand in Quatres Richtung, um diesem zu zeigen, dass sie ihn gehört hatten.

Die beiden hatten das Ende der riesigen Terrasse schon beinahe erreicht, als Quatre ihnen noch etwas hinterher rief. "Wartet, nur so aus purer Neugierde, welche Casinos wolltet ihr Genies euch denn vornehmen?"

Duo und Heero waren stehen geblieben und sahen sich nun an. Duo nahm seine Sonnenbrille ab und polierte sie an seinem Jackett. "Das Belagio, das..." murmelte er vor sich hin.

"Das Belagio, das Mirage und das MGM Grand," wiederholte Heero Duos Gemurmel laut in Quatres Richtung. Dann drehten die beiden sich wieder um und setzten ihren Weg fort, nicht ohne sich amüsierte Blicke zuzuwerfen. Das war es. Sie hatten Quatre an der Angel.

Ein lautes Klirren war zu hören als Quatres Gabel abrupt auf den Teller fiel. "Das sind doch Treize Khushrenadas Casinos."

"Ist das so?" fragte Duo gespielt erstaunt in Heeros Richtung.

"So ist das," antwortete Heero ihm amüsiert.

Quatre stand von seinem Platz am Tisch auf und kam langsam auf die beiden zu. "Lasst hören," rief er leicht misstrauisch, "Was habt ihr gegen Treize Khushrenada?"

"Was hast du gegen ihn, das ist hier die Frage," konterte Heero.

"Er hat das Casino meines Vaters pulverisiert," war Quatres Antwort, und in seinen Augen funkelte es gefährlich. "Er hat ihn abgesägt. Dieses Casino hat meinem Vater viel bedeutet, und Khushrenada wird es nächsten Monat in die Luft sprengen um Platz zu schaffen für so ne steingewordene Scheußlichkeit." Quatre beäugte Heero und Duo abwechselnd. "Glaubt ihr ich seh nicht was ihr abziehen wollt?"

"Was wollen wir den abziehen?" fragte Duo gekonnt unschuldig.

"Wenn ihr Geld von Treize Khushrenada stehlt muss euch das klar sein, verflucht!" schimpfte Quatre. "Solche Sachen liefen früher ganz zivilisiert. Du zockst einen Kerl ab, er killt dich, und Schluss. Aber Khushrenada..." Quatre machte eine dramatische Pause, "Wenn das Ding erledigt ist betet das er nie rauskriegt das ihr dabei wart, oder wie ihr heißt. Am besten er hält euch für tot, sonst macht er euch kalt. Und danach foltert er euch."

Heero ging ein paar Schritte näher an Quatre heran. "Darum müssen wir auch sehr vorsichtig sein," sagte er, "und sehr präzise."

"Sehr zahlungskräftig," präzisierte Duo und trat nun auch näher heran.

"Jaaa," machte Quatre und sah abwechselnd von Duo zu Heero. "Und ziemlich krank noch dazu. Und es geht nicht ohne eine Crew die genauso krank ist wie ihr." Für ein paar Sekunden sah er weiterhin nur zweifelnd zwischen Duo und Heero hin und her, dann änderte sich plötzlich etwas in seinem Blick. "An wen habt ihr denn so gedacht?"


****************************************************************

"Schön, also wer ist dabei?"

Duo und Heero saßen in einem kleinen Straßencafe in Los Angeles und gingen die Liste der möglichen Kandidaten durch. Nachdem Quatre den Köder geschluckt und zugesagt hatte ging es jetzt darum, den Rest der Crew zusammenzustellen. Und bedachte man um was für einen Job es sich handelte, so wollten sowohl Heero als auch Duo nur die besten ihrer Branche dafür haben.

"Sally Po ist dabei," antwortete Heero auf Duos Frage. "Sally Po hat sich eine chronische Bronchitis zugezogen und bewirbt sich um eine Versetzung in ein wärmeres Klima."

Duo grinste vor sich hin und machte einen Haken hinter Sallys Namen. Er konnte es sich so richtig vorstellen wie Sally ihrem Vorgesetzten die chronisch kranke, aber trotzdem arbeitswillige Angestellte vorspielte. Und er wusste auch ganz genau, dass ihre Bewerbung Erfolg haben würde - schließlich war er es gewesen, der ihr diesen Hundebabyblick beigebracht hatte.

"Wie steht's mit Fahrern?" fragte Heero.

Duo ließ seinen Blick kurz über die Liste wandern. "Ich hab gestern mit Hilde und Noin gesprochen," antwortete er.

"Die Mormonen-Zwillinge?" fragte Heero.

"Hm," bejahte Duo. "Sie sind in Salt Lake City, seit sechs Monaten ohne Job. Ich glaube die haben Mühe die Zeit totzuschlagen." In Gedanken ließ Duo noch einmal kurz das Gespräch mit Hilde Revue passieren. Sie war noch immer völlig aufgebracht gewesen als sie mit Duo gesprochen hatte. Offenbar hatte sie kurz vorher mit ihrer Schwester Noin ein 'Autorennen' gefahren. Nur das Hilde statt eines richtigen Autos eines ihrer geliebten Modelle an die Startlinie geschickt hatte. Und wenn Noin nicht geschummelt und das Modellauto nicht einfach mit ihrem Monstertruck über den Haufen gefahren hätte, dann hätte Hilde auch gewonnen. Zumindest war es das was sie Duo erzählt hatte. Duo schüttelte innerlich den Kopf. Wenn das ein Beispiel dafür war was die beiden zu ihrer Unterhaltung unternahmen, dann mussten sie sich wirklich furchtbar langweilen.

"Abteilung Technik?" fragte Heero und riss Duo so aus seinen Gedanken.

"Trowa Barton," antwortete Duo. Dafür musste er nicht extra die List überfliegen. Sie hatten zwar noch niemals zuvor mit Trowa gearbeitet, aber für diesen Job wollten sie die Besten, und Trowa war der Beste auf diesem Gebiet. "Trowa ist jetzt Freiberufler," fuhr er fort. "Er überwacht die Mafia fürs FBI."

"Wie geht's seinen Nerven?" fragte Heero. Auch wenn sie noch nie zuvor mit Trowa zusammengearbeitet hatten, bedeutete das nicht, dass sie noch nie von ihm gehört hatten. In ihrer Branche kannte man die anderen Mitspieler. Zumindest die wichtigen.

"Ganz gut," antwortete Duo, "nicht so dass es einem auffällt." Allerdings konnte Duo es sich nicht vorstellen, das Trowa lange für das FBI arbeiten würde. Wenn Trowa eins nicht ausstehen konnte, dann dass andere - unwissende und unfähige - Leute sein technisches Equipment anfassten. Dieser Ruf eilte ihm weit voraus, und Duo glaubte nicht, dass das FBI da lange mitspielen würde. Und Trowas Fähigkeiten waren an das FBI sowieso verschwendet.

"Feuerwerker?" fragte Duo schließlich.

"Phil Turentine," antwortete Heero abwesend, den Blick auf irgendetwas weiter unten im Park gerichtet.

Duo sah von seiner Liste auf. "Gestorben," antwortete er.

Heero drehte den Kopf und sah ihn direkt an. "Ach Quatsch," sagte er ungläubig. "Bei nem Job?"

"Hautkrebs," war Duos lakonische Antwort.

Heero sah ihn einen Moment weiter nur an, dann sagte er, "Hast du Blumen geschickt?"

"Hab seine Frau getröstet," antwortete Duo flapsig. Es war immer schlimm wenn einer der wirklich guten Leute starb - und dann auch noch so sinnlos, an einer Krankheit. Duo hatte Phils Frau tatsächlich getröstet nach der Beerdigung, wenn auch nicht so wie es seine flapsig dahingeworfene Andeutung vermuten ließ. Es gab eben nichts das so gut tröstete wie Schokoladenkuchen und Eis.

"Hn," machte Heero, drehte seinen Kopf und sah wieder auf den Park hinaus. Duo blickte noch einen Moment länger suchend in Heeros Gesicht. Er wusste nicht wieso er immer noch darauf hoffte, hoffte das seine Bemerkung über das trösten der Witwe irgendeine Reaktion in Heero hervorrief - Missfallen, Ärger, Eifersucht, irgendwas. Doch wie immer blieb Heeros Gesicht völlig ausdruckslos, und so senkte Duo seinen Blick schließlich wieder auf die Liste.

"Du trägst das Kreuz gar nicht mehr," sagte Heero plötzlich aus heiterem Himmel, den Blick immer noch abgewandt.

Duo blickte verblüfft auf. Er hätte nicht gedacht, dass es Heero auffallen würde. Auch wenn Heero ihm das Kreuz geschenkt hatte, damals vor unendlich langer Zeit als sie noch unter Howards Fittichen gestanden hatten. Es war kurz nach ihrem ersten erfolgreichen Coup gewesen. Heero hatte gesehen wie sehnsüchtig Duo eines der goldenen Kreuze in einem der Schaufenster eines Juweliers angestarrt hatte. Das Kreuz hatte Duo an das christliche Waisenhaus erinnert, in dem er eine kurze, glückliche Zeit verbracht hatte.

Und dann, urplötzlich und völlig unverhofft hatte Heero ihm das Kreuz geschenkt. Er hatte es ‚besorgt' indem er seine nicht unerheblichen Talente als Taschendieb eingesetzt hatte. Und Duo hatte dieses Kreuz seither stets getragen - hatte es doch dadurch, das es ein Geschenk von Heero gewesen war eine viel tiefere Bedeutung angenommen. Er hatte es immer getragen - bis zu jenem Tag vor drei Jahren, als er und Heero sich so sehr gestritten hatten, dass Duo nach Europa geflohen war.

"Ich hab es verkauft," antwortete Duo flach. Gott, wieso nur tat es so weh?

Heero nickte nur stumm und starrte weiter hinaus in den Park. "Dorothy Catalonia ist in der Stadt," sagte er schließlich und sah wieder zu Duo.

Duo seufzte lautlos. Ganz wie er es sich gedacht hatte, Heero würde nichts sagen. Und wieso auch. Schließlich hatte es noch niemals irgendwelche Anzeichen gegeben das Heero mehr für ihn empfinden würde als nur Freundschaft. Eine unglaublich enge Freundschaft zwar, aber dennoch nicht mehr. Und so schwer es auch war, Duo würde sich damit zufrieden geben. Er hob die Augen und sah Heero direkt an, jede Hoffnung auf mehr aus seinem Blick verbannt. Zurück zum Geschäft.

"Dorothy könnte möglicherweise unabkömmlich sein," antwortete Duo schließlich auf Heeros Bemerkung.


Kapitel 5


Idiot Nr. 1 rannte eilig von der Tresortür weg und ließ dabei die Leitung von einer Kabelrolle herunter gleiten. Idiot 2 und 3 hatten sich schon hinter der Flurecke versteckt. Dorothy saß daneben und musste an sich halten um nicht genervt mit den Augen zu rollen.

Sie war überzeugt das man diesen Raubzug viel einfacher hätte erledigen können, aber ihre Mitganoven - wenn man eine so ehrenvolle Bezeichnung auf die Idioten überhaupt anwenden konnte - waren wirklich nicht das Beste was der Markt zu bieten hatte. Dorothy konnte sich nicht vorstellen wieso ihre Auftraggeber sich mit solchen Amateuren abgaben.

Sie seufzte noch einmal tief. Als Frau hatte sie es in diesem Job ziemlich schwer. Obwohl sie einen sehr guten Ruf hatte und ihr Handwerk verstand - eigentlich war sie die Beste in ihrem Job überhaupt, vor allem jetzt, nach Phil Turentines Tod - gab es nur sehr selten Anfragen nach ihren speziellen Talenten.

So wenig, das sie sogar mit solchen hirnamputierten Vollidioten zusammen versuchte eine Bank auszurauben. Na ja, mit ihren Anteil an diesem Coup würde sie sich die nächsten Monate über Wasser halten können und vielleicht auch weiter ihrer geheimen Leidenschaft, dem Produzieren von Rapmusik frönen können. Das war auch wieder so eine Sache in der sie benachteiligt wurde. Nur weil sie eine weiße Frau war dachten alle Produzenten das sie nichts von Rapmusik verstand. Pfft, die würden sich schon noch wundern.

Aber jetzt hieß es erstmal den Tresor zu knacken. Dahinter verbargen sich speziell gesicherte Schließfächer in denen laut ihrer Auftrageber spezielle Edelsteine und Schmuckstücke lagerten, und die sie gegen ein erkleckliches Sümmchen an diese weitergeben würden.

Die Idioten waren für den eigentlichen Einbruch in die Bank zuständig gewesen, nun würde endlich Doros Stunde schlagen und sie würde den Tresor sprengen. Sie hatte für jeden der 14 Haltebolzen der Tür eine C4 Sprengladung angebracht. Und diese würde sie jetzt zünden.

Idiot Nr. 1 kauerte sich neben Dorothy und reichte ihr die Kabeltrommel. Mit flinken Fingern nahm sie die Leitung und verband sie mit dem Zündmechanismus. Die drei Trottel sahen sie erwartungsfroh an. Doro grinste breit. "Los geht's Mädels. Haltet eure Schlüpfer fest."

Mit diesem flapsigen Spruch betätigte sie den Zündmechanismus und fast gleichzeitig begannen die Sprengladungen zu zünden. Eine nach der anderen. Es gab nicht mal besonders viel Krach. Die Trottel, die sich zur Vorsicht sogar Schutzbrillen aufgesetzt hatten sahen sie verwundert an. Wahrscheinlich hatten sie vermutet das Doro alles in die Luft jagen würde.

Sie seufzte wieder leise und rollte mit den Augen. Amateure! Dann übernahm sie das Kommando und schritt auf die Panzertür zu. Als sie nach wenigen Schritten dort angekommen waren, wies sie Trottel Nr. 2 mit einer Kopfbewegung an die Tür zu öffnen.

Er zog an der Tür und diese ließ sich butterweich öffnen. Die freigesprengten Bolzen fielen dabei alle mit einem zufriedenstellenden Pling auf den Boden.

Doro grinste von Ohr zu Ohr, sie liebte es wenn ihre Ideen funktionierten. Ein weiterer unknackbarer Tresor hatte in ihr seine Meisterin gefunden. Stolz schritt sie durch den von den Explosionen gebildeten Rauch auf den Safe zu. Die Schwachköpfe blieben in gebührendem Abstand hinter ihr. ‚Wenigstens eins was sie gut konnten,' dachte Doro schnaubend.

Kurz bevor Doro den Eingang erreichte, drehte sie sich einmal freudestrahlend um ihre eigene Achse - das war ihr kleiner Glückstanz, sie machte das bei jedem Job. Dann ging sie noch einen Schritt nach vorne und betrat endlich den Tresorraum.

Eine grelle Alarmsirene begann zu schrillen.

Doro drehte sich um, sah auf Idiot 1 bis 3 und schnaubte. "Ich glaube es hackt Leute!" rief sie aufgebracht. "Ihr Volleier! Ihr hattet nur eine einzige Aufgabe bei diesem Bruch zu erfüllen und selbst dazu hat es nicht gelangt."

Aber ihre dummen Kumpane hörten ihr gar nicht zu, sondern waren im Begriff zu fliehen. Doro schüttelte den Kopf. So wie sie das Sicherheitssystem in Erinnerung hatte, war eine Flucht zwecklos. Und die Idioten beeilten sich nur extra um in die Arme der Polizei zu rennen. Doro seufzte noch einmal und begann dann gemächlichen Schrittes dem Unvermeidlichen entgegen zu gehen.

****************************************************************

Duo stand versteckt in einem Hauseingang und fluchte leise vor sich hin. Was für ein Pech aber auch. Oder Glück - je nachdem. Er und Heero hatten ihre alte Freundin Dorothy nach getaner Arbeit von ihrem Auftrag abholen wollen - die Information wann und wo das stattfand war mehr oder weniger ein offenes Geheimnis in ihren Kreisen.

Doch auf dem Weg zur Bank hatten sie plötzlich diese Unmengen an Polizeiwagen mit Blaulicht gesehen und sofort eins und eins zusammen gezählt. Das war ein herber Schlag für sie gewesen. Dorothy war die Beste, sie brauchten sie unbedingt für den Job. Also hatte Duo Heero nur einen kurzen Blick zugeworfen und sie hatten beide sofort gewusst dass sie Doro da rausholen mussten. Sie konnten nicht warten bis diese in einigen Jahren entlassen oder das es ein neues Genie in dieser Kunst geben würde.

Schnell hatten sie das Auto angehalten und sich innerhalb von ein paar Sekunden einen Plan überlegt. Es war gefährlich, aber da niemand mit so etwas rechnen würde konnte es klappen. Ganz sicher sogar. Duo hatte schnell sein Notfallpack im Kofferraum geplündert und nun stand er hier und wartete auf seinen großen Auftritt.

Es hatte länger gedauert als erwartet. Die Polizisten schienen diesmal ihr Handwerk zu verstehen und befragten Doro wohl schon im Inneren der Bank nach ihrer Vorgehensweise. Jetzt endlich - knapp eine Stunde nachdem die Sirenen losgegangen waren entstand ein Tumult. Etliche Polizisten kamen aus der Bank und verteilten sich in alle Richtungen auf dem Platz davor. Alles schön beleuchtet durch die unzähligen Blaulichter.

Dann endlich wurde Dorothy rausgeführt. Duo konnte ein kleines Grinsen nicht unterdrücken. Auch in dieser angespannten Lage sah sie noch gut aus. Wie eine Königin ging sie auf einen der Polizeiwagen zu, so als ob nicht sie die Gefangene wäre.

Einer der Polizisten machte eine Geste damit sie anhielt. Sie standen jetzt beide neben dem Streifenwagen, die anderen Polizisten hatten sich inzwischen woandershin orientiert.

"Und das ist wirklich alles? Mehr haben Sie nicht benutzt?" fragte der Polizist Dorothy ganz ungläubig.

Diese zuckte die Schultern. "Wollen Sie etwa behaupten ich würde Sprengfallen legen?" empörte sich Dorothy.

"Ich weiß nicht, lassen Sie doch mal hören."

"Sprengfallen sind nicht Miss Catalonias Stil. Nicht wahr Doro? Zumindest nicht in Gebäuden." Duo war schon vor einigen Augenblicken aus seinem Versteck hervorgekommen, aber jetzt machte er auf sich aufmerksam.

Der Polizist sah ihn ganz erstaunt an. Duo hob lässig einen Ausweis aus seinem Trenchcoat und ließ ihn aufklappen. "Peck, ATF!" stellte er sich vor, während er die letzten Schritte zu den beiden überbrückte. Mehr erklärte er nicht. Echte Bundesbeamte waren auch immer viel zu cool um uniformierten Polizisten irgendwas zu erklären.

Doro blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen, aber sie war ein Profi und ließ sich nichts anmerken.

Duo redete einfach weiter, damit der Polizist nicht dazu kommen konnte dumme Fragen zu stellen. "Lassen Sie mich raten. C-4 Sprengstoff, Standart, gedämmt und manuell gezündet. Und zwar aus geringer Entfernung."

Der Polizist nickte stumm. Das hatten sie also schon durch ihre Untersuchung herausbekommen.

"Ich hab noch eine Frage, ist dieses Miststück durchsucht worden?"

Der Polizist sah ihn erstaunt an.

"Nach Sprengfallen am Körper? Ich meine richtig durchsucht, nicht nur nach Waffen?" fuhr Duo fort.

Der Polizist schüttelte den Kopf und wollte schon auf Dorothy losgehen. Das wäre ja nun gar nicht in Duos Sinne, deshalb machte er einen schnellen Schritt nach vorne. "Treten Sie beiseite," sagte er zu dem Polizisten. "Ich erledige das lieber selbst."

Er packte Doro am Arm und drehte sie um. Dann beugte er sie nach vorne, so dass sie mit ihrem Oberkörper auf dem Streifenwagen lag und begann sie zu durchsuchen.

"Hey!" protestierte Doro ihrer Rolle entsprechend. "Jetzt geht das wieder los."

Duo fummelte etwas mit seinen Fingern, dann drehte er sich halb zu dem Polizisten um. "Holen Sie Griggs, ich muss ihn dringend sprechen."

"Wen?" fragte der Mann vollkommen verwundert.

Duo stellte sich wieder richtig auf und warf dem Polizisten einen harten Blick zu. "Fragen Sie nicht, finden Sie ihn!" befahl er mit lauter Stimme. Das würde den Mann sicher für einige Minuten beschäftigt halten.

Wie nicht anders zu erwarten hastete dieser eilig davon. Einfache Streifenpolizisten waren immer sehr eifrig wenn es darum ging Befehle von Trenchcoatträgern zu befolgen.

Duo beugte sich schnell wieder zu Doro runter und flüsterte ihr ins Ohr. "Hey Doro, kannst du was basteln aus dem was ich dir zugeschoben hab?" Weiter als bis hier hatte sein und Heeros Plan nicht gereicht, jetzt musste Doro ihnen raus helfen.

"Schon erledigt," sagte die blonde Frau und Duo meinte förmlich das Grinsen auf ihrem Gesicht rauszuhören.

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Duos Gesicht. Er fasste Doro am Oberarm und führte sie gemütlich von dem Streifenwagen weg.

"Ist Heero auch hier?" fragte Doro interessiert während sie sich langsam aber sicher von dem Platz entfernten. Bisher hatte sie immer nur mit ihnen beiden zusammen gearbeitet.

"Ja, er wartet ne Ecke weiter," antwortete Duo. Unglaublich, niemand schien sich um sie zu kümmern. Aber andererseits, genau darauf hatte ja ihr Plan auch beruht.

"Herzallerliebst!" sagte Doro. "Endlich mal wieder ein Job mit anständigen Kriminellen."

Duo grinste noch breiter. Dann war ein kleines Puff zu hören. Duo drehte sich kurz um und sah eine Rauchwolke aus dem Streifenwagen steigen. "Alle Mann in Deckung!" schrie er über den gesamten Platz, untermalt von lauten Knallgeräuschen.

Heilloses Durcheinander brach aus. Alle Polizisten schienen auf den Wagen zuzustürmen. Duo und Doro nahmen das als Zeichen und rannten jetzt in die entgegengesetzte Richtung.

"Huhuhuhu, mit dem Scheiß haben die nicht gerechnet," kicherte Doro während sie sich selbst aus ihren Handschellen befreite. Ein Trick den ihr Duo vor Jahren mal beigebracht hatte.

"Gute Arbeit," lobte Duo.

"Danke!" erwiderte Doro. Aber es war auch nichts anderes zu erwarten gewesen - schließlich war sie die Beste in ihrem Fach.

****************************************************************

Heero saß auf einem Logenplatz in einem Zirkus. Er konnte es wirklich nicht fassen das Duo ihn hierher geschleppt hatte. Ein Zirkus! Ein Zirkus in San Diego! Er grummelte ein bisschen vor sich hin.

Duo schien das gar nicht zu stören. Er war ziemlich aufgeregt und hatte die gesamte Vorstellung kommentiert, konnte kaum ruhig sitzen. Er lachte mit den Clowns, war erstaunt über die Tierdressuren und fieberte bei den Artisten mit. Und nebenbei hatte er schon zwei Eimer Popcorn vertilgt. Heero fragte sich wieder ob es wirklich nötig war hierher zu kommen. Es musste doch auch andere Art und Weisen geben diesen Job ihrer Crew zu besetzen.

Der Zirkusdirektor hatte wieder seinen großen Auftritt und kündigte eine Sensation an - oder das was er dafür hielt. Eine Artistengruppe aus China. Heero lehnte sich in seinen Sitz zurück. Endlich ging es los.

Während der kurzen Umbaupause in der die gesamte Manege im Dunkeln getaucht war hatten die Leute vom Zirkus es geschafft eine Atmosphäre zu schaffen die an ein chinesisches Restaurant erinnerte - zumindest kam es Heero so vor. Außerdem waren mitten in der Manege jetzt zwei Rohre aufgestellt die bis ins Dach des Zirkuszelts reichten wo sie befestigt waren. An diesen Rohren, oder Bambusstäben - Heero war sich da nicht so sicher - klammerten sich jetzt 8 Chinesen und führten synchron ihre Tricks vor.

Auf Anweisung turnten und kletterten sie an diesen Rohren herum. Es sah zumindest schön aus, das musste Heero zugeben. Auch wenn er immer noch nicht glaubte das dieser Zirkusbesuch notwendig war. "Welcher von denen ist der unglaubliche Chang?" flüsterte er Duo mit einem kurzen Seitenblick zu.

"Das ist der kleine Chinese."

Heero drehte sich ganz zu seinem Freund - der ihn ignorierte und seinen Blick gebannt nach vorne gerichtet hielt - um und sah ihn vollkommen ungläubig an. Was war das denn für eine Antwort? Dort in der Manege waren acht kleine Chinesen. Aber er beschloss das es jetzt nicht der richtige Ort oder die richtige Zeit war um darauf einzugehen. Er lehnte sich wieder in seinen Sitz zurück.

"Wer steht noch auf der Liste?" erkundigte er sich.

"Er ist die Liste!" versicherte ihm Duo.

Heero schüttelte ungläubig den Kopf das konnte doch nicht wahr sein. Inzwischen waren die meisten der Artisten von den Rohren herunter gekommen und standen jetzt im Rampenlicht in der Manege. Der achte kletterte mit Affengeschwindigkeit an einem Rohr hoch. Das erforderte sicher extremes Geschick befand Heero, aber rechtfertigte noch lange nicht das Duo glaubte das dieser Chang ihre einzige Wahl war.

"Also ich weiß nicht. So schwierig ist das auch nicht," verkündete Heero und zeigte zur Untermauerung auf die Arena. Genau in dem Moment fing der Chinese an zwischen den zwei Stäben mittels Saltos hin und her zu springen. Heero blieb vor Erstaunen fast der Mund offen stehen.

Dann sprang der Mann mit einem dreifachen Rückwärtssalto ganz in die Manege, und vollführte dort noch einige weitere Saltos aus dem Stand. Das Publikum raste und der Artist strahlte.

Duo zog seinen Maxi-Trinkbecher hervor und schlürfte ausgiebig Cola.

Heero fand seine Stimme wieder, "Wir haben einen Schlangenmenschen," sagte er in Duos Richtung.

"Wir haben einen Schlangenmenschen," bestätigte Duo als er mit dem Trinken fertig war, den Blick noch immer gebannt auf die Manege gerichtet. Dann begann auch er wie wild zu klatschen. Heero tat es ihm nach. Dieser Chang hatte es schließlich verdient.

****************************************************************

Die eigentliche Verhandlung mit ihrem neuen Schlangenmenschen verlief sehr schnell. Sie mussten ihm nur kurz umreißen das es um eine achtstellige Summe ging und sofort war er Feuer und Flamme. Schien sich wohl sowieso bei seiner Artistennummer zu langweilen. Nach wenigen Minuten hatte er sich bereit erklärt zur großen Vorbesprechung in Vegas zu kommen.

Heero folgte Duo auf den Parkplatz des Zirkus. So langsam nahm ihre Crew gestalt an. Aber irgendwas fehlte noch. Sie hatten gerade Deathscythe erreicht da sagte Heero, "Wir brauchen Howard." Er warf sein Sakko auf die Rückbank und öffnete die Tür.

Duo hielt in seiner Bewegung inne. "Kannst du vergessen. Er hat vor einem Jahr aufgehört."

Das war eine absolute Neuigkeit für Heero. Er hätte auch nie gedacht das sein Lehrmeister jemals ans Aufhören denken würde. Lug und Betrug waren sein Leben. "Hat er etwa Gott entdeckt?" Heero konnte wirklich nicht fassen das Howard kein Gangster mehr sein sollte.

Duo öffnete seine Autotür und setzte sich hinters Steuer. "Magengeschwüre!" antwortete er einsilbig.

Das ergab immer noch keinen absoluten Sinn. Heero setzte sich ebenfalls. Dann sagte er, "Fragen kannst du ihn ja." Er konnte sich nicht vorstellen das sich Howard von etwas so zweitrangigem wie Magengeschwüren von diesem Coup abhalten lassen würde.

Duo drehte sich zu ihm ihn und ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund. "Fragen kann ich ihn ja," bestätigte er.

Auch Heero grinste. Howard würde garantiert nicht widerstehen können. Er freute sich schon sehr darauf ihren alten Mentor wieder zu sehen.


Kapitel 6


Duo lehnte an einer Wand und beobachtete lächelnd die Menge. Als er in St. Petersburg, Florida angekommen war hatte er erst gar nicht versucht Howard in dessen Wohnung aufzusuchen. Es war Sonntagvormittag, da konnte sich sein Mentor nur an einem Ort aufhalten.

Und richtig, genau in diesem Moment trat ein untersetzter älterer Mann, gekleidet in ein schreiendes Hawaiihemd und beigefarbene Mütze an den Schalter und platzierte seine Wetten. Dabei kreuzte er diverse Sachen in einer zusammengefalteten Zeitung an.

Duos Lächeln wurde breiter. Er freute sich wirklich darauf Howard wieder zu sehen und hoffte inständig das dieser auch bei ihrem Coup mitmachen würde. Howard hatte ihnen schließlich alles beigebracht, es würde sich komisch anfühlen wenn er nicht bei ihrem größten Schlag mitmachen würde. Ganz davon abgesehen das sie ihn und seine Talente auch wirklich brauchten.

Für einen kurzen Moment schwelgte Duo in Erinnerungen. Er war ungefähr sechs oder sieben gewesen als dieser komische Mann ihn auf der Straße aufgelesen hatte. Das Leben mit Howard war aufregend gewesen und um vieles besser als alles was er bis dato gekannt hatte. Er brauchte sich keine Sorgen mehr um sein Essen oder seinen Schlafplatz zu machen und moralische Bedenken wegen der Gaunereien hatte er sowieso noch nie empfunden.

Howard war sogar mehr als ein reiner Mentor für ihn gewesen. Er hatte nie so etwas wie Familie kennen gelernt und so war Howard zu seinem Vaterersatz geworden. Das ging sogar soweit, dass Duo vor Eifersucht fast Anfälle bekommen hatte, als Howard ein paar Jahre später verkündete das er den Schützling eines Kollegen der gerade gestorben war bei sich aufnehmen würde. Duo hatte geschrieen und geschmollt und prophezeit das er den anderen Jungen garantiert nicht würde ausstehen können.

Und dann hatte er sich praktisch beim ersten Blick in diesen stillen, viel zu ernsten Jungen verliebt. OK, vielleicht nicht wirklich verliebt, schließlich war er noch viel zu jung gewesen um zu wissen was das bedeutete, aber er hatte sich sofort zu Heero hingezogen gefühlt. Sie waren schnell Freunde geworden und standen sich seitdem so nahe wie Brüder - nein, eigentlich näher. Sie verstanden sich wortlos und waren die perfekten Partner in ihrem Geschäft.

Darum war für Duo fast eine Welt zusammen gebrochen als sie sich vor drei Jahren so sehr gestritten hatten. Als Heero zum allerersten Mal nicht auf ihn gehört hatte und dafür so grausam bestraft worden war. Duo war froh das sie jetzt wieder zusammen waren und er schwor sich das er alles in seiner Macht stehende tun würde damit niemals wieder etwas zwischen sie kommen könnte. Dazu hatte er Heero viel zu sehr vermisst.

Howard schien inzwischen alles erledigt zu haben und trat vom Wettschalter zurück. Dann schlenderte er in Richtung der Zuschauerränge.

Duo stieß sich von der Wand ab, schob seine Sonnenbrille wieder zurecht und folgte Howard langsam. Auch er trug eine zusammengefaltete Wettzeitung bei sich.

Ein paar Momente später hatte er Howard eingeholt. Dieser saß auf einer Bank in der Sonne und schälte gemütlich eine Orange. Duo ging zu der Bank und beugte sich nach vorne so dass sich seine Hände auf der Rückenlehne abstützten.

Bevor er selber was sagen konnte begann Howard zu reden während er weiter die Orange schälte, "Ich hab dich schon gesehen. Am Sattelplatz, kurz vor dem zweiten Rennen. Du standst am Männerklo während ich am Wettschalter war."

Duo schmunzelte innerlich, er hatte nichts anderes erwartet. Aber er machte bei dem Spiel mit und sagte erstmal gar nichts. Statt dessen hob er seine gefaltete Zeitung und tat so als würde er darin lesen.

"Du warst heute Früh noch nicht mal wach, da hab ich dich schon gesehen," grummelte Howard.

Duo lachte jetzt offen und legte die Zeitung weg. "Wie geht's, Howard?" fragte er.

Howard machte einen sekundenkurzen Blick zur Seite, dann sagte er, "Ging mir nie besser. Und dir? Das Tattoo war eine wirklich dumme Idee."

Duo seufzte, ging aber nicht darauf ein. "Wozu die Orange?" lenkte er ab.

"Mein Arzt sagt das ich Vitamine brauche."

"Und wieso nimmst du dann keine Vitamine?" fragte Duo erstaunt.

Howard hielt tatsächlich inne und schaute auf. "Soll das etwa ne Sprechstunde werden?" begehrte er zu wissen.

Duo richtete sich auf und stupste Howard leicht mit der Zeitung an die Schulter an. "Komm mit, ich hab Logenplätze."

Einige Minuten später saßen sie gemeinsam auf den angekündigten Logenplätzen. Duo hatte sich auf dem Weg nach oben noch schnell einen großen Becher Eis mit Früchten geholt und mümmelte es genüsslich. Bei einem so sonnigen Tag musste man einfach Eis essen.

"Ist Heero draußen?" fragte Howard.

Duo leckte an seinem Löffeln. "Ja, seit ein paar Tagen."

"Und hast du es ihm schon gesagt?"

Duo blickte seinen Mentor erstaunt an. "Was gesagt?"

"Verkauf mich nicht für dumm. Früher oder später wirst du es Heero erklären müssen."

Duo schüttelte so heftig seinen Kopf, dass sein Zopf dabei hin und her wippte. "Ich hatte während der letzten Jahre meinen besten Freund verloren, Howard. Das werde ich nicht noch mal riskieren."

Howard sah ihn mit unlesbarem Blick an. "Ich mein immer noch das du reinen Tisch machen solltest. Das wird sonst früher oder später zu neuen Problemen führen."

"Mir reicht es sein Freund zu sein. Mehr brauch ich nicht."

"Lügner!" erklärte Howard.

Duo erwiderte nichts daraufhin. Für die nächsten Minuten saßen sie einfach nur nebeneinander und beobachteten wie die Hunde für das nächste Rennen in die Arena geführt wurden. Duo hatte sich wieder sein Eis geschnappt, aber irgendwie schmeckte es nicht mehr ganz so gut wie noch vor wenigen Sekunden.

Doch dann begann Howard wieder zu reden. "Willst du es mir nun erzählen? Oder soll ich sofort nein sagen und wir sind fertig damit?"

Duo wackelte etwas mit seinem Kopf während er unmotiviert in seinem Eisbecher stocherte. "Howard du bist der Größte. Du bist ein Halbgott. Was willst du?"

"Gar nichts," kam es grummelnd von Howard. "Ich wohn in einer schönen Maisonettewohnung. Ich habe eine Einbauküche und einen Goldfisch," er seufzte kurz. "Ich habe eine Bekannte die ich sehr schätze. Sie verkauft Damenunterwäsche bei Macy's. Ich habe mich geändert."

Duo musste stark an sich halten um nicht laut aufzulachen. In dem Moment ertönte das Startsignal des Rennens und die Hunde rasten hinter den mechanischen Hasen hinterher.

"Typen wie wir ändern sich nicht, Howard," verkündete Duo. "Wir behalten unseren Biss oder wir schlaffen ab. Wir ändern uns nicht." Das war einer von Howards beliebtesten Sprüche - einer seiner Grundsätze - und Duo hätte sich nie gedacht das er einmal seinen Mentor daran erinnern müsste.

"Den Schmus kannst du dir sparen," erwiderte Howard und verfolgte gespannt die laufenden Hunde.

Duo beugte sich dicht zu dem anderen Mann. "Ist das dein Hund, der da ganz weit hinten?" zog er seinen Freund auf.

Howard schüttelte sich ein wenig und zeigte in die Richtung zur Arena. "Der kommt schon noch. Das weiß jeder der davon Ahnung hat."

Duo schmunzelte. Howard war einer der begnadetsten Gauner die er kannte, aber Glück beim Wetten hatte er noch nie gehabt. Aber solange es ihm Spaß machte.

Duo war fertig mit dem Eis und stellte den Becher zur Seite. Er wischte sich die Hände sauber und lehnte sich gemütlich in den Sitz zurück.

"Werde ich jetzt wenigstens mal wie ein Erwachsener behandelt und erfahre was ihr plant?" grummelte Howard.

Duo grinste. Er wusste genau das er den anderen jetzt an der Angel hatte. Howard würde dem Plan niemals widerstehen können. Er beugte sich wieder zur Seite und flüsterte Howard zu was sie planten. Dann legte er ihm ein Flugticket in den Schoß. Anschließend klopfte er Howard freundschaftlich auf die Schulter und stand auf. Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen wie Howards Hund mit großem Abstand als letzter über die Ziellinie rannte.

Howard stöhnte und hielt sich den Bauch - so als wenn er Schmerzen hätte. Aber Duo bemerkte das der alte Mann dabei das Flugticket nicht losließ. Heero würde sich freuen, Howard war dabei.

****************************************************************

Ein paar Stunden später war Duo wieder zurück in Las Vegas. Er und Heero hatten sich in eine Bar zurückgezogen. Duo hatte einen kleinen Jet Lag und hatte es sich so richtig gemütlich gemacht. Er hatte seine beiden Arme auf der Theke verschränkt und seinen Kopf darauf gebettet. Regungslos starrte er auf einen Fernseher hinter der Bar in dem gerade ein Werbespot für einen bevorstehenden Boxkampf hier in Las Vegas gezeigt wurde. Es war ein Megaereignis und würde in etwas mehr als zwei Wochen im MGM Grand stattfinden.

"Howard ist Nummer zehn. Zehn reichen, oder nicht?" fragte Heero.

Duo reagierte nicht. Dazu war er auch viel zu k.o.

Ein paar Momente später fragte Heero. "Willst du noch einen mehr?"

Wieder keine Reaktion.

Heero seufzte. "Du willst noch einen mehr."

Stille.

"Wir holen uns noch einen mehr."

Diesmal blinzelte Duo zumindest mit seinen Augenlidern - zu mehr war er zur Zeit einfach nicht in der Lage. Nicht das Heero das hätte sehen können. Aber es machte gar nichts, Heero hatte ihn auch so verstanden. So wie es sich für Partner gehörte.