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Heeros Eleven Teil 7 bis 12

Kapitel 7


Zechs kaute auf seinem Bleistift und war vollkommen in das Skript in seiner Hand vertieft. Zumindest sah es nach außen hin so aus und das war auch genau der Eindruck den Zechs erwecken wollte. Er wirkte wie einer der vielen Studenten in Chicago - Rucksack, Jeans, dicker Schal, abgetragener Anorak, Baseball-Cap - und das war ihm nur recht. Schließlich wollte er nicht dass eines seiner Opfer am Ende noch misstrauisch würde. Oder sich an ihn erinnern konnte.

Den Kopf immer noch über das Skript gebeugt stieg Zechs zusammen mit der üblichen Menschenmenge um diese Zeit in die U-Bahn. Die öffentlichen Verkehrsmittel gehörten zu seinen liebsten Jagdgründen, schließlich konnte man nirgends sonst so eng an fremde Menschen gepresst stehen oder sie anrempeln wie dort, ohne dass es Verdacht erwecken würde. An manchen Tagen machte er fast nichts anderes als den ganzen Tag mit der U-Bahn kreuz und quer durch die Stadt zu fahren und dabei seine Fähigkeiten als Taschendieb unter Beweis zu stellen.

Sein Opfer für diese Fahrt hatte er sich bereits am Bahnsteig ausgesucht - ein Geschäftsmann der völlig vertieft in den Börsenteil seiner Zeitung war. Zechs hatte sich absichtlich beim Einsteigen so platziert, dass er von den in die Bahn strömenden Menschenmassen automatisch direkt vor sein Opfer geschoben wurde - immerhin machte er das jetzt schon lang genug und hatte die entsprechende Erfahrung um so was völlig natürlich aussehen zu lassen. Nichts wäre auffälliger als sich durch den überfüllten Wagon direkt zu seinem Opfer zu kämpfen.

Die ersten zwei Stationen über verhielt sich Zechs absolut ruhig. Nur nicht zu früh zugreifen, das war ein Fehler den Anfänger oft machten. Sollte sein Opfer aussteigen bevor er bereit war, nun, dann hatte es eben nicht sein sollen. Aber er würde nichts überhasten und sich dadurch erwischen lassen!

Und dann war seine Chance endlich gekommen. Kurz bevor die U-Bahn an der dritten Haltestelle hielt schlug er zu. Gerade als der Wagen sich rumpelnd in eine Kurve legte und eigentlich jeder der Fahrgäste durchgeschüttelt und aneinandergeschubst wurde ließ er seine rechte Hand unauffällig in der Innentasche des Geschäftsmannes verschwinden und mit dessen Brieftasche wieder hervorkommen.

Sofort entschuldigte er sich hastig bei seinem Opfer dafür dass sie beide aneinandergerumpelt waren - er hatte genau den richtigen Ton von uninteressierter Höflichkeit in seiner Stimme - und wie erwartet nickte der Geschäftsmann nur und sah nicht einmal von seiner Zeitung auf. Und auch Zechs senkte seinen Kopf wieder und vertiefte sich scheinbar in sein Skript.

So manch einer hätte sich jetzt sofort von seinem Opfer entfernt. Aber nicht Zechs. Seiner Meinung nach war auch das ein typischer Anfängerfehler. Sofort nach einem Fischzug wegzulaufen, in der Angst sonst erwischt zu werden - nichts könnte sicherer dazu führen, dass genau das passierte. Und so blieb Zechs wo er war, an den Geschäftsmann gepresst in der U-Bahn, und erst als der Wagen an der Haltestelle hielt ließ er sich zusammen mit all den anderen Menschen aus dem Wagon schieben.

Zufrieden mit sich selbst lief Zechs langsam über den Bahnsteig in Richtung Ausgang. Er hatte genau das richtige Tempo drauf - nicht zu langsam aber auch nicht zu schnell. Wie ein Student zu seiner nächsten Vorlesung lief er zielstrebig, aber ohne zu rennen. Denn auch das würde nur Aufmerksamkeit erregen. Um ihn herum eilten die anderen Fahrgäste ihren nächsten Zielen entgegen, schoben sich an ihm vorbei wenn er ihnen nicht schnell genug lief und achteten alle überhaupt nicht auf ihn. Gut. Das war genau das was Zechs wollte.

Erst als er zwei Straßen von der Haltestelle entfernt war steckte Zechs seine Hand in seine Jackentasche um die gestohlene Brieftasche hervorzuholen. Doch seine Tasche war leer. Verblüfft blieb Zechs mitten auf der Straße, die er gerade überquert hatte, stehen und wühlte mit seiner Hand sorgfältiger in der Tasche. Doch da war noch immer nichts.

Halt doch, etwas war da. Erstaunt zog Zechs seine Hand hervor und starrte auf die kleine, weiße Visitenkarte. 'Netter Fischzug' stand darauf geschrieben, und direkt darunter 'Emmit's Pub'. Immer noch erstaunt drehte er die Karte um -verdammt noch mal wer hatte ihn beobachten können, ohne dass es ihm auffiel - und warum hatte derjenige nichts gesagt sondern stattdessen dann ihn beklaut? Wer auch immer es war, er musste verdammt gut sein wenn Zechs ihn nicht entdeckt hatte. Und als er den Namen auf der Visitenkarte las, wurde ihm klar warum er nichts bemerkt hatte.

Heero Yuy. Oh ja, er hatte schon von Heero Yuy gehört, wenn ihn auch noch niemals persönlich getroffen. Sein Vater schwärmte immer begeistert von Heero Yuy, jedes Mal wenn Zechs wieder einmal etwas dummes angestellt hatte. Heero Yuy, der von einem der besten Taschendiebe - einem engen Freund seines Vaters übrigens - ausgebildet worden war, und der nach dessen Tod von Howard Bloom aufgenommen und zum Trickbetrüger ausgebildet worden wäre. Worin er ebenfalls brillant war, wie sein Vater mit einem Seitenblick zu ihm immer hinzufügte.

Wenn Zechs jetzt daran dachte, wie gekonnte Heero Yuy ihn, einen Meister des Fachs, beklaut hatte, dann blieb ihm wohl nichts übrig, als seinem Vater im Stillen recht zu geben. Wenn Heero Yuy, ohne in Übung zu sein, eine so sichere und flinke Hand hatte, was wäre dann erst wenn er seine Karriere als Taschendieb weiterverfolgt hätte?

Jedenfalls reichte das alles aus um Zechs' Neugierde zu wecken. Es war vielleicht nicht besonders schlau sich mit jemandem zu treffen, der einen bei einem Fischzug ertappt hatte, aber offensichtlich wollte Heero Yuy ihn treffen. Sonst hätte er nicht seine Karte hinterlassen. Und Heero Yuy genoss einen gewissen Ruf in ihren Kreisen - er und sein Partner sollten die besten auf ihrem Gebiet sein. Also würde Zechs sich zumindest einmal anhören was er zu sagen hatte.

Es war nicht besonders schwer Emmit's Pub zu finden - er befand sich nur zwei Straßen weiter von der Haltestelle. Zögernd betrat Zechs das Lokal, blieb im Schatten der Tür stehen und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Noch war nicht viel los im Pub, nur zwei einsame Gäste standen am Tresen, und nur einer der Tische war besetzt.

Sofort wanderte Zechs Blick zu dem Mann der am Tisch saß. Die beiden Gäste am Tresen hatte er sofort ausgeschlossen, sie waren eindeutig Bauarbeiter die ihre Pause hier im Pub verbrachten - offenbar das übliche Klientel dieser Bar. Der Mann am Tisch jedoch war anders. Er war offenbar zumindest Teilweise asiatischer Abstammung - was zum Namen 'Yuy' ja nur passen würde - gut gekleidet, und blickte ihn direkt an.

Zechs stieß sich von der Tür ab und kam zögernd näher. Auch wenn er fast sicher war dass das hier keine Falle war, so würde er dennoch vorsichtig sein. Man wusste ja schließlich nie.

Heero Yuy sah ihm erwartungsvoll und mit einem kleinen ironischen Grinsen entgegen. "Hallo Zechs," sagte er und hielt die inzwischen schon zweimal geklaute Brieftasche hoch. "Wem gehört die?"

Zechs blieb vor dem Tisch stehen, sah kurz auf die Brieftasche und dann wieder zu Yuy. "Wer sind Sie?" fragte er. Auch wenn er genau wusste wer sein Gegenüber war, so musste das doch nicht heißen, dass er das dem anderen auch gleich mitteilte. Sollte Yuy ruhig denken er wüsste mehr und wäre im Vorteil.

"Ein Freund von Bobby Peacecraft," antwortete Heero. Dann griff er in seine Innentasche, holte ein paar Papiere heraus und knallte sie auf den Tisch. "Sag ja oder nein. Sofort."

Zechs warf ihm einen langen, prüfenden Blick zu, dann setzte er sich schließlich auf den Stuhl direkt gegenüber von Heero. "Was ist das?" fragte er und versuchte einen genaueren Blick auf die Papiere zu werfen, was aber nicht gelang da Heero noch immer seine Hand drauf liegen hatte.

"Ein Flugticket," antwortete Heero. "Ein Jobangebot."

Zechs senkte kurz den Blick auf seine Hände, dann sagte er, "Ich finde Sie sind ziemlich vertrauensselig." Immerhin, auch wenn er selbst schon von Heero Yuy gehört hatte, so war er doch sicher, das dieser noch niemals etwas von ihm gehört hatte. Auch wenn er einer der besten Taschendiebe war - Zechs war in dieser Hinsicht völlig unbescheiden, schließlich war das nur die Wahrheit - so war er dennoch weitgehend unbekannt. Man musste schon ein großes Ding drehen bevor man bekannt wurde in ihrer Branche, und bisher hatte Zechs das noch nicht geschafft.

"Bobby hält sehr viel von dir," antwortete Heero.

Ah, das machte schon eher Sinn. Offenbar war Heero mit seinem Jobangebot zuerst an Bobby Peacecraft herangetreten - das war immerhin ein Name der in der Branche wohlbekannt war. Und da Bobby zur Zeit beschäftigt war - er und seine Frau feierten ihren 25. Hochzeitstag mit einer zweiten Hochzeitsreise - hatte er Heero dann an Zechs verwiesen. "Väter sind halt so," antwortete Zechs.

Zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Unterhaltung schlich sich Überraschung in Heeros Gesicht. Aha, offenbar hatte Zechs mit seiner Annahme recht gehabt. "Er hat's Ihnen wohl nicht erzählt," sagte er mit einem resignierten kleinen Seufzer. "Ich soll mit seinem Namen nicht hausieren gehen," fügte er erklärend hinzu.

Sein Vater war in dieser Hinsicht sehr rigoros. Eigentlich hatten seine Eltern gar nicht gewollt, dass ihr einziges Kind in deren Fußstapfen trat - weshalb Zechs auch erst als Teenager damit angefangen hatte, seinen Eltern nachzueifern. Und nach einigem hin und her hatte Bobby schließlich nachgegeben und angefangen Zechs auszubilden. In einer Sache war er jedoch nicht umzustimmen. Zechs sollte sich seinen eigenen Namen machen, aufgrund seiner eigenen Fähigkeiten und nicht weil er der Sohn des berühmten Bobby Peacecraft war. Was auch mit ein Grund dafür war, warum Zechs den Namen 'Marquise' benutzte.

"Wenn du den Job machst," erwiderte Heero, "kann er mit deinem Namen hausieren gehen."

Das erweckte jetzt definitiv Zechs' Interesse. Vielleicht sollte er sich dieses Angebot ja zumindest mal anhören. Er hob den Blick und sah Heero neugierig an.

"Wenn nicht," fuhr Heero fort, "finden wir jemanden der nicht ganz so gut ist und du kannst weiter Börsenmakler befummeln." Er drehte sich halb zur Seite, streckte seine Hand zum Barkeeper um dessen Aufmerksamkeit zu erregen und rief, "Könnt ich die Rechnung bekommen?"

Als er sich wieder zurückdrehte hatte Zechs das Flugticket bereits in der Hand und studierte es eingehend. Heero sah verblüfft hinab auf seine Hand unter der das Ticket bis eben noch gelegen hatte und dann wieder hinauf zu Zechs. "Das war dein bester Zugriff - bis jetzt," sagte er mit Respekt in der Stimme.

Zechs hob den Blick. "Las Vegas, ja?"

"Amerikas Spielplatz," bestätigte Heero.

Zechs sah sein Gegenüber noch eine Sekunde prüfend an, dann verzog er einen Mundwinkel zum Grinsen. Oh ja, er würde sich dieses Jobangebot definitiv einmal anhören.

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Trowa schulterte seine leichte Reisetasche und ließ sich von den drängenden Menschenmassen aus der Gepäckabfertigung schieben. Er hatte keine Ahnung wie es jetzt weitergehen sollte. Alles was ihm gesagt worden war, war dass er nach Vegas kommen sollte wenn er Interesse an einem neuen Job hätte, und dann war ihm das Flugticket in die Hand gedrückt worden. Und da Trowa im Moment sowieso nicht besonders glücklich mit seinem alten Job war - diese Typen vom FBI waren doch alles Vollidioten, und die Mafia abzuhören war auf lange Sicht nicht wirklich gut für seine Nerven - hatte er sich gedacht, ‚Was soll's!' und war ins Flugzeug gestiegen. Doch was nun?

Doch offenbar hatten seine Gastgeber daran gedacht, denn weiter vorn konnte er einen Mann in irgendeiner Livree sehen, der mehrere Namensschilder hochhielt - unter anderem auch ein Schild mit seinem Namen. Schweigend schloss sich Trowa der Gruppe an, die sich nach und nach um den Mann gescharrt hatte, und wie es aussah waren sie nun komplett, denn der Mann stellte sich ihnen allen als 'Rashid' vor und scheuchte sie anschließend nach draußen, wo eine große Limousine auf sie wartete.

Nachdem er ihr Gepäck in den geräumigen Kofferraum der Limousine gepackt hatte, setzte sich Rashid hinter das Steuer und fuhr los. Trowa hatte einen Platz an einem der Fenster ergattert und starrte neugierig aus dem Fenster. Er war noch niemals zuvor in Las Vegas gewesen, und wer wusste schon ob er dieses Jobangebot annehmen würde? Es konnte gut möglich sein dass er in ein paar Stunden bereits wieder im Flugzeug zurück nach Los Angeles sitzen würde, und so wollte er wenigstens so viel von der Stadt zu sehen bekommen wie möglich.

Seine Mitreisenden allerdings hatten Las Vegas entweder schon gesehen oder waren nicht sonderlich interessiert an der Stadt. Da waren diese beiden Frauen, beide schwarzhaarig, die sich ständig stritten. Und über die dämlichsten Kleinigkeiten noch dazu. Trowa hätte die Familienähnlichkeit dieser beiden gar nicht gebraucht, um zu wissen dass diese beiden offenbar Schwestern waren.

Die dritte Frau ihrer Gruppe war das genaue Gegenteil der anderen beiden. Groß, blond, mit einem aristokratischen Aussehen und der dazugehörigen Arroganz unterhielt sie sich angeregt mit dem alten Mann über irgendwelche Jobs die dieser in der Vergangenheit offenbar erledigt hatte - und dabei mehr (und mit einer Kreativität) Schimpfwörter benutzte als Trowa jemals in seinem gesamten Leben gehört hatte.

Und somit blieben nur noch zwei weitere Mitglieder ihrer Gruppe übrig - ein großer blonder Mann, dessen Haarfarbe so hell war dass sie fast silbern wirkte, und der die ganze Fahrt über krampfhaft versuchte, mit dem Chinesen, der ihm direkt gegenübersaß, ins Gespräch zu kommen. Doch der Chinese tat so als würde er ihn nicht verstehen, ignorierte den blonden Mann und starrte mit finsterem Gesichtsausdruck zu Boden.

Trowa erlaubte sich ein kleines Lächeln. Wer auch immer auf die Idee gekommen war, diese bunte zusammengewürfelte Gruppe aufzustellen, musste wirklich durchgeknallt sein. Oder einen wirklich komplizierten Plan haben, für dessen Ausführung er genau diese Charaktere benötigte. Was den Planer nicht wirklich weniger durchgeknallt machte.

Schließlich schienen sie endlich am Ziel angekommen zu sein. Rashid bog in die Einfahrt einer riesigen Villa ein und hielt direkt vor der Haustür. Trowa wartete gar nicht darauf bis Rashid die Limousine umrundet hatte und ihm die Tür aufhalten konnte, sondern kletterte sofort aus dem Wagen. So kam es dass er der Erste war der vor der Tür stand und die Klingel betätigte, während die anderen sich lose um ihn gruppierten.

Dann öffnete sich die Haustür und gab den Blick frei auf das Innere des Hauses. Direkt an der Tür stand ein junger Mann mit kurzem, weizenblondem Haar, aquamarinblauen Augen. Er hielt einen Drink in der Hand und lächelte sie an. Nicht weit hinter ihm konnte Trowa eine Frau mit zwei blonden Zöpfen erkennen, die ihnen neugierig entgegensah.

Der junge Mann, der offenbar die Tür geöffnet hatte zog ironisch eine Augenbraue hoch, ließ seinen Blick langsam über ihre ganze Gruppe wandern und kam schließlich wieder auf Trowa zu ruhen. "Jungs, gab's für euch ne Gruppenermäßigung oder was?" fragte er mit amüsiertem Unterton in der Stimme, bevor er die Tür weiter öffnete und sie alle hereinbat.

Nur kurze Zeit später fand sich Trowa zusammen mit allen anderen im großen Garten der Villa wieder. Die beiden Männer die ihn in Los Angeles angesprochen hatten - Heero und Duo - hatten jeden vorgestellt, und es gab reichlich zu essen und zu trinken. Offenbar sollte erst einmal die Atmosphäre etwas gelockert werden bevor es zum geschäftlichen Teil des Abends kommen sollte.

Neugierig ließ Trowa seine Augen wandern. Wufei Chang hatte es sich mit verschränkten Beinen auf dem Ein-Meter-Sprungbrett des Swimmingpools gemütlich gemacht und bastelte ein kompliziertes Kartenhaus aus einem Set Spielkarten. Er wirkte völlig konzentriert und schien nicht darauf aus zu sein, sich mit irgendjemandem zu unterhalten. Zechs, wie der blonde Mann hieß, der schon in der Limousine versucht hatte mit Wufei ins Gespräch zu kommen, saß nicht weit von diesem entfernt auf einer Liege und beobachtete das Treiben des Chinesen interessiert.

Hilde, eine der beiden dunkelhaarigen Frauen, unterhielt sich leise mit Sally - der blonden Frau mit den Zöpfen - während sich ihre Schwester Noin Howard als Gesprächspartner ausgesucht hatte. Trowa stand genau wie die beiden direkt am Buffet und so konnte er ihre Unterhaltung mit anhören.

"Howard," fragte Noin gerade, "bist du öfter mal in Utah?"

Howard warf ihr einen perplexen Blick zu und meinte dann - sehr trocken und sarkastisch, wie Trowa fand - "Nicht so oft wie ich's gern hätte."

Noin nickte beifällig, so als hätte sie seinen Sarkasmus gar nicht gehört. "Zieh dir das ruhig rein," antwortete sie ernsthaft. "Du hast was mormonisches an dir. Ich denke du kämst da gut klar."

Howards Blick war jetzt eindeutig spöttisch, doch er nickte nur und meinte, "Ich werd ein Auge drauf werfen." Dann wandte er seinen Blick erleichtert auf Heero, der sich ihnen eben näherte und drehte sich leicht von Noin weg.

"Ladies, Gentlemen," sagte Heero laut, damit ihn auch jeder hörte. Sofort verstummten alle Gespräche und jeder wandte sich Heero zu. Auch Trowa drehte sich um, um Heero besser sehen zu können.

"Willkommen in Las Vegas." Heero machte eine Pause und wartete, bis auch Duo, der sich mit Dorothy unterhalten hatte, zu ihm hersah. "Haben alle gegessen?" fragte er. Auf das allgemeine Nicken antwortete er, "Gut. Sind alle nüchtern?" Auf diese Frage gab es nicht ganz so viele positive Antworten, doch das schien Heero nicht wirklich zu stören.

"Das muss reichen," fuhr er fort und ließ seinen Blick langsam über die gesamte Gruppe wandern. "Bevor wir anfangen: noch hängt hier keiner mit drin. Was ich euch vorzuschlagen habe ist äußerst lukrativ und äußerst gefährlich. Sollte sich jemand seinen Freizeitspaß anders vorstellen, greif ruhig zu, esst euch satt, einen schönen Rückflug und nichts für ungut." Heero machte eine kleine Pause. "Andernfalls folgt mir." Damit drehte er sich um und marschierte direkt ins Haus.

Duo, Howard, Hilde, Noin, Wufei, Zechs, Sally und Dorothy folgten ihm sofort, doch Trowa zögerte. Eigentlich war er sich ziemlich sicher dass er bei diesem Job mitmachen wollte, und doch...

"Du bist Trowa Barton, oder?"

Trowa drehte den Kopf und sah dass Quatre, der blonde junge Mann der ihnen die Haustür geöffnet hatte, ebenfalls zurückgeblieben war.

"Aus Los Angeles," fügte Quatre noch hinzu.

Trowa nickte. "Ja."

"Ist nett da," Quatre lächelte. "Gefällt's dir?"

Trowa zuckte mit den Schultern. Die Stadt an sich gefiel ihm schon, nur der Job den er dort gehabt hatte...

"Du bist dir wohl noch nicht sicher, ob du bei diesem Job mitmachen willst, oder?" fragte Quatre und legte den Kopf leicht schief.

Trowa hob überrascht eine Augenbraue. Er hätte nicht gedacht dass er so leicht zu durchschauen war, antwortete aber nichts darauf.

Doch Quatre lächelte einfach noch breiter und meinte, "Glaub mir, dieser Job wird dir gefallen. So eine Herausforderung bekommt man selten. Und es ist ja nicht so als würde dich dein alter Job in LA wirklich herausfordern, oder?"

Trowa sah ihn eine Weile prüfend an, dann schüttelte er leicht den Kopf. Nein, sein Job beim FBI forderte ihn ganz sicher nicht. Das war Kinderkram. Und es langweilte ihn. Doch das hier... Das versprach interessant zu werden. Wenn Quatre recht hatte, sogar sehr interessant.

"Na komm," sagte Quatre und deutete mit dem Kopf zur Villa. "Lass uns reingehen." Dann drehte er sich um und schlenderte langsam zum Haus. Trowa sah ihm kurz nach, und gab endlich dem Verlangen zu lächeln nach. Irgendetwas an Quatre weckte in ihm den Wunsch dazu - und das wo Trowa eigentlich eher selten jemanden anlächelte, schon gar nicht wildfremde Menschen die er gerade mal eine halbe Stunde kannte. Immer noch lächelnd nahm er einen letzten Schluck, stellte dann seinen Drink ab und folgte Quatre ins Haus. 



Kapitel 8


Heero stand neben dem großen Plasmabildschirm und hielt die Fernbedienung locker in der Hand. Er sah halb gelassen, halb gespannt zu wie sich alle einen Platz suchten. Dabei ließ er unauffällig seinen Blick über die anderen gleiten.

Sie alle schienen vor Spannung zu vibrieren, aber anders war es auch nicht zu erwarten. Die meisten von ihnen kannten sich entweder von früheren Jobs oder kannten zumindest den Ruf der anderen. Und sie alle schienen zu ahnen dass dies etwas besonderes sein würde. Kein Wunder, noch niemals waren so viele Spezialisten für einen einzigen Raubzug zusammengetrommelt worden.

Die meisten hatten sich auf den zwei Sofas und Sesseln die im Halbkreis um den Bildschirm platziert waren verteilt. Nur Duo und Quatre hatten es vorgezogen zu stehen, obwohl man bei Duo nicht wirklich von stehen reden konnte, er hatte sich ganz lässig an die Kante eines Tisches gelehnt, so dass er praktisch neben dem ersten Sofa stand.

Heero blickte noch einmal kurz zu seinem Partner und schenkte ihm ein kleines Lächeln. Dann räusperte er sich und betätigte die Fernbedienung. Hinter ihm auf dem großen Bildschirm erschien eine Sequenz von technischen Zeichnungen und Sicherheitsaufnahmen die er gestern zu einer Art Präsentation zusammen geschnitten hatte.

"Ladies und Gentlemen," begann er seine Rede. Sofort hatte er die Aufmerksamkeit von allen auf sich gerichtet. Er zeigte auf die erste Bildersequenz, dem Straßenbebauungsplan. "Das ist der 3000er Block des Las Vegas Boulevard. Auch bekannt als das Bellagio, das Mirage und das MGM Grand. Sie sind drei der profitabelsten Casinos in Las Vegas."

Bevor er weiter redete sah er noch einmal zu Duo, dieser nickte ihm aufmunternd zu. Der ganze Raum schien plötzlich zu vibrieren, wahrscheinlich weil den meisten klar wurde um welchen Job es sich hier handeln würde. Aus seinem Augenwinkel konnte Heero erkennen das Trowa mit vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm starrte.

"Sekunde," entschuldigte sich Heero und beugte sich schnell zu seinem Laptop herunter. Er klickte auf das entsprechende Item und die nächste Bildsequenz startete. "Das ist der Tresorraum des Bellagio," erklärte er. "Er liegt unter der Straße, unter siebzig Meter festem Boden."

Heero blickte noch einmal unauffällig über die ganze Runde. Howard sah irgendwie weiß im Gesicht aus, aber das tat er immer wenn es um einen gewagten Plan ging. Doro, die neben Zechs und Wufei auf einem der Sofas saß, hatte sogar ihre Brille hervorgeholt und aufgesetzt. Heero musste fast schmunzeln. Ein absolutes Zeichen dass Doro sich keine noch so kleine Einzelheit entgehen lassen wollte. Die Brille trug sie nur im absoluten Notfall weil sie der irrigen Meinung war sie würde ihr nicht stehen und sie viel zu eitel war es dennoch zu tun.

"In diesem Tresor wird jeder einzelne Cent aufbewahrt der eines der drei Casinos durchläuft. Und wir rauben ihn aus," sagte Heero so simpel wie möglich.

"Rein, raffen, raus, hm?" versuchte Zechs lustig zu sein.

Duo sah den Neuling ein wenig strafend an. Dann sagte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht, "Ein klein wenig komplizierter ist es schon."

Zechs rollte mit den Augen. "Ach, danke," sagte er mit einem Tonfall als ob er von seinem Lehrer ausgeschimpft wurde. Heero konnte sehen das ihr Schlangenmensch Zechs einen leicht verächtlichen Blick zuwarf, woraufhin dieser ihm eine Grimasse zog.

Heero nahm sich vor, sich nicht darüber zu wundern, sondern machte weiter mit seiner Präsentation. "Diese Bilder verdanken wir übrigens Sally, die seit neuestem Black Jack Geberin im Bellagio ist."

Sally, die es sich in einem der zwei Sessel bequem gemacht hatte, blickte stolz in die Runde, konzentrierte sich dann aber wieder vollkommen auf die Bilder.

Heero holte noch einmal tief Luft. "Gut, die schlechten Nachrichten zuerst." So hatte er es mit Duo besprochen. Sie würden zunächst lang und breit erklären wieso dieser Raubzug eigentlich unmöglich war. Das würde die anderen um so mehr anspornen es trotzdem zu tun.

"Das Gebäude hat ein Sicherheitssystem das für die meisten Atomraketensilos ausreichen würde," er machte eine kurze Pause bevor er weiter redete. "Zunächst müssen wir in die Kassen hineinkommen, was allein mit einem Lächeln kaum zu machen ist." Bei diesem Satz musste Heero immer unbewusst schmunzeln. Er stellte sich dann immer vor wie Duo es doch allein durch sein Lächeln versuchen - und womöglich sogar schaffen - würde. Aber das war reine Spekulation und sie hatten ganz andere Mittel und Wege.

"Danach geht's durch diese Türen," mit der Fernbedienung zoomte Heero noch näher an die besagte Türen heran. "Jede von ihnen mit einem eigenen sechsstelligen Code gesichert der alle zwölf Stunden geändert wird. Sind wir da durch, gelangen wir zum Fahrstuhl. Und da wird's haarig."

Heero holte noch einmal tief Luft. "Der Fahrstuhl bewegt sich nämlich kein Stück ohne Fingerabdruckidentifikation."

"Die wir nicht fälschen können," warf Duo mit einem kleinen Grinsen ein.

"Und Stimmmusterbestätigung," redete Heero weiter. "Sowohl durch das Sicherheitssystem im Bellagio als im Tresor."

"Die wir nicht kriegen." Es schien Duo fast Spaß zu machen jeden einzelnen Schwachpunkt ihres Planes breitzutreten.

Aber es machte Heero nichts aus. So arbeiteten sie immer zusammen und so klappte es auch immer. Er musste sogar an sich halten um nicht genauso breit zu grinsen wie sein Partner. Es war wirklich belustigend die anderen so geschockt zu sehen. Ihnen allen wurde so langsam klar auf was sie sich da eingelassen hatten.

"Des weiteren ist der Fahrstuhlschacht mit Bewegungsmeldern ausgerüstet," fuhr Heero fort.

"Das heißt wenn wir den Fahrstuhl einfach umgehen wollen, verriegeln sich sämtliche Ausgänge automatisch und wir sitzen fest," sagte Duo der sich inzwischen seinen Zopf geschnappt hatte und abwesend mit dem Ende spielte. So als würde er nicht gerade mit jedem Wort ihren Plan schon von vornherein zerpflücken. Es schien ihm absolut Spaß zu machen die anderen zu beunruhigen.

"Sind wir erst einmal durch den Schacht, ist der Rest ein Spaziergang," erklärte Heero mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. "Nur noch zwei Wachleute mit Uzies und die am schwersten zu überwindende Tresortür die es jemals gab." Er blickte noch einmal in die Runde. Duo grinste ihn froh gelaunt an. "Hat einer Fragen?"

Für einige Momente herrschte absolute Ruhe. Die anderen waren wohl immer noch zu geschockt von der Präsentation. Dann erhob Wufei das Wort. "Wie wäre es mit einem Tunnel?" fragte er. Dorothy die neben ihm saß putzte ihre Brille, ein untrügliches Zeichen dass sie nervös war.

Duo schüttelte mit seinem Kopf. "Nein, ein Tunnel scheidet aus. Die haben Sensoren zur Überwachung des Bodens, gute hundert Meter in jede Richtung. Wenn da ein Murmeltier nistet kriegen die das mit."

Der Schlangenmensch verzog sein Gesicht, sagte aber nichts. Sein Nachbar Zechs grinste aus unerfindlichen Gründen.

"Sonst noch jemand?" hakte Duo nach.

"Was ist die gute Nachricht?" fragte Hilde aufgeregt.

Ah, Heero konnte ein leichtes Lächeln nicht verhindern. "Na ja. Die Nevada Glücksspielkommission schreibt vor das jedes Casino soviel Geld in Reserve hat, wie in Form von Chips im Umlauf ist. Das bedeutet dass an Werktagen per Gesetz irgendwas zwischen sechzig und siebzig Millionen Dollar vorrätig sein muss. In bar."

Heero der direkt auf seinen alten Mentor blickte, konnte sehen wie er sich unbewusst an den Magen fasste. Howard schien es mulmig zu werden.

"Am Wochenende zwischen achtzig und neunzig Millionen," erklärte Heero weiter. Er erkannte nur zu gut wie bei vielen der anderen die Augen plötzlich leuchteten. Noin griente sogar über das ganze Gesicht. "Wenn ein Kampf stattfindet, so wie in zwei Wochen am Abend unseres Raubes, 150 Millionen, wenn das mal reicht. Wir sind elf, jeder von uns bekommt den gleichen Anteil. Rechnet's mal aus," beendete Heero.

Zunächst herrschte absolute Stille, dann pfiff Doro anerkennend. Duo grinste wieder und deutete mit seinem Zeigefinger in ihre Richtung. "Ganz genau," bestätigte er.

"Ich habe eine Frage," ertönte jetzt Howards fast brüchige Stimme.

"Hn," erwiderte Heero.

Howard hob seinen Arm und zeigte in Richtung Monitor. "Sagen wir, wir schaffen es in die Kassen und durch die Sicherheitstüren durch, ja? Und den Fahrstuhl hinunter den wir nicht benutzen können. Vorbei an den Wachleuten und in den Tresor, den wir nicht aufkriegen..."

"Und vorbei an den Kameras," warf Duo ein. Howard blieb der Mund vor Erstaunen offen stehen.

"Entschuldigt, die habe ich vergessen zu erwähnen," gab Heero ein wenig geknickt zu. Er hatte doch alles für seinen Vortrag so genau ausgearbeitet!

Howard blickte kurz von Heero zu Duo und wieder zurück. Dann schüttelte er kurz seinen Kopf und redete weiter, "Also sagen wir, wir schaffen das alles. Glaubst du wir marschieren da einfach raus, mit 150 Millionen Dollar Cash in der Hand ohne das uns einer aufhält?" Seine Stimme hörte sich zum Schluss fast so an als würde Howard sich nur knapp das Lachen verkneifen können.

Plötzlich herrschte eine absolute Stille in dem Raum. Jeder der Anwesenden schien sich das gleiche zu fragen. Für all die Probleme die Heero und Duo vorher aufgezählt hatten würde es einen Weg geben um damit fertig zu werden. Sie waren schließlich alle Meister in ihrem Fach. Aber keinem schien ein Weg einzufallen wie sie den Coup auch erfolgreich zu Ende führen konnten. Und was nützte es schon, wenn sie den Tresor ausraubten, aber dann nicht nach draußen kamen?

"Ja," antwortete Heero ruhig und überzeugt. Er bemerkte wie ihn alle neugierig anstarrten, aber er gab keine weiteren Einzelheiten preis.

Howards Kinnlade fiel herunter. "Oh," sagte der alte Mann und blickte vollkommen verwirrt drein. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und fügte "Ok," hinzu, wühlte in seiner Tasche und fingerte sich seine Medizin heraus. Er wirkte als ob er schlimme Magenschmerzen hatte.

Heero schaute noch einmal in die Runde. Alle schienen geplättet zu sein und keiner wagte es in Frage zu stellen dass sie tatsächlich einfach aus dem Casino mit dem Geld hinausgehen würden. Heero grinste bei dem Gedanken an den Teil des Plans. Ja, das würde für einige eine ziemliche Überraschung werden.

Heero ließ die anderen noch für einige Momente über alles nachdenken, dann räusperte er sich und kam zum nächsten Teil seines Plans. "Gut, wir gehen es folgendermaßen an," erläuterte er. "Unsere erste Aufgabe lautet Aufklärung. Ich will alles wissen was in den drei Casinos vorgeht. Von der Rotation der Kartengeber bis zum Weg jedes Geldwagens. Ab morgen werdet ihr alle - mit der Ausnahme von Quatre und Sally in einem der Casinos einquartiert. Dadurch habt ihr genügend Möglichkeiten alles auszukundschaften.

Ich will über jeden Wachmann alles wissen, jedem Aufpasser, jedem mit einem Sicherheitsausweis. Ich will wissen woher sie stammen, wie ihre Spitznamen lauten, wo ihre Schwachstellen sind." Heero zeigte auf die Frau mit den langen Zöpfen. "Sally hat in den letzten Tagen schon angefangen ihre Kollegen aufs gründlichste auszuspionieren."

Die blonde Frau nickte eifrig. "Ich habe im Prinzip schon ganze Notizblöcke voller privater Daten gesammelt. Ihr würdet euch wundern über was die alles in den Pausen reden," sie grinste selbstzufrieden.

Heero holte wieder weit aus. "Aber am wichtigsten ist es mir, das ihr euch in den Casinos auskennt. Sie sind wie ein Labyrinth gebaut damit die Leute länger drin bleiben. Ihr müsst die schnellsten Wege hinaus kennen."

Die anderen nickten verstehend. Sie wussten das sie die nächsten Tage die Casinos in und auswendig kennen lernen würden.

Heero nahm einen Schluck aus seinem Whiskey Glas. Dann sagte er, "Die zweite Aufgage ist Energie. Am Abend des Kampfes legen wir in der Stadt der Sünde den Schalter um. Doro das ist dein Ressort."

Dorothy grinste von Ohr zu Ohr. "Was darf's sein? Licht aus? Strom aus? Oder Stadt aus?" fragte sie gelassen.

"Wie wäre es mit allen drein?"

"Fett!" antwortete sie und rieb sich selbstbewusst die Hände.

"Dritte Aufgabe. Überwachung. Der Casino Sicherheitsdienst hat seine Augen und Ohren überall. Deshalb haben wir unsere Augen und Ohren bei ihm. Trowa, hast du die Spezifikationen die wir dir geschickt haben schon untersucht. Können wir deren System knacken?" Heero war selbst kein absoluter Computerlaie, im Gegenteil er hatte früher so manch einen Coup dadurch erst zum Laufen gebracht. Aber drei Jahre Gefängnis waren fast eine Ewigkeit was Computertechnologie anging. Deshalb wollte sich er bei diesem Gig lieber an die Fähigkeiten eines Fachmannes halten der auf dem Laufenden war.

Trowa wirkte ein wenig nervös, doch er antwortete mit fester Stimme. "Nun ja, es ist nicht das am schwersten zu knackende System das ich kenne, aber fast. Die haben sicher kein Zugang zum Netzwerk den ich anzapfen kann, oder?"

"Nein," bestätigte Heero.

Trowa seufzte. "Dann werden wir um einen Hausbesuch nicht herum kommen. Beschäftigen die einen Haustechniker?"

Heero wollte schon antworten aber Duo war schneller. Der Langhaarige hatte während der gesamten Aufgabenverteilung seelenruhig eine große Schüssel mit Mouse au Chocolat in sich hineingemümmelt und sagte jetzt mit vollem Mund, "Zwei. Und einer von denen ist einsam." Er grinste über das ganze Gesicht.

Genau wie alle anderen im Raum. Jeder wusste wie sie sich jetzt den benötigten Zugang verschaffen würden.


Kapitel 9


Duo stand vor dem Crazy Horse Too, einem der vielen Striplokale in Las Vegas und wartete auf Charmaine. Charmaine war eine der Tänzerinnen in diesem Club, und zufälligerweise auch noch die Frau, in die einer der beiden Haustechniker des Bellagio gerade bis über beide Ohren verliebt war.

Gut, zugegeben, ganz so zufällig war das ganze nicht, immerhin hatte Sally den Techniker in ihrer Mittagspause belauscht und so herausgefunden dass dieser für die Tänzerin schwärmte. Danach galt es nur noch alte Kontakte zu aktivieren um so an die Tänzerin heranzukommen. Wie es der Zufall - schon wieder - so wollte hatte sich herausgestellt, dass Howard Charmaines Mutter kannte - woher und wie gut genau, damit wollte er allerdings nicht herausrücken.

Wie auch immer. Duo zuckte kurz mit den Schultern, lehnte sich mit der Hüfte an sein Cabrio und zog einen Lolli aus seiner Tasche. Er wickelte das bunte Papier ab und steckte ihn sich genüsslich in den Mund. Hm, lecker. Duo schloss die Augen und schob den Lolli von einer Backe in die andere.

Nach einem kleinen Trinkgeld aus Quatres Tasche hatte sich Charmaine sofort bereiterklärt ihnen behilflich zu sein. Gerade in diesem Moment müsste sie damit beschäftigt sein, den Haustechniker so sehr zu becircen, dass dieser gar nicht bemerken würde, wie sie ihm die Sicherheitskarte klaute.

Duo schüttelte den Kopf. Manche Männer waren aber auch wirklich zu dumm. Da glaubte dieser Kerl tatsächlich die Geschichte von der armen, hart arbeitenden Studentin, die nur in diesem Stripschuppen jobbte, um Geld für ihr Medizinstudium zu verdienen - und dass nur weil die Tänzerin in einer durchsichtigen Schwesterntracht rumlief. Zumindest war das die Geschichte die der liebeskranke Mann seinem Kollegen im Pausenraum erzählt hatte und die Sally belauscht hatte. Was für ein Glück dass er selbst nicht so leichtgläubig und dämlich war!

Duo seufzte auf und schüttelte den Kopf. Schön wär's. Klar, er war nicht so dämlich was die meisten Leute betraf - nur wenn es um Heero ging kannte er keine Vernunft. Da hatte er geglaubt er hätte schon vor Jahren mit der Sache abgeschlossen, alle alten Gefühle begraben da sie ja doch niemals erwidert würden, und was war? Heero musste nur auftauchen und ihn anlächeln mit diesem winzigen, kaum sichtbaren Hochziehen seiner Mundwinkel, und um Duo war es geschehen. Er war wirklich nicht besser als der liebeskranke Kerl dort drinnen.

Aber immerhin, auch wenn er nicht darauf hoffen konnte dass Heero jemals dasselbe empfand, so hatte er wenigstens seine Freundschaft. Und auch wenn er sich in den letzten Jahren eingeredet hatte, dass alles ok war, so war er doch froh, dass er seinen Heero endlich wiederhatte. Duo schnaubte kurz. Sein Heero. Genau das war schon immer das Problem gewesen. Seit dem Tag als Howard diesen stillen, in sich gekehrten Jungen bei sich aufgenommen hatte, hatte Duo ihn als sein Eigentum betrachtet. Und ihn mit niemandem teilen wollen.

Und für eine Zeitlang hatte es auch so ausgesehen, als wäre Heero damit zufrieden nur Duos bester Freund zu sein. Sie beide hatten eine Menge zusammen erlebt, waren ständig miteinander losgezogen - auch wenn Duo Heero meistens erst zu jeder Aktivitäten überreden musste, die nichts mit einem Coup zu tun hatten. Es war schon fast Ironie dass es dann auf einem dieser von Duo erbettelten Ausflüge geschehen war dass Heero jemanden kennen gelernt hatte. Jemand der anfing eine Menge seiner Zeit zu beanspruchen. Zeit, die sonst Duo mit ihm verbracht hatte.

Duo seufzte erneut. Damals war es auch gewesen als er herausgefunden hatte, was er wirklich für Heero empfand. Das seine Gefühle sehr viel tiefer gingen als nur reine Freundschaft. Das er Heeros Liebe wollte. Doch es war bereits zu spät gewesen, Heero hatte jemand anderes gefunden. Duo weigerte sich noch immer den Namen dieser Person auch nur zu denken - er hatte ihn schon damals nur dann ausgesprochen wenn es gar nicht anders ging, und nach seinem großen Streit mit Heero hatte er sogar aufgehört von dieser Person als 'Person' zu denken. Wenn er überhaupt an sie dachte, dann meistens als 'es'.

Aber so einfach er jetzt auch über diese Person spotten konnte, so konnte er dennoch nicht verleugnen, dass sie den Platz in Heeros Leben inne gehabt hatte, den Duo sich mehr als alles auf der Welt gewünscht hatte. Egal wie oft er sich danach auch dafür verflucht hatte, er war dafür verantwortlich dass 'es' Heero kennen gelernt hatte, weil er Heero erst dazu überredet hatte, mit ihm in diese Disco zu gehen.

Die darauf folgenden drei Jahre waren für Duo die Hölle gewesen. Ständig mit anzusehen, wie 'es' Heero immer mehr und mehr für sich beanspruchte, jede Sekunde an ihm klebte und nichts mehr für Duo übrig ließ. Und dabei war es nicht einmal so, dass 'es' Heero wirklich geliebt hätte. Es war eine Mischung aus Besitzanspruch, Egoismus und Habgier gewesen, die diese Person bei Heero gehalten hatte. Duo hatte es gewusst, von Anfang an, aber Heero...

Heero war vollkommen blind gewesen. Duo wusste nicht ob Heero 'es' geliebt hatte oder nicht - Heero hatte es ihm nie erzählt und er wollte es auch gar nicht wissen, SO masochistisch veranlagt war er dann doch nicht. Denn solange er nichts genaues wusste, konnte er sich das einreden was ihm lieber war. Aber er hatte dieser Person dennoch ständig in allem nachgegeben. 'Es' hatte alles bekommen was 'es' wollte - eine neue Wohnung, schicke Kleider, Geld, Schmuck.

Und irgendwie hatte 'es' wohl geahnt dass Duos Gefühle für Heero über reine Freundschaft hinausgingen. Oder 'es' hatte Duo einfach nur keine Zeit mit Heero gönnen wollen. Wie auch immer, ständig war 'es' Heero in den Ohren gelegen, Duo doch endlich loszuwerden, Heero würde ihn nicht brauchen, er wäre doch nur ein Klotz am Bein.

Aber glücklicherweise hatte Heero niemals auf diesen Wunsch gehört. Auch wenn er ihn nicht liebte, so war ihm Duos Freundschaft doch wichtig gewesen. Duo wusste nicht was er getan hätte, wenn Heero sich von ihm abgewendet hätte. Das hätte er nicht verkraftet.

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Stripschuppens und Charmaine kam heraus. Duo stieß sich erleichtert von seinem Wagen ab - er war wirklich froh dass die Tänzerin gerade jetzt herausgekommen war und ihn so von seinen düsteren Gedankengängen abgelenkt hatte.

Mit einem triumphierenden Lächeln kam Charmaine auf Duo zu und reichte ihm die Karte. Duo nahm die Karte entgegen, schob Charmaine noch einmal Hundert Dollar zu und nuschelte, "Danke, Charmaine. In einer Stunde bring ich sie zurück." Duo steckte die Karte in seine Jackentasche, nahm den Lolli kurz aus seinem Mund, sagte, "Grüß deine Mom von mir," und steckte den Lolli dann wieder zurück.

"Grüß sie selbst," erwiderte Charmaine. "Ihr Auftritt ist in fünf Minuten." Damit wandte sie sich ab und verschwand wieder im Club.

Duo blieb völlig perplex stehen, den Lolli bewegungslos im Mund haltend und sah ihr verdattert hinterher. Das kam jetzt etwas unerwartet. Doch dann schüttelte er leicht den Kopf, wie um ein ungewolltes Bild zu vertreiben und ging zu seinem Wagen. Er öffnete die Fahrertür, setzte sich ans Steuer und gab dem Bündel Luftballons, das auf der Beifahrerseite befestigt war noch einen spielerischen Stups bevor er losfuhr.

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Spencer Edwards stand auf seinem üblichen Posten vor der Eingangstür zum Sicherheitsbereich des Bellagio. Sein Job war vielleicht nicht gerade einer der spannendsten - immerhin hatte er nichts anderes zu tun als in der Uniform des Sicherheitspersonals vor der Tür Wache zu schieben - aber er wurde gut bezahlt. Und er hatte die Möglichkeit sich hochzuarbeiten. Bald würde er vor den Bildschirmen im Überwachungsraum sitzen, und irgendwann würde er es sogar bis zum Casinomanager geschafft haben.

Aber noch war es nicht soweit. Noch musste er sich hier brav Abend für Abend die Beine in den Bauch stehen. Spencer seufzte. Ihm wäre im Moment wirklich jede Ablenkung recht. In diesem Moment wurde er über seinen Knopf im Ohr von einem der Männer im Überwachungsraum kontaktiert.

"433," erklang die gelangweilte Stimme seines Kollegen, "Sie haben an der Eingangskamera Nordwest 052 ein Hindernis vor der Optik."

Spencer richtete seinen Blick in die angegebene Richtung. "Hab verstanden, ich seh's." Dann stieß er sich von seinem Platz an der Tür ab und ging direkt darauf zu, die Augen immer auf das riesige Bündel Luftballons gerichtet, das an der Decke hing und so die Kamera verdeckte.

Unter den Luftballons standen zwei junge Frauen, die offenbar gerade in ein hitziges Streitgespräch verwickelt waren.

"Pass doch auf, Kindchen!"

"Nenn mich nicht Kindchen, Schätzchen!"

"Nenn mich nicht Schätzchen, Tussi!"

"Nenn mich nicht Tussi, Hirni!"

"Nenn mich nicht Hirni!"

"Ich hab dich aber grade Hirni genannt!"

Spencer versuchte es einige Male die beiden Frauen zu unterbrechen, doch es war zwecklos. Sie hörten ihm gar nicht zu. Spencer seufzte tief. Warum nur geriet ausgerechnet er immer an die Idioten?

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Trowa beobachtete wie der Sicherheitsmann seinen Posten an der Tür verließ. Das war sein Signal. Gekleidet wie einer der Haustechniker und mit der geklauten Sicherheitskarte versehen machte er sich auf den Weg zur Tür und versuchte so zu wirken, als gehöre er zum Personal.

An der Tür angekommen schob er die Sicherheitskarte in den dafür vorgesehenen Scanner und wie erwartet sprang das kleine Licht von rot auf grün um und die Tür öffnete sich. Trowa betrat den dahinter liegenden Flur und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Schritt eins war geschafft.

Schritt zwei beinhaltete, den Raum mit den Computerservern zu finden. Trowa zog die Handschuhe aus, die er bis eben getragen hatte und warf einen kurzen Blick auf die Innenfläche seiner linken Hand. Es war wirklich ironisch - er war ein Genie bei allem was Computer betraf, aber er konnte sich so etwas simples wie den Lageplan des Casinosicherheitsbereiches nicht merken. Deshalb hatte er sich den Plan auch auf die Handinnenfläche skizziert.

Der Skizze folgend fand er auch bald den Raum mit den Servern. Hier war er endlich in seinem Element. Mit einem winzigen Lächeln machte er sich an die Arbeit.

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"Ma'm! Bitte entfernen Sie sofort die Ballons!" Spencer hatte seine resoluteste Stimme aufgesetzt. Doch die Ballonbotin ignorierte ihn immer noch.

"Du hast mich blöd angemacht!"

"Na und, du hast mich angerempelt!"

"Du warst mir im Weg!"

"Ich liefere hier lediglich meine Ballons aus!"

"Ladies!" versuchte Spencer wieder einzuwerfen. Doch das Ergebnis blieb das gleiche. Eine der Frauen fing jetzt sogar an zu lachen.

"Sie ist der Ballonbote!" Die Frau lachte als wäre das etwas furchtbar komisches. "Ballonbote!"

"Findest du das komisch?" fragte die Ballonbotin empört.

"Ja!" rief die andere Frau immer noch lachend. "Ballonbote!"

"Du spuckst mir ins Gesicht!" rief die Ballonbotin und tat so, als müsse sie sich vor der feuchten Aussprache ihrer Gegnerin schützen. Spencer seufzte tief. Das würde ein wirklich hartes Stück Arbeit werden.

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Duo hatte sich inzwischen wieder zu Heero in ihrem temporären Hauptquartier gesellt. Ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht als er daran dachte. Ob Treize Khushrenada es wohl zu schätzen wüsste, dass die Leute, die sein Casino ausnehmen würden sich ausgerechnet in einer der Suiten seines Hotels eingenistet hatten?

Wie auch immer, sie hatten die Suite gemietet und etliches Equipment hierher geschafft. Glücklicherweise gehörte das Bellagio zu den teuersten Hotels, da war es nicht ungewöhnlich wenn die Gäste ihre Hotelzimmer mit eigenen Dingen ausstaffierten. Direkt vor dem Sofa hatten sie eine ganze Reihe an Bildschirmen aufgebaut, über die sie durch die angezapften Sicherheitskameras des Hotels alles im Auge behalten konnten.

Noch waren die Bildschirme schwarz, aber Heero saß trotzdem schon davor und starrte gebannt darauf, als könnte er dort irgendetwas sehen. Duo schloss sich ihm an. Eine ganze Weile starrten sie nur schweigend auf die leeren Bildschirme, dann erhellte sich ein Bildschirm nach dem anderen und zeigte Bilder der Sicherheitskameras.

"Und wir sind auf Sendung," sagte Duo zufrieden.

"Wie kann man einen Flur nur in der Farbe streichen?" fragte Heero und blickte ungläubig und beinahe fassungslos auf den rechten Bildschirm.

Duo folgte seinem Blick. "Es heißt Ocker würde beruhigen," warf er sarkastisch ein.

"Hn," war Heeros einziger Kommentar dazu.

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Zufrieden mit sich selbst verließ Trowa den Serverraum. Dort drin hatte alles wie am Schnürchen geklappt, er hatte Kabel angezapft, Verbindungen gelegt, Sender angebracht und alles immer wieder auf einem kleinen tragbaren Fernseher überprüft. Auch wenn es nicht so aussah, aber die Arbeit war anstrengend, in dem Serverraum war es außerdem auch noch sehr warm und so war ihm der Schweiß in Strömen das Gesicht hinuntergelaufen.

Aber das machte nichts, denn immerhin hatten sie jetzt Zugriff auf etliche Systeme des Casinos, und das war schließlich das Einzige das zählte. Trowa lief den Gang entlang und nickte einem Sicherheitsmann zu, der ihm entgegen kam.

"Hi," grüßte der Mann.

Trowa blinzelte. Oh Gott, der Mann hatte ihn angesprochen, was sollte er jetzt tun? Wenn er nichts sagte, dann wäre es verdächtig, aber vielleicht wäre es ja noch verdächtiger wenn er doch etwas sagen würde? Antworten oder nicht antworten? Antworten oder nicht antworten??? Trowa gab sich einen mentalen Ruck und bevor er wieder anfangen konnte mit sich selbst zu diskutieren sagte er schnell, "Gut, danke." Nur um sich im nächsten Moment am liebsten selbst zu treten.

Der Sicherheitsmann warf ihm einen merkwürdigen Blick zu, sagte aber nichts weiter und Trowa machte dass er so schnell wie möglich von dort wegkam. Gott, warum nur war er immer so tollpatschig wenn es um solche Dinge ging? Konnte er nicht einmal etwas sagen, was an der Stelle auch hinpasste? Aber nein, er plapperte stattdessen einfach immer irgendwelchen Müll daher, der so überhaupt nicht in den Kontext passte. Klasse, echt toll gemacht. Kein Wunder dass er so gut wie nie sprach.

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"Ich muss Sie bitten die Ballons runterzuholen," sagte Spencer, und nun war nicht nur sein Tonfall äußerst bestimmt, nein, er hatte auch noch seinen besten entweder-Sie-tun-was-ich-Ihnen-sage-oder-Sie-werden-es-bereuen-Blick aufgesetzt. Und oh Wunder über Wunder, es schien zu wirken!

"Was wollen Sie?" fuhr die Botin ihn an. "Ich hol sie runter!" Sie griff nach den Bändern der Ballons und zog das Bündel zu sich hinab. "Auf die wartet nämlich ein irrsinnig wichtiger Kunde, ich kann mich nicht noch länger mit euch Zirkustieren rumschlagen." Und mit diesen Worten marschierte sie davon.

Spencer seufzte kurz erleichtert auf, dann wandte er sich an die andere Frau. "Ma'm! Bitte gehen Sie weiter!" forderte er sie auf, und nachdem ihre Gegnerin nicht mehr anwesend war folgte auch sie widerstandslos Spencers Aufforderung.

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Trowa kam an eine Weggabelung und blickte erst nach links, dann nach rechts. Von wo war er noch mal gekommen? Verdammt, warum sahen diese Gänge auch alle gleich aus? Aber er hatte ja noch seine kleine Skizze auf der linken Handinnenfläche, alles kein Problem. Doch als er einen kurzen Blick darauf war, musste er feststellen, dass die Skizze völlig verwischt und verlaufen und einfach nicht mehr lesbar war.

Mit Entsetzen erinnerte Trowa sich daran, dass er sich vorhin im Serverraum den Schweiß von der Stirn gewischt hatte. Mit seiner linken Hand! Verdammt! Wieso hatte er denn nicht aufgepasst? Aber er war so vertieft in seine Arbeit gewesen, dass er gar nicht darauf geachtet hatte. Und das war jetzt das Ergebnis!

Ok, ganz ruhig. Trowa versuchte sich zu beruhigen. Es war doch ganz einfach, ein Entscheidung zwischen links oder rechts. Eine Chance von 50 Prozent dass er die richtige Richtung wählen würde. Links? Oder Rechts? Links? Rechts? Links? Rechts!

Entschlossen wandte Trowa sich nach rechts and marschierte forschen Schrittes den Gang entlang. Doch schon nach wenigen Metern wurde ihm klar, dass er noch nicht in diesem Teil des Sicherheitsbereiches gewesen war. Also doch links. Trowa drehte sich um und marschierte mit genauso forschen Schritten wie vorher den Weg wieder zurück und dann weiter in die andere Richtung.

Und hier kannte er sich wieder aus, an diesen Teil des Sicherheitsbereiches konnte er sich erinnern. Jawohl, und da vorne war ja auch schon die Ausgangstür! Er hatte es geschafft! Trowa gestattete sich ein winziges, erleichtertes Lächeln. Gleich hätte er es hinter sich und wäre hier raus.

"Hey! Moment mal!"

Trowa zuckte leicht zusammen, drehte den Kopf ein wenig und warf einen schnellen, unauffälligen Blick über seine Schulter. Verdammt, das war der Sicherheitsmann von eben! Hatte er etwa doch irgendwas bemerkt? Trowa beschleunigte seine Schritte ein wenig.

"Augenblick!" rief der Mann wieder und Trowa konnte hören, dass auch er seine Schritte beschleunigte.

Inzwischen war Trowa kurz davor zu rennen - wenn das nur nicht zu auffällig gewesen wäre! So konnte er nur so tun als würde er den anderen Mann nicht hören und hoffen, dass er die Tür vor dem Sicherheitsmann erreichte.

"Hey! Augenblick!"

Hastig schob Trowa die Sicherheitskarte in den Schlitz und wartete ungeduldig, bis das grüne Lämpchen aufleuchtete. Dann griff er schnell zur Tür und zog sie auf. Doch bevor er sie vollends öffnen und hindurchschlüpfen konnte hatte der Sicherheitsmann ihn erreicht und hielt die Tür mit einer Hand fest.

"Hey!" rief er und sah Trowa leicht verwundert an. Trowa erstarrte und wagte es nicht seinen Blick zu heben. "Das ist von Ihnen," fuhr der Sicherheitsmann fort und streckte Trowa irgendwas entgegen.

Endlich hob Trowa den Blick - und spürte wie die Anspannung von ihm abfiel. Der Mann hielt seinen kleinen tragbaren Fernseher in der Hand. Anscheinend hatte Trowa ihn vorhin im Serverraum vergessen.

"Oh, Dankeschön," sagte Trowa und nahm das Gerät entgegen.

"Wie ist denn der Empfang mit diesen Dingern?" fragte der Mann neugierig.

Trowa lächelte leicht. "Ausgezeichnet," antwortete er und konnte gerade noch ein hysterisches Kichern unterdrücken.

Der Sicherheitsmann nickte ihm freundlich zu. "Alles Gute," wünschte er, dann hielt er Trowa die Tür auf.

"Danke," hauchte Trowa und machte, dass er hinaus kam.

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Ein paar Stockwerke höher, in einem der Hotelzimmer, stießen Heero und Duo die angehaltene Luft erleichtert wieder aus. Die letzten Sekunden waren einfach nervenaufreibend gewesen. Hier zu sitzen, Trowa in dieser kritischen Situation zu sehen und ihm nicht helfen zu können - das war furchtbar gewesen.

"Ufffff," machte Duo und warf sich rückwärts in die Polster der Couch.

"Pfffffff," ließ Heero die Luft entweichen und fuhr sich mit der Hand durch seine Haare. Eine Sekunde lang schüttelten sie beide nur ungläubig die Köpfe, dann sagte Heero, "Na ja."

"Ja," war Duos Antwort.

Sally, die die beiden aus dem Hintergrund beobachtet hatte, schüttelte leicht den Kopf. Obwohl sie die beiden schon so lange kannte war es ihr immer noch ein Rätsel wie sie sich verständigten. Sie war sich sicher, dass die beiden mit diesen drei Worten gerade ganze Romane ausgetauscht hatten. Aber außer ihnen beiden verstand diese Art von 'Geheimsprache' niemand. Sally schüttelte noch einmal den Kopf. Wann würden diese beiden Idioten nur endlich begreifen, dass sie einfach perfekt füreinander waren?



Kapitel 10


Zechs nahm einen weiteren Karton in Empfang den Duo ihm zuschob und legte ihn auf den Stapel zu den anderen. Sie waren inzwischen bei der vierten Aufgabe angekommen, die Heero bei ihrer ersten Besprechung angesprochen hatte: dem Bau.

"Wir brauchen einen exakten, funktionstüchtigen Nachbau des Tresorraums," erklärte Heero während er weiter die Lieferungen auf einer Liste abhakte, die Duo entgegennahm und an Zechs weiterreichte.

"Um zu trainieren?" fragte Duo.

"So was in der Art," antwortete Heero mit einem winzigen Anheben der Mundwinkel, und Duo reagierte auf dieses Lächeln mit einem Grinsen und einem wissenden Nicken. Anscheinend hatte er aus Heeros Aussage mehr herausgelesen als nur das gesagte.

Zechs sah von einem zum anderen. Er verspürte fast so etwas wie Neid. Heero und Duo kannten einander so gut, dass sie den anderen auch ohne Worte verstanden. Ein Resultat ihrer jahrelangen Partnerschaft, ganz offensichtlich. Und Zechs bewunderte es. Das war Teamarbeit. Und er wollte unbedingt Teil dieses Teams sein, wollte dazugehören.

Doch er sah ein, dass das nicht so einfach geschehen würde. Zuerst würde er sich erst einmal beweisen müssen. Würde zeigen müssen, dass man sich auf ihn verlassen konnte und dass er seiner Aufgabe gewachsen war. Er konnte es kaum noch erwarten seine erste Aufgabe erteilt zu bekommen.

Klar, er hatte ja auch im Moment etwas zu tun, sie alle arbeiteten zusammen am Nachbau des Tresorraums, anders wäre es in dieser kurzen Zeit auch kaum zu schaffen. Sally feilte an irgendwelchen Metallteilen, Quatre und Trowa standen an einem Tisch über die Baupläne des Tresors gebeugt, während Hilde und Noin sich ein Rennen mit den Gabelstaplern lieferten. Zechs schüttelte leicht den Kopf. Wie diese beiden es geschafft hatten in das Team aufgenommen zu werden war ihm unverständlich.

Offenbar nicht nur ihm, denn im Hintergrund konnte er Dorothy fluchen und auf die beiden Zwillinge schimpfen hören. Zechs grinste leicht. Dann fiel sein Blick auf Wufei. Wufei trug ein Brett auf seinem Kopf auf das insgesamt neun Eimer Farbe gestapelt waren. Zechs warf ihm einen bewundernden Blick zu, aber wie immer ignorierte Wufei ihn einfach.

Zechs seufzte. Wie gesagt, er hatte auch jetzt etwas zu tun. Aber dennoch war es nicht dasselbe als wenn er eine Aufgabe ganz allein zu erledigen hätte.

"Wir brauchen die Codes, Zechs," sagte Heero in diesem Augenblick.

Zechs blickte von seiner Aufgabe auf und sah Heero an. Offenbar waren sie nun bei Aufgabe fünf: Spionage.

"Vom einzigen Kerl der alle drei hat," fügte Heero hinzu.

Zechs stutzte. "Wie? Khushrenada?"

Heero nickte. "Werd zu seinem Schatten."

"Moment, Moment," rief Zechs, "Ich darf mich nur an ihn ranhängen?"

"Du musst erst laufen ehe du kriechst," bestätigte Heero.

Zechs stutzte erneut. Irgendwas an diesem Satz war komisch.

Offenbar war das Duo auch aufgefallen, denn erhielt kurz in seiner Arbeit inne, sah zu Heero und Zechs hinüber und machte eine kleine Kreisbewegung mit seiner rechten Hand. "Umgekehrt."

Zechs seufzte. Es führte wohl kein Weg daran vorbei. Er hatte eine Aufgabe für sich allein gewollt, und jetzt hatte er eine. Er würde sich also an Khushrenada ranhängen und alles herausfinden was es über diesen herauszufinden gab. Er würde Duo und Heero über jede einzelne Sekunde berichten können. Und dann würde auch er endlich ein richtiges Mitglied des Teams sein!

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"Tja, es tut mir leid, aber 18 500 pro Stück ist das beste Angebot das ich Ihnen machen kann."

Quatre lächelte sein Gegenüber leicht an. Er, Hilde und Noin waren gerade dabei sich um die sechste Aufgabe zu kümmern: Transport. Quatre hatte sich sofort freiwillig für diese Aufgabe gemeldet. Zum einen war schließlich er derjenige der das Geld zur Verfügung stellte, also machte es auch Sinn dass er derjenige war der sich um die Beschaffung der Transportmittel kümmerte.

Und zum anderen würde sein fast kindlich unschuldiges Aussehen ihm bei den Verhandlungen nur helfen. Das tat es immer. Und dieser Gebrauchtwagenhändler wäre im Gegensatz zu all den Big Business Haien mit denen Quatre sonst zu tun hatte ein Kinderspiel.

"Verstehe, verstehe. Klar," sagte Quatre und warf einen beiläufig wirkenden Blick hinaus auf den Hof auf dem sich Hilde und Noin gerade mit einem der Transporter vergnügten. Natürlich folgte der Gebrauchtwagenhändler seinem Blick - und sofort wandelte sich sein Gesichtsausdruck von überheblich zu besorgt. Offenbar gefiel es ihm gar nicht dass Hilde und Noin auf einem der Wagen rumwippten und so dessen Stoßdämpfer ausführlich testeten.

"Das sind ein paar tolle Transporter die Sie da haben," sagte Quatre und grinste innerlich.

"Ja, das ist die Top-Kategorie," sagte der Händler, den Blick noch immer besorgt nach draußen gerichtet. Quatre schmunzelte. Der Händler wirkte als ob er Quatre im nächsten Moment bitten würde, seine aufmüpfigen Gören doch endlich zur Räson zu bringen.

"Ok," Quatre seufzte. "Danke für Ihre Zeit, Mr...?"

"Oh, äh, Denham," sagte der Händler. "Billy Tim Denham." Der Mann ergriff Quatres ausgestreckte Hand und schüttelte sie enthusiastisch.

"Ja," sagte Quatre und grinste jetzt leicht. "Denham wie die Jeans."

"Ja, ganz recht," erwiderte der Händler und grinste zurück. "Genau wie die Jeans." Er lachte einmal kurz und wollte seine Hand wieder zurückziehen, doch Quatre festigte seinen Griff um Denhams Hand nur noch. Der Händler stutzte leicht und das Grinsen wich einem verwirrten Blick.

"Mann, haben Sie schöne Hände," sagte Quatre und sah kurz auf ihre Hände hinab. "Nehmen Sie Feuchtigkeitscreme?"

"Wie bitte?" Der Händler klang absolut verblüfft.

"Ich hab echt schon sämtliche Marken durch," sagte Quatre mit einem leichten Kopfschütteln, "Ich hab's sogar schon ein Jahr mit parfümfrei versucht. Also meine Schwester, die verwendet... ähm..." Quatre brach ab, tat so als müsse er nach dem Wort erst suchen und schnipste dabei mit seinen Fingern. Dabei ließ er die Hand des Autohändlers nicht ein einziges Mal los. "... äh... Aloe Vera! Mit einem geringen Lichtschutzfaktor."

"Ja," sagte der Autohändler und versuchte erneut seine Hand freizubekommen. "Verstehe."

"Und wenn wir konsequent wären müssten wir alle mit Handschuhen ins Bett," fuhr Quatre fort und ließ sich von den Bemühungen des Mannes gar nicht erst aus der Fahrt bringen. "Aber nach meinen Erfahrungen ist das oft sehr hinderlich für meine zwischenmenschlichen Aktivitäten, verstehen Sie?" Quatre warf dem Mann einen verschwörerischen, leicht lasziven Blick zu und streichelte mit seinem Daumen leicht über die Hand, die er noch immer mit eisernem Griff festhielt. Zu seinem Amüsement spürte er, wie der Autohändler anfing zu schwitzen.

"Ich bekomm auch Hautreizungen von Kampfer," plauderte Quatre fröhlich weiter. Mann, das machte echt Spaß! Heero und Duo hätten sich ruhig schon früher mal an ihn wenden können! Quatre hatte schon beinahe vergessen wie lustig es damals im Internat gewesen war als sie zusammen seine versnobten Mitschüler aufs Kreuz gelegt hatten. "Deshalb bin ich nicht so heiß auf traditionelle Heilmittel und so." Quatre streichelte erneut mit seinem Daumen über Denhams Hand und blickte ihm tief in die Augen.

"Ah ja, verstehe," haspelte Denham. "Ich sag Ihnen mal was. Wenn Sie bereit sind bar zu zahlen, kann ich mit dem Preis noch etwas runtergehen, sagen wir... 17..." Quatre verstärkte den Griff leicht und trat noch etwas näher an den Händler heran. "... 16 000! Für jeden."

"Nein!" rief Quatre gespielt ungläubig.

"Doch Sir," versicherte Denham.

"Das tun Sie?"

"Oh ja, Sir!"

"Mann, das wär was!" sagte Quatre und lächelte den Autohändler leicht an. "Die wussten warum sie mich zu Ihnen schicken!"

"Oh, tatsächlich!" rief Denham und schien zu überlegen, wer genau Quatre denn jetzt zu ihm geschickt und ihn damit in diese für ihn schreckliche Situation gebracht hatte. "Also, das freut mich natürlich sehr!" fügte der Händler mit einem erzwungenen Lachen hinzu.

"Das wussten die genau," sagte Quatre, ebenfalls lachend und ließ nun endlich die inzwischen schweißnasse Hand des Händlers los.

Der Mann zog seine Hand zu sich und konnte sich offenbar gerade noch davon abhalten, sie beschützend an seine Brust zu ziehen. "Gut, also, ich hol dann mal den Papierkram. Und... und... und ich komm gleich wieder. Sie warten hier am Tisch, ok?"

"Tun Sie das," erwiderte Quatre breit lächelnd.

"Danke," sagte der Mann und wandte sich ab um in seinem Büro zu verschwinden. Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte erlaubte Quatre sich endlich ein breites Grinsen. Das hatte WIRKLICH Spaß gemacht!

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Howard stand auf einem kleinen Podest im Geschäftsraum des teuersten Herrenausstatters von Las Vegas und betrachtete sich in einem riesigen Spiegel. Der Anzug den er trug war grau und hatte den perfekten Sitz, den nur maßgeschneiderte Kleidung hatte. Mit einer Hand strich er bewundernd über den Stoff während einer der beiden Schneider an seinem anderen Arm noch die letzten Kleinigkeiten am Ärmel absteckte.

"Das ist ein schönes Material," sagte Howard während er sich erneut einen bewundernden Blick zuwarf.

"Importierte Seide, Howard," warf Heero ein, der zusammen mit Quatre ein Stück weiter hinten auf einem Sofa saß. Nachdem Quatre erfolgreich die Transporter besorgt hatte, hatten sie sich der nächsten Aufgabe zugewandt.

"Naja," Howard nickte. "Wirklich schön."

"Gentlemen," wandte Heero sich plötzlich an die beiden Herrenausstatter, "würden Sie uns entschuldigen? Es dauert nicht lange."

Die Schneider nickten stumm und verließen den Raum. Heero stand auf, ging langsam zu Howard und stellte sich neben ihn vor den Spiegel.

"Traust du dir das auch wirklich zu, Howard?"

Howard versteifte sich kurz, dann drehte er seinen Kopf in Heeros Richtung und warf ihm einen scharfen Blick zu. "Wenn ich diese Frage noch einmal von dir höre, Heero, wirst du am Morgen darauf nicht mehr aufwachen!"

Heero erwiderte den Blick für eine Sekunde ohne das Gesicht zu verziehen, dann drehte er sich zu Quatre um und flüsterte im besten Bühnenflüsterton, "Das heißt wohl 'ja'." Dann ging er wieder zurück zum Sofa und setzte sich.

Howard entschloss sich dazu, Heeros letzten Satz einfach zu ignorieren - eine Taktik die sich im Umgang mit Heero und Duo nur all zu oft bewährt hatte - und straffte seine Schultern.

"Mein Name ist Lyman. Zerga," sagte Howard und versuchte seiner Stimme einen kalten, überlegenen Tonfall und gleichzeitig einen unbestimmbaren slawischen Akzent zu geben. "Mein Name ist Lyman Zerga. Mein Name ist... Lyman Zerga." Nach dem dritten Versuch nickte Howard zufrieden. Jawohl, so klang es gut, so würde es gehen. Er war nun bereit als Lyman Zerga in Treize Khushrenadas Hotel einzuchecken.


Kapitel 11

Duo beobachtete wie Howard – Verzeihung, Lyman Zerga – begleitet von seinen zwei weiblichen Bodyguards das Bellagio betrat. Wenn er nicht gewusst hätte um wen es sich handelte, hätte er Hilde und Noin nicht wieder erkannt. Und das lag noch nicht einmal an den beiden schwarzen Anzügen und den mit Gel zurückgekämmten Haaren, sondern vielmehr daran, dass sich die beiden ausnahmsweise einmal nicht stritten.

Mit forschen, energischen Schritten bewegte Howard sich auf die Rezeption des Hotels zu und schenkte Duo, der in einem Sitzbereich der Eingangshalle saß, nicht die geringste Beachtung, als er an ihm vorbeikam. Genauso wenig wie Hilde und Noin, die beiden trugen Howards Gepäck und behielten dabei gleichzeitig Howards unmittelbare Umgebung schärfstens im Blick. Genau wie es sich für gute Bodyguards eben gehörte.

„Ok, erzähl mir von Khushrenada,“ sagte Duo und wandte sich an Zechs, der neben ihm saß und das Trio Howard/Hilde/Noin ebenfalls gespannt beobachtete.

„Der Kerl ist ne Maschine,“ antwortete Zechs. „Er trifft jeden Tag um 14 Uhr am Bellagio ein. Derselbe Wagen, derselbe Fahrer. Er kennt jeden Angestellten den er trifft beim Namen. Nicht schlecht für nen Typ der ne dreiviertel Milliarde schwer ist.“ Zechs’ Stimme klang richtig bewundernd, und Duo konnte es ihm gut nachvollziehen. Khushrenada hatte eine Menge erreicht in seinem Leben, und er hatte das alles ganz allein erreicht. Gut, seine Methoden waren mehr als fragwürdig, aber dennoch musste man einen Mann, der sein Ziel koste es was es wolle im Auge behielt einen gewissen Respekt zollen.

„Die Büros sind oben,“ fuhr Zechs fort. „Er arbeitet hart und steht dann um Punkt sieben in der Eingangshalle. Er verbringt dort drei Minuten mit seinem Casinomanager.“

„Worüber reden sie?“ warf Duo ein und winkte einen der Kellner zu sich, die überall im Hotel rumliefen. Seine letzte Mahlzeit lag schon etwas zurück und langsam bekam er so richtig Hunger.

„Nur übers Geschäft,“ antwortete Zechs. „Khushrenada weiß gern was in seinen Casinos läuft. Er behält gern die Kontrolle. Er weiß über fast alle Vorfälle Bescheid und regelt sie persönlich. Er geht ein paar Minuten lang den Edelzockern um den Bart, er spricht fließend spanisch, französisch und italienisch, und er lernt japanisch. Er ist schon ziemlich gut.“

Duo nickte und nahm den Krabbencocktail entgegen, den der Kellner ihm gerade gebracht hatte. Er bedeutete Zechs weiter zu sprechen während er anfing den Krabbencocktail genüsslich zu essen.

„Um 19:30 Uhr reicht ihm sein Assistent draußen eine schwarze Aktenmappe. Inhalt: Die Zahlen vom Tag und neue Sicherheitscodes. Dann geht er ins Restaurant.“

Duo nickte erneut, schnappte sich seinen Krabbencocktail und stand auf. Mit Zechs auf den Fersen begab er sich in Richtung der Edelzocker. Es war jetzt kurz vor 19:30 Uhr und er wollte sich Khushrenada selbst einmal ansehen. Bisher hatte er nur Bilder von dem Mann gesehen, aber Duo würde sich ein besseres Bild von ihrem Gegenüber machen können, wenn er ihn einmal in Natura gesehen hatte.

Am Fuße einer großen, eleganten Treppe blieben sie beide stehen und warteten. Und tatsächlich, nur wenig später kam Khushrenada mit forschem Schritt aus der Richtung der privaten Tische marschiert, eine schwarze Aktenmappe unter dem Arm.

„Ich sag ja, eine Maschine,“ sagte Zechs.

Duo musterte den Mann abschätzend. Er war groß, hatte rotbraunes Haar das er glatt aus dem Gesicht gegelt trug und edle Gesichtszüge. Er trug einen teuren Anzug in einem leicht asiatisch wirkenden Schnitt. Zweifellos maßgeschneiderte Einzelstücke. Duo hatte ein ganz gutes Auge für so was.

„In dieser Mappe liegen die Codes für alle Kassentüren?“ fragte Duo und nahm einen weiteren Bissen.

„Uhum,“ machte Zechs und stellte sich so, dass er halb von Duo verdeckt wurde. Duo hätte ihn sicherlich zurechtgewiesen und ihm gesagt, dass er sich auf diese Weise sehr viel verdächtiger machte als wenn er Khushrenada offen angestarrt hätte, aber er war viel zu sehr auf Khushrenada konzentriert und versuchte in der kurzen Zeit soviel wie möglich über den Mann zu lernen, den sie demnächst ausnehmen würden.

„Die sind keine zwei Minuten alt da hat er sie bereits in der Hand,“ fuhr Zechs fort und trat von einem Fuß auf den anderen. Er seufzte tief, „Echt, ihr habt Talent Leute aufzugabeln. Der Kerl ist ebenso gerissen wie skrupellos. Der letzte der das Casino austricksen wollte hat ihm nicht nur zehn Jahre Bau zu verdanken, Khushrenada hat auch für die Pfändung seines Hauses gesorgt. Und dann den Malerbetrieb seines Schwagers –“

„– seines Schwagers ruiniert,“ unterbrach Duo Zechs und grinste ihn kurz an. „Ja, hab ich gehört.“

„Der schießt dir nicht nur ins Knie,“ murmelte Zechs und hörte sich sehr besorgt an, „Der nimmt dir die Lebensgrundlage, dir und jedem den du jemals getroffen hast!“

Duo grinste und nahm einen weiteren Bissen Krabbencocktail. „Schiss?“ fragte er Zechs.

„Todessehnsucht?“ war Zechs sarkastische Gegenfrage.

Duos Grinsen wurde noch breiter. „Nur morgens,“ antwortete er und musste sich sehr beherrschen, um bei Zechs’ Gesichtsausdruck nicht laut herauszulachen. Aber vielleicht sollte er jetzt aufhören Zechs zu ärgern – immerhin war das alles noch neu für ihn, da war es also nicht so verwunderlich wenn er völlig aufgeregt war. „Und nun?“ fragte er deshalb um Zechs’ Aufmerksamkeit wieder auf seine Aufgabe zu lenken.

„Auftritt: die Frau,“ sagte Zechs und drehte sich zu der großen Treppe um. „Wenn sie sich verkrachen kommt sie allein runter.“

„Woher kommt sie?“ fragte Duo und suchte mit seinen Blicken die Treppe ab, um die Frau zu entdecken, die es nicht nur geschafft hatte Khushrenadas Aufmerksamkeit, sondern auch die von Zechs zu erregen.

„Aus dem Museum,“ antwortete Zechs über seine Schulter. „Sie ist die Kuratorin.“

Duo nickte und blickte nach unten auf sein Schälchen. Schade, der Krabbencocktail war inzwischen alle. Nun ja, konnte man nichts machen, dann würde er sich eben nachher noch was für unterwegs holen müssen.

„Oh,“ seufzte Zechs. „Da ist sie.“

Duo hob den Blick – und erstarrte.

„Das ist das Beste an meinem Tag,“ sagte Zechs, doch Duo bekam das kaum mit. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt der Frau, die soeben die große Treppe hinab schritt. Sie war groß, schlank, hatte langes, honigblondes Haar, das ihre Schultern weich umspielte und trug ein teures, rotes Kostüm. Und ironischerweise war das einzige, was Duo in diesem Moment denken konnte, ‚Was denn, kein Pink?’

Die Frau näherte sich ihnen und endlich konnte Duo sich aus seiner Erstarrung lösen. Mit einem Ruck drehte er sich um, so dass er mit dem Rücken zu der Frau stand und zog schnell seinen Zopf über seine Schulter nach vorne.

„Ich weiß noch nicht ob sie uns nützt,“ sagte Zechs nachdem sie an ihnen vorbeigegangen war. Duo drehte sich ebenfalls um und warf der Frau einen bitteren Blick hinterher. „Ich kenn noch nicht mal ihren Namen,“ sagte Zechs, dessen Augen sich nicht eine Sekunde von der Frau gelöst hatten.

Duo sah nach unten, schloss kurz die Augen und holte tief Luft. „Relena,“ sagte er mit resignierter Stimme.

Zechs blinzelte überrascht und sah Duo verblüfft an. „Häh?“

„Ihr Name ist Relena,“ wiederholte Duo und ballte seine Hände zu Fäusten, um die Wut die plötzlich in ihm hochstieg unter Kontrolle zu halten. „Relena Darlian.“

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Zechs warf einen weiteren unsicheren Blick zur Seite auf seinen Begleiter. Seit sie Khushrenadas Freundin begegnet waren war Duo schon so. Sein Gesicht hatte sich zu einer völlig unlesbaren Maske verschlossen – das Lachen das sonst darauf lag war verschwunden. Nachdem sie die Frau – Relena Darlian – gesehen hatte, hatte Duo Zechs weiteren Bericht gar nicht mehr hören wollen. Stattdessen war er sofort wortlos davon gestürmt, und alles was Zechs hatte tun können war ihm hinterher zu rennen. Und egal was er Duo auch gefragt hatte, der Langhaarige hatte ihm keine Antwort gegeben sondern nur die Zähne zusammengebissen und war weitergestürmt.

Zechs schüttelte stumm den Kopf. Er konnte sich wirklich nicht vorstellen was los war. Es musste irgendetwas mit dieser Relena Darlian zu tun haben, soviel war Zechs schon klar. Offenbar schien Duo diese Frau zu kennen – und seiner Reaktion nach zu urteilen hegte er ihr gegenüber nicht gerade freundschaftliche Gefühle. Hoffentlich bedeutete das keine Schwierigkeiten.

Endlich erreichten sie das Stockwerk auf dem sich ihre Suite befand und Duo stürmte ohne zu stoppen hinein. Zechs eilte ihm keuchend hinterher. Was musste Duo auch die Treppen nehmen? Wozu gab es hier schließlich Aufzüge? Aber anscheinend hatte Duo aus irgendeinem Grund plötzlich jede Menge überschüssige Energie gehabt – oder nicht die Geduld, auf den Aufzug zu warten. Wie auch immer, er hatte es offenbar mehr als eilig.

Zechs schloss die Zimmertür hinter sich und sah sich um. Außer ihm und Duo waren noch Heero, Trowa und Wufei in der Suite, die in einer kleinen Gruppe zusammenstanden und sich leise unterhielten. Zechs nickte ihnen kurz zu, doch dann konzentrierte er sich wieder auf Duo. Möglich dass es ihn nichts anging, aber er wollte wirklich wissen was hier los war! Wie sollte er schließlich irgendwas lernen wenn ihm niemand irgendetwas sagte?

Ohne sich groß umzusehen marschierte Duo direkt auf die kleine Gruppe zu und baute sich direkt vor Heero auf. „Wir müssen reden,“ sagte er mit flacher Stimme, ohne Heero direkt anzublicken.

Heero wandte sich von seinen beiden Gesprächspartnern ab und sah Duo an. „Ok,“ sagte er.

„Sofort!“ fauchte Duo, drehte sich um und ging auf eines der vier Schlafzimmer der Suite zuzugehen. Zechs näherte sich der Tür ebenfalls unauffällig. Irgendetwas war hier im Busch, und seine Neugier trieb ihn voran.

Heero warf Duo einen verwunderten Blick zu, folgte ihm aber. „Sag mir das es hier nicht um sie geht!“ zischte Duo. „Oder ich bin raus, ich bin sofort aus diesem Job raus!“

„Um wen?“ fragte Heero.

„Relena. Treize Khushrenada,“ war Duos Antwort. „Du willst doch nicht den aufs Kreuz legen, der deine Freundin aufs Kreuz legt?“

„Ex-Freundin,“ korrigierte Heero. Zechs schob sich weiter unauffällig vor. Heero und Duo hatten ihre Stimmen gesenkt und waren von seinem Standpunkt aus kaum noch zu verstehen.

„Also was ist?“ Duos Stimme klang wütend, obwohl er noch immer flüsterte.

„Es geht nicht um sie,“ sagte Heero ruhig und folgte Duo durch die Tür in das Schlafzimmer. Dann legte er seine Hand auf die Türklinke und die Tür langsam zuschob. Das letzte was Zechs noch verstehen konnte war Heeros leise Stimme die sagte, „Es geht nicht ausschließlich um sie.“ Dann war die Tür zu und obwohl Zechs sich anstrengte konnte er nichts mehr verstehen. Verdammt. Zechs seufzte auf. Warum musste die Schalldämmung in diesem Hotel auch so gut sein?

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Relena blickte fasziniert auf das Gemälde an der Wand vor ihr. Obwohl sie tatsächlich Kunst studiert hatte bewunderte sie das Bild weniger wegen der künstlerischen Fähigkeiten des Malers sondern vielmehr wegen seines Wertes.

Obwohl Relena selbst aus einer reichen Familie stammte, war von diesem Reichtum leider nicht mehr viel übrig geblieben. Kurz nach ihrem College Abschluss hatte sie erfahren dass ihr Vater sein gesamtes Vermögen verloren hatte. Und obwohl sie eine hervorragende Ausbildung hatte, hatte sie es nicht eingesehen für ihren Unterhalt zu arbeiten. Sie war immerhin eine Darlian von den Massachusetts-Darlians! Eine Darlian arbeitete nicht!

Also hatte sie sich daran gemacht sich jemanden zu suchen, der sie mit dem versorgen konnte was ihr zustand. Und genau das hatte sie getan. Gut, das erste Mal hatte sie sich von ihren Gefühlen leiten lassen und hatte sich von einem hübschen Gesicht verführen lassen. Ein hübsches Gesicht das zwar keine Probleme damit hatte immer wieder Geld zu beschaffen, aber niemals in der Menge in der es Relena für nötig erachtete.

Aber Relena war damals noch so jung gewesen und hatte sich von den schwärmerischen Gefühlen leiten lassen. Etwas das ihr heute nicht mehr passieren würde. Denn am Ende hatte es sich herausgestellt, dass ihr damaliger Freund nichts Weiteres als ein Verlierer war. Und mit Verlierern wollte Relena nicht das Geringste zu tun haben. Deshalb hatte sie die Beziehung damals so schnell wie möglich beendet, und sie bereute es nicht im Geringsten.

Denn jetzt hatte sie alles was sie wollte. Sie hatte einen Freund, der ihr all das bieten konnte was ihr zustand. Wie zum Beispiel dieses Bild hier. Sie wollte es, sie bekam es. Oh es tat so gut in der Lage zu sein einen Scheck in dieser Höhe ausstellen zu können! Ein wohliger Schauer lief über Relenas Rücken. Gut, sie hatte jetzt zwar einen Job, etwas das sie sich eigentlich geschworen hatte niemals zu haben, aber diese Arbeit als Kuratorin des Museums war mehr äußerer Schein als wirkliche Arbeit. Treize hielt es für besser wenn seine Freundin eine bedeutende Stellung innehatte statt gar nichts zu tun. Hatte wohl irgendetwas mit der Presse zu tun oder so.

Aber das spielte keine Rolle. Relena war zufrieden mit ihrem Leben, mehr als zufrieden. Und das war das einzige was zählte.

„Gefällt’s dir?“ fragte Relena als Treize näher an das Bild trat und es genauer betrachtete.

„Mir gefällt dass es dir gefällt,“ antwortete Treize und Relena lächelte geschmeichelt. Treize war immer so charmant und das gefiel ihr wirklich gut. Ihr letzter Freund hingegen… Aber daran wollte Relena jetzt nicht denken.

„Seh ich dich heut noch?“ fragte Treize.

„Ok,“ sagte Relena, immer noch lächelnd und trat an Treize heran, um ihn zu küssen. Doch Treize lehnte sich leicht zurück und blickte über Relenas Schulter in die Ecke des Raumes. Relena stoppte, trat einen Schritt zurück und drehte sich um, um Treizes Blick zu folgen. Wie überall in Treizes Hotels war dort in der Ecke des Zimmers eine Sicherheitskamera in der Decke angebracht.

„In meinem Hotel ist man nie unbeobachtet,“ sagte Treize und zog eine Augenbraue hoch.

Relena nickte leicht frustriert. Das war das einzige was ihr hier nicht so gefiel. Sie hasste es sich so beobachtet zu fühlen. Denn es bedeutete dass sie sich wirklich ständig unter Kontrolle halten musste. Das sie immer darauf achten musste, sich auch wie eine Lady zu benehmen. Das konnte wirklich mehr als anstrengend sein.

„Wir sehen uns nachher,“ sagte Treize, drehte sich um und verließ den Raum. Relena nickte und blickte ihm hinterher. Sie würde jedenfalls noch etwas hier bleiben und ihr neues Bild bewundern.


Kapitel 12

Howard saß an einem der besseren Roulettetische und schob einen Stapel mit zehn 5000-Dollar Chips auf ‘Schwarz’. Seit er offiziell in das Casino eingezogen war, hatte er praktisch jede freie Minute an einem der Spieltische verbracht. Und da er nicht um kleine Summen spielte, hatte er es innerhalb kürzester Zeit erreicht in den erlesenen Zockerkreis aufgenommen zu werden. Sicher, er wurde noch immer nicht an den Tisch der ‘Edel-Zocker’ gebeten, aber er war sich sicher dass die Geschäftsleitung inzwischen sehr gut über ihn bescheid wusste.

Dies war Teil ihres Planes. Und genau deshalb hatte er vorhin beim Casinomanager auch seine Anfrage gestellt. Howard ging nicht davon aus, dass sie abgelehnt werden würde.

Howard spürte wie sein Magen schmerzte. Diese ganze Sache war Gift für sein Magengeschwür. Er nahm sich möglichst unauffällig ein Magendragee und steckte es sich in den Mund. Dann wandte er seine volle Aufmerksamkeit wieder dem Tisch zu. Es war zwar nicht sein Geld, trotzdem mochte Howard es nicht zu verlieren.

„Ein schwacher Magen Mr. Zerga?“ fragte in dem Moment der Mann der rechts neben Howard saß.

Howard verzog keine Miene, obwohl er am liebsten eine Grimasse geschnitten hätte. Der Typ war das absolute Klischee eines neureichen Amerikaners. Laut, polternd und redete viel zu vertraulich mit Leuten die er gar nicht kannte. Howard bereute es wirklich, noch nicht bei den Edel-Zockern aufgenommen worden zu sein. Dort wäre er zumindest vor solchen Menschen sicher. „Ich halte wenig von Schwäche. Sie kostet zu viel,“ gab Howard bemüht gelangweilt zurück. Immer darauf bedacht seinen Osteuropäischen Akzent beizubehalten. „Von Fragen halte ich ebenso wenig,“ fügte er noch hinzu und nahm sich dann einen Schluck aus seinem Champagnerglas.

Der Typ schien seinen Hinweis allerdings vollkommen zu überhören und redete einfach weiter. „Ach, was Sie nicht sagen. Dann will ich Ihnen mal einen Tipp geben. Lassen Sie sich nur nicht mit Treize Khushrenada ein, was Geld anbelangt. Der macht kurzen Prozess.“ Danach fing der Typ an lang und ausführlich über diverse Geschäftspartner und Gegner von Khushrenada zu lamentieren.

Howard seufzte innerlich und schaltete einfach auf Durchzug. Aber zum Glück passierte gerade etwas interessantes. Er konnte sehen wie besagter Khushrenada langsam in die Richtung ihres Spieltisches kam. Kurz bevor er allerdings den Raum mit den Roulettetischen betrat, traf er am Eingang auf den Casinomanager und blieb neben diesem stehen. Die beiden fingen sofort an zu reden.

Howard konzentrierte sich so unauffällig wie möglich auf diese Unterhaltung. Die beiden standen zwar zu weit weg, als dass er sie hätte hören können, aber eines der größten Talente von Howard war, dass er Lippen lesen konnte. Eine Fähigkeit die ihm schon oft von großem Nutzen gewesen war.

„Wie geht’s, Eddie?“ fragte Khushrenada.

„Gut Sir,“ antwortete der Manager mit einem Nicken.

„Was gibt’s?“ kam die nächste Frage.

Howard verzog keine Miene, aber er wusste ganz genau um was es ging, schließlich hatte er den Manager vorhin deswegen angesprochen.

Eddie zeigte kurz auf den Roulettetisch und sagte dann, „Mr. Zerga, Lyman Zerga, die Nummer 3. Er wünscht Sie privat zu sprechen.“

Khushrenada warf einen kurzen Blick zu Howard, doch dann konzentrierte er sich sofort wieder auf seinen Manager. „Wer ist er?“

Howard wurde sich immer bewusster, dass Treize kein Mann von vielen Worten war. Seine geschäftlichen Besprechungen waren mehr als effektiv. Das würde Howard sich merken.

„Geschäftsmann. Branche unbekannt. Irgendwo aus Europa,“ teilte Eddie die wenigen Informationsbrocken mit, die Howard und die anderen absichtlich ausgestreut hatten. „Alles sehr vage.“ Eddy schüttelte seinen Kopf. „Aber ich habe mich umgehört. Er soll hauptsächlich mit Waffen handeln.“

„Waffenhandel?“

„Ein großer Fisch,“ bestätigte Eddie.

„Zerga?“

„Ja, Sir.“

„Der Name sagt mir nichts.“

„Ein Grund mehr die Geschichte zu glauben.“

Howard musste hart mit sich kämpfen um nicht zu lächeln. Es reichte schon aus, wenn man etwas mit Geld um sich warf und möglichst geheimnisvoll tat. Und schon glaubte jeder dass man nur ein Waffenhändler sein konnte. Nun ja, dieser Trick funktionierte ja auch nicht zum allerersten Mal.

„Ist er hier abgestiegen?“ wollte Khushrenada wissen.

„Vor zwei Nächten, in der Mirador-Suite.“

Die eine der teuersten Suiten des gesamten Hotels war. Aber das war ja sowieso kein Problem, sie würden ganz sicher keine Rechnung bezahlen.

„Wie liegt er im Rennen?“ fragte Khushrenada. Sicher um einschätzen zu können worum es sich bei dem privaten Gespräch handeln könnte. Wenn Howard zuviel Geld verloren hätte, dann wäre er sicher nicht so einfach für den Besitzer des Casinos zu sprechen gewesen.

„Er liegt vorne Sir, mit fast 200 000.“

„Schön für ihn,“ sagte Treize mit einem unechten Lächeln und ging dann in Richtung Roulettetische.

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Relena saß in dem eleganten Restaurant wie immer an ihrem Stammplatz. Sie und Treize dinierten so gut wie jeden Abend hier. Treize bestand darauf, weil er sich als Besitzer des Casinos zeigen musste. Relena hatte nichts gegen dieses Arrangement. Der Küchenchef war ein Sternekoch und Treize sorgte gerne und regelmäßig dafür dass Relenas Garderobe und Schmuckkollektion erweitert wurden. Das einzige was Relena wirklich störte war wenn sie – so wie heute – etwas länger auf Treize warten musste.

Relena griff zu dem Weinglas das auf dem wunderschön gedeckten Tisch stand und trank einen kleinen Schluck. Währenddessen ließ sie ihren Blick über die anderen Tische schweifen. Das Restaurant war wirklich elegant, ebenso wie die Kundschaft. Nur die Reichsten konnten es sich leisten hier zu speisen, es war eine besondere Oase in dem großen Casino. In den Hallen mit den Einarmigen Banditen waren auch Normalsterbliche – der Pöbel – zu finden, doch in diesen Laden kam nur die High Society.

Hier fühlte Relena sich heimisch, hier gehörte sie hin. Und sie war dankbar, dass sie mit Treize einen Mann gefunden hatte, der ihr dieses Leben ermöglichte. Sicher, sie arbeitete immer noch – aber die Kuratorin eines exklusiven Privatmuseums zu sein das hatte einiges an Prestige. Ihr einziger Wermutstropfen war, dass Treize bisher noch nichts von einer Hochzeit gesagt hatte. Aber Relena würde nicht ruhen, bis sie Mrs. Khushrenada geworden war. Sie würde sich niemals wieder von diesem Platz, von diesem Luxus vertreiben lassen. Und sollte Treize ihr nicht bis in einem halben Jahr die entscheidende Frage gestellt haben, dann würde halt plötzlich ihre Pille versagen. Es gab Mittel und Wege einen Mann an sich zu binden und Relena würde nichts unversucht lassen.

Bei diesem Gedanken umspielte ein kleines Lächeln Relenas Mundwinkel. Dann spürte sie wie jemand hinter sie trat und in einer vertrauten Geste seine Hand auf ihre Schulter legte. Das Lächeln wurde tiefer und mit ruhiger Stimme sagte Relena, „Ich wollte schon eine Sucheinheit losschicken. Du bist dreißig Sekunden zu spät.“ Normalerweise glich Treize eher einem gut geölten Uhrwerk und er war so gut wie nie zu spät.

Relena drehte sich zu dem Mann um, doch dann erstarrte sie, während ihr Mund vor Verwunderung offen blieb.

„Hallo Relena,“ sagte Heero.

Relena schüttelte kurz ihren Kopf und schaute noch einmal hin. Aber das Bild hatte sich nicht verändert. Vor ihr stand Heero Yuy. Ihre große Jugendsünde. Der einzige Fehler den sie je begangen hatte. Panik stieg in Relena auf, was würde Treize denken wenn er Heero hier sah? „Was tust du hier?“ fragte sie vorwurfsvoll.

Heero lächelte kurz – was sein ganzes Gesicht erstrahlen ließ und antwortete schlicht, „Ich bin raus.“

„Wie raus?“ Relena fühlte sich, als wenn sie neben sich stehen würde.

„Na aus dem Gefängnis,“ erwiderte Heero mit einem fast spitzbübischen Lächeln und einem einfachen Schulterzucken. „Dir muss doch aufgefallen sein, dass ich damals von meinem letzten Job nicht wieder zu dir zurückgekommen bin?“

Und ob das Relena aufgefallen war. Mit Horror dachte sie immer noch daran wie sie damals zum Gespött der Nachbarschaft wurde. Wie ihr klar wurde dass sie sich mit einem Verbrecher eingelassen hatte. Und wie sie plötzlich von einem Tag auf den anderen ohne den geringsten Cent dagestanden hatte. Es war schon schlimm genug gewesen als ihr Vater so unvorsichtig gewesen war und sein ganzes Vermögen verloren hatte. Doch dass sie zum zweiten Mal plötzlich ohne Geld dastand, das war noch schlimmer gewesen. Sie hätte wirklich auf ihre Mutter hören und gleich nach der Schule einen ihrer Verehrer heiraten sollen. Die hatten die richtigen Familien und richtiges Vermögen besessen. Aber nein, sie hatte ja auf das hübsche Gesicht von Heero reinfallen und sich mit diesem Taugenichts abgeben müssen.

Relena hatte nach diesem harten Schlag viel dafür geben müssen wieder den Luxus zu genießen der ihr zustand. Und jetzt konnte sie keine Geister aus der Vergangenheit benötigen. Mit Entsetzen beobachtete Relena wie sich Heero einfach ungefragt auf den Stuhl neben sie setzte. „Nein, dass ist mir nicht aufgefallen.“ Ungewollt war Relenas Stimme etwas härter geworden. „Der Stuhl ist besetzt!“ informierte sie ihr Gegenüber.

Das schien Heero überhaupt nicht zu beeindrucken. Er flenzte sich regelrecht in den Stuhl und strahlte sie an. „Es heißt, ich habe meine Schulden gegenüber der Allgemeinheit bezahlt.“

„Komisch, bei mir ist nie ein Scheck angekommen,“ keifte Relena. Sie hatte sogar als Kosmetikberaterin arbeiten müssen um über die Runden zu kommen. Für diese Demütigung würde sie Heero sicher nie verzeihen können.

„Wo sind meine Sachen?“ fragte Heero ohne auf Relenas Einwand einzugehen.

„Verkauft!“ erklärte Relena. Auf Heeros erstaunten Blick hin setzte sie hinzu, „Oder was hast du geglaubt? Von irgendwas musste ich schließlich die Miete bezahlen.“

„Das war mein Eigentum, du hattest kein Recht es zu verkaufen.“

Relena lachte kurz auf. „Das sagt wirklich der Richtige, Heero.“

Es herrschte ein kurzer Moment des Schweigens, dann begann Heero wieder mit dem reden. „Wieso hast du mir nie geschrieben?“ fragte er.

„Weil ich mir keine Briefmarken leisten konnte,“ zischte Relena. Ihm schreiben, einem Verbrecher schreiben. Glaubte Heero wirklich, dass sie nach seiner Verhaftung noch irgendetwas mit ihm zu tun haben wollte? Sie war eine Darlian, sie gehörte zur besseren Gesellschaft. Mit einem Verbrecher hatte sie nichts gemeinsam.

Heero sah für eine Sekunde tatsächlich traurig drein. Relena schloss ihre Augen und atmete tief durch. Dann versuchte sie an seinen Verstand zu appellieren. „Heero, bitte geh jetzt. Mein Freund wird gleich hier auftauchen.“

„Was, du hast Angst dass mich Khushrenada sieht?“ Dann drehte sich Heero zu einem der Kellner um und bestellte sich einen doppelten Whiskey.

Diese Dreistigkeit verschlug Relena fast die Sprache. „Heero,“ begann sie noch einmal.

Doch sie wurde von Heero unterbrochen. „Relena, du leistest tolle Arbeit in dem Museum. Der Vermeer den ihr heute bekommen habt ist recht gut auf eine schlichte aber dennoch kraftvolle Art. Ein typischer Vermeer halt, obwohl er im Alter eindeutig nachgelassen hat.“

Relena warf sich ihre Haare mit einer schnellen Handbewegung über die Schulter. Das war ja wohl die Höhe. Heero der hier versuchte so zu tun, als ob er Ahnung von Kunst hatte. Ein Verbrecher! Und dann noch diese Spitze, dass das Bild vielleicht nicht ganz so gut wie die früheren Werke des Künstlers war, wie kam Heero nur dazu sich als Kritiker aufzuspielen? „Das kommt ja wohl häufig vor!“ zischte Relena, was besseres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen.

„Und ich verwechsle dauert Monet und Manet. Welcher von beiden hat noch mal seine Geliebte geheiratet?“

Wollte Heero sie mit seinem mehr als zweifelhaften Wissen über die Kunst beeindrucken? „Monet!“ erklärte Relena einfach.

„Oh, dann war Manet der mit der Syphilis.“

Relena atmete hörbar tief ein. „Sie waren ganz nebenbei auch noch Künstler.“ Aber das würde jemand wie Heero sowieso nie verstehen können.

Heero schwieg wieder für eine Sekunde. Dann sagte er, „Ich will es kurz machen. Ich bin deinetwegen gekommen. Ich will mein altes Leben zurück, an der Seite der Person die ich liebe.“ Bei diesen verhängnisvollen Sätzen strahlten seine Augen geradezu.

Relena konnte nicht fassen was sie da gerade hörte. Konnte Heero denn nicht von allein sehen, dass sie jetzt ein vollkommen anderes Leben hatte? Und da passte ein verurteilter Verbrecher beileibe nicht hinein. Was konnte er ihr schon bieten, außer einem hübschen Gesicht und strahlenden Augen? „Du bist ein Dieb und ein Lügner!“ erklärte Relena gepresst.

„Ich hab dir nur vorgelogen ich wäre kein Dieb. Ich tu das jetzt nicht mehr.“

„Stehlen?“

„Lügen.“

Relena konnte es nicht fassen. Da hatte Heero tatsächlich die Frechheit hierher zu kommen und sie wieder haben zu wollen. Und wenn er jetzt wirklich kein Dieb mehr war, wovon sollten sie dann leben? Er konnte doch wohl nicht im Ernst glauben, dass Relena all den Luxus für ihn aufgeben würde? Wofür hielt er sich? „Ich bin jetzt mit jemand anderem zusammen Heero. Mit jemanden der mir all das bieten kann was mir zusteht ohne dass er dafür stehlen muss,“ erklärte sie.

„Oh ich bin sicher das Khushrenada eine absolut saubere Weste hat,“ entgegnete Heero mit sarkastischem Unterton.

„Weißt du was dein Problem ist?“ zischte Relena ärgerlich.

„Hab ich denn nur eins?“

„Du hast zu viele Menschen wie dich getroffen. Und jetzt denkst du dass jeder so ein Verbrecher wie du sein muss. Anders kann in deinen Augen niemand erfolgreich sein. Treize ist aber erfolgreich. Auch ohne dafür das Gesetz zu brechen.“

„Na, wenn du es sagst.“ Nach dieser Bemerkung von Heero sahen die beiden sich minutenlang schweigend an.