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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

01.12.2006



Kaufrausch

Fünf Tage hockte Adalbert nun schon auf dem Sprung, doch nichts passierte. Seit seine Eltern am Sonntag zu Besuch bei ihm gewesen waren und sein Vater ihm erklärt hatte, wie viel Adalbert noch schaffen musste und wie wenig Zeit ihm nur noch blieb, da war jeder Tag ohne einen Auftrag und ohne Aussicht auf einen Stern geradezu unerträglich. Er selbst hatte auch ein paar Anfragen losgeschickt, ob man ihm nicht noch ein paar Menschen anvertrauen wollte, doch bis heute hatte sich noch nichts getan. Es war gerade mal morgens um vier, am ersten Tag im Dezember und Adalbert drehte und wendete sich in seinem Bett, während sein Nachthemd ihn dabei fast erwürgte. Es war unerträglich zu wissen, dass er eigentlich die letzten zwei Jahre viel mehr in der Menschenwelt hätte sein müssen. Verdammt, warum hatte ihm das keiner vorher gesagt?

Plötzlich riss ihn ein nervendes Geräusch aus seinem Dämmerzustand und Adalbert sah sich verwirrt um. Sein Elf-o-phon blinkte rot, doch der Monitor blieb schwarz. Was war das? Und noch ehe Adalbert so recht begriff, öffnete sich eine Klappe am unteren Ende des Gerätes und eine Kapsel schoss heraus. Zum Glück hatte der Elf schon mal in der Fabrik gesehen, dass diese Form der Kommunikation genutzt wurde, um Nachrichten, auch schriftlich, zu verschicken. Also hopste Adalbert ganz aufgeregt aus seinem Bett, streifte sich das hochgerutschte Nachthemd gerade und nahm die Kapsel an sich.

Von seiner Mutter konnte sie nicht sein, da war sich Adalbert ziemlich sicher. Er würde sein Nachthemd dafür verwetten, dass sie die Gunst der Stunde genutzt hätte, Adalbert zu wecken und zu gucken, ob es ihm auch gut ging, wenn sie schon mal neben dem Elf-o-phon stand. Vielleicht war es aber die Antwort der Kommission und er bekam einen Auftrag? Adalbert war ganz aufgeregt! Er konnte kaum die Kapsel öffnen, so zitterten seine Finger. Mit einem Fingerschnippen ließ er das Licht in seinem kleinen Haus heller werden und er setzte sich auf die Theke in der Küche.

Als Erstes erkannte er wirklich das Siegel der Kommission. Adalbert betete. Hoffentlich erteilten sie ihm keine Absage, weil er die letzten Jahre so schlampig gewesen war! Hoffentlich nicht!

Sein Herz schlug wie wild, er konnte sich kaum noch konzentrieren. Schnell nahm er sich den kleinen Umschlag heraus und fing an zu lesen.



Adalbert, Elf 29245,

Wir haben dein Ersuchen und das deines Vaters eingängig geprüft und sind zu dem Entschluss gekommen, dir in den letzten vier Wochen noch die Chance zu geben, auch ein Weihnachtsengel zu werden. Bis zu deinem sechzehnten Geburtstag, am 25. Dezember, wird jeden Tag ein Auftrag für dich bereit liegen. Es obliegt dir, ihn anzunehmen. Doch bedenke, dass nicht jeder eine solche Chance bekommt und überlege dir gut, ob du sie wegwerfen willst. Es werden nicht nur leichte Fälle sein, Adalbert, aber versuche sie nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen, die Menschen glücklich zu machen und die Sterne zu sammeln, wenn ein Auftrag zu einem glücklichen Ende gebracht worden ist.

Viel Glück
Jesmanich, Elf 128.

PS. Anbei findest du deinen ersten Auftrag. Die Koordinaten für den Elf-Trans sind A67D34-90




Adalbert saß mit großen Augen und offenem Mund auf der Theke und wackelte aufgeregt mit den Füßen hin und her. Es war noch dunkel draußen, aber er war mittlerweile hell wach! Er hatte eine Aufgabe! Er!

„Ja!“, rief er und hüpfte übermütig von der Theke, lachte laut und schien noch gar nicht richtig begriffen zu haben, was nun auf ihn zukam. Er freute sich erst einmal nur, war versucht seine Eltern anzurufen und ihnen die gute Kunde zu berichten, doch dann ließ er es. Wenn er das richtig verstanden hatte, dann würde es jeden Tag einen Auftrag geben. Das hieß aber auch: er hatte nur einen Tag, nicht einmal mehr 20 Stunden, um seinen ersten Job zu erfüllen! Plötzlich ergriff Panik den kleinen Elf und er griff sich hastig die Unterlagen, betrachtete sich die Fotos und las die Erläuterungen.

„So ein Mist, wie soll ich das den packen!“, knurrte er und zog sich hastig an. Er war wie blockiert und hatte noch keinen Schimmer, wie er sein Ziel erfüllen sollte und dafür sorgen, dass ein makelloser, profitgieriger Geschäftsmann sich der armen Seele eines Strichers annahm! Das war doch nicht fair. Hätten die ihm nicht was Leichteres für den Anfang geben können? Die wollten wohl, dass Adalbert scheiterte? Das war doch nur zur Beruhigung des schlechten Gewissens, damit sie hinterher sagen konnten: was wollt ihr, Adalbert hatte seine Chance und er war zu doof!

Aber so nicht, nicht mit Adalbert, dem Sohn von Rüdiger! Je intensiver sich dieser Gedanke in sein Hirn fraß, umso sturer wurde Adalbert ja und dass der Elf ein Sturkopf war, das wusste jeder, der sich schon einmal mit ihm angelegt hatte. Die hohen Elfen wollten Krieg? Sie wollten Adalbert verarschen? Das konnten sie gern haben! Sie würden schon sehen, was sie davon hatten, Adalbert aufs Glatteis führen zu wollen. Er griff sich noch seine Mütze und den Schal und schon war er in der Mitte von Elfstadt und im Elf-Trans. Denn wer heute noch glaubte, der Weihnachtsmann hätte so viel Zeit, dass er jedes Kind einzeln mit seinem Schlitten und den Rentieren beliefern könnte, der hatte sich da ziemlich geschnitten. Diese Show brachte er meistens für Waisenhäuser und einsame Kinder, für die, die mal wieder ein Glitzern in den Augen verdient hatten. Ansonsten war der Versand der Geschenke ziemlich technisiert.

Der Elf-Trans war wohl die größte Errungenschaft der Elfheit, seit der Erfindung der waschbaren Zipfelmützen, denn in dieser unglaublichen Maschine war jedes Zimmer, jede Straße, in oder auf der ein Kind lebte, gespeichert. Man musste nur die Koordinaten eingeben, das Geschenk auf die Plattform legen und schwups - landete das Geschenk an seinem Bestimmungsort. Seit sieben Wintern funktionierte das auch mit Elfen. Das sollte Adalbert bei seinen Aufträgen ziemlich zugute kommen, denn so konnte er ohne Zeitverzögerung von einem Ort der Erde ans andere Ende gelangen. Jetzt musste er sich einfach überraschen lassen, wo er landete, denn aus den Koordinaten war nicht ersichtlich, wo er eigentlich landen würde. In den Unterlagen hatte auch nichts gestanden.

Aber egal, Adalbert war wild entschlossen, den hohen Elfen zu zeigen, dass man ihn nicht unterschätzen sollte. Er mochte nicht der Beste sein, nicht der Größte, nicht der Hellste, aber er war der sturste Elf, den man sich nur vorstellen konnte und bekanntlich konnte der Wille ja Berge versetzen. Adalbert sah sich in der Halle um, doch er war allein. Elfen mochten arbeitsame Wesen sein, doch auch sie brauchten irgendwann einmal Schlaf. Also machte sich Adalbert selber zu schaffen, tippte die Koordinaten ein, stellte auf Zeitverzögerung und sprang dann auf die Plattform. Aufgeregt, weil er noch nie vorher transportiert worden war, zählte er langsam von zehn runter, schloss die Augen, weil er wusste, dass der sich bildende Lichtschein sehr grell sein würde und... spürte gar nichts.

Verwirrt machte Adalbert die Augen wieder auf und er begriff ziemlich schnell: nur weil er nichts gespürt hatte, hieß das noch lange nicht, dass nichts passiert war! Er fand sich mitten in einer Straße wieder. Rechts und links parkten Autos, von oben prasselte Regen auf den kleinen Elf und Adalbert fluchte, aus tiefster Seele. Das ging ja schon so was von gut los!

„Hey, Maus. Komm rein!“, hörte er plötzlich eine Stimme durch die Straße hallen und horchte auf. Maus? Er hatte das heute schon mal gelesen! Maus, hieß so nicht der kleine Kerl, dem er das Glück bescheren sollte? Und wirklich flitzte gerade ein blonder, junger Mann an ihm vorbei, auf eine offene Tür zu und verschwand dahinter. Adalbert machte große Augen. Also zumindest seinen Klienten hatte er schon mal gefunden. Also setzte er dem jungen Mann hinterher, doch dann stand er vor einer verschlossenen Tür. Was sollte das denn? Adalbert rüttelte und schüttelte, doch die Tür dachte gar nicht daran, die Klügere zu sein und nachzugeben.

Als sie allerdings plötzlich aufgerissen wurde, da sprang Adalbert erschrocken zurück. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Ein massiger Türsteher beugte sich zu dem Jungen runter und betrachtete ihn ziemlich ungläubig. „Was willst du denn hier, mach dich heim!“, knurrte er den Elfen an. Was war das denn für ein Vogel? Noch nicht mal volljährig und rannte dazu noch kostümiert mitten in der Nacht durch die Stadt. Mit einem solchen Typen wollte hier bestimmt keiner was zu tun haben! Außerdem hatten Kinder in ihrem Haus nichts verloren!

„Aber ich muss da rein, ich bin wegen Maus hier ... ich meine, Elias. Ich muss da rein, das ist wichtig, weil ich doch ein Engel werden will!“, erklärte Adalbert hastig und versuchte sich an dem Türsteher vorbei zu schieben. Doch so leicht war das gar nicht! Der griff sich den kleinen, blonden, nassen Elfen nämlich im Genick und setzte ihn wieder vor die Tür, auf die nasse Straße, mitten in den Regen.

„Sag mal Kleiner, was auch immer du nimmst, nimm weniger davon und verschwinde. Wir haben keinen Bock auf Ärger“, knurrte der Mann und machte die Tür einfach wieder zu. Adalbert wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er blieb allein vor der Tür zurück, doch so leicht ließ der Elf sich nicht abwimmeln. Er hatte einen Job und den wollte er auch machen, da konnte ihm auch nicht so ein massiger Türsteher den Weg versperren. Wozu gab es Fenster? Wozu konnte ein Elf denn zaubern? Wozu hatte er Flügel? Also klappte Adalbert seine zarten Elfenflügel auf, doch der prasselnde Regen ließ ihn einfach nicht abheben. Wieder fluchte der Elf vor sich hin. Das konnte doch heute alles nicht wahr sein!

Er hörte Schritte auf dem nassen Pflaster, der Wasserfilm auf dem Stein schluckte fast alles, doch sie kamen deutlich näher. Unter einem Regenschirm kam ein großgewachsener Mann näher, in einer Hand einen Koffer, in der anderen einen großen Familienschirm. Adalbert brauchte gar nicht lange, um zu bemerken, dass dies wohl der Typ war, der Elias, seinen Klienten, immer aus dem Häuschen brachte! Kell oder Kyle oder so ähnlich war das doch gewesen. Er sah trotz der frühen Morgenstunde frisch und erholt aus, kein bisschen angespannt. Komischer Kerl. Aber Adalbert wollte die Gunst der Stunde nutzen und noch ehe er in das Sichtfeld des Mannes kam, hatte er sich schon in eine Fliege verwandelt, lauerte im Türeingang, dort wo es trocken war und sprang dem Mann einfach auf die Schulter, als der, wie erwartet, die Tür zum Toy-Boy anstrebte.

Zufrieden kicherte die kleine Fliege, als der Türsteher bereitwillig den Weg frei gab und machte sich aus dem Staub. In erster Linie war nämlich nicht dieser Geschäftsmann sein Klient, sondern Elias und den musste er suchen. Doch wo? Nun war er zwar in dem Haus, was verkauft werden sollte, doch seinem Ziel war er noch kein Stück näher. Was sollte er nur machen? Wo den jungen Mann suchen? Er konnte sich ja schlecht hier hin stellen und brüllen.

Also machte sich Adalbert auf, versuchte nicht aufzufallen, doch mit seinem Ringel-Kostüm und den Flügeln, die er nicht einziehen konnte, weil sie nass waren und trocknen mussten, war das so gut wie unmöglich. So versuchte sich Adalbert immer in die dunkleren Schatten zu drücken.

Langsam ging er durch den Flur. Die Geräuschkulisse in dem Haus trieb einem anständigen Elf wie Adalbert geradezu die Schamesröte ins Gesicht! In was war er hier nur rein geraten! Wenn sein Vater wüsste, wo er sich rum drückte! Schämen würde der sich sicher. So wie sich Adalbert gerade schämte.

Schüchtern und unentschlossen warf er einen Blick durch eine offen stehende Tür und riss die Augen auf, taumelte zurück und schlug sich die Hand vor den Mund. Er hatte zwar schon gehört, dass man mit dem Körperteil zwischen seinen Beinen mehr anstellen konnte, als nur im Stehen zu pinkeln und sich von Müttern deshalb anbrüllen zu lassen, aber was man damit alles tun konnte, davon hatte Adalbert bis eben noch keinen Schimmer gehabt.

Es kam einer Gier gleich, als er noch einmal durch die Tür sah, die Nase und die Wangen feuerrot, doch wie der Schwarzhaarige mit seiner geschickten Zunge das Zwischenbein-Körperteil des anderen bearbeitete, war einfach zu interessant. Und groß war besagtes Körperteil! Und rot!

Adalbert hatte sich seines zwar noch nie so genau angesehen, aber erstens stand seines nur sehr selten ab, war definitiv nicht rot und schon gar nicht so groß. Beschämt sah er auf seine Hotpants. In die würde so was wohl gar nicht rein passen. Er müsste über andere... wah!

Adalbert schüttelte den Kopf. Was tat er denn hier? Er hatte einen Auftrag! Das durfte er nicht vergessen. Er ließ sich wirklich viel zu schnell ablenken. Aber das war hier auch wirklich nicht schwer!

Entschlossen zog sich Adalbert zurück. Sein Mund war trocken und irgendwie ging sein Atem schneller, dabei war er doch gar nicht gerannt! Um auf andere Gedanken zu kommen, sah sich Adalbert weiter um. Erst jetzt fiel ihm auf, was für ein schönes Haus das eigentlich war. Es schien ein älterer Baustil zu sein, mit hohen Decken, alten Holzgeländern und weit ausladenden Treppen. Die Räumlichkeiten wurden gepflegt, man sah es deutlich, denn das Holz war nicht einfach gestrichen, sondern abgeschliffen und dann lasiert, damit man die Maserung erkennen konnte. Die Wände waren mit unaufdringlichen Tapeten bespannt, an ausgewählten Stellen sogar mit Seidentapeten. Adalbert ging näher heran, doch das Motiv, was nur als leichtes Relief, Ton in Ton, zu erkennen war, ließ ihn dann doch wieder etwas erröten.

„Hey!“, rief ihn plötzlich jemand und Adalbert schoss mit hochrotem Kopf herum. Man hatte ihn dabei erwischt, wie er sich solche Bilder anguckte! Sein Herz schlug bis zum Hals und die Finger gruben sich nervös in den Stoff seiner Hose und der langen Socken. „Was bist du denn für einer?“ Der Mann vor ihm trug nur eine Lederhose. Man sah jeden einzelnen Muskel und Adalbert verschlug es die Sprache. Das lange, schwarze Haar fiel ihm auf die Brust und er sah Adalbert eindringlich an.

„Ich muss... ich... soll... ich wollte... ich“, stammelte der Elf vor sich hin. Am liebsten wäre er jetzt im Boden verschwunden, doch der Kerl grinste ihn nur an, kam noch etwas dichter und schob den verschüchterten Elf vor sich gegen die Wand, ohne ihn berühren zu müssen. Mit großen, schreckgeweiteten Augen sah Adalbert den Kerl an. Was passierte jetzt mit ihm.

„Du musst - du sollst - du willst... ich komm nicht drauf, gib mir noch ein paar Buchstaben, damit der Satz einen Sinn ergibt, kleiner Elf“, lachte der Mann dunkel und strich Adalbert einmal mit dem Finger über die Wange.

Der Elf zuckte zusammen. Das fühlte sich komisch an! Nicht wie bei seiner Mama oder seinem Papa! Das zog sich bis in den Bauch und Adalbert zitterte noch mehr. Er konnte das gar nicht beeinflussen. Fühlte es sich so an, wenn man Angst hatte? Wenn Panik von einem Besitz ergriff.

Weil der Mann wohl merkte, dass er den Jungen in die Enge getrieben hatte, ging er einen Schritt zurück. „Na los, Kleiner, sag schon. Was macht einer wie du, in einem Schnuppen wie diesem?“, wollte er neugierig wissen und verschränkte die Arme, damit Adalbert nicht dachte, ihm würde etwas passieren. Der Elf drückte sich noch immer an die Wand hinter sich und sah den Mann mit großen Augen an. „Elias... ich... Weihnachtselfe und...“

„Du hast es nicht so mit ganzen Sätzen, kann das sein? Ist das ein neues Spiel? Rat was ich will?“ Der Mann wirkte sichtlich amüsiert. „Aber ich will mal nicht so sein, wenn du die Maus suchst. Er ist gerade oben in seinem Zimmer, mit einem Kunden. Schließlich soll man kleinen Weihnachtselfen ja helfen, hm? Und wenn du den Weihnachtsmann siehst, sag ihm, Günni hätte gern ein neues Paar Handschellen, meine sind kaputt.“

Und im nächsten Augenblick stand Adalbert wieder gänzlich allein auf dem Flur und sah die Treppe hoch. Noch immer schlug sein Herz wie wild und seine Finger gruben sich schmerzlich in seine Schenkel. Aber er nutzte die Gunst der Stunde und flitzte die Treppe hoch, ohne zu wissen warum. Erst mal musste er hier weg, nicht dass der Kerl wieder kam und auch so komische Sachen machen wollte, wie die Zwei in dem Zimmer eben! Und schon hatte Adalbert wieder das Bild vor Augen und sein Gesicht wurde puterrot. In einer ruhigen Minute sollte er über das Gesehene noch einmal nachdenken, doch im Augenblick war da nicht viel zu machen. Schließlich musste er Elias finden.

Langsam ging Adalbert auf, dass die Aussage: „Er ist gerade oben in seinem Zimmer“, ja irgendwie voraussetzte, dass Adalbert wusste, welche der drei Etagen oben war und welches der hundert Zimmer das von Elias. Er wusste beides nicht und so musste er jetzt etwas tun. Improvisieren war schon immer Adalberts Stärke gewesen, aber das Umfeld schüchterte ihn gerade ziemlich ein - von der schon wieder anschwellenden Geräuschkulisse mal gänzlich abgesehen. Sie machte den kleinen, unerfahrenen Elfen ziemlich nervös. Vor allem, weil er nicht wusste, warum er plötzlich schneller atmen musste und seine Haut so komisch prickelte. Doch er hatte jetzt keine Zeit, krank zu sein. Er musste diesen Elias finden, glücklich machen, seinen Stern abgreifen und noch ein bisschen schlafen, ehe der nächste Auftrag auf ihn wartete.

Dazu musste er diesen hier aber erst mal abschließen und dazu musste er Elias finden! Also nahm sich der kleine Elf ein Herz, griff die erste Tür, die er fand und riss sie auf, darauf gefasst, dass schon wieder eine Zunge zwischen den Beinen eines anderen herum leckte und diverse Körperteile rot leckte. Doch was er da sah, war... Adalbert erstarrte. Er lernte gerade mehr über die Machbarkeit der Anatomie als ihm jemals lieb gewesen wäre.

Nicht nur, dass man diesen Körperteil rot lecken konnte, man konnte ihn auch anderen in den... Adalberts Kopf glühte. Er konnte sich kaum noch halten, ohne gleich in Ohnmacht zu fallen.

Verdammt, das musste doch wehtun! Mal davon abgesehen, dass man in solch einer schmutzigen Körpergegend doch nicht einfach... Adalbert konnte gar keinen klaren Gedanken mehr fassen. Zum Glück hatten ihn die beiden in dem Zimmer noch nicht bemerkt. Sie gaben sich, mit einem ekstatischen Stöhnen, ihrer Lust hin und Adalbert taumelte langsam zurück. Er schrie entsetzt auf, als sich ein paar starke Arme um ihn schlossen und im nächsten Augenblick die Tür wieder geschlossen wurde.

„Sag mal, kleiner Elf, bist du ein Spanner? In deinem Alter?“ Günni war dem Kleinen nachgelaufen, irgendwie hatte er kein gutes Gefühl, einen kleinen Jungen alleine in einem Bordell herumrennen zu lassen. Aber ihn bei strömendem Regen auf die Straße zu schicken, dazu war er auch nicht im Stande. „Scht, Kleiner, dir tut doch keiner was“, versuchte er Adalbert zu beruhigen, doch der Elf wollte sich nicht beruhigen lassen.

Er war total aufgekratzt und seine Knie zitterten, seine Hose war eng und sein Kopf drohte zu platzen. Er war ein Jammerbild eines Elfs und wie er so in Günnis starken Armen hing, erinnerte er doch eher an ein junges Kätzchen als an alles andere.

„Lass mich - lass mich - lass mich!“, brüllte Adalbert immer wieder, als ginge es um sein Leben.

Es fühlte sich auch so an, als ginge es um sein Leben. Sein Herz schlug panisch schnell und Günni konnte das spüren, also zog er den kleinen Elf mit sich, in ein leeres Zimmer, setzte ihn auf die Couch und stellte sich dann an die Tür, damit der Junge sich erst einmal wieder beruhigen konnte.

„Besser“, fragte er nach einer Weile, in der Adalbert fast einem Herzinfarkt nahe gewesen war. Er musste sich wirklich erst mal wieder fassen, denn was er hier gesehen hatte, war einfach zu viel für einen unbedarften kleinen Elfen! Zwar wusste er, dass man sich küssen konnte und wie schön das sein konnte, doch von dem Rest hatte Adalbert ja keine Ahnung gehabt. Er musste nur daran denken, da wurde er schon wieder rot. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis er begriff, dass Günni immer noch an der Tür stand. Er sah verstört zu ihm auf. Was hatte der Typ jetzt mit ihm vor? Das gleiche, wie die in dem anderen Zimmer? Instinktiv zog Adalbert die Beine an und machte sich noch kleiner.

„Ich such doch nur Elias, mehr wollte ich doch gar nicht“, murmelte er leise und sah auf den Boden. In was war er da nur rein geraten? Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es den hohen Elfen wirklich in den Sinn gekommen war, Adalbert hier hin zu schicken! Bestimmt hatte er die falschen Koordinaten eingegeben und er hätte Elias noch ganz wo anders getroffen! Der kleine Elf fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. Eigentlich wollte er nur noch weg. Seine Sturheit in allen Ehren, sein Leben ging ihm dann doch vor. Da war sich wohl jeder Elf selbst der Nächste und sein Leben als Elf war plötzlich gar nicht mehr so langweilig. Engel konnte doch jeder werden! Überleben konnte nicht jeder!

Adalbert zitterte.

„Du bist eine komische Gestalt, Kleiner. Ich hab doch gesagt, er ist in seinem Zimmer. Was war an diesem Satz so schwer zu verstehen?“, fragte Günni und wirkte ziemlich amüsiert.

Adalberts Kopf zischte hoch, dabei fiel die Zipfelmütze von seinem blonden Haar und die längeren Fransen fielen ihm in die blauen Augen. „Wie wär's, du sagst mir mal, wo ich das blöde Zimmer finde und nicht dastehe wie doof und nicht weiß, wo ich suchen muss. Das macht nämlich keinen Spaß, zu suchen und dann... dann...“ Adalbert erinnerte sich wieder an die Bilder und wurde schlagartig wieder rot. Er kam gar nicht mehr dazu, seine normale Gehsichtsfarbe anzunehmen.

Günni grinste wieder. „Süß. Du bist noch unberührt, hm? Dann sorg mal dafür, dass das auch noch ’ne Weile so bleibt. Komm mit“, er nickte nur mit dem Kopf zur Tür, „ich bring dich zu Elias, nicht dass dich noch einer der Freier mit einem unserer Jungs verwechselt. Dann hast du es schneller hinter dir, als dir lieb ist.“

Zwar verstand Adalbert kein Wort, aber dass der Kerl ihn wohl jetzt zu Elias bringen würde, das hatte Adalbert dann gerade noch so rausgehört. Den Rest wollte er vergessen. Das hatte er nie gehört!

Aber er folgte Günni noch eine Etage höher. Nicht rechts, nicht links sah Adalbert, er lief einfach Günni hinterher und der klopfte ziemlich fix an eine Tür, riss sie auf und Adalbert wurde schon wieder knallrot!

Da war ein Kerl ans Bett gefesselt und ein schlanker Körper wand sich nackt auf dem gefesselten Leib.

„Hey, Maus, der kleine Süße hier sucht dich“, sagte Günni, von der Tatsache völlig unbeeindruckt, dass Elias gerade einen Kunden hatte. Doch als würde das nicht reichen, so rutschte auch die Maus von seinem Klienten, zog sich fix aber nachlässig ein Hemd über die Schultern und kam auf den Flur.

„Bin gleich wieder da“, erklärte er noch und schloss die Tür.

Adalbert sah den schmalen Blonden mit den frechen Augen an, zwang sich zwar immer wieder, Elias ins Gesicht zu sehen, doch der Ring in der Brustwarze und das nackte, entblöße Zwischenbein-Körperteil zogen seinen Blick geradezu magisch an.

„Was’ denn los, Kleiner, ich hab nicht viel Zeit. Wenn du dir meinen Schwanz angucken willst, warte, bis ich fertig bin, dann kommen wir ins Geschäft“, erklärte Elias, der es gar nicht schätzte, wenn er in seiner Arbeit unterbrochen wurde. Aber Adalbert war viel zu aufgeregt, um etwas sagen zu können. Er stand nur da, starrte Elias an und der lachte amüsiert. „Hast du noch nie einen gesehen?“, fragte er amüsiert und wackelte ein bisschen mit dem Becken, beobachtete dabei aber Adalbert und lachte, als dem Kleinen das Blut noch mehr in den Kopf schoss. Hoffentlich platzte der nicht. Die Sauerei wollte sich Elias gar nicht vorstellen. Er hatte keine Lust zu putzen, schließlich war er diese Woche nicht dran.

„Schwanz“, sagte Adalbert nach einiger Zeit und überlegte. Er wusste, dass Tiere Schwänze hatten, bei Menschen war ihm das ziemlich neu. Er begriff auch noch nicht, wozu ein Schwanz vorn nützlich war. Man konnte im schnellen Lauf bestimmt nicht damit das Gleichgewicht halten oder die Richtung steuern!

Elias sah sich den Jungen in seinem albernen Kostüm noch etwas eindringlicher an. Er war hübsch, der Kleine. So einer gehörte nicht hier hin. Was wollte er also hier und warum hatte er nach ihm gesucht? „Was willst du?!“, fragte Elias also noch einmal.

„Ein Engel werden und dazu muss ich dich glücklich machen. Also sag mir, was würde dich glücklich machen“, erklärte Adalbert, als er sich wieder gefasst hatte und Elias sah ihn fragend an.

„Du willst ein Engel werden? Muss ich das verstehen?“

Adalbert lächelte und das Gesicht strahlte. Elias konnte sich daran gar nicht satt sehen. So ein hübscher Junge. „Ich bin ein Weihnachtself und wenn ich ein Engel werden will, dann muss ich Menschen glücklich machen. Also sag mir, was würde dich glücklich machen“, fragte Adalbert noch einmal und der junge Stricher sah ihn eindringlich an. Schön, aber bescheuert! So wie die meisten, die hier landeten. Jeder hatte eine Psychose, eine Phobie oder einfach nur einen richtig beschissenen Start ins Leben hinter sich, ehe sie hier landeten. Da war der Kleine mit den Flügeln nicht der einzige.

„Schon klar“, lachte Elias verstehend. „Dann hätte ich gern ein Auto, ein Haus, jede Menge Geld und einen gut verdienenden Ehemann, der mit mir durch die Welt reist“, erklärte Elias und strich dem Kleinen durch die Haare. „Ich muss wieder.“ Denn schließlich wartete da drinnen noch sein Kunde. Weil er nicht an Engel glaubte, musste er selber für sein Geld sorgen.

„So was kann ich nicht, Elfen können nur Herzen glücklich machen, keine Brieftaschen.“

Elias, der die Klinke seines Zimmers schon in der Hand hatte, sah sich noch einmal zu dem Jungen um. „Herzen? Herzen können glücklich sein?“

„Ja, was würde dein Herz glücklich machen?“ Adalbert wollte noch nicht aufgeben! Er hatte Elias gefunden und fragen kostete nichts. Vielleicht nahm der Mensch ihn nicht ernst, aber Adalbert konnte es immerhin versuchen. Und so wie Elias ihn ansah, schien er ihm eine Chance geben zu wollen.

„Komm mal mit“, sagte Elias und ging, so wie er war, den Gang runter, bis zu einer verschlossenen Tür. Stimmen waren dahinter zu hören. Mit einem Finger lockte Elias den Elfen näher und der sah durchs Schlüsselloch.

„Siehst du ihn?“, flüsterte Elias nur und seine Augen bekamen einen verträumten Glanz. „Kyle McGear. Ein wunderschöner Mann. Ich glaube, wenn er eines Tages bemerken würde, dass es mich gibt, dann wäre ich schon ziemlich glücklich.“

Als Adalbert sich umwandte, um noch etwas zu sagen, war Elias verschwunden und die Tür zu seinem Zimmer geschlossen. Der Elf nickte nur. Das war es also, was Elias wollte. Er wollte nicht allein sein, er wollte beachtet werden, als Mensch. Elias brauchte was fürs Herz. Nun hatte Adalbert ein Ziel und das leise Piepen seiner Uhr zeigte ihm, dass es bereits sechs Uhr war und ihm langsam die Zeit davon lief.

Wie schon vorhin, um in das Haus hinein zu kommen, verwandelte sich Adalbert wieder, um zu lauschen. Er wollte diesen Kyle McGear etwas besser kennen lernen, er brauchte einen Ansatzpunkt, um ihm den kleinen Elias schmackhaft zu machen.

„... völlig unter Wert, Herr McGear. Auf dieser Basis können wir nicht zusammen kommen“, erklärte Rodriguez gerade, doch er hatte auch seine Gläubiger im Nacken. Zwar lief das Haus ziemlich gut, doch die Kredithaie, bei denen er das Haus damals beliehen hatte, wurden unruhig. Die Baupläne rutschten langsam aus den verschlossenen Schubladen und jeder wollte noch einen Teil des Kuchens für sich, ehe alles unter ging.

„Ich glaube nicht, dass sie in ihrer augenblicklichen Situation noch große Sprünge machen können. Vielleicht sollten sie zugreifen, so lange ich ihnen noch die Hand hinhalte, Herr Gonzalez, aber auch meine Geduld hat Grenzen. Ich bin bereit, mit dem Verkaufspreis noch um zehntausend rauf zu gehen, weil ich einen Käufer für das Haus gefunden habe. Allerdings müssten sie dafür sorgen, dass zum Kauftag die Bude leer ist und die Abbauarbeiten beginnen können. Der Klient lebt in Thailand und möchte sich dieses alte Haus dort Stein für Stein wieder aufbauen.“ Kyles Stimme war dunkel und angenehm, kein bisschen aufgeregt, denn er wusste genau, dass er am längeren Hebel saß. Er war der einzige, der mit Rodriguez verhandelte, denn alle anderen hatten sich von den Gläubigern abschrecken lassen. Keiner wollte sich Flöhe in den Pelz setzen oder irgendwann die Namen von Drogenbossen und Mafiakleinkriminellen in seiner Polizeiakte wieder finden.

Kyle war da anders. Er wusste, wie man sich das Gesindel vom Hals hielt und trotzdem seinen Weg machte.

„Das heißt auch, ich muss die Jungs auf die Straße jagen“, sagte der Besitzer und sah Kyle fassungslos an. Wie konnte jemand nur so kalt sein!

„Herr Gonzalez, ich bin Geschäftsmann und kein Samariter. Ich arbeite nicht für die Heilsarmee, meine Klienten bieten eine Menge Kohle und ich mache dafür die Geschäfte. Das ist mein Job, davon verstehe ich was. Alles andere interessiert mich nicht“, erklärte Kyle gelassen und nippte an dem Whisky in seiner Hand. Er hatte sich bequem auf dem Sessel zurückgelehnt und er strahlte die totale Entspannung aus.

Adalbert schwoll der Kamm, wenn er diesen Kerl nur sah. Was fand Elias an einem solchen Kotzbrocken? Bei dem hatte er es doch gar nicht gut! Der interessierte sich doch gar nicht für die Menschen um sich herum. Geld. Geld. Geld. Geld regierte diese Welt und Geld würde eines Tages ihr Untergang werden. Das sagte der Weihnachtsmann auch immer, wenn er die Wunschlisten der Kinder betrachtete.

Diesem Kerl musste doch ein Riegel vorgeschoben werden! Er konnte nicht zulassen, dass Elias sein Dach über dem Kopf verlor! Er sollte doch glücklich sein. Das konnte Adalbert unmöglich zulassen. Er musste sich etwas einfallen lassen. Dieses Haus durfte nicht an diesen skrupellosen Kerl verkauft werden.

Als auch noch der Vertrag auf den Tisch gelegt wurde, bekam die kleine Elfenfliege langsam aber sicher Panik. Was sollte er denn machen? Er musste mit anhören, wie sich die zwei über die Summe einigten, wie Kyle erklärte, er hätte den Vertrag prüfen lassen und alles wäre okay. Auch sein Auftraggeber hätte nichts gegen die Formulierungen einzuwenden.

Adalberts kleines Fliegenherz schlug immer schneller.

Panik!

Er musste etwas tun, schnell! Kyle durfte nicht unterschreiben! Dann war alles besiegelt und Elias heimatlos!

Denken - denken - denken!

Es blieb nur ein Ausweg, die Verkaufsware musste geändert werden. Er konzentrierte sich, denn der Spruch zum Ändern von Tatsachen war nicht leicht. Er musste sich den Vertrag genau vor Augen führen, also flog er tiefer, umschwirrte immer wieder das Papier, bis er die Stelle gefunden hatte. Hafenstraße 12, Grundstück und Haus.

Doch was sollte er dafür einsetzen?

Denk, doch Adalbert! Denk!

Doch alles, an was er denken konnte, war Elias und so tauchte der Name des Jungen in den Papieren auf, ohne dass Adalbert das beabsichtigt hatte. Er war einfach zu nervös gewesen, ihm wollte einfach nichts einfallen. Müde vom Denken und vom Fliegen setzte sich Fliege Adalbert auf das Papier und wurde mit einem Wisch von Kyles Hand beiseite geschoben, weil er seine Unterschrift unter den Vertrag setzen wollte.

„Das Geld werde ich heute noch zur Zahlung anweisen. In drei Tagen, wenn der Transfer vollzogen wurde, wird das Grundstück und das Haus rechtmäßig mir gehören.“ Kyle wirkte mit seinem selbstgefälligen Grinsen ziemlich zufrieden. Er hatte bekommen, was er wollte und ein weiterer Stein in seiner Karriere war gelegt.

Weil ihn die Fliege aufregte, die gerade um ihn herum summte, schlug er mit der Hand nach ihr und traf Adalbert unvermittelt. Der wurde in seiner Konzentration gestört, sein Zauber flog auf und so donnerte ein orientierungsloser Elf quer durch das Zimmer, mit dem Kopf gegen einen Schrank, ging daran geräuschvoll zu Boden und jammerte schmerzverzerrt auf. „Was soll das!“, rief er jammernd und kam langsam wieder zu sich, während Kyle das erste Mal in seinem Leben große Augen machte, denn was er eben gesehen hatte, das konnte er einfach nicht glauben.

Wo kam dieser Junge her? Er war sich sicher gewesen, dass sie hier allein gewesen waren! Und warum sah der Kleine so bescheuert aus? Wie eine Weihnachtselfe! So was Albernes!

„Was soll das!“, wollte auch Rodriguez wissen, der auf den verknoteten Elf sah, doch da flog schon die Tür auf, Elias sah sich kurz um, sah Kyle wütend vor seinem Stuhl stehen und den wimmernden Jungen auf dem Boden. Er zählte eins und eins zusammen, störte sich nicht daran, dass er noch immer nur im offenen Hemd herum lief, sondern scheuerte Kyle eine und kam dann zu Adalbert, der gerade versuchte, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Weil er auf dem Kopf gelandet war, hingen seine Beine an der Wand in der Luft und so wirklich kam er nicht selber wieder in die richtige Haltung.

Elias kniff die Augen zusammen, als er zu Kyle auf sah. „Wie kann man nur einen Jungen schlagen. Was sind sie denn für ein skrupelloses Arschloch!“ Dann kümmerte er sich wieder um Adalbert, der erst mal richtig gedreht wurde und dann den Kopf schüttelte, weil sich alles um ihn herum drehte, Farbschlieren sich zu bizarren Gebilden verformten.

Rodriguez schien immer noch zu versuchen, zu verstehen, was gerade passiert war und taumelte erst mal ins Bad. Er war nämlich versucht, das auf die Pillen zu schieben, die er gestern geschmissen hatte. Er brauchte kaltes Wasser - jetzt! Für den Vertrag war sowieso alles zu spät, der Verkauf war besiegelt. Das musste er erst einmal mit sich selber klar machen. Er kannte die Maus, der konnte das managen, auch wenn man es dem Kleinen nicht ansah. Der war nicht auf den Kopf gefallen.

Im Gegensatz zu Adalbert, denn der jammerte leise. „Hey Kleiner, alles okay. Ich werde nicht zulassen, dass dir noch mal einer hier weh tut.“ Sein wütender Blick lag auf Kyle und Adalbert hatte gerade das untrügliche Gefühl, versagt zu haben und zwar auf der ganzen Linie!

„Ich habe dieses Kind nicht angefasst, verdammt noch mal. Was bilden sie sich eigentlich ein, mich so anzugehen?“ Kyle lehnte mit der Hüfte lässig am Schreibtisch, eine Hand in der Hosentasche und sah auf die beiden Blonden auf dem Boden. Er konnte nicht vermeiden, dass der kleine, blanke Hintern, der unter dem offenen Hemd immer wieder hervor spitzte, sein Interesse erregte. Dabei waren kleine blonde, vorlaute Huren gar nicht sein Ding.

„Und der Kleine ist selber gegen die Wand gesprungen und auf dem Kopf gelandet oder was?“, zischte Elias nur und strich Adalbert vorsichtig über das Gesicht. „Mein Gott, nun holen sie schon kaltes Wasser oder wollen sie sich einfach so aus der Affäre ziehen?“

Kyle wusste selbst nicht, warum er sich auf diese Unterhaltung einließ und nicht einfach seine Tasche nahm und ging, schließlich hatte er doch, was er wollte. Doch etwas hielt ihn hier und das war sicher nicht der komische Junge, in dem noch komischeren Kostüm, der vor ein paar Minuten noch eine Fliege gewesen war. Zumindest hatte das den Anschein und Kyle beschloss, das keinem zu sagen, denn wenn er eines nicht war, dann wahnsinnig. Es gab sicher eine ganz logische Erklärung dafür, warum ein kleiner Junge in einem Elfenkostüm da landete, wo er eine Sekunde zuvor eine Fliege hingeschnipst hatte. Es gab eine logische Erklärung, da war er sich sicher, er hatte sie nur noch nicht gefunden.

Und dass der andere kleine, süße Hintern immer noch nackt war und man herrliche Einblicke dazwischen hatte, wo eine kleine, silberne Kette hervorblitzte, neugierig auf mehr machte, war hoffentlich auch nicht der Grund, warum Kyle sich nicht vom Fleck bewegte. Denn er stand nicht auf kleine, blonde, vorlaute Zicken! Schon gar nicht, wenn sie glaubten, ihm Befehle erteilen zu dürfen.

Weil Kyle gar nichts dergleichen tat und sich auch nicht um Adalbert sorgte, knurrte Elias nur. „Hey, Kleiner“, sagte er nur zu Adalbert, „war doch nur ein Scherz gewesen. Ich hätte nicht gedacht, dass du alles daran setzt. Tut mir leid“, flüsterte er leise und Adalbert sah ihn noch etwas verwirrt an. Sein Kopf hämmerte und er war sich sicher, dass der Schrank mindestens solche Kopfschmerzen haben musste wie er selber, alles andere wäre nämlich ziemlich gemein!

Aber wenn Adalbert eines heute gelernt hatte, dann: die Welt ist gemein! Wer was anderes erzählte, der log! Oder war ein Elf, der noch nie aus Elfstadt rausgekommen war! Denn die Welt war fies und gemein und hinterhältig und weh tat sie auch noch.

Kyle tat immer noch nichts dergleichen. Mittlerweile ungeniert betrachtete er sich den kleinen Hintern, die frechen Augen, wenn sie ihn mal anblitzten und der Blick ging Kyle durch und durch. Er lockerte ein wenig den Kragen, denn ihm wurde warm. Langsam zog sich die Zeit. Er hätte gehen können und seinen Abschluss begießen, sich in den Whirlpool legen und mit einer Flasche Champagner anstoßen, doch mit wem? Seine Wohnung war groß und edel, aber leer. Nicht dass Kyle das störte! Sein Leben war perfekt, so wie es war. Keiner nervte, keiner wollte was, keiner schränkte ihn ein.

Um nicht nur lüstern auf den kleinen Blonden zu starren und sich zu fragen, wie die silberne Kette wohl an der Wurzel festgemacht worden war, griff sich Kyle noch einmal den Vertrag. Er kannte ihn auswendig, er hatte ihn mit einem Notar aufsetzen lassen. Er war wasserdicht! Es gab kein Zurück, wenn erst mal die Unterschrift drunter war. Er grinste ziemlich zufrieden. Der kleine Kerl in seinem komischen Kostüm, der sich den Kopf hielt, interessierte ihn gar nicht, er hatte seinen Gewinn gemacht. Doch plötzlich riss Kyle die Augen auf. Entweder hatte er sich gerade verlesen oder er war gelinkt worden!

Er las noch einmal. Da, wo eben noch Hafenstraße 12 gestanden hatte, stand jetzt Elias Rasch! Wer oder was verdammt noch mal war Elias Rasch! Was hatte... wer... sein wütender Blick landete auf Adalbert. Dieser Kerl, der plötzlich aufgetaucht war, als eine Fliege verschwand! Der musste das gewesen sein. Der hatte ihn ablenken müssen, als Rodriguez die Verträge ausgetauscht hatte. Doch das hatte nicht sein können, Rodriguez hatte kein Exemplar des Vertrages hier gehabt. Alles andere stimmte ja haargenau überein. Nur der Verkaufsgegenstand, der stimmte nicht.

„Was soll die Scheiße!“, brüllte Kyle plötzlich wie von Sinnen und Adalbert hielt sich den Kopf. Dieser Krach tat seinem dröhnenden Kopf gar nicht gut. Er hatte sich an Elias geschmiegt, der ihm ein bisschen durch die Haare strich, so lange der kleine Elf versuchte, die Bilder vor seinen Kopf wieder in Farbe zu sehen. Dieser laute Kerl aber machte sein Unterfangen ziemlich schwierig.

Darauf konnte Kyle aber keine Rücksicht nehmen. Seine Stimme donnerte durch das Büro, seine Wut waberte geradezu durch den Raum, umgab ihn wie eine schwarze Aura. Glaubte diese kleine Ratte wirklich, er konnte ihn bescheißen?

Kaum war der Spanier wieder da und wirkte etwas frischer im Gesicht, bekam er schon den Vertag unter die Nase gehalten. Anfangs wusste der gar nicht, was los war, doch als er sah, was gerade für 60.000 Dollar den Besitzer gewechselt hatte, konnte er sich ein Grinsen doch nicht verkneifen. Was auch immer passiert war, wem auch immer er diesen Fehler von Kyle zu verdanken hatte, er würde ihm die Füße küssen.

„Wo ist der richtige Vertrag. Ich weiß doch, was ich habe aufsetzen lassen“, knurrte Kyle und langsam verlor er seine Fassung. Währenddessen hatte Elias den kleinen Elfen auf die Couch gehoben und hielt ihn fest, weil er immer noch etwas schwankte, beobachtete aber nun mit einem gewissen Grad an Amüsement den Makler, der wohl gerade kurz davor war, seine wohlgeformte Fassung zu verlieren. Na ja, gut sah er schon aus, aber ein Kind zu schlagen, das war nicht okay! Das konnte Elias ihm auch nicht durchgehen lassen. Kyle McGear war eben doch nur ein Arschloch, wie alle anderen auch. Teurer Anzug und eine dicke Brieftasche, dafür aber keinerlei Herz oder Benehmen. So was war nichts für Elias. Zum Angucken war der Kerl ja ganz schön, aber als Freier wollte er einen solchen Kerl dann doch lieber nicht.

„Sie haben gerade Elias gekauft“, erklärte Rodriguez und der Maus fiel langsam die Kinnlade. Er musste sich doch gerade verhört haben!

„Das sehe ich selber, ich will wissen, wo der richtige Vertrag ist. Ich lass mich doch nicht von Leuten wie euch über den Tisch ziehen!“ Kyle war aufgebracht. Seine Hand schlug auf den Tisch, vor dem er stand und der Vertrag flog wütend darauf. „Ich will jetzt den richtigen Vertrag!“

„Aber Herr McGear, das ist der Vertrag, den Sie mir auf den Tisch gelegt haben. Woher sollte ich einen Zweiten haben?“, verteidigte sich der Besitzer und sah auf den jungen Mann, der gerade blass auf der Couch saß. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Es war einfach ein Wink des Schicksals, dass er noch eine Chance bekam, seinen Laden zu behalten und sich selber um den Verkauf zu kümmern. Es blieb immer etwas oder jemand auf der Strecke.

„Was“, flüsterte Elias nur, doch keiner hörte ihn. Die beiden Männer stritten sich weiter, immer wieder musste Elias mit anhören, dass er ja wohl keine 60.000 Dollar wert wäre und dass dieser Kuhhandel so nicht vom Tisch gewischt werden konnte. Wut stieg in ihm auf. Er kam sich verschachert vor. Nicht nur, weil über seinen Wert verhandelt wurde, sondern weil überhaupt über ihn verhandelt wurde. Wie ein Stück Vieh.

Adalbert tat der junge Mann leid. Er begriff zwar selber noch nicht so richtig, was passiert war, aber ihm tat die Maus einfach leid! So was hatte niemand verdient.

„Pass auf dich auf, Kleiner“, sagte Elias nur mit einem schmerzlichen Lächeln, dann erhob er sich. Ein weiteres Mal landete seine Hand in Kyles Gesicht, doch dieses Mal kommentierte Elias seine Tat nicht, sondern ging ohne ein Wort aus dem Zimmer.

Adalbert saß nur auf seiner Couch, der Kopf dröhnte und gerade musste er mit ansehen, wie alles aus dem Ruder lief. So war das doch gar nicht geplant gewesen. Elias und dieser Makler sollten sich treffen und sich mögen, aber doch bitte nicht so! Böse Worte, Ohrfeigen, lauter Wut und Hass lag in diesem Raum, aber doch kein Glück. Der kleine Elf sank in sich zusammen. Er hatte versagt, auf der ganzen Linie! Die zwei Typen brüllten sich an, dass der Vertrag manipuliert worden wäre und Adalbert begriff langsam, dass sein Zauber wohl unkontrolliert doch gewirkt hatte. Er hatte anstelle des Hauses Elias an diesen skrupellosen Bastard verkauft! Das war nicht gut, das war so was von gar nicht gut.

Verdammt, warum half ihm denn keiner?

Elf in Not!

„Was machst du eigentlich noch hier? Hau endlich ab!“, rief ihm plötzlich Rodriguez zu. Der bekam wieder Oberwasser, denn noch war er sein Haus nicht los. Noch gehörte das alles hier ihm und er konnte bestimmen, wer hier was zu suchen hatte und vor allen Dingen: wer nicht. „Mach, dass du vom Acker kommst.“

Adalbert zog den Kopf zwischen die Schultern und erhob sich langsam. Er kam noch nicht wieder so schnell voran, wie er das gern gehabt hätte, denn seine Kopfschmerzen waren noch immer ziemlich heftig, doch Adalbert wollte noch nicht aufgeben. Dass bei den beiden Typen hier menschlich nichts zu holen war, hatte der kleine Elf schon begriffen, aber vielleicht gab es ja noch etwas, mit dem er Elias eine Freude machen konnte. Er hatte ja selber gesagt, dass es nur ein Scherz gewesen war, dass er diesen Kyle gern gehabt hätte. Aber wenn es nur ein Scherz gewesen war, warum hatten dann Elias' Augen so geleuchtet?

Nein, die Sonne war noch nicht mal aufgegangen, er hatte noch fast einen ganzen Tag. Wäre doch gelacht, wenn der kleine Elf da nicht doch noch an sein Ziel kommen würde!

Er war Adalbert!

Er war stur!

Noch etwas unschlüssig, weil er das Bild von Elias auf diesem festgeketteten Kerl nicht noch einmal sehen wollte, beschloss er, vor der Tür zu warten, bis Elias wieder mal raus kam. Dann konnten sie immer noch reden und Elias konnte sagen, was er sich wirklich wünschte. Mit seinem Vorsatz hockte sich der kleine Elf also auf der anderen Seite der Tür gegenüber an die Wand und wartete einfach, bis etwas passierte.

Nach einer ganzen Weile passierte auch etwas, doch nicht hinter der Tür, sondern davor. Ein wütender Kyle McGear fegte über den Gang und riss dann die Tür auf, vor der Adalbert darauf warten wollte, bis Elias heraus kam. Leider sah Adalbert aus seiner Perspektive schon wieder mehr, als er eigentlich hätte sehen wollen! Warum nahm denn hier keiner Rücksicht auf sein zartes Gemüt?

Knallrot hockte er auf dem Boden und versuchte, so wenig wie nur möglich davon mitzubekommen, wie Elias sich gerade auf dem Schoß des Mannes unter sich gebärdete und dass schon wieder gewisse Dinge in anderen Dingen drinnen steckten, die Adalbert gar nicht näher betiteln wollte. Es reichte ihm ja schon, dass er nun wusste, dass das Zwischenbein-Körperteil Schwanz hieß. Mehr wollte er gar nicht wissen!

Die aufgerissene Tür knallte gegen die Wand und Kyle ging, ohne ein Wort, auf das Bett zu. Er griff sich den kleinen Blonden im Genick, zog ihn von seinem Freier runter und stellte ihn neben sich auf den Teppich. Als der Kerl im Bett begriff, was passiert war, schoss dessen Kopf hoch und er brüllte Kyle an, was der Mist sollte und ob er noch alle Latten am Zaun hätte und ob ihm einer ins Hirn geschissen hätte.

Am liebsten hätte sich Adalbert bei so vielen unflätigen Flüchen die Ohren zugehalten, doch er war viel zu neugierig, was passierte.

„Schnauze. Der Kleine da gehört mir. Ich habe ihn gerade für 60.000 Dollar gekauft, also hör gefälligst auf, ihn dreckig zu machen! Und du zieh dich an und pack dein Zeug, ich will nach Hause!“

Elias sah den Mann fassungslos an und als Kyle aus dem Zimmer ging, folgte er ihm wütend. „Was bildest du dir ein, hm? Ich lass mich nicht kaufen. Von dir nicht und von... und von dir schon mal gar nicht, klar? Das ist Menschenhandel. Ich kann euch anzeigen!“

Doch Kyle interessierte das nicht wirklich. „Beeil dich, ich will heim!“, erklärte er nur dem tobenden jungen Mann und nahm seinen Koffer wieder auf, den er hatte fallen lassen, als er in das Zimmer gestürmt war.

„Ich komm nicht mit, ich bleibe hier!“ Elias verschränkte die Arme vor der Brust und sah Kyle wütend an.

Doch der sah nur über die Schulter zurück, grinste und zuckte die Schultern. „Du hast deine Chance gehabt“, erklärte er und griff sich mit der freien Hand Elias, warf sich den nackten Mann auf die Schulter und ging langsam mit ihm die Treppe runter.

Elias zeterte, kratzte, biss, schlug auf Kyle ein, doch der hatte auch seinen Stolz. Er hatte diesen Kerl für gutes Geld gekauft, jetzt wollte er sein Eigentum auch mitnehmen. Fassungslos war Adalbert hinterher gestolpert, doch er war nicht schnell genug. Kyle eilte mit der zeternden Maus auf seiner Schulter die Treppe runter und knurrte leise, vorbei am Türsteher und dann den Gehweg entlang, zu seinem großen, schwarzen Wagen. Mit etwas Schwung landete Elias in der Großraumlimousine und Kyle setzte sich neben ihn.

„Nach Hause“, forderte er von seinem Fahrer und ließ die Trennwand hochfahren. Ihm war egal, was sein Fahrer von ihm dachte, wichtiger war, dass der immer noch tobende Kerl endlich mal die Klappe hielt. Langsam ging ihm seine neueste Errungenschaft nämlich auf den Nerv. Also holte er sich einen Whisky aus der Minibar und sah seine unfreiwillige Begleitung auffordernd an, doch Elias dachte gar nicht daran, sich mit einem Schnaps ruhig stellen zu lassen. Er hockte nackt in einem fremden Auto und wurde gerade verschachert. Wenn er nicht allen Grund dazu hatte, sich aufzuregen, wer dann?

„Verdammte Scheiße. Lass die blöden Witze und bring mich wieder zurück!“, knurrte Elias und tobte noch immer auf dem Sitz. Dass er seinem neuen Besitzer damit ziemlich nette Einblicke gewährte, war ihm dabei herzlich egal. Auf allen Vieren hockte er auf der Sitzbank und sah Kyle eindringlich an. „Was hast du dir dabei gedacht? Ich bin kein Haustier oder so was, ich bin ein Mensch, auch wenn solche wie ich vielleicht unter deiner Würde sind!“ Elias war so sauer. Was war denn das für ein bekloppter Tag. Erst der kleine Kerl in seinem albernen Kostüm und dann wurde er verkauft und ohne ihn zu fragen, gleich mitgenommen. Er kam sich erniedrigt vor, gedemütigt. Vielleicht hatte er in seinem Job nicht mehr wirklich viel Würde, aber das letzte bisschen, was er noch hatte, hätte er sich gern bewahrt. Und nackt verkauft zu werden und dann entführt, gehörte nicht gerade dazu.

„Hör mal, was auch immer schief gelaufen ist, dein Toben macht es nicht besser.“ Kyle griff in eines der Fächer unter der Bar und reichte Elias ein weißes Hemd. „Zieh erst einmal was an.“ Wenn der Kerl weiter so auf und ab hopste und mit allem wackelte, was man so an sich herum wedeln lassen konnte, dann drückte er den kleinen Kerl gleich hier in die Polster und so viel Blöße wollte Kyle sich nicht geben.

Er hatte Elias schließlich nur mitgenommen, weil er ihn dummerweise gekauft hatte und er sein Eigentum gern bei sich haben wollte und aus keinem anderen Grund. Am wenigsten deswegen, weil der Kleine ein loses Mundwerk und einen durchaus leckeren Körper hatte.

Kyle seufzte. Er hatte sich wohl zu lange in diesem Laden aufgehalten, seine Hormone schäumten langsam über! Es war ja nicht so, als wäre dieser weibische Hungerharken da drüben sein Typ. Er war nur sein Besitz, mehr nicht.

Wütend warf Elias das Hemd auf den Boden und sah Kyle weiter aus blitzenden Augen an. „Ich will deine Almosen nicht, ich will meine Klamotten, ich will mein Zimmer und ich will zurück in meine Bude, also lass diese scheiß Karre wenden und bring mich nach Hause.“

Doch Kyle erklärte ihm nur, dass er kein Zuhause mehr hätte. Rodriguez hätte ihn verkauft und so lange, wie das geklärt würde, hatte Elias eben bei ihm zu sein. Dabei nippte er immer wieder an seinem Glas. Er freute sich wirklich schon auf seinen Pool und eine entspannende Zigarette, vorher wurde diese kleine, tobende Bestie aber noch weggesperrt.

„Zieh dir was an“, fügte Kyle nur an und brachte das Fass zum überlaufen. Elias schnellte vor und schlug Kyle wütend das Glas aus der Hand. Was bildete dieser Lackaffe sich ein! Womit er nicht gerechnet hatte war, dass Kyle, der die ganze Nacht wach gewesen war, um den Vertrag zu sichten und zu prüfen, auch langsam einen extrem dünnen Geduldsfaden hatte und der in dem Augenblick riss, wo der teure Whisky seine Hose tränkte. Er griff sich Elias und drückte ihn rücklings auf das breite Polster und brachte sich knurrend über den jungen Mann.

„Hör mal zu, Kleiner. Du nervst. Wenn du nicht willst, dass ich etwas Unüberlegtes tue, dann halt deine Klappe, zieh dir was an und versuch dich mal für ein paar Stunden wie ein zivilisierter Mensch zu benehmen und auf deine unflätige Gossensprache zu verzichten.“ Kyle knurrte leise, sein Gesicht kam Elias' immer näher. Warum er gerade den Drang unterdrücken musste, die bebenden Lippen zu küssen, wusste er selber nicht. Auch nicht, warum es ihm Spaß machte, sein Becken kurz über den Schritt reiben zu lassen, in dem er gerade lag.

Einmal drückte er Elias mit seinem ganzen Gewicht in das Polster, dann richtete sich Kyle wieder auf und sortierte sich die Klamotten. Als wäre nichts gewesen, hob er das Glas auf, stellte es zurück in die Bar und nahm sich ein Neues. Dabei sah ihm Elias nur wie gelähmt zu.

Er musste erst mal begreifen, was eben passiert war und vor allen Dingen musste er verinnerlichen, was für ein berauschendes Gefühl des Glücks für einen kurzen Augenblick durch ihn hindurch gerauscht war. Dieser Kerl hatte was!

Vielleicht sollte sich Elias ein bisschen weniger dagegen wehren, dass er nun zu Kyle gehörte. Dass der ihn weiter verkaufte, konnte sich Elias irgendwie nicht vorstellen und so lange er in der Nähe dieses Mannes sein konnte, solange konnte er auch versuchen, ihn für sich einnehmen zu können, denn lecker war der Bastard immer noch. Also gehorchte Elias vorerst, griff sich das Hemd und zog es sich über, aber sich dabei aufzusetzen vermied er. Warum auch? Mittlerweile war auch ihm nicht entgangen, dass Kyle durchaus gefiel, was er sah, dass er nur zu stolz war, sich zu nehmen, was er wollte. Also musste man da vielleicht noch etwas Schützenhilfe leisten und ihn so lange foltern, bis er seinen Stolz Stolz sein ließ und sich mit animalischer Gewalt holte, was ihm gehörte.

„Du hast mir gerade hundert Euro streitig gemacht, du Arsch“, knurrte Elias. Nur weil er beschlossen hatte, sich vorerst in sein Schicksal zu fügen, hieß das ja noch lange nicht, dass man sich gleich devot an den Herrn schmiegte. Ein Bein angewinkelt, eines auf dem Boden gestellt, sah er Kyle eindringlich an. Doch der starrte nur geradeaus auf ein Display, auf dem sich gerade Daten und Tabellen zu Diagrammen formten, sah wohl aus wie Börsenberichte.

„Solange du mir gehörst, solange wirst du dich nicht als Hure verdingen, damit das gleich mal klar ist. Insofern ist das egal“, sagte Kyle nur und starrte weiter auf die Zahlen. Nebenbei schien er noch ein paar Nachrichten auf seinem Handy abzuchecken und nickte.

„Aber wenn du mich dann wieder raus schmeißt, dann ist meine Karriere hinüber! Wenn sich das rum spricht, bekomm ich so schnell keinen Freier mehr. Manche von uns müssen für ihren Lebensunterhalt nämlich arbeiten! Und bekommen nicht alles in den Arsch geschoben.“ Elias klang immer noch ziemlich zickig, aber der Schneid war aus seiner Stimme gewichen. Er wollte provozieren, er wollte, dass Kyle noch einmal für einen kurzen Augenblick die Beherrschung verlor und sich auf ihn legte, ihn wieder dominant in das Polster drückte und dieses Mal wollte Elias seine Chance nutzen und ihn küssen, wenn der Feigling das nicht selber schaffte.

Amüsiert hob Kyle eine Braue und Elias schmolz innerlich dahin. Verdammt, der Kerl sah wirklich in jeder Lebenslage gut aus! „Wenn wir schon bei diesen Geschmacklosigkeiten sind, da bist es doch wohl eher du, der hier alles in den... aber lassen wir das. Glaubst du denn, ich arbeite nicht oder was. Also halt die Klappe und lass mich machen.“

„Pf“, machte Elias nur. Er hatte mittlerweile begriffen, dass Kyle sich keinen schwachen Moment mehr erlauben würde und kam langsam wieder zum Sitzen, kam dann wieder auf alle Viere und guckte nun Kyle nervig aufdringlich dabei zu, was immer er auch machte. „Arbeiten! Was ist so schwer daran, ein Haus zu kaufen und alle, die da drinnen wohnen, auf die Straße zu setzen!“

„Hör auf, altklug über Dinge zu reden, von denen du nichts verstehst“, sagte Kyle nur und schob sein Handy wieder in die Anzugtasche. Seine Hand legte sich auf die Armlehne und sein Blick wanderte wieder nach draußen.

Elias knurrte nur. Er mochte es gar nicht, zurechtgewiesen zu werden, aber ihm fiel auch nichts ein, was er entgegnen könnte, ohne sich selber wieder ein Armutszeugnis auszustellen. Bis jetzt hatte er sich leider noch nicht von seiner besten Seite gezeigt. Na ja, bis jetzt hatte er auch nur das Ziel gehabt, diesen Bastard wieder los zu werden, doch seine Strategie hatte sich ja geändert. Er würde Kyle gern ein bisschen beeindrucken und auf sich aufmerksam machen, anders als nur nackt und schlüpfrig und schlecht gelaunt.



Während Elias sich langsam in sein Schicksal fügte, irrte ein einsamer, kleiner Elf durch die Straßen und versuchte herauszufinden, wo die beiden eigentlich abgeblieben waren. Leider hatte er dem Makler nicht folgen können, weil seine rasenden Kopfschmerzen ihm ein schnelles Laufen geradezu unmöglich gemacht hatten. Also stand Adalbert jetzt auf der Straße vor dem Bordell und guckte sich etwas verloren um. Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen, so schwang sich der kleine Elf erst mal in die Lüfte, von oben sah ja bekanntlich immer alles besser aus. Doch hier war es auch nicht anders. Es war dunkel, ein paar spärliche Laternen erhellten die Straße, spiegelten sich auf dem noch nassen Asphalt. Aber Adalbert half das auch nicht weiter. Er hatte doch einen Auftrag zu erledigen!

Ziemlich unmotiviert flatterte er also über die Stadt und das Hafenviertel, doch diese Stadt war groß. Dieser Kerl hätte Elias überall mit hin schleppen können! Das war doch scheiße! Wofür hatte er denn dann diese Kopfschmerzen bekommen? Nicht nur, dass er sich selber außer Gefecht gesetzt hatte, das allein würde schon reichen, um zum Gespött der Elfheit zu werden, nein, er hatte auch noch locker flockig seinen Klienten verkauft!

Schlimmer konnte es doch eigentlich nicht mehr werden, oder?

„Schlimmer geht immer“, knurrte Adalbert nur, als der Regen wieder einsetzte und er spürte, wie seine Flügel getränkt wurden. Er hatte nicht schnell genug reagiert und sauste nun auf ein Flachdach zu, das direkt unter ihm immer näher kam. Näher und näher. Zwar wedelte Adalbert noch mit seinen nassen Flügeln, aber da war nicht mehr viel zu machen. Panik stieg in dem Elf auf und wenn Adalbert panisch war, konnte er nicht zaubern, deswegen hatte er auch seine Prüfungen so ziemlich versiebt.

Doch daran wollte er jetzt gar nicht denken, denn der Boden kam immer näher. Adalbert schlug verzweifelt mit den Flügeln, murmelte Sprüche, doch es brachte nichts. Er schloss also nur noch die Augen und hoffte, dass es nicht so wehtat, wenn man es nicht sah.

Es gab einen dumpfen Aufschlag, doch der Schmerz blieb aus. Immer noch mit geschlossenen Augen tastete Adalbert an sich herum. Jeder Knochen war noch da, wo er hin gehörte und weh tat auch nichts. Er hatte nur so ein leises, schmerzverzerrtes Stöhnen im Ohr und als er die Augen aufschlug, starrten ihn blaue Saphire an, verschmitzt lächelten sie unter einem blonden, nassen Pony hervor.

„Hey, Kleiner, wie brav war ich denn, dass so ein Engelchen auf mir nieder geht“, lachte der junge Mann und Adalbert wurde rot. Hastig eilte er sich, von dem Fremden zu steigen und saß nun im Schneidersitz neben ihm. Er war pitsch nass, da brachte es auch nichts mehr, sich noch was Trockenes zu suchen.

„Bin kein Engel“, knurrte Adalbert nur. Das war ja sein Problem. Wenn er früher seine Hausaufgaben gemacht hätte, würde er jetzt nicht hier hocken und alles daran setzen, noch ein Engel zu werden, solange es ging.

„Ich weiß, hast ja keine Federn, sondern Elfenflügel, kleines Elfchen“, lachte der Andere nur und setzte sich auch wieder auf. Adalbert starrte ihn regelrecht an.

„Du... du“, fing er an zu stottern, „du weißt, was ich... es gibt gar keine Elfen!“, lenkte er dann doch noch ein, als er seine erste Überraschung verdaut hatte.

„Schade, wenn es keine Elfen gibt, dann gibt es auch dich nicht, hm?“, sagte der Blonde und rutschte etwas dichter an den kleinen Elf ran. „Ich bin übrigens Jez“, und reichte dem kleinen, verstörten Elf die Hand. Der ergriff sie automatisch und sah Jez eindringlicher an. Warum hatte Adalbert nur plötzlich das Gefühl, ihn zu kennen? Er war diesem blonden, jungen Mann noch nie begegnet, das wusste Adalbert ganz genau und doch fühlte er sich irgendwie vertraut an.

„Adalbert“, stellte sich der Elf vor und schüttelte kurz die Hand, dann zog er sich wieder zurück. Dieses vertraute Gefühl machte ihm Angst.

„Schön dich kennen zu lernen, Adalbert“, sagte Jez und lächelte. „Wie wäre es, wir suchen jetzt mal mein Zimmer auf, wir legen dich trocken und du bekommst heißen Tee. Wie klingt das.“

„Gut“, murmelte Adalbert, doch dann zuckte sein Kopf hoch und er schüttelte den nassen Schopf. „Aber ich kann nicht, ich muss jemanden wieder finden, der… ich wollte doch...“ Adalbert stammelte wieder. Sein Vater würde sich wohl für ihn schämen, wenn er das wissen würde. Das war ja alles so peinlich! Da hatte Adalbert immer gedacht, er wäre ein tougher Elf, der mit beiden Spitzenschuhen fest im Leben stand und nun saß er nass geregnet auf einem Dach und hatte keinen Schimmer, wie er seinen Auftrag doch noch zu einem guten Ende bringen konnte, weil sein Klient weg war.

„Du hockst lieber hier draußen, als dich aufzuwärmen?“ Jez wirkte dabei ziemlich verwirrt, damit hatte er wohl nicht gerechnet.

„Ich hab noch zu tun“, erklärte Adalbert kleinlaut. Er fror wie ein Hund, die nassen Klamotten klebten an ihm und Jez sah ihn immer noch undeutbar an. Dann zog er seine Jacke aus, hängte sie Adalbert um die Schultern und erhob sich. „Kyle McGear wohnt in einer großen, weißen Villa am Wäldchen“, erklärte er und ging zum Rand des Daches, er lächelte Adalbert noch einmal zu und sprang. Dem Elf blieb fast das Herz stehen und auf allen Vieren hastete er zum Dach. Als er runter guckte, war Jez verschwunden und der Elf machte große Augen.

Wer auch immer dieser Kerl gewesen war, er wusste, wen Adalbert suchte und nun hatte der kleine Elf wieder ein Ziel. Er wollte warten, bis der Regen aufgehört hatte und kroch so lange in eine kleine Nische auf dem Dach. Windgeschützt war es hier, also zog sich der Elf die nassen Klamotten aus, zog die warme Jacke an und kuschelte sich rein. Sie war so vertraut, der Duft war so vertraut.

Adalbert schlief ein.



„So, da wären wir“, erklärte Kyle. Elias hatte die letzten Minuten Ruhe gegeben und Kyle hatte die Zeit genutzt, sich den Kleinen mal etwas eindringlicher zu betrachten. Er konnte nicht sagen, dass er besonders männlich gewesen wäre, schließlich war Elias nicht besonders groß. Er war zart gebaut und erinnerte auch in seinem zickigen Auftreten mehr an eine Frau, als an einen Mann. Auf seltsame Art vereinte er die Geschlechter und Kyle konnte nicht leugnen, dass vielleicht gerade darin der Reiz des jungen Mannes lag.

Elias sah ihn eindringlich an und grinste dann frech. „Na, Appetit bekommen?“, wollte er wissen und lupfte sein Hemd, doch Kyle wandte sich nur gelangweilt ab.

„Lass den Mist. Steig aus“, erklärte er und tat es selbst, griff sich dann seine Tasche und die Jacke und wartete, bis Elias auf allen Vieren vom Polster krabbelte. Auch wenn Kyle beschlossen hatte, sich von dieser halben Portion nicht aus der Fassung bringen zu lassen, so musste er zugeben, dass es schon zu lange her war, dass er sich mal so richtig ausgetobt hatte. Das Verlangen, sich in diesem Körper zu vergraben, wurde von Mal zu Mal größer und das war gar nicht gut. Er wollte den Kleinen nur so lange bei sich behalten, bis die Sache mit dem Vertrag geklärt war, dann konnte sich der Kerl wieder aus seinem Leben verziehen und ihre Wege würden sich trennen.

„Komm mit“, sagte Kyle nur, als er sich umwandte und seinen Weg hinauf zum Anwesen ging. Der Kies knirschte unter seinen Füßen und Elias hinter ihm zischte immer wieder leise. Er trug keine Schuhe, keine Socken und einige der Steine waren ziemlich spitz. Kyle sah sich langsam zu ihm um, weil er diese Geräusche nicht einordnen konnte und als er sah, wie der Kleine sich quälte, kam er zurück, nahm ihn auf die Arme und trug Elias zum Haus. Der murrte und knurrte, strampelte und zappelte, weil er sich gerade wieder ziemlich entwürdigt vorkam. „Ich kann alleine laufen“, sagte er schnippisch und Kyle rollte die Augen.

„Wie lange sollen wir denn dann auf dich warten?!“

„Na ich habe mir das nicht gerade ausgesucht, dass ich ohne Klamotten und Schuhe verschleppt werde“, setzte Elias entgegen und Kyle knurrte.

„Pass mal auf, Kleiner, du hast deine Chance gehabt und hast es für besser befunden, mit mir zu diskutieren. Da ich aber nicht mit mir diskutieren lasse, bist du da leider an den Falschen geraten und jetzt lebe damit.“

„Arsch“, konnte sich Elias nicht verkneifen. Diese besserwisserische Tour kotzte ihn ziemlich an.

„Zicke!“, setzte Kyle nur entgegen und dann herrschte Ruhe. Sie hatten wieder ihre Grenzen ausgetestet und gefestigt, nun holte wohl jeder von ihnen Luft für den nächsten Präventivschlag.

Im Haus angekommen, setzte Kyle Elias auf dem kalten Marmor ab und der Kleine quietschte unterdrückt, weil er sich erschrocken hatte. Es war ein Reflex, dass Kyle ihn wieder auf seine Arme hob und Elias grinste in sich hinein. Vielleicht war der Kerl ja doch nicht durch und durch schlecht und seine Menschenkenntnis hatte nicht ganz so sehr versagt, wie Elias bis eben noch geglaubt hatte. Vielleicht war Kyle nicht gerade ein Freund der Menschen, aber vielleicht ließ sich da ja noch was zurecht biegen. „Danke“, sagte Elias also, als er langsam durch den unteren Trakt getragen wurde. Zwar lag hier teilweise Teppich, aber Kyle trug ihn trotzdem. Also blieb Elias friedlich, das wollte er schließlich nicht aufs Spiel setzen. Es war schön, so wie es war und es war verlockend, sich zu erträumen, wie es wäre, diese Arme würden ihn immer halten.

So hatte Elias gar kein Auge für das Haus. Die untere Etage stand auch im harten Kontrast zur zweiten. Unten waren separate Räume, Zimmer, Flure. Die Wirtschaftsräume und die Zimmer der Bediensteten lagen hier genauso, wie die Gästezimmer und sein großes Büro. Sein privates Reich hatte sich Kyle in die zweite Etage bauen lassen, alle Wände entfernt, nur die tragenden Balken stehen lassen und restauriert. So war aus der gesamten Ebene ein Loft geworden, mit einer Glasfront, mit Blick auf den weiten Garten hinter dem Haus. Die Etage war nur über einen Fahrstuhl zu betreten oder über die Terrasse. Aber diese Tür war gesichert, ein einfaches Eindringen so gut wie unmöglich.

Als sie aus dem Fahrstuhl traten, wurde Elias schweigend auf den Boden gesetzt. Er zuckte zusammen, als er etwas unter seinen Füßen spürte, doch das Parkett war warm. Sicher lag eine Fußbodenheizung darunter. Der Kleine machte begeisterte Augen und sah sich neugierig überall um. Er erinnerte so nur noch mehr an eine Katze, die neugierig aber vorsichtig, ihr neues Territorium erkundete. Kyle grinste schief über diesen Vergleich, aber als der Kleine auf die Knie ging, um sich eine Vitrine von unten bis oben anzusehen, wandte Kyle sich ab. Wenn er diesen kleinen Hintern noch lange so entblößt sah, war es mit seiner Willensstärke vorbei.

„Ich geh in die Wanne und dann ins Bett, du kannst machen, was du willst. Wenn du Hunger hast, mit dem Telefon und der Taste Drei kannst du die Küche anrufen und etwas ordern. Sie liefern umgehend“, erklärte er noch im Gehen und löste sich die Krawatte, knöpfte das Hemd auf und ließ es fallen.

Verstohlen sah ihm Elias nach und seine Augen streichelten den breiten Rücken. Langsam schlich er hinterher. Sehnsucht lag in seinem Blick, er wollte wieder von Kyle gehalten werden. Er hatte sich lange nicht so gut gefühlt, wie in diesem Augenblick.

Als Kyle die einzige Tür in diesem riesigen Loft hinter sich schloss, blieb Elias allein zurück. Immer wieder ging er vor der Tür auf und ab. Zu gern wäre er hindurch gegangen, doch wie würde Kyle reagieren? Würde er ihn gleich wieder raus werfen? Im hohen Bogen, nackt auf die Straße? Elias schüttelte den Kopf. Was hatte Kyle gesagt? So lange sich dass mit dem Geld nicht geklärt hatte, blieb die Ware bei ihm. Er war eine Ware. Elias hatte dieser Umstand eigentlich nie gestört. Jeder hatte ihn kaufen können und Befriedigung bekommen, aber aus Kyles Mund schmerzten diese Worte, weil er Elias wirklich nur als eine Ware sah, nicht einmal für sein Geld eine Gegenleistung erwartete. Elias war nicht hier, weil Kyle ihn begehrte oder befriedigt werden wollte, sondern weil er schlicht und ergreifend das Falsche gekauft hatte. So wie eine Flasche Kirschsaft, wenn man so was doch gar nicht mochte.

Gekauft.

Wie ein Haustier.

Und plötzlich grinste Elias, denn er hatte die Idee. Er straffte sich noch einmal, dann öffnete er die Tür. Vor ihm breitete sich eine Badelandschaft aus blauem Marmor aus, in der hinteren Ecke, in einer Art verglastem Erker, war eine große Wanne eingelassen und Kyle lag entspannt darinnen, sah aber auf, als die Tür sich öffnete.

Elias' Herz fing an zu rasen. Hoffentlich ging er jetzt nicht zu weit! Er betete zu allen Göttern, die er kannte und zog sich das Hemd aus, krabbelte zu Kyle in die Wanne und rollte sich auf dessen breiter Brust zusammen.

Ziemlich irritiert sah der Makler auf die Maus und eine Braue hob sich, aber nicht amüsiert. Was dachte sich der Kerl? „Was soll das?“, wollte Kyle drohend wissen und Elias ging es durch und durch.

Doch er sah nicht auf, ließ sich seine Angst und Anspannung nicht anmerken und sagte: „Ich gehöre dir. Du hast mich gekauft wie ein Haustier, jetzt behandle mich auch wie ein Haustier und sei lieb zu mir.“

„Idiot.“, knurrte Kyle nur resigniert. Dem hatte er irgendwie nichts entgegenzusetzen. Dabei war es gar nicht seine Art, sich einfach so geschlagen zu geben. Vielleicht lag es daran, dass es angenehm war, das Gewicht des Mannes auf dem Bauch zu spüren, zu wissen, dass man nicht ganz alleine war, in dieser großen Wohnung.

„Los, kraul mich. Sonst schlag ich meine Krallen in deine Seiten“, kicherte Elias, doch er war noch immer angespannt. Seine Augen wurden immer größer, als sich nach einiger Zeit wirklich eine Hand in seine Haare schob und hindurch strich. Es hätte nur noch gefehlt, dass Elias sich die Barthaare leckte, denn schnuren tat er schon. Das Bild einer kleinen Katze wäre perfekt gewesen.

Seine Hände schoben sich zwar auf Kyles Seiten aber die Krallen blieben drinnen. Er streichelte nur ein bisschen darüber, ohne zu ahnen, was er in Kyle damit auslöste.

Der schwarzhaarige Mann schloss einfach die Augen. Er konnte nichts dagegen machen, dass er anfing, sich so extrem wohl zu fühlen. Wie lange hatte er auf menschliche Nähe verzichtet, weil sie ihn gestört hatte? Sie hatte nur wertvolle Zeit für das Geschäft verschlungen. Kurz nur ließ er den Gedanken zu, dass er zum ersten Mal in seinem Leben mit einem anderen Menschen in einer Badewanne saß. Er war ein Einzelkind und hatte von klein auf gelernt, dass Nähe und Wärme nur verweichlichte. All diese unterdrückten Gefühle schwemmten auf einmal aus ihm heraus. Er wollte mehr von diese Nähe, von dieser Wärme, von den sanften Berührungen auf seinem Körper. Was war das für ein Prickeln?

Elias schnurrte nur zufrieden. Die Hände in seinen Haaren und auf seinen Schultern taten gut. Sie waren nicht so fest und gierig wie sonst. Man konnte sich fast vormachen, sie wären zärtlich und liebevoll. Es war zu leicht und verlockend, sich darin zu verlieren. Elias seufzte leise und kroch an Kyle etwas höher. Sein Kopf legte sich auf die Schulter des Mannes und der strich ihm trotzdem noch weiter durch die Haare, doch dessen zweite Hand wanderte tiefer. Über den Rücken und die schmalen Seiten, bis auf die Hüfte, wo sie unschlüssig liegen blieb. Kurz holte Elias tief Luft, doch wenn Kyle ihn wollte, dann würde er sich nicht wehren. Und wenn er diesen Mann nur als Hure besitzen durfte, nur für ein paar Minuten, dann war ihm das auch recht. Er wollte Kyle - nur für sich.

„Schlaf mit mir“, forderte plötzlich Kyles raue Stimme und mit wild schlagendem Herzen blickte Elias auf. Er schluckte hart, denn ein Kloß formt sich in seinem Hals. Hatte Kyle seine Gedanken gelesen? Fragend sah er ihn an. „Ich bezahl dich auch, keine Sorge.“ Kyles Augen waren trüb und verhangen. Unter seiner Hand auf dessen Brust spürte Elias deutlich, dass der Mann schneller atmete und wohl sichtlich erregt war.

„Ich gehöre dir, also lass den Scheiß“, knurrte Elias nur. Irgendwie machte die Erwähnung von Geld gerade ziemlich die Stimmung kaputt, die der Kleine sich so hart erträumt hatte.

„Aber du hast doch selber gesagt, du musst an deine Geschäfte denken“, erklärte Kyle und seine Hände umfingen Elias fester. Hatte der Kleine schon immer so strahlende Augen gehabt? Diese weichen Züge, das sanfte Lächeln. Er musste ihn haben! Nicht nur auf dem Papier. Er musste diesen Mann haben! Nicht weil er ihn gekauft hatte, sondern weil Elias es so wollte!

„Du hast es nicht kapiert, oder?“, fragte Elias und drehte sich so lange auf Kyle, bis er gänzlich auf ihm lag und sanft sein Becken über das seines Besitzers streichen ließ, seine Hände aber liebkosten weiter die Seiten. Er konnte deutlich sehen, dass Kyle ihn etwas angepisst ansah, als sich wieder die Braue hob und sich kleine Falten auf der Stirn bildeten.

„Was denn nun schon wieder? Willst du mir sagen, ich wäre dumm?“, wollte Kyle wissen und Elias lächelte sanft. Er konnte Kyle schon ziemlich gut lesen.

„Nein, nicht dumm, Kyle, herzlos. Man kann einem auch anders gehören.“ Und er legte seine Lippen weich auf Kyles. Zaghaft versuchte er Kyle zu animieren, aber es dauerte noch ein paar Wimpernschläge, bis Kyle die Worte verstanden hatte und Elias fester gegen sich zog.

Nein, er würde Elias nicht wieder gehen lassen. Vielleicht war er ihm nur durch Zufall vor die Füße gefallen, aber Kyle war nicht dumm, er erkannte eine Chance, wenn er sie bekam.

Was sie nicht bemerkten, war die kleine Fliege, die hastig näher kam und sie neugierig beobachtete und als die beiden Gestalten zart zu leuchten anfingen, löste sich vor Überraschung Adalberts Zauber und ein Elf in einer braunen Lederjacke knallte auf den Boden des Bades.

Doch nicht einmal das konnte Kyle und Elias noch trennen. Ihre strahlenden Gestalten sandten ihr Licht aus und langsam formte es sich zu einem kleinen Stern, der blinkend über ihnen erstrahlte.

„Da iss' er!“ Adalbert konnte es kaum noch fassen. Er hatte verpennt. Er war durchgefroren und dreckig, aber wie es schien, war er gerade noch rechtzeitig gekommen. Sein Stern! Das war seiner! Er hatte ihn verdient! Aufgeregt hopste der kleine Elf in der viel zu großen Jacken immer wieder um die Wanne, bis Kyle ihn schließlich doch bemerkte und ihn ziemlich irritiert anstarrte. Der Stern hörte auf zu leuchten, als sich seine Lippen von Elias' trennten und sank langsam zu Boden.

„Meiner!“, sagte Adalbert und hob ihn auf. Er strahlte glücklich und wollte gehen.

„Hey, Kleiner. Erkläre dich!“, forderte er und strich Elias weiter über den feuchten Rücken.

Ertappt wandte Adalbert sich langsam um und nahm die nasse Mütze vom Kopf. Er hatte rote Schatten unter den Wangen und grinste schief.

„Ich hab doch gesagt, ich bin ein Elf und will ein Engel werden und muss dafür Sterne sammeln, die entstehen, wenn ich Menschen glücklich mache.“ Er breitete seine Flügel aus und hob ab. Kyle und Elias wischten sich gleichzeitig die Augen und glaubten, ihnen nicht trauen zu können.

„Viel Glück noch, euch beiden“, erklärte der Elf mit einem sanften Lächeln. Er aktivierte einen Knopf an seiner Uhr und gab dem Elf-Trans so das Signal, ihn zurückzuholen. In seiner Hand umklammerte er seinen ersten Stern und winkte den beiden, ehe er verschwand.

Ein Bad und dann ins Bett, jetzt kamen die Zwei sicherlich besser ohne ihn klar.