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Enjoy the silence Teil 13 bis 18

Kapitel 13


Nicht anders als Howard es erwartet hatte wurde er ein paar Minuten später von einem Bediensteten des Casinos benachrichtigt, dass Treize Khushrenada jetzt ein paar Minuten für ihn Zeit hätte.

Howard gab dem Croupier kurz die Anweisung auf seine Jetons aufzupassen, dann entschuldigte er sich bei seinen Mitspielern und stand von dem Rouletttisch auf. Eigentlich bedauerte er es gar nicht seinem immerwährend schwatzenden Mitspieler zu entkommen, aber das musste er ja nicht allzu deutlich zeigen.

Als er stand strich er sich mit einer geübten Bewegung das maßgeschneiderte Jackett zurrecht, dann folgte er relativ gemütlich dem Casinoangestellten. Immer darauf bedacht nicht den Anschein zu erwecken als wäre er zu sehr darauf aus Khushrenada zu begegnen. Ihr Gegner war ein sehr mächtiger Mann und das ließ er auch gerne alle anderen spüren.

In der Rolle die Howard jetzt spielte musste er ebensoviel Selbstbewusstsein zeigen wie Khushrenada. Das war Teil des Spiels.

Als er dem Mann gegenüberstand musterte er ihn auffallend für einen Moment, dann reichte er ihm die Hand und die gegenseitige Begrüßung begann. Howard spürte, dass der andere ihn genauso taxierte wie er es getan hatte. Gut, scheinbar hielt Khushrenada ihn für interessant.

„Erfreut Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Zerga,“ erklärte der rothaarige Mann in diesem Moment aalglatt.

Howard nickte kurz, dann erwiderte er, „Mr. Khushrenada, ich will gleich zur Sache kommen. Der große Boxkampf findet am Samstag statt, bin ich da richtig informiert?“ Howard sprach mit dem sorgsam einstudierten osteuropäischen Akzent. Er war jetzt Lyman Zerga, durch und durch.

Khushrenada wirkte fast etwas enttäuscht als er nickte. „Ja,“ antwortete er kurz angebunden. „Wünschen Sie ein paar Karten für das Event?“

Howard schüttelte gelassen den Kopf. „Nein, nein. Derartiger Nahkampf interessiert mich nicht. Ich fragte nur, weil an diesem Abend kommt hier eine Lieferung für mich an. Ein schwarzer Aktenkoffer, Standardgröße.“ Howard sprach langsam und mit seinem dicken Akzent. Und er atmete flach. „Der Inhalt des Koffers ist von großem Wert für mich.“

„Ich schließe ihn für Sie in meinen Haussafe ein,“ erwiderte Khushrenada zuvorkommend.

Howard zuckte herablassend mit seiner Oberlippe. „Der Haussafe ist für Brandy und Großmutters Perlen. Ich hingegen brauche etwas mehr Sicherheit.“

Endlich schien die Neugierde wieder in Khushrenadas Augen zurückgekehrt zu sein. Wahrscheinlich würde er nur zu gern erfahren, was für eine bedeutende Lieferung ein Waffenhändler wohl erwarten konnte.

Aber Khushrenada wollte nicht ganz so einfach auf Howards Köder eingehen. Doch er wäre auch nicht soweit gekommen, wenn er zu leicht reinzulegen wäre. „Mr. Zerga ich kann Ihnen versichern, dass unser Haussafe…“

Howard ließ ihn gar nicht erst ausreden. Mit viel Wohlwollen, so dass es fast herablassend klang sagte er, „Und ich kann Ihnen versichern, dass Ihr großzügiges Entgegenkommen auf keinen Fall ohne Folgen bleiben wird.“

Khushrenada war jetzt definitiv interessiert. Aber wie sollte er auch ahnen, dass die Folgen für ihn ganz anders aussehen würde, als er sie sich in seinen wildesten Träumen ausmalen konnte? Howard hätte gerne gelächelt, wenn das nicht seine Tarnung gefährdet hätte.

„Also?“ fragte er stattdessen. „Was können Sie mir anstelle des Haussafes anbieten?“

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Angespannt saß Heero da und beobachtete Relena wie sie sich gerade in Rage redete. Ihm durfte jetzt kein Fehler unterlaufen, schließlich sollte seine Mission erfolgreich sein.

„Weißt du, bei den Leuten die du bestiehlst springt die Versicherung ein. Die werden keinen wirklichen Schaden davon tragen. Ich konnte nur noch aus New York wegziehen, nachdem was passiert ist! Jeder wusste das ich mit einem Verbrecher zusammen war, es war ein einziges Spießrutenlaufen! Wer gibt mir meine drei Jahre zurück?“

„Das kann keiner, Relena. Aber wirf jetzt nicht noch mal drei Jahre weg,“ warf Heero mit ruhiger Stimme ein.

„Ach du hast doch keine Ahnung!“ ereiferte sich Relena.

Heero seufzte. So war es schon immer gewesen. Die ganze Welt drehte sich nur um Relenas Probleme. Aber das würde sich jetzt ändern. Dafür würde Heero schon sorgen. „Relena ok, du liebst mich nicht mehr. Du willst ein neues Leben mit einem anderen anfangen. Bitte, damit muss ich mich dann wohl abfinden. Aber nicht mit diesem Typ, Relena!“

„So spricht ein echter Ex-Freund,“ giftete die Blondine.

„Ich mach keine Witze was das betrifft, Relena.“

„Siehst du mich etwa lachen, Heero? Es gibt doch wohl einen gewissen Interessenkonflikt, wenn du mich zum Thema Liebesleben beraten willst.“

Heero duckte seinem Kopf. Dann blickte er der Frau direkt in die Augen. Jetzt musste er so überzeugend wie möglich sein. „Das gebe ich gerne zu. Aber das bedeutet nicht, dass ich mich täusche.“

Für einen Moment herrschte Stille, dann wurde diese von Relena gebrochen. „Was habe ich dir gesagt, als wir uns begegnet sind?“

Oh, Heero erinnerte sich nur allzu gut daran. Diese Sätze hatten ihn im Gefängnis wieder und wieder heimgesucht. „Das du eigentlich viel zu gut für mich bist. Und das ich das niemals vergessen sollte. Das ich wissen muss was es bedeutet mit einer Darlian zusammen zu sein.“

„Und weißt du das? Jetzt? Wenn nicht, dann solltest du besser ganz schnell verschwinden mit deinen Ratschlägen.“

Heero hob sein Whiskeyglas und nahm einen tiefen Schluck. „Ich weiß schon was ich tue,“ erklärte er. Und ob, er hatte schließlich lang genug über diesem speziellen Plan gebrütet.

„Und was tun Sie denn?“ fragte in diesem Moment eine tiefe Männerstimme.

Heero blickte auf und sah wie Treize Khushrenada wie ein tödliches Raubtier durch das Restaurant schritt um dann neben Relena stehen zu bleiben. Weil es so von ihm erwartet wurde, blickte Heero ihn nervös an, dann setze er hastig das Whiskeyglas auf den Tisch und erklärte, „Wir tauschen uns nur ein wenig aus.“ Er stand auf und reichte dem Neuankömmling seine Hand.

„Ich darf vorstellen, mein Ex-Freund,“ sagte Relena förmlich.

„Heero Yuy,“ fügte Heero hinzu während er Khushrenadas Hand schüttelte.

„Mr. Yuy,“ entgegnete Khushrenada ohne ein weiteres Wort zu sagen oder auch nur mit der Wimper zu zucken.

Heero trat hastig einen Schritt zur Seite und machte eine einladende Geste in Richtung seines Stuhls, „Das war Ihr Platz, Mr. Khushrenada!“

Der rothaarige Mann lächelte süffisant, dann legte er die schwarze Mappe in der sich die heutigen Sicherheitscodes befanden auf den Tisch und setzte sich Relena direkt gegenüber und ignorierte Heero dabei völlig. „Entschuldige die Verspätung. Ein Gast hat mich aufgehalten.“

„Das macht doch gar nichts,“ erwiderte Relena mit einem unterwürfigen Ton in der Stimme. Sie zeigte in Heeros Richtung und erklärte, „Heero kam zufälligerweise vorbei und kam zu mir.“

„Tatsächlich?“ die roten Augenbrauen wurden weit hochgezogen.

„Was für ein Glücksfall, finden Sie nicht auch?“ fragte Heero.

„Kann man wohl sagen, bei dreitausend Casinos in Las Vegas.“ Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu. „Sie sind vor kurzem aus der Haft entlassen worden, stimmt’s?“

Heero wusste genau was Khushrenada damit bezwecken wollte. Er machte ziemlich deutlich dass er alles über ihn wusste und stellte sich selbst auf eine höhere Stufe als sein Gegenüber. Das allein hätte Heero schon rasend gemacht wenn er nicht genau damit gerechnet hätte. Er würde es so richtig genießen diesem Typen all das schöne Geld abzuknöpfen.

„Ja, das stimmt,“ erwiderte Heero schlicht.

„Und, wie fühlt man sich draußen?“

„Genau wie vorher,“ erklärte Heero wahrheitsgemäß.

„Heero wollte gerade gehen,“ mischte sich Relena in diesem Moment ein. Auch sie schien die Spannung zwischen den beiden Männern gespürt zu haben.

„Ich dachte nur, ich sage kurz Hallo, der alten Zeiten wegen. Und das habe ich ja jetzt auch getan.“

„Seien Sie mein Gast,“ bemerkte Khushrenada süffisant, aber sein Tonfall ließ sehr deutlich erkennen, dass er Heero so weit wie möglich fort wünschte.

„Ich kann nicht,“ beantwortete Heero deswegen auch.

„Er kann nicht,“ kam es fast gleichzeitig von Relena.

Heero wusste ganz genau wie unwohl sich die Blondine gerade fühlte. Das hier kam einem öffentlichen Schlagabtausch so nahe, wie es in diesen Kreisen nur kommen konnte. Und als Dame von Welt verabscheute sie solche Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit aufs schärfste.

Für einen Moment herrschte ungemütliches Schweigen. Dann durchbrach Khushrenada es. „Wenn das so ist,“ sagte er und wandte jetzt seine Aufmerksamkeit vollkommen von Heero ab. Er lächelte Relena zu und ergriff besitzergreifend ihre Hand. „Dann sehen wir Mr. Yuy wohl nicht so bald wieder.“

„Man kann nie wissen,“ warf Heero ein, obwohl der letzte Satz nicht an ihn gerichtet gewesen war.

„Ahhhh, ich weiß immer was in meinen Hotels vor sich geht,“ schon wieder eine fast unverhohlene Warnung. Khushrenada machte sich noch nicht einmal die Mühe zu Heero zu blicken während er diesen Satz sprach.

„Dann leg ich die silbernen Löffel wohl besser wieder zurück,“ antwortete Heero

„Nein, schon gut. Die Löffel können Sie haben,“ dann küsste er Relena die Hand, machte mit dieser Geste nur zu deutlich von was er nicht wollte, dass Heero es bekam.

Heero musste fast schmunzeln. Seine Mission war der volle Erfolg, alles war so gelaufen wie geplant. Er klatschte kurz in die Hände und wandte sich noch einmal kurz an Relena. „War schön dich zu sehen,“ beteuerte er.

„Machs gut Heero,“ erklärte die Blondine.

„Treize,“ er konnte sich diesen kleinen Treffer nicht verwehren.

„Heero!“

Heero drehte sich um und verlies das Restaurant. Wirklich, es war alles so gelaufen wie geplant. Jetzt blieb ihm nur darauf zu warten, wie sich die Sache weiter entwickelte.

Als er mit der Rolltreppe in eine andere Etage des Casinos fuhr, meinte er an der Seite Zechs zu erkennen. Aber schließlich war ihre ganze Crew über das Hotel verteilt, da konnte das schon mal passieren. Er freute sich schon auf seine nächste Begegnung mit Treize Khushrenada.


Kapitel 14

Quatre setzte seinen undurchdringlichsten Gesichtsausdruck auf und folgte Treize auf die kleine Tribüne hinauf. Er hätte jetzt wirklich alles andere lieber getan als dabei zu sein wenn Treize das Hotel seines Vaters sprengte, aber er hatte leider keine andere Wahl. Sein Vater war absolut nicht in der Verfassung diesem Ereignis beizuwohnen, und für die Presse wäre es sicherlich ein gefundenes Fressen gewesen, wenn keiner der Winner-Familie hier erschienen wäre. So blieb Quatre nichts anderes übrig als eine gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Aus den Augenwinkeln ließ er seinen Blick über die anderen Anwesenden schweifen. Da waren der Bürgermeister, zwei Mitglieder des Stadtrates, die beiden Boxer die demnächst diesen ach so wichtigen Kampf bestreiten würden, und natürlich Treize Khushrenada und dessen blondes Gift von Freundin. Außer Quatre selbst schien sich jeder hier durch und durch wohl zu fühlen. Klar, warum auch nicht? Es war ja auch schließlich nicht deren Hotel das in den nächsten Minuten zu Staub gemacht würde.

Nachdem der Bürgermeister ein paar kurze Worte gesprochen hatte, trat nun Treize an das Mikrophon und begann seinerseits eine kurze Rede zu halten. Quatre unterdrückte einen Seufzer und ließ um sich abzulenken seinen Blick stattdessen über die Menge schweifen. Glücklicherweise neigte Treize nicht zu Geschwätzigkeit - einer der wenigen Pluspunkte des Mannes - Quatre würde das hier also nicht mehr sehr viel länger ertragen müssen.

Plötzlich stutzte Quatre und sein Blick kehrte zu der Stelle zurück über die er eben geschweift war. Hatte er das richtig gesehen? Das war doch... Ganz genau, dort in der Menge stand Zechs! Was tat der denn hier? Hatte er denn nichts anderes zu tun? Es war ziemlich leichtsinnig einfach hier aufzutauchen. Was wenn Treize ihn später erkennen würde?

Quatre runzelte die Stirn. Wen oder was starrte Zechs denn da so konzentriert an? Zechs' Blick war eindeutig nicht auf die Tribüne gerichtet, sondern auf irgendeinen Punkt mitten in der Menge. Quatre folgte Zechs' Blick - und konnte einen herzhaften Fluch gerade noch unterdrücken.

Heero! Verdammt nochmal, was trieb Heero denn hierher? Schlimm genug daß Zechs einfach so vor Treizes Augen herumstolzierte, mußte Heero es denn auch noch tun? Quatre hätte Heero eigentlich für intelligenter gehalten. Was sollte das ganze nur?

In diesem Moment traten der Bürgermeister und einer der Boxer vor und legten ihre Hände gemeinsam auf den Fernzünder. Wie auf Kommando drückten beide den großen Hebel langsam herunter und lösten so die Sprengung aus. Sofort richteten sich alle Blicke auf das große Hotel im Hintergrund, das in einer riesigen Staubwolke in sich zusammenbrach.

Alle Blicke - bis auf den von Heeros. Quatre fluchte nun doch unterdrückt. Verdammt! Die gesamte Zuschauermenge hatte sich umgedreht, um das Hotel einbrechen zu sehen. Nur Heero stand noch immer da und starrte einfach mit unlesbarem Gesichtsausdruck auf die kleine Tribüne und die Menschen die darauf versammelt waren! Wollte Heero etwa Treizes Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Denn eins war klar, Treize konnte Heeros Anwesenheit unmöglich übersehen haben! Nicht nachdem sich Heero derart dumm verhalten hatte! Quatre schüttelte leicht den Kopf. Sobald sie alle zurück im Hotelzimmer wäre, würde er Heero zur Seite nehmen und ihm gehörig die Meinung geigen!

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Dorothy saß im Wohnzimmer der Suite und kümmerte sich um ihren Teil der Aufgaben. Auf dem Tisch vor ihr ausgebreitet lagen all ihre speziellen Werkzeuge, Sprengstoff, Auslöser und was sie sonst noch benötigte um die kleinen aber feinen Sprengladungen anzufertigen, für die sie fast schon berühmt war. Eins mußte man Heero und Duo lassen - die beiden geizten nicht wenn es um die Qualität der Materialien ging. Doro liebte es wenn sie mit Qualitätsware arbeiten konnte.

Der Fernseher lief, und Doro sah immer wieder von ihrer Arbeit auf um dem Geschehen auf dem Bildschirm zu folgen. Sie hatte eigentlich immer den Fernseher oder irgendwelche Musik laufen, wenn sie arbeitete - dann konnte sie sich besser konzentrieren. Und heute wurde zudem auch noch die Sprengung von Quatres Hotel übertragen! Das würde Doro sich auf keinen Fall entgehen lassen, wo das doch sozusagen ihr Spezialgebiet war!

Endlich kamen die Leute im Fernsehen zur Sache, und Doro beobachtet wie das Hotel in sich zusammenfiel. Sie war davon so sehr gebannt, daß sie gar nicht bemerkte, daß sie sich nur hätte umdrehen müssen, um das ganze live von ihrem Fenster beobachten zu können.

Doro nickte anerkennend mit dem Kopf. Das war saubere Arbeit gewesen. Das Hotel war ordentlich in sich zusammengefallen, es hatte keine Ausrutscher oder Teile gegeben, die irgendwo anders hingefallen waren. Nicht schlecht. Profis halt.

In diesem Moment flackerte das Licht und ging dann komplett aus. Genauso wie der Fernseher. Doro stutzte für einen Moment. Wie jetzt...? Im nächsten Moment kam ihr auch schon ein schrecklicher Verdacht.

"Kacke!" fluchend stand Doro auf und hastete zur Zimmertür. Als sie das Zimmer verließ hängte sie noch das ‚Bitte nicht stören' Schild an die Klinke und stürmte den Flur entlang.

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"Morgen habt ihr tagsüber frei," sagte Duo und blickte einmal in die Runde. "Um halb sechs wird dann zum großen Finale angetreten, in Maske und Kostüm. Howards Lieferung kommt um 19:05 Uhr und Zechs schnappt sich unsere Codes."

Duo ließ seinen Blick erneut über die gesamte Runde schweifen. Es waren alle da - alle außer Dorothy, die aus irgendeinem Grund zu dieser Besprechung nicht aufgetaucht war und die auch keiner von ihnen hatte finden können. Das konnte zum Problem werden, Doros Aufgaben spielten sich zwar größtenteils hinter den Kulissen ab, aber auch sie hatte - wie jeder andere auch - einen kleinen aktiven Part zu spielen.

Sie alle befanden sich in der Lagerhalle in der sie die letzten Tage über rund um die Uhr gearbeitet hatten. Und das Ergebnis ließ sich wirklich sehen. Sie hatten eine exakte Kopie des Tresorraums aufgebaut, und sie konnten jetzt endlich ihren Plan testen.

"Wenn das klappt kann's losgehen," fuhr Duo fort während er sich gemächlich von der gespannt lauschenden Gruppe entfernte. "Um 19:30 Uhr wird Wufei eingeschlossen, ab dann gibt's kein zurück mehr. Dann bleiben uns 30 Minuten um den Saft abzudrehen. Sonst erstickt er."

Während Noin einen der gepanzerten Geldwagen in den nachgebauten Tresorraum schob und in der Mitte abstellte, hatte Duo den Arbeitstisch an der Wand des Lagerraums erreicht und begann suchend in einer der Schachteln zu wühlen. Irgendwo hier mußte doch - ah! Mit einem zufriedenen kleinen Lächeln holte Duo den Schokoriegel hervor und wickelte genüsslich das Papier ab.

"Ist der Strom abgeschaltet werden alle Zugänge zum Tresorraum und zum Fahrstuhl automatisch für zwei Minuten dichtgemacht," fuhr Duo fort während er sich wieder der Gruppe näherte, die gebannt in den Tresorraum starrte. Wufei hatte inzwischen den Deckel des Geldwagens von innen geöffnet und damit begonnen, sich mit viel hin und her winden aus dem Inneren hervor zu arbeiten.

"Genau dann schlagen wir zu." Duo nahm einen Bissen vom Schokoriegel. Hmmmm. "Ok," rief er Wufei zu der sich inzwischen aus seinem engen Gefängnis befreit hatte und nun am Rand des Geldwagens balancierte. "Du stehst mitten im Raum, drei Meter von allem entfernt." Duo stellte sich zu den anderen und sah ebenfalls zu Wufei hinüber. "Du mußt von da zur Tür kommen ohne den Boden zu berühren. Was tust du?"

"Nen 10er daß er's nicht schafft," sagte Noin.

"Zwanzig dagegen," riefen Zechs, Trowa, Howard, Sally, Hilde und Quatre sofort. Heero schmunzelte nur und warf Duo einen amüsierten Blick zu.

In diesem Moment holte Wufei kurz mit den Armen aus und sprang mit einem Rückwärtssalto direkt auf einen der Geldschränke dicht an der Tresortür. Für eine Sekunde herrschte Schweigen, dann fingen alle an zu applaudieren.

"Fenster- oder Gangplatz, Leute?"

Duo drehte sich in Richtung der Stimme - und zog fragend eine Augenbraue hoch. Dorothy hatte sich scheinbar doch noch entschlossen hier aufzutauchen, doch so wie sie aussah hätte Duo auch gern drauf verzichten können. Doro war von oben bis unten mit - Duo hoffte mal das es Schlamm war, doch der Geruch der von Doro ausging ließ eher etwas anderes vermuten.

"Ja," Doro nickte als sie die erstaunten Blick der anderen sah. "Wir stecken voll in der Scheiße."

"Was meinst du damit?" fragte Heero ruhig.

"Diese beknackten Abriss-Loser haben kein Corax-Lynch genommen um die Mainline abzusichern," schimpfte Doro. "Dadurch haben die Idioten den Mainframe voll in die Tonne geknüppelt!" Mit einer schnellen Bewegung zog sich Doro den besudelten Pullover über den Kopf und klatschte ihn wütend auf den Boden.

Duo schluckte trocken. Uuuh, der Geruch war wirklich widerlich! Wie hielt Doro es nur aus das Zeug direkt auf der Haut zu haben? Duo blickte bedauernd auf seinen Schokoriegel. Verdammt, was für eine Verschwendung. Er hatte kaum abgebissen von dem Ding. Aber so wie es jetzt aussah war ihm der Appetit wirklich vergangen.

"Versteht das irgendeiner?" fragte Quatre mit leiser Stimme und stellte damit die Frage, die wohl den meisten auf der Zunge lag - zumindest wenn man von den ahnungslosen Gesichtsausdrücken ausgehen konnte.

"Ich übersetz es nachher," antwortete Trowa aus dem Mundwinkel. Ok, offenbar hatte das tatsächlich jemand verstanden. Und wenn man von Trowas Gesichtsausdruck ausging, dann war das was Doro da erzählte doch eher besorgniserregend.

"Diese Säcke!" schimpfte Doro weiter. Duo schmunzelte. Je aufgebrachter Doro war, desto blumiger wurde ihre Sprache. "Die sind so Banane, die haben die Backups eins nach dem anderen aufgeraucht! Wie Dominosteine!"

"Doro," unterbrach Heero Doros Schimpftirade mit ruhiger Stimme. "Was ist passiert?"

"Die haben dasselbe gemacht was ich machen wollte," Doro schnaubte. "Nur eben aus Blödheit. Das Problem ist, jetzt kennen sie die Schwachstelle und beheben sie! Sie machen's wasserdicht!"

"Das heißt...?" Heero blickte sie fragend an.

"Das heißt, wenn wir nicht geil drauf sind auf Monaco auszuweichen sind wir voll Backe!" Doro blickte erwartungsvoll in die Runde.

Schweigen. Duo blickte sich schnell um. Oh gut, offenbar ging es nicht nur ihm so. Mann, Doro sollte sich echt mal deutlicher ausdrücken. Was meinte sie damit nur?

"Arschbacke!" rief Doro und sah sie alle mit einem Blick an der besagte ‚jetzt stellt euch nicht blöder als ihr seid'. "Am Arsch!"

Ah! Duo nickte, genauso wie der Rest der Truppe. Das machte Sinn. Gut, gut. Oder vielmehr, nicht gut. Gar nicht gut. Das warf ihre gesamten Pläne über den Haufen. Sie waren darauf angewiesen daß Doro der gesamten Stadt zum vereinbarten Zeitpunkt den Saft abdrehen würde.

Heero, der neben ihm stand drehte leicht den Kopf und murmelte an Duos Ohr, "Wir könnten immer noch..."

"Bis morgen?" unterbrach Duo ihn und schüttelte verneinend den Kopf.

"Hn," machte Heero und runzelte die Stirn.

Plötzlich hob Doro den Kopf. "Sekunde, Sekunde! Wir setzen einen Pinch ein!" Sie strahlte über das ganze Gesicht.

Duo sah Doro verwirrt an und schüttelte leicht den Kopf. Auch Heero sah nicht so aus als wüßte er wovon Doro redete, und so fragte er, "Was ist ein Pinch?"

"Ein Pinch ist ein Apparat der bei allen Stromkreisen sowas wie einen Herzstillstand verursacht," versuchte Dorothy zu erklären. "Noch besser: Pinches sind Bomben, nur eben ohne die Bomben. Also wenn eine Atomwaffe detoniert erzeugt sie einen elektromagnetischen Impuls, der alle Stromquellen im Umkreis der Explosion ausschaltet. Was ja in den meisten Fällen egal ist weil ja so ne Atombombe sowieso alles vernichtet wofür man Strom brauchen könnte. Aber versteht ihr, ein Pinch erzeugt den selben elektromagnetischen Impuls, bloß ohne Nervereien wie Massenvernichtung und Tod. Statt Hiroshima gibt's also das 17te Jahrhundert."

"Wie lange?" fragte Duo.

"Ne halbe Minute schätz ich," antwortete Doro.

"Könnte ein Pinch auch eine komplette Stadt im Dunkeln versinken lassen?" fragte Heero. "Wie zum Beispiel..."

"Las Vegas?" vollendete Dorothy den Satz. "Das wär zu machen. Es gibt leider bloß einen Pinch der sowas bringen würde."

"Wo steht der?" fragte Heero.

Dorothy begann zu grinsen.

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Zechs warf einen Blick aus dem Fenster des Lieferwagens auf das Schild an dem sie gerade vorbeifuhren. ‚California Institute of Advanced Science' stand darauf zu lesen. Er schüttelte leicht den Kopf. Mann, wenn er gewußt hätte was für unglaubliche Dimensionen dieser Auftrag annehmen würde als Heero ihn in der Bar angesprochen hatte - hätte er wahrscheinlich trotzdem zugesagt. Es war einfach unglaublich was man auf die Beine stellen konnte wenn man einen so reichen Geldgeber hatte wie Quatre Winner. Wo trieben Heero und Duo all diese Leute nur immer auf? Es schien echt niemanden zu geben, den die beiden nicht kannten!

Der Wagen hielt vor einem der Seiteneingänge und Heero öffnete die Hintertüren des Lieferwagens und sprang hinaus. "Raus," kommandierte Heero. "Wufei, Doro, kommt!"

Zechs stand auf um den drei anderen aus dem Wagen zu folgen, doch Heero streckte ein Hand aus und hielt ihn auf. "Wo willst du denn hin?"

"Ich komm mit euch," antwortete Zechs, ein wenig perplex. Immerhin, wozu hatte Heero ihn sonst mitgenommen?

"Nein," Heero schüttelte den Kopf und begann die Türen zu schließen.

"Oh nicht doch, nein!" rief Zechs und sah Heero hinterher, der sich vom Wagen abwandte und auf den Eingang zulief in dem schon Wufei und Dorothy verschwunden waren. "Lass mich nicht mit den beiden alleine!"

Doch Heero ignorierte ihn und Zechs ließ sich schwer auf eine der Sitzbänke im Lieferwagen fallen. Womit hatte er das nur verdient? Mit einem tiefen Seufzer und einem gequälten Blick in Richtung der Zwillinge, die auf den Vordersitzen saßen machte Zechs sich auf eine laaaaaange Wartezeit gefaßt.

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Sally hielt auf dem Weg von der kleinen Küche in ihrer Suite zu ihrem Schlafzimmer kurz inne und betrachtete die langhaarige Person die im Wohnzimmer auf dem Fensterbrett kauerte und aus dem Fenster in die Nacht starrte.

Irgendetwas stimmte hier nicht, das konnte Sally deutlich fühlen. Duo war seit Tagen nicht er selbst. Wenn er sich nicht gerade auf ihre Mission konzentrierte war er fahrig, abwesend und beinahe melancholisch. So kannte Sally Duo nicht, und es machte ihr Sorgen.

Diese ganze Situation war einfach völlig unbekannt. Normalerweise wenn mit Duo etwas nicht stimmte oder er Probleme hatte, so war er immer zu Heero gegangen und hatte mit diesem darüber gesprochen. Nur hatte Sally von Trowa erfahren, daß sich Heero und Duo vor ein paar Tagen gestritten hatten. Heftig gestritten wenn es sogar in dem mehr als ruhigen Trowa Besorgnis ausgelöst hatte. Doch worum es in dem Streit gegangen war hatte Sally nicht rauskriegen können. Weder Duo noch Heero hatten irgendetwas davon erwähnt. So konnte das nicht weitergehen.

Sally stieß sich von ihrem Platz an der Tür ab und ging langsam auf Duo zu. Sie würde der ganzen Sache jetzt auf den Grund gehen. Allein schon wegen dem Coup den sie alle zur Zeit planten wäre es besser wenn nicht irgendwelche Feindseligkeiten im Raum stehen würden. Ganz zu schweigen davon daß Heero und Duo die besten und ältesten Freunde waren, und Sally alles tun würde damit diese Freundschaft nicht zerstört würde!

"Duo?" rief sie leise als sie sich dem Langhaarigen bis auf ein paar Schritte genähert hatte.

Duo zuckte zusammen und drehte seinen Kopf in Sallys Richtung. "Oh..." machte er fahrig, "Sally. Ich... ich hab dich gar nicht gehört." Mit ein paar hastigen Handbewegungen faltete er einen Stapel Blätter, die geöffnet in seinem Schoß gelegen hatten und die Sally bis eben noch gar nicht aufgefallen waren, zusammen und schob sie in die hintere Hosentasche. "Was gibt es?"

"Was ist das?" fragte Sally neugierig. Duo hatte einen fast schuldbewußten Gesichtsausdruck gehabt als er die Blätter verschwinden hatte lassen. Worum konnte es sich dabei nur handeln?

"Was ist was?"

"Duo," warnte Sally. "Verkauf mich nicht für dumm. Diese Blätter die du da eben hattest."

"Ach das..." Duo brach ab und wurde rot. "Das ist nichts..."

Sally zog eine Augenbraue hoch. Nichts? Dafür das es ‚nichts' war hatte Duos Gesicht doch einen recht interessanten Rotton angenommen.

"Es ist..." Duo biß sich auf die Unterlippe. "Es hat nichts mit dem Coup zu tun, ok? Es ist privat!" rief er schließlich aus und blickte Sally angriffslustig an.

"In Ordnung," sagte Sally und hob beschwichtigend die Hände.

"Gut," nickte Duo und drehte sich dann um, um weiter aus dem Fenster zu starren.

"Duo..." fing Sally erneut an. "Ist alles in Ordnung?"

"Klar," antwortete Duo. "Mit mir ist alles ok."

"Ich meine, ist alles in Ordnung zwischen dir und Heero?"

"Zwischen mir und Heero?" Duos Stimme klang alarmiert und er hatte sich Sally wieder zugewandt. "Was meinst du damit?"

"Nun... ihr habt euch gestritten vor ein paar Tagen..."

"Ach das," Duo ließ sich wieder zurücksinken, offensichtlich wieder beruhigt. "Wir haben das schon geklärt, Sally, keine Sorge."

"Hm," machte Sally und verengte die Augen nachdenklich. Sie hatte Recht gehabt, irgendwas war hier im Gange. Duos Reaktion auf ihre harmlosen Fragen war schon mehr als verdächtig. Und was immer es war, es betraf ihn und Heero - auch wenn offensichtlich nicht der Streit der Grund für dieses Problem war. Doch was immer es auch war, Sally würde es herausfinden.

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Zechs presste sich die Handballen gegen die Schläfen und schloß gequält die Augen. Bitte, bitte, bitte! Könnten diese beiden nicht endlich aufhören? Wenn das noch lang so weiterginge, dann würde es hier gleich einen Mord geben! Oder noch besser, einen Doppelmord!

Seit Heero den Lieferwagen verlassen hatte, hatten Noin und Hilde nicht aufgehört zu streiten. Und das über so dämliche Dinge! Zechs kam sich vor wie im Kindergarten! Das war ja so ungerecht! Warum nur hatte Heero ihn hier zurückgelassen? Zechs hatte sich wirklich darauf gefreut mit ihm, Dorothy und Wufei zusammenzuarbeiten.

Ok, in Wahrheit hatte er sich vor allem darauf gefreut mit Wufei zusammenzuarbeiten. Er bewunderte den chinesischen Mann, wirklich. Wufei hatte - das gewisse Etwas. Zechs wußte einfach nicht wie er es anders beschreiben sollte. Irgendetwas an dem kleinen Chinesen faszinierte ihn ungemein. Nur leider schien das umgekehrt so gar nicht der Fall zu sein.

Eher im Gegenteil - Wufei schien eine ziemlich abfällige Meinung von ihm zu haben. Ständig ignorierte er ihn einfach, und wenn er ihn dann tatsächlich doch einmal direkt ansprach, dann nur um ihm zu sagen, daß er schon wieder etwas falsch gemacht hatte. Zechs seufzte. Es war hoffnungslos.

Aber als Heero ihn ebenfalls auf diesen Ausflug hier mitgenommen hatte, hatte Zechs gedacht daß dies seine Chance wäre. Er hätte dem Chinesen beweisen können, daß er ein genauso wertvolles Mitglied ihrer Truppe war wie all die anderen auch! Und vielleicht würde Wufei ihn dann mit anderen Augen sehen! Aber so wie es aussah würde es wohl nicht dazu kommen.

Zechs warf einen weiteren genervten Blick zu den Zwillingen, dann beschloss er daß es jetzt endgültig genug war. Er öffnete die Tür des Lieferwagens und sprang hinaus. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihm, daß weder Noin noch Hilde etwas bemerkt hatten. Was für ein Wunder, wo die beiden doch damit beschäftigt waren sich Nettigkeiten an den Kopf zu werfen. Zechs schnaubte, dann lief er auf die Tür zu und folgte Heero, Dorothy und Wufei hinein.

Nur Sekunden nachdem Zechs verschwunden war öffneten sich zwei Schwingtüren direkt neben dem Seiteneingang und Heero, Dorothy und Wufei kamen hindurch und schoben ein etwa 1,30m hohes und 1m breites Gerät heraus. Der Pinch. Wufei öffnete die Türen des Lieferwagens, und zu dritt hievten sie den Pinch hinein. Danach kletterten sie ebenfalls in den Wagen und nachdem Dorothy die Türen wieder geschlossen hatte fuhr Noin los.

"Gut, ich brauch nen 20er Block Autobatterien," zählte Dorothy auf. "Dazu ein Kupferkabel mit -"

"Wo ist Zechs?" unterbrach Heero sie plötzlich.

"Was?" Dorothy sah ihn verblüfft an, und auch Wufei schien erst jetzt zu bemerken, daß hier doch irgendwer fehlte. "Wo ist Zechs?" wiederholte Heero jetzt lauter.

Noin stieg quietschend in die Bremsen und brachte den Lieferwagen zum Stehen. Dorothy öffnete die seitliche Schiebetür und alle drängten sich davor um zum Gebäude zurückzusehen, aus dem sie gerade gekommen waren.

"Da ist er," sagte Heero plötzlich und zeigte auf eines der Stockwerke.

"Oh nee!" stöhnte Dorothy. "Jetzt seht euch diese Nullnummer an!"

Wufei beugte sich über ihre Schulter und blickte in die Richtung in die Heero gedeutet hatte. Zechs war in dem hell erleuchteten Gebäude mehr als gut zu sehen. Er rannte gerade die Stufen ins nächste Stockwerk hoch, offenbar auf der Suche nach ihnen. Leider waren sie wohl nicht die einzigen denen Zechs' Aufenthalt dort aufgefallen war, denn nicht weit davon entfernt konnte Wufei ein paar Wachleute sehen, die genau in Zechs' Richtung liefen.

"Ungerechtigkeit!" entfuhr es Wufei, bevor er sich auf die Lippe beißen und das Wort unterdrücken konnte. Dieser Idiot! Er würde ihnen noch alles verderben! Wufei schüttelte leicht den Kopf. Dieser Zechs war ja ganz schön anzusehen, aber offensichtlich steckte nicht viel drin in diesem hübschen Köpfchen. Eindeutig nur zu dekorativen Zwecken geeignet. Eine Schande, wirklich.

"Sollte man ihm nicht helfen?" fragte Noin.

"Wahnsinnsidee, Einstein," antwortete Dorothy sarkastisch. "Springen wir aus dem Wagen damit sie uns auch am Arsch kriegen!"

In diesem Moment hörten sie ein lautes Splittern und Klirren, und als sie zurück zum Gebäude blickten, sahen sie, daß Zechs eines der Fenster eingeworfen hatte und gerade auf das Vordach des Eingangs kletterte.

"Fahr zurück," sagte Heero und zog die Schiebetür wieder zu. Sofort legte Noin den Rückwärtsgang ein und steuerte den Lieferwagen direkt vor das Vordach, auf dem Zechs balancierte.

Zechs hatte sie offenbar gesehen, denn er kam direkt in ihre Richtung, und als Noin den Wagen anhielt sprang er vom Vordach hinab auf das Dach des Lieferwagens.

"Lass ihn rein!" rief Heero, und Wufei öffnete die Hintertüren des Lieferwagens und richtete sich auf, um auf das Dach zu blicken.

Doch Zechs ließ sich stattdessen vorne auf die Motorhaube runter rollen und lief dann auf die seitliche Schiebetür zu und stieg dort in den Wagen ein.

"Fahr!" rief Heero Noin zu, die seiner Aufforderung sofort nachkam.

"Du hirntotes Sackgesicht!" fuhr Dorothy Zechs an, während Wufei wild nach den Hintertüren griff um sie wieder zuzuziehen. Dummerweise klappte das nicht ganz so wie geplant und so knallte ihm eine der Türen mit voller Wucht auf seine rechte Hand.

Wufei schrie vor Schmerz auf und zog seine verletzte Hand schützend an die Brust. Sofort ließ Dorothy von Zechs ab und kauerte sich neben Wufei, um sich um dessen Hand zu kümmern.

"Wenn ich sage, warte im Wagen, dann warte im Wagen," fuhr Heero Zechs an. "Klar?"

"Alles klar!" antwortet Zechs.

"Wenn du hier nur einen Augenblick lang nachläßt kommen Leute zu Schaden!" Heero hörte sich wirklich wütend an.

"Ich sagte, alles klar!" rief Zechs.

****************************************************************

Duo nahm einen weiteren Löffel Joghurt und blickte durch die Drehtür hinaus auf die Straße. Er hatte es vorgezogen hier unten auf die Rückkehr von Heero und den anderen zu warten. Dort oben in ihrer Suite war es einfach nicht mehr auszuhalten. Einerseits war da Quatre der wie ein Tiger im Käfig auf und ab lief und ständig "Wo bleiben sie nur?" murmelte, während Howard ihn mit der Stimme von Lyman Zerga zu beruhigen versuchte.

Und andererseits war da Sally, die ihm ständig auflauerte und mit ihm sprechen wollte. Und darauf hatte Duo noch viel weniger Lust. Also hatte er sich nach unten in die Lobby gerettet und beschlossen, sein Frühstück dort einzunehmen während er auf Heero wartete.

Und da war er auch schon. Wie Duo durch die Drehtür sehen konnte, war der Lieferwagen gerade vorgefahren. Heero und Zechs stiegen aus, und der Wagen fuhr wieder davon. Duo schleckte noch ein letztes Mal den Löffel ab, dann ging er den beiden entgegen.

Doch statt ihn zu begrüßen und ihm zu erzählen wie es gewesen war, schwiegen die beiden ihn nur an. Duo zog eine Augenbraue hoch. Nein, das war nicht ganz korrekt, die beiden schwiegen sich gegenseitig an, nicht ihn. Irgendwas mußte vorgefallen sein.

Im Aufzug hielt Duo es dann nicht mehr aus. "Na, schönen Ausflug gehabt, Kinder?" fragte er, doch noch immer antwortete ihm nur Schweigen. Duo blickte nach rechts zu Heero, der geradezu fasziniert die Wandverkleidung des Aufzugs zu studieren schien, dann nach links zu Zechs, der es wohl eher mit dem Fußboden hatte. Dann schüttelte Duo amüsiert den Kopf. Was sollte es. Würde er später eben Doro löchern.

Als sich die Türen des Aufzugs öffneten, erwartete sie dort bereits Trowa. Er sah mehr als nervös aus, und als Duo ihn fragend anblickte antwortete er, "Wir haben ein Problem."



Kapitel 15

"Du bist auf der Schwarzen Liste." Trowa wippte ein wenig auf den Zehenspitzen, wandte seinen Blick aber trotz aller Nervosität nicht von Heero ab. Auch wenn er normalerweise Konfrontationen aus dem Weg ging und sie vermied wo es nur ging, so bedeutete es nicht dass er sich nicht durchsetzen konnte wenn es sein musste.

Heero saß auf einem der Barhocker die vor der kleinen Bar standen, den Ellbogen auf den Tresen gestützt, starrte auf das Blatt Papier hinab, das Trowa ihm gereicht hatte, blieb aber stumm. Wie schon die ganze Zeit, seit Trowa sie direkt am Aufzug überfallen hatte. Seitdem hatte Heero kein einziges Wort geäußert, er hatte einfach nur sein Jackett ausgezogen und sich schweigend angehört was Trowa zu sagen hatte.

"Das heißt," fuhr Trowa mit seiner Erklärung fort, "sobald du einen Fuß in das Casino setzt, beobachten sie dich. Wie die Geier. Geier mit Videokameras."

Endlich hob Heero den Blick und sah zu Trowa auf. "Das ist ein Problem," bestätigte er.

Eine Weile war es still im Raum, nur das Geräusch des laufenden Fernsehers im Hintergrund war zu hören.

"Howard," durchbrach Duo schließlich die Stille genervt, "kannst du den ausmachen?"

"Ich mache ihn aus wenn ich Lust dazu hab," erwiderte Lyman Zerga in seinem dicken Osteuropäischen Akzent.

"Howard!" Duo hörte sich schon mehr als genervt an, und zum ersten Mal seit Trowa ihn kannte hörte er ihn seine Stimme erheben.

"Ist schon aus, schon aus!" rief Howard und erhob sich vom Sofa um sich zu den anderen umzudrehen. Trowa schüttelte leicht den Kopf. Anscheinend schien sich Howard wirklich tief in seine jeweiligen Rollen hineinzuversetzen wenn er sie selbst in der Sicherheit ihrer privaten Suite weiterspielte. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass er so gut war.

Duo, der sich von Heero das Blatt gegriffen hatte um ebenfalls einen Blick hinein zu werfen, warf es nun zur Seite und fragte, "Hast du eine Erklärung dafür?"

"Nein," erwiderte Heero, sah Duo dabei aber nicht an.

"Ach hör doch auf!" sagte Zechs ungläubig. Alle Blicke richteten sich auf Zechs und selbst Heero hob den Kopf und sah ihn erstaunt an.

"Er ist Khushrenadas Freundin nachgestiegen," erklärte Zechs. "Die zwei haben sich vorgestern Abend gestritten." Auf Heeros ungläubigen Blick hin fuhr Zechs fort, "Ich war an dir dran.

"Wer hat dich darum gebeten?" Heero hörte sich mehr als unerfreut an.

"Ich!" sagte Duo. Geschocktes Schweigen von allen Seiten war die Antwort auf diese Aussage. "Ich hatte Bedenken dass du Relena nachstellst."

"Wer ist Relena?" warf Trowa verwirrt ein und warf Quatre, der die ganze Szene bis jetzt stumm vom Sofa aus verfolgt hatte einen fragenden Blick zu. Doch Quatre sah nicht zu ihm rüber sondern verfolgte besorgt den Schlagabtausch zwischen Heero und Duo.

"Meine Freundin," erklärte Heero.

"EX-Freundin!" warf Duo fast wütend ein.

"Relena ist hier?" fragte Howard ungläubig und fast entsetzt.

Wieder herrschte für einen Moment Stille im Zimmer. Trowa sah abwechselnd von einem zum anderen. Anscheinend ging es hier um eine ältere Sache - denn es war offensichtlich dass weder Zechs noch Trowa selbst wussten worüber gesprochen wurde, während Heero, Duo und Howard nur zu genau Bescheid zu wissen schienen.

"Tut mir leid," durchbrach Duo schließlich das Schweigen. "Aber meine Angst dass dich das fertig macht war ja wohl begründet." Heero wandte den Blick von Duo ab und schüttelte leicht den Kopf, so als könnte er nicht glauben was er gerade gehört hatte.

"Du bist raus, Heero," sagte Duo mit ernster Stimme.

"Er ist raus?" Quatre sprang vom Sofa auf.

"Ja!" rief Duo und sah zu Quatre hinüber. "Oder wir blasen gleich alles ab! Seine Beteiligung gefährdet uns alle!"

"Das ist nicht deine Entscheidung," sagte Heero mit ruhiger Stimme.

"Du hast sie mir aufgezwungen," erwiderte Duo mit nicht ganz so ruhiger Stimme, den Blick wieder auf Heero gerichtet. "Indem du Relena über uns stellst, zwingst du mich!"

"Das ist MEIN Job!" Jetzt erhob auch Heero die Stimme.

Duo schüttelte den Kopf. "Nicht mehr."

"Halt, halt, halt!" rief Quatre aufgeregt. "Er kann nicht einfach raus! Wer soll den Tresorraum öffnen?"

Duo seufzte und drehte sich zu Zechs um. "Zechs, schaffst du das?"

Zechs zögerte einen Moment. Er schien sich wirklich unwohl zu fühlen, so als wäre diese ganze Szene seine Schuld. Dann seufzte er und nickte. "Sicher."

"Erledigt," sagte Duo mit einem Blick in Quatres Richtung. "Sag den anderen dass sich der Plan geändert hat. Der Vorhang geht um sieben hoch." Dann stand er auf und ging aus dem Raum, ohne Heero noch eines Blickes zu würdigen.

Heero blickte ihm stumm hinterher, dann stand er auf und verließ das Zimmer ebenfalls - nur am gegenteiligen Ende.

"Relena ist jetzt mit Khushrenada zusammen?" fragte Howard leise im Hintergrund. "Aber... all dieses Pink... das beißt sich doch furchtbar mit seiner Haarfarbe!"

Trowa warf dem alten Mann einen ungläubigen Blick zu. War das etwa seine größte Sorge? Duo hatte Heero soeben aus dem Team geworfen und ihren gesamten Plan umgestellt, und Howard sorgte sich darum ob Khushrenadas Haarfarbe mit der Kleidung seiner Freundin harmonierte?

Plötzlich öffnete sich die Tür und Sally stürmte hinein. "Uff, ich hasse diese Idioten vom..." sie brach ab und sah sich fragend im Zimmer um, als sie die gedrückte Stimmung bemerkte. "Was ist los?"

Howard sah zu ihr hinüber. "Relena ist hier."

"Was?" Sally warf die Tür hinter sich zu.

"Und nicht nur das, offenbar stellt Heero ihr nach und ist dadurch auf Khushrenadas Schwarzer Liste gelandet. Duo hat ihn deswegen aus dem Team geworfen." Howard ließ sich schwer auf das Sofa fallen.

"Dieser Vollidiot!" Sally warf die Arme in die Luft. "Wie kann er nur? Nach allem was diese Schlange ihm angetan hat ist er immer noch hinter ihr her? Ich hätte ihm mehr Intelligenz zugetraut! An Duos Stelle hätte ich ihn nicht nur aus dem Team sondern auch noch aus dem Fenster geworfen!" Sie warf sich neben Howard auf das Sofa und schüttelte ungläubig den Kopf.

"Sally?" fragte Quatre. "Was ist da los? Was ist mit Relena? Und was hat sie Heero angetan?"

Trowa wandte seinen Blick gespannt zu der blonden Frau, ebenso wie Zechs. Offenbar war dieser genauso gespannt auf die Geschichte die hinter dieser ganzen Szene steckte wie Trowa.

Sally seufzte. "Wie du ja weißt war Relena Heeros Freundin. Drei Jahre lang. Sie ist ein absolut geldgeiles Miststück..."

"Wem sagst du das," murmelte Quatre.

"... nur dass Heero das nie gesehen hat. Egal was er ihr auch geschenkt hat, es war nie genug. Und wegen ihr ist er letztendlich auch im Knast gelandet."

"Was?" fragte Zechs. "Heeros Freundin??? Aber ich dachte, er und Duo..."

"Was meinst du damit dass sie schuld daran ist dass Heero im Knast gelandet ist?" unterbrach Quatre Zechs mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.
"Relena wollte mehr Geld, wie immer," erwiderte Sally. "Schmuck, teure Klamotten, ein schickes Auto, tolle Reisen, das war alles was sie interessierte. Und Heero sollte es ihr beschaffen, wie war ihr egal. Ich bin mir sicher dass sie wusste womit Heero sich seinen Lebensunterhalt bestritt, aber solange er nicht davon redete war es ihr egal. Jedenfalls, dieser letzte Coup, bei dem Heero geschnappt wurde. Er hat ihn allein durchgeführt."

"Allein?" warf Trowa ruhig ein. Bis jetzt hatte er immer den Eindruck gehabt dass Heero und Duo immer zusammen arbeiteten. Aber andererseits machte es Sinn. Hätte Heero mit Duo zusammengearbeitet bei seinem letzten Coup, dann wäre Duo sicherlich auch verhaftet worden.

"Ganz genau!" Diesmal war es Howard der antwortete. "Heero hat Duo von seinem Plan erzählt, so wie er es immer tut, doch Duo hat ihm davon abgeraten. Er hat ihm gesagt, dass es zwar machbar wäre, dass sie die Ware hinterher aber niemals loswerden würden. Normalerweise hätte Heero auf Duo gehört, aber diesmal..." Der alte Mann seufzte schwer und schüttelte den Kopf. "Anscheinend hat Relena ziemlich viel Druck auf Heero gemacht. Jedenfalls wollte er den Plan nicht aufgeben. Duo und Heero haben sich damals richtig schlimm in die Wolle gekriegt, der Streit von heute ist fast ein Witz dagegen. So laut hab ich die beiden noch niemals vorher schreien hören. Irgendwann war es Duo schließlich genug, er hat gebrüllt dass er sich weigert bei diesem Schwachsinn mitzumachen, und wenn Heero es unbedingt will, soll er es doch allein durchziehen."

Howard schwieg für einen Moment, dann fuhr er fort, "Ich schätze mal, Duo hat gehofft dass Heero es sich anders überlegen würde und den Coup abbrechen würde. Immerhin haben die beiden IMMER zusammengearbeitet, niemals getrennt. Aber Heero hat es sich nicht anders überlegt. Er ist los und hat das Ding allein versucht."

Wieder herrschte eine Sekunde Schweigen, in der Howard stumm den Kopf schüttelte, während Sally traurig zu Boden blickte. Nachdem es den Anschein machte dass Howard weiterhin nur schweigen würde, hob schließlich Sally den Kopf und erzählte weiter. "Duo ging daraufhin nach Europa. Heero wurde geschnappt als er die Ware beim Hehler verkaufen wollte. Und Relena hat die empörte, betrogene Freundin gespielt und sich von Heero getrennt." Sie seufzte und schüttelte auch den Kopf. "Ich hätte wirklich mehr von Heero erwartet."

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"Wo lässt du deine Hände?"

Zechs überlegte für einen Moment. Wo sollte er seine Hände denn lassen? Eine Hand brauchte er um den Aktenkoffer zu halten, doch wohin mit der anderen? Vielleicht sollte er den Koffer mit beiden Händen halten?

"Nicht gut," Duo schüttelte den Kopf.

Zechs seufzte auf. Da er jetzt Heeros Rolle übernehmen sollte, hatte Duo ihn hier rein geschleift um mit ihm zu üben. Klar, Zechs war ein überragender Taschendieb, aber für Heeros Rolle musste er außerdem auch noch gut schauspielern können. Er durfte auf keinen Fall nervös erscheinen oder sonst irgendwie Verdacht erregen. Und so kam es dass Duo gemütlich auf einem der Barhocker saß und Knabberzeug in sich hineinstopfte, während Zechs wie ein artiger Schüler herausgeputzt in Anzug und Krawatte vor ihm stand und sich begutachten ließ.

"Lass die Krawatte," sagte Duo, als Zechs sich nervös an den Kragen griff. "Sieh mich an."

Zechs gehorchte.

"Ok," machte Duo, nickte anerkennend mit dem Kopf und warf sich eine Erdnuss in den Mund. Zechs schüttelte innerlich den Kopf. Wie konnte Duo nur so ruhig sein? Vor nur einer halben Stunde hatten er und Heero sich total zerstritten, und hier saß Duo wieder völlig gelöst, fast fröhlich und schaufelte Erdnüsse in sich hinein als wäre nichts gewesen! Zechs konnte das nicht begreifen.

Überhaupt war diese ganze Geschichte absolut unverständlich für ihn. Die ganze Zeit über hatte er gedacht dass Heero und Duo weitaus mehr waren als nur Partner und Freunde. So wie die beiden miteinander umgegangen waren, wie sie sich praktisch ohne Worte zu verstehen schienen, fast wie ein altes Ehepaar - war es da ein Wunder dass Zechs angenommen hatte, die beiden wären tatsächlich ein Paar? Garantiert nicht.

Und dann musste er erfahren, dass dem überhaupt nicht so war, im Gegenteil, Heero hatte sogar jahrelang eine Freundin gehabt, der er sogar immer noch hinterher trauerte, obwohl sie ihn derart kalt abserviert hatte! Zechs ging es da genauso wie Sally, er hätte Heero eigentlich mehr Intelligenz zugetraut.

"Ich frag dich was," fuhr Duo in seinem Unterricht fort. "Du musst überlegen. Wo siehst du hin?"

Zechs blickte nachdenklich auf den Boden.

"Nicht gut," sagte Duo. "Wenn du runter siehst heißt das, du lügst."

Zechs richtete seinen nachdenklichen Blick an die Decke.

"Nach oben heißt, du kennst die Wahrheit nicht. Benutz keine Schachtelsätze wenn's auch einfach geht. Zappel nicht rum. Sieh dein Gegenüber an, aber starr nicht. Sei präzise, aber bleib vage, sei witzig, aber bring ihn nicht zum lachen," ließ Duo eine Regel nach der anderen auf Zechs hinunterprasseln. "Er soll dich nett finden, aber sofort vergessen sobald du ihm aus den Augen gehst."

Zechs schluckte nervös. Mann, das waren wirklich eine Menge Regeln. Und all das sollte er sich in der kurzen Zeit merken können? Unmöglich. Zechs spürte wie ihm der Angstschweiß auf die Stirn trat. Andererseits konnte das auch an der Perücke liegen. Duo hatte beschlossen dass Zechs' eigene silberblonde Mähne zu auffällig für einen kleinen Beamten war, und da er von ihm nicht verlangen wollte sein langes Haar abzuschneiden - ein Thema über das man mit Duo sicherlich nicht diskutieren brauchte, bedachte man dessen meterlangen Zopf - hatte er Zechs einfach eine Perücke aufgesetzt. Ein teures Stück, Echthaar, sah absolut natürlich aus, aber man hatte das Gefühl als würde man mit einer Pudelmütze auf dem Kopf rumlaufen.

"Und das Wichtigste," erklärte Duo, "was immer du tust, du darfst unter keinen Umständen -"

"Duo!" rief Trowa aus dem Nebenzimmer.

"Ja?" antwortete Duo.

"Kannst du dir das hier mal ansehen?"

"Klar!" Duo sprang von seinem Barhocker und verschwand mit ein paar schnellen Schritten aus dem Zimmer.

Zechs konnte ihm nur völlig verwirrt hinterher starren. Was? Was? Was war das Wichtigste? Verdammt, Duo konnte doch jetzt nicht einfach abhauen, ohne ihm diese wichtigste Regel gesagt zu haben! Zechs stöhnte auf. In diesem Moment wünschte er sich mehr als alles andere dass er niemals dieses verdammte Flugticket nach Las Vegas benutzt hätte.

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Howard schnürte sich die eleganten Schuhe, dann richtete er sich auf. Nur noch ein paar wenige Handgriffe und er wäre wieder komplett in der Rolle des Lyman Zerga versunken. Rasch erhob er sich von dem Bett auf dem er gesessen hatte - nur um sich gleich darauf wieder darauf sinken zu lassen. Verdammt, jetzt war ihm doch für eine Sekunde leicht schwindlig geworden beim aufstehen! Howard rieb sich leicht die Stirn.

"Howard?" rief Duo von der Tür aus.

Howard blickte auf und ließ die Hand, die soeben noch seine Schläfen massiert hatte übergangslos über seinen Kopf streichen. Nach allem was heute schon geschehen war musste er Duo jetzt nicht auch noch damit einen Grund zur Sorge geben.

Duo sah ihn eine Weile stumm an, dann sagte er, "Showtime."

Howard nickte, dann stand er langsam vom Bett auf. Duo warf ihm noch einen letzten prüfenden Blick zu, dann verschwand er von der offenen Zimmertür. Howard seufzte kurz, dann ging er hinüber zum großen Spiegel. Er schlüpfte in das Jackett und schloss es vorne. Dann blickte er sich ins Gesicht und holte die Persönlichkeit von Lyman Zerga hervor.

Ein paar energische Bewegungen mit dem Kopf, und aus dem Spiegel blickte im der kalte, kalkulierende Blick des osteuropäischen Waffenhändlers entgegen. Perfekt. Howard atmete noch ein paar Mal tief ein, um seine schwere Atmung zu beruhigen, dann nickte er.

"Ok. Es kann losgehen."


Kapitel 16

Howard stand gelassen im Foyer des Hotels. Ihn umwob dabei eine Aura, als wenn ihm hier alles gehören würde. Genauso würde sich die imaginäre Figur 'Lyman Zerga' verhalten und da Howard sich vollkommen in diesen Mann verwandelt hatte, wirkte auch er auf diese Weise.

Es dauerte noch ein paar Augenblicke bis ihr eigentliches Spiel beginnen würde, deshalb erlaubte sich Howard einen fast gelangweilten Blick auf den riesigen Plasmaschirm der im Foyer stand. Dort konnte er Bilder aus dem MGM-Grand sehen, wo die letzten Vorbereitungen zu dem großen Boxkampf getätigt wurden.

"Die Nacht ist sternenklar in Las Vegas," verkündete in dem Moment ein Reporter auf dem Bildschirm. Howards Mundwinkel zuckten ein wenig als er sich fragte, wie der Journalist das wohl in der Stadt der tausend Lichter und Leuchtreklamen festgestellt hatte. Aber als Lyman Zerga ließ er sich nicht mehr anmerken, stattdessen schaute er scheinbar gelangweilt weiter zu. "Und die zu erwartenden Massen an Prominenten und Sportfans stürmen in die Sportarena des MGM-Grand, wo sich zwei der besten Schwergewichtler der Welt gleich gegenübertreten werden, nachdem sie ganze 8 Monate lang voller Argwohn umeinander herumgetänzelt sind," berichtete der Reporter weiter in effekthaschender Manier.

Während diese überaus enthusiastischen Sätze gesprochen wurden schwenkte die Kamera im Zuschauerraum des MGM-Grand herum. Tatsächlich, Howard konnte einige Prominente erkennen - auch wenn der eine oder der andere davon seinen Zenit schon längst überschritten hatte. Warum es seit einiger Zeit 'schick' war dabei zuzusehen wie sich zwei Männer gegen Geld verprügelten, das hatte Howard noch nie verstehen können. Aber das war ja egal. Boxwettkämpfe, vor allem solch von den Medien hoch geputschte wie heute, zogen die Massen an und ließen die Kassen klingeln. Was ganz im Sinne ihres Planes war.

"Mr. Zerga," erklang in dem Moment die ruhige Stimme ihres Opfers.

Howard zuckte noch nicht einmal mit der Wimper und ohne sich umzudrehen erwiderte er, "Mr. Khushrenada."

Der große rothaarige Mann trat noch einen Schritt näher und stand jetzt direkt neben Howard. Aus den Augenwinkeln konnte Howard sehen, wie sich sein Gegner eine riesige Zigarre - garantiert illegal aus Kuba importiert - anzündete. "Ich bin heute sehr beschäftigt. Liegen wir im Plan?"

"Ich habe keine Veranlassung vom Gegenteil auszugehen," erklärte Howard. "Meine Kuriere müssten jeden Augenblick eintreffen." Der Plan sah vor, dass Trowa genau in dem Moment, wo Khushrenada die Eingangshalle betrat, Hilde und Noin den Befehl zum losfahren geben würde.

Und in genau dem Moment fuhr auch schon eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben vor. Das Auto hielt direkt vor dem Eingang an und zwei der Hotelangestellten eilten dorthin. Sie öffneten die Wagentüren und Hilde und Noin stiegen aus.

Aber niemand der die beiden nicht besonders gut kannte, hätte sie auf Anhieb erkannt. Die beiden Frauen trugen streng geschnittene Nadelstreifenanzüge, Hüte und Sonnenbrillen. Sie wirkten sehr professionell und gefährlich.

Hilde trug in ihrer rechten Hand ein Aktenkoffer, der durch eine Handschellenkette mit ihrem Arm verbunden war. Mit forschen Schritten gingen sie auf Howard zu und begrüßten ihn mit ungarischen Wortfetzen, von denen sie die Aussprache bis aufs kleinste geübt hatten. Eigentlich hatten sie erst Russisch nehmen wollen, bis ihnen dann aufgefallen war, dass das bei einem Opfer mit dem Namen 'Khushrenada' vielleicht nicht unbedingt das schlaueste war. Also hatten sie sich auf eine osteuropäische Sprache geeinigt, die keinerlei Ähnlichkeiten mit dem Russischen hatte - nur um auf Nummer Sicher zu gehen.

Howard 'antwortete' ebenfalls auf ungarisch und Noin beeilte sich die Handschelle von Hilde zu öffnen und sie mit einer raschen Bewegung an Howards ausgestreckter rechten Hand zu befestigen.

Dann drehte sich Howard zu ihrem Opfer um. "Mr. Khushrenada, wenn wir dann jetzt zu ihrem Safe gehen könnten."

"Aber natürlich Mr. Zerga," erwiderte Treize höflich und machte eine Geste in die Richtung die sie nehmen mussten. Als Howard und er sich in Bewegung setzten, taten Hilde und Noin das auch - allerdings respektvolle zwei Schritte hinter ihnen.

"Weibliche Bodyguards, Mr. Zerga?" fragte Khushrenada mit hochgezogner Augenbraue.

Howards Mundwinkel zuckte ganz leicht - gab ihm dadurch einen fast sarkastischen Ausdruck. "Ich mag es, mich mit schönen Dingen zu schmücken, Mr. Khushrenada. Außerdem, gibt es etwas gefährlicheres auf der Welt als eine Frau?"

Sie hatten lang und breit überlegt ob sie Hilde und Noin diese Rollen geben konnten, schließlich war es schon ungewöhnlich, dass Lyman Zerga immer in Begleitung von weiblichen Bodyguards war. Aber sie hatten niemandem anderen aus ihrem Team diese Rollen geben können und sich dann gesagt, dass dies nur zur mysteriösen Fassade von Lyman Zerga beitragen konnte. Jemand der so exzentrisch war, dem ließ man fast alles durchgehen.

Zwei Angestellte des Hotels schlossen sich ihrer kleinen Gruppe an. Treize hatte sie herbei gewunken, wahrscheinlich wollte er dadurch ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis herstellen. Nicht umsonst hatte Treize Khushrenada den Ruf eines Kontrollfreaks. Howard kommentierte die Neuankömmlinge noch nicht einmal durch einen Seitenblick. Lyman Zerga stand über solche Dinge.

Mit zügigem Schritt ging ihre kleine Gruppe durch die beinah endlosen Gänge des Casinos. Wie an jedem Samstag herrschte reger Publikumsverkehr und die Massen drängten sich an den Spieltischen und -automaten.

Trotz dieser unheimlich vielen Menschen erkannte Howard Heero sofort. Vielleicht weil Heero absolut aus der Menge hervorstach. Er saß zwar an einem Spielautomat, aber anders als alle anderen im Casino beachtete er das Gerät in keinster Weise. Er saß nur auf dem dazugehörigen Hocker und blickte auffällig in ihre Richtung.

Howard fluchte innerlich. Was machte dieser Idiot denn hier? Er hatte immer noch nicht den schlimmen Streit von vorhin vergessen. Hatte es nicht gereicht dass Heero und Duo sich so sehr in die Haare bekommen hatten, dass der Langhaarige Heero sogar aus ihrer Gruppe geworfen hatte? War das nicht schon schlimm genug? Musste Heero jetzt auch noch ihren ganzen Plan in Gefahr bringen?

Und warum? Wegen diesem pinken Monster? Am liebsten hätte Howard seinen Schützling hier und jetzt übers Knie gelegt und ihm etwas Vernunft eingebläut. Er hatte nie viel von Relena gehalten und konnte nicht verstehen, was Heero so sehr an ihr fasziniert hatte. Aber spätestens seitdem sie ihn wie eine heiße Kartoffel hatte fallen lassen als er ins Gefängnis geworfen wurde, spätestens da hätte doch auch ein Blinder mit Krückstock erkennen können was für eine falsche Schlange 'Miss Relena Darlian' war.

Howard hoffte nur, dass der Streit zwischen Duo und Heero wieder beigelegt werden konnte. Es war nicht gut wenn die zwei sich stritten. Sie brauchten einander. Aber so schlau seine Jungs wohl waren, sie waren auch dickköpfig bis zum geht nicht mehr.

Howard seufzte noch einmal kurz und nahm sich vor, die Sache später in Ordnung zu bringen. Jetzt hatten sie wichtigere Probleme.

Während all dieser Gedanken hatte er nicht ein einziges Mal gezögert oder seinen Schritt verlangsamt. Trotzdem war Treize Khushrenada Heero auch sofort aufgefallen. Andererseits, das war zu erwarten gewesen so auffällig wie sich Heero hier auch präsentierte.

Treize winkte einem seiner Begleiter zu und als der Mann zu ihm aufgeschlossen hatte sagte er mit festem Ton, "Sagen Sie Mr. Walsh, Mr. Yuy sei im Westtrakt."

Der Mann nickte kurz und wandte sich danach sofort in eine andere Richtung.

Howard zog unauffällig die Augenbrauen zusammen. Jetzt ließ Treize seinen Casinomanager von Heeros Anwesenheit unterrichten. Howard hoffte inständig dass der Junge wirklich wusste was er da tat.

Treize war ein wenig vorgestürmt, dann sagte er kurz angebunden über seine Schulter, "Ich hoffe es stört Sie nicht, dass ich privaten Sicherheitskräften den Zutritt zum Kassenraum verweigern muss."

"Natürlich nicht," erwiderte Howard fast gelangweilt. Dann gab der Hilde und Noin ein paar 'Befehle' auf Ungarisch. Nach ihrem Plan würden die zwei jetzt das Hotel wieder verlassen und sich auf ihre nächste Aufgabe vorbereiten.

"Howard! Howard bist du das?" kreischte in dem Moment eine aufgeregte Stimme durch den Casinoraum.

Ein Mann - unverkennbar ein typischer Tourist - stürmte auf sie zu und konnte nur im letzten Moment von Hilde und Noin festgehalten werden.

"Howard, erkennst du mich nicht mehr? Ich bin's, Bucky Buchannan." Das Gesicht des Mannes schien ein einziges Grinsen zu sein. Erwartungsvoll blickte er Howard an.

Ohne das Gesicht zu verziehen starrte Howard auf den Mann. Das konnte doch wohl wirklich nicht passieren? Innerlich verfluchte er diesen absolut unglücklichen Zufall. Aber wer konnte denn auch ahnen, dass er ausgerechnet hier einem seiner Nachbarn über den Weg laufen würde. Einer seiner anständigen Nachbarn aus seinem neuen Leben. Was bedeutete dass dieser Kerl nicht mal merken würde dass er hier einen Job empfindlich störte.

Treize blickte Howard erstaunt an. Schien sich zu fragen was diese Sache wohl zu bedeuten hatte.

Dies war weder der Ort noch die Zeit für Höflichkeiten. Howard blickte noch einmal auf Bucky, dann verzog er sein Gesicht und machte mit seinem Kopf eine abweisende Geste. Er brummelte einige ungarische Wortfetzen und hoffte dass Hilde und Noin auch so wussten was er von ihnen erwartete.

Aber er hätte sich darüber keine Gedanken machen brauchen. Fast synchron hakten die beiden den Mann unter seine Armen und schleiften ihn beinah mühelos von Howard und Treize fort.

Howard entschloss sich, auf diese kleine Szene überhaupt gar nicht einzugehen. Jede mögliche Erklärung die er auf die Schnelle anbieten konnte würde eher noch verdächtiger wirkten. Außerdem, für Lyman Zerga war das sicher nichts anderes als eine lästige Mücke oder so.

Stattdessen hob er seine Hand an der die Aktentasche befestigt war, zeigte sie Treize fast anklagend und sagte, "Mr. Khushrenada, bitte. Ich war niemals ein Freund von kaltem Stahl auf meiner Haut.

Treize schaute ihn für einen Moment abschätzend an. Dann steckte er sich die Zigarre wieder in den Mund und drehte sich in ihre ursprüngliche Richtung.

Ein paar Augenblicke später erreichten sie endlich den Eingang der Kassenräume. Howard tat möglichst desinteressiert, während Treize die Tür mit seiner Codekarte öffnete. Zwei Wachmänner standen in voller Montur neben dem Eingang, aber sie kannten ihren Chef sehr gut und nickten der Gruppe nur zu.

Nachdem auch diese Hürde umschifft war führte Treize Howard in den geheimen Bereich des Casinos. Howard kannte zwar schon alles von den Plänen und den Überwachungskameras, aber es war wirklich etwas anderes in Wirklichkeit so tief in das Casino einzudringen.

Treize führte ihn in einen der Vorräume und erklärte, dass er hier und jetzt den Aktenkoffer untersuchen würde.

Howard nickte nur bestätigend. Nichts anders hatten sie schließlich erwartet. Er stellte den Aktenkoffer auf einen der Tische und öffnete ihn. Nachdem der Deckel mit einem lauten Klack aufsprang wurde das Innere des Aktenkoffers sichtbar.

Treize zog hörbar die Luft ein.

Howard musste sich ein kleines Lächeln verkneifen. Ja, Dorothy hatte wahre Wunder vollbracht. Anstelle des Sprengstoffes erkannte Treize nur vier riesige, perfekte Smaragde.

"Heben Sie sie bitte an," erklärte Khushrenada in dem Moment. Er wollte anscheinend den gesamten Koffer auf gefährliche Güter untersuchen, und kam dabei noch nicht einmal auf die Idee, dass es die 'Smaragde' waren, die das Gefährliche waren. Obwohl, ohne Zündmechanismus war die Masse nicht gefährlicher als Knetgummi.

Deshalb zögerte Howard auch keine Sekunde und hob die Halterung der 'Smaragde' aus dem Aktenkoffer.

Treize begann daraufhin den Koffer genau zu untersuchen, schaute ob es Geheimverstecke gab oder irgendetwas komisch war. Danach untersuchte er gekonnt die Halterung die Howard immer noch in Händen hielt.

Dann nickte er Howard zu und sagte, "Gut Mr. Zerga. Ich bestätige Ihnen hiermit, dass Ihr Koffer nichts gefährliches oder illegales als Inhalt hat und biete Ihnen des weiteren an, ihn in meine Obhut zu nehmen und vierundzwanzig Stunden lang in meinen gesicherten Tresorraum zu verwahren."

Howard setzte die Halterung wieder in den Koffer und nickte Treize anerkennend zu.

"Ich kann Ihnen nur nicht gestatten den Koffer zu begleiten, wenn wir ihn in den Tresorraum bringen."

"Und warum nicht?" hakte Howard nach. Nicht dass er das wirklich wollte, aber es würde merkwürdig erscheinen wenn er es nicht fragen würde.

"Sicherheitserwägungen," zählte Khushrenada auf. "Versicherungsrechtliche Gründe... Aber hauptsächlich, weil ich Ihnen nicht traue."

Jetzt grinste Howard so weit, wie es ein Lyman Zerga tun würde und nickte bestätigend. Khushrenada vertraute ihm also nicht. Das war gut, dann hatte er seine Rolle richtig gespielt.

Es klopfte kurz an der Tür, dann wurde sie geöffnet und der Casinomanager Walsh betrat den Raum.

"Entschuldigen Sie mich," sagte Treize und ging zu seinem Angestellten.

Howard machte sich nicht die Mühe, sich in die Richtung umzudrehen, aber er spitzte seine Ohren. So konnte er hören wie Walsh ganz leise zu Khushrenada sagte, "Zwei Mann in Zivil folgen Yuy. Er ist in der Keno-Bar."

Howard fluchte wieder innerlich. Natürlich war es vorherzusehen gewesen dass Khushrenadas Leute Heero finden würden, schließlich hatte dieser Idiot ja keinerlei Anstrengungen unternommen sich unauffällig zu verhalten. Aber es wäre ihm doch lieber gewesen, wenn diese Sache nicht ausgerechnet jetzt passieren musste. Er hoffte inständig, dass Heeros Idiotie nicht ihren gesamten Plan durcheinander warf.

Plötzlich stand Treize wieder neben Howard und deutete auf seinen Angestellten. "Mr. Zerga, dies ist mein Casinomanager Mr. Walsh. Also, wenn Sie erlauben dann übernimmt er Ihren Koffer und sorgt für seine Verwahrung in unserem Tresorraum. Am Monitor meines Kommandoraums können Sie diesen Vorgang überwachen. Dies sind meine Bedingungen. Sie haben die Wahl, ja oder nein."

Howard zuckte kurz mit den Schultern. "Was bleibt mir anderes übrig?" fragte er nonchalant. Dann griff er in die Innentasche seines Sakkos und holte den Schlüssel für die Handschellenkette heraus. Sobald der Koffer im Tresorraum war konnte ihr Coup endgültig beginnen.

Wieder dachte er an Heero. Ihm war klar dass Khushrenadas Eile sicher mit Heeros Auftauchen zu tun hatte. Er konnte nur hoffen, dass sein Schützling nicht allzu viele Blessuren davontragen würde. Dieser Idiot!

Kapitel 17

Duo lehnte sich gemütlich in seinem Sessel zurecht. Trowa hatte ihnen eine super komfortable Schaltzentrale in ihrer Suite eingerichtet. Von ihren Bildschirmen aus konnten sie alles was im Hotel passierte hautnah verfolgen. So als würden sie direkt daneben stehen. Duo grinste seinen Sitznachbarn an. "Hast echt du toll gemacht, Tro."

Der groß gewachsene Mann zuckte nur mit den Schultern. "Das hast du jetzt schon mehrmals gesagt, Duo."

"Hey, gute Arbeit kann man nicht oft genug würdigen."

Bevor Trowa darauf noch etwas erwidern konnte, wurden von einer der Überwachungskameras im Lageraum Bilder von Hilde und Noin gezeigt. "Showtime," erklärte Duo, während die beiden Frauen - die diesmal in Uniformen von Kellnerinnen gekleidet einen Servierwagen die langen Gänge des Casinos entlang schoben.

Hilde und Noin hatten heute ziemlich viele verschiedene Aufgaben zu erledigen gehabt. Zunächst das Bodyguard spielen für Howard. Dann waren sie zu ihrem Hauptquartier zurück gefahren um dort Dorothy beim einladen des Pinches zu helfen. Und jetzt sorgten sie in ihrer Verkleidung dafür, den als Servierwagen getarnten fahrbaren Safe zu seinem Bestimmungsort zu bringen. Die zwei hatten sich natürlich bitterlich beklagt, dass mal wieder alle Arbeit an ihnen hängen bleiben würde, aber niemand hatte das besonders ernst genommen - sie selber wohl am wenigsten.

Duo spürte wie langsam die Aufregung in ihm hoch kroch. Ihr Coup erreichte mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit den 'Point of no Return'. Jetzt würde sich zeigen wie viel ihre Planung wert gewesen war.

Da jetzt seine gesamte Aufmerksamkeit benötigt wurde faltete Duo die Briefe - die er die ganze Zeit fast unbewusst in der Hand gehalten hatte - ordentlich zusammen und steckte sie sich in die Innentasche seines Jacketts. Dafür hatte er jetzt keine Zeit.

Trowa bemerkte seine Bewegung und zog fragend seine Augenbraue hoch. Aber Duo hatte keine Lust jetzt etwas zu erklären und machte eine schnelle abweisende Handbewegung.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er weiter, wie sich Hilde und Noin ihrem Ziel näherten, dann deutete er auf einen der anderen Monitore, "Nur noch ein paar Sekunden, dann hat Zechs seinen großen Auftritt."

Trowa grummelte darauf kurz. Wie die meisten anderen in ihrer Truppe schien er nicht davon angetan, dass Zechs jetzt diesen Part ihres Planes übernommen hatte. Aber sie hatten keine andere Wahl gehabt. Nicht nachdem klar war dass Treize Heero erkennen würde. Duo tastete noch einmal kurz nach den Briefen in seiner Tasche, dann konzentrierte er sich vollkommen auf den Monitor der Zechs zeigte.

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Zechs stand in der belebten Lobby und wartete auf seinen großen Auftritt. Ein wenig nervös spielte er mit seinem gefälschten Ausweis herum. Er fühlte sich nicht besonders wohl in seiner Haut, was zum großen Teil an seiner Verkleidung lag. Er war einfach nicht der Typ der in absolut konservativ und langweiligen Anzügen umherging. Ganz davon ab dass die vermaledeite Perücke juckte.

Komplettiert wurde sein langweiliges Aussehen von einer großen Hornbrille. Er hatte sich selbst fast nicht erkannt, als er sich das erste Mal im Spiegel betrachtet hatte.

Nervös trommelten seine Finger mit dem gefälschten Ausweis gegen eine der Marmorsäulen.

"Tief durchatmen, du packst das," erklang in diesem Moment Trowas Stimme in seinem linken Ohr. Der Technofreak hatte ihn mit einem Funksender und -empfänger ausgerüstet, den wirklich niemand erkennen konnte. Auf diese Weise konnten ihm die anderen von der Schaltzentrale aus neue Anweisungen geben, falls dies einmal nötig sein sollte.

"Danke," murmelte Zechs.

"Keine Angst. Du bist ein Naturtalent. Aber versau es nicht."

Empört blickte Zechs direkt in die Überwachungskamera von der er beobachtet wurde. Das war ja mal wieder typisch. Ihn erst motivierend aufbauen und dann so einen Tritt hinterher zu bringen. Den Jungs würde er nachher schon noch erzählen, was er davon hielt!

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Duo sah den vorwurfsvollen Blick, den Zechs ihnen über die Kamera zusandte und lachte kurz auf. Trowa gab auch ein kleines amüsiert klingendes Geräusch von sich. Der letzte Satz hatte ihrem Grünschnabel wohl nicht gefallen.

Plötzlich ging die Tür zu ihrer Suite auf und Hilde und Noin kamen herein. "Wer bekommt die Penne?" fragte Hilde und zeigte auf die Servierschale, die genau wie eine Kaffeekanne zur Tarnung auf dem Geldtransportwagen gestellt war.

"Ich," antwortete Duo grinsend. Ein paar Sekunden später reichte Hilde ihm auch schon das Essen. Sein Magen machte Purzelbäume vor Freude. Es schien schon eine Ewigkeit vergangen zu sein seit er das letzte Mal gegessen hatte. Sicherlich länger als eine Stunde.

Noin nahm währenddessen alle anderen Gegenstände vom 'Servierwagen' und dann wurde die Tischdecke die alles bedeckte zur Seite gezogen. Jetzt war wirklich zu sehen, dass dies kein einfacher Servierwagen war, sondern einer der Geldtransportwagen, mit denen innerhalb des Casinos die Einnahmen hin und her transportiert wurden. Es hatte sie nicht unerhebliche Mühe gekostet an so einen Wagen heran zu kommen. Aber es war auch sehr wichtig. Ohne ihn würde ihr Plan nicht klappen können.

Dann ging die zweite Tür ihrer Suite auf. Herein kamen Quatre - der dafür gesorgt hatte, dass er bei diesem Coup eine größere Rolle als nur der reine Geldgeber hatte - und Chang Wufei.

Ihr Schlangenmensch war noch dabei sich die Hand - die er sich bei diesem unsäglich dummen Stunt von Zechs verletzt hatte - zu verbinden. Er hatte zwar beteuert, dass ihn das nicht behindern würde, trotzdem hatte sich Duo vorgenommen mit Zechs noch ein Wörtchen zu sprechen sobald der Job beendet war. Er musste einfach lernen, dass er sich an Anweisungen zu halten hatte.

"Fertig?" fragte Duo deshalb den jungen Chinesen.

Wufei warf noch einen letzten kritischen Blick auf seinen Verband, dann nickte er bestätigend.

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Howard folgte seinen Begleitern in einen mit Panzergläsern gesicherten Raum. Während der Casinomanager Walsh die Türe fest hinter ihnen verschloss, machte Khushrenada eine weit ausholende Armbewegung und erklärte mit gewissem Stolz in der Stimme, "Dies ist unsere Überwachungszentrale, von der aus wir den Spielbetrieb im Casino und auch das Innere des Tresorraums überwachen. Von diesem Raum aus können Sie den Weg Ihres Koffers aufs Genauste verfolgen." Dann hob Khushrenada seinen Arm und warf einen abschätzenden Blick auf seine Uhr.

Howard wusste natürlich genau von Treizes sehr straffem Zeitplan - den er mit seinem Ansinnen schon ziemlich durcheinander gebracht hatte. Außerdem wurde es Zeit, dass ihr Opfer wieder in die Eingangshalle des Casinos zurückging. Immerhin wurde er dort schon sehnlichst erwartet. "Ich will Sie nicht länger als notwendig aufhalten," erklärte Howard deshalb.

Treize Khushrenada drehte sich zu ihm um, nickte einmal kurz und sagte, "Mr. Zerga." Mehr benötigte es nicht zur Verabschiedung einer flüchtigen Geschäftsbekanntschaft.

Howard nickte ebenfalls und antwortete, "Mr. Khushrenada."

Nachdem Treize sich auf diese Weise verabschiedet hatte, verließ er mit forschem Schritt die Schaltzentrale.

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Duo beobachtete die verschiedenen Monitore wie ein Schießhund. Er schaufelte sich noch schnell eine Gabel mit Penne in den Mund, dann nuschelte er in das Mikro eine kurze Warnung, "Zechs, er kommt." Jetzt blieb nur noch zu hoffen, dass der Jüngste in ihrem Team seine Aufgabe meisterte.

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Zechs hatte sich so gedreht, dass er die Tür aus der sein Opfer gleich kommen musste genau im Blickfeld hatte. Kaum hörte er Duos Warnung, da wurde diese Tür auch schon mit großem Schwung geöffnet und Treize Khushrenada stürmte heraus.

"Ich hab ihn," murmelte Zechs noch schnell in sein verstecktes Mikrophon, dann eilte er auf den Casinobesitzer zu.

Kaum hatte dieser die Lobby des Casinos betreten, da wurde ihm auch schon von einem Angestellten eine schwarze Aktenmappe gereicht, in die er sofort hereinblickte. In dieser Mappe befanden sich die allerneusten Sicherheitscode. Zechs juckten die Finger bei dem Gedanken an sein Ziel.

Mit ein paar schnellen Schritten eilte er auf Khushrenada zu und zeigte ihm kurz seinen gefälschten Ausweis. "Mr. Khushrenada? Hi, Sheldon Willis," stellte er sich vor.

Treize hielt in seiner Bewegung nicht inne, so dass Zechs gezwungen war mit ihm Schritt zu halten. "Von der Nevada Glücksspielkommission," fügte er noch erklärend hinzu.

Der Casinobesitzer blickte ihn zwar fragend an, stoppte aber trotzdem nicht.

"Ich muss Sie leider zwei Minuten aufhalten," erklärte Zechs.

Treize warf ihm einen ziemlich genervten Blick zu, der sehr genau ausdrückte, was sein Gegenüber von dieser neuen Störung hielt. "Für die Kommission tu ich doch alles," sagte er mit kaum verhüllter Ironie.

Zechs nickte eifrig. "Danke schön. Würden Sie mich bitte in den Bereich 5 begleiten?" Mit diesen Worten lenkte Zechs seine Schritte in den besagten Teil des Casinos. Treize Khushrenada folgte ihm. Soweit funktionierte ihr Plan.

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Heero saß immer noch an seinem Beobachtungsposten. Er konnte im Hintergrund genau sehen, wie Zechs ihren Gegner in den anderen Bereich des Casinos lotste. Hatte sich der Junge wohl doch nicht allzu schlecht angestellt.

Dann wurde Heeros Blick aber von etwas wichtigerem magisch angezogen. Relena stolzierte durch die Menge. Sie war herausgeputzt, als würde sie gleich in eine Oper gehen - seit wann sie sich etwas aus Boxkämpfen machte konnte Heero sich wirklich nicht erklären. Vielleicht nahm sie das blutige Spektakel im Ring ja gern in Kauf, um mit allen anderen Berühmtheiten die zur Zeit Boxen als hip empfanden gesehen zu werden.

Heero hob hastig sein Whiskeyglas an und trank es aus. Dann stand er auf und eilte Relena hinter her. Er hoffte dass sein Plan mit Erfolg gekrönt werden würde.

Als er in ihre Richtung ging, sah er wie hinter ihm zwei Männer - scheinbar Zwillinge - von der Statur eines Kleiderschrankes ebenfalls aufstanden und ihm hinterher eilten. Das mussten Khushrenadas Männer sein. Also war er dem Casinobesitzer vorhin doch aufgefallen. Heero hatte fast schon befürchtet, dass er zu unauffällig gewesen war. Das hätte ja alles durcheinander bringen können.

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Duo stand am Geldwagen und blickte Hilde und Noin noch einmal streng an. "OK, Wann liefert ihr den Wagen ab?" vergewisserte er sich.

"Äh, auf dein Zeichen hin," antwortete Hilde.

"Alter, wie sehen wir aus? Wie die Dorftrottel vom Dienst, oder was?" begehrte Noin auf. "Wir wissen wie der Plan aussieht."

Noch bevor Duo etwas darauf erwidern konnte, hatte sich Wufei mit dem Rücken zum Wagen gestellt. Er ergriff die beiden Halterungen und wuchtete sich ohne große Mühe hoch. Dann rutschte er mit dem Hintern voran in das Innere des Wagens. Seine Hände und Füße lugten noch um einige Zentimeter aus der Öffnung hervor.

"Schlangenmensch, fühlst du dich wohl da drin?" fragte Duo. Dann reichte er die kleine Sauerstoffflasche in das Innere des Tresorwagens hinterher.

Wufei schenkte ihm keine Antwort, sondern nahm einfach die Flasche entgegen und schob auch die noch in den viel zu geringen Raum.

Duo konnte es nicht lassen und musste den Chinesen noch ärgern. "Willst du was zu lesen um dir die Zeit zu vertreiben? Vielleicht ein Pornomagazin? Oder ein paar Nacktbilder von Zechs?" Duo konnte bei diesen Worten ein Kichern kaum unterdrücken.

Plötzlich kam Wufeis Hand wieder aus der Öffnung hervor und zeigten Duo den Mittelfinger.

Das war Antwort genug und Duo fing doch an laut zu lachen.

Dann wurde er sofort wieder ernst und professionell. "OK, die Zeit läuft." Er hob den Deckel des Geldtransportwagens an und versiegelte damit die Öffnung. "Dreißig Minuten Atemluft für Wufei ab jetzt."

Das war der 'Point of no Return'. Ihr Coup ging in die heiße Phase.


Kapitel 18


"Wir sind erst heute Vormittag darauf aufmerksam gemacht worden," sagte Zechs und blickte mit strengem Blick in Richtung eines der Black Jack Tische. Einer von Khushrenadas Mitarbeiter sprach gerade Sally an, die dort die Geberin war und geleitete sie nach einem kurzen Wortwechsel in seine und Khushrenadas Richtung.

"Ihr Vorstrafenregister ist länger als mein..." Zechs zögerte als er Khushrenadas eisigen Blick auf sich ruhen sah und fuhr dann fort, "... Es ist... lang."

Khushrenada maß ihn eine Sekunde länger mit einem eisigen, prüfenden Blick, dann hob er die Mappe die er in seiner rechten Hand hielt und öffnete sie. "Sofern sie wirklich diejenige ist," sagte er und holte die Magnetkarten mit dem Sicherheitscode aus der Mappe.

Zechs' Blick folgte Khushrenadas Bewegung sorgfältig. Immerhin war es seine Aufgabe Khushrenada eben diese Sicherheitscodes später abzunehmen, und dazu musste er genau wissen wo dieser die Karte verstaute. Als er jedoch Treizes Blick wieder auf sich spürte richtete er seinen eigenen schnell wieder auf Sally, die immer noch in Begleitung des Casinoangestellten auf sie zukam.

"Schon lange bei der Kommission?" fragte Khushrenada beinahe beiläufig und sah nun auch beinahe unbeteiligt in Sallys Richtung.

"Seit etwa einundhalb Jahren," nickte Zechs.

"Dann kennen Sie ja sicher Hall Lindley. Nie mit ihm gearbeitet?" fragte Treize in Zechs Richtung gewandt.

Zechs zögerte einen winzigen Moment mit seiner Antwort - hauptsächlich um Duo Zeit zu geben ihm durch den Knopf im Ohr die passende Antwort zuzuflüstern. Durch Heeros kurzfristigen Ausfall war ihnen viel zu wenig Zeit geblieben um Zechs alle wichtigen Namen der Glückspielkommission einzutrichtern. Und so blieb ihm nichts anderes übrig als darauf zu vertrauen dass Duo wusste von wem Khushrenada da sprach - und was die richtige Antwort war.

"Nein, nicht seit er tot ist," wiederholte er schließlich Duos leise Vorgabe, den Blick noch immer streng auf Sally gerichtet.

Offenbar war das die richtige Antwort gewesen, denn Khushrenada maß ihn nur weiterhin eine Sekunde schweigend mit Blicken, bevor er seine Aufmerksamkeit auf Sally richtete, die sie soeben erreicht hatte.

"Maggie Young?" fragte Zechs.

"Ja?" antwortete Sally und sah angemessen verwirrt aus.

"Sheldon Willis von der Glücksspiel-Kommission," antwortete Zechs und zeigte Sally seinen gefälschten Ausweis.

"Moment. Was läuft hier ab?" fragte Sally und hob die Hände in einer leicht abwehrenden Geste.

Zechs setzte sein bestes Beamtengesicht auf und sagte in geschäftsmäßigem Ton, "Uns kam zu Ohren dass Sie bei Ihrer Bewerbung -"

"Vielleicht besprechen wir das lieber woanders," unterbrach Khushrenada Zechs in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

Zechs blickte entsprechend überrumpelt, aber protestierte nicht. Immerhin war das genau das was sie erreichen wollten. Bevor er Khushrenada, Sally und dem Casinomitarbeiter folgte konnte er aus den Augenwinkeln noch sehen, wie Hilde und Noin den Aufzug verließen, gekleidet in Uniformen der Casinosicherheitsleute und den rollbaren Safe in dem Wufei sich versteckte vor ihnen herschiebend. Hervorragend. Alles lief offenbar nach Plan.

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Relena nahm an ihrem Lieblingstisch im Restaurant Platz und wollte ihren goldenen Mantel gerade einem der Kellner geben, als sie sah wie Heero das Restaurant betrat. Wütend sprang sie von ihrem Stuhl auf und lief mit ausgreifenden Schritten auf ihn zu.

"Oh nein, Heero," fauchte sie möglichst leise als sie ihn erreicht hatte.

"Relena," versuchte Heero einzuwerfen, doch Relena ignorierte ihn einfach und marschierte weiter auf den Ausgang des Restaurants zu. Wenn Heero ihr hier eine Szene machen wollte, dann wenigstens nicht im Inneren wo es jeder mitbekommen würde. Treize war auch so schon gereizt genug wegen Heero, da musste sie ihm nicht auch noch mehr Munition geben.

"Ich möchte dass du sofort verschwindest!"

"Es dauert nur einen Moment," versuchte Heero es wieder und hielt sie am Ellbogen fest. Doch Relena war so in Fahrt dass sie ihn einfach hinter sich herschleifte.

"Mir reichts! Verschwinde!"

"Relena. Komm her."

Verdammt. Relena blieb fast gegen ihren Willen stehen. Das war so unfair. Warum musste Heero auch in dieser Stimme zu ihr sprechen? In diesem weichen, tiefen, oh so sexy Tonfall? Der Tonfall der schon immer ihre Knie weichwerden hatte lassen.

Aber nein, sie würde sich nicht wieder einwickeln lassen! Sie hatte sich geschworen sich nie wieder auf einen Kerl wie Heero einzulassen. Einen Kerl der zwar gut aussah und ihr Herz schneller schlagen ließ, der aber ansonsten nichts zu bieten hatte. Nein, sie wollte mehr vom Leben als einen armen Schlucker, der jederzeit Gefahr lief erneut im Knast zu landen.

"Du sollst verschwinden!" bekräftigte Relena ihre Aussage - und ihre Entscheidung - erneut, diesmal direkt in Heeros Gesicht. "Hör jetzt gut zu, worum es auch geht, zwischen uns ist es aus und vorbei, Punkt!"

Wirklich, so schmeichelhaft es auch war dass Heero ihr so hartnäckig hinterherlief, aber es war sinnlos. Alles was daraus höchstens resultieren könnte wäre Treizes Verärgerung, und das war ihr Heero einfach nicht wert.

"Relena, eigentlich wollt ich nur Lebewohl sagen," antwortete Heero ruhig und gelassen auf Relenas hitzige Aussage.

Relena blinzelte ein paar Mal verblüfft. Oh. Nun... Das kam... unerwartet. Verdammt, Heero wollte nur Lebewohl sagen? Sie musste jetzt ja wie eine komplette Närrin dastehen. Aber sie würde sich nicht anmerken lassen wie peinlich ihr ihre vorherige Aussage jetzt war. Oh nein, schließlich war sie Relena Darlian! "Leb wohl," sagte sie deshalb mit soviel Zurückhaltung und Stolz wie sie aufbringen konnte.

Heero sah sie eine Sekunde lang nur an, mit diesem Halblächeln im Gesicht das sie früher immer ganz schwach in den Beinen hatte werden lassen. Dann sagte er leise, "Komm her," und zog näher an sich heran.

Relenas Mund war auf einmal völlig trocken als Heeros Gesicht sich ihr näherte, und ein Teil von ihr hoffte darauf dass er sie küssen würde, während ein anderer Teil sich davor fürchtete. Sie wollte nicht wieder schwach werden, aber wenn Heero sie jetzt küsste dann wüsste sie nicht, ob sie diesen Entschluss auch beibehalten könnte.

Doch glücklicherweise - und unglücklicherweise? - küsste Heero sie nicht auf den Mund, sondern nur auf die Wange. Doch auch diese Berührung war beinahe schon zu viel. Relena schloss überwältigt die Augen. Oh wenn Heero doch nur reich wäre! Dann wäre alles so einfach! Doch noch bevor ihr Entschluss endgültig ins Wanken geraten konnte trat Heero wieder einen Schritt zurück.

"Bleib brav," sagte er, dann trat er um sie herum und verließ das Restaurant. Relena blieb noch eine ganze Weile danach wie betäubt einfach dort stehen wo er sie verlassen hatte.

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Mit einem zufriedenen kleinen Lächeln verließ Heero das Restaurant. Das hatte wirklich hervorragend geklappt. Und als er die beiden Schränke erblickte, die ihm den Weg versperrten vertiefte sich sein zufriedenes Lächeln beinahe noch.

"Mr. Yuy," sagte einer der beiden.

"Mr. Khushrenada möchte Sie sehen," sagte der andere.

Heero blickte von einem zum anderen - verdammt, die waren wirklich schwer auseinander zu halten. Und wenn sie ständig die Sätze des jeweils anderen vervollständigten dann würde das dadurch sicher nicht einfacher.

"Das dachte ich mir," antwortete Heero nur, bevor er sich widerstandslos von den beiden Kerlen wegführen ließ.

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"Also Miss Young," sagte Sheldon Willis, "Oder sollte ich besser sagen: Miss Po?"

Treize hatte sich schweigend an einer Seite des kleinen Konferenzraumes aufgebaut und beobachtete den jungen Beamten der Glücksspiel-Kommission der soeben damit angefangen hatte eine seiner Angestellten zu befragen. Treize war sich nicht sicher ob die Anschuldigungen des jungen Mannes wirklich gerechtfertigt waren oder nicht, aber er schien zumindest derjenige zu sein der er behauptete, und deshalb würde er ihn vorerst gewähren lassen. Es hatte schließlich keinen Sinn sich wegen etwas so unwichtigem mit der Kommission anzulegen.

Trotzdem zog Treize es vor diese Angelegenheit unauffällig zu regeln - völlig egal ob sich die Anschuldigungen letztendlich als wahr oder unwahr erweisen würden. Immerhin, dieser Jungspund den die Kommission ihm da vorbeigeschickt hatte sah nicht gerade sehr erfahren aus - garantiert war dies hier sein erster Auftrag der ihn von seinem sicheren Schreibtisch wegbrachte. Und natürlich hatte Treize das Glück gehabt dieser erste Außenauftrag zu werden.

"Sie sind Sally Po," fuhr Willis schließlich nach einer kurzen Sekunde des Schweigens in der die Black Jack Geberin ihn einfach ignoriert hatte fort, "ehemals im Tropicana und Desert Inn und im Strafvollzug des Staates New York." Der junge Mann blickte kurz in Treizes Richtung, dann sah er wieder die Frau an. "Oder nicht?"

Als die Frau immer noch nicht reagierte zuckte Willis kurz mit den Schultern. "Ich deute Ihr Schweigen als stille Zustimmung. Mr. Khushrenada," wandte er sich an Treize und reichte ihm die Akte die er beim Betreten des Raumes aus seinem Aktenkoffer gezogen hatte, "ich befürchte Sie beschäftigen einen Ex-Sträfling. Und wie Sie wissen ist die Kommission..."

"Sexistenpack!"

Treize hob eine Augenbraue und blickte über die Schulter des Beamten auf seine Angestellte - bald Ex-Angestellte wenn Willis' Geschichte stimmte. Hatte die Frau sich also doch entschlossen etwas zu sagen. Sheldon Willis schien von diesem einen, hasserfüllten Wort ebenso überrascht zu sein wie Treize selbst, denn er konnte sehen wie der junge Beamte erstarrte und sich langsam zu der Frau umdrehte.

"Wie bitte?" fragte Willis.

"Sie haben schon verstanden," wiederholte die junge Frau mit den zwei Zöpfen. "Frauen können keiner ehrlichen Arbeit nachgehen ohne von Frauenhassern wie Ihnen auf die Straße gesetzt zu werden!"

"Niemand hat vor... Ich mache nur meine Arbeit, Miss!" verteidigte Willis sich empört. Treize folgte dem Schlagabtausch schweigend. Wenn es hier nicht um sein Geld und sein Casino gegangen wäre, hätte ihn die Szene bestimmt amüsiert. So aber war ihm nicht im geringsten zum Lachen zumute. Er ließ sich nicht gern zum Narren halten, und das würde diese Sally Po auch noch herausfinden.

"Klar, was wollen Sie von mir?" fauchte die Frau höhnisch. "Soll ich für Sie auf dem Tisch tanzen? Die Wäsche waschen? Mich ausziehen? Aber Karten geben darf ich nicht!"

Treize konnte deutlich sehen wie der junge Beamte um seine Fassung rang. Oh ja, definitiv der erste Außenauftrag, eindeutig.

"Was soll ich da entgegnen? Das ist..." Sheldon Willis schien deutlich Schwierigkeiten zu haben die richtigen Worte zu finden. "Ich verwahre mich gegen die Unterstellung dass das Geschlecht irgendetwas damit zu tun hat."

"Hört ihn euch an," warf die Frau sarkastisch ein.

"Wie können Sie sowas sagen?" rief der junge Beamte fassungslos. Als von der Frau keine Reaktion mehr kam wandte er sich hilflos an Treize, "Sie müssten doch am besten wissen dass unsere Institution immer schon Befürworter der Einstellung von Minderheiten..." Noch während der junge Mann dieses Wort aussprach schien er schon zu merken, welchen Fehler er gemacht hatte. Treize konnte sehen wie seine Augen sich weiteten und er beinahe mitten im Wort stockte. Doch es war zu spät, Sally Po hatte es bereits gehört.

Mit einem wütenden Fauchen sprang sie von ihrem Stuhl auf und stürzte sich auf den Beamten. Der junge Mann zuckte zurück, prallte gegen Treize und brachte sich anschließend hinter ihm in Sicherheit während er, "Nein, nein, so hab ich's nicht gemeint!" rief.

"Ok, ok, das reicht!" rief Treize. "Hinsetzen." Als die Frau nicht sofort reagierte wiederholte er es noch mal drohender: "Hinsetzen!"

"Sprechen Sie mit ihm!" sagte Sally Po zu Treize, sandte noch einen letzten drohenden Blick in Willis' Richtung, kam Treizes Aufforderung aber nach und setzte sich. Treize starrte sie kalt an. Er duldete ein solches Verhalten keinesfalls. Wenn die Frau glaubte an seine Großzügigkeit und sein Wohlwollen appellieren zu können, so hatte sie sich durch ihren Auftritt soeben sicherlich nicht geholfen. Mal ganz davon abgesehen dass er ihr sowieso nicht helfen konnte, selbst wenn er wollte. Wie auch immer, er würde dieser ganzen Geschichte jetzt auf den Grund gehen.

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Ein paar Stockwerke weiter oben, in der Suite die offiziell von Lyman Serga bewohnt wurde, saßen Trowa und Duo vor den zahlreichen Monitoren und beobachteten aufmerksam das Geschehen im Konferenzraum. Als Zechs von Sally weg auf Treize zugesprungen war hatte Duo sich ein leises Lächeln erlaubt.

"Er hat die Codes," flüsterte er Trowa zu. Da die wenn auch nur geringe Gefahr bestand dass Treize sie über Zechs' Knopf im Ohr hören könnte wenn sie laut redeten, waren er und Trowa bis jetzt stumm geblieben und hatten sich nur im äußersten Notfall - oder um Kommandos zu geben - unterhalten, und dann auch nur flüsternd. Trotzdem konnte Duo sich diesen einen Satz nicht verkneifen. Immerhin hing von diesem einen Zug das Gelingen des Plans ab. Hätte Zechs nicht die Codes besorgen können, hätten sie alles abblasen müssen - und das wäre gar nicht so einfach gewesen.

"Hilde, Noin," wandte Duo sich an ihre beiden 'Sicherheitsleute'. "Liefert das Paket aus."

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Hilde und Noin reagierten sofort als sie ihr Signal hörten. Sie hatten schon seit einer Weile in der Nähe des Zugangs zum Sicherheitsbereich rumgelungert - wenn auch immer außerhalb der Sichtweite der Wachleute - um einen möglichst kurzen Weg zu haben wenn das Signal kam. Immerhin hatte Wufei nur 30 Minuten Atemluft, da zählte jede Sekunde!

Vor der großen Sicherheitstür angekommen fing Hilde an ihre Uniform abzutasten während Noin den Wachmann begrüßte. Dann sah sie ihre 'Kollegin' fragend an. "Wo ist deine Karte?"

"Gott, ich find sie nirgends," rief Hilde mit der richtigen Mischung Schreck und Verzweiflung. "Ich muss sie verloren haben!"

"Ist das dein Ernst?" fragte Noin ungläubig.

"Oh verdammt, ich bin ja so blöd!"

"Du bist ja sowas von bescheuert!" rief Noin.

"Hey!" versuchte der Wachmann einzuwerfen als Hildes und Noins Stimmen immer lauter wurden.

"Denkst du es hilft wenn du mich beschimpfst?" fuhr Hilde Noin an und schon war der schönste Streit im Gange.

Die lauten Stimmen riefen noch einen weiteren Wachmann auf den Plan und nur Sekunden später waren schon zwei Männer damit beschäftigt, Hilde und Noin zu beruhigen und dafür zu sorgen, dass es keinen Skandal geben würde.

"Hey!" schrie einer der beiden schließlich ziemlich laut. "Geht das auch leiser?" fragte er dann etwas ruhiger als er endlich Hildes und Noins Aufmerksamkeit hatte.

"Tut mir leid," entschuldigten sich Hilde und Noin sofort.

"Sagt mir einfach woher der kommt," sagte der Wachmann und klopfte leicht auf den Safe.

"Von den Edelzockern," antwortete Noin. "Das ist Geld von Mr. Khushrenada. Kleingeld."

"Na gut Joe," sagte der Wachmann und wandte sich an den zweiten, etwas später hinzugekommenen Mann. "Nimm das mit rein."

"In den Zählraum?" fragte Joe.

"Nein, in den Tresorraum. Khushrenadas Geld kommt in den Tresorraum, das weißt du doch," antwortete der andere.

Hilde und Noin begannen sich langsam zurückzuziehen, immer noch Entschuldigungen murmelnd. Sie hatten erreicht was sie wollten, Wufei war nun auf dem Weg in den Tresorraum.

"Jaja," winkte der Wachmann die Entschuldigungen ab. "Denkt nächstes Mal einfach an die Karte dann passiert das nicht mehr."

Mit einem letzten entschuldigenden Nicken drehten Hilde und Noin sich um und marschierten davon. Auftrag erledigt.

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"Da haben Sie Ihren Aktenkoffer, Mr. Zerga," sagte der Casinomanager Mr. Walsh.

"Oh, wunderbar," antwortete Howard und beobachtete an einem der Bildschirme wie der Mann mit seinem Koffer den Fahrstuhl betrat. Was aber viel wichtiger war, er konnte auch sehen was mit ihrem speziell präparierten Safe passierte. Denn wie es der Zufall so wollte fuhr der Mann, der diesen in den Tresorraum bringen sollte gemeinsam mit dem Angestellten der den Aktenkoffer transportierte hinab. Howard gestattete sich ein leichtes Lächeln.

Mann, das war wirklich aufregend. So etwas großes wie das hier hatte er seit Jahren nicht mehr gedreht - eigentlich hatte er noch niemals etwas derart großes gedreht. Hoffentlich sah ihm niemand die Aufregung an.

Howard blinzelte den Schweiß der von seiner Stirn tropfte aus den Augen und öffnete schnell das kleine Döschen mit den Pillen. Er nahm eine der Pillen heraus und schluckte sie. Dann atmete er mehrmals tief ein und aus, um so das Keuchen zu unterdrücken. Nicht jetzt. Er durfte jetzt nicht zusammenbrechen, das würde alles durcheinander bringen. Er musste nur noch ein klein wenig durchhalten, dann würde alles gut werden.

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"Das ist mein Stichwort," sagte Duo und fummelte mit seiner Krawatte herum.

Trowa sah ihm amüsiert zu, und als Duo es schließlich geschafft hatte einen halbwegs normalen Knoten zu binden - er trug nun mal normalerweise keine Krawatten, diese Dinger würgten ihm nur die Luft ab! - wünschte Trowa ihm, "Viel Glück."

Duo grinste kurz, dann schnappte er sich die Perücke vom Tisch. "Gib Dorothy grünes Licht."

Trowa nickte und sprach in das Mikrophon, "Doro, wie sieht's aus?"

Als Dorothy ihm nicht sofort antwortete fragte Trowa noch einmal nach. "Doro?"

"Sachte, kein Grund Hektik zu schieben, Kollege!" erklang schließlich Dorothys Stimme.

"Wie sieht's aus?"

"Ja, ich bin fast da."

Mit einem zufriedenen Nicken wollte Trowa Duo bescheid geben, doch als er sich umsah stellte er fest dass der Langhaarige die Suite bereits verlassen hatte.

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"Kommen Sie. Kommen Sie."

Zögernd, nahezu ängstlich folgte Zechs Khushrenadas Aufforderung den Konferenzraum zu verlassen und schob sich seitlich, den Rücken immer an die Wand gedrückt, aus der Tür. Immerhin, er war Sheldon Willis und hatte eine Heidenangst vor dieser Furie mit den zwei Zöpfen die bereits draußen auf dem Gang stand und ihn böse anfunkelte. Liebe Güte, wenn er nicht wüsste dass das alles nur Show war hätte er WIRKLICH Angst vor Sally.

"Mr. Carter, geleiten Sie diese Frau vom Gelände," wandte Khushrenada sich an den Wachmann der draußen auf dem Flur auf sie gewartet hatte. Dann wandte er sich an Sally. "Betreten Sie nie wieder mein Casino," sagte er in einem derart drohenden Tonfall, dass er die Drohung selbst gar nicht mehr aussprechen musste.

"Miss," sagte der Mann und packte Sally am Arm, um sie wegzuführen. Zechs versuchte sich so klein wie möglich zu machen.

Zunächst hatte es ganz den Anschein als würde Sally sich ohne Widerstand abführen lassen. Doch im letzten Moment machte sie einen Sprung auf Zechs zu und fauchte, "Sexist!"

"Großer Gott!" rief Zechs, duckte sich und hielt seine Aktentasche schützend über den Kopf. Oh ja, wenn er nicht wüsste dass alles nur Show war hätte er wirklich Angst. Große Angst.

Dann folgte Sally dem Wachmann, während Khushrenada in die andere Richtung davon marschierte. Zechs folgte ihm mit einem erleichterten Seufzer.

"Oh! Ich hab meinen Pager liegen lassen, total vergessen," sagte Zechs nach ein paar Schritten plötzlich und fasste an seinen Gürtel, so als hätte er erst jetzt das Fehlen des Geräts bemerkt. "Tut mir leid."

Khushrenada blieb stehen und sah genervt zu Zechs zurück. Dann blickte er ungeduldig auf seine Uhr. "Finden Sie den Weg?"

"Ja," nickte Zechs.

"Gut," sagte Khushrenada, dann drehte er sich um und marschierte weiter Richtung Ausgang.

"Viel Spaß beim Boxen! Und entschuldigen Sie!" rief Zechs ihm noch hinterher, dann drehte er sich um und lief in die Richtung zurück aus der er gerade gekommen war.

Als er um die Ecke bog legte er die fast speichelleckerische Persönlichkeit von Sheldon Willis ab. Er mochte diesen Charakter nicht wirklich, obwohl es echt Spaß gemacht hatte. Er verstand jetzt wieso Duo und Heero sich nicht auf Taschendiebstähle und ähnliches beschränkten. Das hier war soviel besser!

Mit einem raschen Griff in seine Manteltasche holte Zechs die Karte raus, die er vor wenigen Minuten aus Treize Khushrenadas Sakkoinnentasche gestohlen hatte und studierte sie eingehend. Jep, er war wirklich der Beste, wenn er das mal so selbstgefällig sagen durfte. Khushrenada hatte nicht das geringste gemerkt.

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"Was glaubt ihr wie lange Mr. Khushrenada noch braucht?" fragte Heero und zupfte nervös an seinem Ärmel. Die Fliege seines Smokings hatte er schon längst geöffnet - immerhin befand er sich nicht mehr im Restaurant, also war er auch nicht mehr an dessen strenge Kleiderordnung gebunden.

Heero sah sich kurz um. Oh nein, er war definitiv nicht mehr im Restaurant. Die beiden Zwillings-Schränke hatten ihn in den Sicherheitsbereich geführt. Und gerade jetzt befand er sich ein einem kleinen Raum, eine Art Lagerraum in dem offenbar alte, nicht mehr ganz so wichtige Akten aufbewahrt wurden.

"Hm," machte Heero, als keiner seiner beiden 'Begleiter' etwas sagte. Erneut sah er sich im Raum um, diesmal etwas demonstrativer. "Keine Kameras in diesem Raum, was?" sagte er und deutete in die Ecken des Zimmers.

Noch immer antworteten die beiden Schränke nicht sondern standen nur stumm vor der Tür. Heero nickte leicht. Jep, genau das hatte er sich gedacht. "Ja," Heero nickte erneut. "Wir wollen wohl nicht dass einer sieht was hier drin läuft."

Es konnte nur einen Grund geben warum er in den wahrscheinlich einzigen Raum in Khushrenadas Casinos gebracht worden war, der nicht kameraüberwacht war. Das einzige was ihn wunderte war, wieso die beiden noch nicht angefangen hatten ihn auseinander zu nehmen.

"Khushrenada kommt nicht, oder?" stellte Heero das Offensichtliche fest. Hey, wenn die Typen nur hier rumstehen wollten, konnte er sich schließlich einen Spaß daraus machen und sie zulabern.

Plötzlich klopfte es an der Tür und einer der Schränke öffnete. Heero verzog das Gesicht. Er wusste jetzt wieso seine beiden Bewacher bis jetzt nichts unternommen hatten. Der Mann der nun den Raum betrat sah noch viel gefährlicher aus als die beiden anderen. Er war einen guten Kopf größer, trug die typischen Biker-Klamotten, war über und über tätowiert und hatte einen kahlrasierten Schädel.

"Wir gehen jetzt vor die Tür. Damit ihr alles in Ruhe besprechen könnt," sagte einer der beiden Schränke.

Heero ließ ergeben den Kopf hängen und schüttelte ihn leicht. Oh Mann.

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Trowa beobachtete auf seinen Monitoren den Weg des präparierten Safes. Immerhin, was anderes hatte er im Moment sowieso nicht zu tun, er war ganz allein da alle anderen gerade mit der einen oder anderen Aufgabe zu tun hatten. Nicht dass er irgendetwas anderes tun konnte als alles genau zu beobachten.

Die beiden Wachmänner, der eine mit dem Safe, der andere mit dem Aktenkoffer fuhren mit dem Aufzug hinab, betraten den Vorraum des Tresors und schließlich den Tresor selbst. Dabei unterhielten sie sich die ganze Zeit über die Frau des einen und irgendeine Party, aber Trowa hörte gar nicht richtig hin.

Als der Tresorraum endlich offen war schob der Wachmann den Safe hinein und stellte ihn in die Mitte, in den einzig freien Platz der dort noch war. Alles in allem standen jetzt genau vier dieser fahrbaren Safes im Tresorraum. Anschließend betrat der Mann mit dem Aktenkoffer den Tresor und legte den Koffer ab - genau auf ihren präparierten Safe, in dem sich Wufei befand!

"Oh Scheiße," sagte Trowa. Wie sollte Wufei jetzt nur aus dem Safe herauskommen ohne den Koffer zu Boden zu werfen und so den Alarm auszulösen?

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"Na, sind Sie jetzt zufrieden Mr. Serga?"

"Ich bin," antwortete Howard keuchend, "ausgesprochen zufrieden." Der Schweiß lief ihm in Bächen das Gesicht hinab und er fuhr sich mit einer Hand an den Hals um mit einem Ruck seine Krawatte zu lockern. Luft! Er bekam einfach nicht genügend Luft! Und die Tatsache dass er gerade gesehen hatte wie dieser idiotische Wachmann den Koffer genau auf Wufeis Safe gelegt hatte half da auch nicht wirklich.

"Fühlen Sie sich nicht wohl, Sir?" fragte der Casinomanager besorgt.

"Aber doch," keuchte Howard. "Es geht mir gut."

"Augenblick, wer ist das denn?" sagte auf einmal einer der Wachmänner die vor den Monitoren saßen. Auf seinem Bildschirm war Zechs zu sehen, der gerade vor dem Aufzug zum Tresorraum stand. "Heh, 31, ich hab nen Eindringling im Westkorridor!"

Howard keuchte auf. Der Raum drehte sich um ihn, ihm war furchtbar schwindlig, er bekam keine Luft und er befürchtete, dass er gleich ohnmächtig werden würde. Seine Hand griff beinahe panisch nach dem Geländer um sich daran festzuhalten.

"Mr. Zerga!" rief Walsh besorgt, doch Howard bekam das gar nicht wirklich mit. Auf einmal kam der Boden des Raums auf ihn zu, alles wurde schwarz vor seinen Augen, und das Letzte was er noch hörte bevor er vollends das Bewusstsein verlor war die aufgeregte Stimme des Casinomanagers die rief, "Ruft einen Arzt!"