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Heeros Eleven Teil 19 bis 22

Kapitel 19


Heero sah wie die beiden Schränke die Tür hinter sich schlossen. Jetzt war er mit dem Riesen allein im Raum. Er schüttelte noch einmal kurz den Kopf, dann stemmte er sich von dem Tisch gegen den er sich gelehnt hatte ab, holte tief Luft und sagte, "OK."
In genau dem Moment holte der Riese mit einer unglaublichen Geschwindigkeit aus und traf mit seiner Faust direkt in Heeros Gesicht.
"Aaahhh!" schrie Heero, während er von der Wucht des Schlages um die eigene Achse gedreht wurde. Er sah sogar Sterne, so genau hatte der Treffer gesessen. "Verdammte Scheiße!" rief er laut und schlug mit voller Wucht gegen den Metalltisch, damit die zwei Wachhunde es draußen auch sicher hören konnten.
Dann drehte er sich zu dem Riesen um und sagte in Zimmerlautstärke, "Bulldog, das kommt erst später!" Dabei gestikulierte er wild mit den Händen. Sein Kopf dröhnte vor Schmerz.
Der große Mann war ganz dicht an ihn heran getreten und versuchte ihm beim Aufrichten zu helfen. "Entschuldigung Heero. Das hatte ich vergessen," sagte er mit Bedauern in der Stimme und schaute Heero mit großen Hundewelpenaugen an.

Heero seufzte. Bulldog war wirklich eine Seele von Mensch, aber den Verstand hatte er nicht gerade mit Löffeln gefressen. Heero tätschelte Bulldog beruhigend die Schulter. Er wollte schließlich verhindern dass sich der Riese jetzt unnötige Vorwürfe machte - und dadurch vielleicht noch mehr von ihrem Plan vergaß. "Ist schon gut Bulldog," fügte er noch vorsichtshalber hinzu.
Dann beugte sich Heero vor, fasste die Tischkante mit beiden Händen an und schob den Tisch in eine Ecke des Raumes. Wie praktisch dass seine Entführer ihm diese 'Einstiegshilfe' mitgeliefert hatten. Er hätte sonst mit Bulldog Räuberleiter spielen müssen. Obwohl, das wäre auch kein Problem gewesen. Der Riese würde locker Heero und eine zweite Person stemmen können.
"Wie geht's deiner Frau?" fragte Heero nach während Bulldog wie ein getretener Hund neben ihm her ging.
"Schon wieder schwanger," nuschelte der große Mann.
Heero konnte ein kurzes Lächeln nicht unterdrücken, obwohl das schrecklich weh tat. Aber der Gedanke an Bulldog und seine Horde Kinder war wirklich erheiternd. "Na ja, das kommt vor," beruhigte Heero.
Nach zwei weiteren Schritten hatten sie die gewünschte Ecke erreicht. Heero blickte kurz nach oben. Jawohl. Genau wie die Gebäudepläne es vorhergesagt hatten, befand sich direkt über ihm eine Deckenplatte die man zur Seite schieben und dadurch freien Zugang zur Zwischenetage bekommen konnte. "Fangen wir an," sagte Heero. Er stützte sich mit einem Arm bei Bulldog ab und stellte seinen rechten Fuß auf den Tisch. Bulldog reagierte sofort und half ihm beim Hochhieven.
Heero stöhnte noch einmal laut - damit das Publikum vor der Tür nicht gelangweilt wurde. Außerdem überdeckte er damit die leichten Geräusche die die Platte beim öffnen verursachte. Nach wenigen Sekunden war der Weg für Heero frei. Jetzt konnte es wirklich losgehen.

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Quatre saß in der riesigen Menschenmenge und beobachtete das wahnsinnige Treiben. Er konnte echt nicht fassen, wie viel Zuschauer von diesem Boxkampf angelockt wurden.
Er selbst machte sich aus diesem Sport überhaupt gar nichts. Besonders nicht aus Schwergewichtsboxen. Die Athleten waren für seinen Geschmack viel zu aufgepumpt um ästhetisch zu sein und zwei Männern dabei zuzusehen wie sie sich gegenseitig zu Brei schlugen war auch nicht sein bevorzugtes Hobby.
Aber dieser Weltmeisterschaftskampf war DIE gesellschaftliche Attraktion des Jahres. Jeder der etwas war in Las Vegas - oder sich zumindest dafür hielt - war anwesend. Es wäre sicher jemandem aufgefallen wenn Quatre Raberba Winner fern bleiben würde. Und wenn man bedachte was sie heute noch so alles vorhatten konnte Quatre es sich nicht leisten auf so eine Art und Weise aufzufallen.
Außerdem hatte seine Anwesenheit noch einen anderen Vorteil. Nicht nur, dass er gesehen wurde, nein er konnte auch wunderbar beobachten. Er saß genau einen Stuhl und eine Reihe hinter Treize Khushrenada. Ihm würde nichts entgehen was sein Opfer heute tat.
Quatre lächelte leicht vor sich hin. Er freute sich mit jeder Faser seines Körpers darauf, es Treize heimzuzahlen. Der Mann hatte seinen Vater mit unsauberen Geschäften ruiniert. Und dabei hatte sein Vater Las Vegas praktisch mitbegründet. Ohne ihn wären die Casinos niemals so erfolgreich geworden. Und er hatte es sicher nicht verdient von so einem Emporkömmling in die Ecke gedrängt zu werden.
Wenn es denn wenigstens ein fairer Kampf gewesen wäre - Quatres Vater war schon immer ein Sportsmann gewesen - dann hätte er es sicher akzeptieren können zu verlieren. Er hätte es immer noch nicht gemocht, aber er hätte es akzeptiert. Aber so wie Khushrenada sein Imperium zerstört hatte ging es Quatres Vater viel zu nah. Es hatte ihm praktisch das Herz gebrochen.
Und in Quatre den unbändigen Wunsch auf Rache genährt. Oh sicher, es ging ihm nicht schlecht. Sein Vater war nie ein Dummkopf gewesen und so hatte er immer auf eine strikte Trennung des Familienvermögens und des Geschäftsvermögens geachtet. Selbst in den schlimmsten Zeiten hatte er das Familienvermögen nicht angetastet. Es hätte sicherlich den Untergang auch nur um ein paar Monate verzögert. Und so hatte er zumindest dafür gesorgt dass seine Familie immer noch unsagbar reich war.
Unsagbar reich aber ohne Macht. Quatre hatte nach dem Tod seines Vaters monatelang überlegt wie er es seinem Feind am besten heimzahlen konnte. Aber ihm war nichts geschicktes eingefallen. Doch dann waren Heero und Duo bei ihm vorbeigekommen. Mit diesem absolut wahnsinnigen Plan. Quatre lächelte wieder bei diesem Gedanken. Es hatte überhaupt keine Frage gegeben, dass er sich bei dieser Sache beteiligen würde.
Und zum Glück hatten Heero und Duo auch gar nichts dagegen gehabt ihn nicht nur als Geldgeber zu benutzen, sondern ihn auch aktiv mitmachen zu lassen. Und die letzen Wochen waren ein einziger Spaß gewesen. Es war fast wie eine Droge nach der man süchtig werden konnte. Kein Wunder dass seine zwei besten Freunde auch nicht davon lassen konnten.

Und noch etwas hatte dieser Coup gebracht. Quatre hatte Trowa kennen gelernt. Schon beim ersten Blick auf diesen schweigsamen und schüchternen Technikfreak hatte Quatres Herz schneller geschlagen. Und es schien Trowa ähnlich zu gehen. Zwar hatten sie in den letzten Wochen nicht viel Zeit gehabt diese Gefühle zu erforschen, aber gestern hatte Quatre den anderen gebeten nach dem Coup noch ein paar Wochen bei ihm zu bleiben. Trowa hatte noch nicht zugesagt, hatte sich noch bis zum Ende des Coups Bedenkzeit ausgebeten, aber Quatre war sich sicher, dass der andere zustimmen würde. Er hoffte es, denn nur so würden sie die Zeit haben diese Gefühle tiefer zu ergründen.
Quatre konnte gar nicht sagen, was er mit größerer Spannung erwartete. Das Gelingen ihres Coups, oder Trowas Antwort.
Plötzlich brach unbändiger Jubel aus. Quatre reckte seinen Hals und konnte sehen wie die zwei Box-Kontrahenten in den Saal traten. Was für ein Schauspiel. Über den einen - wahrscheinlich dem amtierenden Weltmeister - wurde von einem Helfer ein riesiger Gürtel gehalten. Quatre schüttelte bei diesem lächerlichen Schauspiel den Kopf.
Er konnte auch sehen, wie sich Treize zu seiner Begleitung beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Wie auf Kommando errötete die Frau. Quatre knurrte innerlich. Es hätte ihm gar nichts ausgemacht, diese Schnepfe nie wieder zu sehen. Aber manche Dinge konnte man einfach nicht ändern. Zumindest sah es so aus.

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Zechs ging ruhig und bestimmt den Gang entlang. Dabei hatte er einen vollkommen erhabenen Gesichtsausdruck aufgelegt. Er wusste, selbst wenn ihm jemand auf seinem Weg begegnen sollte, würde der über seine Anwesenheit nicht einmal nachdenken, solange er nur so wirkte als würde er auch wirklich hierher gehören.
Der Gang zog sich beinah endlos in die Länge. Zechs hatte schon drei Kreuzungen passiert. Das Casino war nicht nur in den öffentlichen Räumen wie ein Labyrinth angelegt sondern auch hier. Und jeder Flur glänzte in einem vollkommen neutral-langweiligen Beige. Duo und Heero hatten schon recht, wie konnte man einen Flur nur so anstreichen? Der Innenarchitekt gehörte ausgepeitscht.
"Du bist gleich da Zechs," flüsterte in dem Moment Trowa direkt in sein Ohr. Zechs nickte unmerklich. Er hatte es auch schon gesehen. Gleich da vorne war der Aufzug den er erreichen musste.
Dann stand er davor und drückte auf einen grüne Taste. Als sich der Aufzug mit einem freundlichen 'Pling' öffnete flüsterte Trowa, "Videoeinspielung ab jetzt."

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Im Kontrollraum war völlige Panik ausgebrochen. Das "Ruft einen Arzt" vom Casinomanager hallte noch durch den Raum, als die Angestellten sich auch schon überschlugen. Das fehlte allen noch, wenn einem der VIP Gäste hier im Herzen des Casinos etwas zustoßen würde.
Der Casinomanager kniete am Boden und beugte sich über den Gast. "Mr. Zerga?" rief er fragend. Der alte Mann war vollkommen rot im Gesicht, Schweißperlen liefen an seiner Haut herunter, er zitterte und schien keine Luft zu bekommen.
Mr. Walsh fluchte leise. Das fehlte ihm wirklich noch, dass der neueste 'Geschäftsfreund' von Mr. Khushrenada unter seiner Obhut starb. Der Casinomanager kannte sich nicht besonders gut mit Erster Hilfe aus, aber bei dem Alter des Mannes befürchtete er es mit einem Herzanfall zu tun zu haben.
Einer der Wachmänner war an seine Seite gesprungen. In Windeseile hatte er sich das Jackett ausgezogen und es zusammen gefaltet. "Sir, legen Sie das unter seinen Kopf. Wir sollten ihn in die stabile Seitenlage bringen."
Mr. Walsh nickte zustimmend. "Fühlen Sie seinen Puls," wies er seinen Angestellten noch an. Dann warf er einen raschen Blick über seine Schulter. "Wurde der Notfall schon gemeldet?"
Doch gerade als er diesen Satz zu Ende gesprochen hatte, hörte er wie ein anderer Wachmann in sein Headset sprach. "Wir brauchen sofort einen Arzt in der Überwachungszentrale. Hier ist ein Mann ohnmächtig zusammengebrochen."
Das beruhigte den Casinomanager. Er wusste, dass innerhalb kürzester Zeit Hilfe erscheinen würde. Jetzt musste Mr. Zerga nur noch so lange durchhalten.

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Die Fahrstuhltüren schlossen sich hinter Zechs. Schnell drückte er die Stopp-Taste damit der Fahrstuhl sich gar nicht erst in Bewegung setzen konnte. Der interne Sicherheitsalarm der eigentlich dadurch ausgelöst worden wäre, war durch eine von Trowas Spielereien unterdrückt worden. Kein Servicetechniker würde besorgt nachfragen wieso denn das Not-Aus betätigt wurde. Schnell setzte Zechs seinen Aktenkoffer ab. Dann drehte er sich zur Rückwand des Fahrstuhls. Er griff nach links oben und klappte das Gitter das die Beleuchtung schützte herunter. Gleich würde er in den Fahrstuhlschacht klettern der hinunter in den Tresorraum führte. Ein Kinderspiel. Zumindest hatte Duo ihm das versichert.
Zechs blickte wieder nach oben. Jetzt musste er nur noch die Halteplatte mit den Leuchtstoffröhren nach oben wegklappen. Aber das war etwas außerhalb seiner Reichweite - und dass obwohl er so groß war. Doch das konnte Zechs nicht aufhalten. Er umklammerte eine Haltestange die vom Boden bis zur Decke des Fahrstuhls führte. Mit Schwung zog er sich nach oben und stieß dann mit seiner freien Hand die Platte weg. Jetzt war der Weg frei.
Zechs ließ die Haltestange los und sprang auf den Boden zurück. Rasch beugte er sich nach unten um den wichtigen Aktentenkoffer zu holen. Er hob ihn hoch, über seinen Kopf und wollte ihn zuerst durch das Loch in der Decke schieben.
Als Zechs seinen Blick dem Koffer folgen ließ, bekam er den Schreck seines Lebens. "Ach du Scheiße!" rief Zechs. Mit einem lauten Plumps landete er mit seinem Hintern auf den Boden des Fahrstuhls. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er ungläubig nach oben und versuchte zu begreifen, wieso ihm dort Heeros Gesicht entgegen blickte.
Heero verzog kaum eine Miene. Aber seine Augen glitzerten gefährlich. Er musste direkt auf dem Dach liegen, denn er hatte fast seinen gesamten Oberkörper über das Loch gebeugt. "Dachtest du allen Ernstes, ich würde nur Däumchen drehen?" fragte Heero in dem Moment nonchalant.
Zechs wurde etwas ärgerlich. "Hast du mir nicht vertraut?" fragte er aufgebracht. Er wusste natürlich, dass er in der Gruppe den Ruf des Greenhorns hatte. Und es stimmte, er hatte noch nie bei einem großen Coup mitgemacht. Aber das hieß doch noch lange nicht, dass er seine Aufgaben nicht erledigen konnte. Außerdem war er sowieso ein besserer Taschendieb als Heero. Davon war er überzeugt.
"Jetzt vertrau ich dir," erklärte Heero mit trockener Stimme. Dann streckte er seinen Arm nach unten in die Fahrstuhlkabine und schnalzte mit den Fingern.
Zechs seufzte. Die Sache gefiel ihm zwar nicht, aber ändern konnte er in diesem Moment sowieso nichts mehr. So schnell es ging rappelte er sich auf und reichte den Koffer in Heeros wartende Hand.
Heero nahm den Koffer und hievte ihn auf das Dach. Dann drehte er sich zurück und langte wieder nach unten. "Komm schon," befahl er.
Zechs ergriff die ausgestreckte Hand und ließ sich von dem anderen ebenfalls nach oben ziehen.

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Der zweite Boxer war jetzt ebenfalls in die Arena stolziert. Das Publikum war seit Minuten nur noch am Jubeln und Klatschen. Quatre fand das Schauspiel immer abwegiger.
Selbst Treize Khushrenada war aufgestanden und applaudierte den Kämpfern. Als ob er irgendjemandem wirklich so einen Respekt zollen würde. Quatre schüttelte den Kopf.
Die zwei Kontrahenten hatten sich inzwischen im Ring aufgestellt. Sie hüpften auf und ab und ließen sich von dem Schiedsrichter noch einmal über die Regeln belehren. Vielleicht musste das bei jedem Kampf wiederholt werden, weil sich Boxer die Gehirne und ihr Erinnerungsvermögen zu Brei schlugen, überlegte sich Quatre gehässig.
Er wusste dass er die ganze Sache viel zu streng betrachtete. Wahrscheinlich lag es daran, dass er in diesem Moment viel lieber woanders wäre. Er fieberte einer viel spannenderen Sache entgegen. Dagegen verblasste der Zirkus der hier veranstaltet wurde aber gewaltig.

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Forsch, aber nicht übereilt, schritt Duo durch die große Eingangshalle des Casinos direkt auf den Eingang der in die nichtöffentlichen Bereiche führte zu. Dabei schlenderte die dickbäuchige braune Tasche die er in der rechten Hand hielt hin und her.
Mit der linken Hand rückte er noch einmal die große Hornbrille die er trug zurecht, dann trat er die letzten Schritte auf den Wachmann zu. Mit einem vollkommen professionellen Gesichtsausdruck sprach er den Mann an:
"Hier braucht jemand einen Arzt?"

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Heero und Zechs hatten sich inzwischen am Fahrstuhl vorbei an dessen Unterseite durchgeschlagen. Es waren zwar nur ein paar Meter, aber mit all den Kabeln und Rohren die ihnen im Weg waren, hatten sie doch ca. 5 Minuten gebraucht.
Sich mit Armen und Beinen an irgendwelche Metallstangen klammernd die an den Wänden des Schachtes angebracht waren hielten sie einen Moment inne. Bevor sie hier runtergeklettert waren hatte Heero die Aktentasche oben auf dem Dach des Fahrstuhls geöffnet. Mit einer raschen Handbewegung hatte er das Oberteil entfernt, dass zur Tarnung mit diversen Papieren und Stiften gefüllt war - Utensilien die ein Mitarbeiter der Glücksspielkommission halt benötigte.
Darunter befand sich das wirklich wichtige. Magnethaken und Seilwinden. Zechs war beim Anblick ihrer Ausrüstung eines sofort bewusst geworden. Es schien von langer Hand geplant gewesen zu sein, dass er hier nicht allein arbeitete. Denn es waren zwei Ausrüstungen vorhanden.
Zechs hatte den anderen sehr erstaunt angesehen. Wie kam diese zweite Ausrüstung in den Koffer? Bevor es den großen Streit gab, hatte die Planung vorgesehen dass Heero den Part des Kommissionsangestellten übernahm. Er hätte allein daran gearbeitet in den Tresorraum zu gelangen, und Zechs hätte mit den anderen in ihrem Hauptquartier auf den nächsten Einsatz gewartet. Es gab keinen Grund für zwei Ausrüstungen. Außerdem, hatte nicht Duo den Koffer präpariert?

Aber ein Blick auf Heero, der sich schon seines Anzugs entledigt hatte und damit beschäftigt gewesen war die Ausrüstung an seinem schwarzen Kletteranzug anzubringen brachte Zechs dazu diese Frage erst einmal zurück zu halten. Er sollte sich besser beeilen.
Schnell nestelte mit fahrigen Fingern an seinem Kletteranzug - sie hatten ihre Ausrüstung kostengünstig direkt vom Hersteller bekommen der normalerweise die Polizei belieferte - und befestigte alle Utensilien an seinem Körper.
Doch seine Neugierde kehrte zurück. "Wie bist du hierher gekommen?" fragte er.
Heero machte dieses typische Halblächeln und sagte ruhig, "Indem wir einem Freund eine Million von der Beute abtreten."
"Und was ist mit Duo? Und eurem Streit? Und... und... und... Was sollte das bedeuten?"
Jetzt grinste Heero breit und Zechs meinte sogar ein Lachen zu hören. "Moment mal, war das alles nur ein Fake? Wieso habt ihr das gemacht?" fragte er aufgebracht.
Heero wurde kurz ernst. "Uns wurde klar dass Treize mich wahrscheinlich erkennen würde. Wegen Relena. Deshalb die Planänderung."
"Das erklärt aber noch nicht den Streit," begehrte Zechs auf.
"Nun," sagte Heero gedehnt. "Wir wollten testen wie du dich unter Stress anstellst."
"Wieso tut ihr mir das an?" stöhnte Zechs auf. Er hatte sich richtig Sorgen wegen des Streits gemacht. "Wieso weiht ihr mich nicht ein?"
"Ist doch sonst langweilig," erklärte Heero. Dann zog er sich die Lederhandschuhe über. "Dann mal los."

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Howard lag auf dem Rücken. Sein Kopf war etwas nach hinten gebeugt, der Mund offen. Duo kniete über ihm und machte eine 'Herzmassage'. "Los komm schon, atme!" befahl Duo während er so auf den Brustkorb drücke, dass es nach viel aussah, dem armen Howard aber trotzdem nicht die Rippen brach. Sie hatten diesen speziellen Part ihres Planes wieder und wieder getestet. Schließlich musste alles so echt wie möglich aussehen. Sie hatten immerhin ein großes und gebanntes Publikum. Die Wachmänner und der Casinomanager standen ganz dicht bei ihnen.

"Komm schon! Atme! Atme, verdammt!" schrie Duo aufgebracht. Dann beugte er sich noch einmal vor und versuchte es mit Mund zu Mund Beatmung. Langsam wurde dieses Schauspiel ziemlich anstrengend, der Schweiß lief ihm schon von der Stirn.

Im Hintergrund bekam er mit, wie zwei weibliche Sanitäter eine Bahre zum Eingang des Überwachungsraums schoben. Endlich, jetzt konnte er das Schauspiel beenden. Er setzte sich seufzend auf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Dann blickte er nach unten auf Howard und sagte mit Bedauern in der Stimme, "Tut mir leid! Wir waren zu spät." Er nickte Noin zu, das Signal, dass sie Howard auf die Bahre legen sollten.

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Mit Ehrfurcht blickte Zechs in den Schacht der zum Tresorraum führte. Überall konnte er Laserstrahlen sehen, die sofort für Alarm sorgten, falls sie unterbrochen wurden.
Er holte tief Luft, dann beugte er sich so weit es ging in den Schacht und brachte seinen Magnethacken an der Unterseite des Aufzugs an. Er konnte sehen, dass Heero es auf der anderen Seite des Schachtes genauso machte. Sie arbeiteten fast parallel.
Der Hacken war gesichert und Zechs zog die Halteleine von dort zu seinem Klettergurt. Unsicher schaute er zu Heero herüber. "Das wird doch halten, oder?" vergewisserte er sich.
"Mal sehen," sagte Heero. Im nächsten Moment hatte er sich auch schon über die Tiefe gehangelt und ließ den Stahlträger los. Er hing jetzt nur noch an dem so unendlich dünn aussehenden Seil über der fast bodenlosen Tiefe. "Hah!" sagte er, und das Geräusch hallte den ganzen Schacht herunter.
Zechs zögerte noch für eine Zehntelsekunde, dann tat er es dem anderen nach. Er wusste dass das Seil ihn halten würde, trotzdem schloss er für einen Moment die Augen.
Heero fasste sich an sein Ohr und sagte dann, "Trowa, es kann losgehen!"

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Hilde und Noin schoben die Bahre auf der Howard unter einer Decke lag mit schnellem Schritt durch die Casinohalle. Duo der dicht hinter ihnen ging, sprach leise in sein Mikrophon, "Trowa, es kann losgehen!"

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Trowa saß in der Zentrale und beobachtete alle Geschehnisse auf den Monitoren. So etwas spannendes hatte er noch nie erlebt. Beide Teams hatten gemeldet dass sie soweit waren, jetzt wurde es Zeit für das Ablenkungsmanöver.
"Dorothy, es kann losgehen," sagte er in das Mikrophon.
"Noch eine Minute, Chef," meldete die Frau zurück.
Trowa konnte nicht fassen, dass die Blondine so ruhig bleiben konnte. "Wir haben keine Minute mehr. Wufei erstickt!" erklärte er.
"Dann wär's besser mich nicht vollzuschwallen, oder?"

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Doro schüttelte den Kopf. Verdammt, sie hatte hier Präzisionsarbeit zu leisten, da konnte sie keine aufgeregte Mutterhenne gebrauchen.
So, alles war richtig eingestellt. Sie hatte den Transporter mit dem Pinch zu einem Panoramaparkplatz gefahren, von dem aus man den besten Blick auf die Lichtermetropole hatte. Doro grinste gehässig. Wie es Las Vegas wohl gefallen würde, gleich ohne Strom dazustehen?
Sie schaltete den Pinch ein und stellte sich in Position. Und dann, als der Pinch genügend vorgeglüht war, betätigte sie den Schalter. Das Gerät summte und brummte und glühte immer mehr und mit einem lauten Knall flogen plötzlich die Funken und das Dach des Transporters wurde weggeschleudert. Und ein paar Sekunden später, gingen in der Stadt der Tausend Lichter alle Lichter aus.


Kapitel 20 

Bulldog hob den Kopf und blinzelte an die Decke des kleinen Raumes. Bis vor einer Sekunde war er schwer damit beschäftigt gewesen ganz den Anschein zu erwecken, als würde er hier drinnen jemanden zusammenschlagen. Doch dann war mit einem Mal alles dunkel geworden. Gehörte das etwa auch zu Heeros Plan? Bulldog konnte sich nicht erinnern. Besorgt runzelte er die Stirn. Was sollte er jetzt nur tun?
Leise fluchend schüttelte Bulldog den Kopf über sich selbst. Warum nur konnte er sich solche Dinge nicht merken wo Heero sich doch so viel Mühe beim erklären gegeben hatte? Bulldog strengte sich wirklich an, aber es klappte einfach nicht. Wahrscheinlich hatten die anderen die ihn immer dumm nannten wohl doch recht. Er WAR dumm.
Doch das störte Bulldog nicht wirklich. Gut, er war vielleicht nicht der intelligenteste Mensch, aber in dem was er tat war er wirklich gut. Außerdem traute sich auch keiner ihn zweimal in seiner Gegenwart dumm zu nennen, das war mal klar. Und so machte er nach einer kurzen Sekunde des Zögerns einfach weiter mit dem was er schon die ganze Zeit getan hatte seit Heero im Luftschacht verschwunden war: er machte eine Menge Lärm, warf sich gegen die Wände und die Schränke, und gab ab und an ein wirklich überzeugendes Stöhnen von sich.
Ein kleines zufriedenes Lächeln bildete sich auf Bulldogs Gesicht. Wahrscheinlich hätte niemand der es gesehen hätte es auch als eines identifizieren können – Bulldogs Gesicht sah einfach mit jedem Gesichtsausdruck furchterregend aus – aber für Freunde und Eingeweihte war es definitiv ein Lächeln. Denn wenn er auch vergessen hatte ob die Dunkelheit zu Heeros Plan gehörte oder nicht, eines wusste er jedenfalls genau: die beiden Typen draußen vor der Tür durften nicht merken was hier drin wirklich passierte.
Bulldog wusste zwar nicht genau warum Heero das wollte, aber das spielte für ihn auch keine Rolle. Heero war ein guter Freund, er behandelte ihn nie als wäre er zu dumm, und er erklärte ihm jeden Plan immer sehr genau, solang bis auch Bulldog ihn verstanden hatte. Die Million die er für diese kleine Sache bekam störte dabei natürlich auch nicht wirklich. Bulldog war sich sicher dass alles perfekt ablaufen würde. Das taten Heeros und Duos Pläne für gewöhnlich immer. 

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In dem Moment als in Las Vegas die Lichter verlöschten, gingen auch die Laserschranken im Aufzugschacht aus. In der selben Sekunde griff Heero in eine seiner Taschen und holte drei schmale Röhrchen heraus. Zechs tat es ihm nach.
„Ok, knack sie,“ sagte Heero, und beinahe gleichzeitig knickten er und Zechs ihre drei Röhrchen um. Sofort begannen die Röhrchen in einem grünen, fluoreszierenden Licht zu leuchten und Heero konnte wieder erkennen, wie tief der Fahrstuhlschacht war. Dann ließen er und Zechs die Röhrchen auf den Boden des Schachts fallen um die Hände wieder frei zu haben.
Heero sah noch einmal zu Zechs hinüber, nickte ihm aufmunternd zu und sagte, „Los.“ Im nächsten Moment löste er auch schon die Bremse seiner Halteleine und sauste in einer affenartigen Geschwindigkeit nach unten. Zechs war nur wenige Millisekunden hinter ihm.
Als sie den Boden des Schachtes fast erreicht hatten aktivierte sich das automatische System und bremste ihren Sturz abrupt ab. Sowohl Heero als auch Zechs konnten ein lautes Stöhnen nicht unterdrücken – derart drastisch und ohne Federung aus dem freien Fall gebremst zu werden tat weh!
„Scheiße!“ fluchte Zechs als sie wieder halbwegs Luft bekamen.
„Schneid’s durch!“ befahl Heero und griff nach seinem eigenen Messer, um das Halteseil an dem er noch immer hing zu durchtrennen.
Zechs folgte seinem Beispiel und nur Augenblicke später lagen beide flach auf dem Boden des Aufzugsschacht und stöhnten vor Schmerz. Keine Sekunde zu früh, wie es sich herausstellte, denn im selben Moment aktivierten sich die Laser auch schon wieder.
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Nicht alle im Casino hatten den Stromausfall so gelassen hingenommen wie Bulldog. Im Gegenteil, sofort als die Lichter ausgegangen waren hatten die ersten hysterischen Schreie angefangen. Doch das war nichts im Gegensatz zu dem Chaos das herrschte sobald das Licht wieder anging.
Die beiden Boxer, die vor dem Stromausfall noch halbwegs ‘zivilisiert’ miteinander gekämpft hatten gingen auf einmal aufeinander los, als wollten sie eine jahrhundertealte Fehde austragen. Die Ringrichter hatten alle Mühe die beiden wieder zu trennen.
In den Spielhallen stürzten die Spieler über die Croupiers her, grapschten wie Wilde nach dem Geld und den Jetons, prügelten sich und rannten kopflos durch die Gegend. Kurz, es herrschte ein Kampf jeder gegen jeden und der Sicherheitsdienst wusste kaum, wo er zuerst eingreifen sollte.
Quatre hatte sich sofort als das Licht ausging ein wenig zurückgezogen. Oh, er war natürlich dort geblieben wo er vorher gewesen war, er hatte sich nur ein paar Schritte aus der Gefahrenzone wegbewegt. Schließlich hatte er nicht vor sich heute noch in eine Prügelei verwickeln zu lassen. Nein, er hatte ganz andere Pläne.
Mit einem Blick in die Runde auf all die hysterischen Menschen schüttelte er leicht den Kopf. Das war auch einer der Gründe warum er persönlich sich nie wirklich für die Casinos seines Vaters interessiert hatte. Viel zu viel Aufregung – zumindest viel zu viel Aufregung der schlechte Art. Gegen die Art Aufregung die Heero und Duo ihm boten hatte Quatre hingegen nicht das geringste einzuwenden. 

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Wufei warf einen letzten Blick auf seine beleuchtete Armbanduhr, dann streckte er die Arme aus um den Deckel des falschen Safes zu öffnen. Er konnte nur hoffen, dass bei den anderen dort draußen auch wirklich alles nach Plan verlaufen war. Aber selbst wenn nicht, so hatte er jetzt keine andere Chance mehr – er musste hier raus oder er würde ersticken.
Vorsichtig drückte er gegen den Deckel – und runzelte leicht die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht. Der Deckel fühlte sich schwerer an als bei ihren Übungen. Aber das konnte doch eigentlich gar nicht sein, oder? Vielleicht war es einfach nur die Aufregung die ihm hier einen Streich spielte.
Entschlossen presste er etwas fester gegen den Deckel und langsam begann sich dieser zu heben. Wufei packte die nun leere Sauerstoffflasche und klemmte sie in den inzwischen geschaffenen Spalt – schließlich wollte er nicht dass der Deckel wieder zufiel und ihn ohne Sauerstoff lassen würde.
Als er den Deckel noch ein kleines Stück mehr öffnete hörte er plötzlich ein seltsames Geräusch. Metall das über Metall kratzte. Was konnte das sein? Verdammt, wenn er doch nur etwas mehr Licht hier drin hätte, vielleicht könnte er ja dann etwas erkennen. Aber obwohl er den Safe schon ziemlich weit offen hatte fiel noch nicht wirklich viel Licht in sein enges Versteck.
Entschlossen drückte er ein weiteres Mal gegen den Deckel. Erneut wunderte Wufei sich kurz über den überraschend starken Widerstand, doch viel Zeit hatte er dazu nicht, denn plötzlich hörte er ein schabendes Geräusch, und in der selben Sekunde als ihm klar wurde was dieses Geräusch zu bedeuten hatte setzten seine Reflexe auch schon ein und er griff automatisch nach der Kette mit der einzelnen Handschelle, die plötzlich direkt vor seinen Augen baumelte.
Wufei hielt vor Schreck die Luft an. Als nach einigen Sekunden kein Alarm ertönte atmete er erleichtert auf. Offenbar hatte er den Aktenkoffer im letzten Moment noch aufgehalten bevor er auf den Boden des Tresors gefallen und dort die Fußbodensensoren aktiviert hätte. Welcher Idiot hatte den Koffer auch ausgerechnet auf sein Versteck gelegt? Ungerechtigkeit! 

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Vorsichtig und so leise wie möglich schoben Heero und Zechs die Aufzugtüren ein kleines Stück auseinander. Glücklicherweise standen die beiden Wachmänner ein gutes Stück von ihnen entfernt und blickten nicht in ihre Richtung.
Heero griff sich die kleine silberne Scheibe in der Größe eines Eishockeypucks und schubste sie geräuschlos in Richtung der beiden Wachmänner. Das Ding hatte ebenfalls Doro gebastelt, und sobald es dort war wo es hingehörte – nämlich zwischen die Beine der Wachmänner – würde es sich öffnen und völlig geräuschlos ein relativ starkes Narkosegas verströmen. Die beiden Wachen würden innerhalb von Sekunden umfallen.
Gebannt lauschten Heero und Zechs hinter den nun wieder geschlossenen Fahrstuhltüren – schließlich wollten sie sich nicht aus Versehen mit narkotisieren. Als das Geräusch eines umfallenden Menschen ertönte griff Zechs erneut nach den Türen, doch Heero hielt ihn mit einer Handbewegung auf.
„Noch nicht, noch nicht“ sagte Heero und blickte konzentriert auf seine Uhr.
Und tatsächlich, ein paar Sekunden später konnte man erneut jemanden umfallen hören. Heero blickte von seiner Uhr auf, nickte Zechs kurz zu und gemeinsam zogen sie die Fahrstuhltüren ganz auf.
„Geh vor,“ sagte Heero und stemmte sich mit dem Arm gegen seine Seite der Tür. Zechs zog sich geschickt nach oben, hielt nun seinerseits die Türen offen und Heero folgte ihm.
„Meinst du Wufei ist heil herausgekommen?“ fragte Zechs besorgt.
„Dem geht’s sicher bestens,“ beruhigte Heero.
Rasch fesselten die beiden die zwei bewusstlosen Wachmänner, dann gab Heero den von Zechs geklauten Sicherheitscode in die äußeren Tresortüren ein. Ganz wie sie es erwartet hatten öffneten sie sich ohne Probleme.
„Großer Gott,“ hauchte Zechs ehrfürchtig als er und Heero den luftschleusenartigen Vorraum betraten und vor der eigentlichen Tresortür stehen blieben.
Heero nickte. „Dahinter wartet ein 50 Kilo schwerer Chinese zusammen mit 160 Millionen Dollar.“
„Holen wir ihn raus.“
„Ja,“ sagte Heero und ging auf die Tresortür zu. Er hob die Hand und klopfte zweimal kräftig dagegen. Das war das Signal für Wufei, dass sie in Position waren. Jetzt mussten sie nur noch auf die Antwort warten. 

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Trowa saß in der Suite und starrte gebannt auf die Bildschirme. Mann war das aufregend! Fast wünschte er sich, er wäre jetzt da unten bei Heero und Zechs – dann wiederum war er doch ganz froh, dass er nur hier oben die Koordination zu leiten hatte. Schließlich war dies hier sein Fachgebiet, dabei fühlte er sich wohl. Hier konnte er nicht so viel falsch machen wie da unten im Tresor.
„Wie sieht’s aus?“ fragte plötzlich eine Stimme von hinten, und dann setzte Sally sich neben Trowa. Die blonde Frau hatte sich inzwischen umgezogen und trug wieder ihre eigenen Sachen statt der Casinouniform.
„Ganz ok, glaub ich,“ antwortete Trowa, nahm seinen Blick jedoch nicht von den Bildschirmen. Schließlich wollte er nicht eine Sekunde verpassen! 

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Wufei hatte es inzwischen aus dem Safe heraus geschafft und stand jetzt obendrauf. Vor ihm lag der geöffnete Aktenkoffer in dem Howards ‘Juwelen’ lagen, die Wufei sich jetzt in die winzigen Taschen seines hautengen Anzugs steckte. Gerade als er den letzten Stein einsteckte hörte er wie von außen gegen die Tresortür geklopft wurde. Ah, anscheinend lief alles genau nach Plan. Wufei grinste kurz, dann machte er sich bereit die Entfernung zwischen dem Safe und den Regalen nahe der Wand zu überspringen. 

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Trowa und Sally hingen nun beide gebannt vor den Bildschirmen. Dies hier war einer der kritischen Momente – ok, eigentlich gab es in ihrem Plan NUR kritische Momente, aber trotzdem! Es war etwas völlig anderes Wufei in ihrem nachgebauten Tresorraum den Abstand mühelos mit einem Rückwärtssalto zu überbrücken, als jetzt hier gebannt drauf zu warten, dass Wufei das selbe Kunststück in Treize Khushrenadas Tresorraum vollführte!
„Nen Zehner dass er’s nicht schafft,“ murmelte Sally.
„Keine Wette!“ schüttelte Trowa den Kopf. Wie konnte Sally das nur vorschlagen? So etwas war immer ein schlechtes Omen! 

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Wufei atmete ein letztes Mal konzentriert ein, dann stieß er sich von seinem Standort ab. Der Absprung klappte perfekt, er flog in einem eleganten Rückwärtsbogen nach hinten, und die Landung war ebenfalls einwandfrei. Nur ein klein wenig zu viel Schwung hatte er offenbar geholt, denn statt auf dem Regal sitzen zu bleiben ließ ihn sein Bewegungsmoment gleich rückwärts weiterpurzeln. In letzter Sekunde konnte Wufei sich am oberen Rand des Regals festklammern, und da hing er jetzt, schwitzend, heftig atmend und die Beine nur Millimeter über den Fußbodensensoren schwingend.
Während Trowa und Sally sich oben an den Monitoren erleichterte Blicke zuwarfen machte Wufei sich daran zur Tresortür zu klettern. Wie ein Freistilkletterer nutzte er jede Nische, jede Unebenheit, jede Möglichkeit die sich ihm bot um dorthin zu gelangen wo er hinwollte. Schließlich hatte er die Tür erreicht und hielt sich mit einer Hand dort fest, während er mit der anderen einen der ‘Smaragde’ zusammen mit einem kleinen Empfänger an der Tür befestigte. Dann klopfte er laut gegen die Tür, um Heero und Zechs draußen das verabredete Signal zu geben. 

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Doro öffnete die Tür zur Hotelsuite und eilte so schnell es ging in den Wohnbereich wo die Monitore aufgebaut waren. Schließlich wollte sie so wenig wie möglich von der Show verpassen!
„Hey,“ grüßte sie als sie sich auf die Lehne von Trowas Sessel stützte. Auf dem Bildschirm konnte sie sehen wie Heero und Zechs auf Wufeis Signal hin die Sender auf ihrer Seite der Tresortür befestigten. „Wo stehen wir?“
„Bei den Fußbodensensoren und den Türbolzen,“ antwortete Trowa ohne sich umzudrehen.
Doro griff in ihre Jackentasche, holte ihre Brille raus und setzte sie auf. Eitelkeit hin oder her, aber sie wollte nicht eine Sekunde von dem verpassen was auf den Bildschirmen zu sehen war! „Fett,“ sagte sie und suchte sich einen etwas bequemeren Platz zum zuschauen. 

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Schließlich hatte Wufei offenbar den letzten ‘Smaragd’ angebracht, denn Heero hörte das letzte Klopfen, das Signal von Wufei dass alles klar war.
„Auf geht’s,“ murmelte Heero vor sich hin, dann zog er das letzte Gerät, den Zündmechanismus hervor und brachte ihn direkt in der Mitte der Tresortür an. 

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Wufei war inzwischen auf dem Rückweg zu einem der Regale. Er wusste, nach seinem letzten Signal hatte er noch circa 30 Sekunden Zeit bevor Heero die Tür sprengte. Was mehr als genug war, sie hatten diesen Moment wieder und wieder geübt und dabei die Zeit gestoppt. In 30 Sekunden würde Wufei es zweimal bis ans andere Ende des Tresors schaffen.
Gerade als er sich vollkommen von der Tresortür lösen wollte passierte jedoch etwas unerwartetes. Seine Hand, diejenige die bei ihrem Ausflug nach Californien verletzt worden und deshalb jetzt bandagiert war, steckte fest! Scheinbar hatte der blöde Verband sich irgendwie am Türbolzen verhakt, jedenfalls konnte Wufei dran ziehen und zerren, er bekam sie nicht los. 

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„Countdown minus 20,“ sagte Heero nachdem der Zündmechanismus befestigt war. „Los!“
„Zwanzig,“ fing Zechs an herunterzuzählen während Heero den Fernzünder aus der Tasche zog, „Neunzehn, achtzehn...“ 

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Panisch griff Trowa nach dem Mikrofon das ihn mit Heero und Zechs verband. „Nicht sprengen, hört ihr?“ rief er. „Zechs, empfängst du mich?“
Doch weder Zechs noch Heero reagierten auf Trowas verzweifelte Rufe. Stattdessen zählten sie weiter gelassen den Countdown hinab. Inzwischen waren sie schon bei zehn angekommen und Trowa brach nun endgültig der Angstschweiß aus.
„Der Pinch hat seinen Ohrstöpsel gekillt!“ rief Dorothy aufgeregt.
„Zechs, empfängst du mich?“ versuchte Trowa es erneut. „Wartet mit der Sprengung!“ 

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Wufei spürte wie die Panik in ihm hoch kroch. Er hatte keine Ahnung wie viel Zeit ihm noch blieb – sein Zeitgefühl war ebenfalls ein Opfer seiner Panik – aber er hatte das Gefühl als wenn er schon viel zu lange hier an seinem Arm herumzerrte und versuchte ihn freizubekommen. Verdammt, verdammt, verdammt, er hätte doch besser auf diesen Verband verzichten sollen!
Aber Zechs hatte so schuldbewusst ausgesehen, und er hatte ehrlich zerknirscht gewirkt als er sich bei Wufei immer und immer wieder dafür entschuldigt hatte, dass seine Dummheit dessen Verletzung verursacht hatte. Und so hatte Wufei nicht groß protestiert als Zechs darauf bestanden hatte dass die verletzte Hand unbedingt bandagiert werden müsse. Das hatte er jetzt davon!
Wufei biss die Zähne zusammen und lehnte sich so weit zurück wie möglich. Er wusste dass er nicht mehr viel Zeit hatte und es unmöglich schaffen konnte sich vor der Sprengung zu befreien. Aber Dorothy war dafür bekannt dass sie immer die kleinstmöglichen Sprengladungen verwendete und auch sonst sehr präzise war. Vielleicht, wenn er sich mit dem Gesicht abwendete und nicht allzu nah dran war, vielleicht würde er bei der Sprengung dann nicht mehr als seine Hand verlieren. 

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„... drei, zwei, eins,“ beendete Heero den von Zechs begonnenen Countdown, dann drückte er auf den Knopf.

Kapitel 21
„... drei, zwei, eins,“ beendete Heero den Countdown, dann drückte er auf den Knopf.
Nichts passierte. Heero drückte voller Erstaunen erneut auf den Knopf. Und noch mal. Und dann schüttelte er verwundert den Fernzündungsmechanismus. Normalerweise hätte es jetzt schon längst eine Explosion geben sollen. Das war eins von Dorothys Geräten, die mussten doch funktionieren. Mit gerunzelter Stirn drückte er erneut, schüttelte das Gerät hin und her und klopfte mit der Hand darauf rum. Versuchte es durch seinen puren Willen zum funktionieren zu bringen.
Zechs hatte sich ganz dicht neben ihn gestellt und blickte besorgt auf Heeros Hand. „Was ist los?“ fragte er.
„Irgendwas,“ antwortete Heero präzise und schüttelte weiter. 

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Wufei war sich sicher, dass der Countdown längst abgelaufen war. Selbst in seiner Panik hatte er noch soviel Zeitgefühl. Und es hatte noch immer keine Explosion gegeben. Mit einem Mal fiel die absolute Anspannung von ihm ab und er atmete tief ein. Die anderen mussten über die Überwachungsanlage gesehen haben dass er in Schwierigkeiten steckte und hatten Heero und Zechs davon in Kenntnis gesetzt, und die hatten die Sprengung verschoben. Was für ein Glück. Sein Leben, selbst seine Hand wäre ein etwas zu hoher Preis für 14 Millionen Dollar gewesen.
Er drehte sich wieder zu seiner gefangenen Hand und begann erneut an dem Verband zu ziehen. Und wirklich, jetzt wo er nicht mehr in Panik war schien er größeren Erfolg mit seiner Befreiungsaktion zu haben. Er zog und zerrte und so langsam gab das Verbandsmaterial nach. 

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Heero drückte immer noch auf den Auslöseknopf. Er war jetzt fast am verzweifeln. An so einen Fehler hatte keiner gedacht, jetzt gab es keinen Ausweichplan. Wenn sie diese vermaledeite Tür nicht sprengen konnten, dann war alles umsonst gewesen.
„Hast du die Batterien gecheckt?“ fragte Zechs.
Heero sah ihn zunächst bitterböse an. Das konnte doch wohl nicht der Ernst von dem Grünschnabel sein. Batterien gecheckt. Ha. Doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er konnte nicht glauben, dass Doro ihnen ein Gerät geben würde das nicht funktionstüchtig war, also waren die Batterien das einzige was vielleicht nicht hundertprozentig in Ordnung war. Er hatte halt einfach die Batterien genommen die im Lagerhaus auf dem Tisch lagen.
Zechs sah die Veränderung auf Heeros Gesicht und grinste breit. „Du weißt doch,“ zitierte er ihn mit oberlehrerhaften Tonfall, „wenn man hier nur einen Augenblick nachlässt…“ Er holte aus seiner Hosentasche ein anderes elektronisches Spielzeug.
„Schon klar, schon klar. Dann kommen Leute zu Schaden.“ Heero gefiel es nicht wirklich, von Zechs seine eigenen Weißheiten um die Ohren gehauen zu bekommen. Aber der Langhaarige hatte ja Recht, Heero hatte die Batterien wirklich nicht gecheckt. Trotzdem fügte er noch ein trotziges, „Hörst du das Wufei sich beklagt?“ hinzu.
In der Zwischenzeit hatte Zechs sein Gerät geöffnet und die zwei Batterien herausgefischt. Heero nahm sie entgegen und schob sie in den Fernzünder. Noch während er den Deckel des Batterienfachs schloss strich er aus Versehen ganz sanft gegen den Auslöserknopf und eine tausendstel Sekunde später ertönte vom Inneren des Tresors ein gewaltiger Explosionslärm.
Instinktiv hatten Heero und Zechs sich geduckt, auch wenn sie hier draußen vollkommen von der Explosionswelle geschützt waren. Dann kamen sie langsam und fast synchron wieder hoch. Sie sahen sich kurz an und danach gingen sie in Richtung Tresortür.
Zechs zog den Zünder von der Tür ab und kurz darauf öffnete Heero sie. Gespannt blickten sie beide in den Innenraum des Tresors und traten hinein.
Es sah so aus, als wenn eine Bombe explodiert wäre. Was schließlich auch der Wahrheit entsprach. Im ganzen Raum waberte Rauch, Schutt lag auf dem Boden und viele von den metallenen Geldbehältern waren verbeult und durch den Raum geschleudert worden. „Wufei?“ fragte Heero besorgt. Wo war ihr Schlangenmensch nur?
Dann ertönte aus einer der Ecken des Raumes metallisches Schaben. Heero strengte seine Augen an und konnte durch den Rauch hindurch sehen, wie einer der total verbeulten Metallkästen zur Seite geschoben wurde. Dahinter war eine Art kleine Höhle zu erkennen, die sich zwischen umgefallenen Kästen gebildet hatte und Wufei krabbelte heraus.
Der junge Chinese richtete sich zu seiner vollen Größe auf und machte eine weit ausladende Geste mit beiden Armen. Er funkelte sie böse an und fragte aufgeregt, „Was hat bei euch Pennern denn so lange gedauert?“
Heero und Zechs sahen sich kurz schuldbewusst an, zuckten mit den Schultern und sagten dann gleichzeitig, „Tschuldige.“ 

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Im Hauptquartier hatte sich inzwischen die Anzahl der Zuschauer erhöht. Howard und Quatre waren dazu gekommen, starrten jetzt ebenfalls gebannt auf den Monitor und konnten beobachten wie die drei im Tresorraum die Geldpakete fein säuberlich zu einem großen Haufen in der Mitte des Raumes zusammentrugen.
Trowa, Sally und Dorothy war sprichwörtlich das Herz in die Hose gerutscht, als Heero auf den Zünder gedrückt hatte und sie sahen dass Wufei hängen geblieben war. Das waren die schlimmsten Sekunden seines Lebens gewesen, entschied Trowa. Wenn er jemals bei so einem aufregenden Coup wieder mitmachen würde, dann nur wenn alles doppelt und dreifach abgesichert wurde.
Gegen diese Aufregung war das was sie jetzt sahen fast entspannend.
„Etwas geileres als das da hab ich noch niemals gesehen,“ verkündete Howard.
Trowa musste ihm wirklich zustimmen. Es war schon ein ganz besonders Gefühl zu sehen, wie seine Freunde dort mit den Abermillionen beschäftigt waren. Für ein paar weitere Sekunden genoss Trowa einfach diesen Anblick. Dann als Heero ein bestimmtes Zeichen machte, schnappte er sich sein Mikrofon. „Duo, dein Auftritt,“ sagte er kurz und knapp. 

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Duo wanderte durch die Casinohallen. Die Panik die durch den Stromausfall entstanden war, hatte sich gelegt. Die Sicherheitskräfte schienen inzwischen wieder alles unter Kontrolle zu haben. Trotzdem war es etwas lauter als sonst in diesem Bereich. Nicht dass dies Duo stören würde.
Als er Trowas Signal bekam, musste er kurz lächeln. Die anderen hatten es also geschafft. Jetzt würde der nächste Schritt in ihrem Plan beginnen. Duo zog sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und wählte eine bestimmte Nummer. 

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Relena folgte Treize aus dem Sportstadium. Der rothaarige Mann rannte mit ärgerlichem Schritt voraus. Wollte wohl so schnell wie möglich zu seinem Casino und sich vergewissern, dass alles in Ordnung war.
Relena hatte eigentlich keine Lust jetzt ins Casino zu gehen. Sicher, der Kampf war unterbrochen und sie war sowieso nicht an Boxkämpfen interessiert. Aber dort waren all die berühmten Leute die sie heute hatte treffen wollen. Doch ohne Treize an ihrer Seite wollte sie auch nicht in dem Chaos bleiben. Sie schmollte.
Plötzlich begann ein Telefon zu klingeln. Treize drehte sich zu ihr um und blickte sie ein wenig genervt an. „Willst du nicht endlich rangehen?“
Relena schaute ihren Freund mit großen Augen an. „Ich hab kein Handy dabei,“ erklärte sie.
Doch das nächste Klingeln ertönte wieder und das Geräusch kam eindeutig aus Richtung ihrer Manteltasche. Verwirrt griff Relena in die Tasche und fischte das Telefon heraus. „Das ist nicht meins,“ erklärte sie nach einem gründlichen Blick. Sie hatte ein wunderschönes Handy in Pink und mit Strass verziert. Das hier war so ein typisches Männerhandy.
Es klingelte wieder. „Frag, wer dran ist,“ befahl Treize.
Relena rollte mit den Augen, dann drückte sie auf die Rufannahmetaste und hielt sich das hässliche Teil ans Ohr. „Hallo?“
„Könnte ich Mr. Khushrenada sprechen?“ fragte eine männliche Stimme am anderen Ende des Telefons.
Relena blickte noch einmal kurz verwirrt auf das Handy, dann reichte sie es zu Treize. „Der Anruf ist für dich,“ erklärte sie.
Treize sah sie erstaunt an. Und verlangsamte seinen Schritt so sehr, dass sie stehen blieben. Er schnappte sich das Telefon und sagte mit leicht genervter Stimme, „Wer ist denn da?“
„Der Mann der dabei ist sie auszurauben.“ 


Kapitel 22

Treize stürmte auf die Überwachungszentrale zu. Er schäumte vor Ärger. Er wusste nicht genau was dieser Kerl am Mobiltelefon für ein Spiel spielte, aber er würde dafür bezahlen. Das war sicher.
Er hatte kaum die Tür zur Überwachungszentrale hinter sich gelassen, als er sich auch schon an Walsh, seinen Casinomanager wandte. „Ich will wissen was im Tresorraum läuft.“ Mit einem schnellen Schritt war er direkt hinter seine Angestellten, die die Monitore überwachten, getreten und sah ihnen über die Schulter.
„Nichts Sir. Seit dem Stromausfall ist alles wieder normal.“
Treize hatte auch nichts anderes erwartet. Trotzdem befahl er, „Umschalten!“
Mit zwei Knopfdrücken war auf den Monitoren nicht mehr die Spielhallen sondern das Innere seines Tresors zu sehen. Dort war alles in Ordnung. Ebenso wie in dem Raum vor dem Tresor. Die Wachen standen dort wo sie sollten und keine Störung war erkennbar.
Treize schäumte vor Wut. Dieser Kerl – wer immer es auch war – schien ihn auf den Arm nehmen zu wollen. „Sie müssen sich geirrt haben,“ erklärte Treize mit eiskalter Stimme dem Mann am anderen Ende der Leitung.
Doch der Verrückte schien sich nicht von Treizes Tonfall einschüchtern zu lassen. „Beobachten Sie die Monitore?“ fragte er mit liebenswürdiger Stimme. „Wenn ja, dann beobachten Sie sie weiter.“

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Trowa, der das Gespräch natürlich über Duos Knopf im Ohr mitgehört hatte, lächelte kurz und verkündete, „Es geht los.“ Dann drückte er vergnügt auf ein paar Knöpfe.

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Treize blickte geschockt auf die Monitore und sah wie sich ein Bild nach dem anderen veränderte. Die Wachen im Tresorvorraum standen nicht mehr, sondern lagen gefesselt und geknebelt auf dem Boden. Und da sie sich überhaupt nicht bewegten nahm Treize an, dass sie auch betäubt waren.
Aber viel schlimmer war das Innere des Tresors. Überall lag Schutt herum und drei schwarz gekleidete Gestallten räumten in aller Seelenruhe große Geldpakete in schwarze Taschen auf deren Kopfseite ein weißes X zu erkennen war. Dieser Verrückte hatte Recht! Er war dabei ihn auszurauben! Dafür würde er garantiert bezahlen.
„In Vegas kann sich das Glück so schnell wenden, meinen Sie nicht auch?“ erklärte der Mann am Telefon süffisant und Treize hätte ihn am liebsten hier und jetzt windelweich geprügelt.
Aber er hatte jetzt keine Zeit für so was. Er musste verhindern, dass dieser Wahnsinnige entkommen konnte. Er drehte sich zu Walsh um und befahl, „Finden Sie heraus wie viel Geld wir da unten haben.“
„Ja Sir,“ erklärte der Casinomanager und eilte davon.

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Relena starrte ungläubig auf den Bildschirm. Sie war Treize einfach gefolgt, weil sie nicht wusste was sie sonst hätte tun sollen. So langsam begriff sie was hier vor sich ging. Dieser Typ am anderen Ende des Telefons schien mit Treize über diesen Raub zu verhandeln. Warum, dass wusste sie nicht.
Aber etwas anderes fiel ihr ein. Es war ja nicht ihr Handy über das dieser Mann mit Treize in Kontakt getreten war. Sondern ein völlig fremdes, dass sich nur zufälligerweise in ihrer Manteltasche befand. Doch wie war es nur dahin gekommen?
Relena kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum. Es musste ihr jemand zugesteckt haben. Aber wer? Sie hatte den Mantel erst angezogen, als sie sich auf den Weg zum Boxkampf gemacht hatte. Und da war das Handy garantiert noch nicht in ihrer Tasche gewesen. Und seitdem war sie auch nur in Treizes Nähe gewesen.
Oder halt… Relenas Augen wurden riesig groß. Heero. Heero war ganz dicht bei ihr gewesen. Er hatte sie umarmt und sogar auf die Wange geküsst. Es gab keinen Zweifel, Heero hatte ihr das Handy zugesteckt. Warum und wieso wusste sie nicht, aber sie vermutete, dass Heero an diesem Raub beteiligt war. Dass er gerade dabei war so unendlich viel Geld zu stehlen. Relena wurde vor Aufregung etwas rot im Gesicht.
„Relena?“
Wie aus tiefsten Gedanken blickte Relena auf und sah das Treize direkt vor ihr stand.
„Relena,“ sagte er ein weiteres Mal.
Relena schüttelte sich, um sich aus ihrer Starre zu befreien und lächelte ihren Freund an.
„Es wäre besser, wenn du…“
„Besser wenn ich was?“ fragte sie leicht schnippisch. Sie konnte an Treizes Augen erkennen, dass er sie gleich aus diesem Raum werfen würde. So als ob sie hier irgendjemand stören würde.
„Es wäre besser, wenn du jetzt nicht dabei wärst, Relena,“ erklärte Treize kalt.
Relena starrte ihn kurz empört an. Sie schätzte es gar nicht, wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Heero hatte wohl Recht gehabt. Dieser Mann war einfach nichts für sie. Kein Mann sollte so mit einer Lady umgehen. Das war sicher. Ohne ein weiteres Wort zu sagen drehte sie sich um und verließ den Raum.

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Treize sah wie seine Freundin die Überwachungszentrale verließ. Er wusste dass sie jetzt sauer war. Aber er hatte jetzt wichtigeres zu tun als Rücksicht auf Relenas Gefühle zu nehmen. Und es war ja auch kein wirkliches Problem. Nichts, was nicht ein kleiner Ring oder ein Armband aus der Welt schaffen konnte. Er grinste kurz bei dem Gedanken.
Doch dann konzentrierte er sich wieder vollends auf das große Problem das er im Moment hatte. Er hob das Handy an sein Ohr und sagte, „Ok, Sie haben mich voll überzeugt. Sie haben meinen Tresorraum geknackt. Gratuliere. Genießen Sie ihren Erfolg, denn Sie sind ein toter Mann.“ Vielleicht würde er sogar die Polizei ganz außen vor lassen und sich direkt an diesem Wahnsinnigen rächen. Mit seiner unverschämten Aktion hatte er Treize den ganzen Abend verdorben.
„Möglicherweise…“ erklärte der Typ gelassen.
Treize konnte soviel Dreistigkeit nicht fassen. „Möglicherweise?“ wiederholte er ungläubig. „Wie gedenken Sie denn hier wieder raus zu kommen? Glauben Sie wirklich, ich gestatte Ihnen mein Geld säckeweise aus meinem Casino raus zu tragen?“

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Duo lief während des Gespräches die Hallen auf und ab. Versuchte niemals länger als ein paar Sekunden auf einem Platz zu bleiben, allerdings ohne sich dabei unnötig verdächtig zu machen.
Als er Khushrenadas letzte Frage hörte, musste er breit grinsen. Wenn dieser doch nur wüsste. „Nein,“ erklärte er deshalb gut gelaunt. „Sie tragen es für uns raus.“
Eines musste er Khushrenada ja lassen. Der Typ blieb eiskalt. Jeder andere wäre jetzt entweder in haltloses Lachen ausgebrochen oder hätte sich furchtbar aufgeregt. Khushrenada hingegen klang immer noch kalt wie eine Hundeschnauze. „Wieso sollte ich das machen?“ fragte er gelassen zurück.
„Sehen Sie mal genau auf Ihren Monitor,“ empfahl Duo.

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Treize konnte sich nicht entscheiden, ob er diese Unterhaltung nun als amüsant oder nur ärgerlich empfand. Eines war sicher, der Typ hatte Chuzpe. Nicht dass ihm das irgendetwas nützen würde.
Walsh eilte an Treizes Seite und reichte ihm einen kleinen Zettel auf dem die Zahl 163.156.759 stand.
Der Mann am Telefon sprach ruhig weiter. „Wie Ihnen Ihr Casinomanager vermutlich gerade berichtet, haben Sie heute etwas mehr als 160 Millionen in Ihrem Tresor. Und wenn Sie genau auf den Monitor blicken, bemerken Sie vielleicht, dass wir nur etwa die Hälfte davon einpacken.“
Der Typ sprach die Wahrheit. Die Männer im Tresor verpackten nur die Hälfte der Geldpakete in die schwarzen Taschen. Den Rest ließen sie praktisch links liegen.
„Die andere Hälfte werden wir im Tresor zurücklassen. Mit Sprengladungen gespickt als eine Art Pfand.“
Treizes Augen wurden größer als ihm klar wurde was dieser Wahnsinnige vorhatte.

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Duo machte dieses Gespräch mit Khushrenada unheimlich Spaß. Fast genauso viel, wie das Gefühl gerade den größten Raubzug aller Zeiten durchzuführen und dabei in aller Ruhe durch die Spielhallen zu schlendern.
„Sie winken unsere 80 Millionen durch, und dürfen Ihre behalten. Das ist der Deal.“ So ein simpler und einfacher Plan. Duo grinste breit.
„Sollten Sie uns aufhalten, dann sprengen wir beide Bestände.“ Duo konnte praktisch hören wie Treizes Stirnader pulsierte.
Grinsend drehte er sich um. Doch plötzlich war es an ihm erstaunt drein zu blicken. Ihm gegenüber stand Relena und blickte ihn herausfordernd an. Wie hatte er sie nur übersehen können? Mit diesem Kleid in schreiendem Pink stach sie absolut aus der Menge heraus.
Duo sah ihr tief in die Augen, wartete darauf, dass sie etwas sagen würde. Aber sie blieb stumm. Sollte sie etwa Qualitäten haben von denen Duo nichts wusste? Aber es war egal. Er tat dies alles hier nur für Heero. Wenn es Heero glücklich machte, dann würde er auch Relenas Gegenwart ertragen. Außerdem hatte er jetzt wichtigeres zu bedenken. „Mr. Khushrenada. Sie können 80 Millionen in aller Stille verlieren, oder 160 im Rampenlicht. Entscheiden Sie sich.“
Mit diesen Worten nahm er das Telefon vom Ohr, deckte die Sprechmuschel mit einer Hand ab und lächelte Relena an. „Hi,“ begrüßte er die Frau die ihn und seinen besten Freund auseinander gebracht hatte.