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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

02.12.2006



Tanz mit dem Teufel

Weil seine Mutter ihm gestern was zu essen dagelassen und der Rest der Familie Adalbert so gut es nur ging in Ruhe gelassen hatte, konnte der Elf schlafen wie ein Baby. Theoretisch. Praktisch hatte er den ganzen Abend und die ganze Nacht nur noch seinen ersten Stern in der Hand gehalten, ihn immer wieder angeguckt, die Hand zu gemacht, heimlich rein gesehen. Es war ihm auch nach drei Stunden nicht langweilig geworden, schließlich war das sein erster Stern gewesen!

Na ja, wäre er nicht so unaufmerksam gewesen, hätte dies schon sein Vierter sein können, doch nun wusste Adalbert, dass es auch aus dem größten Debakel einen Ausweg geben konnte und er war für den nächsten Tag und die nächste Aufgabe reichlich motiviert. Warum auch nicht.

Ab und an schwenkte seine Erinnerung zu dem blonden jungen Mann auf dem Dach, der irgendwie so gewirkt hätte, als hätte er mehr gewusst, als Adalbert ihm zugetraut hatte. Und dieses Geborgenheitsgefühl, das untrügliche Wissen, tief in seinem Inneren, dass dieser Mann ihm nicht unbekannt war. Wer war das nur gewesen? Jez. Er kannte keinen Jez. Er kannte nur einen kleinen Jezzy, doch der war ein Elf, wie Adalbert. Klein, niedlich und mit Flügeln und nicht groß und schön wie dieser Kerl.

Mit seinem Stern in der Hand und den Kopf voll Erinnerungen war Adalbert dann irgendwann doch noch eingeschlafen und hatte auch fest geschlafen. Das merkte er daran, dass die Hand vom Elf-o-phon ihm die Decke weg zerrte, weil er wohl sonst seinen Auftrag verschlafen hätte! Wie peinlich!

Ohne Decke, aber nun mit einer Kapsel in der Hand, stand Adalbert mehr in seinem Bett, als dass er saß und zog sich erst einmal wieder sein Nachthemd da hin, wo es hin gehörte! Über den kleinen, süßen, leicht frierenden Elfenpo! So! Nun war er wieder ordentlich angezogen und konnte sich der Öffentlichkeit präsentieren. Doch die Öffentlichkeit war wieder weg, nur die Decke, mitten im Zimmer auf dem Boden, erinnerte noch daran, dass Adalbert gerade grausam aus seinen Träumen von seinem ersten Stern gerissen worden war.

Und... wo war der überhaupt? Adalbert beschlich die Panik. Er hatte gestern zu viel durchgemacht, als dass er heute einfach so seinen ersten Stern verbummeln durfte! Er hatte zu viele Schmerzen dafür ertragen, war nass geworden, hatte sich fast noch erkältet und von den Ferkeleien, die er gesehen und auf die er gern, bis tendenziell sehr gern, verzichtet hätte, gar nicht zu sprechen. Das konnte doch gar keiner wieder gut machen. Er hatte den Stern viel zu teuer erkauft, um ihn verlieren zu können!

Hastig durchpflügte Adalbert sein Bett. Kissen flogen, Laken wurden geschüttelt, dann ging es unter dem Bett weiter! Doch auch da war nichts. Dann war die Decke dran, Adalbert schüttelte wie ein Irrer.

Nichts.

So, jetzt war die Zeit gekommen, wirklich Panik zu bekommen, sich so richtig gehen zu lassen und zu explodieren, weil er so ein schlampiger Elf war! Er hüpfte auf und ab vor Wut, als etwas aus seinem Nachthemd kullerte und leuchtend auf dem Boden lag.

Da kam dann auch Adalberts Blutdruck wieder auf den Boden und der Elf beschloss ganz spontan, seine Sterne - denn er ging davon aus, dass Kurt, wie er seinen ersten Stern getauft hatte, nicht der letzte gewesen war - in eine Schachtel zu legen und an einem Platz aufzubewahren, wo man sie immer gleich finden konnte. Eine ganz neue Erfahrung für Adalbert, der eigentlich die Hälfte seines Lebens mit Suchen verbracht hatte, weil er keine große Lust auf aufräumen hatte.

Etwas träge erinnerte er sich daran, dass er vielleicht noch andere Sorgen haben könnte, als einen Stern - zum Beispiel 19 noch nicht verdiente Sterne! Wie wäre es den mal damit? Also sprang der Elf fix unter die Dusche, wusch sich runter, zog sich an und beim Frühstücken las er seinen nächsten Auftrag.

Als er durch war, schüttelte Adalbert nur den Kopf. Einen Snob und eine Kirchenmaus zusammen zu bringen? Das konnte doch alles nicht wahr sein.

Einer hatte Geld wie Heu und ließ sich von seinem Fanblock huldigen und der andere musste für jeden Cent hart schuften und schaffte es trotzdem noch, in der Schule Bestnoten zu bringen.

Schule.

Adalbert murrte. Schule war ja so gar nicht sein Ding!

Schon gar nicht am Samstag!

Wie musste man seine Kinder hassen, wenn man sie zum Samstag in die Schule schickte?

Er mochte keine Schule und die Lehrer mochten ihn nicht. Adalbert stellte immer blöde Fragen und hielt den Unterricht auf, dabei empfand der kleine Elf die Frage nach der Menschenwelt und dem Weihnachtsmann gar nicht mal als so blöd, sondern durchaus für einen Weihnachtself fundamental. Hätte man nicht eine Stunde zuvor gepennt, wo genau dies erläutert worden war.

Nur peinlich berührt erinnerte sich Adalbert daran zurück.

Aber nun gut, er hatte einen Auftrag und mal wieder viel zu wenig Zeit, also eilte er zum Elf-Trans, gab die Koordinaten ein und als er wieder zu sich kam, saß er auf dem Fuß der Freiheitsstatue in Manhattan. Okay, heute also Amerika, warum auch nicht. Es war den Elfen eigen, jede Sprache zu sprechen und zu verstehen, daran musste es nicht scheitern. Und mit seinen schrägen Klamotten passte er so richtig in das Bild hier. Vorweihnachtliche Stimmung im Land der Superlative. Er fühlte sich wie zu Hause!

Apropos: zu Hause! Er musste sofort diesen Alexander finden! Er musste ihn fragen, was ihn glücklich machen könnte und dann handeln. Es war eine schwierige Aufgabe, aber noch lange nicht unmöglich, nicht nachdem Adalbert gestern so erfolgreich gewesen war. Na ja, nicht so wie geplant, schon gar nicht durch Menschenhandel. Ein Wunder, dass der hohe Elfenrat dazu nichts gesagt hatte. Entweder wussten sie es noch nicht oder ausnahmsweise heiligte der Zweck mal die Mittel.

Aber eigentlich war das auch egal, er suchte die Park Avenue 90. Dort sollte nämlich das Haus der Dukes of Rotherby stehen und genau dort hauste sein Klient. Alexander war der jüngste Spross und da seine Eltern viel zu tun hatten und viel unterwegs waren, und seine große Schwester ins Ausland geheiratet hatte und auch nur noch selten da war, wohnte Alexander mit seinem Stab von Personal alleine.

Eigentlich auch traurig, wenn man so ganz ohne Eltern aufwachsen musste, weil die entweder, wie Alexanders Vater, Cyril, als Extremsportler Berge und Wüsten bezwangen oder wie dessen Mutter, Lesley, Vorstand einer weltweit agierenden Baufirma war und deswegen die Welt bereiste. Wie man es auch drehen wollte: Alexander, den seine Freunde seit ihrem Kleinkindalter nur Alec nannten, war allein und das war irgendwie traurig. Bei Adalbert war das was anderes, er wusste genau: Einmal am Tag rief seine Mutter mindestens an. Sie ließ ihn nicht einfach alleine, auch wenn das dem kleinen Elf mal ganz lieb wäre, der gerade den Faden verloren hatte.

Seufzend griff er sich also den Zettel mit der Adresse und fragte sich einmal höflich durch. Er geriet an ein paar Frühaufsteher-Touristen, die ihm auf der Karte zeigten wo er hin musste und weil Adalbert keine Zeit verlieren wollte, nickte er nur, bedankte sich brav und erhob sich unauffällig in die Lüfte. So war er schneller als mit dem Bus oder gar zu Fuß.

Doch er war nicht schnell genug, denn als der kleine Elf gerade am schmiedeeisernen Gitter angekommen war und etwas verschnaufte, weil auch er Grenzen hatte und langes Fliegen ihn ermüdete, rauschte gerade die schwarze Limousine ab, in der Alexander William, Duke of Rotherby, jeden Morgen zur Rotherby-School gefahren wurde. Die Namensgleichheit kam weder von ungefähr noch war sie zufällig. Der Rotherby-Familie gehörte diese Schule, was dann allerdings auch erklärte, warum sich der jüngste Spross dort aufführen konnte wie ein kleiner König in seinem Reich - keiner würde es je wagen, sich ihm in den Weg zu stellen oder ihm gar zu widersprechen.

Wenn man an seinem Leben und seinem Abschluss hing, dann versuchte man entweder nicht aufzufallen und nicht der Zielpunkt von Alecs schlechter Laune zu werden oder man stellte sich gut mit ihm und genoss jedes Privileg, das man sich nur vorstellen konnte.

Adalbert seufzte, holte noch einmal Luft und warf einen letzten Blick auf das riesige Anwesen, in dessen parkähnlicher Anlage ein großes, stattliches Herrenhaus stand. Sich vorzustellen, dass man dort ganz allein wohnte? Er schüttelte nur den Kopf und erhob sich wieder. Er musste ja Alec, egal wie verwöhnt der Kerl war, ein wenig Glück schenken. Etwas, was man mit Geld nicht kaufen konnte, auch wenn der Kerl vielleicht noch gar nicht wusste, dass es so was auf dieser Welt gab.

Adalbert suchte also die Schule und dann konnte sein Tagwerk beginnen. Erst einmal wollte er seinen Klienten wieder etwas beobachten und wollte von Glück reden, dass er heute mal in einer Schule gelandet war und nicht wieder in einem Bordell. Zumindest seine Scham dürfte heute unbehelligt bleiben.

Er machte sich unsichtbar, lief durch die Schule, bis er den Klassenraum gefunden hatte, in dem Alec gerade Mathematik beigebracht wurde. Er war ein guter Schüler, in den meisten Fächern der Beste, denn er hatte die Begabung dafür. Vielleicht auch, weil keiner es wagte, den Jungen übertrumpfen zu wollen, um nicht dessen Rache auf sich zu ziehen. Wer wusste das schon so genau?

Nur in einem Heft entdeckte Adalbert noch die richtige Lösung, ein ziemlich komischer Haufen. Entweder stellte sich der Rest so dumm oder sie hatten es wirklich nicht begriffen. Adalbert aber war das sowieso egal, seine Aufgabe war nicht die Vermittlung von Wissen, sondern seinen Klienten glücklich zu machen und deswegen beobachtet er Alec erst mal eine Weile.

Der schwarzhaarige Junge saß in der letzten Reihe am Fenster, so hatte er immer den optimalen Blick auf den Hof, in die Klasse, nichts konnte ihm entgehen. Der Stoff an der Tafel riss ihn nicht wirklich vom Hocker und so wanderte sein Blick, wie jeden Tag, durch die Klasse, über die Mädels, die sich ihm immer nur kichernd näherten, über die Kerle, die meistens gebührenden Abstand zu ihm hielten - und über Jack, der sich von Alec überhaupt nicht tangieren ließ, sondern wirklich nur sein Ding machte.

Er kam morgens mit dem Pausenklingeln in die Klasse, saß seine Stunden ab, schrieb seine Bestnoten und ansonsten wusste man über den blonden Kerl in der mittleren Reihe gar nichts, was Alec ziemlich auf den Nerv ging, weil es einfach nicht angehen konnte, dass es etwas oder gar jemanden gab, der sich seinem Wissen und seiner Kenntnis entzog. So hatten sie ja eigentlich nicht gewettet.

Zwar hatte Alecs Name ihm im Sekretariat die Akten geöffnet und er wusste nun, dass der Kerl vor vier Monaten aus Iowa hergezogen war, um an dieser Schule mit gutem Ruf seinen Abschluss zu machen, dass die Mutter verstorben war, der Vater unbekannt und die Großmutter noch mit seinem kleinen Bruder in dem kleinen Nest lebte, aber das war auch schon alles. Kein Firmenname, keine Marketingkette, gar nichts stand hinter dem Namen Webber. Er war einfach nur Jacob Webber aus Iowa, der es nicht für nötig befand, Alec seinen Respekt zu zollen. Jack nannte ihn eigentlich jeder, weil Jacob wohl zu lang war und er selbst wehrte sich nicht dagegen.

Was man noch über ihn hatte in Erfahrung bringen können war ein Japan-Spleen, er lernte die Sprache, er sammelte Comics im Original und er beherrschte zwei Kampfsportarten bis zum schwarzen Gürtel, weswegen es Alec bis heute noch vermieden hatte, Jack die Stirn zu bieten. Er selbst war nicht der Kleinste, nicht der Schwächste und er konnte sich verteidigen, wenn es denn sein musste, doch er ging ungern in einen Kampf, wenn er nicht von vorn herein wusste, dass er gewinnen konnte. Dieser Bastard war unberechenbar und als würde das nicht reichen, war er auch noch schlau.

Unaufdringlich intelligent, makellos schön, was ihm schon ab und an einen Blick einbrachte, doch wenn man wusste, dass dahinter kein Geld zu holen war, ebbte das Interesse an Jacks Person ziemlich schnell wieder ab. Es war ja nicht so, als würde Jack auf die Gesellschaft dieser Jugendlichen hier großen Wert legen. Er beteiligte sich an keiner außerschulischen Aktivität, er kam mit dem Klingeln, er ging mit dem Klingeln und er war auf seine Art so unauffällig, dass man ihn schnell aus den Augen verlieren konnte. Dabei war der Kerl groß und kräftig, aber er verstand es, einfach unterzutauchen, nicht aufzufallen und Alecs Interesse so wieder durch die Finger zu schlüpfen.

Zum Kotzen war das!

Das Schlimmste an dem Bastard: er ließ sich nicht provozieren! Egal wie man ihn betitelte, wie man ihn durch den Kakao zog, er blitzte einen mit seinen schwarzen Augen an und wandte sich ab, in einer Art, die jedem durch und durch ging, weil so viel unausgesprochene Verachtung darin lag.

„So, hier noch eine Denkaufgabe für die Pause, wenn ihr Lust habt", sagte die junge Frau an der Tafel und schieb etwas an:

f (x) = 1/ (x-1)

Alec las sich die Gleichung durch.

„Nach der Pause werden wir uns mit Umkehrfunktionen beschäftigen, vielleicht hat der eine oder andere schon eine Idee, wie man so was bestimmen kann." Wie auf Signal schellte die Schulglocke und das Interesse an dieser Gleichung ging im Pausengewühl unter, denn alles strömte auf den Flur, so wie jeden Morgen.

Unsichtbar folgte Adalbert. Er war ja so stolz, dass er diesen Zauber endlich beherrschte! Er hätte ihm gestern eine Menge Ärger weniger gebracht. Er folgte nun einfach Alec, der sich mit seinen Freunden traf und sich dann, wie üblich, in der Cafeteria der Schule einen Kaffee und eine Zigarette gönnte. Ein Privileg, das sich wirklich nur Alexander, Richard und Peter herausnahmen, weil es eigentlich gegen die Schulstatuten verstieß. Doch sie waren da nicht so kleinlich.

„Der Bastard kotzt mich langsam richtig an!", knurrte Alec und warf das Feuerzeug auf den Tisch. Er nahm einen tiefen Zug, um wieder zur Ruhe zu kommen. „Der hockt da und macht einen auf unschuldig, als wäre er was Besseres. Diese verlauste Kirchenmaus."

„Ja, keine Kohle, keine Familie, kein Name. Was will dieser Kerl hier? Ich dachte, das wäre eine Schule für die Elite. Was macht dann so einer hier?", hielt Richard dagegen. Er war da mit Alec einer Meinung und das lag wohl nicht nur daran, dass seine Freundin Sue den Blonden durchaus attraktiv fand, so groß und kräftig und gut gepflegt. Richard hatte einen ziemlichen Hass auf den Neuen.

Peter aber grinste. „Wie wäre es, wir führen ihn mal wieder so richtig vor? Nicht hier in der Schule, wo er abhauen kann. Ich habe den Tipp bekommen, dass der Kerl für eine Job-Agentur arbeitet, die so Aushilfen vermittelt. Wie wäre es, wir lassen uns den Kerl mal ins Haus kommen und fühlen ihm etwas auf den Zahn?"

„Was soll die Scheiße, ich habe genügend ausgebildetes Personal! Was soll ich da mit so einem?", knurrte Alec nur, ihm ging der Bastard einfach nicht aus dem Kopf. Was bildete sich der Typ ein, sich einfach nicht unterzuordnen? Hatte der die Regeln noch nicht begriffen oder wo lag das Problem?

„Du hast es noch nicht begriffen, oder?", lachte Peter nur und wich dem Schlag aus, der sonst sein Nasenbein in Einzelteile zerlegt hätte. So war Alec eben - aufbrausend und temperamentvoll. Was er nicht mit Worten klären konnte, das konnten seine Fäuste auf jeden Fall!

„Noch so ein Spruch und deine Lippe hängt!", knurrte der Schwarzhaarige und lehnte sich mit seiner Tasse Kaffee zurück. Ein kurzer Blick in die Runde und er wusste, dass mal wieder alle Blicke auf ihnen lagen. Die Mädels himmelten ihn an, genauso wie Richard und Peter und die Kerle waren froh, wenn sie heute mal nicht der Blitzableiter für Alexanders schlechte Laune waren.

„Hey, du bezahlst ihn - er muss tun, was immer du von ihm verlangst", erklärte Peter seinen Gedankengang und Alec grinste ziemlich zufrieden! Hey, so hatte er die Sache noch gar nicht gesehen. Das konnte durchaus spaßig werden und richtig viel Amüsement bedeuten! Warum also nicht?

„Wie wäre es mit einer Cocktail-Party oder so was?", schlug Richard vor.

„Nein, eine Weihnachtsfeier, ich will den Kerl in einem Elfen- oder einem Engelskostüm sehen!" Wenn Alec schon Geld ausgab, dann richtig. Es sollte sich auch lohnen! Vor allen dingen sollte es sich für ihn lohnen!

„Ja, Jack, the X-mas-Gag!", lachte Peter und wäre Adalbert in dem Augenblick in der Cafeteria gewesen, wie er beabsichtig hatte, so wäre er sicher dazwischen gegangen und hätte mal was gesagt. Doch er war nur fasziniert davon, wie schnell Jack, weil der Unterrichtsraum gerade leer war, die Umkehrfunktion bestimmt hatte und dann mit einem Buch auf den Hof ging, als wäre nichts gewesen.

Der Kerl war ja so cool! Der war doch viel zu schade, für eine Protz-Birne wie diesen Duke! Konnte er nicht lieber mal mit dem hohen Rat der Elfen reden und fragen, ob er nicht Jack mal glücklich machen durfte? Denn dieser Alec war einfach nichts für ihn. Das spürte Adalbert einfach! Das konnte nichts werden!

Er kam selber noch fast ins Schwärmen und zuckte zusammen, als eine Ladung Dreck Jack im Rücken traf und drei Kerle lachend davon liefen. Adalbert wurde nicht wieder, doch den Blonden schien das völlig kalt zu lassen, so als wäre das gar nichts Neues mehr! Was war denn das für ein Sauladen?

Noch eine Ladung Dreck kam geflogen, Jack ließ es geschehen. Einmal nur hatte er sich dagegen gewehrt und war so verprügelt worden - von sieben Kerlen mit Knüppeln gleichzeitig, weil die Bastarde wussten, dass sie allein gegen ihn keine Chance hatten - dass er schnell begriffen hatte, wie es lief. Er wusste auch genau, wer dahinter steckte, auch wenn er noch nicht begriffen hatte, warum dieser komische Duke ihn immer wieder provozieren wollte.

Es machte keinen Sinn, aber wenn Jack ehrlich war: der ganze Kerl machte keinen Sinn!

Schon allein diese komischen Haare, nichts Halbes und nichts Ganzes hingen sie fransig in das freche Gesicht. Dann diese Klamotten. Man mochte meinen, ein Kerl mit so viel Geld könnte sich, wenn schon keinen guten Geschmack, dann vielleicht einen Stilberater leisten, aber nein, er kombinierte wild, was er fand und die rossigen Stuten aus ihrem Jahrgang sprangen trotzdem drauf an.

War das alles einen guten Abschluss wert? Als Jack vor ein paar Monaten das Stipendium bekommen hatte und seine Familie verlassen musste, hatte er sich diese Frage gestellt. Nun stellte er sie sich wieder.

War es das wert?

Doch alles was Geld brachte, war es wert, denn Dorian, sein herzkranker, kleiner Bruder, brauchte irgendwann in nicht mehr ferner Zukunft eine OP und die war nicht billig. Deswegen und nur deswegen, ließ er sich demütigen und steckte es weg, denn das Geld wog mehr als der Stolz. Sein Stolz konnte Dorian nicht heilen, Geld schon.

Adalbert schnaubte und wurde sichtbar, als die Idioten weg waren, sicher um Alec bericht zu erstatten. Was für ein Arschloch! Nein, dieses Mal mochte Adalbert seinen Klienten gar nicht und er war versucht, den möglichen Stern zu riskieren und lieber Jack weit weg von diesem Kerl zu wissen! So setzte er sich neben Jack und betrachtete ihn. Als der Blonde aufblickte, grinste er. „Was bist du denn für einer?"

„Ein Weihnachtself, der dich glücklich machen möchte", sagte Adalbert. Zwar hatte er gestern schon lernen müssen, dass ihm keiner Glauben schenkte, aber deswegen zu lügen war nicht sein Stil.

„Na, du bist ja ein Süßer. In welche Klasse gehst du denn, Kleiner." Jack machte das Buch zu und setzte sich so, dass er Adalbert bequem ansehen konnte. Sie kamen ein bisschen ins Gespräch und unterschwellig bemerkte der Elf, dass wohl, wie gestern auch, Geld das Wichtigste war, wenn er überleben wollte.

So wie Elias auf das Geld angewiesen war und seinen Stolz vergessen musste, so war es auch mit Jack. Er verkaufte zwar nicht seinen Körper, aber seine Würde. In gewisser Weise verkaufte er sich selbst und Adalbert konnte die Augen davor nicht mehr verschließen. Er musste begreifen, dass Geld das einzige war, was Menschen noch unterschied und womit sie erpressbar waren, womit man sie brechen und sich zueigen machen konnte.

Das war nicht gut. Was war nur aus dieser Welt geworden? Warum hatten die Guten nichts und die Bösen alles? Warum war das so?

„War voll cool, wie du die Gleichung gemacht hast", sagte Adalbert leise. Er selber war keine große Leuchte in Mathe. Er konnte zählen und ein bisschen rechen, dann hörte es aber auch schon auf.

Jack sah ihn an, wirkte etwas panisch. „Sag ja nicht, dass ich das war. Das gibt nur wieder böses Blut und es fliegt noch mehr Dreck", sagte er und Adalbert zuckte zusammen. Die Zustände an dieser Schule kotzten ihn langsam wirklich an. Da konnte selbst einem gut gelaunten Sonnenscheinchen wie Adalbert langsam aber sicher die Zipfelmütze hoch gehen!

„Keine Sorge, ich sag nichts", erklärte er nur und erhob sich. Dafür würde er in der nächsten Pause diesem Alec mal auf den Zahn fühlen. Was bildete dieser Kerl sich ein? Nur weil er Geld hatte und ihm die Schule gehörte? Konnte der sich nicht durch andere Taten hervortun, als nur durch Demütigung seiner Leibeigenen?

Der König in seinem kleinen Reich jedenfalls ließ sich erst einmal von seinem Hofstaat wieder zurück zu seinem Raum komplimentieren und seltsamerweise wurden ihm die Lobhuldigungen und auch die katzbucklige Art seiner Mitschüler noch lange nicht langweilig. Adalbert beobachtete ihn nur von weitem.

Unter großem Hallo und Lob ließ er sich in der Klasse willkommen heißen. Zwar hatte Alec keinen Schimmer, was das zu bedeuten hatte, doch sich feiern zu lassen - da sagte er nicht nein. „Hey, bist der Beste. Wozu Lehrer, du kannst uns das auch beibringen", sagte einer seiner Mitschüler und Alec horchte auf.

„Hä?", machte er und sah aus einem Reflex heraus zur Tafel.

Da stand die Lösung:

f (y) = (1/y) + 1

Zumindest glaubte jemand, dass dies die Lösung sein könnte und er konnte sich nur einen vorstellen, der seinen hellen Spaß daran hatte, ihn so auflaufen zu lassen. Dieser miese Bastard! Alec kochte, sein Gesicht wurde rot und man sah ihm deutlich an, dass er gerade einen Sandsack suchte, also machte man lieber einen großen Bogen um ihn. Nichts ahnend kam Jack zur Tür rein, achtete nicht weiter auf das Tohuwabohu, sondern wollte sich setzen, doch da wurde er an der Schulter gepackt und gegen die Wand geschleudert, dann hatte er Alecs Gesicht direkt vor seinem.

„Wenn du glaubst, mich vorführen zu können, dann lebe mit der Konsequenz. Du hast mir gerade den Krieg erklärt, du Straßenratte, und ich werde dafür sorgen, dass am Ende des Jahres nur noch einer von uns beiden auf dieser Schule sein wird", zischte er und ging weiter zur Tür raus. Sein Plan war gefasst: Heute Abend um sieben wollte er diesen Bastard in einem knappen Engelskostüm auf seiner Türschwelle finden. Also bekam sein Sekretär die Aufgabe, die Agentur zu finden und den Kerl zu buchen!

Der wollte Krieg?

Der konnte Krieg haben - alles gar kein Problem!

Da war Alec ja großzügig. Wer immer mit ihm raufen wollte, er wurde nicht enttäuscht. Alec war kein Feigling, er ging keiner Rauferei aus dem Weg. Warum auch, waren sie doch ein wenig Abwechslung in seinem tristen Alltag, der abends meistens nur aus Banketten und sonstigen öden Veranstaltungen bestand, bei denen er seine Eltern vertreten musste, sich anhören, wie wohl geraten er doch war und eigentlich sahen ihn die Hälfte der Anwesenden als Schwiegersohn, der Geld mit brachte und die andere Hälfte als kapitalen Informationsbringer seiner Mutter.

Doch Alec war nicht auf den Kopf gefallen. Er wusste, wann er reden konnte und wann es besser war, die Klappe zu halten. Er konnte sich unterordnen, wenn er nur wollte, doch hier musste er das nicht - das war sein Reich und jeder, der wildern wollte, wurde verbissen. Das würde dieser blonde Bastard noch begreifen. Schmerzlich, denn im Guten schien der es nicht zu raffen.

Mit einem kalten Lächeln auf Jack kam Alec zurück in die Klasse, Adalbert, der sich sicherheitshalber wieder unsichtbar gemacht hatte, lief es kalt den Rücken runter. Was für ein Arsch!

Auch Jack ahnte, dass dies der Anfang vom Ende war, doch er sagte nichts. Nur eine kleine Massage auf seinem Pager sagte ihm, dass er für heute Abend einen Job hatte und sich in der Agentur Kostüm und Instruktionen abholen sollte.

Wenigstens was. So konnte er diesen Idioten etwas vergessen und sein Konto aufstocken, damit Dorian bald operiert werden konnte.



Lange Zeit hatte Adalbert überlegt, wem er nun folgen sollte. Ob Jack, den er mochte, oder Alec, der ihm gerade so richtig gegen den gewachsenen Strich ging, aber sein Klient war und somit derjenige, der ihm den Stern verpassen konnte. Schweren Herzens hatte sich der kleine Elf also dafür entschieden, Alec zu folgen und ihm ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, wenn er nicht von einer Bande hirnloser Deppen umgeben war, vor denen sich Alec in Szene setzen konnte. Adalbert wollte noch nicht glauben, dass dieser Kerl durch und durch schlecht war. Irgendetwas Gutes musste auch in ihm schlummern, wenn sogar in dem Makler von gestern irgendwo noch ein gutes Herz verborgen war. Alec war noch jung, aus dem konnte doch noch was werden.

Also trottete Adalbert am Schulschluss einfach mal los, flatterte zurück zum Grundstück, an dessen Tor er heute Morgen schon einmal gestanden hatte. Nur ließ er es sich jetzt nicht nehmen, einzutreten. Unsichtbar, versteht sich, denn wenn Alec wider Erwarten doch ein durch und durch schlechter Kerl war und kleine Elfen von großen Hunden aus dem Garten hetzen ließ, wollte Adalbert das lieber nicht provozieren.

Außerdem war er stolz wie eine Tüte junger Mücken, weil er endlich den Unsichtbarkeitszauber beherrschte und musste den nun zu jeder sich bietenden Gelegenheit anbringen, üben und verbessern. Schade, dass seine Lehrerin ihn jetzt nicht sehen konnte, wie er unsichtbar durch den Garten ging und zum Fenster hoch flatterte, wo eine Balkontür offen stand und Alec mit seinen Freunden herum saß und sich einen Kaffee und eine Zigarette gönnte. Von was lebten diese Kinder denn? In drei Jahren hatten die ihren ersten Herzinfarkt!

Adalbert aber blieb erst mal in seiner Tarnung, setzte sich nur aufs Geländer und lauschte ein bisschen. Alec hetzte schon wieder gegen Jack, dabei hatte er doch gar nichts getan, außer eine Aufgabe zu lösen! „Arschloch", murmelte der Elf leise und schlug sich auf den Mund, weil Alec ihn wohl gehört hatte.

„Was war das eben?", knurrte der Richard an, hinter dem Adalbert ja saß und der blickte irritiert auf. „Nichts, ich habe gerade getrunken und wenn ich nicht über Nacht..."

„Schon gut", knurrte Alec nur und sah sich noch einmal um. Irgendjemand war gerade ziemlich unverschämt gewesen und wenn er raus bekommen hatte, wer das gewesen war, dann hatte derjenige ziemlich bald ein ziemlich großes Problem. Er knurrte leise. „Um sieben ist der Bastard hier, in einem kurzen Engelskostüm. Es wird mir eine Genugtuung seinen, diesen Bastard zu demütigen!" Alec war noch immer sauer. Keine Spur von Angst in Jacks Gesicht, als er ihm den Krieg erklärt hatte! Nicht mal gezuckt hatte der!

„Cool!" Richard wirkte ziemlich zufrieden. Mal sehen, ob seine Freundin immer noch so angetan von der Straßenratte war, wenn sie ihn erst einmal im Rock gesehen hatte! Er grinste und lehnte sich ebenfalls zurück. Adalbert hätte ihm am liebsten eine direkt ins Gesicht getreten. Dabei war der kleine Elf gar kein gewalttätiger Elf, sondern sehr harmoniesüchtig und ausgeglichen. Aber diese Drei, die glaubten, mit ihrem Geld alles erreichen zu können, gingen ihm ziemlich gegen den Strich!

„Ich werd die Straßenratte lehren, sich mit mir anzulegen. Der bekommt keinen Fuß mehr auf den Boden in dieser Stadt, wenn ich mit dem fertig bin." Es fraß sichtlich an Alecs Ego, dass er diesen Kerl einfach nicht klein bekam oder dass Jack ihn mit seinen schwarzen Augen immer so abschätzend betrachtete, dass er sich nicht einschüchtern ließ oder endlich aufgab. Er zog sein Ding durch, egal wie hart er geschlagen wurde. Er stand auf und machte weiter. Alec wusste nicht, ob er diese Ausdauer bewundern sollte oder diese Sturheit verlachen.

Und schon allein, dass der Kerl es geschafft hatte, Alec auch nur eine Sekunde glauben zu lassen, er müsse ihn bewundern, machte den schwarzhaarigen Jungen nur noch wütender.

Adalbert platzte der Kragen und er wurde sichtbar, flatterte wütend über dem Tisch herum und brüllte Alec an, bis der ihn bemerkte. Sein Mund stand offen, die anderen beiden starrten Adalbert ebenso fassungslos an. Was war das den für ein neumodischer Kram?

„Alexander William, du bist so ein Arschloch. Eigentlich bin ich ja da, um für dein Glück zu sorgen, aber weißt du was? Einer wie du, der hat doch gar kein Glück verdient. Einer wie du, der andere nur deswegen demütigt, weil sie besser sind, sie von seinen Lakaien mit Dreck bewerfen lässt, weil sie schlauer sind! Setz dich auf deinen fetten Arsch und lern, dann kannst du vielleicht auch das, was Jack kann, aber ihn mit Matsch zu bewerfen ist das Letzte. Du bist so ein Loser! So ein Verlierer!"

Adalbert wusste gar nicht mehr, was er noch sagen sollte. Er war außer sich vor Wut. Es passierte selten, aber wenn es passierte, dann wurde er verwegen und sein vorlautes Mundwerk ging schneller als seine Gedanken. Als er also begriff, was passiert war, wurde er nur noch rot und als er sah, wie Alec nur noch nach Luft schnappte und gar nicht wusste, was er sagen sollte, war es für Adalbert Zeit zu verschwinden, ehe noch ein Stuhl nach ihm geworfen wurde und den kleinen, vorlauten Elf vom Himmel holte.

Um sich zu beruhigen, setzte sich Adalbert erst einmal auf das Dach und wartete. Wenn er das richtig verstanden hatte, kam Jack heute noch hier her und vielleicht konnte er dem wenigstens ein bisschen helfen, wenn er schon seinen Auftrag nicht erfüllen konnte. Es war eben doch nicht so leicht, ein Engel zu werden.

Alec starrte noch immer auf die Stelle, wo eben noch dieses komische geringelte Ding geschwebt war und auf ihn ein gewettert hatte wie verrückt. Was war das gewesen? Für einen Papagei war es zu groß gewesen. Es sah fast aus wie ein Mensch. Mechanisch hatte es auch nicht gewirkt. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er fast gesagt, der Kleine sah aus wie eine von den Elfen, die immer bei den Weihnachtsmännern in den Einkaufszentren sitzen und die Kinder sortieren, die zum Weihnachtsmann auf den Schoss durften. Aber das waren nur verkleidete Spinner, die konnten nicht fliegen!

„Du hast ihn echt mit Matsch bewerfen lassen, nur weil er die Aufgabe gelöst hat?", fragte Peter nach einer ganzen Weile. Er war zwar für jeden Mist zu haben, aber das war eindeutig unter Alecs Niveau. Er mochte ein arroganter Despot sein, aber sich auf dieses Level sinken zu lassen, war einfach nicht sein Stil und davon sollte er vielleicht auch in Zukunft absehen.

„Nein, verdammt. Davon weiß ich nichts. Das hat der sich doch nur ausgedacht", knurrte Alec. Er mochte es gar nicht, dass er jetzt für etwas gerade stehen sollte, was nicht auf seinem Mist gewachsen war.

„Aber seine Klamotten waren dreckig. Ihn hat einer beworfen, soviel steht mal fest!" Peter ließ nicht locker. „Und ganz ehrlich, du hast das Sagen an der Schule. Wenn deine Lakaien..."

„Schnauze, Peter oder du fliegst hier raus. Da ist es mir dann auch egal, dass ich mich in keinem deiner Hotels jemals wieder blicken lassen kann, aber sag mir nicht, was ich zu tun habe und was nicht." Alec stand gegen das Geländer gelehnt und knurrte. Da hielt Peter lieber die Klappe, aber er dachte sich seinen Teil. Es war ja nicht das erste Mal, dass ein Neuer an die Schule kam und glaubte, mit einer guten Show würde er seinen Platz schon finden. Doch auf keinen von ihnen hatte Alec je so intensiv und feindselig reagiert wie auf Jacob Webber.

Was war an Jack so anders, dass er sich in dem kühlen Blonden verbiss wie ein Kampfhund? Er musste ihn nur sehen, da explodierte Alec schon. Jack musste nicht mal etwas sagen, es reichte seine reine Anwesenheit! Wenn man den Gerüchten glauben schenken durfte, hatte sich der Kerl gleich in der zweiten Woche dagegen gewehrt, sich mit Dreck bewerfen zu lassen wie im Kindergarten, dafür war er zusammengeschlagen worden.

Doch anstatt zu klagen und für Ordnung zu sorgen, hatte der schweigend alles ertragen, kam wieder zur Schule. Insgeheim hatte Peter schon gestaunt. Wie konnte man sich so zusammenfalten lassen und zwei Tage später wieder auf der Matte stehen, als wäre nichts gewesen? Der Kerl war ihm suspekt. Der war nicht menschlich in seiner ganzen Art und außerdem war er für sein Alter viel zu erwachsen.

Im Gegensatz zu Alec, der manchmal wie ein stures, kleines Kind alles kurz und klein schlug, was ihm nicht in den Kram passte. Er selbst hatte das auch schon zu spüren bekommen, was an ihrer Freundschaft aber irgendwie nie etwas geändert hatte. Alec bekam eben eine zurück und dann war wieder Ruhe.

Nur bei Jack fand Alec keine Ruhe. Vielleicht, weil er einfach keine Angriffsfläche bot. Er muckte nicht auf, aber er kuschte auch nicht. Er war da und war doch nicht da. Er kam, machte sein Ding und ging. Er ließ Alec links liegen und dessen Ego fühlte sich misshandelt. Er hatte eine unbeschreibliche Art, durch sein Nichtstun Alec wie einen Stier bei den Hörnern zu packen. Seine Missachtung machte den Baukonzern-Sprössling geradezu rasend, denn er konnte es nicht haben, nicht der Mittelpunkt zu sein. Jeder hatte sich für ihn zu interessieren - wirklich jeder!

Und weil Jack das nicht tat, ging er nun durch die Hölle.

Aber das allein konnte es nicht sein, Peter hatte die untrügliche Befürchtung, dass da irgendwie mehr war. Mehr, was ihn vielleicht nichts anging, aber doch auch interessierte.

„Was guckst du mich so komisch an?", knurrte Alec und drohte schon wieder mit einer Faust, doch Peter schüttelte nur grinsend den Kopf.

„Ich frage mich, ob wir hier noch lange sitzen und über den Loser reden oder ob wir mal was zu essen bekommen. Der Service lässt ziemlich zu wünschen übrig, findest du nicht, Rich?" Sie grinsten und lachten, bis Alec endlich mit einfiel und auf andere Gedanken gebracht wurde. Über den überheblichen Blonden konnten sie dann wieder herziehen, wenn der Bastard in seinem kürzesten Rock auf der Türschwelle stand!

„Los, gehen wir rüber in den Südflügel und werfen uns an den Pool. Ich lass was zu essen herbringen."

So schlugen sie die nächsten Stunden tot, doch je näher der kleine Zeiger der sieben rückte, umso nervöser wurde Alec plötzlich. Er wusste, dass gleich die Stunde seiner Rache gekommen war, aber er konnte sich nicht freuen. Zu groß war die Sorge, dass Jack ihn auflaufen ließ und nicht umgekehrt. Das erste Mal in seinem Leben, dass Alec so etwas wie Angst spürte und dafür musste Jack leiden. Er würde ihn demütigen, bis er im Staub lag! Der, der sich mit ihm messen konnte, der war noch nicht geboren!

Keiner führte Alexander ungestraft wie einen Zuchtbullen am Ring durch die Manege und überlebte.

„Ich geh duschen", erklärte er nur und verschwand, ließ seine Freunde einfach am Pool zurück. Peter sah ihm nach, genauso wie Richard. Stumm wechselten sie einen Blick.

Mit einem Handtuch um die Hüften und einem um die Schultern lief Alexander in sein Zimmer. Er war plötzlich unruhig. Er konnte nicht mehr sitzen, schon gar nicht sitzen und warten und außerdem wollte er sich noch einmal frisch machen und sich umziehen. Warum er das wollte, war ihm ziemlich egal. Er wollte sich einfach von seiner besten Seite zeigen, wenn er diesen Bastard vor sich in den Staub warf. Das war alles und der alleinige Grund! Wer was anderes behauptete, der log und bekam die Zähne ausgeschlagen! Denn er hatte es nicht nötig, sich rauszuputzen, nur weil die Straßenratte zu ihm kam. Er hatte nicht vor, diesem Kerl zu gefallen!

Knurrend flog seine Tür ins Schloss und Alec stand in seinem Reich. Ein großer Aufenthaltsraum mit Sitzecke und Kamin, davon gingen Türen ab zu seinem Bad, seinem Schlafzimmer, dem Arbeitszimmer und einem Gästezimmer. Der Rest seines Flügels beherbergte weitere Gästezimmer und eine Bibliothek, dazu ein Fitnessraum und eine kleine Badlandschaft mit Sauna, Whirlpool und Bräunungsanlage. Es fehlte ihm an nichts, außer vielleicht an Menschen, die mit ihm zusammen diese Räume auch bewohnten. Doch Alec kannte es nicht anders. Er war nur mit Personal aufgewachsen, ihm fehlte nichts.

Schnell verschwand er noch einmal unter der Dusche, wusch sich runter und wusch auch durch die Haare, föhnte sie etwas in Form, weil er wusste, dass die losen Strähnen Jack nicht gefielen. Er hatte es an den Blicken, die sie gewechselt hatten, gespürt und jetzt, wo er allein war, musste er auch nicht die Haltung bewahren. Was war schlimm daran, wenn er gut aussehen wollte? Nicht für den blonden Kerl, sondern für sich. Er hatte einen Namen und einen Titel und einen Ruf zu verlieren. Es war sozusagen seine Pflicht, sich von der besten Seite zu zeigen.

Der kleine Elf aber saß noch immer auf dem Dach und wusste nicht so richtig, was er tun sollte.

Er hatte Mist gebaut.

Verdammt, hatte er Mist gebaut!

Es gab wohl keinen Elfen in Elfstadt, der mehr Mist gebaut hatte als Adalbert! Wie hatte er sich nur so gehen lassen können? Wie hatte er seinen Klienten so anschnauzen können?

Gestern Menschenhandel, heute Rufmord und Beleidigung. Wenn die Woche rum war, war Adalbert noch kein Engel, aber dafür saß er im Knast. Was für Aussichten!

Nein, er war für das Leben als Engel wohl einfach nicht gemacht. Er war nicht gut genug. Also saß er auf dem Dach von Alecs Haus und bemitleidete sich erst einmal eine Runde. Eine große Runde, schniefte und machte sich Vorwürfe, doch dann musste er sich die Augen reiben. Eine strahlende Schönheit, mit ausladenden, weißen Flügeln schritt erhobenen Hauptes den Kiesweg zum Haupthaus hinauf und Adalbert konnte nur blinzeln. Er stieß sich ab und schwebte neben sie, schon im Näherkommen erkannte er deutlich Jack. Er sah so anders aus! Nur die schwarzen Augen verrieten ihn.

„Wow", machte Adalbert, als er neben dem Weihnachtsengel her ging und der blickte auf den Jungen neben sich, lächelte dann. Sein geschminktes Gesicht wirkte feminin. Die Brauen sauber gezupft und leicht gefärbt, die Lippen zart betont. Sein blondes Haar war mit Haarteilen aufgefüllt und das Kleid, was er trug, war... wie hatte Adalbert so treffend gesagt: Wow. Es war vorn kurz und hinten bodenlang, seine langen, schlanken Beine steckten in feinen Strümpfen und hohen Sandalen. Er war ein Bild von einem Engel, viel zu schade für einen Bastard wie Alec, der nur darauf wartete, Jack zu demütigen!

„Hey Jack! Komm, wir gehen wieder. Der will dich doch nur fertig machen", sagte Adalbert und griff den Weihnachtsengel an der Hand. Flehend sah er zu ihm auf.

Dieser junge Mann war einfach zu schade, um so misshandelt zu werden! Doch Jack lächelte nur, ein warmes, weiches Lächeln, dass Adalbert die Knie weich werden ließ.

„Ich weiß, ich weiß, Kleiner, ich kenne seine Adresse schließlich. Aber ich brauche das Geld, da kann ich mir Stolz einfach nicht leisten. Mein kleiner Bruder steht auf einer Spenderliste. Wenn er plötzlich in den OP muss, dann muss das Geld da sein und auch wenn ich nicht darauf erpicht bin, mich von dem wieder fertig machen zu lassen, aber so lange er zahlt, ist mir das egal. Ist doch nicht für ewig."

Adalbert konnte ihn nur mit offenem Mund anstarren. So selbstverständlich wie es für Jack war, über seinen Schatten zu springen. Von dem könnte sich Großmaul ‚Ich-habe-alles-ich-kann-alles’ mal eine Scheibe abschneiden! Eine dicke Scheibe! Warum konnte nicht Jack sein Klient sein? Bei ihm würde es Adalbert bestimmt Spaß machen, ihn glücklich zu machen, weil er bescheiden war.

„Ich komm mit dir mit, ich lass dich bei dem Arsch nicht alleine!", sagte Adalbert entschlossen und stapfte nun neben Jack über den Kies. Der Weihnachtsengel strahlte eine Eleganz aus, da konnte selbst der zierliche Elf nicht mithalten.

„Ich glaube nicht, dass Alec ein schlechter Mensch ist, ihm hat nur nie jemand Manieren beigebracht. Aber ich habe dazu auch keine Lust, denn ich kann ihn nicht leiden", lachte Jack und zwinkerte Adalbert zu. Der seufzte nur, na hoffentlich ging der Tag gut!

Doch er kam gar nicht dazu, noch lange über Jack und Alec nachzudenken, denn kaum kamen sie die Treppe hinauf, öffnete sich die breite Flügeltür und ein zufrieden grinsender Hausherr lümmelte im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Hinter ihm standen Rich und Peter. Diesen Triumph hatte sich Alec nicht nehmen lassen wollen, doch als er vor die Tür sah, wusste er nicht, welcher Emotion er als erstes den Vorzug geben sollte.

Er sah diese Plage von eben wieder, der kleine Flatternde, der ihm so blöd gekommen war, und alles andere ging in dieser Emotion unter. Er spürte die Wut in sich aufsteigen, als er den Jungen nur sah. Was bildete sich Jack ein, ihm diese Ratte auf den Hals zu hetzen, nur damit der ihm mal den Kopf wusch. Diese Straßenratten waren doch alle gleich! Eine linke Tour nach der anderen.

„Oh, oh", machte Adalbert nur, als er den wütenden Blick aus schmalen Augen auf sich spürte. Wie Nadeln stach er in seine Arme, wie Messer schnitt er in seine Brust. Er drängte sich, ohne es zu merken, dichter an Jack.

„Da bin ich", erklärte der Weihnachtsengel und ein sanftes Lächeln lag auf seinen Zügen. „Hast du dir so deinen Engel vorgestellt?", fragte er mit weicher Stimme und konnte es nicht leugnen: es war Absicht, dass seine Sanftheit provozierend wirkte. Alec spürte genau, wie sein Puls nach oben ging, sein Herz schlug schneller und ihm wurde heiß. Am liebsten wäre er explodiert, doch diese Blöße wollte er sich noch nicht geben. Erst mal war da noch dieser blöde Elf, mit seiner großen Klappe.

„Die kleine Ratte gehört also zu dir? Hätte ich mir ja denken können. Dreck klumpt eben zusammen", zischte er und sah den Elfen wütend an. Doch Jack zog ihn hinter sich.

„Lass den Jungen in Ruhe, Alec. Keinen Schimmer, wer er ist oder woher er kommt, aber selbst so ein Arsch wie du sollte sich nicht an Kindern vergreifen. Also, hier bin ich - was willst du", wollte er noch einmal wissen, doch seine sanfte Stimme war einem befehlenden Ton gewichen. Konnte dieser Kerl gar nichts anderes, als auf Schwächeren rumzuhacken? Hatte er nicht einmal den Grundtenor von gutem Benehmen? Es stimmte wirklich, was man sagte: mit Geld konnte man wirklich nicht alles kaufen. Alec war das beste Beispiel dafür, dass man Geschmack und Benehmen nicht kaufen konnte. Armselig, doch das sprach Jack besser nicht aus, denn der junge Herr war leider ziemlich schnell mit den Fäusten.

Alec knurrte innerlich, er spürte seinen Puls genau. Er schlug hart gegen seine Adern und sein Mund wurde trocken. Aus irgendeinem ihm unerklärlichen Grund fiel es Alec sichtlich schwer, seinen Blick von den endlos langen Beinen zu nehmen. Wie konnte solch eine Straßenratte so aussehen? Das war doch nicht wirklich ein Kerl oder? Vielleicht war er doch eine Tussi, denn sonst konnte sich Alec wirklich nicht erklären, warum er auf diesen Kerl mit Herzrasen reagierte!

Um nicht gänzlich verrückt zu werden, legte Alec wieder überlegen den Kopf schief und grinste. „Okay, kommen wir also gleich zum Geschäft. Wenn du das so willst." Mit einem zufriedenen Lächeln ließ Alec seine Gäste ein und ging vor, um in den hergerichteten Salon zu gelangen.

„Tanz für mich, mein Weihnachtsengel", sagte er nur und grinste Jack dabei an, er wollte das Entsetzen in seinen Augen sehen. Er wollte sehen, wie er Zerbrach, wie er bettelte, sich so nicht erniedrigen zu müssen.

Doch Jack war Profi. Er hatte schon mit mehr Idioten zu tun gehabt, als diesem verzogenen Jungen und die hatten noch ganz andere Dinge verlangt. Wenn Alec also vorhatte, ihn aus der Reserve zu locken, dann musste der Süße schon etwas tiefer in die Trickkiste greifen.

„Natürlich, warum nicht. Ich habe an meiner alten Schule drei Jahre Jazz-Dance gemacht. Ich glaube schon, dass ich dir eine Show liefern kann, die dich zufrieden stellen wird", erklärte Jack und legte seinen Arm um Adalbert, der gerade mit seinen Augen überall war, nur nicht auf dem Weg. Die breiten Flure, die massigen Türen, das Personal, das ab und an herum stand und sich ehrerbietend verbeugte. Dazu die teuren Vasen und Bilder.

Der Kerl hatte garantiert schon als Kind bekommen, was er wollte, wenn er nur laut genug gebrüllt hat. Nein, das war nicht gerecht, wie das Schicksal alles verteilte. Lieber schmiegte er sich wieder an Jack, bei dem fühlte sich Abalbert so richtig gut. Schon allein, weil er so tolle, große Federflügel hatte. Adalbert war ganz neidisch, obwohl er genau wusste, dass es nur ein Kostüm war und keine echten.

Und er kicherte leise vor sich hin, weil Alec mit dieser Antwort wohl nicht gerechnet hatte und zerknirscht weiter vorneweg rannte. Hinter ihm liefen Richard und Peter und wussten nicht so richtig, was sie hier eigentlich sollten. Aber sie waren Alecs Freunde, sie hatten diese Idee zusammen ausgeheckt, jetzt mussten sie da auch mit durch. Sie konnten ihren Freund ja schlecht alleine lassen. So wie es aussah, war er nämlich gerade dabei zu verlieren, wenn sie sich nicht doch noch etwas wirklich Gutes einfallen lassen konnten.

Die großen Flügeltüren vom Salon öffneten sich und so hatte auch Jack keine Probleme, mit seinem Kostüm hindurch zu schreiten. Alec mochte ein Bastard sein, doch er war perfekt und er wusste sich zu geben. Adalbert kam nicht umhin festzustellen, dass er wohl doch einen gewissen Grad an Erziehung und Etikette mitbekommen haben musste. Aber er traute dem Frieden nicht. Der Kerl ließ kein gutes Haar an Jack, dass er sich hier gab wie ein Gentleman war doch unter Garantie einfach nur Show. Elfchen sei wachsam.

„Nehmt Platz", sagte Alec großzügig und sein Arm machte eine auslandende Bewegung. Er wusste ganz genau, wie dieser große Salon mit seinen Themenecken wirkte. Adalbert machte große Augen, doch Jack ließ sich nicht beeindrucken. Er hatte schon mehr gesehen. Vor allem aber wusste er, wie sehr seine Gleichgültigkeit den Hausherrn auf die Palme brachte, der ja geradezu von der Bewunderung der anderen lebte. Er brauchte deren Lob wie das tägliche Brot. Wären alle so wie Jack, würde Alec wohl qualvoll verhungern.

Weil sonst überall die Flügel im Weg waren, ließ sich Jack elegant auf einen der Barhocker an der klassischen Bar sinken, ein Bein auf einer der Querstreben aufgestellt. Sein Blick aber lag forschend auf seinem Auftraggeber. Er wollte, dass Jack für ihn tanzte? Dann sollte der noble Herr aber auch für etwas Musik sorgen. Jack lächelte zufrieden und Adalbert, der neben ihm auf einen zweiten Hocker geklettert war, platzte fast vor Anspannung. Alec hatte sich in einen der großen Sessel vor dem Kamin fallen lassen, Richard und Peter lümmelten auf dem Sofa. Jeder guckte erwartungsvoll und die Luft im Raum elektrisierte sich. Allein durch die Blicke, mit denen sich Alec und Jack maßen.

Der Duke schluckte immer wieder, denn er konnte nicht anders, als auf diese Beine zu starren. Das waren doch nicht seine! So perfekt sah doch kein Kerl aus. Was war das, 'ne Transe? Einer von der perversen Sorte? Schon allein wie er sich in dem Kleid und den hohen Schuhen bewegte. Das machte der doch nicht zum ersten Mal. Mit dem stimmte doch was nicht.

Aber trotzdem landete sein Blick immer wieder auf Jacks Beinen. Er konnte nicht anders, er konnte diesem Anblick einfach nicht widerstehen! Und er hasste sich selbst dafür. Es musste langsam etwas passieren, aber Alec hatte das ungute Gefühl, wenn dieser Engel sich auch noch anfing zu einem Rhythmus zu bewegen, dann hatte er sich selbst gar nicht mehr unter Kontrolle. Er wusste ja nicht einmal, warum er gerade den unbändigen Drang hatte, seinen Erzfeind Nummer eins über die Theke zu drücken und seine Hände über diese perfekten Beine gleiten zu lassen. Er hatte keinen Schimmer, er ekelte sich vor sich selber, aber der Drang danach war stärker.

Wie konnte er einen Kerl so anschmachten? Wie konnten seine Gedanken plötzlich beginnen, ihm noch ganz anderes vorzugaukeln? Das war doch nicht normal. Alec wurde nervös und als würde das nicht reichen, raschelte Jack mit den Flügeln und lächelte süffisant: „Sollte ich nicht tanzen? Denk dran, du hast mich nur drei Stunden. Nutze sie, bezahlen musst du so oder so." Jack ließ es sich nicht nehmen, seine Machtrolle auch auszukosten. Er konnte nicht erklären, warum es ihn so reizte, warum er sich gern die Krallen an diesem Kratzbaum wetzen wollte und warum er den wütenden Stier noch bei den Hörnern packen musste. Es reizte ihn einfach.

„Ja doch, kannst es wohl nicht abwarten, mit deinem Arsch zu wackeln, Transe", knurrte Alec und funkelte Jack dabei wütend an. Was dachte sich der Straßenköter, ihn zu maßregeln? Begriff der Kerl immer noch nicht, wer hier am längeren Hebel saß?

Jack zuckte nur die Schultern. Das hier war Business, er ließ es nicht an sich heran, sondern lächelte nur sanft zurück und trieb somit unbemerkt Alec Heerscharen über den Rücken, heiß und kalt liefen sie auf und ab, wurden nicht müde. „Willst... willst du mich anmachen, Schwuchtel oder was?"

Jack lächelte noch immer, auch wenn es in ihm langsam gärte. Doch er hatte mittlerweile in so etwas Routine. „Ich bin eigentlich hier, um zu tanzen, so wie mir scheint. Aber da du dich nicht bequemen kannst, mir etwas Musik zu geben und mir zu sagen, was du gern sehen willst, muss ich mir die Zeit eben anders vertreiben", erklärte Jack und Richard kniff schon die Augen zu. Der Kerl spielte mit seinem Leben, ohne es zu merken. Ahnte der denn nicht einmal, was morgen für ein Spießrutenlaufen für ihn losgehen würde? Es war doch kein Geheimnis, welchen Spaß Alec damit hatte, Leute zu denunzieren und seine Lakaien den Rest machen zu lassen! Reichte dem Kerl der Matsch auf der Jacke nicht?

„Okay, wenn du ja schon so toll tanzen kannst, du Protzer. Los, ab auf die Bar und an die Stange. Tabledance, klar?", erklärte Alec und wirkte für einen Augenblick sichtlich zufrieden, doch nicht für lange.

Jack erhob sich und nickte. „Geht doch", erklärte er nur und mit einem kraftvollen Satz war er auf der Theke, lehnte gegen die Stange aus Messing und blickte amüsiert auf Alec hinab. „Wirst du singen und deine Freunde schlagen sich zur Begleitung auf ihre Hohlbirnen oder wie wird das werden?", wollte Jack wissen und stemmte eines seiner Beine gegen das Messing. Er wusste zu genau, wie er Alec damit zusätzlich aus der Fassung brachte.

Rich und Peter, die sich gerade ebenfalls deformiert fühlten, wollten aufbegehren, doch Alec ließ sie schweigen, schickte sie raus und Adalbert gleich mit. Keiner reagierte.

„Los! Raus!", brüllte Alec. Er konnte mit dem, was in ihm passierte, nicht umgehen. Dieser Bastard auf der Bar hatte ihn in der Hand und er wusste das! Diese miese, kleine Straßenratte!

„Raus!", brüllte er noch einmal und erhob sich, griff sich Richard, der ihm am nächsten saß, am Kragen und zog ihn hoch.

„Is' ja schon gut, man bist du scheiße drauf." Richard schob Peter vor sich her, griff sich den kleinen Elf, der sich anfangs noch sträubte. Doch als Jack ihn gewinnbringend anlächelte, ließ der Elf sich widerwillig mitschleifen. Ihm gefiel das gar nicht. Die ganzen Spannungen, die in diesem Raum lagen! Es waberte ja förmlich, wenn man nur atmete. Wenn das hier nicht gleich explodierte, dann wusste Adalbert aber auch nicht mehr weiter.

Kaum war die Tür zu, stand Alec vor der Theke. Er wusste genau, wie erniedrigt er wurde, als er zu Jack hinauf sah, doch er konnte nicht anders. Dieser Kerl raubte ihm den Verstand und er betete zu Gott, dass es nur an diesem Kostüm lag. Er schluckte wieder und sah Jack in die schwarzen Augen. „Warum tust du das, Straßenratte", wollte er gezischt wissen, seine Hände lagen auf der Bar auf. Er bewegte sich auch nicht weg, als Jack vor ihm auf die Knie kam und ihm immer noch in die Augen sah.

„Weil es mein Job ist, weil ich für dich hier bin, um zu tanzen, du hast dafür bezahlt. Das ist alles", erklärte er, betrachtete sich seinen Auftraggeber aber eindringlicher. Das weiche Licht der Bar machte auch seine schon ziemlich männlichen Züge im Gesicht etwas weicher. Weil er zu Jack auf sah, hingen ihm auch nicht diese lästigen Fusseln im Gesicht, sondern man konnte ihn sich ungestört ansehen. Hässlich war er ja nicht, aber er war und blieb ein reicher Bastard ohne Anstand und Benehmen. Da konnten auch die weichen Lippen und diese herrlichen Augen nicht drüber hinwegtäuschen.

„Warum provozierst du mich?", wollte Alec wissen. Sie waren allein, vor Jack hatte er sowieso nichts mehr zu verlieren. Der Kerl hielt nichts von ihm und irgendwie störte das Alec ungemein.

Jack grinste und einer seiner Finger strich verspielt über Alexanders Kinn. „Weil keiner so herrlich darauf anspringt wie du. Du bist wie ein Bluthund", flüsterte Jack. Er wusste selber nicht, warum er mit seinem Gesicht langsam immer tiefer kam. Er spürte nur, wie sein Herz plötzlich schlug und wie er an den Armen gegriffen wurde. Kurz darauf fand er sich über die Theke gelegt wieder und Alec hockte auf allen Vieren über ihm.

„Spiel nicht mit mir, Straßenratte", knurrte der Duke nur und sein Puls wurde merklich schneller. Auch sein Atem wurde plötzlich unangenehm hastig, gerade so, als wäre er durch die Flure geflitzt. Er hatte den Drang, sich Jack aufzuzwingen, ihm zu zeigen, wer hier die Fäden in der Hand hatte, ihn zu küssen, bis er nicht mehr konnte. Doch schon im nächsten Augenblick glitt er von der Theke. Er legte Jack seinen Check auf die Brust und wandte sich ab. „Geh", forderte er nur und Jack setzte sich etwas verwirrt auf.

Alec war der Erste, der von ihm ab ließ, ehe es ernst wurde. So saß er noch etwas verwirrt auf der Theke, starrte auf das Stück Papier. „Das ist zu viel, Alec, ich war doch gerade mal eine Stunde hier", sagte er und sprang elegant von der Bar, kam in einer fließenden Bewegung neben Alec und wollte ihm den Zettel wiedergeben. Doch der weigerte sich. „Lass mal, ist okay. Ich kann's entbehren, du kannst es gebrauchen. So haben wir ja beide was davon."

„Ich brauch deine Almosen nicht", knurrte Jack, doch Alec schoss zu ihm herum.

„Hör mal, wenn ich sage 'nimm es', dann nimm es und diskutier nicht lange. Ich habe heute mehr gelernt, als ich dir bezahlen könnte. Es gefällt mir nicht, aber nun weiß ich es und jetzt hau ab!" Alec wandte sich um und ging ins angrenzende Bad. Jack hatte gewonnen, doch der konnte seinen Triumph nicht auskosten. Alec so zu sehen, tat weh, das war nicht seine Absicht gewesen. Er hatte gehofft, sich mit dem Großmaul etwas pelzen zu können, mit keiner Silbe hatte Jack daran gedacht, dass Alec solch einen Abgang hinlegte.

Der Sieg schmeckte schal, als er auf den Flur trat. Er hatte noch ein paar Minuten gewartet, doch Alec war nicht wieder raus gekommen.

„Jack!" Adalbert kam gleich auf ihn zu gelaufen, die anderen beiden hatten sich in die Bäderlandschaft zurückgezogen und wollten noch etwas im Whirlpool entspannen. Dabei hatten sie immer so komisch gegrinst und Andeutungen gemacht, die Adalbert nur die Ohren hatten rot werden lassen, obwohl er nicht einmal wusste warum. „Hat er dir was getan?" Der kleine Elf war total in Sorge.

Jack wuschelte ihm nur durch die Haare und lächelte. „Nein, guck - mein Check. Ich geh heim", und ließ den kleinen Elf stehen. Adalbert sah ihm hinterher. Jacks Gestalt wirkte jetzt anders, nicht mehr so engelhaft, auch wenn er sich äußerlich nicht verändert hatte.

„Bist du glücklich?", rief Adalbert ihm aus einem Reflex hinterher und Jack sah noch einmal über seine Schulter zurück. Sein Lächeln war von den weißen Federn eingerahmt. „Ja, Geld ist Geld", sagte er und dann war er hinter einer Biegung des Flurs verschwunden. Adalbert nickte nur verstehend. Er glaubte Jack nicht ganz, aber das Lächeln war Adalbert durch und durch gegangen.

Jacks Schritte verhallten nur noch von weitem und Alec kam auch nicht wieder, also fasste der Elf all seinen Mut und ging noch einmal in den Raum, aus dem sie vertrieben worden waren. Suchend sah er sich um und fand in einem Sessel, in sich zusammen gesunken, Alec. Er sah so anders aus, so verletzlich, so menschlich. Das erste Mal, dass Adalbert ihn fast gemocht hätte.

„Alec, alles klar?", wollte er leise wissen, doch der Angesprochene knurrte nur leise, er solle sich verpissen, er wäre nicht eingeladen.

„Jack ist gegangen", sagte der Elf leise und kam näher, kam neben dem Sessel zum Stehen. „Bist du jetzt glücklich, Alec?"

„Ja!", zischte der Duke nur. „Der Scheißkerl ist weg! Und ich muss ihn nur noch von hinten sehen." Doch der Elf spürte genau, dass diese Worte nicht ehrlich gemeint waren. Aber er wollte trotzdem glauben, dass Alec glücklich war, denn Adalbert wollte seinen Stern! Wenn Alec glücklich war, musste doch sein Stern irgendwo sein!

Erst blickte er nur in die schwarzen Haare, doch als sich da immer noch nichts tat, wuschelte der kleine Elf verzweifelt durch die Frisur des jungen Mannes. Doch was nicht zu sehen war, war der Stern! Der Lohn, für diesen blöden Tag!

„Sag mal, Kleiner, spinnst du!" Brüllend schoss Alec hoch, die Hand zum Schlag erhoben, doch etwas hinderte ihn. Hinter ihm stand ein blonder Kerl, den Adalbert ziemlich gut kannte, denn er hier aber nicht erwartet hatte.

„Jez", murmelte er etwas irritiert und sah auf den blonden jungen Mann. Wo kam der denn plötzlich her?

„Kinder schlagen? Was bist du denn für ein Wichser? Komm, Adalbert, wir gehen", zischte Jez nur und schubste den überrumpelten Alec zurück auf seinen Sessel. Der wusste im ersten Augenblick gar nicht, was er tun sollte.

„Mein Stern! Sie sind doch glücklich. Sie haben gesagt, sie sind glücklich darüber, wo ist also mein Stern?" Adalbert klang verzweifelt, immer wieder sah er auf Alec. Der Tag konnte doch nicht umsonst gewesen sein!

„Hat man dir nicht erzählt, dass ein Stern nur aus einem tiefen Kuss inniger Zuneigung geboren werden kann?", erklärte Jez geduldig. Adalbert sah ihn fragend an. Nein, das hatte man Adalbert nicht gesagt, deswegen guckte er auch gerade ziemlich deprimiert.

„Woher weißt du so was?", wollte Adalbert noch leise wissen, denn langsam wurde ihm der hübsche Blonde wirklich suspekt.

Doch da breitete Jez nur die großen, weißen Flügel aus, die sich um Adalbert legten, ihn sanft einhüllten. „Da kommst du auch noch dahinter." Jez lächelte nur und langsam wurden ihre Körper durchscheinend. „Komm, ich bring dich heim."

Alec konnte nur fassungslos zusehen... er verstand gar nichts mehr.