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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

03.12.2006



In guten wie in schlechten Zeiten

Leise tickte die Uhr in Adalberts Zimmer, doch dem kleinen Elf kam es so vor, als würde sie von Sekunde zu Sekunde lauter. Er lag wach, starrte die Decke an und versuchte diesen vergangenen, schiefgegangenen Tag auf die Reihe zu bekommen. Angefangen bei Jack und Alec, die er nicht hatte zusammenbringen können, weiter bei der Tatsache, dass er keinen Stern bekommen hatte und all seine Bemühungen, die umsonst gewesen waren, bis hin zu diesem blonden Kerl... Jez.

In seiner Hand hielt er Knut, der wegen Adalberts Dummheit noch immer ein Einzelstern war und drückte ihn fest an seine schmale Elfenbrust.

Knurrend warf sich der kleine Elf auf die Seite und zog die Decke über den Kopf. Wenn diese Uhr nicht bald aufhörte, ihn mitten in der Nacht zu terrorisieren, dann würde er sie ohne Anführung eines Grundes ersäufen. Mit geschlitzten Augen sah er zur Uhr rüber, doch die ließ sich von einem miesgelaunten, unausgeschlafenen Elf nicht stören. Sie tickte und tickte und tickte.

Tock - tick - tock - tick - immer und immer wieder.

Je mehr Adalbert sich darauf konzentrierte, umso wahnsinniger machte ihn das. Knurrend zog er seine Decke über den Kopf, mit so viel Schwung, dass der kleine Elfenpo rausguckte, weil nämlich sein Elfennachthemd auch nach oben gerutscht war.

Tock- tick - tock...

„Wah!", brüllte Adalbert und warf die Decke von sich. Wie eine Furie schoss er hoch, griff sich die wehrlose Uhr von der Wand und sie landete, ohne dass sie noch ein letztes Gebet hätte sprechen können, in der Badewanne. Und weil der kleine Elf ein sehr missgestimmter kleiner Elf war, drehte er auch noch das kalte Wasser auf. „So, das hast du jetzt davon!", brüllte er und lachte gehässig. Doch kaum drehte er das Wasser wieder aus und das Rauschen erstarb, war es wieder da.

Tock - tick - tock - tick...

Nervenaufreibend. Vor allem, wenn man so gefrustet war wie Adalbert. Eigentlich hatte er nur in seinem Bett liegen wollen, um über diesen Jez nachzudenken! Ein Kerl mit Flügeln. Mit richtigen Flügeln. Nicht so wie Jack, sondern richtige! Engelsflügel! Er konnte fliegen und er wusste über die Elfen Bescheid. Da traf er einen Weihnachtsengel, so einer, wie Adalbert mal werden wollte und der schickte ihn nur zurück und verschwand ohne ein weiteres Wort!

Das war unfair!

Und jetzt, wo Adalbert darüber nachdenken wollte, wie hübsch dieser Engel war und dass er dem ja seine Jacke wiedergeben musste und wie doof er es fand, dass der Engel nicht mit ins Elfenland gekommen war, da brachte ihn seine blöde Uhr um den Verstand, rieb ihm die Nerven auf, bis sie blank lagen und Adalbert keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Am liebsten wäre er auf dieser blöden Uhr herum gesprungen, hätte ihr den Hals umgedreht, wenn sie nur einen gehabt hätte.

Vielleicht hätte es auch gereicht, einfach nur die Batterien aus der Uhr zu nehmen, doch in seiner Raserei dachte der kleine Elf gar nicht daran. Er griff zu drastischeren Mitteln, nämlich zu einer Schaufel.

Sich die Uhr greifend stürmte er aus dem Haus, vergrub den Nerventod und kam schnaubend wieder zurück ins Haus.

Er sank, dreckig wie er war, in sein Bett und rief sich Jez wieder in den Sinn, sein weiches Lächeln und diese Flügel und wie er ihn beschützt und ihm geholfen hatte. Er war ein wahrer Engel. Der hatte bestimmt nicht solchen Mist gebaut wie Adalbert. Wenn Jez jetzt da wäre, dann würde er ihn all das fragen, wie das so war, ob es toll war, ein Engel zu sein und wie man Menschen glücklich machte und Sterne dafür bekam, ob er immer noch welche bekam, wenn er ihnen half - lauter Elfenkram eben! Vielleicht würde er sich auch noch einmal an ihn kuscheln wollen, weil ja die Federn so weich waren und nicht, weil Jez so gut gerochen hatte und die Brust so schön kräftig gewesen war.

Dümmlich seufzend vergrub Adalbert sein Gesicht im Kissen und zog die Decke wieder über sich. Das Ticken war weg und so stand einer entspannten, erholsamen Nacht nichts mehr im Wege.

Nur der Sonnenaufgang und mit ihm ein neuer Auftrag.

Aber weil Sonntag war, gönnte man dem kleinen Elfen wohl etwas Schlaf, denn er bekam zumindest noch die Chance einzuschlafen und sich einmal in seinem von draußen mit rein gebrachtem Dreck zu wälzen, ehe ihm wieder die Decke weggezogen wurde und er eine Kartusche an den Kopf bekam. Das war definitiv nicht die schönste Art, auf die man einen Elf wecken konnte, aber bei Adalbert die wirksamste.

Es war kein Geheimnis, denn wenn der Elf schlief, dann schlief er wie ein Stein.

Doch jetzt saß er in seinem dreckigen Bett, rieb sich den Kopf und fluchte, weil er vor Schreck seine Hand geöffnet hatte und Kurt entkommen war! Also wurde als erstes der Stern gesucht, in seine Kiste getan und dann stand Adalbert vor seinem Bett, schämte sich und zog es lieber gleich ab, ehe seine Mutter kam, das selber machte und dann bei jeder Gelegenheit erklärte, was sie für ein Hausschwein großgezogen hätte. Elfenmütter standen da den Menschenmüttern wohl in nichts nach. Wenn es darum ging, die eigenen Kinder zu quälen, waren sie sehr ausdauernd und erfinderisch. Besser Adalbert ging einer Attacke dieser Art aus dem Weg.

Auf dem Weg zum Bad öffnete er die Kapsel und klemmte seinen Auftrag hinter den Spiegel, so konnte er duschen und lesen und wusste nun, dass es wieder nach Deutschland ging. Das hatte ihm vorgestern Glück gebracht, da hatte er einen Stern bekommen. Vielleicht ging seine winzigkleine Glückssträhne ja heute weiter und Kurt wurde endlich ein Zwillingsstern! Zu wünschen wäre es dem kleinen Elf, denn sein Ego konnte einen Knick in die richtige Richtung durchaus vertragen.

Schauspieler sollte er heute also bekehren? Und was hatte Jez gesagt? Sterne wachsen nur aus einem innigen Kuss aus tiefer Zuneigung? Das hieß doch aber eigentlich auch: die Männer mussten nicht nur glücklich werden, sie mussten sich verlieben! Wie konnte man sich denn an nur einem Tag verlieben? So verlieben, dass man sich küsste? Bei Elias und Kyle war ja wenigstens schon einer verliebt gewesen...

Adalbert seufzte. Der Tag ging ja schon wieder gut los. Irgendwie türmte sich vor dem kleinen Elf gerade eine große Mauer an Problemen, über die er einfach nicht drüber konnte. Sie wurde größer und größer und Adalbert hatte das Gefühl, mit seiner Aufgabe nicht zu wachsen, sondern eher zu schrumpfen.

Immer kleiner und kleiner. Und er konnte nicht mal auf die Uhr sehen, um zu bemerken, dass sein Selbstmitleid ihn wertvolle Zeit kostete, denn die lag ungesehen verscharrt im Vorgarten - Friede ihrer Asche.

Doch es half kein Jammern und kein Heulen. Rein in die Klamotten, noch mal die Bilder eingeprägt, den Code auswendig gelernt und mit einem Krapfen im Mund auf zum Elf-Trans. Als er wieder zu sich kam stand er vor einem hohen, dünnen Turm mit einer lustigen Murmel. Und wie gestern auch ging das Durchfragen wieder los. Es dauerte eine Weile, bis er wusste, wo Babelsberg lag und wo er sich umsehen musste.

Sich brav bedankend, wie sich das für einen gut erzogenen Elf gehörte, flatterte Adalbert also von dannen, besah sich Berlin von oben und nach einer Stunde stand er endlich vor dem Studio, das er suchte. Zum Glück! Er hatte ja auch nicht ewig Zeit. Wenn sich zwei Kerle verlieben sollten, dann musste er einfach auf Zeit spielen! Das ging gar nicht anders.

Also öffnete Adalbert die Tür und hörte eine ziemlich unangenehme, wütende Stimme. Es war sein Instinkt, der ihn warnte, da jetzt nicht vorbei zu gehen, sondern nur die Tür zu schließen und mit angehaltenem Atem zu warten, bis der Kerl sich beruhigt hatte oder weg ging, schließlich wollte er nicht gleich rausgeworfen werden, nur weil er hier nichts verloren hatte.

„Joshua", brüllte die Stimme außer sich, wurde dann aber wieder sehr leise und zischte nur noch. Adalbert spitzte seine ohnehin eng zulaufenden Ohren. Joshua? Hatte der nicht in seinem Auftragsblatt gestanden? Da hatte er ja Glück gehabt! Einen hatte er schon gefunden.

„Wenn ich dich noch einmal mit diesem Kerl erwische, dann mache ich von der Klausel in deinem Vertrag Gebrauch und du zahlst eine Konventionalstrafe, die sich gewaschen hat, mein Lieber. Verdammt noch mal! Du hast dich nicht als schwul zu outen, ist das klar? Das bist du deinen Fans schuldig! Sie sind diejenigen, die dafür sorgen, dass deine Karriere so läuft, wie sie läuft und sie wollen sich vorstellen können, mit dir durchzubrennen."

Joachim war außer sich. Da kam er nichts ahnend in die Gardarobe seines besten Schauspielers und was machte der? Hielt einen Kerl im Arm. Im nächsten Augenblick hätten sie sich noch geküsst! Das durfte doch alles nicht wahr sein! Was dachte sich der Kerl! Die Regeln standen fest. Wenn er seine Rolle und seinen Job behalten wollte, dann blieb es bitteschön im Verborgenen, dass er schwul war, dass er mit den Frauen, die ihn anhimmelten, nichts anfangen konnte. Was dachte sich der Kerl nur? Machte, gegen Joachims ausdrückliche Order, mit einem Komparsen rum? Wie unvorsichtig konnte man denn nur sein?

„Joachim, ich weiß. Er hat mich doch nur in den Arm genommen, verdammt noch mal!", setzte Joshua seinem Manager entgegen. Er war es leid. Er war es so leid, immer wieder seine Neigung verstecken und sogar unterdrücken zu müssen! Er war sich schon lange nicht mehr sicher, ob es das wert war. Warum konnte er nicht ein kleines bisschen so sein wie Vincent? Der junge Mann spielte seit einem Jahr in der gleichen Serie und er war schwul, er durfte es sein, er durfte es ausleben. Er hatte sogar in seiner Rolle die Chance, denn sein Charakter war homosexuell.

Joshua beneidete ihn unendlich für seine Freiheit, denn das Korsett, das Joachim ihm angelegt hatte, schnürte dem Blonden langsam die Luft ab. Der Mann in der Gardarobe war nicht irgendjemand gewesen, sondern Nick, sein Ex-Freund. Sie hatten sich hier, durch Zufall, nach fast sieben Jahren wiedergetroffen und sich begrüßt, sich etwas unterhalten - nicht mehr, nicht weniger.

„Verkneif dir das gefälligst. Du bist nicht schwul, klar?", erklärte Joachim und Joshua funkelte ihn nur wütend an. Was bildete dieser Haufen Scheiße sich nur ein? Ihm vorzuschreiben, wie er zu leben hatte, nur weil er mit dem Vertrag am längeren Hebel saß.

„Du hast dich, solange dein Vertrag mit mir noch läuft, weder mit einem Kerl blicken zu lassen, noch hast du dich mit einer Frau zu zeigen, verstanden? Jeder soll sich einbilden, dass er dich haben kann." Auch eine Hochzeit vor Vertragsende war nicht vorgesehen, denn auch so hatte Joachim die Sorge, dass die Fans untreu wurden und aus Wut über zerstörte Träume der Serie fern blieben. Fernbleibende Zuschauer bedeuteten bekanntlich sinkende Einschaltquoten und was das für eine Vorabendserie bedeutete, konnte sich jeder denken. Joshua, mit seiner grazilen Schönheit und seiner weichen Art, war sozusagen das Zugpferd der Serie. Er konnte ihn nicht verlieren.

„Ich bin schwul, ob dir das passt oder nicht!", zischte Joshua, der es wirklich langsam leid war, sich dafür auch noch entschuldigen zu müssen. Den Vertrag und die Knebel zu akzeptieren und zu unterschreiben war wirklich der größte Fehler gewesen, den er je gemacht hatte!

„Schön, dass du fragst, es passt mir nämlich nicht und so lange ich der Regisseur bin und dein Manager, solange wird das Spiel nach meinen Regeln gespielt, ist das klar?" Joachim wurde lauter, eindringlicher und blickte seinem Zugpferd dabei fest in die Augen, auch wenn der Blonde um einiges größer war als er selber. „Ob das klar ist, habe ich dich gefragt."

„Ja!", ätzte Joshua nur. Wieder eine Chance verpasst, sich endlich zu wehren. Scheiß doch auf die Konventionalstrafe. Er hatte doch wirklich genug Geld verdient, er hatte Angebote von großen Produktionen, die ihn als neues Gesicht und aufgehenden Stern gern einmal unter Vertrag hätten. Doch Joachim knebelte ihn wo es nur ging. Wie oft schon hatte Joshua überlegt, einfach die Karten auf den Tisch zu legen, zu kündigen und dann zu gehen. Wie oft schon? Doch etwas hielt ihn hier oder ließ ihn seine Entscheidungen immer wieder überdenken.

„Okay und jetzt mach dich wieder an das Set, solch eine Serie dreht sich nicht von alleine." Joachim wandte sich um und ging wieder zurück ins Studio. Joshua blieb allein zurück und sah auf seine Hände, die er die ganze Zeit zu Fäusten geballt hatte. Er kam sich gedemütigt vor, dabei lag es doch in seiner Hand, zu sagen: Nein danke, ich verzichte, ich gehe, hier ist das Geld! Warum tat er das nicht?

„Ah Joshua, gut dass ich dich treffe. Hast du nachher noch Zeit? Vincent muss noch die Standesamtszene üben, aber ich hab keine Zeit. Machst du?"

Joshua lächelte. Jetzt wusste er wieder, was ihn hier noch hielt. Er nickte. „Ja klar, kein Problem. Ich hab heute noch nichts vor. Weiß er, dass ich das mache?"

Torben grinste nur. „Nee, du weißt doch genau, dass er vor Panik und Ehrfurcht fast stirbt, wenn er neben dir vor der Kamera steht. Der kommt doch nicht, wenn ich ihm sage, dass er dich küssen soll." Der Rothaarige lachte und war dann auch schon wieder weg. Joshua blieb abermals allein zurück und grinste.

So, so, er würde also Vincent küssen dürfen! Wenn Joachim das wüsste, er würde wohl ausrasten!

Schon das allein war diese Probe wert!

Aber auch Vincent, denn der junge Mann, mit seiner belebenden und erfrischenden Art, war ein angenehmer Zeitgenosse, dass er noch ein wahrer Augenschmaus war, kam für Joshua noch hinzu. Wenn der Kerl wüsste, mit was für Augen, mit was für Gedanken, Joshua ihn ansah, wenn sie in der Cafeteria saßen und sich einen Kakao gönnten, um einige Szenen durchzugehen? Ob er es ahnte?

Wie oft hatte er sich schon vorgestellt, Vincent einfach zu küssen, vor allen Augen - zeigen, dass auch Joshua auf Männer stand und dass er auf diesen Mann stand. Wie gern hätte er Vincent alles gesagt, einfach nur die Karten auf den Tisch gelegt und Vincent um ein Date gebeten. Doch wie würde es dann werden? Er müsste Vincent verleugnen, er müsste ihn verstecken. Er konnte nicht bei ihm sein, wenn Vincent ihn brauchen würde. Das hatte der junge Mann einfach nicht verdient. Er hatte etwas Besseres verdient.

Doch allein diese Vorstellung, die Vorstellung, Vincent würde wirklich jemanden finden und mit ihm glücklich werden, stach Joshua tief ins Herz. Er wusste, dass er vor Eifersucht rasend werden würde, wenn ein anderer das bekam, was er nicht haben durfte. Eigentlich war Joshua kein Neider, doch bei Vincent war es anders. Wenn er nicht so feige wäre, wenn er seine Konsequenzen ziehen würde, würde er Vincent um ein Date bitten und seinen Vertrag auflösen, aber er war feige, hatte Angst vor Veränderungen und sein eigenes Leben und seine Gefühlen blieben dabei auf der Strecke.

Wenn man sich das mal so überlegte, war das doch ziemlich erbärmlich. Joshua seufzte und ging langsam tiefer in das Studio. Die Pause war bald vorbei und sie wollten weiter drehen. Er hatte heute noch drei Szenen und war über Mittag mit Vincent zum Essen verabredete, außerdem durfte er ihn heute Abend bei der Probe noch küssen. Wenn das kein schöner Tag zu werden versprach, was dann? Joshua lächelte.

In seinem Versteck hockte noch immer Adalbert. Er hatte zugehört und irgendwie hatte ihm das Gespräch wehgetan. Joshua schien mit seinem Leben irgendwie gar nicht zufrieden zu sein. Wie sollte der kleine Elf ihn denn da in nur einem Tag so glücklich machen, dass er jemanden voller Zuneigung küsste. Das war doch schon wieder so was von aussichtslos! Am liebsten wäre der kleine Elf wieder zurück gereist und in sein Bett gekrochen, aber doch nicht am Sonntag an einem Set herum gekrochen, von dem er wusste, dass hier kein Stern zu holen war!

Er zog die schwere Lederjacke fester und hatte wieder Jez' Gesicht vor Augen. Nein, er konnte noch nicht aufgeben. Er wollte ein Engel werden, so wie Jez und er wollte ein guter Engel werden. Er konnte die Menschen nicht einfach aufgeben. Sie zeigten sich selbst, dass sie voller Geheimnisse und Wunder stecken konnten, wenn man sie nur richtig las!

Also straffte er seine kleine Gestalt und ging mit geschwellter Brust ebenfalls weiter. Joshua war ja nur eine Randerscheinung, um die er sich kümmern konnte, wenn Adalbert seinen eigentlichen Klienten unter Dach und Fach gebracht hatte, doch dazu musste er den kleinen Blonden erst mal finden. Also ging der kleine Elf in seiner komischen Verkleidung durch die Räume, er wurde begrüßt, ihm wurde zugenickt. Sicher dachten sie, er gehöre zu einer benachbarten Produktion, in der eine Weihnachtsgeschichte gedreht wurde. So war es für Adalbert einfacher, sich zu bewegen.

Neugierig starrte er überall mal hin.

In einer Ecke standen, wie man es sich klassisch vorstellte, Komparsen mit ihren Zetteln und übten dramatische Szenen, in einer anderen meditierte jemand. Hier war richtig was los, aber eigentlich interessierte dies Adalbert nicht die Bohne. Er musste erst einmal Vincent finden.

Der war doch der Mann des Tages!

Also verglich er jeden Blonden, den er fand, mit seinem Bild im Kopf, doch das half auch nicht weiter, so kam er nämlich nicht ans Ziel. Also griff sich der kleine Elf einen Vorbeikommenden und fragte höflich: „Ich suche Vincent Barton. Können Sie mir helfen?"

Die junge Frau überlegte kurz, dann nickte sie. „Guck mal drüben im Gardarobentrakt. Er hat da eine kleine Ecke, in der sitzt er immer, wenn er nicht am Set gebraucht wird", erklärte sie und war auch schon wieder verschwunden, kaum dass die letzten Worte verhallt waren.

Adalbert nickte, bedankte sich trotzdem, auch wenn das wohl keiner mehr bemerkte und ging also los, um die Gardaroben zu suchen und damit auch Vincent zu finden. Das konnte doch alles gar nicht so schwer sein. Immer noch gut gelaunt ging der kleine Elf also durch die engen Gänge, die Hände in den Taschen von Jez' Jacke und summte leise vor sich hin. Doch als er abermals Stimmen hörte, drückte er sich instinktiv an die Wand.

Irgendwie kam sich der kleine Elf heute vor wie ein Lauscher, aber er konnte erst mal nicht leugnen, dass man so immer noch die besten Informationen bekam. Also hockte sich Adalbert in eine Ecke, rutschte noch etwas dichter und machte sich ganz klein. Sich zu verwandeln lohnte nicht wirklich.

„Torben, du denkst aber heute Abend dran, ja? Nicht, dass ich morgen voll die Peinlichkeiten bringe am Set." Vincent hockte auf einem bequemen Sessel in einer ruhigen Ecke, die hatte er sich extra eingerichtet. Für eine eigene Gardarobe war er nicht berühmt genug, aber den Sessel hatten sie ihm gewährt. Hier saß er manchmal stundenlang, hing seinen Gedanken nach, ging seinen Text durch, probte, spielte, schlief.

„Ja, ja. Obwohl ich ja nicht glaube, dass du das morgen verhaust. Ich glaube, Männer heiraten auch nicht anders als Heteropaare."

Adalbert erkannte die Stimme wieder. Die hatte doch vorhin auf Joshua eingeredet. Warum log der denn nun Vincent an? Torben wusste doch ganz genau, dass er keine Zeit haben würde und Joshua einsprang. Warum sagte er das nicht? Doch dann erinnerte sich Adalbert wieder und grinste. Stimmte ja. Vincent wurde immer nervös, wenn er mit Joshua zu tun hatte und das wollte Torben wohl nicht provozieren. Na ja, Elfen waren ja gegen das Lügen, aber Notlügen waren ja irgendwie gute Lügen und taten weniger weh als die Wahrheit. Adalbert wollte da jetzt noch einmal sehr großzügig drüber hinweg sehen.

„Mach dich nur lustig. Ich bin total nervös wegen dieser doofen Szene. Lena hat mich völlig meschugge gemacht", knurrte Vincent und kuschelte sich tiefer in seinen Sessel. „Und dann morgen Jens heiraten", lachte er und schlug sein Textbuch zu.

„Lass mich raten, Joshua wäre dir lieber, hm?", stichelte Torben und Adalbert hörte nur, dass Vincent gar nichts mehr sagte. Eine ganze Weile knurrte und grummelte der Schauspieler nur vor sich hin. „Torben, das finde ich auch nicht witzig", sagte er schlussendlich. „Du weißt genau, dass er nicht schwul ist, also häng ihn mir nicht immer wieder vor die Nase, wie eine Möhre vor einen hungrigen Gaul." So was fand Vincent nämlich gar nicht lustig. Ihm reichte es schon, dass er sich heimlich in einen Hetero verliebt hatte, damit immer noch aufgezogen zu werden, machte das Ganze nicht wirklich angenehmer! Das tat trotzdem ziemlich weh.

„Ach komm schon, solange du es nicht versuchst ..."

„Torben, halt die Klappe. Ich werde ihn bestimmt nicht anmachen! Ich bin ja froh darüber, dass er sich überhaupt mit mir abgibt und wir ab und an essen gehen und so was. Ich bin genügsam", erklärte Vincent nur, doch das Seufzen hinterher zeigte, dass er nicht freiwillig so genügsam war. Er nahm alles, was er nur bekommen konnte, doch wenn es nicht viel war, was er bekam, dann war er eben mit dem wenigen zufrieden.

„Aber wenn er dein Mann fürs Leben wäre, das wäre schon was, hm?" Torben konnte es nicht lassen und man hörte Vincent leise kichern.

„Ja, das wäre was. Ich würde wohl gar nicht mehr am Set erscheinen, weil ich mich nur noch mit ihm in den Laken wälze!"

„Lüstling!", lachte Torben nur und wuschelte Vincent durch die blonden, halblangen Haare. „Mach dich fertig, deine nächste Szene steht gleich an." Er ging und ließ Vincent alleine.

Eigentlich wäre das Adalberts Chance gewesen, zu ihm zu gehen und ihn zu fragen, was er denn gern hätte und was ihn glücklich machte, doch Adalbert war hin und her gerissen. Auf der einen Seite wollte er unbedingt ein Engel werden, er brauchte die Sterne und Küsse tiefer Zuneigung, auf der anderen Seite war es seine Aufgabe, die Klienten glücklich zu machen und nicht nur sich selber. Eine ziemlich große Zwickmühle für einen kleinen Elfen. Er lief in seiner dunklen Ecke immer hin und her und Torbens Worte mit dem Heiraten gingen ihm irgendwie nicht aus dem Kopf.

Hatte Vincent nur im Spaß gesagt, dass es was wäre, mit Joshua verheiratet zu sein? Oder meinte er das wirklich? Adalbert seufzte. Zwar hieß es immer: fragen kostete nichts, aber so einfach war das nicht! Fragen kostete jede Menge Überwindung! Der kleine Elf atmete noch einmal tief aus, dann ging er auf Vincent zu, der noch immer in seinem Sessel saß und die Augen geschlossen hatte. Leise schlich der Elf näher und kniete sich neben den Sessel. „Du-hu!", machte er leise und Vincent sah überrascht zu ihm runter. Was war das denn für ein kleiner Süßer?

„Spielst du in einem Weihnachtsfilm?", fragte Vincent neugierig und Adalbert schüttelte den Kopf. „Ich bin ein echter Weihnachtself und ich will ein Engel werden und dazu muss ich Menschen glücklich machen - was würde dich glücklich machen?", wollte er wissen, auch wenn er bereits wusste, dass er mit Ehrlichkeit nicht sehr weit kam. Entweder lachte man ihn aus oder verarschte ihn, Vincent bildete da keine Ausnahme.

„Ja klar, Kleiner. Du bist ein Elf und ich darf mir was wünschen", lachte er und strich dem Kleinen durch die Ponyfransen, dabei rutschte dem fast die Zipfelmütze vom Kopf.

„Ja, ich bin ein Elf und ich kann dir einen Wunsch erfüllen." Adalbert klang etwas maulig, weil er es langsam echt leid war, immer verarscht zu werden und keiner glaubte ihm! Ein Elf zu sein war echt nicht so klasse, wie es auf den ersten Blick wirken musste.

„Einen Wunsch?" Vincent grinste und beugte sich verschwörerisch zu Adalbert runter. „Dann mach Josh schwul", lachte er leise und erhob sich. Er wuschelte dem Elfen noch mal durch die Haare, dann war er verschwunden, weil seine Aufnahmen anfingen.

Adalbert blieb allein zurück und seine Gedanken begannen zu rotieren. Vincent wäre glücklich, wenn Joshua schwul wäre. Aber war der das denn nicht?

Heute morgen - das Gespräch, gleich im Eingangsbereich.

Das hatte doch deutlich gemacht, dass der Manager ein Problem damit hatte, dass Joshua schwul war und dass dies keiner wissen durfte.

Immer wieder landete Adalbert bei dem fixen Gedanken, die beiden einfach heiraten zu lassen. Wie kam er nur darauf?



Vincent eilte durch die Gänge zu seinem Set und ließ sich vom Regisseur in Pose stellen, bekam noch ein paar Anweisungen und dann hieß es wieder: „Drei, zwei, eins - Action." Überzeugend spielte Vincent den Sohn aus gutem Haus, der, entgegen seiner Vorbestimmung, nicht in die Firma seines Vaters einheiratete, sondern seinen Langzeitgeliebten vor den Altar führte und mit ihm ein Architekturbüro eröffnete.

Gerade stritt er sich mit seiner Mutter darüber, ob sie zu seiner Hochzeit nun käme oder nicht, sie meinte, sie wüsste nicht, er sagte, er lege unter diesen Umständen auch keinen Wert darauf. Seine überzeugende Art ließ allen am Set eine Gänsehaut wachsen, denn zu sehen, wie ein Sohn gegen die Verbohrtheit seiner Mutter kämpfte, war schon bewegend.

Selbst Josh, der eigentlich noch Pause hatte und in der Serie den großen Bruder von Vincent spielte, saß auf seinem Stuhl und sein Herz schlug wie wild. Das Feuer in den grünen Augen, die Emotionen in der Stimme. Vincent war gut, nicht nur als Schauspieler. Joshua lächelte sanft.

Er wusste nicht mehr, zum wievielten Mal er sich wünschte, alles um sie herum würde verschwinden und keiner würde sich daran stören, wenn er Vincent jetzt in den Arm nahm und sanft küsste, ihn gegen die Wand in dessen Rücken schob und ihn mit weicher Dominanz einnahm. Je öfter er Vincent so sah, umso intensiver wurde der Drang, ihn zu besitzen. Es schmerzte förmlich in seinem Magen, deswegen musste er sich abwenden. Er konnte das nicht mehr ertragen! Er musste Nägel mit Köpfen machen, wenn er nicht an sich selbst zerbrechen wollte.

„Joshua, mach dich fertig. Du bist gleich dran", riss ihn Joachim aus seinen Gedanken. Es gefiel ihm nicht, wie sein Sternchen hier herum hing. Konnte der nicht etwas mehr auf sein Image achten? War er vorhin nicht deutlich genug gewesen?

So verging die Zeit bis zum späten Mittag. Joshua brachte wieder alle Herzen zum schmelzen, Vincent gab sein Bestes, um neben ihm nicht ganz farblos zu wirken und spielte seine Film-Mutter fast an die Wand und dann erklärte die Klingel, dass der Dreh erst einmal beendet wäre und die Pause, die sich jeder verdient hatte, jetzt beginnen konnte.

„Gute Arbeit", sagte Josh, als er neben Vincent in die Cafeteria ging. Er konnte jetzt wirklich was in den Magen gebrauchen und ein bisschen Eye-Candy, in Form seiner Begleitung, war ja auch nicht zu verachten.

Torben und Renée schlossen sich ihnen an, doch weil der Rothaarige wusste, was los war, setzte er sich mit seiner Kollegin dann doch ab, damit Vincent wieder mit Joshua allein sein konnte, auch wenn man das gar nicht gern sah. Weder ihre Kolleginnen, noch der Regisseur, aber Joshua wollte sich davon nicht stören lassen.

Er fing eine lockere Unterhaltung mit Vincent an und der plauderte ebenso locker zurück, aber immer nur solange es um die Arbeit ging. Das Anlegen von Rollen, das Interpretieren von Posen, das sichtbar machen von Emotionen, da konnten sie stundenlange Debatten führen. Doch wenn Joshua versuchte privater zu werden, blockte Vincent immer ab. Aber auf sehr verlegene, niedliche Weise, so dass man ihm nicht einmal böse sein konnte.

Wie seine Hand da auf dem Tisch lag, wie Joshua den inneren Drang hatte, seine darauf zu legen, ihre Finger zu verschränken, Küsse darauf zu hauchen. Es war zum wahnsinnig werden.

„Hier ist doch noch frei, nicht wahr?", hörte Joshua in seine Gedanken gedrängt eine viel zu bekannte Stimme, als dass er sie ignorieren konnte, denn Anja war hinter ihm her, seit sie hier als Komparse angefangen hatte und sie war leider eine von der Sorte Frauen, die ein Nein nicht richtig interpretierten.

Mit ihrer aufdringlichen Art schob sie sich überall dazwischen und er musste kein Genie sein, um zu wissen, warum sie neuerdings auch seine Freundin in der Serie spielte. Wie sie an die Rolle gekommen war, wusste er nicht, aber er konnte es sich denken. Denn wenn Joachim einfach mal das Drehbuch umschrieb, in dem keine Freundin für ihn vorgesehen gewesen war, dann hatte sie dafür sicher einiges springen lassen. Und wie Joshua seinen Manager kannte, der ja bekanntlich nichts anbrennen ließ, wusste er ganz genau, was Anja hatte springen lassen. Es sprang ihm ja auch geradezu ins Gesicht, weil das Dekolleté wieder mal viel zu tief saß.

Also setzte sie sich gleich Joshua gegenüber und schob Vincent so fast unbemerkt immer weiter auf die Seite.

„Nein, hier ist nicht frei, wir haben noch etwas zu besprechen", knurrte Josh, denn er war sauer. Heute ging aber auch alles schief. Er kam gar nicht dazu, ein bisschen die Zeit mit Vincent zu genießen. Seinen Sonntag konnte er sich Weißgott anders vorstellen, als mit einer gefärbten Blondine, die ihm immer wieder ihre Oberweite entgegen steckte.

Doch sie lachte nur gekünstelt. „Na, du bist mir ja einer." Sie hatte gar nicht begriffen, dass sie hier nicht willkommen war. Na, das Ego reichte ja auch mindestens für drei! „Sag mal, was hält du denn davon, dass Joachim jetzt...", fing sie gleich an zu reden und Joshua musste mit ansehen, wie hastig Vincent seinen Teller leerte und sich dann erhob.

„Vince, warte. Wir waren doch noch gar nicht..." Doch weiter kam er nicht, denn der Blonde schob sich nur verlegen eine Strähne hinter das Ohr und lächelte.

„Ich hab noch was vor, ich muss", erklärte er und ließ Joshua einfach sitzen, auch wenn es ihm schwer fiel. Aber er wusste, dass er gegen eine solche Braut keine Trümpfe hatte. Er war flach und hatte drei Beine. Er passte nicht ins Beuteschema und außerdem konnte er diese Tussi einfach nicht ertragen.

Nicht, dass ein falsches Bild aufkam: Vincent mochte Frauen, als gute Freundin oder so, aber Anja war keine Frau, das war eine Furie, die ihren Frust an den anderen ausließ, die Szenen schmiss, wenn es nicht nach ihrer Nase ging und die nur vor Joshua die Perfekte, die Verständnisvolle mimte. Eigentlich war sie eine gute Schauspielerin, denn Joshua schien noch immer nicht begriffen zu haben, was für ein durchtriebenes Weibsstück das war und seit sie wusste, dass Vincent schwul war, tat sie sowieso alles, damit der gar nicht erst in die Verlegenheit kam, ihren Joshua zu polen.

Vincent war frustriert und deswegen kaufte er sich noch eine 5er-Packung Snickers. Er brauchte Erdnüsse, wenn er schlecht gelaunt war und Schokolade! Ansonsten stopfte er diese Anja noch ihren dicken... ah! Vincent wurde noch wahnsinnig. So weit war es mit ihm also schon gekommen! Er bekam schlechte Laune, weil ein gutaussehender Hetero von einer vollbusigen Blondine angemacht wurde. Nein, langsam wurde es wirklich Zeit, dass er sich mal wieder einen Freund suchte und seinen Frust abbaute.

Adalbert beobachtete ihn dabei und musste mal wieder feststellen, dass Vincent alles andere als zufrieden aussah. Der war ganz bestimmt nicht glücklich!

Ade du Stern!

Was war denn nun schon wieder passiert? Er hatte doch geglaubt, dass Joshua und Vincent... die mochten sich. Na ja, jedenfalls mochte Vincent Josh, wenn er sich schon wünschte, dass der schwul würde! Und nun war er mies gelaunt, stopfte sich mit Schokoriegeln voll und schimpfte vor sich hin, dass einem kleinen, anständigen Elfen fast die glühenden Ohren abfielen! Warum bekam er nur immer wieder solche Aufträge?!

Er war doch nur ein kleiner Elf! Glaubte der hohe Rat, dass Adalbert das schaffte oder machten sie ihm das Leben absichtlich schwer? Adalbert wusste noch nicht so richtig, was er noch glauben sollte.

Und schon Augenblicke später fand sich Elf Adalbert in einer mittelschweren, schönen Mitleidskrise wieder und hockte am Boden neben Vincents Sessel, doch der bemerkte ihn nicht einmal. Der fluchte nur und schimpfte leise und kaute auf seinen Riegeln herum.

Na nur gut, dass die Drehaufnahmen mit Joshua für ihn für heute erledigt waren. Laut Drehplan musste er diesen Kerl erst wieder am Dienstag in die Augen sehen und nach Vincents Empfinden war das noch immer zu früh.

Seine schwarze Aura waberte durch den Raum und erdrückte den kleinen Elf fast. Er wusste sich einfach nicht zu helfen. Eigentlich sollte Vincent doch heute noch jemanden küssen und glücklich werden und Adalbert einen Stern verpassen und nicht einfach hier herum pfuien wie ein Besessener. Ach, das war doch zum Haare raufen, nichts lief hier nach Plan! Bis es dem Elf reichte, er aufsprang und Vincent mal so richtig anmaulte.

Doch der ließ sich von dem kleinen Kerl gar nicht beeindrucken, schubste den Kleinen nur von sich und verschwand. Adalbert blieb allein zurück und wusste nicht so recht, was er nun machen sollte - mal wieder! Ihm fehlt eindeutig die Übung. Er war nicht gut in Liebesdingen, er war doch selber noch viel zu jung für so was! In sich zusammengefallen hockte er also da und starrte auf seine spitzen Schuhe.

Joshua war weg - Vincent war weg - und der Stern auch. Nur Adalbert war noch da. Scheiß Sonntag, aber ehrlich! Er hätte wohl mehr davon gehabt und außerdem hätte er mal den anderen Elfen auf den Zahn fühlen können, wie das mit den Weihnachtsengeln so war und wer dieser Jez ist. Das hätte ihm mindestens so viele Sterne gebracht wie dieser Auftrag. Er hätte ihn ablehnen sollen und sagen: sucht euch einen anderen Dummen.

Ach ja, er war einfach zu gut für diese Welt! Nur ein Ausweg, der fiel ihm nicht ein.

Vincent indes war mit seinem letzten Schokoriegel durch das Set geflitzt, doch zu seiner Verwunderung war das völlig leer. Keiner mehr, der probte, keiner mehr, der Anweisungen gab. Hinter der Kamera war keiner und selbst als Vincent anfing, irgendwelche Namen zu rufen, passierte erst mal gar nichts. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, warum das vielleicht so war, denn der Tag neigte sich dem Ende. Wer wollte schon am Sonntagabend hier hocken? Sicher waren sie feiern oder noch etwas trinken oder einfach nur zuhause bei ihren Familien. Jetzt musste er nur noch Torben finden, der mit ihm proben wollte, dann konnte auch Vincent endlich nach Hause gehen und den Tag ausklingen lassen.

„Wieder ist ein Tag vollbracht. Wieder hab ich Scheiß gemacht. Und morgen geht’s mit gleichem Fleiße wieder an die gleiche Scheiße", knurrte Vincent nur vor sich hin und schlenderte weiter durch die Flure. „Torben", rief er ab und an, vielleicht guckte der rote Schopf mal irgendwo aus einer Tür, damit Vincent wusste, an welchem Set sie proben wollten.

Er stutzte, als er plötzlich Teelichter entdeckte, die wie eine Einflugschneise auf einen Raum zu liefen. Hey, was ging denn hier ab? Neugierig wie Vincent nun einmal zu seinem Leidwesen war, lief er also hinterher. Er wollte nur mal ganz kurz gucken und gleich wieder weglaufen. Sicher wollte jemand hier noch ein nettes Stelldichein feiern, da wollte er ja nicht stören, schließlich musste er Torben finden.

Als zwischen den Teelichtern auch noch Rosenblätter lagen, ging Vincent fast das Herz auf. Er liebte ja solchen romantischen Kitsch. Wäre das nicht toll, wenn er auch irgendwann mal von seinem Freund so empfangen und geleitet würde? Das wäre herrlich!

Leise kichernd hatte Vincent seinen Frust vergessen, schlich sich zwischen den Kerzen hindurch und öffnet eine Tür. Er machte große Augen. Es sah aus, wie das Set eines Standesamtes. Alles war hergerichtet. Hinter dem Tisch stand ein Beamter, auf dem Tisch lag ein Buch und davor stand ein Mann. Definitiv nicht Torben, denn er war nicht rothaarig sondern blond und er hatte sich fein gemacht. In einem schwarzen Anzug, mit dunkelgrünen Absätzen an Kragen und Ärmeln. Als Vincent näher trat, wandte er sich um und Vincent schluckte.

Joshua.

Von allen Menschen auf dieser Welt stand da ausgerechnet Joshua. Auf wen wartete er?

Der Anblick schmerzte irgendwie. Er ging tief ins Herz und Vincent konnte nur schlucken. Auf dem Absatz kehrt machend wollte er die Flucht ergreifen, doch da war die Tür schon zu. Was sollte denn der Mist? Was sollte das? Hallo? War er hier im falschen Film?

„Wir sind vollzählig, wir können anfangen", sagte Adalbert sichtlich glücklich und kuschelte sich ein ganz kleines bisschen an Jez, der ihm zur Rettung geeilt war, dem kleinen Elfen eine Idee schmackhaft gemacht und dann dafür gesorgt hatte, dass Joshua seine Rolle perfekt spielte. Ein echter Engel, mit richtigen Federn machte eben doch mehr Eindruck auf einen Menschen als ein kleiner Elf mit Zipfelmütze.

„Bitte?", schrie Vincent fast hysterisch. Was sollte das denn alles? Er wollte doch nur proben? Eine kleine Szene und nicht den großen Zapfenstreich oder sonst was! „Wo ist Torben", wollte er völlig aufgelöst wissen und stand nun mit dem Rücken an der Tür. Der Raum vor ihm wurde nun von Hunderten von Kerzen erhellt und das weiche, warme Licht ließ Joshua geradezu erstrahlen. Er lächelte und streckte die Hand nach Vincent aus.

„Komm", forderte er leise und wie an Bändern gezogen gehorchte Vincent einfach. Er konnte gar nicht anders, weil er der sanften Stimme nicht widerstehen konnte. Langsam kam er näher und blieb vor dem Tisch stehen.

„Können wir dann anfangen?", fragte der Beamte und Joshua nickte, sah dann zu Vincent, der auch nur wie betäubt nicken konnte. Er begriff noch immer gar nichts. Er spürte nur die geliebte Hand endlich in seiner, als Joshua ihn festhielt.

„Wir haben uns heute hier zusammen gefunden, um diese beiden Männer miteinander zu vermählen. Wer gibt Joshua Dayen in die Ehe?", fragte der Beamte und in Ermangelung der Eltern trat Jez vor. Joshua dachte sich nichts dabei, es war ja nur eine Probe.

„Das bin ich", erklärte der Engel und senkte leicht den Kopf.

Der Beamte nickte und Vincent sah allem mit Unglauben zu. Noch immer hielt Joshua seine Hand und Vincents Herz hämmerte, sein Puls schlug hart in den Ohren und im Hals bildete sich ein großer Kloß, der ihm die Kehle zuschnürte. Auch wenn er genau wusste, dass es nur eine Probe war, so ließ ihn die ganze Atmosphäre erzittern. Er war froh um diese Probe gebeten zu haben, auch wenn Torben ihn versetzt hatte.

Wenn er morgen auch so aufgeregt war wie jetzt, warf er bestimmt die ganze Szene!

„Wer gibt Vincent Barton in die Ehe?", wollte der Beamte wissen und weil auch Vincents Eltern nicht zugegen waren, trat Adalbert neben seinen Schützling. „Das bin ich, ich gebe ihn", sagte er ganz aufgeregt und griff die andere Hand seines Klienten. Er lächelte zu ihm auf, doch Vincent starrte nur noch auf den Tisch vor sich. Selbst das Stammbuch und die Urkunde sahen täuschend echt aus. Da hatte aber jemand wirklich Liebe zum Detail.

Vincent hörte kaum noch zu, was der Mann über die Tugenden erzählte. Er versuchte nur seine Fassung wiederzuerlangen und sich zu straffen. Doch es war schwer, solange seine Hand in Joshuas lag, er ihm so nahe war.

„Hey, Vincent. Du musst was sagen", stieß ihn Adalbert plötzlich an und kicherte.

„Hä? Was?" Verwirrt blickte Vincent auf, er war nicht bei der Sache gewesen, denn er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Seine Hand zitterte, Joshua musste das doch spüren! Warum sagte der nichts? Warum ermahnte er ihn nicht?

„Willst du, Vincent Barton", wiederholte der Mann noch einmal, „den hier anwesenden Joshua Dayen zu deinem Manne nehmen, ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, ihm treu sein und zur Seite stehen, dann antworte jetzt mit ja."

Vincent begriff immer noch nicht ganz, er hatte seine Mitte noch nicht wiedergefunden, doch er sagte: „Ja, ich will."

Auch Joshua erklärte, er wolle und so besiegelten sie ihren Bund fürs Leben erst mit der Unterschrift unter der Urkunde und dann lautete der letzte Satz: „Du darfst deinen Mann jetzt küssen."

Vincent schluckte und Joshua sah seinen Gatten nun erwartungsvoll an. „Willst du mich nicht küssen?", fragte er leise, aber immer noch mit einem Lächeln. „Denn ich will dich schon küssen, aber da musst du schon mitmachen."

Vincent kam sich veralbert vor, doch er konnte nicht anders, sein Blick fixierte nur noch die weichen Lippen, die immer näher kamen und plötzlich war sein Kopf wie Brausepulver. Alles sprudelte über, er warf jegliche Bedenken über Bord und seine Lippen legten sich auf Joshuas, seine Hände schlangen sich um dessen Nacken. Diese Chance bekam er nie wieder! Er wäre bescheuert, sie nicht zu nutzen!

„Viel Glück noch, ich muss jetzt leider los", erklärte der Beamte. „Ich habe noch eine Trauung vorzunehmen", und dann war er weg.

Noch ehe Vincent wirklich begriff.

„Noch eine Trauung, ich dachte, er wäre nur ein Schauspieler", stammelte er und Joshua grinste frech.

„Dafür, dass er keiner war, war er ziemlich gut, hm?", fragte er und küsste den armen Vincent noch einmal.

Der konnte einem richtig leid tun, wie er da so stand und nichts begriff. Noch weniger, als die beiden Fremden ihm gratulierten.

„Was ...", bröckelte es nur noch von seinen Lippen.

„Jetzt sind wir also wirklich verheiratet. Wer hätte gedacht, dass ich mal so einen hübschen Mann bekomme, hm?", neckte Josh. Langsam machte er sich Sorgen um seinen frisch Angetrauten. Irgendwie machte es plötzlich den Eindruck, als wäre das gar keine gute Idee gewesen.

„Joshua, das ist nicht witzig." Es schien Vincent zu dämmern, dass die Urkunde auf dem Tisch echt war. Er nahm sie in die Hand, sah auf den Text, ihre Namen. Joshua Barton, stand da als Unterschrift! Das konnte doch alles nur ein Traum sein. Ein echt schräger Traum.

„Warum? Gefalle ich dir nicht? Hast du dir einen hübscheren Mann gewünscht?", wollte Joshua wissen. Noch gab er nicht auf. Dieser Mann war, was er gewollt hatte. Mit seiner Blitzheirat würde er zwar seinen Manager gegen sich aufbringen und es würde ihn einiges kosten, weil sein Image jetzt im Arsch war, aber er konnte sich Vincent nicht durch die Finger gleiten lassen, das war ihm beim Mittagessen klar geworden.

„Hör auf zu spinnen", knurrte Vincent, der nur allmählich begriff, dass er mit Joshua wirklich verheiratet war. Er gehörte nur noch ihm und Joshua hatte das gewollt! Er hatte es eingefädelt! „Du weißt genau, dass ich dir hinterher sabbere. Aber dass... du... Anja."

„Also wirklich, Schatz. Eben erst 'ja' gesagt und schon unterstellst du mir die erste Affäre? Du bist schnell!" Joshua konnte nicht mehr anders, er musste seinen Mann wieder küssen. Endlich durfte er es, keiner konnte ihm noch etwas sagen. Seinem Manager hatte er übrigens auch eine Einladung für diese Zeremonie geschickt, wenn auch nur rein informativ. Er dürfte sie in seinem Briefkasten finden, wenn er nach Hause kam. Besser Joshua stellte das Telefon aus, wenn er mit Vincent heute Nacht ungestört sein wollte.

„Feiert noch schön ihr zwei und Josh, vergiss nicht, deinen frisch Angetrauten über die Schwelle zu tragen. Ich nehme den kleinen Elfen und verschwinde auch", sagte Jez und zog den immer noch breit grinsenden Elf zu sich. Der hielt einen golden funkelnden Stern in seinen Händen, der eben über den beiden Köpfen erscheinen war, Adalbert konnte es noch gar nicht glauben.

Er grinste nur blöd, flatterte aufgeregt mit seinen Flügeln und hüpfte singend herum. Es war für Jez gar nicht so leicht, den kleinen Wildfang zu bändigen, also breitete er seine mächtigen Schwingen aus und fing Adalbert ein.

Vincent machte nur große Augen. „Ist er das, wovon ich denke, dass er das ist?", flüsterte er nur heiser und drängte sich dichter an seinen Mann.

„Ein Engel? Ein Engel, der mir endlich die Entscheidung abgenommen hat, ob ich dich frage oder nicht? Ja, das ist er", lachte Joshua und schloss die Arme um seinen Mann.

Seiner.

Ganz allein seiner!

Wie nebenbei steckte er ihm einen Ring auf den Finger und küsste Vincent wieder auf den Hals. „Ich liebe dich, Vince, ich konnte dich nicht gehen lassen. Ich musste dich einfach haben. Tut mir leid."

Doch Vincent grinste nur sichtlich zufrieden. Was für ein Tag!

Er blickte auf ihre Hände, auf die Ringe, denn Joshua trug den gleichen, und sah nur noch, wie der Engel mit dem kleinen, strahlenden Elfen langsam durchsichtig wurde.

„Küss mich, ich glaube, ich träume", murmelte er nur und schloss die Augen.